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Full text of "Märtyrerspiegel Teil 2 Print"

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Der blutige Schauplatz oder Märtyrerspiegel der 
Taufgesinnten oder wehrlosen Christen 

Zweiter Teil 

Thielemann Jantz van Braght 
märtyrerspiegel.blogspot.de 



Impressum: 

Markus Langer 
Bergstraße 2 

75378 Bad-Liebenzell - Beinberg 

Information für den Leser: Diese Aufbereitung ist eine Vorabversion und 
enthält nur den zweiten Teil des Originalwerks. Die Fußnoten sind größ- 
tenteils noch nicht enthalten und ein finales Korrekturlesen steht noch aus. 
Stand dieser Arbeit: 30. Mai 2014 



Inhaltsverzeichnis 


1 An meine geliebten Freunde und Mitgenossen in Christo Jesu, unserm Seligmacher. [21] 

1.1 Vorrede an den Leser [23] 

1.2 Über die heiligen Märtyrer des neuen Bundes [32] 

1.3 An meinen Bruder Thielem. J. von Braght: [33] 

2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. [35] 

Hans Koch und Leonhard Meister [35] 

Kaspar Tauber, 1524 [36] 

Erlaß gegen die Taufgesinnten, im Jahre 1525 [36] 

Felix Mantz, 1526 [36] 

Georg Wagner, 1527 [37] 

Baltazar Pacimontanus, 1527 [38] 

Melchior Vet [38] 

Michael Sattler, 1527 [38] 

Sendbrief Michael Sattlers an die Gemeinde in Horb I4Ö1 

Leonhard Kaiser, 1527 l43l 

Genauere Anmerkung von Leonhard Kaisers Tode l44l 

Thomas Hermans, und später noch siebenundsechzig, im Jahre 1527 l44l 

Weynken von Monickendam, 1527 l45l 

Johann Walen mit zweien seiner Mitbrüder, 1527 l46l 

Leonhard Schiemer, 1528, nach ihm wohl noch siebzig ED 

Hans Schlaffer und Leonhard Fryk, 1528 [48] 

Leopold Schneider, 1528 l49l 

Achtzehn Personen werden zu Salzburg verbrannt, 1528 I5Ü1 

Wolf gang Ulmann, 1528 I5Ü1 

Hans Pretle, 1528 ED 

Hans von Stotsingen, 1528 I5Ü1 

Thomas, Balthasar und Dominicus, 1528 ED 

Hans Feyerer mit fünf Brüdern und drei Schwestern, 1528 [51] 

Drei Brüder und zwei Schwestern, 1528 ED 

Neun Brüder und drei Schwestern, 1528 [52] 

Hilgard und Kaspar von Schöneck, ungefähr im Jahr 1528 [52] 

Sechs Personen zu Basel, im Jahre 1529 [53] 

Hans Langmantel mit seinem Knechte und seiner Magd, im Jahre 1529 [53] 

Georg Blaurock und Hans von der Reve, 1529 [54] 

Tröstliche Ermahnung von Georg Blaurock l56l 

Viglig Plaitner, 1529 [57] 

Ludovicus mit zwei andern, 1529 ED 

Johannes Hut, 1529 l57l 

Wolfgang Brand-Huber, Hans Niedermair, nebst andern, ungefähr siebzig, 1529 ED 

Carius Prader, nebst einigen Personen, 1529 ED 

Sieben Brüder, 1529 l58l 

Anna von Freiburg, 1529 [59] 

Daniel Kopf, nebst zwei Brüdern und vier Schwestern, 1539 [6Ü] 

Vier Brüder und vier Schwestern I6Ü1 

Anna Mahlerin und Ursula, 1529 [62] 


4 


Inhaltsverzeichnis 


Neun Brüder und einige Schwestern, nachher noch einer, 1529 [62] 

Noch zwei Brüder und zwei Schwestern, 1529 [62] 

Bei Altzey nach des Kaisers Befehle ungefähr 350 Personen getötet, 1539 l62l 

Philipp von Langenlonsheim, 1529 [63] 

Georg Baumann, 1529 [63] 

Zweiter Befehl von denen von Zürich, im Jahre 1530 [63] 

Georg Grünwald, 1530 [64] 

Aida, 1530 M 

Georg Steinmetz, 1530 [64] 

Martin, der Maler, Wolf gang Eslinger, Pain, Melchior und noch drei, im Jahre 1531 [65] 

Walter Mair mit zwei andern, 1531 1651 

Georg Zaunringerad, 1531 [65] 

Veit Pilgrims zu Glabbek im Jahre 1532 [66] 

Lambrecht Gruber, Hans Beck, Lorenz Schuhmacher, Peter Plauer, Peter, sein Knecht und Hans Taller, 

im Jahre 1532 [66] 

Conrad Fichter und einige andere, 1532 [66] 

Hugo Jacob Kraan und Maritgen, seine Hausfrau, mit zwei andern, 1532 1671 

Ludwig Fest, im Jahre 1533 1671 

Christina Haringin, im Jahre 1533 [67] 

Sicke Schneider, im Jahre 1533 [68] 

Wilhelm Wiggertz von Barsinghorn in Nordholland, im Jahre 1534 [68] 

Kaiser Karls des Fünften Befehl gegen die Taufgesinnten im Jahre 1535 [68] 

Peter Küster, 1535 1691 

Sybrant Jantz, Henrich Gysbrecht von Campen, Steven Benedictus, Femmetgen, Egberts Tochter und 

Welmut, Jantz Tochter [69] 

Andreas Claessen von Drouryp zu Leeuwaarden enthauptet, im Jahre 1535 [7Ö] 

Sieben Brüder, im Jahre 1536 [71] 

Peter Gerhard, Peter Georg, Peter Leydecker und Janneken Melz, 1536 I7TI 

Hieronymus Kels, Michael Seifsieder, Hans Oberacker, im Jahre 1536 [72] 

Georg Baser und Leonhard Seiler, im Jahre 1536 [73] 

Im Jahre 1537 [73] 

Bastian Glasmacher und Hans Grünfelder, 1537 El 

Hans Peiß und einige andere, im Jahre 1537 El 

Hans Wucherer und Hans Bartel, im Jahre 1537 1741 

Philippus von Keurs, im Jahre 1537 [74] 

Zwölf Personen zu Bucht, unweit Herzogenbusch, im Jahre 1538 verbrannt und enthauptet 1771 

Leonhard Lochmayer und Offrus Gritzinger, 1538 1761 

Offrus Gritzinger, im Jahre 1538 [76] 

Michael Widemann oder Beck, im Jahre 1538 [77] 

Martin aus Vilgraten und Kaspar Schuhmacher, 1538 1771 

Johann Styaerts und Peter, im Jahre 1538 [77] 

Hans Seyel und Hans von Wels, 1538 [78] 

Apolonia, Leonhard Seilers Hausfrau, 1539 [78] 

Große Verfolgung in Österreich, 1539 1781 

Annecken Jans aus Briel nebst Christina Michael Barents von Loeven zu Rotterdam ertränkt, 1539. . [81] 

Sendbrief von Annecken Jans Tochter, im Jahre 1538 geschrieben [82] 

Esaja, empfange dein Testament [83] 

Tjaert Reynertß, im Jahre 1539 [85] 

Arnold Jacob mit seiner Hausfrau und seinem ältesten Sohne, im Jahre 1539 [86] 

Hans Simeraver, im Jahre 1540 [86] 

Walter von Stölwick, 1541 [86] 

Dietrich Peter Krood, Peter Trynes, Nicolaus Roders, Peter Nicolaus Janß von Wormer im Wasserlande. [97] 
Jacobi und Seli, seine Hausfrau, von Wormer, im Jahre 1542 [97] 


Inhaltsverzeichnis 


5 


Jan Egtwercken, Nicolaus Melisß, Aecht Melis, Wilhelm, ihr Mann, Henrich Walingß, Catharina Amkers, 
Cornelius Luytß, Nicolaus Dietrich, Nicolaus Nicolas und Junker Dietrich Gerhard von dem Busch, 

bei Krommeniersdyk, im Jahre 1542 [97] 

Balthasar Hubmaier mit seinem Weib l98l 

Leonhard Bärnkopff, 1542 [98] 

Hans Huber, im Jahre 1542 [98] 

Damian, 1543 l99l 

Befehl wider Menno Simon und alle diejenigen, welcher seine Lehre beistimmten, um das Jahr 1543. [99] 

Georg Libich und Ursel Helrigling, 1544 [99] 

Maria von Beckum und Ursel, ihres Bruders Weib, im Jahre 1544 ITÜÜ1 

Johann Niclaus und Lucas Lambertß, einem alten Manne, genannt Großvater, im Jahre 1544 11011 

Ein Testament an sein Weib 11011 

Noch ein Testament von Johann Nicolaus an sein Weib, 1544 11021 

Ein Testament an seine Kinder und dann an sein Weib 11021 

Ein Testament von Johann Nicolaus an seine Brüder und Schwestern nach dem Fleische 11031 

Noch ein Testament von Johann Nicolaus an sein ganzes Geschlecht 11041 

Bericht des Todesurteils über Johann Nicolaus und Lucas Lambertß von Beveren 11051 

Einige Gläubige und Getaufte werden zu Rotterdam 1544 getötet 11061 

Franz von Bolßweert, 1545 11061 

Oswald von Jamniß, 1545 11071 

Andreas Kofler, im Jahre 1545 11071 

Hans Blietel, im Jahre 1545 11071 

Michael Matschilder, Elisabeth, sein Weib, und Hans Gurßham, im Jahre 1546 11081 

Quirinus Pieterß zu Amsterdam durch Feuer hingerichtet, den 16. April im Jahre 1545 11091 

Todesurteil über Quirinus Pieterß von Groningen 11091 

Hans Stautdach, Anthonius Klein, Blasius Beck, Leonhard Schneider, im Jahre 1545 I1Ü91 

Andreas Samuel und Dirk Pieterß, 1546 um 

Sendbrief von Dirk Pieterß Samuel an alle Liebhaber der evangelischen Wahrheit 11141 

Riehst Heynes, im Jahre 1547 11161 

Nicolaus Leks, im Jahre 1548 11161 

Elisabeth, im Jahre 1549 11171 

Sechs Brüder und zwei Schwestern, nämlich Peter Janß, Tobias Questinex, Jan Pennewaarts, Gysbert 
Janß, Ellert Janß, Lucas Michiels, Barbara Thielmans und Truyken Boens werden zu Amsterdam 

lebendig 11181 

Todesurteil über Peter Janß, Tobias Questinex, Jan Pennewaarts, Gysbert Janß, Ellert Janß, Lucas Michael, 

Barbara Thielemans und Truyken Boens 11191 

Fye und Gelken zu Leeuwaarden, im Jahre 1549 11201 

Jacob Claeß von Landsmeer und Cecilia, Hieronymus Weib, werden zu Amsterdam im Jahre 1549 

verbrannt 11211 

Todesurteil über Jacob Claeß von Landsmeer 11211 

Von der Zeit, zu welcher er gepeinigt worden ist 11211 

Todesurteil über Cecilia Hieronymus 11211 

Hans von Oberdam wird zu Gent im Jahre 1550 getötet 11221 

Brief von Hans von Oberdam an die Herren des Gerichts zu Gent 11281 

Jannyn Bueskyn 11301 

Wie Hans von Oberdam und Hans Käs-Kaufer zum Tode geführt worden sind 11311 

Govert, Gillis, Mariken und Anneken, 1550 11311 

Willem, Maritgen, Dieuwertgen und Maritgen Jans, im Jahre 1550 11331 

Theunis von Haustelrath, 1550 11331 

Tys von Lind, 1550 11341 

Palmken Palmen, 1550 11341 

Im Amte Millen und Borren werden elf und dann sieben Personen getötet, 1550 11341 

Remken Ramakers, 1550 11341 


6 


Inhaltsverzeichnis 


Johann Knel oder Büchner und Anna Cantiana, 1550 11351 

Gerhard von Kempen, 1550 11351 

Drei Brüder von Antwerpen, von welchen der älteste Jan genannt wurde, 1550 11351 

Anthonius von Asselroye, im Jahre 1550 11361 

Jakobus Dosie zu Leeuwaarden 11361 

Hans von Monster, Bartel und der alte Jakob werden bei Antwerpen auf dem Hause zu Berchem getötet. 11381 

Zwei junge Mägdlein, im Jahre 1550 11391 

Ein Jüngling von fünfzehn Jahren, im Jahre 1550 11391 

Von einem Befehle, um das Ketzergericht im Jahre 1550 einzuführen 11391 

Nacherinnerung 11401 

Reyer Dirks, ein Schiffer, wird zu Amsterdam nach erschrecklicher Pein verbrannt, 1550 11401 

Des Schiffers Reyer Dirks Todesurteil 11401 

Ein Schmied zu Körnen 11401 

Gillis und Elisabeth 11411 

Joris, Wouter, Grietgen und Naentgen 11411 

Catharina 11421 

Johannes Bair 11421 

Hieronymus Segerß mit seinem Weib Lysken Dirks und dem großen Henrich, im Jahre 1551 11421 

Brief des Hieronymus Segerß an sein Weib, welche auch gefangen lag, im Jahre 1551 11431 

Noch ein Brief von Hieronymus Segerß an die Brüder und Schwestern 11461 

Ein Brief von Hieronymus Segerß, welchen er an sein Weib Lysken Dirks geschrieben hat 11511 

Noch ein Brief des Hieronymus Segerß an sein Weib 11541 

Brief der Lysken, Hieronymus Hausfrau, welchen sie im Gefängnis an ihn geschrieben hat 11551 

Ein Brief des Hieronymus Segerß an sein Weib 11561 

Ein Brief von Lysken, des Hieronymus Weib 11581 

Noch ein Brief von Lysken an ihren Mann geschrieben 11591 

Ein Brief von Hieronymus Segerß an sein Weib geschrieben 11591 

Brief von Hieronymus Segerß an den großen Henrich, welcher auch daselbst gefangen lag, 1551. . . 11611 

Der letzte Brief, den Hieronymus an sein Weib geschrieben hat 11621 

Wie Lysken, Hieronymus Eheweib, tapfer gestritten hat 11631 

Peter Bruinen, Jan Plennis und Jahn, der alte Kleiderkäufer, mit noch einem Bruder, sind alle den 

2. Oktober im Jahre 1551 zu Antwerpen getötet worden 11651 

Hierauf folgt des Peter zweiter Brief, worin er Abschied nimmt 11661 

Jans, des alten Kleiderkäufers, Bekenntnis als er zu Antwerpen in Gefangenschaft war 11671 

Wilhelm Kistemacher wird in Cleve enthauptet, desgleichen wurde daselbst Wendel Ravens im Jahre 

1551 getötet 11671 

Maria von Monjou, 1552 11681 

Wilhelm von Bierk, Christoph aus den Geistens, Christian aus dem Eukeraat und Tieleman aus Nunkir- 
chen, im Jahre 1552 11681 

Mariken und Anneken, im Jahre 1552 11681 

Guilliame von Robaeys, im Jahre 1552 11691 

Henrich Dirkß, Dirk Janß und Adrian Cornelius 11691 

Ein Gebet, eine Ermahnung und Bekenntnis des Adrian Cornelius 11691 

Des Adrian Cornelius Ermahnung an die Freunde 11701 

Des Adrian Cornelius Bekenntnis vor der Obrigkeit 11741 

Sechs fromme Brüder, 1552 11791 

Todesurteil der vorgenannten sechs Personen 11791 

Von der Folter des Henrich Anthoniß und Reyer Egbertß, auch wann solches geschehen 11801 

Peter von Olmen, oder von Werwyk, wird zu Gent getötet, 1552 11801 

Cornelius von Kulenberg, 1552 11821 

Herman Janß von Sollem, 1553 11821 

Das Todesurteil des Herman Janß von Sollem 11821 

Felistis Jans, 1553 11831 


Inhaltsverzeichnis 


7 


Kurzer Auszug aus dem Todesurteile der Jungfrau Felistis Jans oder Felistis Resinx 

Simon, der Krämer, im Jahre 1553 

Wouter von Capelle, im Jahre 1553 

Tys, ein junger Gesell, und Berentge, eine Jungfrau, im Jahre 1553 

Joos Kind, im Jahre 1553 

Noch ein Brief oder ein Bekenntnis von demselben Joos Kind zum Preise des Vaters 

Elisabeth und Fladewyk, 1549 

Ein frommer Bruder, der in der Stadt Buren getötet worden ist, 1553 

Peter Witses, ein Maurer, wird zu Leeuwarden im Jahre 1553 an einem Pfahle erwürgt 

Eine kurze Ermahnung von Peter Witses, dem Maurer 

An sein Weib 

Wilhelm von Leuwen 

David und Levina 

Peter mit dem Krüppelfuße, Jan Doogscherder, Elans Borduerwercker und Franz Schwerdtfeger. . . 

Tannecken von der Leyen, 1555 

Bartholomäus der Töpfer, 1555 

Romeken, 1555 

Elans Pichner 

Christian, im Jahre 1555 

Digna, Pieterß Tochter, 1555 

Digna Pieterß ertränkt 

Erneuerung der vorhergehenden blutigen Befehle, im Jahre 1556 

Von den Verordnungen und Befehlen 

Augustin, der Bäcker, 1556 

Francyntgen, Grietgen und Maeyken Doornaarts, im Jahre 1556 

Abraham im Jahre 1556 

Jan de Kudse, im Jahre 1556 

Claes de Praet wird um des Zeugnisses Jesu Christi willen im Jahre 1556 zu Gent verbrannt 

Gerhard Elasepoot, im Jahre 1556 

Elans Brael, im Jahre 1557 

Jannecken Walraven, 1557 

Georg Simonsß, Clemens Dircks und eine Frau, genannt Marie Joris, im Jahre 1557 

Ein Testament, welches Georg Simonß seinem Sohne Simon hinterlassen hat 

Noch drei kleine Ermahnungsbriefe von Georg Simonß und seinen Mitgefangenen 

Auszug des Georg Simonß von Hallmen und des Clemens Dircks von Haarlem Todesurteil 

Sechs Brüder werden bei Amsterdam auf dem Bolewyk im Jahre 1555 an Pfählen erwürgt 

Martin Zaey-Weber, Joris Oud-Kleer-Kooper, Wilhelm Droogscheerder, Victor und Peter de Bäcker, im 

Jahre 1557 

Ein Brief von Wilhelm Droogscheerer 

Hieronymus, Lorenz von Gelder, Peter Müller, Jacob von Ypern und Martin de Waal 

Margaretha, des Hieronymus Weib, Klaarken und Janneken aus Dextelaar 

Sendbrief des Jünglings Algerius, 1557 

Wie Algerius aufgeopfert worden ist 

Conrad, der Schuhmacher, im Jahre 1558 

Verhör, Folter und Todesurteil der Annetgen Antheunis, Styntgen Jans, Evert Routs und Peter von 

Eynoven zu Rotterdam im Jahre 1558 

Verhör des Jan Henrich von Utrecht 

Verhör der Styntgen, Jans Tochter 

Verhör des Evert Routs von Antwerpen 

Verhör des Peter von Eynoven 

Folter des Peter von Eynoven 

Jan Henrich von Utrecht, 29 Jahre alt, wurde auf der Bank sehr gefoltert 

Styntgen, Jans Tochter, ungefähr vierzig Jahre alt, von Utrecht 


1831 

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Inhaltsverzeichnis 


Auf den 28. März 

Todesurteil, auf den 28. März 1558 

Nachricht 

Den 21. April 1558, nach Ostern 

Thomas von Imbroek, im Jahre 1558, den 5. Mai 

Ein Brief von Thomas von Imbroek an sein Weib und Brüder aus dem Gefängnis geschrieben. . . . 

Noch ein Brief, den Thomas von Imbroek aus dem Gefängnisse an sein Weib geschrieben hat 

Govert Jasperß, 1558 

Martin Boßier, 1558 

Absalom von Thomme, oder der Sänger, 1558 

Wilhelm von Haverbeke, 1558 

Daniel Verkampt, 1558 

Marcus der Lederschneider, im Jahre 1558 

Jacob, der Maurer 

Ludwig, der Weber, 1558 

Franz Tiban und der kleine Dirck, 1558 

Henrich, Lederverkäufer, Anthonius und Dirck, der Maler, im Jahre 1558 

Waechlinck Dirckß, Martin Schuhmacher, und Adrian Pieterß 

Walter von Honschoten 

Jacob Schwartz, Hans von der Brücke und mehr andere 

Hans, der Deutsche, 1558 

Sander Henrichs, Hans, der Schmied, Hans von Burculo, Peter von der Bettewary, Arent und Gerhard, 

Bortenwirker, 1558 

Gritgen, Tanneken, Lyntgen und Styntgen von Aachen, im Jahre 1558 

Janneken und Noele, 1558 

Adrian von Hoe, Joos Meeuwens, Wilhelm, Gossen, Eckbert, ein Hutmacher, und Lambert von Doornik, 

im Jahre 1558 

Joris Wippe, Joostens Sohn, wird zu Dortrecht im Jahre 1558 getötet 

Todesurteil des Joris Wippe, 1558 

N acherinnerung 

Erster Brief von Joris Wippe, geschrieben an sein Weib 

Zweiter Brief von Joris Wippe, geschrieben an sein Weib 

Dritter Brief von Joris Wippe an seine Kinder 

Gotthardt von Nonnenberg und Peter Kramer, 1558 

Hans Schmid, Henrich Adams, Hans Beck, Mattheis Schmid, Dilman Schneider, mit noch sieben andern, 

im Jahre 1558 

Jaques d'Auchi, 1558 gefangen genommen, 1559 getötet 

Jaques d'Auchis Bekenntnis vor dem Commissarius und dem Inquisitor 

Verrat des Jaques d'Auchi 

Bekenntnis einer Frau, genannt Claesken, die ihr Leben gelassen hat, 1559 

Brief der vorerwähnten Claesken an ihre Freunde nach dem Fleische, auch nach dem Geiste 

Dieses ist noch ein Brief oder Bekenntnis derselben Claesken; als eine neue Zugabe hier beigefügt. . 

Jelis de Groot und Mahieu von Halewyn, 1559 

Carl von Tiegem, 1559 

Wolfgang Mair und Wolfgang Huber, 1559 

Jan Janß Brand, 1559 

Triinken Keuts, 1559 

Fransken, Hebamme, Naantgen, Lederkäuferin, und Pleuntgen von der Goes, 1559 

Betgen, Neelken und Mariken Fransse, 1559 

Adrian Pan und seine Hausfrau, im Jahre 1559 

Ein Brief von Adrian Pan, geschrieben aus seiner Gefangenschaft, 1559 

Noch ein Brief des Adrian Pan, nach seiner Verurteilung geschrieben 

Hans de Vette mit elf andern zu Gent in Flandern im Jahre 1559 getötet 


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Inhaltsverzeichnis 


9 


Maeyken Kats von Wervike in Flandern, Magdaleentken, Aechtken von Zierikzce, die alte Maeyken, 

Grietken Bonaventures und Maeyken de Körte, im Jahre 1559 

Ein Brief von Maeyken de Körte 

Ein Testament, von Jelis Bernarts an sein Weib geschrieben 

Ein Brief, welchen Jelis Bernarts an sein Weib geschrieben hat 

Noch ein Brief von Jelis Bernarts an sein Weib 

Ein Brief, welchen Jelis Bernarts an die Brüder und Schwestern geschrieben hat, als er zum Tode 

verurteilt war 

Jan Bosch von Berg oder Jan Durps, 1559 

Hans Vermeersch, sonst genannt Hans von Macs, wird zu Waesten im Jahre 1559 getötet 

Andreas Langedul, Matthäus Pottebacker, und Lorenz von der Leyen, 1559 

Der erste Brief von Lorenz von der Leyen 

Der zweite Brief von Lorenz von der Leyen 

Ein kleines Glaubensbekenntnis 

Des Lorenz von der Leyen dritter Brief 

Des Lorenz von der Leyen vierter Brief 

Anthonis Claeß, Joris Tielemans und Johannes Becker, im Jahre 1560 

Peter aus Spanien, Gomer der Maurer, Jakob der Goldschmied, im Jahre 1560 

Doof Betgen, Betgen von Gent und Lysken Smits, im Jahre 1560 

Leonhard Plovier, Janneken und Maeyken von Aachen, im Jahre 1560 

Ein Brief des Leonhard Plovier an sein Weib geschrieben 

Testament des Leonhard Ploviers, welches er seinen Kindern hinterlassen hat 

Claes Felbinger und Hans Leytner, im Jahre 1560 

Joris und Joachim 

Wilhelm, der Schneider 

Hans Korbmacher, Georg Raeck und Eustachius Kuter 

Soetgen von der Houte und Martha, im Jahre 1569 

Testament von Soetgen von der Houte, welches sie ihren Kindern hinterlassen hat 

Noch ein Brief von Soetgen von der Houte an ihren Bruder und an ihre Schwester 

Joost Joosten zu Beer in Seeland verbrannt, im Jahre unsers Herrn 1560 

Koolaert, der Küfer, 1561 

Jons Verbeek, 1561 

Ein kleiner Brief, von Joos Verbeek im Gefängnisse zu Antwerpen an sein Weib geschrieben 

Julius Klampherer, 1561 

Lorenz von der Walle, Anthonius Schönfeld, Kalleken Strings, Syntgen Potvliets und Maeyken Kocx, im 

Jahre 1561 

Orvel, Jan und Pleunis, 1561 

Franz von Elstland, im Jahre 1561 

Johannes Schut, im Jahre 1561 

Johann, Henrich, Bastian, Hans, Mariken von Meenen, Beetken von Brugh und Lintgen, im Jahre 1561. 
Zwölf Christen zu Brügge. Adrian Brael, Lukas Hendriks, Martin Amare, Nikasen Amare, Hansken 
Liß, Andreas Müller, Anthonius Kente, Hansken Parmentier, Jan R., Jelis Outerman, Francintgen 

Müllerin, Maeyken Trams, 1561 

Johann Hülle zu Ypern, 1561 

Peter von Maldegem, Peter von Male, Jaques Bostyn und Lorenz Allaerts, 1562 

Byntgen, Goudeken und Janneken de Jonkheer, Betgen von Maldegem, und Syntgen von Gelder, im 

Jahre 1562 

Wilhelm von Dale, 1562 

Jelis Strings nebst Peter und Jelis Potvliet, 1562 

Der erste Brief von Jelis Strings 

Der zweite Brief von Jelis Strings 

Henrich Eemkens, 1562 

Georg Friesen, ein Kistenmacher, und Wilhelm von Keppel, im Jahre 1562 


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12841 

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10 


Inhaltsverzeichnis 


Hier folgt nun eine Ermahnung, welche Georg Friesen aus dem Gefängnisse gesandt hat 13311 

Martyntgen Aelmeers, 1562 13321 

Nikasen von Aelmeers, 1562 13321 

Carl von der Beide mit seiner Hausfrau Proentgen, Franz Schwarz mit seiner Hausfrau Claesken, Jasper, 

der Schuhmacher, Charlo de Wael und Martyne Amare, 1562 13321 

Jan Grendel, 1562 15521 

Franziskus von der Sach und Antonius Welsch, 1562 13321 

Jan der Schwarze und sein Weib Claesken, Claes, Christian, Hans, Mathieu, seine vier Söhne, Percevael 
von dem Berge, Jan Maes, Peter, der Schuhmacher, Henrich Aerts, Hutmacher, Janneken, Cabeljau's 

Weib, Calleken Steens, Hermann, 1563 13331 

Dirk Lambertz, Christian von Wetteren und Antonyn de Wale, 1563 13351 

Joos Janß, 1563 13351 

Daniel Kalvaert 13351 

Peter von Oosthoven 13351 

Stephan de Graet und Syntgen 13361 

Pieryntgen Ketels, Leentgen, ihre Mutter, Pieryntgen und Martyntgen von Male, 1564 13361 

Peter von der Mühl, 1564 13361 

Maeyken Boosers in Doornik verbrannt, 1564 13361 

Noch ein Brief von Maeyken Boosers an ihre Eltern 13371 

Noch ein Brief von Maeyken Boosers an die Brüder 13381 

Ein Testament der Maeyken Boosers an ihre Kinder 13381 

Noch ein Brieflein von derselben Mutter an ihre Kinder 13381 

Noch ein Brief von Maeyken Boosers an ihre Eltern 13391 

Noch ein Brief von Maeyken Boosers an die Brüder und Schwestern 13391 

Willeboort Corneliß wird zu Middelburg im Jahre 1564 getötet 13401 

Pryntgen Maelbouts und Martyntgen, 1564 13411 

Mr. Jelis Matthyß wird um des Zeugnisses Jesu Christi willen zu Middelburg im Jahre 1564 getötet. 13411 

Noch ein Brief von Meister Jelis Matthyß, welchen er an sein Weib geschrieben hat 13471 

Noch ein Brief von Meister Jelis Mattyß an sein Weib 13491 

Jan Gerritß wird in dem Haag um des Zeugnisses Jesu Christi willen im Jahre 1564 verbrannt. . . . 13521 

Ein Brief von Jan Gerrits; an den lutherischen Prediger 13541 

Noch ein Brief von Jan Gerrits; an seine Bekannten 13581 

Adrian den Burry, 1565 13591 

Wilhelm de Duyk, 1565 13601 

Conrad Koch, 1565 13601 

Hier folgen zwei Briefe, welche Conrad Koch aus dem Gefängnisse geschrieben hat 13611 

Mattheiß Servaes von Kottenem, 1565 13621 

Der erste Brief, den Mattheiß Servaes aus dem Gefängnis an H. K. geschrieben hat 13631 

Der zweite Brief, welchen Mattheiß Servaes an seinen Bruder geschrieben hat 13661 

Der dritte Brief von Mattheiß Servaes, geschrieben an J. R 13671 

Der vierte Brief, welchen Mattheiß Servaes an alle Brüder und Schwestern geschrieben hat 13681 

Der fünfte Brief, welchen Mattheiß Servaes an seine Mutter, seinen Bruder, etc. geschrieben hat. . . 13731 

Der sechste Brief, welchen Mattheiß Servaes, an sein liebes Weib geschrieben hat 13751 

Der siebte Brief von Mattheiß Servaes, aus dem Gefängnisse an I. N. und seine Brüder geschrieben. 13761 

Der achte Brief von Mattheiß Servaes an Aeltgen, sein Weib, aus dem Gefängnisse geschrieben. . . . 13781 

Der neunte Brief von Mattheiß Servaes an F. V. H. aus dem Gefängnisse geschrieben 13781 

Der zehnte Brief von Mattheiß Servaes aus dem Gefängnisse an Mar. West geschrieben 13791 

34 Männer und acht Weiber werden im Berner Gebiete vor und um das Jahr 1566 getötet 13791 

Hans Georgen, 1566 13801 

Hans Mang, 1567 13801 

Nicolaus Geyer, 1567 13801 

Karl Halling, 1567 I38Ü1 

Adrian du Rieu, 1567 13801 


Inhaltsverzeichnis 


11 


Christian Langedul, Cornelius Claeß, Matthäus de Vik und Hans Symonß, 1567 

Christian Langeduls erster Brief an sein Weib 

Der zweite Brief von Christian Langedul 

Noch ein Brief von Christian Langedul 

Weiterer Brief von Christian Langedul 

Der Urlaub und letzte Abschied Christian Langeduls, geschrieben an Maeyken Raeds, sein Weib. . 
Abschrift eines Briefes von Hans Symonß, den er im Jahr 1567 an seine Ehefrau geschrieben hat. . . 
Ein Brief von Hans Symonß, den er zu Antwerpen im Gefängnisse geschrieben hat, wo er den 13. Sept. 

1567 mit drei andern verbrannt worden ist 

Dieses ist der Brief, den der Schuhmacher Cornelius an sein Weib geschrieben hat, 1567 

Jaques Mesdag, Wilhelm Aertß, Jons Kasteei, Karl, im Jahre 1567 

Ein Brief von Jaques Mesdag 

Adrian Willemß, 1568 

Lukas de Groot, 1568 

Jan Portier, 1568 

Jan von Paris, Peter von Cleev, Henrich Maelschalck und Lorenz Pieters, 1568 

Brief des Henrich Maelschalck aus dem Gefängnisse zu Gent geschrieben, den 26. Januar 1568. . . . 
Karl de Raet und sein Weib Grietgen, Hansken in dem Schaek, Wilhelm, ein Schneider, mit seinem Weib 

Christintgen, 1568 

Jan, ein Schmied, Daniel de Paeu, Daniel von Vooren und Paßchier Weyns, im Jahre 1568 

Jakob Dirkß und seine beiden Söhne, Andreas Jakobß und Jan Jakobß, im Jahre 1568 

Valerius, der Schulmeister, im Jahre 1568 

Jan Thielemanß und Job Janß werden um des Zeugnisses Jesu Christi willen in Grafenhaag in Holland 

im Jahre 1568 verbrannt 

Nacherinnerung von den Todesurteilen vorgemeldeter Märtyrer 

Der erste Brief von Jan Thielemanß, den er im Gefängnisse geschrieben hat 

Noch ein Brief, welchen Jan Thielemanß aus dem Gefängnisse geschrieben hat 

Henrich Arentß, 1568 

Claudine le Vettre, und mit ihr ein Bruder, 1568 

Nachbericht von der vorgemeldeten Claudine le Vettre 

Pieter Pieterß Bekjen zu Amsterdam, den 26. Februar im Jahre 1569, lebendig verbrannt 

Todesurteil des Pieter Pieterß Bekjen 

Wie diese Person zur Folter verurteilt worden sei und wann solches stattgefunden habe 

Lorenz Berkamer, 1569 

Dirk Willemß, 1569 

Abschrift 

Styntgen Vercoilgen, 1569 

Lippyntgen Stayerts, 1569 

Martin Pieterß und Grietgen Jans, 1569 

Henrich Alewynß, Hans Marynß von Oosten, Gerhard Duynherder, 1569 

Ein Sendbrief von Henrich Alewynß, 1569 

Das Nachfolgende enthält, was Henrich Alewynß den Herren an der Folterbank übergeben hat. . . 

Väterlicher Abschied, Testament und sehr sorgfältiger Unterricht von Henrich Alewynß 

Ein Brief von Hans Marynß an seine lieben Brüder und Schwestern 

Anpleunis von dem Berge, im Jahre 1566 

Jasper, ein Taschringmacher, im Jahre 1569 

Dirck Anoot, und Wilhelm, ein Säger, im Jahre 1569 

Tanneken von der Mühlen, Jaecxken von Hussele und Jaecxken Teerlings, 1569 

Joost Geothals, Roelandt und Pieter Stayert, Janneken Roelands und Janneken de Jonkheere, 1569. . 

Christoffel Buyze, Lorentz von Rentergem, Joost Meerßenier und Grietgen Baets 

Brief von Nelleken Jaspers Tochter aus dem Gefängnis zu Antwerpen geschrieben 

Pieter der Alte, Jan Watier, Jan von Raes, Wouter Denys, Francois, ein Zimmermann, und Kalleken, des 
Anpleunis von dem Berge Witwe 


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Inhaltsverzeichnis 


12 


Des Wouter Denys erster Brief an sein Weib 

Der zweite Brief von Wouter Denys und seinen Mitgefangenen 

Der dritte Brief von Wouter Denys und seinen Mitgefangenen 

Bericht an den christlichen Leser von folgenden Todesurteilen 

Auszug aus dem Buche des Blutgerichts der Stadt Amsterdam, Blatt 48 vers., welches in der Kanzlei 

daselbst niedergelegt ist 

Auszug wie oben, Blatt 49 

Auszug wie oben, Blatt 31 

Auszug wie oben, Blatt 51 

Auszug wie oben, Blatt 52 

Auszug wie oben, Blatt 59 

Auszug wie oben, Blatt 70 

Auszug wie oben, Blatt 77 

Auszug wie oben, Blatt 77 

Auszug wie oben, Blatt 78 

Auszug wie oben, Blatt 93 

Elf Brüder und eine Schwester zu Antwerpen, Hermann Zimmermann, Jan von Hasebroeck, Peter 
Verlonge, Gerrit von Mandel, Jan von Mandel, Jan Schäfer, Jan Wiljoot, Jan von Doornik, Willem 

von Poperinge, Maeyken sein Weib, Jan Kaufmann und Hans, sein Knecht, 1569 

Der erste Brief von Jan von Hasebroeck an sein Weib 

Der zweite Brief von Jan Hasebroeck 

Der dritte Brief von Jan Hasebroeck 

Dirk Andrieß, 1569 

Jakob de Roore und Hermann von Blekwyk werden beide zu Brügge lebendig verbrannt 

Disputation zwischen Jacob Kerzengießer und M. Bruder Cornelius, Predigermönch 

Disputation zwischen Hermann Blekwyk und dem Bruder Cornelius, den 10. Mai 1569 

Der erste Brief des Jacob Kerzengießer, geschrieben an sein Weib 

Jacob Kerzengießers zweiter Brief an die Gemeinde 

Des Jacob Kerzengießers dritter Brief an seine Kinder 

Der vierte Brief von Jacob Kerzengießer, geschrieben an seine Kinder 

Noch ein Brief von Jacob Kerzengießer an Pouwel von Meenen gesandt 

Noch ein Brief von Jacob Kerzengießer, im Gefängnisse geschrieben 

Noch ein Brief von Jacob Kerzengießer, worin er seine Amtsbrüder ermahnt 

Adrian Ol, 1569 

Abraham Picolet, Henrich von Etten und Maeyken von der Goes, 1569 

Ein Brief von Abraham Picolet, geschrieben an seine Schwestern 

Thys Jeuriaenß und Jan Claes, im Jahre 1569 

Noch ein Brief von Thys Jeuriaenß, im Gefängnis an die Freunde in Edam geschrieben, im Jahre 1569. 

Jan Quirynß von Utrecht zu Amsterdam am 12. März 1569 mit Feuer hingerichtet 

Willem Janß aus Wasserland den 12. März 1569 zu Amsterdam lebendig verbrannt 

Des Willem Janß aus Wasserland Todesurteil 

Cornelius Janß von Harlem den 12. März 1569 zu Amsterdam verbrannt 

Des Cornelius Janß von Harlem, eines Schiffsknechts, Todesurteil 

Clemens Hendrikß, ein Segelmacher, den 12. März 1569 zu Amsterdam verbrannt 

Des Clemens Hendriks, Segelmachers, Todesurteil 

Ein Brief von Jan Quirynß 

Der erste Brief an eine seiner Bekannten gesandt, genannt Grietgen Dirks 

Der zweite Brief von Clemens Hendriks 

Der dritte Brief von Clemens Hendriks an seinen Vater und seine Mutter 

Der vierte Brief des Clemens Hendriks an seinen Vater und seine Mutter 

Der fünfte Brief von Clemens Hendriks 

Veyt Greyenburger, 1570 


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Inhaltsverzeichnis 


13 


Vier Freunde werden in Maastricht aufgeopfert, Arent von Essen, Ursel, sein Weib, Neeltgen, eine alte 

Frau, und Tryntgen, ihre Tochter, im Jahre 1570 15401 

Anneken Ogierß, Jan Ogierß Tochter, und Adrian Boogaarts Weib, zu Harlem ertränkt, 1576 15421 

Das Todesurteil der Anneken, Jan Ogierß Tochter 15421 

Barber Jans, 1570 15421 

Allert Janß, 1570 15431 

Andraes N. mit seinem Vater und Bruder, 1570 15431 

Andreas N„ 1570 15431 

Joris von Meesch und Jacob Lowys, ungefähr 1570 15431 

Jan, der Bandweber, Joost, der Wagner, mit seinem Weibe, Martin von Wyke mit seinem Weibe Lysken, 

Jelis, der Maurer, 1570 15431 

Faes Dirkß und zwei andere, im Jahre 1570 15441 

Copie des Bekenntnisses, getan von Faes Dirkß, welcher hier auf Thiendewegspforte gefangen liegt. 15441 

Drittes Verhör, geschehen auf der Folterbank 15451 

Auszug aus dem Buche des Halsgerichtes der Stadt Goude 15461 

Adrian Pieterß, Barber Joosten, im Jahre 1570 15461 

Martin Karretier, 1570 15461 

Lyntgen Kemels, 1570 15461 

Joost Verkindert und Lorenz Andreas den 13. September im Jahre 1370 zu Antwerpen getötet. . . . 15471 

Ein erbaulicher Brief und eine Ermahnung von Joost Verkindert, geschrieben aus dem Gefängnis. . 15471 

Noch ein Brief von Joost Verkindert, geschrieben den 26. Juni 15501 

Noch ein Brief von Joost Verkindert, den 2. Juli aus dem Gefängnisse an sein Weib geschrieben. . . . 15511 

Noch ein Brief von Joost Verkindert, geschrieben an seine Mutter aus dem Gefängnisse, den 12. Juli. 15521 

Noch ein Brief von Joost Verkindert, geschrieben aus dem Gefängnisse an sein Weib, den 23. Juni. . 15541 

Noch ein Brief von Joost Verkindert, geschrieben aus dem Gefängnisse an seinen Bruder W. und I., sein 

Weib, den 10. August 15551 

Noch ein Brief von Joost Verkindert, in welchem einige Streitworte erzählt werden 15561 

Noch ein Brief von Joost Verkindert, geschrieben in den Banden an sein Weib, den 20. August. . . . 15591 

Noch ein Brief von Joost Verkindert, geschrieben in den Banden an sein Weib, den 2. September. . . 15601 

Noch ein Brief von Joost Verkindert, geschrieben an seine Brüder, Michael und Pleun 15611 

Der letzte Brief von Joost Verkindert, geschrieben an sein Weib 15641 

Ein Brief von Lorenz Andrieß Joost, Verkinderts Mitgefangenen 15641 

Hans vom Wege, Janneken von Hülle und Janneken von Rentegem, im Jahre 1570 15651 

Der erste Brief von Hansken von dem Wege 15651 

Der zweite Brief von Hansken von dem Wege 15671 

Der dritte Brief des Hansken von dem Wege 15691 

Der vierte Brief von Hansken von dem Wege 15701 

Barbelken Göthals und Saerken von Duerhofen, 1570 15711 

Hier folgt ein Brief, welchen Barbelken Göthals an Jasper N. geschrieben hat 15711 

Zehn Personen, sowohl Männer als Weiber, zu Dortrecht um das Jahr 1570 verbrannt 15721 

Jelis Claverß, Lysabet, Claes de Vries Weib, Nelleken Jaspers, und außer ihnen 33 Personen, 1571. . . 15731 

Dirk Mienweß, 1571 15741 

Anneken Hendriks, 1571 15741 

Der Anna Hendriks, mit dem Zunamen die Blaster, Todesurteil 15751 

Wolfgang Pinder, 1571 15751 

Joost von der Strafen, 1571 15761 

Hans von der Strafe, 1571 15761 

Gerrit Corneliß 15771 

Todesurteil des Gerrit Corneliß, mit dem Zunamen Boon 15771 

Ein Brief von Hendrik Verstralen an sein Weib im Jahre 1571 15781 

Noch ein Brief von Hendrik Verstralen an sein Weib 15801 

Ein Brief von Hendrik Verstralen, geschrieben an seine Brüder und Schwestern 15831 

Ein Brief, welchen Maeyken Deynoots an ihre Brüder und Schwestern geschrieben hat, 1571 15841 


14 


Inhaltsverzeichnis 


Noch ein Brief von Maeyken Deynoots an ihren Bruder und ihre Schwester 15841 

Adrian Janß, ein Hutmacher, und Jelis de Bäcker werden in Ryssel im Jahre 1571 verbrannt 15851 

Der erste Brief von Adrian Janß, Hutmacher, an sein Weib 15851 

Des Adrian Janß, Hutmacher, zweiter Brief, geschrieben an sein Weib 15871 

Des Adrian Janß, Hutmacher dritter Brief, geschrieben an die Brüder und Schwestern 15871 

Zwölf Christen zu Deventer, Ydse Gaukes, Dirk von Wesel, sowie Anneken und Janneken, ihren 
Weibern, Härmen, der Färber, Bruyn, Anthonis, der Weber, Claes Opreyder, Lysbeth und Catharina 

Sommerhaus, Lyntjen Joris und Tryntgen ihre Tochter, 1571 15881 

Ein Brief von dem Schiffer Ydse Gaukes an seinen Bruder und an seine Freunde, dem Geiste nach. . 15911 

Des Y dse Gaukes zweiter Brief 15921 

Der dritte Brief, geschrieben in Deventer, im Gefängnisse, durch Ydse Gaukes 15951 

Douwe Geuwoutß, 1571 15971 

Hans Misel, 1571 [597] 

Jan Blök von Rymwegen wird um des Glaubens willen im Jahre 1572 verbrannt 15981 

Ein Brief von Jan Blök 15991 

Ein junger Geselle von Nymwegen wird zu Herzogenbusch im Jahre 1572 verbrannt 16021 

Henrich von Eckelo, 1572 16021 

Jan Wouterß von Kuyk und Adrianken Fans von Müllersgrab zu Dortrecht verbrannt, 1572 16021 

Nacherinnerung, den Tod des Jan Wouterß von Kuyk und der Adrianken Jans von Müllersgrab betref- 
fend 16041 

Von den Personen, die damals in der Gerichtskammer waren und dieses Urteil gefällt hatten 16051 

Des Jan Wouterß erster Brief, worin er berichtet, wie er verhört und gepeinigt worden sei 16051 

Der zweite Brief von Jan Wouterß, geschrieben an seine Brüder und Schwestern 16101 

Der dritte Brief von Jan Wouterß an die Gemeinde Gottes in Dortrecht 16141 

Des Jan Wouterß vierter Brief an sein Weib 16161 

Des Jan Wouterß fünfter Brief an sein Weib und sein Töchterlein m\ 

Des Jan Wouterß sechster Brief an seine einzige Tochter insbesondere 16221 

Des Jan Wouterß siebter Brief an seinen Vater und seine Mutter 16241 

Des Jan Wouterß achter Brief an seine Schwägerin, die noch bei dem römischen Glauben war 16271 

Des Jan Wouterß neunter Brief, an seine drei jüngsten Schwestern 16291 

Des Jan Wouterß zehnter Brief, an seinen ältesten Schwager und an seine Schwester 16311 

Des Jan Wouterß elfter Brief an seinen jüngsten Schwager P. J 16331 

Ein Glaubensbekenntnis an den Schultheißen und den Rat, der damals in Dortrecht regierte 16351 

Ein Brief von Adriaanken, Jans Tochter von Müllersgrab, geschrieben an ihren Mann 16361 

Ein Brief, an diese Adriaanken Jans in ihren Banden von ihrem Manne gesandt 16381 

Sieben Brüder zu Breda. Jan Pieterß, Geleyn Corneliß, Pieter de Guliker mit seinem Knechte, Arent 

Block, Cornelius Gyselaar und einer, genannt Michael, im Jahre 1572 16401 

Von den Gerichtsverhandlungen und Todesurteilen vorgemeldeter Märtyrer 16421 

Martin Janß Kornträger und Jan Hendrikß von Schwartewael zu Delft im Jahre 1572 verbrannt. . . . 16421 

Auszug des Todesurteils über Martin Janß und Jan Hendrikß 16431 

Ein Brief von Jan Hendrikß, im Gefängnisse zu Delft an sein Weib geschrieben 16431 

Einige Verhörpunkte des Jan Hendrikß 16461 

Noch ein Brief von Jan Hendrikß an Martin Janß, seinen Mitgefangenen 16531 

Noch ein Brief von Jan Hendrikß an Pouwels und Aechtgen, seinen Bruder und seine Schwester. . . 16551 

Sander Wouterß von Bommel und Evert Hendrikß von Warendorff zu Amsterdam verbrannt, 1572. 16571 

Todesurteil des Sander Wouterß von Bommel und Evert Hendrikß von Warendorff 16571 

Hans Knevel, 1572 [658] 

Matthäus Bernaerts, sonst genannt Matthäus von Linken, Adrian Rogiers, Martin von der Straasen und 

Dingentgen von Honschoten, im Jahre 1572 16601 

Ein Testament 16601 

Eine Danksagung, vor und nach dem Essen, welche Matthäus Bernaerts gemacht hat 16641 

Adrian Rogiers zu Gent in Flandern verbrannt, 1572 16641 

Der erste Brief, den Adrian Rogiers an sein Weib geschrieben hat 16641 


Inhaltsverzeichnis 


15 


Noch ein Brief von demselben Adrian Rogiers, geschrieben im Gefängnisse an sein Weib 

Noch ein Brief von Adrian Rogiers an sein Weib, geschrieben im Gefängnisse zu Gent 

Martin von der Straasen und sein Weib Beliken, im Jahre 1572 

Der erste Brief von Martin von der Straasen an sein Weib 

Der zweite Brief von Martin von der Straasen an sein Weib 

Des Martin von der Straasen dritter Brief an sein Weib 

Der vierte Brief von Martin von der Straasen, an Anna Servaes 

Der fünfte Brief von Martin von der Straasen, an Servaes Janß 

Der sechste Brief von Martin von der Straasen und sein Weib Beliken, an Adam V. L. und sein Weib. 

Willem de Ryker und Christoffel Fierens, 1572 

Jan Smit, 1572 

Pieryntgen Loos-Feld oder Neckers, 1572 

Michael von Brüssel und Barberken, sein Weib, im Jahre 1573 

Jan von Ackeren, im Jahre 1573 

G. Schneider, Syntgen von Rousselare und Maeyken Gosens zu Antwerpen im Jahre 1573 getötet. . 

Ein Brief von Syntgen von Rousselare 

Francois von Leuven, Flansken von Oudenaerden und Grietgen von Sluys, im Jahre 1573 

Lippyntgen Stayerts, Syntgen Barninge oder das Krüppel-Syntgen, im Jahre 1573 

Jakob von dem Wege, 1573 

Ein Brief von Jakob von dem Wege, geschrieben an sein Weib, als er zuerst zu Gent gefangen lag. . . 

Noch ein Brief von Jakob von dem Wege an sein Weib und seine Brüder und Schwestern 

Noch ein Brief von Jakob von dem Wege, geschrieben in seinen Banden, an andere Gefangene. . . . 

Noch ein Brief von Jakob von dem Wege 

Die letzten Worte, die Jakob von dem Wege geschrieben hat 

Maeyken von Deventer wird zu Rotterdam im Jahre 1573 getötet 

Nachbericht von ihrem Todesurteil 

Ein Testament, von Maeyken von Deventer für ihre Kinder gemacht 

Ein Gebet von derselben Maeyken Deventer 

Maeyken Wens wird mit einigen ihrer Mitgenossen im Jahre 1573 zu Antwerpen verbrannt 

Die Briefe und Testamente der Maeyken Wens, des Weibes des Matthäus Wens 

Der zweite Brief von Maeyken Wens, geschrieben an ihren Mann 

Der dritte Brief von Maeyken Wens, geschrieben an ihren Sohn im Gefängnisse zu Antwerpen. . . . 

Der vierte Brief von Maeyken Wens, geschrieben an ihren Sohn 

Der fünfte Brief von Maeyken Wens geschrieben an Jan De Metser, einen Diener 

Fünf fromme Christen, Hans von Munstdorp, Janneken Munstdorp, sein Weib, wie auch Mariken, 
Lysken und Maeyken werden sämtlich im Jahre 1573 zu Antwerpen an Pfählen verbrannt. . . . 

Ein Brief des Hans von Munstdorp an sein Weib, als sie beide in Antwerpen in Banden lagen 

Ein Testament, geschrieben an Janneken, meine eigene und liebste Tochter, 1573 

Abschrift eines Briefes von Janneken Munstdorps eigener Hand, geschrieben den 19. September 1573. 

Noch ein Brief von Janneken Munstdorp, des Hans von Munstdorp Hausfrau 

Susanneken und Kalleken Claes, 1573 

Anthonius Ysbaerts, 1573 

54 Personen, sowohl Brüder als Schwestern, nämlich 37 zu Antwerpen und 17 zu Brüssel, verbrannt. 

Adrian Hutmacher und Matthäus Keuse, 1574 

Hans Peltner, im Jahre 1574 

Reytse Aysetz von Oldenborn wird zu Leeuwarden den 23. April im Jahre 1574 getötet 

Verschiedene Verhöre des Reytse Aysetz 

Noch ein Bekenntnis, welches Reytse Aysetz vor dem Bischof im Jahre 1574 abgelegt hat 

Noch ein Bekenntnis des Reytse Ayseß, vor einem stolzen Pfaffen abgelegt, sowie einen Sendbrief. . 

Ein Sendschreiben oder Ermahnung von Reytse Ayseß, geschrieben an die Freunde 

Noch ein Bekenntnis des Reytse Ayseß, abgelegt vor dem Commissarius 

Ein Brief von Reytse Ayseß an seinen Vater 

Ein Brief von Reytse Ayseß an seine Mutter 


[665] 

16671 

16681 

[ 668 ] 

I67Ü1 

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16731 

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16821 

16841 

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[ 686 ] 

16921 

16931 

16941 

16941 

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16971 

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[699] 

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17551 

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17521 

17551 

17571 

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17141 

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17221 

17231 

17231 

17241 


16 


Inhaltsverzeichnis 


Ein Brief von Reytse Ayseß an seine Hausfrau 17261 

Noch ein Brief von Reytse Ayseß an seine Hausfrau 17261 

Des Reytse Ayseß Todesurteil und Tod 17271 

Hendrik Pruyt, im Jahre 1574 17281 

Olivier Willemß von Nimmägen wird zu Antwerpen nebst zwei jungen Mägdlein lebendig verbrannt, 

1574 [7291 

Nacherinnerung von Olivier Willemß Person, desgleichen von seinem Leiden und Tode 17291 

Auszug aus dem Gerichtsbuch, worin bürgerliche und Blutsgerichtssachen der Stadt Antwerpen ent- 
halten sind 17291 

Jakob, der Schuhflicker, nebst seiner Hausfrau Grietgen von Brüssel, Anneken von Brüssel, Tanneken 

Walraven, 1575 [7291 

Claes von Armentiers und Lyntjen, eine junge Tochter, im Jahre 1575 17301 

Zwanzig Personen zu London in England, 17301 

Auszug aus einer eigenhändigen Schrift des Gerrit von Byler, im Gefängnis zu London geschrieben. 17331 
Auszug aus den beifügten Dingen in dem alten Märtyrer-Spiegel, gedruckt 163, Pag. 964, Kol. 2. . . 17351 

Hier folgen zwei Briefe von den gefangenen Preunden abgefasst 17351 

Noch ein Brief von den Gefangenen, worin wir uns darüber entschuldigen, was uns nachgesagt wird. 17411 

Von dieser Geschichte ist eine ausführliche Mitteilung in nachfolgendem Briefe gemacht 17431 

Ein Brief von Jacques de Somere, gesandt an seine Mutter zu Gent 17431 

Eine Bittschrift im Namen der Gefangenen in England der Königin überreicht 17471 

Ein Glaubensbekenntnis der Gefangenen in England, der vorhergehenden Bittschrift angehängt. . . 17471 

Antwort auf Johannes Foxus Schreiben, geschrieben von den Gefangenen in London, 1575 17481 

Paulus Glock, im Jahre 1576 17491 

Matthäus Binder, im Jahre 1576 17511 

Raphel von dem Felde und Hieronymus Schepens, nebst mehreren andern Personen, 1576 17521 

Der erste Brief von Raphel von dem Felde, geschrieben an seine Hausfrau 17521 

Noch ein Brief von Raphel von dem Felde, an seine Brüder und Schwestern 17551 

Noch ein Brief von Raphel von dem Felde, an seine Hausfrau 17561 

Noch ein Brief von Raphel von dem Felde, geschrieben an seine Hausfrau 17571 

Noch ein Brief von Raphel von dem Felde an seinen Sohn 17611 

Der letzte Brief von Raphel von dem Felde, geschrieben an seine Hausfrau 17621 

An Claes Schepen 17631 

Lorenz, der Schuhmacher, im Jahre 1576 17641 

Hans Bret, im Jahre 1576 17641 

Der erste Brief von Hans Bret, 17661 

Noch ein Brief von Hans Bret, geschrieben und gesandt an seinen Bruder David 17691 

Noch ein Brief von Hans Bret, geschrieben an seine geliebte Mutter, den 19. Juli 1576 17721 

Noch ein Brief von Hans Vret, geschrieben an seine geliebte Mutter den 5. Juli 1576 17761 

Noch ein Brief von Hans Bret, geschrieben aus einem finstern Loch, im August 1576 17811 

Noch ein Brief von Hans Bret, geschrieben an Hans C., einen von den Brüdern in der Gemeinde. . . 17821 

Abschrift 17841 

Lorenz Janß Noodruft von Delft, 1577 17851 

Hans de Ruyter, mit seiner Hausfrau und Tochter, 1577 17851 

Abschrift 17861 

Nacherinnerung 17871 

Henrich Sumer und Jakob Mandel, 1582 17871 

Melchior Platser, 1583 17881 

Andreas Pirchner, 1584 17891 

Leonhard Sumerauer, im Jahre 1584 17901 

Anneken Botson, Janneken, ihre Tochter, und Maeyken Pieters, im Jahre 1585 17901 

Wolf gang Raufer, Georg Prukmair und Hans Aicher, im Jahre 1585 17901 

Von dem Befehl, der wider die Tauf gesinnten im Herzogtum Preußen bekannt gemacht wurde, 1586. 17921 

Christian Gasteyger, 1586 17921 


Inhaltsverzeichnis 


17 


Von dem Befehl wider die Taufgesinnten in der Königsberger Herrschaft und deren Städten, 1587. . 

Michael Fischer, 1587 

Christian Rycen, 1588 

Eine Erklärung, wie er von der Obrigkeit untersucht worden ist, ferner wie der Pfarrer ihm hat die 

Kindertaufe beweisen wollen, und wie sie ihn hart angefochten haben 

Noch ein Brief von Christian Rycen, 

Noch ein Brief von Christian Rycen, 

Noch ein tröstlicher Brief von Christian Rycen, 

Noch ein Brief von Christian Rycen 

Noch ein tröstliches Brieflein von Christian Rycen, 

Christian Rycen ermahnt seine Hausfrau, dem Herrn fest zu vertrauen 

Christian Rycen lässt seine Hausfrau wissen, 

Pieter Saymer, 1588 

Joost, der Zöllner, Michael Buyse und Syntgen Wens, im Jahre 1589 

Der eiste Brief von Joost Zöllner 

Der zweite Brief von Joost Zöllner 

Noch ein Brief von Joost Zöllner an seine Mutter 

Ein Testament von Joost Zöllner an seine Tochter 

Meyken Pickelen, 1590 

Leonhard Boltzinger, 1591 

Georg Wanger, 1591 

Jakob Platser, 1591 

Bartholomäus Panten, Michael, der Witwer, und Kaleken R., im Jahre 1592 

Der erste Brief von Bartholomäus Panten, geschrieben an seinen Bruder Carl, der zu Harlem wohnte. 

Der zweite Brief von Bartholomäus Panten, 

Ein Testament von Bartholomäus Panten, an sein Töchterlein 

Michael Hazel, 1592 

Thomas Han, 1592 

Matthäus Mair, 1592 

Abschrift 

N acherinnerung 

Aeltjen Baten und Maeyken Wouters, 1595 

Hier folgt ein Brief, den Maeyken Wouters aus dem Gefängnis an ihre Eltern gesandt hat 

Anneken von den Hove, 1597 

Nachbericht von der Ursache des Todes der Anneken von den Hove 

Erzählung des Untergangs einiger Tyrannen dieser letzten Verfolgung 

Abschied aus dem sechzehnten Jahrhundert 

3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an. 

3.1 Kurzer Inhalt von den Märtyrern dieses siebzehnten Jahrhunderts 

Befehl, der durch die von Groningen und Sneck wider die Taufsgesinnten bekannt gemacht worden ist. 

Befehl 

Nachbericht 

Vier Personen, nämlich Huybert op der Straten, Trynken seine Hausfrau, Pieter ten Hove und Lysken te 

Linschoten, 

Hernes Nimrich, ein Lehrer der Taufsgesinnten, 

Markus Eder und Hans Poltzinger, 1605 

Hans Landis, 1614 

Nachbericht von des Hans Landis Person und Tode 

Von einem Verbot, durch die von Aerdenburg gegen die Taufsgesinnten bekannt gemacht 

Abschrift 

Nacherinnerung. Im Jahre 1619 

Auszug 


1793 

1793 

1794 

1794 

1795 

1796 
1796 
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17991 
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1817 


1823 

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1824 

1825 
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1827 

1828 
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1838 

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1839 


1840 
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1841 

1842 

1842 

1843 
1843 
1843 


18 


Inhaltsverzeichnis 


Anmerkung, was hierauf erfolgt sei 

Von einem Befehl derer von Deventer gegen die genannten Mennoniten oder Taufsgesinnten, 1620. 

Bekanntmachung 

Von schweren Lästerungen wider die Taufsgesinnten in der Provinz Holland, 

Von dem einigen Gott, Vater, Sohn und heiligen Geist 

Von der Menschwerdung des Sohnes Gottes 

Von den Umständen der letzten Verfolgung in der Schweiz wie auch von den Ursachen, 1635. . . . 

Fortsetzung der Umstände der vorgemeldeten letzten Verfolgung in der Schweiz, 

Von mehrgemeldeter Verfolgung selbst, 

Hans Meyli (der Alte) und seines Sohnes Hausfrau, um das Jahr 1638 

Catharina Müllerin, im Jahre 1639 

Vier Schwestern, nämlich Barbara Mehlin, Ottilia Müllerin, Barbara Kolbin und Elisabeth Meylin, im 

Jahre 1639 

Elisabeth Hilzin, im Jahre 1639 

Hans von Uticken, im Jahre 1639 

Burckhard Aman, im Jahre 1639 

Jakob Egly, im Jahre 1639 

Ully Schedme, mit dem Zunamen Schneider, im Jahre 1639 

Jakob Rusterhel von Horgerberg, im Jahre 1639 

Stephan Zechender von Byrmensdorf, im Jahre 1639 

Ulrich Schneider mit seinen beiden Söhnen, im Jahre 1639 

Henrich Gutwol von Lehumer, im Jahre 1639 

Hans Jakob Heß, mit seiner Hausfrau, im Jahre 1639 

Von einer Bekanntmachung derer von Zürich, 

Werner Phister und seines Sohnes Hausfrau, im Jahre 1640 

Gallus Schneider, 1640 

Rudolph Bachmann, 1640 

Ulrich Müller, im Jahre 1640 

Von einer Bittschrift derer von Amsterdam an den Rat der Stadt Zürich, 

Felix Landis samt seiner Hausfrau Adelheid Egly, um das Jahr 1642 

Rudolph Suhner, um das Jahr 1643 

Drei Schwestern, nämlich Elisabeth Bachmannin, Elssa Bethezei und Sarah Wanry, um das Jahr 1643. 

Verena Landis, um das Jahr 1643 

Barbara Neef, um das Jahr 1643 

Barbly Ruff, um das Jahr 1643 

Henrich Boiler, um das Jahr 1644 

Von einem Schreiben aus der Schweiz, 

Von einem Befehl derer von Schaffhausen wider diejenigen, die man Wiedertäufer nannte, 1650. . . 

Von einem Befehl von dem Fürsten von Neuburg gegen die sogenannten Wiedertäufer, 1653 

Ully Wagman nebst einem andern Bruder, im Jahre 1654 

Von einem Schreiben aus Makhenheim, 

Zu Bern werden sieben Lehrer und Vorsteher der Gemeinde Jesu Christi eingezogen, 

Siebenhundert Personen werden zu Bern unterdrückt und verfolgt 

Auszug aus dem ersten Brief, gegeben den 7. April 1671 in Obersültzen 

Auszug aus dem zweiten Brief von Obersültzen, den 23. Mai 1671 

Auszug aus dem dritten Brief von Obersültzen, den 13. Oktober 1671 

Auszug aus dem vierten Brief, vom 2. November 1671 

Der fünfte Auszug, von demselben aus Obersültzen, den 5. Januar 1672 

Von einem Befehl derer von Bern, gegen diejenigen, welche Wiedertäufer genannt werden, 1659. . . 

Auszug eines Befehls (durch die von Bern bekannt gemacht) gegen die Wiedertäufer 

Von demjenigen, was zur Befreiung der letztgemeldeten Gefangenen, 

An die Stadt Bern, in der Schweiz 

An die Stadt Zürich in der Schweiz 


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Inhaltsverzeichnis 19 


Abschrift 18741 

Abschrift (übersetzt aus dem Lateinischen) 18751 

Gebet für die weltliche Obrigkeit 18761 

Tertullians Trostrede und Aufmunterung an die Märtyrer, 18771 

Kurze Nachrede einiger Mitglieder der Gemeinde der Mennoniten, 18791 



1 An meine geliebten Freunde und Mitgenossen in Christo 
Jesu, unserm Seligmacher. 


Geliebteste! 

Als vor Zeiten einer unserer Glaubensgenossen, 
C. Vermander, welcher an der Beschreibung der Troja- 
nischen Kriege Gefallen fand, dem griechischen Poe- 
ten Homerus, den man den Blinden nannte, nachfolg- 
te, indem er dessen griechische Verse, die von dieser 
Sache handeln, in holländische Reime gebracht, so hat 
er, nachdem er die Hälfte, nämlich die ersten zwölf Bü- 
cher, Iliad^] genannt, vollendet hatte, in seiner Arbeit 
aufgehört und nachfolgende Worte geschrieben: 

Als ich den Blinden folgte nach, 

Mit Fleiß zu bringen an den Tag, 

Die Kriege Trojas ward ich satt, 

Als ich die Hälft' erreichet hatt'. 

Er ist in der Hälfte seiner Reise verdrießlich gewor- 
denQ und in der Tat, hierzu hatte er keine geringe 
Ursache, denn wer weiß nicht, dass derjenige, wel- 
cher einem Blinden, vorzüglich auf unbekannten und 
gefährlichen Wegen nachfolgt, gar bald in Irrtum, ja 
in großes Unglück geraten könne. Welcher friedsame 
und liebreiche Mensch sollte auch wohl Wohlgefal- 
len daran finden, die schweren Kriege, erschreckli- 
chen Stürme und Anfälle auf eine beängstigte und 
mit vielem Elende erfüllte Stadt wie Troja, sonst Ilium 
genannt, zu Homers Zeiten gewesen, anzuschauen. 
Darum war es billig und nicht weniger seiner Seele 
nützlich, dass er wieder umkehrte, wie man denn im 
Sprichworte sagt: 

Es ist besser, auf halbem Wege umgekehrt, 
als weiter irre gegangen. 

Wir aber, sehr Geliebte, als wir den halben Weg, ja 
fünfzehn blutige Jahrhunderte zurückgelegt hatten, 
sind erst recht begierig geworden, die Reise fortzu- 
setzen; wir hatten solche unersättliche Begierde aus 
demjenigen, was wir bereits gesehen und gehört hat- 
ten, geschöpft; ja, was noch mehr ist, obgleich wir auf 


1 Homers Ilias, welches heißt, wenn man's erklärt: Die Beschrei- 

bung Homers von den Ilischen Kriegen oder die Eroberung der 
Stadt Ilium. 

2 Doch ward er verdrießlich, als er die Mitte erreicht hatte, worin 

er, wie angemerkt wird, nicht unrecht getan hat und warum. 


dem Wege viel Hitze und Kälte, Ungemach und Weh- 
tage, ja, tödliche Krankheiter^] erlitten haben, so ist 
doch dadurch unsere Begierde nicht erloschen, son- 
dern vielmehr erregt und aufgeweckt worden, um das 
Ende zu erreichen. 

Denn in Wahrheit, diejenigen, die uns hier begegnet 
sind, sind keine griechischen Kämpfer gewesen, wel- 
che unter dem Helden Agamemnon oder seinem Feld- 
herrn Hector, Dienste genommen hatten; auch sind 
die Stürme und Anfälle, welche wir betrachtet haben, 
nicht auf eine mit Händen erbaute Stadt, vielweniger 
auf das Städtlein Ilium in Phrygien geschehen; ferner 
hat man hier, bei den Überwindern, keine Pechton- 
nen als Siegeszeichen gebrannt; vielweniger erlangten 
die Helden, die sich wohl gehalten und ihr Leben 
getreulich gewagt haben, verwelkliche Eichenblätter 
oder Lorbeerkränze zum Geschenke oder im Falle sie 
umgekommen waren, hat man ihre Gräber mit Grab- 
steinen, Pyramiden oder Grabspitzen, welche doch 
endlich mit der Welt vergehen müssen, geziert. 

Hier aber verhielt es sich ganz anders, geliebte 
Freunde, ja gewisslich, ganz anders; denn es sind uns 
Helden begegnet, welche dem Könige aller Könige 
und dem Herrn aller Herren, Jesu Christo, gedient ha- 
ben, welcher, obgleich ein geschlachtetes Lämmlein, 
dennoch ein Fürst der Könige oder Erde istQ 

Der Ort, den sie bestürmten, war eine Stadt, ange- 
füllt mit allem Guten oder das neue und himmlische 
Jerusalem, deren Grund von allerlei Edelsteinen ge- 
legt ist; die Pforten von Perlen die Straßen von Gold 
wie durchsichtiges Glas; diese haben sie mit Gewalt 
eingenommen zum ewigen Besitze; aber die abgöt- 
tische Stadt Babel, daran Gott ein Missfallen hatte, 
haben sie mit geistigen Waffen, so weit ihre Kräfte 
reichten, zu Grunde gerichtet. 

Die Ehre, die sie durch ihren Sieg erlangen, ist eine 
ewige Ehre, ihre Freude eine ewige Freude! Die Sieges- 
kronen, welche ihnen dargereicht werden, sind ewige 
und himmlische Kronen. Hier bedarf es keiner irdi- 
schen Grabsteine, Pyramiden oder Grabspitzen, um 
ihre Leichname zu verehren, weil ihre Seelen bei Gott 


3 Gott hat uns heimgesucht mit einer halbjährigen und fast tödli- 
chen Krankheit, in welcher Zeit wir gleichwohl einen großen 
Teil des ersten Buches geschrieben haben. 

4 Offb 1,5 


22 


1 An meine geliebten Freunde und Mitgenossen in Christo Jesu, unserm Seligmacher. 


in Ehren sind und unter dem Altar Gottes]^] welches 
der Platz aller seligen Märtyrer ist, Ruhe erlangen. 

Den Ort, wo dieses alles geschehen ist, sind wir mit 
unsern Gedanken durchwandelt und haben alle diese 
Dinge mit den Augen des Glaubens angesehen. 

Es ist wahr, der Jammer, der uns hier nach dem 
Fleische begegnet ist, ist fast nicht zu überwinden, 
wenn man so viele elendige und nicht weniger gottes- 
fürchtige Personen betrachtet, welche ihr Leben für 
die erkannte Wahrheit gelassen haben; diese in den 
Flammen, jene im Wasser, worin sie ertränkt wurden, 
andere unter des Schwertes Schärfe, einige unter den 
Stricken, womit man sie erwürgte oder unter den Zäh- 
nen der wilden Tiere; ich will hierbei nicht anderer 
Werkzeuge ohne Zahl gedenken, wodurch sie erbärm- 
lich und elendiglich umgekommen sind. 

Auf der andern Seite aber ist die Freude nicht zu 
beschreiben, ja mit keiner Zunge oder Sprache aus- 
zudrücken, die wir daselbst mit geistigen Augen ge- 
sehen und mit den Ohren des Gemütes gehört ha- 
ben; denn einige haben unter dem Gesänge und Lobe 
Gottes den Tod umarmt und einer unter ihnen, wer 
kann solches begreifen, der selbst in den Flammen 
sterben sollte, hat seinen halbverbrannten Mitbrüdern 
die Hand auf das Haupt gelegt, ihnen Mut zugespro- 
chen und sie im Glauben gestärkt. Ein anderer, der 
die Pein des Feuers geschmeckt hatte und aus den 
Flammen entwichen war, hat sich auf einen verbrann- 
ten Leichnam geworfen, um den Streit, welchen er 
angefangen hatte, auch ans Ende zu bringen und die 
Märtyrerkrone zu erlangen. 

Dieses wird angeführt aus Thuanus und Cäsar Heis- 
terb., durch D. B. Lydius, welcher, wenn er von dem 
waldisischen Märtyrer Amoldus, von dem wir auf 
das Jahr 1163 Meldung getan haben und einigen, die 
mit ihm gemartert wurden sind, handelt, so sagt: Die- 
ser Arnoldus ist, samt neun seiner Jünger, worunter 
zwei Frauen waren, den 5. August zu Köln bei dem 
Judenkirchhofe verbrannt worden und hat, ehe er tot 
war, auf die Häupter seiner halbverbrannten Mitge- 
sellen seine Hände gelegt, sie gesegnet und gesagt: 
Seid standhaft bei eurem Glauben; denn ihr werdet 
heute bei Laurentius (dem Märtyrer) sein. Eine von 
den Frauen, schreibt er, als sie aus Barmherzigkeit 
dem Feuer entgangen um des Versprechens willen, 
das ihr gegeben wurden ist, dass man ihr zur Heirat 
helfen oder sie in ein Kloster bringen wollte, wenn 
sie Sinn dazu hätte, hat gefragt, wo Arnoldus, wel- 
cher daselbst (unter seinen Mitgesellen) als ein Ketzer 
verbrannt worden ist, läge, und als man ihr seinen 


Leib, der nun fast verbrannt war, zeigte, ist sie denen, 
die sie führten, aus den Händen entlaufen und hat 
sich auf des Arnoldus Leib geworfen, um so auch die 
Märtyrerkrone zu erlangen. D. Val. Lydius Buch, wo 
die Kirche gewesen sei vor dem Jahre 1160 oder vor 
der Waldenser Zeit. Gedruckt 1624, Pag. 59, Col. 1, aus 
Thuan, Buch 6 der Geschichte. Ferner Cäsar. Heisterb., 
Dist. 5, Cap. 19. 

Wir haben das Obige noch demjenigen hinzuge- 
fügt, was wir hierüber im ersten Buche angegeben, 
obwohl wir von den Personen daselbst geredet haben. 
Auch könnten wir noch mehr dergleichen Exempel 
beibringen, wenn dieselben nicht zur Genüge bekannt 
wären. 

Wir wenden uns nun zum zweiten Buche und wol- 
len, wie auch zuvor geschehen, damit beginnen, was 
die heiligen Märtyrer von Zeit zu Zeit gelitten haben. 

Doch wird unsere Arbeit hier bei weitem nicht so 
schwer sein; gleich einem Wanderer, welcher zuerst 
unter großen Anstrengungen einen jähen Berg hin- 
aufgestiegen, dann aber allmählich und mit sanften 
Schritten wieder hinabsteigt, weil uns, so viel die Mär- 
tyrer betrifft, die frühere Beschreibung und das ge- 
druckte Exemplar hierbei zu Hilfe kommen werden; 
deshalb haben wir uns auch vorgenommen, nichts 
Wesentliches zu verändern, damit wir das gute Werk 
unserer lieben Brüder, welche hierin vor dem Herrn in 
Heiligkeit gehandelt haben, nicht verkleinern möch- 
ten, ohne wo es (weil wir unsere eigene Beschreibung 
daran gehängt) höchst nötig sein möchte. 

Unterdessen werden wir auch das Folgende mit 
verschiedenen frommen Zeugen Jesu, wovon man 
bis jetzt noch keine öffentliche Nachricht gehabt, aus 
zuverlässigen Quellen und geschriebenen Verhand- 
lungen vermehren und auch ihr Verhör, Todesurteil, 
Briefe und andere Stücke, welche dieses betreffen, hin- 
zufügen, welche wir zu dem Ende sowohl aus den 
Händen der Obrigkeit, Blutrichter und Blutschreiber 
als auch anderer, nicht ohne Mühe und Unkosten er- 
langt haben. 

Dies wird nun die Ordnung des folgenden Werkes 
sein, von welchem wir wünschen, dass es Gott ange- 
nehm, unserem Nächsten erbaulich, uns selbst aber 
zu unserer eigenen Seele Nutzen und Heil ersprieß- 
lich sein möge, durch Jesum Christum, unsern einigen 
und ewigen Seligmacher, welchem sei Lob und Preis 
zu ewigen Zeiten, Amen. 

Euer sehr zugeneigter in dem Herrn, Thie- 
lem. J. van Braght. Dortrecht, im Jahre 1659. 


5 »Ich sah unter dem Altar die Seelen derer, die erwürgt waren um des 
Wortes Gottes und des Zeugnisses willen, das sie hatten.« (Offb 6,9) 


1.1 Vorrede an den Leser. 


23 


1.1 Vorrede an den Leser. 

Christlicher Leser! 

Wir werden dir hier in unserer Anrede nichts Neues 
oder Ungewöhnliches vortragen, sondern nur dasje- 
nige, was früher ein Freund der heiligen und seligen 
Märtyrer seinen Zeitgenossen zur allgemeinen Erbau- 
ung von dem Glauben und standhaften Tode vieler 
derselben mitgeteilt hat, ausgenommen einige Reden 
im Anfänge und einiges im Verlaufe, was eigentlich 
nicht hierher gehört, dem wir auch einige Kennzei- 
chen, um nicht zu irren, beigefügt, welche wir hier 
ausgelassen haben; was wir von den Unsrigen hin- 
zugefügt, haben wir mit Klammern eingeschlossen, 
wovon wir, wenn wir gefragt werden sollten, Rechen- 
schaft geben werden. 

Nachdem nun der erwähnte Schreiber Verschiede- 
nes denen von Hoorn verwiesen und solches zu Ende 
gebracht hatte, sagt er von dem standhaften Vertrauen 
der frommen Bekenner Jesu Christi Folgendes: 

Wir haben das Vertrauen, dass alle diese Zeugen 
in den notwendigen Glaubensartikeln einstimmig ge- 
wesen seien; sie haben alle an den einigen, ewigen 
und wahrhaftigen Gott Vater und seinen eingebore- 
nen Sohn Jesum Christum, unseren Herrn und Selig- 
macher geglaubt. Ihre Hoffnung ist auf das Opfer des 
unbefleckten Lammes gerichtet gewesen, auf welches 
der Vater die Versöhnung unserer Sünden niederge- 
legt hatte. Sie haben sich selbst übergeben, ja mit dem 
Taufbunde verpflichtet, diesem Herrn Gehorsam zu 
sein, der ihnen vom Vater zum Lehrmeister und Ge- 
setzgeber verordnet worden ist, sie haben eine selige 
Auferstehung und eine herrliche Belohnung erwar- 
tet, welche allen denen verheißen worden, welche 
durch die Gnade des Geistes, ernstlich und standhaft 
in der Laufbahn der christlichen Berufung dem Vorge- 
setzten Ehrenlohne zueilen. Sie haben ja, welches das 
Wichtigste ist, mit der Tat bezeugt, daß sie nicht nur 
einen Mundglauben und eine buchstäbliche Erkennt- 
nis, welche lediglich in des Menschen Hirne wohnt, 
sondern dass sie auch einen kräftigen und wahrhafti- 
gen Glauben gehalten haben, welcher auch im Herzen 
und im Gemüte seine Wohnstatt hatte, mit der Liebe 
beseelt war und durch welchen sie (nach dem Vorbil- 
de der Heiligen, Hebr 11) alles überwunden haben. 

Indem er auf das Leiden der Märtyrer übergeht, 
sagt er Folgendes: 

Betrachte einmal das Leiden, welches diese from- 
men Märtyrer ausgestanden und wie wunderlich 
Gott mit ihnen zu Werke gegangen sei, wie männ- 
lich, standhaft und geduldig sie durch die kräftige 
und dringende Liebe Gottes gestritten und die Wahr- 


heit dessen, wovon im hohen Lied^] gesungen wird, 
befestigt haben, nämlich: Liebe ist stark wie der Tod, 
und Eifer ist fest wie die Hölle. Denn man sieht hier 
wie in einem Spiegel, dass diese Ritter weder die ange- 
borene Zuneigung und Liebe zu den Ehegatten, noch 
die väterliche Gewogenheit und Fürsorge für die Kin- 
der, noch die erwünschte Gesellschaft der vertrauten 
Freunde, welche ihnen nahe standen, vielweniger al- 
les dasjenige, was Gott zur Belustigung des Menschen 
in die Geschöpfe gepflanzt, hat bewegen und zurück- 
halten können, sondern dass sie dieses alles verachtet, 
sich von Weib und Kindern, Freunden und Verwand- 
ten, von Haus und Habe geschieden und sich selbst 
zu schweren Banden und Gefängnissen, zu allerlei 
Unglück und Ungemach, zur grausamen Pein und 
Marter übergeben haben, ohne dass sie auf der einen 
Seite die Bedrohungen des gewaltsamsten Todes ab- 
schrecken, noch auch auf der andern Seite viel schöne 
Verheißungen bewegen konnten, die heilsame Wahr- 
heit, die Liebe Gottes und die selige Hoffnung zu 
verlassen; denn sie konnten ohne Scheu mit dem heili- 
gen Apostel sagen: »Wer will uns scheiden von der Liebe 
Christi? Trübsal oder Angst, oder Verfolgung, oder Blöße, 
oder Fährlichkeit, oder Schwert?« (Rom 8,35) Sondern sie 
haben es erfahren und auch erwiesen, wahr zu sein, 
dass, nach dem Zeugnis des Apostels (Röm 8,38-39), 
weder Tod noch Leben, weder Gegenwärtiges noch 
Zukünftiges, uns möge scheiden von der Liebe Got- 
tes, die da ist in Christo Jesu. Durch diese Liebe haben 
sie alles überwunden und über menschliches Vermö- 
gen herrliche Taten ausgerichtet; schwache Frauen 
haben sich stärker als Männer erwiesen, Jungfrau- 
en und Jünglinge haben in der Blüte ihrer Jugend 
durch die Hilfe Gottes die anlockende Welt mit allen 
ihren schönen und großen Verheißungen verschmä- 
hen können; diese jungen und zarten Zweige haben 
durch Glauben und Geduld die Gewaltigen dieser 
Welt überwunden, die Einfältigen und Ungelehrten 
haben die klugen Doktoren beschämt, so dass sie oft 
vor der Wahrheit verstummt sind und haben mit Be- 
drohungen des Feuers und des Schwertes disputiert, 
haben sich damit (doch umsonst) beschützt und eben 
damit ihre Ohnmacht und Bosheit an den Tag gelegt, 
Christus hat seine Verheißung (Mt 10,19) nachdrück- 
lich in ihnen erfüllt, welcher seinen Jüngern verheißen 
hat, dass er ihnen geben wolle, was sie in der Stun- 
de reden sollten, wenn sie vor Könige und Fürsten 
gebracht werden sollten. Sie haben unter dem An- 
schauen des Galgens und der Räder, des Feuers und 
Schwertes die Wahrheit ohne Furcht bekannt, so dass 
sich die Richter und Ketzermeister bisweilen verwun- 


6 H1 8,8 


24 


1 An meine geliebten Freunde und Mitgenossen in Christo Jesu, unserm Seligmacher. 


dert, bisweilen erzürnt, bisweilen aber entsetzt haben 
und erschrocken sind, welche Freimütigkeit die Mär- 
tyrer selbst in ihren Briefen gerühmt und Gott dafür 
gedankt haben, weil sie ihre eigene Schwachheit er- 
kannt und die Kraft Gottes unter dem Kreuze erfahren 
haben, so dass sie dasjenige mit einem sanften und 
fröhlichen Gemüte ertragen konnten, vor welchem 
die menschliche Natur in der Freiheit furchtsam zu 
fliehen scheint. Ja, sie waren mit einer solchen uner- 
messlichen Freude erfüllt, welche sie durch das un- 
verhinderte Anschauen der himmlischen Herrlichkeit 
in Glaube und Hoffnung empfangen, dass sie für die- 
ses Scheidemahl keine königliche Mahlzeit erwählt 
hätten. Sie sind mit einer solchen Kraft ausgerüstet 
gewesen, dass auch die grausame und unmenschliche 
Pein an ihnen den Namen ihrer Mitbrüder nicht hat 
herauspressen können, so dass sie, mit göttlicher und 
brüderlicher Liebe erfüllt, ihre Leiber für ihre Mitge- 
nossen geopfert haben. Die allgemeine Bruderschaft 
ist hierdurch mit Eifer und Liebe so sehr entflammt 
worden, dass ein jeder in Verachtung des Irdischen 
und in Betrachtung des Himmlischen sein Gemüt zu 
dem Leiden, welches ihre Brüder betroffen hatte und 
auch ihnen täglich drohte, zubereitet hat. Sie haben 
sich nicht gefürchtet, bei ihren Glaubensgenossen zu 
Herbergen, sie in den Gefängnissen zu besuchen, auf 
dem Richtplatze ihnen keck zuzurufen und sie mit 
Worten aus der Schrift zu trösten und zu stärken. Die 
Tyrannen sind in ihrem Vorhaben betrogen worden; 
sie meinten diese Christen zum Abfall zu bringen und 
haben ihnen stattdessen von ihrer Seligkeit Versiche- 
rung gegeben; sie vermeinten ihre Widersacher zu 
vertilgen und auszurotten und haben dadurch im Ge- 
genteile nur mehr Widersacher erweckt; denn es sind 
viele Leute, die dabei standen und ein so betrübtes 
Schauspiel ansahen, wie so viele Leute umgebracht 
wurden, die unschuldig waren und einen guten Na- 
men hatten, ja die lieber in den Tod gehen, als etwas 
tun wollten, womit sie Gott zu erzürnen glaubten, 
hierdurch zum Nachdenken, zur Prüfung und end- 
lich gar zur Bekehrung veranlasst worden. 

Außer diesen trefflichen Exempeln der Liebe, Ge- 
duld und Standhaftigkeit findet man in ihren Schrif- 
ten viel andächtige Lektionen, erbauliche Lehren und 
tröstliche Ermahnungen, welche zwar in dunklen Ge- 
fängnissen bei Ungemach und schlechten Gerätschaf- 
ten in Eile und unrein geschrieben, dabei aber mit dem 
vortrefflichsten Kennzeichen, nämlich mit ihrem eige- 
nen Blute, versiegelt worden sind. Dann erst haben 
die Worte ihre Kraft und ihren Nachdruck erreicht, 
wenn die Wahrheit mit der Tat befestigt und bezeugt 
wird. Seneca in seinen Briefen verweist es als eine 
schändliche Sache, dass man mit Worten und nicht 


mit Werken der Weisheit obliege. Hier findet man 
Worte, welche die Weisheit aufgesetzt hat, welche aus 
dem innersten Gemüte durch die Presse des Leidens 
herausgedrückt worden sind, Worte, welche weder 
durch weltliche Einsichten, noch durch fleischliche 
Gemütsbewegungen geschwächt oder gebeugt, son- 
dern die am Ende des Lebens, als der letzte Wille der 
Rechtsinnigen und Aufrichtigen an ihre zugeneigten 
Freunde, geredet und mit dem Tode befestigt worden 
sind. Die Männer haben in der Trübsal ihre Weiber ge- 
tröstet; sie ermahnten sie zur Gottseligkeit und reizten 
sie zur Standhaftigkeit. Die Eltern gaben ihren Kin- 
dern nützliche Ermahnungen, sie stellten ihnen die 
Unbeständigkeit, Eitelkeit und Vergänglichkeit der 
sichtbaren Dinge vor Augen; sie haben sie gelehrt, ih- 
nen angeraten und geboten, die Welt mit ihren Lüsten 
zu verleugnen und Gott, dem Höchsten und einigen 
Guten, allein anzuhangen und zu dienen. Man merkt 
hier, wie sie bisweilen mit starken Versuchungen und 
Anfechtungen nicht allein der bösen Menschen, son- 
dern auch des Teufels bestrickt worden sind, wie sie 
der Seelenfeind auf des Tempels Spitze geführt und 
ihnen den Glanz und die Herrlichkeit dieser Welt ge- 
zeigt habe, um sie zu seiner Anbetung, zu verführen 
(Mt 4,5,8); wie er zu Zeiten die Seele durch Kleinmütig- 
keit und Schrecken vor dem bevorstehenden Leiden 
bestürmt und wie er sich bemüht habe, die Gemüter 
durch falsche Einbildungen zum Abfalle und zur Ver- 
zweiflung zu bringen, welches die frommen Helden, 
die sich mit Wachen und beständigem Gebete zu Gott 
gewaffnet, tapfer überwunden und mitten durch alle 
Versuchungen, Lockungen und Bedrohungen bis in 
den Tod sich männlich hindurchgeschlagen und das 
Feld behalten hatten. 

Wie nun das Lesen und Betrachten der frommen 
Altväter in jeder Hinsicht sehr dienlich ist, so ste- 
hen auch diese Personen als lehrreiche und tröstli- 
che Exempel allen denen zum Vorteile da, die mit 
Kreuz und Anfechtung heimgesucht werden. Hier 
zeigen sich leuchtende Lichter von lebendigem Glau- 
ben (Mt 10,19), gewisser Hoffnung und feuriger Liebe; 
hier sieht man die Erfüllung der Verheißungen Gottes, 
in unerschrockenen und fröhlichen Gemütern auch 
mitten im Leiden (Mt 24,13); hier ist die Standhaftig- 
keit der Heiligen, welche Christus mit der Seligkeit 
krönt. Es ist zwar wahr, dass sie von den Weltgesinn- 
ten für Auskehricht und Ausfegsel gehalten werden 
(IKor 4,13) und dass ihr Tun für Torheit und Narrheit 
gescholten wird, nichtsdestoweniger trösten sie sich 
in Gott und verlassen sich auf seine Verheißungen. 
Man hat sie gelehrt, dass man so das Kreuz aufneh- 
men müsse (Mt 10,38), wenn man anders Christi wür- 
dig sein will. Sie erkennen sich als Fremdlinge und 



1.1 Vorrede an den Leser. 


25 


Pilger in dieser Welt (1 Pt 2,11) und erinnern sich an 
die Worte ihres Meisters, wenn er sagt: »Wärt ihr von 
der Welt, so hätte die Welt das ihre lieb; min ihr aber von 
der Welt nicht seid, so hasst euch die Welt.« (Joh 15,19) Sie 
hoffen darauf, dass, wenn sie ihr Leben hier verlieren, 
sie solches nachher wieder finden werden (Mt 10,39); 
sie glauben auch, dass wir Christi Namen vor den 
Menschen bekennen müssen, wenn wir wollen, dass 
er uns vor seinem himmlischen Vater bekennen soll 
(Mt 10,32). Sie wissen, dass ihr Herr und Meister gelit- 
ten und eine Vorschrift gegeben habe, dass wir seinen 
Tritten nachfolgen sollen, welcher so gesinnt war, dass 
er nicht wieder schalt (IPt 2,19), wenn er gescholten 
ward, nicht dräute, wenn er litt, sondern für seine 
Feinde gebetet hat. Sie halten dafür, dass, wenn sie 
mit Christo herrschen wollen, sie auch mit ihm lei- 
den müssen (2Tim 2,11). Sie sind ein Bild der Reden 
Christi, dass der Knecht nicht besser sei als sein Meis- 
ter (Mt 10,24; IPt 4,4), dass sie daher, weil Christus 
gelitten hat, sich auch mit demselben Sinne waffnen 
müssen. Sie halten sich selbst für wehrlose Schafe, 
die ein Raub der Wölfe sind, welche alles zerreißen. 
Aber sie fürchten die nicht, welche allein den Leib 
töten können, sondern den, welcher Seele und Leib 
in seiner Hand hat (Mt 10,28). Es ist ihnen lange zu- 
vor gesagt worden, dass alle, die gottselig leben wol- 
len, Verfolgung leiden müssen (2Tim 3,12). Christus 
hat ihnen vorausgesagt, dass sie um seinem Namens 
willen von allen Menschen gehasst, ja in der Verfol- 
gung überantwortet und getötet werden sollten und, 
was noch mehr ist, die sie töten würden meinen Gott 
einen Dienst damit zu tun. Deshalb kommt es ihnen 
nicht fremd vor, wenn sie durch Leiden versucht wer- 
den (IPt 4,12), sondern sie freuen sich daran, dass sie 
an dem Leiden Christi Teil haben; denn sie wissen, 
dass sie in der Erscheinung seiner Herrlichkeit sich 
mit Ihm freuen werden. Sie rühmen sich der Trübsal 
(Rom 5,3; IPt 1,6) und halten dafür, dass ihr Glaube 
dadurch geprüft und geläutert werde. Sie erfahren 
es, dass aus dem Leiden Geduld und eine fröhliche 
und beständige Hoffnung geboren werde und dass 
das Kreuz, welches denjenigen, die verloren gehen, 
eine Torheit ist (IKor 1,18), ihnen eine Kraft Gottes zur 
Seligkeit sei und achten es als eine Gnade bei Gott, 
wenn sie um des Gewissens willen Unrecht leiden 
(IPt 2,19). Und obgleich sie hier unterdrückt, verfolgt 
und darnieder gestoßen werden, so werden sie doch 
nicht kleinmütig, verzagt oder verdorben (2 Kor 4,8), 
sondern sie tragen beständig mit dem heiligen Pau- 
lus das Sterben des Herrn Jesu an ihrem Leibe, damit 
auch das Leben des Herrn Jesu an ihrem Leibe of- 
fenbar werden möge. Sie lehren bei dem Überfluss 
des Leidens Christi einen überflüssigen Trost durch 


Christum (2Kor 1,5); sie glauben, dass das Leiden die- 
ser Zeit der zukünftigen Herrlichkeit nicht wert sei 
(Rom 8,18). Deshalb waffnen sie sich zu den Trübsa- 
len und Leiden als rechtschaffene Kriegshelden ihres 
Hauptmannes Jesu Christi. Vor sich haben sie eine 
große Bruderschaft, welche auf diesem Wege ihren 
Lauf vollendet hat. Kain konnte es nicht ertragen, dass 
sein Bruder fromm und bei Gott angenehm gewesen, 
darum tötete er ihn (IMo 4,8). Gewalt und Beschwer- 
nis beherrschte die erste Welt (IMo 6,13). Der fromme 
Lot musste den Sodomiten eine Ursache des Spottes 
und der Wollust sein (IMo 19), David musste vor Saul 
fliehen, auch der Prophet Jesaja klagte schon zu sei- 
ner Zeit, dass derjenige, welcher vom Bösen abwiche, 
jedermanns Raub und Spott sein müsse. Viele heilige 
Propheten und Männer Gottes haben von den Gott- 
losen Verfolgung und Marter ertragen müssen, wie: 
Der heilige Zacharias, Arnos, Micha, Jeremia, Daniel, 
die drei Jünglinge, Eleazar, die Mutter mit ihren sie- 
ben Söhnen und mehrere andere, welches unnötig ist, 
zu erzählen, da die Zeit und die Jahrhunderte des 
neuen Bundes hierzu hinreichende Gelegenheit an 
die Hand geben. Johannes, der Vorläufer Jesu, muss- 
te im Gefängnis seinen Hals dem Schwerte darbie- 
ten (Mt 14,10). Unser Hauptmann und Herzog des 
Glaubens, Christus Jesus, musste durch viel Spott, 
Schmach und Leiden und endlich durch den schmäh- 
lichen Tod des Kreuzes in seine Herrlichkeit eingehen; 
seine Apostel und Jünger sind, wie die Jahrbücher 
berichten, ihrem Meister nachgefolgt; Petrus und Pau- 
lus sind von dem Kaiser Nero umgebracht worden; 
Jakobus, Johannes Bruder, ist von Herodes mit dem 
Schwerte getötet worden (Apg 12,2); Matthäus wird in 
Indien an die Erde genagelt; Bartholomäus geschun- 
den; Andreas gekreuzigt; Thomas mit Spießen durch- 
stochen; Philippus an ein Kreuz genagelt, und dann 
zu Tode gesteinigt; Simon Zelotes wird gegeißelt und 
gekreuzigt; Jakobus Alphäi wird zu Jerusalem vom 
Tempel herabgestürzt und dann mit Prügeln totge- 
schlagen; Judas Thaddäus wird in Persien von den 
gottlosen heidnischen Priestern umgebracht; Matthias 
hat gleichfalls die Märtyrerkrone erlangt; der Evange- 
list Markus wird durch Alexandrien mit einem Stricke 
um den Hals geschleift, bis er davon gestorben ist. 
Der Apostel Johannes, als er in das Eiland Patmos ver- 
wiesen ward, hat das Evangelium mit Leiden geziert 
(wie weitläufig im ersten Buche der Beschreibung der 
Märtyrer in dem 1. Jahrhundert angeführt worden ist) 
(Offb 1,9). Dies ist der Weg der heiligen Propheten ge- 
wesen; dies ist der Pfad, welchen unser Seligmacher, 
seine Gesandte und nachher viele Lehrjünger betreten 
haben, denn Polycarp, Johannes Lehrjünger wurde 
zu Smyrna lebendig verbrannt; Ignatius, Bischof zu 



26 


1 An meine geliebten Freunde und Mitgenossen in Christo Jesu, unserm Seligmacher. 


Antiochien, wurde von wilden Tieren zerrissen, wie 
im 2. Jahrhundert berichtet wird. Selbst die römischen 
Bischöfe sind in den ersten 300 Jahren fast alle gemar- 
tert und mit den gemeinen Christen der Verfolgung 
der heidnischen Kaiser unterworfen gewesen; doch 
wollen wir diese Gott befohlen sein lassen. Unter dem 
Kaiser Diocletian ist eine grausame Verfolgung ent- 
standen, dass es den Anschein hatte, als sollte der 
christliche Name ganz ausgerottet werden, weshalb 
man in der ersten Kirche bis zur Zeit des Kaisers Kon- 
stantin der Verfolgung so gewohnt war, dass man mit 
Vorbedacht sich zum Leiden zubereitete. 

Nachdem nun die Gottesfürchtigen, die mit dem 
Kreuze heimgesucht werden, so viele heilige Märtyrer 
zu Vorfahren haben, ja, dass ihnen das Kreuz vorher- 
gesagt ist und da ihnen solche herrliche Verheißungen 
auf das Kreuz gegeben worden sind, so ist es ihnen 
ein Geringes, wenn sie, welche sich Kriegsknechte un- 
ter der Blutfahne Jesu nennen, darüber als Törichte 
verspottet und verlacht werden. Der christliche Le- 
ser kann hieraus merken und fest schließen, dass das 
Kreuz ein Feldzeichen aller derjenigen sei, welche Je- 
su Christo, dem Herzoge des Glaubens, dienen und 
folgen und dass dagegen alle diejenigen, welche an- 
dern Kreuz und Leiden verursachen, nicht unter die- 
sen, sondern unter einen andern Hauptmann gehören; 
denn die wahren Christen haben niemals einen un- 
schuldigen Mann verfolgt, sondern sind immer selbst 
verfolgt worden und es war auch in der ersten Kirche 
zu Konstantins Zeiten, als die Bischöfe in der Welt sich 
etwas mehr anfingen hervorzutun und von dem Kai- 
ser beschützt wurden, für ein Gräuel gehalten, jemand 
zu verfolgen, sondern sie haben selbst die Verfolgung 
erlitten. Damals war es eine so abscheuliche Sache, 
jemanden um der Ketzerei willen zu töten oder zu 
verfolgen, dass auch der Bischof Johannes von der Kir- 
che ausgebannt und abgesondert wurde, weil er dem 
Tyrannen Maximus Anlass gegeben, den Ketzer Pris- 
cillianus zu töten, wie Cäsar Baronius, römischer Kar- 
dinal, in seiner Kirchengeschichte über das Jahr 385 
sehr deutlich schreibt. Derselbe bezeugt ferner, dass 
solches durchaus gegen die Sanftmut eines Hirten 
streite, ferner, dass niemand von den heiligen Vätern 
es gerühmt habe, wenn eine geistliche Person einen 
Ketzer zu Tode zu bringen suchte, so dass auch, wie er 
schreibt, der heilige Martinus mit dem vorgenannten 
Ithacius oder seinen Anhängern keine Gemeinschaft 
haben wollte, weil ihre Hände durch des Priscillianus 
Tod mit Blut besudelt waren und obschon der heilige 
Martinus um des Tyrannen Maximus Bedrohungen 
willen sich eine Stunde lang stellte, als ob er mit Itha- 
cius Gemeinschaft hätte, so hat er doch nachher große 
Reue darüber bezeugt, so dass er fühlte, dass um sol- 


cher Verstellung willen ihm die Gabe der Heilung 
teilweise entzogen worden sei, woraus klar und of- 
fenbar zu ersehen ist, wie fälschlich sie sich rühmen, 
Nachfolger Christi, seiner Apostel und der ersten zu 
sein, die ihre Hände mit dem Blute der unschuldigen 
Menschen so grausam besudelt, welche nichts ande- 
res getan hatten, als dass sie nach ihrem Gewissen 
das Evangelium bekannten und darnach lebten; ja, 
von welchen die Tyrannen oft selbst Zeugnis gegeben, 
dass ihr Leben fromm sei, dass sie nicht zu lügen oder 
gegen ihr Gewissen zu reden pflegten und dass sie 
nicht um ihrer Missetat willen gefangen seien, son- 
dern weil sie der Mutter der heiligen Kirche und des 
Kaisers Befehle nicht gehorchen wollten. Es ist aber 
so weit davon, dass solche die wahre, apostolische 
Kirche sein sollten, dass auch kein gewisseres Kenn- 
zeichen der falschen und gegen Christum streitenden 
Kirche ist, als das Töten der Ketzer oder derer, die 
man Ketzer nennt, denn wenn je die Ketzerei etwas 
Grausames ist, so ist dieses das Allergrausamste. Was 
ist doch wohl der friedsamen, demütigen und barm- 
herzigen Art Christi, die nicht rachgierig ist, sondern 
gerne vergibt, mehr zuwider, als wenn man jeman- 
den um seines Glaubens willen verfolgt? Was kann 
wohl erdacht werden, das mehr mit Christi heiligen 
Gesetzen und Geboten streitet, welche unter andern 
hauptsächlich in Liebe, Frieden, Demut, Sanftmut, 
Niedrigkeit, Barmherzigkeit, Vergebung, Mitleiden 
bestehen. Sind die Christen dazu berufen, wie sie tun, 
Hass mit Liebe, Böses mit Gutem, Flucht mit Segen 
zu vergelten; ja, müssen sie nach der Lehre Christi für 
diejenigen bitten, die sie unterdrücken und verfolgen; 
wie ist es dann möglich, dass sie ihr Christentum be- 
leben können und gleichwohl andere Menschen, die 
ihnen nicht einen Strohhalm in den Weg gelegt haben, 
zu verfolgen und zu Unterdrücken? Sollte man wohl 
glauben, dass noch einiger Geschmack und lautere 
Erkenntnis von Christi Geist und Wort übergeblieben 
sei, wo eine solche Lehre im Gebrauche, welche Chri- 
sto schnurstracks zuwider ist? Soll man, nach Christi 
Zeugnis, die falschen Propheten an ihren Früchten er- 
kennen und beurteilen (Mt 7,15-16), so ist nichts, wor- 
an man sie mehr erkennen kann, als wenn sie andere 
Menschen verfolgen; denn sie geben, wie Christus zu 
den Pharisäern sagt, über sich selbst Zeugnis, dass sie 
Kinder derer sind, die die Propheten getötet haben 
(Mt 23,31) und die das Maß ihrer Väter erfüllen, wel- 
che unser Heiland mit Schlangen und Otterngezüchte 
vergleicht, so der höllischen Verdammnis nicht ent- 
rinnen werden. Die Jünger Christi, welche noch auf 
die Aufrichtung des auswendigen und fleischlichen 
Jerusalems hofften, fragten ihren Meister, ob sie, nach 
Elias Exempel, sagen sollten, dass Feuer vom Himmel 



1.1 Vorrede an den Leser. 


27 


über diejenigen falle, die ihn nicht annehmen woll- 
ten (Luk 9,54), worüber sie Christus ernstlich bestrafte 
und sagte: »Wisst ihr nicht, welches Geistes Kinder ihr 
seid? Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, um die 
Seelen zu verderben, sondern sie selig zu machen.« Aber 
diese Ketzermörder, die sich rühmen, Christi Statthal- 
ter und Nachfolger, ja, Meister der Gottesgelehrtheit 
zu sein, unterstehen sich nicht allein, ohne Christum 
zu fragen, sondern auch gegen seinen ausdrücklichen 
Befehl und gegen sein Exempel, das Schwert zu wet- 
zen und ein Feuer anzuzünden, nicht um diejenigen, 
welche sich weigern, Christum anzunehmen, sondern 
diejenigen, die bereit sind, bis in den Tod ihm anzu- 
hängen und nachzufolgen, zu ermorden. Hierdurch 
geben sie aber deutlich zu erkennen, erstlich: dass 
sie nicht von dem Geiste Christi, sondern des Teufels 
(welcher ist ein Mörder von jeher) regiert und getrie- 
ben werden (Joh 8,44); und zweitens: dass sie nicht 
kommen wie Christus und seine Nachfolger, um der 
Menschen Seelen zu erhalten, sondern um sie zu ver- 
derben, denn sie töten nicht allein unschuldige Men- 
schen leiblicher Weise und schänden so das Bild, das 
nach Gott geschaffen ist (IMo 1,27) und machen sich 
der Todsünde des Blutvergießens schuldig (IMo 9,6), 
sondern (o abscheuliche Tat!) sie unterstehen sich, so- 
viel sie vermögen, den Seelen plötzlich die Zeit der 
Buße abzuschneiden. Diese Aberwitzigen, weil sie ur- 
teilen, dass sie in einem verdammlichen Stande seien, 
wollen Christum, die vollkommene Weisheit, meis- 
tern (Mt 26,52); denn derselbe hat es für gut befunden 
und hat auch seinen Jüngern befohlen, das Unkraut 
wachsen zu lassen bis auf den Tag der Ernte, damit 
sie keinen Weizen mit dem Unkraute ausrotten möch- 
ten (Mt 13,29). Diese lehren und tun das Gegenteil; 
denn sie jäten nicht nur gegen den Befehl Christi das 
Unkraut, sondern sie schonen auch böse, unkeusche, 
verschwenderische, prächtige, geizige, lügenhafte, be- 
trügliche, neidische, gehässige und rachgierige Men- 
schen und raufen das reinste Korn aus dem Acker 
dieser Welt. Sie setzen sich in das Amt des Allerhöchs- 
ten (Hes 18,4) und wollen den Menschen, welche nicht 
unter ihnen, sondern dem Zepter Jesu Christi stehen, 
gebieten und sie zwingen (Mt 10,28); ja, sie setzen sich 
nicht allein neben, sondern über die göttliche Majestät 
und wollen, dass die Menschen ihnen mehr als Gott 
gehorsam sein sollten. Gott hat befohlen, dass man 
ihm von ganzem Gemüte dienen soll (5Mo 6,5), und 
diese verbieten den Menschen, nach ihrem Gemüte zu 
dienen; ja sie zwingen sie, gegen ihr Gemüt, ihren Ge- 
setzen und Satzungen zu folgen (Mt 21,37). Christus 
hat mit ermahnenden, beweglichen und bestrafenden 
Worten das Volk zur Bekehrung gezwungen und be- 
schränkt sich darauf, von denen, die sich über seine 


Lehre ärgerten, zu sagen: »Lasst sie fahren, sie sind blin- 
de Leiter!« (Mt 15,14) Diese aber zwingen mit Feuer 
und Schwert, so dass sie alle diejenigen, die mit ih- 
ren Kräften die Lehre Christi umarmen und diesen 
blinden Führern nicht nachfolgen dürfen, dem Scharf- 
richter überantworten; sie pferchen die Menschen ein, 
so dass sie ohne Gefahr weder zur Rechten noch zur 
Linken entweichen können; wenn nun diese gehor- 
sam sind, so fallen sie in die Hand Gottes, bleiben 
sie aber bei Gott, so können sie der Grausamkeit der 
Menschen nicht entgehen. 

Damit sie nun ihren unchristlichen und wider Got- 
tes Art streitenden Ketzerstrafen einen glimpflichen 
Anstrich geben möchten, so haben sie diese frommen 
Leute mit der Unreinigkeit des Ungehorsams besu- 
delt, ihre Hände (zum Scheine) wegen des unschuldi- 
gen Blutes gewaschen und die Schuld auf die Befehle 
gelegt, welche doch durch ihre blutigen Ratschläge 
und auf ihren Antrieb geschmiedet und täglich be- 
werkstelligt worden sind. Wer aber hat ihnen Gewalt 
gegeben. Befehle gegen die Seelen und Gewissen zu 
machen, um damit im Reiche Christi, wo sie selbst 
nichts weiter als Untertanen und Lehnsleute sein kön- 
nen, zu herrschen? Wird sie solches entschuldigen? 
Keineswegs! Die Juden, welche den unschuldigen Je- 
sum zu töten suchten, haben eben auch, wie diese, 
gesagt: »Wir haben ein Gesetz und nach unserem Geset- 
ze muss er sterben.« (Joh 19,7) Sie wussten oder hätten 
wohl wissen sollen, dass vor Christi Richterstuhl nicht 
nach menschlichen Gesetzen, sondern nach dem Wor- 
te Gottes geurteilt werden wird. »Das Wort, welches 
ich geredet habe, sagt der Herr, das wird sie richten am 
jüngsten Tage.« (Joh 12,48) Und dass deshalb ein jeder 
notwendig mehr an Christi Gesetz, als an ihre Gesetze 
und Befehle gebunden sei, ja, wegen dieser Befeh- 
le werden sie vor dem Richterstuhle Rechenschaft 
geben müssen und dass diese Befehle, wodurch sie 
andere unschuldig und mit Unrecht zum Tode ver- 
urteilt haben, ihre Strafe mit Recht vermehren wer- 
den. Was wollen sie zur Entschuldigung vorwenden, 
wenn von ihnen Rechenschaft abgefordert werden 
wird, warum sie so blutdürstig über die Seelen ty- 
rannisieren? Warum sie Christus das Zepter aus der 
Hand und seinen Stuhl eingenommen? Warum sie 
sich in demselben Reiche zu Meistern gemacht, wo 
sie doch notwendig als Knechte von ihrem Tun und 
Lassen hätten Rechenschaft geben sollen? Warum sie 
so grausam als böse Knechte, ihre Mitknechte miss- 
handelt und geschlagen haben (Mt 24,49), da er sie 
gleichwohl zuvor gewarnt und ihnen gedroht hat, 
dass er sie zerschmettern und ihnen ihren Lohn mit 
den Heuchlern geben werde, wo Heulen und Zähne- 
klappen sein wird (Mt 24,51)? Warum sie nicht daran 



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1 An meine geliebten Freunde und Mitgenossen in Christo Jesu, unserm Seligmacher. 


gedacht haben, dass ein unbarmherziges Urteil über 
alle diejenigen, die nicht Barmherzigkeit geübt haben, 
ergehen soll (Jak 2,13); ja, welch ein Schrecken, ängst- 
liches Anklagen und Flehen wird entstehen, wenn 
diejenigen zur Überführung ihrer Bosheit, zum Vor- 
scheine kommen werden, die sie mit Ketten gefesselt, 
geschlagen, getötet und gemartert, die sie damals für 
töricht und unsinnig gehalten haben, welche nun bei 
Gott so herrlich und hochgeachtet sind. 

An jenem Tage, wenn alles Verborgene ans Tages- 
licht kommen wird, werden solche nichtige und kahle 
Ausflüchte nichts helfen. Deshalb ist es nun Zeit zu 
überlegen, wie unchristlich es sei Christen zu ver- 
folgen; wie es eine Todsünde sei, unschuldiges Blut 
zu vergießen; wie strafbar es sei, das Bild Gottes zu 
schänden; wie verkehrt und nichtig es sei, die geistige 
Wahrheit mit fleischlichen Waffen zu bekriegen; wie 
unnatürlich und unrecht es sei, einem andern zu tun, 
das man nicht will, dass es einem selbst getan werde; 
wer wollte es aber gerne haben, dass sein Gemüt ge- 
zwungen würde; wie verwegen es sei, auf den Stuhl 
Gottes zu treten und über das Gemüt herrschen zu 
wollen, wahrend Christus befohlen hat, dem Kaiser 
zu geben, was des Kaisers ist und Gott was Gottes ist 
(Mt 22,21; Lk 20,25; IPt 2,17). Sie sollten betrachten, 
dass Christus für seine Verfolger gebetet habe und 
daraus lernen, wie ungereimt es sei, dass die, welche 
Christen sein wollen, diejenigen, die für sie bitten, ver- 
folgen wollen. Sie sollten überlegen, welch ein großes 
Übel es sei, jemandes Gemüt mit der Furcht des Feu- 
ers, Galgens und Schwertes zu zwingen, während 
Paulus so scharf verbietet, das schwache Gewissen 
der Brüder zu verletzen (Rom 14,15). Sie sollten beden- 
ken, weil der Apostel keine höhere Strafe der Ketzer 
bestellt, als die Meidung (Tit 3,10), dass sie auch keine 
höhere gebrauchen sollten oder möchten. Ja, wenn sie 
sich selbst wohl prüfen würden, so würden sie mit 
dem Urteile nicht so eilen, sondern sich zurückhal- 
ten, weil uns Christus angekündigt, dass uns mit dem 
Maße, womit wir messen, wieder gemessen werden 
sollte (Mt 7,2). Sie würden sich fürchten, wenn sie an- 
ders sich selbst (sage ich) recht erkennen würden, sich 
selbst in einer andern Person zu verurteilen, weil es 
leicht sein könnte, dass der, welcher urteilt, vor Gott 
ebenso strafbar sein möchte, als derjenige, welcher 
verurteilt wird. 

Ferner führen sie zur Verteidigung oder vielmehr 
Beschönigung der Ketzerstrafe folgende Ursachen an: 
Erstens, um sie dadurch zu bekehren und zu zwingen. 
Zweitens, dass sich ihre Ketzerei nicht fortpflanzen 
und andere verunreinigen möge. 

Drittens, um dem Aufruhr vorzubeugen. Was das 
erste betrifft, so ist ein jeder Mensch schuldig, seines 


Nächsten Heil, so viel es möglich ist, zu befördern; 
wie aber soll solches geschehen? Durch auswendigen 
Zwang mit Feuer und Schwert? Solches ist unmöglich, 
dieses betrifft zwar wohl die Leiber, nicht aber die Ge- 
müter, welche nicht gezwungen, sondern geführt und 
unterwiesen werden müssen. Das Wort Gottes ist das 
Schwert, womit alle Irrtümer und Ketzerei gefällt wer- 
den müssen; wenn man mit der Kraft der Wahrheit 
den vermeinten Irrtum nicht überwinden kann, so 
werden auch wohl die Schwerter stumpf bleiben. Und 
obgleich es geschehen möchte, dass jemand um der 
Pein willen, seine Lehre mit dem Munde verleugnen 
würde, so würde er doch solches mit dem Herzen 
nicht tun und auf solche Weise würden statt belehrter 
Christen verstellte Heuchler gemacht werden; wenn 
aber jemand standhaft bleibt und man tötet ihn, wie 
kann ihm solches zur Bekehrung dienen, indem man 
ihm alle Mittel der Bekehrung raubt? Denn eines von 
beiden ist gewiss, ist er ein verdammlicher Ketzer, so 
stürzt man ihn hinunter in die Hölle; ist er nicht ein 
solcher, so tötet man einen frommen Christen; wel- 
ches von beiden man nun auch erwählt, so wird eine 
abscheuliche Missetat begangen. Was ist es nun, das 
sie anspornt, jemandes Bekehrung auf solche Weise 
zu befördern? Was verbindet sie dazu? Wer gibt ihnen 
das Recht, wer rät es ihnen, ja, wer hat ihnen solches 
erlaubt? Und welcher von den Aposteln ist ihnen so 
vorangegangen: In der Tat, solche Gründe sind nur 
Feigenblätter und Decken, worunter sie ihre Schan- 
de und Bosheit zu verbergen suchen. Sie geben vor, 
dass sie die Bekehrung der Menschen zum Endzwe- 
cke haben, aber in der Tat suchen sie ihren Mutwillen, 
ihre Ehre und Wollust festzusetzen, um dadurch in 
dem Reiche Gottes, ohne jemandes Widerrede, mit 
Gewalt zu herrschen. So weit ist es gefehlt, dass sie 
jemandes Bekehrung dadurch befördern sollten, dass 
sie im Gegenteile alle unparteiischen Menschen ver- 
abscheuen, so dass auch das Gute, wenn noch etwas 
an den Verfolgern übrig geblieben ist oder sein kann, 
durch die Verfolgung verdächtig gemacht oder wohl 
gar vertilgt wird, denn ihre Worte, wie sie auch fle- 
hen und schmeicheln, erlangen und verdienen weder 
Eingang noch Glauben. Denn wer sollte wohl eine 
göttliche und christliche Lehre von denen erwarten, 
welche mit Mörderei schwanger gehen, deren Hände 
mit unschuldigem Blut gefärbt sind? Kann man auch 
Trauben von den Dornen lesen (Mt 7,16)? 

Was das Zweite betrifft, so wird durch die Tyrannei 
die vermeinte Ketzerei weniger ausgerottet als ver- 
breitet, denn wenn man an Menschen, die ein from- 
mes untadelhaftes Leben führen, Hand anlegt, diesel- 
ben gefangen legt, sie peinigt und auf eine schmerz- 
hafte Weise tötet, nur um des Namens Christi willen 



1.1 Vorrede an den Leser. 


29 


und weil sie gegen ihr Gewissen (wie sie öffentlich 
bekennen) nichts einwilligen dürfen, so wird dadurch 
nur Nachdenken und Aufmerksamkeit bei allen un- 
parteiischen Gemütern erweckt, welche, wenn sie der 
Sache nachspüren, die Unschuld der angeklagten und 
verfolgten Personen ausfinden und dadurch vor sol- 
chen ausgearteten Christen, die andere verfolgten, 
einen Abscheu bekommen und sich in weiterer Fol- 
ge zu der Gesellschaft derer wenden werden, wel- 
che Christi Kreuz so tapfer tragen; wovon so viele 
Beispiele vorhanden sind. Hieraus erhellt denn die 
Wahrheit dessen, was jener Altvater sagte: Dass das 
Blut der Märtyrer ein Same der Kirche sei. Als die 
Tyrannei im Papsttum aufs Höchste gestiegen war, 
sind auch die Menschen am häufigsten davon abge- 
fallen, denn die Martertümer sind tätliche Predigten, 
die das Herz treffen und die Augen der Schlafenden 
öffnen und solches ist auch natürlich, denn wer nur 
ein wenig Erkenntnis von der christlichen Religion 
hat und durch verhasste Parteilichkeit nicht ganz ver- 
blendet ist, kann leicht glauben, dass die Verfolger 
selbst Ketzer sein müssen, weil weder Christus noch 
seine Jünger jemals verfolgt, sondern die Verfolgung 
stets selbst erlitten haben. Sie merken es gar leicht, 
dass diese grausamen Menschen nicht imschuldige, 
sanftmütige und wehrlose Schäflein (womit Christus 
die Seinen vergleicht) (Joh 10,3), sondern vielmehr 
reißende Wölfe sind, die in Christi Schafstall hinein- 
geschlüpft sind und die Schafe zerreißen. Die lautere 
und reine Wahrheit, welche durch ein unschuldiges 
Leben bekräftigt wird, ist das einzige Mittel, Irrtum 
und Lüge zu überwinden; diejenigen, welche hiervon 
abweichen und auf fleischliche Waffen fallen, verraten 
sich selbst und geben ihre Unbilligkeit und Ohnmacht 
zu erkennen, denn obgleich sie gegen die Wahrheit 
nichts vermögen, so trachten sie doch, indem sie die 
Personen dämpfen und ausrotten. Aus diesem allem 
erhellt, welche kahle Entschuldigung sie Vorbringen, 
um ihre Tyrannei zu verteidigen und wie schwach die 
Waffen seien, womit sie diese Verführung zu unterstüt- 
zen suchen. Aber es ist nichts als eine erdichtete Ent- 
schuldigung, womit sie ihr Vorhaben zu beschönigen 
suchen und den widerwärtigen Eindruck, welchen 
die Grausamkeit in jedem hervorbringt, zu bemän- 
teln und den Betrug angenehm zu machen. Sie kom- 
men verstellter Weise, als ob sie für die Wohlfahrt des 
Volkes eiferten; in der Tat suchen sie ihr eigenes Lü- 
genreich auszubreiten und wenn sich etwas dagegen 
auflehnt, so suchen sie solches mit dem fleischlichen 
Arme zu überwältigen. Zur Zeit Christi haben die 
Pharisäer ihm auch die Schuld beigelegt, dass er das 
Volk verführe (Lk 23,2). Ihre Eigenliebe und Herrsch- 
sucht hat in ihnen einen bittern Hass und Neid gegen 


unsem Seligmacher erweckt, so dass sie ihn auch zu 
töten suchten. Dieses beschönigen sie, hiervon schwei- 
gen sie. Sie rufen, gleichsam wie von göttlichem Eifer 
beseelt: »Dieser verführt das Volk!« Wiewohl sie selbst, 
wie auch jene, das Volk von Christo zu ihren eigenen 
Lügen zu verführen suchten. 

Was die Beschuldigung wegen des Aufruhrs be- 
trifft, so ist auch solche weder gestern noch heute 
geschmiedet worden; »dieser (nämlich Christus, sag- 
ten die Pharisäer) erweckt mit seiner Lehre einen Aufruhr 
unter dem Volke,« (Lk 23,5) während sie doch nachher 
selbst das Volk zum Aufruhr gegen Christum erreg- 
ten, welcher ja nichts anderes als Friede, Liebe, Demut, 
Sanftmut und dergleichen predigte und dessen Leben 
und Taten nichts anderes waren, als ein überfließen- 
der Brunnen aller Barmherzigkeit, Wohltat und Güte. 
Ebenso haben sie auch Menschen, welche in aller Ein- 
falt und Aufrichtigkeit lebten und die ihr Bekenntnis 
öffentlich dahin taten, dass sie nach dem Gesetze und 
Vorbilde Christi verbunden seien, sich gegen jeden persön- 
lich und ohne Rache zu bezeugen, ja, diejenigen zu lieben, 
welche sie hassen und ihren Feinden Gutes zu hm|^]gleich- 
falls mit dem Laster des Aufruhrs besudelt, obschon 
hiervon nicht das geringste Kennzeichen vorlag. Wer 
die Geschichte in den letzten sechzig Jahren in den 
Niederlanden und Deutschland erforscht, wird wohl 
finden, dass Aufruhr, Streit und Zwietracht, ja Tren- 
nungen und Zerstörungen von Ländern und Städten 
herbeigeführt sind, in Folge von Religionsstreitigkei- 
ten; denn der Religionseiferer kann weder durch das 
Schwert abgeschnitten, noch durch das Feuer verzehrt 
werden. Im Gegenteil ist es bekannt und wird heut- 
zutage durch die Erfahrung bestätigt, dass viele und 
verschiedene Religionsparteien friedsam und in Ruhe 
beisammen wohnen können und dass Städte und Län- 
der, wo Gewissensfreiheit gehandhabt wird, geblüht 
und einen reichen Segen Gottes empfunden haben. 
Deshalb haben auch die mächtigen Staaten der Ver- 
einigten Niederlande, nachdem sie den großen Miss- 
griff des Königs von Spanien gesehen, niemals seinen 
Fußstapfen nachfolgen wollen, sondern haben aus- 
drücklich gesagt (wie aus den Akten der Friedensver- 
handlungen zu Köln hervorgeht), dass die Religion 
nicht die Menschen, sondern Gott angehe und dass 
sowohl der König als die Untertanen derselben unter- 
worfen sei. Sie bezeugen, dass sie es aus der Erfahrung 
erlernt haben, dass Gewalt und Waffen zur Erhaltung und 
Ausbreitung der Religion wenig beitragen und dass es nicht 
ihr Wille sei, dass man ihren Gewissen Gezvalt antue, dass 
es gleichwohl mit dem Gesetze Gottes nicht iibereinkom- 
me, dem Gewissen irgendeines andern Menschen Gewalt 


7 Act. Pag. 38 


30 


1 An meine geliebten Freunde und Mitgenossen in Christo Jesu, unserm Seligmacher. 


cinzutun; und Pag. 57: Wir haben gelernt, dass das Regi- 
ment der Seele und des Gewissens Gott allein zugehöre und 
dass er allein der wahrhaftige Rächer der verwundeten und 
geschändeten Religion sei. Und obwohl einige, die ihr 
eigenes oder ihrer Vorfahren Kreuz vergessen hatten, 
zu der ausgerotteten Sklaverei wieder Lust bekamen, 
so haben doch Ihro Hochmögende hierzu ihnen kein 
günstiges Ohr leihen oder ihre Hände gebrauchen las- 
sen wollen, um die Blindheit der Ratschlüsse solcher 
parteiischen und schädlichen Ratsleute zu befördern, 
die dadurch mehr ihr eigenes, als das Reich Chris- 
ti, aufzubauen und zu befestigen suchten. Aber wir 
haben heutzutage durch die Gütigkeit Gottes solche 
Obrigkeiten, unter deren Schutz wir ein ruhiges und 
stilles Leben in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit füh- 
ren könnenflTi/H 2,2); wir können ungehindert zu- 
sammen kommen und uns versammeln, Gottes Wort 
predigen und hören, die Sakramente nach der Ein- 
setzung Gottes gebrauchen und unsern Gottesdienst 
öffentlich ausüben. Wegen solcher großen Wohltat 
sind alle Untertanen und Christgläubige ihren hohen 
und niedern Obrigkeiten aufs Höchste verpflichtet, 
denselben alle Dankbarkeit ehrerbietig zu erweisen, 
ihnen getreulich zu gehorchen, Zoll und Schätzung 
aufrichtig zu bezahlen, und Gott für die Wohlfahrt 
ihrer Personen und ihrer Regierung mit Ernst und 
beständig zu bitten, damit diese Gnade von uns auf 
unsere Kinder und Nachkömmlinge kommen möge. 
Wir müssen auch dem Herrn aufs Höchste dankbar 
dafür sein und seinen Namen mit einem heiligen Le- 
ben verherrlichen und beständig trachten, mehr und 
mehr Tugend aus unserm Glauben zu erwerben und 
mit guten Werken in der verfinsterten Welt zu leuch- 
ten (2 Kor 6). Wir müssen uns wohl vorsehen, dass 
wir diese Gnadenzeit nicht versäumen oder missbrau- 
chen, denn wenn wir dieselbe übel anwenden und 
uns der Freiheit zur Sünde bedienen, so wird es uns 
sicherlich wie den Kindern Israels ergehen, welche, als 
sie fett, dick und stark wurden, von Gott abgewichen 
und deshalb wieder mit Angst und Elend beladen 
worden sind (5Mo 32,12), bis sie die Not gezwungen 
hat, Gott zu suchen. O wie viele sind ihrer (wie zu 
besorgen ist), welche mit Demas die Welt wieder lieb 
gewonnen haben (2 Tim 4,10)\ Wie viele sind derer, 
welche den ersten Eifer und die Liebe verlassen ha- 
ben und in ihren Gottesdienstlichkeiten kalt und träge 
geworden sind. In den früheren Zeiten, namentlich 
in den Zeiten des Kreuzes, wo man mit Lebensge- 
fahr Zusammenkommen musste, trieb uns der Eifer, 
bei Nacht und zur Unzeit, in Winkeln, Feldern und 
Büschen zusammen zu kommen. Wie köstlich war 
damals eine Stunde, die man dazu verwenden konnte, 
einander in Gottseligkeit aufzumuntern und zu befes- 


tigen. Wie dürsteten und hungerten damals die Seelen 
nach der göttlichen Speise. Welch einen angenehmen 
Geschmack hatten damals die Worte der Gottseligkeit! 
Man fragte nach keinen künstlichen und ausgezier- 
ten Predigten, sondern der Hunger zehrte alles auf, 
wie er es fand. Damals wurde der Seelenschatz beher- 
zigt, denn die Güter des Leibes konnten wenig Trost 
geben. Damals suchte man vor allen Dingen himmli- 
schen Reichtum, denn was man an irdischen Dingen 
besaß, darin war man sehr unsicher. Wie aber geht 
es jetzt? Die zeitlichen Übungen haben durchgängig 
den Vorzug; man muss zuerst die Ochsen probieren 
und den Acker besichtigenfL/c 14,18), ehe man zur 
himmlischen Hochzeit kommen kann. Die Einfalt ist 
in Pracht und Gepränge verwandelt; die Güter haben 
sich vermehrt, aber die Seele ist arm geworden. Die 
Kleider sind köstlich geworden, aber der inwendige 
Zierrat ist vergangen. 

Die Liebe ist erkaltet und hat abgenommen, die 
Streitigkeiten dagegen haben zugenommen. Meint 
ihr, dass Gott solches stets eben geduldig ansehen 
werde? Hat er Israel nicht verschont, als es von ihm 
wich und David nicht freigelassen, als er sich durch 
Fleischeslust versündigte, hat er Salomo nicht ver- 
schont, als er seine Augen auf fremde Weiber wandte 
und mit ihnen in Abgötterei verfiel und sollte er nun 
diejenigen verschonen, welche durch die Liebe zur 
Welt und Ausübung der Sünden von Ihm abgewichen 
sind? Er hat ja oft Israel einem Tyrannen nach dem an- 
dern unterworfen, damit sie Ihn erkennen lernen und 
sich bessern sollten. Er hat sie als ein Vater gezüch- 
tigt, damit sie ihm nicht mehr, wie zu Elias Zeiten, 
mit halbem Herzen, sondern allein dienen möchten 
(lKön 18,21; 2Chr 25,2). Er hat Amasa, den König Ju- 
da in die Hände seiner Feinde gegeben, weil er Gott 
nicht von ganzem Herzen diente. Prüfe nun einmal, 
wie dein Gemüt bestellt sei; ob dein Herz nicht zer- 
teilt sei; ob du dich nicht bemühst, Christo und der 
Welt zugleich zu dienen, wie kaltsinnig du Gottes 
Wort hörst und betrachtest, weil deine Gedanken in 
der irdischen Eitelkeit verwickelt sind; wie sparsam 
und träge die Werke der Gottseligkeit ausgeübt und 
wie emsig und eifrig du seiest, Geld und Gut zusam- 
men zu schrappen und dich in Wollüsten zu weiden 
(Eph 5,5; 2Tim 6,10). Es ist wahr, du hast zwar die höl- 
zernen und stummen Bilder hinweggeworfen, aber 
prüfe dich einmal, ob der Abgott der Reichtümer und 
des Geizes in deinem Herzen nicht auf gerichtet sei. 
Durchpflüge einmal den tiefsten Grund deines Innern 
und prüfe, wohin deine Neigungen und Begierden ge- 
hen, ob sie hier mit wenigem sich begnügen, ob sie die 
Wolken durchdringen und im Himmel ihren Wandel 
haben oder ob sie mit einer unersättlichen Begierde 



1.1 Vorrede an den Leser. 


31 


die Erde durchwühlen, deinen Reichtum zu vermeh- 
ren suchen und ein Haus und Hof an das andere zie- 
hen; ob Christus im Himmel dein höchster Schatz sei, 
oder ob er hierunter ist, vor welchem Christus seine 
Jünger so ernstlich warnt (Mt 6,17). Willst du hiervon 
eine Probe haben, so betrachte in allen Begebenheiten 
mit Andacht deinen Endzweck und deine Gedanken; 
erwäge einmal, wie sehr du in deinen Reichtum ver- 
liebt seiest, welches große Vertrauen du darauf gesetzt 
habest; wie sehr du mit heidnischer Sorgfalt um das 
Zukünftige bekümmert seiest; wie bange und mutlos 
du seiest, wenn dir mit bösen Zeiten und Unglück 
gedroht wird und wie sicher du lebst, wenn es glück- 
lich von statten geht; wie träge und engherzig dich 
die Liebe zu deinen Gütern macht, wenn du Almo- 
sen austeilst; wie viel Streitigkeiten und Gerichtshän- 
del du lieber führen, als von deinem Rechte abstehen 
und Schaden leiden willst; wie bald deine Freude und 
Nachtruhe dir benommen werden, wenn dich Verlust 
und Unglück treffen; wie viel Zeit dir die irdischen Be- 
trachtungen von deinen gottesdienstlichen Übungen 
benehmen; wie kaltsinnig und geistlos sie dich im Ge- 
bete zurückziehen; wie tief dich der Überfluss deiner 
Schätze in die Wollust versenke; wie sehr du dir selbst 
hierin gefällst und dich über andere erhebst; endlich, 
wie schmerzlich es dir fallen wird, davon zu scheiden 
und mit welchen betrübten Abschiede du sie auf dem 
Sterbebette verlassen müssest. Laß dir (sag ich), die- 
ses zur Prüfung dienen und untersuche dich selbst, 
so wirst du bald finden, wem du am meisten dienst 
und anhängst und wie viel oder wenig du das Fleisch 
mit seinen Lüsten und Begierden gekreuzigt habest 
(Gal 5,24), denn obwohl die auswendigen Verfolgun- 
gen sämtlich aufhören, so ist doch e:n jeder Christ 
zum Streiten und Leiden berufen, es muss ein jeder 
von denen, die Christo nachfolgen, sein Kreuz auf sich 
nehmen (Mt 10,38); es muss ein jeder nicht nach dem 
Fleisch, sondern nach dem Geist leben (Rom 8,1); ein 
jeder muss am Fleische leiden, damit er zu sündigen 
aufhöre (IPt 4,1 ). Findest du, dass die freie Zeit deinen 
Lüsten Freiheit und Raum gegeben habe, so verfolge 
dich selbst, kreuzige und töte dich selbst und opfere 
Gott Seele und Leib auf. In den Zeiten der Verfolgung 
hat man in Worten und Unterredungen erbauliche 
Lehren gegeben, zur Gottseligkeit aufgemuntert, den 
Namen Gottes verherrlicht, einander im Leiden ge- 
tröstet, ermahnt und zur Standhaftigkeit angereizt 
und die ewige Seligkeit angepriesen; forsche einmal 
nach, ob du in dieser Zeit deine Zunge nicht gebraucht 
habest, um leichtfertigen Weltmenschen mit eitlem 
und unnützem Geschwätz zu gefallen; ob du dadurch 
die Gottseligkeit nicht allein nicht befördert habest, 
sondern auch derselben hinderlich und nachteilig ge- 


wesen seiest, ob du deines Nächsten guten Namen 
und Unschuld nicht geschmäht habest und ob dei- 
ne Zunge durch erlogenen Betrug dem Geiz nicht zu 
Diensten gewesen sei. In den Zeiten des Kreuzes hat 
man damit die Zeit zugebracht, dass man sich in gött- 
lichen Dingen geübt, einander getröstet und erbaut. 
Gefangene besucht, mit andächtigen Betrachtungen 
sich zum Leiden zubereitet. 

Überlege nun einmal, wozu du die kostbare Zeit 
anwendest, wie viel du davon in Wollust und Eitelkeit 
verschwendet, wie viel du durch Streit und Zank ver- 
spielt habest und wie viel durch unnötigen Kummer 
und Arbeit verloren gegangen, wie wenig dem Gottes- 
dienst übrig geblieben sei. Sicherlich wirst du finden, 
dass der Mangel der Zuchtrute die Menschen ruchlos 
und verächtlich gemacht habe und dass Fleischeslust, 
Augenlust und Hochmut des Lebens statt der Gottes- 
furcht und Niedrigkeit aufgekommen seien. Aber das 
Gefährlichste unter allen ist, dass wenige sich selbst 
untersuchen, wenige über sich selbst seufzen. Viele 
sind ohne ihr Wissen arm, nackend und blind, wel- 
che mit denen von Laodicäa meinen, dass sie reich 
seien und alles im Überfluss haben (Ojfb 3,17), aber es 
ist ein Reichtum, der Gott nicht gefällt und wodurch 
der geistige Reichtum, welcher in Glaube und Liebe, 
einer lebendigen Hoffnung und einem guten Gewis- 
sen besteht, verzehrt wird. Sieh hier in den Schriften 
der Märtyrer, wie ihr Leben und Leiden beschaffen sei 
und wie standhaft sie gewesen seien. Gott wollte, dass 
die Kinder Israel die Wege ihrer Voreltern und die 
Lehre der Weisheit, die darin verborgen war, betrach- 
ten sollten (5Mo 8,2); denn sie wurden alle, die frühe- 
ren sowohl als die späteren, für einen Leib gerechnet 
(Mi 6,5). Oft wurde durch die Propheten gesagt: »Ich 
habe dich aus Ägypten geführt,« (Hos 11,1) obwohl sol- 
ches ihren Voreltern widerfahren war. Durchforsche 
deine Wege und vergleiche sie mit den ihrigen und 
sehe, ob die Weltliebe deine Augen nicht verblendet 
und von Gott abgezogen habe. Viele, als sie sich der 
Welt nicht bedienen konnten, wandten sich aus Not 
zu Gott, als zu ihrer nächsten Zuflucht; aber da man 
wieder ein wenig Luft schöpfte, fing man wieder an, 
sich nach der Welt zu lenken; die Eltern wurden reich, 
die Kinder eitel und wollüstig, die Welt liebkoste sie, 
auch wurden sie mit der Zeit angesehen und hervor- 
gezogen; die Schmach des Kreuzes verlor sich und 
die Ehre der Welt kam stattdessen auf 0 Und dieses 
ist die Ursache in der ersten Kirche gewesen, warum 
Gott eine grausame Verfolgung zur Zeit des Kaisers 
Diocletian entstehen ließ, damit dadurch seine Kinder 
gezüchtigt werden möchten, die nun wieder anfingen. 


8 Siehe Kirchengeschichte des Eusebius, Buch 8, Kapitel 1 . 


32 


1 An meine geliebten Freunde und Mitgenossen in Christo Jesu, unserm Seligmacher. 


sich mit der gemeinen Welt einzulassen. Damm müs- 
sen wir uns auch dergleichen nicht schuldig machen, 
damit nicht über uns komme, was jenen widerfahren 
ist. Denn in solchen Zeiten hat es niemand härter, als 
derjenige, welcher seine Zeit nicht wohl angewendet 
hat; über denselben wird dann Wehe, Jammer und 
Elend kommen; denen aber, die Gott lieben, dienen 
alle Dinge zum Besten; sie werden in solchem Läute- 
rungsfeuer gereinigt und probiert; darum ist es nötig, 
dass Gott zu Zeiten seine Tenne mit der Wanne reini- 
ge, damit das Unkraut zu deren Verderben nicht die 
Oberhand nehme. Aber wir müssen allein die Güte 
Gottes anrufen, damit er uns väterlich züchtige und 
durch seine Lehre ziehe, auch unsere Herzen und Sin- 
ne zu ihm gerichtet sein lassen wolle, damit wir ein 
göttliches und heiliges Leben führen mögen, in aller 
Liebe, Friedfertigkeit, Freundlichkeit und Barmher- 
zigkeit (Kol 3,15; IPt 4,8); nicht bald über einander 
klagen oder murren (Jak 5,9), sondern in Geduld einer 
des andern Mängel ertragen und dieselben durch gu- 
ten Unterricht verbessern; jedes Ärgernis, jeden Streit, 
jeden Zwiespalt, Trennungen, Sekten und was unleid- 
lichen und verdammlichen Streit erregt, fliehen und 
meiden; nach Frieden streben, was zerbrochen und 
zerfallen, was zerrissen und durch des Teufels List 
und blinden Unverstand zertrennt ist und zu großem 
Ärgernisse und Anstoß vieler in verschiedene Haufen 
zerstreut ist, wieder zu heilen und zur Einigkeit, Ru- 
he und Frieden zu bringen suchen; wenn wir dieses 
tun, so werden wir Ursache geben, dass Gott wird mit 
seinem Segen bei uns wohnen. 

Unterdessen lasst uns Gott beständig anhangen, 
stets um Vermehrung der Weisheit und göttlichen Er- 
kenntnis bitten, und durch Geduld in dem Kampfe 
laufen, der uns verordnet ist und auf Jesum sehen, 
den Anfänger und Vollender des Glaubens (Hebr 12,1— 
2); denn derjenige Streit liegt uns noch jetzt allen ob, 
den David zu seiner Zeit hatte, den Hiob hatte, den 
alle Propheten hatten, den Christus und seine Apostel 
nebst allen frommen Nachfolgern in der ersten Kirche 
hatten, gleichwie auch vor und in unserer Zeit. Sie 
haben alle die Welt überwinden müssen, so auch wir; 
sie haben alle sich selbst verleugnen müssen, so auch 
wir; es ist einerlei Krone zu gewinnen und ein einiges 
Reich zu ererben. Die Zeiten sind auch alle gleich, das 
ungleiche Leben aber macht sie ungleich; aber zuletzt 
muss doch jede Ungleichheit in der Gleichheit Gottes 
zerschmelzen (Hebr 12,27). Damit nun Christus die 
Seinen dieser Gleichheit und Einigkeit teilhaftig ma- 
chen möge, hat er gebetet, dass sie in ihm und dem 
Vater eins sein möchten (Joh 17 ,20). Dessen haben sich 
auch die Apostel allein beflissen; hierzu, als zu dem 
ewigen und höchsten Schatze, haben sie einen jeden 


angemahnt: »Denn in Christo gilt weder Beschneidung 
noch Vorhaut etivas, sondern eine neue Kreatur, und wie- 
viel nach dieser Regel einhergehen, über die sei Friede und 
über dem Israel Gottes, Amen.« (Gal 6,15-16) 
Geschrieben aus Liebe zur Erbauung und Besse- 
rung. 

1.2 Über die heiligen Märtyrer des 
neuen Bundes. 

An alle zugeneigten Taufgesinnten und wehrlose 
Christen. 

Rechtgläubige, die ihr, dem Lamme nachzugehen, 
ln Herzensniedrigkeit und Demut euch verpflicht ’t, 
Die ihr auf Golgatha, wo viele Dornen stehen, 

Zur Zeit der Angst und Not den Wandel habt gericht't; 
Steht still und schauet an des Jammers Eiterschwären, 
Wie vieles Ach und Weh es einem Christen bringt, 
Wenn seine Seele sich zu Christo sucht zu kehren, 

Und durch des Glaubens Kraft ins ezv'ge Leben dringt. 

Seht eure Brüder an, die hin und wieder wandern, 

Um Christi teuern Nam', mit Kummer, Angst und Pein. 
Sie irren in der Wüst' von einen Ort zum andern. 

Als die von Weib und Kindern ganz verlassen sein. 
Seht, wie sie nirgendswo, als Landsverwies' ne wohnen, 
Dieweil das Bürgerrecht man ihnen abgesagt, 

Auch sie mit Feuer, Rad und Galgen sucht zu lohnen, 
Und was zu ihrem Tod der Feind je hat erdacht. 

Doch lasset darum nicht der Liebe Feuer dämpfen, 
Obschon viel Kreuz und Schmach aus Norden wird 



Man sollte desto mehr um' s ewige Leben kämpfen. 
Und dem vertrauen, der uns unterstützt und trägt. 
Denn wie die Lilien und Rosen öfters grilnenjPj 
Wenn sie mit Dornen sind umgeben allzumal, 

So muß es gleicher Weis' den Auserwählten dienen. 
Wenn sie beleget sind mit Schmerzen ohne Zahl. 
Und ob ein Weib auch würd' so ganz und gar erkalten. 

Daß sie vergäße gar ihr Kind und ein' gen Sohn, 

So wird uns gleichwohl Gott bei seiner Treu erhalten. 
Denn Er ist unser Lohn und Schatz und Ehrenkron'. 
Denn was hier herrlich heißt und ist von großer Würde, 
Ja, selbst das Beste, was ein Mensch hier haben mag. 
Sanftmütige! ist dem zur Last und schweren Bürde, 
Der hier der Tugend Bahn von Herzen folget nach. 
Auch selbst der Sohn, den Gott von Ezvigkeit ersehen. 

Daß Er ein Erbe sei und Herr der ganzen Welt, 
Mußt', mit viel Schmach bekleid't, mit Dorn gekrönet, 
gehen, 

9 Hl 4,16 
10 H12 


1.3 An meinen Bruder Thielem. }. von Braght: 


33 


Und ward von seinem Volk zum Schauspiel dargestellt. 
Er selbst ging vor euch her und hat sehr viel erlitten , 

Ja, hat geschmeckt am Kreuz den sehr verfluchten Tod, 
D'rum folgt im Marterweg getreulich Seinen Tritten 
Und achtet nur gering das Leiden, Druck und Not, 
Denn wenn ihr werdet hier als Helden überwinden, 
Die Schmach der eiteln Welt, samt ihrer Siind' und Lust, 
So wird man endlich euch bei der Gesellschaft finden^] 
Der nichts als Freude ist und Seligkeit bewußt. 

Wenn Gott sie insgesamt mit vielen Siegesfreuden, 
Mit Reichtum, Pracht, und Ehr’ und großer Herrlichkeit, 
Wird in das Himmelszelt zur sei' gen Ruh’ Anleiten, 
Woselbsten ihnen ist der Gnadenlohn bereift. 

Weil sie sich insgesamt der eitlen Welt entzogen, 

Und ihren Glauben selbst versiegelt mit dem Blut. 
Dies ist der feste Grund, hier werd't ihr nicht betrogen, 
Es folgt darauf gewiß das ewig bleibend Gut, 
Darum lehr ' uns, o Herr! uns stets und fleißig üben. 
Nach deinem neuen Bund in deiner reinen Lehr', 

Daß wir bis in den Tod dich unverändert lieben, 

Und uns die kurze Freud des Lebens nicht betör’. 
Denn was ist Wohl so schwer, als ewig sein geschieden 
Von Dir und Deiner Gunst und Deinem Gnadenthron. 
D'rum stärk' inwendig uns, vermehre unsern Frieden, 
Mach' unsern Glauben stark, sei unser Schild und Lohn. 
Behüte auch dabei vor dunkeln Trauerzeiten 
Die Hochvermögenden vom freien Niederlande 
Die da der Höllen Wut und auch der Christen Leiden 
Nicht dulden, reiche uns doch Deine Friedenshand, 
Damit wir alle doch, als wahre Christenreben, 

Der Freiheit edle Frucht hier unter ihrer Hand 
Genießen, und dabei Dir Preis und Ehre geben, 
Damit Dein herrlich Reich an uns werd' recht erkannt. 
Was ich begehre, ist nicht sterblich. 

Als Zions Mauern dort im Staub und Asche lagen, 
Uns Israels Geschlecht, das doch schon früher war, 
Dem besten Golde gleich, durchläutert, hell und klar, 

Im Blut sich wälzete, vom Feind sehr hart geschlagen, 
Hat Jeremias bald dies alles Wohl erwogen (Klagl. 1,1); 
Das Trailern samt der Reu' hat sein Gebein bewegt, 
Daß er mit Tränen sich in Staub und Asch’ gelegt, 
Weil ihre Feinde so das ganze Land durchzogen. 
Friedliebende, auf die dies blut'ge Schauspiel zielt, 

Das in der Kirche man zuvor hat oft gespielt; 

Wer wollte nicht zum Herrn mit Herz und Händen flehen; 

Ach, laß die dunkle Wölk' doch bald vorüber gehen. 
Doch ivird der Christen Glaub ' und Hoffnung hier erkannt, 
Wenn's Herz bleibt unverzagt im Würgen, Mord und 
Brand. 

Der Gerechte wird seines Glaubens leben. 


1.3 An meinen Bruder Thielem. J. 
von Braght: 

Gleichwie dort David, als von obenher getrieben, 

Da Zion war bedeckt mit einer Todesnacht, 

Sein Saitenspiel ergriff und Psalmen hat gemacht, 
Darinnen er sein Leid und Herzensreu' beschrieben; 

So sah ich auch aus Dir den Feuereifer fahren, 

Als du der Zeugen Ruhm hast an das Licht gebracht 
Und in der Todesnot dies Wort zu Dir gesagt: 

Dein End ' ist nah. Du kannst die Müh und Eifer sparen. 
Doch hat dein steter Fleiß und Eifer Dich getrieben, 
Daß, da dein schwacher Leib erkrankt darnieder lag, 
Dies blut’ge Opferwerk Du hast gebracht an Tag 
Und es mit vieler Müh' zum Dienst der Kirch’ beschrieben. 
D'rum alle, die ihr euch der teuern Lehr' ergeben, 

Die uns durch Christum ist von oben offenbart, 

Folgt Seinem Wandel nach, den Glauben rein bewahrt, 
Und lernt aus diesem Buch’ nach wahrer Tugend streben. 
P. v. Braght 


u Offb 3,5 



2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an 


Hans Koch und Leonhard Meister 

Hans Koch und Leonhard Meister, ihrer Herkunft 
nach Waldenser, und zwar keine der geringsten un- 
ter ihnen, waren zwei fromme Männer, wie solches 
daraus erhellt, dass sie die christliche Wahrheit, die 
sie eifrig verteidigten, mehr liebten als ihr eigenes Le- 
ben, weshalb sie beide zu Augsburg um der Wahrheit 
des heiligen Evangeliums willen im Jahre 1524 getötet 
worden sind. 

Hiervon werden in der heiligen Taufsgeschichte des 
Jacob Mehrning die Worte gelesen: 

»Aus den böhmischen und mährischen alt- 
waldensischen Brüdern sind später einige vortreffli- 
che Männer hervorgegangen, wohin namentlich Hans 
Koch und Leonhard Meister gehören, welche im Jahre 
... zu Augsburg getötet worden sind.« Taufsgeschich- 
te, gedruckt 1646 und 1647, Pag. 748. 

Diese beiden haben vor ihrem Tode Gott den Herrn 
ernstlich angerufen und gebeten und haben dieses ihr 
Gebet, worin sie die Ursache ihres Leidens angeführt, 
ihren Glaubensgenossen und allen Nachkömmlingen 
zum Tröste und zur Vermahnung hinterlassen. 

O Gott! Siehe nun von deinem hohen Throne das 
Elend deiner Knechte an, wie sie der Feind verfolgt, 
weil sie sich vornehmen den schmalen Weg zu betre- 
ten wie grausam sie auch verschmäht werden. Wer 
dich kennen lernt und sich an dein Wort festhält, der 
wird von ihnen verachtet und geschmäht. O Gott 
vom Himmel! Wir haben sämtlich vor dir gesündigt 
(Ps 106,6; Dan 9,5), darum strafe uns doch in Gnaden, 
wir bitten dich, laß uns deine Gnade genießen, dass 
durch uns deine Ehre vor dieser Welt nicht gelästert 
werde, die nun Willens ist, dein Wort zu vertilgen. 
Denn wir hätten wohl bei ihr guten Frieden, wenn 
wir deinen heiligen Namen nicht erkennten und nicht 
an deinen Sohn glaubten, dass er doch für uns am 
Stamme des Kreuzes für uns genug getan habe, wie 
auch, dass er unsere Sünden getragen und für unsere 
Schuld bezahlt habe (IPt 2,24). Der Feind hat keine an- 
dere Ursache, uns mit solcher Wut zu versuchen, wie 
er täglich tut, als weil wir seinen Willen nicht vollbrin- 
gen wollen, sondern dich, o Gott, in unserem Herzen 
lieben (Mt 22,37), welches weder der Satan noch sein 
Anhang ertragen kann. Darum peinigen sie uns mit 
aller Gewalt und verursachen uns viel Trübsal. Es ist 
also das unsere Missetat, weshalb uns der Feind so 


hart zusetzt, dass wir unsere Hoffnung allein auf dich, 
auf deinen lieben Sohn Jesum Christum und auf den 
Heiligen Geist setzen; darum müssen wir Schmach 
leiden, weil wir uns nicht gegen dich setzen (IPt 4); 
wenn wir uns aber zur Abgötterei begeben würden, 
allerlei Bosheit ausübten und damit umgingen, so 
würden sie uns sicher, ruhig und unbeschädigt woh- 
nen lassen. Darum, o Herr, nimm für uns die Waffen 
in die Hand und richte alle diejenigen, welche dei- 
ne Gewalt und Macht nicht achten; würden wir dein 
Wort leugnen, so würde uns der Antichrist nicht has- 
sen, ja wenn wir seiner lügenhaften Lehre glaubten, 
seinen Irrtümern folgten und mit der Welt auf den 
breiten Weg gingen, so würde sie uns günstig sein; da 
wir aber dir nachzufolgen suchen, so werden wir von 
der Welt gehaßt und verlassen (Mt 7,13). Wenngleich 
uns aber der Feind peinigt, so geschieht doch dieses 
nicht uns allein, sondern es ist Christo, unserem Se- 
ligmacher, auch geschehen (IPt 4,1); denn sie haben 
auch ihm zuerst viel Schmach und Leiden angetan 
(Jes 53; Mt 27; Lk 24,26; Joh 15,18; ljoh 3,13) und so ist 
es auch allen ergangen, die ihm anhingen und an sein 
Wort glaubten. Darum sagt Christus selbst: »Verwun- 
dert euch nicht, dass die Welt euch hasst, denn sie hat mich 
zuerst gehasst; sie haben meine Worte nicht angenommen, 
und sie werden auch eure Worte nicht annehmen; haben sie 
mich verfolgt, so werden sie auch euch verfolgen, und wenn 
euch das alles widerfährt, so freuet euch und springt auf 
vor Freuden; denn euer Lohn ivird groß sein im Himmel.« 
Ferner tröstet uns Christus durch den Mund seiner 
lieben Apostel, indem er sagt: So wir mit ihm leiden, 
so werden wir uns auch mit ihm freuen, regieren in 
der ewigen Freude (Röm 8,17; 2Tim 2,12). Was liegt 
denn daran, wenn wir hier eine kleine Zeit verspottet 
und verschmäht werden, während uns Gott die ewige 
Wonne und Seligkeit zusagt; o Herr! Du siehst und 
hörst den Spott, die Schmach und das Leiden, welches 
man deinen Kindern antut, du kennst auch ihr gerin- 
ges und schwaches Vermögen; darum bitten wir dich, 
o Gott, schütze doch deine Ehre selbst und heilige 
doch deinen Namen, der nun von allen denen, die auf 
Erden sind, sowohl von Hohen als von Niedrigen, so 
abscheulich gelästert wird, erzeige deine Kraft, damit 
die Feinde deine göttliche Kraft merken und verste- 
hen und sich schämen lernen. O Herr, Gott! Erbarme 
dich doch über deine armen Schafe, die zerstreut sind 
und keinen rechten Hirten mehr haben, der sie ferner- 



36 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


hin unterrichte; sende ihnen deinen Heiligen Geist, 
der sie mit deiner Gnade speise und sättige, damit 
sie bis an ihr Ende keiner fremden Stimme gehorchen 
(Joh 10,5). O Gott! In deiner hohen Majestät erhöre 
gnädigst unsere Bitte, während wir nun in großer An- 
fechtung und im Streite sind und verlasse uns nicht; 
gib, dass wir durch Christum, deinen Sohn, unserem 
Herzog, beständig alles erdulden, welchem Ehre sei 
und der den Satan mit seinem ganzen Heere überwin- 
den kann. Gelobt sei sein heiliger Name, Amen. 

Kaspar Tauber, 1524. 

Im Jahre 1524 ist Kaspar Tauber, ein Kaufmann und 
Bürger zu Wien in Österreich, um des christlichen 
Glaubens willen gefangen genommen worden, und 
als er Christum getreulich und standhaft bekannte 
und nicht abweichen wollte, ist derselbe zum Tode 
verurteilt und verbrannt worden. 

Von einem gewissen Befehle, welchen die von 
Zürich gegen die Taufgesinnten, gegeben im Jahre 

1525, erlassen haben. 

Damals haben nicht nur die Papisten, sondern auch 
die sogenannten Zwinglisch-Reformierten in der 
Stadt Zürich ihre Hände an die unschuldigen und 
wehrlosen Schäflein Christi gelegt. Doch so viel uns 
bekannt ist, haben sie keine Todesstrafe an ihnen voll- 
zogen, sondern sich damit begnügt, sie in schwere 
Gefangenschaft zu legen, bis endlich, wie man leicht 
denken kann, der Tod darauf erfolgt ist. 

Um aber wissen zu lassen, wie man von der Zeit 
an und fernerhin sich hierin verhalten sollte, hat die 
Obrigkeit dieser Stadt unter anderem verordnet, wie 
folgt: 

»Darum verordnen wir und wollen, dass künftig 
alle Männer, Weiber, Knaben und Mägdlein von der 
Wiedertaufe ablassen und dieselbe nach dieser Zeit 
nicht mehr gebrauchen, sondern dass sie die jungen 
Kindlein taufen lassen sollen, denn wer wider diesen 
öffentlichen Befehl handeln wird, soll, so oft als es 
geschieht, um eine Mark Silbers gestraft werden, und 
falls sich einige ungehorsam und widerspenstig da- 
gegen betragen würden, so soll mit diesen nach der 
Schärfe gehandelt werden; indem wir die Gehorsa- 
men beschützen, dagegen aber den Ungehorsamen, 
seinen Verdiensten nach, strafen wollen, ohne ihm 
etwas nachzusehen, wonach sich ein jeder zu richten 
hat.« 

»Und dieses alles bestätigen wir mit diesem öffent- 
lichen Briefe, mit unserem Stadtsiegel versiegelt und 
gegeben auf Andreastag, im Jahre 1525.« 


Vergleiche das 16. Buch von dem Untergange der 
Tyrannen und den jährlichen Geschichten, gedruckt 
1617, auf das Jahr 1525, Pag. 1010, Col. 2, mit Henr. Bai. 
gegen die Wiedertäufer, Buch 1, Cap. 569; ferner den 
öffentlichen Brief des Rates zu Zürich, herausgegeben 
im Jahre 1525. 

Als dieser Befehl ausgefertigt wurde, war die 
Zwinglische Kirche ungefähr fünf Jahre alt und war 
selbst dem Hasse und der Verfolgung der Papisten 
unterworfen. In der Tat eine jämmerliche Sache, dass 
solche Leute, die sich nicht lange zuvor von dem Sau- 
erteige des Papsttums in vielen Stücken gereinigt hat- 
ten und der Tyrannei des Papstes entgegen waren, 
gleichwohl in diesem Stück es mit den Papisten hiel- 
ten, so dass sie diejenigen, welche im Glauben mit 
ihnen nicht übereinstimmten, verfolgten. 

Aber es wäre noch gut gewesen, wenn sie es nur bei 
diesem Befehle belassen hätten, denn man konnte das 
erste Mal mit einer Mark Silbers sich loskaufen, wenn 
man ein Kind nicht taufen ließ. Aber dabei ist es nicht 
geblieben; denn einige Jahre später und insbesondere 
1530, als sie mehr Mut bekamen, wurde von ihnen 
beschlossen, dass man die sogenannten Wiedertäufer 
mit dem Tode strafen sollte, was wir betreffenden 
Ortes berichten wollen. 

Felix Mantz, 1526. 

Felix Mantz hat gleichfalls in Deutschland an der Ver- 
besserung des Glaubens mit gutem Erfolge gearbeitet. 
Als er aber die erkannte Wahrheit des Evangeliums 
mit großem Eifer belebte, lehrte und predigte, so ist 
er von seinen Widersachern beneidet, angeklagt, ge- 
fangengenommen und endlich zu Zürich, als ein Zeu- 
ge des Leidens Christi, um der evangelischen Wahr- 
heit willen ertränkt worden. Dies ist im Jahre unseres 
Herrn 1526 geschehen, und hat derselbe seinen Mit- 
brüdern zum Tröste und zur Ermahnung das Nach- 
folgende hinterlassen: 

Mein Herz erfreuet sich in Gott, der mir viel Er- 
kenntnis gegeben und beigelegt hat, damit ich dem 
ewigen, unendlichen Tode entgehen möge. Darum 
preise ich dich, o Herr Christus vom Himmel, dass 
du meinen Kummer und meine Betrübnis abwendest; 
diesen Heiland hat mir Gott als ein Vorbild und als 
ein Licht gesandt, der mich noch vor meinem Ende zu 
seinem himmlischen Königreiche berufen, damit ich 
mit ihm die ewige Freude genieße und ihn samt seiner 
Gerechtigkeit lieben sollte, welche hier und dort in der 
Ewigkeit bestehen wird, ohne welche kein Ding hilft 
oder besteht; darum werden so viele Menschen durch 
eine leere Meinung betrogen, welche diese in der Tat 
nicht haben. Aber ach, wie viele Menschen findet man 



37 


heutzutage, welche sich des Evangeliums rühmen, 
wovon sie andern vieles lehren und verkündigen, die 
aber gleichwohl voll Hass und Neid sind und keine 
göttliche Liebe in sich tragen (Joh 5,42), welcher Be- 
trug vor aller Welt bekannt werden wird, gleichwie 
wir in den letzten Tagen erfahren haben, wie diejeni- 
gen, welche in Schafskleidern zu uns kommen, aber 
reißende Wölfe sind (Mt 7), welche in der Welt die 
Frommen hassen und ihnen den Weg zum Leben und 
zum rechten Schafstalle versperren. Solches tun die 
falschen Propheten und Heuchler dieser Welt, die mit 
eben demselben Munde fluchen und auch zugleich 
bitten; deren Leben unordentlich ist; die die Obrigkeit 
anrufen, dass sie uns töten solle, womit sie das Wesen 
Christi vernichten (2Th 3,2). Aber ich will den Herrn 
Christum preisen, welcher viel Geduld mit uns hat; 
er unterweiset uns mit seiner göttlichen Gnade, er 
erzeigt allen Menschen Liebe nach der Art Gottes, sei- 
nes himmlischen Vaters, was keiner von den falschen 
Propheten tun kann. 

Hierauf müssen wir den Unterschied wahrneh- 
men, denn die Schafe Christi suchen die Ehre Gottes 
(Joh 10,2), diese erwählen sie und lassen sich davon 
weder durch Habe noch zeitliches Vermögen abhalten, 
denn sie stehen unter dem Schutze Christi. Der Herr 
Christus zwingt niemanden zu seiner Herrlichkeit, 
sondern nur diejenigen, die willig und bereit sind, 
gelangen dazu durch den wahren Glauben und die 
Taufe. Wenn ein Mensch rechtschaffene Früchte der 
Buße wirkt (Apg 2,38), so ist ihm der Himmel der ewi- 
gen Freude aus Gnaden durch Christum, durch sein 
unschuldiges Blutvergießen erkauft worden, welches 
er gern vergossen hat. Dann beweist er uns seine Liebe 
und teilt uns die Kraft seines Geistes mit; und wer die- 
selbe empfängt und ausübt, der wächst und wird voll- 
kommen in Gott. Die Liebe durch Christum soll allein 
gelten und bestehen, aber nicht das Pochen, Schelten 
und Drohen. Nichts als die Liebe ist es, woran Gott 
ein Wohlgefallen hat; wer die Liebe nicht beweisen 
kann, der findet bei Gott keinen Raum. Die lautere 
Liebe Christi wird hier den Feind vertreiben. Wer ein 
Miterbe Christi sein will, dem wird auch vorgelegt, 
dass er barmherzig sein müsse (Lk 6,36), gleichwie 
der himmlische Vater barmherzig ist. Christus hat 
niemals jemanden angeklagt, gleichwie die falschen 
Lehrer zu dieser Zeit tun, woraus hervorgeht, dass 
sie die Liebe Christi nicht haben und sein Wort nicht 
verstehen; gleichwohl wollen sie Hirten und Lehrer 
sein; aber endlich werden sie verzagen müssen, wenn 
sie es gewahr werden, dass die ewige Pein ihr Lohn 
sein wird, wenn sie sich nicht bessern. Christus hat 
niemals jemanden gehasst; deswegen hassen seine 
rechten Diener auch niemanden und folgen dadurch 


Christo auf dem rechten Wege nach, auf welchem er 
vorangegangen ist. Dieses Licht des Lebens haben sie 
vor sich und freuen sich, darin zu wandeln (Joh 8,12). 
Diejenigen aber, welche gehässig und neidisch sind, 
können keine Christen sein; die auf boshafte Weise 
verraten, anklagen, schlagen und zanken. Dieses sind 
diejenigen, die als Diebe und Mörder Christo vorlau- 
fen (Joh 10,1), die unter einem falschen Schein unschul- 
diges Blut vergießen, denn daran kann man sie erken- 
nen, die es nicht mit Christo halten; denn sie zerstören 
aus Neid die Ordnung Jesu Christi, als Belials Kinder, 
gleichwie auch Kain seinem Bruder Abel getan hat 
(IMo 4,8), als Gott sich zu Abels Opfer kehrte. Hiermit 
will ich meine Vorstellung endigen und begehre von 
allen Frommen, dass sie an den Fall Adams denken 
(IMo 3,8), welcher den Rat der Schlange angenommen 
hat und Gott ungehorsam geworden ist, weshalb ihm 
die Todesstrafe folgte. In gleicher Weise wird es denen 
auch ergehen, die Christum nicht annehmen, sondern 
sich ihm widersetzen; die diese Welt lieben und keine 
Liebe zu Gott haben (Joh 5,42 ; ljoh 2,15) und deshalb 
schließe ich hiermit, dass ich standhaft bei Christo 
bleibe und auf ihn trauen will, der alle meine Not 
kennt und mich daraus erretten kann, Amen. 

Georg Wagner, 1527. 

Georg Wagner von Emmerich ist zu München im 
Bayerlande, wegen vier Glaubensartikeln gefänglich 
eingezogen worden. Sie bestehen in Folgendem: Erst- 
lich, dass die Pfaffen den Menschen die Sünden nicht 
vergeben könnten (Mt 6,12); zweitens, dass er nicht 
glaube, dass ein Mensch Gott vom Himmel brin- 
gen möge (Jes 66,1); drittens, dass er nicht glaube, 
dass Gott oder Christus leiblicher Weise im Brot sei 
(Apg 1,11), welches der Pfaffe vor dem Altar hat, son- 
dern, dass es ein Brot des Herrn sei; viertens, dass er 
nichts von dem Glauben halte, dass die Wassertau- 
fe selig mache (IPt 3,21). Weil er nun diese Artikel 
nicht widerrufen wollte, so ist er scharf gepeinigt wor- 
den, so dass auch der Fürst mit ihm großes Mitleiden 
gehabt, auch selbst persönlich zu ihm ins Gefängnis 
gekommen ist und ihn fleißig zum Widerruf ermahnt 
und ihm in diesem Fall verheißen hat, dass er ihn 
stets seinen Freund nennen wollte. Desgleichen hat 
ihn auch des Fürsten Hofmeister ernstlich zum Wi- 
derruf ermahnt und ihm viele Verheißungen getan. 
Zuletzt hat man ihm im Gefängnis sein Weib und 
Kind vor Augen gestellt, um ihn zum Widerruf zu be- 
wegen, aber er hat sich dadurch nicht bewegen lassen, 
sondern gesagt: Obgleich ihm sein Weib und Kind lieb 
wären, dass auch der Fürst mit seinem ganzen Lan- 
de sie ihm nicht abkaufen könnte, so wollte er doch 



38 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


um deswillen seinen Herrn und Gott nicht verlassen. 
Außerdem sind auch viele Pfaffen und auch ande- 
re zu ihm gekommen, um ihn zu überreden; aber er 
war standhaft und imbeweglich in demjenigen, was 
Gott ihm zu erkennen gegeben hat. So ist er denn 
endlich zum Feuer und zum Tode verurteilt worden. 
Als er nun dem Scharfrichter übergeben war und mit- 
ten in die Stadt geführt wurde, sprach er: Heute will 
ich meinen Gott, für Christus Jesus bekennen, dass 
eine solche Freude in aller Welt ist. Sein Angesicht 
ist nicht erblasst, auch haben sich seine Augen nicht 
verändert; er ist mit lächelndem Munde zum Feuer 
gegangen, worauf ihn der Scharfrichter an eine Leiter 
gebunden und ihm ein Säcklein Schießpulver an den 
Hals gehängt hat, zu welchem er sprach, das geschehe 
im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen 
Geistes; und als er mm mit lächelndem Munde von 
einem Christen Abschied genommen, so ist er von 
dem Scharfrichter ins Feuer gesteckt worden und hat 
seinen Geist, den 8. Tag des Februar im Jahre 1527, auf- 
geopfert. Als aber der Landrichter mit dem Zunamen 
der Eisenreich von Landsberg, von dem Richtplatz 
nach Hause ritt und des Willens war, seiner Glaubens- 
genossen noch mehrere zu fangen, ist er plötzlich in 
derselben Nacht gestorben und des Morgens im Bett 
tot gefunden und folglich durch den Zorn Gottes aus 
dieser Welt genommen worden. 

Baltazar Pacimontanus, 1527. 

Es ist bekannt, dass Baltazar Pacimontanus der Kin- 
dertaufe widersprochen habe und um deswillen im 
Jahre 1527 zu Wien verbrannt worden sei. Siehe im 
2. Teil der Taufsgesch. Jac. Mehrn., gedruckt 1646 und 
1647, Pag. 777, aus Bellarm. Tom. 9, Buch 1, von der 
Taufe, Cap. 8. 

Melchior Vet. 

Dieser Melchior Vet ist des Georg Blaurocks Mitgesel- 
le gewesen, welcher gleichen Glauben mit ihm hatte; 
derselbe ist zu Michael Sattlers Zeit um des Zeugnis- 
ses des Glaubens und der göttlichen Wahrheit willen, 
welche er ohne Scheu bekannte, zu Drache öffentlich 
verbrannt worden. 

Michael Sattler, 1527. 

Nachdem auf den Tag seines Abschiedes aus dieser 
Welt vieles verhandelt wurde und der Artikel viele 


waren, so begehrte Michael SattlerQ dass man ihm 
solches noch einmal vorlegen und ihn aufs Neue dar- 
über verhören sollte. Dagegen hat sich der Schultheiß, 
als seines Herrn Statthalter, opponiert und es nicht 
zugeben wollen. Hierauf hat Michael Sattler ein Ge- 
spräch begehrt. Als nun die Richter sich hierüber be- 
ratschlagten, so haben sie ihm zur Antwort gegeben: 
Die Richter seien damit wohl zufrieden, insofern es 
seine Widersacher zulassen würden. Hierauf hat der 
Stadtschreiber von Ensisheim, des erwähnten Statthal- 
ters Advokat, folgendes gesagt: Vorsichtige, ehrsame 
und weise, Herren! Er hat sich des Heiligen Geistes 
gerühmt; wenn dem nun so ist, so halte ich ein Ge- 
spräch nicht für nötig, denn wenn er den Heiligen 
Geist hat, wie er sich dessen rühmt, so wird derselbe 
es ihm wohl sagen, was da verhandelt worden sei. 
Hierauf hat Michael Sattler geantwortet: Ihr Diener 
Gottes (Weish 6,4; Rom 13,4), ich hoffe, es wird mir sol- 
ches nicht abgeschlagen werden; denn die fraglichen 
Artikel sind mir jetzt unbekannt. Der Stadtschreiber 
antwortete: Vorsichtige, ehrsame und weise Herren! 
Obgleich wir nicht schuldig sind, ihm solches zu tun, 
so wollen wir es ihm gewähren, damit in seiner Ket- 
zerei nicht gesagt werden möge, es sei ihm Unrecht 
geschehen oder man habe ihm zu viel getan; darum 
wollen wir die Artikel abermals vorlesen. 

Die Artikel bestehen darin: Erstens, dass er und 
seine Anhänger gegen des Kaisers Gebot gehandelt 
haben. 

Zweitens hat er gelehrt, behauptet und geglaubt, 
dass in dem Sakramente der Leib und das Blut Christi 
nicht enthalten sei. 

Drittens hat er gelehrt und geglaubt, dass die Kin- 
dertaufe zur Seligkeit nicht erforderlich sei. 

Viertens hat er das Sakrament des Öls verworfen. 

Fünftens hat er die Mutter Gottes und die Heiligen 
verachtet und geschmäht. 

Sechstens hat er gesagt, man soll vor der Obrigkeit 
nicht schwören. 

Siebtens hat er einen neuen unerhörten Gebrauch 
mit des Herrn Abendmahl angefangen, indem er Brot 
und Wein in eine Schüssel gelegt und dasselbe ausge- 
gessen hat. 

Achtens ist er aus dem Orden gegangen und hat 
ein Weib geehelicht. 

Neuntens hat er gesagt, wenn der Türke ins Land 
käme, so sollte man ihm keinen Widerstand leisten 
und wenn das Kriegführen recht wäre, so wollte er lie- 
ber gegen die Christen zu Felde ziehen als gegen die 

dieser ist gleichfalls einer von den waldensischen Brüdern gewe- 
sen, wie es Jacob Mehrning beschreibt, Taufgeschichte, 2. Teil in 

der hochdeutschen Auflage, gedruckt zu Dortmund 1646, 1647, 

Pag. 748. 


39 


Türken, was aber eine wichtige Sache ist, den größten 
Feind unseres heiligen Glaubens gegen uns herbeizu- 
ziehen. 

Hierauf hat Michael Sattler mit seinen Brüdern und 
Schwestern zu reden verlangt, was ihm auch zuge- 
standen worden ist. Als er nun in der Kürze sich 
mit ihnen unterredet hatte, hat er angefangen, uner- 
schrocken so zu antworten: Auf diese Artikel, welche 
mich und meine Brüder und Schwestern betreffen, 
vernehmt folgenden kurzen Bescheid: 

Erstens, dass wir gegen den kaiserlichen Befehl ge- 
handelt haben sollten, gestehen wir nicht zu, denn 
derselbe hält in sich, dass man nicht der lutherischen 
Lehre und Verführung, sondern nur dem Evangelium 
und Worte Gottes anhangen soll; solches haben wir 
gehalten, denn es ist mir nicht bewusst, dass wir ge- 
gen das Evangelium und das Wort Gottes gehandelt 
haben sollten; ich berufe mich in dieser Beziehung auf 
die Worte Christi. 

Zweitens, dass der wesentliche Leib des Herrn 
Christi nicht im Sakramente sei, gestehen wir, denn 
die Schrift sagt: Christus ist aufgefahren gen Himmel 
(Apg 1,9), sitzet zur rechten Hand seines himmlischen 
Vaters, von da er kommen wird zu richten die Leben- 
digen und die Toten (2 Tim 4,1); daraus folgt, dass er 
nicht in leiblicher Weise gegessen werden könne, weil 
er im Himmel und nicht im Brote ist. 

Drittens, was die Taufe betrifft, so sagen wir, dass 
die Kindertaufe zur Seligkeit nichts nütze, denn es 
steht geschrieben, dass wir allein aus dem Glauben 
leben (Rom 1,17); desgleichen, wer glaubt und getauft 
wird, der wird selig werden (Mk 16,16). So sagt Petrus: 
»Welches euch nun auch selig macht in der Taufe, die durch 
jenes bedeutet ist, nicht das Abtun des Unflats am Fleische, 
sondern der Bund eines guten Gewissens mit Gott durch 
die Auferstehung Christi.« (IPt 3,21) 

Viertens wir haben das Öl nicht verworfen, denn es 
ist ein Geschöpf Gottes; was aber Gott gemacht hat, ist 
gut und nicht verwerflich (IMo 1,31; lTim 4,4); dass es 
aber der Papst, nebst seinen Bischöfen, Mönchen und 
Pfaffen haben besser machen wollen, davon halten 
wir nichts, denn der Papst hat niemals etwas Gutes 
gemacht. Dasjenige aber, dessen der Sendbrief des 
Jakobus gedenkt (Jak 5,14), ist nicht des Papstes Öl. 

Fünftens, wir haben die Mutter Gottes und die Hei- 
ligen niemals geschmäht, sondern man soll die Mutter 
Christi über alle Frauen rühmen, indem ihr die Gnade 
widerfahren ist, dass sie den Seligmacher der Welt 
geboren hat (Lk 1,31; Mt 1,21); dass sie aber die Mitt- 
lerin oder Fürsprecherin sein soll, davon weiß die 
Schrift nichts (lTim 2,5), denn sie muss mit uns das 
Urteil erwarten. Paulus sagt zu Timotheus: Christus 
ist unser Mittler und Fürsprecher bei Gott. Was die 


Heiligen betrifft, so sagen wir, dass wir, die wir leben 
und glauben, die Heiligen seien; solches bezeuge ich 
mit den Sendbriefen des Paulus an die Römer, Ko- 
rinther (IKor 1,2), Epheser (Eph 1,1) und an andern 
Orten schreibt er stets: den geliebten Heiligen. Darum 
sind wir, die da glauben, die Heiligen, diejenigen aber, 
welche im Glauben gestorben sind, halten wir für die 
Seligen (Offb 14,13). 

Sechstens halten wir dafür, dass man vor der Ob- 
rigkeit nicht schwören soll (Mt 5,34; Jak 5,12), denn 
der Herr sagt: Ihr sollt aller Dinge nicht schwören, 
sondern eure Worte seien: Ja, ja. Nein, nein. 

Siebtens, als mich Gott berief, sein Wort zu verkün- 
digen und ich Paulus las, dabei aber den unchristli- 
chen und gefährlichen Stand, worin ich mich befand, 
überlegte und der Mönche und Pfaffen Pracht, Hoff- 
art, Wucher und große Hurerei ansah, so habe ich 
solches verlassen und nach dem Befehl Gottes ein 
Weib genommen (IKor 7,2), denn Paulus hat hiervon 
an Timotheus recht geweissagt: Dass es in den letzten 
Tagen geschehen würde, dass man verbiete, ehelich 
zu werden und die Speise meiden, die Gott geschaffen 
hat mit Danksagung zu genießen (lTim 4,3). 

Achtens gestehe ich, gesagt zu haben: Wenngleich 
der Türke käme, so solle man ihm keinen Widerstand 
tun, denn es steht geschrieben: Du sollst nicht töten 
(2Mo 20,13); wir sollen uns gegen den Türken und 
unsere übrigen Verfolger nicht wehren, sondern mit 
ernstlichem Gebet (Mt 7,7) bei Gott anhalten, dass 
er sie zurücktreiben und ihnen Widerstand tun wol- 
le. Dass ich aber gesagt habe, wenn das Kriegführen 
recht wäre, so wollte ich lieber gegen die sogenann- 
ten Christen ausziehen, welche die frommen Christen 
verfolgen, fangen und töten, als gegen die Türken, ist 
deshalb geschehen: Der Türke ist ein rechter Türke, 
weiß nichts von dem christlichen Glauben und ist ein 
Türke dem Fleische nach; ihr aber wollt Christen sein 
und rühmet euch Christi, aber ihr verfolgt die from- 
men Zeugen Christi und seid Türken dem Geiste nach 
(Tit 1,16). 

Zum Beschlüsse: Ihr Diener Gottes, ich ermahne 
euch, ihr wollt überlegen, dass ihr von Gott einge- 
setzt seid, den Bösen zu strafen, den Frommen aber 
zu schützen und zu schirmen. Weil wir nun nicht ge- 
gen Gott und das Evangelium gehandelt haben, so 
werdet ihr auch finden, dass wir uns nicht, weder ich, 
noch meine Brüder und Schwestern, mit Worten oder 
Werken an der Obrigkeit vergangen haben (Rom 13,4; 
Apg 25,8). Darum, ihr Diener Gottes, wenn ihr das 
Wort Gottes nicht gehört oder gelesen habt, so schickt 
nach den Gelehrtesten und nach den göttlichen Bü- 
chern, der Bibel, aus welchem Lande sie auch sein 
mögen und lasst dieselben mit uns über das Wort Got- 



40 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


tes eine Unterredung halten und wenn uns dieselbe 
mit der Heiligen Schrift beweisen, dass wir irren und 
Unrecht haben, so wollen wir gerne davon abstehen 
und einen Widerruf tun, auch das Gericht annehmen 
und die Strafe dafür, weshalb wir angeklagt sind, ger- 
ne leiden (Apg 25,11)- Wenn wir aber keines Irrtums 
überwiesen werden, so hoffe ich zu Gott, dass ihr euch 
bekehren und unterrichten lassen werdet. 

Uber diese Reden lachten die Richter und steckten 
die Köpfe zusammen, der Stadtschreiber von Ensis- 
heim aber sprach: Ja, du ehrloser, verzweifelter Bö- 
sewicht und Mönch, sollte man sich wohl in einen 
Wortstreit mit dir einlassen! Ja, der Scharfrichter soll 
mit dir disputieren, glaube es mir gewiss. Michael 
sagte: Was Gott will, soll geschehen (Mt 6,10). Der 
Stadtschreiber sprach: Es wäre gut, du wärest niemals 
geboren worden. Michael antwortete: Gott weiß, was 
gut ist. Der Stadtschreiber entgegnete: Du Erzketzer, 
du hast die frommen Leute verführt, aber wenn sie 
nur noch jetzt von ihrem Irrtum abließen und Gna- 
de annähmen. Michael: Gnade ist allein bei Gott. Da 
sprach auch einer der Gefangenen: Man muss von 
der Wahrheit nicht abweichen. Der Stadtschreiber: 
Du verzweifelter Bösewicht und Erzketzer, ich sage 
dir, wenn kein Scharfrichter zugegen wäre, so woll- 
te ich dich selbst aufhängen, in der Meinung, dass 
ich Gott damit einen Dienst erweisen würde (Joh 16,2; 
IKor 4,5). Michael: Gott wird wohl richten. Hierauf hat 
der Stadtschreiber einige Worte mit ihm in Latein ge- 
redet, ohne zu wissen was. Michael Sattler antwortete 
ihm hierauf: Judica. Hierauf hat der Stadtschreiber 
die Richter ermahnt und gesagt: Er hört heute von 
diesem Geschwätz nicht auf, darum wolle der Herr 
Richter in dem Urteil fortfahren; ich will alles den 
Rechten übergeben haben. Der Richter fragte Michael 
Sattler, ob er es auch den Rechten überließe, worauf 
er antwortete: Ihr Diener Gottes, ich bin nicht gesandt, 
um über das Wort Gottes zu rechten; wir sind gesandt, 
um dasselbe zu bezeugen, darum können wir in kein 
Recht einwilligen, denn wir haben dazu keinen Befehl 
von Gott erhalten. Wenn wir aber den Rechten nicht 
entgehen können, so sind wir bereit, um des Wortes 
Gottes willen alles zu leiden, was uns zu leiden auf- 
erlegt wird, oder um des Glaubens willen an Jesum 
Christum, unsern Seligmacher, auferlegt werden mag, 
solange als wir einen Atem in uns haben (Hi 27,3), 
es wäre denn, dass wir mit der Schrift überwiesen 
werden. Der Stadtschreiber sagte: Der Scharfrichter 
wird dich wohl überweisen! Er wird mit dir disputie- 
ren, du Erzketzer. Michael: Ich berufe mich auf die 
Schrift. Hierauf sind die Richter aufgestanden, in ei- 
ne andere Kammer gegangen und haben sich wohl 
an anderthalb Stunden darin aufgehalten, während 


welcher Zeit sie das Todesurteil beschlossen haben. 

Unterdessen sind einige in der Kammer mit dem 
Michael Sattler sehr unbarmherzig umgegangen und 
haben ihn geschmäht; einer derselben sprach: Was 
hast du an dir und den andern ersehen, dass du sie 
so verführt hast? Auch hat er ein Schwert gezogen, 
welches auf der Tafel lag und gesagt: Siehst du, damit 
soll man gegen dich disputieren. Michael aber antwor- 
tete nicht auf die Worte, welche seine Person betrafen 
(Mt 27,14), sondern hat alles willig erduldet. Einer der 
Gefangenen sprach: Man muss die Perlen nicht vor 
die Schweine werfen (Mt 7,6). 

Als Michael auch gefragt ward, warum er nicht ein 
Herr im Kloster geblieben wäre, hat er geantwortet: 
Nach dem Fleische war ich ein Herr, aber es ist so 
besser. Er hat auch nichts weiter geredet, als was an- 
geführt ist - und dasselbe unerschrocken. 

Als nun die Richter wieder in die Kammer kamen, 
hat man das Todesurteil Vorgelegen, welches so lautet: 
Zwischen Kais. Majestät Statthalter und Michael Satt- 
ler ist zu Recht erkannt worden, dass man Michael 
Sattler dem Scharfrichter in die Hände geben soll; der- 
selbe soll ihn auf den Platz führen und ihm die Zunge 
abschneiden, ihn dann auf seinen Wagen schmieden 
und seinen Leib daselbst zweimal mit glühenden Zan- 
gen reißen; und endlich soll man ihn vor das Stadttor 
bringen und ihm daselbst fünf Griffe geben. 

Das Urteil ist in dieser Weise vollzogen worden, 
worauf er als Ketzer zu Asche verbrannt worden ist, 
seine Mitbrüder sind durch das Schwert gerichtet und 
die Schwestern ertränkt worden. Sein Weib aber, nach- 
dem man sie sehr gebeten, ermahnt, bedroht hat, ist 
nach einigen Tagen auch in großer Standhaftigkeit 
ertränkt worden. Geschehen den 21. Mai 1527. 

Ein Sendbrief Michael Sattlers, aus seinem 

Gefängnisse an die Gemeinde Gottes in Horb 
geschrieben. 

Meine lieben Mitgenossen in dem Herrn! Gnade und 
Barmherzigkeit von Gott, dem himmlischen Vater, 
durch Jesum Christum, unsern Herrn und die Kraft 
seines Geistes sei mit euch, Geliebte Gottes, Brüder 
und Schwestern! 

Ich kann eurer nicht vergessen (Kol 2,5), obgleich 
ich dem Leibe nach nicht gegenwärtig bin; dennoch 
sorge und wache ich stets für euch, als meine Mit- 
glieder, damit nicht der Leib entzogen oder geraubt 
werde und dann der ganze Leichnam mit allen Glie- 
dern Traurigkeit empfange, insbesondere zu dieser 
Zeit, wo der Grimm des reißenden Wolfes sehr hoch 
gestiegen und mächtig geworden ist, so dass er auch 
mich erwecket hat, um mit ihm zu streiten. Aber Gott 



41 


sei ewig Lob, das Haupt ist ihm ganz zerspalten; ich 
hoffe, sein ganzer Leib wird ihm in Kurzem vergehen, 
wie geschrieben steht. 

Liebe Brüder und Schwestern! Ihr wisst wohl, mit 
welcher feurigen Liebe ich euch neulich ermahnt ha- 
be, als ich bei euch war, dass ihr lauter und gottselig 
in aller Geduld und Liebe Gottes sein solltet, wor- 
an ihr unter diesem ehebrecherischen Geschlecht der 
gottlosen Menschen als leuchtende und scheinende 
Lichter erkannt werden möget (Mt 5,15), welche Gott, 
der himmlische Vater, mit seiner Erkenntnis und dem 
Lichte des Geistes erleuchtet hat. Mit gleichem Ei- 
fer bitte und ermahne ich euch, dass ihr gewiss und 
vorsichtig unter denen wandelt, die draußen sind als 
Ungläubige, damit unser Amt, welches uns Gott auf- 
erlegt hat, nicht geschmäht und mit Recht gelästert 
werde (Tit 2,2). 

Gedenkt des Herrn, welcher euch den Groschen 
gegeben hat, denn er wird ihn mit Wucher wieder 
fordern (Mt 25,19); damit euch der einzige Groschen 
nicht wieder genommen werde, leget ihn auf Wucher, 
nach dem Befehle des Herrn, der euch den Groschen 
gegeben hat. 

Ich bezeuge euch durch die Gnade Gottes, dass ihr 
wacker seid und wandelt, wie es den Heiligen Gottes 
geziemt und wohl ansteht (Röm 12,1). Seht, welche 
Strafe der Herr über die unnützen Knechte kommen 
lässt, nämlich über ganz laue und träge Herzen, wel- 
che zu Gottes und der Brüder Liebe ganz ungeschickt 
und kalt sind. Was ich schreibe, ist euch widerfahren. 
Lasst euch solches zur Ermahnung dienen (Röm 16), 
damit nicht auch gleiche Strafe von Gott über euch 
kommen möge. Hütet, hütet euch vor solchen, damit 
ihr nicht auch ihre Gräuel lernt, die gegen Gottes Be- 
fehl und Gebot handeln, sondern straft dieselben mit 
großem Bedacht und mit dem Bann nach dem Befehl 
Christi, doch in aller Liebe und in allem Mitleiden 
über ihre kalten Herzen. Wenn ihr dieses tun werdet, 
so werdet ihr bald sehen, wie Gottes Schäflein bei den 
Wölfen wohnen (Apg 20,29) und werdet wahrnehmen, 
wie sich diejenigen bald absondern werden, welche 
nicht auf den rechten Fußpfaden und den lebendi- 
gen Wegen Christi durch Kreuz, Elend, Gefängnis, 
Selbstverleugnung und zuletzt durch den Tod wan- 
dern wollen; dann könnt ihr euch in Wahrheit Gott, 
eurem himmlischen Vater als eine reine, gottselige, 
lautere Gemeinde Christi vorstellen, welche durch 
sein Blut gereinigt ist, damit sie vor Gott und den 
Menschen heilig und unsträflich von aller Abgötte- 
rei und Gräuel geschieden und erlöst sei (Eph 5,26), 
damit der Herr aller Herren in ihnen wohnen und 
sie ihm eine Hütte sein möge. Liebe Brüder! Beher- 
zigt, was ich euch schreibe, als ob es die Wahrheit sei. 


und wendet Fleiß an, dass ihr darnach wandelt. Ent- 
fernt euch nicht von dem Ziel, wie bisher einige getan, 
sondern verfolgt, ohne abzuweichen, den geraden 
Weg in aller Geduld, damit ihr nicht selbst das Kreuz, 
welches Gott euch aufgelegt, Gott zur Schmach und 
Unehre, wie auch zur Übertretung und Auflösung 
seiner ewigen, wahrhaftigen, gerechten und lebendig 
machenden Gebote aufhebt und wieder ablegt. 

Werdet nicht müde, wenn ihr von dem Herrn ge- 
straft werdet, denn diejenigen, die Gott lieb hat, züch- 
tigt er, wie ein Vater, der ein Wohlgefallen an seinem 
Sohne hat. Was wollet ihr doch anfangen, wenn ihr 
Gott entfliehen wollt? Was wird es euch helfen, wenn 
ihr Gott entlaufen wollt? Ist es nicht Gott, welcher 
Himmel und Erde erfüllt? Weiß er nicht alle Heim- 
lichkeiten eurer eitlen Herzen und die Unkeuschheit 
eurer Nieren? Alles, was darin ist, ist ihm offenbar 
und es ist ihm kein Ding verborgen. Du eitler Mensch! 
Wohin willst du doch laufen, dass dich Gott nicht 
sehe? Warum fliehst du vor der Rute deines Vaters 
(Hehr 12,8)? Wirst du dich nicht nach dem Willen des 
Vaters führen lassen, so wirst du kein Erbe seiner Gü- 
ter sein; warum liebst du mehr die kurze und ver- 
gängliche Ruhe, als die gottselige, mäßige Strafe und 
Züchtigung des Herrn zu deiner Seligkeit? Wie lange 
willst du essen aus den Töpfen Ägyptens? Wie lan- 
ge willst du fleischlich gesinnt sein (Röm 8,8)? Das 
Fleisch vergeht samt aller seiner Herrlichkeit, aber 
das Wort des Herrn bleibt in Ewigkeit. Liebe Brüder, 
merkt was ich euch schreibe, denn es ist nötig, weil 
ihr seht, dass ihrer wenige sind, die des Herrn Züchti- 
gung standhaft ertragen wollen! Wogegen die meisten 
Menschen, wenn sie etwas Geringes am Fleische emp- 
finden, matt und müde werden und nicht mehr auf 
Jesum, den Herzog und Vollender unseres Glaubens 
sehen (Hebr 13,8); ebenfalls vergessen sie alle seine 
Gebote und achten das Kleinod nicht hoch, welches 
der Ruf Gottes den Überwindern überall vorhält und 
verheißt, sondern sie achten die zeitliche Ruhe, die sie 
vor Augen haben, mehr und halten sie für nützlicher 
als die ewige, die man hoffen muss. Außerdem gibt 
es einige, die, wenn ihnen solches vorgehalten wird, 
Gott wiewohl mit Unrecht beschuldigen, als wollte er 
sie nicht in seinem Schutze erhalten. Ihr wisst, welche 
ich meine, seht euch vor, dass ihr mit solchen keine 
Gemeinschaft habt. 

Ferner, geliebte Mitglieder in Christo, seid ermahnt, 
dass ihr die Liebe nicht vergesst, ohne welche ihr kein 
christliches Häuflein sein könnt. Ihr wisst aus dem 
Zeugnisse des Paulus, unserem Mitbruder, was die 
Liebe sei, welcher so spricht: »Die Liebe ist langmütig 
und freundlich, sie eifert nicht, sie bläht sich nicht auf 
sie ist nicht ehrgeizig, sie sucht nicht das Ihre, sie denkt 



42 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


nichts Arges, sie hat keine Freude an der Ungerechtigkeit, 
sondern erfreut sich in der Wahrheit; sie leidet alles, sie 
erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles.« (IKor 13, 4— 
6) Merkt auf diese Sprüche, so werdet ihr die Liebe 
Gottes und des Nächsten finden und wenn ihr Gott 
liebt, so werdet ihr euch an der Wahrheit erfreuen und 
alles glauben, hoffen, ertragen was von Gott kommt. 
Auf solche Weise wird der vorerwähnte Mangel hin- 
weggenommen und vermieden. Wenn ihr aber den 
Nächsten liebt, so werdet ihr nicht mit Eifer strafen 
oder bannen, nicht das Eurige suchen, nichts Arges 
denken, nicht ehrgeizig und zuletzt nicht aufgeblasen, 
sondern barmherzig, gerecht, mildreich in allerlei Ga- 
ben, demütig und mitleidig mit den Schwachen und 
Unvollkommenen sein (Gal 5). 

Diese Liebe haben einige Brüder (ich weiß wohl, 
wer sie sind) verfälscht und haben einander nicht 
durch die Liebe auferbauen wollen, sondern haben 
sich aufgeblasen und sind durch eitle Wissenschaft 
und Erkenntnis der Dinge unnütz geworden, welche 
Gott allein für sich selbst verborgen halten will. Ich 
bestrafe oder verwerfe nicht die Gnade und Offenba- 
rung Gottes, sondern nur die hochmütigen Gebräuche 
dieser Offenbarung. Was nützt es, sagt Paulus, wenn 
jemand mit Menschen- und Engelszungen redete und 
wüsste alle Geheimnisse und Weisheit und hätte allen 
Glauben, sagt, was nützt dieses alles, wenn die einige 
Liebe nicht im Gebrauche ist? Ihr habt es erfahren, 
was dergleichen aufgeblasene Reden und Unwissen- 
heit nach sich gezogen hat; ihr seht noch täglich ihre 
falschen Früchte, obgleich sie sich Gott übergeben 
haben. 

Und lasst euch durch niemand den Grund ver- 
rücken, welcher durch den Buchstaben der Heiligen 
Schrift gelegt und mit dem Blute Christi und vieler 
Zeugen Jesu versiegelt ist. Vernehmt nicht dasjenige, 
was sie von ihrem Vater sagen, denn er ist lügenhaft 
und glaubt ihrem Geiste nicht, denn er ist ganz im 
Fleische versunken. Überlegt, was ich euch schreibe, 
lasst euch diese Dinge zu Herzen gehen, damit ihr von 
diesem Gräuel gereinigt und als fruchtbare, demütige 
und gehorsame Kinder Gottes erfunden werden mögt. 
Liebe Brüder! Verwundert euch nicht, dass ich diese 
Dinge so nachdrücklich verhandle, denn es geschieht 
nicht ohne Grund. Die Brüder haben es euch sicher- 
lich bekannt gemacht, dass einige von uns gefangen 
seien; und als man die Brüder zu Horb ebenfalls gefan- 
gen genommen, hat man uns nachher nach Bintzdorf 
geführt. In dieser Zeit sind uns viele Anschläge der 
Widersacher begegnet; bald haben sie uns mit dem 
Strick, bald mit Feuer oder dem Schwert gedroht. In 
solcher Gefahr habe ich mich ganz in des Herrn Wil- 
len gegeben und mich um seines Zeugnisses willen 


mit allen meinen Mitbrüdern und meiner ehelichen 
Schwester zum Tode bereitet; dabei gedachte ich der 
Menge der falschen Brüder und auch eurer, deren nur 
wenige sind, weil überhaupt nur wenige treue Arbei- 
ter in des Herrn Weinberg sind (Mt 9,37); darum habe 
ich für nötig erachtet, euch mit solcher Ermahnung 
aufzumuntern, um uns in dem Streite Gottes nachzu- 
folgen, damit ihr euch damit trösten und in des Herrn 
Züchtigung nicht müde werden mögt. 

Mit kurzen Worten, liebe Brüder und Schwestern! 
Dieser Brief soll ein Abschied von euch allen sein, die 
Gott wahrhaftig lieb haben und ihm nachfolgen (die 
andern kenne ich nicht), sowie ein Zeugnis meiner Lie- 
be gegen euch sein, welches Gott um eurer Seligkeit 
willen in mein Herz gelegt hat. Ich hätte wohl noch ei- 
ne kurze Zeit des Herrn Arbeit bedienen mögen, und 
es wär auch (wie ich hoffe) nützlich gewesen, aber um 
meinetwillen ist es besser, entbunden zu werden und 
bei Christo die Hoffnung der Seligen zu erwarten. Der 
Herr kann ihm wohl einen andern Arbeiter erwecken, 
der seine Arbeit vollende. 

Bittet, dass die Arbeiter zur Ernte genötigt werden, 
denn die Zeit des Dreschens ist nahe (Lk 10,2); der 
Gräuel der Zerstörung ist unter euch offenbar gewor- 
den, die auserwählten Knechte und Mägde Gottes 
werden mit ihres Vaters Namen an ihren Stirnen ge- 
zeichnet; die Welt erhebt sich gegen diejenigen, wel- 
che von ihrer Verführung erlöst sind; das Evangelium 
wird vor aller Welt bezeugt, zum Zeugnis über sie, 
darum ist es nötig, dass des Herrn Tag nicht verziehe. 

Ihr wisst, meine geliebten Mitglieder, wie es sich ge- 
zieme, sich selbst gottselig und christlich aufzuführen. 
Seht zu, wacht und betet, damit eure Weisheit euch 
kein Urteil zuziehe; haltet an im Gebet (ITh 5,17), da- 
mit ihr vor des Menschen Sohn würdig stehen mögt; 
gedenkt an euern Vorläufer Jesum Christum und folgt 
ihm nach durch den Glauben und Gehorsam mit Lie- 
be und Geduld; vergesst, was fleischlich ist, damit 
ihr in der Wahrheit Christen und Kinder des höchs- 
ten Gottes genannt werden möget (IPt 2,12); haltet 
in der Züchtigung eures Vaters im Himmel aus und 
weicht weder zur Rechten noch zur Linken aus, da- 
mit ihr durch die Türe eingehen mögt (Joh 10,1) und 
damit ihr nicht nötig habt, auf einem fremden Pfad zu 
wandeln, welchen die Sünder, Zauberer, Götzendie- 
ner und ein jeder, der die Lüge lieb hat, gehen müssen 
(Offb 22,15). Gedenkt unserer Versammlung und was 
darin beschlossen worden; folgt diesem fleißig nach, 
und wenn noch etwas vergessen wäre so bittet den 
Herrn um Verstand; seid mildreich gegen alle, die un- 
ter euch Mangel leiden (Hebr 13,2), insbesondere aber 
gegen diejenigen, die unter euch mit dem Worte arbei- 
ten und verjagt werden und ihr Brot in der Stille und 



43 


Ruhe nicht essen können; vergesst die Versammlun- 
gen nicht, sondern wendet Fleiß an, dass ihr beständig 
zusammenkommt (Hebr 10,25) und euch, sowohl im 
Gebet für alle Menschen, als im Brotbrechen vereinigt 
und zwar um so fleißiger, als des Herrn Tag nahe ist. 
In solcher Zusammenkunft sollt ihr der falschen Brü- 
der Herz offenbar machen, so werdet ihr ihrer bald 
loswerden. 

Zuletzt, liebe Brüder und Schwestern, heiligt euch 
dem, der euch heilig gemacht hat und vernehmt, was 
Esra sagt: »Erwartet eures Hirten, er wird euch ewige 
Ruhe geben, denn er ist nahe, welcher am Ende der Welt 
kommen wird. Seid bereit, die Belohnung seines Reiches 
zu empfangen, flieht den Schatten dieser Welt; steht auf 
und seht die Zahl derer, die zu dem Abendmahl des Herrn 
gezeichnet sind, denn diejenigen, welche sich der Finsternis 
der Welt entzogen haben, haben von dem Herrn glänzende 
Kleider empfangen. O Zion! Nimm deine Zahl und behal- 
te deine Gezeichneten, die des Herrn Gesetz erfüllt haben, 
denn die Zahl der Kinder, die du begehret hast, ist erfüllt. 
Auf dem Berge Zion habe ich eine große Schar gesehen, 
welche niemand zählen konnte, die lobten alle den Herrn 
mit Lobgesängen. Und mitten unter ihnen war ein Jüng- 
ling, der mit seiner Länge alle überging und einem jeden 
eine Krone auf das Haupt setzte und immer größer ward; 
ich aber verwunderte mich hierüber und fragte den En- 
gel und sprach: Herr, wer sind diese? Er antwortete und 
sprach: Diese sind's, die das sterbliche Kleid abgelegt und 
das unsterbliche angetan und den Namen Gottes bekannt 
haben; jetzt werden sie gekrönt und Palmzweige empfan- 
gen. Weiter fragte ich den Engel: Wer ist aber der Jüngling, 
der ihnen die Krone aufsetzt und ihnen Palmzweige in die 
Hand gibt? Und er sprach zu mir: Er ist der Sohn Gottes, 
welchen sie in der Welt bekannt haben; ich aber fing an, die- 
jenigen höchlich zu preisen, ivelche so fest für den Namen 
des Herrn standen.« 

Ich ermahne euch, geliebte Mitglieder des Leibes 
Christi, haltet, was ich in dieser Schrift vorgestellt 
habe und lebt darnach; wenn ich dem Herrn aufge- 
opfert werde, so lasst euch meine eheliche Schwester 
anbefohlen sein, als ob ich's selbst wäre. Der Friede 
Christi und die Liebe des himmlischen Vaters, wie 
auch die Gnade ihres Geistes bewahre euch unbe- 
fleckt ohne Sünde und stelle euch rein und fröhlich 
vor das Anschauen ihrer Herrlichkeit, in der Zukunft 
unseres Herrn Jesu Christi, damit ihr in der Zahl der 
Gerufenen, in dem Abendmahl des einwesentlichen, 
wahrhaftigen Gottes und Heilandes Jesu Christi er- 
funden werden mögt (Lk 14,15), welchem sei ewiger 
Preis, Lob und Herrlichkeit, Amen. 

Hütet euch vor den falschen Brüdern, denn der 
Herr wird mich vielleicht zu sich rufen, deshalb seid 
nun gewarnt. Ich warte auf meinen Gott, bittet für alle 


Gefangenen ohne Unterlass. Gott sei mit euch allen, 
Amen. 

Gegeben im Turme zu Binzdorf, Bruder Michael 
Sattler von Staufen, samt meinen Mitgefangenen in 
dem Herrn. 

Von diesem Helden und Zeugen Jesu Christi sind 
noch andere Schriften im Druck, welche von der Ge- 
nugtuung Christi, von der brüderlichen Vereinigung, 
von der Ehescheidung, von den bösen Vorstehern und 
von dem Anhören der falschen Propheten handeln. 

Leonhard Kaiser, 1527. 

Als die Gläubigen unter der Verfolgung und dem 
Kreuz sehr Zunahmen, ist in Bayern ein gelehrter 
Messpfaffe gewesen, Leonhard Kaiser genannt, wel- 
cher Zwinglis und Luthers Schriften untersuchte, wie 
er denn selbst nach Württemberg gezogen ist und 
daselbst mit den Gelehrten Unterredung gepflogen, 
auch das Nachtmahl mit ihnen gehalten hat. Als er 
nach Bayern zurückgekehrt ist, hat er die Früchte und 
die Lehre sowohl der Taufgesinnten, als Zwinglis und 
Luthers in Überlegung genommen und sich unter das 
Kreuz zu der abgesonderten Kreuzeskirche der Tauf- 
gesinnten begeben und sich mit derselben im Jahre 
1525 vereinigt, hat auch von der Zeit an sein Lehramt 
mit großer Kraft und mit großem Eifer und unerschro- 
cken gegen alle Tyrannei, welche mit Ertränken, Ver- 
brennen und Ermorden den Gläubigen drohte, fort- 
gesetzt. Dieser Leonhard Kaiser wurde im zweiten 
Jahr seines Amts zu Scharding in Bayern gefangen 
genommen und von dem Bischof zu Passau, wie auch 
von andern Pfaffen und Domherren, auf den Freitag 
vor Laurentius, im August desselben Jahres zum Feu- 
ertod verurteilt. Sie banden ihn aber, als sie ihn zum 
Feuer hinausführten, auf einen Karren, zu dessen Sei- 
ten die Pfaffen gingen, welche Latein mit ihm redeten; 
er aber antwortete deutsch des Volkes wegen, wie sie 
denn auch vor Gericht mit ihm nicht deutsch spre- 
chen wollten, obgleich er solches oft begehrte. Als 
er nun hinaus aufs Feld kam und sich dem Feuer 
näherte, hat er sich zur Seite des Karrens gebückt; 
mit seiner Hand, obgleich er gebunden gewesen, ein 
Blümlein ergriffen und zu dem Richter, der neben 
dem Karren zu Pferde ritt gesagt: Herr Richter, hier 
breche ich ein Blümlein ab, werdet ihr dieses Blümlein 
und mich verbrennen können, so habt ihr mich mit 
Recht zum Tode verurteilt; werdet ihr jedoch mich 
und das Blümlein in meiner Hand nicht verbrennen 
können, so erinnert euch daran, was ihr getan habt 
und tut Buße. Hierauf hat der Richter mit drei Schin- 
derknechten viel Holz, mehr als sonst gewöhnlich ins 
Feuer geworfen, um ihn durch das große Feuer bald 



44 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


zu Asche zu verbrennen; als aber das Holz ganz ver- 
brannt war, hat man seinen Leib unverbrannt aus dem 
Feuer genommen; hierauf haben die drei Scharfrichter 
mit ihren Knechten aufs neue Holz genommen und 
ein großes Feuer gemacht; als solches ausgebrannt 
war, war gleichwohl sein Leib vom Feuer nicht ver- 
zehrt, nur dass seine Haare versengt und seine Nägel 
etwas braun waren; als man seinen Leib unter der 
Asche hervorsuchte war er glatt und klar; desgleichen 
hat man das Blümlein geschlossen, unverwelkt und 
vom Feuer durchaus nicht verzehrt in seiner Hand 
gefunden. Hierauf haben die Scharfrichter seinen Leib 
in Stücke zerhauen und die Stücke in ein neues Feuer 
geworfen; als nun das Feuer abermals ausgebrannt 
war, lagen die Stücke gleichwohl noch unverbrannt 
im Feuer. Endlich haben sie die Stücke genommen 
und in einem Fluss, der Inn genannt, geworfen. Die- 
ser Richter ist dadurch so erschreckt worden, dass er 
sein Amt niedergelegt hat und an einen andern Ort 
gezogen ist. Der erste Diener des Richters, welcher 
mit ihm war, auch dieses alles gehört und gesehen 
hatte, ist zu uns nach Mähren gekommen, unser Bru- 
der geworden, und hat fromm gelebt, ist auch ebenso 
gestorben. Unsere Lehrer haben aus seinem Munde 
dieses zum Andenken aufgeschrieben und lassen es 
nun zu Gottes Ehre ausbreiten und bekannt machen. 

Genauere Anmerkung von Leonhard Kaisers Tode. 

Seb. Franck, in seiner Chron. der Röm. Ketzer, 
Buchst. Q, beschreibt diese Sache folgendermaßen: 

Als er nun, nachdem man ihn gefänglich nach 
Scharding gebracht, von drei Scharfrichtern kreuzwei- 
se auf eine Leiter gebunden, zum Feuer hinausgeführt 
und in dasselbe gestoßen wurde, so sind die Stricke, 
als er Jesum Christum angerufen, von seinem Leibe 
abgesprungen und verbrannt, und als er dessen un- 
geachtet noch lebte, wälzte er sich auf der einen Seite 
zum Feuer heraus. 

Unmittelbar darauf hat ihn der Scharfrichter mit 
Hopfenstangen, welche zufällig bei der Hand waren, 
abermals ins Feuer gestoßen, so dass er auf der an- 
dern Seite sich herauswälzte; hierauf haben ihn die 
Scharfrichter lebendig in Stücke zerhauen und die- 
selben ins Feuer geworfen; aber sie konnten, wie ich 
gelesen habe, dieselben nicht verbrennen. 

Siehe auch hiervon P. I. Twisck, in seinem 16. Buche 
der jährlichen Gesch. Blatt 1020, Col. 2. 


Thomas Hermans, und später noch 
siebenundsechzig, im Jahre 1527. 

Im Jahre 1527 wurde Thomas Hermans gerichtet, ein 
Diener des Evangeliums und des Wortes Gottes. Nach- 
dem nämlich einige Personen zu Kitzpil gefangen ge- 
nommen worden und aus Furcht vor der Tyrannei der 
Obrigkeit von der Wahrheit wieder abgefallen sind, 
aber dessen ungeachtet von derselben vor vielem Vol- 
ke auf einen öffentlichen Platz gestellt wurden, wo 
ihnen die andern, um sie kleinmütig zu machen, mit 
vielen Lästerworten zugerufen: Ei, wie fein lassen nun 
eure Hirten und Lehrer ihr Leben für euch? - ist der 
genannte Thomas Hermans durch das Volk gedrun- 
gen, hervorgetreten und hat freimütig gesagt: Dies 
ist die Wahrheit, die ich euch gelehrt habe und ich 
will solches mit meinem Blute bezeugen. Hierauf ist 
er ohne Verzug gefangen genommen, gepeinigt, zum 
Feuer verurteilt und verbrannt worden. Er dichtete 
und sang ein Lied, als er hinausgeführt wurde, wel- 
ches noch vorhanden ist. Sein Herz konnte man nicht 
verbrennen; zuletzt haben sie es in die See geworfen, 
welche in der Nähe des Richtplatzes war. Nach ihm 
sind an diesem Orte siebenundsechzig seiner Glau- 
bensgenossen gerichtet worden. Der Richter zu Kitz- 
pil, welcher viele derselben hat verurteilen und töten 
helfen und der sie sowohl vorher als nachher um ihres 
Glaubens willen Ketzer nannte, ist später, durch Got- 
tes Verhängnis in eine entsetzliche Schande geraten, 
dass er selbst als Ketzer erfunden und von allen Men- 
schen mit Recht dafür gehalten wurde, was jedoch 
nicht um des Glaubens willen geschehen ist, sondern 
weil ihn Gott in solche Schande hat fallen lassen, dass 
er auch vor der Welt in große Schmach und Unehre 
kommen musste. 

Auch ist die Rache Gottes über den Stadtschreiber 
zu Kitzpil gekommen, der nicht wenig dazu beigetra- 
gen, dass dieses unschuldige Blut vergossen worden, 
indem er gesagt, er wolle sein Haupt nicht eher sanft 
niederlegen, bis er diese Leute hätte ausrotten helfen. 
Als er nämlich im Winter auf einem Schlitten in der 
Stadt herumfuhr und mit demselben umwenden woll- 
te, hat ihn das Pferd an eine Mauer und an eine Eiche 
in der Straße geworfen, so dass ihm die Hirnscha- 
le zerschmettert worden ist; er hat also sein Haupt 
nicht sanft niedergelegt, sondern ein erschreckliches 
Ende genommen, wie die Brüder Hans Kitzpiler und 
Christian Harina bezeugt haben. 



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Weynken, Nicolaus Tochter, von Monickendam, 

eine Witwe, wird in Haag, am 20. November im 
Jahre 1527, getötet und verbrannt. 

Am 15. November 1527 ist Weynken, Nicolai Toch- 
ter, von dem Schlosse zu Worden nach den Haag 
gefänglich gebracht worden, wohin auch der Graf 
von Hochstraßen, Statthalter in Holland, den 17. Tag 
desselben Monats gekommen ist. Den 18. Tag ist die 
vorgenannte Weynken vor den Statthalter und den 
ganzen Rat von Holland gestellt worden. Daselbst 
fragte sie eine Frau: Hast du diese Nacht bei dir be- 
ratschlagt und dich über die Dinge bedacht, welche 
meine Herren dir vorgelegt haben? Antwort: Was ich 
geredet habe, dabei bleibe ich fest. Frage: Wenn du 
nicht anders redest und dich von der Verführung ab- 
wendest, so wird man dir einen unerträglichen Tod 
bereiten. Antwort: Ist euch diese Gewalt von oben 
gegeben, so bin ich bereit zu leiden (Joh 19,11). Frage: 
Fürchtest du denn nicht den Tod, welchen du nicht ge- 
schmeckt hast? Antwort: Das ist wahr; aber ich werde 
niemals den Tod schmecken, denn Christus spricht: 
»So jemand mein Wort hält, der ivird nicht den Tod schme- 
cken in Eiuigkeit.« (Joh 8,51) Der reiche Mann hat den 
Tod geschmeckt und wird ihn schmecken in Ewigkeit 
(Lk 16,23). Frage: Was hältst du von dem Sakramente? 
Antwort: Ich halte euer Sakrament für Brot und Mehl 
und wenn ihr solches für einen Gott haltet, so sage ich, 
dass es euer Teufel sei. Frage: Was hältst du von den 
Heiligen? Antwort: Ich kenne keinen andern Mittler 
als Christum (1 Joh 2,1). Frage: Wenn du hierbei bleibst, 
so musst du sterben. Antwort: Ich bin schon gestorben 
(Gal 2,20). Frage: Wie kannst du denn reden, wenn du 
gestorben bist? Antwort: Der Geist lebt in mir, der 
Herr ist in mir, ich bin in ihm (Joh 14,20). Frage: Willst 
du einen Beichtvater haben oder nicht? Antwort: Ich 
habe Christum, diesem beichte ich; wenn ich noch 
jemand erzürnt habe, so will ich denselben gern um 
Verzeihung bitten. Frage: Wie hast du diese Meinung 
erlernt und wie bist du dazu gekommen? Antwort: 
Der Herr ruft alle Menschen zu sich; so bin ich auch 
eins von seinen Schafen, darum höre ich seine Stim- 
me (Joh 10,27). Frage: Bist du denn allein berufen? 
Antwort: Nein, denn der Herr ruft alle zu sich, die 
beladen sind (Mt 11,28). 

Nach vielen andern dergleichen Reden hat man 
Weynken abermals ins Gefängnis geführt, wo sie in 
den beiden folgenden Tagen von vielen Personen ver- 
sucht und angefochten worden ist, nämlich von Mön- 
chen, Pfaffen, Frauen und ihren nächsten Freunden. 
Unter anderem ist auch eine Frau aus Einfalt zu ihr 
gekommen und hat sie in folgender Weise beklagt: 
Liebe Mutter, kannst du nicht denken, was du willst 


und Stillschweigen, so wirst du nicht getötet werden. 
Hierauf antwortete Weynken: Liebe Schwester! Es ist 
mir befohlen zu reden und ich fühle mich dazu ge- 
drungen, darum kann ich nicht schweigen. Frage: So 
bin ich besorgt, sie werden dich töten. Ob sie mich 
morgen verbrennen oder in einen Sack stecken wer- 
den, achte ich nicht; wie es der Herr verordnet hat, so 
muss es geschehen, und nicht anders (Mt 6,10). Ich 
will bei dem Herrn bleiben. Frage: Wenn du nichts 
anderes getan hast, so hoffe ich, du werdest nicht ster- 
ben. Antwort: An mir ist nichts gelegen; aber, wenn 
ich von dem Saale herunterkomme, so kann ich mich 
des Weinens nicht enthalten, denn es jammert mich, 
dass ich sehen muss, wie alle solche kluge Männer so 
verblendet sind; ich will aber den Herrn für sie bitten. 

Auch sind zwei schwarze oder Dominikaner- 
Mönche zu ihr gekommen, von denen der eine ein 
Beichtvater, der andere aber ein Lehrer gewesen. Ei- 
ner derselben hat ihr das Kreuz gezeigt und gesagt: 
Siehe, hier ist dein Herr und Gott. Sie antwortete: Das 
ist nicht mein Gott; es ist ein anderes Kreuz, wodurch 
ich erlöst worden bin, dieses ist ein hölzerner Gott, 
werft ihn ins Feuer und wärmt euch dabei. Der andere 
fragte sie am frühen Morgen ihres Todestages, ob sie 
nicht das Sakrament empfangen wollte, er wolle es 
ihr gerne darreichen. Sie sagte: Welchen Gott willst du 
mir geben, den, der vergänglich ist, welchen man um 
einen Heller oder Deut verkauft. Desgleichen sagte 
sie auch zu dem Paffen oder Mönche (welcher sich 
freute, dass er auf diesen Tag Messe gehalten hatte), 
dass er Gott aufs Neue gekreuzigt hätte. Hierauf sagte 
er: Es kommt mir vor, du seiest ganz verirrt. Weynken 
antwortete: Dafür kann ich nichts, mein Herr, mein 
Gott, welchem Ehre, Lob und Dank in Ewigkeit sei, 
hat mir es so gegeben. Frage: Was hältst du von dem 
heiligen Öle? Antwort: Öl ist gut auf dem Salat, auch 
deine Schuhe damit zu schmieren (lTim 4,4). 

In der Mitte der Woche brachte man sie vor Ge- 
richt und als sie nun in den Saal kam, trat der Mönch 
zu ihr, hielt ihr das Kreuz vor das Angesicht und 
sagte: Widerrufe doch, ehe das Urteil gefällt wird! 
Aber Weynken kehrte sich vom Kreuze ab und sag- 
te: Ich bleibe bei meinem Herrn, bei meinem Gott; es 
wird mich weder Tod noch Leben von ihm scheiden 
(Rom 8,38). Als sie vor dem Richter stand, sagte der 
Mönch ihr ins Ohr: Fall auf deine Knie und bitte den 
Herrn um Gnade! Sie antwortete: Schweige nur, habe 
ich dir nicht gesagt, dass du mich von meinem Herrn 
nicht abziehen werdest? Der Diakon von Naaldwyk, 
welcher Unterkommissarius und Ketzermeister war, 
hat das Urteil in Latein vorgelesen, und als er sol- 
ches ins Deutsche verdolmetschte, sagte er mit kurzen 
Worten, dass sie in ihrem Glauben in Ansehung des 



46 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Sakramentes irrig zu sein befunden worden sei und 
da sie unbeweglich dabei bliebe, so habe er beschlos- 
sen, dass sie eine Ketzerin sei, worauf er die Weynken 
den weltlichen Händen übergeben mit der Erklärung, 
dass er in ihren Tod nicht einwillige. Hierauf ist er mit 
seinen beiden Beisitzern, welches gleichfalls geistliche 
Männer gewesen sind, aus dem Rate gegangen. 

Sodann wurde vom Gerichtsdiener abgelesen, dass 
sie, wie man sagt, halsstarrig befunden worden sei, 
was nicht ungestraft bleiben könne, dass sie daher zu 
Asche verbrannt und alle ihre Güter aber dem gemei- 
nen Schatze heimgeschlagen werden sollen. Hierauf 
sagte Weynken: Ist nun alles geschehen? Ich bitte euch 
alle, falls ich jemanden misshandelt oder erzürnt ha- 
be, dass ihr mir dieses vergeben wollt. Hierauf sprach 
der Mönch zu ihr: Küsse nun deinen Herrn und Gott 
einmal. Sie antwortete: Dieses ist nicht mein Herr. Als 
sie die Ratskammer verließ, sprach der Mönch zu ihr, 
sie sollte unsere hebe Frau um ihre Fürbitte anrufen. 
Sie antwortete: Unsere Frau ist in Gott wohl zufrieden. 
Mönch: Rufe sie an! Weynken: Wir haben Christum, 
welcher zur rechten Hand des Vaters sitzt, dieser bittet 
für uns. Als sie nun vom Saale kam und zum Galgen 
oder Gerichte ging, sagte der Mönch: Siehe einmal 
deinen Herrn an, der für dich gestorben ist! Weynken: 
Das ist nicht mein Herr, mein Gott; mein Herr Gott 
ist in mir und ich bin in ihm. Siehe dich um, willst 
du alle diese Schäflein verurteilen und sind sie alle 
verdammt? Weynken: Nicht alle, das Gericht kommt 
Gott zu. Mönch: Fürchtest du dich denn nicht vor dem 
strengen Urteile Gates? Weynken: Gott kommt nicht, 
um die Sünder zu verdammen, sondern um ihnen 
Frieden zu geben. Mönch: Fürchtest du nicht das Ur- 
teil Gottes, welches du im Feuer wirst leiden müssen? 
Weynken: Nein, denn ich weiß, wie ich mit meinem 
Herrn daran bin. Auf dem Gerüste oder Schaffotte 
stand eine Person neben Weynken, die sprach zu ihr: 
Mutter, wende dich zum Volke und bitte dasselbe, 
dass es dir vergibt, wenn du jemanden beleidigt hast; 
dieses tat sie. Hierauf hat sie dem Scharfrichter gehol- 
fen, das Pulver in den Busen zu stecken. Auch hier 
versuchte sie der Mönch mit dem Kreuze, welches 
sie aber mit der Hand von sich stieß, sich umwandte 
und sagte: Was versuchst du mich? Mein Herr, mein 
Gott ist hier oben. Dann ging sie fröhlich wie zu ei- 
ner Hochzeit; auch hat sich ihr Angesicht keineswegs 
vor dem Feuer entsetzt. Der Mönch sagte ferner zu 
ihr: Willst du nicht standhaft bei Gott bleiben? Weyn- 
ken: Ja, gewiss! Mönch: Nun musst du ohne Verzug 
ins Feuer gehen, widerrufe jetzt noch! Weynken: Ich 
bin wohl zufrieden; des Herrn Wille muss geschehen. 
Mönch: Das ist nicht des Herrn Wille; Gottes Wille 
ist deine Heiligung. Der Scharfrichter sprach: Mutter, 


bleibe bei Gott und laß dich nicht von Gott ziehen. 
Unterdessen ging die fromme Heldin allein und uner- 
schrocken nach der Bank und begab sich zum Pfahle, 
an welchem sie verbrannt werden sollte und sagte: 
Steht auch die Bank fest, werde ich nicht fallen? Hier- 
auf hat der Scharfrichter die Stricke zubereitet, womit 
sie erwürgt werden sollte; die Frau band ihr Halstuch 
oder Schleier ab und legte den Strang um ihren Hals. 
Hierauf rief der Mönch: Fiebe Weynken, willst du 
auch gerne als eine Christin sterben? Antwort: Ja, ich 
will. Frage: Entsagst du aller Ketzerei? Antwort: Ja. 
Mönch: Das ist gut; ist es dir auch leid, dass du geirrt 
hast? Weynken: Ich habe zwar früher geirrt, solches 
ist mir leid; dieses aber ist kein Irrtum, sondern der 
rechte Weg und ich bleibe bei Gott. Als sie nun so 
geredet hatte, hat der Scharfrichter angefangen, sie zu 
erwürgen und als sie dieses fühlte, schlug sie die Au- 
gen nieder und schloss sie zu, als ob sie in einen Schlaf 
gesunken wäre. Sie hat den Geist am 20. November 
des Jahres 1527 aufgegeben. 

Johann Walen mit zweien seiner Mitbrüder, 1527. 

Im Jahre 1527 hat ein getreuer Bruder, genannt Johann 
Walen gelebt, welcher mit zweien seiner Mitbrüder in 
Wasserland auf Crommenicsdyk wohnte. Diese drei 
sind mit einander um des Zeugnisses Jesu Christi wil- 
len von den blutdürstigen Papisten gefänglich nach 
Haarlem geführt und nach einer kurzen Zeit von da 
nach Grafenhaag gesandt worden, wo man sie sehr 
streng verhört und untersucht hat; doch haben sie in 
dem Verhöre durch die Kraft des Allerhöchsten, wo- 
mit sie ausgerüstet waren, in Geduld widerstanden 
und dadurch alle ihre Untersucher und Peiniger, samt 
der Welt und allem, was man mit Augen sehen kann, 
durch den Glauben tapfer überwunden. Deshalb sind 
sie von dem Herrn der Finsternis an dem bezeichne- 
ten Orte zu einem solchen unmenschlichen und tyran- 
nischen Tode verurteilt worden, wie gleich folgen soll. 
Man hat sie nämlich in Ketten an Pfahle geschlossen 
und sie dann mit einem Feuer umringt, sie so langsam 
gebraten, bis man hat das Mark aus den Beinen durch 
die Schenkel hat herausdringen sehen; in dieser Weise 
sind sie von unter herauf gebraten worden, bis der 
Tod erfolgt ist. Nachdem sie gestorben, hat man noch 
von ihren Feibem Kleider in Stücken abgerissen, an 
welchen man noch erkennen konnte, von welcher Far- 
be das Tuch gewesen. Weil sie nun dieses alles um des 
Namens Jesu und des Wortes Gottes willen und nicht 
wegen einer begangenen Missetat erlitten haben, son- 
dern lediglich um den festen Grund der Wahrheit vor 
diesem falschen und ehebrecherischen Geschlechte 
zu bezeugen und zu bekennen, so wird der Sohn Got- 



47 


tes, wenn er in seiner Herrlichkeit erscheinen wird, 
sich ihrer auch nicht schämen, sondern sie vor seinem 
Vater und seinen auserwählten Engeln bekennen und 
sie mit ewiger Herrlichkeit im Himmel krönen. 

Leonhard Schiemer, 1528, nach ihm wohl noch 
siebzig. 

Im Jahre 1528 wurde Leonhard Schiemer von Vökla- 
burg gefangen genommen; er war ein Diener Gottes 
und ein sowohl in der Heiligen Schrift als auch in 
der lateinischen Sprache erfahrener Mann, welcher 
die wahre Taufe Christi und seiner Apostel und das 
wahre Abendmahl des Herrn, wie auch die Artikel 
des christlichen Glaubens, ja das Wort Gottes getreu- 
lich lehrte und gegen die Kindertaufe, wie auch gegen 
das abscheuliche Sakrament und andere Gräuel des 
Antichristentums zeugte. Anfänglich ist er ungefähr 6 
Jahre lang ein Barfüßermönch gewesen, nachdem er 
aber das Leben der Mönche und Pfaffen mit dem Wor- 
te Gottes abgemessen und sowohl ihre Unreinigkeit 
und ihren Mutwillen, als auch ihre Scheinheiligkeit 
und Laster eingesehen hat, so ist zu Judenburg in 
Österreich aus dem Kloster gegangen und nach Nürn- 
berg gezogen, wo er das Schneiderhandwerk erlernt 
hat, worauf er dann gewandert und nach Nicolsburg 
in Österreich gekommen ist. Daselbst hat er von Bal- 
thasar Hubmaier und von dessen Tode gehört und 
vernommen, dass einige dieses Glaubens, zu Veyen 
versammelt seien; diesen hat er nachgeforscht, ist zu 
ihnen gekommen, hat sie gehör und sich daselbst un- 
ter Oswalds Begleitung taufen lassen. Hierauf ist er 
nach Steyen gezogen, um daselbst sein Handwerk zu 
treiben. Dort hat er gelehrt und getauft, indem er von 
ihnen zum Lehrer erwählt worden ist; hat auch hin 
und wieder in Bayern bis nach Rotenburg im Inntale 
gelehrt und getauft. Hier ist er um seines Glaubens 
willen gefangen genommen und untersucht worden 
und hat viel mit seinen Widersachern gehandelt. Von 
diesen hat er verlangt, dass, wenn man seine Lehre 
und seinen Glauben für falsch und für Ketzerei hal- 
ten wollte, so sollte man gelehrte Leute, Doktoren, 
Mönche und Pfaffen vor ihn kommen lassen, um mit 
ihm zu disputieren; wenn nun in dem Wortstreite mit 
wahrem Grunde aus Heiliger Schrift befunden würde, 
dass er unrecht hätte, so möchte man ihn deshalb als 
einen Ungerechten strafen. Auch hat er, um sowohl 
die Wahrheit als auch seine Schriften und Reden noch 
mehr zu befestigen, sich erboten, dass, wenn einige 
Gelehrte mit der Wahrheit der Heiligen Schrift ihn 
überzeugen würden, dass seine Lehre der Heiligen 
Schrift nicht ähnlich wäre, so sollte man ihm durch 
den Scharfrichter, indem er von ihnen überwunden 


sei, jedes Glied einzeln von seinem Leibe abschneiden 
und wenn er keine Glieder mehr habe, so sollte man 
die Rippen aus seinem Leibe herausholen, bis dass er 
seine Seele ausgehaucht; falls er aber nicht zum Ver- 
höre und zur Disputation gelangen könnte und man 
ihn unverhört richten oder töten lassen wollte, so bäte 
er alle, die Zeugen seines Todes seien und alles umste- 
hende Volk, dass sie hierin vor Gott am jüngsten Tage 
seine Zeugen sein wollten. Nichtsdestoweniger ist er 
nach des Kaisers, auch Königs von Ungarn und Böh- 
men, ausgegangenem Befehle zum Tode verdammt 
und dem Scharfrichter übergeben worden, welcher 
ihn den 14. Januar des erwähnten Jahres zu Rotenburg 
um des Zeugnisses Jesu willen, wovon er nicht abwei- 
chen wollte, enthauptet und zu Asche verbrannt hat. 
Nachher haben an demselben Orte nach diesem Leon- 
hard an siebenzig Personen eben dasselbe mit ihrem 
Blute bezeugt. 

Dieser Leonhard Schiemer hat unter anderem die 
nachfolgende Ermahnung an alle diejenigen, welche 
um des Namens Christi willen im Leiden sind, zum 
Tröste hinterlassen: 

Wir bitten dich, o ewiger Gott, neige deine gnädi- 
gen Ohren zu uns, Herr Zebaoth! Du Fürst der Heer- 
scharen, höre doch unsere Klagen, denn großes Un- 
gemach und Plage hat die Oberhand genommen und 
der Hochmut ist in dein Erbe gekommen; und dazu 
haben sich viele vermeinte Christen verbunden und 
haben so den Gräuel der Verwüstung aufgerichtet. Sie 
toben und zerstören das Heiligtum der Christen. Sie 
haben es zertreten und der Gräuel der Verwüstung 
lässt sich als Gott anbeten. Sie haben deine heilige 
Stadt zerstört, deinen heiligen Altar umgeworfen und 
die Knechte darin, wo sie dieselben ergreifen konnten, 
ermordet. Und als wir als ein kleines Häuflein über- 
geblieben sind, haben sie uns mit Schmach und Schan- 
de in alle Länder vertrieben. Wir sind zerstreut wie 
Schafe, die keinen Hirten haben; wir müssen Haus 
und Hof verlassen und gleichen den Nachtvögeln, 
die sich in den Steinfelsen aufhalten. In Höhlen und 
Steinklippen sind unsere Kammern, man stellt uns 
nach, gleich den Vögeln, die in der Lust fliegen. Wir 
gehen in den Gebüschen umher, man sucht uns mit 
den Hunden. Man führt uns wie stumme Lämmer, 
die ihren Mund nicht auftun, gefangen und gebun- 
den. Man verschreit uns als Aufrührer und Ketzer. 
Wir werden als Schlachtschafe zur Schlachtbank ge- 
führt. Auch sitzen viele betrübt in Banden, welche an 
ihrem Leibe verderben. Einige sind durch die strenge 
Pein umgekommen und ohne alle Schuld gestorben. 
Hier ist die Geduld der Heiligen auf Erden. Deshalb 
müssen wir hier durch Leiden geprüft werden. Man 
hat die Gläubigen hier an die Bäume aufgehängt, er- 



48 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


würgt, in Stücke zerhauen, heimlich und öffentlich er- 
tränkt; nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen 
und Jungfrauen haben hier gleichfalls die Wahrheit 
bezeugt, dass Jesus Christus die Wahrheit und der ein- 
zige Weg zum ewigen Leben sei. Gleichwohl rast die 
Welt und ruht nicht, sie wütet wie unsinnig; sie erdich- 
ten Lügen gegen uns und hören nicht auf zu brennen 
und töten, sie machen uns die Welt zu enge. O Herr! 
Wie lange willst du doch dazu schweigen? Wie lange 
willst du das Blut deiner Heiligen nicht rächen? Laß 
es vor deinem Throne aufsteigen! Wie köstlich ist das 
Blut deiner Heiligen vor deinen Augen. Darum haben 
wir zu dir allein in allen unsern Nöten eine tröstliche 
Zuversicht und keinen Trost, keine Ruhe oder keinen 
Frieden bei sonst jemand auf dieser Erde. Wer aber 
auf dich hofft, der wird in Ewigkeit nicht zu Schanden 
werden. O Herr! Es ist keine Trübsal so groß, dass sie 
uns von dir scheiden könne, darum rufen wir dich oh- 
ne Aufhören an, durch Christum, deinen Sohn, unsern 
Herrn, welchen du uns zum Tröste aus lauter Gnade 
gegeben hast, der uns die schmale Bahn und den Weg 
zum ewigen Leben zubereitet und bekannt gemacht 
hat. Ewige Glorie und Triumph, Preis und Ehre wer- 
den dir gegeben von nun an bis in Ewigkeit und deine 
Gerechtigkeit bleibe ewig. Alle Völker segnen deinen 
heiligen Namen durch Christum, den zukünftigen 
gerechten Richter der ganzen Welt. Amen. 

Hans Schlaffer und Leonhard Fryk, 1528. 

Auch ist im Jahre 1528 der Bruder Hans Schlaffer, der 
früher römischer Pfaff, dann aber ein Lehrer des Wor- 
tes und des Evangeliums Christi gewesen, ein hoch- 
begabter Mann, zu Schwatz im Inntale gefänglich ein- 
gezogen worden und mit ihm ein Bruder Leonhard 
Fryk. Man hat ihm mit strenger Pein sehr zugesetzt 
und durch die Pfaffen mit ihm von der Kindertaufe 
handeln lassen, aber er hat mit der göttlichen Schrift 
mündlich als auch schriftlich ihnen seine Verantwor- 
tung vorgelegt, wie durch das ganze neue Testament 
befohlen und zu ersehen ist, dass man zuerst das Wort 
Gottes lehren und nur diejenigen taufen soll, die es hö- 
ren, selbst verstehen, glauben und annehmen. Dieses 
ist die rechte christliche Taufe und keine Wiedertau- 
fe; der Herr hat nie befohlen, die Kinder zu taufen, 
sie sind schon zuvor des Herrn und solange sie in 
der Unschuld und Einfalt sind, kann man sie nicht 
verdammen. Auch haben sie ihn gefragt, worin eigent- 
lich das Prinzip der Sekte der Wiedertäufer bestehe, 
worauf er ihnen antwortete: Unser Glaube, Tun und 
Taufen ist auf nichts anderes gegründet als auf den 
Befehl Christi in Mt 28; Mk 16, wo Christus sagt: »Ge- 
het hin in alle Welt und predigt allen Kreaturen, wer da 


glaubet und getauft wird, soll selig werden,« nebst vielen 
andern Schriftstellen. 

Auch haben sie gefragt, was für eine Absicht unter 
solcher Wiedertaufe verborgen sei, indem ihr Bestre- 
ben dahin gehe, Aufruhr und Abfall zu erwecken? 
Aber er antwortete ihnen: Es sei noch nie in sein Herz 
gekommen, Aufruhr zu erwecken, auch habe ihm sol- 
ches an andern nicht wohl gefallen, ja er habe ein 
Haus geflohen, in welchem man uneinig gelebt habe; 
solches könne er durch alle diejenigen beweisen, bei 
welchen er bis dahin gewohnt habe. Auch sei darun- 
ter keine andere Absicht verborgen, als das Leben zu 
bessern und von dem lasterhaften Leben der Welt ab- 
zulassen, wie denn auch in seiner Lehre, welche er 
führte, das Gebot besonders herrsche, dass man der 
Obrigkeit in allen guten Dingen untertänig und gehor- 
sam sein solle; wie hätte er nun sich vorgenommen 
haben sollen, Aufruhr und Abfall zu erwecken? Auch 
begehrten sie von ihm zu wissen, wer die eigentlichen 
Urheber und die Bedeutendsten dieser ketzerischen 
Hauptsekte seien (wie sie dieselben mit Unrecht nann- 
ten). Er sagte ihnen: Er wüsste keine Häupter seines 
Glaubens, als den Sohn Gottes, Jesum Christum, der- 
selbe sei der rechte Herzog des Glaubens; dass man sie 
aber Ketzer und aufrührerische Sekten nenne, darüber 
sollte man die Klagen der Juden über Christum vor 
Pilatus und die Klagen über den Apostel Paulus vor 
dem Landpfleger Felix lesen. Desgleichen hat man ihn 
auch gefragt, was ihn veranlasst und dazu gebracht 
habe, dass er seine priesterliche Bedienung und sein 
Amt verlassen habe. Hierauf hat er ihnen gesagt, dass 
er solches um des Gewissens willen getan hätte, weil 
er in eines Propheten Stande sei und geglaubt habe, 
dass er von Gott ausgesandt sei. Auch begehrten sie 
von ihm zu wissen, wer ihn beschieden hatte, nach 
Deutschland zu ziehen, um solchen bösen Samen der 
Wiedertäufer fort zu pflanzen? Er antwortete ihnen 
hierauf: Es hätte ihn niemand dazu beschieden, son- 
dern nachdem er nirgends einen Aufenthalt gehabt 
und im Elend hätte umherziehen müssen, sei er zu 
einem seiner Freunde gekommen, bei welchem er sich 
aufgehalten; von da sei er nach Schwatz gekommen, 
wo er nach dem Willen und wegen des Willens Gottes 
gefangen worden sei. Was den bösen Samen betref- 
fe, wovon sie sagten, davon wüsste er gar nichts; er 
hätte nichts Böses vor, sondern vielmehr die lautere 
göttliche Wahrheit. 

Nach diesen und andern Vorgängen haben sie ihn 
und seine gefangenen Brüder, nachdem er eine Zeit- 
lang gefangen gelegen und nicht abweichen wollte, 
vom Leben zum Tode verurteilt und sie zu Schwatz 
mit dem Schwerte gerichtet und haben sie in solcher 
Weise die göttliche Wahrheit mit ihrem Blute bezeugt. 



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Er hat seinen Brüdern in Christo die nachstehende 
Ermahnung und Danksagung hinterlassen: 

O Gott! Ich bitte um deine Gnade! Du wollest mir 
meine Sünden nicht zurechnen, indem Christus für 
dieselben genug getan hat, ehe ich geboren war. Ich 
war dein Feind und du hast mich geliebt, mich in Gna- 
den aufgenommen und für mich, zu meiner Erlösung, 
das unschuldige Blut deines geliebten Sohnes dahin 
gegeben, obgleich ich noch an mir viele Spuren der 
anklebenden Sünden wahrnehme, welche sich in mei- 
nem Fleische hervortun. Denn wenn ich das Gute tun 
will, hanget mir das Böse an. Um deswillen bin ich 
betrübt und mag wohl mit dem Apostel Paulus seuf- 
zen und rufen: Ich elender Mensch, wer wird mich 
erlösen von dem Leibe dieses Todes? Und ich muss 
mir selbst antworten und sagen: Ich danke meinem 
Gott, der mir durch Christum den Sieg gegeben hat. 
Du bist mein Trost, denn weil ich von Herzen glau- 
be, so kann ich nicht verdammt werden. Der Geist ist 
zwar willig und bereit, aber das Fleisch ist schwach, 
so dass es nicht dem Gesetze Genüge tun kann, bis 
Christus mit seinem Geiste stärkt. Wo menschliche 
Gesetze auf Erden regieren, da werden die elenden 
Gemüter verführt; ja, wo Jesus Christus nicht allein 
der Beherrscher ist, baut und die Aufsicht hat, da be- 
steht kein Gebäude, sondern bleibt alles zerrissen und 
zerbrochen. Obschon die Welt andere Dinge hochhält, 
so sind sie doch vor Gott verschmäht; darum bitten 
wir dich alle gemeinschaftlich, jung und alt, groß und 
klein, dass du, o Gott, dich unserer erbarmen und 
uns armen Kindern getreue Hirten senden wollest, 
die deine Gabe austeilen, damit jede Menschenlehre 
ausgerottet werden möge; denn es ist Zeit, dass man 
rechte Buße tue und von dem Bösen ablasse, indem 
das strenge Urteil Gottes vor der Türe ist. Darum lasst 
uns zu der Züchtigung unseres Vaters unsere Zuflucht 
nehmen und ihm in Gehorsam uns unterwerfen, da- 
mit er uns, als seine Kinder, züchtige. Die Welt ist 
verblendet, sie kennt der Christen Leben nicht, sie 
hat davor einen Abscheu, flieht vor dem Kreuze und 
meint, es sei genug, wenn sie nur von dem christli- 
chen Leben fein mit Worten reden könne, mit der Tat 
aber wenig vollbringt. 

Aber, meine Brüder! Wer ein aufrichtiger Christ 
sein will, der muss Christum anziehen und ihm in 
seiner armen Gestalt gleich werden auf dieser Erde 
und darin mit getrostem Mute alles aufnehmen, was 
ihm in dieser Welt begegnet. Hier hilft kein auswen- 
diger Schein, dass man Christum lieb habe und um 
seines Namens willen leide; man muss sich auch sei- 
ner nicht schämen, der uns zuerst geliebt und sich für 
uns dem schmählichen Tode übergeben hat. Es kann 
in Wahrheit nicht anders sein, als dass das Gericht 


erst an dem Hause Gottes anfange. So wird nun die 
Heilige Schrift erfüllt, weshalb die Strafe, womit die 
Welt heimgesucht werden wird, bereits vor der Türe 
ist; darum soll sich niemand versäumen, denn das 
Schwert ist gezogen, der Bogen ist gespannt und der 
Pfeil darauf gelegt und man zielt, um zu schießen. Ich 
meine hiermit nicht, dass man eine Ausflucht suchen, 
sondern des Vaters Züchtigung annehmen soll, wie 
oben gesagt worden ist, womit er uns zu demjenigen 
läutert, wozu er uns versiegelt hat, damit wir des ewi- 
gen, unvergänglichen Reichs mit ihm versichert sein 
und dasselbe ewig mit ihm in dem ewigen Leben be- 
sitzen sollten, wozu uns Gott sämtlich stärken und 
kräftigen wolle. Amen. 

Leopold Schneider, 1528. 

Dieser Leopold Schneider ist zu Augsburg als ein 
frommer Zeuge des Leidens Christi, um der Wahrheit 
willen im Jahre 1528 enthauptet worden und hat die 
nachfolgende Ermahnung, anderen zum Tröste und 
Unterrichte, hinterlassen: 

Mein Gott, dich will ich in meiner letzten Stunde 
loben, dich, der du hoch dort oben im Himmel bist, 
will ich mit Herz und Mund preisen, denn du bist 
dessen würdig; stärke meinen Glauben, indem ich auf 
diese Fahrt des Leidens ziehen muss; gedenke mei- 
ner in Gnaden in diesem schweren Streite; meinen 
Geist befehle ich in deine Hände, in dir erfreue ich 
mich, Christi, stehe mir bei im Leiden, vergib es ih- 
nen, himmlischer Vater, denn sie wissen nicht, was 
sie tun. Ich werde gehasst, weil ich dein Wort nicht 
verlassen kann und man sucht die Seele von dem Lei- 
be zu entblößen. Darum rufe ich dir zu, o Gott, um 
gnädige Hilfe; ich vertraue auf dich, denn ich habe 
sonst keinen Tröster. Was so klar geschrieben steht, 
Mk 16, dass, wer da glaubt und getauft wird, soll selig 
werden, dem kann je niemand widersprechen, darum 
soll man darauf Achtung geben. O ihr Verblendeten, 
warum entsetzt ihr euch und werdet betrübt, weil wir 
den Befehl Christi beobachten? Übt euch in der Heili- 
gen Schrift, dann werdet ihr finden, was Christus, der 
Sohn Gottes, uns zu tun befohlen hat. Ich bitte euch 
alle, ihr lieben Brüder und Schwestern, habt doch zu 
Gott ein festes Vertrauen und seid über meinen bittern 
Tod nicht betrübt, denn Gott wird solches reichlich 
belohnen. Wir müssen doch einmal von hier und aus 
diesem Jammertale scheiden. Die Schrift bezeugt ja 
so klar, dass wer hier nur lachen und Freude haben 
will, zuletzt heulen und weinen soll; hier müssen wir 
in Geduld leiden, der Herr gebe, dass es in Unschuld 
geschehen möge. Wer hier seine Gabe auf den Altar 
bringen will, der muss diese auf dem Altar lassen und 



50 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


hingehen und sich zuvor mit seinem Bruder versöh- 
nen und dann kommen und seine Gabe opfern. Dar- 
um bitte ich dich, o Gott, du wollest in Gnaden denen 
vergeben, welche mir den Tod antun. Meinen Geist 
und meine Seele befehle ich in deine Hand, o Gott! 
Hilf mir aus allen Nöten und wende dich niemals von 
mir; nimm meinem Fleische sein ganzes Vermögen, 
damit ich überwinden und von dir den Sieg erhalten 
möge, Amen. 

Achtzehn Personen werden zu Salzburg verbrannt, 
1528. 

Diese achtzehn Personen sind außer vielen anderen, 
durch den Eifer in der Furcht Gottes entflammt wor- 
den, so dass sie sich von der Welt und ihrer Abgöt- 
terei zu Gott bekehrt haben und auf den Glauben an 
Christum getauft worden sind, wobei sie sich unter 
den Gehorsam seines heiligen Evangeliums begeben 
haben. Dies haben ihre Widersacher nicht ertragen 
können, weshalb diese achtzehn gefangen genommen 
und endlich, als sie unter vielen Peinigungen fest bei 
ihrem Glauben beharrten, sämtlich zu Salzburg auf 
denselben Tag zum Feuer verurteilt und verbrannt 
worden sind und das Nachfolgende um dasselbe Jahr 
zum Andenken hinterlassen haben: 

O Gott vom Himmel! Habe doch acht auf deine 
Schafe, die nur eine kleine Herde sind, damit sie we- 
der von dir weichen, noch verführt werden; erhalte sie 
in deiner Obhut, hilf ihnen aus der beklagenswerten 
Not, denn das Tier jagt sie zu Tode, welchen sie leiden 
müssen; man wirft sie in strenge Gefängnisse, wo sie 
in der Tiefe dem Herrn lobsingen und ihn mit Herz 
und Mund verherrlichen. Ach Herr, erbarme dich ih- 
rer und lasse es dir geklagt sein; komm eilend und 
hilf uns armen Kindern und erhalte uns in deinem 
Willen. Sie wollen uns von dir abziehen und dringen 
hart in uns mit ihrer großen Gewalt und Pracht. O 
Gott! Verleihe uns doch deine göttliche Kraft; wir ha- 
ben keinen andern Herrn im Himmel und auf Erden 
als dich. Verleihe uns, was wir von dir begehren. Der 
Herr Christus sendet seine Boten aus und bietet uns 
durch dieselben sein Himmelreich an, welches von 
der Welt verspottet wird; wir aber haben mit großer 
Freude und Vergnügen des Herrn Reich und seine 
Gnade angenommen; darum schreien die Pfaffen über 
uns, sie wüten und sind über uns erbittert. Sie haben 
über fünfhundert Jahre die Wahrheit sehr verdeckt 
und die Menschenmasse mit falscher Lehre verführt; 
sie treten das Wort mit Füßen und verachten dasselbe. 
O Herr, gib, dass sie sich bessern und deinen Willen 
tun mögen. Ist es nicht eine klägliche Sache, dass man 
zu Salzburg achtzehn Personen sämtlich auf einen Tag 


verbrannt hat, nur um der Lehre Christi willen, von 
welchem sie bekannten, dass er allein der Herr sei? 
Sie wollten das Bild nicht ehren und das Tier nicht 
anbeten; sie wollten ihre Worte oder das Zeichen des 
Antichristen in ihrer Hand und Stirn nicht annehmen. 
Darum durften sie auch im Lande nicht kaufen und 
verkaufen, sondern sie blieben bei Christo und nah- 
men sein Zeichen an und ihre Namen sind im Buche 
des Lebens aufgeschrieben; sie haben als christliche 
Ritter die Krone des Lebens aus Gnaden erlangt und 
erwarten die ewige Freude. 

Wolfgang Ulmann, 1528. 

Wolfgang Ulmann, ein berühmter und vortrefflicher 
Mann in Glaubenssachen, ist, nachdem er den Glau- 
ben eine Zeitlang verteidigt und belebt hatte, mit sei- 
nem Bruder und zehn anderen Personen zu Walzen 
verbrannt worden; sie haben sämtlich ihren Glauben 
standhaft mit ihrem Tode bezeugt. 

Hans Pretle, 1528. 

Kurze Zeit darauf ist auch Hans Pretle um des Zeug- 
nisses Jesu Christi willen verbrannt worden; derselbe 
ist früher Prädikant gewesen, später aber hat er die 
Gemeinde Christi bedient, welchen Dienst er eine Zeit- 
lang versehen und viele Menschen in der Erkenntnis 
des Evangeliums unterrichtet hat. 

Hans von Stotsingen, 1528. 

Als dieser Hans von Stotsingen um der evangelischen 
Wahrheit willen im Jahre 1528 eine Zeitlang zu Elzas- 
Zabern gefangen gewesen war, ist er zuletzt zum Tode 
verurteilt worden. Als er zum Richtplatze hinausge- 
führt wurde, hat er unterwegs an das Volk die nach- 
folgende Ermahnung gehalten, worauf er daselbst mit 
dem Schwerte enthauptet worden ist: Nun wenden 
wir uns in der Not mit dem Gebete zu unserem Gotte, 
dass er uns aus aller unserer Not erlösen wolle, damit 
unsere Herzen ihm ein reines Opfer bringen mögen, 
welches ihm wohlgefällig sein möchte. Unter diesem 
Opfer verstehe ich meinen ganzen Leib, das Leben, 
die Haut und die Beine, desgleichen auch Weib und 
Kinder. Wir sind geneigt, alle unsere Glieder aufzuop- 
fern, wozu uns die Liebe treibt und zwingt. Pharao 
wollte solches gern verhindern und verwehren, aber 
wir kehren uns nicht daran und wollen auch nicht da- 
von ablassen, sondern wir wollen für den Herrn unser 
Opfer bringen und durch seine Hilfe durchdringen. Er 
wird uns helfen und Beistand leisten. Kommt hierher, 
liebe Brüder, lasst uns die Sache tapfer angreifen; wir 



51 


sind nun die Glieder Jesu; er ist unser Herzog; er hat 
eine herrliche Krone zubereitet, welche er denjenigen, 
die bis ans Ende beharren, aufsetzen wird. Du kleines 
Würmlein Jakob, sei mutig und unverzagt, obschon 
Pharao dir nach dem Leben steht, so ist doch das Lei- 
den gering. Das Rote Meer wird dir offen sein und 
ob dir Pharao nachjagt, so wird er darin untergehen. 
Zage nicht, du kleine Herde, denn es ist hier um eine 
kurze Zeit zu tun, auch ist unser Pleisch ja nichts wert, 
sondern die Stadt, welche uns Gott im ewigen Reiche 
zubereitet hat, wo wir den Engeln Gottes gleich sein 
werden, ist von Wert. Wer kann die Würde bedenken? 
Solches hat uns Gott zugesagt, ja Gott verheißt uns 
durch sein Kind Jesum Christum viel Trost und Lreu- 
de und verspricht uns ewige Ruhe, wenn wir sonst 
in ihm standhaft bleiben. Aber wir müssen auch den 
Kelch des Leidens mittrinken und mit seinem Soh- 
ne Jesu Christo leiden. Dennoch will er uns erlösen 
und uns guten Beistand leisten. Wenngleich uns die 
Heiden töten, so will er uns doch nicht verlassen, son- 
dern ihre Gewalt in Stücke brechen, uns aus ihren 
Händen reißen und aus Gnaden herrlich krönen. Gott 
ist der Herr, der da schützen kann. Derselbe ist auch 
unser Schild, weil wir ihn zum Vater haben; er ist 
barmherzig und mildreich; wenngleich uns die Men- 
schen vertreiben, so wollen wir doch stets bei ihm 
bleiben. Seine große Macht ist über uns, er lässt dieje- 
nigen, die seinen Bund halten, nicht verzagen; darum, 
wenngleich man uns lästert und anklagt, so freut euch 
darüber in eurem Herzen. Werft euer Vertrauen auf 
Gott, ihr werdet seine Hilfe genießen. Darum fürchtet 
weder Pein noch Tod; ich sage meinem Gotte Preis 
und Dank, dass ich ein Opfer geworden bin, wonach 
mich verlangt hat, denn Sterben ist mein Gewinn. O 
mein Gott, laß mich das Opfer deines Sohnes Jesu 
Christi genießen, Amen. Hiernächst hat er den Hals 
ausgestreckt und ist um des Zeugnisses Jesu Christi 
willen enthauptet worden. 

Thomas, Balthasar und Dominicus, 1528. 

In demselben Jahre 1528 sind Thomas und Balthasar, 
beide Diener des Evangeliums und mit ihnen einer, 
Dominicus genannt, in der Stadt Brunn in Mähren 
gefangen genommen, zum Tode verurteilt und mit 
großer Standhaftigkeit um des Glaubens und göttli- 
chen Wahrheit willen verbrannt worden; ehe sie aber 
gefangen worden sind, haben sie dem Rate angezeigt, 
dass sich derselbe vorsehen sollte und sich nicht an 
unschuldigem Blute vergreifen sollte, es würde Gott 
ihnen nicht ungestraft lassen. Hierauf ist Thomas Pels- 
ser im Rathause aufgestanden, hat sich angestellt, als 
wollte er seine Hände waschen und gesagt: Ebenso 


will ich meine Hände in ihrem Blute waschen und wer- 
de meinem Gott einen Dienst damit tun; aber wenige 
Tage darauf ist es geschehen, dass ihn das Gericht Got- 
tes getroffen hat; denn er ist plötzlich gestorben und 
in seinem Bette an seines Weibes Seite tot gefunden 
worden. Er hat demnach den Tod dieser Frommen 
nicht erlebt, worüber viele großen Schrecken gehabt. 

Hans Feyerer mit fünf Brüdern und drei 
Schwestern, 1528. 

Um diese Zeit ist gleichfalls Hans Feyerer, ein Diener 
des Wortes, mit fünf seiner Brüder oder Glaubens- 
genossen zu München im Bayerlande um des Glau- 
bens und der göttlichen Wahrheit willen verurteilt 
und verbrannt worden; auch hat man ihre drei Wei- 
ber ertränkt, welche ihr Leben freimütig, getrost und 
fröhlich dahingegeben und lieber dieses zeitliche Le- 
ben verlieren, als von demjenigen abweichen wollten, 
was Gott ihnen zu erkennen gegeben; sie haben ein 
elendes Leben verlassen, um zu ihrer Zeit bei Christo 
in dem Reiche Gottes ein anderes zu finden, welches 
allen denen, die bis ans Ende beharren, mit Abraham, 
Isaak und Jakob, mit allen Heiligen und Frommen 
verheißen ist. 

Drei Brüder und zwei Schwestern, 1528. 

Es haben im Jahre 1528 zu Zuaimb in Mähren drei Brü- 
der und zwei Schwestern gefangen gelegen. Es war 
zu Zuaimb ein Richter, welchen man Herrn Ludwig 
nannte; dieser hasste die Brüder, wie er während der 
Gefangenschaft dieser drei Brüder und Schwestern 
bewiesen hat, denn dieser Ludwig hat dem Rate mit 
scharfen Worten zugeredet, was sie mit diesen täufe- 
rischen Ketzern anfangen wollten; sie hätten, sagte 
er, sowohl einen königlichen Befehl, als auch sein Ge- 
bot, und wenn sie dieselben nicht hinrichten ließen, 
so wollte er selbst zum König reisen und sie wegen 
ihres Ungehorsams anklagen, wenn sie aber dieselben 
richten lassen wollten, so wolle er mit seinen Pferden 
das Holz dazu anfahren lassen, um sie zu verbren- 
nen. Hierauf hat ihm der Rat geantwortet: Lieber Herr 
Ludwig, wir wollen sie euch anbefehlen, tut mit ihnen 
nach eurem Gefallen; es ist euch übergeben. Hierauf 
hat er mit seinem Wagen Holz anfahren und diese 
drei Brüdern und zwei Schwestern verbrennen las- 
sen. Demnach sind dieselben auf dieses kurze Urteil 
hingerichtet worden und haben Gott, der das rechte 
Brandopfer zugelassen hat, das Gelübde, das sie in 
der Taufe getan hatten, bezahlt und bis in den Tod für 
die erkannte göttliche Wahrheit gestritten. 

Dieser Ludwig, durch der alten Schlange Hass und 



52 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Neid angetrieben, hatte sich an dem Blute der from- 
men und unschuldigen Schafe des Herrn noch nicht 
gesättigt und musste seinen Schicksalsspruch erfül- 
len; er hat denen Geld angeboten, die ihm anzeigen 
würden, wo die Brüder zusammenkämen. Als ihm 
nun das Haus verraten wurde, hat er sich mit den Hä- 
schern und Schaarwächtern aufgemacht und ist über 
den Platz gegangen; hier ist dieser Richter Ludwig 
zufällig in ein Loch getreten, welches vor dem Hause 
war, wodurch man den Wein hinunterließ und hat 
in diesem Loche den einen Fuß verrenkt, so dass er 
niederfiel und jammernd rief, dass man ihm aufhelfen 
und die Schelme gehen lassen sollte. Als nun die Brü- 
der dieses Geschrei vernahmen, haben sie sich davon 
gemacht. 

Nachher aber ist dieser Ludwig todkrank gewor- 
den; er lag in großer Bangigkeit und fing plötzlich 
an zu rufen: O die Täufer, die Täufer! Nachher hat 
er weiter nichts mehr geredet, jene Worte aber hat er 
unaufhörlich gerufen; zuletzt brüllte er wie ein Ochse 
und wie ein wildes Tier, aß seine eigene Zunge, dass 
ihm der Schaum und das Blut zum Munde herauslief. 
Sein Weib und seine eigenen Kinder konnten nicht 
bei ihm bleiben; nur die Magd, welche ihm zugehörte, 
blieb bei ihm, bis er in seinem Blute erstickte. Diese 
Magd hat es dem Bruder Bastelward, welcher ein Die- 
ner gewesen, selbst erzählt, wie es zugegangen sei; 
seine ganze Freundschaft hat nicht gern, dass man 
davon redet und es war eine allgemeine Rede unter 
den Leuten, dass er sich an dem unschuldigen Blute 
verschuldigt hätte. Auf ähnliche Weise hat Gott öfters 
(mehr als in diesem Buch angezeigt oder erzählt wer- 
den kann) die Gottlosen mit dergleichen Exempeln 
zurückgehalten, damit dadurch sein Werk unter sei- 
nem Volke größere Fortschritte machen möchte, ihm 
zum Ruhme und zum Heile derer, welche die Gerech- 
tigkeit und Besserung des Lebens suchen; denn wenn 
Gott seinem Werke nicht stets beigestanden hätte, so 
würde der Feind es bald ausgelöscht und kein Fünk- 
lein oder Sämlein von der Wahrheit übrig gelassen 
haben, was aber Gott nicht zulässt. 

Neun Brüder und drei Schwestern, 1528. 

In diesem Jahre sind zu Pruckhan an der Mauer in Stei- 
ermark neun Brüder und drei Schwestern gefangen 
genommen worden; diese hat man um ihres Glaubens 
willen zum Tode verurteilt und sie gebunden aus der 
Stadt nach dem Richtplatze geführt; sie aber waren 
fröhlich und getrost, sprachen und sagten: Heute wol- 
len wir an diesem Orte um des Wortes Gottes willen 
leiden und ihm unser Opfer verrichten. Auch redeten 
sie die Herren von Pruckhan ernstlich mit den Wor- 


ten an: Sie sollten wissen, dass sie unschuldiges Blut 
auf sich laden würden. Als man einen Kreis mach- 
te, knieten sie alle nieder und baten sämtlich alle zu 
Gott, dass sie nun dieses ihr Abendopfer vollenden 
möchten; dann standen sie auf und verfügten sich 
zum Schwerte; der Scharfrichter war betrübt, denn er 
tat solches nicht gern. Der Jüngste unter ihnen allen 
hat seine übrigen Brüder gebeten, dass sie ihn, weil er 
so wohlgemut und freimütig wäre, zuerst die Pein lei- 
den lassen wollten, worauf er sie geküsst und gesagt 
hat: Gott segne euch, meine liebsten Brüder, heute 
werden wir zusammen im Paradiese sein. Also sind 
diese neun Brüder auf einem grünen Acker enthaup- 
tet worden; sie waren so unverzagt, dass man sich 
wundem musste; sie knieten nieder und vergossen 
ihr Blut durch des Schwertes Schlag. Die drei Frauen 
und Schwestern wurden ertränkt; sie wollten nicht 
von Gott und seiner Wahrheit abfallen. Die Jüngste 
lachte das Wasser an, welches daselbst viele gesehen 
haben. Einige hielten dafür, der Teufel habe sie ver- 
härtet, aber andern wurde das Herz bewegt, dass sie 
auch bekannten, es müsste solches Gott geben, sonst 
wäre es unmöglich; demnach haben sie die heilige 
und göttliche Wahrheit ritterlich bekannt. 

Hilgard und Kaspar von Schöneck, ungefähr im 
Jahr 1528. 

Diese beiden sind zu Ries im Fluchttale bei Brixen 
um der Wahrheit willen enthauptet worden und sind 
ebenfalls als treue Zeugen Christi gestorben; sie haben 
die folgende Ermahnung ihren Brüdern hinterlassen: 
Merket alle auf und nehmet es zu Herzen, dass 
Gott alle Sünder, groß und klein, heimsuchen wol- 
le, welche ihn verachten und seinen Namen lästern 
und nicht an ihr sündhaftes Leben denken. Gott wird 
einmal schnell aufwachen und seine Kinder erlösen. 
Wenn man auf die Lehre der Propheten achtet, so sieht 
man, dass es die letzte Zeit sei und dass Gott in dieser 
Zeit rufen wird, dass sich die Menschen zu ihm be- 
kehren, nach seinem Willen leben und seine Geboten 
halten sollen. Wenn sie das tun würden, so würde 
dem Zorne gesteuert werden und er würde ihr Gott 
und Vater sein; denn Gott ist wegen seiner großen Gü- 
te in seinem Urteile langmütig, darum hütet euch vor 
Sünden und folget dem Teufel nicht, sondern befreiet 
euch von der Ungerechtigkeit, so wird euch Gott in 
dieser letzten Stunde nicht verlassen, denn Gott ist 
reich und auch barmherzig; bei ihm ist viel Gnade; er 
vergibt dem Sünder gern, der seine Sünden verlassen 
will, an Christum glaubt und seinen Namen anruft; 
diesen wird Gott nicht allein aus Gnaden von seinen 
Sünden freisprechen, sondern ihm auch freiwillig die 



53 


ewige Belohnung schenken und geben. Merkt doch 
auf diese Dinge, o ihr alle, die ihr zu der Gemeinde 
Jesu Christi gehört und Gottes Kinder geworden seid! 
Lobt doch Gott mit Jauchzen, jung und alt, groß und 
klein; ihr, die ihr seinem Wort glaubt, liebt Gott als 
seine lieben Kinder und wandelt vor ihm mit reinem 
Herzen, so werdet ihr niemals verlassen, sondern von 
ihm bewahrt werden. O Gott, der du reich von Gnade 
bist, bewahre uns, deine Kinder, damit wir uns zu 
dir halten und diejenigen, die sich dir ergeben haben, 
nicht zu Schanden werden; führe sie fleißig mit dei- 
ner rechten Hand nach dem verheißenen Lande, dem 
ewigen Himmelreiche. O Gott! Dir sei Ehre in deinem 
hohen Throne, der du uns durch Christum, deinen 
Sohn beschenkt und uns deine göttliche Gnade mit- 
geteilt hast, wodurch wir dich mit Herz und Mund 
bekennen und uns nicht schämen, diejenigen unsere 
Brüder zu nennen, die dich in der Wahrheit als einen 
Vater anrufen. Gelobet sei dein heiliger Name! Amen. 

Sebastian Frank erzählt, dass im Anfänge die Tauf- 
gesinnten sich um viele Taufende vermehrt haben, 
so dass die Welt einen Aufruhr von ihnen befürch- 
tete; sie sind aber dessen (wie ich höre), schreibt er, 
unschuldig befunden worden; gleichwohl hat man 
ihnen, besonders zuerst im Papsttume, mit großer 
Tyrannei zugesetzt. 

Man nahm mit Gewalt gefangen und peinigte sie 
mit Brennen, mit dem Schwerte, mit Feuer, Wasser 
und mit mancherlei Gefängnissen, weshalb in weni- 
gen Jahren sehr viele derselben getötet worden sind, 
welche man in verschiedenen Plätzen getötet hat, 
denn es sind zu Eynsheim allein an sechshundert um- 
gebracht worden, welche alle als Märtyrer geduldig 
und standhaft litten. 

Vergleiche Seb. Franck's Beschreibung in seiner 
Chronik, die alte Auflage, Fol. 55, 109, mit dem al- 
ten Opferbuche, Buch 1. Leonh., Buch 7. Ferner den 
zweiten Teil der Chronik von dem Untergänge der 
Tyrannen und jährlichen Geschichten, das 16. Buch 
auf das Jahr 1528, Pag. 1025, Col. 1. 

Sechs Personen zu Basel, im Jahre 1529. 

Im Jahre 1529 sind zu Basel neun von denjenigen, 
welche nach dem Befehle Christi getauft waren, ge- 
fänglich eingezogen, von welchen, wie sie schreiben, 
sechs verurteilt worden sind. 

Ferner schreiben sie, dass Bartholomäus Sincken, 
welcher Landvogt daselbst gewesen, zu Homburg, 
einem Schlosse im Baseler Gebiete, einige der bedeu- 
tendsten Täufer (nämlich Taufgesinnte) gefangen ge- 
nommen habe; was ihnen aber endlich widerfahren 
sei, melden die Chroniken nicht. 


Vergleiche dieses mit der Anmerkung in der Vorre- 
de des Opferbuches der Taufgesinnten über Jahr 1615. 
Buchst. Y, Pag. 2. 

Hans Langmantel mit seinem Knechte und seiner 
Magd, im Jahre 1529. 

Hans Langmantel, ein reicher Bürger von angeneh- 
mem Geschlechte, hat mit seinem Knechte und seiner 
Dienstmagd, als die Gemeinden in Deutschland wie- 
der aufgerichtet wurden, die Wahrheit des Evangeli- 
ums angenommen und haben von Eifer entflammt, 
an die Wahrheit geglaubt, das sündhafte Leben ver- 
lassen und sich zur Befreiung und Vergebung ihrer 
Sünden auf den Glauben an Jesum Christum taufen 
lassen. Sie sind deshalb alle drei gefänglich eingezo- 
gen worden und zuletzt, nachdem sie viel Anfechtung 
und Pein erlitten, um ihres Glaubens willen, welchen 
sie standhaft bekannten, getötet worden; den Hans 
Langmantel und seinen Knecht haben sie mit dem 
Schwerte getötet, die Magd aber im Wasser ertränkt. 
Als sie noch in strenger Gefangenschaft lagen, haben 
sie das Nachfolgende als eine Danksagung und ein 
Gebet, deren sie sich im Gefängnisse bedienten, ih- 
ren Brüdern zum Tröste, zur Ermahnung und zum 
Andenken ungefähr im Jahre 1529 zugesandt: 

O Gott! Vater vom Himmel, komm mit der Kraft 
deines Heiligen Geistes und erfreue damit unser Ge- 
müt, Herz und unsere Sinne; gib uns allen dreien 
ein männlich Gemüt, um in dieser Angst, worin wir 
sind, zu streiten und zu siegen. Halte uns mit dei- 
ner rechten Hand, denn du bist unsere Stärke, streite 
für uns in dem Streite, und habe acht auf uns in der 
Not, damit wir im Streite bestehen möchten und nicht 
zurückweichen, wenn der Streit am heftigsten wird, 
darum, o Herr, halte doch Wache über uns und be- 
wahre uns in dieser großen Not, da sich die Gottlosen 
gegen dein Wort aufmachen und uns davon abwen- 
dig machen wollen. O Gott, erhalte uns doch in deiner 
Obhut, damit wir nicht schwach werden und dein 
Wort fahren lassen. Laß, uns doch die Treue genießen, 
die du durch deinen Sohn Jesum Christum an uns 
vollbracht und erwiesen hast, damit wir aber solches 
stets fleißig betrachten möchten, so sende uns deinen 
Heiligen Geist und entzünde in uns das Feuer dei- 
ner göttlichen Liebe; führe du uns, der du dieselbe 
mit der Tat gelehrt und uns vorgelegt hast, dass wir 
uns auch darin üben und dieselbe, als deine lieben 
Kinder unterhalten und ausüben sollen, damit diese 
Gabe in uns komme und wir in dieser deiner Wahrheit 
unser Leben darnach einrichten möchten, wozu wir 
berufen sind, damit Friede und Einigkeit unter uns 
grünen möge und wir uns untereinander in der Wahr- 



54 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


heit aus reinem Herzen lieb haben. Darum, o Gott, 
laß das Licht deiner göttlichen Klarheit uns erleuch- 
ten, damit wir darin wandeln mögen. O Herr! Erhalte 
uns darin als deine lieben Kinder! Laß uns doch nicht 
durch die grausame Finsternis dieser Welt, welche 
mit jeder Art von Untreue die Oberhand bekommen 
und welches alles den Tod nach sich zieht, ebenfalls 
verfinstert werden. Du aber, unser Vater, liebest die 
Billigkeit. In dir ist keine Finsternis, sondern die Welt 
ist damit verblendet. Du aber bist das ewige Licht, 
welches durch die Finsternis dringt. Damit wir nun 
ferner nicht mehr Kinder der Nacht, sondern Kinder 
des Tages sein mögen, so wache über uns mit deinem 
Heiligen Geiste und lehre uns mit Lust und Freude 
nach deiner göttlichen Art in diesem Licht fortgehen. 
O Gott, wir bitten noch einmal, sende uns zu die- 
sem Zwecke deinen Heiligen Geist, verleihe uns seine 
Kraft, erneuere unsere Herzen und mache uns stark 
in dir, damit wir dir im Gehorsam folgen und deinen 
Namen verherrlichen mögen. Wenn diese Welt sich 
wider deine Worte empört und dem widerstrebt, dass 
unsere Seele in allen Trübsalen zu dir seufzt, wodurch 
sie uns abzureißen suchen, so gib uns, o Herr, dass wir 
auf deine Hilfe warten und hilf uns zur Überwindung. 
Gib uns Herr, dass wir uns durch keine Sünde oder 
Schuld beflecken und nimm von unserm Fleisch den 
Schrecken hinweg, womit man uns abzuziehen und 
in diesem Werke aufzuhalten beabsichtigt, damit wir 
im Streite nicht wanken, wenn man das Todesurteil 
an uns vollstrecken wird, sondern damit wir dir mit 
allen Frommen entgegengehen und in dem herrlichen 
Hochzeitskleide bei der Hochzeit erscheinen, welche 
deinem Sohne zubereitet ist, wenn Er seine Braut mit 
ewiger Freude und Lust aufnehmen wird, Herr! Ste- 
he uns doch bei in allen Ängsten und Nöten und in 
der Todespein; gib uns das Himmelsbrot, sende uns 
deinen Tröster; denn du Gott bist ein Tröster der Elen- 
den; du machest die Armen reich und stärkest die 
Schwachen; du kannst die Müden erquicken und den 
Schwachen Kraft geben, dass sie sich zu dir wenden; 
durch dich überwinden sie, die sich jetzt zum Streite 
begeben haben, um für die Wahrheit zu streiten. Hilf 
uns zum Siege in Christo, deinem Sohne, ja in ihm 
allein auf dieser Erde. Sei Du allein unser Helfer, be- 
schirme uns mit deinem Schwerte, damit wir sämtlich 
als deine Helden die Krone erlangen und ewig bei dir 
sein mögen, Amen. 

Georg Blaurock und Hans von der Reve, 1529. 

Um diese Zeit, im Jahre 1529, ist Georg von dem Hau- 
se Jacobs, mit dem Zunamen Blaurock, nachdem er 
ungefähr zwei oder drei Jahre in der Schweiz und 


insbesondere in der Grafschaft Tyrol, wohin er selbst 
gereist ist, die Lehre der Wahrheit ausgebreitet und 
verkündigt hatte, damit er nämlich mit dem Pfunde 
wuchern und mit seinem Eifer für das Haus Gottes 
eine Ursache des Heils sein möchte, nebst seinen Mit- 
gesellen zu Gusodaum gefangen genommen, um des 
Glaubens willen zum Tode verurteilt und nicht weit 
von Clausen lebendig verbrannt worden und zwar 
wegen nachfolgender Artikel: Weil er sein Priesteramt 
und seinen Stand, den er zuvor im Papsttume bedien- 
te, verlassen hatte; weil er nichts von der Kindertaufe 
hielt und den Leuten eine neue Taufe predigte; weil 
er die Messe oder Beichte verworfen, wie sie von den 
Pfaffen eingesetzt worden ist; weil er dafür halte, dass 
wir die Mutter Christi nicht anrufen oder anbeten 
müssen. Wegen dieser Ursachen ist er hingerichtet 
worden und hat, wie einem Ritter und Glaubenshel- 
den gebührt, Leib und Leben dafür gelassen. Als er 
auf dem Richtplatze war, hat er ernstlich zum Volke 
geredet und sie zur Schrift angewiesen. 

Nachdem nun die Liebe zur Wahrheit aufgegangen 
ist, so dass dieselbe unter den Menschen zu brennen 
angefangen und das Feuer Gottes sich entzündet hat, 
so sind in der Grafschaft Tyrol um des Zeugnisses der 
Wahrheit willen viele getötet und umgebracht worden, 
insbesondere in den nachfolgenden Plätzen: In dem 
Gusodaumer Gerichte, zu Clausen, Brixen, Sterling, 
Baltzen, Neumark, Katren, Terlen, in Gundersweg; 
desgleichen in dem Inntale zu Imbs, zu Petersburg, 
zu Steyen im Spruktal, Schwatz, Rotenburg, Kufstein 
und Kitzpichel; in diesen Plätzen hat eine große Men- 
ge der Gläubigen mit ihrem Blute die Wahrheit stand- 
haft durch das Feuer, Wasser und Schwert bezeugt; 
dadurch hat sowohl das Volk Gottes als auch die Ver- 
folgung täglich zugenommen. Einer ihrer Vorsteher 
und Lehrer in der Grafschaft Tyrol wurde Jakob Hue- 
ter genannt, welcher sich nicht lange darauf samt den 
Seinen mit der Gemeinde, die in Mähren versammelt 
war, vereinigt hat. Nachdem nun diejenigen, welche 
sich zu dem Jakob Hueter hielten, mit ihm aus der 
Grafschaft Tyrol nach Mähren zogen, wozu sie teilwei- 
se durch die große Verfolgung gezwungen und genö- 
tigt worden sind, so hat die Verfolgung und Tyrannei 
in der Grafschaft Tyrol sich täglich sehr vermehrt, wes- 
halb die Frommen wenig Sicherheit hatten und viele 
von ihnen gefangen genommen und um des Glaubens 
willen auf allerlei Weise genötigt wurden, wozu denn 
die Pfaffen von dem Predigtstuhle mit großem Grim- 
me gewaltigen Lärm schlugen und darauf bestanden, 
dass man solle Zusehen, sie auszukundschaften und 
sie mit Feuer und Schwert zu vertilgen; auch hat man 
einige Male denjenigen viel Geld angeboten und ver- 
heißen, der sie angeben würde, wodurch sie zu Zeiten 



55 


auf gefunden worden sind; man hat sie überall auf- 
gesucht, in den Gebüschen und Häusern, welche im 
Verdacht waren, in allen Plätzen, auch innerhalb der 
verschlossenen Zaune; diese musste man öffnen oder 
sie brachen sie auf und durchsuchten die innere Flä- 
che. Es war unter ihnen auch ein Judaskind, namens 
Prabeger, der sich einer Schalkheit bediente und da- 
durch viel zu erlangen glaubte; dieser lief zur Obrig- 
keit und verriet sie alle, brachte auch die Häscher und 
die Pilatuskinder mit Schwertern, Spießen und Stan- 
gen mit sich; vor denselben ging er her, wie Judas, der 
Verräter. Auf solche Weise haben sie viele gefangen, 
andere aber zerstreut und verjagt. Nicht lange darauf, 
als sie sich wieder versammelten, hat sich auch wie- 
der ein Ischariot hervorgetan, namens Georg Früder, 
der zu den Pfaffen lief und sagte, wenn sie ihm Lohn 
geben wollten, so wolle er hingehen und es sollte sich 
niemand von den Brüdern vor ihm verbergen kön- 
nen. Hierauf haben ihm die Pfaffen, das Geschlecht 
der Pharisäer und Schriftgelehrten, Geld und guten 
Lohn und außerdem noch einen Brief gegeben, womit 
dieser Schalk ausgegangen ist, sich aufs Höchste ver- 
stellt und sein Gaukelwerk getrieben hat; er ging hin 
und wieder zu den Leuten, von welchen er dachte, 
dass sie davon Wissenschaft hätten, fragte überall im 
Pöstertale, wo die Brüder wären und wo er sie finden 
möchte, man sollte ihm doch dazu verhelfen; solches 
hat dieser Schalk unter vielen Tränen begehrt, unter 
dem Vorwände, dass er keine Ruhe hätte, bis er bei 
ihnen wäre; auf solche Weise hat er sie betrogen und 
ist endlich zu ihnen gekommen; er stellte sich vor ih- 
nen ganz traurig, demütig und gütig an, wie einer, der 
Buße sucht und sich auf einen andern Weg begeben 
will; dann aber sprach er in großer Eile: Meine Brüder, 
wartet ein wenig, so will ich nachhause gehen und 
mein Weib und meine Kinder herholen. Der Diener 
hatte viel Überlegung und sagte zu ihm: Wenn du 
im Herzen falsch bist und etwas Arges im Sinne hast, 
so wird dich Gott gewiss darum Heimsuchen und du 
wirst sein Gericht schnell auf dich laden. Er aber sagte: 
O nein, davor behüte mich Gott! Kommt mit mir in 
mein Haus. Damit ging er fort und lief zum Richter, 
zu den Pfaffen und zu der Obrigkeit; dieselben ka- 
men mit Gewalt, mit Schwertern und Stangen, und 
nahmen die Brüder und Schwestern gefangen. 

Dergleichen Schalke taten sich noch mehr hervor; 
insbesondere einer, welcher Peter Lantz hieß; desglei- 
chen ein anderer mit Namen Pranger; einige gingen 
in der Nacht mit vieler Schalkheit umher, stellten sich 
ebenso an und kamen zu den Plätzen und Häusern, 
worin sie jemanden zu finden hofften; aber Gott hat 
ihnen ihren verdienten Lohn gegeben, so dass sie 
wünschten, dass sie nicht geboren worden wären. 


Außer dem erwähnten Georg Blaurock ist noch ei- 
ner gewesen, namens Hans von der Reve, welcher mit 
zu denen gehörte, welche die Wahrheit des heiligen 
Evangeliums mit Emst angenommen und die christ- 
liche Gemeinde zu der Zeit haben stiften und bauen 
helfen, als die Wahrheit durch das Papsttum und an- 
dere Irrtümer lange verfinstert gewesen ist. Nachdem 
sie nun ihr Lehramt eine Zeitlang treulich bedient, vie- 
le Menschen erbaut und unterwiesen und dadurch ihr 
Pfund mit Wucher auf Gewinn gelegt hatten, so sind 
sie endlich von der missgünstigen und neidischen 
Kainsart gefangen genommen und zu Clausen in Ty- 
rol im Jahre unsers Herrn 1529 verbrannt worden. 

Um nun zu bezeugen, dass sie in allem diesem sich 
in Gott erfreut und auch ihrer Brüder Trost und Stär- 
kung gesucht haben, so haben sie das Nachfolgende 
ihnen zum Andenken hinterlassen: 

Herr Gott! Dich will ich loben von nun an bis an 
mein Ende, weil du mir den Glauben gegeben hast, 
durch welchen ich dich kennen gelernt habe. Du sen- 
dest dein göttliches Wort zu mir, welches ich aus lau- 
ter Gnade merken und spüren kann. Von dir, o Gott, 
habe ich dasselbe empfangen, wie du weißt; ich hof- 
fe gewiss, es wird nicht leer wieder zu dir zurück 
kehren. O Herr, stärke hierzu mein Gemüt, dass ich 
deinen Willen erkenne, dessen ich mich von Herzen 
erfreue. Wärest du mir, o Gott mit dem Worte deiner 
göttlichen Gnade nicht erschienen, als ich die schwere 
Last der Sünden gewahrte, welche mich sehr ängs- 
tigte, so hätte ich unterliegen und ewige Pein leiden 
müssen. Darum will ich deinen herrlichen Namen 
ewig hochloben und rühmen, weil du dich stets als 
einen barmherzigen, lieben Vater erweisest. Verstoße 
mich doch nicht, sondern nimm mich als dein Kind 
an. Darum schreie ich zu dir, hilf doch, o Vater, dass 
ich dein Kind und Erbe sein möge. O Herr, stärke mei- 
nen Glauben, sonst wird mein Gebäude, wenn mir 
deine Hilfe nicht beisteht, bald Umfallen; vergiss mein 
nicht, o Herr, sondern sei immer bei mir; dein Heili- 
ger Geist beschütze und lehre mich, dass ich in allen 
meinen Leiden stets deinen Trost empfangen und in 
diesem Streite ritterlich kämpfen möge, bis ich den 
Sieg erhalten haben werde. Der Feind hält mit mir ei- 
ne Schlacht in dem Felde, worin ich nun liege; er hätte 
mich gern aus dem Felde verjagt; aber du, Herr, hast 
mir den Sieg gegeben. Er ist mit scharfem Geschütz 
auf mich eingedrungen, so dass mir alle meine Glie- 
der vor der falschen Lehre und ihrem Zwange bebten. 
Aber du, o Herr, erbarme dich meiner und hilf mir 
armen Menschen, deinem Sohne, mit deiner Gnade 
und kräftigen Hand, damit ich überwinde. O Gott! 
Wie bald hast du mich erhört, wie bist du mit deiner 
Hilfe geeilt und hast meine Feinde zurückgeschlagen! 



56 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Darum will ich zum Lobe deines Namens, in meinem 
Herzen singen und die Gnade, die mir widerfahren 
ist, ewig ausbreiten. Ich bitte dich nun, Vater, für alle 
deine Kinder; bewahre uns sämtlich in Ewigkeit vor 
allen Feinden unsrer Seelen; auf das Fleisch will ich 
nicht bauen, denn dasselbe vergeht und hat keinen 
Bestand, aber auf dein Wort will ich fest vertrauen, 
das sei mein Trost, darauf ich mich verlasse, das wird 
mir aus allen meinen Nöten zur ewigen Ruhe helfen. 
Die Stunden des letzten Tages, wo wir das Leben las- 
sen müssen, ist nun sehr nahe. Lieber Herr! Hilf uns 
doch das Kreuz bis auf den Platz zu tragen und kehre 
dich zu uns mit aller Gnade, damit wir unsem Geist 
in deine Hände befehlen mögen. Ich bitte dich, o Herr, 
herzlich für alle unsere Feinde, wie viele derer auch 
sind; Herr, rechne ihnen ihre Sünde nicht zu; dieses 
bitte ich dich nach deinem Willen und so wollen wir 
(ich, Georg Blaurock und Hans von der Reve) im Frie- 
den hinscheiden; der gute Gott wolle uns durch seine 
Gnade bis in sein ewiges Reich geleiten; gleichwie wir 
ihm auch fest vertrauen, dass er solches tun und sein 
heiliges Werk in uns vollenden und mit seiner Kraft 
bis ans Ende uns beistehen werde, Amen. 

Dies ist auch augenscheinlich geschehen, denn die- 
se beiden sind standhaft und unerschrocken um der 
Wahrheit willen gestorben und verbrannt worden. 

Hier folgt noch eine andere tröstliche Ermahnung, 
welche Georg Blaurock seinen Nachkömmlingen 
hinterlassen hat. 

Gottes Gericht ist recht, welchem sich niemand wi- 
dersetzen kann; er wird den verdammen, der seinen 
Willen nicht tut. Aber du, o Herr, bist gütig und er- 
zeigest deine Gnade und nimmst zu deinen Kindern 
alle diejenigen an, welche sich befleißigen, deinen Wil- 
len zu tun. Wir sagen dir billig Lob und Dank durch 
Jesum Christum, für alle deine Wohltaten und Güte 
und bitten dich, du wollest uns vor Sünden behüten 
und bewahren. Der Sünder fällt hier ein schweres 
Urteil über sich selbst, welches ihn endlich gereuen 
wird, denn obgleich ihn Gott treulich warnt, so will er 
gleichwohl von dem sündlichen Leben nicht ablassen. 
Wenn aber der Herr in seiner Herrlichkeit zum Gerich- 
te kommt, dann wird es den Sünder gereuen, es ist als- 
dann zu spät, Unschuld zu erwerben; hier lässt er sein 
göttliches Wort verkündigen und lehret die Menschen, 
dass sie sich von ihrem sündlichen Leben bekehren, 
an Christum glauben, sich auf diesen Glauben taufen 
lassen und dem Evangelium gehorsam seien. Darum, 
ihr Menschenkinder, lasst ab von euren Sünden und 
verharrt nicht länger in eurer Verstockung, Krankheit, 
Gottlosigkeit und Blindheit, weil ihr den Arzt findet 


könnt, der alle Gebrechen heilen kann und weil ihr 
seine Hilfe umsonst genießen könnt. Ach, wie elend 
wird es dem Sünder ergehen, welcher sich jetzt nicht 
helfen und raten lässt, wenn er von Gott zur ewigen 
Pein verwiesen wird und darin ewig wird bleiben 
und leiden müssen. Aber du, o Herr, bist ein gerechter 
Gott, du wirst niemanden betrügen, sondern du wirst 
diejenigen vor dem zweiten Tode bewahren, die dich 
von Herzen lieben. Du, o Herr, bist ein starker Gott, 
der alle Gottlosen und diejenigen, die deine Kinder 
hassen und ihnen Leids antun, zur Hölle (welche nun 
ihren Mund auf getan) verstoßen wird. Aber deine 
Barmherzigkeit über diejenigen, die sich bekehren, ist 
groß und du vergibst ihnen durch Jesum Christum 
ihre Sünden. Dies ist der Wille Gottes, dass das ganze 
menschliche Geschlecht Ihn fürchte und liebe, dass sie 
seinem Sohne Jesu Christi nachfolgen und seine gött- 
liche Lehre halten; aber es beweist der Sünder mit der 
Tat, dass er sein Gespött damit habe, wenn man ihn 
zur Liebe Gottes ermahnt, was teuer wird bezahlt wer- 
den müssen, denn Gott lässt sich durch keinen Schein 
betrügen. Der Antichrist droht uns mit großer Schärfe 
und lästert diejenigen, die Gott fürchten. Darum bitten 
wir dich, o Gott, stärke deine schwachen Gefäße; aber 
wir wissen, dass du, um deiner Treue willen uns nicht 
verlassen wirst, wenn wir alles in Geduld um deines 
Namens willen ertragen, sondern dass du uns täglich 
erneuern und stärken willst, damit wir auf deinem 
schmalen Wege bleiben mögen, wir rufen dich durch 
Christum, um seines bitteren Leidens willen an, worin 
wir deine Treue und Liebe erkennen und dieses ist uns 
tröstlich in unserer Wohlfahrt; darum verlasse uns, 
deine Kinder, nicht, von nun an bis an unser Ende, 
sondern reiche uns beständig deine väterliche Hand, 
damit wir unsern Lauf vollenden mögen; denn wenn 
wir den Lauf zu Ende gebracht haben werden, so ist 
die Krone von dem Jünglinge zubereitet, der für uns 
am Kreuze hing, wo er um unseretwillen großes und 
schweres Leiden hat ertragen müssen. O Herr, gib, 
dass wir dankbar sein mögen, damit wir dich, Vater, 
mit Freuden anschauen mögen. O Vater, du hast uns 
aus Gnaden erwählt und uns würdig geachtet, uns 
zu deinem Werke zu gebrauchen, gib doch, dass wir 
auf den Abend den Lohn mit Freuden empfangen mö- 
gen, mache uns doch durch Christum, deinen Sohn, 
zu dem himmlischen Abendmahle bereit, bekleide 
uns mit deinem Heiligen Geiste. In diesem Abend- 
mahle wird dein Sohn, unser Seligmacher, uns an der 
Tafel dienen; ach, wie selig sind sie, die zu deinem 
Abendmahle berufen sind und in jeder Trübsal bei 
Christo bis ans Ende beharren, gleichwie er auch für 
uns standhaft am Kreuze gelitten hat; und so ergeht es 
auch allen seinen Nachfolgern auf dieser Erde und al- 



57 


len, die ihr Hochzeitskleid bis ans Ende rein behalten; 
diesen wird der Jüngling die Krone aufsetzen. Wer 
aber mit diesem Kleide nicht angetan ist, den wird der 
König scharf anreden, wenn er seine Gäste besehen 
wird und wird er gebunden an Händen und Füßen, 
in die tiefste Finsternis geworfen werden. O Herr, gib 
uns doch, dass wir in rechter Liebe erfunden werden 
mögen, damit, wenn wir kommen, wir die Türe nicht 
verschlossen finden, wie es den törichten Jungfrau- 
en ergangen ist, die kein Öl in ihren Lampen hatten 
und sagten: »Herr tue uns auf,« gleichwohl aber nicht 
eingehen konnten; sondern, dass wir in einer seligen 
Wachsamkeit mit den fünf klugen Jungfrauen unsere 
Zeit zubringen und mit ihnen zur herrlichen Hochzeit 
der ewigen Freuden eingehen mögen, wenn der Kö- 
nig mit seiner Posaune seine Auserwählten berufen 
und versammeln wird. 

Darum, o Zion, du heilige Gemeinde Gottes, mer- 
ke auf, was du empfangen hast; bewahre dieses fest 
bis ans Ende und halte dich rein und unbefleckt von 
Sünden, so wirst du aus Gnaden die ewige Krone 
empfangen. 

Viglig Plaitner, 1529. 

Der Bruder Viglig Plaitner, ein Diener Christi, ist zu 
Schardingen in Bayern, im Jahre 1529 verurteilt wor- 
den und hat um den Glauben und der göttlichen 
Wahrheit willen standhaft den Tod erlitten. Er wollte 
weder zur rechten noch zur linken Seite abweichen 
und hat sein Leben nicht bis in den Tod geliebt, son- 
dern es um Christi willen dahingegeben, damit er 
dasselbe in der oberen Stadt der Gerechten mit al- 
len Heiligen und Frommen ewig wieder empfangen 
möge. 

Ludovicus mit zwei andern, 1529. 

Im Jahre 1529 ist gleichfalls ein Bruder, Ludovicus ge- 
nannt, welcher ein Diener Jesu Christi und ein in der 
lateinischen, griechischen und hebräischen Sprache, 
nicht weniger in der Heiligen Schrift, wohlerfahrener 
Mann gewesen, nach einer langwierigen Gefangen- 
schaft bei Costnitz am Bodensee, nebst zwei andern, 
mit dem Schwerte gerichtet worden. Bei seinem Tode 
hat er viele schöne Lehren gegeben, dass sich darüber 
jedermann wunderte und mit ihm weinte. 

Johannes Hut, 1529. 

In diesem Jahre ist Johannes Hut, ein treuer Diener 
Jesu Christi, zu Augsburg in Schwaben, um des Zeug- 
nisses Gottes willen, gefänglich eingezogen und in 


einen Turm gesetzt worden. Sie haben aber endlich 
mit ihren scharfen und peinlichen Fragen von ihm 
abgelassen und ihn als tot liegen lassen; als sie aber 
weggingen und in dem Gefängnisse ein Licht neben 
dem Stroh stehen ließen, ist das Stroh davon in den 
Brand geraten. Infolge hiervon haben sie ihn, als sie 
wieder in den Turm gekommen sind, tot gefunden, 
worauf sie ihn in einem Sessel sitzend, auf einem Wa- 
gen nach dem Hofgerichte geführt, wo er zum Feuer 
verurteilt worden ist. Sein Sohn Philipp Hut ist in der 
Gemeinde zu Heim in dem Herrn entschlafen. Dieser 
Johannes Hut hat die Danksagung gemacht, die wir 
bei des Herrn Gedächtnisse oder Abendmahl singen; 
außerdem hat er noch ein oder zwei Lieder gemacht. 

Wolfgang Brand-Huber, Hans Niedermair, nebst 
andern, ungefähr siebzig, 1529. 

Die Brüder Wolfgang Brand-Huber von Passau und 
Hans von Niedermair, beide Diener des Wortes und 
des Evangeliums Christi, sind im Jahre 1529 zu Linz, 
an der Gims gelegen, um der göttlichen Wahrheit wil- 
len, nebst vielen Frommen, zum Feuer, Wasser und 
Schwerte verurteilt worden, welches Gericht auch an 
ihnen und siebzig andern Personen vollzogen wor- 
den ist. Unter andern ist auch Peter Riedemann von 
Hirschberg, der im Jahre 1529 auf St. Andreasabend 
zu Gmünd gefangen genommen ist, obgleich er in 
der höchsten Todesangst auf allerlei Weise versucht 
wurde, dennoch treu und standhaft geblieben, so dass 
er zuletzt durch göttliche Fügung, nachdem er drei 
Jahre gefangen gesessen, wieder befreit worden. 

Von diesem Wolfgang Brand-Huber sind in der Ge- 
meinde noch Schriften vorhanden, worin er die christ- 
liche Gemeinschaft treulich unterrichtet und insbeson- 
dere gelehrt hat, dass man in allem, das nicht gegen 
Gott streite, der Obrigkeit gehorchen und untertänig 
sein müsse; auch hat er die rechte Taufe Christi und 
das wahre Abendmahl des Herrn sehr hoch gehalten, 
dagegen aber die Kindertaufe, das Sakrament und 
andere antichristliche Gräuel und Verfluchungen ver- 
worfen, wie seine Schriften, welche noch vorhanden 
sind, beweisen. 

Carius Prader, nebst einigen Personen, 1529. 

Um diese Zeit ist auch Carius Prader, ein Diener der 
Gemeinde Gottes im Salzburger Lande, mit noch eini- 
gen Personen in ein Haus eingeschlossen, in welchem 
sie sämtlich verbrannt worden sind. Es ist noch ein 
Lied in der Gemeinde vorhanden, welches dieser Ca- 
rius gemacht hat. 



58 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Sieben Brüder, 1529. 

Diese sieben Brüder sind um der evangelischen Wahr- 
heit willen zu Gmünd im Schwabenlande sämtlich auf 
denselben Tag mit dem Schwerte hingerichtet worden 
und haben also mit ihrem Blute den Namen Christi 
standhaft bekannt. Ihre Geschichte lautet wie folgt: 
Ich habe nicht unterlassen wollen, meine Brüder 
mit dem Handel bekannt zu machen, der sich hier in 
Deutschland bei uns zugetragen hat, gleichwie auch 
vielen wohl bekannt ist, wie die Welt über die Recht- 
gläubigen wütet und tobt, und wie sie die Knechte 
Gottes ihres Lebens und ihrer Güter beraubt; denn als 
Gott die Menschenkinder in Gnaden angesehen, so 
hat er ihnen mitten in ihrer Blindheit sein hellscheinen- 
des Wort als ein Licht gegeben, damit wir an dasselbe 
glauben, und alle Sünde und Schande meiden sollten. 
Dieses Wort haben viele Leute als Wahrheit erkannt, 
es mit dem Munde angenommen und sich Christen 
nennen lassen, sind aber gleichwohl in ihrem sündhaf- 
ten Leben fortgefahren und haben gedacht, der bloße 
Name sei genug, dass man nur den Schein beobach- 
tete. Nachher hat es der Herr geschehen lassen, dass 
sein Wort in einigen kräftig wirkte, so dass es, wie der 
Prophet Jesaja sagt, in dem, wozu es Gott aussandte, 
glücklich ward und zu Ihm nicht leer zurückkehrte, 
sondern viele auf den rechten Weg leitete. Diejenigen, 
die mm also einen lauteren Wandel zu führen suchten, 
wurden gehasst und von den andern als Wiedertäu- 
fer gelästert, als ob sie von Gott abgefallen wären 
und sich zu Belial gewendet hätten, während sie doch 
ernstlich nichts anderes suchten und begehrten, als 
die Gebote Gottes durch seine Hilfe, nach ihren bes- 
ten Kräften zu halten. Dessen ungeachtet pflegte man 
sie schmählicherweise Wiedertäufer zu schelten, ob- 
gleich sie einem jeden Menschen von Herzen gern 
vergaben und mit Leihen und Borgen, ohne Nutzen 
darin zu suchen, dem Nächsten behilflich waren, auch 
für ihre Feinde und Verfolger baten, wie man oft in 
der Stunde ihres Todes gesehen hat, und ebenso, dass 
sie ihren Glauben mit der Tat bewiesen haben. Im 
Jahre 1529 ist es in der Stadt Gmünd öffentlich gesche- 
hen, dass der Feind an einigen derselben mancherlei 
List gebrauchte, um sie abzuschrecken, aber es ist ihm 
nicht geglückt. Sie hatten daselbst einen Knaben ge- 
fangen, welcher erst 14 Jahre alt war; diesen hatten sie 
in den Turm gefangen gesetzt, in welchem er beinahe 
ein ganzes Jahr lang in harter Gefangenschaft gelegen 
und viel Ungemach erlitten; er blieb aber stets unbe- 
weglich, wie oft sie ihm auch zusetzten, um ihn zum 
Abfall von seinem Glauben zu bewegen. Es wurden 
auch mit ihm sechs andere Brüder, fromme Männer, 
gefangen genommen und auf den Tod in den Turm 


gesetzt. Daselbst dankten und lobten sie Gott mitein- 
ander, trösteten sich untereinander, auch stand ihnen 
Gott mit seiner Gnade bei, dass sie treulich in dem 
Glauben blieben und sich weder durch Bedrohungen 
noch durch Schrecken bewegen ließen. Als nun die 
Zeit herannahte, dass sie aus dieser Welt scheiden soll- 
ten, so hat man ihnen ihr Todesurteil vorgelesen und 
sie dabei gefragt, ob sie von ihrem Glauben abfallen 
wollten. In diesem Falle könnten sie unbekümmert 
sein und wieder nachhause zu ihren Weibern und 
Kindern gehen. Hierauf wandten sich die Gefangenen 
zu ihren Feinden und antworteten ihnen: Wir haben 
Gott unsere Weiber und Kinder anbefohlen, er kann 
sie wohl bewahren, darum lasst van solchen Worten 
ab, denn wir sind willig und bereit zu sterben. Als 
mm auf dem Platze ein Kreis geschlossen wurde, wie 
man zu tun pflegt, wenn man mit dem Schwerte rich- 
tet, und der gedachte Knabe in demselben stand um 
enthauptet zu werden, so kam ein Graf zu ihm in den 
Kreis geritten, redete ihn an und sagte: Mein liebes 
Kind, willst du von dieser Verführung abstehen, so 
will ich dir einen Unterhalt geben und dich stets bei 
mir behalten; worauf der Jüngling antwortete: Soll- 
te ich mein Leben lieben und deshalb meinen Gott 
verlassen und dadurch diesem Kreuze zu entgehen 
suchen, das würde mir nicht geziemen; dein Gut kann 
uns beiden nicht helfen, denn ich erwarte ein besseres 
im Himmel. Solches hat der Jüngling unverzagt geant- 
wortet, und ferner gesagt: Ich hoffe auf das Reich 
meines Vaters, der mich erwählt hat, er kann alle Din- 
ge zum Besten wenden und zurechtbringen; darum 
höre auf, solches von mir zu verlangen; ich begehre 
demjenigen auch in meiner letzten Not Gehorsam zu 
erweisen, der mich immer versorgt und erhalten hat. 
Ihn sollen wir aus unsers Herzens Grunde anrufen, 
wenn die Stunde herannahen wird, dass wir getrost 
aus dieser Welt scheiden sollen; werden wir nicht von 
Ihm abfallen, so wird er uns die ewige herrliche Kro- 
ne geben. Unterdessen ist ein großes Getümmel unter 
dem Volke entstanden; denn ein jeder redete von der 
Sache, wie er es verstand. Hiernächst sind sie als from- 
me Helden durch das Schwert hingerichtet und, als 
getreue Zeugen Jesu Christi, dem Herrn ein Opfer 
geworden. 

Als diese sieben Brüder noch im Gefängnisse waren, 
haben sie untereinander das Nachfolgende, worin ein 
jeder seine Gesinnungen und Gefühle ausgesprochen, 
aufgesetzt, belebt und ihren Brüdern gesandt. 

Der Erste hat das nachfolgende Gebet getan: Aus 
der Tiefe meines Herzens rufe ich, o Gott, zu dir, erhö- 
re doch mein Geschrei; sende doch deinen Heiligen 
Geist, gleichwie Du, o Christe, bis hierher mir densel- 
ben nicht entzogen, sondern williglich mitgeteilt hast. 



59 


Wir verlassen uns auf dasjenige, was du uns befohlen 
hast; aber die Heiden suchen uns zu töten. 

Der Zweite bat: Das Fleisch ist schwach, o Herr, 
solches ist dir wohlbekannt; es fürchtet sich vor einer 
geringen Pein; darum erfülle uns mit deinem Heiligen 
Geiste; solches bitten wir aus unsers Herzens Grunde, 
damit wir bis ans Ende standhaft bleiben und wohlge- 
mut und tapfer dem Leiden, welches auf uns wartet, 
entgegen gehen, und weder Pein noch Schmerzen 
fürchten mögen. 

Der Dritte bat: Der Geist ist willig und bereit, das 
Leiden zu begehren. O Herr, erhöre doch unser Gebet, 
durch Jesum Christum, deinen Sohn. Auch bitten wir 
dich für unsere Leinde, die leider so unwissend sind, 
dass sie nicht wissen, was sie tun, und nicht an deinen 
Zorn denken. 

Der Vierte bat: Wir bitten dich, o Vater und lieber 
Herr, durch Christum, deinen Sohn, vermehre deine 
Herde, das kleine Häuflein; zünde in ihnen und in uns 
dein göttliches Licht an; solches wird unsere Herzen 
erfreuen, denn danach hungert und dürstet uns von 
Herzen. 

Der Fünfte bat: O Gott, du hast uns in Gnaden 
angenommen und uns zu deinen Dienern gemacht; 
deshalb haben wir auch (durch deine göttliche Hil- 
fe nach unserer Schwachheit) diesen Dienst treulich 
ausgeführt und vollbracht. Erhalte uns fernerhin un- 
verrückt bei deinem Worte, denn wir begehren, dir 
stets gehorsam zu sein; komme uns zu Hilfe und sei 
unser Tröster. 

Der Sechste bat: Du bist Herr Gott, mein Beschützer; 
wir wollen uns fest an dich halten; dann wird uns die 
Pein nicht schwer fallen, wenn man uns auch das 
Leben nimmt; du hast uns solches im Himmel in der 
Ewigkeit Vorbehalten, und obgleich wir hier Schmach 
und Pein leiden, so wird solches nicht umsonst sein. 

Der Siebte sagt: Den Leib, das Leben, die Seele und 
alle Glieder haben wir von dir, o Gott, empfangen; 
dieselben wollen wir Dir wieder aufopfern, zum Lobe 
und Preise deines heiligen Namens, es ist doch nichts 
weiter als Staub und Asche; wir befehlen unsern Geist 
in Deine Hände, Amen. 

Anna von Freiburg, 1529. 

Diese Anna von Preiburg war in der Purcht des Herrn 
sehr ernstlich, weil sie aber an Christum glaubte, auch 
sich auf den Glauben an ihn taufen ließ und dadurch 
mit Christo aufzustehen und in einem reinen, neuen 
Leben zu wandeln suchte, so hat ihr Widersacher sol- 
ches nicht ertragen mögen; darum haben seine Diener 
diese Anna verfeindet, angeklagt und gefangen ge- 
nommen und haben sie nach schwerer Pein, die sie 


erlitten und standhaft ertragen, zum Tode verurteilt, 
ertränkt und nachher verbrannt; solches ist zu Prei- 
burg im Jahre 1529 geschehen. Als sie sterben sollte, 
hat sie das nachfolgende Gebet zu Gott getan und 
nachstehende Ermahnung der Nachwelt hinterlassen: 
Ewiger, himmlischer, lieber Vater, ich bitte zu dir 
aus dem Grunde meines Herzens, laß mich doch nicht 
von dir weichen, erhalte mich doch in deiner Wahrheit 
bis an mein Ende. O Gott, bewahre mein Herz und 
meinen Mund; halte doch Wache über mir, dass ich 
mich niemals wegen der mir bevorstehenden Trübsal 
und Angst oder in sonstigen Nöten von dir abwen- 
de! Mache mich wohlgemut und fröhlich in meinem 
Leiden, Ewiger Gott, mein lieber Vater, unterweise 
und lehre mich, dein armes, unwürdiges Kind, dass 
ich auf deine Wege und Fußpfade Acht geben mö- 
ge, o Vater! Das ist mein herzliches Begehren, dass 
ich durch deine Kraft alle Trübsal, Leiden, Angst und 
Pein bis zum Tode überwinden möge, und laß mich 
hierin standhaft sein, o Gott, damit ich von deiner 
Liebe nicht geschieden werde; es wandeln sehr vie- 
le auf diesen Wegen, aber es wird ihnen der Kelch 
des Leidens zu trinken dargereicht. Auch beschuldigt 
man uns falscher Lehre, um uns von Christo, unserem 
Herrn, abzuziehen. Aber, o Gott, ich erhebe meine 
Seele zu dir, und traue auf dich in allen Widerwärtig- 
keiten; laß mich nicht zu Schanden werden, damit sich 
mein Feind nicht über mich auf dieser Erde erhebe. 
Ich liege zwar bei ihm hier gefangen, aber, o Gott, ich 
warte deiner von Herzen, mit großem Verlangen, dass 
du für uns aufwachen und deine Gefangenen erlö- 
sen wollest. O lieber himmlischer Vater, rüste uns mit 
den fünf klugen Jungfrauen aus, damit wir vorsichtig 
sein und auf den Bräutigam nebst seinen himmlischen 
Scharen warten mögen. O himmlischer König, spei- 
se und tränke uns doch dem Geiste nach mit deiner 
himmlischen Speise, die niemals vergeht, sondern im 
ewigen Leben verbleibt; denn wenn du uns würdest 
deine Speise entziehen, so wäre unser ganzes Tun 
samt uns umsonst und verloren; aber wir hoffen auf 
dich durch deine Gnade, dass es uns gelingen werde. 
Ich zweifle gar nicht an der Macht Gottes, denn seine 
Gerichte sind zu ehren; er wird denjenigen nicht ver- 
lassen, welcher sich im Glauben fest an ihn hält und 
auf seinen rechten Wegen zu wandeln sucht. O ihr 
Christen! Freut euch, und seid getrost in dem Herrn 
Christo Jesu jederzeit, dass er die Liebe und den Glau- 
ben in uns vermehren wolle. Gott tröste uns durch 
sein heiliges Wort, worauf wir fest vertrauen sollen. 
Ich befehle mich Gott und seiner Gemeinde. Er wolle 
heute mein Geleitsmann sein, um seines heiligen Na- 
mens willen. O mein Vater! Laß solches durch Jesum 
Christum geschehen, Amen. 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Hierauf ist sie freiwillig zum Tode gegangen und 
ertränkt worden, wie oben gemeldet worden ist. 

Daniel Kopf, nebst zwei Brüdern und vier 
Schwestern, 1539. 

Daniel Kopf, ein Diener des Wortes, ist in Steiermark 
zu Bayrisch-Graitz nebst sechs andern gefangen ge- 
nommen worden, von welchen er mit zwei Brüdern 
zum Schwerte verurteilt ist, vier Schwestern aber er- 
tränkt worden sind. Sie haben mit ihrem Leben be- 
zeugt, dass dieses der rechte Weg zum ewigen Leben 
in Christo Jesu sei, und dass sie nicht davon abwei- 
chen wollten, solange ein Atemzug in ihnen wäre, 
wenngleich Scharfrichter, Feuer, Wasser und Schwert 
sie davon abzubringen suchten. Man hat noch von die- 
sem Daniel Schriften in der Gemeinde über die Taufe 
und andere Gegenstände, ferner auch vier geistliche 
Lieder, welche er gemacht hat. 

Vier Brüder und vier Schwestern. 

Es sind im Jahre 1529 vier Brüder namens Wolfgang 
von Mos, Thomas von Imwald von Aldyn, Georg 
Frick von Würzburg und Mankager von Füssen, des- 
gleichen auch vier Schwestern, Christina Tolingerin 
von Penon, eine Witwe, Barbara von Thiers, Aga- 
tha Kampmain von Bredenberg und Elisabetha, ihre 
Schwester, in der Ful in Etschland gefangen genom- 
men und auf das Schloß geführt worden, wo sie den 
16. Tag des Monats November getötet worden sind, 
von welchen jeder derselben seines Glaubens wegen 
über nachfolgende Artikel durchgeforscht worden ist. 

Bruder Wolfgang von Mos hat bekannt, dass es den 
vergangenen Sonntag nach der hohen Zeit von unse- 
rer lieben Frauen Tag ein Jahr gewesen sei, dass einer 
namens Michael (welcher die Wahrheit bezeugt hat 
und dieserhalb nachher zu Gusodaum verbrannt wor- 
den ist) ihm, Wolfgang selbst, und Martin von Neck, 
nebst noch einem andern, das Evangelium und das 
Wort Gottes vorgelegt und gepredigt, worauf er sie 
alle drei nach dem Befehle Gottes von neuem getauft 
hat; ferner hat er gesagt, dass er von der Kindertaufe 
nichts hielte, dass Gott der Herr nichts davon gesagt, 
auch Christus dieserhalb nichts befohlen habe; ferner 
hat er bekannt, dass er nicht glaube, dass Christus 
leiblich in der Hostie sei, wenn sie durch die Pfaf- 
fen geheiligt wird; endlich hat er auch gesagt, dass 
er nichts anderes von Fast-, Sonn- und anderen Fei- 
ertagen hielte, als im Neuen Testamente geschrieben 
stehe. 

Thomas Imwald von Aldyn hat bekannt, dass er 
vor St. Ulrichstag von einem Lehrer aus der Schweiz, 


namens Georg Blaurock, der zuvor ein Priester gewe- 
sen und sein priesterliches Amt niedergelegt hatte, zu 
Bredenberg getauft worden sei; ferner, dass er nichts 
von der Messe halte, sondern dass sie eine erfunde- 
ne Menschensatzung, nicht aber ein göttlicher Befehl 
sei. Von dem Sakramente glaube er nicht, dass durch 
dasselbe die Pfaffen konsekrieren oder segnen, oder 
unsern Herrn Gott in die Hostie bringen oder diesel- 
be verändern könnten; ferner habe er sie unterrichtet, 
dass man Christus im Worte empfangen müsse und 
dass das Brot nur ein Zeichen und Andenken sei. Von 
der Beichte, wie sie von den Pfaffen eingeführt wor- 
den sei, halte er auch nichts; sie werde auch nicht nach 
Gottes Befehle verrichtet. Unserer lieben Frau räume 
er die Stelle ein, wozu Gott sie erwählt; er glaube, 
dass sie eine Jungfrau und Mutter unseres Erlösers 
gewesen sei. Weiter wurde er gefragt, ob sie sich sehr 
vermehrt, ob sie sich nicht unterstanden hätten, Land 
oder Leute mit Gewalt zu ihrem Glauben zu bringen? 
Er antwortete: Nein, sie hätten nicht solche Absichten, 
nämlich jemand zu ihrem Glauben zu zwingen, denn 
Gott wolle ein freiwilliges und ungezwungenes Herz 
haben; es habe auch ihn hierzu niemand gezwungen, 
sondern der Herr habe es ihm in den Sinn gegeben. 

Georg Fryk von Würzburg, ein Schneider, hat be- 
kannt, dass er am Tage des vergangenen St. Gallen 
Marktes zu Phillipps-Kohler in der Ful von einem 
namens Benedictus, welcher ihr Glaubensgenosse ge- 
wesen, aufs neue getauft worden sei. Er glaube auch 
nicht, dass die Pfaffen unsern Herrn Gott in der Hos- 
tie betasten, oder in Brot verwandeln könnten, denn 
Gott habe die Messe nicht befohlen oder eingesetzt, 
sondern das Sakrament sei nur ein Brot zum Gedächt- 
nisse. Von der Beichte halte er auch nichts, denn wie 
könne derjenige Sünden vergeben, der selbst ein Hu- 
rer oder Götzendiener sei. Von unserer lieben Frau 
halte er, dass sie von Gott dazu gewürdigt worden, 
und dass sie vor und nach der Geburt eine Jungfrau 
gewesen sei, denn Gott vermöge noch mehr zu tun als 
dieses. Desgleichen wolle er auch bei seinem Gott blei- 
ben und von diesem Glauben nicht abfallen, sondern 
es solle der Wille Gottes geschehen. 

Mankager von Füssen, ein Schusterknecht, hat be- 
kannt: Wie er im Sommer um Jakobi bei Georg Karni- 
ter aus Kunen von einem, welcher Priester gewesen, 
dieses Amt aber niedergelegt habe, namens Georg 
von Chur aus der Schweiz (welcher den Sommer zu 
Claußen verbrannt worden sei) die Taufe empfangen 
habe. Er halte nichts von der Kindertaufe, von der 
Messe halte er auch nichts, auch glaube er nicht an 
das Sakrament, dass unser Herr Gott darin sei; von 
der Ohrenbeichte der Pfaffen halte er gar nichts. Auch 
sagte er über den Sonntag: Der allmächtige Gott habe 



61 


im Anfang die Welt in sechs Tagen erschaffen, den 
siebten aber habe er geruht; daher habe der Sonntag 
seinen Ursprung; dabei wolle er es auch lassen, die 
Arbeit sei nicht verboten, sondern man müsse feiern 
und seine Sünden ablegen; ferner hat er bekannt, dass 
die Pfaffen den Vormittag Abgötterei, den Nachmittag 
aber Hurerei trieben, und was er mit dem Munde be- 
kenne, das wolle er mit seinem Blute bezeugen, und 
von seinem Glauben nicht abfallen, sondern bis an 
seine Ende dabei beharren. 

Christina Tolingerin von Penon hat bekannt, dass 
der Bruder Georg Blaurock mit der rechten christli- 
chen Taufe in ihrem Hause getauft habe. Von dem 
Sakramente, wie es die Pfaffen gebrauchen, glaube 
sie, dass sie nicht unsern Herrn Gott in die Hostie 
oder Oblate bringen könnten; es sei solches nur Brot 
und die Anstellung der Pfaffen sei nichts als Verfüh- 
rung. Was die jungen Kinder betreffe, ob sie nämlich 
ohne Taufe selig werden könnten, so sagt der Herr: 
Lasset die Kindlein zu mir kommen, denn solcher 
ist das Himmelreich. Die Pfaffen tauften zwar so die 
Kinder, und Waschen sie von den Sünden ab, nichts- 
destoweniger unterstanden sie sich aber nicht, sie von 
Sünden abzuziehen. Von unserer Frau glaube sie, dass 
sie die Mutter Christi und eine reine Jungfrau gewe- 
sen sei. Von der Beichte, wie sie die Pfaffen gebrau- 
chen, halte sie nichts; wer seine Sünden bekennt und 
davon ablässt, der tut eine wahrhaftige Beichte. Von 
den Feier- und Sonntagen sagte sie: In sechs Tagen 
hat Gott der Herr die Welt erschaffen, den siebten 
aber hat er geruht; die anderen Feiertage sind von den 
Päpsten, Kardinälen und Erzbischöfen eingesetzt; von 
denselben halte sie nichts. Sie hatte, als sie in der Welt 
gewohnt, um der Ärgernis willen, dieselben gehalten 
wie andere Leute, gleichwohl werde um der Arbeit 
willen niemand verdammt; endlich, dass die Pfaffen 
Vormittags Abgötterei, nachmittags aber Hurerei trie- 
ben; auch wolle sie mit Gottes Hilfe und Gnade in 
diesem ihrem Vornehmen sterben. 

Barbara von Thiers, des Hans Bortzen eheliche 
Hausfrau, hat bekannt, dass sie am letztverflossenen 
St. Michaelstag von einem Lehrer des Wortes Gottes, 
Benedictus genannt, zu Craum auf der Motz bei Ein- 
temvichel mit der rechten christlichen Taufe getauft 
worden sei. Sie halte nichts von den abgöttischen Sa- 
kramenten der Pfaffen, auch nichts von der Messe, 
denn die Pfaffen trieben vormittags Abgötterei, nach- 
her aber Hurerei. Von der Beichte, wie sie die Pfaffen 
gebrauchen, halte sie nichts. Was unsere Frau betreffe, 
darüber wüsste sie nichts antworten. Von den Sonn- 
und Feiertagen sagte sie: Gott der Herr habe befohlen, 
den siebten Tag zu ruhen, dabei lasse sie es bewenden, 
mit Gottes Hilfe und Gnade wolle sie dabei bleiben 


und dabei sterben, denn es sei der rechte Glaube und 
der rechte Weg in Christo. 

Agatha Campnerin von Bredenberg hat bekannt, 
dass es den zukünftigen Christtag ein Jahr sei, als sie 
in der Schweiz an einem Orte, genannt in der Tiefe 
bei St. Gallen, von dem Bruder Topig, einem Lehrer 
des Wortes Gottes, getauft worden sei; sie halte nichts 
von der Kindertaufe, wenn man sie auch alle getauft 
hätte; sie glaube, dass die Kinder in der Unschuld 
stürben und des Herrn seien, sie möchten nun vor 
oder nach der Taufe sterben. Von der Messe halte sie 
nichts, denn Christus habe nicht zu seinen Jüngern 
gesagt: Gehet hin und haltet Messe, sondern: Gehet 
hin und predigt das Evangelium. Von dem Sakramen- 
te sagte sie: Da man in dem Glauben bekennt, dass 
er zur Rechten seines himmlischen Vaters sitze, von 
wo er kommen wird, die Lebendigen und die Toten 
zu richten, so glaube sie nicht, dass er sich von den 
Pfaffen in die Hostie oder in Brot verwandeln und 
begreifen lasse. Von unserer Frau sagte sie: Sie glaube, 
dass sie Christum den Herrn, welcher allein uns erlöst, 
geboren habe und dass in ihr das Wort Gottes leben- 
dig oder Mensch geworden sei, welcher am Stamme 
des Kreuzes für uns gelitten hat. Von den Feiertagen 
sagte sie: Es sei ein Tag nicht heiliger als der andere; 
der Sonntag sei deshalb verordnet, dass man zusam- 
menkomme, das Evangelium zu predigen und davon 
zu reden, aber man missbrauche denselben durch Tau- 
fen und andere Büberei. Mit Gottes Hilfe und Gnade 
wolle sie in diesem ihrem Glauben standhaft bleiben. 

Elisabeth, der erwähnten Agatha Schwester, hat be- 
kannt: Sie sei im vorigen Sommer in Bredenberg von 
dem Bruder Blaurock nach dem Befehle des Herrn 
Christi im Namen des Vaters, des Sohnes und des Hei- 
ligen Geistes getauft worden. Von dem Sakramente 
und der Messe der Pfaffen halte sie nichts, denn man 
finde nicht, dass sie Gott geboten habe. Von unserer 
Frau glaube sie, dass dieselbe Christum unsern Er- 
löser geboren habe und eine Jungfrau sei. Sie glaubt 
ferner, dass die Heiligen zwar durch Trübsal hatten 
eingehen müssen, gleichwie wir und andere, dass sie 
aber Fürbitter sein sollten, glaube sie nicht, weil Chris- 
tus alle Macht im Himmel und auf Erden für sich 
behalten habe. Was die Feiertage betreffen, so halte sie 
einen Tag nicht höher als den andern, sondern man 
solle stets auf den großen Tag des Herrn warten und 
von Sünden feiern, dabei wollte sie auch standhaft 
bleiben. Hierauf sind sie als wahre Liebhaber Gottes 
und unschuldige Schäflein des Herrn gerichtet wor- 
den, ihre Namen aber sind im Himmel angeschrieben. 



62 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Anna Mahlerin und Ursula, 1529. 

Zu Halle im Inntale sind im Jahre 1529 zwei Schwes- 
tern, Anna Mahlerin und Ursula, um der Wahrheit 
Gottes willen verurteilt und ertränkt worden; sie ha- 
ben aber ihr weibliches Gemüt männlich und tapfer in 
Gott gestärkt, so dass sich jedermann über ihre Stand- 
haftigkeit wundern musste, dass sie in solcher Weise 
die göttliche Wahrheit im Leben und Tode bezeugt 
haben, wie die Leute die sie gekannt haben und noch 
am Leben sind, nachweisen. 

Neun Brüder und einige Schwestern, nachher noch 
einer, 1529. 

Um dieses Jahr hat auch die Erkenntnis der Wahrheit 
in den Gegenden am Rheinstrome zu scheinen begon- 
nen, so dass ein göttlicher Eifer und ein Feuer Gottes 
aufgegangen ist, welches die Pfaffen durch die Ob- 
rigkeit, die sie dazu aufreizten, gewaltig zu dämpfen 
suchten. Es wurden zuerst, ohne des Kurfürsten oder 
Pfalzgrafen Befehl, lediglich auf Anstiften der Pfaffen 
mit Hilfe der Edelleute in der Stadt Altzey neun Brü- 
der und einige Schwestern um des Glaubens willen 
gefangen genommen, welche eine lange Zeit gefangen 
gelegen haben. Als man nun darauf wartete, was man 
mit ihnen verhandeln sollte, so hat der Burggraf zu 
Altzey den Pfalzgrafen, als seinen Fürsten und Herrn, 
um Rat gefragt, wie er mit ihnen zu Werke gehen 
sollte; der Fürst aber hat ihnen zur Antwort gegeben, 
sie hätten ja ihr Landgericht zu Altzey, dahin möchte 
er sich wenden, und sie darüber urteilen lassen. Als 
nun der Burggraf demselben nachfolgte, und sie vor 
das Landgericht stellte, so wollte man sie nicht ver- 
urteilen, weil man sie bloß um des Glaubens willen 
gefangen gesetzt hatte, und sonst keine Ursache des 
Todes vorhanden war. Unterdessen wurde ein Reichs- 
tag gehalten, wo der Pfalzgraf im Rate vorbrachte, 
dass er Gefangene hätte, die des Glaubens oder der 
Wiedertaufe wegen angeklagt waren, mit welchen er 
zu Verfahren hatte. Hierauf wurde solches den vier 
sogenannten Ketzermeistern übergeben; diese haben 
sie auf des Kaisers Befehl verwiesen, worin sie ge- 
nügende Auskunft finden würden, was der Kaiser 
ihretwegen beschlossen und verordnet hat, wonach 
sie sich in ihren Verhandlungen mit diesen Menschen 
zu richten hätten. 

Diese Verordnung schreibt nämlich ausdrücklich 
vor, dass alle Wiedertäufer und Wiedergetaufte, sie 
seien Manns- oder Weibspersonen, wenn sie ihren 
Verstand und ihre Jahre erlangt haben, mit Feuer und 
Schwert, oder auf andre Weise, nach den Umständen 
der Personen, vom Leben zum Tode gebracht wer- 


den sollten; auch sollte man sie, wo man sie antreffen 
würde, vor Gericht stellen, verklagen und überführen, 
und bei schwerer und scharfer Strafe auf keine andere 
Weise mit ihnen handeln oder zu Werke gehen. 

Als sie mm nicht abweichen wollten, hat man ihnen 
diesen Befehl vorgelesen, worauf sie ohne weitere Ver- 
urteilung auf des Kaisers Befehl zum Tode geführt, die 
Brüder durch das Schwert hingerichtet, die Schwes- 
tern aber in der Pferdetränke ertränkt wurden. Als sie 
noch gefangen lagen, ist eine Schwester ins Gefängnis 
gekommen, hat die andern gefangenen Schwestern 
getröstet und zu ihnen gesagt, dass sie sich ritterlich 
halten, bei dem Herrn standhaft bleiben, um der zu- 
künftigen ewigen Freude willen dieses Leiden nicht 
achten sollten. Als man aber solches gewahr wurde, 
hat man auch sie in der Eile gefangen genommen; 
und dieselbe wurde nachher verbrannt, weil sie die 
andern so getröstet und gestärkt hatte; jene aber, wie 
gemeldet worden, hat man ertrankt. 

Noch zwei Brüder und zwei Schwestern, 1529. 

Auf solche Weise gedachten sie das Licht der Wahrheit 
und das Feuer Gottes auszulöschen und zu dämpfen, 
aber es geriet desto mehr in Brand. Damals nahmen 
sie auch einen Mann und eine Frau, desgleichen einen 
Knecht und eine Magd gefangen. Wer sich nur zu dem 
Glauben begab, und sich von dem Wesen, der Gesell- 
schaft und Abgötterei dieser Welt absondern wollte, 
den nahmen sie gefangen und haben an einigen Orten 
alle Gefängnisse vollgesteckt, um sie dadurch abzu- 
schrecken; aber sie sangen im Gefängnis und waren 
fröhlich, so dass ihre Feinde die sie ins Gefängnis 
gesetzt hatten, in größerer Furcht und Angst lebten, 
als diejenigen, die im Gefängnisse lagen. Sie wussten 
nichts mit ihnen anzufangen, insbesondere, weil es 
sich nur um den Glauben handelte. 

Es werden bei Altzey nach des Kaisers Befehle 
ungefähr 350 Personen im Jahre 1539 um des 
Glaubens willen getötet. 

Damals ließ der Pfalzgraf nach des Kaisers Befehl in 
kurzer Zeit 350 Menschen um des Glaubens willen 
hinrichten; insbesondere hat sein Burggraf zu Altzey, 
Dietrich von Schonberg, in der Stadt Altzey viele ent- 
haupten, ertränken und töten lassen. Die Herren, die 
zu der Gemeinde gekommen sind und zu der Zeit in 
Altzey wohnten, haben es selbst gesehen, dass man sie 
aus den Häusern geholt, in welchen man sie versteckt 
wusste, und wie die Schafe zum Richtplatz geführt; 
nichtsdestoweniger haben sie zum Widerrufe nicht 
überredet werden können, sondern sie sind dem Tode 



63 


wohlgemut entgegengegangen; wenn man mit dem 
einen Teil derselben beschäftigt war, sie zu ertränken 
und zu richten, so sangen unterdessen die Übrigen, 
die den Tod erwarteten, bis der Scharfrichter sie auch 
ergriff; daneben blieben sie standhaft in der erkann- 
ten Wahrheit, hatten Gewissheit ihres Glaubens, den 
sie von Gott empfangen hatten, und standen als klu- 
ge Ritter. Alle Meister dieser Welt und ihrer Hoheit 
mussten an ihnen zu Schanden werden. 

Einige, die sie nicht hinrichten wollten, haben sie 
gar am Leibe gestraft; einigen derselben haben sie 
die Finger abgehauen, anderen Kreuze an die Stirne 
brennen lassen, und sonst viel Grausamkeiten an ih- 
nen ausgeübt, so dass gedachter Burggraf selbst sagte: 
Was soll ich tun? Je mehr ich ihrer richte, desto mehr 
nehmen sie zu. 

Dieser Burggraf Dietrich, der sich an solchem un- 
schuldigen Blut nicht wenig versündigt hatte, ist als er 
einstmals von der Tafel aufstand, eines schrecklichen 
und schnellen Todes gestorben. 

In der Chronik von dem Untergange der Tyrannen, 
gedruckt 1617, auf das Jahr 1529, Pag. 1029, Col. 1, 
aus der alten Geschichte der Taufgesinnten, Märtyrer- 
buch. 

Philipp von Langenlonsheim, 1529. 

Einer der letzten Brüder, welche sie in der Stadt Greit- 
ze hinrichteten, wurde Philipp von Langenlonsheim 
genannt. Als ihm der Scharfrichter das Haupt ab- 
schlug, ist ihm etwas vor das Angesicht gefahren, so- 
dass er mit den Händen nach dem Angesichte griff, 
was das Volk wohl sah, aber nicht wusste, was es 
gewesen, oder warum er so tat; denn die Rede ging 
nachher, dass ihm etwas, gleich einer schwarzen Hen- 
ne, um sein Angesicht geflogen sei, weshalb er sich 
so mit den Händen gewehrt hatte; einige sagen, es sei 
ihm das Blut in das Angesicht gespritzt; und obwohl 
er es am besten wusste, was es gewesen, so haben es 
nachher gleichwohl auch andere sehen können, was 
es gewesen sein müsse, denn diesem Scharfrichter 
ist die Nase bis an das Haupt abgefallen; so plagte 
und suchte Gott ihn heim um des unschuldigen Blu- 
tes willen, womit er sich nicht wenig befleckt hatte, 
wodurch Gott klar und öffentlich die Drangsal, die 
sie den Frommen angetan, zu erkennen gegeben hat. 
Auch ist der Pfalzgraf durch verschiedene Umstände 
so bewegt und erschreckt worden, dass er später kei- 
ne Lust mehr hatte, seine Hände in solchem Blute zu 
waschen, und viel darum gegeben hätte, dass es nicht 
geschehen wäre. 


Georg Baumann, 1529. 

Um diese Zeit ist ein Bruder, namens Georg Baumann, 
zu Beuschlet in Württemberg um des Glaubens und 
des Wortes Gottes willen gefangen genommen wor- 
den. Der Edelmann, dessen Untertan er gewesen, hielt 
ihn eine Zeitlang gefangen und ließ ihn entsetzlich 
ausspannen und peinigen, brachte es auch durch Ge- 
fängnis, Marter und Pein und durch allerlei Verhei- 
ßungen so weit, dass er überredet wurde und ihnen 
zu folgen sich bereit erklärte; nachher verlangten sie 
von ihm, dass er in der Kirche widerrufen und beken- 
nen sollte, dass er von seinen Irrtümern abgestanden 
sei, welches er ein- oder zweimal tat, in die Kirche 
ging und seinen abgezwungenen Widerruf ausrichte- 
te; unterdessen ging er in sich selbst, betrachtete die 
Ehre Gottes und seines heiligen Namens, desgleichen 
wozu er gekommen sei. 

Als er daher zum dritten Male wieder in die Kir- 
che kam und seinen Widerruf bekannt machen sollte, 
sagte er zu dem Pfaffen und zu denen, die bei ihm 
standen: Ihr habt mich verurteilt und durch Angst 
und Pein dahin gebracht, dass ich mich bereit erklärt 
habe, euch zu folgen, nun aber widerrufe ich und wi- 
derspreche diesem allem, und es ist mir leid, dass ich 
solches getan habe. Hierauf hat er angefangen, aufs 
Neue zu bekennen, dass dieses die göttliche Wahr- 
heit und der rechte Glaube, ja der Weg zum Leben 
in Christo sei, und dass er in seinem Glauben und 
Bekenntnisse bis an sein Ende beharren und stand- 
haft bleiben wolle. Was hatten nun die Pfaffen und 
Diener weiter zu erwarten; sie nahmen ihn ohne Ver- 
zug wieder gefangen und man verurteilte ihn sofort 
zum Tode. Als man ihn zum Richtplatze hinausführte, 
sang er wohlgemut auf dem ganzen Wege; es war im 
Dorfe sehr kotig, aber er ging so schnell, dass ihm 
sogar die Schuhe im Kote stecken blieben; er achtete 
und merkte dies jedoch nicht, sondern ließ sie darin 
stecken und eilte nach dem Richtplatze, sang auch vor 
Freuden, weil Gott wieder solchen Mut in sein Herz 
gelegt hatte, so ward er enthauptet und durch das 
Schwert gerichtet. Der Edelmann, der ihn hat richten 
lassen, und fast alle, die im Gerichte saßen und ihn 
verurteilt haben, sind eines bösen Todes gestorben 
und haben ein schreckliches Ende genommen, womit 
ihre fröhlichen Tage in dieser Welt aufgehört haben. 

Der zweite Befehl von denen von Zürich, worin 
allen genannten Wiedertäufern im Jahre 1530 mit 
dem Tode gedroht wurde. 

Es hegte (meldet ein gewisser Schreiber) die Zwingli- 
sche Kirche seit ihrer Entstehung einen großen Hass 



64 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


und Bitterkeit gegen die Wiedertäufer, oder besser 
zu sagen, gegen die Getauften nach Christi Ordnung, 
wie die Historien solches berichten, darum haben sie 
sehr früh angefangen, über dieselben zu tyrannisieren 
und, wie wir dafür halten, ist die Zwinglische Kirche 
damals, als diese Misshandlung vorgefallen ist, noch 
keine zehn Jahre alt gewesen. 

Es ist aber hierbei nicht geblieben, sondern sie ha- 
ben immer mehr und mehr in solcher Tyrannei fort- 
gefahren, so dass im Jahre 1530 die von Zürich einen 
Befehl erlassen haben, welcher den blutigen Befeh- 
len des römischen Kaisers ähnlich gewesen; dersel- 
be ist folgenden Inhalts: Darum gebieten wir scharf 
allen Einwohnern unseres Landes und denjenigen, 
welche einigermaßen damit vereinigt sind, nament- 
lich den hohen und unteren Amtsleuten, Unteroffi- 
zieren, Stadtdienern, Richtern, Kirchenältesten und 
Kirchendienern, dass, wenn sie Wiedertäufer antref- 
fen, sie dieselben, vermöge des Eides, womit sie uns 
verbunden sind, anbringen, sie nirgends dulden, noch 
sich vermehren lassen, sondern dieselben gefänglich 
einziehen und uns überantworten sollen, denn wir 
werden die Wiedertäufer und alle, die ihnen beiste- 
hen und anhangen, nach dem Inhalte unserer Gesetze 
mit dem Tode strafen; auch wollen wir diejenigen, 
die ihnen Beistand leisten, sie nicht anbringen oder 
verjagen, oder uns nicht gefänglich einhändigen ohne 
Gnade nach ihren Verdiensten strafen als solche, die 
sich an der Treue und dem Eide, den sie der Obrigkeit 
geschworen, verschuldet haben. 

Dieses haben wir von Wort zu Wort aus dem Befehle 
genommen, wie derselbe von Bullinger (gegen die 
Getauften) aufgesetzt worden ist. 

Vergl. die Anmerkung in der Vorrede des Opferbu- 
ches der Taufgesinnten über das Jahr 1615, Buchst. M. 
mit R I. Twisck Chronik, der 2. Teil, das 16. Buch, auf 
das Jahr 1530, Pag. 1031, Col. 1. aus verschiedenen 
Schreibern. 

Georg Grünwald, 1530. 

Im Jahre 1530 ist Bruder Georg Grünwald, ein Schuh- 
macher und Diener des Wortes Gottes und seiner Her- 
de, zu Kufstein an der Inn, um der göttlichen Wahrheit 
willen gefangen genommen, zum Tode verurteilt und 
verbrannt worden, und hat also dasjenige, was er mit 
seinem Munde bekannt und gelehrt hat, auch ritter- 
lich mit seinem Blute bezeugt, und Christum, ja des- 
sen göttliche Wahrheit, mit Verleugnung des irdischen 
vergänglichen Lebens bekannt, damit ihn Christus an 
jenem Tage auch vor seinem himmlischen Vater be- 
kennen und ihm daneben ein unsterbliches Leben in 
der himmlischen ewigen Klarheit geben möchte. 


Aida, 1530. 

Einige Tage nach der Hinrichtung des Georg Grün- 
wald ist der Bruder Aida gleichfalls um des Glaubens 
willen zu Kufstein gerichtet worden. 

Georg Steinmetz, 1530. 

Dieser Georg Steinmetz ist im Jahre unseres Herrn 
1530 zu Pforzheim in Deutschland um des Zeugnisses 
Jesu Christi willen gefangen genommen und enthaup- 
tet worden, und hat allen Gläubigen zum Tröste in 
ihrem Leiden die folgende Ermahnung zurückgelas- 
sen: 

Wir danken Dir, o Gott, von Herzen für deine vä- 
terliche Treue. Niemand soll deine Gnade verspotten 
oder dieselbe verachten, dass es ihn nicht an seinem 
letzten Ende, wenn er von hier scheiden soll, gereuen 
möchte. O Herr, hilf und steh uns bei durch Jesum 
Christum; Gott hat viele zu seinem ewigen Lichte 
berufen, welche er auch mit vielen Leiden und Pein 
heimgesucht hat, wie man hier auf Erden sieht, denn 
es scheint, dass man hier durch das Feuer der Angst 
geläutert werden müsse; ja wir müssen sämtlich durch 
viel Trübsal ins Reich Gottes eingehen und von allen 
Sünden und Lastern gereinigt werden; wer nun hier- 
in Christo nachfolgt, der wandelt auf rechtem Wege. 
Christus sagt: Ich bin der Weg und die Tür, die Wahr- 
heit und das Leben, gehet ein durch mich, vor mir 
steht noch ein Zaun, das Kreuz stehet in dem Wege, 
solches muss ein jeder tragen, der zu dem Vater kom- 
men will. Und nach meinem Gefühle muss die Wahr- 
heit sagen, dass das Kreuz viel schwerer erscheint, 
als es in sich selbst ist; mancher Mensch hat einen 
Abscheu davor, als ob er das Kreuz nicht tragen könn- 
te, darum will man an demselben Vorbeigehen und 
sucht einen andern Weg. Aber wir können nicht zu 
Gott kommen, ohne das Joch Christi zu tragen, denn 
wer diese Tür vorbeigeht, und durch eine andere in 
den Schafstall einzubrechen sucht, der ist ein Dieb 
und Mörder und wird die Rache Gottes, als die ewi- 
ge Pein, leiden müssen. Christus will solche Jünger 
haben, wie ich zu beweisen hoffe, die ihm das Kreuz 
nachtragen und ihm in allen seinen Wegen folgen, 
um sein Joch bis ans Ende zu tragen. Wer nun sein 
Kreuz nicht tragen will, sondern sich von dem Satan 
bewegen und abhalten lässt, der soll billig auf das 
merken, was Christus sagt: Wer mich bekennt vor den 
Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem 
Vater, der im Himmel ist, und wer mich verleugnet 
vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor 
meinem Vater, der im Himmel ist. O Gott, erhalte uns 
doch zu deinem Lobe und zu deiner Ehre, damit die 



65 


Liebe in uns nicht erkalte; dazu gib uns Stärke, Weis- 
heit und Verstand durch deinen Heiligen Geist, der 
uns in alle Wahrheit leiten kann, damit wir ja nicht 
verzagen, sondern wohlgemut sind, auch auf dem 
schmalen Wege bleiben, darin fortgehen, Leib und 
Leben daran wagen, und also durch Christum zum 
Vater gelangen. Gelobt sei der Herr, unser Gott, der 
uns zu seinen Knechten und Kindern berufen hat. Wir 
wollen ihn ohne Aufhören loben und preisen, in Zeit 
und Ewigkeit, damit wir unsere Kleider in dem Blute 
des Lammes waschen, und nachher aus diesem kur- 
zem Tode und Leiden mit Ihm in die ewige Freude 
eingehen mögen. In solchen Gesinnungen ist dieser 
Zeuge Jesu Christi gestorben, und, wie oben gemeldet, 
zu Pforzheim enthauptet worden. 

Martin, der Maler, Wolfgang Eslinger, Pain, 
Melchior und noch drei, im Jahre 1531. 

Martin, der Maler, ein Diener des Wortes Gottes, ist in 
diesem Jahre 1531 mit sechs anderen um des Glaubens 
und der göttlichen Wahrheit willen aus der schwäbi- 
schen Gemeinde gefangen genommen worden. Nach- 
dem nun mit ihnen vieles verhandelt worden ist, hat 
man ihnen endlich verheißen, dass, wenn sie Wider- 
rufen wollten, sie unbekümmert nach Hause zu ih- 
ren Weibern und Kindern gehen könnten. Hierauf 
haben sie fröhlich mit nein geantwortet und gesagt, 
dass sie nicht abfallen, sondern willig sterben wollten. 
Als sie nun beinahe ein Jahr gefangen gelegen, hat 
man sie alle sieben zum Tode verurteilt. Man führte 
sie in das Rathaus und las ihnen einige Artikel ihrer 
Lehre vor. Als man ihnen den ersten Artikel vorlas, 
sprach Bruder Wolfgang Eslinger: Gleichwie ihr heute 
richtet, so wird euch Gott auch richten, wenn ihr vor 
sein Angesicht kommt. Gott wird euch wohl kennen. 
Als man ihnen den dritten Artikel vorlas, sagte Bru- 
der Pain: Ihr besudelt eure Hände mit unserem Blute; 
Gott wird euch solches in Wahrheit nicht schenken, 
sondern es von euch fordern. Als man den vierten 
Artikel las, sprach Bruder Melchior: Wir wollen es 
heute mit unserem Blute bezeugen, dass dieses die 
Wahrheit sei, worin wir stehen. Als man ihnen den 
fünften Artikel vorlas, sprach Bruder Wolfgang zum 
zweiten Male: Lasst ab von euren Sünden und Unge- 
rechtigkeiten und tut Buße, so wird euch Gott solches 
nimmermehr zurechnen. Nachher hat man sie alle 
sieben mit einem Geleite und einer Wache nach dem 
Gerichtsplatze hinausgeführt, woselbst sich der Bru- 
der Martin, gleichwie auch die übrigen, Gott seinem 
Herrn anbefohlen und ihn gebeten hat, dass er ihnen 
ein seliges Ende verleihen und seine Schäflein in seine 
Fürsorge nehmen wolle. Als man sie auf die Wiese 


oder den Acker brachte, sagte des Müller Knecht (wel- 
cher ungefähr 16 Jahre alt war) zu dem umstehenden 
Volke, sie sollten von ihren Sünden ablassen und sich 
zu Gott bekehren, denn es sei kein anderer Weg zum 
Himmel als durch unsern Herrn Jesum Christum, wel- 
cher den Kreuzestod erlitten und uns erlöst hat. Als 
man sie nun in den Kreis führte, ist ein Edelmann zu 
diesem Knechte in den Kreis geritten und hat ihn also 
ermahnt und gebeten: Mein Sohn, laß ab von deiner 
Verführung und widerrufe sie; was lässt du dir weis 
machen, schone dein junges Leben, ich will dich mit 
mir nachhause führen und dich stets bei mir behalten; 
wenn du mir folgst, sollst du lebenslänglich gute Tage 
bei mir haben. Der Knecht aber sprach: Solches wolle 
Gott niemals zulassen, dass ich das irdische Leben 
behalten und das ewige verlieren sollte; daran würde 
ich töricht handeln; ich will solches nicht tun; dein 
Gut kann weder dir noch mir helfen; ich erwarte ein 
besseres, wenn ich bis an das Ende beständig bleibe. 
Ich will meinen Geist Gott übergeben und Christo 
anbefehlen, damit sein bitteres Leiden, welches er am 
Kreuze erlitten hat, an mir nicht umsonst sei. Dieser 
Knecht war in seinem Gemüte von Gott erfüllt, denn 
obwohl er an Jahren jünger als seine anderen Brüder 
gewesen ist, so waren sie doch, was das Gemüt be- 
trifft, von gleichem Alter. Also haben sie alle sieben 
Gott und seine Wahrheit ritterlich und mit Freuden 
bis zum Tode und Blutvergießen bekannt. 

Dieser oben erwähnte Martin sagte, als man ihn 
über die Brücke führte: Nur dieses Mal noch wer- 
den die Frommen über die Brücke geführt, dann aber 
nicht mehr. Solches ist auch geschehen, denn es hat 
sich nicht lange darauf zugetragen, dass ein solches 
Ungewitter und eine solche Wasserflut entstand, dass 
durch deren Ungestüm die Brücke eingerissen und 
fortgetrieben wurde. 

Walter Mair mit zwei andern, 1531. 

Walter Mair, seines Handwerks ein Küfer, ein Diener 
des Wortes Gottes zu Wolsburg in Kärnten, ist im 
Jahre 1531 mit zwei andern gefangen genommen und 
mit dem Schwerte gerichtet worden. Diese haben die 
Wahrheit standhaft auch im Tode bezeugt, und also 
ihr Leben für den Bund Gottes und sein Heiliges Wort 
dahingegeben; darum wird man auch ihre Namen in 
dem Buche des Lebens finden, und der zweite Tod 
wird über sie keine Gewalt haben. 

Georg Zaunringerad, 1531. 

Der Bruder Georg Zaunringerad, ein Diener des Wor- 
tes Gottes, welcher durch Jakob Hueters Hilfe in der 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Grafschaft Tyrol ein Diener des Wortes Gottes gewe- 
sen, ist im Jahre 1531 hierher zu den Gemeinden in 
Mähren und dem übrigen Volke von diesem Jakob ge- 
schickt worden. Nachher hat er, um seines Amtes und 
Dienstes willen, sich in Frankenland aufgehalten, wo 
er nicht weit von Bamberg, um der göttlichen Wahr- 
heit willen, mit dem Schwerte hingerichtet worden 
ist. Also hat er seinen Glauben und seine Lehre, wo- 
von er keineswegs hat abstehen wollen, mit seinem 
Blute bezeugt und hat mit Christo gelitten, damit er 
auch, durch seine Gnade, mit ihm die Herrlichkeit im 
ewigen Reiche erben möchte. 

Veit Pilgrims zu Glabbek im Jahre 1532. 

Hier dürfen wir auch nicht des Veit Pilgrims, eines 
hochdeutschen Bruders, tapfere und von Gott gestärk- 
te Standhaftigkeit verschweigen, welcher nichts höher 
achtete als die Seligkeit seiner Seele, und welcher, der 
Grausamkeit derjenigen ungeachtet, welche den Fuß- 
stapfen Kains im Vergießen des unschuldigen Blutes 
nachfolgen, das Evangelium in aller Aufrichtigkeit 
und Einfalt darnach eingerichtet hat. Als aber die Welt 
durch sein heiliges Leben in ihrer Bosheit gestraft wur- 
de, hat sie solches nicht ertragen können; deshalb hat 
man ihn zu Glabbek im Herzogtume Gülch im Jahre 
unseres Herrn Jesu Christi 1532 im Winter gefangen 
genommen, und wiewohl er bereit gewesen, seine 
Lehre und sein Leben mit dem Leiden zu versiegeln, 
so ist er doch damals durch die Hilfe seiner Freun- 
de und Blutsverwandten erlöst und aus dem Kerker 
befreit worden. Weil er aber diesen Himmelsweg in 
Heiligkeit und Gottseligkeit unverzagt betreten hatte, 
so ist er den Blutdürstigen abermals in die Hände ge- 
fallen, und hat von den Gottlosen viel Leiden ertragen 
müssen; auf der einen Seite haben ihn die Pfaffen und 
Mönche durch vieles und loses Wortstreiten mit al- 
lerlei List und Nachstellung (wiewohl umsonst) zum 
Abfalle zu bewegen gesucht; auf der andern Seite aber 
haben sie ihn durch scharfes und strenges Peinigen 
abschrecken wollen; er hat aber alle Qual und Pein 
überwunden, die Wahrheit tapfer bestätigt und be- 
zeugt, dass er über alles Zeitliche und Sichtbare noch 
ein höheres, das ist ein ewiges Himmelsgut zu seinem 
Ziele habe; darum hat er auch sein Leben nicht ge- 
achtet, sondern es für eine Seligkeit gehalten, um des 
Namens Christi willen zu leiden, und hat mit einer 
außerordentlichen Freimütigkeit gesagt: Er hoffe nun, 
das Schäflein sei zum Schlachten tüchtig und fett ge- 
nug. Die Blutdürstigen, welche sonst keinen Tadel an 
diesem unüberwindlichen Helden und Streiter Christi 
finden konnten, haben zu den grausamsten Mitteln 
ihre Zuflucht genommen; sie haben bewirkt, dass sein 


Todesurteil ausgesprochen worden ist. Als nun die 
Zeit seiner Aufopferung herannahte, haben sie, o un- 
menschliche Tyrannei, seine linke Seite geöffnet und 
siedend heißes Öl hineingegossen; dann haben sie ihn 
verächtlich auf einen Schlitten gelegt und nach dem 
Richtplatze geführt, wo er seine Seele Gott befohlen 
hat und zu Asche verbrannt worden ist. 

Lambrecht Gruber, Hans Beck, Lorenz 
Schuhmacher, Peter Plauer, Peter, sein Knecht und 
Hans Taller, im Jahre 1532. 

Auf dieses Jahr 1532 sind sechs Brüder, mit Namen 
Lambrecht Gruber, Hans Beck, Lorenz Schuhmacher, 
Peter Plauer, Peter, sein Knecht und Hans Taller zu 
Stertzingen im Etschlande um der göttlichen Wahrheit 
willen gefangen genommen, auch hart gepeinigt und 
ausgespannt worden, wodurch man sie zum Abfalle 
zu zwingen gesucht hat; sie haben sich aber ritterlich 
und männlich in demjenigen gehalten, was ihnen Gott 
anvertraut und was sie Gott in der christlichen Tau- 
fe zugesagt hatten. Nachher hat man sie zum Tode 
verurteilt und hingerichtet; sie haben alle sechs die 
Wahrheit Gottes tapfer mit ihrem Blute bezeugt; auch 
haben sie sich sehr über den Tag ihres Abschiedes 
aus dieser Welt gefreut um des Leidens und der Pein 
willen, welche sie von der Welt und ihrem grausa- 
men Mutwillen erlitten hatten, so wie auch um der 
entsetzlichen Lästerung und Gottesverachtung willen, 
welche alle Liebhaber Gottes schmerzlich berührt, die 
sie zur Zeit ihrer Gefangenschaft anhören mussten. 
Sie haben von uns ihren Abschied genommen und 
uns ermahnt, dass wir nicht schläfrig und sorglos sein 
sollten, des Herrn Wort zu hören und zu bewahren, 
gleichwie auch im Gebete und Dienste Gottes; denn 
wenn jemand an solche Plätze kommt, so ist es ihm 
sehr nötig, dass er solches getan hat und es gereuet ihn 
alsdann, wenn er eine Stunde unnützlich zugebracht 
hat. 

Conrad Fichter und einige andere, 1532. 

Conrad Fichter ist zu Stertzingen im Jahre 1532 um 
des Glaubens willen gefangen genommen worden; 
man hat ihm viel Pein und Schmerzen angetan, und 
er ist so auseinander gespannt und gestreckt wor- 
den, dass die gottlosen Scharfrichter und Pilatuskin- 
der selbst meinten, er würde es nicht ertragen kön- 
nen, sondern zerreißen müssen. Außer ihm sind noch 
einige gefangen genommen worden, welchen viele 
Pfaffen und andere durch Verdrehung der Schrift mit 
Schalkheit, List, Betrug und Gaukelei, um sie zu über- 
winden, heftig zugesetzt haben; man hat sie auch 



67 


durch Drohungen gegen das Leben ihrer Weiber und 
Kinder zu schrecken versucht, und davon mit ihnen 
gehandelt; als sie aber dieselben von der Wahrheit 
nicht abziehen konnten, haben sie dieselben zum Tode 
verurteilt und hingerichtet; also haben sie standhaft 
mit ihrem Blute die Wahrheit bezeugt. 

Hugo Jacob Kraan und Maritgen, seine Hausfrau, 
mit zwei andern, 1532. 

Als das Wort Gottes durch des Herrn Gnade wieder- 
um hervorzuleuchten anfing, auch von vielen Men- 
schen mit großer Begierde angenommen und mit vie- 
ler Leben und Tode bezeugt und versiegelt wurde, 
hat auch Hugo Jacob Kraan von Assersouw und seine 
Hausfrau Maritgen mit zwei andern, deren Namen 
uns nicht bekannt geworden sind, das Wort Gottes 
empfangen und angenommen. Es ist aber diesen Per- 
sonen in der Tat so ergangen, wie Paulus früher ge- 
sagt hat, dass alle, die gottselig in Christo Jesu leben 
wollen, Verfolgung leiden müssen, und Jesaja: Wer 
sich vom Bösen abkehrt, muss jedermanns Raub sein. 
Denn sobald sie dieser finstern Welt mit ihrem fleisch- 
lichen Wandel und falschem, erdichtetem Gottesdiens- 
te abgesagt und gesucht haben, dem ewigen Lichte 
und der Herrlichkeit Christo Jesu nachzufolgen, sind 
sie von den Kindern der Finsternis und Belials ge- 
hasst und bis auf den Tod verfolgt worden. Deshalb 
ist endlich Maritgen, des Hugo Jacobs Hausfrau, zu 
Haarlem gefangen gelegt, und, nachdem sie auf man- 
cherlei Weise versucht worden, im Jahre 1532 daselbst 
in großer Standhaftigkeit ertränkt worden, und hat 
die angenommene Wahrheit mit ihrem Tode befestigt; 
Hugo Jacob Kraan aber mit seinen beiden Glaubens- 
genossen, ist nach Grafen-Haag gefänglich gebracht 
worden, wo sie viel um der Wahrheit willen haben 
leiden müssen. Weil sie aber auf den Felsen gegrün- 
det waren, so haben sie sich durch keine Pein zum 
Abfalle bewegen lassen. Darum sind sie von des Anti- 
christs Dienern zum Tode verurteilt worden, welche 
Art des Todes so schrecklich gewesen, dass alle Men- 
schen, die solches gesehen haben, sich mit Recht über 
dieselben haben erbarmen müssen, denn sie sind im 
Jahre 1532 an gemeldetem Ort mit Ketten an Pfähle 
geschlossen worden, um welche sie ein großes Feuer 
gemacht haben, so dass sie gebraten worden sind, bis 
endlich der Tod erfolgt ist. Gleichwie sie ihr Leben 
hier nicht geliebt, sondern dasselbe im Gehorsam um 
des Zeugnisses Jesu Christi willen übergeben haben 
und standhaft geblieben sind, so werden sie auch in 
der Erscheinung unseres Seligmachers Jesu Christi, 
statt dieses sterblichen Rockes des Fleisches, mit dem 
unsterblichen angetan und mit der Krone der ewigen 


Herrlichkeit von Gott belohnt werden. 

Ludwig Fest, im Jahre 1533. 

Im Jahre 1533 ist Ludwig Fest, ein standhafter Zeuge 
der göttlichen Wahrheit, zu Schwatz im Inntale um 
des Zeugnisses Jesu Christi willen zum Tode verurteilt 
und hingerichtet worden. Er hat uns ermahnt, dass 
wir nicht eigennützig sein sollten; auch hat er im An- 
fänge seines Leidens um der Barmherzigkeit Gottes 
willen gebeten, dass wir einander nicht beschweren 
und betrüben sollten, denn wenn jemandem derglei- 
chen Versuchung zustößt, so schmerze es ihn zuerst, 
und es sei kein Wunder, wenn es ihn alsdann in sei- 
nem Herzen bekümmert; auch hatte er begehrt, dass 
man zu ihm ein gutes Vertrauen haben sollte; er hoffe 
mit der Hilfe und Kraft seines himmlischen Vaters 
treu zu bleiben, welches er auch getan hat. 

Christina Haringin, im Jahre 1533. 

In diesem Jahre 1533 ist eine Schwester, namens Chris- 
tina Haringin gefangen genommen, nach Kitzpil ge- 
führt und daselbst an eine Kette geschlossen worden; 
sie ist aber gleichwohl im Glauben standhaft geblie- 
ben. Da sie aber schwanger war und bald gebären 
sollte, so haben sie dieselbe wiederum auf freien Fuß 
gesetzt, bis sie würde geboren haben, und obgleich 
sie wusste, dass man sie nachher wieder einziehen 
würde, sie auch wohl zehnmal hätte entrinnen kön- 
nen, so ist sie gleichwohl nicht geflohen, sondern ist 
freimütig dageblieben. 

Als sie nun den Kriegsbedienten kommen sah, ging 
sie ihm entgegen und fragte ihn, was er wollte? Er 
sprach: Ich komme, um euch wieder abzuholen. Also 
haben sie dieselbe übermal in die Stadt Kitzpil ge- 
bracht, und bald darauf um des Glaubens willen, bei 
welchem sie standhaft geblieben ist, mit dem Schwer- 
te hingerichtet (welches doch an einer Frau nicht ge- 
bräuchlich gewesen) und sie nachher verbrannt. Die- 
ses kluge und tapfere Weib, oder Schwester in Chri- 
sto, welche ihren Mann, ein kleines Kind, Haus und 
Hof und alles zeitliche Vermögen verlassen, hat ihr 
weibliches Gemüt mit solcher männlichen Tapferkeit 
durch die Gnade Gottes im Glauben gewaffnet, dass 
sie dem Herrn ihre Gelübde bezahlte und dem Bräuti- 
gam Christo mit ihrer brennenden Lampe und schei- 
nendem Lichte fröhlich entgegenging, worüber viele 
Menschen sich verwundert haben. 



68 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Sicke Schneider, im Jahre 1533. 

Um das Jahr 1533 ist ferner ein frommer Held und 
Nachfolger Jesu, namens Sicke Schneider, gewesen, 
welcher sich auch nach dem Rate des Heiligen Geistes 
von der babylonischen Hure und all ihrem falschen, 
selbsterdichteten und gegen Gott streitenden vermein- 
ten Gottesdienst abgesondert und Christum Jesum 
wieder angenommen hat, indem er dieses wahren 
Gesetzgebers unsträflichen Fußstapfen nachzufolgen 
und seiner in der Heiligen Schrift enthaltenen Stimme 
allein zu gehorchen gesucht hat. Deshalb hat er sich 
nach dem Vorbilde und der Ordnung Christi unter 
den Gehorsam begeben und die christliche Taufe auf 
seinen Glauben, als das Zeichen eines wiedergebore- 
nen Kindes Gottes nach der Lehre Christi, angenom- 
men, und hat also gesucht, in Gehorsam vor seinem 
Schöpfer zu leben und zu wandeln; er ist dieserhalb 
zu Leeuwarden in Friesland in Bande und Gefängnis 
geraten, und hat von den Widersachern der Wahrheit 
vieles leiden müssen. Weil er aber durch keine Marter 
zum Abfall gebracht weiden konnte, so ist er an je- 
nem Orte in großer Standhaftigkeit mit dem Schwerte 
hingerichtet worden, und hat also den wahren Glau- 
ben mit seinem Tode und Blute bezeugt und befestigt. 
Darum wird er als ein tapferer Streiter Jesu Christi 
mit allen wahren Überwindern mit weißen glänzen- 
den Kleidern angetan werden und den Segen erblich 
besitzen. 

Von dieser Geschichte siehe, nebst diesem, Menno 
Simons gegen Gillis Faber, Blatt 98. 

Wilhelm Wiggertz von Barsinghorn in 
Nordholland, im Jahre 1534. 

Um das Jahr 1534 ist ein gottesfürchtiger, frommer 
Bruder, namens Wilhelm Wiggertz, in Barsinghorn 
wohnhaft, einem Dorfe in Niederholland bei Schagen 
gelegen, weil er den wahren Glauben bekannte und 
belebte, von da nach Schagen auf das Schloss gefäng- 
lich gebracht worden; an diesem Orte hat er unge- 
fähr acht Tage gefangen gelegen, und ist des Morgens 
früh bei anbrechendem Tage in dem vorgenannten 
Schlosse um des Zeugnisses Jesu Christi willen in 
großer Beständigkeit mit dem Schwerte hingerichtet 
und enthauptet worden. Da er ein gottesfürchtiger, lie- 
ber Mann war, so haben die Herren von Schagen ihn 
oft in der Verrichtung ihrer zeitlichen Geschäfte ge- 
braucht; deshalb ist es geschehen, dass, als die Diener 
von Schagen in sein Haus kamen, um ihn gefangen 
zu nehmen, er dafür gehalten hat, dass sie aus voriger 
Freund- und Kundschaft gekommen waren. In dieser 
Voraussetzung hat er seine Hausfrau ausgesandt, et- 


was Speise zu holen, um diesen Dienern damit aufzu- 
warten; aber ehe sie wiedergekommen, ist der Diakon 
mit seinen Dienern, welche von dem römischen An- 
tichristen ausgesandt worden sind, erschienen und 
hat dieses wehrlose Schäflein Christi mit sich nach 
Schagen genommen, obschon der Schultheiß zu Bar- 
singhom sich für den Gefangenen als Bürgen stellen 
wollte. Als nun des vorgenannten Wilhelm Wiggertz 
Vater, Wigger Henrich, welcher gleichfalls ein obrig- 
keitliches Amt bekleidete, gesehen, dass sein gottes- 
fürchtiger Sohn heimlich gegen Recht und Billigkeit 
mit dem Schwerte ermordet wurde, hat er von Stunde 
an seine Bedienung niedergelegt und kein weltliches 
Amt mehr bedienen wollen. 

Von des Kaisers Karl des Fünften Befehle, welcher 
gegen die Taufgesinnten im Jahre 1535 von dem 
Kaiser bekannt gemacht ist. 

Unsern lieben und getreuen Oberhauptleuten, dem 
Vorsteher und den Mitgliedern unseres geheimen Ra- 
tes, Kanzler und Gliedern unseres Rates in Brabant, 
dem Befehlshaber und Ratsherrn in Limburg, Vorste- 
her und Ratsherren in Flandern, Befehlshaber, Vor- 
steher und Ratsherren in Artois, Oberhauptmann in 
Hennegau und Ratsherrn in Bergen, Statthalter, Vor- 
steher und Ratsherrn in Holland, Namour, Friesland 
und Utrecht, Statthalter in Ober-Issel, Befehlshaber 
in Rissei, Douway und Orchies, Amtmann und Rats- 
herrn in Doomitz und Tournesis, Rentmeistern von 
Bewest und Beooster-Schelde, in Seeland, Blutrichter 
in Valenchines, Schultheiß in Mechelen, und allen üb- 
rigen Richtern und Beamten unserer Landschaften, 
Städte, Herrschaften, Untertanen oder ihren Statthal- 
tern, welche dieses sehen werden, Heil und Gunst. 

Wir haben, um uns vorzusehen und gegen die Irr- 
tümer und Verführungen Rat zu schaffen, die vielen 
Rottgeister und Urheber der Verachtung samt ihren 
Anhängern bisher gegen unseren heiligen christlichen 
Glauben, Sakramente und Gebote unserer Mutter, der 
heiligen Kirche, sich unterstanden haben in unsern 
Landschaften auszusäen und auszubreiten, zu ver- 
schiedenen Malen viele Befehle aufgesetzt und diesel- 
ben ausrufen und vollziehen lassen, welche Verord- 
nungen, Satzungen und Gebote, gleichwie auch die 
Strafen, womit die Übeltäter belegt werden sollten, 
enthielten, damit die gemeinen und einfältigen Leu- 
te und andere durch solche sich vor den gemeldeten 
Verführungen und Missbrauchen in Acht nehmen, die 
Rottengeister aber, und welche dieselben ausbreiten, 
andern zum Exempel gestraft und gezüchtigt werden 
möchten. Da wir nun Nachricht erhalten haben, dass, 
unserer vorgemeldeten Befehle ungeachtet, viele und 



69 


verschiedene Rottengeister, auch selbst einige, die sich 
Anabaptisten oder Wiedertäufer nennen lassen, sich 
unterstanden haben und noch täglich unterstehen, ih- 
re gedachten Missbräuche und Irrtümer auszubreiten, 
zu säen und insgeheim zu predigen, um eine große 
Menge Männer und Weiber zu verführen und sie zu 
ihrer falschen Lehre und verworfenen Sekte zu locken, 
auch einige zu großer Schmach und Geringachtung 
des Sakraments der heiligen Taufe und unserer Befeh- 
le, Gesetze und Verordnungen wiederzutaufen - so 
haben wir, die wir uns hierin haben vorsehen und Sor- 
ge tragen wollen, euch entbieten und gebieten wollen, 
dass ihr sofort nach dem Empfange dieses an allen 
Orten und Grenzen eurer Herrschaft ausrufen lasst, 
dass alle diejenigen, welche man befinden wird, dass 
sie mit der verfluchten Sekte der Anabaptisten oder 
Wiedertäufer besudelt sind, wessen Standes oder Ran- 
ges sie auch sein mögen, ihre Rädelsführer, Anhänger 
oder welche Teil daran haben, ihres Lebens und ihrer 
Güter verlustig sein und ohne den geringsten Auf- 
schub aufs Schärfste mit Feuer gestraft werden sollen; 
nämlich diejenigen, die halsstarrig in ihrer bösen Leh- 
re und Vornehmen beharren, oder die jemanden zu 
ihrer vorgemeldeten Sekte verführt oder wiederge- 
tauft, auch die den Namen eines Propheten, Apostels 
oder Bischofs geführt und gehabt haben; was aber 
die Übrigen betrifft, welche wiedergetauft sind, oder 
welche heimlich und mit Vorbedacht jemanden, von 
diesen erwähnten Anabaptisten oder Wiedertäufern 
beherbergt und ihr böses Vornehmen und Lehre nicht 
zur Anzeige gebracht, sollen, wenn sie wahre Reue 
und Leid beweisen, mit dem Schwerte hingerichtet, 
die Weiber in eine Grube vergraben werden. 

Um aber desto leichter Kunde von diesen Anabap- 
tisten oder Wiedertäufern, ihren Anhängern und Rott- 
gesellen zu erlangen, so befehlen wir ausdrücklich 
allen Untertanen, dass sie dieselben bekannt machen 
und bei dem Beamten des Ortes, worunter sie wohnen 
oder gefunden werden, anzeigen, und wenn jemand 
von einigen, welche dieser Sekte zugetan sind, Kennt- 
nis hätte, sie aber nicht bei dem Beamten des Ortes 
zur Anzeige brächte, so soll er dieselbe Strafe erlei- 
den, welche denjenigen betrifft, der solcher Sekte der 
Wiedertäufer günstig gewesen ist oder ihr angehängt 
und Teil daran genommen; wer aber dieselben an- 
bringt oder bekannt macht, soll den dritten Teil ihrer 
verfallenen Güter haben, wenn anders der Verklagte 
überführt wird. 

Daneben gebieten wir allen unsern Untertanen bei 
Vermeidung einer willkürlichen Strafe, dass sie für 
vorgemeldete Anabaptisten oder Wiedertäufer um 
keine Gnade, Vergebung oder Versöhnung nachsu- 
chen, oder um deswillen Suppliken oder Bittschriften 


eingeben, denn wir wollen nicht, wollen es auch nicht 
zugeben, dass einige von den Anabaptisten oder Wie- 
dertäufern um ihrer bösen Lehre willen in Gnaden 
aufgenommen werden sollen, sondern dass man an- 
dern zum Beispiele ohne Gunst oder Aufschub mit 
ihrer Bestrafung eile. Um nun solches mit allem, was 
damit zusammen hängt, ins Werk zu setzen, so geben 
wir euch und einem jeden unter euch für sich selbst 
vollkommene Gewalt und ausdrücklichen Befehl. 

Gegeben zu Brüssel unter unserem Gegensiegel, 
welches hierneben gedruckt ist, den zehnten Tag im 
Juni des Jahres 1535. Darunter stand: »Vom Kaiser 
und seinem Rate« und war unterzeichnet Pensart. 

Peter Küster, 1535. 

Im Jahre 1535 war ein frommer Bruder, genannt Pe- 
ter Küster, welcher zu Saardam, in Nordholland, in 
der Kirche das Küsteramt verwaltete; als er aber Er- 
kenntnis der Wahrheit erlangt, ist er als Lehrer der 
Gemeinde eingesetzt worden, und ist um der Verfol- 
gung willen nach Amsterdam gezogen, woselbst ihn 
der Schultheiß, auf Angeben eines Weibes, welche in 
dieser Nachbarschaft wohnte und in ihrem törichten 
Eifer den Ort, wo er wohnte, offenbarte, gefänglich 
eingezogen hat, und da dieses gerade zu einer Zeit 
geschah, als in der Welt böser Aufruhr und heimliche 
Anschläge sich ereigneten, so wurde dieser Freund 
Gottes dessen auch verdächtig gehalten; es ist jedoch 
aus seinen eigenhändigen Schriften, gleichwie auch 
aus seinem Bekenntnisse zu ersehen, dass er hierin 
unschuldig gewesen sei, auch wissen verschiedene 
glaubwürdige Zeugen, dass er sich stets von Herzen 
dagegen gesetzt habe; nichtsdestoweniger aber, weil 
er sich auf seinen Glauben nach dem Befehle und der 
Ordnung Christi hatte taufen lassen, und außerdem 
das Lehramt bediente, wurde er zum Tode verurteilt 
und zu Amsterdam mit dem Schwerte hingerichtet, 
und erwartet nun mit allen Frommen den Lohn, wel- 
chen Christum verheißen, indem er sagt: Selig seid ihr, 
wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen 
und verfolgen, und reden allerlei Übles wider euch, 
so sie daran lügen; seid fröhlich und getrost, es wird 
euch im Himmel wohl belohnt werden. 

Sybrant Jantz, Henrich Gysbrecht von Campen, 

Steven Benedictus, Femmetgen, Egberts Tochter 
und Welmut, Jantz Tochter. 

Zu Hoorn, in Westfriesland, sind im Jahre 1535 drei 
Brüder und zwei Schwestern gefangen genommen 
worden, genannt Sybrant Jantz, Henrich Gysbrechts 
von Campen und Steven Benedictus, Femmetgen Eg- 



70 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


berts und Welmut, Jantz Tochter, weil sie nicht mehr 
der römischen Kirche, sondern den Geboten Gottes 
gehorsam zu sein suchten. Diese haben, als man sie 
durchforscht hat, ihren Glauben, insbesondere wegen 
der Taufe, männlich bekannt; als sie gefragt wurden, 
ob sie wiedergetauft seien, haben sie bekannt, dass es 
geschehen; und es hat sie nicht gereut, dass sie sich 
nach der Ordnung Christi zur Vergebung oder Begra- 
bung der Sünden haben taufen lassen, damit sie Chris- 
tum anziehen und den Bund eines guten Gewissens 
erlangen möchten. Als die Herren der Finsternis ver- 
nahmen, dass sie darüber keine Reue hatten, und dass 
sie standhaft bei ihrem Glauben bleiben wollten, ha- 
ben sie dieselben nach des Kaisers Befehle zum Tode 
verurteilt, wie das nachstehende Todesurteil, welches 
sie über dieselben ausgesprochen, klar beweist: 

Nachdem M. Anton Sonk, Schultheiß, den Sybrant 
Jantz, Henrich Gysbrechts von Campen, Steven Be- 
nedictus, Femmetgen Egbrechts und Welmut, Jantz 
Tochter, gerichtlich angeklagt, dass sie sich gegen die 
geschriebenen Rechte, unsern christlichen Glauben 
und die Befehle der kaiserlichen Majestät, unsers all- 
ergnädigsten Herrn, haben wiedertaufen lassen, ohne 
dass sie deshalb Buße getan oder Ablass erlangt, und 
zu Recht erkannt, dass sie, die sich alle und ein jeder 
insbesondere daran verschuldet, ihres Leibes und ih- 
rer Güter verlustig sein und mit dem Tode gestraft 
werden sollen, so dass die Mannspersonen mit dem 
Schwerte gerichtet, sodann ihre Leiber auf Räder, ihre 
Köpfe aber auf Pfähle gesetzt werden, den Frauen hin- 
gegen ein Stein an den Hals gehängt werden soll und 
sie damit ertränkt werden sollen - so hat er darüber 
richterlichen Ausspruch des Rats begehrt, welcher, 
nachdem er die Antwort und Verteidigung der vor- 
gemeldeten Angeklagten angehört, und dass sie öf- 
fentlich bekannt, dass sie ohne Ablass wiedergetauft 
seien, mit seinem ritterlichen Ausspruch für Recht er- 
kannt, dass alle Vörgemeldeten nach den Befehlen der 
kaiserlichen Majestät und den geschriebenen Rechten 
ihr Leben und Güter verschuldet haben, nach Inhalt 
der Freiheiten dieser Stadt, und dass alle mit dem To- 
de gestraft werden sollten, so dass die Mannsperson 
mit dem Schwerte hingerichtet, ihre Leiber auf Räder, 
ihre Häupter aber auf Pfähle gesetzt werden sollten, 
es wäre denn, dass die Herren hierin denen Gnade 
erweisen wollten, die widerrufen und Reue bezeugen, 
dass aber den Frauen ein Stein an ihren Hals oder 
Leib gebunden und sie also ertränkt werden sollen. 
Beschlossen in Gegenwart aller Ratsherren und der 
drei Bürgermeister. Geschehen den 7. Juni 1535. 

Nachdem das Urteil gesprochen, haben sie diesel- 
ben zum Tode hinausgeführt, wohin sie alle beherzt 
gegangen sind und unter andern die Worte gespro- 


chen: Der Knecht ist nicht besser als sein Herr; haben 
sie dieses an dem grünen Holze getan, was werden sie 
am dürren tun, und dergleichen Reden mehr. Als sie 
an den Ort kamen, welcher dazu zubereitet war, sind 
sie enthauptet worden. Die beiden Frauen aber haben 
sie an die See geführt, ihnen Steine an den Hals ge- 
bunden und so in die See geworfen und ertränkt; ihre 
Leiber sind lange zum Spott und zur Schmach umher- 
getrieben worden, bis endlich die Obrigkeit befohlen 
hat, sie herauszuziehen und begraben. 

Christlicher Leser, hieraus kannst du klar ersehen, 
warum und aus welcher Ursache diese Leute haben 
sterben müssen und dass es sich nicht so Verhalten, 
wie einige blinde Eiferer des abgöttischen Papsttums 
gegen die Wahrheit lästern und sagen, dass sie nicht 
um der Religion oder des Glaubens, sondern allein 
ihres Aufruhrs und der Missetaten willen umgebracht 
worden seien; man kann hieraus urteilen, wie lügen- 
haft und unverschämt sie hier handeln, indem sie ihre 
Verurteilung mit der Belagerung von Münster, welche 
in jenem Jahre stattgefunden, in Verbindung bringen, 
welcher bösen Taten sie gleichwohl nicht beschuldigt 
worden, vielweniger dabei tätig gewesen sind. Aber 
hierin erweisen sie ihre alte pharisäische Art, wel- 
che, als sie Christum zum Tode brachten, seine gute 
Lehre nicht zum Vorwände brauchten, sondern Vorga- 
ben, dass er um seiner Gotteslästerung sterben müsste. 
Dieses ist die Art aller Tyrannen, dass sie die Unschul- 
digen nicht allein peinigen und töten, sondern ihnen 
noch falsche Beschuldigungen aufbürden. Wenn aber 
der Tag kommt, welcher kommen wird, dann werden 
sie sehen, wie schwer sie sich vergangen und werden 
mit Schrecken sagen: Seht, das sind diejenigen, die wir 
zum Spotte und zum höhnischen Beispiele hatten, wir 
Narren hielten ihr Leben für unsinnig und ihr Ende 
für eine Schande; wie sind sie nun unter die Kinder 
Gottes gezahlt und ihr Erbe ist unter den Heiligen. 
(Kopie aus einer gewissen alten Schrift.) 

Andreas Claessen von Drouryp wird um des 
Zeugnisses Jesu Christi willen unter dem 

Statthalter Georg Schenck zu Leeuwaarden, im 
Jahre 1535, enthauptet. 

Es ist ein teures Wort und aller Beachtung wert, wel- 
ches unser Heiland gesprochen und zu unserer Lehre 
und unserm Unterrichte hinterlassen hat, indem er 
sagt: »Wer sein Leben erhalten will, der wird's verlieren , 
wer aber sein Leben verlieret um meinet oder des Evan- 
geliums willen , der wird's erhalten zum ewigen Leben.« 
(Mt 16,25; Lk 9,24) 

Diese evangelische Lehre haben viele treue Zeu- 
gen Christi, welche ihr Leben freiwillig um seines 



71 


heiligen Namens willen übergeben haben, zur tröst- 
lichen Ermahnung zu Herzen genommen, indem sie 
auf die Verheißungen und herrliche Belohnung gese- 
hen haben, welche nicht in dieser, sondern in der zu- 
künftigen Welt ausgeteilt werden wird, denn Weisheit 
Kap. 3 steht geschrieben: »Aber der Gerechten Seelen 
sind in Gottes Hand und keine Qual rührt sie an. Von den 
Unverständigen werden sie angesehen, als stürben sie, und 
ihr Abschied wird für eine Pein gerechnet, und ihre Hin- 
fahrt für ihr Verderben, aber sie sind im Frieden. Obzvohl 
sie wohl vor den Menschen viel Leidens haben, so sind sie 
doch gewisser Hoffnung, dass sie nimmermehr sterben. Sie 
werden ein wenig gestäupt, aber viel Gutes wird ihnen 
widerfahren, denn Gott prüfet sie wie Gold im Ofen und 
nimmt sie wie ein fettes Opfer an.« 

Dieses ist ein herrliches Zeugnis und kommt sehr 
wohl mit dem heiligen Apostel Paulus überein, dass 
wir durch viel Trübsal ins Reich der Himmel eingehen 
müssen, gleichwie auch unser Heiland sagt, dass der 
Weg schmal und die Pforte enge sei, die zum Leben 
führt und dass wenige darauf wandeln; wenige in An- 
sehung des großen Haufens und der größten Menge, 
welche den breiten Weg erwählen und zu ihrem eige- 
nen Schaden und ewigen Verderben durch die weite 
Pforte gehen. 

Wenige wurden zu Sardis gefunden, die ihre Klei- 
der nicht befleckt hatten; gleichwohl werden diese 
wenigen als Überwinder gekrönt und mit weißen Klei- 
dern angetan werden; auch werden ihre Namen nicht 
aus dem Buche des Lebens getilgt werden, sondern es 
wird der Sohn Gottes ihre Namen vor seinem Vater 
und seinen Engeln bekennen und solches wird allen 
Überwindern verheißen und zugesagt Offb 3,1. 

Solches haben diejenigen zu Herzen genommen, 
welche nicht auf dasjenige, was sichtbar und vergäng- 
lich ist, sondern auf das Unsichtbare gesehen haben, 
wie solches an den frommen Zeugen und Märtyrern 
Christi sichtbar ist, welche nicht allein ihr Hab und 
Gut und das große Ansehen, das sie in der Welt hat- 
ten, sondern auch ihr eigenes Leben um Christi willen 
gerne verlassen haben, denn weder Verfolgung noch 
irgendein Geschöpf in der Welt konnte sie von der 
Liebe Gottes in Christo abschrecken Rom 8. 

Solches ist unter andern an einem tapfem Helden 
und gewaffneten Ritter Christi, Andreas Claessen von 
Drouryp, einem Dorfe in Lriesland, zwischen Leeu- 
warden und Lranecker gelegen, zu ersehen, welcher 
im Jahre 1535 unter dem Statthalter Georg Schenck ge- 
fänglich eingezogen und nach Leeuwaarden gebracht, 
daselbst aber den 16. März enthauptet und auf ein 
Rad gelegt worden ist. 

Dies ist am dritten Tage nach seiner Gefangenschaft 
geschehen, die Frommen haben ihn aber heimlich fort- 


genommen und begraben; er ruht nun mit seiner Seele 
unter dem Altar Gottes. 

Er hatte sieben Kinder, welche, nach des Vaters To- 
de, in Armut und Jammer umherwandern mussten; 
doch haben gleichwohl einige, die ihnen günstig wa- 
ren (aber nicht ohne Gefahr), ihnen Unterhalt ver- 
schafft; aus dem eigenen Zeugnisse ihrer Nachkom- 
men haben wir diese Dinge aufgezeichnet, die uns 
ihre schriftlichen Zeugnisse in Ansehung dieser Sa- 
che aus der Stadt Lranecker in Lriesland zugesandt 
haben, welche unterzeichnet waren: Juke Wybes, den 
13. März 1658. 

Sieben Brüder, im Jahre 1536. 

In diesem Jahre sind auch sieben Brüder, mit Na- 
men Hans Beck, Wahlfahrt Schneider, Christian Alzei- 
ter, Balthasar Gesel, Wohlfahrt aus Getzenberg, Hans 
Maurer und Peter Kraneweter aus Gosedaum in Etsch- 
land gefänglich abgeführt worden; man hat mit ihnen 
vorgenommen und gehandelt, um sie zu überwinden 
und zum Abfalle zu bringen, als sie aber ihnen nichts 
abgewinnen konnten, weil sie bei der Wahrheit und 
ihrem Glauben standhaft blieben, so haben sie die Pi- 
latuskinder zum Tode verurteilt, welche sie, nach dem 
Rate der Hohenpriester, dem Scharfrichter übergaben; 
derselbe musste nun die Sache zu Ende bringen. Also 
sind sie von diesem Leben zum Tode gebracht wor- 
den, sie haben das Volk gewaltig zur Buße angemahnt 
und bewiesen, dass dieses die göttliche Wahrheit sei, 
und dass keine unreinen, trägen oder unachtsamen 
Herzen in der Probe bestehen könnten. Wohlfahrt war 
einmal abgefallen und hat nach der Gottlosen Begeh- 
ren getan, hat aber nachher solches wieder beklagt 
und beweint; als er nach einigen Tagen abermals be- 
rufen ward, hat er den Herrn wieder bekannt und 
gesagt, der Teufel hätte ihn dazu verführt, dass er ge- 
gen Gott getan hätte; hierauf hat man ihn abermals 
zu den andern in den Turm geführt und hat auch mit 
den andern den Tod standhaft erlitten. Also haben sie 
sämtlich zu Gosedaum die Wahrheit mit ihrem Blute 
bezeugt. 

Peter Gerhard, Peter Georg, Peter Leydecker und 
Janneken Melz, 1536. 

Im Jahre 1536, auf St. Margarethen Tag, des Morgens, 
hat der Schultheiß am Zürik See drei Brüder und eine 
Schwester, mit Namen Peter Gerhard, Peter Georg, 
Peter Leydecker und Janneken Melz gefangen genom- 
men, welche er halb bekleidet mit sich geführt und 
sie auf einen Stein gesetzt hat, wo sie sieben Wochen 
gefangen gelegen und sich durch kein Leiden oder 



72 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


zugefügtes Elend zum Abfall haben bewegen lassen. 

Als sie nun examiniert oder verhört wurden und 
man ihnen viel Menschensatzungen vorlegte, welche 
sie mit Gottes Wort zu widerlegen suchten, sagte der 
Bürgermeister: Wir achten euer Wort Gottes nicht, son- 
dern wir halten uns an des Kaisers Befehl und wer- 
den alle diejenigen, welche dagegen handeln, auf eine 
spöttische Weise ausrotten. Sie antworteten: Herr Bür- 
germeister, damit beweisest du, dass du ein Vorsteher 
des babylonischen Reiches und des Bels sein willst, 
was dir zwar auf Erden einige Belohnung eintragen 
kann, aber endlich eine Ursache sein wird, dass dir 
mit dem Antichristen und dem gekrönten Tiere die 
ewige Verdammnis im feurigen Pfuhle zu Teil werden 
wird. Nachher wurden sie auf die Folterbank gebracht 
(wiewohl gegen ihre Rechte, indem sie Bürger waren), 
gleichwohl haben sie nicht abfallen wollen, wiewohl 
sie gepeinigt wurden, dass ihnen das Blut an den Fü- 
ßen hinunterlief; sie vertrauen aber Gott und riefen 
ihn beständig an. Nachdem man sie gepeinigt hatte, 
führte man sie wieder hinauf, wo sie einander mit 
dem Worte Gottes trösteten. 

Endlich sind sie den 4. September zum Tode verur- 
teilt worden, worauf man sie ungebunden nach der 
Schaubühne geführt hat, wohin sie sich ohne Furcht 
als Schäflein Christi demütig begeben haben; hier sind 
sie niedergekniet und haben mit Stephanus gesagt: 
Herr Jesu, nimm unsern Geist auf, worauf sie in kur- 
zer Zeit sämtlich enthauptet, ihre Leiber verbrannt 
und die Häupter auf Pfahle gesetzt worden sind; also 
haben nun dieselben ihr Opfer vollendet. 

Hieronymus Kels, Michael Seifsieder, Hans 
Oberacker, im Jahre 1536. 

Im Anfänge des Jahres 1536 wurde Hieronymus Kels 
von Kufstein mit Michael Seifsieder von Wald aus 
Böhmen und Hans Oberacker aus Etschland, ausge- 
sandt, um nach der Grafschaft Tyrol zu reisen. Als sie 
aber zu Wien in Österreich ankamen, sind sie von dem 
Wirte, wo sie herbergten, auf folgende Weise verraten 
und gefänglich eingezogen worden. Als sie nämlich 
die Abendmahlzeit hielten, wurden sie von den An- 
wesenden aufgefordert, mit ihnen zu trinken, als sie 
nun merkten, dass sie keinen Bescheid tun wollten, 
ließ der Wirt Papier holen, und schrieb einen lateini- 
schen Brief, welcher unter andern Worten in Deutsch 
also lautete: Hier sind drei Personen, welche mir Wie- 
dertäufer zu sein scheinen. Er wusste aber nicht, dass 
der Bruder Hieronymus Latein verstand. Hierauf sag- 
te der Bruder Hieronymus zu den andern Brüdern, es 
möchte geschehen, wie es dem lieben Gott gefiele, sie 
wollten sämtlich darauf warten. Nach zwei Stunden 


kamen des Richters Knechte und führten sie gebun- 
den vor den Richter; als man sie verhört hatte, brachte 
man sie ins Gefängnis. 

Nach acht Tagen forderte sie der Richter vor sich 
und seine Beisitzer, wo man ihnen sagte, sie sollten 
widerrufen. Der Bruder Hieronymus sagte: Sie soll- 
ten selbst von ihrem Unglauben abweichen und den 
Namen Gottes oder Christi nicht missbrauchen. Der 
Richter aber ist hierüber sehr in Zorn geraten, und 
weil Hieronymus ferner sagte, dass sie keine Christen 
wären, so sprach der Richter: Du bist ein verzweifelt 
böser Bube; gleichwohl hat Hieronymus, nachdem er 
wohl zehnmal darüber befragt worden, sein voriges 
Bekenntnis stets wiederholt. Darauf sagten die Beisit- 
zer: Dieser heillose Mensch ist nicht wert, dass sich 
deine Weisheit über ihn erzürne; sie haben sich aber 
heftig über ihn und seine Brüder erzürnt, und sie wie- 
der ins Gefängnis führen lassen. Nach acht Tagen hat 
sie der Richter alle drei wieder vor sich gefordert, und 
hat drei auserlesene arge Pfaffen zu sich genommen. 
Als nun dieselben mit Hieronymus reden wollten, 
dabei unsere Berufung verachteten, und unsern Glau- 
ben lästerten und Vorgaben, sie wären gesandt, um 
sie wegen ihrer Irrtümer zu belehren, sagte er zu ih- 
nen freimütig und unerschrocken: Wir sind auf dem 
rechten Wege, unser Ruf ist von Gott, auch hat uns 
Christus gelehrt, dass wir keiner fremden Stimme ge- 
horchen sollten; auch fügte er hinzu: Wir sind willig 
allen Menschen Rechenschaft und Beweis von dem 
Grund unserer Hoffnung zu geben, aber mit Mönchen 
und Pfaffen, welche vom Papste, dem Antichristen, 
ausgesandt sind, begehren wir nicht zu reden, denn 
sie sind große Buben, Hurer, Meineidige, Schalke und 
Verführer, wie auch diese. 

Darauf sagte der Richter: Mein guter Hieronymus, 
du kennst die guten Herren noch nicht. Hieronymus 
sagte: Gott ist mein Herr, sie aber keineswegs; dann 
hat er ihnen auf ihre Fragen wegen der Messe, der Erb- 
sünde, der Kindertaufe, der Berufung und des grau- 
samen abgöttischen Sakramentes geantwortet, was 
länger als zwei Stunden gedauert hat. Hierauf haben 
sie ihm zu Gemüte geführt, dass er doch sein liebes 
Leben, sein Weib und Kind, und dabei ihre treue Zusa- 
ge, zu Herzen nehmen und zu Gott bitten möge, und 
dass auch sie bitten wollten; er aber sagte, dass sie 
die Wahrheit hätten und dabei bleiben wollten, man 
möchte tun, was man wollte; als sie nun auch die üb- 
rigen Brüder mit ihrem Gifte nicht anstecken konnten, 
hat sie der Richter wieder ins Gefängnis legen lassen, 
worin sie einander trostreiche Lieder zugesungen ha- 
ben und fröhlich in Gott gewesen sind; und weil sie 
einander im Gefängnisse hören konnten, haben sie 
einander zugerufen und sich getröstet und gestärkt; 



73 


auch haben sie ihr Glaubensbekenntnis mit vielen Be- 
weisgründen aus der heiligen Schrift den Herren zu 
Wien und dem Richter schriftlich übergeben. 

Dem gedachten Bruder Hans Oberacker ist des 
Herrn Tag dreimal erschienen, wie er uns aus dem Ge- 
fängnisse hat wissen lassen, und er hat solche Dinge 
(die er nicht aussprechen konnte) mit den innerlichen 
Augen des Herzens und auch mit seinen leiblichen 
Äugen gesehen, denn er sah den Zustand der Kinder 
Gottes, und welche große Gnade sie von Gott emp- 
fangen hatten, dagegen aber auch, wie gewaltig und 
schrecklich dieser Tag den Gottlosen sei, so dass er 
auch bat, Gott wolle ihn nimmermehr in solches Ge- 
richt fallen lassen, welches über die Bosheit so groß 
und schrecklich sei. 

Nachdem man nun diese Brüder auf mancherlei 
Weise versucht hatte, und sie gleichwohl, als tapfere 
Ritter und Liebhaber Gottes, im Glauben standhaft 
blieben, sind sie von den Pilatuskindern zum Tode 
verurteilt und den Freitag vor Judica in der Fasten des 
gedachten Jahres in Wien zu Asche verbrannt worden. 

Georg Baser und Leonhard Seiler, im Jahre 1536. 

Georg Baser, ein Diener des Herrn und seiner Gemein- 
de mit dem Bruder Leonhard Seiler, seinem Mitgehil- 
fen, wurde in eben demselben Jahren zu Neudorf in 
Österreich auf seiner Durchreise gefangen genommen 
und daselbst in den Stock gelegt. Am andern Tage 
kam der Richter von Metlyng mit dem ganzen Rate 
und andern Leuten vom Volke mit ihnen, und frag- 
ten sie, warum sie gefangen lägen? Sie antworteten: 
Um des Glaubens an Christum und der göttlichen 
Wahrheit willen. 

Man hat sie sodann eine Strecke von Neudorf, in 
die Mark Metlyng (zwei Meilen von Wien gelegen) 
geführt. Auf dieser ganzen Reise haben sie mit aller 
Freimütigkeit von der Wahrheit Zeugnis gegeben, und 
zu ihnen mit vielen Worten von dem Gerichte und 
Urteile Gottes geredet, dass sich auch der Richter und 
alle übrigen darüber entsetzten, und nicht ein einziges 
Wort dagegen sagen mochten. 

Sie haben sie aber daselbst in ein gemeines Gefäng- 
nis gelegt, worin ihre Mitgefangenen sie sehr gott- 
los, schändlich und niederträchtig misshandelt haben, 
was ihnen täglich so großes Herzeleid und Kummer 
verursachte, dass sie es lieber gesehen hätten, man 
hätte sie, um solches gottlose Wesen nicht zu hören, 
in ein stinkendes Loch gelegt. 

In der Zeit ihrer Gefangenschaft hat man wegen 
der Kindertaufe und wegen des Sakraments viele und 
dringende Fragen an sie gerichtet, und ihnen dabei ge- 
sagt, dass wir sie alle gottlos und ungläubig nennten. 


worauf sie wegen der Kindertaufe ihnen antworteten, 
dass sie ihnen dieselbe gar wohl zuständen, und hin- 
zufügten: weil sie sich Christen nennten, aber dabei 
den Namen Christi missbrauchten, und auch das Ge- 
ringste, welches Christus befohlen und geboten hätte, 
mit keinem Finger anrührten, so sollten sie wissen, 
dass sie des Teufels seien, und wenn sie keine Buße 
wegen ihrer Sünden tun würden, so würde Gott ih- 
ren falschen Ruhm vertilgen, und sie würden mit der 
ganzen Welt und dem reichen Manne in den Abgrund 
der Hölle verstoßen werden; solches würde gewiss 
geschehen, wenngleich sie es bis jetzt nicht glaubten. 

Nachdem sie beinahe ein ganzes Jahr im Gefäng- 
nisse zugebracht hatten, in welcher Zeit sie sich zum 
Tode zubereiteten, denn sie waren hierzu willig, guten 
Mutes und fröhlich im Herrn, so dass sie Gott, den 
gnädigen Herrn, baten, dass er sie aus dieser sterbli- 
chen Hütte und argen, blinden Welt erlösen wolle und 
dabei eine gute Hoffnung, große Freude und ein herz- 
liches Verlangen hatten abzuscheiden, so dass sie jede 
Stunde und jeden Augenblick bereit waren, durch 
Gottes Hilfe und Beistand, um der Wahrheit Gottes 
und des Namens unsers Herrn Jesu Christi willen, 
trotz aller Pein und Leiden, welche ihnen auch zusto- 
ßen würden, männlich und ohne Furcht zu sterben, 
sind sie nachher aus besonderer Schickung Gottes, 
ohne Verletzung ihres Gewissens, wunderbar erlöst 
worden und in Frieden bei der Gemeinde zu Trasen- 
hofen angekommen, woselbst sie als gute, würdige 
und liebe Brüder im Geiste empfangen und mit großer 
Freude aufgenommen worden sind. 

Im Jahre 1537. 

Im nachfolgenden Jahre wurde der erwähnte Georg 
Baser, auf Anhalten einiger Eiferer in Österreich nach 
Pechstall gesandt, wo er das Wort Gottes getrost zu 
lehren anfing, die Gläubigen versammelte, und nach 
Gottes Befehle Gemeinden aufrichtete, obgleich er 
kurz zuvor aus dem Gefängnisse von Metlyng befreit 
worden war. Als er nun daselbst sich aufhielt, fiel er 
einem verschlagenen Menschen, oder dem, welcher 
dessen Plan ausführte, in die Hände; derselbe hat, 
unter dem Vorwände die Wahrheit von ihm, als von 
einem Diener, zu lernen, viele Knechte bestellt mit 
dem Befehle, dass sie zu gelegener Zeit an diesen 
Georg Baser Hand anlegen und ihn fangen sollten, 
was sie auch getreulich ins Werk setzten. 

Hierauf ist er im Gefängnisse auf vielerlei Weise 
versucht und mit grausamer Pein viel mit ihm gehan- 
delt worden; aber er ist standhaft geblieben und ist 
denen, die er im Glauben unterrichtet hatte, getreulich 
bis in den Tod vorangegangen. Also ist er mit dem 



74 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Schwerte hingerichtet worden, und hat den Glauben 
und die Wahrheit Gottes mit seinem Blute bezeugt. 

Bastian Glasmacher und Hans Grünfelder, 1537. 

Auch ist im Jahre 1537 Bastian Glasmacher und Hans 
Grünfelder zu Imst im Ober-Inntale um des Glau- 
bens und der Wahrheit Gottes willen gefangen gesetzt 
worden; diese hat man mit dem Schwerte gerichtet 
und dann verbrannt. Sie haben mit großer Freude den 
Herrn, samt seinem heiligen Worte und seiner Wahr- 
heit bekannt. Als man sie hingerichtet, ist eine große 
Menge Menschen gegenwärtig gewesen; Hans hat 
überlaut gerufen und gesprochen, und das Volk bis 
an seinen Tod zum Besten angemahnt und gewarnt; 
desgleichen auch Bastian, so dass sich das Volk sehr 
über sie wunderte. 

Ihre Gebeine konnte man nicht ganz verbrennen, 
weshalb man sie ins Wasser geworfen hat; auch hat 
man des einen Herz nicht verbrennen können, zwei- 
felsohne ihnen zum nachdrücklichen Zeugnisse. 

Hans Peiß und einige andere, im Jahre 1537. 

Auch ist in eben demselben Jahre 1537 Hans Peitz, ein 
Diener des Evangeliums, mit einigen seiner Glaubens- 
genossen zu Passau an der Donau um der Wahrheit 
Gottes willen gefangen gesetzt worden; sie haben eine 
lange Zeit gefangen gelegen und vieles erlitten und 
ausgestanden, sind aber endlich, nebst andern, die 
ihren Glauben und die Wahrheit bekannt haben, nach 
großer Standhaftigkeit und Tapferkeit, im Gefängnis- 
se entschlafen. 

Hans Wucherer und Hans Bartel, im Jahre 1537. 

In eben demselben Jahre 1537 ist der Bruder Hans Wu- 
cherer im Bayerlande und mit ihm noch ein Bruder, 
genannt Hans Bartel, seines Handwerks ein Weber, ge- 
fangen genommen worden. Man hat sie nach Mermeß 
geführt, daselbst lagen sie sechzehn Tage gefangen 
und sind in der Zeit zweimal von Kaiphas und den 
Pfaffen verhört und auch zweimal gepeinigt worden; 
dieselben haben sie gefragt, was sie von dem Sakra- 
mente hielten, worauf sie denselben gewaltig wider- 
sprochen und gesagt haben, dass es ein Gräuel und 
ein Abgott vor dem Herrn sei, es sei nicht zu glauben, 
dass sie den Leib Christi mit Fleisch und Blut, wie er 
am Kreuz gehangen, so viel hunderttausend Mal zu 
essen geben könnten, sondern das Abendmahl sei ein 
Andenken seines Leidens, Sterbens und Blutvergie- 
ßens, wodurch er uns erlöst hat. Um nun sich dessen 
zu erinnern und im Herzen nachzuforschen, sollen 


solches die Gläubigen, welche Glieder seines Leibes 
oder seiner Gemeinde sind, halten und ihm dabei von 
Herzen Dank sagen. Hierauf sind sie wegen der Kin- 
dertaufe und was sie von ihren Pfaffen und Kirchen 
hielten, gefragt worden; diesem allem haben sie nach 
der Wahrheit widersprochen. Hierauf haben sie die- 
selben gefragt, was sie von dem Ehestande und den 
zehn Geboten hielten, worauf sie auch geantwortet 
haben. Dann hat man sie gebunden nach Bruckenhau- 
sen geführt und daselbst einen jeden besonders im 
Gefängnisse an eine Kette geschlossen; sie haben sie 
auch zu sechs verschiedenen Malen vorgeführt und 
verhört, um sie zum Abfalle und Widerrufe zu nö- 
tigen, in welchem Falle man ihnen Gnade erweisen 
wollte. Sie haben aber die Gnade Gottes mit der Gunst 
der Welt nicht verwechseln wollen, weil sie überzeugt 
waren, dass sie die rechten Gläubigen seien und die 
Wahrheit Gottes hatten. 

Das siebte Mal sind die Pfaffen ins Gefängnis zu 
ihnen gekommen; sie aber blieben standhaft in Gott; 
man hat sie auch sehr gepeinigt; den Hans haben sie 
gefoltert, dass er ganz krank wurde; den Bruder Bartel 
aber zweimal; sie haben aber damit an ihnen nichts 
ausgerichtet. 

Das achte Mal ist der Richter samt drei andern zu 
ihnen gekommen, dieser hat, nachdem sie grausam 
und schrecklich mit ihnen umgegangen sind, ihnen 
das Leben abgesprochen und sie zum Feuer verur- 
teilt; nichtsdestoweniger hofften sie in dem Herrn 
durch den unaussprechlichen Reichtum der Gnade 
und Kraft Gottes, treu und standhaft zu bleiben in der 
Wahrheit Gottes bis ans Ende. 

Nachher sind sie um des Glaubens willen verbrannt 
worden, sie haben die Wahrheit tapfer bezeugt und 
die Krone der Märtyrer Christi erlangt. 

Philippus von Keurs, im Jahre 1537. 

Es hat sich auch im Jahre 1537 zu Casses in Flandern 
ein gottesfürchtiger frommer Bruder, namens Philip- 
pus Keurs, seines Handwerks ein Schreiner, aufgehal- 
ten. Als er sich auch von der gegenwärtigen argen 
Welt abgesondert und auf den Kreuzesweg, welcher 
zum Reich Gottes führt, begeben hatte, so haben ihn 
die Diener dieser Welt (gleichwie auch seinen Herrn 
und Meister Jesum), gehasst, geschmäht und verfolgt, 
weshalb er endlich in die Hände der Tyrannen gefal- 
len ist, welche ihn mit harter und schwerer Gefan- 
genschaft unbarmherzig zugesetzt haben. Da er aber 
nicht auf beweglichen Sand, sondern auf den unbe- 
weglichen Felsen gegründet war, so ist er im allem 
wie das durchläuterte Gold standhaft geblieben. Als 
er sich nun durch nichts von der Wahrheit abziehen 



75 


lassen wollte, ist er daselbst vom Leben zum Tode ver- 
urteilt worden und hat also den Glauben der Wahrheit 
mit seinem Blute und Tode befestigt, und gleichwie er 
hier seines Herrn und Meisters Christi Leiden teilhaf- 
tig geworden ist, so wird er auch in der Offenbarung 
seiner Herrlichkeit sich sehr freuen und fröhlich sein 
und die Krone der ewigen Herrlichkeit empfangen 
und ewig genießen. (Abschrift aus einigen sehr alten 
Zeugnissen.) 

Zwölf Personen, sowohl Männer als Weiber, 
werden um des Zeugnisses Jesu Christi willen zu 
Bucht, unweit Herzogenbusch, im Jahre 1538 
verbrannt und enthauptet. 

Im Jahre 1538, im August, hat man in der Stadt zehn 
oder siebzehn Männer und Weiber gefangen genom- 
men, welche man der Wiedertaufe beschuldigte. Diese 
waren sämtlich geringe oder arme Leute, ausgenom- 
men ein Goldschmied, der unter ihnen war, namens 
Paulus von Druynen, von welchem man sagte, dass 
er ihr Lehrer gewesen sei. 

Dieser Paulus wurde zu Bucht, mit drei andern 
Mannspersonen, auf einer Schaubühne lebendig er- 
würgt und verbrannt, den 9. September. 

Die drei andern hießen: Stephens von Osterholtz, 
die Töpfer, Johann Block von Gent, ein Bandweber, 
und Adrian von Grafen (Haag), ein Bandweber. 

Man hat einem jeden derselben ein Seil oder einen 
Strick in den Mund gebunden, damit sie nicht laut 
reden oder rufen sollten. 

Dabei waren zwei Minderbrüder und zwei Domi- 
nikaner, welche ihnen viel sagen wollten, ihnen auch 
ein Kruzifix zeigten; sie aber wollten es nicht ansehen 
und sagten: Sie hätten Gott im Herzen und wollten 
deshalb weder Holz noch Steine anbeten; auch baten 
sie für diejenigen, welche ihren Tod verursacht hatten, 
und sagten: Der Knecht sei nicht besser als sein Meis- 
ter, in dessen Namen seien sie willig zu sterben, sie 
wollten aber den Mönchen nicht gehorchen. 

Über diese hat ein vom Hofe dazu Verordneter, na- 
mens Meister Adrian von der Grafe, welcher ein Ge- 
lehrter der beiden Rechte gewesen, das Urteil gefällt; 
er hatte einen Mann von derselben Sekte bei sich, 
welcher Vergebung seiner Missetaten erlangt hatte 
(vermutlich ein Abtrünniger), und der anzeigte, wo 
dieselben wohnten. 

Diesem gedachten Verordneten waren sieben Rats- 
herrn zugesellt, welche sie sämtlich, nachdem sie 
einen Kreis geschlossen, zum Tode verurteilten. Die 
Namen der Ratsherrn waren: Meister Goosen von der 
Stege, Gisbert Heyn und Matthias Stooters, Heinrich 
Pelgrim, sonst Keßler, Meister Henrich Luysterisan 


von der Stege, H. Geist-Meister und Govert Symonß, 
Kirchenältester. 

Den 11. September sind an vorgenanntem Orte drei 
Frauen und ein Mann erwürgt worden, von welchen 
auch gesagt wird, dass sie wiedergetauft worden sei- 
en; eine derselben ist des Lehrers Pauli Hausfrau ge- 
wesen, bei welcher Exekution auch Mönche (nämlich 
um sie zum Abfalle zu überreden) gegenwärtig gewe- 
sen sind. 

Die Hausfrau Pauli sagte: O Herr! Erleuchte doch 
denen die Augen, die uns solches Leiden antun, damit 
sie sehen, was sie tun. Ich danke Dir, o Gott, dass 
Du mich dieses Leidens um deines Namens willen 
würdig erkannt hast. 

Der Dominikaner sagte zu einer andern Frau: 
Bleibst du nicht bei der heiligen Kirche? Sie sagte: 
Ich bleibe bei Gott, ist mir dieses nicht heilige Kirche 
genug? 

Dann sprach der Dominikaner zur Mannsperson: 
Johann von Capelle, bitte, dass er dir vergebe, weil du 
uns ein böses Exempel gegeben hast. Er antwortete: 
Ich habe nicht geirrt, sondern bin mit Gottes Worte 
umgegangen, und mir ist's leid, dass ich so lange in 
der Finsternis gewesen bin. Ich bitte euch, Bürger, lest 
doch das Evangelium und lebt darnach, und lasst ab 
von eurer Schwelgerei, Büberei, eurem Fluchen und 
euch mit dem Kreuze zu zeichnen (Kruyssen). 

Die dritte Frau sagte: O allmächtiger Gott! Du wol- 
lest mir nicht mehr auflegen, als ich ertragen kann. So 
sind sie guten Muts gestorben. 

Der vorgenannte Paulus und seine Hausfrau hatten 
ein neun Monate altes Kind, welches noch ungetauft 
war; solches nahmen sie der Mutter im Gefängnisse 
ab und tauften es; auch sind Herr Philipp von Doorn, 
Diakon zu St. Jan, Postulia, Meister Ja von der Stegens 
Hausfrau, und Anna, Meister Goosen von der Stegens 
Hausfrau Taufzeugen dieses Kindes gewesen. Hierauf 
sind sie alle getötet worden. 

Desgleichen auch den 14. September, morgens um 6 
Uhr, wurde noch ein junger Gesell von eben derselben 
Sekte enthauptet. 

Dieses ist der Inhalt der alten Schrift, welche uns 
aus Friesland zugesandt worden ist. 

Vergleiche mit demjenigen, was Bore van Utrecht in 
der Geschichte vom Anfänge von Herzogenbusch von 
den Leuten, welche daselbst gefänglich eingebracht 
worden sind, berichtet. 

Es lässt sich annehmen, dass die ganze vorgemelde- 
te Beschreibung von einem verfertigt worden sei, wel- 
cher noch nicht zum Glauben gekommen war; denn 
er nennt den wahren Glauben der vorgenannten, ge- 
töteten Leute eine Sekte, deren Ende und Tod, wie es 
scheint, er selbst angesehen hat; darum dürfen wir an 



76 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


der Wahrheit desselben umso weniger zweifeln, weil 
es gewiss ist, dass die Widersacher einer Lehre diese 
Lehre nicht anpreisen, sondern derselben vielmehr 
widersprechen werden. 

Leonhard Lochmayer und Offrus Gritzinger, 1538. 

Im Jahre 1538 ist Bruder Leonhard Lochmayer, ein 
Diener des Worts in der Grafschaft Tyrol gefangen 
genommen und nach Brixen geführt worden; daselbst 
haben viele Pfaffen mit allerlei Schalkheit ihm zuge- 
setzt, bis sie ihn zum Falle gebracht haben; nachher 
haben sie von ihm verlangt, dass er ein ganzes Jahr 
mit dem Doctor Gallus das Land durchziehen solle, 
um gegen die göttliche Wahrheit zu predigen und die- 
selbe zu widerrufen; solches hat er nicht tun wollen, 
darum haben sie ihn im Gefängnisse verwahrt; denn 
ehe er ein Bruder geworden, ist er ein Pfaffe gewe- 
sen. Er ist in sich gegangen, hat über seinen Fall Reue 
empfunden und ist in große Angst geraten, denn das 
Gericht Gottes hat ihn sehr gedrückt; als aber Gott 
sein trauriges Gemüt erkannte, hat er ihm wieder auf- 
geholfen, wie nachher folgen soll. 

Offrus Gritzinger, im Jahre 1538. 

In eben demselben Jahre wurde auch Offrus Gritzin- 
ger, ein Diener des Worts in der Grafschaft Tyrol ge- 
fangen genommen; man suchte ihn auf den Bergen 
und in den Tälern, man forschte nach ihm auf den 
Brücken und an andern Orten; auch haben sie viel 
Geld auf Offrus gesetzt wer ihn entdecken konnte; fer- 
ner haben sie auch Kundschafter und Verräter ausge- 
sandt, die sich anstellen sollten, als wollten sie fromm 
werden. Als sie seiner habhaft geworden, haben sie 
ihn auch nach Brixen geführt und daselbst nicht weit 
von Leonhard Lochmayer gefangen gelegt, so dass 
sie miteinander haben reden können; hier hat dieser 
Leonhard bei Offrus seinen Fall aufs Tiefste beklagt, 
und dieserhalb große Reue und Herzeleid gezeigt; es 
hat ihn aber Offrus sehr getröstet und ihm nach einer 
aufrichtigen Reue und wahren Buße im Namen des 
Herrn Vergebung seiner Sünden angekündigt, ja ihn 
durch seine Fürbitte wieder im Glauben aufgerichtet 
und als Mitglied und Bruder aufgenommen. 

Nicht lange darauf, als man den Bruder Offrus, den 
treuen Diener des Herrn und seiner Gemeinde durch 
mancherlei Verhandlungen sehr versuchte und ihm 
mit schwerer Pein drohte, wenn er seine Brüder nicht 
bekannt machen würde, welche noch nicht vertrieben 
waren, insbesondere diejenigen, die ihn beherbergt 
und ihm Gutes getan hatten, so hat er zu ihnen gesagt: 
Ich habe mich übergeben, um alle Pein und Leiden 


durch die Kraft Gottes zu ertragen, welche ein Mensch 
bis in den Tod leiden kann, ehe ich euch solches sagen 
und einen Verräter abgeben wollte; ich habe es zuvor 
wohl gewusst, dass es mir so gehen würde; ich bin 
nun in eurer Gewalt, tut, was euch Gott zulässt; wollt 
ihr mit mir unbarmherzig umgehen, so könnt ihr es 
tun; Gott wird euch wohl finden; ich weiß nichts zu 
sagen oder anzubringen. Hierauf haben sie ihm mit 
Bedrohungen zugesetzt und zu ihm gesagt, wenn er 
für die Wahrheit einstände, so wollten sie ihn bei der 
Wahrheit ermahnt haben, dass er die Wahrheit reden 
und an den Tag bringen wolle. Hierauf sprach der Bru- 
der Offrus: Ich kenne euch wohl mit eurer Wahrheit, 
ihr hört es, was ich euch gesagt habe. 

Auch haben sie ihn gefragt, ob dem nicht so wäre, 
dass wenn sich unsere Zahl vermehren würde, wir 
uns gegen sie aufwerfen und sie, wenn sie uns nicht 
beitreten, erwürgen würden? Er hat ihnen geantwor- 
tet: Würden wir solches tun, so wären wir keine Chris- 
ten, sondern nur dem Namen nach Christen; wenn 
ihr auch wahre Christen wärt, so würdet ihr auch 
niemanden martern, töten oder umbringen. 

Dann haben sie ihn gebunden und aufgewunden, 
dann aber schnell wieder heruntergelassen und dem 
Peinigen Einhalt getan, ihn auch bedroht und gesagt, 
warum er seine Glieder so zerreißen lassen wollte, 
worauf er geantwortet: Ich bin in euren Händen, tut 
mir, wie euch Gott zulässt, ihr könnt mir doch nicht 
mehr als das Leben nehmen, also sind sie an ihm 
verzagt worden. 

Nach acht Tagen haben sie ihn abermals aufgewun- 
den, wiewohl gelinder; aber er sprach zu ihnen: Ich 
habe es euch einmal gesagt, was ich euch sagen kann, 
nur wisset dieses, dass euch Gott um eurer Grausam- 
keit willen wohl finden wird; also sind sie wieder 
verzagt geworden, haben ihn fernerhin zufrieden ge- 
lassen und ihn nicht mehr gepeinigt; auch ist er in 
Folge der Marter erkrankt, dass er um desto weniger 
redete. 

Nach acht Tagen kamen sie abermals zu ihm und be- 
riefen ihn zweimal vor sich; aber sie verweilten nicht 
lange bei ihm, weil er ihnen ihre Büberei, Schalkheit 
und Ungerechtigkeit vor Augen stellte. 

Er ist aber daselbst nach vielen Leiden und Trüb- 
salen von den Pilatuskindern zum Tode verurteilt, 
lebendig ins Feuer gestellt und zu Asche verbrannt 
worden; er hat also als ein christlicher Held von seiner 
Lehre und Wandel mit seinem Blute ein standhaftes 
und ritterliches Zeugnis abgelegt und dieselbe versie- 
gelt; so geschehen Allerheiligen Abend, im Jahre 1538; 
und obwohl er zuvor in großer Bedrängnis gewesen, 
und mit dem Tode gekämpft hat, so ist er doch da- 
mals, als er zum Tode hinausging, guten Muts und 



77 


von Herzen fröhlich gewesen. 

Den Leonhard Lochmayer, weil er zuvor Pfaffe ge- 
wesen, haben die Pfaffen beschützt, dass er nicht mit 
Offrus getötet worden ist; denn sie wollten ihm zuvor 
ihre verfluchte Einweihung wieder abnehmen; Gott 
aber, welcher ihre Ratschläge verhindern wollte, fügte 
es so, dass der Weihbischof, welcher das Werk ver- 
richten sollte, selbst starb; also ist er einige Tage nach 
Offrus mit dem Schwerte gerichtet worden und hat als 
ein rechter Priester sich selbst Gott zur angenehmen 
Gabe geschenkt und aufgeopfert und seine Wahrheit 
bis in den Tod bezeugt. 

Michael Widemann oder Beck, im Jahre 1538. 

Um eben diese Zeit ist auch Bruder Michael Wide- 
mann oder Beck, zu Rieten im Allgäu mit einem Teile 
des Volkes gefangen genommen worden; man hat 
aber das Volk wieder nach Hause gesandt und nur 
diesen Bruder um des Glaubens willen in das Gefäng- 
nis gelegt; sie haben mit ihm viel gehandelt, auch ihn 
versucht und zum Abfall ermahnt, er aber hatte ei- 
ne gute Versicherung seines Glaubens in Christo und 
sprach: Als ich mit der Welt in aller Ungerechtigkeit, 
in Sünden und Bosheit lebte, hat man mich nicht zum 
Abfall ermahnt, sondern ich bin vor der Welt ein guter 
Christ gewesen; nun ich mich aber bekehrt und mein 
Leben gebessert habe, sagt man mir, dass ich abfallen 
soll; wiewohl ich mich einmal bekehrt habe und von 
aller Ungerechtigkeit abgewichen bin, so will ich nun 
in solcher Bekehrung bis ans Ende verharren; davon 
lasse ich mich nicht abziehen, denn solches, worin ich 
stehe, ist der rechte Grund. Als er nun beinahe ein 
halbes Jahr gefangen gelegen, hat man ihn enthauptet 
und verbrannt. 

Martin aus Vilgraten und Kaspar Schuhmacher, 
1538. 

Auch sind im Jahre 1538 diese Brüder, Martin aus Vil- 
graten und Kaspar Schuhmacher, bei zu Michelsberg 
Priestertal um der Wahrheit Gottes willen gefangen 
genommen, nach großer Standhaftigkeit zum Tode 
verurteilt und mit dem Schwert hingerichtet worden. 
Sie sind bis an ihr Ende männlich im Glauben ver- 
harrt, auch in ihren Banden und Trübsalen wohlgemut 
gewesen und haben sich an der Liebe Gottes festge- 
halten, wovon sie weder durch Trübsal noch durch 
Angst und Verfolgung abgezogen werden konnten. 
Kein Hunger, keine Armut, keine Blöße, keine Gefahr 
war so groß, kein Schwert so scharf, kein Feuer so 
heiß, kein Teufel so arg, kein Mensch so emsig, dass 
sie sich dadurch hätten von Gott und seiner Wahr- 


heit und von ihrem Herrn und Heilande Jesu Christo 
abwendig machen lassen, sondern sie haben dasjeni- 
ge, was Gott ihnen zu erkennen gegeben, durch seine 
Gnade und Kraft bis in den Tod bewahrt. 

Johann Styaerts und Peter, im Jahre 1538. 

Um dieses Jahr 1538 sind in Flandern zwei Verwandte 
gewesen, der eine Styaerts und andere Peter genannt. 
Diese zwei jungen Gott suchenden Blümlein wohn- 
ten bei ihren Eltern im Dorfe Mereedor, in Flandern 
gelegen. Als sie nun mit Ernst nach Gott eiferten und 
in der Heiligen Schrift forschten, haben sie gar bald 
gemerkt, dass nach der Lehre Christi das Zeichen der 
Begrabung der vorherbegangenen Sünden, der Aufer- 
stehung mit Christo und des Wandels in einem neuen 
Leben den gläubig Wiedergeborenen die christliche 
Taufe im Wasser nötig sei, und nachdem sie darnach 
ein Verlangen hatten, sind sie nach Deutschland ge- 
reist, um ihre Glaubensgenossen aufzusuchen; als sie 
aber daselbst ihr Verlangen nicht befriedigen konn- 
ten, sind sie bald wieder zu ihren Eltern in Flandern 
zurückgekehrt, und haben daselbst den Herrn ihren 
Gott mit Emst gesucht, so dass sie ein gutes Zeugnis 
hatten, den Armen viel Gutes taten, und mit Zachäus 
sagten: So sie jemand betrogen hätten, so wollten sie 
es vielfältig wiedergeben. Als solches die päpstlich 
Gesinnten, welche gegen das Licht der Wahrheit Hass 
und Feindschaft hetzten, merkten, haben sie diese ge- 
dachten beiden jungen Schäflein aus den Wohnungen 
ihrer Eltern zu Mereedor abgeholt und sie in der Nähe 
von Gent in ein Dorf, Vinderhout genannt, gebracht, 
woselbst sie dieselben in einer Grube hart gefangen 
gesetzt haben. Als ihre Schwester einmal zu ihnen 
kam, ihnen reine Hemden brachte, sagten sie zu ihr: 
Sie könnten dieselben nicht vor den Würmern schüt- 
zen, welche in ihrer Speise wären und diese zehrten 
auch an ihren Kleidern, Hemden und an ihrem Leibe. 
Auch sagten sie: Hier ist eine Bibel; der Inhalt dersel- 
ben sowie die Ursache ihrer Bande würde wohl nach 
ihrem Tode an den Tag kommen. Der vorgemeldete 
Styaerts ist einmal aus dem Gefängnisse gelassen wor- 
den, um einer leiblichen Krankheit willen, und hätte 
(wie man meint), wohl die Freiheit erlangen mögen; 
gleichwohl ging er gutwillig wieder ins Gefängnis 
und war willig, mit seinem lieben Bruder um des Na- 
mens Jesu willen zu sterben. Also hat man sie nach 
einer gewissen Zeit zur Schlachtbank geführt. Der ers- 
te von ihnen, welcher getötet werden sollte, war Peter; 
derselbe hat (indem er seine Augen gen Himmel er- 
hob) dem Johann Styaerts getrost zugerufen: Mein 
lieber Bruder! Streite tapfer, denn ich sehe den Him- 
mel über uns offen! Sie sind aber zu Vinderhout beide 



78 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


mit dem Schwert hingerichtet worden. Also sind auch 
diese beiden mehrgedachten jungen Zweige in dem 
Vorhofe des Herrn von dem grausamen Tiere, wel- 
ches aus der See hervorgekommen ist, verzehret und 
verschlungen worden, aber über ihre unsterblichen 
Seelen haben sie keine Gewalt gehabt; diese haben 
ihre Zuflucht zu Gott genommen, wo sie ewig in un- 
aussprechlicher Freude leben werden. Als nun ihre 
Eltern von Mereedor nach Vinderhout reisten und 
nach ihren Kindern fragten, sagten die Einwohner zu 
ihnen, sie seien bereits mit dem Schwerte hingerichtet 
worden. Und also sind sie ihrer Kinder durch diese 
Tyrannen beraubt worden. 

Hans Seyel und Hans von Wels, 1538. 

In ebendemselben Jahre 1538, den Mittwoch vor 
Christmeß, wurde Hans Seyel von Mur und Hans von 
Wels um des Glaubens und der göttlichen Wahrheit 
willen zu Sandweid in Karenten gefangen genommen; 
auch sind sie, als sie sich standhaft und männlich im 
Glauben hielten, zum Tode verurteilt und mit dem 
Schwerte hingerichtet worden, und haben also bis an 
ihren Tod den Weg der Wahrheit ohne Furcht mit ih- 
rem Blute bezeugt und davon nicht abweichen wollen, 
solange ihre Augen offen standen und der Atem in 
ihnen war. 

Von einem gewissen Befehle in England, welcher ge- 
gen die Taufgesinnten im Jahre 1538 bekannt gemacht 
wurden ist, und was im Jahre 1539 darauf erfolgt ist. 

Auch ist (schreibt P. I. Twisck) nach vieler Tyrannei, 
Verfolgung und Morden, welches in verschiedenen 
Ländern und Königreichen über die Christenschar 
ergangen, gleichfalls in England im Jahre 1538 im 
Dezember ein Befehl gegen die Gläubigen und nach 
Christi Ordnung Getauften bekannt gemacht worden. 

Laut dieses Befehls sind sie im kalten Winter des 
Landes verwiesen worden, und haben davon ziehen 
und flüchten müssen, wohin sie konnten. 

Daher ist es geschehen, dass einige derselben ihre 
Zuflucht nach Holland genommen haben; als sie aber 
nach Delft kamen, sind sie daselbst von ihren Fein- 
den auskundschaftet worden und den Tyrannen in 
die Hände geraten; sind auch daselbst, nachdem sie 
auf mancherlei Weise versucht worden und in ihrem 
Glauben standhaft geblieben, an gemeldetem Orte um 
der Wahrheit willen vom Leben zum Tode verurteilt 
und den 7. Januar im Jahre 1539 getötet worden; von 
denselben sind sechzehn Männer mit dem Schwerte 
enthauptet und fünfzehn Frauen ertränkt worden. 

Diese sechzehn Männer und fünfzehn Frauen, das 
ist einunddreißig Personen, welche im Jahre 1539 aus 
England nach Delft geflüchtet sind und daselbst, um 


der wahren Bekenntnis Jesu Christi willen, in demsel- 
ben Jahre getötet worden sind, müssen von andern 
siebenundzwanzig Personen unterschieden werden, 
welche ein Jahr zuvor, nämlich 1538, ebendaselbst ihr 
Leben gelassen haben. Wir haben die hierüber aufge- 
zeichneten Verhöre und Todesurteile gesehen, weil 
wir aber darin nicht Licht genug gefunden haben, 
wollen wir dieselben nicht berühren und befehlen sie 
Gott, womit wir unsern Abschied nehmen. 

Apolonia, Leonhard Seilers Hausfrau, 1539. 

Im Jahre 1539 ist eine Schwester Apolonia, Leonhard 
Seilers eheliches Weib, nachdem sie mit ihm in den 
obern Ländern gewesen, in der Grafschaft Tyrol ge- 
fangen genommen und nach Brixen geführt worden; 
sie ist aber, durch die unwandelbare Gnade und Kraft 
Gottes, welcher ihrem weiblichen Gemüte ritterlich 
beistand, standhaft im wahren Glauben geblieben, hat 
auch bei demjenigen, was sie Gott in der christlichen 
Taufe verheißen hatte, Stand gehalten, ohne dass sie 
zur Rechten oder Linken abgewichen wäre; deshalb 
ist sie nachher zum Tode verurteilt und ertränkt wor- 
den und hat so die Marterkrone erlangt. 

Große Verfolgung in Österreich, 1539. 

In demselben Jahre 1539, als die Gemeinde eine kleine 
Zeit zu Steinbom in Österreich gewohnt hatte und 
nun anfing sich daselbst zu vermehren, konnte sol- 
ches die alte Schlange, der neidische und grundböse 
Satan, welcher die Frommen so jämmerlich quälte, 
nicht dulden und übersehen, sondern erweckte durch 
seine Feindschaft die Kinder der Bosheit, insbeson- 
dere die Pfaffen, welche hier in allem sein Werk trei- 
ben und ausrichten, dass sie dem König Ferdinand 
beständig in den Ohren lagen, die Frommen mit Un- 
recht verklagten und ihn aufhetzten, bis er endlich 
in ihr Begehren einwilligte und seinen Feldobersten 
von Wien mit den Henkersknechten und einigen Rei- 
tern aussandte; dieselben kamen unvermutet nach 
Falkenstein, nahmen von da viel unnützes Volk mit 
sich und überfielen die Gemeinde zu Steinborn auf 
den sechsten Tag im Dezember des Abends, oder in 
der Nacht des oben gedachten Jahres; sie brachten 
alle Mannspersonen, welche sie daselbst fanden, zu- 
sammen in eine Kammer, und verfuhren auf gleiche 
Weise mit den Frauen und Jungfrauen; sie hielten die 
Nachtwache mit vielem Geschrei und Gepolter, und 
brachten alle ein, die sie finden konnten. Ihre Haupt- 
absicht und ihr Wille ging dahin, die Ältesten und 
Diener der Gemeinde zu fangen in der Hoffnung, sie 
würden bei ihnen viel Geld finden und auf solche 



79 


Weise den armen Leuten die Nahrung entziehen, und 
achteten es nicht, dass Gott solches mit schwerer Stra- 
fe heimsuchen würde; aber Gott hat sie durch seine 
Vorsichtigkeit daran verhindert, dass sie nicht einen 
Diener finden konnten; sie durchschauten der Witwen 
und der Waisen Vorrat und Nahrung hin und wieder 
in allen Winkeln, und ließen in ihrem gottlosen Fleiße 
nicht nach; Gott hat jedoch ihren Rat (indem sie näm- 
lich bei den Armen Reichtum zu finden glaubten) ver- 
nichtet und zu Torheit gemacht; in solcher Tyrannei 
fingen sie die Kranken, die Kinder und schwangeren 
Weiber, so dass sich darüber ein Herz von Stein zur 
Barmherzigkeit hätte bewegen lassen und darüber 
Mitleid empfunden haben würde. 

Es haben sich aber die gefangenen Brüder und 
Schwestern zubereitet, ihren Leib und ihr Leben Gott, 
es sei durch Feuer oder Schwert, aufzuopfern. Es sind 
auch an eben demselben Abende einige Männer von 
dem Philippischen Volke gekommen, die ihnen den 
Zweck der Gemeinden und ihres ganzen Lebens be- 
kannt machen wollten; dieselben sind auch in die Ver- 
folgung verwickelt worden. Auf diese Weise wurden 
ihrer daselbst wohl an hundertfünfzig Brüder gefan- 
gen genommen und auf das Schloss zu Falkenstein 
in gute Verwahrung gebracht; unter denselben wa- 
ren einige, welche den Gnadenbund der Taufe noch 
nicht erreicht hatten; auch waren solche dabei, die 
von der Wahrheit abgefallen waren und nun in ihrer 
Buße standen. Als sie nun alle in das Schloss Falken- 
stein gekommen waren, haben sie mit denjenigen, die 
sich noch nicht in dem Glauben verbunden hatten, 
eine Unterredung gehalten, was in diesem Leben ihr 
Vorhaben sei; haben ihnen auch bezeugt, dass, wenn 
sie anders um des Zeugnisses und der Ehre Gottes 
willen in allem Elende an dem Herrn Christum fest- 
halten wollten, welche Not und Angst ihnen auch 
darüber begegnen möchte, so wollten sie dieselben 
für Mitgenossen in dem Reiche Christi halten und 
hoffen, dass ihnen Gott gnädig sein würde, jedoch 
mit dem Vorbehalte, dass die Gemeinde mit denjeni- 
gen, welche durch Gottes Schickung wieder auf freien 
Fuß und zu der Gemeinde kommen würden, Macht 
haben sollte, aus des Herrn Befehl, nach ihrem Be- 
kenntnis und Ordnung zu handeln; und wenn dieses 
ihr Wille, Vorsatz und Entschluss sei, so wollten sie 
an den Ältesten und die Gemeinden schreiben und 
ihnen darnach vollkommenen Bescheid erteilen. 

Hierauf haben sie alle ihr williges Gemüt zu erken- 
nen gegeben und solchen Vortrag mit fröhlichem Her- 
zen und großer Danksagung, als eine Gnade Gottes, 
angenommen. 

Darauf ist ohne Verzug eine schriftliche Nachricht 
hiervon an die Gemeinde gesandt, und auch in Eile ei- 


ne schriftliche Antwort von derselben wieder zurück 
erfolgt, des Inhaltes, dass mit solchem Entschlüsse 
alle Gläubigen wohl zufrieden waren, weil man dieje- 
nigen, welche noch nicht nach göttlicher Ordnung der 
Gemeinde einverleibt, gleichwohl aber in allen Din- 
gen mit derselben eines Sinnes und einstimmig seien, 
auch ein lauteres Zeugnis der Wahrheit zu führen be- 
gehrten, mit ihr zu leiden und auch in solcher Not 
ihr Leben daran wagen wollten, getrost wie andere 
Glaubensgenossen annehmen möchte. 

Als ihnen nun wieder von dem Bekenntnisse der 
Gemeinde Nachricht gegeben wurde, haben sie sich 
dem Herrn willig anvertraut, auch sich in aller Trüb- 
sal, gleichwie andere Fromme, sehr geduldig erwie- 
sen, und vor vielen Zeugen ein gutes Bekenntnis ab- 
gelegt. In derselben Zeit, als sie noch zu Falkenstein 
waren, hat der König Ferdinand seinen Feldobersten 
und einige Doktoren von den Pfaffen, desgleichen 
auch den Scharfrichter, zu ihnen gesandt; dieselben 
haben in der Christnacht (die man doch in allen Län- 
dern zu feiern pflegt) mit den gefangenen Zeugen der 
Wahrheit mit vieler Arglist zu handeln angefangen, 
haben auch einigen mit scharfen Fragen zugesetzt, 
was ihr Zweck und ihre Hoffnung sei, wo ihr Schatz 
und Geld wäre, worauf sie in der Wahrheit bekannt 
haben, Christus sei ihr Herr und Heiland, ihr einziger 
Trost, ihr liebster Herzensschatz und bestes Teil, durch 
welchen sie Gottes Güte und Gnade empfingen. Sie 
haben auch mit ihnen von andern Artikeln gehandelt 
und ihnen Unterricht, Anweisung und Lehre gegeben 
und sie, wie sie Vorgaben, vorzüglich in Ansehung 
ihres Sakramentes bekehren wollen; sie rühmten sol- 
ches sehr, und wollten sie überreden zu glauben, dass 
das Fleisch und Blut Christi in solchem gegenwärtig 
wäre, und dass dieses, wie sie sagten, unser Herr Gott 
wäre; die Brüder aber antworteten, dass es ein stum- 
mer Gott sei, und dass des Herrn Abendmahl einen 
ganz andern Sinn habe, als sie irrigerweise vorgeben, 
und die Welt dadurch schändlich zu betrügen und zu 
erschrecken suchten. Mit diesen und vielen andern Be- 
kenntnissen sind des Königs Gesandten wieder nach 
Wien gezogen; diese gefangenen Brüder aber sind in 
dem Schlosse Falkenstein in Verwahr geblieben. 

Es verzog sich aber bis zu Anfang des Jahres 1540, 
als des Königs Feldoberster mit einem Spanier und 
dem Reichsprofess, sowie auch andern Reitern in ihrer 
Rüstung gekommen sind; diese haben die gefangenen 
Brüder mit Gründen weiter untersucht; diejenigen 
nun, welche ihnen nicht beistimmten, sondern bei 
der bekannten Wahrheit blieben, haben sie sofort, zu 
zwei und zwei, in eiserne Ketten und Banden mit 
den Händen aneinander geschlossen. Unterdessen, 
als die Gefangenen auf die See geführt werden sollten. 



80 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


sind ihre Schwestern, ihre Glaubensgenossen, in dem 
Schlosse zu Falkenstein angekommen; einige waren 
der gefangenen Brüder Ehegemahl, einige aber hiel- 
ten insbesondere mit brünstigem Gebete ernstlich bei 
Gott dem Allmächtigen an, dass er sie alle, sowohl zu 
Wasser als zu Lande, vor allem Unrechte und sünd- 
lichem Wesen bewahren, auch ihnen ein standhaftes 
Gemüt geben und verleihen wolle, um in der Wahr- 
heit bis in den Tod zu verharren. Nach solchem Gebete 
hat ein Spanier Befehl erhalten, einen jeden hinweg- 
zuführen. Hierauf haben sie unter heißen Tranen und 
mit weinenden Augen voneinander Abschied genom- 
men und einander herzlich zugeredet, dass sie an 
dem Herrn und an der erkannten Wahrheit fest und 
unverbrüchlich halten wollten, und so hat einer den 
andern zu vielen Malen dem gnädigen Schutze Gottes 
anbefohlen, ohne zu wissen, ob sie einander ihr Leben 
lang mit leiblichen Augen wieder sehen würden. So 
mussten Mann und Frau voneinander scheiden und 
ihre kleinen unmündigen Kinder verlassen, welches 
Fleisch und Blut nicht hätte tun können, wenn es nicht 
durch die Kraft Gottes und um seinetwillen geschehen 
wäre. Dieser Abschied ist so herzzerreißend gewesen, 
dass sich auch des Königs Feldoberster und andere 
seinesgleichen des Weinens nicht enthalten konnten. 
Als nun alle Dinge angeordnet und die Geleitsleute 
fertig waren, zogen die Frommen aus, in einem festen 
Vertrauen auf Gott, dass er ihnen beistehen und ein 
Auskommen verschaffen würde; also wurden ihrer 
wohl neunzig von dem Turme gebracht, zwei und 
zwei aneinander geschlossen, nachdem sie fünf und 
eine halbe Woche auf Falkenstein gesessen hatten; die 
Schwestern aber mussten auf dem Schlosse bleiben 
und sahen den Brüdern unter vielem Seufzen und 
Herzwehe, so lange als sie dieselben sehen konnten, 
über die Mauer nach. 

Hierauf wurden sämtliche Schwestern vom Schlos- 
se nach ihren Wohnplätzen zurückgesandt; die Brüder 
aber, welche sie um ihrer Schwachheit, Krankheit und 
um ihrer Jugend willen nicht mit sich auf die See neh- 
men konnten, behielten sie alle im Schlosse in Haft; 
auch gaben sie einige junge Knaben hin und wieder 
den österreichischen Herren zu leibeigenen Sklaven; 
diese sind aber fast alle wieder zu der Gemeinde ge- 
kommen, die übrigen sind im Schlosse geblieben, wel- 
chen Gott auch ein gnädiges Auskommen verschafft 
hat. 

Der Grund dieser großen Not der Frommen war 
der, dass sie gegen das ungerechte und abgöttische 
Leben und Wesen der Pfaffen im Antichristentume 
zeugten, welches Gott heftig an ihnen strafen, und 
mit ihnen und ihren Sünden ein Ende machen würde. 
Deshalb hat der König Ferdinand dem Haufen der 


Pfaffen, welche ein Rotte von Räubern sind und Lust 
zum Würgen haben, Gewalt gegeben, mit ihnen nach 
Belieben zu handeln. Diese haben nun ein Urteil über 
dieselben gefällt, wie über Leute, die des Todes schul- 
dig sind, weshalb man sie auf Erden nicht dulden, 
sondern auf die See bringen sollte, wo sie, andern Brü- 
dern zur Warnung, unter großer Angst und Not ihr 
Leben beschließen sollten; die andern drei aber soll- 
ten dem obersten Befehlshaber der Kriegsflotte auf 
der See übergeben werden, um auf den Galeeren zum 
Raube und im Kriege gegen die Türken und andere 
Feinde gebraucht zu werden. Obgleich nun diese ge- 
fangenen Brüder den Gesandten des Königs zuvor 
ankündigten, dass sie zum Raube und Kriege gegen 
den Feind nicht ausziehen und so wenig zu Wasser 
als zu Lande in dies Unheil einwilligen, oder gegen 
Gott im Himmel sündigen wollten, weil es gegen ih- 
ren Glauben und ihr Gewissen wäre, und dass Gott 
sie daher sowohl zu Wasser als zu Lande durch sei- 
ne unüberwindliche Kraft zu bewahren und durch 
seine Gnade zu erhalten wissen würde, so sind nichts- 
destoweniger diese Zeugen der göttlichen Wahrheit 
durch die Gesandten des Königs, mit seinem ernstli- 
chen Befehle an die Obrigkeit in den Städten, Flecken 
und Dörfern, dass sie aus einem Gerichte in das ande- 
re gebracht werden sollten, transportiert worden; sie 
haben aber unterwegs viel und mancherlei Widerwär- 
tigkeiten und Trübsal leiden müssen, wiewohl ihnen 
Gott aus Gnaden immer Mittel in die Hand gegeben 
hat, insbesondere darin, dass sie jeden Morgen und 
Abend, ohne von jemandem verhindert zu werden, 
ihr Gebet zu Gott verrichten können und dabei einan- 
der ungestört, zum Tröste der Mitbrüder, haben auf- 
muntern dürfen; solches haben sie von Gott als eine 
besondere Gnade und Gabe mit großer Danksagung 
aufgenommen. Durch solche und dergleichen Bewei- 
se ihrer Frömmigkeit haben sie an vielen Plätzen die 
Menschen überzeugt, so dass viele, welche sie vor ih- 
rer Ankunft für Übeltäter gehalten, großes Mitleiden 
mit ihnen gehabt haben; hierin haben ihnen des Kö- 
nigs Diener, ihre Geleitsleute, sehr häufig zugesehen 
und sie aufgemuntert, dass sie nicht stillschweigend 
durch Städte und Flecken ziehen, sondern ihren Glau- 
ben mit Singen, oder auf eine andere Weise bekannt 
machen sollten. Auf solche Weise ist nun die gläubige 
Schar durch Länder und Städte, gleich einer Herde 
Schafe, nach der See geführt worden; sie haben ihre 
Reise von dem Schlosse Falkenstein auf Wien, nachher 
auf die Neustadt und Schatweven, über den Somme- 
ring, nach Pruck an der Mour auf Bärisch-Gratz, auf 
Leynitz und Marburg, auf Tiel, auf Stein in Krainland, 
über die San und Labach genommen, wo kein Trost 
für sie vorhanden war. Hier haben sie zur Zeit ihrer 



81 


Gefangenschaft großen Hunger und Not leiden müs- 
sen, und sind mit dem Brote der Angst gespeist und 
mit der Wasser der Trübsal erquickt worden. 

Also hat Gott sein Wort und seine Wahrheit in allen 
Orten und Landschaften offenbaren und den Völkern, 
die nichts davon gewusst beben, bekannt machen und 
ihren Schall hören lassen wollen; denn gleichwie Gott 
immer gnädige Mittel verordnet, um die Menschen 
von der Ungerechtigkeit abzulocken, so ist es auch 
hier mit diesen Zeugen des Glaubens und der göttli- 
chen Wahrheit ergangen, als sie in viele und mancher- 
lei Plätze, wo auch fremde und unbekannte Sprachen 
geredet wurden, geführt worden sind, wo die Wahr- 
heit zuvor nicht gehört worden, sondern den Völkern 
unbekannt und verborgen gewesen ist. Dieses hat ei- 
nige aus Krain, Wandalisch- oder Welschland erweckt, 
der Wahrheit genauer nachzuforschen; einige sind zur 
Erkenntnis gekommen, welche noch auf den heutigen 
Tag Gott von Herzen dienen. Was man aber mit die- 
sen gefangenen Brüdern zur Zeit ihrer Reise an vielen 
Plätzen gehandelt habe, auch wie man sie geschlagen, 
getrieben, mit Stricken und Ketten zusammengebun- 
den hat, und was ihnen darüber begegnet ist, solches 
wäre zu weitläufig zu beschreiben, doch sind sie stets 
von Gott in ihren Herzen getröstet worden, wie groß 
auch die Trübsal gewesen, die sie erlitten haben. Weil 
aber Gott in der größten Not der Seinen immer zum 
Besten gedenkt und dieselben niemals ganz vergisst, 
so hat er auch einige in dem Gefängnis gestärkt, dass 
sie in guter Behutsamkeit und Hoffnung auf Gott ver- 
trauen sollten, dass er ihnen ihr Auskommen verschaf- 
fen und zeigen werde, um welches sie in der Furcht 
Gottes mit den andern gebetet hatten, denn obgleich 
sie fest beschlossen hatten, um der Wahrheit Gottes 
willen zu leiden und lieber sterben, als sich zur gott- 
losen Seeräuberei gebrauchen zu lassen, so haben sie 
doch Ursache genug gehabt, mit herzlichem Seufzen 
und Klagen beständig im Gebete bei Gott anzuhalten, 
dass er seine göttliche Ehre in ihnen befördern wolle. 
In diesem Gebete hat ihnen Gott gezeigt, wie sie eine 
ordentliche Unterredung miteinander halten, wie die 
Starken die Schwachen unterstützen sollten und wie 
einer dem andern behilflich sein sollte, und obgleich 
sie nur wenig Zehrung hatten, so haben sie doch dem 
Herrn vertraut, dass er ihnen ein Auskommen vergön- 
nen würde, dass sie nicht nötig hätten zu betteln oder 
um Brot bitten. Hierauf sind sie in der zwölften Nacht 
zu Triest alle aus ihren Ketten und Banden erlöst wor- 
den und aus dem Gefängnisse entkommen, denn es 
ist ihnen durch die Vorsehung Gottes ein Ort gezeigt 
worden, wo sie sich in einer Stunde alle mit Stricken 
von der Stadtmauer hinuntergelassen haben, wobei 
ihnen die Bande, die man ihnen angelegt gehabt, zu 


ihrer Befreiung haben dienen müssen. Daraus kann 
man wohl merken, dass Gott den Seinen alles zum 
Besten wendet und kehrt, obwohl die Gottlosen viele 
Anschläge wider die Frommen machen. Auf solche 
Weise sind sie durch göttliche Schickung aus den Hän- 
den ihrer Feinde befreit worden, obgleich dieselben 
die Stadt und Mauer mit ihren wachsamsten Wäch- 
tern besetzt hatten; denn Gott hat ihre Vorsicht zur 
Torheit gemacht, sodass sie selbst neben dem Wacht- 
hause über die Mauer entkommen sind. 

Als sie nun sämtlich. Kranke sowohl als Gesunde, 
über die Mauer hinuntergekommen waren, haben sich 
die meisten versammelt, sind niedergekniet und ha- 
ben miteinander Gott Lob und Dank gesagt; daher hat 
es ihnen auch Gott auf dem Wege glücken lassen, dass 
der größte Teil derselben mit Freuden und wohlgemut 
wieder zu der Gemeinde in Mähren gekommen ist; 
doch haben die Gottlosen, die ihnen nachjagten, zwölf 
derselben wieder ergriffen und gefangen genommen, 
welche mit den drei andern des Kaisers Befehlhaber 
über die Flotte und Kriegsrüstung, um mit auf die See 
zu gehen, übergeben und auf die Galeeren gebracht 
wurden; ihre Absicht war zwar, sie zum Rauben zu 
gebrauchen, aber die Frommen haben ihr Leben dar- 
an gewagt und sich lieber mit Stricken und Geißeln 
schlagen lassen. Uber ihr ferneres Schicksal haben wir 
übrigens keine bestimmten Nachrichten, wiewohl zu 
vermuten ist, dass sie nicht viel gute Tage in ihrem 
Leben gehabt haben werden, wenn sie sonst bei Gott 
standhaft geblieben sind; die oben gedachten von Gott 
erlösten Brüder aber sind, als sie ungefähr in 1540 von 
Triest wieder zu der Gemeinde nach Mähren gekom- 
men, mit großer Freude und Danksagung, als eine 
geschenkte Gabe von Gott, aufgenommen worden. 

Annecken Jans aus Briel wird den 23. Januar 1539 
nebst Christina Michael Barents von Loeven zu 
Rotterdam ertränkt. 

Diese Annecken Jans war in Briel geboren (wie mir 
ihr Urenkel, Esajas de Lind, in Rotterdam geboren, 
berichtet hat); sie war das einzige Kind ihrer Eltern, 
reich an Mitteln und mit ihrem Manne um der Religi- 
on willen nach England geflüchtet. Als sie aber von 
England wieder nach Holland kam, um einige Sachen 
zu Delft zu verrichten, oder, wie einige meinen, mit 
David Joris oder mit seiner Gesellschaft zu reden und 
von Isselmonde nach Rotterdam auf einem Wagen 
fuhr, ist sie von jemandem, der mit ihr auf demselben 
Wagen saß, weil sie ein geistliches Liedchen sang, in 
Verdacht gezogen und zu Rotterdam angeklagt, auch 
von dem Gerichtsdiener, als sie in das Delfische Schiff 
steigen wollte, ergriffen worden. Nachdem sie nun 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


einige Zeit gefangen gesessen hatte, ist sie zum To- 
de verurteilt und ertränkt worden, wie nachher folgt. 
Dieselbe hat auch, als sie gefangen genommen oder, 
wie andere wollen, als sie hinausgeführt wurde, um 
hingerichtet zu werden, eine Bitte an das Volk, wel- 
ches um sie stand, gerichtet, ob jemand ihr Söhnlein 
Esajas, welches fünf Viertel Jahre alt war, annehmen 
und als sein eigenes Kind aufziehen wollte. Diesem 
hat sie zu seinem Nutzen einiges Geld, welches sie 
in einem Beutel darreichte, verheißen; hierzu hat sich 
ein Bäcker, der selbst sechs Kinder hatte und nicht gut 
fortkommen oder sein Brot gewinnen konnte, ange- 
boten, weshalb sie ihm ihr vorgenanntes Söhnlein im 
Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geis- 
tes mit der obigen Bedingung übergeben hat. Als nun 
dieser mit dem Kinde nach Hause kam, hat er zwar 
zuerst das große Missvergnügen seines Weibes ertra- 
gen müssen, nachher aber hat er den Segen Gottes, auf 
den er hoffte, als er das Kind annahm, so reichlich ge- 
nossen, dass es ihm nicht allein in seiner Bäckerei und 
Nahrung besonders glückte, sondern dass er auch 
endlich die Brauerei zu den drei Ringen an sich ge- 
kauft und seinen Kindern, unter welche er diesen vor- 
genannten Esajas auch zählte, viel Geld und Gut hin- 
terlassen hat, sodass dieser Esajas de Lind Bierbrauer 
in der Brauerei zum Anker, ja gar Bürgermeister in 
Rotterdam geworden, auch in solche Hochachtung 
bei dem Rechtsgelehrten Johann von Oldenbarnefeld 
gekommen ist, dass er Barnefelds Tochter und dieser 
seinen Sohn über die Taufe gehoben hat. Der Verrä- 
ter aber, als er auch Annecken Jans ertränken sehen 
wollte und zu dem Ende durch das Wassertor bis ans 
Ende der Straße, die Obere genannt, hinausging, ist, 
als die Brücke einfiel, ins Wasser gefallen und ertrun- 
ken, noch ehe die Annecken Jans ertränkt ward, auch 
ist sein ganzes Haus und Geschlecht in die äußerste 
Armut geraten. 

Ein Bekenntnis, in der Stadt Rotterdam abgelegt, den 
24. Dezember, nachmittags, im Jahre 1538, im Hanse und 
in Gegenwart des Jorenz Jacobs Minnebeck, Baelin Melis 
Jans, Gerrit von Zorlen, Jost Eyck von Hove und Doen 
Arentz, Ratsherren der vorgenannten Stadt: 

Annecken Jans, eine Tochter aus Briel gebürtig, 
ungefähr acht- oder neunundzwanzig Jahre alt, hat 
mündlich bekannt, dass sie von einem, genannt Meyn- 
art, wiedergetauft worden sei, von welchem man sag- 
te, dass er unverheiratet sei; solches sei vor etwa vier 
Jahren in ihrem eigenen Hause geschehen, welches zu 
Briel in der Coppenstraße steht. 

Auch sagte die vorgenannte Annecken, dass ihr 
Mann, genannt Arent Jans, Barbier, auch von demsel- 
ben Meynart auf denselben Tag und Stunde wieder- 
getauft worden sei. 


Christina Michael Barents, geboren zu Loeven, un- 
gefähr fünfzig Jahre alt, hat mündlich bekannt, sie sei 
zu Loeven in ihrem eigenen in der Steinstraße gele- 
genen Hause ungefähr vor vier Jahren von einem, ge- 
nannt Johannes, wiedergetauft worden, von welchem 
sie glaubte, er sei von Mastricht oder aus dortiger 
Gegend gewesen. 

Ferner sagte die vorgenannte Christina, dass ihr 
Mann, genannt Meister Mattiß von der Donck, ein 
Wundarzt und der Arznei Erfahrener, auch um diese 
Zeit von dem vorgenannten Johannes wiedergetauft 
worden sei. 

Auch sagte die vorgenannte Christina, dass damals 
auch zwei Frauen wiedergetauft worden seien, von 
denen die eine zu Brüssel eines natürlichen Todes, 
die andere aber in England an der Pest gestorben sei; 
beide Frauen seien Lynken genannt worden; so viel 
sie wüsste, seien sie Mutter und Tochter gewesen. 

Den 23. Januar im Jahre 1539 sind die vorgenann- 
te Christina und Annecken nach der Kais. Majestät 
Befehle verurteilt worden, welches nachstehende Ur- 
teil durch den Schreiber öffentlich Vorgelegen worden 
ist. Nach den geschriebenen Rechten, laut der K. M. 
Befehle, wie auch nach unser G. F. der Königin Befeh- 
le sollen Christina Michael Barents von Loeven und 
Annecken Jans, eine Tochter aus Briel, an ihrem Leben 
gestraft werden. 

Sie wurden im Schiffe, in der Nähe des ersten Bau- 
mes, außerhalb der Pforte zu Delft zum Gerichte hin- 
ausgebracht und daselbst im Wasser ertränkt. Als sie 
ertränkt waren, hat man sie herausgezogen und in der 
Stadt auf den roten Sand begraben. 

Ausgezogen aus einem gewissen Buche des Blutge- 
richtes der Ratsherren von Amsterdam, welches auf 
Pergament geschrieben ist, im Jahre 1489 anfängt und 
sich im Jahre 1539 endigt. 

Ein Sendbrief von Annecken Jans Tochter, des 
Esajas de Lind Mutter, an D. I. im Jahre 1538 
geschrieben. 

Der Herr, der in der Ewigkeit wohnt, dessen Augen 
erhaben sind über alles und in der Luft, dessen Thron 
nicht betastet und dessen Herrlichkeit nicht begriffen 
werden kann, vor welchem der Engel Heer mit Be- 
ben steht (ach! wie viel mehr wir), deren Erhaltung 
in Wind und Feuer verwandelt wird, dessen Wort 
wahrhaftig und dessen Rede unbeweglich, dessen Be- 
fehl stark und dessen Gestalt schrecklich ist, dessen 
Ansehen die Tiefe vertrocknet, und dessen Zorn die 
Berge weichen macht, dessen Wiederkunft wir mit 
Verlangen erwarten, er müsse in dir vermehren und 
ausführen, was er zu seinem Preise in dir angefangen 



83 


hat. Ich danke meinem Vater und verherrliche meinen 
Seligmacher für die Gnadengabe in deiner Weisheit, 
welche durch einen hohen Geist und den wunderba- 
ren Rat Gottes von oben kommt zur Ehre und Ver- 
herrlichung seines allerheiligsten Namens und zur 
Reinigung und Heiligung seines Volkes; gebenedeit 
seist du dem Herrn, meine Hände lassen nicht nach, 
werden auch nicht matt, dasjenige fortzutreiben, was 
du angefangen hast an des Herrn Bau zu arbeiten; sei 
du die Wanne in des Herrn Hand, bereite dem Herrn 
ein angenehmes Volk, damit er eilend zu seinem Tem- 
pel komme, denn er hat einen großen Ekel an allem 
Unreinen, gleichwie geschrieben steht: Verflucht sei 
der Mann oder Mensch, der dem Herrn ein unreines 
Opfer bringt. Darum, o du tapferer Führer Israels, 
du Geliebter des Herrn, trage fleißig Sorge für den 
Weinberg, beschneide seine Schösse, tue hinweg, was 
seinem Wachstume hinderlich ist, wodurch sie ihrem 
Herrn missfallen mögen; der Herr wolle deine Kraft 
vermehren und dir mehr Weisheit geben, denn er hat 
Lust zu dir, zu dir, sage ich, welchen er zum Wächter 
in seinem Hause, zum Hirten seiner Herde gesetzt hat, 
der du als der Frommste unter ihnen angeschrieben 
bist, der Vornehmste unter dreien, des Königs Lust 
zu vergnügen, welches du durch die ernstliche Lie- 
be zu deinem Gotte mit deinem Blute bewiesen, und 
wodurch du bei dem König viele Gaben und Gunst er- 
langt hast, wie solches täglich sichtbar ist, denn gleich- 
wie der Regen das Erdreich und der Tau die Blumen 
des Feldes erfrischt, und ihren Geruch den Menschen 
lieblich macht, so gibt deine Ermahnung, Lehre und 
Unterweisung den Menschen Leben, Nahrung und 
Geschmack, obschon darin kein hoher Verstand ist, 
und ihnen den Weg der vollkommenen Weisheit Got- 
tes zeigt, wodurch sie zu einem vollkommenen Man- 
ne in Christo Jesu unserem Herrn aufwachsen. O was 
hast du Schönes bei andern und Gutes vor anderen! 
Die solche sind, nehmen stets mehr und mehr in Tu- 
genden zu, so lange, bis sie zu Gott selbst kommen 
und bei ihm öffentlich in Zion gesehen werden, wo- 
nach auch wir mit Schmerzen verlangen, um unseres 
Glaubens Ende zu sehen und zu beschauen. O ich er- 
freue mich darin, wenn ich höre, dass sich das Kreuz 
offenbart, und der Streit sich erhebt, und hoffe, dass 
mich der Herr erhören und mich von dieser irdischen 
Hütte meiner Wohnung erlösen wolle, damit ich das 
Trauerkleid ablegen, die herrliche und siegprächtige 
Zierde meines Herrn empfangen und zum Anschau- 
en Gottes gelangen möchte. Ich will nun, mit andern, 
seine Wiederkunft in Geduld erwarten; ich bin sehr 
gewiss, warum er zögert; vielleicht bin ich ihm noch 
nicht gefällig oder rein genug, wohin ich auch Tag 
und Nacht arbeite, um mich vor dem Herrn, meinem 


Gott, rein darzustellen und meine Hände vor ihm 
unbefleckt aufzuheben; er selbst zupft mich bei den 
Haaren und sieht mich an mit freundlichen Augen, 
wie einer, der mich liebt, dass, wenn ich etwa in einen 
Schlaf verfiele, ich nicht ruhen möchte. In Wahrheit, 
das Überlegen seiner Gnade und Freundlichkeit ge- 
gen uns hat unser Verlangen zu ihm über die Maßen 
vermehrt. Es ist wahr, wir haben große Lust an sei- 
nem Gesetze, weshalb wir wohl noch leben möchten, 
um andere zu lehren und den Menschen bekannt zu 
machen, wer er sei, und wie bedachtsam man leben 
müsse, dass man ihn nicht erzürne. Siehe, wir woh- 
nen ja mitten unter unsern Feinden, wie er sagt, dass 
diese Häuser nicht frei seien von der Feinde Anlauf 
und Verdrießlichkeit. So geht es mit den Aufrichtigen, 
die doch immer mit Furcht und Zittern im Anschauen 
Gottes wandeln, denn sie merken und erkennen den 
Adel ihres Rufs, und wie heilig sie sein müssen; sie hü- 
ten sich sehr vor aller Befleckung, und wollen nichts 
Unreines leiden; gleichwohl wird ihnen oft zu bange 
gemacht; doch über alles dieses ist unser Herz, unsere 
Seele und unser Geist an dem Orte, von welchem wir 
unsern König und Erlöser erwarten; darum wollen 
wir nicht aufhören uns zu reinigen, wie du in allen 
deinen Briefen ermahnst. Ja gewiss, es eilt die Erschei- 
nung herbei, worauf ich warte, und seine Zukunft 
erzeigt sich sehr klar. Darum laß uns Zusehen, dass 
wir uns in allem rein erweisen, denn wenn wir gerei- 
nigt sind, dürfen wir nichts als die Füße reinigen; hier 
ist Verstand, wer es liest, denn diesen dürfen wir nicht 
von der Erde erwarten. O du Geheiligter des Herrn! 
Sei tapfer, laß es dich nicht verdrießen; es ist noch 
um ein Geringes zu tun, dann wird er kommen und 
uns eine Probe seiner Herrlichkeit zeigen, der Welt 
zum Gerichte, ihm aber und uns zur Verherrlichung. 
Amen. 

Dieses ist nach einem Briefe abgeschrieben, welcher 
von Esajas de Lind eigener Hand geschrieben ist; die- 
ser war Anneken Jans Sohn, nach dem Zeugnisse des 
Esajas de Lind, seines Enkels. 

Diese hat nachfolgendes Testament an ihren Sohn 
Esajas bestellt, und den 23. Januar im Jahre 1539, mor- 
gens gegen 9 Uhr überliefert, als sie sich zubereitete, 
für den Namen und das Zeugnis Jesu zu sterben, und 
hat damit von ihrem Sohne zu Rotterdam Abschied 
genommen. 

Esaja, empfange dein Testament. 

Höre, mein Sohn, die Unterweisung deiner Mutter, 
öffne deine Ohren, um die Reden meines Mundes zu 
hören. Siehe, heute gehe ich den Weg der Propheten, 
Apostel und Märtyrer, um den Kelch zu trinken, den 



84 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


sie alle getrunken haben; ich gehe den Weg, sage ich, 
den Christus Jesus, das ewige Wort des Vaters, voller 
Gnade und Wahrheit, der Hirte der Schafe, der das 
Leben selbst ist, in seiner eigenen Person und nicht 
durch einen andern gewandelt ist, und diesen Kelch 
auch hat trinken müssen, gleichwie er sagte: Ich muss 
einen Kelch trinken und mich noch taufen lassen mit 
einer Taufe, und wie ist mir so bange, bis die Stunde 
vollendet ist. Nachdem er nun durchgegangen ist, ruft 
er seine Schafe, und seine Schafe hören seine Stimme 
und folgen ihm nach, wo er hingeht, denn dieses ist 
der Weg zu der rechten Quelle. Diesen Weg sind die 
königlichen Priester durchgegangen, welche vom Auf- 
gange der Sonne kamen, wie in der Offenbarung steht, 
und in die ewigen Zeiten eingegangen sind, und auch 
diesen Kelch haben trinken müssen. 

Diesen Weg haben die Toten betreten, welche unter 
dem Altäre liegen, rufen und sagen: Herr, du Heiliger 
und Wahrhaftiger! Wie lange richtest du und rächest 
nicht unser Blut an denen, die auf Erden wohnen; und 
ihnen wurde einem jeden ein weißes Kleid gegeben, 
und es ward zu ihnen gesagt, dass sie noch eine kleine 
Zeit ruhten, bis dass ihre Mitknechte und Brüder noch 
hinzukämen, die auch noch um des Zeugnisses Jesu 
willen getötet worden sollten. Diese haben auch den 
Kelch getrunken, und sind hinaufgewandert, um den 
ewigen heiligen Sabbat des Herrn zu halten. Dieses 
ist der Weg, welchen die vierundzwanzig Ältesten 
gewandelt sind, die vor dem Stuhle Gottes stehen und 
ihre Kronen und Harfen vor den Stuhl des Lammes 
werfen, auf ihr Angesicht fallen und sagen: Herr! Dir 
allein sei Preis, Herrlichkeit, Kraft und Stärke, der du 
das Blut deiner Knechte und Diener rächen und selbst 
den Sieg davon tragen wirst. Groß sei dein Name, 
Allmächtiger, der du warst, bist und kommen wirst. 

Diesen Weg sind auch die Gezeichneten des Herrn 
gewandelt, welche das Zeichen »Thaw« an ihrer Stir- 
ne empfangen haben, die aus allen Geschlechtern der 
Menschen erwählt, die mit Weibern nicht befleckt sind 
(verstehe dieses) und dem Lamme nachfolgen wo es 
hingeht. 

Siehe, alle diese haben den Kelch der Bitterkeit trin- 
ken müssen, gleichwie auch alle diejenigen, die noch 
mangeln an der Zahl und der Erfüllung Zions, als der 
Braut des Lammes, welche das neue Jerusalem ist, die 
von oben vom Himmel herabsteigt, eine Wohnstatt 
und ein Thron Gottes, in welchem die Herrlichkeit 
des großen Königs gesehen werden wird, zur Zeit 
wenn man das hochzeitliche Laubhüttenfest halten 
und feiern wird, in den Tagen der ewigen Ruhe und 
Freude. 

Siehe, diese alle haben nicht dazu gelangen können, 
ohne dass sie zuerst das Gericht und die Strafe an ih- 


rem Fleische ertragen hätten, denn Christus Jesus, die 
ewige Wahrheit, ist der erste gewesen, wie geschrie- 
ben steht: Das Lamm, das da von Anfang erwürget 
war. Hierauf kommt Paulus und sagt: Also hat es dem 
Vater gefallen, dass alle, welche er von Ewigkeit er- 
sehen, er auch berufen, erwählt, gerechtfertigt und 
sie dem Bilde seines Sohnes gleichförmig gemacht 
hat. Auch spricht unser gesegneter Seligmacher: Der 
Knecht ist nicht besser als sein Herr, sondern es ist ihm 
genug, das er seinem Herrn und Meister gleich sei. So 
bezeugt auch Petrus, wenn er sagt: Es ist Zeit, dass 
das Gericht anfange am Hause Gottes, so aber zuerst 
an uns, was will es für ein Ende werden mit denen, 
die dem Evangelium Gottes nicht glauben, und so der 
Gerechte kaum erhalten wird, wo will der Gottlose 
und Sünder erscheinen? Ferner steht Spr 11,31: »So der 
Gerechte auf Erden leiden muss, wie viel mehr der Gottlose 
und Sünder?« Siehe, mein Sohn, hier hörst du, dass 
niemand zum Leben kommt, als durch diesen Weg. 
Darum gehe ein durch die enge Pforte, und nimm 
des Herrn Züchtigung und Unterweisung an, und 
beuge deine Schultern unter sein Joch, und trage es 
wohlgemut von deiner Jugend an, und danke darum 
mit großer Ehre und Freude; denn er empfängt und 
nimmt keinen Sohn, den er nicht züchtigt. Ferner sagt 
Paulus: Wenn ihr ohne Züchtigung seid, welcher sie 
alle teilhaftig geworden sind, so seid ihr Bastarde und 
nicht Kinder, und sollt aus dem Erbteile der Kinder 
Gottes ausgestoßen werden. 

Wenn du nun Lust und Begierde hast, in die heilige 
Welt und in das Erbteil der Heiligen einzugehen, so 
umgürte deine Lenden und wandle ihnen nach; for- 
sche in der Schrift, und sie wird dir Unterricht von 
ihren Gängen geben. Als der Engel mit dem Prophe- 
ten redete, hat er gesagt: Es ist eine Stadt, voll von 
allerlei Gütern, ihr Eingang aber ist eines Menschen 
Fußsteig breit, auf der einen Seite steht ein Feuer, und 
an der andern Seite ein großes Wasser. Wie kannst 
du mm die Stadt zum Erbteile empfangen? Du musst 
erst die Enge durchwandeln. Siehe, mein Sohn! Dieser 
Weg leidet keinen Weichen, da sind keine krummen 
Abwege, welche zur Linken oder zur Rechten abwei- 
chen, deren Erbteil ist der Tod. Siehe, dieses ist der 
Weg, welchen wenig Menschen finden und noch viel 
weniger wandeln, denn es sind einige, welche noch 
wohl erkennen, dass dieses der Weg zum Leben sei, 
aber er ist ihnen zu scharf und verursacht ihrem Flei- 
sche Schmerzen. 

Darum, mein Kind, sieh nicht auf die große Menge 
und wandle nicht auf ihren Wegen; wehre deinem 
Fuß vor ihrem Pfade, denn sie gehen der Hölle zu, 
gleichwie Schafe zum Tode; gleichwie Jesaia berichtet, 
wenn er sagt: Die Hölle hat den Rachen weit aufgetan. 



85 


dass beide hinunterfahren, ihre Herrlichen und Pöbel. 
Es ist ein unverständig Volk, darum wird sich auch 
der ihrer nicht erbarmen, der sie geschaffen hat. Wenn 
du aber hörst, wo ein armes, schlechtes und verstoße- 
nes Häuflein sei, welches von der Welt verachtet und 
verworfen ist, zu demselben halte dich. Und wo du 
vom Kreuze hörst, da ist Christus; demselben entzie- 
he dich nicht. Fliehe den Schatten dieser Welt, halte 
dich zu Gott und fürchte ihn allein; bewahre seine 
Gebote, behalte alle seine Worte, dass du darnach tust; 
schreibe sie auf die Tafel deines Herzens, binde sie 
auf deine Stirne, rede von seinen Rechten Tag und 
Nacht, so wirst du ein lieblicher Baum und ein Zweig 
im Garten deines Herrn, eine angenehme Pflanze sein, 
welche in Zion aufwächst; nenne die Furcht des Herrn 
deinen Vater, so wird die Weisheit die Mutter deines 
Verstandes sein. Wenn du dieses weißt, mein Sohn, 
so bist du selig, wenn du es tust. Halte das, was dir 
der Herr gebietet, und heilige deinen Leib zu seinem 
Dienste, damit sein Name in dir geheiligt, gepriesen, 
verherrlicht und groß gemacht werde. Schäme dich 
nicht, ihn vor den Menschen zu bekennen, fürchte 
dich nicht vor den Menschen, lasse lieber dein Leben, 
ehe du von der Wahrheit weichen wolltest, und wenn 
du deinen Leib, der aus Erde gemacht ist, verlieren 
wirst, so hat der Herr, dein Gott, dir einen bessern im 
Himmel bereitet. 

Darum, mein Kind, streite für die Gerechtigkeit bis 
an den Tod; waffne dich mit der Waffenrüstung Got- 
tes. Sei ein frommer Israelit, tritt alle Ungerechtigkeit, 
die Welt und alles, was darinnen ist, mit Füßen, und 
liebe das allein, was droben ist; bedenke, dass du nicht 
von dieser Welt seiest, gleichwie dein Herr und Meis- 
ter auch nicht davon gewesen ist; sei ein treuer Jünger 
Christi, denn es ist niemand tüchtig zu bitten, als der 
sein Jünger geworden ist, und eher nicht. Diejenigen, 
welche gesagt haben, wir haben alles verlassen, sagten 
auch, lehre uns beten; sie sind es auch gewesen, für 
welche der Herr gebetet hat, und nicht für die Welt; 
denn wenn die Welt betet, so ruft sie ihren Vater, den 
Teufel, an und begehrt, dass sein Wille geschehe, wie 
sie auch tut. Darum, mein Sohn, werde ihr nicht gleich, 
sondern scheue dich vor ihr und fliehe sie, und habe 
mit ihr weder Teil noch Gemeinschaft; achte dasjenige 
nicht, was vor Augen ist, suche allein was droben ist. 
O mein Kind, sei meiner Ermahnung eingedenk und 
verlasse dieselbe nicht. Der Herr lasse dich in seiner 
Furcht aufwachsen und erfülle deinen Verstand mit 
seinem Geiste; heilige dich dem Herrn, mein Sohn! 
Heilige deinen ganzen Wandel mit der Furcht deines 
Gottes. In allem, was du tust, verherrliche seinen Na- 
men. Ehre den Herrn mit den Werken deiner Hände, 
laß das Licht des Evangeliums an dir hervorleuchten. 


Liebe deinen Nächsten; brich dem Hungrigen dein 
Brot mit brünstigem und feurigem Herzen; kleide die 
Nackenden und zögere nicht, damit nicht etwas zwei- 
fach bei dir ist; denn es gibt immer solche, welche 
daran Mangel haben. Alles, was dir der Herr von dem 
Schweiße deines Angesichts über deine Notdurft be- 
schert, teile denen aus, von welchen du weißt, dass sie 
den Herrn fürchten, und laß nichts bei dir bleiben bis 
an den Morgen, so wird der Herr deiner Hände Werk 
segnen und seinen Segen dir zum Erbe geben. O mein 
Sohn! Führe deinen Wandel dem Evangelium gemäß, 
und der Gott des Friedens heilige dich an Seele und 
Leib zu seinem Preise. Amen. 

O heiliger Vater, heilige den Sohn deiner Dienst- 
magd in deiner Wahrheit, und bewahre ihn vor dem 
Argen, um deines Namens willen, o Herr! 

Nachher hat sie dieses mit ihrem Blute versiegelt, 
und ist also als eine fromme Heldin und Nachfolgerin 
Jesu Christi auch mit unter die Zahl der aufgeopferten 
Zeugen Gottes gekommen. 

Tjaert Reynertß, im Jahre 1539. 

Auch war um das Jahr 1539 ein gottesfürchtiger Haus- 
mann, namens Tjaert Reynertß, welcher nicht weit 
von Harlingen in Friesland wohnte, wo er von den 
blutdürstigen Papisten vieles um der Wahrheit willen 
hat leiden müssen. Die Ursache seiner Gefangenschaft 
ist gewesen, weil er Menno Simon aus Mitleiden und 
brüderlicher Liebe in seinem großen Elende heim- 
lich in seinem Hause beherbergt hatte; als dieses die 
Beneider ausgekundschaftet haben, ist er dieserhalb 
ergriffen und grausam verhört worden; derselbe aber, 
als ein frommer Held und Zeuge Jesu, hat in seiner 
größten Not seinen Schöpfer nicht verleugnen wol- 
len, sondern hat den Glauben der ewig bleibenden 
Wahrheit ohne Scheu und unerschrocken vor den Ty- 
rannen und Blutdürstigen bekannt. Deshalb ist er an 
dem bezeichneten Orte als ein Oberster der Mörder, 
nach dem Vorbilde seines Herrn Jesu, auf das Rad ge- 
legt worden, obgleich er ein Zeugnis auch von seinen 
großen Feinden hatte, dass er ein recht frommer Mann 
gewesen. 

In dieser Zeit ist die Tyrannei und Verfolgung der 
gottesfürchtigen Christen sehr grausam gewesen, so 
dass die neidischen Papisten, welche die Wahrheit 
hassten, die Portraits vieler der ausgezeichnetsten 
Lehrer und Vorsteher der Gemeinde Jesu Christi ab- 
malen und an die Pforten und öffentlichen Plätze an- 
schlagen ließen, und eine Summe Geldes darauf setz- 
ten, wenn jemand dieselben dem Scharfrichter oder 
Henker in die Hände liefern würde. 

Unter denselben ist der gottesfürchtige und für Gott 



86 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


eifernde Menno Simon einer der vorzüglichsten Leh- 
rer und Ältesten in dieser blutigen und gefährlichen 
Zeit gewesen, welcher in seiner herrlichen Ermah- 
nung und seinen Schriften aus Gottes Wort so über- 
zeugend gewesen ist, dass keiner seiner Widersacher 
sich hat unterstehen dürfen, in öffentlichen Schriften 
ihm frei unter die Augen zu treten, obgleich er die- 
selben hierzu zu verschiedenen Malen mit großem 
Ernste aufgefordert hat, durch welche heilsame Lehre, 
christliche Ermahnung und wirkende Kraft des Aller- 
höchsten dieser Menno Simon eine sehr große Menge 
Menschen aus dem verfinsterten Papsttume, ja, von 
den stummen Götzen zu dem lebendigen Gott gezo- 
gen, bekehrt und Gott gewonnen hat. Aus diesem 
Grunde sind des Antichristen Diener desto erbitterter 
über ihn geworden und haben, um solches zu dämp- 
fen und zu verhindern, gegen den Obenerwähnten 
um das Jahr 1543 einen schrecklichen Befehl durch 
ganz Westfriesland ausrufen lassen, dass allen Übel- 
tätern und Totschlägern die Strafe ihrer begangenen 
Bosheit erlassen, dabei des Kaisers Gnade, Freiheit 
des Landes und außerdem hundert Karlsgulden zuge- 
sagt sein sollten, wenn sie Menno Simon den Scharf- 
richtern und Peinigern in die Hände liefern könnten. 
Wenn gleich nun diese Beneider über die Maßen ty- 
rannisch und mit großer Bitterkeit nach seinem Blut 
gedürstet und ihn zu töten gesucht und verfolgt ha- 
ben, so hat ihn dessen ungeachtet der starke Gott 
bewahrt und gegen die Hoffnung aller seiner Feinde 
wunderbar beschützt, sodass sie ihren tyrannischen 
Mutwillen an ihm nicht ausüben konnten, denn er ist 
nicht weit von Lübeck auf dem Wüstenfelde im Jahre 
1559, den 13. Januar im 66. Jahre seines Alters eines 
natürlichen und von Gott ihm zugeordneten Todes 
gestorben. 

Wem es gefällt, der lese Menno Simons gegen Gelli- 
us Faber, Blatt 23, wo er von dem Opfer dieses Tjaert 
Reynertß etwas finden wird. 

Arnold Jacob mit seiner Hausfrau und seinem 
ältesten Sohne, im Jahre 1539. 

Gleichwie es sich in den Zeiten Esaus und Jakobs 
zugetragen, dass der, welcher nach dem Fleische ge- 
boren war, den verfolgt hat, der nach dem Geiste gebo- 
ren war, so hat man auch dergleichen in dieser Zeit im 
Überflüsse erfahren, was sich unter vielen andern an 
einem gottesfürchtigen Bruder, namens Arnold Jacob, 
sowie an seinem Weibe und seinem ältesten Sohne 
gezeigt hat. Dieselben wohnten im Lande, der Ryp ge- 
nannt; weil sie aber von oben aus Gott wiedergeboren 
und die ewige Erbschaft, welche solchen im Himmel 
Vorbehalten ist, suchten, sind sie von Esaus Nach- 


folgern gehasst und bis zum Tode verfolgt worden, 
welche sie aus dem Lande Ryp nach Monickendam, 
in Nordholland gelegen, gefänglich gebracht haben, 
wo sie um der Wahrheit willen viel leiden mussten. 
Da sie aber auf Christum gegründet waren und sich 
durch keinerlei Pein von demselben haben abziehen 
lassen wollen, so sind sie an dem bezeichneten Orte, 
ungefähr im Jahre 1539, vom Leben zum Tode verur- 
teilt; ihr Urteil ging dahin, ertränkt zu werden, was 
auch in folgender Weise vollzogen ist. Man bediente 
sich bei der Exekution großer schwerer Steine, wel- 
che der Scharfrichter nicht aufheben konnte, sodass 
ihm hierin die Gefangenen helfen mussten; hiernächst 
sind sie wie unvernünftige Tiere, mit Steinen an den 
Hals gebunden, ins Wasser geworfen worden, worauf 
der Tod erfolgt ist. Sie haben also ihr Leben nicht ge- 
liebt, sondern dasselbe um des Zeugnisses Jesu willen 
dem Tode übergeben, welcher in seiner herrlichen Zu- 
kunft ihre verworfenen Leiber von den Toten wieder 
auferwecken und sie im Himmel mit ewiger Unsterb- 
lichkeit krönen wird. 

Hans Simeraver, im Jahre 1540. 

Im Jahre 1540 ist auch der Bruder Hans Simeraver zu 
Schwatz im Inntale um der göttlichen Wahrheit willen 
gefangen gesetzt worden; als sie ihn aber nicht abwen- 
dig machen oder ihn mit der Heiligen Schrift überzeu- 
gen konnten, so haben sie ihren Hohenpriester, den 
Scharfrichter, über ihn gesetzt, welcher ihn hinaus- 
führen und überwinden musste; also ist er durch das 
Schwert hingerichtet worden und hat seinen Glauben 
in Gott mit seinem Blute bezeugt; er hat bis aufs Blut 
im Streite der Sünde und dem Gräuel der Verwüstung 
tapfer Widerstand geleistet; darum wird er auch auf 
dem Berge Zion unter der großen Schar derjenigen, 
welche den Namen Gottes in dieser Welt bezeugt und 
bekannt haben, die Palmenzweige empfangen und 
mit der unverwelklichen Krone des Lebens gekrönt 
werden. 

Walter von Stölwick, 1541. 

Im Jahre 1541, den 11. Februar, ist noch ein frommer 
und getreuer Bruder, Walter von Stölwick genannt, 
von Vilvoorden in Brabant den reißenden Wolfen in 
die Hände gefallen, von welchen feindseligen Papis- 
ten er um der Wahrheit willen vieles hat leiden müs- 
sen. Derselbe hatte, als ein kluger Baumeister sein 
Haus auf den festen und unbeweglichen Stein Jesum 
Christum gegründet, darum ist er auch in allen diesen 
hohen Versuchungen standhaft geblieben, ungeachtet 
ihm in einer dreijährigen Gefangenschaft die Blut- 



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dürstigen viel strenge und tyrannische Pein in ihren 
Untersuchungen zugefügt haben, sodass er endlich an 
dem bezeichneten Orte, den 24. März 1541, zum Tode 
verurteilt und mit Feuer verbrannt worden ist; er ist 
aber seinem Herrn und Schöpfer bis zum Tode getreu 
geblieben und hat den wahren Glauben der Wahrheit 
und seine unbewegliche lebendige Hoffnung mit sei- 
nem Tode und Blute standhaft befestigt. Darum wird 
er auch, als ein gehorsames Schaf des großen Hirten 
der Schafe, diese Stimme hören: Kommet her, ihr Ge- 
segneten meines Vaters, besitzt das Reich, das euch 
bereitet ist von Anbeginn. 

Hier folgt ein christliches Sendschreiben, welches 
der erwähnte Walter von Stölwick aufgesetzt hat, und 
welches von dem Leiden und der Herrlichkeit der 
Christen handelt. 

Der Gruß. 

Gnade, Friede und Barmherzigkeit von Gott, unserem 
himmlischen Vater und Jesu Christo, unserem Herrn 
und Seligmacher, sei mit allen denen, die gottselig 
in Christo Jesu leben und darüber Verfolgung leiden, 
zum Preise und zur Ehre des gerechten Gottes, zur 
Bewahrung ihres Glaubens und ihrer Seelen ewiger 
Seligkeit. Amen. 

Gesegnet müsse sein Gott, der Vater unseres Herrn 
Jesu Christi, der durch seine grundlose Gnade und 
Barmherzigkeit uns aus der Finsternis zu seinem wun- 
derbaren Lichte berufen und sein Angesicht noch täg- 
lich über uns leuchten lässt, damit wir seinen Weg 
auf Erden und seine Seligkeit unter den Heiden er- 
kennen möchten; ja es müsse gesegnet und gepriesen 
und verherrlicht sein Gott, unser gesegnetster Herr 
und barmherzigster Vater, der uns durch seine unaus- 
sprechliche Güte und nicht um der Verdienste unserer 
Werke willen, durch Jesum Christum zur Kindschaft 
erwählet hat, damit wir Erben seines ewigen Reiches 
sein und alles als rechte Kinder und Erben Gottes, 
Kinder Gottes und Miterben Christi besitzen sollten, 
wenn wir anders den Willen Gottes, unseres himm- 
lischen Vaters tun, damit wir mit ihm verherrlicht 
werden und mit ihm in seine Herrlichkeit eingehen 
mögen; denn es ist ein wahrhaftes Wort, was Christus 
sagt: Es werden nicht alle, die zu mir sagen, Herr, Herr, 
in das Himmelreich eingehen, sondern die den Wil- 
len meines Vaters im Himmel tun; nun aber ist es der 
Wille meines himmlischen Vaters, dass wir uns selbst 
verleugnen, unser Kreuz auf uns nehmen und Jesu 
Christo nachfolgen sollen. Zum Ersten müssen wir 
uns selbst verleugnen, das ist, wir müssen unsern ei- 
genen Willen verlassen und uns Christo Jesu gänzlich 
übergeben, so dass wir, nach den Worten des Apostels, 


uns selbst nicht mehr leben, sondern Jesu Christo, der 
für uns gestorben ist, damit er ein Herr über Tote und 
Lebendige sei, und dass niemand sich selbst, sondern 
dem leben soll, der für ihn gestorben und auferstan- 
den ist. Ach, Herr Gott! Wie wenig Menschen wollen 
sich selbst also verleugnen und begehren allein den 
Willen Gottes zu tun, ja wie viele Menschen wissen 
nicht, welches der rechte Wille Gottes sei, sondern sie 
halten sich an die Lehre und Gebote des römischen 
Papstes und des Antichristen, und sind in solchem 
Zustande, dass sie Jesum Christum nicht erkennen, 
der doch, nach seinem wohlgefälligen Willen, ihren 
Sinn erleuchten und mit dem Glanze seiner Gnade die 
Augen des Verstandes vor dem allmächtigen Gotte 
öffnen muss, damit sie aus solcher Verblendung zum 
wahren Lichte gelangen und mit allen Heiligen erken- 
nen mögen, worin die Schalkheit und Zauberei der 
babylonischen Hure bestehe, und wie man die Lehre 
und Gebote Christi Jesu allein halten müsse; ja wir 
müssen den Lehren und Geboten Jesu Christi allein 
folgen und sie bewahren; denn es ist uns keineswegs 
erlaubt, nach unserem eigenen Willen zu leben, son- 
dern wir sollen betrachten, dass Christus Jesus seinen 
eigenen Willen nicht getan habe, sondern den Willen 
seines Vaters, der ihn gesandt hat, welches zu unserer 
Lehre und Ermahnung geschehen und geschrieben ist, 
dass wir nicht unsern Willen, der um der angeborenen 
Bosheit der verdammten Naturen willen zum Bösen 
geneigt ist, sondern den wohlgefälligen und vollkom- 
menen Willen Gottes tun, damit wir recht bitten (wie 
Christus gelehrt hat) und sagen mögen: Himmlischer 
Vater, Dein Wille geschehe hier auf Erden, gleichwie 
im Himmel. Wie viele Menschen sagen dieses aber 
mit bösem Herzen und falschen Lippen, ja wie Judas 
zu Christo sagte: Sei gegrüßt, Meister (Mt 26,46), und 
dabei hat er Ihn verraten; in eben dieser Weise sagen 
sie mit dem Munde, es soll der Wille Gottes gesche- 
hen; sie sind aber daneben in ihren Gedanken und 
Werken dem Willen Gottes zuwider. Dieses sind die 
rechten falschen Christen, die zu Christo Jesu sagen: 
Herr, Herr, die aber gleichwohl nicht tun was er ih- 
nen geboten hat. Dies sind die rechten Pharisäer die 
verstellten Heiligen, die mit den Lippen Gott ehren, 
deren Herz aber weit von Ihm entfernt ist; dieses sind 
die rechten Ungläubigen, von welchen der heilige Pau- 
lus sagt, dass sie mit ihren Worten bekennen, dass sie 
Gott kennen, die aber mit den Werken Ihn verleugnen; 
darum sind sie ein Gräuel vor dem Herrn, weil sie 
Ihm ungehorsam und zu allen guten Werken untüch- 
tig sind; ja dies sind die rechten Heuchler, die Jünger 
des betrüglichen Satans, welche von ihrem Meister 
gelernt haben, sich nach ihrer inwendigen Schalkheit 
in eine schöne Gestalt zu verstellen; verfluchen und 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


verstoßen wird der Herr in Ewigkeit solche Heuchler 
und wird zu ihnen sagen: Gehet von mir, ihr Übeltäter, 
ich kenne euch nicht; aber segnen wird er frommen 
Christen, ja er wird die guten und aufrichtigen Jün- 
ger Christi segnen und verherrlichen, die sich selbst 
verleugnen und sich Gottes Willen aufgeopfert haben, 
worin der rechte Anfang des christlichen Lebens be- 
steht und ohne welches man kein Leben anfangen 
kann. Zweitens müssen wir unser Kreuz aufnehmen, 
nämlich: Wir müssen uns zum Leiden schicken, nach 
der Lehre Jesus Sirach, welcher also sagt: Mein Sohn, 
willst du Gottes Diener sein, so schicke dich zur An- 
fechtung, sei standhaft und leide, und laß dich nicht 
bewegen, wenn man dich davonlockt; halte dich an 
Gott und weiche nicht, auf dass du ja stark werdest; 
leide alles, was man dir zufügt, und sei gnädig in al- 
lerlei Trübsal; denn gleichwie das Gold und Silber im 
Feuer geläutert wird, so werden auch diejenigen, die 
Gott gefallen, in der Erniedrigung und Betrübnis pro- 
biert. Hiermit kommt überein, was Paulus sagt: Alle, 
die gottselig leben wollen in Christo Jesu müssen Ver- 
folgung leiden; ja Christus sagt selbst zu seinen Apo- 
steln: Ihr werdet um meines Namens willen von allen 
Menschen gehasst werden. Aus allen diesen Worten 
muss ja unwiderleglich folgen, dass alle Diener Got- 
tes, alle gottseligen Menschen, alle Jünger Jesu Chris- 
ti um seines Namens willen Verfolgung leiden und 
durch mancherlei Versuchungen geprüft werden müs- 
sen. Darum ist es eine abscheuliche Blindheit, man 
rühmt sich des Evangeliums und des Christentums, 
und weiß auch wohl, was zu einem christlichen Leben 
gehört; dass man aber um des Namens Christi willen 
etwas leiden müsse, ach, daran wird am wenigsten 
gedacht; ja wenngleich sie erkennen und bekennen, 
dass alle Werke, die man in der päpstlichen Verwüs- 
tung treibt, böse und nichts als eine Gotteslästerung 
sind, so haben sie doch damit Gemeinschaft und trei- 
ben die allerschändlichste Abgötterei, damit sie das 
Kreuz Vorbeigehen und desselben entübrigt sein mö- 
gen, während doch alle frommen Christen sich dieses 
Kreuzes rühmen, und gleichwohl will man ein guter 
Christ sein. 

O der Schalksknechte! O der schalkhafte Jünger! 
Schalksknechte sagen wir, denn sie wollen über ih- 
rem Herrn Jesum Christum sein; böse Jünger sagen 
wir, denn sie verwerfen und verschmähen die Leh- 
re ihres Meisters Jesu Christi. O Volk, Volk! Spötter 
des allmächtigen Gottes, die mit ihrer Heuchelei Gott 
zu betrügen und ihn mit Worten auszuzahlen geden- 
ken; sie gedenken aber nicht an die Worte Paulus: 
Dass das Reich Gottes nicht in Worten, sondern in 
der Kraft bestehe. O Volk! Rechte Heuchler, die sich 
einbilden, sie dienen Christo, aber wie weit sind sie 


davon entfernt, dass sie mit dem frommen und ge- 
treuen Diener Christi Paulus sollten sich allein in dem 
Kreuze Christi rühmen wollen. O elendes Volk, das 
lieber eine kleine Zeit mit der babylonischen Hure im 
Frieden und Wollüsten leben und nachher in der ewi- 
gen Pein mit ihr gequält werden, als hier mit Christo 
Jesu eine kleine Zeit leiden und dadurch in die ewige 
Herrlichkeit eingehen will. Ach, die wahren Heiligen 
und Knechte Gottes haben anders getan, welche lieber 
den Tod haben leiden, als Gottes Gebote übertreten 
wollen. Ach der fromme Joseph wollte lieber ins Ge- 
fängnis, ja in den Tod gehen, als Gott seinen Herrn 
erzürnen und mit dem ehebrecherischen Weibe Ehe- 
bruch treiben; Mose, der ernstliche und eifersüchtige 
Liebling Gottes, erwählte durch seinen Glauben, mit 
dem Volke Gottes lieber Ungemach zu leiden, als in 
den fleischlichen und weltlichen Wollüsten mit den 
Ägyptern zu leben und achtete die Schmach Chris- 
ti für größeren Reichtum als die Schätze Ägyptens, 
denn er sah auf die Belohnung. Sadrach, Mesach und 
Abednego fürchteten Gott, den Herrn, mehr als alle 
Pein des tyrannischen Königs und wollten lieber des 
zeitlichen Todes sterben und bei ihrem Gotte bleiben, 
als denselben verleugnen. Daniel, reich im Geist und 
stark im Glauben, erschrak nicht vor der Löwengrube 
und wollte lieber hineingeworfen werden, als (außer 
Gott) einen fremden Gott anbeten. Der gute Tobias 
wollte lieber des Königs Befehl auch mit Gefahr seines 
Lebens übertreten, als Gott seinen Herrn verlassen; 
deshalb hat er auch seinem Sohne befohlen, dass er 
Gott lebenslänglich fürchten und nimmermehr in die 
Sünde willigen oder die Gebote Gottes, seines Herrn, 
übertreten sollte. Eleazar, der fromme Israelit, wollte 
lieber für das Gesetz Gottes sterben, als dagegen han- 
deln oder heucheln und dadurch in Israel Ärgernis 
anrichten. Die Mutter und ihre sieben Söhne waren so 
feurig in der Liebe Gottes, dass sie auch alle Tyrannei 
des gottlosen Königs nicht fürchteten, noch gegen Got- 
tes Gesetz handeln, sondern statt dessen lieber einen 
harten Tod leiden wollten; ja viele Heiligen und Zeu- 
gen Jesu Christen werden noch jetzt von der babylo- 
nischen Hure gehasst, verfolgt und umgebracht, weil 
sie von dem Weine ihrer Hurerei nicht trinken, oder 
mit ihren abgöttischen Werken Gemeinschaft haben 
wollen. Darum mögen sich alle verstellten Scheinhei- 
ligen und alle heillosen Heuchler wohl schämen, die 
sich des christlichen Namens rühmen und doch um 
des Namens Christo Jesu willen nichts leiden wollen; 
darum durfte Christus wohl zu ihnen sagen: Bin ich 
euer Herr, warum tut ihr meinen Willen nicht? Bin 
ich euer Meister, warum hört und glaubt ihr meinen 
Worten nicht? Wohlan, lasst alle Heuchler, falschklu- 
gen, treulosen Knechte und unwahren Jünger Jesu 



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Christi von ihrem Herrn und Meister weichen; wir 
hoffen doch, durch Gottes Gnade, bei Christo zu blei- 
ben, und sind bereit, um seinetwillen zu leiden, weil 
er um unseretwillen gelitten hat. Aber er hat gelitten 
als der Herr, wir aber als die Jünger, darum müssen 
wir, als Knechte und Jünger des Kreuzes, dasselbe 
nicht mit Widerwillen tragen, weil unser Herr und 
Meister dasselbe getragen hat. Drittens müssen wir 
Jesu nachfolgen, nicht aber, wie viele Juden taten, die 
ihm nachfolgten, weil sie von den Broten gegessen 
hatten, was leider noch viele falsche Christen tun, 
welche sich zur christlichen Gemeinde begeben, nicht 
in dem Sinne Christum Jesum recht zu suchen, oder 
weil sie Liebe zur Wahrheit haben, sondern, weil sie 
von der Gemeinde (welche sie vor allen andern mit- 
leidig finden) Christi Hilfe und Nahrung zu erlangen 
hoffen. Wenn man aber Christo also nachfolgt, so wird 
Gott nur damit gespottet; auch will Christus derglei- 
chen Nachfolger nicht haben, wie wir solches klar an 
dem Schriftgelehrten verstehen und bemerken kön- 
nen, welchen Christus von sich gewiesen, weil er ihm 
aus Geiz nachfolgen wollte; denn der Herr erkannte 
das Herz des Schriftgelehrten, darum antwortete er 
ihm nicht auf seine Worte, sondern auf seine Gedan- 
ken und sprach: Die Füchse haben Höhlen und die 
Vögel des Himmels haben Nester; aber des Menschen 
Sohn hat nicht, wo er Sein Haupt hinlege; gleichsam 
als hätte Jesus sagen wollen, willst du mir nachfolgen, 
so folge mir auf eine solche Weise, wie ich dir vorgehe; 
denn Christus verstand seine Gesinnung sehr wohl, 
nämlich, dass er ihm um des Gewinnes willen nachfol- 
gen würde und gedachte, Christus würde ihm Macht 
geben Wunderzeichen und Mirakel zu tun, welche 
er seinen Aposteln gegeben hatte, woraus er seinen 
Nutzen hätte suchen mögen; aber solcher Vorsatz ist 
nicht gut, und kann nicht geschehen, denn der Herr 
ist auch arm gewesen, wie er selbst bezeugt: Da ich, 
der Herr und Meister, arm bin, so ist es offenbar, dass 
meine Knechte auch arm seien, und meine Jünger kei- 
nen Reichtum suchen oder begehren; gleichsam als 
hätte der gute Herr sagen wollen: Wer mir nachfolgen 
will, der muss mir in solcher Armut nachfolgen, wie 
ich ihm vorgehe. Aber ach, viele Menschen meinen 
heutzutage, dass die Gottseligkeit ein Gewinn sei, wie 
Paulus sagt, und suchen unter dem Scheine des Evan- 
geliums und des christlichen Namens ihren eigenen 
Gewinn. O, welche verkehrte Menschen, die nicht auf 
dem rechten Wege wandeln wollen, sondern auf dem 
Wege des Verräters und Diebes Judas, welcher den 
Lohn der Ungerechtigkeit liebte, als er die grausame 
Strafe seiner Bosheit empfing, wie einem jeden wohl- 
bekannt ist. O welche verblendete Menschen, die nicht 
darauf merken können, wie Ananias und Saphira um 


ihrer Falschheit willen von Gott schnell beschämt und 
gestraft worden seien, womit Gott, der allmächtige 
Herr, uns ohne Zweifel ein Beispiel gegeben, dass alle 
verstellten und doppelherzigen Menschen auch auf 
gleiche Weise beschämt und gestraft werden sollen, 
wie wir bei dem Jesus Sirach finden: Wehe denen, die 
doppelherzig sind, den bösen Lippen, welche im Lan- 
de wandeln, wo zwei Wege sind; darum lehrt uns 
auch der weise Mann, dass unser Herz aufrichtig, oh- 
ne allen Betrug und Heuchelei sein soll, und sagt: 
Siehe zu, dass deine Gottesfurcht nicht Heuchelei sei, 
und diene ihm nicht mit falschem Herzen, suche nicht 
Ruhm bei den Leuten durch Heuchelei, und siehe zu, 
was du redest, glaubst oder vorhast; und wirf dich 
selbst nicht auf, dass du nicht fallest und zu Schan- 
den werdest, und der Herr deine Tücke offenbare und 
stürze dich öffentlich vor den Leuten, weil du nicht in 
rechter Furcht Gott gedient hast und dein Herz falsch 
gewesen ist. 

Ach, dass doch alle Heuchler die Worte Jesus Si- 
rach mit Emst zu Herzen nehmen und sich bessern 
wollten, ehe sie von Gott beschämt und gestraft wer- 
den, was allen Doppelherzigen, obschon nicht jetzt, 
doch gewiss am Tage des Gerichts widerfahren wird, 
wenn die Gottlosen nicht im Gerichte und die Sünder 
nicht in der Gemeinde der Gerechten bleiben werden. 
Alsdann wird Christus ans Licht bringen, was nun in 
Finsternis ist und die Ratschlage der Herzen offenba- 
ren; ja er wird die Wurfschaufel in seine Hand neh- 
men und seine Tenne fegen und den Weizen in seine 
Scheuer sammeln, die Spreu aber mit unauslöschli- 
chem Feuer verbrennen; darum hüte sich ein jeder 
vor der Heuchelei und folge Christo Jesu aufrichtig 
nach, wie es sich gebührt, nicht wie die Juden, um des 
Brotes willen, oder mit dem Schriftgelehrten aus Geiz, 
aber, o ihr Christen, folgt Christus, eurem Herrn und 
Meister, mit einem reinen Herzen, mit einem reinen 
Gewissen, ungefärbtem Glauben und mit einer feuri- 
gen Liebe ohne Abweichen nach. Diejenigen aber, die 
Christo Jesu auf eine andere Weise nachfolgen, sind 
unter den guten Christen, was die Spreu unter dem 
Weizen, und ihr Ende wird das ewige Feuer sein, wo- 
vor uns der allmächtige Vater durch Jesum Christum 
behüten wolle. Ferner müssen wir Christo Jesu aus ei- 
ner feurigen Liebe bis ans Ende nachfolgen, und nicht 
tun, wie einige seiner Jünger taten, welche ihn verlie- 
ßen und sich an seinen Worten ärgerten und sagten: 
Das ist eine harte Rede, wer kann sie hören? Ach, wie 
viele Menschen wollen noch jetzt die heilsamen Worte 
unseres Herrn Jesu Christi nicht hören, ja wenn man 
ihnen sagt, dass Christus Jesus allen seinen Knechten 
und Jüngern Trübsal und Leiden verheißen hat, so 
wollen sie von Sinnen kommen, und sagen aus einem 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


steinernen Herzen und erbitterten Gemüte: Soll man 
immer leiden? Soll man stets verfolgt werden? Das ist 
eine harte Rede, wer kann sie hören! Ach Gott, wie 
ist der süße Honig in dem Menschen also in Galle 
verwandelt worden, und der klare Wein in bitteres 
Wasser. Ach, wie ekelt ihnen vor dem edlen himmli- 
schen Brote, wie ist ihnen die ewige Arznei, womit alle 
Seelen geheilt werden müssen, zum tödlichen Gifte 
geworden, und wie verachten die Menschen, die Got- 
tes Wort nicht glauben, noch die heilige Lehre unseres 
Herrn Jesu Christi annehmen wollen, das tröstliche 
Evangelium, welches uns durch den Heiligen Geist 
vom Himmel gesandt ist und welches Christus mit 
seinem eigenen teuren Blute versiegelt hat; kommt 
aber ein verlogener Prophet und Gesandter, welcher 
vom zeitlichen Frieden und Glück weissagt (wenn- 
gleich nichts daraus wird), so wird derselbe gehört, 
und der gute Herr Jesus Christus, der uns den ewigen 
Frieden seines himmlischen Reiches verheißen, wird 
von niemandem angehört. 

Also geschieht es nun, was Jesu zu den Pharisäern 
sagte: Ich bin in meines Vaters Namen gekommen, 
und ihr nehmt mich nicht an, wenn aber ein anderer 
in seinem eigenen Namen kommen wird, den werdet 
ihr annehmen. Ja, viele handeln jetzt wie die aufrühre- 
rischen und imgläubigen Israeliten handelten, welche 
Gott den Herrn verließen, der sie aus Ägyptenland 
erlöst hatte und andere Götter zu Vorgängern und Be- 
schützern verlangten; ebenso verlassen nun auch viele 
Christen Jesum, welcher sie aus der Tyrannei und Ge- 
walt des Satans befreit und aus der Löwen Rachen 
erlöst hat, die sie zerreißen, ja die, um sie zu vertilgen, 
mit ihnen auf den Weg der ewigen Verdammnis ge- 
rannt waren; solche hat Christus damals erlöst und sie 
wieder auf den Weg der ewigen Seligkeit gesetzt. Vie- 
le Menschen verlassen nun den guten Hirten, welcher 
sein Leben um unseretwillen nicht geschont, sondern 
dasselbe aus großer Liebe, die er zu uns hatte, in den 
Tod dahingegeben hat, und verlassen sich auf Men- 
schen, von welchen doch der Prophet sagt, dass ihre 
Hilfe nichtig sei und sie ihnen nicht helfen können, 
denn ihr Geist muss ausfahren und wieder zur Erde 
werden, und dass alle Ratschläge derer verloren sei- 
en, die sich auf Menschen verlassen und den falschen 
Propheten nachfolgen, welche an der Ungerechtigkeit 
Lust haben. Darum müssen alle Christen sonst nie- 
mandem nachfolgen, als Jesu Christo, welcher, wie 
Paulus sagt, für uns gelitten und uns ein Beispiel gege- 
ben hat, wie wir seinen Fußstapfen nachfolgen sollen. 
Dasselbe bezeugt auch Paulus mit diesen Worten: Las- 
set uns die Sünde ablegen, die uns immer anklebt und 
träge macht, und lasset uns laufen durch Geduld in 
dem Kampfe, der uns verordnet ist und aufsehen auf 


Jesum, den Anfänger und Vollender des Glaubens, 
welcher, da er wohl hätte Freude haben mögen, das 
Kreuz erduldete und zur Rechten auf dem Stuhle Got- 
tes gesessen. In diesen Worten der Apostel können wir 
wahrnehmen, dass wir Christo Jesu nachfolgen und 
auf ihn sehen sollen, als auf den Herzog des Glaubens, 
auf den Bischof und Hirten unserer Seelen, ja als auf 
den guten Herrn und Meister, welcher allen seinen 
Knechten und Jüngern ein Beispiel gegeben, dass sie 
ebenso leiden müssen, wie er gelitten hat; aber, ach 
Gott, wie viel hat Christus leiden müssen, denn er 
ist um unseretwillen so arm geworden, während er 
doch ein Herr des Himmels und der Erde war, dass 
er auch nichts hatte, worauf er Sein Haupt zur Ruhe 
nieder legen konnte; er hat sich, der doch eine gött- 
liche Gestalt hatte, erniedrigt und die Gestalt eines 
Knechtes angenommen, damit er uns dienen möchte 
und hat sein Leben, um uns zu erlösen, dahin gege- 
ben; ja, obgleich er die ewige Weisheit des Vaters war, 
welcher alle Dinge mit dem Worte seiner Kraft regiert, 
so musste er doch hören, dass ihn die Pharisäer einen 
Schmeichler und Betrüger, einen Sünder, ja einen be- 
sessenen und rasenden Menschen nannten und noch 
andere Gotteslästerungen, Verschmutzungen und Ver- 
spottungen sich erlaubten; in kurzen Worten, obgleich 
er der eingeborene Sohn Gottes des allmächtigen Va- 
ters war, musste er dennoch als ein Übeltäter ange- 
sehen werden und des allerbittersten Todes sterben; 
darum konnte Jesaja wohl von ihm sagen: Er hatte 
keine Gestalt noch Schönheit, wir sahen ihn, aber da 
war keine Gestalt, die uns gefallen hätte; er war der 
Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen 
und Krankheit, er war so verachtet, dass man auch 
das Angesicht vor ihm verbarg, darum haben wir ihn 
nicht geachtet. Fürwahr, er trug unsere Krankheit und 
lud auf sich unsere Schmerzen, wir hielten ihn für 
den, der geplagt und von Gott zerschlagen und ge- 
martert wäre. Aber er ist um unserer Missetat willen 
verwundet und um unserer Sünde willen zerschla- 
gen, darum konnte er wohl sagen: Ich muss bezahlen, 
was ich nicht geraubt habe, denn um meiner Freunde 
willen leide ich Schmerzen; Schmach bedeckt mein 
Angesicht, ich bin meinen Brüdern fremd geworden 
und unbekannt meiner Mutter Kinder; ich wartete, ob 
mich jemand kennete, aber es war niemand; ich war- 
tete, ob mich jemand tröstete, aber es war niemand; 
sie gaben mir Galle zur Speise und gaben mir, als ich 
dürstete, Essig zu trinken; alle Menschen spotteten 
meiner, sie sperrten den Mund auf, schüttelten den 
Kopf; ihre Rachen sperren sich auf wider mich, wie ein 
brüllender und reißender Löwe; ich bin ausgeschüttet 
wie Wasser, aber meine Gebeine haben sich zertrennt, 
mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes 



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Wachs, meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scher- 
be und meine Zunge klebt an meinem Gaumen, und 
du legest mich in des Todes Staub, denn Hunde ha- 
ben mich umgeben und der Bösen Rotte hat sich um 
mich her gemacht, sie haben meine Hände und Füße 
durchgraben, ich möchte alle meine Gebeine zählen, 
sie aber schauen und sehen ihre Lust an mir, sie teilen 
ihre Kleider unter sich und werfen das Los um mein 
Gewand. Und seiner spricht er: Ich bin ein Wurm und 
kein Mensch, ein Spott der Leute und Verachtung des 
Volkes. Ja, meine lieben Brüder, Gott der himmlische 
Vater hat die Strafe auf ihn gelegt, damit wir Frieden 
hätten, denn durch seine Wunden sind wir geheilt. 
Wir gingen alle hässlich und verirrt einher, wie Schafe, 
die keinen Hirten haben, ein jeder sah auf seinen Weg, 
aber der Herr warf unser aller Sünden auf ihn. Da 
er gestraft und gemartert wurde, tat er seinen Mund 
nicht auf, wie ein Lamm, das zur Schlachtbank ge- 
führt wird und wie ein Schaf, das vor seinem Scherer 
verstummt und seinen Mund nicht auftut. Seid ihr 
nun fromme Christen? Nehmt wahr, was Christus Je- 
sus für uns arme Sünder gelitten hat, der Herr für 
seine Knechte, der Meister für seine Jünger, der Hirte 
für seine Schafe, ja Gott für die Menschen. O tiefe Er- 
niedrigung des Meisters, dass er auch seinen Jüngern 
hat dienen und sich selbst für sie in den Tod hat geben 
wollen. O große Gnade des Herrn, dass er für seine 
Knechte so viel hat leiden wollen. O unendliche Ge- 
rechtigkeit des Hirten, der sein Leben für seine Schafe 
hat lassen wollen. O unaussprechliche Liebe Gottes zu 
uns armen Menschen, dass er uns mit seinem eigenen 
köstlichen Blute hat erlösen wollen, dessen sollen sich 
alle Christen zu jeder Zeit erinnern und Jesu Christo 
für solche Wohltaten, nicht nur mit Worten, sondern 
auch mit Werken, dankbar sein. Aber leider ist es mit 
einigen so weit gekommen, dass sie wohl von Christo 
sprechen können, wie er für uns gelitten und genug 
getan habe, sie wollen auch wohl an der Erlösung, 
die durch Christi Blut geschehen ist, Teil haben und 
denken doch nicht daran, wie sie mit Christo leiden 
müssen, gleichwohl aber hoffen sie, mit ihm verherr- 
licht zu werden. Denn das ist je gewisslich wahr, sagt 
Paulus, sterben wir mit Christo, so werden wir auch 
mit ihm leben; leiden wir mit ihm, so werden wir uns 
auch in Ewigkeit mit ihm freuen; verleugnen wir ihn, 
so wird er uns auch verleugnen. 

Daran mögen alle abgefallenen Christen denken, 
welche nun wieder in das römische Babel zurückkeh- 
ren, wovon sie ausgegangen waren, und sich wieder 
mit der Hure, die sie so gehasst haben, befreunden. 
Was soll man zu solchen Leichtfertigen sagen; wie 
sind doch die Menschen, welche die Wahrheit ein- 
mal erkannt haben, so verblendet, dass sie sich von 


Christo Jesu, dem einigen Seligmacher, wenden, und 
der schändlichen und verfluchten Hure zu Babylon 
zufallen, die eine Mutter aller Ungerechtigkeit, eine 
Königin aller Kinder des Unglaubens und des Fluches 
ist und die ihnen zum Tröste, Schutze und zu einer 
Abgöttin geworden ist. O wehe solchen verkehrten 
Menschen, die von der Gerechtigkeit abweichen und 
sich vom Licht zur Finsternis, vom Leben zum Tode, 
und von Christo Jesu zu dem Antichristen begeben, 
und bei dem Satan, nicht aber bei Gott Trost suchen. O 
wehe solchen furchtsamen Menschen, welche diejeni- 
gen, die allein den Leib töten können, mehr fürchten 
als Gott, den allmächtigen Herrn, welcher Leib und 
Seele in die ewige Verdammnis stürzen kann. O wehe 
solchen Menschen, dass sie geboren sind, wenn sie 
sich nicht merklich bessern und von Babel ausgehen; 
denn die Schrift sagt nicht umsonst: Mein Volk, geht 
aus von Babel, und rührt kein Unreines an, auf dass 
ihr nicht ihrer Sünden und Plagen teilhaftig werdet. 
Dieses sind ja die klaren Worte des Herrn, wer kann 
sie vernichten, wer kann gegen den Stachel locken. Er 
fange es an, wie er will, so wird es ihm schwer fallen 
und nicht gelingen; auch gilt hier keine Entschuldi- 
gung, wie das Gleichnis von dem Schalksknechte klar 
beweist, welcher seines Herrn Pfund aus Furcht in die 
Erde vergraben hatte, und sich vor seinem Herrn ent- 
schuldigen wollte, aber nicht angehört wurde. Unter 
diesem Schalksknechte verstehen wir alle furchtsa- 
men Menschen, welche in der Erkenntnis des Herrn 
Jesu Christi nicht fruchtbar sind, sondern die die ir- 
dischen Dinge suchen und mehr Wohlgefallen daran 
haben als an der himmlischen; sie mögen sich auch 
entschuldigen wie sie wollen, so wird ihnen doch ih- 
re Entschuldigung nichts nützen, sondern die ewige 
Verdammnis wird ihr Lohn sein; denn alle Bäume, die 
keine guten Früchte bringen, werden abgehauen und 
ins Feuer geworfen werden; die Blätter allein gelten 
nichts; die Früchte müssen dabei sein. Christus ist 
unser Exempel, der hat getan und gelehrt; er hat sei- 
ne Jünger leiden und dulden gelehrt, und hat selbst 
gelitten und geduldet; darum lehrt uns auch Paulus, 
dass wir Christi gedenken sollen und sagt also: Nehmt 
wahr, ihr Christen, und gedenkt, dass Christus Jesus 
ein solches Widersprechen von den Sündern erduldet 
hat, auf dass ihr nicht in eurem Mute matt werdet und 
ablasst, denn ihr habt noch nicht bis aufs Blut wider- 
standen, und habt bereits vergessen des Trostes, der 
zu euch redet als zu den Kindern: Mein Sohn, achte 
nicht gering die Züchtigung des Herrn, und verzage 
nicht, wenn du von ihm gestraft wirst; denn wen der 
Vater lieb hat, den züchtigt er; er stäupt aber einen 
jeden Sohn, den er aufnimmt. So ihr die Züchtigung 
erduldet, so erbeut sich euch Gott als Kindern; denn 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


wo ist ein Sohn, den der Vater nicht züchtigt? Seid 
ihr aber ohne Züchtigung, deren sie alle teilhaftig ge- 
worden, so seid ihr Bastarde und nicht Kinder. Und 
da wir unsere leiblichen Väter zu Züchtigem gehabt 
und sie gescheut haben, sollten wir nicht bei weitem 
mehr dem geistigen Vater Untertan sein, dass wir le- 
ben? Und jene haben uns nur einige Tage nach ihrem 
Gutdünken gezüchtigt, dieser zu unserem Vorteile, 
dass wir seine Heiligung erlangen möchten. Mit die- 
sen gibt uns der Apostel zu erkennen, wie nützlich 
und nötig uns die Züchtigung sein könne, wenn wir 
von Gott unserm himmlischen Vater gezüchtigt wer- 
den, wie diese Worte klar an den Tag geben: Denn 
wo ist ein Sohn, den der Vater nicht züchtigt; seid ihr 
aber ohne Züchtigung, deren sie alle teilhaftig gewor- 
den sind, so seid ihr Bastarde und keine Kinder. Und 
hiermit kommen die Worte Judith, dass Abraham auf 
mancherlei Weise versucht und durch mancherlei An- 
fechtung bewährt und Gottes Freund erfunden wor- 
den sei; so auch Isaak und Jakob, Mose und alle, die 
Gott gefallen haben, sind in viel Trübsal treu erfunden 
worden. Diejenigen aber, welche ihre Proben in der 
Furcht des Herrn nicht erlangt haben, und Ungeduld 
samt dem Laster ihres Murrens gegen den Herrn auf- 
brachten, sind von dem Verderber verdorben und von 
den Schlangen umgebracht worden; darum so gern 
wir Gott zum Vater haben, so gern müssen wir auch 
die Züchtigung unseres himmlischen Vaters empfan- 
gen; und so ungern wir von Gott für Bastarde angese- 
hen werden wollen, so ungern müssen wir auch ohne 
Züchtigung und Bestrafung sein, und eben so gerne 
müssen wir auch durch Trübsal geübt werden wollen, 
oder mit andern Worten: So lieb uns Gott und unserer 
Seelen Seligkeit ist, und so sehr wir die Bestrafung 
Gottes fürchten, ebenso liebreich müssen wir alles Lei- 
den, das uns von Gott zugefügt wird, aufnehmen und 
dessen eingedenk sein, was Christus sagt: Wer sein 
Kreuz nicht auf sich nimmt und mir nachfolgt, der 
kann nicht mein Jünger sein. Desgleichen: Wer sein 
Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer aber 
in dieser Welt sein Leben um des Evangeliums willen 
verlässt, wird es ewiglich behalten. 

Wo bleiben nun die falschen Christen, die ihr Le- 
ben um Christi willen nicht verlassen wollen, und es 
doch in der Ewigkeit zu behalten gedenken; eben also 
meinte auch Saul den Israeliten zu gefallen, und doch 
dabei Gottes Freund zu bleiben; er ist aber von Gott 
wegen seiner Heuchelei verworfen worden; ebenso 
können sie auch wohl meinen, das zeitliche Leben hier 
zu erhalten, und noch dazu das ewige Leben zu erlan- 
gen, aber es wird sie ihre Meinung betrügen. O Herr 
Gott! Wie mögen doch die Menschen so verblendet 
sein, dass sie dieses vergängliche Leben so lieb haben. 


während sie doch weder Zeit, Stunde noch Tag wis- 
sen, wenn sie sterben müssen, wie auch der Apostel 
Jakobus sagte, dass dieses Leben nichts anderes sei 
als ein Rauch, welcher eine kleine Zeit gesehen wird 
und dann aus der Menschen Augen verschwindet. 
Jesus Sirach, welcher unser Leben mit den Tagen der 
Ewigkeit vergleicht als einen Staub, oder ein Körn- 
lein Sandes gegen allen Sand am Meere, oder als ein 
Tröpflein Wasser gegen alles Wasser in der See. Was 
ist denn also der Mensch und was ist seine Schönheit, 
oder was ist sein Gut, worauf er sich verlassen will? 
Weil aber nun unser Leben so unsicher und kurz ist, 
so ist es ja zu beklagen, dass die Menschen solche 
Sorge dafür tragen und dabei so wenig auf das ewige 
Leben bedacht sind; hierzu helfen die falschen Leh- 
rer, auch die betrüglichen Arbeiter und Feinde Christi 
und seiner Apostel, welche öffentlich lehren, dass die 
Christen nicht mehr leiden müssen. Schämen müs- 
sen sie sich mit ihrem Volke, die in des Herrn Namen 
Lüge weissagen, ja gestraft müssen sie werden mit Ze- 
dekia und Achas, die schändlich sündigen, auch das 
Israel Gottes verführen und ihr Vertrauen auf nichtige 
Dinge setzen, zu Schanden müssen sie werden mit 
den ägyptischen Zauberern, die sich also der Wahr- 
heit widersetzen, gleichwie jene Mose widerstanden 
haben. Verflucht müssen sie werden mit Baal, dem 
Sohn Böser, welche mit ihm den rechten Weg verlas- 
sen und sich auf krumme Wege begeben, ja zur Hölle 
müssen sie versinken mit Nathan, Korah und Abiram, 
die, wie diese, Zank und Ärgernis in der Gemeinde 
Gottes anrichten und die heilsame Lehre Jesu Chris- 
ti verachten, womit sie den allmächtigen Gott zum 
Zorne reizen und sich selbst einen Schatz des Zor- 
nes Gottes sammeln auf den Tag, wenn Christus Jesus 
sich vom Himmel mit den Engeln seiner Kraft und mit 
Feuerflammen offenbaren wird, um Rache zu üben an 
allen denen, die Gott nicht erkannt haben und dem 
Evangelium unseres Herrn Jesu Christi nicht gehor- 
sam gewesen sind. Diese sollen Pein leiden, die ewige 
Verdammnis von dem Angesichte des Herrn, wenn er 
kommen wird, um verherrlicht zu werden in seiner 
Herrlichkeit und in allen seinen Gläubigen. Welche 
sind aber mm die Ungläubigen, die an das Evange- 
lium Jesu Christi nicht glauben, und um des willen 
die ewige Pein leiden werden? Es sind diejenigen, die 
hier die Gebote Jesu Christi nicht halten, noch um des 
Namens Gottes willen leiden, oder die Wahrheit des 
Evangeliums bekennen wollen; darum wird sie Chris- 
tus auch nicht bekennen, oder vor seinem Vater und 
seinen Engeln erkennen, mit welchen er vom Himmel 
kommen wird, um solche untreuen und furchtsamen 
Knechte zu strafen, die guten Knechte aber zu verherr- 
lichen, mit den treuen Dienern und frommen Rittern, 



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welche aus großer Trübsal gekommen sind und ihre 
Kleider im Blute des Lammes gewaschen und gerei- 
nigt haben. Darum sind sie vor dem Throne Gottes 
und dienen Ihm Tag und Nacht in seinem Tempel, 
und der auf dem Throne sitzt, wird über ihnen woh- 
nen; sie wird nicht mehr hungern oder dürsten, auch 
wird weder die Sonne noch irgendeine Hitze auf sie 
fallen, denn das Lamm mitten im Thron wird sie re- 
gieren und zu der lebendigen Wasserquelle leiten und 
Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen; 
alsdann wird erfüllt werden, was der Prophet 1. Es- 
ra sagt: Ich Esra, sah auf dem Berge Zion eine große 
Schar, welche ich nicht zählen konnte, die lobten alle 
den Herrn mit Lobgesängen; und mitten unter ihnen 
stand ein ansehnlicher Jüngling, der mit seiner Länge 
alle übertraf, der gab einem jeden einen Palmzweig in 
die Hand und setzte einem jeden derselben eine Kro- 
ne aufs Haupt, ich aber verwunderte mich hierüber 
sehr; da fragte ich den Engel und sprach: Lieber Herr, 
wer sind diese, denen die Palmzweige in die Hand 
gegeben und die Kronen aufgesetzt sind? Er antwor- 
tete und sprach zu mir: Diese sind, die das sterbliche 
Kleid abgelegt und das imsterbliche angetan, und den 
Namen Gottes bekannt haben. Jetzt werden sie ge- 
krönt und empfangen Palmzweige. Weiter fragte ich 
den Engel: Wer ist aber der Jüngling, der ihnen die 
Kronen aufgesetzt und ihnen Palmzweige in die Hän- 
de gibt? Und er antwortete und fagte zu mir: Es ist 
Gottes Sohn, welchen sie in der Welt bekannt haben. 
Er aber fing an, diejenigen höchlich zu preisen, welche 
so fest für den Namen des Herrn gestanden hatten. 

O welch eine Freude und Herrlichkeit ist es, wel- 
che allen frommen Christen bereitet ist! Wer ist denn 
nun so verzagt und furchtsam, der für solche Freu- 
de und Herrlichkeit nicht ein wenig leiden wollte. Es 
ist zwar wahr, dass das Leiden und die Trübsal dem 
Fleische schwer fällt, aber man muss an die Worte 
Pauli denken: Alle Züchtigung aber, wenn sie da ist, 
dünkt uns nicht Freude, sondern Traurigkeit zu sein; 
nachher aber bringt sie eine friedsame Frucht der Ge- 
rechtigkeit allen, die dadurch geübt sind. Solches hat 
auch Christus zu seinen Aposteln gesagt: Wahrlich, 
ich sage euch, ihr werdet weinen und Heulen und die 
Welt wird sich freuen, ihr aber werdet traurig sein; 
doch soll eure Traurigkeit in Freude verwandelt wer- 
den. Ein Weib, wenn sie gebärt, hat Angst, weil ihre 
Stunde gekommen ist, wenn sie aber das Kind gebo- 
ren hat, so gedenkt sie der Angst nicht mehr um der 
Freude willen, weil der Mensch zur Welt geboren ist. 
Und ihr habt auch nun Traurigkeit, aber ich will euch 
Wiedersehen und euer Herz soll sich freuen, und eure 
Freude wird niemand von euch nehmen. 

Seht, alle ihr Gläubigen, die ihr hier in dieser Zeit ei- 


ne kurze Weile um der Wahrheit willen Angst, Trübsal 
und Verfolgung leidet, merkt auf diese Worte und seid 
getrost: Lasset euch nicht erschrecken oder verdrieß- 
lich machen, und obschon die Trübsal dem Fleische 
nicht angenehm ist, so gedenkt doch, dass euch für 
eine geringe Betrübnis die ewige Freude geschenkt 
werden wird; ja gedenkt, was geschrieben steht: Aber 
der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand, und keine 
Qual rührt sie an. Vor den Unverständigen werden sie 
angesehen, als stürben sie, und ihr Abschied wird für 
eine Pein gerechnet und ihre Hinfahrt für ein Verder- 
ben, aber sie sind im Frieden. Und obwohl sie von den 
Leuten viel Leidens haben, so sind sie doch gewisser 
Hoffnung, dass sie nimmermehr sterben. Sie werden 
ein wenig gestäupt, aber viel Gutes wird ihnen wi- 
derfahren; denn Gott versucht sie und findet, dass 
sie seiner wert sind. Er prüft sie wie Gold im Ofen 
und nimmt sie an wie ein völliges Opfer und zur Zeit, 
wenn Gott drein sehen wird, werden sie hell scheinen, 
und daher fahren wie die Flammen über die Stoppeln. 
Sie werden die Heiden richten und herrschen über 
die Völker, und der Herr wird ewiglich über sie herr- 
schen; denn die ihm vertrauen, die erfahren, dass er 
treulich halt, und die treu sind in der Liebe, lässt er 
sich nicht nehmen, denn seine Heiligen sind in Gnade 
und Barmherzigkeit. 

O welche schöne Verheißungen sind dieses für die- 
jenigen, welche um der Wahrheit willen verfolgt wer- 
den, und welche tröstliche Verheißungen sind es, die 
uns Christus in dem Evangelium zugesagt hat, näm- 
lich, dass wir selig sein sollen, wenn wir weinen, denn 
wir sollen getröstet werden; desgleichen, dass wir se- 
lig seien, wenn wir um der Gerechtigkeit willen ver- 
folgt werden, denn das Himmelreich gehöre uns zu; 
oder mit kurzen Worten, dass wir selig seien, wenn 
uns die Menschen schmähen, lästern und viel Üb- 
les von uns reden, um des Namens Christi willen, 
wenn sie daran lügen; alsdann sollen wir uns freu- 
en und fröhlich sein; denn siehe, unser Lohn ist groß 
im Himmel. Ja, groß ist unser Lohn, wie uns Jesaja 
bezeugt, wenn er sagt: Wie denn von der Welt her 
weder mit Ohren gehört worden ist, noch irgendein 
Auge gesehen, ohne Dich, Gott, was denen geschieht, 
die auf dich harren, und der Psalmist David sagte: 
Wie groß ist deine Güte, die Du verborgen hast denen, 
die dich fürchten, und denen erzeigest, die vor den 
Leuten auf dich trauen. Aber wie wenige Menschen 
arbeiten nun nach dieser großen Herrlichkeit, es geht, 
wie des Herrn Gleichnis spricht, dass der Hausvater 
ein Abendmahl zubereitet und vielen zugerufen habe, 
dass sie kommen sollten, denn alle Dinge seien bereit; 
aber der eine hat ein Haus gekauft und muss solches 
besehen, der andere hat fünf Joch Ochsen gekauft und 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


muss sie probieren, der Dritte hat ein Weib genom- 
men und kann darum nicht kommen; als aber solches 
der Hausvater hörte, ward er zornig und sprach, dass 
niemand von allen denen, die nicht kommen wollten, 
sein Abendmahl schmecken sollte. 

O welch ein hartes Urteil und harter Ausspruch ist 
dieses über alle diejenigen, die nicht kommen wollen, 
Gottes Ruf verachten und irgendein Ding lieber ha- 
ben, als Gott, das ist, die wegen Vater oder Mutter, 
Bruder oder Schwester, Weib, Kind, Reichtum oder 
Armut, Lob, Preis oder Schande Gott verlassen und 
seiner Stimme nicht horchen, ja die nicht alle irdischen 
Dinge verlassen und eigene Frömmigkeit gering ach- 
ten, damit sie Christum gewinnen mögen, gleichwie 
Paulus und auch die Hebräer taten, von welchem der 
Apostel sagt, dass sie den Raub ihrer Güter mit Freu- 
den erduldet haben, indem sie wussten, dass sie ein 
besseres und ewiges Gut im Himmel hätten; aber ach, 
wie wenig merken jetzt die Menschen auf himmlische 
Dinge! Ach, wie wenig denken sie daran, was für ein 
Unterschied zwischen den Gerechten und Gottlosen 
noch sein werde; ja, es wird ein solcher Unterschied 
sein, wie der Herr durch Jesaja geredet hat: Siehe, 
meine Knechte sollen trinken, und ihr Durst leiden; 
siehe, meine Knechte sollen essen und ihr sollt hun- 
gern; meine Knechte sollen fröhlich sein, ihr aber sollt 
beschämt werden. Merkt darauf, meine Diener sollen 
aus feurigem Herzen jauchzen, ihr aber sollt wegen 
Betrübnis eurer Herzen weinen und jämmerlich heu- 
len; darum sagt Christus im Evangelium: Da wird 
Heulen und Zähneklappern sein, wenn ihr Abraham, 
Isaak und Jakob sehen werdet, euch aber hinaus gesto- 
ßen. Ach, wie fröhlich werden alsdann die frommen 
Christen sein, welche für den Namen Christi tapfer 
streiten und durch Ihn überwinden; ja wie fröhlich, 
sagen wir, werden sie alsdann sein, wenn sie die Ver- 
heißung empfangen werden, wovon der Geist Gottes 
sagt: Wer überwindet, dem will ich zu essen geben 
von dem Holze des Lebens, das im Paradiese Got- 
tes ist. Fürchte dich vor keinem, was du leiden wirst; 
siehe, der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis 
werfen, auf dass ihr versucht werdet und ihr wer- 
det zehn Tage Trübsal haben. Sei getreu bis in den 
Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben; wer 
überwindet, dem will ich zu essen geben von dem 
verborgenen Manna, und ich will ihm einen weißen 
Stein geben, und auf dem Steine einen neuen Namen 
geschrieben, den niemand kennt, denn der ihn emp- 
fängt; und wer da überwindet und hält meine Werke 
bis ans Ende, dem will ich Macht geben über die Hei- 
den, und er soll sie weiden mit einer eisernen Rute, 
und wie eines Töpfers Gefäß wird er sie zerschmei- 
ßen, wie ich von meinem Vater empfangen habe, und 


will ihm geben den Morgenstern. Wer überwindet, 
der soll mit weißen Kleidern angetan werden, und ich 
werde seinen Namen nicht austilgen aus dem Buche 
des Lebens, und ich will seinen Namen bekennen vor 
meinem Vater und vor seinen Engeln. Dieweil du das 
Wort meiner Geduld behalten hast, will ich auch dich 
behalten vor der Stunde der Versuchung, die da kom- 
men wird über den ganzen Weltkreis, zu versuchen 
diejenigen, die da wohnen auf Erden. Siehe, ich kom- 
me bald, halte was du hast, dass niemand deine Krone 
nehme. Wer überwindet, den will ich zum Pfeiler in 
dem Hause meines Gottes machen, und er soll nicht 
mehr hinausgehen, und will auf ihn schreiben den 
Namen meines Gottes, und den Namen des neuen 
Jerusalems, der Stadt meines Gottes, die vom Him- 
mel herniederkommt von meinem Gotte, und meinen 
Namen, den neuen. Welche ich lieb habe, die strafe 
und züchtige ich, und habe an ihnen ein Wohlgefal- 
len, gleichwie ein Vater an seinem Sohne hat. So sei 
nun fleißig und tue Buße. Siehe, ich stehe vor der Tür 
und klopfe an; so jemand meine Stimme hören und 
die Türe auf tun wird, zu dem will ich eingehen und 
das Abendmahl mit ihm halten, und er mit mir. Wer 
überwindet, dem will ich geben, mit mir auf meinem 
Stuhle zu sitzen, wie ich überwunden habe und mit 
meinem Vater auf seinem Stuhle gesessen. Ja, mei- 
ne lieben Brüder, dass sie scheinen als die Sonne in 
meines Vaters Reiche und besitzen alle Dinge. Ach, 
wie traurig werden die Verfolger der Christen sein, 
wenn der gerechte Gott ihnen mit demselben Maße 
einmessen wird, womit sie den Christen ausgemessen 
haben! Ach, wo wird sich alsdann der mörderische 
Kain verbergen, wenn das betrübte und unschuldige 
Blut des gerechten Abels bei Gott um Rache wider 
ihn schreien wird! Wie wird alsdann die babylonische 
Hure, welche nun prächtig in ihrem Lusthause sitzt, 
und von dem Blute seiner Heiligen und der Zeugen 
Jesu Christi trunken geworden ist, der Strafe Gottes 
entrinnen, wenn der Herr das Blut seiner Heiligen 
und Zeugen rächen und von ihrer Hand fordern wird, 
was ohne Zweifel geschehen wird, wie der Prophet 
sagt: Siehe, das unschuldige und gerechte Blut schreit 
zu mir, sagt der Herr, und die Seelen der Gerechten 
schreien ohne Unterlass. Ich will mich an ihnen mit 
Eifer rächen, spricht der Herr, und will alles das un- 
schuldige Blut von ihren Händen fordern. Christus 
sagte: Sollte Gott nicht seine Auserwählten retten, die 
Tag und Nacht zu Ihm schreien? Und ob er schon 
verzieht, so sage ich euch, er wird sie in Eile retten. 

O welch eine grausame Strafe wird das sein, womit 
der allmächtige Gott alles Blut seiner Heiligen rächen 
wird. Wie teuer musste der tyrannische Pharao das 
Blut der unschuldigen Kindlein, welches er vergossen 



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hatte, bezahlen? Wie hart mussten die Amalekiter ge- 
straft werden, weil sie das imschuldige Blut der Israe- 
liten vergossen? Die blutdürstige Isabel musste aufs 
Feld geworfen werden, so dass die Hunde ihr Blut 
leckten, weil sie das gerechte Blut vergossen hatte. O 
Jerusalem, die du tötest die Propheten, und steinigst, 
die zu dir gesandt sind, du bist darum den Heiden 
zum Zertreten gegeben worden, und allen Völkern 
zu einer Beschimpfung; also werden auch von Gott 
alle diejenigen gestraft werden, welche nun unschul- 
diges Blut vergießen, und es wird geschehen wie im 
Buche der Weisheit geschrieben steht: Alsdann wird 
der Gerechte mit großer Freudigkeit wider die stehen, 
welche ihn geängstigt und seine Arbeit verworfen ha- 
ben. Wenn dieselben dann solches sehen, werden sie 
grausam erschrecken vor solcher Seligkeit, deren sie 
sich nicht versehen hatten; sie werden vor Angst des 
Geistes seufzen und untereinander sagen: Das ist der, 
den wir etwa für einen Spott und für ein höhnisch 
Beispiel hatten. Wir Narren hielten sein Leben für un- 
sinnig, und sein Ende für eine Schande. Wie ist er 
nun unter die Kinder Gottes gezählt, und sein Erbe 
ist unter den Heiligen. Darum haben wir den rechten 
Weg verfehlt, und das Licht der Gerechtigkeit hat uns 
nicht geschienen, und die Sonne des Verstandes ist 
uns nicht aufgegangen; wir sind eitel Unrechte und 
schädliche Wege gegangen, und sind wüste Umwe- 
ge gewandelt, aber des Herrn Weg haben wir nicht 
gewusst. Was hilft uns nun die Pracht, was hilft uns 
nun der Reichtum und der Hochmut? Alle derglei- 
chen Dinge werden diejenigen, welche in der Hölle 
sind und gesündigt haben, sagen; denn des Gottlosen 
Hoffnung ist wie Staub vom Winde zerstreut, und wie 
ein dünner Reif vom Sturme Vertrieben, und wie ein 
Hauch vom Winde verweht, und wie man jemanden 
vergisst, der nur einen Tag Gast gewesen ist. Aber 
die Gerechten werden ewig leben, und der Herr ist 
ihr Lohn, und der Höchste sorgt für sie. Darum wer- 
den sie ein herrliches Reich und eine schöne Krone 
von der Hand des Herrn empfangen, denn er wird 
sie mit seiner Rechten beschirmen und mit seinem Ar- 
me verteidigen. O grundlose Gnade des allmächtigen 
Gottes! O unaussprechliche Liebe des himmlischen 
Vaters, wie überschwänglich ist deine Gnade, und wie 
unendlich deine Güte, dass Du deinen Auserwählten 
solche Herrlichkeit bereitet hast! Wer kann Dir für 
alle deine Wohltaten, die du so reichlich an uns er- 
wiesen hast und noch täglich erweist, genug danken? 
Gesegnet müsse dein Name sein in Ewigkeit. Dar- 
um bitten und ermahnen wir alle frommen Christen, 
und alle die ihre Seligkeit lieb haben, dass sie sich 
selbst verleugnen und ihr Kreuz auf sich nehmen und 
Jesu Christo nachfolgen, und dadurch den Willen Got- 


tes tun, damit wir die Verheißung erlangen mögen. 
Niemand sei furchtsam oder erschrecke vor dem gott- 
losen Tyrannen, sondern jeder tue, wie Matthias seine 
Söhne lehrte, indem er sagte: Liebe Söhne, eifert um 
das Gesetz und wagt euer Leben für den Bund unse- 
rer Väter, und gedenkt, welche Taten unsere Väter zu 
ihren Zeiten getan haben, so werdet ihr rechte Ehre 
und einen ewigen Namen erlangen. Darum fürchtet 
euch nicht vor der Gottlosen Trotz, denn seine Herr- 
lichkeit ist Kot und Würmer. Heute schwebt er empor 
und morgen liegt er darnieder und ist nicht mehr, so 
er wieder zur Erde geworden ist, und sein Vorneh- 
men ist zu Nichte geworden. Deshalb, liebe Kinder, 
seid unerschrocken und haltet fest an dem Gesetze, 
denn wenn ihr dasjenige getan haben werdet, das 
euch von dem Herrn, eurem Gotte, befohlen ist, so 
sollt ihr in Ihm verherrlicht werden. Diese Worte Got- 
tes nehmt zu Herzen, o ihr frommen Christen und 
wappnet euch damit, um für die Gerechtigkeit auch 
bis zum Tode zu streiten, so wird Gott für euch strei- 
ten und eure Feinde überwinden. Fürchtet diejenigen 
nicht, welche euern Leib töten, und dann nichts mehr 
tun können; sondern fürchtet den allmächtigen Gott, 
den gerechten Herrn und Richter, welcher Leib und 
Seele in die ewige Verdammnis stürzen kann; diesen 
lasst uns allein fürchten und in seinen Wegen wandeln 
und Ihm in Heiligkeit und Gerechtigkeit alle Tage un- 
seres Lebens dienen, ja für seinen Namen den Tod 
leiden, damit wir mit Paulus sagen können: Wir ha- 
ben einen guten Kampf gekämpft; wir haben unsem 
Lauf vollendet, wir haben Glauben gehalten, hinfort 
ist uns die Krone der Gerechten beigelegt, welche uns 
der Herr Christus geben wird, Gott, der Vater der 
Barmherzigkeit, und der Gott allen Trostes, welcher 
uns gegeben hat, nicht allein an ihn zu glauben, son- 
dern auch um seines Namens willen zu leiden, wolle 
uns mit seinem heiligen Geiste stärken, kräftigen und 
befestigen, dass wir im Leiden um der Wahrheit wil- 
len nicht ermüden, sondern bis ans Ende standhaft 
bleiben, und uns mit allen frommen und wahren Hei- 
ligen erfreuen mögen, und wenn wir um des Namens 
Christi Jesu willen gelästert und verfolgt werden; das 
gebe uns der allmächtige Vater durch Jesum Christum, 
seinen eingeborenen Sohn, unsern Heiland, welchem 
Herrlichkeit, Majestät, Segen, das Reich und ewige 
Herrschaft sei. Amen. 

Seid männlich, stark und unverzagt, dass ihr al- 
le Dinge, ja Gottes Wort und Gesetze haltet und tut, 
und weichet nicht davon, weder zur Rechten, noch 
zur Linken; tut auch nichts dazu, noch davon, damit 
ihr weislich handeln mögt; erschreckt nicht, wo ihr 
hingeht und entsetzt euch nicht, denn euer Herr und 
Gott ist mit euch, wenn ihr ins Wasser oder Feuer 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


geht, und obschon ihr jetzt durch falschen Schein und 
Heuchelei der Strafe entgeht, so könnt ihr doch der 
Gewalt des allmächtigen Gottes (weder lebendig oder 
tot) entlaufen. 

Darum lasst uns alles, was in dieser Welt ist, ver- 
leugnen; denn sie lebt im Argen, und lasst einen jeden 
sein Kreuz aufnehmen und Jesu Christo nachfolgen, 
denn er ist uns und allen denen nahe, die in der Not 
sind, und will ihnen daraus helfen und sie zu Ehren 
bringen, wenn sie eines zerbrochenen Herzens und 
zerschlagenen Gemütes sind. O welch ein großer Trost 
ist das, einen solchen gewaltigen und treuen Mitgesel- 
len zu haben! Und welch eine große Ehre ist es, dass 
er uns so freundlich hat beistehen wollen; aber wir 
müssen wissen, dass unser Herr Christus Jesus nur 
allein zu seiner rechten Zeit unser Mitgesell, Helfer 
und Beistand nach dem Rate des göttlichen Willens 
und Wohlgefallens sei, in welchem er alle Dinge in 
Maß und Gewicht verordnet und gesetzt hat; denn 
gleichwie er das Haupt der heiligen Kirche ist und 
ihr Leiden sieht, so hat er auch eine Zahl, ein Maß 
und Gewicht gesetzt, wie weit er den Bösen zu gehen 
erlaubt, und wie weit sie greifen mögen, und nicht 
mehr oder weiter, gleichwie die babylonische Gefan- 
genschaft siebzig Jahre dauern sollte. Ja, wenn auch 
die Not am größten ist und man meint, dass Gott 
einen ganz verlassen und vergessen habe, so ist als- 
dann die Hilfe Gottes am nächsten; ja, eigentlich zu 
reden, der Herr tröstet vor und mitten in aller Betrüb- 
nis, denn ein Christ hat in seinem Herzen den Geist 
Gottes, die Quelle des lebendigen Wassers, welche 
ihn stets abkühlt, tröstet, erfreut und fröhlich macht; 
ja, je mehr das Leiden zunimmt, desto größere Hilfe 
und Beistand erlangen wir, denn Gott lässt uns nicht 
über unsere Kräfte hinaus versucht werden, sondern 
macht, dass die Versuchung in der Weise ein Ende 
gewinne, dass wir es ertragen mögen. Seht, in diesen 
Worten zeigt uns Paulus sehr tröstlich an, dass uns 
Gott nicht härter oder schwerer antasten und versu- 
chen lasse, als wir ertragen mögen, denn wenn wir des 
Leidens Christi viel haben, so werden wir auch durch 
Jesum Christum unsern Herrn reichlich getröstet. 

Ein Hauptmann macht seinen Kriegsleuten mit tap- 
fern Worten und Verheißungen Mut; sollte nun der 
wahrhaftige und getreue Gott uns nicht mit seinem 
göttlichen Worte des Evangeliums tapfer und stark 
machen, welches eine Kraft Gottes ist zur Seligkeit al- 
len, die daran glauben. Ja, der gute Gott lässt es nicht 
bei schlichten, einfachen Worten bewenden, sondern 
ist selbst mit seinem Geiste bei uns, welcher Geist, 
als ein Unterpfand, unsere Herzen von seiner göttli- 
chen Hilfe versichert, und uns in unserer Schwachheit 
stärkt, denn wenn der Teufel durch seinen lügenhaf- 


ten Geist die Menschen treibt, dass sie zur Büberei 
ganz bereit sind, und sollte es sie auch ihr Leben kos- 
ten, warum sollte bei uns die Gnade Gottes durch 
seinen wahrhaften Geist nicht auch zum Guten in al- 
len Nöten und Trübsalen geneigt machen? Solches tut 
auch der gute Gott nicht allein durch seinen Geist, 
sondern auch durch Engel, Sterne, Elemente, Tiere, 
Menschen und allerlei Kreaturen. Zum Exempel, Eli- 
sa sagte zu seinem Knaben: Fürchte dich nicht, denn 
ihrer sind mehr, die mit uns sind, als derer, die ge- 
gen uns kommen. Das Rote Meer und der Jordan 
öffneten sich, dass die Kinder Israel mit trockenen 
Füßen durchgingen. Die Sonne und der Mond stan- 
den so lange still vor Josua, bis er die fünf Könige 
überwunden hatte, Elia wurde wunderbar von den 
Raben gespeist; durch eines Weibes Hand sind die 
Kinder Israel sämtlich aus ihrem Elend erlöst wor- 
den. Gott der Herr tröstet gewöhnlich die Menschen 
durch andere Menschen; denn alle Christen auf Erden 
haben miteinander Gemeinschaft sowohl in glückseli- 
gen als in unglückseligen Dingen; denn wenn jemand 
Schmerzen und Verdruss leidet, so leidet er solches 
nicht allein, sondern Christus leidet solches mit ihm, 
desgleichen auch alle Christen; denn er sagt im Evan- 
gelium: Ihr habt mich gespeist, gekleidet, beherbergt 
und getröstet; deshalb sind auch alle Christen in dem 
Herrn Jesu Christo ein Leib, ein Brot und ein Trank. 

Wenn nun Christus Jesus unser Herr ganze Näch- 
te im Gebete und auch im Garten vor seinem Tode 
zugebracht, so sollen wir auch beständig den Vater 
des Lichts, von welchem allein alle gute und voll- 
kommene Gaben von oben herkommen, besonders 
in unserer Not, anrufen, dass er uns, um des Todes 
seines lieben Sohnes willen, alle unsere Sünden ver- 
geben wolle, denn er ist um unserer Sünden willen 
auferweckt; darum sollen wir bitten, dass er uns nicht 
nach unserm Gutdünken, sondern nach seiner göttli- 
chen Weisheit erlösen oder strafen wolle, damit wir 
nicht alle zugrunde gehen möchten. Wir sollen auch 
in unserer Trübsal Gott Lob und Dank sagen, dass er 
uns nicht vergessen, sondern nach seiner väterlichen 
Barmherzigkeit züchtigen und alle Last in Gnaden 
tragen helfen wolle, gleichwie auch Paulus in seinem 
Elende Gott gedankt hat, wenn er sagt: Gelobt sei Gott, 
der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, 
der uns in allen unsern Trübsalen tröstet. Amen. 

Ein Gebet. 

O barmherziger Vater! Du wollest mich doch ansehen 
mit den Augen der Barmherzigkeit, womit Du den 
verlorenen Sohn angesehen hast; denn Dir, o Vater, 
gebührt allein Lob, Preis und Ehre, uns aber nichts 



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als Schmach vor deinem Angesichte; darum, gnädiger 
Vater, übergebe ich Seele und Leib in Deine göttli- 
che gnädige Obhut; leite mich durch Jesum Christum, 
deinen lieben Sohn, zu allem, was deinem göttlichen 
Geiste wohlgefällig ist; Du wollest der Gottlosen Rat 
zu Torheit und Narrheit machen und uns bei Deinem 
göttlichen Worte erhalten nun und zu allen Zeiten, 
Amen. Verfertigt durch Walter von Stölwick. 

Dietrich Peter Krood, Peter Trynes, Nicolaus 

Roders, Peter Nicolaus Janß von Wormer im 
Wasserlande. 

Als das Wort Gottes in vielen Landschaften nach dem 
Willen Gottes erschollen und mit vieler Christen Blu- 
te bezeugt und befestigt worden ist, so ist dasselbe 
auch zu Nordholland zu Wormen bekannt und an- 
genommen worden, wo unter andern auch Dietrich 
Peter Krood und Peter Trynes, Nicolaus Roders und 
Peter Nicolaus Janß gewesen sind. Diese haben ihre 
Ohren von den päpstlichen Erdichtungen abgewandt 
und ihr verdorbenes Leben gebessert, und haben statt- 
dessen durch die Erleuchtung des Heiligen Geistes 
das Wort Gottes willig in ihren Herzen aufgenommen 
und ihren ganzen Wandel nach demselben eingerich- 
tet. Gleichwie nun Christus vorhergesagt, es werde 
die Zeit kommen, dass wer euch töten wird, wird 
meinen, Gott einen Dienst daran zu tun, so hat sich 
solches an den Bezeichneten sehr deutlich erwiesen, 
denn weil sie nach dem Worte Gottes wandelten, sind 
sie zu Enchüysen gefangen gelegt worden, sind aber 
doch, weil sie auf Christum gegründet waren, in al- 
len diesen Prüfungen und schweren Anfechtungen 
standhaft und treu geblieben. Darum sind sie an dem 
genannten Orte zum Tode verurteilt worden, und ha- 
ben ihren Leib dem Herrn zu einem süßen Gerüche 
aufgeopfert und also die herrliche Krone erlangt. 

Von dem Jahre, worin diese Aufopferung stattge- 
habt, haben wir keine Nachricht finden können. 

Jacobi und Seli, seine Hausfrau, von Wormer, im 
Jahre 1542. 

Unter vielen andern, die um der Wahrheit des heili- 
gen Evangeliums willen ihr Gut und Leben freiwillig 
verlassen und übergeben haben, sind auch ein Bruder 
im Wasserlande zu Wormer, namens Jacob, und seine 
Hausfrau, genannt Seli, gewesen. Diese haben sich 
auch um die gute Perle, die im Acker verborgen war, 
bemüht und dieselbe auch gefunden. Darüber haben 
sie sich gefreut und alle irdischen Reichtümer und 
Wollüste dieser Welt, sowie den päpstlichen gegen 
Gott streitenden Aberglauben abgelegt und ihr gan- 


zes Leben nach diesem köstlichen Schatze des Wortes 
Gottes eingerichtet und reguliert. Deshalb ist es ge- 
schehen, dass die neidischen Papisten sie, um solches 
zu dämpfen, gefangen genommen und nach Amster- 
dam gebracht haben, wo sie um der Wahrheit willen 
viel haben leiden müssen. Weil sie aber durch kei- 
ne Versuchung sich von dem bekannten Glauben ha- 
ben abziehen lassen wollen, sondern bei Christo und 
seinem heiligen Worte bis zum Tode Stand hielten, 
so sind sie an dem genannten Orte verurteilt und in 
großer Standhaftigkeit verbrannt worden. Also haben 
sie ihre Leiber zum Feuer übergeben, ihre Seelen aber 
in die Hände Gottes befohlen und warten nun unter 
dem Altäre bis die Zahl ihrer Mitbrüder erfüllt sein 
wird. 

Jan Egtwercken, Nicolaus Melisß, Aecht Melis, 
Wilhelm, ihr Mann, Henrich Walingß, Catharina 
Amkers, Cornelius Luytß, Nicolaus Dietrich, 
Nicolaus Nicolas und Junker Dietrich Gerhard von 
dem Busch, bei Krommeniersdyk, im Jahre 1542. 

Nachdem nun das Wort Gottes an vielen Orten ver- 
kündigt und von vielen mit großer Dankbarkeit auf- 
genommen worden ist, so ist dasselbe auch im Was- 
serlande auf Krommeniersdyk in Erfahrung gebracht, 
geglaubt und angenommen worden; dies hat sich so 
fruchtbar erwiesen, dass einige durch dasselbe von ih- 
rem sündhaften Leben und stummen Götzen zu dem 
wahrhaften und lebendigen Gotte gezogen und be- 
kehrt worden sind, was unter andern an Jan Egtwer- 
cken, Nicolaus Melisß und Aecht Melis und ihrem 
Manne Wilhelm, Henrich Walingß, Katharina Amkers 
und Cornelius Luytß, Nicolaus Dietrich und Nicolaus 
Nicolas, sowie Junker Dietrich Gerhard von dem Bu- 
sche zu ersehen ist. Diese haben sämtlich von dem 
Papste und seinem Anhang sich abgesondert und un- 
ter den treuen Hirten Jesum Christum begeben, haben 
ihre Ohren nach seiner himmlischen Stimme gewandt 
und ihre Leiber zu seinem Dienst zubereitet. Es haben 
aber diese genannten dasjenige, was Christus seinen 
getreuen Nachfolgern von dem Kreuze und der Ver- 
folgung vorhergesagt hat, in reichem Maße erfahren; 
denn die blutdürstigen Papisten haben sie gefänglich 
eingezogen, gefoltert und nach vielen erlittenen An- 
fechtungen vom Leben zum Tode gebracht, was sie 
alles geduldig im Namen Jesu erlitten, und also die 
Krone des Lebens erlangt haben; sie erwarten also 
die Offenbarung Jesu, ihres Seligmachers, zu ihrer 
vollkommenen und ewigen Vergeltung. 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Balthasar Hubmaier mit seinem Weib. 

Auch ist zu Zwinglis Zeiten einer gewesen, Balthasar 
Hubmaier von Friedberg, ein gelehrter und wohlbe- 
redter Mann, der von den Papisten ein Doctor der 
Heiligen Schrift genannt wurde. Dieser war zuerst 
ein Leser und Prediger zu Ingolstadt, ist dann nach 
Rheinsburg gekommen, wo er wider die Juden und ih- 
ren Wucher gewaltig gepredigt hat, und durch die Er- 
leuchtung des Heiligen Geistes des Gräuels des Papst- 
tums kundig geworden ist; darum hat er sich von 
ihnen nach dem Rate Gottes abgesondert, hat auch 
nachher unter andern Irrtümern ihre selbsterdichtete 
Kindertaufe verworfen und die Taufe der Gläubigen 
nach dem Befehle Christi mit großem Nachdruck ge- 
lehrt. Weil aber diese finstere Welt es nicht ertragen 
kann, dass ihr das helle Licht des Evangeliums in die 
Augen leuchte, und dass man wider ihren falschen 
Glauben und ihre bösen Werke zeuge, so ist der Ge- 
nannte mit vielen andern von der Weib gehasst und 
verfolgt worden. Er ist aber nach mancherlei Anfech- 
tungen, erlittener Landesverweisung und Gefangen- 
schaft nach Nicolasburg in Mähren gekommen, wor- 
auf er mit seinem Weib gefänglich eingezogen und 
nach Wien in Österreich geführt worden ist, wo er 
nach mancherlei Versuchungen und langer Gefangen- 
schaft in großer Standhaftigkeit zu Asche verbrannt, 
sein Weib aber ertränkt worden ist. Also haben sie bei- 
de ihren von Gott empfangenen Glauben mit ihrem 
Tode standhaft befestigt. 

Leset Seb. Franck, von den römischen Ketzern, 
Buchstabe B. 

Dieser Balthasar Hubmaier hat zu seiner Zeit ein 
Büchlein veröffentlicht, worin er über Zwingli und 
die seinen klagt, indem er schreibt: 

Sie hätten es dahin gebracht, dass man auf einmal 
zwanzig, sowohl Männer und schwangere Frauen, als 
auch Witwen und junge Mägdlein, in einen dunklen 
Turm elendiglich geworfen und folgendes Urteil über 
sie gefällt habe: Dass sie von nun an ihr Leben lang 
weder Sonne noch Mond sehen und ihr Leben bei 
Wasser und Brot beschließen sollten. Zu dem Ende 
sollten sie alle in dem finstern Turme, Tote und Leben- 
dige, zusammenbleiben, verfaulen und im Gestanke 
liegen, bis von ihnen keiner mehr übrig wäre. 

Er schreibt ferner, dass auch einige in drei Tagen 
keinen Mund voll Brotes aßen, damit die andern zu 
essen haben möchten. 

Ach Gott (schreibt er ferner), welch ein hartes, 
schweres und strenges Urteil über fromme, christliche 
Leute, welchen niemand etwas weiteres nachsagen 
konnte, als dass sie nach dem Befehle Christi die Was- 
sertaufe empfangen hatten. 


O eine betrübte Deformation (sagen wir) der soge- 
nannten Reformierten! Der Herr wolle es ihnen verge- 
ben und ihren Seelen bei ihrem blinden Eifer gnädig 
sein! 

Siehe durchgehend in Balthasar Hubmaiers Klage 
über Zwingli. Ferner, in der Vorrede an den unpartei- 
ischen Leser, welche dem Opferbuche vorgesetzt ist 
über das Jahr 1615, Buchstabe I. Endlich, Chronik von 
dem Untergange, gedruckt 1617, Pag. 1031, Col. 2. 

Leonhard Bärnkopff, 1542. 

Im Jahre 1542 ist der Bruder Leonhard Bärnkopff zu 
Salzburg um des Glaubens willen gefangen genom- 
men worden. Man hat ihn auf mancherlei Weise ver- 
sucht, um ihn zum Abfall zu bringen; als er aber auf 
dem engen und schmalen Wege der Wahrheit Gottes 
standhaft verharrte und kein Abfall von ihm zu hof- 
fen war, so hat man ihn zum Tode verurteilt, auf den 
Richtplatz hinausgeführt und neben ihm ein Feuer an- 
gesteckt, woran sie ihn gebraten haben; aber er hielt 
sich unverrückt an den Herrn und sagte noch zu den 
Bluthunden und Schindersknechten: Diese Seite ist 
genug gebraten, wendet mich um, denn dieses Leiden 
ist mir durch die Kraft Gottes gering und schlecht ge- 
gen die ewige Herrlichkeit. Also hat er an dem Gräuel 
der Verwüstung und seinem Malzeichen den Sieg wi- 
der das Tier und sein Bild davongetragen; denn ehe 
er dessen Malzeichen hätte annehmen oder Gott sei- 
nem himmlischen Vater zuwider hätte etwas tun wol- 
len, ließ er lieber seinen Leib mit den sieben tapferen 
und gottesfürchtigen Söhnen rösten und braten und 
durch Feuer hinrichten; auch konnte ihn solches nicht 
von der Liebe Gottes abziehen, darum wird er auch 
die Harfe Gottes in seinen Händen haben, dann wird 
sein Mund mit allen gläubigen Überwindern, welche 
durch große Trübsale gekommen sind, voll Lachens 
werden, und ihre Zunge wird voll Lobgesangs sein 
und sie werden mit den Knechten das neue Lied des 
Lammes singen, ja sie werden den allmächtigen Gott 
ewig anschauen. 

Hans Huber, im Jahre 1542. 

In diesem Jahre 1542 ist der Bruder Hans Huber oder 
Schuhmacher zu Wasserberg im Bayerlande unter 
dem Grafen Oting gefangen genommen worden. Als 
sie nun mit ihm vieles angefangen und ihn vom Glau- 
ben abzuziehen gesucht hatten, er aber dabei stand- 
haft verharrte, so dass er stets bekannte und zeugte, 
dass dieses, worauf er sich stütze, der rechte Grund 
der Wahrheit und der rechte Glaube an Christum Je- 
sum unsern Seligmacher sei, um deswillen er auch 



99 


bekannte, dass ihm um Christi willen dieses Leiden 
nicht schwer falle, so ist er nachher zum Tode verur- 
teilt und hinausgeführt worden. Als sie ihm nun sein 
Gesicht mit Feuer verbrannten, so dass ihm das Haar 
und der Bart abgesengt ward, fragten sie ihn noch, 
ob er abfallen wolle, in welchem Falle sie ihn beim 
Leben erhalten wollten. Er wollte aber nicht abwei- 
chen, sondern ist in Christo Jesu standhaft geblieben. 
Hierauf ist er lebendig verbrannt und hingerichtet 
worden und hat dem Herrn Christo sein Taufgelüb- 
de getreulich bezahlt, auch sein Leben zum rechten 
Brandopfer um des Wortes Gottes übergeben, indem 
er lieber dieses zeitliche Leben verlassen, als an Gott 
treulos werden wollte; also hat er durch die Tat bewie- 
sen, dass er ein standhafter Liebhaber Gottes sei. 

Damian, 1543. 

Um diese Zeit im Jahre 1543 hat man einen Bruder 
namens Damian aus Algau zu Ingolstadt gefänglich 
eingezogen, um ihn vom Glauben abwendig zu ma- 
chen; als er sich aber zum Abfall nicht verstehen woll- 
te, ist er zum Tode verurteilt worden und hat, indem 
man ihn hinausführte, dem Volke zugeredet und von 
seinem Glauben Rechenschaft gegeben, sodass ein 
Student sagte, eines von beiden sei gewiss, dieser 
Mensch habe seinen Glauben entweder vom bösen 
Teufel, oder von dem Geiste Gottes, weil er so viel 
wüsste, während er doch dem Ansehen nach ein ein- 
fältiger Mensch zu sein schiene; auch hat ihm damals 
jemand zugeredet und gefragt, ob er als ein frommer 
Christ sterben wollte, worauf er sagte: Ja. Er fragte ihn 
ferner: Was gibst du uns denn für ein Zeichen, wor- 
an wir solches erkennen mögen? Der Bruder sprach: 
Merke darauf, wenn man mich verbrennt, so wird 
der Rauch geradewegs gen Himmel steigen, was auch 
wirklich geschehen ist. Als er mm gerichtet wurde, 
fragte der Scharfrichter, wohin sich sein Rauch wen- 
dete, und ob er auch recht gerichtet hätte. Der Richter 
antwortete: Du hast gerichtet, wie du gewollt hast, ich 
habe das Urteil nicht gefällt. Also hat dieser Zeuge 
Gottes und Christi die Marterkrone erreicht. 

Von einem gewissen Befehl, welcher in ganz 
Westfriesland wider Menno Simon und folgeweise 
wider alle diejenigen, welcher seine Lehre 
beistimmten, um das Jahr 1543 bekannt gemacht 
worden ist. 

In der Chronik von dem Untergänge der Tyrannen 
und jährlichen Geschichten, in der Auflage von 1617, 
auf das Jahr 1553, Pag. 1104, Col. 1 und 2 findet man 
diese Worte: 


»Um diese Zeit haben die Diener des Antichristen 
durch ganz Westfriesland einen schrecklichen Befehl 
ausrufen lassen, worin allen Übeltätern und Totschlä- 
gern, welche Menno Simon den Peinigern und Scharf- 
richtern in die Hände liefern würden, die Strafe ihrer 
Bosheit erlassen und ihnen dabei des Kaisers Gnade, 
Freiheit des Landes, auch außerdem 100 Karlsgulden 
verheißen wurde.« 

Wenn man diesen Befehl genau einsieht und be- 
trachtet, so lässt sich die über die Maßen große Bosheit 
und Tyrannei der westfriesländischen Obrigkeiten in 
den Zeiten gegen diejenigen nicht verkennen, wel- 
che den wahren Glauben verteidigten, oder wenigs- 
tens demselben zugetan waren. Alle Missetäter und 
Totschläger, welche wegen ihrer schweren Missetat 
und Mordes nach den Landesgesetzen sehr schwe- 
re Strafen, ja selbst den Tod verdient hatten, werden 
hier glimpflicher behandelt als ein frommer Christ, 
welcher niemanden beleidigt; ja, sie wurden von der 
Strafe des Verderbens frei gesprochen und ihnen (laut 
derselben Zeit) noch außerdem eine große Summe 
Geldes verheißen, für den Fall, dass sie selbst nur eine 
einzige Person, welche die wahre Lehre verteidigte, 
den Richtern des Blutgerichts in die Hände liefern 
würden. 

Wie viel, meint ihr wohl, würde man ihnen verhei- 
ßen haben, wenn sie alle Rechtgläubigen und folglich 
die ganze Kirche Gottes hätten ausrotten können? We- 
nigstens hätten wir gegründete Ursache zu schließen, 
dass dieses die Häupter der wahren Zeugen Jesu, die 
sich in den Gegenden aufhielten, im allgemeinen nicht 
wenig getroffen habe, wovon auf betreffenden Orts 
Nachricht gegeben werden soll, wie unbarmherzig die 
Obrigkeiten daselbst durch Anreizung einiger geist- 
lich genannten Personen mit den unschuldigen und 
wehrlosen Schäflein der Herde Jesu Christi gehandelt 
haben. 

Georg Libich und Ursel Helrigling, 1544. 

Um das Jahr 1544 ist Georg Libich um des Glaubens 
der Wahrheit Gottes willen zu Filleburg bei Insbruck 
gefangen genommen worden. Da aber dieser Ort, wie 
bekannt ist, der Gefahr der bösen Geister besonders 
unterworfen ist, so hat auch dieser Bruder von dem 
bösen Feinde viel Widerstand und Verfolgung erlit- 
ten; denn derselbe hat ihn oft in sichtbarer Gestalt 
versucht, und insbesondere im ersten Jahre ihn viel 
angefochten. 

Einst erschien er ihm in Gestalt einer Jungfrau und 
wollte ihn umarmen; wenn der Bruder niederkniete 
und betete, so legte er ihm etwas in den Weg, sein 
Gebet zu verhindern; auch hat er den Versuch ge- 



100 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


macht, ihn mit sich zu nehmen, allein er vermochte 
es nicht; er ist ihm ebenfalls in Gestalt eines Jünglings 
und eines Kriegsmannes erschienen und hat viel der- 
gleichen Dinge angefangen; als er aber damit nichts 
schaffen oder ausrichten konnte, ist er oben zum Tur- 
me hinausgefahren. Er hat auch vieles erzählt, wie es 
auf dem Lande bei der Gemeinde zuginge, dass er 
mit den Brüdern geredet, und dass sie ihm derglei- 
chen Dinge erzählt hätten, als aber der Bruder Georg 
ihn scharf bestrafte, ließ er ihn zuletzt in Ruhe und 
hat sich nicht mehr viel mit ihm eingelassen. Es hat 
ihn nicht allein der Feind in eigener Person besucht, 
sondern auch durch seine Kinder versuchen lassen; 
denn einst kam jemand zu ihm, wie ein Bruder ge- 
kleidet, gab sich auch für einen Bruder aus, grüßte 
ihn und sprach: Der Herr sei mit uns, mein Bruder, 
und bot ihm den Frieden an, um ihn durch solche 
Schalkheit zu verführen und zu betrügen. Georg aber 
fragte ihn, woher er käme; er sagte: Aus Mähren, von 
der Gemeinde. Hierauf fragte ihn Georg, was für eine 
Botschaft er brächte, und wie es dort stünde und zu- 
ginge. Er sprach: Die Gemeinde und Brüder sind alle 
verjagt und zerstreut, keiner ist mehr mit dem andern 
und es ist aus mit ihnen. Da merkte Georg, dass es 
ein Betrug sei. Er sprach zu ihm seiner Schalkheit we- 
gen, welche er wohl verstand, und hat ihn mit seinem 
ernstlichen Zureden vertrieben, worüber er sich lange 
zu bedenken hatte. 

Um nun die Versuchungen des Satan und seiner 
Kinder vollzählig zu machen, wurde eine Schwester, 
die auch des Glaubens wegen gefangen lag, namens 
Ursel Helrigling, eine schöne junge Weibsperson in 
eben dasselbe Gefängnis an seine Füße gelegt und 
eine Zeitlang daselbst gelassen. Was der Satan und 
sein Same gerne gesehen hätte, ist leicht zu erraten. Sie 
aber hielten sich ritterlich und gottesfürchtig, ließen 
sich auch durch keine Lockung bewegen oder zu Falle 
bringen. 

Dieser Georg Libich wusste ein Jahr zuvor den Tag, 
wann er erlöst werden sollte. 

Auch sind nach ihm noch einige gefangen genom- 
men worden, welche alle auf denselben Tag aus ihrer 
Gefangenschaft befreit und wieder zu der Gemeinde 
gekommen, dann aber im Herrn entschlafen sind. 

Die Schwester Ursel, welche bei ihm gefangen ge- 
wesen, ist durch Gottes Schickung ohne an ihrem 
Glauben und Gewissen verletzt zu weiden, wieder 
frei geworden, auch zu der Gemeinde gekommen und 
daselbst im Herrn entschlafen. 


Maria von Beckum und Ursel, ihres Bruders Weib, 
im Jahre 1544. 

In diesem Jahre 1544 war eine Schwester im Herrn, 
Maria von Beckum genannt, welche um ihres Glau- 
bens willen von ihrer Mutter aus dem Hause getrieben 
wurde; als dies im Stifte Utrecht ruchbar geworden 
und dem Statthalter gemeldet wurde, hat derselbe 
Goosen von Raesfeld mit vielen Dienern ausgesandt, 
um die Jungfrau bei ihrem Bruder Jan von Beckum, 
wohin sie geflüchtet war, zu fangen; hier musste sie 
aus dem Bette aufstehen und mit ihnen gehen; als 
sie aber einen großen Haufen Volkes sah, welcher 
um ihretwillen gekommen war, fragte sie ihres Bru- 
der Weib Ursel, ob sie mitreisen und ihr Gesellschaft 
leisten wollte, worauf dieselbe antwortete, wenn Jan 
von Beckum damit zufrieden ist, so will ich gerne mit 
dir gehen, und wir wollen uns gemeinschaftlich in 
dem Herrn erfreuen. Als nun Maria solches von ih- 
rem Bruder begehrte, war er damit wohl zufrieden, 
und Ursel zog deshalb mit ihr; hier war die Liebe stär- 
ker als der Tod und fester als die Hölle. Ihre Mutter 
und Schwester waren aus Friesland zu ihr gekom- 
men; solches aber konnte sie keineswegs bewegen; 
sie hat von denselben Abschied genommen und ist 
mit ihrer Schwester Maria fortgezogen, weil sie lieber 
Ungemach leiden, als der Welt Freude haben wollte. 
Sie wurden zusammen nach Deventer geführt; hier 
kamen die blinden Leiter zu ihnen, die sie mit List 
zu ihren Menschensatzungen zu überreden suchten; 
sie aber antwortete: Wir halten uns an Gottes Wort 
und achten weder des Papstes Satzungen noch die 
Irrtümer der ganzen Welt; Bruder Grouwel wollte sie 
auch viel lehren, er konnte aber seine Sachen mit der 
Schrift nicht beweisen; als er sie nun nicht überwinden 
konnte, sprach er: Der Teufel redet aus eurem Mun- 
de, weg, weg, zum Feuer damit. Sie haben sich aufs 
Höchste gefreut, dass sie würdig wären, um Christi 
Namen willen zu leiden und seine Schmach tragen 
zu helfen; dann hat man sie auf das Haus zu Delden 
gebracht, wo man, wiewohl umsonst, viel Mühe an- 
gewandt hat, sie zum Abfalle zu bringen. Es kam von 
dem Burgundischen Hofe ein Verordneter, welcher 
die Messe, sowie die Satzungen des Papstes, trefflich 
herausstrich, aber er konnte den von ihnen angeführ- 
ten Schriftstellen nichts abgewinnen. Hierauf hat er 
sie gefragt, ob sie wiedergetauft wären, worauf sie ant- 
worteten: »Wir sind einmal nach dem Befehle Christi 
getauft, wie er geboten hat, und die Apostel getan 
haben; denn es ist nur eine rechte Taufe; wer dieselbe 
empfängt, hat Christo angezogen und führt ein un- 
sträfliches Leben durch den Heiligen Geist im Bunde 
eines guten Gewissens.« Er fragte auch, ob sie glaub- 



101 


ten, dass Christus ganz im Sakramente sei, welches 
sie für eine blinde Frage hielten und sagten: »Gott will 
weder Gleichnis noch Bildnis haben, weder im Him- 
mel noch auf Erden; denn Er sagt durch die Propheten: 
Ich bin der Herr, und außer mir ist kein Heiland. Von 
dem Abendmahle aber finden wir, dass es Christus 
zum Gedächtnisse seines Todes mit Brot und Wein 
nachgelassen; so oft wir nun solches gebrauchen, sol- 
len wir seinen Tod verkündigen bis Er kommt.« 

Als nun diese Maria und Ursel die Einsetzungen 
des Papstes für Ketzerei hielten, so sind sie den 13. No- 
vember in dem öffentlichen Gerichte zu Delden vor 
Pilatus und Kaiphas Gesellen gestellt und zum Tode 
verurteilt worden, worüber sie sich freuten und Gott 
lobten. Als nun das Volk ihre Standhaftigkeit sah und 
man sie zum Pfahl führte, haben viele geweint; sie 
aber sangen vor Freude und sagten: »Weinet nicht 
über das, was man uns antut; wir leiden nicht,« sag- 
te Maria, »als Zauberinnen oder andere Missetäter, 
sondern weil wir bei Christo bleiben und von Gott 
nicht weichen wollten; darum bekehret euch, so wird 
es euch ewig wohl gehen.« 

Als nun die Zeit des Leidens herannahte, sprach 
Maria: »Liebe Schwester! Der Himmel ist uns geöff- 
net, weil wir hier eine kleine Zeit leiden, so werden 
wir uns in Ewigkeit mit unserm Bräutigam erfreuen.« 
Hierauf haben sie sich einander den Kuss des Friedens 
gegeben. Auch baten sie dort gemeinschaftlich, dass 
Er den Richtern ihre Sünden vergeben wolle, denn sie 
wüssten nicht, was sie täten, und weil die Welt ganz 
in Blindheit versunken sei, so wolle sich Gott über 
sie selbst erbarmen und ihre Seelen in sein ewiges 
himmlisches Reich aufnehmen. Zuerst bemächtigten 
sie sich der Maria; dieselbe bat die Obrigkeit, dass 
sie doch nicht noch mehr unschuldiges Blut vergie- 
ßen wollte, dann verrichtete sie ihr Gebet brünstig 
zu Gott und bat auch für diejenigen, welche sie tö- 
teten; darauf stand sie freudig auf und ging mit so 
großer Freude zum Holzstoße, dass es nicht beschrie- 
ben werden kann; dabei sagte sie: Dir, o Christe, habe 
ich mich übergeben, ich weiß dass ich ewig mit Dir 
leben werde. Darum, o Gott vom Himmel, in deine 
Hände befehle ich meinen Geist. Der Scharfrichter 
fluchte, weil die Kette nicht nach seinem Sinne war; 
sie aber sagte: »Freund, bedenke, was du tust, mein 
Leib ist dessen nicht würdig, dass du Christum dar- 
über lästerst; bessere dich, dass du nicht in der Hölle 
brennen mögest.« Der Prediger, welcher Lehrer zu 
Delden war, hat die Ursel abgewandt, sie aber wand- 
te sich wieder um und sagte aus einem dringenden 
Gemüte: »Lasst mich meiner Schwester Ende sehen, 
denn ich begehre Teil zu nehmen an der Herrlichkeit, 
während sie eingehen wird.« Als nun Maria verbrannt 


war, fragten sie jene, ob sie noch nicht abfallen wollte? 
Sie sagte aber: »Nein, um des Todes willen nicht; ich 
will den ewigen Gott nicht also verlassen.« Sie woll- 
ten sie auch mit der leichteren Todesart des Schwertes 
begünstigen, sie aber sagte: »Mein Fleisch ist nicht 
zu gut, um für Christi Namen verbrannt zu werden.« 
Damit sagte sie zu einer ihrer Basen: »Sagt Jan von 
Beckum gute Nacht, und dass er Gott diene, welchem 
ich nun geopfert werde.« 

Als sie zum Scheiterhaufen kam, schlug sie ihre 
Hände zusammen und sprach: Unser Vater, der Du 
bist im Himmel. Ja, sprach der Pfaff, dort findet man 
ihn. Weil ich Ihn dort suche, sagte sie, muss ich des 
zeitlichen Todes sterben; hätte ich Ihn im Brote beken- 
nen wollen, ich hätte wohl noch länger leben können. 
Als sie nun auf das Holz trat, glitt sie aus, worauf sie 
sagte: Es dünkt mich, ich falle ab; der Tyrann aber 
rief: Haltet ein, denn sie will abfallen! Nein, sprach 
sie, der Block weicht unter meinen Füßen; ich will in 
Gottes Wort nicht schwach werden, sondern bei Chri- 
sto standhaft bleiben. Also haben sie sich bis an ihr 
Ende männlich gehalten und haben mit ihrem Tode 
das Wort Gottes mit großer Geduld und Freimütigkeit 
versiegelt und uns ein gutes Beispiel hinterlassen. 

Johann Niclaus und Lucas Lambertß, einem alten 
Manne, genannt Großvater, im Jahre 1544. 

Einige Testamente, geschrieben von Jan Niclaus (welcher in 
Amsterdam gefangen gelegen) an seine Hausfrau, Kinder 
und andere Freunde im Jahre 1544: 

Ein Testament an sein Weib. 

Einen freundlichen Gruß in dem Herrn an mein liebes 
Weib, welche ich nun nicht länger nach dem Fleische, 
sondern nach der Seele liebe. Höre meine Ermahnung; 
du weißt, dass, solange es uns nach dem Fleische mit 
Israel wohl ging, wir nicht wussten, was wir waren; 
nun aber, da uns der gute Vater antastet, fühlen wir, 
dass wir krank, schwach, elend, arm und nackend 
sind. Darum, mein liebes Weib, nimm dir Jesum Chris- 
tum als Beispiel, auf welche Weise er uns vorangegan- 
gen ist, nämlich, dass wir durch viele Trübsal ins Reich 
der Himmel eingehen müssen. Vergiss dein Fleisch 
mit aller deiner Sinnlichkeit, bitte den Herrn um Glau- 
ben, damit du überwinden mögest. Ich will mich auch 
freiwillig dem Herrn übergeben, weil Er mein Herz 
mit seiner Gnade tröstet. Du hast noch Zeit zur Besse- 
rung, ich aber bin an seine Gnade gebunden, worauf 
ich mich verlasse. Darum gedenke dessen nicht, was 
vergangen ist, sondern dringe mit festem Vertrauen in 
den Herrn, er wird dir zu allem verhilflich sein, was 



102 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


gut ist; dazu übergibst du dich und halte dich immer 
zu denen, die den Herrn fürchten; denn das wird das 
Beste für dich sein; denn wohl dem, der nicht im Rate 
der Gottlosen wandelt, noch auf den Weg der Sün- 
der tritt, noch da sitzt, wo die Spötter sitzen, sondern 
der Lust zum Gesetze des Herrn hat, und von seinem 
Gesetze Tag und Nacht redet. 

Mein geliebtes Weib! Bei den Gottesfürchtigen re- 
det man davon und dadurch weicht man vom Bösen; 
denn durch des Herrn Furcht scheut man das Böse, 
und durch die Liebe vollbringt man alles Gute. Wache 
doch einmal auf, denn es ist bei uns beiden nachlässig 
zugegangen; laß dich des Herrn Wort zu allem Guten 
anreizen; bitte Ihn um seinen Heiligen Geist; Er kann 
dich trösten, denn die Leiden dieser Zeit sind der 
Herrlichkeit nicht wert, die an uns offenbart werden 
sollen, denn das ist die Bewährung, die an unserm 
Glauben erfunden werden muss, welcher viel köst- 
licher ist, als das vergängliche Gold, welches durch 
Feuer bewährt wird. Mein liebes Weib, hätten wir also 
ins Reich Gottes eingehen können, wie wir angefan- 
gen und zuvor lange getan haben, so wäre der Weg 
nicht zu enge gewesen; aber unser Heiland musste 
durch Angst und Leiden zu seiner eigenen Herrlich- 
keit eingehen; wie wollen wir auf dem breiten Wege 
dort eingehen? Denn der Weg ist (wie der Herr sagt) 
schmal, der zum Leben führt, und wenig sind derer, 
die ihn finden; noch weniger aber, die richtig darauf 
wandeln; denn der gute Vater hat mir zwar diesen 
Weg gezeigt, aber mein böses Fleisch hat mich allzu 
schwer beschwert. Gleichwohl habe ich das Vertrauen, 
durch des Herrn Gnade selig zu werden; denn Paulus 
sagt: Wenn ich all mein Gut den Armen gäbe, und ließ 
meinen Leib brennen, und hätte die Liebe nicht, so 
wäre mir 's nichts nütze. 

Überlege, was diese Liebe sei, so wirst du alles auf- 
nehmen können, was auch der Herr über dich ver- 
hängt. Wie könnte ich es ausdrücken, die Liebe ist 
Gottes Natur, dieselbe sei mit dir und uns allen; ich 
gebe sie dir zum freundlichen Gruß. Der gute und 
barmherzige Vater gieße sie in unser aller Herzen 
durch seinen geliebten Sohn, Amen. 

Grüße alle lieben Freunde in dem Herrn; bitte den 
Herrn für mich; wie mir der Herr mitteilen wird, so 
will ich wieder tun. 

Noch ein Testament von Johann Nicolaus an sein 
Weib, 1544. 

Wisse, mein herzlich geliebtes Weib, dass ich dir ge- 
biete, dass du niemals von dem Worte des Herrn wei- 
chest, sondern tröste dich stets damit, denn das Lei- 
den dieser Zeit ist nichts gegen die Herrlichkeit, die an 


uns offenbart werden soll, so wir anders im Glauben 
bleiben. O laß uns dadurch überwinden und nicht ab- 
weichen, so werden wir die Krone empfangen, welche 
der gütige Herr allen denen verheißen hat, die seine 
Ankunft lieb haben; wenn wir hier bleiben wollen, so 
lieben wir seine Zukunft nicht; bitten wir Ihn aber 
um den Heiligen Geist, so wird uns derselbe in allen 
Stücken durch seine Gnade unterweisen, trösten und 
stärken. O laß uns beten! Denn durch das Gebet müs- 
sen wir alles empfangen. Darum, mein liebes Weib, 
sei nicht besorgt um die Dinge, die den Leib betreffen, 
sondern suche das Reich Gottes und seine Gerechtig- 
keit, so wird dir alles zufallen. Hiermit befehle ich 
dich Gott und dem Wort seiner Gnade, welches dich 
in jeder Versuchung stärken und bewahren kann. Die 
Gnade des Herrn sei mir Dir und uns allen, Amen. 
Erziehe meine lieben Kindlein in der Unterweisung 
des Herrn, das befehle ich dir, und halte dich zu den 
Guten, denn dieselben haben es gut. Sei nicht um zeit- 
liche Dinge bekümmert, denn was sichtbar ist, muss 
vergehen. Was du fortbringen kannst, das nimm mit, 
das übrige vertraue treuen Freunden und ziehe mit 
deinen Kindlein so weit, dass du vor den Menschen 
beschützt bist. Erziehe sie in der Unterweisung zum 
Herrn und halte dich zu denen, die den Herrn fürch- 
ten. Mein liebes Weib! Gib dich zufrieden; wenn mich 
der Herr durch eine schnelle Krankheit zu sich ge- 
nommen hätte, so hättest du Ihm dafür danken sollen; 
tue nun dasselbe. Diese Schrift hinterlasse ich dir als 
Testament; warte alle Tage deines Lebens auf die Zu- 
kunft unseres Herrn Jesu Christi; die Gnade des Herrn 
sei mit dir, Amen. 

Ein Testament an seine Kinder und dann an sein 
Weib. 

Meine lieben Kindlein Nicolaus Janß und Geertge 
Janß, Tochter; diese Schrift hinterlasse ich euch als 
Testament, wenn ihr etwa zu euren Jahren kommt; 
hört eures Vaters Unterweisung. Hasst alles, was die 
Welt und eure Sinne lieben, und liebt die Gebote Got- 
tes. Lasst euch darin unterweisen; denn sie lehren: 
Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst, 
das ist, er muss von seiner eigenen Weisheit abstehen 
und ernstlich bitten: Herr, Dein Wille geschehe. Tut 
ihr dieses, so wird euch der Heilige Geist alles leh- 
ren, was euch zum Glauben nötig ist. Glaubt nicht, 
was Menschen sagen, sondern was euch dass Neue 
Testament gebietet; diesem sollt ihr gehorsam sein 
und Gott bitten, dass Er euch lehre, was sein Wille sei. 
Verlasst euch nicht auf euren Verstand, sondern auf 
den Herrn, lasst alle eure Ratschläge in Ihm bleiben 
und bittet Ihn, dass Er euren Weg regieren wolle. Mei- 



103 


ne Kinder, wie ihr Gott den Herrn lieb haben, eure 
Mutter lieben und ehren und euren Nächsten lieben 
sollt, kann euch das Neue Testament lehren, so wie 
auch alle anderen Gebote, welche euch der Herr ab- 
fordert; was darin nicht enthalten ist, das glaubt nicht, 
und was darin begriffen ist, dem seid gehorsam. Hal- 
tet euch zu denen, die den Herrn fürchten, von dem 
Argen weichen und die durch die Liebe alles Gute be- 
wirken. Ach, seht weder auf den großen Haufen, noch 
auf lange Gewohnheit, sondern auf das kleine Häuf- 
lein, welches um des Herrn Wort willen verfolgt wird; 
denn die Guten verfolgen nicht, sondern sie werden 
verfolgt. Wenn ihr euch hierzu begeben habt, so hütet 
euch vor jeder falschen Lehre; denn Johannes sagt: 
Wer Übertritt und nicht in der Lehre Christi bleibt, der 
hat keinen Gott, wer aber in der Lehre Christi bleibt, 
der hat beides, den Vater und den Sohn. Die Lehre 
Christi ist: Liebe, Barmherzigkeit, Friede, Keuschheit, 
Glaube, Sanftmut, Demut und der volle Gehorsam 
gegen Gott. Meine lieben Kinder! Übergebt euch dem 
Guten, der Herr wird euch in allem Verstand geben. 
Dieses gebe ich euch zu meinem letzten Abschiede. 
Merkt auf des Herrn Bestrafung; denn wenn ihr Bö- 
ses tut, so wird Er euch in eurem Gemüte bestrafen. 
Darum lasst ab und ruft den Herrn um Hilfe an und 
hasst das Böse, dann wird euch der Herr erlösen und 
das Gute wird euch zuteil werden. Gott der Vater ge- 
be euch seinen Heiligen Geist durch seinen geliebten 
Sohn Jesum Christum, der euch in alle Wahrheit leiten 
wolle, Amen. 

Dieses habe ich, Jan Nicolaus, euer Vater, geschrie- 
ben, als ich um des Wortes des Herrn willen im Ge- 
fängnisse lag. Der gute Vater gebe euch seine Gnade, 
Amen. 

Mein liebes Weib, ich gebiete dir, dass du meine 
Kinder in aller Unterweisung zum Guten erziehest, 
und dass du sie mein Testament lesen lassest, und 
sie im Herrn nach deinem Vermögen erziehest, solan- 
ge du bei ihnen bist. Auch ist das mein Begehren an 
dich, dass du dich selbst und deine Kinder nicht mehr 
lieben wollest, als den Herrn und sein Zeugnis; laß 
dich nicht von deinem Fleische überwinden; wollen 
sie dir nicht erlauben, in dieser Stadt zu wohnen, so 
ziehe in eine andere. Das aber ist mein herzliches Ver- 
langen an dich, dass du dich immer zu den Guten 
halten wollest, denn wohl dem, der mit den Guten 
umgeht, der, welcher stets der Geringen Hilfe gewe- 
sen ist, wird auch dir helfen, dieses ist der gute Vater. 
Kann es nicht sein, dass du unverheiratet bleibst, so 
nimm einen Mann, der den Herrn fürchtet; aber was 
du auch tun magst, verlasse den Herrn nicht um ei- 
ne kleine Schüssel von Brei willen. Und obgleich ich 
dich für so unschuldig halte, als ich immer kann, so 


verlasse doch um ganz Amsterdam willen den Herrn 
nicht. Durch seine Gnade will ich Ihn um der ganzen 
Welt willen nicht verlassen; tue du desgleichen. Ach, 
lasst uns mit Gewalt durchdringen; mein Fleisch muss 
ich durch des Herrn Gnade verlassen, verlasse deines 
auch so. Mein liebes Weib, sollten wir an das Leiden 
denken, wir blieben darin stecken, aber wir müssen 
durch dasselbe auf die ewige Belohnung sehen; ich 
tröste mich fröhlich in dem Herrn, tue auch dasselbe. 
Wenn mich der Herr auf dem Bette abgefordert hätte, 
du hättest wohl zufrieden sein müssen; wie viel mehr 
nun? Du weißt ja nicht, wie lange deine Zeit hier sein 
werde! Darum folge dem Rate des Herrn, sei immer 
zu seiner Ankunft bereit, dann wirst du alles über- 
winden können; denen, die überwinden, ist die ewige 
Ruhe verheißen. 

Ein fester Glaube, eine gewisse Hoffnung auf die 
ewige Belohnung und eine brennende Liebe zu Gott 
und unserm Nächsten sei mit dir und mir und uns 
allen. Amen. 

Schreibe mir sofort, wie es dir geht; ich werde umso 
wohlgemuter sein, wenn du mein Begehren erfüllen 
wirst. Bitte, der Herr will angerufen sein; dies fühle 
ich jetzt. Bittet sämtlich, dass des Herrn Willen in mir 
und uns allen geschehe. Amen. 

Ein Testament von Johann Nicolaus an seine 
Brüder und Schwestern nach dem Fleische. 

Wisset, meine lieben Brüder, Cornelius Nicolaus, Ger- 
hard Nicolaus und Adriaantgen, Nicolaus Tochter, 
meine liebe Schwester, dass mein freundliches Be- 
gehren an euch sei, dass ihr euch doch zum Herrn 
bekehren, alle Hoffart, Geiz und Bosheit meiden, des- 
gleichen auch alle böse Gesellschaft verlassen wollt, 
euch still haltet und den Guten zugesellt. Untersucht 
des Herrn Wart und bittet Ihn um seinen Heiligen 
Geist, der wird euch Unterricht geben in allem dem, 
das euch nötig sein wird. Dies wird geschehen, wenn 
ihr euch selbst verleugnet und von eurem Eigenwillen 
ablasset; denn der Herr sagt: Wer mir folgen will, der 
verleugne sich selbst, nehme sein tägliches Kreuz auf 
sich und folge mir nach. Darum sterbet euren Lüs- 
ten ab; dann werdet ihr in der Ewigkeit nicht sterben, 
denn der Sünde Sold ist der Tod. Bittet aber Gott um 
seinen Heiligen Geist, Er wird eure Sinne so verän- 
dern, dass ihr das Böse hassen und euch davor hüten 
werdet. Ach, meine Liebsten! Hasset doch das Böse 
und liebt das Gute, dann wird Gott, der allein gut ist, 
mit euch sein; werdet ihr aber bei eurem bösen Sinne 
bleiben, so bezeuge ich aus des Herrn Munde, dass ihr 
euch selbst verdammen werdet; aber wenn ich schon 
so rede, so hoffe ich doch etwas besseres von euch. 



104 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Ach, bewahrt doch, was euch der Herr offenbart hat, 
nämlich: Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen 
tun, das tut ihr ihnen; dann wird es euch wohlgehen, 
und ihr werdet reich werden an allem Guten. Hier- 
zu helfe euch der gute Gott, durch Jesum Christum, 
seinem geliebten Sohn. Amen. 

Noch ein Testament von Johann Nicolaus an sein 
ganzes Geschlecht. 

Wisset, meine lieben Brüder und Schwestern, Vetter 
und Freunde und mein ganzes Geschlecht, dass ich 
nicht als ein Dieb, Mörder oder Übeltäter leide, son- 
dern um der Ordnung willen, welche des Herrn Apo- 
stel gelehrt und eingesetzt haben. Ich meine die hei- 
lige Kirchenordnung, welche vor achtzehnhundert 
Jahren gemacht worden ist, die Jesus Christus seinen 
lieben Jüngern befohlen und mit seinem Blute versie- 
gelt hat, und welche die Apostel gepredigt, gelehrt 
und mit ihrem Blute befestigt haben. Meine lieben 
Freunde! Lasset um meinetwillen das Haupt nicht sin- 
ken, weil etwa die Menschen schreien, ich sei als ein 
Wiedertäufer und Ketzer gestorben; wir finden nur 
von einer Taufe auf den Glauben Nachricht und vor 
dem Glauben ist von Gott keine Taufe befohlen. Es 
möchte aber nun jemand fragen: Was, soll man denn 
die Kindlein nicht taufen? Nein! Gleichwohl sind sie 
selig durch das Verdienst Jesu Christi und sind in sei- 
nem Blute getauft, denn es steht geschrieben: Gleich- 
wie sie in Adam alle sterben, so werden sie in Christo 
alle lebendig gemacht werden. Dieses geschieht aus 
lauter Gnade ohne irgendein Zeichen. Aber, meine 
lieben Freunde, der Herr hat befohlen, das Evangeli- 
um zu predigen, die da glauben, die soll man taufen. 
Auch hat Er befohlen, dass die Gläubigen sein Abend- 
mahl zu seinem Gedächtnisse auf solche Weise halten 
sollen, wie es der Herr eingesetzt und seine Apostel 
gebraucht haben; sonst hat Er ihnen nichts befohlen, 
weder Messe noch Kindertaufe, noch Ohrenbeichte 
oder sonstige auswendige Gottesdienste, sondern Er 
hat befohlen, Gott über alles zu lieben, seinem Wort 
gehorsam zu sein, seinen Nächsten wie sich selbst zu 
lieben. 

Ach, wo soll man diejenigen finden, die solches 
tun? Forschet im Worte Gottes, es ist kein Christ, der 
solches nicht wisse. Es ist ja damit nicht ausgemacht, 
dass sie lehren, dass ihr bei der heiligen Kirche bleiben 
sollt, sondern ihr müsst auch wissen, was die heilige 
Kirche sei, nämlich: die Versammlung der Gläubigen, 
welche durch das Wort Gottes ausgeboren sind, denn 
es ist euch wohl bekannt, dass niemand in diese Welt 
kommen kann, ohne dass er geboren werde; ebenso 
kann auch niemand in die zukünftige eingehen, es 


sei denn, dass er wiedergeboren sei; gleichwie Petrus 
sagt: Nicht aus vergänglichem, sondern aus unver- 
gänglichem Samen, nämlich aus dem lebendigen Wor- 
te Gottes, das da ewiglich bleibet. O wohl dem, wel- 
cher hier ausgeboren wird! Diese Wiedergeborenen 
gebrauchen die rechte Taufe und das rechte Abend- 
mahl, auch sondern sie sich von allen solchen ab, die 
schändlich lehren oder ungeziemend leben. Sie töten 
nicht den Leib, denn solches lehret Gottes Wort nicht, 
sondern sie meiden ihre Gesellschaft so lange, bis sie 
sich bekehren, denn sie sind die christliche Kirche, die 
Gemeinschaft der Heiligen, ihnen sind ihre Sünden 
vergeben, denn es ist kein anderer Name gegeben, we- 
der im Himmel noch auf Erden, durch den sie selig 
werden können, als der Name Jesu, das ist, durch Sein 
Verdienst. Sie glauben und leben allein nach seiner 
Verordnung. Er hat dieselben nicht getötet, welche 
nicht an ihn glaubten, auch hat es seine heilige Kirche 
nicht getan; aber er und die Seinen sind von Anfang 
her getötet worden und dabei wird es auch bleiben. 
Hieran sollt ihr diejenigen erkennen, die Ihm angehö- 
ren. Nicht diejenigen, die sich seines Namens rühmen 
und ihre Sache mit dem Schwerte behaupten, sondern 
diejenigen, die nach dem Exempel des Herrn leben 
und ihre Sache mit dem Worte Gottes befestigen, tra- 
gen das Schwert der Rechtgläubigen. Es möchte aber 
jemand sagen: Wo sind die Voreltern geblieben, die 
sonst nichts gewusst haben? Solches überlassen wir 
Gott zu beurteilen; man könnte auch sagen, dass der 
Herr verheißen habe, bei uns zu sein, bis an der Welt 
Ende; bei den Gläubigen ist er immer, bei den Ungläu- 
bigen aber niemals, das heißt, mit seinem Worte und 
dem rechten Gebrauche seiner Zeichen, nämlich der 
Taufe und dem Abendmahle, und so wird Er stets bei 
denen sein, die recht wandeln und ihr Leben nach 
seinen Worten einrichten. 

Liebe Freunde! Es sind zu der Apostel Zeiten sieben 
Sekten unter ihnen entstanden, um deswillen aber 
war die rechte Lehre nicht zu verwerfen, obgleich 
nun unter dem Evangelium viele böse Buben sich her- 
vorgetan haben, so nimmt doch solches dem Worte 
Gottes nichts an seiner Kraft; wer selig werden will, 
muss sich unter dasselbe beugen. Zu den Zeiten des 
heiligen Tobias hat ganz Israel die goldenen Kälber 
angebetet, welche der König Jerobeam hatte machen 
lassen; er aber hielt sich allein an den Herrn, seinen 
Gott, und tat, was Er ihm befohlen hatte. Freunde! 
Sehet ja nicht auf den großen Haufen, sondern sehet 
auf das Wort Gottes; dieses wird euch nicht betrügen. 
Verflucht ist der Mensch, der sich auf Menschen ver- 
lässt und Fleisch für seinen Arm hält; gesegnet aber 
ist der Mann, der sich auf den Herrn verlässt. Darauf 
verlasse ich mich, dass er seinen Vater nicht allein für 



105 


diejenigen bittet, die bei Ihm waren, sondern auch 
für diejenigen, welche sich durch das Wort zu Ihm 
bekehren würden. Der gute Vater wolle durch seinen 
eingeborenen Sohn Jesum Christum euch den rechten 
Verstand geben, dass ihr Ihn fernerhin kennen lernen 
möget. 

Bericht des Todesurteils über Johann Nicolaus und 
einen alten Mann, Lucas Lambertß von Beveren, 
auch Großvater genant, desgleichen wie sie 
gestorben sind. 

Als Johann Nicolaus und Lucas Lambertß, ein alter 
Mann von siebenundachtzig Jahren, welchen man den 
Großvater nannte, vor Gericht kamen, haben einander 
mit dem Kusse gegrüßt, worauf Johann Nicolaus zu 
dem Großvater sagte: Mein lieber Bruder, wie ist dir 
zu Mute? Der Großvater antwortete liebreich und sag- 
te mit fröhlichem Angesichte: Sehr wohl, mein lieber 
Bruder. Darauf sagte Johann Nicolaus: Laß dich we- 
der durch Feuer noch durch das Schwert furchtsam 
machen; o welche fröhliche Mahlzeit wartet auf uns, 
ehe die Glocke zwölf schlägt; worauf sie voneinander 
abgesondert worden sind. Nachher sprach der Schult- 
heiß: Du bist wiedergetauft? Johann Nicolaus sagte: 
Ja, ich bin auf meinen Glauben getauft, wie man alle 
Christen, nach Anweisung der Schrift, taufen soll; le- 
set diese. Hierauf haben sie abermals zu ihm gesagt: 
Du gehörst zu den verfluchten Wiedertäufern, welche 
fremde Sekten, Meinungen, Irrtümer und Streit unter 
dem Volke anrichten. Johann Nicolaus: Wir sind kei- 
neswegs ein solches Volk; wir begehren sonst nichts 
als das rechte Wort Gottes, und wenn wir darum lei- 
den müssen, so berufe ich mich auf die sieben Rats- 
herrn. Darauf wurde er gefragt, ob er nicht bekenne, 
dass er ungefähr vor vier Jahren wiedergetauft wor- 
den sei? Johann Nicolaus antwortete: Ungefähr vor 
drei Jahren wurde ich getauft, wie man alle Christen 
taufen soll. Der Rat sagte: So bekennst du es denn? 
Johann Nicolaus: Ja. Der Rat: Wohl, wenn du nun 
solches bekennst, so haben wir Vollmacht von allen 
sieben Ratsherren. Johann Nicolaus: Kann ich nicht 
vor den vollen Rat kommen? Man lässt es ja Dieben 
und Mördern zu, warum sollte es mir nicht auch er- 
laubt sein? Hierauf gingen die vier Ratsherrn hinaus, 
das Urteil zu fällen. Johann Nicolaus aber erhob seine 
Stimme und sprach: O barmherziger Vater, du weißt, 
dass wir keine Rache verlangen. Er schlug auch seine 
Hände in einander und sagte: Gib ihnen deinen Geist 
und rechne ihnen dieses nicht als Bosheit an. Dann 
kamen die vier Ratsherrn wieder ins Gericht und setz- 
ten sich nieder, um das Urteil bekannt zu machen und 
sagten also: Johann Nicolaus, gebürtig zu Alkmaar, 


welcher das Volk falsche Lehren, Irrtümer und neue 
Meinungen gelehrt hat, worauf Johann Nicolaus ant- 
wortete und sagte: Dem ist nicht also. Die Herren des 
Gerichts aber haben ihm hierauf das Reden verboten, 
weshalb der gute Johannes Nicolaus still geschwiegen 
hat, damit er sein Urteil anhören möchte; darauf fuh- 
ren sie in ihrem Urteile fort und sagten zum Schreiber: 
Lies ab seine Missetat. Derselbe hat nun vorgelesen, 
dass Johann Nicolaus zu Antwerpen 600 Bücher, die 
er mit Menno Simon aufgesetzt haben soll, hätte dru- 
cken lassen, welche er in ihrem Lande ausgestreut und 
wobei er falsche Meinungen gelehrt, fremde Sekten 
aufgerichtet, auch Schule gehalten und Versammlun- 
gen aufgerichtet hätte, um Irrtümer unter das Volk zu 
bringen, was gegen den Befehl des Kaisers und unse- 
re Mutter, die heilige Kirche, ist, und was die Herren 
des Gerichts nicht dulden, sondern vielmehr strafen 
sollen. Hierüber hat sie, wie zuvor, Johann Nicolaus 
gestraft und gesagt, es seien keine Sekten, sondern 
es sei Gottes Wort. Die Herren des Gerichts antwor- 
teten hierauf: Wir verurteilen dich, dass du mit dem 
Schwerte vom Leben zum Tode hingerichtet werden 
sollst. Der Leib soll aufs Rad gelegt, dein Haupt aber 
auf einen Pfahl gesteckt werden, und solches Urteil 
fällen nicht wir über dich, sondern der Hof. Als nun 
Johann Nicolaus aus dem Gerichte ging, hat er gesagt: 
Ihr Bürger sollt Zeugen sein, dass wir aus keiner an- 
dern Ursache, als um des lautern Wortes Gottes willen 
sterben; dieses ist vor Gericht geschehen. Als Johann 
Nicolaus auf die errichtete Schaubühne kam, hat er 
eine sehr verständige Anrede des Inhalts an das Volk 
gehalten: Höret, ihr Bürger zu Amsterdam! Wisset, 
dass ich nicht als Dieb oder Mörder leide, oder als 
hätten wir nach anderer Leute Gut oder Blut getrach- 
tet; auch seht mich nicht an, als ob ich mich selbst 
rechtfertigen oder erheben wollte, sondern ich kom- 
me mit dem verlorenen Sohne und gründe mich allein 
auf das reine Wort Gottes. Der Scharfrichter stieß ihn 
hierauf auf seine Brust: Johann Nicolaus aber wandte 
sich um und rief mit lauter Stimme: O Herr, verlass 
mich weder jetzt noch in der Ewigkeit! Herr, du Sohn 
Davids, nimm meine Seele auf! 

Hierauf hat der liebe Bruder Johannes Nicolaus das 
Wort Gottes mit seinem Blute befestigt, worauf sein 
Haupt auf einen Pfahl gesetzt, sein Leib aber aufs Rad 
den Vögeln und wilden Tieren zum Raube gelegt wur- 
de; der alte 87 jährige Großvater aber hat gleichfalls 
sein altes graues Haupt um der Wahrheit Jesu Christi 
willen gutwillig dem Schwerte dieser Tyrannen über- 
geben, und ruhen also beide unter dem Altar. 



106 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Einige Gläubige und Getaufte nach dem Befehle 
Christi, welche versammelt waren, das Wort Gottes 
zu hören, werden zu Rotterdam 1544 getötet. 

Was der heilige Apostel Paulus durch den Geist Gottes 
geweissagt hat, dass alle diejenigen, welche in Christo 
Jesu gottselig leben wollen, Verfolgung leiden müs- 
sen, hat sich auch in Wahrheit in der Stadt Rotterdam 
um das Jahr 1544 erwiesen, wo eine Anzahl frommer 
Nachfolger Jesu Christi im Namen des Herrn mitein- 
ander versammelt waren, um miteinander zu reden 
und von dem Worte Gottes zu handeln, auch sich un- 
tereinander zu erbauen und in der angenommenen 
Wahrheit des heiligen Evangeliums zu stärken; des- 
gleichen auch, um den großen Gott des Himmels und 
der Erde aus einem Munde und mit demütigem Her- 
zen um die Vergebung und Erlassung der Sünden und 
um die Gabe des heiligen Geistes zu bitten und also 
seinem preiswürdigen Namen mit vereinigtem Lobe 
zu danken. Aber die Papisten, welche der Wahrheit 
Feind sind, haben jede solche gute Übung der Gottse- 
ligkeit zu verhindern und zu unterdrücken gesucht 
(so viel in ihrem Vermögen war); daher ist es gekom- 
men, dass die erwähnte Versammlung der Frommen 
ihnen in die Hände gefallen ist, indem sie durch ein 
Weib, welches in das Haus der Versammlung gekom- 
men ist, unter dem Vorwände, einen Kessel zu leihen, 
verraten worden sind. Als sie nun den Wölfen in die 
Hände gefallen sind, haben dieselben nach ihrer Art 
sehr grausam mit diesen wehrlosen Schäflein gehan- 
delt, in der Absicht, um dieselben von der Wahrheit 
abzuziehen, wiewohl sie solches alles in Geduld um 
des Namens Jesu Christi willen gern erlitten und er- 
tragen haben (und das zwar in der festen Hoffnung 
auf sein unvergängliches Reich). Als sie aber durch 
keine Pein zum Abfall bewegt werden konnten, sind 
sie zum Tode verurteilt worden; dieses Urteil ist auch 
an ihnen vollstreckt worden, indem die Mannsper- 
sonen an dem bezeichneten Orte mit dem Schwerte 
enthauptet, die Weiber aber grausamer Weise in einen 
Bach geworfen und unter das Eis gesteckt worden, bis 
sie endlich gestorben sind. Also haben hiermit diese 
beiden Gemeinden oder Völker, das ist, die Gemeinde 
Gottes und die Gemeinde des Satans, klar bezeugt 
und ausgedrückt, wessen Geistes Kinder sie gewesen 
sind, welches an den Früchten, der Art und Natur 
derselben leicht gemerkt und ersehen werden kann. 
Die Antichristlichen sind als reißende und raubende 
Wölfe von Natur zum Fangen und Würgen geboren, 
die Gemeinde Jesu Christi aber besteht in sanftmü- 
tigen Schafen und Lämmern, welche, wenn sie zur 
Schlachtbank geführt werden, stumm sind und sich 
nicht rächen mögen, und deshalb ihren Leib um des 


Namens des Herrn willen freimütig übergeben. Dar- 
um werden auch diese Schäflein, wenn der oberste 
Hirte wieder erscheinen wird, mit allen treuen Knech- 
ten die süßen Worte hören: Gehet ein zu eures Herrn 
Freude. 

Unter diesen Auf geopferten hat sich auch eine Jung- 
frau von vierzehn Jahren befunden; diese hat das Lied 
gemacht, welches in dem alten Liederbuche steht und 
so anfängt: Emanuel, der ausgegangen aus seines Va- 
ters Reich in dieses Weltgebäude. 

Franz von Bolßweert, 1545. 

Zu Bolßweert in Friesland ist ein rechtes Schäflein 
Christi, namens Franz, gewesen, welcher schlicht und 
recht in der Furcht Gottes lebte; aus diesem Grunde 
wurde er ergriffen und auf einem Schlitten nach Leeu- 
warden gebracht; hier ist er vor dem Richter gefragt 
worden, warum er nicht schwören oder das Abend- 
mahl mit ihnen in der Kirche halten wollte, worauf 
er geantwortet hat: Meine Herren, Christus lehrt uns, 
dass wir nicht schwören sollen, und weil ihr ungläu- 
big und unrein seid, will ich mich mit euch nicht ge- 
mein machen. Um solcher Reden willen gerieten die 
Herren in Zorn und sagten: Wir sind weder Diebe 
noch Mörder, warum sollten wir denn unrein sein? 
Aber es kommt uns vor, du habest eine falsche Leh- 
re und solche Ketzer gibt es nicht viele, wir wollen 
dieselben ganz ausrotten. Franz sagte: Meine Herren, 
entrüstet euch nicht, sondern lasset eure Hohenpries- 
ter mir die falsche Lehre, die ich habe, aus der Bibel 
beweisen; ich habe hier eine mitgebracht, kommt und 
unterrichtet mich daraus. Hierauf haben die Herren 
mit den Isabels Priestern Rat gehalten und gesagt: Er 
hat unsere Messe verschmäht; auch hält er nicht von 
unsern Gewohnheiten, und wir haben einen schar- 
fen Befehl, welchem wir gehorsam sein müssen; nach 
solchem muss er sterben; also ist er auf den Palma- 
bend 1545 zum Tode verurteilt worden, nämlich zu 
Asche verbrannt zu werden. Für dieses Urteil hat er 
den Herren unerschrocken gedankt und gesagt: Ich 
will euch dieses alles von Herzen vergeben, und wün- 
sche, dass euch Gottes Geist zur Besserung erleuchten 
wolle, dass ihr Buße tun und euch nach Gottes Wort 
richten möget; nun gehe ich nach der heiligen Stadt 
und meines Vaters Erbe. Hierauf wurde er wie ein 
Schlachtschaf zum Tode geführt. Viele, die solches 
sahen, haben geweint; er aber sagte: Weinet nicht, son- 
dern bereitet euch dazu, dass ihr euren Sünden ab- 
sterbet, denn dieses ist der rechte Weg zum Leben 
einzugehen; er hat auch noch andere tröstliche Wor- 
te geredet. Nachdem er nun öffentlich gebetet hatte: 
Herr Gott, nimm meine Seele auf und weide sie in 



107 


deinem Frieden, so hat der Scharfrichter sein Werk 
mit ihm angefangen. Als er ihn aber entkleidet und 
an den Pfahl gebracht hatte, und nun ihn mit dem 
Stricke erwürgen wollte, riss der Strick, dass er nie- 
derfiel. Hierüber ist der Scharfrichter erschrocken und 
hat ihn mit vielem Torf und Holz schnell zu Asche 
zu verbrennen gesucht, aber Gott erzeigte dabei sein 
Wunderwerk; denn das Feuer hat seine rechte Kraft 
verloren, so dass sein Leib nicht ganz verbrannt wer- 
den konnte; darum haben sich auch die Herren über 
den Scharfrichter entrüstet und zu ihm gesagt, dass 
er nicht Holz genug herbeigebracht habe, wiewohl es 
der Wille Gottes gewesen ist, dass er also unter die 
Zahl der Märtyrer kommen sollte. 

Oswald von Jamniß, 1545. 

In eben demselben Jahre ist der Bruder Oswald von 
Jamniß zu Wien in Österreich um des Glaubens willen 
gefangen gesetzt worden. Man hat mancherlei ver- 
sucht, um ihn vom Glauben abzubringen, denn die 
Bürger kamen zu ihm ins Gefängnis und redeten ihm 
freundlich und ernstlich zu, er sollte abweichen, sonst 
müssten sie ihn in der Donau ertränken; aber er sagte: 
Ob ihr mich schon ertränkt, so will ich doch von Gott 
und seiner Wahrheit nicht abweichen. Christus ist für 
mich gestorben. Ihm will ich nachfolgen und auch 
um seiner Wahrheit willen lieber sterben, als dieselbe 
verlassen. Sie konnten ihn, was sie auch sagten, nicht 
zum Abfall bewegen; nachher kamen zwei Brüder zu 
ihm, dieselben trösteten ihn und er befahl ihnen sein 
Weib und Kind. Sie umarmten sich und nahmen so 
Abschied voneinander und wünschten ihm Geduld in 
seinem Leiden, woran er doch unschuldig war. Als er 
nun ein Jahr und sechs Wochen gefangen gelegen hat- 
te, haben sie ihn nun auf einen Mittwoch, des Nachts, 
aus dem Gefängnisse und aus der Stadt geführt, da- 
mit die Menge des Volks es nicht sehen oder hören 
sollte; darauf haben sie ihn ins Wasser geworfen und 
in der Donau ertränkt. Es ist auch kein Urteil über 
ihn gefällt worden, desgleichen hat man auch sein 
Verbrechen nicht angezeigt. 

Weil er sich nun bis an sein Ende so geduldig und 
tröstlich betragen hat, so wird ihn Gott auch beken- 
nen, und wenngleich sie ihn heimlich und bei Nacht 
gerichtet haben, so wird er doch in dem öffentlichen 
Gerichte des Herrn im Tale Josaphat erscheinen, wo 
ein anderes Gericht gehalten werden wird, und dieses 
Gericht wird diejenigen wohl hundertmal schwerer 
treffen, welche das unschuldige Blut auf Erden ver- 
wegen verurteilen, ja es wird denen von Sodom und 
Gomorrha am jüngsten Tage erträglicher ergehen als 
allen solchen. 


Andreas Kofler, im Jahre 1545. 

Im Jahre 1545 ist auch einer aus Etschland, namens 
Andreas Kofler zu Ips an der Donau um des Glau- 
bens und der göttlichen Wahrheit willen gefangen ge- 
nommen worden, weil er weder abweichen noch ver- 
leugnen wollte, noch durch die Pfaffen und falschen 
Propheten sich abwendig machen ließ; nachher ist er 
von den Pilatuskindern zum Tode verurteilt und dem 
Scharfrichter überantwortet worden; derselbe hat ihn 
mit dem Schwerte gerichtet und die Gottlosen also 
befriedigt; er hat demnach die Wahrheit Gottes männ- 
lich bis an seinen Tod bekannt und bezeugt; nun ist er 
voraus nach dem ewigen Lichte und Leben und ruht 
in Abrahams Schoße, ja unter dem Altäre, unter wel- 
chem diejenigen liegen, welche um des Wortes Gottes 
und des Zeugnisses Jesu Christi willen enthauptet 
und erwürgt worden sind, bis die Zahl ihrer Mitbrü- 
der, die auch, gleichwie sie, getötet werden sollen, 
erfüllt sein wird. 

Hans Blietel, im Jahre 1545. 

In eben demselben Jahre 1545 ist gleichfalls der Bru- 
der Hans Blietel, welcher von der Gemeinde ausge- 
sandt worden ist, zu Ried im Bayerlande gefangen 
genommen worden. Als nämlich die von Ried Geld 
daraufsetzten, wer ihn auskundschaften könnte, hat 
sich ein Verräter gefunden; dieser gab ihm gute Worte, 
stellte sich an, als wäre er sehr eifrig und verlangte 
um ihn zu sein, nahm ihn auch mit sich in sein Haus. 
Der Bruder, welcher meinte, es sei ihm um das Heil 
seiner Seele zu tun, ging mit ihm; als er aber in sein 
Haus kam, schloss er ihn ein und sagte: Hans, du bist 
ein gefangener Mann. Er aber sagte zu ihm: Davor 
behüte dich Gott; ich bin ja um des Guten willen zu 
dir gekommen. 

Der Verräter forderte Geld von ihm und wollte ihn, 
wenn er ihm solches geben würde, loslassen; als aber 
der Bruder solches nicht tun wollte, ging er zur Ob- 
rigkeit und verriet ihn. Als er von ihnen gehen sollte, 
begehrte auch des Verräters Weib Geld von ihm, denn 
(sagte sie) die Obrigkeit würde ihn doch mitnehmen; 
sie wollte, wenn er ihr 15 Gulden geben wollte, ihn 
aus dem Hause entwischen lassen. Der Bruder Hans 
Blietel aber wollte ihr nicht einen Heller zugestehen, 
sondern wollte lieber mit Gottes Hilfe jede Trübsal 
erwarten. Unterdessen kam die Obrigkeit mit einem 
großen Haufen bewaffneter Männer und nahm den 
Bruder samt dem Verräter, sowie auch dessen Weib, 
gefangen, und verwahrte sie wohl mit Stricken, Ban- 
den und Seilen. 

Als sie nun nach Ried in die Markt kamen, nahmen 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


sie dieselben und peinigten sie grausam, sowohl den 
Verräter als den Bruder, denn da sie so wenig Geld 
bei dem Bruder fanden, meinte die Obrigkeit, dass 
ihm der Verräter solches abgenommen hätte; auch ha- 
ben sie dem Weibe des Verräters die Hände so übel 
zugerichtet, dass das Blut herauslief, und solches zu 
wissen verlangt; und obwohl dieselben nichts empfan- 
gen hatten, so kam ihnen doch ihre Verräterei teuer 
zu stehen. Als der Bruder Hans vier oder fünf Wo- 
chen gefangen gelegen hatte, so hat es sich ungefähr 
um St. Johannestag zugetragen, dass man ihn verur- 
teilt hat, lebendig verbrannt zu werden. Darauf haben 
sie ihn hinaus nach dem Richtplatze geführt; hier un- 
terstanden sich die Pfaffen, ihn dahin zu bewegen, 
dass er von seinem Glauben abfiele und denselben 
verließe. Aber er sagte zu ihnen: Ihr mögt von eurer 
gottlosen Verführung abstehen; ich will eure falsche 
Lehre nicht hören, noch derselben beistimmen; ich ha- 
be wohl jetzt eine andere Arbeit, als euch, ihr falschen 
Propheten, zu hören; ich muss dem Herrn, meinem 
Gotte, in Christo nachfolgen und das vollenden, was 
ich angelobt habe; darum blieben die Pfaffen zurück 
und ließen ihn in Ruhe. Es begegnete ihm aber im Hin- 
ausführen auf dem Wege nach dem Richtplatze einer 
seiner Bekannten, namens Mich. Dirks, oder Krämer; 
als sie nun einander antrafen, hat Hans Blietel dem 
Michael mit lachendem Munde angesehen und nach 
dem Himmel gewiesen; dieser verwunderte sich, dass 
er lachen könnte, indem er ja zum Tode und Feuer 
ginge; ja solches hat Michael in seinem Herzen sehr 
gedemütigt, gleichwie auch sein Weib, welche in drei 
Tagen nichts gegessen hat; sie hat sich auch, nebst 
mehreren andern bemüht, zur Gemeinde zu kommen 
und fromm zu werden. 

Als der liebe Bruder Hans hinaus auf den Richtplatz 
kam, dachte er an die Gemeinde und rief mit lauter 
Stimme unter das Volk, ob etwa jemand vorhanden 
wäre, der es wagen wollte, der Gemeinde Gottes in 
Mähren zu verkündigen, dass er, Hans Blietel, um des 
Evangeliums willen zu Ried im Bayerlande verbrannt 
worden sei. Sofort trat ein eifriger Mann voll Fröm- 
migkeit hervor; derselbe war durch dessen Standhaf- 
tigkeit aufgemuntert, und obgleich er nicht zu ihm 
kommen konnte, so rief er ihm doch zu, er wolle es 
der Gemeinde in Mähren sagen und bekanntmachen, 
dass er zu Ried um des Glaubens willen verbrannt 
worden sei. Dies machte den Bruder Hans so wohlge- 
mut, dass er abermals zum Volke sprach: Dieser mein 
Glaube ist die göttliche Wahrheit; solches will ich euch 
bezeugen, und ich sage euch: Tut Buße, bessert euch, 
und lasst ab von eurer Ungerechtigkeit und eurem bö- 
sen und lasterhaften Leben; werdet ihr solches nicht 
tun, so wird euch Gott um eurer Sünden willen heim- 


suchen und euch mit ewiger Pein strafen, welche auf 
alle Sünder wartet, ja er wird auch das unschuldige 
Blut von euren Händen fordern, und um des willen an 
euch Strafe ausüben. Als nun das Feuer angezündet 
und bereitet war, band man ihn auf eine Leiter; unter- 
dessen erklärte er wiederholt, dass dies die Wahrheit 
und der Weg zum ewigen Leben, ja die rechte Gemein- 
de Gottes seien; dessen seien Himmel und Erde seine 
Zeugen. Auch soll Gott, sprach er, heute ein Zeichen 
am Himmel geben als Beweis, dass dies der Weg zum 
ewigen Leben sei. Solches ist auch geschehen; denn 
die Sonne am Himmel verfinsterte sich und wurde so 
unklar, dass sie auch keinen Schatten mehr warf; ja, 
obgleich der Himmel klar und hell war, so gab doch 
die Sonne auf Erden einen bleichen und gelben Schein 
von sich; denn mit solchen Zeichen wollte Gott die 
Wahrheit bekräftigen. Dieser Freund Gottes hat auch 
im Feuer gesungen, indem er noch eine Zeitlang darin 
gelebt hat; er hat Gott mit seinem Gesänge gelobt und 
für alle Menschen, die dessen wert waren, gebetet, 
dass Gott sie erleuchten wolle. Und also ist er in der 
Feuerprobe gleich dem köstlichen und reinen Golde 
beständig und im Glauben standhaft erfunden wor- 
den; er hat auch das, als ein gewisses Zeichen, vorher 
verkündigt, dass der Rauch seines Scheiterhaufens 
schnell über ihm in die Höhe steigen und dass seine 
Seele in demselben nach dem Himmel fahren würde; 
solches ist auch geschehen, so dass der Ranch in gera- 
der Richtung gen Himmel gefahren ist. Einige sagen, 
es habe eine schöne weiße Taube im Feuer geschwebt, 
und sei über ihm gen Himmel geflogen. Also ist ihm 
Gott sehr kräftig zur Seite gewesen. 

Michael Matschilder, Elisabeth, sein Weib, und 
Hans Gurßham, im Jahre 1546. 

In diesem Jahre 1546 ist auch der Bruder Michael Mat- 
schilder, oder der kleine Michael genannt, welcher ein 
Diener Jesu Christi und seiner Gemeinde gewesen, 
mit zwei andern, nämlich seinem ehelichen Weibe 
Elisabeth, und mit Hans Gurßham, einem Schuhma- 
cher, zu Altenburg in Oberkärnten gefangen gelegt 
und verhört worden. Daselbst war ein Doctor und ein 
Gelehrter von Vilach; diese handelten mit ihnen, aber 
dieser Bruder gab ihnen solche Reden und Antworten, 
dass sie mit Schande ihren Abschied nehmen mussten 
und nichts ausrichten konnten. 

Nachher hat man sie in eisernen Ketten durch Stei- 
ermark geführt, und sie zu Wien im Amthause dem 
Stockmeister überantwortet, welcher sagte: Kommt, 
ich will euch in ein Gewölbe bringen; es befanden 
sich aber in demselben Hans Stautdach und seine drei 
Mitgefangenen. 



109 


Als sie zusammenkamen, umarmten und küssten 
sie einander und lobten Gott, dass er sie um seines Na- 
mens Ehre willen zusammengebracht hatte; nachher 
hat man Hans Stautdach nebst seinen drei Mitgefange- 
nen, wie zuvor gemeldet, hingerichtet; diese letzteren 
aber hat man sehr lange, nämlich an drei Jahre, näm- 
lich bis ins Jahr 1549 gefangen gehalten, um welche 
Zeit in der Stadt ein Brand entstanden ist. Bei dieser 
Gelegenheit hat man, wie in dieser Stadt gebräuchlich 
ist, wenn ein Brand entsteht, die Stadttore zugeschlos- 
sen und die Gefangenen losgelassen. Nachdem nun 
der Brand gelöscht war, ist, durch Gottes Schickung 
und der Beihilfe eines Bürgers, der Bruder Michael 
und sein Weib aus der Stadt entkommen und bei der 
Gemeinde angelangt, und also hat ihnen Gott unver- 
letzt und in Frieden wieder zu ihrer Freiheit geholfen. 
Hans Gurßham aber ist wieder ins Gefängnis gegan- 
gen und hat noch ein Jahr gefangen gelegen, nämlich 
bis ins Jahr 1550, zu welcher Zeit er auf einen Frei- 
tag frühe, im Juni, in der Donau ertränkt und also 
hingerichtet worden ist. 

Quirinus Pieterß, von Groningen, um des 
Zeugnisses Jesu Christi willen zu Amsterdam in 
Holland durch Feuer hingerichtet oder lebendig 
verbrannt, den 16. April im Jahre 1545. 

Als nun der Gewissens und Glaubenszwang nicht auf- 
hörte, sondern von den Papisten gegen die frommen 
Christen, die sich, nach dem Befehle Christi, auf ihren 
Glauben hatten taufen lassen, nur mehr entzündet 
wurde und durchbrach, so ereignete es sich, dass ein 
frommer Bruder, namens Quirinus Pieterß, in Gronin- 
gen geboren, sich von dem Papsttume abgesondert 
und sich unter die Kreuzeskirche Jesu Christi begeben 
hat, die man Taufgesinnte, oder verächtlich Wieder- 
täufer, nannte; derselbe hat sich dann von Menno Si- 
mon, welcher zu der Zeit einer der berühmtesten Leh- 
rer in Friesland gewesen, auf das Bekenntnis seines 
Glaubens durch die Taufe der Gemeinde einverleiben 
lassen. 

Als er aber ungefähr vor 6 Jahren sich nach Holland 
begab und sich zu Amsterdam niederließ, um daselbst 
in der Stille nach seinem Glauben und Gewissen zu 
leben, hat ihn die Obrigkeit daselbst gar bald ausge- 
kundschaftet, gefangen genommen und zuletzt, den 
16. April des Jahres 1545, als er nicht abfallen woll- 
te, verurteilt, mit Feuer gestraft zu werden, wodurch 
denn auch sein Tod erfolgt ist. 

Diese abscheuliche und harte Todesstrafe hat dieser 
fromme Held Christi standhaft erduldet, nachdem er 
seine Seele in die Hände Gottes befohlen hatte. 

Dieses alles haben wir aus nachfolgendem Todes- 


urteile gezogen, welches auf den Tag seines Todes 
durch die Herren der Finsternis vor Gericht öffent- 
lich abgelesen und uns aus dem Blutgerichtsbuche 
durch Vermittlung des Sekretärs daselbst aufrichtig 
zugesandt worden ist, dessen Inhalt, den Titel ausge- 
nommen, also lautet: 

Todesurteil über Quirinus Pieterß von Groningen. 

Nachdem Quirinus Pieterß, geboren in Groningen, 
sich zu der Wiedertäufer Unglauben und Ketzerei be- 
geben, indem er sich ungefähr vor sechs Jahren von 
einem Lehrer der gemeldeten Sekte, Menno Simon, 
hat wiedertaufen lassen, auch eine böse Lehre von den 
Sakramenten der heiligen Kirche behauptet, und noch 
überdies andere Menschen zu solchem Unglauben 
und Irrtümem verführt und ihnen dazu geraten hat, 
was gegen den christlichen Glauben, die Ordnungen 
der Kirche und die Befehle ihrer Kaiserlichen Maje- 
stät, unsers gnädigsten Herrn, streitet, und außerdem 
noch bei dem vorgebuchten Unglauben hartnäckig 
verharrt, so ist es geschehen, dass meine Herren, die 
Räte, nachdem sie die Anklage gehört haben, welche 
mein Herr, der Schultheiß, gegen den vorgemeldeten 
Quirinus Pieterß erhoben und dabei seine (des Beklag- 
ten) Antwort und Bekenntnis, und alle Umstände der 
vorgemeldeten Sache in reife Überlegung gezogen, 
dem vorerwähnten Quirinus Pieterß verurteilen von 
dem Scharfrichter mit Feuer hingerichtet zu werden; 
und dass sie ferner seine Güter zu ihrer Kaiserlichen 
Majestät Nutzen der Kaiserlichen Kammer verfassen 
zu sein erkennen. Dieser Ausspruch ist den 16. April 
in Gegenwart des ganzen Rates des Gerichts von Meis- 
ter Heinrich Dirkß, Bürgermeister, geschehen. 

Zufolgedessen ist Quirinus Pieterß auf denselben 
Tag vom Scharfrichter hingerichtet worden. 

Nota - Dieses alles ist aus dem Protokolle des Blut- 
gerichts gezogen, welches in der Kanzlei der Stadt 
Amsterdam niedergelegt ist. N. N. 

Hans Stautdach, Anthonius Klein, Blasius Beck, 
Leonhard Schneider, im Jahre 1545. 

Im Jahre 1545 sind vier Brüder, mit Namen Hans Staut- 
dach von Kaufbayern, Anthonius Klein, ein Schneider 
von Gundhausen, Blasius und Leonhard Schneider, 
beide von Kaufbayern, als sie mit ihren Weibern und 
Kindern zu der Gemeinde hierher nach Mähren zie- 
hen wollten, in Österreich gefänglich eingezogen wor- 
den. Man hat sie darauf den dritten Tag im August 
nach Wien gebracht und sie paarweise aneinander 
gebunden, hat ihnen schwere Ketten an die Füße ge- 
legt und sie als Missetäter durch die Straßen geführt. 



110 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


auch ihre Weiber und Kinder ihnen nachfolgen lassen; 
dann hat man sie ins Gefängnis gelegt und vier Tage 
lang bei Weib und Kindern gelassen; in diesen vier 
Tagen hat man sie verhört und ihnen hart zugesetzt, 
ob sie bei solchem Glauben bleiben wollten, worauf 
sie bekannt, dass sie solches mit Gottes Kraft und Hil- 
fe halten würden. Hierauf haben sie die vier Brüder 
in ein anderes Gefängnis gebracht, dann haben sie 
dieselben noch einmal verhört, und auch ihre Weiber 
und Kinder in des Richters Haus geführt, die Brüder 
aber dabei verhindert mit ihnen viel zu reden. 

Auf einen Sonntag, den 16. August, ist viel Volk zu 
ihnen in das Gefängnis gekommen und hat mit den 
Brüdern gesprochen, auch von ihren Weibern, wie 
sehr man ihnen aber auch zusetzte, um sie zum Ab- 
falle zu bewegen, so hielten sie sich doch tapfer und 
männlich, obgleich man ihnen sehr drohte, ihre Kin- 
der wegzunehmen; ihre Weiber sind übrigens endlich 
wieder freigelassen und zu der Gemeinde gekommen. 
Nachher hat man mit diesen Brüdern viel Schalkheit 
getrieben, um sie durch Furcht zum Abfalle zu be- 
wegen. Viermal sind sie vor die Obrigkeit nach Wien 
gebracht worden, auch vor Mönche, Pfaffen und Doc- 
toren, welche Christus nicht umsonst reißende Wölfe 
nennt, vor denen man sich hüten soll, denn ihre Pfaf- 
fen sind gleich den Wölfen, dieselbe kommen ja in 
einem schönen Gewände, sie zu verschlingen; aber 
sie wollen sie zuerst alle getötet und erwürgt haben, 
denn es ist den falschen Propheten leid, wenn sie je- 
manden bei seiner Frömmigkeit lassen müssen und 
ihn nicht verführen können; darum arbeiten sie auf 
viele und mancherlei Weise. Sie haben derer genug, 
welche ihrer falschen Propheten Lehre folgen und ih- 
rem gottlosen und lasterhaften Leben nachwandeln; 
sie könnten ja wohl die Frommen in Ruhe lassen. 

Also haben sie diese Liebhaber Gottes zwar auch 
versucht, aber denselben nichts abgewinnen können, 
sondern sind an ihnen zu Spott und Schanden gewor- 
den, denn es kann niemand Christo die Seinen aus 
der Hand nehmen. Sie haben ihnen auch des Königs 
Befehl vorgelesen und ihnen mit Feuer, Wasser und 
Schwert gedroht, desgleichen auch, dass man sie nur 
mit Wasser und Brot speisen und sie voneinander tren- 
nen oder sie bei der Nacht ertränken wolle wie den 
Bruder Oswald von Jamnitz; mit dergleichen Dingen 
haben sie ihnen Furcht einjagen wollen, wie zuvor 
berichtet worden ist. Aber diese Ritter und Helden 
der Wahrheit Gottes waren unerschrocken. 

Den 5. Tag nach St. Michaelis hat man sie wieder 
darüber verhört, ob sie vom Glauben abfallen wollten, 
und wenn dies nicht der Fall wäre, so hätten sie Be- 
fehl, sie vom Leben zum Tode zu bringen, es sei durch 
Feuer, Wasser oder Schwert; dies war ihre letzte Er- 


mahnung; als sie aber mit ihren Drohungen nichts 
ausrichten konnten, haben sie alle vier wieder in das 
Gefängnis (Joppen genannt) geführt. Den Hans Staut- 
dach haben sie im Gefängnisse gelassen, Blasius in 
der Holzkammer, Leonhard aber, nebst einem andern, 
in einem hellen Gefängnisse; nachher aber ungefähr 
um Allerseelentag, hat man sie wieder zusammenge- 
bracht. 

Hierauf, nämlich nicht lange nach St. Martinstag, 
den 22. November, hat man sie, als sie männlich und 
standhaft geblieben sind, und ohne Hehl bekannten, 
dass sie auf dem rechten Wege der göttlichen Wahr- 
heit wandelten, welches sie mit ihrem Blute versiegeln 
wollten, zum Tode verurteilt und dem Scharfrichter 
übergeben. Derselbe band sie und führte sie des Mor- 
gens früh, als der Tag anbrach, nach dem Hochgerich- 
te hinaus, damit nicht, wenn es ruchbar würde, die 
Menge des Volkes herbeilaufen möchte. 

Als man sie nun zur Schlachtbank hinausführte, 
waren sie guten Mutes und sangen fröhlich; darauf 
wurde ein Kreis geschloffen, wie die Scharfrichter zu 
tun pflegen. In diesem Kreise sind die Brüder nieder- 
gekniet und haben herzlich gebetet, auch dem Herrn 
dieses Brandopfer zum Abschiede aus diesem Leben 
anbefohlen. 

Der Scharfrichter ward traurig, tat es ungern und 
fühlte sich in seinem Gemüte beschwert, dass er so 
richten musste; die andern Pilatuskinder wollten auch 
unschuldig sein; aber sie mussten es um ihrer hohen 
Obrigkeit willen und auch von Amts wegen tun, wie- 
wohl sie wünschten, des Handels enthoben zu sein. 

Sie haben aber einander gesegnet und zur Standhaf- 
tigkeit ermahnt und einander geheißen getrost und 
guten Mutes zu sein, indem sie sagten: Heute werden 
wir bei den andern in unseres himmlischen Vaters 
Reiche sein. 

Also haben sie ihre Nacken um des Namens Christi 
willen unverzagt und ohne Furcht übergeben, und 
sind alle vier mit dem Schwerte hingerichtet und ent- 
hauptet worden. 

Dirk Pieterß Samuels und Jacob de Geldersman, 
werden zu Amsterdam den 24. Mai im Jahre 1546 
lebendig verbrannt 

Unter mancherlei Verfolgungen und Trübsalen, wel- 
che den frommen Nachfolgern Christi zugestoßen 
sind, hat es sich auch zugetragen, dass der Schaffner 
aus dem Haag und der Amtmann von Amsterdam, 
Wasserland und Seeland mit einem Haufen Häscher 
von Edam gekommen sind; dies geschah den 12. März 
des Jahres 1546, Freitag nachts vor dem großen Festa- 
bende; dieselben haben sich mit Fackeln und Laternen 
nach Dirk Pieterß Samuels und Jacob de Geldermans 
Hause verfügt, welche Bürger von Edam nach der 



111 


Wahrheit gesinnt und im Glauben einstimmig waren. 
Sie haben aber dieselben aus ihren eigenen Häusern 
und Betten abgeholt und von der Ostseite der Stadt 
außerhalb der Steinpforte nach der Westseite gebracht, 
wo sie in einen Nachen gesetzt und gefänglich nach 
Amsterdam gebracht wurden; von da aber haben sie 
dieselben nach einer gewissen Zeit nach dem Haag 
geführt, wo sie den 16. Mai desselben Jahres ihres 
Glaubens wegen untersucht worden sind. Als sie aber 
bei der angenommenen Wahrheit standhaft aushar- 
ren wollten, sind sie den 22. Mai in dem hohen Hofe 
von den Herrn dieser Welt verurteilt worden, leben- 
dig verbrannt zu werden. Hierauf hat man sie wieder 
nach Amsterdam geführt, wo sie viele Verfolgungen 
erlitten haben; sie sind hier auf Leitern gebunden wor- 
den, und haben also in großer Standhaftigkeit den 
Feuertod erlitten. Also haben sie ihre irdischen Woh- 
nungen freudig übergeben und verlassen und dafür 
von Gott einen Bau verlangt, der ewig dauern wird 
im Himmel. 

Andreas Samuel und Dirk Pieterß, 1546. 

Die Verantwortung und das Glaubensbekenntnis An- 
dreas Samuels und Dirk Pieterß, welches sie zu Ams- 
terdam vor den Verordneten abgelegt und im Jahre 
1546 mit ihrem Tode befestigt haben. 

Gesegnet sei Gott der Vater unseres Herrn Jesu 
Christi in Ewigkeit, Amen. Höret mein Bekenntnis an, 
ihr Fürsten dieser Welt. Zuerst haben sie mich nach 
meinem Glauben gefragt, worauf ich ihnen geantwor- 
tet habe: Es kam ein Schriftgelehrter zum Herrn und 
fragte ihn: Meister, welches ist das größte Gebot? Und 
der Herr sagte zu ihm: Du sollst den Herrn, deinen 
Gott, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit 
allen Kräften und deinen Nächsten wie dich selbst 
lieben, das ist das größte Gebot, und außer diesem ist 
kein anderes Gebot; und der Schriftgelehrte antworte- 
te: Du hast in der Tat wohl geantwortet, dass ein Gott 
sei und dass denselben aus ganzen Herzen, aus ganzer 
Seele und aus allen Kräften lieben, den Nächsten aber 
wie uns selbst lieben, mehr sei als Brandopfer oder ir- 
gendein anderes Opfer. Sie sagten darauf, wir wissen, 
dass ein Gott sei; glaubest du aber auch, wenn der 
Priester vor dem Altäre steht, dass Gott unter seinen 
Händen sei? Hierauf habe ich mit nein geantwortet. 
Stephanus sagte: Siehe, ich sehe den Himmel offen 
und des Menschen Sohn zur Rechten des allmächti- 
gen Vaters stehen. Darauf haben sie abermals gesagt: 
So glaubest du also nicht, dass er darin sei? Ich habe 
geantwortet: Ich glaube es nicht. Frage: Uns ist gesagt, 
dass, als euer Prediger an der einen Seite der Straße, 
ihr aber zu dreien an der andern Seite gewesen, ihr 


weder ihm noch dem Sakramente einige Ehre erwie- 
sen hattet; ist dem also? Antwort: Ja. Frage: Warum 
habt ihr das getan? Antwort: Ich will es sagen, meine 
Herren! Der Herr sagte durch den Propheten Jesaja in 
seinem 2. Kap: »Sie haben ihrer Hände Werk angebetet, 
welche ihre Finger gemacht haben; da bücket sich das Volk, 
da demütigen sich die Junker, das wirst du ihnen nicht ver- 
geben.« Frage: Hast du es um deswillen getan, weil es 
von Menschenhänden gemacht ist? Antwort: Ja, um 
deswillen, meine Herren! Damit ich dadurch meinen 
Herrn und meinen Gott nicht erzürnen möchte. Frage: 
Wie lange ist es, dass du das letzte Mal zur Beichte 
gegangen bist? Antwort: Wohl zwei oder drei Jahre. 
Frage: Warum das? Antwort: Weil der Herr gesagt hat: 
Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen 
seid, ich will euch erquicken. Frage: Hast du solches 
um deswillen getan? Antwort: Ja, um deswillen. Fra- 
ge: Wohlan, wie lange bist du nicht zum Sakramente 
gegangen? Antwort: Auch wohl in zwei oder drei Jah- 
ren nicht. Frage: Warum das? Antwort: Weil Paulus, 
Eph 5,27 , sagt: Christus hat ihm eine Gemeinde darge- 
stellt, die weder Flecken noch Runzeln habe, sondern 
dass sie heilig und unsträflich sein sollte. Frage: Tatest 
du solches um deswillen, weil du dessen nicht wür- 
dig wärest? Antwort: Ja, denn ich habe Runzeln und 
Flecken. Frage: Was hältst du von der heiligen Kirche? 
Antwort: Ich weiß von keiner heiligen Kirche, als von 
der Gemeinde der Apostel, von der Christus der Eck- 
stein ist. Frage: Das wissen wir wohl, dass es damals 
eine heilige Kirche war. Antwort: Kann denn auch ein 
anderer Grund gelegt werden, als der gelegt ist? Pau- 
lus sagte an die Galater im ersten Kapitel: Es wundert 
mich, dass ihr euch so bald lasst abwenden von dem, 
der euch berufen in die Gnade Jesu Christi, auf ein an- 
der Evangelium, so doch kein anderes ist, ohne dass 
etliche sind, die euch verwirren und wollen das Evan- 
gelium Christi verkehren. Aber so auch wir oder ein 
Engel vom Himmel euch das Evangelium würde an- 
ders predigen, denn das ihr empfangen habt, der sei 
verflucht. Predige ich denn jetzt Menschen oder Gott 
Zu Dienst? Oder gedenke ich Menschen gefällig zu 
sein? Wenn ich Menschen noch gefällig wäre, so wäre 
ich Christi Knecht nicht; denn das Evangelium das ich 
predige, ist nicht menschlich, denn ich habe es von 
keinem Menschen empfangen noch gelernt. Ferner 
sagte er zu den Korinthern: Ich hielt mich nicht dafür, 
dass ich etwas wüsste unter euch, ohne allein Jesum 
Christum, den Gekreuzigten. Frage: Wohl, was hältst 
du von Maria, der Mutter Gottes? Antwort: Viel, denn 
sie hat sich vor dem Herrn gedemütigt und ist durch 
ihre Demut erhoben wurden. Frage: Du hast wohl 
geantwortet. Was hältst du von dem Fegefeuer? Ant- 
wort: Ich weiß sonst von keinem Wege, als von zwei 



112 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Wegen. Frage: Kennst du auch wohl euren Prediger? 
Antwort: Ich kenne ihn wohl von Ansehen, aber ich 
habe ihn niemals angeredet, und er auch mich nicht. 
Frage: Warum hast du ihn nicht gehört? Frage: Weil 
Jakobus in seinem 1. Kap. sagt: »Ein Zweifler ist unbe- 
ständig in allen seinen Wegen.« Frage: Wohl, was hat er 
denn gesagt? Antwort: Ich habe sagen gehört, dass er 
gesagt haben soll, dass der Mensch allein durch den 
Tod Christi nicht selig werden könne. Frage: Hat er 
denn daran übel geredet? Antwort: Ja, denn Paulus 
sagt: Durch welches ihr nicht konntet im Gesetz Mo- 
ses gerecht werden, wer aber an diesen glaubt, der ist 
gerecht. Frage: Man weiß das wohl, dass man durch 
das Gesetz nicht selig werden könne. Antwort: Petrus 
sagt, dass den Menschen kein anderer Name gegeben 
sei, wodurch sie selig werden können, als nur der Na- 
me Jesu Christi. Frage: Wohl, wie lange ist es, dass 
du getauft worden bist? Als ich zu meinen Jahren ge- 
kommen bin. Bist du denn mit dieser Taufe zufrieden, 
dass du dadurch selig werden kannst? Antwort: Ja, 
ich glaube durch den Tod Jesu Christi selig zu werden. 
Frage: Wir müssen dennoch wissen, ob du glaubest, 
dabei selig zu werden? Antwort: Ich glaube, durch 
den Tod Christi selig zu werden. Frage: Wenn du da- 
zu kommen könntest, würdest du dich nicht mehr 
taufen lassen? Antwort: Das weiß ich nicht, denn Gott 
weiß beides, das Wollen und das Vollbringen. Frage: 
Wir wollen aber doch wissen, ob du die Taufe, die du 
in der Kindheit empfangen hast, für die rechte Taufe 
hältst, oder die, welche auf den Glauben geschieht? 
Antwort: Willst du solches deutlich wissen? Es steht 
geschrieben, dass der Herr zu seinen Aposteln gesagt 
habe: Gehet hin in alle Welt und prediget das Evan- 
gelium allen Kreaturen, wer da glaubet und getauft 
wird, der wird selig werden, wer aber nicht glaubt, 
soll verdammt werden. Ferner sagten die Männer zu 
Petrus und den Aposteln: Was sollen wir tun, dass 
wir selig werden? Tut Buße, sagt er, und lasse sich ein 
jeglicher taufen in dem Namen Jesu Christi zur Verge- 
bung der Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe 
des Heiligen Geistes, welche euch und euren Kindern 
verheißen ist und allen denen, die ferne sind, welche 
Gott unser Herr hinzurufen wird. Ferner bezeugt er 
mit vielen andern Worten und sagt: Lasset euch hel- 
fen von diesen unartigen Leuten. Die nun sein Wort 
gerne annahmen, ließen sich taufen und wurden auf 
diesen Tag an dreitausend Seelen dazu getan; sie blie- 
ben aber beständig in der Lehre der Apostel und in 
der Gemeinschaft und in dem Brotbrechen, und im 
Gebet, und es kam alle Seelen eine Furcht an und es 
geschahen viele Wunder und Zeichen durch die Apo- 
stel. Alle aber, die gläubig geworden waren, waren 
beieinander und hielten alle Dinge gemeinschaftlich. 


Ihre Güter und Habe verkauften sie und teilten sie 
unter alle, je nachdem jedermann Not hatte, und sie 
waren täglich und stets beieinander einmütig im Tem- 
pel und brachen das Brot hin und her in den Häusern, 
nahmen die Speise und lobten Gott mit demütigem 
Herzen und hatten Gnade bei allem Volke. Frage: Hier 
sagst du selbst, dass die Apostel in den Tempel ge- 
gangen seien? Antwort: Ja, das ist wahr, das war ein 
Tempel, den Gott zu bauen befohlen hat. Frage: Die 
Apostel gingen aber aus zu lehren, wohin gingen sie 
denn zu lehren? Antwort: Wo sie hinkamen, da gin- 
gen sie in die Schulen und predigten das Evangelium 
Christi. Frage: Wir haben gehört, dass du auch lehrest, 
wo du hinkommst? Antwort: O Herr! Was sollte ich 
predigen? Es kann wohl sein, dass wir das Evange- 
lium untereinander gelesen haben. Frage: Wo habt 
ihr dasselbe miteinander gelesen? Antwort: Das weiß 
ich nicht. Frage: Wie sollst du das nicht wissen, mit 
welchen du es gelesen hast? Antwort: Wie sollte ich 
das wissen, bald mit dem einen, bald mit dem andern. 
Hierauf haben sie viele genannt und gesagt. Frage: 
Kennst du diese und jene wohl? Antwort: Ja, ich ken- 
ne sie wohl. Frage: Hast du keine Bücher von Menno 
Simon und David Joris? Antwort: Nein, ich habe keine 
Bücher zu Hause, als eine Bibel, ein Testament und ein 
Büchlein vom Glauben. Darauf haben sie mancherlei 
gefragt und gesagt: Es sei so viel gesagt worden, dass 
wir hier und da gepredigt hätten; es wäre auch keine 
Stadt, wo wir gewesen, oder sie wüssten es besser, als 
ich es selbst wüsste. Nun, meine lieben Brüder, ich 
befehle euch Gott und dem Worte seiner Gnade, die 
mächtig ist, euch zu stärken und zu bewahren, und 
euch das Erbe aller Heiligen zu geben; darum sehe 
jeder zu, dass er nicht so vermessen und stolz sei und 
Wasser in den Brunnen des Lebens gieße, denn der 
Herr sagt, Joh 6,44: Es kann niemand zu mir kommen, 
es sei denn, dass ihn der Vater, der mich gesandt hat, 
ziehe, und ich werde ihn auferwecken am jüngsten 
Tage. Es steht geschrieben in den Propheten: Sie wer- 
den alle von Gott gelehrt sein; wer es nun hört vom 
Vater und lernt es, der kommt zu mir. Nicht, dass je- 
mand den Vater gesehen habe; darum, liebe Brüder 
und Schwestern, lasst uns Gott einmütig um Weis- 
heit bitten, gleichwie der Apostel Jakobus uns lehrt, 
und uns vor dem Sauerteige der Pharisäer und Saddu- 
zäer hüten, welcher Heuchelei oder Scheinheiligkeit 
ist; darum lasset uns dem obersten Herrn und Hirten 
Christo nachfolgen, und Ihm, vor Gott dem Vater, Lob 
und Dank sagen, welchem allezeit Preis und Lob von 
Ewigkeit zu Ewigkeit sei. Amen. 

Hier beginnt das Testament, welches Dirk Pieterß Samu- 
el sei. And. im Gefängnisse an seine Hausfrau geschrieben 
hat, als er sich zubereitete, um des Namens und Zeugnisses 



113 


Jesu willen zu sterben, worin er sie getröstet und ermahnt 
hat, dass sie Fleiß anwenden und seine und ihre Kinder von 
Jugend auf in der Gottesfurcht unterrichten soll: 

Gnade und Friede von Gott, dem Vater unsers 
Herrn Jesu Christi, Amen. Ich ermahne dich, meine al- 
lerliebste Schwester und Weib, Wellemoet Claes, dass 
du deinen Leib zu einem lebendigen Opfer begebest, 
das heilig und Gott wohlgefällig und dein vernünf- 
tiger Gottesdienst sei, und dass du dich dieser Welt 
nicht gleichstellst. Jakobus sagt: Wer der Welt Freund 
sein will, muss Gottes Feind sein; denn der Herr Jesus 
sagt, Joh 16,20: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, ihr 
werdet weinen und heulen, und die Welt wird sich 
freuen, ihr aber werdet traurig sein; doch eure Trau- 
rigkeit soll in Freude verwandelt werden. Ein Weib, 
wenn sie gebärt, hat Traurigkeit, denn ihre Stunde 
ist gekommen, wenn sie aber das Kind geboren hat, 
so gedenkt sie nicht mehr der Angst, um der Freude 
willen, dass der Mensch zur Welt geboren ist. Und 
ihr habt auch nun Traurigkeit; aber ich will euch Wie- 
dersehen, und euer Herz wird sich freuen und eure 
Freude soll niemand von euch nehmen. Darum sol- 
len wir mit dem heiligen Apostel Paulus sagen: Wer 
kann uns scheiden von der Liebe Gottes, Trübsal oder 
Verfolgung, oder Hunger, oder Blöße, oder Gefahr, 
oder Schwert, gleichwie geschrieben steht: Um dei- 
netwillen werden wir den ganzen Tag getötet; wir 
sind wie Schlachtschafe geachtet, die zum Tode ge- 
führt werden, aber in allem überwinden wir weit, um 
deswillen, der uns geliebt hat. Wer überwindet, der 
soll mit weißen Kleidern angetan werden, und ich 
werde seinen Namen nicht austilgen aus dem Buche 
des Lebens, und ich will seinen Namen bekennen vor 
meinem Vater und vor seinen Engeln. Wer Ohren hat 
zu hören, der höre, was der Geist den Gemeinden 
sagt. So bitte ich dich nun, meine Allerliebste, dass du 
vorsichtig wandeln wollest, nicht wie die Unweisen, 
sondern wie die Weisen, und kaufe die Zeit aus, denn 
es ist böse Zeit, und sei nicht unverständig, sondern 
verständig und tue, was des Herrn Wille sei, denn es 
ist genug, dass wir die vergangene Zeit des Lebens 
nach heidnischem Willen zugebracht haben, wo wir 
in Unzucht, Lüsten, Trunkenheit, Fresserei, Sauferei 
und gräulichen Abgöttereien wandelten. Darum, wer 
sich dünken lässt, er stehe, mag wohl Zusehen, dass 
er nicht falle. Es hat euch bis jetzt nur menschliche 
Versuchung beschlichen; denn Gott ist getreu, er lässt 
euch nicht über Vermögen versucht werden, sondern 
macht, dass die Versuchung so ein Ende gewinne, 
dass ihr es tragen könnt. 

Darum, meine Liebsten, flieht vor dem Götzen- 
dienste, und wisset, dass ihr nicht mit vergänglichem 
Silber oder Golde von dem eitlen Wandeln nach vä- 


terlicher Weise erlöset seid, sondern mit dem teuren 
Blute Christi, als eines unschuldigen und unbefleckten 
Lammes, das zuvor ersehen ist, ehe der Welt Grund 
gelegt ward; aber in den letzten Zeiten um euretwil- 
len offenbart, die ihr durch ihn an Gott glaubt, der 
Ihn von den Toten auferweckt und Ihm die Herrlich- 
keit gegeben hat, damit ihr Glauben und Hoffnung 
zu Gott haben mögt; denn die Hauptsumme und das 
Ende des Gebotes ist Liebe von reinem Herzen und 
von gutem Gewissen und von ungefärbter Liebe oder 
Glauben. Dieses sagte Jesus und hob seine Augen gen 
Himmel und sprach: Vater, die Stunde ist hier, dass Du 
deinen Sohn verklärst, auf dass Dich dein Sohn auch 
verkläre. Gleichwie Du Ihm Macht gegeben hast über 
alles Fleisch, damit Er das ewige Leben gebe allen, die 
Du Ihm gegeben hast. Das ist das ewige Leben, dass 
sie Dich, der Du allein wahrer Gott bist, und den Du 
gesandt hast, Jesum Christum recht erkennen. Denn 
einen solchen Hohenpriester sollten wir haben, der da 
wäre heilig, unschuldig, unbefleckt von den Sünden 
abgesondert, und höher denn der Himmel ist; dem 
nicht täglich Not wäre, wie jenen Hohenpriestern, zu- 
erst für eigene Sünden Opfer zu tun, darnach für des 
Volkes Sünde; denn das hat Er einmal getan, da Er 
sich selbst opferte. Denn das Gesetz macht Menschen 
zu Hohenpriestern, die da Schwachheit haben. Dies 
Wort aber des Eides, das nach dem Gesetze gesagt ist, 
setzt den Sohn ewig und vollkommen. 

Deshalb ermahne ich dich, meine Allerliebste, da 
wir einen solchen Hohenpriester über das Haus Got- 
tes haben: Lasst uns hinzugeben mit wahrhaftigem 
Herzen in vollkommenem Glauben. Johannes sagt: 
Meine Kindlein, solches schreibe ich euch, auf dass ihr 
nicht sündigt, und ob jemand sündigt, so haben wir 
einen Fürsprecher bei Gott dem Vater, Jesum Chris- 
tum, der gerecht ist; dieser ist die Versöhnung für 
unsere Sünden. Nun befehle ich dich Gott und dem 
Wort seiner Gnade, der da mächtig ist, dich zu erbau- 
en und dir das Erbe unter allen zu geben, die geheiligt 
werden. 

Die Gnade unseres Herrn sei mit dir nun und zu 
ewigen Zeiten, Amen. 

So ermahne ich dich nun, meine allerliebste Mut- 
ter, dass du fleißig Sorge tragest und die Kinder von 
Jugend auf Gott fürchten lehrest. 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Ein tröstlich ermahnender Sendbrief, im 
Gefängnisse von Dirk Pieterß Samuel, sei. 
Andenkens, welcher zu Amsterdam in Holland um 
des Namens und Zeugnisses Jesu willen lebendig 
verbrannt worden, an alle Liebhaber der 
evangelischen Wahrheit im Jahre 1546 geschrieben. 

Gesegnet sei Gott und der Vater unseres Herrn Je- 
su Christi, der Vater der Barmherzigkeit und Gott 
allen Trostes, der uns in allen unsern Trübsalen trös- 
tet, damit wir auch diejenigen, die in allerlei Trübsal 
sind, mit dem Tröste trösten können, womit wir von 
Gott getröstet werden. Denn gleichwie wir des Lei- 
dens Christi viel haben, so werden wir auch durch 
Jesum Christum reichlich getröstet. Darum sagt Pau- 
lus, Eph 3: Ich bitte euch, liebe Brüder, dass ihr nicht 
müde werdet um meiner Trübsale willen, die ich für 
euch leide, welche euch eine Ehre sind. Deshalb beuge 
ich meine Knie gegen den Vater unseres Herrn Jesu 
Christi, der der rechte Vater ist über alles, was Kinder 
heißt im Himmel und auf Erden. Derselbe sagt: Ich 
preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, 
dass du solches den Klugen und Weisen verborgen 
hast, und hast es den Unmündigen offenbart. Ja, Vater, 
denn es ist so wohlgefällig gewesen vor Dir; und nie- 
mand kennt den Sohn, denn der Vater, und niemand 
kennt den Vater, denn der Sohn, und wem es der Sohn 
offenbaren will. 

Darum spricht Er: Kommt her zu mir alle, die ihr 
mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken; 
nehmt auf euch mein Joch und lernet von mir; denn 
ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, so wer- 
det ihr Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch ist 
sanft und meine Last leicht. 

Darum, meine lieben Brüder, da wir einen solchen 
Hohenpriester haben, so lasset uns hinzugehen mit 
wahrhaftigem Herzen in völligem Glauben, besprengt 
in unserem Herzen und befreit von dem bösen Gewis- 
sen, und gewaschen am Leibe mit reinem Wasser, und 
lasset uns an dem Bekenntnisse der Hoffnung halten 
und nicht Wanken, denn Er ist treu, der sie verheißen 
hat; und lasset uns untereinander antreiben zur Liebe 
und zu guten Werken, und unsere Versammlung nicht 
verlassen, wie einige tun, sondern untereinander uns 
ermahnen, und zwar umso mehr, da ihr seht, dass 
sich der Tag naht; denn wir kennen denjenigen, der 
da sagt: Die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht 
der Herr, und ferner: Der Herr wird sein Volk richten; 
schrecklich ist es, in die Hände des lebendigen Gottes 
zu fallen. Denn er sagt: Wer mir nachfolgen will, der 
nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach (Mk 8), 
denn wer sein Leben erhalten will, der wird es verlie- 
ren; wer es aber um des Evangeliums willen verlieren 


wird, der wird's erhalten. 

Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: Du 
sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind has- 
sen; aber ich gebe euch ein neues Gebot, sagt Christus 
(Mt 5): Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, 
tut wohl denen, die euch hassen, und bittet für die, 
so euch beleidigen und verfolgen, auf dass ihr Kin- 
der seid eures Vaters, der im Himmel ist, welcher 
seine Sonne lasset scheinen über die guten und bösen 
Menschen, und lässt regnen über Gerechte und Unge- 
rechte. Wenn ihr liebet, die euch lieben, welchen Dank 
habt ihr davon, tun solches nicht auch die Zöllner und 
öffentlichen Sünder? 

So seid nun Gottes Nachfolger, als die lieben Kinder, 
und wandelt in der Liebe, gleichwie Christus uns ge- 
liebt und sich selbst für uns zur Gabe und zum Opfer, 
Gott zum süßen Gerüche, dahingegeben hat. 

Fliehe die Lüste der Jugend, jage aber nach der Ge- 
rechtigkeit, dem Glauben, der Liebe, dem Frieden, mit 
allen, die den Herrn anrufen von reinem Herzen; aber 
der törichten und unnützen Fragen entschlage dich, 
denn du weißt, dass sie nur Zank gebären; dass sie 
auf die Knechte des Herrn sehen, dieselben müssen 
nicht zänkisch sein, sondern freundlich gegen jeder- 
mann, lehrhaftig, die die Bösen ertragen können mit 
Sanftmütigkeit, und strafen die Widerspenstigen, ob 
ihnen Gott dermaleinst Buße gäbe, die Wahrheit zu 
erkennen und sie wieder nüchtern würden aus des 
Teufels Strick, von dem sie gefangen sind zu seinem 
Willen. 

Wer ist weise und klug unter euch, der erzeuge mit 
seinem guten Wandel seine Werke in der Sanftmut 
und Weisheit; habt ihr aber bittern Neid und Zank 
in euern Herzen, so rühmt euch nicht, und lügt nicht 
wider die Wahrheit, denn das ist nicht die Weisheit, 
die von oben herab kommt, sondern irdisch, mensch- 
lich und teuflisch. Denn wo Neid und Zank ist, da 
ist Unordnung und eitel böse Ding. Die Weisheit aber 
von oben her ist aufs Erste keusch, darnach friedsam, 
gelinde, lässt ihr sagen, voll Barmherzigkeit und gu- 
ter Früchte, unparteiisch, ohne Heuchelei. Die Frucht 
aber der Gerechtigkeit wird gesät im Frieden denen, 
die den Frieden halten. 

Wer Übertritt und bleibt nicht in der Lehre Chris- 
ti, der hat keinen Gott; wer aber in der Lehre Christi 
bleibt, der hat beides, den Vater und den Sohn. Und 
so jemand zu euch kommt und bringt diese Lehre 
nicht mit sich, denselben nehmt nicht auf zu Haus 
und grüßt ihn auch nicht; denn so ihr ihn grüßt, so 
habt ihr Gemeinschaft mit seinen bösen Werken. Dar- 
um sehet euch vor vor den falschen Propheten, die 
in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber 
sind sie reißende Wölfe; an ihren Früchten sollt ihr 



115 


sie erkennen. Kann man auch Trauben lesen von den 
Dornen, oder Feigen von den Disteln? Also ein jegli- 
cher guter Baum bringt gute Früchte; aber ein fauler 
Baum bringt arge Früchte. Ein guter Baum kann nicht 
arge Früchte bringen, und ein fauler Baum kann nicht 
gute Früchte bringen. Ein jeglicher Baum, der nicht 
gute Früchte bringt, wird abgehauen und ins Feuer 
geworfen. Darum seid barmherzig, wie auch euer Va- 
ter barmherzig ist. Richtet nicht, so werdet ihr auch 
nicht gerichtet; verdammt nicht, so werdet ihr auch 
nicht verdammt; vergebt, so wird euch vergeben; gebt, 
so wird euch gegeben: Ein vollgedrückt, gerüttelt und 
übervolles Maß wird man in euren Schoß geben. Denn 
eben mit dem Maße, da ihr mit messet, wird man euch 
wieder messen. Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Mag 
auch ein Blinder einem Blinden den Weg weisen, wer- 
den sie nicht alle beide in die Grube fallen? Der Jünger 
ist nicht über seinem Meister; wenn der Jünger ist wie 
sein Meister, so ist er vollkommen. Wer die Welt über- 
windet, wird alles besitzen; in Gott ist alles, und Gott 
wirkt alles in allem. 

Darum, meine lieben Brüder! Wandelt nur würdig 
nach dem Evangelium Christi, damit, wenn ich kom- 
me und euch sehe oder abwesend von euch höre, ihr 
in einem Geiste und einer Seele steht, mit uns für den 
Glauben des Evangeliums kämpft und euch durch 
nichts abschrecken lasset von den Widersachern, was 
ihnen zur Verdammnis, euch aber zur Seligkeit gerei- 
chen wird. Denn euch ist auferlegt, um Christi willen 
zu beweisen, dass ihr nicht allein an Ihn glaubt, son- 
dern auch um seinetwillen leidet, und dass ihr densel- 
ben Kampf kämpft, welchen ihr an mir gesehen habt 
und nun von mir hört. 

Darum, meine allerliebsten Brüder, lasset euch die 
Hitze, die euch begegnet, nicht befremden (die euch 
widerfährt, damit ihr versucht werdet), als widerfüh- 
re euch etwas Seltsames; sondern freut euch, dass ihr 
mit Christo leidet, damit ihr auch zur Zeit der Offen- 
barung seiner Herrlichkeit Freude und Wonne haben 
mögt. Selig seid ihr, wenn ihr über dem Namen Chris- 
ti geschmäht werdet, denn der Geist, der ein Geist der 
Herrlichkeit und Gottes ist, ruht auf euch; bei ihnen ist 
er verlästert, aber bei euch ist er gepriesen; niemand 
aber unter euch leide als ein Mörder oder Dieb oder 
Übeltäter, oder als einer der in ein fremdes Amt greift; 
leidet er aber als ein Christ, so schäme er sich nicht; er 
ehre aber Gott in solchem Falle, denn es ist Zeit, dass 
das Gericht an dem Hause Gottes seinen Anfang neh- 
me; wenn aber zuerst an uns, was will es für ein Ende 
mit denen nehmen, die dem Evangelium Gottes nicht 
glauben? Und wenn der Gerechte kaum erhalten wird, 
wo will der Gerechte und Sünder erscheinen? Darum 
sollen diejenigen, welche nach Gottes Willen leiden. 


Ihm ihre Seelen befehlen, als dem treuen Schöpfer, zu 
guten Werken. 

Denn das ist gewisslich wahr: Sterben wir mit, so 
werden wir mit leben; dulden wir, so werden wir mit 
herrschen; verleugnen wir, so wird er uns auch ver- 
leugnen; glauben wir nicht, so bleibt Er doch getreu; 
Er kann sich selbst nicht verleugnen. 

Darum, meine lieben Brüder, seht nun zu, wie ihr 
vorsichtig wandelt, nicht wie die Unweisen, sondern 
wie die Weisen, und erkaufet die Zeit, denn es ist 
böse Zeit; darum werdet nicht unverständig, sondern 
verständig, was des Herrn Wille sei. 

Denn es sind offenbar die Werke des Fleisches, als 
da sind: Ehebruch, Hurerei, Unreinigkeit, Unzucht, 
Abgötterei, Zauberei, Feindschaft, Hader, Neid, Zorn, 
Zwietracht, Rotten, Hass, Mord, Saufen, Fressen und 
dergleichen, von welchen ich euch zuvor gesagt habe 
und noch sage, dass, die solches tun, das Reich Gottes 
nicht ererben werden. Die Frucht aber des Geistes ist 
Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütig- 
keit, Glaube, Sanftmut, Keuschheit; wider solche ist 
das Gesetz nicht; diejenigen aber, welche Christo an- 
gehören, kreuzigen ihr Fleisch samt den Lüsten und 
Begierden. Ja, sagen die Weltweisen, die Ketzer glau- 
ben nicht, dass Gott im Sakramente sei. Ja wohl, mit 
vollem Rechte glauben sie das nicht; denn Paulus sagt: 
Er wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht 
sind. Sein wird auch nicht von Menschenhänden ge- 
pflegt. Ich gebiete dir vor Gott, der alle Dinge lebendig 
macht, und vor Christo Jesu, der unter Pontius Pilatus 
ein gutes Bekenntnis bezeugt hat, dass du das Gebot 
ohne Tadel und unsträflich bis zur Erscheinung un- 
seres Herrn Jesu Christi hältst, welche zu seiner Zeit 
der allein Selige und allein Gewaltige, der König aller 
Könige und Herr aller Herren zeigen wird, der allein 
Unsterblichkeit hat, der da wohnet in seinem Lichte, 
wo niemand zukommen kann, welchen kein Mensch 
gesehen hat, noch sehen kann, dem sei Ehre und sein 
ewiges Reich. Amen. 

Niemand hat je Gott gesehen; der eingeborene Sohn, 
der in des Vaters Schoße ist, hat es uns verkündigt. 
Stephanus sagte: Ich sehe den Himmel offen, und 
des Menschen Sohn zur Rechten Gottes stehen. Wenn 
nun Jesus Christus offenbar werden wird, welchen 
ihr nicht gesehen und doch lieb habt, und nun an 
ihn glaubt, wiewohl ihr ihn nicht seht, so werdet ihr 
euch mit unaussprechlicher und herrlicher Freude 
freuen, und das Ende seines Glaubens davonbringen, 
welches der Seelen Seligkeit ist. Ich sage, dass es ei- 
ne große Vermessenheit sei, wenn Menschen sagen 
dürfen, dass sie Gott mit Händen betasten; denn Jo- 
hannes, von welchem der Herr selbst bezeugt, dass 
von Weibern kein Größerer geboren worden sei, als 



116 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Johannes der Täufer, hielt sich selbst unwürdig, seine 
Schuhe aufzulösen. 

Wie aber den Menschen gesetzt ist, einmal zu ster- 
ben, dann aber das Gericht, so ist Christus einmal ge- 
opfert worden, vieler Sünde hinwegzunehmen, dann 
aber wird Er denen ohne Sünde erscheinen, die auf 
Ihn zur Seligkeit warten. Aber dieses ist mein Glau- 
be, dass denjenigen, die durch den Glauben an Jesum 
Christum den weltlichen Satzungen abgestorben sind 
und die bösen Lüste und Begierden ihres Fleisches 
gekreuzigt haben, Christus das Abendmahl unsers 
Herrn zum Gedächtnisse seines Todes hinterlassen 
habe, damit sie des Herrn Tod verkündigen sollen, bis 
Er kommen würde, wie Paulus sagt; mit den Klugen 
rede ich, richtet ihr selbst, was ich sage: Der gesegnete 
Kelch, welchen wir segnen, ist der nicht die Gemein- 
schaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist 
das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi? Denn 
ein Brot ist's; so sind wir viele ein Leib, weil wir alle 
eines Brotes teilhaftig sind. Sehet an den Israel nach 
dem Fleische. Welche die Opfer essen, sind die nicht 
in der Gemeinschaft des Altars? Was soll ich denn 
sagen? Soll ich sagen, dass es der Götze sei, oder dass 
das Götzenopfer etwas sei? Aber ich sage, was die 
Heiden opfern, das opfern sie den Teufeln und nicht 
Gott. Nun will ich nicht, dass ihr in der Teufel Ge- 
meinschaft sein sollt; ihr könnt nicht des Herrn Kelch 
und der Teufel Kelch zugleich trinken; ihr könnt nicht 
zugleich des Herrn Tisches und der Teufel Tische teil- 
haftig sein. 

Hiermit endigen seine Briefe; sie sind übersetzt und 
geendigt den 12. Januar im Jahre 1614. 

Riehst Heynes, im Jahre 1547. 

Um das Jahr 1547 ist auch eine gottesfürchtige Frau, 
namens Riehst Heynes, gewesen, welche, nach der 
Landessitte, nach ihrem Manne so genannt wurde; sie 
wohnte in Friesland in der Ilst, nahe bei Sneek. Diese 
hatte gleichfalls ihre Schultern unter das süße Joch des 
Herrn Jesu gebeugt, hat seine gesegnete Stimme ge- 
hört und ist derselben nachgefolgt, hat sich auch vor 
allen fremden Stimmen, die dagegen stritten, gehütet. 
Als die Feinde Gottes dies gemerkt, haben sie solches 
sofort zu verhindern und zu dämpfen gesucht und 
zu dem Ende ihre tyrannischen Diener ausgesandt, 
welche als reißende Wölfe gekommen sind und dieses 
wehrlose Schäflein handfest gemacht haben. Als sol- 
ches ihr Mann gewahr wurde, hat er sich mit großer 
Lebensgefahr auf die Flucht begeben; seine Ehefrau 
aber haben sie, ohne Mitleiden und ohne Barmherzig- 
keit, auf eine strenge Weise angegriffen und grausam 
gebunden, wiewohl sie schwanger war und ihre Ent- 


bindung nahe bevorstand, dass auch die Hebamme 
schon bei ihr gewesen war. Aber dessen ungeachtet 
haben sie dieselbe mit sich genommen, obschon ihre 
Kindlein sehr jämmerlich schrieen und weinten und 
sie nach Leeuwaarden ins Gefängnis gebracht, wo 
sie, als sie drei Wochen gefangen gelegen, einen Sohn 
geboren hat. Diesem Kinde waren zu großer Verwun- 
derung derer, die es sahen, die Malzeichen seiner Mut- 
ter, die sie durch die tyrannischen Banden empfangen, 
in den Armen tief eingedrückt. Nachher haben sie 
dies Schäflein auf eine grausame Weise gepeinigt und 
so tyrannisch behandelt, dass sie ihre Hände nicht 
aufs Haupt bringen konnte; in dieser Weise war sie 
durch unmenschliche Pein zugerichtet und das insbe- 
sondere um deswillen, weil sie ihre Mitbrüder nicht 
verraten wollte; denn diese Wölfe waren noch nicht 
gesättigt, sondern dürsteten sehr nach imschuldigem 
Blute. Aber der getreue Gott, der eine Feste in der 
Zeit der Not und ein Schild aller derer ist, die auf ihn 
trauen, hat ihren Mund bewahrt, so dass durch sie 
niemand verraten worden ist. Also ist sie, da sie kei- 
neswegs von Christo abfallen wollte, an demselben 
Orte zum Tode verurteilt; sie wurde wie ein unver- 
nünftiges Tier in einen Sack gesteckt und so ins Wasser 
geworfen und ertränkt. Dies alles hat dieses gemelde- 
te Schäflein Jesu Christi geduldig und standhaft um 
des Herrn Namen willen ertragen und ist bis in den 
Tod getreu geblieben, weshalb sie auch würdig ist, 
endlich die Krone des ewigen Lebens in der Ewigkeit 
von Gott zu empfangen und zu genießen. 

Nicolaus Leks, im Jahre 1548. 

Nicolaus Leks, geboren in Ostende, ist daselbst in 
Folge einiger Gerüchte, die man daselbst über ihn 
ausstreute, im Jahre 1548 auf das Rathaus gefordert 
worden. Als er nun daselbst erschien und seines Glau- 
bens wegen untersucht wurden ist, hat er ein gutes 
Bekenntnis getan und ist darauf gefangen gesetzt wor- 
den. Derselbe war ein Mann, der um der großen Almo- 
sen willen, die er unter den Armen austeilte, sich des 
allgemeinen Lobes erfreute. Als er untersucht wur- 
de, hat er der papistischen römischen Kirche und der 
Kindertaufe abgesagt, welches er mit der Heiligen 
Schrift widerlegt hat. Als er von seinem Glauben an 
Gott nicht abfallen wollte, ist er verurteilt worden, 
dass er erwürgt und verbrannt werden sollte. Als er 
nun zum Tode geführt wurde, hielt ihm der Pfaffe 
das Kruzifix vor, um solches zu küssen. Er weigerte 
sich aber dessen; auch sagte der Pfaffe zu dem Volke: 
Bittet für diesen Verführer, denn er gehet aus diesem 
Feuer in das ewige Feuer. Hierauf antwortete er ein- 
fach: Das sagst du; ich aber habe besseres Vertrauen. 



117 


Und also hat er, als ein rechtes Kind Gottes, sein Opfer 
vollbracht. 

Elisabeth, im Jahre 1549. 

Den 15. Januar des Jahres 1549 wurde Elisabeth ge- 
fangen genommen. Als nämlich diejenigen, die sie 
fangen sollten, ins Haus kamen, wo sie wohnte, fan- 
den sie daselbst ein lateinisches Testament. Als sie 
nun Elisabeth in Händen hatten, sagten sie: Wir ha- 
ben den rechten Mann, wir haben nun den Lehrer; 
dann sagten sie weiter: Wo ist dein Mann, der Lehrer 
Menno Simon? Und sie brachten sie auf das Rathaus; 
Tags darauf aber nahmen zwei Büttel sie zwischen 
sich und brachten sie ins Stockhaus. Nachher ward 
sie vor den Rat gestellt und auf den Eid gefragt, ob sie 
auch einen Mann hätte? Elisabeth antwortete jedoch: 
Es ist uns nicht erlaubt zu schwören, sondern unsere 
Worten sollen sein: Ja, ja; Nein, nein; ich habe keinen 
Mann. Die Herren: Wir sagen, dass du eine Lehrerin 
seiest, welche die Menschen verführt; solches haben 
wir auch von dir sagen gehört; wir wollen wissen, wer 
deine Freunde seien. 

Elisabeth: Mein Gott hat mir geboten, dass ich mei- 
nen Herrn und meinen Gott lieben, daneben aber mei- 
ne Eltern ehren soll; darum will ich euch nicht sagen, 
wer meine Eltern seien; denn dass ich um des Na- 
mens Christi willen leide, ist meinen Freunden keine 
Unehre. 

Die Herren: Hiermit wollen wir dich verschonen; 
aber wir wollen wissen, welche Menschen du gelehrt 
hast. Elisabeth: Ach nein! Meine Herren, lasset mich 
doch in dieser Sache zufrieden, und fragt mich über 
meinen Glauben; davon will ich euch gerne Rechen- 
schaft geben. Die Herren: Wir wollen dir schon so 
bange machen, dass du es uns sagen wirst. Elisabeth: 
Ich hoffe durch Gottes Gnade, dass Er meine Zunge 
bewahren wird, dass ich keine Verräterin werde, und 
meine Brüder nicht dem Tode überantworte. Die Her- 
ren: Wer war dabei, als du getauft wurdest? Elisabeth: 
Christus sprach: Fragt diejenigen darum, die dabei 
waren, oder die es gehört haben. Die Herren: Nun mer- 
ken wir, dass du eine Lehrerin seiest, denn du willst es 
Christo nachmachen. Elisabeth: Nein, meine Herren, 
das sei ferne von mir, denn ich achte mich nicht höher 
als der Ausfegsel, welches aus des Herrn Hause ge- 
kehrt wird. Die Herren: Was hältst du denn von dem 
Hause Gottes? Hältst du unsere Kirche nicht für das 
Haus Gottes? Elisabeth: Nein, meine Herren, denn es 
steht geschrieben: Ihr seid der Tempel des lebendigen 
Gottes, wie Gott spricht: Ich will in ihnen wohnen und 
wandeln. Die Herren: Was hältst du denn von unserer 
Messe? Elisabeth: Meine Herren, ich halte nichts von 


eurer Messe; halte aber viel von allem, was mit Gottes 
Wort übereinkommt. Die Herren: Was hältst du von 
dem hochwürdigen, heiligen Sakramente? Elisabeth: 
Ich habe mein lebelang in der Heiligen Schrift von 
einem heiligen Sakramente nicht gelesen, wohl aber 
von dem Abendmahle des Herrn (sie führte auch die 
Schrift an, die davon handelte). Die Herren: Schweige, 
denn der Teufel redet durch deinen Mund. Elisabeth: 
Ja, meine Herren, dies ist eine kleine Sache, denn der 
Knecht ist nicht besser als sein Herr. Die Herren: Was 
redete der Herr, als Er Seinen Jüngern das Abendmahl 
gab? Elisabeth: Was gab Er ihnen, Fleisch oder Brot? 
Die Herren: Er gab ihnen Brot. Elisabeth: Blieb aber 
der Herr nicht daselbst sitzen? Wer wollte denn des 
Herrn Fleisch essen? Die Herren: Was hältst du denn 
von der Kindertaufe, da du dich hast wiedertaufen 
lassen? Elisabeth: Nein, meine Herren, ich habe mich 
nicht wiedertaufen lassen; ich habe mich einmal auf 
meinen Glauben taufen lassen; denn es steht geschrie- 
ben, dass den Gläubigen die Taufe zukomme. Die Her- 
ren: Sind denn nun unsere Kinder verdammt, weil sie 
getauft werden? Elisabeth: Nein, meine Herren, das 
sei ferne von mir, dass ich die Kinder richten sollte. 
Die Herren: Suchest du deine Seligkeit nicht in der 
Taufe? Elisabeth: Nein, meine Herren, alles Wasser im 
Meere kann mich nicht selig machen, aber die Selig- 
keit besteht in Christo, und Er hat mir geboten, Gott, 
meinen Herrn, über alle Dinge, und meinen Nächs- 
ten wie mich selbst zu lieben. Die Herren: Haben die 
Priester auch Macht, die Sünden zu vergeben? Elisa- 
beth: Nein, meine Herren, wie sollte ich das glauben? 
Ich sage, dass Christus der einzige Priester sei, durch 
welchen die Sünden vergeben werden. Die Herren: 
Du sagst, dass du alles glaubst, was mit der Heiligen 
Schrift übereinkommt, hältst du denn nichts von den 
Worten Jakobus? Elisabeth: Ja, meine Herren, wie soll- 
te ich nichts davon halten? Die Herren: Hat er nicht 
gesagt: Gehe zu den Ältesten der Gemeinde, dass sie 
dich salben und für dich bitten? Elisabeth: Ja, meine 
Herren; aber wolltet ihr denn sagen, dass ihr von der- 
selben Gemeinde seid? Die Herren: Der Heilige Geist 
hat euch alle selig gemacht, ihr bedürfet weder der 
Beichte noch des Sakramentes. Elisabeth: Nein, meine 
Herren, ich bekenne wohl, dass ich die Satzungen des 
Papstes, die durch des Kaisers Befehle bestätigt sind, 
übertreten habe; aber beweiset mir in einem einzigen 
Artikel, dass ich mich an meinem Herrn und Gott 
versündigt habe, so will ich Ach und Weh über mich 
armen und elenden Menschen rufen. Das Vorstehende 
ist das erste Bekenntnis. 

Hinterher stellten sie dieselbe abermals vor den 
Rat und führten sie in den Folterturm, wobei auch 
der Scharfrichter Hans gegenwärtig gewesen ist. Hier- 



118 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


nächst sagten die Herren: Wir sind nun schon lange 
in der Güte mit dir zu Werke gegangen, wenn du 
aber nicht bekennen willst, so wollen wir dich mit der 
Strenge angreifen. Der Anwalt sprach: Meister Hans, 
greife sie an. Meister Hans antwortete: Ach nein, mei- 
ne Herren, sie wird wohl freiwillig bekennen. Als sie 
aber nicht freiwillig bekennen wollte, setzte er ihr 
Daumeisen an ihre beiden Daumen und an die beiden 
vordersten Finger, dass das Blut zu ihren Nageln her- 
ausspritzte. Elisabeth sprach: Ach, ich kann es nicht 
länger ertragen! Die Herren sagten: Bekenne, so wol- 
len wir deine Pein erleichtern. Aber sie rief den Herrn 
ihren Gott an: Hilf mir, o Herr! Deiner armen Dienst- 
magd, denn Du bist ein Nothelfer. Die Herren riefen 
alle: Bekenne, so wollen wir deine Pein erleichtern, 
denn wir haben dir gesagt, dass du bekennen, nicht 
aber Gott, den Herrn, anrufen sollst; sie aber sprach 
beständig zu Gott, ihrem Herrn, wie oben berichtet 
worden ist; und der Herr erleichterte ihre Pein, so dass 
sie zu den Herren sagte: Fraget mich, ich will euch 
antworten, denn ich fühle keine Pein mehr in meinem 
Fleische, wie zuvor. Die Herren: Willst du noch nicht 
bekennen? Elisabeth: Nein, meine Herren! Da setzten 
sie ihre zwei Schraubeisen an, an jedes Schienbein 
eins. Sie sagte hierauf: Ach, meine Herren, beschämt 
mich nicht, denn es hat noch kein Mann meinen blo- 
ßen Leib angetastet. Der Anwalt sagte: Nein, Jungfrau 
Elisabeth, wir wollen dich nicht unehrlich antasten; 
dann fiel sie in Ohnmacht, und einer sagte zum an- 
dern: Vielleicht ist sie tot. Als sie aber wieder erwach- 
te, sprach sie: Ich lebe und bin nicht tot. Da schlugen 
sie alle Schraubeisen los und setzten ihr mit schmei- 
chelnden Worten zu. Elisabeth: Warum versucht ihr 
mich mit solchen schmeichelnden Worten? So pflegt 
man mit den Kindern umzugehen. Sie konnten von 
ihr weder zum Nachteile ihrer Brüder in dem Herrn, 
noch sonst eines Menschen, auch nicht das Mindes- 
te herausbringen. Die Herren: Willst du alle Worte, 
die du vorher bekannt hast, widerrufen? Elisabeth: 
Nein, meine Herren, sondern ich will sie mit meinem 
Tode versiegeln. Die Herren: Wir wollen dich weiter 
nicht mehr peinigen. Willst du uns nun gutwillig sa- 
gen, wer derjenige ist, der dich getauft hat? Elisabeth: 
Nein, meine Herren, ich habe euch ja gesagt, dass ich 
solches nicht bekennen will. 

Hierauf ist im Jahre 1549, den 27. März, das Urteil 
über Elisabeth gefällt, wodurch sie zum Tode verur- 
teilt worden ist, nämlich in einem Sacke ertränkt zu 
werden; sie hat also ihren Leib Gott aufgeopfert. 


Sechs Brüder und zwei Schwestern, nämlich Peter 
Janß, Tobias Questinex, Jan Pennewaarts, Gysbert 
Janß, Ellert Janß, Lucas Michiels, Barbara 
Thielmans und Truyken Boens werden sämtlich 
auf einen Tag, den 20. März 1549, zu Amsterdam 
lebendig an Pfählen verbrannt. 

Im Jahre 1549 saßen zu Amsterdam um des Namens 
Jesu willen ungefähr 20 Personen, sowohl Männer 
und Frauen, gefangen, deren Namen nicht alle be- 
kannt sind, umso weniger, weil einige Personen auf 
folgende Weise aus dem Gefängnis entkommen sind. 
Einer der Gefangenen hatte zwei Brüder im Wasser- 
lande wohnen, welche rauhe Leute waren, die ihre 
Zeit meistens in den Wirtshäusern zubrachten. An 
einem bestimmten Tag hat es sich ereignet, dass sie im 
Wirtshause saßen und ihres gefangenen Bruders ein- 
gedenk wurden, von welchem sie vermuteten, dass 
die Zeit seiner Aufopferung vor der Türe sei, darum 
beratschlagten sie sich untereinander, auf welche Wei- 
se sie ihren gefangenen Bruder am füglichsten befrei- 
en könnten; hierbei schwuren sie auch einen Eid, dass 
sie weder Mühe noch Gefahr scheuen wollten und 
sollte sie es auch das Leben kosten; zur Bekräftigung 
ihres Vorhabens streckten sie die Finger in die Hö- 
he, warfen ihre Hüte in die Luft und riefen Gott zum 
Zeugen an. Als sie am andern Morgen früh, sowohl 
von der Trunkenheit, als vom Schlaf erwachten, hat 
der gefährliche Anschlag ihnen im Herzen einige Be- 
schwernis verursacht; nichtsdestoweniger haben sie, 
in Betracht des teuren Eides, den sie Gott schuldig wa- 
ren, und des betrübten Todes ihres lieben Bruders, die 
römische Art mit einem standhaften Gemüte gezeigt, 
und sind auf nachfolgen» Weise zu Werke gegangen. 

Sie nahmen ein Seil mit einem Blocke, welcher mit 
Fett überstrichen war, damit er, weil er sehr dürr war, 
kein Geräusch verursachen möchte; dieses packten 
sie in einen Korb, brachten es in das Haus des Jan 
Janß, welcher dem Gefängnisse gegenüber im Halb- 
mond wohnte und zu welchem diese Brüder sagten: 
Jan Janß, können wir diesen Korb hier hersteilen und 
ihn in der letzten Abendstunde abholen, wie es uns 
bequem sein wird? Worauf Jan Janß ja sagte, ohne an 
einen gefährlichen Anschlag zu denken, bis sie kamen 
und den Korb abholten. Auch hatte dieser vorgenann- 
te Jan Janß unter den Gefangenen einen Vetter, seines 
Handwerks ein Schneider, welcher einen Stelzfuß hat- 
te; diesen hatte der Schultheiß aus seiner Werkstätte 
auf dem neuen Damme abgeholt und mit den andern 
gefangen gelegt. Diese gedachten beiden Brüder ha- 
ben ihre Zeit an einem dunklen Abend wahrgenom- 
men und einen Bootsanker mitgebracht; denselben 
haben sie an den Fenstern eingeschlagen, sind hier- 



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nächst daran hinaufgestiegen und haben das Seil ir- 
gendwo befestigt, worauf sie mit einem Instrumente 
die Fenster aufgebrochen. Also haben sie ihren An- 
schlag ins Werk gesetzt und haben ihren Bruder mit 
einem Seile zum Fenster heruntergelassen. Dann sind 
sie zu den andern Gefangenen gekommen, welche sie 
alle durch das Fenster hinuntergelassen haben, jedoch 
mit Ausnahme des Ellert Janß, welcher nicht heraus 
wollte, sondern ihnen antwortete, er sei nun so wohl- 
gemut, sein Opfer zu tun, befände sich auch in einem 
solchen seligen Zustande, dass er nicht mehr hoffen 
könne, durch ein langes Leben besser zu werden, son- 
dern besorgt sei, dass ihm in der großen Wüste der 
Mut entfallen möchte, und er also nimmer über den 
Jordan in das Land der Verheißung kommen würde. 
Auch wandte er vor, dass er um seiner Stelze willen 
sehr bekannt sei, so dass er durch Steckbriefe bald 
entdeckt werden würde. 

Aber Tobias, Peter, Grietgen, Jan, Lyntgen und Bar- 
bartgen saßen in andern Gefängnissen, und konnten 
sie zwar hören, jedoch nicht zu ihnen kommen; die- 
selben blieben sitzen, bis die Zeit ihrer Aufopferung 
herannahte; die Lyntgen aber verschonte man, weil 
sie schwanger war; sie hat auch in ihren Banden ein 
Kind geboren, die Geburtsschmerzen haben sie aber 
dergestalt angegriffen, dass sie ihren Verstand verlo- 
ren, auch noch lange nachher zu Amsterdam in einem 
Fläuslein gelegen hat, wo sie endlich gestorben ist. 

Als nun der Tag herbeikam, an welchem die Vorge- 
buchten aufgeopfert werden sollten, so hat sich dieser 
vorgenannte Jan Janß in die Nähe des Gerichtsplat- 
zes begeben, um zu sehen, wie seinem Vetter Ellert 
Janß in der letzten Stunde seines Lebens zu Mute sein 
würde. Sobald nun Ellert Janß seinen Vetter gewahr 
wurde, hat er ihn mit einer so fröhlichen Miene ange- 
redet, dass alle Zuhörer sich darüber verwunderten; 
auch hat er ihm durch das Gitter des Gerichtsplatzes 
ein Testament dargereicht (worüber der Schultheiß 
wie ein grimmiger Löwe ausrief, wo das Buch hinge- 
kommen, wiewohl er solches nicht erfahren konnte) 
und einen jeden, insbesondere aber seinen Vetter Janß, 
mit vielen guten Gründen ermahnt, dass er sich nicht 
länger von dem stolzen Weibe, der Hure zu Babel, 
verführen lassen, sondern sich nach der Stadt alles 
Guten begeben sollte; ja er sagte, dass er noch keinen 
fröhlicheren Tag erlebt hätte; welches diesem vorge- 
nannten Jan Janß so zu Herzen gegangen ist, dass er 
sich nachher auch unter des Kreuzes Druck begeben 
hat. Also haben alle diese vorgemeldeten Freunde in 
großer Freude ihr Leben geendigt und sind mit Feu- 
er lebendig verbrannt worden. Kurz darauf hat ein 
Liebhaber der Wahrheit zu ihrem Andenken ein Lied 
gemacht, welches so eingerichtet war, dass der erste 


Buchstabe eines Verses mit dem ersten Buchstaben 
des Namens übereinkam; solches ist in dem alten Lie- 
derbuche zu finden; der erste fängt mit dem T an: T'is 
nu schier al vervult. 

Das Urteil über diese sechs Brüder und zwei 
Schwestern haben wir aus dem Buche des Blutgerichts 
der Stadt Amsterdam durch Hilfe des Schreibers die- 
ses Ortes erlangt und lautet (den Titel ausgenommen) 
also: 

Todesurteil über Peter Janß, Tobias Questinex, Jan 

Pennewaarts, Gysbert Janß, Ellert Janß, Lucas 
Michael, Barbara Thielemans und Truyken Boens. 

Nachdem Peter Janß, Sohn zu Lininkhausen, Tobi- 
as Questinex, Brüder dieser Stadt, ihres Handwerks 
Schuhmacher, Jan Pennewaarts von Loenen, Gysbert 
Janß von Wörden, Ellert Janß, gleichfalls Bürger dieser 
Stadt, ein Schneider, Lucas Michael, von Dortrecht, sei- 
nes Handwerks ein Glasmacher, Barbara Thielemans 
von Dortrecht und Truyken Boens, Wilhelm Boens 
Tochter, von Antwerpen, sich durch Gillis von Aa- 
chen haben wiedertaufen lassen, und sich unter die 
Sekte und Ketzerei der Wiedertäufer begeben, welche 
von den Sakramenten der heiligen Kirche, dem heili- 
gen christlichen Glauben, den Satzungen der heiligen 
Kirche eine lose Lehre haben, den geschriebenen Rech- 
ten und Befehlen ihrer Kaiserlichen Majestät unseres 
gnädigen Herrn zuwider, und außerdem in ihrem Un- 
glauben, ihren Irrtümem und Ketzereien hartnäckig 
verharren, so ist es geschehen, dass meine Herren des 
Rates, nachdem sie die Anklage wider oben gemelde- 
te Personen, von meinem Herrn, dem Schultheißen, 
ausgegangen, samt ihrem Bekenntnisse gehört, die 
Sache in reife Überlegung genommen und die vorge- 
meldeten Personen dahin verurteilten, dass sie von 
dem Scharfrichter mit Feuer hingerichtet werden sol- 
len; sie verordnen ferner in dieser Sache, dass alle ihre 
Güter zum Nutzen der Kaiserlichen Majestät, als Gra- 
fen von Holland und unsers gnädigen Herrn, doch 
den Freiheiten dieser Städte ohne Nachteil verfallen 
sein sollen. 

Dieses Urteil ist den 20. März des Jahres 1549 in Ge- 
genwart des Schultheißen Egbert Gabriels und Joost 
Buyk der beiden Bürgermeister und aller Ratsherren 
ausgesprochen und ausgeführt worden. 

Von diesen Verurteilten sind drei auf die Folter ge- 
bracht und gefoltert worden, nämlich Tobias Ques- 
tinex, den 14. Februar, Peter Janß den 15. desselben, 
und Ellert Janß den 8. des Monats März. 

Ausgezogen aus dem Protokolle des Blutgerichts 
der Stadt Amsterdam, welches daselbst in der Schrei- 
berei niedergelegt ist. N. N. 



120 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Fye und Gelken zu Leeuwaarden, im Jahre 1549. 

Im Jahre 1549 ungefähr drei Wochen vor Ostern sind 
in Boon in Westfriesland zwei liebe Männer, namens 
Fye und Gelken, gefangen genommen worden. Diese 
wurden vor die Herren gebracht, wo sie ihren Glau- 
ben ohne Furcht bekannt haben. Zuerst fragten sie Gel- 
ken: Wer hat dir erlaubt, das Volk zu versammeln und 
zu lehren? Antwort: Gott hat es mir erlaubt. Frage: 
Was hast du denn gelehrt? Antwort: Frage diejenigen, 
die es gehört haben, was wir untereinander gelehrt ha- 
ben, denn ihr habt ja eine Frau gefangen, die solches 
gehört hat. Hierauf haben sie die Frau gefragt, was 
sie von Gelken gehört hätte? Antwort: Er hat die vier 
Evangelien gelesen, Paulus, Petrus, Johannes Send- 
briefe und die Geschichte der Apostel. Hierauf wurde 
Gelken abermals gefragt: Was hältst du von dem Sa- 
kramente? Antwort: Ich weiß nichts von eurem geba- 
ckenen Gott. Frage: Freund, sieh dich wohl vor, was 
du redest, denn solche Worte kosten den Hals. Was 
hältst du von der Mutter Gottes? Antwort: Vieles. Fra- 
ge: Was sagst du, hat der Sohn Gottes kein Fleisch und 
Blut von Maria empfangen? Antwort: Nein, ich glau- 
be das, was der Sohn Gottes hiervon selbst bezeugt. 
Frage: Was hältst du von unserer heiligen römischen 
Kirche? Antwort: Ich weiß nichts von deiner heiligen 
Kirche, auch kenne ich sie nicht, ich bin, solange ich 
lebe, noch in keiner heiligen Kirche gewesen. Frage: 
Du redest sehr trotzig. Ich habe Mitleiden mit dir, sag- 
te ein Ratsherr, und fürchte, es möchte dich den Hals 
kosten. Bist du getauft? Antwort: Ich bin nicht getauft, 
aber es verlangt mich sehr nach der Taufe. Frage: Was 
hältst du von den falschen Lehrern, die also umherlau- 
fen und das Volk taufen? Antwort: Von den falschen 
Lehrern halte ich nichts, aber mich hat sehr verlangt, 
einen Lehrer zu hören, welcher von Gott gesandt ist. 
Sie sagten: Wir haben aber doch gehört, dass du ein 
Lehrer gewesen seiest. Gelken sagte: Wer hat mich 
zum Lehrer gesetzt? Sie sagten: Wir wissen es nicht. 
Gelken sagte: Fragt ihr mich, was ihr nicht wisst, wie 
sollte ich es wissen? Ich weiß niemand, der mich zum 
Lehrer verordnet hat. Gott aber hat mir alles gegeben, 
worum ich Ihn gebeten habe. Sie sagten: Nun haben 
wir alle Artikel aufgeschrieben, worüber wir dich für 
dieses Mal haben verhören wollen. Wenn nun etwas 
darin ist, was dich gereut, so wollen wir solches gerne 
auslöschen. Antwort: Meint ihr, dass ich Gott verleug- 
nen werde? Darauf haben beide Gelken und Lye ihr 
Urteil empfangen, und sind zusammengebracht wor- 
den, wo sie sich umarmt, ja einander mit großer Liebe 
Hände und Füße geküsst, so dass alle Menschen, die 
solches sahen und hörten, sich darüber verwunderten; 
die Büttel und Knechte liefen und sagten zu den Her- 


ren, es haben noch niemals Menschen einander so lieb 
gehabt als diese. Gelken sagte zu Fye: Lieber Bruder! 
Nimm es mir nicht übel, dass du durch mich in dieses 
Leiden gekommen bist. Fye antwortete, lieber Bruder, 
denke daran nicht, denn es ist eine Kraft Gottes. 

Nach dem Urteile wurden sie noch bis an den drit- 
ten Tag verspart und hiernächst ist Gelken zuerst mit 
dem Schwerte hingerichtet worden. Als dem Fye das 
Urteil vorgelesen wurde, hat er vor Freuden nicht dar- 
auf Achtung gegeben, wiewohl er dessen unkundig 
war, was mit Gelken geschehen war oder noch gesche- 
hen sollte, sondern er sang und sprang, lobte Gott, 
dankte ihm und sprach: Dies ist der einzige Weg. Dar- 
auf haben sie Fye in das Schiff geführt, in welchem 
Gelken enthauptet lag und in welchem sich auch das 
Rad befand, worauf man Gelken setzen sollte, sowie 
auch der Pfahl, woran Fye stehen sollte, um verbrannt 
zu werden; auch wurden dem Fye im Schiffe die Hän- 
de losgebunden, gleichwohl saß er still. Da sagten die 
Mönche: Bindet ihn wieder. Der Scharfrichter sagte: 
Bindet ihr ihn; aber der Schlossvogt gebot, dass er 
Fye wieder binden sollte. Einige Weiber, die solches 
ansahen, weinten sehr; da sprach Fye: Weinet nicht 
über mich, sondern über eure Sünden. 

Ferner sagte er zum Scharfrichter: Was willst du mir 
tun? Antwort: Das wirst du wohl sehen. Ja, ja, sprach 
Fye, tue was du willst, ich habe mich in meines Herrn 
Hände übergeben. Die Brüder und das gemeine Volk 
gingen neben ihm. Als nun Fye unter denselben eini- 
ge seiner Bekannten sah, rief er: Freunde, freuet euch 
mit mir, über solche Hochzeit, die mir bereitet ist. Als 
er auf den Galgenberg kam, redeten ihn einige Brüder 
an, die sich mit ihm sehr freuten und sagten: Dies ist 
der enge Weg; dies ist des Herrn Weinkelter, hieran 
hängt die Krone. Als der Schlossvogt das Rufen hörte, 
rief er: Niemand lege Hand an diesen bei Verlust sei- 
nes Lebens und seiner Güter. Der Scharfrichter hatte 
sein Werkzeug vergessen und lief in die Stadt, sol- 
ches zu holen. Unterdessen hatten der Schlossvogt 
und die beiden Mönche den Fye im Beichthäuslein 
und quälten ihn sehr mit Brot und Wein; aber sie ge- 
wannen ihm nichts ab, denn Fye tat nichts anders, als 
dass er sang, redete, lobte Gott und Ihm dankte. Als 
sie ihm nichts abgewinnen konnten und der Scharf- 
richter wiederkam, sagten sie zu Fye: Wie bist du so 
hartnäckig, während du doch sagst, dass du ein Mit- 
glied Jesu Christi seiest? Warum willst du denn nicht 
die Werke der Barmherzigkeit tun und dieses Brot 
und diesen Wein um unseretwillen für Brot und Wein 
annehmen? Antwort: Mir verlangt nicht nach eurem 
Wein, denn mir ist eine Speise im Himmel zubereitet. 
Als sie ihm nichts abgewinnen konnten, sprachen sie: 
Fort mit dir, du Ketzer. Der Landvogt sagt: Ich habe 



121 


zwar manchen Ketzer gesehen, aber mein lebelang 
keinen härteren als diesen. Als nun Fye zum Tode 
fertig stand, sprach er zum Scharfrichter: Meister, hast 
du dein Werk verrichtet? Er antwortete: Noch nicht. 
Fey sprach: Ja, hier ist das Schaf, womit ihr umgeht. 
Hierauf ging der Scharfrichter zu ihm, riss ihm das 
Hemd auf, nahm die Kappe von seinem Haupte und 
füllte sie mit Schießpulver. Als nun Fye an dem Pfahle 
stand, woran er erwürgt werden sollte, rief er: O Herr, 
nimm deinen Knecht auf! Darauf ist er erwürgt und 
verbrannt worden, und ist also im Herrn entschlafen. 
Das gemeine Volk rief: Dieser war ein frommer Mann; 
ist er kein Christ, so gibt es keinen in der ganzen Welt. 

Jacob Claeß von Landsmeer und Cecilia, 
Hieronymus Weib, werden in großer 
Standhaftigkeit um des Zeugnisses Jesu willen zu 
Amsterdam im Jahre 1549 verbrannt. 

Die Trübsal, die Angst und Not der geliebten Freunde 
und Kinder Gottes hörte noch nicht auf, denn man 
fuhr fort dieselben zu verfolgen, zu töten, ja ihnen auf 
eine grausame, jämmerliche und elende Weise den 
Tod zuzufügen, was sich auch im Jahre 1549 in der 
Stadt Amsterdam in Holland mit zwei frommen und 
sehr gottesfürchtigen Personen, namens Jacob Claeß 
von Landsmeer und Cecilia Hieronymus von Wormer, 
ereignet hat. Diese sind nach vielen Anfechtungen, 
Streit und Trübsal, die sie sowohl von Weltlichen, als 
auch von Geistlichen erlitten, welche sie vom Glauben 
abzuziehen suchten, worin sie gleichwohl standhaft 
geblieben sind, als Ketzer zum Feuer verurteilt wor- 
den und haben ihre Strafe den 9. November des Jah- 
res 1549 nach der Geburt Christi tapfer und standhaft 
ausgestanden, wie solches aus nachfolgenden zwei 
Todesurteilen hervorgeht, welche auf den Tag ihres 
Todes öffentlich im Gerichte zu Amsterdam vorgele- 
sen worden sind, wovon wir die wahren Abschriften, 
durch Hilfe des Gerichtsschreibers daselbst, in die 
Hände bekommen haben und die wir, um die obige 
Sache in Gewissheit zu setzen, nachstehend mitteilen 
wollen. 

Todesurteil über Jacob Claeß von Landsmeer. 

Nachdem sich Jacob Claeß von Landsmeer zu der Leh- 
re, Sekte und Ketzerei der Wiedertäufer begeben und 
sich wiedertaufen lassen, auch eine böse Lehre von 
den Sakramenten der heiligen Kirche, dem heiligen 
christlichen Glauben, den Verordnungen der heiligen 
christlichen Kirche führt, den geschriebenen Rechten 
und Befehlen der kaiserlichen Majestät unseres gnädi- 
gen Herrn zuwider, und überdies in seinem Irrtume 


und seiner Ketzerei hartnäckig verharrt, des Unter- 
richts ungeachtet, der ihm von dem wahren Glauben 
gegeben worden ist, so haben die Herren des Rates, 
nachdem sie die Anklage, welche der Herr Schultheiß 
von wegen der kaiserlichen Majestät gegen diesen 
vorgemeldeten Jacob Claeß eingebracht, sowie sein 
Bekenntnis und die Umstände der gemeldeten Sa- 
che genau erwogen, diesen vorgebuchten Jacob Claeß 
dahin verurteilt, dass er, nach den geschriebenen Be- 
fehlen, von dem Scharfrichter mit Feuer hingerichtet 
werden soll, auch weiter verordnet, dass seine Güter 
zum Nutzen der kaiserlichen Majestät, als Grafen von 
Holland, verfallen sein sollen. Solches ist bekannt ge- 
macht und durch den Scharfrichter ins Werk gesetzt 
worden am 9. November des Jahres 1549, in Gegen- 
wart des Schultheißen, Meister Henrich Dirks, Bürger- 
meister; Jan Willemß, Claes Meeuweß, Simon Claes 
Kops, Floris Martß, Jan Claeß von Hoppen und Hen- 
rich Janß Krook, Ratsherren. 

Von der Zeit, zu welcher er gepeinigt worden ist. 

Dieser Jacob Claeß ist auf der Folter gewesen und 
gefoltert worden den 22. Oktober im Jahre 1549. Aus- 
gezogen aus dem Buche des Blutgerichts, welches in 
der Kanzlei der Stadt Amsterdam zu finden ist. 

Todesurteil über Cecilia Hieronymus. 

Nachdem Cecilia, Hieronymus Tochter, von Wormer, 
sich unter die Lehre, Sekte und Ketzerei der Wieder- 
täufer begeben, sich auch Wiedertaufen lassen und 
eine böse Lehre von den Sakramenten der heiligen 
Kirche, dem heiligen christlichen Glauben, den Ver- 
ordnungen der heiligen christlichen Kirche hegt, den 
geschriebenen Rechten und Befehlen der kaiserlichen 
Majestät unseres gnädigen Herrn zuwider; und über- 
dies noch in ihren Irrtümern und Ketzereien hartnä- 
ckig verharrt, wiewohl man sie im wahren Glauben 
unterrichtet hat, so haben die Herren des Rats, nach- 
dem sie die Anklage, welche der Herr Schultheiß im 
Namen der kaiserlichen Majestät gegen die vorgemel- 
dete Cecilia eingebracht, gleichwie auch ihr Bekennt- 
nis angehört und die Umstände der vorgemeldeten 
Sache in reife Überlegung genommen hat, die vor- 
gedachte Cecilia, Hieronymus Tochter, dahin verur- 
teilt, dass sie, nach den vorgemeldeten Befehlen, von 
dem Scharfrichter mit Feuer hingerichtet werden soll, 
und verordnen ferner, dass ihre Güter der kaiserlichen 
Kammer, zum Nutzen der kaiserlichen Majestät, als 
Grafen von Holland, verfallen sein sollen. Gegeben 
und ausgeführt wie oben gemeldet. 

Ausgezogen aus dem Buche des Blutgerichts, wel- 



122 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


ches in der Kanzlei der Stadt Amsterdam niedergelegt 
ist. N. N. 

Hans von Oberdam wird zu Gent im Jahre 1550 
getötet. 

Sein Bekenntnis, welches er im Gefängnisse geschrie- 
ben und nachher mit seinem Tode bezeugt hat, im 
Jahre 1550: 

Hans von Oberdam, nebst seinen Mitgefangenen, 
um des Zeugnisses Jesu Christi willen, wünscht allen 
Brüdern und Schwestern in dem Herrn Gnade, Frie- 
den und eine feurige Liebe von Gott dem Vater und 
dem Herrn Jesu Christo, welchem sei Preis, Ehre und 
Majestät von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen. 

Meine Herzallerliebsten! Seid meinetwegen unbe- 
kümmert, sondern lobt den Herrn, dass Er mir ein 
solch guter Vater ist, dass ich um des Zeugnisses 
Christi willen Bande und Gefängnis leiden darf, wie 
ich denn auch hoffe, darum ins Feuer zu gehen. Der 
Herr gebe mir Kraft durch seinen Heiligen Geist, 
Amen. Wandelt in der Furcht des Herrn, wie ihr be- 
rufen seid. Und wenn wir einander hier im Fleische 
nicht mehr sehen, so hoffen wir einander in der Ewig- 
keit anzuschauen in unsers Vaters Reiche, in welchem 
ich in Kurzem zu sein hoffe. Der Friede des Herrn sei 
mit euch. Amen. 

Meines Herzens Wünschen und Begehren von dem 
ganzen Grunde meiner Seele ist, o liebe Brüder und 
Schwestern in dem Herrn, dass ihr immer mehr und 
mehr Fleiß anwendet, euren Beruf wahrzunehmen, 
wozu ihr von Gott dem Vater durch Christum zur Ma- 
jestät und Herrlichkeit des Reiches seines geliebten 
Sohnes berufen seid, welcher seine Gemeinde durch 
sein eigenes Blut erkauft und sich selbst für sie dahin- 
gegeben hat, damit er sie herrlich mache, und der sie 
durch das Wasserbad im Worte gereinigt hat, damit 
Er sie Ihm selbst als eine Gemeinde darstelle, die herr- 
lich sei, die weder Flecken noch Runzeln, oder etwas 
dem Ähnliches habe, sondern dass sie heilig und un- 
sträflich sei. Darum, o liebe Freunde, merkt hier auf, 
welche große Liebe uns der Vater bewiesen habe, weil 
Er seinen eingeborenen Sohn nicht verschont hat, wie 
Christus sich selbst so willig übergeben und den aller- 
schmählichsten und schändlichsten Tod des Kreuzes 
für uns erlitten und sein teures Blut für uns vergossen 
habe, um uns von unsem Sünden zu waschen und 
zu reinigen. Ach liebe Brüder und Schwestern, lasst 
uns aufmerken, ernstlich bitten und wachen, damit 
wir die seligmachende Gnade Gottes und die unaus- 
sprechliche Liebe des Vaters und Christi über zeitliche 
Sorgen oder Bekümmernisse dieser Welt, oder durch 
die Lüste und Begierden, welche die Seele töten, nicht 


versäumen oder vergessen, und dass wir nicht als 
Flecken und Runzeln, aus der herrlichen Gemeinde 
Christi gewaschen und gefegt, ja als eine unfruchtbare 
Rebe abgeschnitten und ins Feuer geworfen werden 
mögen. Denn, meine Allerliebsten, es ist nicht genug, 
dass wir die Taufe auf unsern Glauben empfangen ha- 
ben und durch diesen Glauben in Christo eingepfropft 
sind, wenn wir den Anfang seines Wesens nicht fest 
bis ans Ende behalten. Darum, wenn jemand ist, der 
da fühlet, dass er ein Flecken oder Runzel geworden 
sei, der sehe zu und eile, ehe ihn der Tag überfalle, 
wie ein Fallstrick den Vögel; er bekehre sich und trage 
wahre Reue und Leid; er richte wieder auf die lässigen 
Hände und müden Knie und laufe mit vollem Laufe 
in der Bahn des Kampfes (die ihm verordnet ist, da- 
mit das Lahme nicht aus dem Wege gestoßen, sondern 
vielmehr gesund und stark werde und wir die Zeit 
unserer Pilgerschaft in der Furcht Gottes vollenden, 
auch uns von dieser argen bösen Welt imbefleckt hal- 
ten mögen, die doch voller Betrug, Stricke und Netze 
ist, welche der Teufel stellt, um der Menschen Seelen 
zu verführen, und durch mancherlei Lüste und Betrug 
zu fangen. Ach Herr, bewahre deine Pilger vor diesen 
Mördern, die wir in deiner Hoffnung wandeln und 
unsere Hilfe und Trost von Dir, o himmlischer Vater, 
durch Jesum Christum, unsern Herrn, erwarten, und 
führe das gute Werk in uns aus, das Du zum Preise 
und Lobe deines heiligen Namens in uns angefan- 
gen hast. O du allmächtiger und ewiger Gott, wie gar 
unbegreiflich ist deine Gnade und väterliche Barmher- 
zigkeit über diejenigen, die Dich fürchten und lieben. 
O Vater, wer sollte solchen Gott nicht fürchten, wel- 
cher die Seinen zu erlösen weiß und obgleich sie hier 
eine kleine Zeit verlassen, von allen Menschen verach- 
tet, verworfen und auf dieser Erde verflucht zu sein 
scheinen, so verlässt Er doch die Seinen nicht, durch 
den Trost seines Heiligen Geistes in unsern Herzen, 
der uns wohlgemut und fröhlich gemacht, dass wir 
um seines Namens willen Schmach leiden können. 
Auch hoffen wir, durch die Güte Gottes, dass unsere 
Pilgerschaft bald ihr Ende erreichen werde und dass 
wir von dieser elenden Welt und aus dem Tränentale 
bald werden erlöset werden, und dass dieses irdische 
Haus unserer Wohnung werde zerbrochen werden, 
damit wir nach Hause zu unserem himmlischen Va- 
ter kommen und die Krone des ewigen Lebens, wel- 
che uns nun vorgehalten wird, davontragen mögen! 
Wir hoffen auch, dass uns dieselbe von keiner Krea- 
tur werde genommen werden. Dazu wolle uns der 
allmächtige und ewige Gott, der barmherzige Vater, 
stärken, durch Jesum Christum, unsern Herrn. Amen. 

Wisset, liebe Freunde, wie es mir vor und nachher 
in meiner Gefangenschaft ergangen ist und wie man 



123 


mit uns umgegangen sei. 

Zur Zeit, als die vier Freunde aufgeopfert waren, 
von welchen ich das Lied gemacht hatte, welche ich 
auch hatte verbrennen sehen, hörte ich sagen, dass 
sie die andern Freunde, welche noch im Gefängnisse 
geblieben waren, auf den Rat der falschen Prophe- 
ten, deren Gemüt mit des Teufels Schalkheit angefüllt 
ist, gleichwie sie sich denn auch rühmten, das sie 
tun wollten, mit großer List und Betrug versucht ha- 
ben. Unsere Freunde, die daselbst zurückgeblieben, 
waren zwei Jünglinge und ein junges Mägdlein; für 
diese baten wir den Flerrn alle Tage eifrig, denn wir 
fürchteten, sie möchten in etwas zu Schaden kommen, 
warteten auch täglich darauf, dass sie getötet werden 
würden; ich aber wurde in meinem Gemüte um ihrer 
Jugend willen getrieben, dass ich vorn an die Schau- 
bühne trat, wo sie getötet werden sollten, dass ich sie 
trösten möchte, wenn sie etwa durch Betrübnis nieder- 
gebeugt wären, auch die Mönche bestrafen möchte, 
welche unsern Freunden Not und Qual verursachen, 
wenn sie zum Tode geführt werden. Aber leider, die 
armen Kinder sind nicht so weit gekommen, sondern 
haben sich mit den falschen Propheten unvorsichtig in 
einen Wortstreit eingelassen, obgleich man sie deswe- 
gen genug gewarnt hatte, dass sie sich davor in Acht 
nehmen sollten, so lieb sie ihre Seele hätten, denn es 
hat nicht jedermann die Gabe, einen Wortstreit zu füh- 
ren; aber den Glauben getrost zu bekennen, wie man 
solches von dem Herrn empfangen hat, solches passet 
wohl für Christen. 

Aber diese armen Schäflein, als sie sich in einen 
Wortstreit einließen, sind in ihrem Gewissen verwirrt 
worden und sind also von der Wahrheit abgefallen, 
wovon die falschen Propheten viel Rühmens machten, 
weil sie ihre Seelen gewonnen und zu der heiligen 
Kirche zurückgebracht hatten. Als ich dieses gehört 
hatte, ist meine Seele und mein Geist sehr betrübt ge- 
worden, um dieses Verlustes der armen Schafe willen, 
und weil die falschen Propheten und die Ratsherrn 
über den Fall und das Verderben der armen Lämmer 
und Säuglinge, welche sie durch ihre Beschweren da- 
zu gebracht hatten, wie ihr nachher hören werdet, so 
sehr frohlockten. 

Als ich nun betrübt war und die Gewalt und Kraft 
des Teufels, welche er durch seine Kinder des Un- 
glaubens bewirkt hatte, seufzend Gott klagte, so ist es 
mir in den Sinn gekommen, dass ich einige Brieflein 
schreiben und sie an einigen Orten anheften sollte, 
worin ich sie wegen ihrer eitlen Freude über den Ver- 
lust der armen Schäflein, deren Seelen sie ermordet 
hatten, bestrafen sollte. Also fing ich an zu schrei- 
ben und unter dem Schreiben ist mein Gemüt so eifrig 
geworden, dass, während ich meinte, ein kleines Brief- 


lein zu schreiben, daraus ein Brief von einem ganzen 
Blatte geworden ist und der Herr hat mir den Ver- 
stand geöffnet, dass ich den Herren, nach Anweisung 
der Schrift, ihre Strafe und dem ganzen römischen 
Reiche den Untergang wunderlich erwiesen habe; in 
dem Briefe schrieb ich, dass ich mich mit allen ihren 
Gelehrten in einen öffentlichen Wortstreit einzulassen 
begehrte und zwar in der Nähe eines großen Feu- 
ers und stellte dabei die Bedingung, dass derjenige, 
welcher in dem Streite erliegen würde, ins Feuer ge- 
worfen werden sollte, auch schrieb ich ihnen, dass sie 
die armen Lämmer zufrieden lassen, das obrigkeitli- 
che Schwert beiseite legen und mit dem Worte Gottes 
streiten sollten. Als dieser Brief fertig war, habe ich 
ihn den Brüdern gezeigt, welchen er sehr gefallen hat; 
darum habe ich durch einen Bruder, welcher besser 
schreiben konnte als ich, sechs andere Briefe abschrei- 
ben lassen. Unterdessen sind die armen gefangenen 
Schäflein aus dem Gefängnisse gelassen worden und 
haben alles widerrufen; es ist aber ein Jüngling an 
eben demselben Tage, als er das Gefängnis verlassen, 
eine Meile außerhalb der Stadt gestorben und ist den- 
jenigen, die ihr Leben erhalten wollten, zum Exempel 
und Spiegel geworden. Als dieses geschah, bin ich 
mit Hansken Käskaufer von Antwerpen gekommen 
und wir haben alles vorbereitet, dass wir unsere Brie- 
fe verschicken wollten, haben sie auch des Samstags 
abends an die Herren der Stadt gesandt und mitten 
in der Stadt zwei offene Briefe angeschlagen, damit 
sie jedermann lesen möchte. Wir loben und danken 
Gott sehr dafür, dass wir solches ausgerichtet, ehe wir 
gefangen genommen wurden, denn wir waren bereits 
von einem Judas verraten, der unter uns war und der 
frommste Bruder unter allen denen, die daselbst wa- 
ren, zu sein schien; seine Verstellungskunst geht aus 
dem Gesagten hervor; er ist aber auch, wie wir nun 
wissen, lange Zeit darauf aus gewesen, einen Hau- 
fen Freunde zu verraten. Dieser Verräter war auch 
dabei, als die Briefe angeheftet wurden, auch hatten 
wir verabredet, des Sonntags morgens zusammen zu 
kommen, um von des Herrn Wort zu handeln, denn 
ich wollte von den Brüdern Abschied nehmen und 
des andern Tags verreisen, aber der Herr sei gelobt, 
der es anders verordnet hat. Hierauf ist Hansken des 
morgens früh mit mir nach dem Walde gegangen, wo 
wir uns versammeln sollten; wir haben aber unsere 
Freunde an dem Orte, wo wir sie erwarteten, nicht ge- 
funden; wir suchten wohl eine halbe Stunde lang und 
dachten, dass sie noch nicht gekommen wären, weil 
es den vorhergehenden Abend so sehr geregnet hatte; 
als wir wieder umkehren wollte, sagte ich: Laß uns 
gehen; vielleicht sind sie etwas dort vor uns und fing 
an leise zu singen, so dass sie es, wenn sie daselbst 



124 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


wären, hören möchten. Da hörte ich etwas in dem 
Busche rauschen und sagte zu Hansken: Hier sind 
unsere Freunde; wir standen still und merkten darauf, 
wer herkommen würde, es kamen aber drei mit Waf- 
fen und Stöcken. Ich sagte: Wohlan, Gesellen, habt ihr 
einen Hasen gesucht und nicht gefangen? Da erblass- 
ten sie wie Tote, traten vor uns, ergriffen mich beim 
Arme und sagten: Gebt euch gefangen. Sie fingen uns 
dann und sagten: Wir haben noch einen großen Hau- 
fen gefangen. Wir sahen sodann einen Wagen, der mit 
Leuten angefüllt war, in welchem wir unsere Brüder 
erkannten und in ihrer Begleitung drei Richter und 
einen großen Haufen ihrer Knechte, die sie bewach- 
ten. Als wir dahin kamen, grüßten wir unsere Brüder 
mit dem Frieden des Herrn und trösteten sie mit des 
Herrn Worte, dass sie um seines Namens willen nun 
tapfer streiten sollten. Hiernächst bestraften wir die 
Richter, dass sie so begierig wären, unschuldiges Blut 
zu vergießen. Darauf haben sie Hansken und mich mit 
eisernen Banden zusammengeschlossen; desgleichen 
auch unsere Daumen. 

Wir dachten nun zwar, sie würden uns nach der 
Stadt führen, aber weil der Ort, wo wir gefangen wur- 
den, unter einer anderen Herrschaft stand, so mussten 
wir eine halbe Meile weit gehen. Wir hielten solches 
für eine besondere Fügung, dass wir noch so lange 
beieinander sein durften und uns unterwegs unter- 
einander mit des Herrn Wort trösten konnten, ehe 
sie uns voneinander absonderten. Hierauf wurden 
wir eine Meile von der Stadt in ein Schloss gebracht, 
in welchem wir drei Tage sämtlich in einer Kammer 
verwahrt wurden; denn also lautete das Recht der 
Herrschaft, wo wir gefangen wurden. Wir lobten hier 
den Herrn, unsern Gott, und dankten Ihm, dass Er es 
gefügt hatte, dass wir so viel Zeit hatten, uns unter- 
einander getrost zu ermahnen. Auch kam viel Volks 
aus der Stadt, uns zu hören und zu sehen; zuletzt aber 
wurde niemand mehr zu uns in die Kammer gelassen. 
Hierauf untersuchte uns der Oberamtmann des Lan- 
des Aelst wegen unseres Glaubens, welchen wir ihm 
ohne Scheu bekannten. Wir dachten, wir würden nach 
Aelst geführt werden, weil aber der Amtmann von 
Gent, als wir gefangen genommen wurden, uns auf 
einen Wagen hatte setzen lassen, um uns nach Gent zu 
bringen, so mussten wir auch sämtlich wieder nach 
Gent geführt werden; auch war unser Verräter mit 
uns gefangen genommen, damit wir nicht merken 
sollten, dass er uns verraten; sie setzten ihn und ver- 
schiedene von uns in eine andere Kammer, was uns 
sehr schmerzte, indem er nicht bei uns sein konnte, 
denn wir wussten es damals noch nicht, dass er unser 
Verräter war; erst als er mit uns auf dem Wagen in 
das Gefängnis nach Gent geführt wurde, erfuhren wir 


dort, das er uns verraten hatte. 

Als man uns nun aus dem Schlosse brachte, um 
uns nach der Stadt zu führen, kam daselbst viel Volk 
aus der Stadt zusammen, um uns zu sehen; bei die- 
ser Gelegenheit wurde meines Bruders Frau, welche 
auch eine Schwester war, gefangen genommen und 
auf den Wagen gesetzt, weil sie mit mir redete und 
so auch noch ein Mann, welcher uns Glück wünschte. 
Wir redeten daselbst frei zum Volk, welches dahin ge- 
kommen war, dass diejenigen, die sich vom Bösen ab- 
kehren und Christo nachfolgen wollten, jedermanns 
Raub sein müssten. Viele begehrten damals mit uns 
zu reden, aber des bösen Richters wegen durften sie 
nicht. Es waren unserer zehn Bundesgenossen; zwei 
davon waren zur Taufe bereit und vier Ankömmlinge, 
die beiden andern aber waren gefangen genommen, 
weil sie uns anredeten; demnach haben sie zwei Wa- 
gen voll in die Stadt bei hohem Sonnenschein geführt; 
sie nahmen unterwegs noch eine Frau gefangen, nur 
weil sie zu uns sagte: Gott bewahre euch; dieselbe 
musste auch auf den Wagen sitzen. Aber hätten sie 
alle diejenigen gefangen nehmen wollen, die, als wir 
in die Stadt kamen, uns angeredet und zu denen wir 
aus dem Worte Gottes redeten, sie hätten dieselben 
wohl auf zwanzig Wägen nicht führen können, denn 
wo wir vorbeikamen, strömte das Volk haufenweise 
von allen Orten herzu, gleich dem Wasser, welches 
von den Bergen läuft und zu einem Strome wird; sol- 
ches währte wohl eine Stunde Wegs und zwar in der 
Zeit, bis wir von dem einen Stadttore bis in des Gra- 
fen Schloss, welches am anderen Ende der Stadt steht, 
geführt wurden. Dann wurden wir auf das Schloss 
geführt und der Richter des Landes Aelst überant- 
wortete uns den Händen der Herren des kaiserlichen 
Rates, worauf wir voneinander abgesondert wurden; 
einige von uns wurden in die oberen Kammern ge- 
setzt, auch blieben die Weiber oben, aber unserer elf 
wurden in ein dunkles und tiefes Gewölbe geführt; in 
diesem befanden sich verschiedene gemauerte dunkle 
Gefängnisse, in welche wir zu drei und drei gebracht 
wurden; aber Hansken und ich wurden in das aller- 
dunkelste geführt; in demselben war etwas zerlegenes 
Stroh, so viel als man in einer Schürze tragen konnte, 
damit konnten wir uns behelfen. Ich sagte: Es kommt 
mir vor, als ob wir mit Jona in dem Bauche des Wal- 
fisches wären, so dunkel ist es hier; wir mögen wohl 
mit Jona den Herrn anrufen, dass Er unser Tröster und 
Erretter sein wolle, denn wir sind nun jedes mensch- 
lichen Trostes und Beistandes beraubt, worüber wir 
uns jedoch nicht betrübten, sondern Gott Lob und 
Dank sagten, dass wir um seines Namens willen lei- 
den durften; auch redeten wir unsere anderen Brüder 
an, welche in den anliegenden Höhlen lagen, denn 



125 


wir konnten einander wohl reden hören. Als wir hier 
drei oder vier Tage gesessen hatten, wurden wir bei- 
de, Hansken und ich, hinauf zu den Herren entboten; 
dieselben untersuchten und fragten uns nach unse- 
rem Glaubensgrunde, und wann wir getauft worden 
wären. 

Da hat uns der Herr nach seiner Verheißung den 
Mund geöffnet, um ohne Scheu zu reden. Wir begehr- 
ten, uns mit dem Worte Gottes öffentlich zu verteidi- 
gen; sie antworteten uns aber, sie wollten uns gelehrte 
Männer zuschicken, die uns unterrichten sollten, wor- 
auf wir wieder hinuntergebracht worden sind. Kurz 
darauf wurde ich wieder in eine andere Kammer zu 
zwei Ratsherren und einem Schreiber hinaufgebracht; 
daselbst haben sie mich scharf untersucht, wo ich 
gewesen wäre, und ob ich auch wohl wüsste, dass 
ich vor sechs Jahren zu Martin Huerblocks Zeit des 
Landes verwiesen worden sei, und wo wir unsere Ver- 
sammlung gehalten? Das letztere wussten sie wohl, 
denn der Verräter hatte es ihnen gesagt. Ich sagte: 
Was wollt ihr mich fragen, der ich aus fremden Län- 
dern komme? (Denn ich habe mich mit Bedacht nicht 
erkundigen wollen, damit, wenn ich etwa gefangen 
genommen würde, ich nicht viel zu verantworten hät- 
te.) Warum fragt ihr aber so scharf, habt ihr noch nicht 
genug unschuldiges Blut zu vergießen? Dürstet euch 
noch nach mehr? Fragt nur genau, sagte ich, ihr wer- 
det von dem gerechten Richter auch wieder gefragt 
werden, wenn ihr euch nicht bekehrt. Hierauf fragten 
sie mich noch mehr und beschworen mich bei meiner 
Taufe, dass ich es sagen sollte; denn, sagten sie, wir 
wissen, dass ihr nicht lüget, darum sage es uns. Ich 
sagte: Da ihr wisset, dass wir nicht lügen, dies ist uns 
ein Zeugnis zur Seligkeit, euch aber zur Verdammnis, 
weil ihr uns tötet; aber eure Beschwörung hat keine 
Macht wider die Wahrheit. Es wurde aber alles, was 
ich sagte, aufgeschrieben. Auch drohten sie mir, mich 
zu foltern, wenn ich ihnen nicht alles sagen würde. Ich 
sagte: Was ich nicht weiß, kann ich euch nicht sagen; 
auf solche Weise quälten sie mich sehr lange. Darauf 
wurde ich wieder hinuntergeführt. In derselben Weise 
haben sie mit allen unsern Freunden gehandelt, und 
zwar mit jedem derselben besonders. 

An einem Samstag ward ich wieder auf dieselbe 
Kammer geführt. Hier waren vier Mönche, der Vor- 
steher der Minderbrüder, nebst noch einem, und der 
Vater der Jakobinen, eben mit noch einem; mit mir 
aber kam ein junger Bruder, der die Taufe noch nicht 
empfangen hatte, wiewohl er dazu bereit war. 

Als ich mich niedersetzte und fragte, was ihr Begeh- 
ren wäre, sagten sie, sie seien von den Herren ange- 
wiesen worden, uns zu unterrichten und mit uns von 
dem Grunde und den Artikeln des Glaubens zu reden. 


Hierauf gab ich ihnen zur Antwort, dass ich bereit 
sei, mich mit Gottes Wort unterrichten zu lassen, und 
nicht abgeneigt wäre, mit ihnen eine Unterredung 
von dem Grunde und den Artikeln des Glaubens, 
und zwar öffentlich, in Gegenwart der Richter, die 
uns richten sollten, und unserer Brüder und Schwes- 
tern, die mit uns gefangen sind, zu halten. Antwort: 
Solches werden sie keineswegs erlauben. Hans von 
Oberdamm: Wohlan, so können sie tun, was sie wol- 
len; wir aber wollen nicht im Winkel allein mit euch 
uns in Unterredung einlassen, damit man hinter un- 
serem Rücken unsere Worte verdrehe. Antwort: Wir 
wollen eure Worte nicht verdrehen. Hans von Ober- 
damm: Nein, wir kennen euch wohl. Frage: Wofür 
haltet ihr uns denn? Was haben wir euch denn Böses 
getan? Sage es uns doch, wenn du etwas Böses von 
uns weißt! Hans von Oberdamm: Wenn ihr es doch 
wissen wollt, ich halte euch für falsche Propheten und 
Verführer. 

Dann kamen wir mit ihnen in einen Wortstreit we- 
gen ihres geistlichen Scheines und von des Papstes 
Gebote wegen der Reinigkeit der Pfaffen und Mönche, 
und warum sie Geistliche, die andern aber Weltliche 
genannt werden, während sie doch alle Geistliche sein 
sollten. Sie meinten aber, solches sei nicht erbaulich, 
und sie wollten daher lieber eine Unterredung von 
den Glaubensartikeln halten. Darauf sagte ich: Wohl- 
an, wie ich gesagt habe; worauf sie erwiderten, sie 
wollten es den Herren sagen. In dieser Weise sind 
wir voneinander geschieden, nachdem wir wohl zwei 
Stunden in der Unterredung zugebracht hatten. Zwei 
Tage darauf wurden Hansken und ich zu den Herren 
entboten, wobei die vier Mönche abermals zugegen 
waren und sich mit uns in eine Unterredung einzu- 
lassen begehrten. Ich sprach zu den Herren: Meine 
Herren, ich frage euch, in welchem Hause sind wir, in 
einem Hause des Rechtes oder der Gewalt? Antwort: 
In einem Hause des Rechtes. Hans von Oberdamm: 
Gott gebe, dass es so sein möge; aber, meine Herren, 
wessen beschuldigt ihr uns, da ihr uns wie Diebe und 
Mörder gefangen und geschlossen haltet? Haben wir 
jemanden übervorteilt, oder beschuldigt ihr uns einer 
Gewalttätigkeit, eines Mordes oder sonstiger Schel- 
menstücke. Antwort: Nein, wir wissen nichts derglei- 
chen von euch. Hans von Oberdamm: Wohlan, meine 
Herren, warum habt ihr uns denn gefangen genom- 
men? Das werden euch eure Ankläger wohl sagen. 
Hans von Oberdamm: Seid ihr denn unsere Anklä- 
ger? Antwort: Nein, sondern wir sind Richter. 

Darauf sagte ich zu den Mönchen: Seid ihr denn un- 
sere Ankläger? Antwort: Nein. Hans von Oberdamm: 
Wohlan, ist niemand unser Ankläger, warum sind wir 
denn gefangen genommen? Hierauf sagte ein Rats- 



126 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


herr: Der Kaiser ist euer Ankläger. Hans von Ober- 
damm: Wir haben uns an der Kaiserlichen Majestät 
nicht vergriffen, nach der Gewalt, die er von Gott emp- 
fangen hat; wollen ihm auch in allen Verordnungen 
gehorsamen, so weit es mit der Wahrheit bestehen 
kann. Der Ratsherr: Ihr habt in Beziehung auf diese 
neue Lehre Versammlung gehalten; der Kaiser aber 
hat geboten, dass man solches nicht tun sollte. Hans 
von Oberdamm: Es ist ihm von Gott nicht erlaubt, sol- 
che Gebote zu machen; hierin Übertritt er die Gewalt, 
die ihm von Gott gegeben ist; darin erkennen wir ihn 
nicht als einen Obersten, denn unserer Seelen Selig- 
keit liegt uns näher, nämlich, dass wir Gott Gehorsam 
erweisen. Hierauf sagten die Mönche: Wir sind eure 
Ankläger darin, dass ihr eine falsche Lehre habt; denn 
wäre sie gut, ihr würdet nicht in Büsche und Winkeln, 
sondern öffentlich lehren. Da sagte Hansken: Gebt 
uns einen freien Platz auf dem Markte oder in euren 
Klöstern oder Kirchen, und seht, ob wir alsdann in 
das Gebüsche gehen werden; aber nein, ihr müsstet 
fürchten, man möchte euch bestrafen, darum habt ihr 
es dahin gebracht, dass man euch nicht bestrafen darf 
und habt uns aus Städten und Ländern getrieben. Die 
Mönche: Ei, Lieber, solches haben wir nicht getan, das 
tut der Kaiser. Hansken: Dazu habt ihr ihn angereizt. 
Die Mönche: Wir haben dies nicht getan. 

Dann fingen die Herren auch an, wider uns zu re- 
den, warum wir mit unserer Eltern Glauben und mit 
unserer Taufe nicht zufrieden wären. Wir sagten: Wir 
wissen von keiner Kindertaufe, sondern nur von ei- 
ner Taufe des Glaubens, welche uns Gottes Wort lehrt. 
Hierauf hatten wir noch verschiedene Gespräche und 
bestraften sie, weil sie über Glaubenssachen Richter 
sein wollten, wahrend sie doch die Schrift nicht ver- 
stünden. Wollt ihr aber Richter sein, so seid unpartei- 
isch und sorget, dass es ordentlich zugeht, und lasset 
beide Parteien zugleich beisammen sein; lasset auch 
unsere Brüder und Schwestern, die mit uns hierher 
gefänglich gebracht worden sind, bei uns sein; als- 
dann soll einer unter uns reden, welchem der Herr 
den Mund öffnen wird, solange dieser redet und auf 
gleiche Weise sollen unsere Widersacher auch verfah- 
ren. Die Herren: Wir wollen euch nicht Zusammen- 
kommen lassen; wir wollen, dass ihr hier allein den 
Wortstreit haltet. 

Da sagten wir: Meine Herren, solches wäre euch 
am bequemsten und könnte auch mit einem Wort- 
streite ans Ende gebracht werden; sonst müsst ihr den 
Wortstreit mit einem oder zweien immer wieder aufs 
Neue anfangen. Die Herren: Was ist daran gelegen, 
wir wollen es nicht so haben. Da sagte ein Ratsherr: Sie 
wollen sie beisammen haben, damit sie einander noch 
mehr verführen können, darum muss man sie nicht 


dazukommen lassen. Hans von Oberdamm: Meine 
Herren, ihr sagt, dass ihr Richter seid; wir aber halten 
euch für unsere Widersacher, denn ihr sucht uns auf 
allerlei Weise zu beleidigen und uns, sowie unsere 
Mitgenossen, mit Gewalt und List von unserm Glau- 
ben abzubringen. Antwort: Warum sollten wir das 
nicht tun und nicht versuchen, euch wieder auf den 
rechten Weg zu bringen? Wohlan meine Herren, so 
höret dies, weil wir sehen, dass ihr keine Richter, son- 
dern unsere Widersacher seid, und Gewalt und List 
gebraucht, wo ihr nur Gelegenheit dazu findet, euch 
zum Vorteil und uns zum Nachteile. Erstens habt ihr 
uns unsere Testamente, worin wir unsern Trost finden, 
mit Gewalt genommen und geraubt; zweitens habt ihr 
uns an verschiedene Orte gefangen gelegt, den einen 
in ein tiefes und dunkles Gewölbe, den andern in ei- 
ne hohe Kammer; und drittens sucht ihr uns durch 
Wortstreite auf mannigfache Weise zu überlisten und 
zu betrügen, wobei ihr dann hinter unserem Rücken 
zu unseren Brüdern sagt, ihr habt uns überwunden; 
ebenso sprecht ihr auch zu uns von unsern Brüdern 
und Schwestern. Um deswillen, meine Herren, wollen 
wir uns hier nicht in einen Wortstreit mit euch einlas- 
sen, es sei denn, dass unsere Brüder und Schwestern 
dabei seien. 

Als sie hörten, dass ihr Anschlag wider uns nach 
ihrem Willen nicht gelang, so wurden sowohl sie, als 
auch die Mönche, sehr zornig; wir sahen wohl, um 
was es ihnen zu tun war, und dass es lauter Schalkheit 
war, womit sie umgingen; denn obgleich man sie mit 
der Heiligen Schrift überwiesen, dass sie in einigen 
Stücken unrecht hatten, so wollten sie doch nicht be- 
kennen, sondern entschuldigten sich mit dem Kaiser 
und seinem Befehle, die Mönche mit der langen Ge- 
wohnheit der römischen Kirche und mit dem großen 
Haufen unserer Vorfahren, und obgleich man ihnen 
aus der Heiligen Schrift das Gegenteil erwiesen hatte, 
so war doch nichts ausgerichtet, ja nicht mehr, als ob 
man den Ofen angegafft hätte. 

Da sagten wir: Wohlan, meine Herren, wollt ihr 
uns denn nicht erlauben, in guter Ordnung den Wort- 
streit zu führen, wie wir solches begehrt haben? Ant- 
wort: Nein. Wohlan denn, sagten wir, ihr wisst un- 
seren Glaubensgrund, welchen wir euch offenherzig 
bekannt haben; nun könnt ihr mit uns tun, was ihr 
wollt, und so viel euch Gott zulässt, doch nehmt euch 
wohl in Acht, was ihr tut und handelt, denn es ist 
noch ein Richter über euch. Der Herr wolle euch die 
Augen des Verstandes öffnen, damit ihr sehen mö- 
get, wie erbärmlich ihr von den falschen Propheten 
verführt und betrogen seid, die ihr wider Gott und 
das Lamm streitet, welches euch, wenn ihr euch nicht 
bekehrt, schwer fallen wird. Als wir uns mm nicht 



127 


wieder in den Wortstreit einlassen wollten, sind wir 
wieder abgeführt worden, denn diesen Entschluss 
hatten wir miteinander gefasst, als wir noch beiein- 
ander auf dem Schlosse außerhalb der Stadt waren, 
damit sie nicht die Einfältigen mit dem Wortstreite 
überfallen möchten und hinterher sagen könnten, sie 
hätten sie durch den Wortstreit überwunden, indem 
es uns allen bekannt war, dass niemand von uns sich 
in einen Wortstreit einlassen würde, außer in unserer 
aller Gegenwart, und so der Wortstreit zum Tröste 
und zur Ermahnung unserer Brüder und Schwestern, 
die solches hören, gereichen würde; denn weil wir 
sahen, dass sie ihr Bestes taten, wollten wir auf unse- 
rer Seite auch nichts mangeln lassen, indem wir wohl 
sahen, dass es die Not so forderte. Als sie sahen, dass 
es ihnen hierin nicht glücken wollte, haben sie einen 
andern Plan erdacht und einen Ratsherrn und zwei 
Mönche, einen grauen und einen schwarzen, in eine 
Kammer beordert; diese ließen jedes Mal einen Bru- 
der oder eine Schwester vorführen, dass sie mit ihnen 
sich in einen Wortstreit einlassen und wider die Mön- 
che ihren Glaubensgrund behaupten sollten: sie, die 
Gefangenen, sagten aber, dass sie nicht allein in ei- 
ner Kammer, sondern öffentlich den Wartstreit führen 
wollten, wenn wir alle vor dem Herrn versammelt 
wären. Da sagten sie: Wir beschwören euch bei eurem 
Glauben und bei eurer Taufe, dass ihr den Wortstreit 
hier führt. Hierauf sagte der Bruder: Meinen Glauben 
und meine Taufe kenne ich, aber mit eurem Beschwö- 
ren habe ich nichts zu schaffen, sondern es ist unser 
ernstliches Begehren, dass wir Zusammenkommen 
und den Wortstreit öffentlich mit euch führen mö- 
gen, nicht aber in einer Kammer allein. Also ließen 
sie einen nach dem andern vorführen, bis sie diesel- 
ben alle vorgenommen hatten; es wollte sich aber nie- 
mand auf solche Weise in einen Wortstreit einlassen. 
Hierauf musste ich allein in einer Kammer vor einem 
Ratsherrn und zwei Mönchen erscheinen; dieselben 
fingen auch an, mich zu beschwören; ich antwortete 
ihnen aber darauf: Was wollt ihr mich noch beschwö- 
ren, dass ich die Rosen vor die Hunde und Perlen 
vor die Schweine werfen soll, damit ihr sie zertretet? 
Nein, das hat mir der Herr verboten; nein, ich achte 
das Wort Gottes würdiger, als dass ich hier das Licht 
umsonst scheinen lassen wolle, wodurch doch nie- 
mand erleuchtet, sondern nur gelästert und verspottet 
wird, wie ihr tut, wenn man euch die Wahrheit sagt; 
sie haben mich aber darauf nur noch mehr beschwo- 
ren. Hierauf antwortete ich ihnen: Was wollt ihr mich 
viel beschwören, ich achte eure Beschwörung nicht, 
denn dergleichen tun die Zauberer, welche mit ihren 
Beschwörungen sich der Wahrheit widersetzen; aber 
nun sehe ich wohl, dass unserer beiden Brüder und 


der Schwester Seelen ermordet und durch eure zaube- 
rische Beschwörung verführt worden seien, weil sie 
sich vor dem Betrüge des Teufels nicht gehütet haben, 
auch die Gaben nicht hatten, sich in einen Wortstreit 
einzulassen. Hierauf sagte der Vorsteher: Du hast dich 
in deinem Briefe gerühmt, dass du dich öffentlich in 
einen Wortstreit einlassen wollest, warum willst du 
dich aber jetzt nicht einlassen? Hans von Oberdam: 
Du Mönch, ich begehre noch von ganzem Herzen 
meinen Glauben mit Gottes Wort öffentlich vor allen 
Menschen zu verteidigen; aber gewiss, deine Kappe 
würde beben, wenn du dich auf die Gefahr des Feuers 
mit mir in einen Wortstreit einlassen würdest, und 
wenn dich die Obrigkeit nicht beschützen würde. Der 
Ratsherr: Nein, es gefällt uns nicht, dass du dich in 
einen öffentlichen Wortstreit einlässt, du bist nun in 
unseren Händen. Hans von Oberdam: Ich habe sol- 
ches begehrt, ehe ich wusste, dass ich in eure Hände 
fallen würde, aber ich sehe wohl, dass wir dem Ad- 
ler in die Klauen gekommen sind, und wer in diese 
gerät, wird ohne Verlust des Leibes oder der Seele 
nicht wieder frei. Der Ratsherr: Wer ist der Adler, der 
Kaiser? Hans von Oberdam: Nein, es ist das römische 
Reich oder die Gewalt, leset den Brief, den ich euch 
geschrieben habe, der kann euch den Unterschied 
zeigen. Hierauf wechselten wir noch viele Worte mit- 
einander; die Mönche aber wurden mir feind, und 
stießen aufgeblasene Worte gegen mich. Da sagte ich, 
dass Paulus von ihnen recht geweissagt hätte, dass sie 
Lästerer, stolz und aufgeblasen wären. Hierauf wurde 
der Bruder Jan de Crook so zornig, dass er zu rufen 
anfing: Narren, Narren, Ketzer, Ketzer seid ihr. Hans 
von Oberdam: Seht, ist das nicht ein feiner Lehrer? 
Sagt nicht Paulus: Ein Lehrer soll nicht zänkisch oder 
zornig sein. Der Ratsherr schämte sich selbst, dass sich 
der Mönch so unbesonnen aufführte und ermahnte 
ihn still zu schweigen. 

Dann auf eine andere Zeit kamen zwei weltliche 
Pfaffen (Secular-Priester), Meister Willem von dem 
neuen Lande, und der Pfarrherr von St. Michael; ich 
fragte sie, was sie begehrten. Sie sagten, wir sind ge- 
kommen, deine Seele zu suchen. Damals hielt ich mit 
meinen Reden so viel an mich, als ich konnte, indem 
mir hofften, dass wir öffentlich vor den Herren einen 
Wortstreit halten würden, denn sie sagten, sie woll- 
ten allen Fleiß darauf verwenden; als ich aber hörte, 
dass es nicht anders sein könnte, dachte ich, als sie 
mit dem Schreiber wieder zu mir kamen, wir müssen 
nun mit diesen anders zu Werke gehen, als wir neu- 
lich getan hatten. Hierauf fragte ich: Was verlangt ihr 
denn? Antwort: Unser Begehren ist, dass du dich un- 
terrichten lassen wollest, denn siehe, wir suchen doch 
deine Seele. Hans von Oberdam: Wendet ihr denn so 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


viel Fleiß an, Seelen zu suchen? Antwort: Ja. Flans von 
Oberdam: Wohlan, so gehet in die Stadt an alle Plätze 
zu den Trunkenbolden, Hurenjägern, Fluchern, Läste- 
rern, Geizigen, Hoffärtigen, Götzendienern, Schlem- 
mern, Prassern und Mördern, welche unschuldiges 
Blut vergießen; diese sind alle eure Brüder; gehet hin 
und suchet ihre Seelen, die meinige hat Christus ge- 
funden. Antwort: Wir ermahnen sie, dann haben wir 
ihre Seele errettet. Hans von Oberdam: Damit ist es 
nicht genug, ihr müsst auch zu ihnen gehen und sie 
bestrafen, und wenn sie euch nicht hören wollen, so 
müsst ihr sie vor die Gemeinde bringen und sie öf- 
fentlich strafen; hören sie alsdann nicht, so sondert sie 
von der Gemeinde ab und haltet sie als Heiden und 
offenbare Sünder, gleichwie Christus lehrt und Pau- 
lus an die Korinther; und bestraft auch eure Richter, 
welche Gewalt und Unrecht tun, ja, welche unschul- 
diges Blut vergießen. Hierauf sagte ein Pfaff : Sollten 
wir die Obrigkeit bestrafen? Ich fragte, ob bei Gott ein 
Ansehen der Person wäre? Antwort: Nein. Hans von 
Oberdam: Wollt ihr Gottes Diener sein und sehet die 
Person an? Antwort: Solches würde einen Aufruhr in 
der Stadt erregen, und den Betreffenden das Leben 
kosten. Hans von Oberdam: So leidet ihr um der Ge- 
rechtigkeit willen? Aber es kam mir vor, als hätten 
sie keine große Lust, darum zu leiden. Summa, wir 
handelten so viel vom Banne, dass, wenn man demsel- 
ben nach den Worten Christi und Paulus nachfolgen 
wollte, ihr Papst, ihre vornehmen Geistlichen, ihre 
Kaiser und ihre Könige, ja sie auch, mit ihrem gan- 
zen Haufen, ausgeschlossen werden müssten, und ihr 
Haufen sicherlich sehr klein geworden sein würde. 
Hierauf sagte ich ihnen, dass ihr Haus ganz in Brand 
stände und durch das höllische Feuer entzündet sei; 
sie sollten zuerst dasselbe auslöschen und dann kom- 
men und sehen, ob in unserem Hause Feuersnot wäre. 
Hiermit gingen sie weg, und der eine Pfaffe kam nicht 
wieder. Also handelte ich auch mit Meister Antonis 
von Hille; derselbe quälte die andern sehr, mich aber 
ließ er in Ruhe. 

Hiermit befehle ich meine lieben Brüder und 
Schwestern in dem Herrn in die Hände des allmächti- 
gen Gottes und Vaters, durch Jesum Christum, unsern 
Herrn, Amen. Geschrieben in meiner Gefangenschaft 
um des Zeugnisses Christi willen. In dem dunklen 
Gefängnisse habe ich einen Monat gelegen; mm liege 
ich in einem tiefen runden Loche, in welchem sich 
etwas mehr Licht befindet, hier habe ich diesen Brief 
geschrieben. Ich hoffe, diese Woche mein Opfer zu 
vollenden, wenn es dem Herrn gefällt und denen, 
welche der Herr dazu hat ausersehen; denn wenn 
es diese Woche nicht geschieht, so wird es sich wohl 
noch zwei Monate verziehen, weil sie nachher in sechs 


Wochen kein Gericht mehr halten. Wisset, dass, Gott 
sei Dank, unsere Brüder und Schwestern, durch die 
Gnade des Herrn, getrost und wohlgemut sind; ich 
bitte euch um der brüderlichen Liebe willen, die ihr 
zu mir tragt, dass ihr diesen Brief nach Friesland be- 
stellt, insbesondere nach Emderland, ich meine, den 
eigentlichen Brief, sobald als ihr könnt; ihr könnt ihn 
wohl abschreiben, aber tut es ohne Verzug; übrigens 
begehre ich freundlich, dass man ihn verwahre, da- 
mit er nicht zerrissen oder beschmutzt werde. Die 
Brüder, welche bei mir im Gefängnisse liegen, lassen 
euch sämtlich grüßen mit dem Frieden des Herrn. Wir 
bitten täglich den Herrn für euch, tut auch dasselbe 
für uns. Wandelt im Frieden des Herrn, so wird es 
euch Wohlergehen. Wenn dieser Brief gelesen ist, so 
schickt ihn nach Antwerpen, dass er zur Gemeinde 
nach Embden geschickt werde, damit er einem jeden 
vorgelesen werde; dies begehre ich von meinen lieben 
Brüdern, um der brüderlichen Liebe willen, die ihr zu 
mir tragt. 

Ein Brief von Hans von Oberdam, der er an die 
Herren des Gerichts zu Gent und an die Ratsherren 

den Tag vor seiner Gefangenschaft gesandt hat. 

Merket wohl auf! Wer Ohren hat zu hören, der höre, 
und der es liest, merke darauf und urteile mit Ver- 
stand der Heiligen Schrift; wehe aber denen, die mit 
Unverstand urteilen. Höret es; euch geht es an, was 
ich rede: O ihr vom fleischlichen Geschlechte, ihr Is- 
maeliten, die ihr euch rühmt, Christen zu sein, weil 
ihr aus dem Wasser ohne Geist geboren seid und die 
Kinder der Verheißung verfolgt, welche durch den 
Glauben an Gottes Wort aus Wasser und Geist ge- 
boren sind, ja, ihr verfolgt sie, gleichwie Ismael den 
Isaak, Esau den Jakob verfolgte, und gleichwie alle 
Juden Christum verfolgten; auf gleiche Weise verfol- 
gen nun auch die fleischgeborenen Antichristen die 
geistgeborenen Christen, welche die Verheißung des 
ewigen Reiches durch Christum empfangen sollen, 
welcher der Erbe aller Dinge ist und der sein Reich 
durch das Evangelium wieder verkündigen lässt, zur 
Buße und wahrhaftigen Reue über die toten Werke, 
durch den Glauben an Ihn; lästern seine Zeugen. Dies 
ist der Wind, o Adler, merke darauf, der da bläst, wo 
er will, von welchem du nicht weißt, von wannen er 
kommt, oder wohin er geht. Höret nun seine Stimme, 
welche der Allerhöchste bis in die letzten Zeiten zu- 
rückgelassen hat, um eure Missetaten und Strafen zu 
offenbaren, welcher nun sein Volk durch vieles Elend 
und Herzeleid erlösen will. 

Darum merke auf, o du Adler! Das Ende deiner 
Zeit ist vor der Türe; bist du nicht das vierte Tier? 



129 


O ja, du bist es, welches Daniel sah, welches mit sei- 
nen eisernen Zähnen alles zerriss, was überblieb mit 
seinen Füßen zertrat und das allerschlimmste Horn 
hervorbrachte. Du hast viele Jahre lang den Erdboden 
mit Betrug beherrscht und hast die Welt nicht nach 
der Wahrheit gerichtet, denn du hast die Sanftmüti- 
gen geplagt und die Stillen verwundet, die Lügner 
geliebt, die Wohnung derer, die Frucht schaffen, ver- 
dorben und diejenigen überwältigt, welche dir nichts 
Arges getan. Darum ist deine Lästerung zu dem Al- 
lerhöchsten und deine Hoffart zu dem Allmächtigen 
aufgestiegen. Daher wirst du Adler vergehen, damit 
die Erde erquickt und von deiner Gewalt befreit wer- 
de; hoffe auf das Gericht und auf die Barmherzigkeit 
dessen, der sie geschaffen hat, dessen Gericht besser 
und gerechter sein wird, als das deine; o Adler, darum 
müssen deine bösen Häupter, die bis zuletzt aufbe- 
halten worden sind, dir den Untergang bereiten, um 
die ärgste Bosheit des Adlers samt seinen bösen Fe- 
dern zu vernichten, welche bis aufs letzte gespart sind. 
So höre denn, du nichtiger Leib des Adlers, der du 
mit dem eitlen Ruhme dessen prangst, was du doch 
nicht bist, nämlich mit dem Ruhme eines Christen. 
Höret zu, ihr boshaften Klauen, die ihr willig und 
bereit seid, dasjenige zu verderben und zu zerreißen, 
worüber ihr von euern boshaften Häuptern durch 
Rat der Lügner, welche sie lieben, Befehl empfanget; 
warum erfreut ihr euch über den Jammer und Unter- 
gang der armen Lämmer und Säuglinge, welche noch 
an der Brust trinken, welche ihr mit Gewalt gefan- 
gen haltet und denen ihr mit falschem lügenhaftem 
Betrüge die Seelen ermordet, die doch ungefähr erst 
vor ein oder zwei Jahren zum Gehör des Wortes der 
Wahrheit gekommen sind; ihr habt ja solche nicht, die 
euch in allen Glaubensartikeln unterrichten können. 
Schämet euch des Rühmens, als ob ihr durch eure 
fleischlichen blinden Gelehrten die Unschuldigen mit 
spitzfindigen lügenhaften Ränken und verstümmel- 
ten Schriftstellen überwunden hättet. Aber weh! Weh! 
Des großen Elends, der schrecklichen Zeiten, dass die 
Bosheit so weit die Oberhand bekommen hat, dass 
auch der Wahrheit nicht so viel eingeräumt wird, sich 
öffentlich verantworten zu dürfen. Dem Höchsten sei 
der Jammer und das Elend der Schwängern und Säug- 
linge in diesen Zeiten geklagt, weil ihnen keine Hilfe, 
kein Trost noch Beistand von denjenigen zu Teil wird, 
welchen der Herr mehr Gnade und Gaben gegeben, 
um den Widersachern den Mund zu schließen. Wollte 
man hierauf sagen: Lasset sie denn hervorkommen, 
die besser begabt sind und mehr Gnade empfangen 
haben, so antworten wir hierauf, dass der Wolf den 
Schafen lange wird rufen müssen, bis sie hervorkom- 
men, weil sie wissen, dass sie von ihm mit großer 


Grausamkeit wider Recht und Billigkeit zerrissen wer- 
den. Ach, weh, weh, welch ein grausames Urteil und 
erschreckliche Strafe des grimmigen und verschlin- 
genden Zornes Gottes kommt über diejenigen, wel- 
che ohne alle Barmherzigkeit die Unschuldigen und 
Gottesfürchtigen ängstigen, verfolgen und ermorden, 
und sie selbst in allen ungerechten Werken des Flei- 
sches so ungöttlich leben, dass sie das Himmelreich 
nicht besitzen werden. O du geistiges Babylon, wie 
wird der Herr die unschuldigen Seelen und das Blut 
seiner Zeugen an dir zu rächen suchen; denn solches 
alles wird in dir erfunden. Du hast die Könige der 
Erden und alle Völker mit dem Weine der geistlichen 
Hurerei so trunken gemacht, dass sie die Wahrheit 
weder sehen noch hören mögen. Ach, dass wir uns 
einmal mit dem Worte Gottes, in Gegenwart eines 
großen brennenden Feuers, wider alle gelehrten Dok- 
toren, Lizentiaten, Pfaffen und Mönche, welche das 
Reich des Antichristen stärken, beschützen, bewahren 
und erhalten helfen, öffentlich frei verantworten dürf- 
ten und dass derjenige, welcher überwunden wird, 
ins Feuer geworfen würde, dann wäre es nicht nötig, 
die armen, unschuldigen Lämmer zu quälen und zu 
ängstigen, und euer Glaube würde geprüft werden, 
wie er mit der Wahrheit übereinkommt; auch wäre 
alsdann Pilatus Handwasser oder des Kaisers Befehl 
nicht nötig und die Obrigkeit würde von dem Blute 
der Unschuldigen frei bleiben; wenn sie nämlich das 
Wort Gottes Richter über den Glauben sein ließe; aber 
nein, die falschen Propheten und Verführer wissen 
wohl, dass ihre Schalkheit und ihr Betrug dadurch 
allzu sehr offenbar werden würde. Darum rufen sie 
so ernstlich, wie die Schriftgelehrten und Pharisäer 
taten: Kreuzige Ihn, kreuzige Ihn! Des Kaisers Befehl 
muss Recht haben; so war es im Anfang des vierten 
Tieres. Merket mit Verstand darauf, wer es begreifen 
kann; das Ende ist das Allerschlimmste. Fürsten, tut 
Buße und bessert euch, denn das Ende ist nahe vor der 
Türe. Wehe euch, ihr falschen Propheten, die ihr der 
Wahrheit widersteht, wie die ägyptischen Zauberer 
dem Mose widerstanden; aber eure Schalkheit wird 
noch allen Menschen offenbar werden, gleichwie es 
schon jetzt einen Anfang nimmt. Wehe euch, die ihr 
den Antichristen verteidigt und für ihn streitet, die 
ihr die lange Gewohnheit der römischen Kirche als 
Panzer anzieht, um euch damit wider die Wahrheit 
zu verteidigen, die ihr des Kaisers Befehl als einen 
Schild und das Schwert des Obrigkeit gebrauchet, um 
in allen Landen das unschuldige Blut derer zu ver- 
gießen, die sich nicht mit zeitlichen oder leiblichen 
Waffen, sondern mit dem Worte Gottes wehren wol- 
len. Das Wort Gottes aber ist unser Schwert, welches 
zweischneidig und scharf ist. Zwar wird täglich viel 



130 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


über uns gelogen von denen, die da sagen, dass wir 
unsern Glauben wie die von Münster mit dem Schwer- 
te verteidigen wollten; der allmächtige Gott wolle uns 
vor solchen Gräueln behüten. 

Wisset, ihr edlen Herren, Ratsherren, Bürgermeister 
und Beisitzer, dass wir eure Amtsbedienung als recht 
und gut, ja von Gott verordnet und eingesetzt zu sein 
erkennen; wir meinen damit das weltliche Schwert 
zur Strafe der Übeltäter und zur Beschützung der 
Frommen; wir begehren, euch auch in allen Schät- 
zungen, Zöllen und Ordnungen, insoweit es nicht 
wider Gott streitet, gehorsam zu sein; und sollte man 
uns hierin ungehorsam finden, so wollen wir gern als 
Übeltäter unsere Strafe leiden; das weiß Gott, der alle 
Herzen kennt, dass dies unsere Meinung sei. Aber 
merkt darauf, edle Herren, die Missbräuche und was 
in euren Ämtern oder Diensten misshandelt wird, be- 
kennen wir nicht von Gott, sondern von dem Teufel 
zu sein; dagegen halten wir dafür, dass der Antichrist, 
durch des Teufels Schalkheit, euch die Augen bezau- 
bert und verblendet habe, dass ihr euch auch sonst 
nicht kennt, wer ihr seid, und wie ein schweres Ge- 
richt des Zornes Gottes auf euch liegt. Darum werdet 
nüchtern und erwacht, und öffnet die Augen des Ver- 
standes, und sehet, mit wem ihr streitet, und dass ihr 
es nicht mit Menschen, sondern mit Gott zu tun habt. 
Darum wollen wir euch nicht gehorsam sein, denn 
so gefällt es Gott, dass wir dadurch geprüft werden 
sollen, und wollen lieber durch Gottes Gnade unsern 
vergänglichen Leib brennen, ertränken, enthaupten, 
ausspannen, peinigen oder nach eurem Gutbefinden 
uns geißeln, ausbannen oder verjagen und unsere Gü- 
ter uns rauben lassen, als euch wider des Herrn Wort 
Gehorsam erweisen. Darin wollen wir auch gedul- 
dig und leidsam sein, und Gott die Rache anbefehlen, 
denn wir kennen den, welcher gesagt hat: Mein ist die 
Rache, ich will vergelten; und ferner: Der Herr wird 
sein Volk richten, und schrecklich ist es, in die Hän- 
de des lebendigen Gottes zu fallen. Darum bezeugt 
der Geist Gottes, dass solches vor der Türe sei und 
nun bereits seinen Anfang genommen habe. Höre zu, 
du, die du deine Schwangerschaft auf die Hälfte ge- 
bracht hast, bereite dein Bette, denn du sollst gebären! 
Was soll ich gebären? Die Frucht deiner Arbeit, mit 
Pein und Schmerzen, nachher aber den Tod. Höre zu, 
zur rechten Seite: Bereite das Maß. Wozu soll ich es 
bereiten? Um deinen Nächsten zu messen, nachher 
sollst du auch gemessen werden. Bereite dich, Feuer, 
und komme bald. Höret zu, zu euch rede ich: Ihr, die 
ihr dem Herrn zugehört; der Tag eurer Mahlzeit ist 
gekommen, eure Speise ist bereit, esset geschwind 
das fette Fleisch der Trunkenen, damit dem Tiere die 
Macht gegeben werde. Einen solchen Sinn habt ihr 


empfangen, also zu tun; ihr sollt nach dem Tiere ei- 
ne kurze Zeit herrschen; ihr streitet mit dem Lamme, 
aber das Lamm wird euch überwinden; dasselbe ist 
ein König aller Könige, und ein Herr aller Herren, 
dessen Reich in Ewigkeit bleibt, Amen. 

Wir zeugen von Ihm, dass Er es sei, der da kommen 
soll, ja. Er kommt schnell, der Herr Jesus, der einem 
jeden nach seinen Werken lohnen wird. 

Jannyn Bueskyn. 

Ein Brief von Jannyn Bueskyn (welchen man Hans 
Käs-Kaufer nannte), in Berwicke geboren, welchen 
er zu Gent in seiner Gefangenschaft im Jahre 1550 
geschrieben hat 

Einen seligen Wandel, einen lebendigen und geistli- 
chen Glauben, Hoffnung und ein wahrhaftiges evan- 
gelisches Vertrauen zu Gott dem Vater, und dem 
Herrn Jesu Christo, unserm einigen Helfer und Selig- 
macher, wünsche ich meinen geliebten Freunden zu 
einer fröhlichen Botschaft und zum freundlichen Gru- 
ße, damit ihr durch diesen Glauben und durch dieses 
Vertrauen zu Gott in einem neuen reinen Leben auf- 
wachsen möget, welches Leben man in dem heiligen 
Evangelium verspürt und in reichem Maße antrifft. O 
wie selig sind diejenigen, die sich nach dem Inhalte 
des Evangeliums reinigen und heiligen, ohne welche 
Reinigung oder Heiligung niemand weder Gott noch 
den Herrn sehen wird. Folget dem Rate Jesu, welcher 
sagt: Forscht in der Schrift; ich habe auch sonst nichts 
getan, gleichwie ich und meine Mitgefangenen vor 
den Herren des kaiserlichen Rates bekannt haben; dar- 
um können sie uns mit Gründen der Wahrheit nicht 
beschuldigen. Sie haben uns, einen nach dem andern, 
gefragt, und zwar mich zuerst, ob ich getauft wäre. Ich 
sagte: Ja, meine Herren. Frage: Wie lange ist es? Ant- 
wort: Vier Jahre, meine Herren. Frage: Was hältst du 
von der Taufe in deiner Kindheit? Antwort: Gar nichts, 
meine Herren. Frage: Von den Sakramenten der Pries- 
ter? Glaubst du nicht, dass Fleisch und Blut darin sei 
und dass es Gott sei? Antwort: Nein, meine Herren; 
wie sollte solches Fleisch und Blut Gott sein? (sagte 
ich zu den Priestern Isabels) Legt davon diese Tafel 
voll, ich will sie alle wegblasen, dass es stäubt; deshalb 
sind es keine Götter; man kann Gott nicht betasten, 
oder auf eine leibliche Weise essen. Hierauf fragten sie 
mich, ob ich dabei bliebe? Ich sagte: Ja, meine Herren, 
bis man mich mit der Schrift eines Besseren überzeugt. 
Also hat man mich von dem Rate hinweggeführt; und 
einen andern zur Stelle gebracht; es haben aber ihrer 
zehn dasselbe Bekenntnis abgelegt, unter welchen ei- 
ner nicht getauft ist, der aber gleichwohl bekannt hat, 
dass es recht und gut sei; er sagte auch, dass er einmal 



131 


bei einem Lehrer gewesen sei, um getauft zu werden. 
Hierauf fragten ihn die Herren: Warum taufte er dich 
denn nicht? Da antwortete die Person, die noch ein 
junger Geselle und ein freundliches Kind war: Meine 
Herren, als mir der Lehrer den Glauben vorlegte und 
mich untersuchte, merkte er wohl, dass ich noch jung 
an Verstand wäre, und befahl mir, ich sollte die Heili- 
ge Schrift noch mehr untersuchen; aber ich begehrte, 
dass es geschehen möchte. Da fragte er mich, ob ich 
auch wüsste, dass die Welt solche Menschen töte und 
verbrenne? Ich sagte: Ich weiß es wohl. Er aber sagte 
zu mir: Darum bitte ich dich, dass du noch Geduld 
habest, bis ich wiederkomme: durchforsche die Schrift 
und bitte den Herrn um Weisheit, denn du bist noch 
jung an Jahren; so sind wir voneinander geschieden. 
Es fragten hierauf die Herren: Es ist dir denn leid, 
dass du nicht getauft bist? Er sagte: Ja, meine Herren. 
Da fragten sie ferner: Wenn du aber nicht gefangen 
genommen wärest, würdest du dich taufen lassen? Er 
sagte: Ja, meine Herren. Da wurde er aus dem Rate 
geführt. Nun seht, liebe Freunde, dies sind schöne 
Zeichen und Wunder; tut eure Augen auf, da solche 
junge Menschen für die Wahrheit ins Gefängnis, ja 
in den Tod gehen. Wir haben den Herren gesagt, sie 
sollten alle ihre Gelehrten herbeibringen, wir wollten 
ihnen mit der Wahrheit beweisen, dass sie alle falsche 
Propheten seien, und dass sie die Welt fast 1300 Jahre 
mit ihrer Falschheit betrogen hätten, wollten auch lie- 
ber öffentlich auf einer Schaubühne mitten auf dem 
Markte mit ihnen handeln als im Winkel; aber die Pfaf- 
fen wenden alle Mühe an, solches zu verhindern. Also 
haben wir alle Gelehrten in ihrer Ratsversammlung, 
vor allen Herren des Rates, zum Wortstreite aufgefor- 
dert, wobei auch vier der vornehmsten, gelehrtesten 
Pfaffen von Gent zugegen waren; solches alles habe 
ich angehört, denn ich bin mit dabei gewesen. 

Darum forschet in der Schrift, welche der Herr euch 
zu untersuchen gebietet und euch befiehlt, darnach 
zu tun bei Strafe der Verdammnis eurer Seelen und 
in das ewige Feuer geworfen zu werden, woselbst 
ewiges Weinen der Augen und Knirschen der Zähne 
sein wird. Solche Schriften verbieten euch die Pfaffen 
zu lesen, und haben darauf die Strafe gesetzt, dass ihr 
hier euer lebelang von allen Menschen gehasst und 
euer Leib an einem Pfahle verbrannt werden soll, was 
bald geschehen ist, wie man sieht. Darum folgen wir 
lieber dem nach, was der Herr gebeut, obgleich wir ei- 
ne kleine Zeit Schmach tragen und von den Menschen 
aus dieser armseligen Welt verstoßen sind; wir ruhen 
aber lieber in dem Herrn, als dass wir tim sollten, was 
die Menschen gebieten, und nachher in Ewigkeit, in 
der abscheulichen Hölle, Gottes Feind zu sein. Darum 
forschet in der Schrift mit lauterem Herzen nach Gott; 


der Herr wolle euch Verstand geben. Der Herr sei mit 
euch; meine Liebe wünsche ich euch. 

Von mir, Jannyn Bueskyn, um des Zeugnisses Chris- 
ti willen zu Gent gefangen. Ich wünsche die Seligkeit 
allen denen, welche den Herrn mit ungeheucheltem 
Herzen suchen. Geschrieben im Dunkeln mit schlech- 
ten Gerätschaften. 

Nun folgt, wie die beiden Vorgedachten, nämlich 

Hans von Oberdam und Hans Käs-Kaufer zum 
Tode geführt worden sind. 

Als diese zwei Schäflein verurteilt waren, sprach der 
Anwalt: Dass ihr als Ketzer verurteilt worden seid, ist 
darum geschehen, weil verschiedene Gelehrte einen 
Wortstreit mit euch gehalten haben und ihr euch doch 
nicht habt unterrichten lassen wollen. Hans von Ober- 
dam: Meine Herren, wäre es uns erlaubt worden, öf- 
fentlich einen Wortstreit zu halten, man hätte wohl 
gesehen, welche Gelehrte sie gewesen sind. Der An- 
walt: Es ist nun zu spät, es ist nun zu spät. Da wurden 
sie beide weggebracht und gingen mit lachendem 
Munde davon. Hans von Oberdam: Ja, ja, es ist nun 
zu spät. Es hatte sich aber Hans Käs-Kaufer mit Hans 
von Oberdam verabredet, dass er auf der Schaubüh- 
ne seine Unterhosen ausziehen wollte; unterdessen 
sollte Hans von Oberdam an das Volk eine Anrede 
halten, was auch geschehen ist. Als der Scharfrichter 
Hansken helfen wollte, begehrte es Hansken allein zu 
tun, damit Hans von Oberdam desto länger zum Vol- 
ke reden möchte. Als dieses geschehen, ist ein jeder 
derselben an einen Pfahl gestellt worden und haben 
ihren Leib Gott aufgeopfert. 

Govert, Gillis, Mariken und Anneken, 1550. 

Den letzten Januar 1550 wurden zu Lier in Brabant 
vier fromme Christen, namens Govert, Gillis, Mariken 
und Anneken um des Glaubens willen aufgeopfert; 
dieselben haben sich ohne Widerstand wie Schlacht- 
schafe gefangen nehmen lassen. Als man sie nun vor 
Gericht brachte und ihres Glaubens wegen fragte, ha- 
ben sie denselben freimütig und ohne Scheu bekannt. 
Sodann sagte der Schultheiß: Ihr steht hier zu eurer 
Verantwortung; worauf Govert sprach: Was meinen 
Glauben betrifft, so habe ich denselben ohne Scheu 
bekannt, werde mich auch zu keinem andern wenden; 
und sollte es mich das Leben kosten, so will ich doch 
dabei bleiben. 

Hierauf hat man ihnen sofort den kaiserlichen Be- 
fehl vorgelesen, wobei der Schultheiß fragte, ob sie 
wohl verstanden hätten, was darin stände. Govert 
sagte: Gott hat uns durch Jesum befohlen, wie Mk 16 



132 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


steht, dass alle, die da glauben und getauft werden, 
selig werden sollen und die nicht glauben, verdammt 
werden sollen; der Kaiser aber, nach seinem blinden 
Urteile, hat befohlen, dass derjenige, welcher sich auf 
seinen Glauben taufen lassen würde, ohne einige Gna- 
de getötet werden sollte. Diese beiden Befehle stritten 
gegeneinander; darum müssen wir einen verlassen; 
doch soll ein jeder wissen, dass wir Gottes Befehl be- 
obachten müssen, denn obgleich der Satan lehrt, dass 
wir Ketzer sind, so handeln wir gleichwohl nicht wi- 
der das Wort Gottes. Als man sie vor Gericht führte, 
sagte Govert zu den Pfaffen: Ziehet eure langen Klei- 
der aus, tut Säcke an, streuet Asche auf eure Häupter 
und bekehret euch, wie die Niniviten. Im Richthaus 
fragte der Schultheiß, ob er keine Gnade begehre, wor- 
auf er antwortete: Ich will euch um eure Gnade keine 
guten Worte geben, denn der höchste Gott wird mir 
das geben, was ich nötig habe. Auch sagte der Schult- 
heiß zu Anneken: Begehrst du keine Gnade, ehe man 
das Urteil über dich fällt? Sie antwortete: Ich werde 
von Gott, der meine Zuversicht ist, Gnade begehren. 
Mariken, welche eine alte Frau von 75 Jahren war, 
wurde gefragt, ob sie ihre Sünden vor dem Pfaffen 
beichten wolle. Sie antwortete: Es reuet mich, dass 
ich jemals einem Pfaffen meine Sünden in seine sterb- 
lichen Ohren gebeichtet habe. Govert, als er einige 
Brüder sah, hat seine Augen von den andern abge- 
wendet, dieselben freudig getröstet und unter anderm 
gesagt: Ich bitte Gott, dass ihr zu seiner Ehre ebenso 
gefangen sein mögt, wie ich jetzt bin. Der Schultheiß 
sprach ergrimmt: Schweige, denn dein Predigen gilt 
hier doch nichts. Lieber Herr Schultheiß, sagte er, ich 
rede nur fünf oder sechs Worte, welche mir Gott zu 
reden eingegeben hat, tut dir das so wehe? Und als 
das Volk darüber murrte, sagte er: Verwundert euch 
nicht darüber, denn man hat solches von den Zeiten 
des gerechten Abels an gesehen, dass die Gerechten 
Schmach erlitten haben. Die beiden Diener, welche 
bei ihm standen, sagten: Schweige und sage nichts, 
der Schultheiß will es nicht haben. Sofort hat Gott 
seinen Mund verschlossen, welches viele Menschen 
verdrossen hat. Gillis wurde nicht gefragt, hat auch 
kein Wort geredet; aber sie wurden abermals nach 
dem Steine gebracht, wo sie miteinander fröhlich wa- 
ren und sangen: Selig ist der Mann und gut genannt; 
auch sangen sie den 41. Psalm. Dann kam der Schult- 
heiß ins Gefängnis und fragte Govert, ob er sich nicht 
bedacht hätte; darauf sagte er: Wenn du dich nicht bes- 
serst, so wird die Strafe von Gott über dich kommen; 
der Schultheiß sah zum Finster hinaus und sagte: Soll 
denn Gott diese Menge Volks verdammen? Darauf 
sagte Govert: Ich habe das Wort Gottes zu dir geredet; 
ich hoffe aber, dass hier noch Menschen seien, welche 


Gott fürchten. Der Schultheiß wandte sich zu der An- 
neken und fragte sie, was sie dazu zu sagen hatte; sie 
sagte: Herr Schultheiß, man hat mir zweimal in der 
Stadt große Ehre angetan, nämlich, als ich mich verhei- 
ratete, und als mein Mann Kaiser wurde; aber meine 
Freude war niemals so standhaft wie jetzt. Als sie 
zum Tode geführt wurden, hielt Govert eine schöne 
Ermahnung, bestrafte sie wegen ihres gottlosen Ge- 
spöttes und sagte: Laß doch Gott eine kleine Zeit mit 
dir umgehen; bessere dich, denn dein Leben ist kurz; 
da sagte ein Bruder: Gott wolle dich stärken. O ja! sag- 
te er, die Kraft seines Geistes wird nicht schwach in 
mir. Der Mönch wollte Mariken Zureden; Govert aber 
sagte: Gehe von mir, du Verführer, zu deinem Volke, 
wir bedürfen deiner nicht. Als sie in den Kreis kamen, 
sagte Govert zu seinen Zunftgenossen: Wie, stehet 
ihr hier mit Stöcken bewaffnet? So standen die Juden, 
als sie Christum dem Tode überantworteten; hätten 
wir uns davor gefürchtet, wir hätten uns beizeiten auf 
die Flucht begeben. Dann sind sie alle auf ihre Knie 
gefallen, haben ihr Gebet verrichtet, und im Aufste- 
hen einander geküsst; darauf hat Anneken sogleich 
zu singen angefangen: Ich traue, Herr, auf dich! Die 
Diener zwar hießen sie schweigen, aber Govert sag- 
te: Nein, Schwester, singe ohne Scheu, und sang mit; 
hierüber wurde der Schultheiß entrüstet, rief einen 
Diener, welchem er etwas ins Ohr sagte; derselbe ging 
zu des Scharfrichters Knechte. Als nun dieser Befehl 
empfangen hatte, hat er dem Govert ein Gebiss an- 
gelegt, aber er hielt seine Zähne so fest zusammen, 
dass ihn das Gebiss nicht sehr hinderte, und sagte 
mit lachendem Munde: Ich kann auch noch wohl mit 
dem Gebisse singen; aber Paulus sagt: Singet Gott in 
eurem Herzen. Der Scharfrichter hat Anneken, um sie 
zu beschämen, bis aufs Hemd entkleidet. Ein Diener 
fragte Gillis, ob er keinen von seinem Volke sehe? Gil- 
lis sagte: Weißt du sonst nichts, uns zu quälen? Was 
sagt er, sagte Govert. Er fragt, sagte Gillis, nach unse- 
ren Mitgenossen. Govert sagte: Und könnte ich ihrer 
auch zwanzig zählen, so wollte ich dir nicht einen of- 
fenbaren; du meinst sie mit uns zu töten, und Gottes 
Wort zu unterdrücken, aber von denen, die solches 
hören und sehen, werden noch Hunderte hervorkom- 
men. Als er an dem Pfahle stand, sagte er: Bessert 
euch, tut Buße, denn nach diesem wird keine Zeit der 
Buße mehr sein. Ein Diener hatte eine Flasche Wein 
und fragte: Ob sie trinken wollten? Govert sagte: Es 
lüstet uns nicht nach deinem kraftlosen Weine, denn 
unser Vater wird uns in seinem ewigen Reiche neuen 
Most einschenken. Als man glaubte, die alte Frau sei 
an dem Pfahle erwürgt, hat sie, ihrem Bräutigam zu 
Ehren, ein Liedlein angestimmt, die Anneken aber, als 
sie solches hörte, hat aus feuriger Liebe mitgesungen. 



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Als sie nun alle an den Pfählen standen und ein jeder 
derselben einen Strick am Halse hatte, haben sie gelä- 
chelt, das Haupt gegeneinander geneigt und einander 
freundlich gegrüßt und getröstet, auch ihre Seelen in 
Gottes Hände befohlen, und sind also in dem Herrn 
entschlafen und verbrannt worden. 

Willem, Maritgen, Dieuwertgen und Maritgen 
Jans, im Jahre 1550. 

Im Jahre 1550 sind zu Leyden in Holland vier Schäf- 
lein Christi gefangen gesetzt worden, nämlich ein Bru- 
der und drei Schwestern, namens Willem, Maritgen, 
Dieuwertgen und Maritgen Jans, welche endlich, als 
sie ohne Furcht ihr Glaubensbekenntnis abgelegt ha- 
ben, und weder durch Pein noch durch Leiden zum 
Abfalle bewogen werden konnten, als Ketzer zum To- 
de verurteilt worden sind. Als man sie nun vorführte, 
sprach Willem: Wir leiden nicht als Diebe oder Mör- 
der, sondern um des Herrn Namens willen; darum, 
o Herr, vergib es denen, die uns dieses verursachen. 
Maritgen sagte: Herr, stärke uns, die wir um deines 
Wortes willen leiden, was wenige tun wollen; ich bin 
nicht würdig, um deines Namens willen zu leiden; 
aber Du, o Herr, kannst mich würdig machen. Dieu- 
wertgen, als sie vortrat, fing an zu singen und sagte 
dann: Liebe Bürger, rächt solches nicht an mir, denn 
es geschieht um des Herrn Namens willen; ferner 
sagte sie: Herr, siehe uns an, die wir um deines Wor- 
tes willen leiden, denn unser Vertrauen ist allein auf 
Dich gerichtet. Maritgen Jans sagte: Dies ist der enge 
Weg zur Seligkeit, o Herr! Nimm meinen Geist auf; 
ihr Ratsherren, überlegt einmal, welchen Schaden ihr 
eurer Seele damit zufügt, dass ihr unschuldiges Blut 
vergießt; darum tut Buße, wie die Niniviten, denn 
dass wir leiden geschieht nicht darum, weil wir Sek- 
ten oder Rotten gebildet haben; wir wollen auch nicht 
streiten, ausgenommen mit des Geistes Schwerte, das 
ist Gottes Wort. Hierauf haben sie alle (als sie ihre 
Seelen in die Hände Gottes befohlen) ihr Opfer vollen- 
det, und Gott ein angenehmes Rauchwerk gebracht, 
welches ihnen auch vergolten werden wird. 

Theunis von Haustelrath, 1550. 

Dieser Theunis von Haustelrath war in der Furcht 
des Herrn ein eifriger und emsiger Mann, dem Herrn 
mit dem Pfunde, welches er ihm anvertraut hatte, et- 
was zu gewinnen und viele Menschen zur Erkenntnis 
der Wahrheit zu bringen, auch diejenigen, welche die 
Wahrheit angenommen hatten, darin zu stärken. Als 
er nun die Gemeinde Christi auf solche Weise in aller 
Treue regiert und bedient hatte, ist er zuletzt gefangen 


genommen und zu Limmit, einer Stadt im Jülicher 
Lande, ins Gefängnis gelegt worden, wo er mit vielen 
spitzfindigen klugen Geistern manchen harten Streit 
hatte und dort, um seines Glaubens willen, viele Mar- 
ter erlitten und ertragen hat. Der wichtigste Streit, 
den er führte, handelte sich um die Kindertaufe und 
das Sakrament, worin er mit den Papisten nicht einig 
war. Als er von ihnen weder überwunden noch ab- 
wendig gemacht werden konnte, sondern sich fest an 
die Wahrheit hielt, ist er zuletzt zum Feuer verurteilt 
worden. Also führten sie ihn zur Stadt hinaus aufs 
Feld und verbrannten ihn dort, um das Jahr 1550, zu 
Asche. Als er noch im Gefängnisse war, hat er seinen 
Brüdern und Schwestern eine trostreiche Ermahnung 
aufgesetzt und ihnen dieselbe aus dem Gefängnisse 
zugesandt und hinterlassen, welche wie folgt lautet: 
O Gott! Gib mir in meinem großen Leiden, dass 
ich unaufhörlich zu dir eindringen möge und weder 
irgendeine Pein noch den Tod fürchte; ja, lieber Herr, 
darum bitte ich Dich, der Du Gott über alle Dinge 
bist, dass ich nicht durch alles dasjenige verstrickt 
werden möge, was mir noch zustoßen wird und soll, 
und was mir mit Christo zu leiden um meiner Se- 
ligkeit willen obliegt, denn ich weiß, dass die Krone 
des Lebens denen zubereitet ist, die darin beharren. 
Darum, o ihr Frommen, verzaget ja nicht, sondern 
wendet euch ernstlich zu eurem Hauptmanne, Chris- 
tus, denn Er kann den Sieg erhalten; derselbe wird 
am jüngsten Tag mit Feuerflammen kommen und ein 
strenges Gericht über alle Gottlosen halten. Dann wird 
Er zu seinen Schafen, die zu seiner rechten Hand ste- 
hen, sagen: Kommt, ererbet das Reich meines Vaters, 
das euch von Anfang der Welt her bereitet ist. O ihr 
Christen alle, werfet doch von euch alles, was euch be- 
schwert, stehet mit aufgeschürzten Lenden und war- 
tet auf den Herrn. Seid ihr gerecht, so werdet noch 
gerechter, denn glaubet mir, ihr werdet alles dessen 
noch benötigt sein. O ihr Glieder Christi insgesamt, 
ich bitte euch, wachet doch einmal recht auf, damit ihr 
nicht schlafet, wenn der Bräutigam kommt; denn als- 
dann werden die Klugen zur Seligkeit eingelassen, die 
Törichten aber zur ewigen Verdammnis ausgeschlos- 
sen werden. Der Herr, welchem das Pfund angehört, 
das euch anvertraut worden ist, wird wiederkommen 
und scharfe Rechnung darüber halten, was ein jeder 
gewonnen hat. Alsdann wird man die Klugen rühmen 
und sagen: Kommt, gehet ein zu eures Herrn Freude; 
die Trägen aber wird man ihrer Schalkheit wegen be- 
strafen und sie in die Pein schicken. O Schäflein des 
Herrn, weidet euch jetzt, dass ihr zubereitet werden 
möget, damit ihr nicht unbereitet seid, wenn ihr zum 
Hochzeitsfeste kommen sollt, sonst würde der König 
sagen: Freund, wie bist du hereingekommen und hast 



134 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


doch kein hochzeitliches Kleid an; darüber wird der 
Mensch, weil er sich doch nicht verantworten kann, 
verstummen müssen; aber der König wird über ihn 
gebieten, dass man ihn in die ewige Finsternis werfe. 

Werdet doch ja nicht solche, die Äcker kaufen; ver- 
kauft lieber, die ihr geladen seid, und gebt es den 
Armen. O, ihr lieben Brüder, erbarmt euch doch über 
die Armen, tröstet sie und helfet ihnen. Ich habe nun 
den Kampf fast ausgerungen und mein Lauf ist bald 
geendigt; Gott gebe mir, dass ich möge Glauben hal- 
ten, so wird mir die Krone des Lebens zuteil werden. 
O Herr! Erwecke doch treue Knechte und setze sie 
über dein Hausgesinde, damit sie ihnen zu rechter 
und bequemer Zeit Speise geben mögen. Dies schen- 
ke ich euch, ihr frommen Christen, als einen brüderli- 
chen Abschied zum Guten. Es ist mit treuem Herzen 
geschrieben, und ich hoffe es mit meinem Blute zu 
versiegeln. 

Tys von Lind, 1550. 

Dieser Tys von Lind war ein eifriger, andächtiger 
Mann und zu Remunde in Gelderland wohnhaft 
(nach der Erkenntnis, die ihm von Gott verliehen 
war), der andächtig in der Furcht des Herrn wandelte, 
und insbesondere mit einem mitleidigen und barm- 
herzigen Herzen gegen arme notdürftige Leute begabt 
war, deshalb hatte er durch seine vielen Almosen und 
Gaben, welche er den Armen in der Gemeinde ver- 
abreichte, bei vielen Menschen einen guten Namen 
erlangt; denn er ist mit demjenigen, was ihm Gott 
verliehen hatte, vielen Menschen in ihrer Not behilf- 
lich gewesen. Als er aber das Papsttum und dessen 
Abgötterei verlassen und die evangelische Wahrheit 
angenommen, den seligmachenden Glauben an Chris- 
tum empfangen und wegen seines sündhaften Lebens, 
welches er in der Unwissenheit missbraucht, Buße ge- 
tan hatte und sich auf seinen Glauben hatte taufen las- 
sen, auch täglich in einem neuen, heiligen Leben zur 
Ehre Gottes, zur Auferbauung des Nächsten und zur 
Erleichterung derer, die noch in der Blindheit saßen, 
zu wachsen suchte, um also seinen Leib zu einem Op- 
fer darzubringen, welches lebendig, heilig und Gott 
wohlgefällig wäre, so haben die Feinde der Wahrheit 
solches nicht ertragen können. Darum haben sie die- 
sen frommen Mann angeklagt, ihn der Ketzerei be- 
schuldigt, weshalb er gefänglich eingezogen worden 
ist und manchen Streit und Anfechtung hat erdulden 
müssen; sie haben ihm mit der Folter scharf zugesetzt, 
dass er seinen Glauben verleugnen sollte; da er aber, 
aller Leiden und Pein ungeachtet, doch bei seinem 
Glauben standhaft blieb, so ist er endlich, nach des 
Kaisers Befehl, zum Tode verurteilt und zu Asche ver- 


brannt worden. Kurz nachdem dieser fromme Zeuge 
Jesu Christi in Remunde verbrannt worden ist, ist die 
Stadt von selbst in Brand geraten, wenigstens kennt 
man die Veranlassung nicht, und ist größtenteils ab- 
gebrannt und zu Asche geworden. Viele mutmaßen, 
dass es eine Strafe für das unschuldige Blut gewe- 
sen sei, welches Urteil wir Gott befohlen sein lassen 
wollen. 

Palmken Palmen, 1550. 

Dieser Palmken Palmen ist zu Borren, nahe dem Lan- 
de Millen, wohnhaft gewesen; er war sehr eifrig in 
der Wahrheit des heiligen Evangeliums zu leben und 
Christo, seinem Herrn, welchen er, als er auf seinen 
Glauben getauft wurde, angenommen hatte, in Gehor- 
sam zu folgen. Weil aber das Licht von der Finsternis 
beneidet wird und auch um diese Zeit in jenem Lan- 
de von einigen blutdürstigen obrigkeitlichen Perso- 
nen, welche von den Pfaffen des Landes aufgehetzt 
wurden, eine schwere Verfolgung veranlasst wurde, 
so ist dieser gute Mann oft in großer Not gewesen; 
er ist auch endlich ins Gefängnis gesetzt worden, in 
welcher Gefangenschaft er nicht wenig Schmach und 
Anfechtung erlitten hat. Als er nun in allen Nöten und 
Ängsten von seinem Glauben nicht abweichen wollte, 
so ist er zuletzt verurteilt worden, dass er zu Asche 
verbrannt werden sollte, welches Urteil er, wie man 
wahmehmen konnte, mit fröhlichem Gemüte aufge- 
nommen hat, denn als er aus dem Gefängnisse zu 
Barren abgeführt wurde, hat er wohlgemut ein geistli- 
ches Lied gesungen und damit nicht eher aufgehört, 
als bis ihn an dem Pfahle, woran er stand, der Atem 
verließ, worauf er endlich zu Asche verbrannt worden 
ist; dies ist zwischen Sittert und Limmerich im Felde 
geschehen, wo man noch eine Grabstätte sieht, welche 
als die Stelle seiner Hinrichtung angegeben wird. 

Im Amte Millen und Borren werden elf und dann 
sieben Personen getötet, 1550. 

Kurz zuvor sind auch im Amte Millen und Borren 
sieben Brüder, und zu einer andern Zeit elf Brüder 
mit dem Schwerte hingerichtet worden und haben 
also den Namen Christi mit ihrem Blute bezeugt. 

Remken Ramakers, 1550. 

Desgleichen ist auch ein frommer andächtiger Bru- 
der und Mitglied der Gemeinde Jesu Christi, namens 
Remken Ramakers, bei Sittert um der Wahrheit des 
Evangeliums willen verbrannt worden. 



135 


Johann Knel oder Büchner und Anna Cantiana, 
1550. 

Auch ist es im Jahre 1550 geschehen, dass in der Stadt 
London, in England, zwei fromme Zeugen Jesu ge- 
fangen genommen worden sind, eine Mannsperson, 
namens Johann Knel oder Büchner und eine Frau, An- 
na Cantiana genannt, welche unter andern mit Men- 
no Simon und andern wahren Gläubigen geglaubt 
und bekannt hat, dass der Sohn Gottes um unseret- 
willen Mensch geworden sei, und dass auch Er das 
Wesen seines Fleisches nicht von Maria oder sonst 
woher angenommen habe, sondern dass das ewige 
Wort oder der Sohn selbst Fleisch oder Mensch ge- 
worden sei. Als nun die Gedachten auf keine Weise 
zum Abfall gebracht werden konnten, sondern bei der 
angenommenen Wahrheit feststanden, sind sie nach 
vieler erlittener Pein an gemeldetem Orte zum Tode 
verurteilt worden. Johann Knel ist den 2. Mai, im Jah- 
re 1550, und Anna Cantiana in demselben Jahre zu 
Asche verbrannt worden, obgleich Johannes Anglus 
Foxus selbst bezeugt, dass die gemeldete Anna eine 
dienstfertige Frau gewesen sei, insbesondere gegen 
diejenigen, die in Banden gefangen saßen, denn sie 
war beständig um sie, ihnen zu dienen. Und weil 
die Erwähnten solches alles nicht wegen irgendeiner 
Missetat, sondern um des Zeugnisses Jesu erlitten, 
auch für die Wahrheit ihr Leben männlich gelassen 
und sich Christi und seines Wortes hier in diesem 
Leben vor den Menschen nicht geschämt haben, so 
wird er sich ihrer vor seinem Vater auch nicht schä- 
men, sondern ihnen, mit allen Gesegneten, das Reich, 
welches ihnen von Anfang bereitet ist, aus Gnaden 
erteilen. 

Hiervon siehe in der Vorrede über das alte Opfer- 
buch des Jahres 1616, Buchst. I auf der andern Seite. 

Gerhard von Kempen, 1550. 

Desgleichen ist auch Gerhard von Kempen zu Wis- 
len um des Zeugnisses Jesu Christi willen verbrannt 
worden. 

Drei Brüder von Antwerpen, von welchen der 
älteste Jan genannt wurde, welcher das Wort 
führte, 1550. 

Der Neid der Pfaffen war so groß, dass sie es nicht 
ertragen konnten, dass diejenigen, welche in der Stille 
Gott dem Herrn einfältig und recht zu dienen suchten, 
sich in Antwerpen aufhielten; deshalb haben sie den 
Markgrafen dahin vermocht, dass er sie in Verhaft zu 
nehmen gesucht, und sollte es ihn auch sein Amt kos- 


ten, denn er hat seine Diener ausgesandt und drei der- 
selben gefangen nehmen lassen, welches sowohl die 
Pfaffen, als auch die gefangenen Brüder nicht wenig 
erfreut hat, weil sie gewürdigt waren, für den Herrn 
zu leiden. Sie wurden auch scharf über ihren Glauben 
untersucht, von welchem sie, sowohl in Ansehung 
der Taufe und der Sakramente, als auch rücksichtlich 
anderer Artikel, ein gutes Bekenntnis abgelegt haben, 
und wiewohl die Pfaffen und Gelehrten mit List ihnen 
sehr zugesetzt haben, so haben sie sich doch mit der 
Schrift so tapfer verteidigt, dass auch der Markgraf 
selbst bezeugte, dass er eine solche deutliche Ausle- 
gung der Schrift noch niemals gehört hätte, und wenn 
er vierzehn Tage bei ihnen wäre, sie würden ihn sicher- 
lich überreden. Darauf sagten die Brüder: Urteilt ihr 
selbst, ob es nicht der rechte Glaube und die Wahrheit 
sei, für welche wir unser Leben zum Pfände geben, 
von welcher wir auch nicht abzufallen, sondern darin 
zu des Herrn Lob und Preis zu verharren beabsichti- 
gen, der uns nicht verlassen hat, auch selbst, da wir 
im Finstern saßen. 

Als nun die Gelehrten viele Schriften verkehrt und 
unrecht zur Anwendung brachten, sagten die Brüder: 
Wie dürft ihr so vermessen sein, dass ihr von dem 
Wege des Herrn eine so verkehrte Lehre habt? Wor- 
auf einer der Gelehrten sagte: Das kommt daher, weil 
wir nicht mit euch gefangen sein, oder Angst und 
Verfolgung leiden wollen; aber nach sieben oder acht 
Jahren will ich die Wahrheit recht ausbreiten und der- 
selben guten Vorschub tun. Ach, Armer, sagte einer 
der Brüder, wie verlässt du dich auf eine eitle Hoff- 
nung, da du doch weder Abend noch Morgen, weder 
Stunde noch Zeit in deiner Hand hast (was sich auch 
an ihm erwiesen, denn kurz darauf ist er gestorben). 
Seht, sagten sie, ihr bekennt selbst, dass wir nichts ver- 
schuldet haben, warum wollt ihr uns denn ums Leben 
bringen? Der Rat sagte: Des Kaisers Befehl gebietet 
uns, euch zu töten. Nehmt denn, sagten sie hierauf, 
diesen Befehl mit euch vor des Herrn Gericht und 
sehet, was er euch nützen wird, in Wahrheit nichts. 
Nachher wurden sie zum Tode verurteilt, dass ein je- 
der an einem Pfahle verbrannt werden sollte. Dieses 
Urteil hat sie keineswegs erschreckt, sondern sie sind 
wohlgemut gewesen und haben einander getröstet. 
Der Rat sagte zum Jüngsten: Bitte den Markgrafen, er 
wird dich wohl freilassen. O nein! sagte er, ich will mit 
meinen Brüdern für die Wahrheit leiden. Also sind sie 
freudig und getrost nach den Pfählen dahingegangen, 
und haben untereinander gesagt: Also wandeln wir 
im Frieden nach dem friedsamen Hause Gottes, um 
daselbst eine ewige Wohnstätte zu erlangen. Auch ba- 
ten sie für die Herren, dass Gott ihnen diese Tat nicht 
zurechnen, und sie erleuchten wolle, damit sie sich 



136 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


bekehren möchten. Endlich mm, als sie an dem Pfahle 
standen, haben sie gerufen: Himmlischer Vater, nimm 
unseren Geist in deine Hände auf! Und also haben sie 
ihr Opfer als rechte Kinder Gottes gebracht. 

Anthonius von Asselroye, im Jahre 1550. 

Der Herr Jesus hat zu Petrus (welcher nicht allein ein 
Schäflein Jesu Christi war, sondern auch ein getreuer 
Hirte, Ältester und Sorgeträger derselben gewesen) 
also gestochen: Wahrlich, ich sage dir, da du jünger 
wärest, gürtetest du dich selbst, und wandeltest, wo 
du hin wolltest; wenn du aber alt wirst, so wirst du 
deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich 
gürten und führen, wo du nicht hinwillst. Das sagte 
er aber (sagt Johannes) zu deuten, mit welchem Tode 
er Gott verherrlichen würde. Hier werden dem ho- 
hen Apostel Petrus von seinem Meister Christus Jesus 
für seine treuen Dienste, die er in Verpflegung und 
Versorgung seiner Schafe und Lämmer anfangen und 
vollenden sollte, kein großes Bistum, keine Gefälle 
und jährliche Einkünfte, sondern vielmehr Trübsal, 
Bande und der bittere Tod, welcher ihm begegnen 
würde, verheißen; denn gleichwie sein Meister durch 
Verfolgung und Leiden in seine Herrlichkeit einge- 
gangen ist, so hat Er auch gewollt, dass seine Diener 
Ihm in dieser Spur folgen und nachwandeln sollten. 
Solches hat sich auch um das Jahr 1550 mit einem ge- 
treuen Nachfolger Christi und seines auserwählten 
Apostels Petrus, namens Anthonius von Asselroye, 
zugetragen; dieser hat seinen Hals auch unter das sü- 
ße Joch unseres Herrn Jesu Christi gebeugt und ist 
Ihm in der Wiedergeburt von ganzem Herzen nach- 
gefolgt; darum hat ihn die Gemeinde Gottes erwählt, 
um des Herrn Schafe, gleichwie dort Petrus, mit dem 
Worte Gottes an der Seele zu speisen und zu weiden. 
Solches hat er auch in einer so gefährlichen, dunkeln 
und blutigen Zeit treulich ausgeführt, bis er endlich 
den blutdürstigen Papisten in die Hände geraten ist. 
Diese nun haben ihn auch gebunden und geführt, wo- 
hin er nicht gewollt hat, denn jede Züchtigung, wenn 
sie ein trifft, dünkt dem Fleische nicht Freude, sondern 
Traurigkeit zu sein. Also hat dieser gemeldete Lehrer 
und Älteste die Blutkelter auch mit treten müssen, 
und hat von den Verfolgern manche Pein erlitten und 
ertragen. Nachdem er mm dieses alles geduldig ausge- 
standen hatte, und durch keine Tyrannei zum Abfalle 
gebracht werden konnte, so ist er zum Tode verurteilt 
und hingerichtet worden, und also haben die reißen- 
den Wölfe ihn dem Fleische nach (keineswegs aber 
dem Geiste nach) zerrissen und aufgefressen. Weil 
mm dieser Held und Streiter Jesu Christi Ihm und sei- 
nen getreuen Nachfolgern im Glauben und in der Wie- 


dergeburt im Gehorsam nachgewandelt ist, so wird 
er mit ihnen in der Wiederkunft des Herrn auf zwölf 
Stühlen sitzen und die zwölf Geschlechter Israels rich- 
ten; alsdann wird er diese Glieder, welche er um der 
Wahrheit und des Herrn Namen willen dem bittem 
Tode übergeben hat, wieder empfangen und wird in 
herrlicher Unsterblichkeit, gleich dem verherrlichten 
Leibe unseres Herrn Jesu Christo mit Ihm in Ewigkeit 
leben. 

Pieter Bruynen, welcher zu Antwerpen im Jahre 
1531 aufgeopfert worden ist, bekennt, dass er die 
christliche Taufe auf seinen Glauben von diesem ge- 
meldeten Anthonius von Asselroye empfangen habe. 

Jakobus Dosie zu Leeuwaarden. 

Auch ist es geschehen, dass zu einer gewissen Zeit, 
von welcher wir keine bestimmte Nachricht haben 
finden können, ein Jüngling, namens Jakobus Dosie, 
von welchem berichtet wird, dass er ungefähr 15 Jah- 
re alt gewesen, zu Leeuwaarden in Friesland um der 
Wahrheit des heiligen Evangeliums willen in Verhaft 
genommen worden sei; der wundertätige Gott aber 
hat durch den Heiligen Geist seine Kraft an diesem 
Jünglinge bewiesen, und aus dem Munde dieses jun- 
gen Kindes sich sein Lob zubereitet; denn als zu einer 
gewissen Zeit der Herr und die Frau von Friesland 
mit vielen Herren und Edelfrauen zu Leeuwaarden 
versammelt waren, so haben sie diesen gemeldeten 
Jakobus vor sich rufen lassen, haben mit ihm geredet 
und ihn untersucht, ob er mit irgendeiner Ketzerei 
besudelt wäre; aber der getreue Gott hat ihm nach sei- 
ner Verheißung solche Sprache und Weisheit gegeben, 
welcher sie nicht widerstehen, noch sie dämpfen konn- 
ten. Nach wenigen Worten ist der Herr von Friesland 
seines Wegs gegangen (weil das Volk auf ihn warte- 
te), die Frau von Friesland aber ist durch ihn, wie es 
scheint, bewegt worden, hat mit ihm geredet, und ihn 
gefragt, warum er in seinen jungen Jahren so hart ge- 
fangen und gebunden sei. Jakobus antwortete: Dieses 
ist allein darum geschehen, weil ich an Christum glau- 
be, Ihm allein anhange und Ihn nicht verleugne. Die 
Frau fragte ihn: Gehörst du nicht zu dem Volke, wel- 
ches sich wiedertaufen lässt und in unserm Lande so 
viel Übels tut, Aufruhr erweckt, zusammenläuft und 
sagt, dass es um des Glaubens willen vertrieben sei, 
welches sich selbst rühmt, die Gemeinde Gottes zu 
sein, und doch ein arger Haufe ist, der unter dem Vol- 
ke großen Aufruhr macht? Jakobus: Meine Frau, ich 
kenne keinen von diesem aufrührischen Volke, auch 
gehöre ich solchem nicht zu, sondern wir wollen viel- 
mehr, nach Unterweisung der Schrift, unsern Feinden 
behilflich sein und dieselben, wenn sie hungrig und 



137 


durstig sind, mit Speise und Trank sättigen, auch die- 
selben keineswegs mit Rache oder Gewalt beleidigen. 
Eine andere sprach: Hättet ihr nur die Gewalt, man 
würde es wohl sehen. Jakobus sprach: Ach nein, mei- 
ne Frau, glaube mir, wäre es unter uns erlaubt, den 
Bösen mit dem Schwerte zu widerstehen, so sollst du 
wissen, dass mich keine sieben Männer hätten hierher 
bringen mögen, und dass ihr mich nicht in eure Hän- 
de gebracht haben solltet; denn hierzu sollte sich noch 
wohl Gewalt gefunden haben. Die Frau: Ich weiß, dass 
dergleichen Sekten sind, welche sehr boshaft sind, das 
Volk verführen, auch ihre Güter und ihre Weiber ge- 
meinschaftlich haben. Jakobus: Ach nein, meine Frau, 
solche böse Dinge werden uns ohne unsere Schuld 
beigelegt, und daraus sucht man Veranlassung zu neh- 
men, uns zu verfolgen; aber wir müssen solches alles 
leiden und mit Geduld ertragen. Die Frau: Waren es 
nicht eure Leute, welche zu Amsterdam und Münster, 
zur großen Schande und Unehre, das Schwert gegen 
die Obrigkeit ergriffen haben? Jakobus: Ach nein, mei- 
ne Frau, denn jene haben sehr geirrt, wir aber halten 
solches für eine teuflische Lehre, wenn man sich der 
Obrigkeit mit dem äußerlichen Schwerte und mit Ge- 
walt zu widersetzen sucht, und wollen lieber von der- 
selben Verfolgung und den Tod, mit allem, was uns 
auferlegt wird, ertragen. Die Frau: Gleichwohl wird 
solches euch zugeschrieben, und diejenigen, welche 
Aufruhr erwecken, tun sehr übel; wiewohl ich das, 
was du hierüber sagst, gern glaube. Jakobus: Meine 
Frau, findet man nicht viele dergleichen Nachrichten, 
wie die bösen Menschen selbst von den Aposteln und 
der ganzen Christenschar übel geredet und die Ob- 
rigkeit mit vielen bösen Dingen zur Rache gegen sie 
zu bewegen gesucht haben, und gleichwohl nur alles 
erlogen. Die Frau: Glaubst du denn nicht, dass sie alle 
verdammt sind, welche nicht auf eure Weise getauft 
sind? Jakobus: Ach nein, meine Frau; denn es kommt 
Gott allein zu, sie zu richten; Er wird auch einem je- 
den nach seinen Werken lohnen, wie solches in vielen 
Stellen der Schrift deutlich zu ersehen ist; auch ist das 
Wasser nicht kräftig genug, uns von Sünden zu rei- 
nigen, gleichwie Petrus sagt, sondern es ist allein ein 
Zeichen allen Gehorsams. Die Frau: Sage mir, könnt 
ihr auch noch sündigen, nachdem ihr getauft seid? 
Jakobus: Ja, meine Frau, denn solches ist deutlich aus 
Paulus Worten zu ersehen, indem wir noch mit einem 
schwachen, sündhaften Leibe umgeben sind und auf 
mancherlei Weise sündigen; aber wir müssen densel- 
ben beständig kreuzigen und töten, und die Werke 
des Fleisches nicht ausüben oder vollbringen, sonst 
verdammt uns die Gerechtigkeit Gottes zum ewige 
Tode. Die Frau: Worin bist du denn nicht einig mit 
dem Ketzermeister? Laß es mich einmal hören. Jako- 


bus: Meine Frau, weil ich seiner Lehre nicht beistim- 
men will, es sei denn, dass er mir deutlich beweise, 
dass dieselbe mit Gottes Wort in allen Stücken wohl 
übereinstimme, sonst wird seine Arbeit verloren sein, 
denn mein Glaube ist allein auf das reine Wort Gottes 
gegründet; was aber den Gebrauch der Kindertaufe 
betrifft, so widersprechen wir derselben mit Grund, 
weil es kein Befehl des allmächtigen Gottes, sondern 
nur eine menschliche Erfindung ist, indem die jun- 
gen Kinder von den Umständen der Taufe, und was 
darin erfordert wird, keine Erkenntnis haben, noch 
den Unterschied wissen, sondern Christus, welcher 
diesen Unschuldigen günstig gewesen ist, hat ihnen, 
ohne dass sie es selbst begehrten, das Reich Gottes aus 
Gnaden zugesagt. Meine Frau, ich finde, dass außer- 
dem das Papsttum mit vielen Irrtümern behaftet ist, 
denn ihre Meinung ist auch, dass Christus in das Brot 
komme, oder dass Er dasselbe in sein Fleisch und Blut 
verwandele, was wir keineswegs glauben, sondern 
für einen groben Irrtum und Unverstand halten. Wir 
glauben dagegen, dass Christus wahrhaftig gen Him- 
mel aufgefahren sei und zur Rechten seines Vaters 
sitze, also glauben wir nicht, halten auch nicht dafür, 
dass irgendeine Seligkeit in ihrem Mehle, in ihrer Mes- 
se, in dem Fegfeuer oder allem ihrem Totendienste, 
und was dergleichen Menschengedichte mehr sind, 
enthalten sei, deren es sehr viele gibt, die alle in der 
Heiligen Schrift nicht bekannt sind, sondern von der- 
selben ausgeschlossen werden. Im Gegenteile rufen 
wir Gott allein an und suchen unsere Seligkeit in Ihm 
und nicht in irgendeiner Kreatur, damit wir Gott die- 
se Ehre, die ihm gebührt, nicht rauben, und dieselbe 
irgendeiner seiner Kreaturen oder Geschöpfe geben. 

Als er zu dem Vorsteher der Klöster kam, hat dieser 
ihm gesagt: Willst du denn nicht an das Sakrament 
glauben, welches doch Christus selbst eingesetzt hat? 
Jakobus: Paulus sagt, dass das Brot zu seinem Ge- 
dächtnisse gebrochen werde, und der gesegnete Kelch 
die Gemeinschaft des Blutes Christi sei. Damit hat er 
seine Reden geendigt. 

Die Frau: Das halte ich an dir für das Ärgste, dass 
du nicht zugestehen willst, dass man die Kinder tau- 
fen soll, denn ganz Deutschland und alle Königreiche 
halten euer Tun für Ketzerei. Jakobus: Meine Frau! 
Solches ist ja die Wahrheit, dass wir überall verachtet 
sind und uns (gleichwie der apostolischen Schar) von 
aller Welt widersprochen wird, aber denket nicht, dass 
um deswillen alle solche am jüngsten Tage verdammt 
werden. Die Frau: Mein liebes Kind, ich bitte dich, tritt 
doch auf unsere Seite und bekehre dich, so wirst du 
dieser Last entledigt, und ich verheiße dir, dich wieder 
auf freien Fuß zu stellen. Jakobus: Meine Frau, ich bin 
sehr dankbar, dass du solche Gunst und Gewogenheit 



138 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


für mich hegst, aber ich will meinen Glauben nicht mit 
der Gunst eines sterblichen Menschen vertauschen, 
oder man müsste mir mit der Schrift beweisen, dass 
ich irrte, denn ich habe mich Gott (um sein Freund 
zu sein) ganz übergeben, worin ich zu leben und zu 
sterben hoffe. Die Frau: Mein Sohn, sieh einmal al- 
le diese Menschen an, es jammert mich deiner und 
ich bitte dich sehr, laß dich doch deine Taufe gereuen 
und verharre nicht in deiner Verstocktheit. Solltest 
du (als ein so junges Kind) um deswillen sterben, so 
würde solches mir in meinem Heizen ein schweres 
Kreuz sein; darum sorge, dass du wieder frei wer- 
dest und nach Hause ziehest. Jakobus: Meine Frau, 
ich kann nicht finden, dass in meiner Taufe eine Miss- 
etat liege, denn ich bin hierin nicht meiner eigenen, 
sondern der heiligen Einsetzung Jesu Christo nach- 
gefolgt, und hätte ich einen andern und bessern Weg 
zum Reiche Gottes finden können, so wäre solches 
nicht geschehen, denn ich war von ganzem Herzen 
geneigt, den Herrn, meinen Gott, zu suchen. Die Frau: 
Sollten sie denn alle irren, so viel gelehrte Männer, die 
vor dir gewesen sind, solltest du wohl so vermessen 
sein dürfen? Jakobus: Meine Frau, in Israel waren 400 
Propheten gegen den einzigen Micha, welcher allein 
die Wahrheit geredet hat, und bei Wasser und Brot ge- 
fangen gesetzt war, aber solches hat der König Ahab, 
wiewohl zu spät, in seiner Not erfahren. Die Frau hat 
endlich gesprochen: Ich finde zwar bei dir viele gute 
Dinge, aber ich halte dafür, dass dein Hauptirrtum in 
der Taufe bestehe, und solches ist meiner Meinung 
nach nicht von Gott. 

Auf solche Weise hat sie ihn oft zu sich kommen 
lassen; weil aber derselbe, der zwar jung an Jahren 
aber alt in der Bekenntnis Jesu Christi war, seinen Bau 
auf den Stein Jesum Christum gegründet hatte, so hat 
er alle listigen Anschläge des Satans (welche ihm von 
dem Reiche dieser Welt durch Strafe, Bedrohungen 
oder schöne Verheißungen widerfahren sind) mit dem 
Schwerte des Geistes, welches Gottes Wort ist, tapfer 
abgewiesen. Als er nun Christus keineswegs verleug- 
nen wollte, so ist er von den Herren der Finsternis 
vom Leben zum Tode verurteilt worden, und hat also 
den ungefärbten Glauben an die Wahrheit mit seinem 
Tode und Blute bezeugt und versiegelt, und also die 
Krone der ewigen Herrlichkeit aus Gnaden erlangt. 

Siehe hiervon ein Liedlein in der goldenen Harfe, 
welches anfängt: Zu Leeuwaarden auf einen Tag. 


Hans von Monster, Bartel und der alte Jakob 
werden bei Antwerpen auf dem Hause zu Berchem 
getötet. 

Gleichwie man von jeher häufig gehört und erfahren 
hat, dass die Wahrheit von den Feinden derselben be- 
neidet und zertreten worden ist, so dass ihre frommen 
Bekenner auf mancherlei Weise haben leiden müssen, 
so hat sich solches unter andern auch zu einer ge- 
wissen Zeit erwiesen, nachdem Marie von Beckum 
nebst ihrer Schwester zu Delden aufgeopfert waren, 
dass ein getreuer Bruder, namens Hans von Monster, 
bei Antwerpen, auf dem Hause zu Berchem, um der 
Wahrheit willen gefangen gesessen. Und weil uns der 
Mund Jesu mit großem Ernste lehrt und anpreist, die 
Kranken und Gefangenen in ihrem Drucke und in 
ihrer Trübsal zu besuchen, so ist es geschehen, dass 
ein Lediger, namens der alte Jakob, und ein anderer, 
genannt Bartel, auf Antrieb des Geistes und der brü- 
derlichen Liebe von Antwerpen nach Berchem gereist 
sind, um ihren Bruder in seiner Trübsal nach ihren 
Kräften zu trösten. Als sie dahin kamen, haben die 
Neider auf sie Achtung gegeben, in der Meinung, dass 
der alte Jakob ein Lehrer und Ältester sei, denn zu 
der Zeit hatten die blutdürstigen Papisten auf einen 
Lehrer dreihundert Gulden gesetzt, wenn man den 
Scharfrichtern einen derselben in die Hände geben 
könnte; weil nun der alte Jakob sehr beredt gewesen 
und sich aus Gottes Wort wohl verantworten konnte, 
haben sie das vorgemeldete Geld an ihm zu verdienen 
gehofft, was ihnen gleichwohl fehlgeschlagen, weil 
Jakob kein Lehrer gewesen ist. Nichtsdestoweniger 
haben sie auch ihre Hand an diese beiden gelegt und 
sie zu ihren Mitbrüdem gefangen gesetzt; sie sind 
aber sämtlich, weil sie auf den unbeweglichen Felsen 
Christum Jesum gegründet waren, in diesem Unge- 
witter standhaft geblieben und endlich, weil sie durch 
keine Marter von der Wahrheit abgebracht werden 
konnten, alle auf dem Hause zu Berchem getötet wor- 
den. Also haben sie ihre Leiber für die Wahrheit willig 
hingegeben, und erwarten nun mit allen Heiligen Got- 
tes die selige Auferstehung zum ewigen Leben. 

Zur Zeit, als dieser hier gemeldete Bartel noch mit 
einem andern, genannt Gerrit, bekehrt wurde, hat es 
sich zugetragen, dass diese beiden Jünglinge dabei 
standen, als Marie von Beckum, nebst ihrer Schwester, 
auf dem Hause zu Neiden aufgeopfert wurden; diese 
haben berichtet, dass sie Marie von Beckum haben 
sagen und öffentlich vor dem Volke bezeugen gehört, 
als sie, um verbrannt zu werden, an den Pfahl gestellt 
werden sollte: Diesen Pfahl, woran ich verbrannt wer- 
de, werdet ihr noch grünen sehen, woran ihr erkennen 
könnt, dass es die Wahrheit sei, für welche ich leide 



139 


und sterbe. Diese beiden gemeldeten Jünglinge, wel- 
che dieses mit angehört haben, sind einige Zeit darauf 
zum Pfahl gegangen und haben ihn grünen sehen, 
und weil sie dadurch in ihrem Gemüte erschreckt 
worden sind, so sind sie beide nach Antwerpen gezo- 
gen, um nach jenem Volke zu fragen, und als sie zu 
einem der Ältesten, Heinrich von Aarnem genannt, 
und Jan Lubberts von B. gekommen sind, haben sie 
ihnen solches erzählt. Hierauf hat ihnen Heinrich von 
Aarnem geantwortet: Ich werde solches euch nicht 
nachsagen dürfen; sie aber sagten: Sollten wir das 
nicht sagen, was wir gehört und gesehen haben? So- 
dann haben sie dasjenige, was mit Marie von Beckum 
sich zugetragen, behauptet, worauf sie sich auch der 
Wahrheit zugewandt, Buße getan und sich bekehrt, 
auch sich mit der Gemeinde Gottes vereinigt haben. 
Der eine von ihnen, Gerrit genannt, ist nachher nach 
Amsterdam gezogen, wo er seinen Wohnsitz genom- 
men und gestorben ist, der Bartel aber hat sein Leben 
für die Wahrheit gelassen, wie berichtet worden ist. 

Zwei junge Mägdlein, im Jahre 1550. 

Es hat sich ferner im Bistum Bamberg, um das Jahr 
1550 zugetragen, dass sich zwei junge Mägdlein mit 
dem Herrn Christo durch den Glauben verehelicht 
und ihn angenommen haben, auch sich nach der Leh- 
re Christi auf ihren Glauben haben taufen lassen und 
so von den Sünden zu einem neuen Leben mit Chri- 
sto auferstanden sind, worin sie zu wandeln gesucht 
haben. Hierauf haben die Antichristen sie in diesem 
guten Vorsatze zu verhindern und diese gute Mei- 
nung nach ihrem Vermögen in ihnen zu dämpfen ge- 
sucht; deshalb haben sie die genannten beiden jungen 
Schäflein ins Gefängnis geworfen, wo sie dieselben 
hart gepeinigt und allerlei antichristliche Mittel ange- 
wandt haben, um sie zum Abfalle und Verleugnung 
der Wahrheit zu bringen, weil sie aber auf Christum 
fest gegründet waren, sind sie in allen diesen Ver- 
suchungen getreu und standhaft geblieben. Darum 
sind sie von der Obrigkeit, welche hierin gewöhn- 
lich dem Rate der falschen Propheten folgt, zum Tode 
verurteilt worden, worin sie sich auch freudig und 
unerschrocken bezeugt haben. Als sie nun zum Tode 
hinausgeführt wurden, haben ihre Verfolger, um sie 
zu beschimpfen und zu verspotten, ihnen Strohkrän- 
ze aufgesetzt, worauf die eine zu der andern gesagt 
hat: Weil der Herr Christus für uns eine Dornenkro- 
ne getragen, warum sollten wir nicht wiederum. Ihm 
zu Ehren, diese Strohkronen tragen; der getreue Gott 
wird uns dafür eine schöne, goldene Krone und einen 
herrlichen Kranz aufsetzen. Also haben diese zwei 
jungen Zweige, nach dem Beispiele ihres Hauptman- 


nes Jesu, sich mit Geduld gewaffnet und sind bis zum 
Tode getreu gewesen, standhaft gestorben und haben 
die herrliche Krone bei Gott im Himmel aus Gnaden 
erlangt. 

Diesen gedachten Mägdlein haben auch ihre Wi- 
dersacher es als ein Lob zugeschrieben, dass sie un- 
erschrocken und standhaft gestorben seien und dass 
sie ein rechtes Fundament und den wahren Grund 
des christlichen Glaubens an ihrem Erlöser Christum 
Jesum gehabt hätten, welchen sie öffentlich bekann- 
ten und in ihrer Not anriefen, worin sie auch in ihrer 
Hoffnung unbeweglich und standhaft gestorben sind, 
so dass auch ihre Widersacher ungewiss waren, ob 
sie selbst nicht in einen größeren Irrtum vor Gott ver- 
fallen wären, als diese gemeldeten jungen Mägdlein, 
obgleich dieselben schon wiedergetauft worden seien. 

Wem es gefällt, der lese von dieser Geschichte Jo- 
hannes Manlius, gedruckt zu Frankfurt im Jahre 1550. 

Ein Jüngling von fünfzehn Jahren, im Jahre 1550. 

Um dieselbe Zeit ist auch zu Leeuwaarden ein Jüng- 
ling von fünfzehn Jahren in großer Standhaftigkeit 
hingerichtet worden, welcher in Ansehung seines 
Glaubens mit den gedachten beiden Mägdlein die 
zu Bamberg getötet worden sind, verglichen wird. 

Siehe im 16. Buche vom Untergange, gedruckt 1620, 
auf das Jahr 1550, Pag. 1130, Col. 1. 

Von einem Befehle, um das Ketzergericht im Jahre 
1550 einzuführen. 

In derselben Zeit ist, wie sich urteilen lässt, die Erbit- 
terung der römisch genannten Geistlichen gegen die- 
jenigen, welche der evangelischen Lehre Jesu Chris- 
ti nachzufolgen suchten, mehr und mehr entzündet 
worden und ausgebrochen. Sie hatten nämlich des 
Kaisers Zustimmung erlangt, das Ketzergericht, wel- 
ches schon eine geraume Zeit nicht mehr scharf im 
Gange war, in den Niederlanden durch Befehle über 
die Gewissen der Einwohner zu erwecken und mit 
mehr Strenge, als jemals geschehen, wieder einzufüh- 
ren, welches auch in der Weise zum großen Missver- 
gnügen und zur Betrübnis der gemeinen Einwohner 
dieses Landes ausgeführt worden ist. Ein gewisser 
Schreiber berichtet hiervon Folgendes: 

Wiewohl in früheren Zeiten öfters viele scharfe Be- 
fehle zur Unterdrückung der Evangelischen (Nachfol- 
ger) bekannt gemacht worden sind, wodurch in den 
Niederlanden viele tausend Menschen um des Glau- 
bens willen ihr Leben jämmerlich eingebüßt haben, 
so ist doch des Volkes Hass und Erbitterung im Jahre 
1550 durch den Befehl, welchen der Kaiser Karl der 



140 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Fünfte in Ansehung des Ketzergerichts zu Brüssel den 
29. April erlassen hat, bedeutend vermehrt worden, 
denn in diesem Befehle wurde bekannt gemacht, dass 
man von der Zeit an öffentlich das geistliche Gericht 
einführen und gleichwohl die grausamen blutigen 
Befehle durch die Strafe der weltlichen Obrigkeit voll- 
bringen wollte. 

Chronik vom Untergange der Tyrannen und jähr- 
lichen Geschichten, der zweite Teil, gedruckt 1617, 
auf das Jahr 1550, Pag. 1129, Col. 1. Vergl. mit Eman. 
von Met., Buch 1. Peter Bor., Buch 1. Ursprung des 
Niederländischen Aufruhrs (die alte Auflage), Fol. 5, 
6 . 

Nacherinnerung. 

Obschon der Schreiber im Nachfolgenden sagt, dass 
einige Obrigkeiten diesen Befehl des Ketzergerichts 
nicht hätten bekannt machen wollen, und dass einige 
durch demütige Bittschriften eine Milderung vom Kai- 
ser erlangt hatten, so ist es gleichwohl so weit gekom- 
men, dass im Verborgenen Hand angelegt worden 
ist, um solches durch das Ketzergericht zu bewerk- 
stelligen, wodurch die Gemüter der Untertanen sehr 
unruhig und verdrießlich geworden sind, weshalb 
viele aus den Brabantischen Städten, insbesondere 
aus West-Flandern, fortgezogen sind. 

Reyer Dirks, ein Schiffer, wird zu Amsterdam in 

Holland um des Zeugnisses Jesus Christi willen 
nach erschrecklicher Pein verbrannt, 1550. 

Damals hat auch Reyer Dirks, ein gottseliger Held 
und tapferer Ritter Jesu Christi, wiewohl nach Ansicht 
der Welt von geringem Ansehen (denn er ernährte 
sich mit einem Schifflein, womit er auf dem Flusse 
Amstel sein Brot zu gewinnen suchte), sich unter das 
Blutpanier seines Seligmachers zu der Kreuzeskirche 
begeben, die man verächtlich Wiedertäufer nannte. 
Als er nun ungefähr drei Jahre dabei gewesen war, hat 
er tatsächlich erfahren, dass das Himmelreich Gewalt 
leide, dass es die Gewaltigen einnehmen und dass 
er nicht zu dem weiten Raume des seligen Palastes 
Gottes gelangen könne, wenn er nicht zuerst durch 
die enge Pforte eindringen würde, an deren Pfosten 
auch sein Fleisch, ja sein ganzer Leib, den Vögeln und 
Ungeziefer zur Speise, hängen geblieben ist, was man 
durch den Brand des Feuers ausgeführt hat. 

Er wurde zu Amsterdam, in Holland, gefangen ge- 
setzt und als er jämmerlich gepeinigt worden war, 
gleichwohl aber von seinem Glauben und dem Ver- 
sprechen, welches er Gott in der Taufe geleistet, nicht 
abfallen wollte, als Ketzer zum Tode verurteilt und 


durch Feuer lebendig hingerichtet. 

Dieses alles kann man aus nachfolgendem Todesur- 
teile ersehen, welches an seinem Todestage zu Ams- 
terdam vor Gericht von der päpstlichen Obrigkeit 
vorgelesen worden ist. 

Des Schiffers Reyer Dirks Todesurteil. 

Nachdem Reyer Dirks, ein Schiffer und Bürger der 
Stadt, sich vor ungefähr drei Jahren unter die Lehre, 
Irrtümer, Sekten und Ketzerei der Anabaptisten (oder 
Wiedertäufer) begeben, welche von den Sakramen- 
ten der heiligen Kirche eine irrige Lehre haben, dem 
heiligen christlichen Glauben, den Verordnungen der 
heiligen Kirche und den geschriebenen Rechten und 
Befehlen der kaiserlichen Majestät, unseres gnädigen 
Herrn, zuwider und überdies in seinen Irrtümern und 
Ketzereien verharrt, des Unterrichts ungeachtet, wel- 
cher ihm von dem rechtsinnigen Glauben gegeben 
worden ist, so haben meine Herren des Gerichts, nach- 
dem sie die Anklage meines Herrn, des Schultheißen, 
welche er im Namen der kaiserlichen Majestät gegen 
den vorgenannten Reyer Dirks gemacht, samt seinem 
Bekenntnisse und alle Umstände der Sache in reife 
Überlegung genommen, den besagten Reyer Dirks 
dahin verurteilt, dass er, nach den vorgeschriebenen 
Befehlen, durch den Scharfrichter mit Feuer hingerich- 
tet werden soll, und verordnen ferner, dass alle seine 
Güter der kaiserlichen Majestät, als Grafen von Hol- 
land, zu dero Gebrauch verfallen sein sollen, jedoch 
ohne Nachteil der Freiheiten dieser Stadt. 

Abgelesen und durch den Scharfrichter ins Werk 
gesetzt, den 16. Tag im August, im Jahre 1550, in Ge- 
genwart des Schultheißen, aller Bürgermeister und 
Gerichtsbeamten. Dempto Jan Dunen. 

Von der Zeit, zu welcher Reyer Dirks gepeinigt wor- 
den ist: Dieser Reyer Dirks ist auf der Folter verhört 
worden, den 9. Juli im Jahre 1550. 

Abgeschrieben aus dem Buche des Blutgerichts, 
welcher in der Kanzlei der Stadt Amsterdam zu fin- 
den ist. N. N. 

Ein Schmied zu Komen. 

In oder um das Jahr 1551 ist zu Komen in Flandern 
ein Schmied um der göttlichen Wahrheit willen in Ver- 
haft genommen worden, welcher, als er seinen Glau- 
ben ohne Scheu bekannte und davon nicht abfallen 
wollte, auf eine zweifache Weise zum Tode verurteilt 
worden, indem er, wenn er abfallen würde, mit dem 
Schwerte hingerichtet, sonst aber mit Feuer lebendig 
verbrannt werden sollte. Aus diesem Grunde hat man 
auch zweierlei Zurüstungen gemacht; die Obrigkeit 



141 


aber, welche die Menge des Volkes sah und sich vor 
der Mühe fürchtete, hat den Bruder im Gefängnisse 
behalten; deshalb sind einige auf das Gefängnis ge- 
stiegen und haben durch das Dach gebrochen, um 
zu sehen, was man darin mit dem Leidenden vorneh- 
me; zuletzt hat einer an die Türe des Gefängnisses 
geklopft, um sich zu erkundigen, ob der Bruder leben- 
dig oder tot sei. Als jener hineingelassen wurde, kam 
er sofort mit blutigen Händen wieder heraus, zeigte 
sie dem Volke und sagte: Er ist tot! Er ist tot! Nachher 
hat man den Toten auf einer Leiter herausgebracht, 
ihm das Haupt zwischen die Beine gelegt und ihn 
mit der Leiter auf die Kirchhofsmauer gesetzt, wo der 
Pfaffe eine lange Rede (vielleicht war es eine Predigt) 
gehalten und unter anderm gesagt hat, dass dersel- 
be von seinem ketzerischen Glauben abgefallen und 
wieder zu der römischen Kirche und ihrem seligen 
Glauben übergetreten sei, und weil er nun einen so 
guten Vorsatz ausgeführt (sagte er), so sei er sofort 
hingerichtet worden, damit er nicht wieder zu seinem 
alten Irrtume umkehren möchte. Aber man hält es 
für gewiss, dass der Pfaffe über den Toten gelogen 
habe, und das umso mehr, weil er, nachdem er dessen 
Tod, wie angegeben, veröffentlicht hat, hinzugesetzt, 
dass derselbe in seinem vorhergehenden Bekenntnis- 
se halsstarrig geblieben sei. Auf solche Weise zwingt 
Gott die Gottlosen, auch in ihren Lügenberichten wi- 
der Willen die Wahrheit der Sache zu offenbaren. 

Gillis und Elisabeth. 

Im Jahre 1551, den 21. Juli, wurden zwei fromme 
Christen, ein Bruder, genannt Gillis, und eine Schwes- 
ter, genannt Elisabeth, nach des Kaisers Befehle, zu 
Gent in Flandern als Ketzer zum Tode verurteilt, wor- 
auf man sie vorführte, um sie zu töten, jedoch nicht 
zur gewöhnlichen Zeit, sondern des Nachmittags um 
1 Uhr. Als sie auf die Schaubühne kamen, haben sie ihr 
Gebet zu Gott verrichtet; unterdessen hat der Scharf- 
richter die Schnur des Rockes aufgelöst, so dass sie 
nichts anhatte als das Hemd und leinene Hosen, wel- 
che sie der Scharfrichter aus Spott hatte anziehen las- 
sen; hierüber hat sie sich sehr geschämt, ist sofort zum 
Pfahle getreten und hat gesagt: Ich danke Dir, o Herr, 
dass ich würdig bin, um Deines Namens willen zu 
leiden; ich stehe nun an dem Prüfsteine, woran die 
Auserwählten Gottes geprüft werden; o Herr, stärke 
mich und zögere nicht. Gillis sagte: Liebe Schwester, 
sei geduldig in deinem Leiden, und tröste dich in Gott; 
er wird dich nicht verlassen. O lieber Bruder, sagte sie, 
ich will nimmer von ihm weichen. 

Da rief Gillis: O Herr, vergib denen die Sünde, die 
mir den Tod antun, denn weil sie dich nicht kennen. 


so wissen sie nicht, was sie tun; endlich riefen sie: 
O himmlischer Vater! In deine Hände befehlen wir 
unsern Geist, und haben also im Feuer ein selig und 
Gott wohlgefälliges Ende genommen. 

Joris, Wouter, Grietgen und Naentgen. 

Als die große Verfolgung in den Niederlanden wider 
die rechten Christen überall scharf anhielt, so sind 
unter andern im Jahre 1551 vier fromme Christen, na- 
mens Juris, Wouter, Grietgen und Naentgen, von Lier 
in Brabant nach Gent in Flandern geflüchtet, welche, 
als sie daselbst noch nicht lange gewohnt hatten, von 
einem Judas verraten und aus ihren Häusern nach des 
Grafen Stein gefänglich gebracht worden sind, wo sie 
Gott fröhlich gedankt und ihm Lob gesungen haben, 
weil sie würdig waren, um seines Namens willen zu 
leiden. Als sie nun von den Mönchen und andern Be- 
trügern angefallen wurden, haben sie ihren Glauben 
ohne Scheu bekannt, und haben durch keine falsche 
List davon abgezogen werden können, sondern ha- 
ben ihren Verführern, welche ihre Seelen zu ermorden 
suchten, mit der Wahrheit tapfern Widerstand geleis- 
tet. Nachher sind sie auf des Kaisers Befehl zum Tode 
verurteilt worden, weil sie von der römischen Kirche 
abgefallen waren, die Kindertaufe verachtet, und sich 
auf den Glauben hatten taufen lassen. Sie wurden da- 
hin verurteilt, dass sie, ohne erwürgt zu werden, an 
einem Pfahl verbrannt werden sollten; dafür haben 
sie sich gegen die Herren bedankt und Grietgen sagte: 
Meine Herren, sparet drei Pfahle, wir können alle vier 
an einem sterben, denn im Geiste haben wir alle doch 
dieselbe Gesinnung. Sie waren freudig im Herrn und 
dankten Gott aufs Höchste; auch sagte Naentgen: Dies 
ist der Tag, wonach mich so sehr verlangt hat. Darauf 
kamen acht Mönche, um sie zu quälen; sie aber ha- 
ben ihren Rat nicht angenommen, sondern Grietgen 
sagte: Ziehet eure langen Kleider aus und lehret euch 
selbst, ehe ihr euch untersteht, andere zu lehren. Man 
führte sie wie Schlachtschafe zum Tode und die Mön- 
che gingen mit ihnen, zu welchen sie sagten: Bleibt 
nur zurück und lasst uns zufrieden, denn wir kennen 
euch wohl und wollen euch nicht hören. 

Als sie auf den Schauplatz kamen, sprach Joris zum 
Volke: Wisset, dass wir nicht wegen Dieberei, Mord 
oder Ketzerei sterben; hierüber wurden die Mönche 
entrüstet und widersprachen ihnen; dann sind sie auf 
ihre Knie gefallen, haben ihr Gebet zu Gott verrichtet 
und beim Aufstehen einander mit dem Kusse des Frie- 
dens geküsst. Als sie nun mit fröhlichem Angesichte 
das Volk anredeten, standen die Mönche vor ihnen, 
um sie zu verhindern; einer aber aus dem Volke rief: 
Ihr rasenden Antichristen, tretet zurück und lasset 



142 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


sie reden! Wouter sagte: Ihr Bürger von Gent, wir lei- 
den nicht als Ketzer oder Lutheraner, die in der einen 
Hand den Bierkrug, in der andern aber ein Testament 
halten, und dadurch Gottes Wort verunehren als Trun- 
kene verhandeln, sondern wir sterben für die rechte 
Wahrheit. Der Scharfrichter hat sie an die Pfähle, einen 
jeden derselben an einen Strick gehängt, aber nicht 
erwürgt; da haben sie einander gestärkt und gesagt: 
Lasst uns nur tapfer streiten, denn dies ist unsere letz- 
te Pein, nachher werden wir uns mit Gott in ewiger 
Freude erfreuen. Als sie nun in der Pein hingen, ehe 
die Pfähle angezündet wurden, ist Joris mit dem Stri- 
cke gefallen; da hat ihm Wouter zugerufen: O Bruder, 
sei wohlgemut. O Herr! rief Joris, auf dich traue ich, 
stärke meinen Glauben. Darauf ist das Feuer ange- 
gangen, und sie riefen: O Gott Vater, in Deine Hände 
befehlen wir unsern Geist. Also haben sie, nach des 
Herrn Willen, ihr Opfer getan, und ihr Glaube ist wie 
Gold im Feuer probiert und gut befunden worden, 
welcher auch also von Gott angenommen worden ist. 

Catharina. 

Acht Tage nachdem die Vorgenannten aufgeopfert 
worden sind, ist auch eine Frau, namens Catharina, 
zum Feuer verurteilt worden, welche, als sie noch ge- 
fangen saß, von den Mönchen sehr gequält worden 
ist, dass sie abfallen sollte; sie sprach aber: Ich stehe 
so fest auf meinem Glauben, dass ich mich dafür zu 
Gottes Ehren an einem Pfahle braten lassen will. Was 
würdet ihr, wohl für euren Glauben tun; gewiss nicht 
viel, darum bessert euch, ehe ihr zu Schanden wer- 
det. Als sie nun verurteilt war, lebendig verbrannt 
zu werden, und zum Richtplatze hinausging, wur- 
de sie von einem Bruder begrüßt, und als sie zu der 
Schaubühne kam, wurden auf ihr Begehren ihre Hän- 
de entfesselt. Da ist sie niedergekniet und hat Gott 
inbrünstig um Kraft angerufen, welche ihr auch zuteil 
geworden ist; denn als sie aufstand und an den Pfahl 
gebunden wurde, hat sie herzhaft gesagt: Ich werde 
um der Wahrheit willen getötet; darum will ich ohne 
Furcht alles leiden, was euch in die Hände gegeben ist, 
an mir zu tun. Da kam ein Verführer herbei, um sie zu 
trösten und (wie er sagte) zu stärken; sie aber sprach: 
Schweige, denn du bist von deiner Qual ganz ermü- 
det; höre auf mich zu trösten, und tröste dich selbst; 
denn derjenige, um dessen willen ich leide, wird nun 
mein Trost sein. Sodann ist sie, unter dem Anschauen 
allen Volkes, im festen Vertrauen zu Gott, welchen sie 
anrief, lebendig verbrannt worden, und hat ihre Seele 
und ihren Leib, Gott zu einem Brandopfer, mit einem 
standhaften Gemüte aufgeopfert. 


Johannes Bair. 

Im Jahre 1528, am Mittwoch nach Allerheiligentag, 
ist der Bruder Johannes Bair von Lichtenfels um des 
Glaubens und der göttlichen Wahrheit willen gefan- 
gen gesetzt worden, und hat zu Bamberg im Franken- 
lande in einem Turme dreiundzwanzig Jahre wegen 
seiner Standhaftigkeit in der Gefangenschaft zuge- 
bracht, wie aus nachfolgendem Briefe, welchen er an 
die ältesten Brüder der Gemeinde geschrieben hat, zu 
ersehen ist: 

Liebe Brüder! Die Schreibtafel habe ich empfangen, 
wie auch die Rechenschaft unseres Gottesdienstes, un- 
serer Lehre und unseres Glaubens, dazu sechs Lichter 
oder Kerzen und Federn; die Bibel aber insbesondere 
habe ich nicht empfangen, wie ich vorn in der Tafel 
auch bemerkt habe; aber das ist noch meine Bitte, dass 
ihr mir dieselbe, wenn sie noch vorhanden ist, schi- 
cken wollet; ich hätte sie vor allen Dingen sehr gern, 
wenn es nach dem Willen Gottes geschehen könnte; 
denn ich bedarf ihrer sehr und leide großen Hunger 
und Durst nach dem Worte des Herrn schon so man- 
ches Jahr; solches sei zu Gott und seiner Gemeinde 
geklagt, denn die Zeit meiner elenden Gefangenschaft 
besteht aus vollen zwanzig Jahren, weniger acht Wo- 
chen; am Mittwoch nach Allerheiligen jährt es sich. 
Ich, Johannes Bair, von Lichtenfels, der ich ein Elender 
der Elendigen, ein Verlassener der Verlassenen und in 
Jesu Christo, unserm Herrn, gefangen bin, klage die- 
ses abermals Gott und seinen Engeln, wie auch allen 
seinen Arbeitern, Kirchen und Gemeinden. Nun, mei- 
ne herzallerliebsten Brüder und Schwestern in dem 
Herrn; bittet Gott für mich, dass er mich aus dieser 
Gefahr und großen Not erlösen wolle, aus der Not, 
welche unaussprechlich ist, das weiß Gott und ich 
Armer, und ihr wisset es auch mit mir; hiermit Gott 
befohlen. Geschrieben zu Bamberg, in einem finstern 
Loche, im Jahre 1548. 

Nach diesem Schreiben hat er noch drei Jahre, also 
23 Jahre, gefangen gesessen; nach Ablauf dieser Zeit 
ist er im Jahre 1551 im Gefängnis mit fröhlichem Her- 
zen im Herrn entschlafen und hat die Marterkrone 
erlangt. 

Hieronymus Segerß mit seinem Weib Lysken 

Dirks und dem großen Henrich, im Jahre 1551. 

Im Jahre unseres Herrn 1551 sind zu Antwerpen in 
Brabant Hieronymus Segerß mit seinem Weibe Lys- 
ken Dirks und der große Henrich um des Zeugnisses 
Jesu willen den Tyrannen in die Hände gefallen, und 
haben, durch Gottes Gnade, viel schwere Pein und 
Folter ausgestanden und ertragen. Weil sie aber durch 



143 


den Glauben mit ihrem Hauptmanne Christo Jesu 
so fest verbunden waren, dass sie keineswegs zum 
Abfalle gebracht werden konnten, so haben sie den 
2. Sept. im Jahre 1551 Hieronymus Segerß und den 
großen Henrich auf die Schlachtbank gebracht, wel- 
che ihre Leiber, ein jeder derselben an einem Pfahle, in 
großer Standhaftigkeit Gott zum wohlgefälligen Op- 
fer übergeben haben. Die Lysken Dirks, Hieronymus 
Segerß Weib, welche schwanger war, haben sie, als sie 
geboren hatte, des Morgens frühe zwischen drei und 
vier Uhr in einen Sack gesteckt, und so, ehe die Leute 
aufstanden, mörderischer Weise in die Schelde gewor- 
fen und ertränkt. Gleichwohl haben einige Menschen 
zugesehen, welche von ihrem festen Glauben bis an 
den Tod Zeugnis gegeben haben; darum ruhen sie 
auch sämtlich unter dem Altäre. Leset ihre folgenden 
schönen Briefe, welche von ihrem starken Glauben, 
ihrer festen Hoffnung und brennenden Liebe zu Gott 
und seiner heiligen Wahrheit Zeugnis geben. 

Ein Brief des Hieronymus Segerß im Gefängnisse 
zu Antwerpen an sein Weib, genannt Liesken, 
welche auch daselbst gefangen lag, im Jahre 1551 
geschrieben. 

Fürchte Gott allezeit! 

Ins Kaisers Stuhl lag ich gefangen und beschwert, 
Ums Zeugnis Jesu Christi, das Er uns gelehrt. 

Und die Tür' ist hart verschlossen, 

Auch sehr stark die Wand, 

Doch ist’s Herren Hand, 

Die mich machet unverdrossen. 

Gnade, Frieden, Freude, Trost, festen Glauben und 
ein gutes Vertrauen mit einer feurigen Liebe zu Gott 
wünsche ich meinem lieben Weibe Lysken Dirks, wel- 
cher ich mich vor Gott und seiner heiligen Gemeinde 
vertrauet, und nach des Herrn Befehle zum Weibe ge- 
nommen habe. Trost, Freude und Wonne müsse sich 
bei dir, mein liebes Weib, vervielfältigen und vermeh- 
ren. 

Ich bitte den Herrn ernstlich für dich, dass Er dich 
trösten und dir das abnehmen wolle, was dir zu 
schwer ist. Ich weiß es wohl, mein auserwähltes Schaf, 
dass du um meinetwillen sehr betrübt bist; aber setze 
doch alle Betrübnis beiseite und siehe auf den Herzog 
unseres Glaubens und den Vollender Jesus, und laß 
uns ferner in aller Gerechtigkeit und Heiligkeit wan- 
deln, als Kinder des Friedens, auch die Gnadenzeit 
wohl wahmehmen, und der großen Gnade, welche 
der Herr an uns erwiesen hat, eingedenk sein. Ach, 
mein liebes Weib, gedenke doch, welch einem getreu- 
en Gotte wir dienen; er wird uns nicht zu Schanden 


werden lassen; gedenke, wie treulich er die Kinder 
Israel mit ausgestreckter Hand aus dem Diensthau- 
se Pharaos und aus Ägypten durch das rote Meer 
geführt habe, und gedenke, wie sie sich zubereiten 
mussten, ehe sie ausziehen konnten, und wie sie das 
Osterlamm aßen mit ungesäuertem Brote; stehend 
mussten sie das Osterlamm essen, und das ungesäu- 
erte Brot, das sie hatten, wickelten sie in ihre Kleider, 
und fingen an, nach der Wüste auszuziehen; auch 
ging der Engel des Herrn vor ihnen her, des Tages in 
einer Wolkensäule und des Nachts in einer Feuersäu- 
le und leuchtete ihnen auf solche Weise vor; als sie 
aber von Pharao und seinem Heere geängstigt wur- 
den, fing das Volk an, wider Moses zu murren, denn 
sie hatten zu dem Herrn kein festes Zutrauen, dass 
Er sie ausführen würde; aber der Herr sagte zu Mose, 
was Er tun wollte, und wie Er Seine Macht an Pharao 
und seinem Heere beweisen wollte, darum gebot Er 
Mose, er sollte den Stab nehmen und ins Meer schla- 
gen; und als Moses ins Meer schlug, vertrocknete das 
Meer, und das Wasser teilte sich voneinander und 
stand wie Mauern zur rechten und linken Seite, so 
dass sie trocken durch das Meer gingen; Pharao aber, 
der ihm nachfolgte, ertrank mit seinem ganzen Heere 
und Volke, während die Kinder Israel ohne Schaden 
hindurchgingen, und also Gott lobten und Ihm dank- 
ten, dass Er sie aus dem Diensthause Pharaos erlöset 
hatte. Aber damals waren sie noch nicht im verheiße- 
nen Lande; sie kamen erst in eine abscheuliche Wüste, 
wo kein Brot war; des Brotes, welches sie aus Ägypten 
brachten, war nur wenig; es war der ungesäuerte Teig, 
den sie in ihren Kleidern trugen, als sie aus Ägypten 
zogen. Da ging es an ein Zagen, weil sie nichts zu es- 
sen hatten, aber der Herr speiste sie mit Himmelsbrot. 

So auch, mein liebes Weib, haben wir noch nicht 
alles gewonnen, wenn wir die Wahrheit erkannt, uns 
von der Welt geschieden und uns alle Wollüste und 
Begierden versagt haben; wir müssen auch wider Fein- 
de streiten, das ist, wir müssen hier in dieser Welt 
wider Kaiser und Gewaltige und wider die Fürsten 
dieser Welt streiten; wir müssen in dieser Welt lei- 
den, denn Paulus hat gesagt, dass alle, die gottselig 
in Christo Jesu leben wollen, Verfolgung leiden müs- 
sen; wir müssen die Welt, die Sünde, den Tod und 
den Teufel ganz überwinden, nicht mit äußerlichen 
Schwertern oder Spießen, sondern mit dem Schwerte 
des Geistes, welches Gottes Wort ist, und mit dem 
Schilde des Glaubens, womit wir alle scharfen, feuri- 
gen Pfeile abweisen können; wir müssen den Helm 
der Seligkeit auf unser Haupt setzen, und den Panzer 
der Gerechtigkeit anziehen, und Schuhe an unsern Fü- 
ßen haben zum Dienste des Evangeliums. Wenn wir 
mit solchen Waffen versehen sind, so werden wir mit 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Israel durch die Wüste gelangen, und werden allen 
unsern Feinden Widerstand leisten und sie überwin- 
den; sie müssen zu Schanden werden, die wider die 
Wahrheit streiten. Als nun die Kinder Israel aus der 
Wüste waren, aus der grausamen und entsetzlichen 
Wüste, wo die Schlangen Feuer spien, nachdem sie 
vierzig Jahre lang in derselben herumgewandelt wa- 
ren, auch so manche Gefahr überwunden und so viele 
Städte und Länder diesseits des Jordans eingenom- 
men hatten, so hatten sie doch das verheißene Land 
noch nicht eingenommen, denn sie waren noch nicht 
über den Jordan; der Herr aber zeigte Mose das ver- 
heißene Land von ferne. Ach, mein liebes Weib, ich 
habe das verheißene Land auch von der Ferne gese- 
hen; ich hoffe, bald in die schöne Stadt zu kommen, 
von welcher Johannes schreibt, welche schön ausge- 
ziert ist; ihre Grundsteine sind zwölf köstliche Steine 
und ihre Mauern und Straßen von klarem und laute- 
rem Golde; auch hat die Stadt zwölf Tore, ein jedes 
besteht aus einer Perle; dort ist keine Nacht, denn der 
Herr, ihr Gott, erleuchtet sie. Und der Herr sprach zu 
Mose, er solle das Volk nicht in das verheißene Land 
einführen, sondern Josua brachte sie herein, und der 
Herr führte sie mit trockenem Fuße durch den Jordan 
und gebot ihnen, dass, wenn sie seine Gebote und 
Rechte halten würden, er ihre Feinde vor ihren Füßen 
ausstoßen werde; als sie aber seine Gebote und Rechte 
übertraten, übergab sie Gott den Händen ihrer Feinde, 
so dass sie von ihren Feinden in die Flucht geschlagen 
wurden. Als sie nun über dem Jordan waren, hatten 
sie gleichwohl das verheißene Land noch nicht inne, 
wo Milch und Honig floss, sondern sie mussten es 
mit Gewalt einnehmen, alle ihre Feinde töten, und 
die Städte mit Feuer verbrennen; ebenso müssen auch 
wir das verheißene Land mit Gewalt einnehmen, denn 
Christus sagt, dass das Himmelreich Gewalt leide. Ich 
weiß nun erst, was streiten sei; niemand weiß es bes- 
ser, als derjenige, der es versucht hat; so listig setzten 
sie an uns, um uns zu verführen. 

Wisse, dass ich deinen Brief durch meine Mutter 
empfangen, welchen ich mit Tränen gelesen habe; ich 
danke dir, dass du mich so herzlich darin getröstet 
hast, und freute mich, als ich vernommen habe, dass 
du so wohl zufrieden seiest. 

Wisse, meine innig geliebte Hausfrau Lysken, dass 
ich vor dem Markgrafen gewesen bin; er hatte zwei 
Dominikaner, zwei vom Rate und den Schreiber des 
Blutgerichts bei sich. Er fragte mich, ob ich mich noch 
nicht besser bedacht hätte, und sagte, dass er die bei- 
den guten Männer oder Herren dazu angewiesen hät- 
te, dass sie meine Seele gewinnen sollten, wenn ich 
mich bekehren wollte. Ich sagte, ich wollte meinen 
Glauben nicht verlassen, denn er sei die Wahrheit. 


Hierauf fragten sie mich, was denn mein Glauben 
wäre? Worauf ich zu den Mönchen sagte: Fraget den 
Markgrafen, ihm habe ich meinen Glauben bekannt. 
Sie quälten mich sehr, ich aber wollte ihnen durchaus 
nichts sagen. Sie fragten, woher ich wüsste, dass es 
die Wahrheit sei, ob Gott mündlich mit mir geredet 
hätte. 

Als sie nun von mir sonst nichts erlangen konnten, 
wurde mein Bekenntnis abgelesen, nämlich, dass ich 
nichts vom Sakramente hielte. Ich sagte: Für nichts als 
für einen Brotgott. Die Pfaffen aber wurden hierüber 
sehr entrüstet, weil ich ihren Gott so verachtete; sie 
wollten mit mir reden, ich aber sagte: Ich will euch 
nicht anhören oder mit euch reden; lasset meine Brü- 
der zu mir kommen, so will ich mit euch reden und 
unsern Glauben bekennen. Da fragten sie mich, ob 
ich in meinem Glauben nicht genügend bewandert 
wäre, weil ich mich auf meine Brüder berief. Ich sagte: 
Ja, mein Glaube ist stark genug, nur damit ihr meine 
Worte nicht verdrehet. Sie sagten hierauf: Wir wollen 
deine Worte nicht verdrehen. Ich antwortete: Ich ken- 
ne euch allzu wohl und weiß eure Schalkheit gut. Der 
Markgraf sagte: Es soll dir bewilligt werden. Ich aber 
meinte, er hätte gesagt, dass er eine Bibel mitbringen 
wollte. Die Pfaffen meinten, wenn man die Kindlein 
tauft, so haben sie den Glauben. Ich lachte darüber 
und sagte, warum sie denn nicht in die Türkei gingen, 
um die Türken zu taufen, denn wenn dem so ist, wie 
er sagt, dass man dann gläubig wird, so würden sie ja 
auch gläubig werden. Sie sagten: Und wenn man auch 
die Türken taufte, so würden sie doch Türken bleiben. 
Auch quälten sie mich sehr, dass ich abfallen und ein 
gutes Kind der römischen Kirche werden sollte. Selbst 
der Markgraf und die Herren des Rates zeigten mir 
eine falsche Art der Barmherzigkeit, indem sie sag- 
ten: Wenn man dich am Leben erhielte und du dich 
bekehren und ein gutes Kind der römischen Kirche 
werden würdest, so hätte ich gute Hoffnung zu dir, 
denn du bist jung und unschuldig dazu gekommen; 
ich weiß wohl durch wen (solches bezog sich auf Jelis 
von Aken) und auch, weil du so gute Eltern hast und 
deine Mutter sich bald zu Tode grämt. Ich entgegnete: 
Wenn auch die Türe offen stände und du zu mir sa- 
gen würdest: Gehe deines Wegs und sage nur, es ist 
mir leid, ich würde nicht gehen, denn ich weiß wohl, 
dass die Wahrheit mir zur Seite steht. Da sagte der 
Markgraf: Wenn du nicht gehorchen willst, so will ich 
dich lebendig verbrennen lassen. Darüber lachte ich 
und sagte: Was ihr mir um meines Glaubens willen 
zufüget, will ich gerne leiden; auch sagte er: Sein Weib 
ist die größte Ketzerin, die in der Stadt ist. 

Ich kann dem Herrn für alle Kraft und Stärke, die 
er mir in dieser Not verleiht, nicht genug danken; ich 



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merke nun wohl, dass der Herr mit uns ist; denn er 
hilft uns so treulich aus aller Not. Er ist ein treuer 
Hauptmann und gibt seinen Knechten Mut, stärkt 
sie auch, dass sie sich nicht fürchten; sie zagen und 
zittern nicht, um der großen Liebe willen, die sie zu 
ihrem himmlischen Vater tragen; denn Paulus sagt: 
Wer will uns von der Liebe Christi scheiden? Trüb- 
sal oder Angst, Verfolgung oder Hunger, oder Blöße, 
oder Lährlichkeit, oder Schwert? Wie geschrieben ste- 
het: Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen 
Tag, wir sind für Schlachtschafe geachtet, aber in dem 
allen überwinden wir weit um desjenigen willen, der 
uns geliebt hat; denn ich bin gewiss, dass weder Tod 
noch Leben, weder Engel noch Pürstentum, noch Ge- 
walt, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder 
Hohes noch Tiefes, noch irgendeine andere Kreatur 
uns von der Liebe Gottes scheiden mag, die in Christo 
Jesu, unserm Herrn, ist. 

Darum, mein geliebtes Weib Lysken, füge dich in 
die Zeit und sei geduldig in Trübsal, halte an im Gebet 
und siehe doch immer auf die schönen Verheißungen, 
welche uns überall gegeben sind, wenn wir bis an 
das Ende standhalten. Laß uns doch den Schatz wohl 
bewahren; denn da wir solchen Schatz in irdischen 
Gefäßen haben, so können wir denselben nicht ver- 
bergen, sondern er bricht überall hervor. Er ist viel zu 
köstlich, als dass man ihn verbergen sollte; wir freuen 
uns über diesen Schatz; er besteht in unserm Glauben, 
in der Hoffnung und Liebe, diese werden uns nicht 
müßig sein lassen, wenn man gleich uns auch vonein- 
ander absondert und uns in ein finsteres Loch werfen 
wollte, denn der Schatz ist von solcher Art, dass er 
nicht verborgen sein will; der eine ruft dem andern 
zu und schüttet so seinen Schatz aus, dass er gesehen 
werden möge; wir sind so wohlgemut, dem Herrn 
sei in Ewigkeit Lob und Dank gesagt. Wir rufen, wir 
singen miteinander, solche Freude haben wir, um uns 
untereinander zu trösten und zu stärken; der Herr 
gibt uns solche Stärke und Kraft, dass wir Ihm für 
die große Gnade, die Er an uns erwiesen, nicht genug 
danken können. Darum werden wir nicht müde, und 
wenn auch unser auswendiger Mensch vergeht, so 
wird der inwendige von Tag zu Tag erneuert; denn 
unsere Trübsal, welche zeitlich und leicht ist, bringt 
uns eine ewige und über alles gewichtige Seligkeit, 
die wir nicht auf das Sichtbare, sondern auf dasjenige 
sehen, was unsichtbar ist. 

Darum, mein liebes Weib, laß doch nicht nach, dem 
Herrn, deinem Gott, von ganzem Herzen zu dienen 
und seinen Fußstapfen nachzufolgen, denn wir wis- 
sen, dass wenn unser irdisches Haus dieser Hütte 
zerbrochen wird, wir einen Bau von Gott erbaut ha- 
ben werden, ein Haus, das nicht mit Händen gemacht. 


sondern das ewig ist im Himmel, und über dasselbe 
sehnen wir uns auch nach unserer Behausung, die 
vom Himmel ist, und uns verlangt, dass wir damit 
überkleidet werden, denn wir wollen lieber nicht ent- 
kleidet, sondern bekleidet sein; denn so lange wir in 
diesem Leibe wohnen, so wallen wir dem Herrn. 

Darum, mein liebes Weib, wende doch Fleiß an, 
dass du die Zeit deiner Wanderschaft mit Furcht und 
Zittern vollenden mögest, nicht (meine ich) mit sol- 
cher Furcht und solchem Zittern, dass wir vor der 
Welt uns fürchten und zittern sollten, weil man so 
erbittert auf uns ist, sondern wir sollen uns vor dem 
Herrn fürchten und vor ihm erzittern; seine Gebote 
und Rechte halten und also die Zeit unserer Pilger- 
schaft in der Furcht des Herrn vollenden, und das 
Ende unseres Glaubens, nämlich der Seele Seligkeit 
davon tragen; dann werden wir ewiglich uns mit dem 
Herrn erfreuen und Ihm in der Auferstehung der To- 
ten begegnen; darum fürchte dich nicht vor der Welt, 
denn es sind alle Haare deines Hauptes gezählt; sie 
haben keine Gewalt, es sei denn, dass sie ihnen von 
oben gegeben werde, und Christus sagt: Fürchte dich 
nicht vor denen, die den Leib töten, sondern fürchte 
den, der, wenn er den Leib getötet hat, auch Macht 
hat, die Seele in die Hölle zu werfen; da wird Heulen 
und Zähneklappern sein, und ihr Wurm wird nicht 
sterben, auch werden sie weder Tag noch Nacht Ruhe 
haben. Der allmächtige, ewige und starke Gott wolle 
dich mit seinem gesegneten Worte stärken und trös- 
ten, dass du bis ans Ende getreu bleiben mögest, dann 
wirst du auch unter den Altar zu allen lieben Kinder 
Gottes kommen, wo alle Tränen von unsern Augen 
werden abgewischt werden; alsdann wird alle Trübsal 
ein Ende haben; dann wird unser verachteter Leib 
verklärt werden, und dem Bild seiner Klarheit gleich 
sein; alsdann wird unser Weinen in Lachen und un- 
sere Trauer in Freude verwandelt werden; dann wer- 
den wir (die wir um des Zeugnisses Jesu willen eine 
kurze Zeit verachtet und verschmäht, ja verfolgt und 
mit großer Schmach und Verspottung getötet worden 
sind), ewig triumphieren und mit dem Herrn leben. 
Wir werden mit weißen Kleidern angetan werden, 
gleichwie Johannes in seiner Offenbarung von den 
Seelen derjenigen bezeugt, die um des Wortes Gottes 
und um des Zeugnisses willen, das sie hatten, getötet 
worden sind; und sie lagen unter dem Altäre, riefen 
mit lauter Stimme und sagten: Herr, du Heiliger und 
Wahrhaftiger! Wie lange richtest du und rächest nicht 
unser Blut an denen, die auf Erden wohnen. Und ih- 
nen wurde, einem jeden, ein weißes Kleid gegeben, 
und es ward zu ihnen gesagt, dass sie noch eine klei- 
ne Zeit ruhten, bis dass vollends ihre Mitknechte und 
Brüder hinzukämen, die auch noch getötet werden 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


sollten, gleichwie sie. O welch ein herrliches Volk wer- 
den wir sein! Wenn wir mit der großen Schar sein 
werden, von welcher Esdras schreibt und Johannes 
in seiner Offenbarung sagt, dass er eine große Schar 
gesehen habe, die niemand habe zählen können, aus 
allen Heiden, Geschlechtern, Völkern und Zungen, 
welche vor dem Throne und vor dem Lamme stan- 
den, gekleidet in weißen Kleidern und Palmzweige 
in ihren Händen, und riefen mit lauter Stimme: Heil 
sei dem, der auf dem Stuhle unseres Gottes sitzt und 
dem Lamme. Diese sind es, die aus großen Trübsa- 
len gekommen sind, die ihre Kleider gewaschen und 
sie durch das Blut des Lammes weiß gemacht haben; 
darum sind sie vor dem Stuhle Gottes und dienen 
ihm Tag und Nacht in seinem Tempel. Und der auf 
dem Stuhle sitzt, wird über ihnen wohnen, und sie 
wird nicht mehr hungern und dürsten; auch wird sie 
die Sonne nicht mehr brennen, noch sonstige Hitze; 
denn das Lamm mitten in dem Stuhle wird sie regie- 
ren und er wird sie zu dem Brunnen des lebendigen 
Wassers bringen, und Gott wird alle Tränen von ihren 
Augen abwischen. Und Esdras zeugt von derselben 
Schar, indem er sagt: Dass sie mitten auf dem Berge 
Zions standen und in weiße Kleider gekleidet waren, 
und dass mitten unter ihnen ein Jüngling war, der mit 
seiner Länge alle überragte, und einem jeden einen 
Palmzweig in die Hand gab und einem jeden eine 
Krone aufs Haupt setzte; und Johannes sagte, dass 
er gleichsam ein gläsernes Meer, mit Teuer vermengt, 
gesehen habe, und dass diejenigen, welche den Sieg 
über das Tier und dessen Bild mit seinem Zeichen und 
die Zahl seines Namens erhalten hatten, an dem glä- 
sernen Meere mit Gottes Harfen gestanden und das 
Lied Moses, des Knechtes Gottes, und das Lied des 
Lammes gesungen haben. Siehe doch, mein geliebtes 
Weib, welche herrlichen Verheißungen wir überall fin- 
den, welche Gott allen lieben und wahren Kindern 
geben und schenken wird, die Ihm hier treu geblieben 
sind, ihr Leben dem Herrn zu Ehren geendigt und ih- 
re Kleider in dem Blute des Lammes weiß gewaschen 
haben. 

Ach, mein innig geliebtes Weib! Ich kann dem 
Herrn für alle seine große Tugend, die Er an mir be- 
weist, nicht genug danken; Er gibt mir solche Kraft 
und Stärke, dass ich es nicht aussprechen kann. Ach, 
ich werde es nun wohl gewahr, dass der Herr ein 
getreuer Nothelfer sei! Er verlässt diejenigen nicht, 
welche Ihm vertrauen; denn wer sich auf den Herrn 
verlässt, soll nicht zu Schanden werden; Er wird uns 
wie seinen Augapfel bewahren; er wird uns aus aller 
Gewalt des Teufels und von der Tyrannei dieser Welt 
erlösen; ja. Er wird uns bewahren, dass wir nicht zur 
Hölle fahren, wenn wir Ihm anders bis ans Ende treu 


bleiben; Christus sagt: Wer bis ans Ende beharret, soll 
selig werden. Ach, mein innigst geliebtes Weib! Bleibe 
doch dem Herrn bis in den Tod getreu, denn die Kro- 
ne ist nicht im Anfänge, noch in der Mitte, sondern 
am Ende. Wenn du dem Herrn getreu bleibst, wird Er 
dich nicht verlassen; Er wird dir die Krone des ewi- 
gen Lebens geben und dich in Sein Reich einführen; 
Er wird dich mit Preis und Ehre krönen; Er wird alle 
Tränen von deinen Augen abwischen. Liebe Lysken, 
soll Er alle Tränen abwischen, so muss man hier erst 
geweint haben; Er wird uns von unsem Leiden erlö- 
sen, darum müssen wir zuerst in dieser Welt leiden; 
wir müssen streiten und fechten wider die grimmigen 
Löwen, Drachen und Bären, ja wider das arge und 
böse Otterngezüchte und die Schlangen; wider die 
listigen Schlangen dieser Welt und den bösen Samen 
Kains, denn Paulus sagte, dass wir nicht mit Fleisch 
und Blut zu kämpfen haben, sondern mit den Herren 
der Finsternis und wider die Fürsten und Gewalti- 
gen dieser Welt, ja wider die Geister, die in der Luft 
hantieren, welches die alte Schlange und Satanas ist, 
welcher, wie Petrus sagt, um uns herumgeht, wie ein 
brüllender Löwe und suchet, wen er verschlinge, dar- 
um wende Fleiß an im Streite, mit Bitten und Flehen 
zum Herrn und halte dich an der Lehre Jesu Chris- 
ti, unseres Seligmachers, damit du das Ende deines 
Glaubens, nämlich deiner Seele Seligkeit, retten mö- 
gest. Darum kämpfe doch mit Paulus einen guten 
Kampf. Hiermit will ich dich, mein herzlich geliebtes 
Weib und Schwester, dem allmächtigen, ewigen und 
starken Gotte und dem Worte seiner reichen Gnade 
anbefohlen haben, damit du wider alle Pforten der 
Hölle bestehen mögest. Amen. 

Noch ein Brief von Hieronymus Segerß an die 
Brüder und Schwestern. 

Die ewige Freude, der Friede und die Gnade Gottes, 
des Vaters, und die grundlose Barmherzigkeit, Gunst 
und Liebe des Sohnes, unseres Herrn Jesu Christi, wel- 
cher von Gott dem Vater aus Gnaden zum Heile aller 
derer gesandt ist, die durch sein unvergängliches Wort 
oder Evangelium mit ihm wiedergeboren sind und 
seinen Willen vollbringen, und der gründliche und 
unaussprechliche Trost, Kraft und Gemeinschaft des 
Heiligen Geistes, welcher von ihnen beiden vom Him- 
mel zum ewigen Tröste, zur Freude und Ergötzung 
ausgesandt ist, sei mit allen wahren, bußfertigen und 
gehorsamen Kindern Gottes, die ihr Leben gebessert 
haben und also mit Christo durch sein Evangelium in 
einem neuen Leben auferstanden sind. Dieser ewige 
Gott wolle euch sämtlich in seiner ewigen Wahrheit 
stärken und euch mit dem kräftigen Worte seiner Gna- 



147 


de in aller Gerechtigkeit, Heiligkeit und Wahrheit bis 
ans Ende erhalten: Er bewahre euem Verstand, euer 
Herz und eure Sinne in Christo Jesu. Demselben sei 
Preis, Ehre, Lob, Kraft und Stärke von Ewigkeit zu 
Ewigkeit. Amen. 

Meine herzlich geliebten, werten und auserwähl- 
ten Brüder und Schwestern, und alle Liebhaber der 
ungefärbten und ewigen Wahrheit, ich wünsche euch 
den wahren bußfertigen Glauben, der durch die Liebe 
tätig ist, welcher vor Gott gilt, in einem reinen und 
keuschen und heiligen Umgänge und Wandel in der 
Furcht Gottes und eine feurige Liebe zu Gott, unserm 
himmlischen Vater, eurem Nächsten und zu seiner 
ewigen, klaren und unveränderlichen Wahrheit. Ich 
bitte den Herrn Tag und Nacht ohne Aufhören für 
euch, dass Er euch die Augen des Verstandes öffnen 
wolle, damit ihr erkennen möget, dass solches die 
rechte Wahrheit sei und dass Er euch mit seinem gött- 
lichen Worte kräftig und im Glauben stark machen 
wolle, damit ihr in dieser Wahrheit in aller Demut und 
Sanftmut wandeln und ein Licht allen Menschen seid 
und standhaft bis ans Ende bleiben möget. Auch bitte 
ich den Herrn, dass Er euch vor allen reißenden Wöl- 
fen bewahren wolle, die von uns ausgegangen sind 
und unter euch noch aufstehen werden, welche der 
Schafe nicht schonen werden, und vor allen falschen, 
ketzerischen und teuflischen Lehrern, die sich unter 
Christi Namen aufwerfen und in einem heiligen Schei- 
ne auftreten, als ob sie von Christo gesandt wären, die 
aber vom Teufel gesandt und ausgegangen sind. 

Darum, meine lieben Brüder, seid munter, betet und 
wachet, denn es ist sehr nötig, und denket daran, nach 
meinem Abschiede, dass ich euch aus dem Gefängnis 
vor den falschen Propheten gewarnt habe. Also habe 
ich euch mit Gottes Hilfe ein wenig geschrieben und 
mit Paulus ein wenig ermahnt, weil ich wohl weiß, 
dass ich meinen sterblichen Rock bald ablegen und 
mit meinen Brüdern und Schwestern in Christo ent- 
schlafen werde. Obgleich ihr nun selbst in dieser ge- 
genwärtigen Wahrheit unterrichtet und gestärkt seid, 
so halte ich es gleichwohl für nützlich, euch noch 
ein wenig zu ermahnen, damit etwa dadurch noch 
jemand gebessert werde, gebaut, gestärkt und so der 
Name des Herrn dadurch gelobt und gepriesen wer- 
den möchte, auch zu meinem eigenen Andenken, der 
ich euch in demjenigen, das mir der Herr gegeben hat, 
ein Vorbild gewesen und in aller Demut unter euch 
gewandelt bin. 

Darum ermahne ich euch, meine herzlich geliebten 
Brüder und Schwestern in dem Herrn, und bitte euch, 
mit Paulus, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass 
ihr euren Leib zu einem Opfer begebet, das heilig, 
lebendig und Gott wohlgefällig sei und welches euer 


vernünftiger Gottesdienst ist. Stellt euch dieser argen 
und verkehrten Welt nicht gleich, sondern erneuert 
euch durch die Erneuerung eurer Sinne, damit ihr 
prüfen könnt, welches der gute, wohlgefällige und 
vollkommene Wille Gottes sei. 

Ach, meine lieben Brüder, ich bitte euch herzlich, 
dass ihr doch alle euer Leben bessern und die Welt 
mit ihren Lüsten fahren lassen und sämtlich auf das 
Leben Christi sehen wollt, wie er uns vorgewandelt 
ist, denn Johannes sagt: Wer sich Christi rühmen will, 
der muss auch wandeln, gleichwie Er gewandelt ist. 

Ach seht, meine lieben Freunde, es ist nicht genug, 
dass wir in Christi Namen getauft sind, ein Bruder 
oder eine Schwester Christi heißen und Christen ge- 
nannt werden. Ach nein, solches kann nicht selig ma- 
chen, denn Johannes sagt: Kindlein, lasset euch durch 
niemanden verführen. 

Wer recht tut, der ist gerecht; wer Sünde tut, der 
ist vom Teufel, und daran wird es offenbar, welche 
die Kinder Gottes und die Kinder des Teufels sind. 
Und Christus sagt: Ihr seid meine Freunde, wenn ihr 
tut, was ich euch gebiete. Und abermals sagt Christus: 
Wer mich lieb hat, wird mein Wort halten, und meine 
Gebote wahrnehmen, und wer meine Gebote hat, und 
hält sie, der ist's, der mich lieb hat. Johannes sagt: Wer 
da sagt, dass er Gott liebe, und hält seine Gebote nicht, 
der ist ein Lügner, und die Wahrheit ist nicht in ihm. 
Ihr wisset aber, dass ein Lügner keinen Teil an dem 
Reiche Gottes habe. Darum seid doch keine Christen 
mit dem Munde oder mit der Zunge, sondern mit der 
Tat und mit der Wahrheit; denn es ist ohne allen Wert, 
den Namen eines Christen zu tragen, solange wir ihm 
in Worten Werken und Gedanken nicht gleichmäßig 
sind. Paulus sagt ja: Welche er zuvor ersehen, die hat 
er auch verordnet, dass sie dem Bilde seines Sohnes 
gleichförmig sein sollten, damit Er der Erstgeborene 
unter allen Brüdern sei. Hat er euch nun dazu be- 
rufen und verordnet, so wendet auch Fleiß an, um 
ihm gleichförmig zu werden, damit ihr in der Tat als 
rechte Christen erfunden werdet, wenn ihr nämlich 
in solche Trübsal fallt, worin wir nun sind; denn eben- 
so wohl wie wir uns darin befinden, kann die Reihe 
auch morgen an euch kommen. Darum wachet und 
betet, denn ihr wisset weder Zeit noch Stunde, und 
lasset es euch ein Emst sein, dem Herrn zu gefallen, 
denn wir werden alle vor dem Richterstuhle Christi 
offenbar werden, wo ein jeder an seinem Leibe emp- 
fangen wird, je nachdem er gehandelt hat, es sei gut 
oder böse. Weil nun der Herr zu fürchten ist, so rate 
ich euch, und bitte euch demütig, dass ihr dem Evan- 
gelium gemäß wandeln wollt, denn das macht die 
Sache nicht aus, dass man den Namen eines Christen 
trägt, und sich einen Bruder nennen lässt, sondern 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Gottes Gebote erfüllen, das gilt allein. Ich habe vie- 
le unter uns gesehen, die die Christen sehr rühmten, 
und Christum mit der Zunge lieb hatten, aber mit der 
Tat verleugneten sie Ihn, was sehr zu beklagen ist, 
denn sie münzen falsches Geld, welches zwar dem 
Äußeren nach gutes Geld zu sein scheint, aber wenn 
man es auf den Prüfstein oder ins Feuer bringt, so ist 
es seinem Gehalte nach nichts als Kupfer; ebenso wan- 
deln sie auch unter den Frommen, als ab sie rechte 
Christen wären, wenn sie aber der Herr in Trübsalen 
zu prüfen beginnt, so sieht man, dass alles auf Sand 
gebaut ist, und dass sie ihren Bauch lieber haben, als 
Christum, was man auch an unsern Mitgefangenen 
ersehen kann, denn sie haben sich lange fromme Brü- 
der nennen lassen, nun aber führen sie eine andere 
Sprache. 

Darum, meine herzlich geliebten Brüder und 
Schwestern in dem Herrn, nehmet uns zum Spiegel; 
alle die ihr dem Herrn ein bequemes Opfer tun wollt, 
folgt uns nach und seid nicht länger so träge und kalt- 
sinnig in der Liebe, damit, wenn ihr auch in Bande 
kommt, ihr darin alsdann in Betrübnis geraten müsst, 
weil ihr nicht besser gewandelt seid, denn damit ver- 
sucht uns der Teufel Tag und Nacht. Darum warne ich 
euch aus brüderlicher Liebe, dass ihr eurer selbst wohl 
wahrnehmt, weil ihr Zeit habt, denn Paulus sagt: Die 
heilsame Gnade Gottes ist allen Menschen erschienen, 
und züchtigt uns, dass wir das imgöttliche Wesen und 
die weltlichen Lüste verleugnen und züchtig, gerecht 
und gottesfürchtig in dieser Welt leben und die Of- 
fenbarung und Erscheinung des großen Gottes und 
unseres Erlösers Jesu Christi erwarten sollen, der sich 
selbst für unsere Sünden aufgeopfert hat, damit er 
uns von aller Unreinigkeit reinige, und ihm also ein 
Werk reinige, das zu allen guten Werken fleißig wäre. 

Sehet, meine lieben Freunde, ein solches Volk hat 
Christus auserwählt, das nicht eitel oder leichtfertig 
sei, sondern welches durch Geduld in guten Werken 
das ewige Leben sucht, denn er hat uns dazu berufen 
und auserwählt, dass wir heilig und unsträflich vor 
ihm in der Liebe sein sollten, indem er sich eine solche 
heilige Gemeinde auserwählt, welche weder Flecken 
noch Runzeln hat, sondern dass sie heilig, unsträflich 
und untadelhaft vor ihm in der Liebe wandle. Darum 
seid fleißig in eurem ganzen Wandel, weil geschrie- 
ben steht: Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig. Ach 
sehet, meine lieben Brüder, es ist Zeit euch vorzuse- 
hen, denn die Axt ist mm den Bäumen an die Wurzel 
gelegt; ein jeder Baum aber, der keine guten Früchte 
bringt, soll abgehauen und ins Feuer geworfen wer- 
den. Denn es werden nicht alle, die da sagen: Herr, 
Herr! in das Himmelreich kommen, sondern die den 
Willen meines Vaters im Himmel tun; darum, wenn 


ihr den Sünden abgestorben und durch die Erkenntnis 
der Wahrheit gereinigt seid, so müsst ihr nicht müßig 
sein, damit der Teufel die sieben Geister nicht zu sich 
nehme und zu euch wiederkomme, und das Letztere 
ärger werde als das Erste. 

Darum lasset die Sünde nicht herrschen in eurem 
sterblichen Leibe, ihr Gehorsam zu leisten in ihren 
Lüsten, auch übergebt nicht der Sünde eure Glieder zu 
Waffen der Ungerechtigkeit, sondern übergebt euch 
selbst Gott, als solche, die da aus den Toten lebendig 
sind, und eure Glieder Gott zu Waffen der Gerech- 
tigkeit und bittet, dass eure Flucht nicht im Winter 
oder auf den Sabbat geschehe und wandelt nicht im 
Finstern, liebe Brüder, damit euch der Tag nicht wie 
ein Dieb überfalle. Werdet ihr also tun, so werdet ihr 
die Kinder des Lichtes und des Tages sein, denn das 
sind keine Kinder Gottes, die sich selbst des Glaubens 
rühmen, und solchen mit den Werken nicht beweisen, 
indem Christus sagt: So ihr solches wisset, selig seid 
ihr, so ihr es tut. Denn wer es weiß und tut es nicht, 
wird mit den Narren verglichen, weil der Knecht, wel- 
cher des Herrn Willen weiß und nicht tut, doppelt 
Streiche leiden wird. Die aus dem Grunde ihres Her- 
zens glauben und ihren Glauben mit der Tat erweisen, 
sind rechte Kinder Gottes, und solche werden auch 
im Himmelreiche für Gläubige gehalten werden. Dar- 
um rate ich euch, und bitte mit Petrus, dass ihr allen 
Fleiß daran wendet, und in eurem Glauben Tugend, 
in der Tugend Bescheidenheit, in der Bescheidenheit 
Mäßigkeit, in der Mäßigkeit Gottseligkeit, in der Gott- 
seligkeit brüderliche Liebe und in der brüderlichen 
Liebe allgemeine Liebe zeigt; denn wo solches reich- 
lich bei euch ist, wird es euch weder faul noch un- 
fruchtbar sein lassen in der Erkenntnis unseres Herrn 
Jesu Christi. 

Und also wird euch der Eingang zum ewigen Leben 
reichlich dargereicht werden; wer aber dieses nicht 
hat, der ist blind und vergisst die vorige Reinigung 
seiner Sünden. Darum machet eure Seelen durch den 
Gehorsam der Wahrheit keusch, in rechter ungefärbter 
brüderlicher Liebe, und habt euch untereinander lieb 
aus reinem Herzen, als solche, die wieder von neuem 
geboren sind, nicht aus vergänglichem, sondern aus 
unvergänglichem Samen, nämlich durch das lebendi- 
ge Wort Gottes, welches in Ewigkeit bleibt. Umgürtet 
die Lenden eures Gemütes, und seid nüchtern und 
setzet alle eure Hoffnung auf Gott, und habt unter- 
einander eine brünstige Liebe, und seid gleichgesinnt; 
achtet auch nicht, was hoch ist, sondern haltet euch 
zu den Geringen, und lasst kein faules Geschwätz 
aus eurem Munde gehen; verschwendet auch nicht 
eure Zeit mit eitlen Worten, welche zu nichts nützen 
als zu einem ungöttlichen Leben und Wesen; sondern 



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redet was holdselig sei zu hören, und nützlich zur 
Besserung, und lasset eure Worte immer in der Gnade 
mit Salz vermenget sein; denn Petrus sagt: So jemand 
redet, so rede er Gottes Wort, auf dass er allen Men- 
schen ein Spiegel sein möge, und Christus sagt: Ihr 
seid das Salz der Erde; wo nun das Salz dumm wird, 
so ist es zu nichts mehr nütze, als dass man es hinaus- 
schütte und lasse es die Leute zertreten. Denn man 
zündet nicht ein Licht an und setzt es unter einen 
Scheffel, sondern auf den Leuchter, auf dass sie alle 
davon sehen mögen. Und ihr seid das Licht der Welt, 
lasset euer Licht leuchten vor der Welt, auf dass die 
Menschen eure guten Werke sehen und euren Vater 
im Himmel preisen. Und Petrus sagt: Pühret einen 
guten Wandel unter den Heiden, auf dass die, welche 
von euch afterreden, wie von Übeltätern beschämt 
werden, weil sie euren guten Wandel in der Purcht 
Gottes verspottet haben. 

Und David sagt: Wer leben will und gute Tage se- 
hen, der zähme seine Zunge, dass sie nichts Arges 
rede, und seine Lippen, dass sie nicht betrügen; er 
wende sich vom Argen und tue Gutes; er suche Prie- 
den und jage ihm nach, denn die Augen des Herrn 
sehen auf den Gerechten und seine Ohren hören sein 
Gebet, aber das Angesicht des Herrn siehet auf den, 
der Böses tut. Darum hütet euch, dass das zornige 
Antlitz des Herrn euch nicht ansehe; denn am letz- 
ten Tage werden die Gottlosen rufen: O ihr Hügel 
und Berge, fallet auf uns und bedecket uns, damit 
wir nicht das zornige Antlitz dessen sehen, der auf 
dem Stuhle sitzt! Und Christus sagt: Es sei denn eu- 
re Gerechtigkeit besser als die der Schriftgelehrten 
und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich 
kommen. Und abermals: Es sei denn, dass ihr um- 
kehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht 
in das Himmelreich kommen. Sehet, meine lieben Brü- 
der und Schwestern, wenn ihr nicht erniedrigt seid, so 
wendet Pleiß an, dass ihr so werdet, denn die Worte 
Christi sind keine Lügen, wenn er sagt: Es werden an 
jenem Tage viele zu mir sagen: Herr, Herr! Haben wir 
nicht vor dir gegessen und getrunken und in deinem 
Namen Teufel ausgetrieben? Dann aber werde ich 
ihnen bekennen, dass ich sie noch nie erkannt habe; 
gehet von mir alle ihr Übeltäter. Und Paulus sagt: Wer 
nach dem Pleisch lebt, muss sterben. Ach, Preunde, 
es sind viele unter euch, welche den Eseln und Maul- 
tieren nacharten, die in ihrem Gange so träge sind, 
dass sie mit Schlägen und Stößen getrieben werden 
müssen. Ach, das ist nicht nach der Liebe gewandelt; 
richtet die müden Knie und die lässigen Hände wie- 
der auf, es ist lange genug geschlafen, denn Paulus 
sagt: Wache auf, der du schläfst und stehe auf von 
den Toten, so wird dich Christus erleuchten; seid ihr 


mit Christo auferstanden, so suchet, was droben ist, 
wo Christus zur Rechten Gottes seines Vaters sitzt; 
trachtet nach dem, das himmlisch ist, und nicht nach 
dem, das irdisch ist. 

Ach meine lieben Brüder und Schwestern in dem 
Herrn, seid doch Gottes Nachfolger als auserwählte 
Kinder, und wandelt in der Liebe, gleichwie er uns 
geliebt und sich selbst für uns zum Opfer und Gabe 
dahingegeben hat, Gott zu einem süßen Gerüche; Hu- 
rerei aber und Unreinigkeit lasset nicht unter euch 
gefunden werden, gleichwie den Heiligen geziemt; 
auch nicht schandbare Worte und Narrengeschwätz, 
welche euch nicht geziemen, sondern vielmehr Dank- 
sagung; denn das sollt ihr wissen, dass kein Hurer, 
oder Unreiner, oder Geiziger, welcher ein Götzendie- 
ner ist, am Reiche Gottes Erbe hat. Darum seid nicht 
ihre Mitgenossen, denn ihr wäret einst Pinsternis, nun 
aber seid ihr ein Licht in dem Herrn; wandelt als Kin- 
der des Lichts, denn die Prucht des Geistes ist allerlei 
Gütigkeit, Gerechtigkeit und Wahrheit, und habt kei- 
ne Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der 
Pinsternis, sondern bestrafet sie vielmehr. 

Darum ermahne ich euch als Mithelfer, denn der 
Herr sagt: Ich habe dich zur angenehmen Zeit erhö- 
ret und dir am Tage des Heils geholfen; nun ist die 
angenehme Zeit, nun ist der Tag des Heils; lasset uns 
niemandem Ärgernis geben, damit unser Dienst nicht 
gelästert werde, sondern in allen Dingen als Diener 
Gottes uns zeigen in großer Geduld, in Verfolgung, 
in Angst, in Schlägen, in Gefängnis, in Aufruhr, in 
Blöße, in Gefahr, bei dem Schwerte, in Keuschheit, in 
Erkenntnis, in Langmütigkeit, in Preundlichkeit, in 
dem Heiligen Geiste, in ungefärbter Liebe, in Wor- 
ten der Wahrheit, in der Kraft Gottes, durch Ehre und 
Schmach, durch gute Gerüchte und böse Gerüchte, als 
Verführer und gleichwohl wahrhaftig, als die da ster- 
ben und doch leben, als die Unbekannten und doch 
Bekannten, als die geschlagen und doch nicht getö- 
tet werden, als die Armen und die doch viele reich 
machen, als die nichts haben und doch alles besitzen. 

Meine lieben Preunde, mein Mund hat sich aus brü- 
derlicher Liebe zu euch aufgetan, und ich bitte euch 
demütig, dass ein jeder von euch gesinnt sei, wie Jesus 
Christus auch war, und erweiset solche Liebe in der 
Tat untereinander, denn das ist die Botschaft die ihr 
von Anfang gehört habt, dass ihr einander lieben sollt; 
denn wer nicht lieb hat, der bleibt im Tode, wenn aber 
jemand dieser Welt Güter hat und sieht seinen Bruder 
darben und schließt sein Herz vor ihm zu, wie bleibt 
die Liebe Gottes in ihm? Meine lieben Brüder und 
Schwestern in dem Herrn, lasset uns nicht länger mit 
der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit 
lieben, und seid immer der Armen eingedenk und 



150 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


ein jeder teile nach seinem Vermögen mit Freuden 
mit, denn Gott hat einen fröhlichen Geber lieb, und 
Paulus sagt: Übt jemand Barmherzigkeit, so tue er es 
mit Lust. Überlegt es einmal, ob ihr eifrig in der Liebe 
wäret, wenn es euch in der Welt wohlginge, ob ihr 
auch wohl zwei oder drei Stüber so leicht zu finden 
wissen würdet, um sie den Armen zu geben, als ihr sie 
zum Trinken und Spielen gefunden hättet? Dies sage 
ich nicht, meine lieben Freunde, als wollte ich euch 
gebieten oder euch beschweren, sondern ich sage es 
nur, dass ein jeder darin nach seinem schwachen Ver- 
mögen seine Liebe erweise. Ihr könnt doch das Gut 
nicht mitnehmen, und hierin könnt ihr ein Beispiel an 
mir nehmen, denn sie haben alles genommen, ja alles 
Geld, das wir hatten, und fragten auch dabei, ob wir 
nicht mehr hätten. 

Darum ist es viel besser, dass ihr damit den Armen 
helft, als dass es die Obrigkeit einziehe, und wenn 
ihr euer Leben für eure Brüder geben wollt, wie viel 
mehr gebührt euch, euren Brüdern mit eurem zeit- 
lichen Gute beizustehen, damit erfüllt würde, was 
geschrieben stehet: Die viel sammelten, hatten keinen 
Überfluss und die dagegen wenig sammelten, hatten 
keinen Mangel. Sehet auch zu, dass es aufrichtig zu- 
gehe, damit es ein Segen und kein Geiz sei, und damit 
das Opfer dem Herrn angenehm sei; denn die Hand- 
reichung solches bewährten Dienstes ersetzt nicht nur 
den Mangel der Heiligen, sondern macht sie auch dar- 
in wohltätig, dass viele um dieses bewährten Dienstes 
willen Gott danken. Darum wendet Fleiß an, dass ihr 
eure Liebe erweiset, damit dem Herrn dadurch ge- 
dankt und er gepriesen werden möge, und ihr euch in 
allen Dingen als Diener Gottes erweist. Leset Paulus 
an die Korinther; er wird euch lehren, wie ihr euch 
hierin Verhalten sollt, ja, ich bitte euch, dass wenn ihr 
solches gelesen habt, ihr darnach tut, denn es ist nötig; 
ferner bitte ich euch alle, die ihr den Ehestand erst 
angetreten habt, dass ihr doch in aller Demut, Einfalt 
und Freundlichkeit beieinander wohnen wollt; ihr jun- 
gen Weiber, seid doch euren Männern in der Furcht 
Gottes untertan; und ihr Männer, habt eure Weiber 
lieb, wie euch selbst, nehmt sie auf und traget sie in 
aller Demut und Freundlichkeit, ermahnt und unter- 
richtet sie herzlich mit dem Worte des Herrn, denn ihr 
wisset weder Stunde noch Zeit, wann euch der Herr 
voneinander nehmen wird. Nehmet ein Beispiel an 
mir und meiner Hausfrau, wie bald uns der Herr ihm 
zum Preise wieder voneinander geschieden hat. Dar- 
um wohnt beieinander in aller Demut, solange euch 
der Herr beieinander lässt, weil eure Zeit hier kurz ist, 
denn es gefällt dem Herrn wohl, seine Auserwählten 
bei sich zu haben. 

Ferner bitte ich euch, meine lieben Brüder, dass 


ihr Fleiß anwenden wollt, auch wieder an andern zu 
wuchern, denn ich habe das Vertrauen zu dem Herrn, 
dass sich noch viele, die solches sehen und hören, zu 
der Wahrheit bekehren werden; was mich betrifft, so 
will ich auch mein Bestes tun an denen, die zu mir 
kommen. 

Versammelt das arme zerstreute Häuflein wieder, 
welches ich sehr bejammere, denn sie wissen kaum, 
wo sie hingehen oder wohnen sollen, und sind mehr 
beängstigt, als wir hier; aber seid getrost, meine lieben 
Brüder und Schwestern in dem Herrn, und seid ge- 
duldig in eurer Verfolgung, denn obgleich wir mehr 
Raum haben, als ihr, wo wir sitzen, so werdet doch 
auch ihr die Städte Israels nicht durchwandeln, bis 
euch der Herr erlöset. Darum befleißiget euch, zu- 
sammenzukommen und einander zu trösten und zu 
ermahnen in dem Worte des Herrn, damit die Liebe 
unter euch nicht erlösche. 

Darum ermahnt und unterrichtet einander in der 
Liebe Gottes; ich bitte auch euch, dass ihr unser in 
eurem Gebet nicht vergesset, und dass ihr auch an 
meine Frau einen Brief schreibet und sie tröstet, denn 
sie wird noch lange sitzen. Ferner lasse ich euch wis- 
sen, dass ich sehr erfreut bin und meinem Herrn Tag 
und Nacht nicht genug danken und Ihn loben kann 
wegen seiner großen Liebe, die er uns mitgeteilt hat, 
indem er uns beide würdig gemacht hat, um seines 
Namens willen zu leiden und um seiner Kraft und 
Stärke, die Er an uns erwiesen hat, auch um der Ver- 
heißung willen, die Er uns gegeben, denn dies ist die 
Stunde, um welche ich den Herrn so lange gebeten; 
ich habe mich selbst aber nicht gut oder würdig genug 
geachtet, um seines Namens willen zu leiden. Darum 
freue ich mich sehr, dass meine Stunde gekommen ist, 
dass ich von diesem Fleische erlöst werben soll. 

So stärkt euch denn untereinander in der Liebe Got- 
tes, und erwartet die Barmherzigkeit unseres Herrn 
Jesu Christi in dem ewigen Leben. Dem aber, der euch 
ohne Anstoß behalten und euch vor das Angesicht sei- 
ner Herrlichkeit unsträflich und mit Freuden stellen 
kann, dem Gotte, der allein weise ist, unserem Erlöser, 
sei Ehre und Macht, Reichtum und Kraft nun und in 
Ewigkeit, Amen. Grüßt euch untereinander mit dem 
heiligen Kusse des Friedens. 

Lasst diesen Brief alle Freunde hören, denn ich habe 
euch aus brüderlicher Liebe geschrieben, und es ist 
mir leid, dass ich euch nicht mehr schreiben kann. 
Seid dem Herrn alle anbefohlen. Grüßt mir G. S. H. D. 
in dem Herrn, denn ich liebe sie von Herzen, und auch 
alle Brüder und Schwestern in dem Herrn. Nehmt 
diese geringe Ermahnung zum Besten auf, denn ich 
bin in meinem Geiste angetrieben worden, euch ein 
wenig zu ermahnen. 



151 


Geschrieben im Gefängnisse von mir, Hieronymus 
Segerß. 

Ein Brief von Hieronymus Segerß, welchen er an 
sein Weib Lysken Dirks geschrieben hat. 

Die Gnade und Barmherzigkeit Gottes des Vaters, die 
Gütigkeit und Liebe des Sohnes, und die Gemein- 
schaft und der Friede des Heiligen Geistes, welcher 
uns vom Vater gesandt ist durch den Namen des 
Herrn Jesu Christi, zum Trost und zur Freude allen 
wahren und getreuen Kindern Gottes, welche uns 
auch treibt, lehrt und unterrichtet, bewahre dein Herz, 
deinen Verstand und deine Sinne in Christo Jesu, zum 
Lobe und Preise des Vaters, zum Heile deiner betrüb- 
ten Seele und zur Erbauung aller Brüder und Schwes- 
tern, die den Herrn fürchten und denselben Gott lie- 
ben, der allein weise ist, welchem Preis, Ehre, Kraft 
und Stärke von Ewigkeit zu Ewigkeit sei. Amen. 

Mein liebes Weib, ich wünsche dir eine rechte, wahr- 
haftige, gottselige Liebe, einen rechten, ungefärbten, 
bußfertigen und ungeheuchelten Glauben, welcher 
durch die Liebe tätig ist und eine feste Hoffnung und 
Vertrauen zu Gott, auch eine unbewegliche Standhaf- 
tigkeit in deinem Glauben an Gott den Vater und an 
den Herrn Jesum Christum, Ihm befehle ich dich und 
dem Worte seiner Gnade. Denn mein liebes Weib Lys- 
ken, weil ich mit dir nicht mehr mündlich reden kann, 
so habe ich dir mit der Hilfe Gottes aus des Herrn 
Wort ein wenig geschrieben, und obgleich wir dem 
Leibe nach voneinander geschieden sind, so sind wir 
doch im Geiste beisammen, denn ich gedenke dei- 
ner Tag und Nacht in meinem Gebete und bitte den 
Herrn, dass Er dich mit seinem Geiste der Wahrheit 
stärken wolle. Ich weiß sehr wohl, dass es dich noch 
viel Streit kosten wird, ehe du erlöst werden wirst; 
auch weiß ich wohl, dass du von den listigen Füchsen 
und reißenden Wölfen, ja von den Löwen und Dra- 
chen, und dem Ottergezüchte sehr versucht werden 
wirst, welche deine Seele nicht verschonen, sondern 
dieselbe verderben, verschlingen und ermorden wer- 
den. Darum sagt Paulus: Sehet zu, dass euch niemand 
beraube durch die Philosophie und Schalkheit der 
Menschen, womit sie uns Zusehen, um uns zu verfüh- 
ren. Ja Christus selbst hat uns vorher gesagt, dass in 
den letzten Tagen viele falsche Propheten und falsche 
Christen sein werden, und wenn es möglich wäre, 
würden auch die Auseiwählten verführt werden; aber 
es ist nicht möglich, denn der Herr bewahret sie mit 
seinem starken Arme, so dass ihnen die Pforten der 
Hölle nicht schaden können. Ja es sagt Paulus, dass in 
den letzten Tagen einige vom Glauben abfallen und 
den verführerischen Geistern und der Lehre der Teu- 


fel anhängen werden, die da verbieten, ehelich zu 
werden, und die Speise, die Gott erschaffen hat, zu 
gebrauchen; auch sagt er: Lasset euch nicht verfüh- 
ren durch eitle Worte, denn darum kommt der Zorn 
Gottes über die Kinder des Unglaubens. Ja, es hat uns 
auch Christus vor der Lehre der Pharisäer und vor de- 
nen gewarnt, welche in Schafskleidern kommen, denn 
inwendig sind sie reißend Wölfe; an ihren Früchten 
sollt ihr sie erkennen, wie Paulus sagt. Verwundert 
euch nicht, dass des Antichristen Diener sich werden 
anstellen wie Diener Gottes, denn der Teufel kann 
sich auch in einen Engel des Lichts verstellen; also 
kommen sie auch in verstellter Heiligkeit, und wer- 
den als Lügner erfunden. Darum siehe, mein liebstes 
Schaf, wie treulich uns Christus und seine Apostel 
vor der falschen und listigen Schlange gewarnt haben, 
damit wir uns von der alten Schlange nicht betrügen 
lassen sollten, welche der Teufel und Satanas ist, denn 
dieselbe sucht nichts anderes, als unsere Seelen in 
die ewige Verdammnis zu stürzen, gleichwie Paulus 
sagt, dass er um uns herumgehe, wie ein brüllender 
Löwe, und suche, wen er verschlinge; diesem wider- 
stehet mit einem festen Glauben. Darum bitte ich dich, 
mein liebes Weib, aus meines Herzens Grunde, weil 
wir vor den falschen Propheten so treulich gewarnt 
werden, welche nichts als die Lehre der Teufel haben, 
und nichts suchen als die Seelen zu verderben und 
zu verschlingen; ja, ich bitte dich noch einmal, du 
wollest ihnen kein Gehör geben, und habe auch mit 
ihnen nichts zu schaffen; denn Paulus sagt: Habt kei- 
ne Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der 
Finsternis, sondern bestraft sie vielmehr; ja, Johannes 
sagt, dass, wer nicht in der Lehre Christi bleibt, kei- 
nen Gott habe; auch sagt Paulus: Wenn auch ein Engel 
vom Himmel euch ein anderes Evangelium predigen 
würde, als das wir euch gepredigt haben, der sei ver- 
flucht. Wenn sie nun keinen Gott haben, und nichts 
als eine falsche, ketzerische, verfluchte und teuflische 
Lehre, wie sollten sie uns etwas Gutes lehren können? 
Darum hat uns Christus samt seinen Aposteln so treu- 
lich gewarnt, dass wir uns von den argen Füchsen 
und der listigen Weltweisheit und Schalkheit nicht 
betrügen lassen sollten; denn es wird bis in Ewigkeit 
kein anderer Grund gelegt werden, als der gelegt ist, 
nämlich Christus, auf welchen du deinen Bau und 
dein Fundament gegründet hast; auch mag kein ande- 
res Evangelium gepredigt werden, als was gepredigt 
ist, an welches du auch glaubst, gleichwie du denn 
um des Zeugnisses des Evangeliums willen in den 
Banden liegst. 

Darum bitte ich dich, mein liebes Weib Lysken, 
durch die Barmherzigkeit Gottes, du wollest das Wort 
des Herrn immer vor Augen haben und dich in dei- 



152 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


nem Glauben durch die Schalkheit der Menschen, 
womit sie dir zusetzen, um dich zu verfuhren, nicht 
bewegen lassen, denn ich weiß, dass du noch viele 
Versuchungen wirst leiden müssen. Darum, meine 
Liebste, siehe nicht auf Menschen, denn der Prophet 
sagt: Verflucht ist, wer sich auf Menschen verlässt. Ja, 
vor Menschen sich scheuen bringt zu Fall, sagt der 
weise Mann. Achte nicht darauf, dass Fleisch und Blut 
gepeinigt wird, denn das ist der Sonnenbrand, ja das 
sind die Stürme, wodurch das Werk des Herrn geprüft 
wird. 

Darum bekenne Christum in dieser Zeit, so wird 
Er uns auch vor seinem himmlischen Vater bekennen, 
denn Er will den dritten Teil durchs Feuer probieren, 
wie Gold im Ofen, und was darin übrig bleibet, wird 
als lauteres Gold erfunden. Auch hast du teilweise 
schon die Probe ausgestanden, in welcher Probe du 
standhaft geblieben bist; dem Herrn sei ewig Lob, 
Preis und Ehre; der gnädige Herr wolle dich stärken, 
dass gleichwie du angefangen, du auch vor Gott und 
seiner ganzen Gemeinde als lauteres Gold erfunden 
werdest. 

Also, meine Liebste! Sei standhaft in der Lehre 
Christi, denn jetzt ist der Tag, wovon Christus geredet 
hat, dass wir vor Fürsten und Herren geführt werden 
sollen. Seinen Namen zu bezeugen, und dass wir von 
allen Menschen verworfen werden sollten; wer aber 
standhaft bleibt bis an den Tod, soll selig werden. Und 
Christus sagt: Haben sie mich verfolgt, so werden sie 
euch auch verfolgen, und es wird die Zeit kommen, 
dass wer euch tötet, wird meinen, er tue Gott einen 
Dienst daran. Sehet, sagt der Herr, solches alles ha- 
be ich euch vorher gesagt, damit, wenn es geschieht, 
ihr daran denket, dass ich es gesagt habe. Denn die- 
ses werden sie tun, weil sie weder mich noch meinen 
Vater erkannt haben; so siehe nun, mein liebes Weib, 
also hat uns Christus vorher gesagt, wie sie mit uns 
handeln werden. Darum, meine Liebe! Fürchte dich 
nicht, sei auch nicht verzagt, ob du nun schon mit 
Daniel in der Löwengrube gefangen liegest, traue auf 
den Herrn, er wird dich wohl bewahren, dass du von 
ihnen nicht beschädigt werden wirst; Er wird dich aus 
ihren Zähnen erlösen, dass sie dich nicht zerreißen 
werden; verlasse Ihn nicht, so wird Er dich auch nicht 
verlassen, denn Er sagt: Wer euch verachtet, der ver- 
achtet mich; wer euch verfolgt, der verfolgt mich; wer 
euch antastet, der tastet meinen Augapfel an; wenn 
sie nun nicht uns, sondern den Herrn verfolgen, so 
streite doch tapfer, als ein frommer Streiter Christi, 
streite um den Ehrenkranz, und wie Er bis an den Tod 
gestritten hat, so streite auch du, durch Gottes Gnade, 
denn wer da kämpft, der wird nicht gekrönt, es sei 
denn, dass er gesetzmäßig kämpfe, sagt Paulus. 


Darum, meine Liebe! Waffne dich mit dem Harni- 
sche Gottes, und schäme dich nicht. Sein Wort vor 
den Menschen zu bekennen, sondern gedenke immer 
der Worte Christi: Wer mich vor den Menschen be- 
kennt, den will ich auch vor meinem himmlischen 
Vater bekennen; wer sich aber meiner und meiner 
Worte schämt, dessen werde ich mich auch vor mei- 
nem himmlischen Vater schämen; denn wer sein Le- 
ben sucht zu erhalten, der wird's verlieren; wer aber 
sein Leben um des Evangeliums willen verliert, der 
wird es finden; wer aber etwas lieber hat als mich, der 
ist nicht würdig, mein Jünger zu sein; ja, wer seine 
Hand an den Pflug legt und sieht zurück, das ist nicht 
tüchtig zum Reiche Gottes, und Paulus sagt: Das ist je 
gewisslich wahr, sterben wir mit, so werden wir auch 
mit leben; verleugnen wir aber Ihn, so wird Er uns 
auch verleugnen. 

Darum, meine Vielgeliebte! Verlasse ja den Herrn 
nicht; denn wir sind nichts als Staub und Asche, nichts 
als ein sterbliches Fleisch, welches zwar in Unehre da- 
hinsterben muss, aber mit Ehre wieder auferstehen 
wird. Darum sei geduldig in der Trübsal, denn es ist 
der rechte Weg, der zum ewigen Leben führt, wel- 
chen alle Heiligen Gottes, die Propheten und Apostel, 
ja Christus selbst, durchwandelt sind, und alle ha- 
ben diesen Kelch trinken müssen. Darum siehe nicht 
auf den Tod, sondern durch den Tod, damit nicht 
ein anderer dir zuvor komme und dir die Krone neh- 
me. So sei nun, Geliebteste, leidsam in deiner Trübsal 
und geduldig im Leiden, und warte auf deine Erlö- 
sung, gleichwie der Ackermann auf seine Früchte war- 
tet. Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet, 
denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des 
Lebens empfangen, die Gott allen denen verheißen 
hat, die Ihn lieb haben. Es sagt ja Christus: Selig ist 
der Mensch, der um der Gerechtigkeit willen verfolgt 
wird, denn das Himmelreich ist sein. Ja, wir preisen 
selig, die erduldet haben, sagt Jakobus. Christus hat 
auch für uns gelitten und uns ein Exempel gegeben, 
dass wir seinen Fußstapfen nachfolgen sollten. Da 
nun Christus gelitten hat, so waffnet euch auch mit 
demselben Sinne; hiermit stimmen auch die Worte 
Johannes überein, welcher sagt, dass Christus sein 
Leben für uns gelassen habe, darum sollen wir auch 
unser Leben für die Brüder lassen. 

Darum, sei nicht verzagt, Auserwählte und Gelieb- 
te, vor ihren Bedrohungen, sondern lobe und preise 
den Herrn hierin, denn Christus sagt: Selig seid ihr, 
wenn euch die Menschen schmähen und verfolgen 
um meines Namens willen, seid fröhlich und getrost, 
denn es wird euch wohl belohnet werben von meinem 
Vater, der im Himmel ist. Meine sehr Geliebte! Solches 
ist nicht gesagt, um uns in Traurigkeit zu versetzen. 



153 


sondern dass wir uns freuen sollen, dass wir würdig 
sind, um seines Namens willen zu leiden. Paulus sagt: 
Ihr habt keinen knechtischen Geist empfangen, dass 
ihr euch abermals fürchten müsst, sondern ihr habt 
einen kindlichen Geist empfangen, durch welchen wir 
rufen: Abba, lieber Vater. Derselbe Geist gibt unserem 
Geiste Zeugnis, dass wir Kinder Gottes sind, wenn wir 
anders mit leiden, damit wir auch mit zur Herrlichkeit 
erhoben werden; denn da dieser Zeit Leiden die Herr- 
lichkeit nicht wert ist, die an uns offenbar werden soll, 
so hat auch kein Auge gesehen und ist in keines Men- 
schen Herz gekommen, auch hat es niemals ein Mund 
ausgedrückt, als Gott allein, was denen offenbart wer- 
den soll, die ihn lieb haben, und sein Wort bewahren. 
Und Paulus sagt: Dass es nicht genug sei, dass ihr an 
Ihn glaubet, sondern dass ihr um seinetwillen leidet. 

Darum, meine Geliebteste! Sei doch eine freiwillige 
Braut zum Streite geschickt, denn Er wird dich nicht 
über Vermögen versucht werden lassen, sondern be- 
wirken, dass die Versuchung in der Weise ein Ende 
gewinne, dass du es ertragen kannst. Und ob auch 
eine Mutter ihres Kindes vergäße, so will ich doch 
dein nicht vergessen, spricht der Herr; Er wird dich 
bewahren wie seinen Augapfel. Darum fürchte dich 
nicht vor den Menschen, welche wie das Heu verge- 
hen, sondern setze mit Josua und Kaleb deine Reise 
unverzagt fort nach dem verheißenen Lande, warte 
mit Noah auf den Tag des Herrn, denn Christus sagt: 
Meine Schafe hören meine Stimme, und sie folgen 
mir, aber der Fremden Stimme hören sie nicht, und 
niemand wird sie aus seiner Hand reißen, denn es 
ist unmöglich, dass die Auserwählten verführt wer- 
den, wie Paulus sagt: Wer kann uns von der Liebe 
Gottes scheiden? Ja, keine Pein dieser Welt, denn wir 
wissen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum 
Besten dienen, indem unsere Trübsal, die zeitlich und 
leicht ist, uns eine über alles gewichtige Herrlichkeit 
bringt; weil dies nun des Herrn Wille ist, so hoffe ich, 
dass auch diese, deine Versuchung dir zum Besten 
dienen wird, denn der Herr hat deine Zeit bestimmt, 
diese werden wir nicht überschreiten; darum fürch- 
te dich nicht, denn Gott ist dein Hauptmann, Er ist 
deine Stärke, Er ist dein Führer, verlasse Ihn nicht. Er 
wird dich auch nicht verlassen; traue auf Ihn, so wirst 
du nicht zu Schanden. Sei getreu bis in den Tod, die 
Krone des Lebens ist dir zubereitet; ich will meinen 
Leib dem Herrn zum Preise willig aufopfern; ja nicht 
allein meinen Leib, sondern auch, wenn jedes Glied, 
ja jedes Haar ein Leib wäre, so will ich sie alle durch 
die Kraft Gottes zum Preise des Herrn aufopfern, um 
seine Verheißungen zu erlangen. Denn welche Liebe 
hat uns der Vater erzeigt, dass wir Gottes Kinder hei- 
ßen sollen; darum kennt uns die Welt nicht, denn sie 


kennt Ihn nicht. Meine Liebste, wir sind nun Gottes 
Kinder, und wir wissen, wenn Er offenbar werden 
wird, dass wir Ihm gleich sein werden. Ja, Petrus sagt: 
Wir werden seiner göttlichen Natur teilhaftig werden 
und werden bei Christus sein und mit Ihm alle Ge- 
schlechter richten. Ja, wir werden dem Lamme folgen, 
wo es hingeht und auf dem Berge Zion das neue Lied 
singen. Denn wir wissen gewiss, dass wenn unser ir- 
disches Haus dieser Hütte zerbrochen wird, wir einen 
Bau von Gott erbauet haben, der ewig ist im Himmel; 
wer wollte dieses faule, stinkende Fleisch, welches 
nichts ist als ein Haufen Erde, über diese schöne Ver- 
heißungen erheben? Ach, siehe doch, welche schöne 
Verheißungen Christus den Seinen gegeben hat, wel- 
che bis ans Ende standhaft bleiben, denn es ist kein 
anderer Weg zum ewigen Leben, als dieser, in dem 
von Anfang her alle gerechten Seelen haben leiden 
und also das Reich Gottes haben einnehmen müssen. 
Darum, mein geliebtes Weib, weil doch kein anderer 
Weg ist, so sei doch eine willige Braut, deinen Bräu- 
tigam zu empfangen. Dann wirst du mit Preis und 
Ehre gekrönt werden. 

Darum, meine Geliebte, habe ich ein wenig geschrie- 
ben, womit du dich durch das Wort Gottes ein wenig 
stärken kannst, denn Christus sagt: Die Welt wird sich 
freuen, ihr aber werdet traurig und betrübt sein, doch 
eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden 
und niemand wird eure Freude von euch nehmen 
können, denn der in uns wirkt, ist stärker, als der in 
der Welt ist. Und Johannes sagt, dass unser Glaube 
der Sieg sei, der die Welt überwunden habe. Geden- 
ket immer an Lots Weib und an den Mann Gottes, 
welchen der Löwe getötet, weil er wider den Befehl 
Gottes Brot gegessen hat und vom falschen Propheten 
betrogen worden ist; also laß dich von den falschen 
Propheten nicht verführen, sondern streite mit dem 
Propheten David wider den Goliath, so wirst du ihn 
als Brot aufzehren; denn das Himmelreich leidet nun 
Gewalt, und die ihm Gewalt antun, reißen es zu sich; 
denn Josua und Kaleb haben das verheißene Land 
mit Gewalt eingenommen, und die nicht standhaft 
blieben, konnten nicht hineinkommen. 

Darum laß den Mut nicht sinken, obschon du hier 
eine kurze Zeit versucht wirst, denn es ist nun sein 
Wille. Deshalb nimm nun gutwillig von seiner Hand 
an, was Er dir zusendet, denn Paulus sagt: Wir wissen, 
dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten 
dienen; es will ja Christus seine wunderbare Kraft und 
Stärke wider die Drachen und das Otterngeschlecht, ja 
wider die reißenden Wölfe an dir offenbaren, welche 
täglich Christo widerstehen und wider dich streiten, 
um dich zu verderben; aber sei getrost und traue auf 
Christum. Er wird dich nicht verlassen, denn Er ist 



154 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


deine Stärke; Er sorgt für dich. Er ist dein Beschützer, 
durch welchen du alle deine Widersacher überwinden 
wirst, denn Er wird dich mit dem Brote des Lebens, ja 
mit dem Brote des Verstandes speisen und wird dir 
vom Wasser der Weisheit zu trinken geben, und wird 
dich in aller deiner Trübsal trösten, und dir einen fes- 
ten standhaften Glauben in dein Herz drücken, wel- 
chem sie nicht werden widerstehen können. Denn 
derjenige, der das gute Werk in dir angefangen hat, 
wird es auch durch seine Gnade und Kraft, zu seinem 
Preise, bis ans Ende, zu deiner Seele Heil und zur Er- 
bauung aller derer, die den Herrn fürchten, ausführen 
und vollenden. Derselbe Gott, der dir aus aller Trüb- 
sal helfen und dich erlösen, und vor allen Stricken 
des Teufels und vor aller falschen Lehre bewahren 
kann, dem sei Preis, Ehre, Kraft, Stärke von Ewigkeit 
zu Ewigkeit. Amen. 

Siehe, mein liebes Weib! Weil ich dir nun weder 
mit meinen Tränen, noch mit meinem Blute helfen 
kann, so habe ich dir ein wenig geschrieben, um dich 
zu trösten und habe dir solches zum Andenken oder 
Testamente zugesandt, wobei du meiner immer einge- 
denk sein kannst, wie ich dir vorgewandelt sei, denn 
ich hoffe, diesen Brief mit meinem Blute zu versiegeln; 
dass nämlich solches die lautere Wahrheit sei, dafür 
will ich mein Leben lassen, Gott zum Preise und zur 
Erbauung aller derer, die den Herrn fürchten, und wie 
ich durch die Gnade Gottes dir voranzugehen hoffe, 
so bitte ich auch den Herrn, dass Er dich nachfolgen 
lassen wolle, wie ich denn auch das Zutrauen zu dir 
habe, dass du mir durch des Herrn Gnade so stand- 
haft nachfolgen werdest. Auch bitte ich den Herrn, 
dass Er die Frucht zu seinem Preise anwachsen lassen 
wolle, damit sie auch würdig erfunden werden mö- 
ge, um des Namens des Herrn willen zu leiden; also 
habe ich die Frucht dem Herrn anbefohlen, welcher 
kräftiger ist, euch zu bewahren, als ich. Der Herr wird 
euch auch bewahren, wie ich nicht daran zweifle; da- 
zu hoffe ich, dass mein Blut dieses Briefes Siegel sein 
wird. 

Darum befehle ich dich dem Herrn und dem Worte 
seiner Gnade, dass Er dich in aller Gerechtigkeit, Hei- 
ligkeit und Wahrheit bewahren wolle, und obgleich 
wir hier voneinander scheiden müssen, so weiß ich 
doch und habe das feste Vertrauen zum Herrn, dass 
wir im ewigen Leben beisammen sein werden; darum 
will ich willig mein Opfer tun. 

Ach, möchte ich für dich leiden, ich wollte gern 
mein Fleisch für dich aufopfern. Es tut mir leid, dass 
ich dir nicht mehr schreiben kann. Hiermit sei dem 
Herrn befohlen, und sei nicht für das Kind besorgt, 
denn meine Freunde werden es wohl in Acht nehmen, 
ja der Herr wird für dasselbe sorgen. Henrich von 


Deventer lässt dich herzlich grüßen im Herrn, und 
bittet den Herrn Tag und Nacht für dich, dass du bis 
ans Ende standhaft bleiben wollest. 

Noch ein Brief des Hieronymus Seeerß an sein 
Weib. 

Gnade, Friede, herzliche Freude durch die Erkenntnis 
Jesu Christi sei mit dir, mein liebes Weib Lysken in 
dem Herrn. Ich wünsche dir, mein liebes Weib Lysken, 
eine feurige Liebe zu Gott und ein fröhliches Gemüt 
in Christo Jesu. Wisse, dass ich deiner Tag und Nacht 
in meinem Gebete gedenke, dass ich für dich zu Gott 
flehe und seufze, denn ich bin sehr betrübt um deinet- 
willen, weil du so lange gefangen sitzen musst, und 
ich hätte gewünscht, wenn es des Herrn Wille wäre, 
dass du von den Banden befreit worden wärest. Nun 
aber hat der Herr ein anderes gewollt, weil Er dich 
prüfen und seine Kraft und Stärke gegen alle Wider- 
sprecher der Wahrheit an dir offenbaren will. Darum 
kann ich wider des Herrn Willen nichts tun, damit 
ich Ihn nicht versuche, sondern ich will Ihn vielmehr 
loben und Ihm danken, dass Er uns beide gewürdigt 
hat, um seines Namens willen zu leiden, denn alle 
auserwählten Schafe hat Er hierzu verordnet, indem 
er sie aus den Menschen zu Erstlingen Gottes erkauft 
hat. Ferner, meine Liebste, ich bin bis auf diese Stunde 
sehr fröhlich gewesen, habe den Herrn gelobt und 
Ihm gedankt, weil Er uns hierzu tüchtig gemacht; als 
ich aber von dir hörte, dass du mehr betrübt seiest, 
als dein Mund ausdrücken könnte, so hat mir solches 
viele Tränen verursacht und mich in meinem Herzen 
sehr betrübt. Auch habe ich verstanden, dass deine 
Betrübnis daher entstanden sein sollte, weil du mir oft 
gesagt, wir sollten Assuerus verlassen, was ich aber 
nicht getan habe; solches hat mich viele Tränen gekos- 
tet und ist mir herzlich leid; gleichwohl aber kann ich 
nichts gegen des Herrn Willen tun, und wäre es sein 
Wille gewesen. Er hätte uns wohl eine Rettung ver- 
schafft, aber Er hat uns ein Ziel gesetzt, welches wir 
nicht überschreiten können. Weil wir dem Herrn nun 
nicht entlaufen können, so laß uns um sein Werk nicht 
betrübt sein, sondern vielmehr, wie Christus sagt, uns 
freuen und fröhlich sein, denn im Himmel wird es uns 
wohl belohnt werden, und wie Petrus sagt: den Herrn 
in solchem Falle ehren. Ach, meine Liebe! Solches sagt 
er nicht, dass wir uns betrüben sollen; darum sei doch 
geduldig in deiner Trübsal und gelassen in deinem 
Leiden, denn Paulus sagt, dass denen, die Gott lieben, 
alle Dinge zum Besten dienen; deshalb habe ich auch 
das Vertrauen im Herrn, dass es dir zum Besten ge- 
reichen wird, dass du so lange gefangen sitzen musst. 
Darum nimm doch gutwillig von seiner Hand an, was 



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Er dir zusendet, denn Er lässt niemanden über seine 
Kräfte versucht werden. Deshalb sei ein Mitgenosse 
des Leidens Christi, denn alle, welche ohne Züchti- 
gung sind, sind Hurenkinder und keine Kinder. So 
sagt auch Jakobus: Selig ist der Mann, der die Anfech- 
tung erträgt, denn nachdem er bewährt ist, wird er 
die Krone des Lebens empfangen, welche der Herr 
denen verheißen hat, die Ihn lieb haben. 

Deshalb sei doch Christi Nachfolgerin, und nimm 
dein Kreuz in Geduld und mit Freuden auf und folge 
ihm getrost nach, denn Er hat um unseres Heils wil- 
len so viel erlitten; darum laß uns auch Ihm zu Ehre 
leiden, denn es ist jetzt unsere Stunde. Laß uns um die 
Krone des Lebens, welche uns zubereitet ist, freudig 
streiten. 

So bitte ich dich nun, meine Liebe, du wollest doch 
deine Betrübnis fahren lassen, denn der Herr wird 
dich wie seinen Augapfel bewahren, und ob auch ei- 
ne Mutter ihres Kindes vergäße, so will ich doch dein 
nicht vergessen, spricht der Herr. Ja, meine Schafe hö- 
ren meine Stimme, sagt der Herr, und sie folgen mir 
nach, und niemand wird sie aus meiner Hand neh- 
men. Darum, Geliebteste, sei doch immer zufrieden, 
und vertraue auf den Herrn; Er wird dich nicht verlas- 
sen. Auch habe ich von meiner Schwester vernommen, 
dass deine Betrübnis zum Teile deshalb entstanden 
sei, weil du dich nicht verträglich genug gegen mich 
bezeugt hast. Siehe, mein liebes Schaf, du bist nicht 
widerspenstig gewesen; wir haben nicht anders mit- 
einander gelebt, als es unsere Schuldigkeit erfordert; 
warum wolltest du dem betrübt sein? Sei nur zufrie- 
den, denn solches wird uns Christus nicht zurechnen, 
weil Er ja unserer Sünden nicht gedenken will; ich 
danke dem Herrn, dass du in deinem Umgänge mit 
mir so demütig gewesen bist; ich wollte wohl ein Jahr 
lang bei Wasser und Brot für dich sitzen, und auch 
zehnmal des Todes sterben, wenn du damit befreit 
werden könntest. Ach, könnte ich dir mit meinen Trä- 
nen und mit meinem Blute helfen, wie gern wollte ich 
für dich leiden, aber mein Leben kann dir nicht helfen. 
Darum sei doch zufrieden; ich will den Herrn noch 
mehr für dich bitten; ich habe auch diesen Brief mit 
Tränen geschrieben, weil ich hörte, dass du so betrübt 
seiest, und bitte dich, du wollest mir schreiben, wie es 
um dich stehe. Hiermit befehle ich dich dem Herrn. 

Ein Brief der Lysken, Hieronymus Hausfrau, 

welchen sie im Gefängnisse zu Antwerpen im 
Jahre 1551 an ihn geschrieben hat. 

Gnade und Frieden widerfahre uns beiden von Gott 
dem Vater; die Liebe des Sohnes und die Gemein- 
schaft des Heiligen Geistes sei mit uns zu unserer 


Seelen Stärke, Trost, Freude und Seligkeit. 

Mein geliebter Mann in dem Herrn! Wisse, dass 
mir im Anfänge die Zeit sehr lang gefallen ist, weil 
ich nicht gewohnt war, gefangen zu sitzen, auch 
sonst nichts hörte, als dass ich versucht wurde, vom 
Herrn abzufallen. Sie sagten, warum ich mich mit der 
Schrift bemühen wollte; ich solle meine Naht nähen. 
Es scheint, sagten sie, dass du den Aposteln nachfol- 
gen willst; wo sind die Zeichen, die du tust? Sie haben 
alle Sprachen geredet, als sie den Heiligen Geist emp- 
fangen hatten, und sagten: Wo ist deine Sprache, die 
du vom Heiligen Geist empfangen hast? Aber es ist 
genug, dass wir durch ihre Worte gläubig geworden 
sind, wovon Christus spricht, wie Johannes berichtet: 
Ich bitte nicht allein für sie, sondern auch für dieje- 
nigen, die durch ihr Wort an mich glauben werden. 
Hiermit befehle ich dich dem Herrn; die Gnade Gottes 
sei stets mit uns. 

Dank sei Gott dem Vater, der solche Liebe zu uns 
gehabt und an uns erwiesen hat, dass Er seinen lieben 
Sohn für uns dahingegeben hat; derselbe wolle uns 
solche Liebe, solche Freude, solche Weisheit und solch 
ein standhaftes Gemüt durch Christum und durch die 
Kraft des Heiligen Geistes verleihen, dass wir wider 
alle reißenden Tiere, wider Drachen und Schlangen, 
und wider alle Pforten der Hölle stehen mögen, die 
nun sehr listig sind, unsere Seelen zu fangen, zu betrü- 
gen, zu verderben und zu verführen. Deshalb sollen 
wir den Herrn Tag und Nacht ohne Aufhören demü- 
tig bitten; denn der uns zu verschlingen sucht, geht 
um uns her und sucht, welchen er verschlinge, indem 
uns nicht bekannt ist, was er im Sinne hat. Aber ob- 
schon sie sehr listig sind, so ist doch des Herrn Hand 
nicht zu kurz bei denen, die Ihn lieb haben und sei- 
nen Willen tim, denn die Augen des Herrn sehen auf 
diejenigen, die Ihn lieben, und seine Ohren hören auf 
ihr Schreien, aber das Angesicht des Herrn steht über 
denen, die Böses tun. Darum soll sich auch ein jeder 
wohl vorsehen, dass des Herrn Angesicht nicht über 
ihm stehe, denn eines jeden Menschen Seele, welcher 
sündigt, soll des Todes sterben, wenn er sich nicht 
bessert, ehe der Herr kommt. Wir sind aber nicht ge- 
wiss, wann der Herr kommen wird, denn Er wird 
kommen wie ein Dieb in der Nacht. Darum soll ei- 
ner für den andern bitten, dass unsere Flucht nicht 
am Sabbat geschehe, wenn wir müßig, noch im Win- 
ter, wenn unsere Bäume ohne Frucht sind, denn ein 
jeder Baum, der nicht gute Früchte bringt, wird ab- 
gehauen und ins Feuer geworfen; den aber, der gute 
Früchte bringt, wird Er reinigen, damit er reichliche 
Früchte hervorbringe. Auch ist uns durch des Herrn 
Wort verkündigt, dass, wenn wir mutwillig sündigen, 
wir ferner kein Opfer mehr für die Sünde haben, son- 



156 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


dern ein schreckliches Warten des Gerichtes und des 
Feuereifers, der die Widerwärtigen verzehren wird. 
Das Gesetz Moses hatte solche Kraft, dass, wer sol- 
ches übertrat, ohne Gnade des Todes sterben musste, 
durch zwei oder drei Zeugen; wie vielmehr wird der 
gestraft werden, welcher den Sohn Gottes mit Füßen 
tritt. Ferner sagt auch der Heilige Geist: Wenn wir 
mit leiden, so werden wir auch mit herrschen; sterben 
wir mit, so werden wir auch mit leben; verleugnen 
wir ihn, so wird Er uns auch verleugnen; glauben 
wir nicht, so bleibt Er doch getreu, denn Er kann sich 
selbst nicht verleugnen, noch versagen. Da wir nun 
eine so große Wolke von Zeugen um uns haben, so 
lasst uns alles ablegen, was uns beschwert, und die 
Sünde, die uns träge macht, und lasst uns durch Ge- 
duld in dem Kampfe laufen, der uns verordnet ist 
und zu dem Vollender aufsehen, welcher, da Ihm die 
Freude vorgelegt wurde, das Kreuz erduldete und 
der Schande nicht achtete, auch nicht drohte, als er 
für unsere Sünde, zu unserer Seelen Heil, litt. Also 
auch wir, mein Liebster in dem Herrn, dem Herrn 
zum Preise und zum Tröste aller lieben Freunde. Ich 
wünsche uns beiden den gekreuzigten Christum zur 
ewigen Freude und Stärke. Ich habe das Vertrauen zu 
dem Herrn, der allein weise ist, und seine Weisheit 
allein den Einfältigen, Unschuldigen und in dieser 
Welt Verstoßenen mitteilt, dass Er uns trösten werde, 
bis unsere Geburt geschehen ist. 

Mein lieber Mann in dem Herrn, mit welchem ich 
mich vor Gott und seiner Gemeinde verehelicht habe, 
wovon sie sagen, dass ich mit dir im Ehebruch gelebt 
hätte, weil unsere Ehe in dem Baal nicht befestigt 
worden ist; aber der Herr sagt: Freuet euch, wenn alle 
Menschen Übles von euch reden um meines Namens 
willen; freuet euch alsdann und seid fröhlich, denn es 
wird euch im Himmel wohl belohnt werden. 

Wisse, dass ich sehr geweint habe, weil du um mei- 
netwillen betrübt warst, indem du vernommen hast, 
dass ich oft zu dir gesagt habe, wir sollten von As- 
suerus fortziehen, und du gleichwohl solches nicht 
getan hast; sei hierin zufrieden, mein Liebster in dem 
Herrn; hätte solches dem Herrn nicht wohl gefallen, 
es wäre nicht so geschehen; des Herrn Wille soll zu 
unserer beiden Seelen Seligkeit geschehen; denn Er 
lässt uns nicht über unser Vermögen versucht werden. 
Darum sei getrost, mein Liebster in dem Herrn, und 
freue dich in dem Herrn, wie du zuvor getan hast; 
lobe Ihn und danke Ihm, dass Er uns dazu ersehen 
hat, dass wir um seines Namens willen so lange in 
Banden liegen sollten und dessen würdig geachtet 
sind; Er weiß, was Er hierin zuvor verordnet hat. Und 
obschon die Kinder Israel lange in der Wüste lagen, 
so wären sie doch mit Josua und Kaleb in das Land 


der Verheißung gekommen, wenn sie der Stimme des 
Herrn gehorsam gewesen wären. Also sind wir nun 
auch hier in der Wüste unter den reißenden Tieren, 
welche ihre Netze täglich stellen, um uns zu fangen; 
der Herr aber ist stark, der die seinen nicht verlässt, 
die auf ihn trauen, bewahrt Er vor allem Übel, ja wie 
seinen Augapfel; darum sollen wir uns in Ihm zufrie- 
den geben und unser Kreuz mit Freuden und Geduld 
auf uns nehmen, und mit festem Vertrauen auf die 
Verheißungen warten, welche Er uns gegeben hat und 
an welchen nicht zu zweifeln ist, indem derjenige, der 
uns diese Verheißungen gegeben hat, sagt, dass wir 
auf dem Berge Zion gekrönt werden und, mit Palmen 
geziert, dem Lamme nachfolgen sollen. Ich bitte dich, 
mein Lieber im Herrn, sei getrost im Herrn, nebst al- 
len lieben Freunden, und bitte den Herrn für mich, 
Amen. 

Ein Brief des Hieronymus Segerß an sein Weib. 

Gnade und Frieden sei mit dir von Gott, dem Vater, 
die Barmherzigkeit und Liebe des Sohnes und die 
Kraft und Gemeinschaft des Heiligen Geistes stärke 
deinen Glauben, dein Herz, deine Sinne und deinen 
Verstand in Christo Jesu, Amen. Dies wünsche ich 
meinem geliebten Weibe, die ich vor Gott und seiner 
heiligen Gemeinde geehelicht habe, gleichwie Abra- 
ham Sarah, Isaak Rebecca und Tobias seines Vetters 
Tochter zum Weibe genommen hat, so habe ich dich 
zum Weibe genommen, nach der Lehre und dem Be- 
fehle des Wortes Gottes, und nicht, wie diese arge 
blinde Welt; darum lobe ich den Herrn und danke 
Ihm Tag und Nacht, weil Er uns so lange erhalten 
hat, bis wir miteinander bekannt worden sind und 
die Erkenntnis der Wahrheit erlangt haben. Sie sagen, 
dass unser Verhältnis Ehebruch gewesen sei, weil wir 
dasselbe nicht, wie das ehebrecherische Geschlecht, 
auf eine abgöttische, fleischliche, eitle, hoffärtige und 
wollüstige Weise haben bestätigen lassen, was vor 
Gottes Augen nichts als ein Gräuel ist. Darum lügen 
sie über uns, gleichwie sie auch über Christum gelo- 
gen haben. Und wenn sie auch sagen: Du sollst dich 
an das Nähen halten, so hindert uns solches nicht, 
denn Christus hat uns alle berufen und uns die Schrift 
zu durchforschen befohlen, denn sie zeugt von Ihm; 
auch sagt Christus ferner, dass Magdalena das beste 
Teil erwählt habe, weil sie in der Schrift forsche. 

Und ferner, meine Geliebte, wenn sie dich auch 
fragen wollten, wo deine Zeichen und Sprachen wä- 
ren, solches schadet dir nichts, denn die Gläubigen, 
welche Petrus und Johannes tauften, redeten nicht 
mit Zungen, sondern es war ihnen genug, dass sie an 
Christum glaubten. Auch hat Stephanus, welcher des 



157 


Heiligen Geistes voll war, nicht mit Zungen geredet, 
gleichwie auch die Bischöfe und Lehrer, die mit Pau- 
lus waren, weder Wunder getan, noch mit Sprachen 
geredet und gleichwohl das Wort Gottes unsträflich 
gelehrt haben. Und so sagt auch Paulus, dass der Hei- 
lige Geist in den Gemeinden seine Gaben mitteilt; die- 
ser hat die Gaben gesund zu machen, ein anderer zu 
weissagen, ein anderer mit vielen Sprachen zu reden, 
ein anderer Wunder zu tun, ein anderer zu ermahnen, 
ein anderer Barmherzigkeit zu erweisen, ein ande- 
rer standhaft zu glauben, und dieses wirkt alles der 
Heilige Geist, durch welchen einer dem andern zu sei- 
ner Selbstbesserung Handreichung tut und also zum 
heiligen Tempel aufwächst; darum wandle ein jeder, 
wie er berufen ist. Ferner ist uns genug, dass Christus 
nicht nur für seine Jünger, sondern auch für diejeni- 
gen gebetet hat, die durch ihr Wort an Ihn glauben 
würden. 

Siehe, mein geliebtes Weib in dem Herrn, wie gern 
die reißenden Wölfe die einfältigen Seelen mit ihren 
Lügen und ihrer Arglist ermorden wollen, womit sie 
auch uns zusetzen, um uns zu verführen und auch 
deine Seele in den ewigen Tod zu stürzen suchen; 
darum hüte dich vor ihnen und gib ihnen kein Gehör, 
weil sie sehr listig sind, sondern tue, wie Christus 
sagt: Meine Schafe hören meine Stimme, die fremde 
Stimme hören sie nicht; darum wird sie auch niemand 
aus seiner Hand nehmen. 

Siehe, meine Geliebte, wie uns Christus vor dieser 
Zeit gewarnt habe; darum laß uns vorsichtig sein, da- 
mit wir nicht durch die listige Schlange betrogen wer- 
den. Und wisse, dass ich auch einmal vor den Herren 
gewesen bin, als ich dir zurief und dass ich damals so 
geredet habe, dass sie mich zufrieden gelassen haben, 
und wiewohl sie die andern noch zweimal vorgefor- 
dert, so haben sie mich doch in Ruhe gelassen; auch 
habe ich einmal mit den Pfaffen von der Sendung ge- 
handelt und sie mit des Herrn Wort dergestalt bestraft, 
dass sie aus Erbitterung mit ihren Fäusten auf den 
Tisch schlugen und nichts zu sagen wussten, denn sie 
sagten nur, Petrus sei Papst gewesen und St. Andre- 
as habe die erste Messe gehalten. Hierauf antwortete 
ich ihnen, dass sie es mit der Wahrheit nicht dartun 
könnten; ich sagte ihnen auch, dass sie Irrgeister wä- 
ren und die Lehre der Teufel hätten, worauf sie mich 
verließen. 

Ferner lasse ich dich wissen, mein geliebtes Weib 
in dem Herrn, es tut mir leid, dass du geweint hast, 
denn als ich hörte, dass du betrübt wärest, so habe 
ich den Herrn Tag und Nacht desto brünstiger für 
dich gebeten und bin versichert, dass Er dich wie 
seinen Augapfel bewahren wird; ich lobe den Herrn 
allezeit, weil Er uns beide würdig gemacht hat, um 


seines Namens willen zu leiden, worüber ich mich 
sehr freue. 

Als ich deinen Brief las und hörte, wie es mit dir 
stand, und dass du mir den gekreuzigten Christum 
zu einem Gruße wünschest, so hüpfte mein Herz und 
mein Geist vor Freude auf, so dass ich den Brief nicht 
auslesen konnte, sondern ich musste meine Knie vor 
dem Herrn beugen. Ihm danken und Ihn für seine 
Kraft, seinen Trost und seine Freude loben, obgleich 
ich auch um unserer Brüder und um deinetwillen be- 
trübt bin, weil ihr so lange sitzen müsst. Ich habe dich 
und unser Kind des Herrn Händen anbefohlen, denn 
ich traue Ihm solches zu, und zweifle nicht daran, 
dass Er dir dieselbe Freude geben werde, welche Er 
mir gegeben hat, und dich bis ans Ende bewahren 
werde. Ich freue mich und bin so fröhlich in seinen 
Verheißungen, welche Er denen gegeben hat, die bis 
ans Ende standhaft bleiben. Ich bin so voller Freude, 
Trost und Fröhlichkeit, als ich jemals gewesen bin; ja, 
ich habe solche Freude, dass ich's nicht sagen oder 
schreiben kann, ich hätte auch nicht gedacht, dass ein 
Mensch solche Freude im Gefängnisse haben könnte, 
denn ich kann Tag und Nacht vor Freude kaum schla- 
fen, kann auch dem Herrn nicht genug danken und 
Ihn loben, denn es kommt mir vor, als wäre ich hier 
noch keinen Tag gewesen. Ach möchte ich mein Herz 
in Stücke brechen und es dir und unsern Brüdern ge- 
ben. Ach, ich wollte, dass ich ihnen mit meinem Blute 
helfen könnte, ich wollte gern für sie leiden. 

Ach, meine Geliebte in dem Herrn! Nun erfahre ich, 
wie kräftig, nachdrücklich und väterlich Er diejeni- 
gen bewahrt, die Ihm trauen und nichts als seine Ehre 
suchen; ja welche Stärke, welchen Trost und welche 
Freude Er ihnen gibt, wie abscheulich Er aber diejeni- 
gen fallen lässt, die Ihn verlassen und verleugnen und 
sich auf Menschen verlassen, sodass sie ein nagendes 
Gewissen, ein betrübtes Herz und grausamen Schre- 
cken bekommen und nichts erwarten, als die ewige 
Verdammnis, des Feuers Pein und das erschreckliche 
Wort: Gehet hin, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, 
denn das Angesicht des Herrn sieht auf die, die da 
Böses tun. Darum siehe, mein geliebtes Weib in dem 
Herrn, laß uns auf den Vollender Jesum sehen, wie 
Er uns um unsers Heils willen bis in den Tod vorge- 
wandelt ist; denn siehe, die Krone des Lebens ist uns 
bereitet; wir werden mit Ihm auf seinem Throne sit- 
zen; wir werden mit weißen Kleidern angetan werden. 
Hiermit befehle ich dir den gekreuzigten Christum 
zum Tröste und zur Freude, dass Er dich bewahren, 
dich mit seinem göttlichen Worte sättigen und mit 
dem Brote des Lebens und mit dem Brote des Verstan- 
des speisen und dir aus dem Brunnen des Lebens das 
Wasser der Weisheit und die unverfälschte Milch zu 



158 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


trinken geben wolle. Derselbe bewahre deine Seele 
zur Seligkeit, Amen. 

Ein Brief von Lysken, des Hieronymus Weib. 

Die Gnade, der Friede, die Freude und Liebe, die 
Christus seinen Jüngern hinterlassen hat, ist es, um 
welche ich aus eifrigem Herzen bitte, dass Er uns sol- 
che Liebe und solch ein standhaftes Gemüt mitteilen 
wolle, dass wir tüchtig erfunden werden mögen, der 
schönen Verheißung teilhaftig zu werden, die Er uns 
gegeben hat, wenn wir anders bis ans Ende standhaft 
bleiben. Demselben Christo sei Preis und Ehre von 
Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen. Ich kann dem Herrn 
nicht genug für seine große Gnade, grundlose Barm- 
herzigkeit und die große Liebe danken und loben, 
welche Er an uns erwiesen hat, dass wir seine Söhne 
und Töchter sein sollen, wenn wir überwinden, gleich- 
wie Er überwunden hat. Ach, wir mögen wohl mit 
Recht sagen, dass der wahre Glaube sich nach dem 
richtet, das nicht erscheint; der, welcher durch die 
Liebe wirkt, wird uns auch zur Herrlichkeit bringen, 
wenn wir anders mit Ihm leiden. Lasset uns darauf 
merken, liebe Freunde in dem Herrn, welche große 
Liebe die Weltmenschen, einer gegen den andern, ha- 
ben. Es sind, wie man sagen hört, solche auf dem Stein 
gefangen, die sich freuen, wenn sie nach der Folter 
gebracht werden, weil sie daselbst denjenigen desto 
näher sein können, die sie lieben und zu welchen sie 
doch nicht persönlich gelangen können. Höret doch, 
meine geliebten Brüder und Schwestern in dem Herrn: 
Hat die Welt solche Liebe, ach, welche Liebe sollten 
wir denn nicht haben, die wir auf solche schöne Ver- 
heißungen hoffen? Es steht mir noch ein schönes Bild 
vor Augen von einer Braut, die sich schmückt, um ih- 
rem Bräutigam von dieser Welt zu gefallen. Ach, wie 
sollten wir uns denn nicht schmücken, um unserem 
Bräutigam zu gefallen? Ach, möchten wir so ausgerüs- 
tet sein, wie die fünf klugen Jungfrauen ausgerüstet 
waren, mit Öl in ihren Lampen, um unserem Bräu- 
tigam entgegen zu gehen, und dass wir auch seine 
süße Stimme hören mochten: Kommt, ihr Gesegneten, 
ererbet das Reich meines Vaters. Ich bitte den Herrn 
Tag und Nacht, dass Er uns solche brünstige Liebe 
geben wolle, dass wir auch der Pein nicht achten, die 
sie uns antun, ja dass wir mit dem Propheten David 
sagen mögen: Ich fürchte mich nicht, was können mir 
Menschen tun. Und diese unsere Pein, welche leicht 
und zeitlich ist, ist nicht mit der Herrlichkeit, die an 
uns offenbart werden soll, zu vergleichen. Deshalb, 
da es des Herrn Wille ist, dass ich mit Daniel so lange 
in der Löwengrübe liege und brüllende und reißende 
Wölfe und Löwen, wie auch die alte Schlange erwar- 


ten soll, die von Anfang her gewesen ist und auch 
bis ans Ende sein wird, so bitte ich alle lieben Brü- 
der und Schwestern, dass sie in ihrem Gebete meiner 
eingedenk sein wollen; solches will ich auch wieder 
nach meinem Vermögen tun. Ach, meine lieben Freun- 
de, wie kann ich meinem himmlischen Vater genug 
danken, dass Er mich armes Schaf tüchtig gemacht 
hat, um seines Namens willen so lange in Banden zu 
liegen; ich bitte den Herrn Tag und Nacht, dass diese 
meine Prüfung zu meiner Seele Heil, zum Preise des 
Herrn und zur Auferbauung meiner lieben Brüder 
und Schwestern gereichen möge, Amen. 

Nicolaus auf der Buckerei hat zwei Pfaffen zu mir 
hierher gebracht, um mich zu unterrichten, welchen 
ich durch des Herrn Gnade antwortete. Sie sagten 
zu mir, es täte ihnen sehr leid, dass ich dieser Leh- 
re zugefallen wäre, denn sie konnten daraus keinen 
Glauben machen, sondern nur eine Meinung, weil wir 
das nicht beobachten, was die christliche Gemeinde 
oder Kirche gebiete; ich aber antwortete ihnen: Wir 
begehren sonst nichts zu tim oder zu glauben, als was 
uns die Kirche Christi gebietet; aber mit dem Baal oder 
andern Tempeln wollen wir nichts zu tun haben, weil 
sie mit Händen gemacht sind nach der Menschen Ge- 
bote und Lehren, und nicht nach Christo. Stephanus 
sagt, dass der Allerhöchste nicht in Tempeln wohne, 
die mit Händen gemacht sind, denn er sagte, er sehe 
den Himmel offen, und Christus zur rechten Hand sei- 
nes allmächtigen Vaters sitzen. Und Paulus sagt, dass 
wir der Tempel des lebendigen Gottes seien; wenn 
wir anders seinen Willen tun, so will Er in uns woh- 
nen und wandeln. Sie sagten, dass sie gesandt wären, 
und diejenigen seien, welche auf Moses Stuhl sitzen; 
hierauf antwortete ich ihnen, dass sie also die Wehen 
angingen, von welchen geschrieben stände, Mt 23. 
Sie fragten mich, ob ich sagen wollte, dass derjenige, 
der mir diese Dinge gelehrt hätte von Gott gesandt 
worden sei, worauf ich antwortete: Ja, ich weiß dies 
gewiss, dass derselbe von Gott gesandt war. Hierauf 
fragten sie mich, ob ich wohl wüsste, wie ein Leh- 
rer sein müsste? Ich antwortete: Ein Lehrer soll eines 
Weibes Mann sein, unsträflich, der gehorsame Kinder 
hat, kein Trunkenbold, Weinsäufer oder Hurenjäger 
ist; hierauf entgegneten sie: Tun wir Böses, so wird 
es auf unsere Kappe triefen; der Herr ist barmherzig. 
Da fragte ich, ob sie auf die Barmherzigkeit Gottes 
sündigen wollten und fügte hinzu, dass es geschrie- 
ben stände, dass wir nicht Sünde mit Sünde häufen 
und nicht sagen sollten: Der Herr ist barmherzig. Wir 
haben mehr geredet, welches zu weitläufig wird zu 
beschreiben. Ich sagte ihnen unter anderem, dass sie 
diejenigen seien, die allezeit lernten, und doch nicht 
zur rechten Erkenntnis der Wahrheit kommen könn- 



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ten. Da sagten sie, Christus habe zu seinen Aposteln 
gesprochen: Euch ist es gegeben zu verstehen, den 
andern aber in Gleichnissen; ich entgegnete: Die es 
nun recht verstehen, denen ist es auch gegeben. Zu- 
letzt zeichneten sie sich sehr mit dem Kreuze und 
sagten, ich sollte es wohl innewerden, wenn ich vor 
Gericht stehen würde. Das soll wahr sein, sagte ich, 
wir werden dort zu Richtern gesetzt werden, um das 
ungehorsame und ehebrecherische Geschlecht zu rich- 
ten. Hiermit gingen sie davon. Auch sagte ich ihnen, 
sie seien vom Satan gekommen, meine Seele zu er- 
morden und zu töten. 

Noch einmal wünsche ich meinem lieben Manne 
in dem Herrn und mir den gekreuzigten Jesu zur un- 
vergänglichen Freude, und eine unvergängliche Liebe 
bis in Ewigkeit, Amen. 

Wisse, mein lieber Mann in dem Herrn, als ich las, 
dass du so sehr erfreut bist in dem Herrn, konnte ich 
den Brief nicht auslesen, sondern musste den Herrn 
bitten, dass Er mir solche Freude auch verleihen und 
mich bis an das Ende erhalten wolle, damit wir unser 
Opfer, zur Verherrlichung unseres Vaters, der im Him- 
mel ist, und zur Erbauung aller lieben Brüder und 
Schwestern mit Freuden erfüllen mögen. Hiermit will 
ich dich dem Herrn und dem Worte seiner Gnade an- 
befehlen. Wisse, dass ich dir für deinen Brief, welchen 
du an mich geschrieben hast, sehr dankbar bin. Die 
Gnade des Herrn sei allezeit mit uns. 

Noch ein Brief von Lysken an ihren Mann 
geschrieben. 

Die unbegrenzte Gnade Gottes sei allezeit mit uns bei- 
den, die Liebe des Sohnes mit seiner unergründlichen 
Barmherzigkeit, und die Freude des Heiligen Geistes 
sei mit uns bis in Ewigkeit, Amen. Demselben, wel- 
cher uns von den Toten wiedergeboren hat, sei Preis 
von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen. 

Ich wünsche uns beiden den gekreuzigten Jesum 
zum Beschützer und Erhalter unserer Seelen; dersel- 
be wolle uns in aller Gerechtigkeit, Heiligkeit und 
Wahrheit bis ans Ende bewahren. 

Er wird uns auch als seine Söhne und Töchter, ja 
als seinen Augapfel bewahren; wenn wir anders das 
angefangene Wesen bis ans Ende festbehalten. Darum 
laß uns Ihm vertrauen, so wird Er uns in Ewigkeit 
nicht verlassen, sondern uns bewahren, wie Er den 
Seinen von Anfang der Welt her getan hat, und wird 
uns keine andere Versuchung überfallen lassen, als 
die menschlich ist. 

Der Herr ist getreu, sagt Paulus, der wird uns nicht 
über unser Vermögen versucht werden lassen. Dank 
sei Gott, dem Vater unseres Herrn Jesu Christi, der 


uns tüchtig gemacht hat, um seines Namens willen 
ein kurzes und geringes Leiden zu ertragen, durch 
die schönen Verheißungen, die Er uns nebst allen, die 
in seiner Lehre standhaft bleiben, gegeben hat; wir 
werden hier ein wenig gestäupt, aber viel Gutes wird 
uns widerfahren. 

Mein herzlich geliebter Mann im Herrn, du hast 
zum Teil schon eine Versuchung ausgestanden, in 
welcher Versuchung du standhaft geblieben bist; dem 
Herrn sei ewig Lob und Preis für seine große Gna- 
de. Ich bitte den Herrn darum mit Weinen, dass Er 
mich auch tüchtig machen wolle, um seines Namens 
willen zu leiden, denn alle auserwählten Schafe hat 
Er hierzu ersehen, indem Er sie aus den Menschen 
zu Erstlingen Gottes erkauft hat. Ja, wir wissen, wie 
Paulus sagt, dass, wenn wir mit leiden, wir auch mit 
herrschen werden; sterben wir aber mit, so werden 
wir auch mit leben. Darum laß uns die Züchtigung 
des Herrn nicht verachten, denn diejenigen, die Er 
lieb hat, züchtigt Er, und stäupt einen jeden Sohn, den 
er aufnimmt, wie Paulus meldet. Hiermit will ich dich 
dem Herrn anbefehlen und dem Worte seiner Gna- 
de und Herrlichkeit, wodurch Er uns verherrlichen 
wird, wenn wir anders dabei ans Ende verharren. Die 
Gnade des Herrn sei mit uns. 

Ein Brief von Hieronymus Segerß an sein Weib 
geschrieben. 

Die Gnade, die Freude, der Friede von Gott dem Va- 
ter, die Barmherzigkeit und Liebe des Sohnes, unseres 
Herrn Jesu Christi, und die Gemeinschaft und der 
Trost des Heiligen Geistes wolle uns trösten, stärken 
und kräftig machen, und wolle uns beide in aller Ge- 
rechtigkeit und Heiligkeit bis ans Ende erhalten. Dem- 
selben sei Preis von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen. 

Ich wünsche meinem auserwählten Weibe in dem 
Herrn und mir die ewige Freude und das unvergäng- 
liche, unverderbliche Leben, und gönne uns beiden, 
dass wir bei seinem göttlichen Worte und seiner ewi- 
gen Wahrheit bis ans Ende unveränderlich bleiben 
möchten, welches Er auch tun wird, denn Er hat es 
uns verheißen, wenn wir anders in demjenigen treu 
bleiben, was Er uns gegeben hat, und auch Ihm zum 
Preise, dafür streiten wollen, gleichwie Er auch um 
unser Heil gestritten hat, und seinem Vater bis zum 
Tode gehorsam gewesen ist. Wenn wir nun auch bis 
zum Tode getreu bleiben, so werden wir die Krone des 
Lebens empfangen und mit ihm das ewige Leben be- 
sitzen. Dann wird Er uns in Ewigkeit nicht verlassen, 
indem der Herr nicht wider sein Wort handeln kann 
oder mag, weil sein Wort in Ewigkeit nicht vergehen 
wird. Daneben hat Er uns auch so treulich verheißen. 



160 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


dass er uns bewahren wolle, wenn wir Ihn nicht ver- 
lassen, dass uns niemand aus seiner Hand reißen wird. 
Er wird uns wie seinen Augapfel, ja wie seine Söhne 
und Töchter bewahren. Denn siehe, meine Geliebte, 
wie treulich Er diejenigen bewahrt, die Ihm getreulich 
gedient haben, gleichwie Noah in der Arche bewahrt 
worden und Lot aus Sodom geführt wurde, und Jakob 
vor seinem Bruder Esau erhalten ward, wiewohl er 
ihn zu töten suchte, auch Joseph vor seinen Brüdern, 
den Söhnen Jakobs, und Josua und Kaleb, welche in 
das Land der Verheißung eingegangen sind vor allen 
Heiden, und David vor dem Goliath, und die Susanna 
vor den falschen Zeugen, und Daniel vor den Löwen, 
und noch mehrere andere, welche zu beschreiben zu 
viel Zeiten kosten würde. 

Aber hieran können wir merken, wie treulich Er 
diejenigen bewahrt, welche Ihn von Herzen lieben 
und fürchten, ja wie schändlich auch diejenigen fallen, 
die ihn verlassen; wie wir von Anfang der Welt her 
sehen mögen, dass dieselben um ihrer Bosheit wil- 
len zu Grunde gegangen sind, wie Lots Weib gestraft 
worden sei und Esau seine Erstgeburt nicht wieder 
habe erlangen können, und wie das ganze Israel in 
der Wüste vergangen sei. Siehe, mein geliebtes Weib, 
solches hat der Herr zugelassen, nicht allein um derer 
willen, die gesündigt haben, sondern auch um unse- 
retwillen, damit wir sehen möchten, wie Christus mit 
den Gerechten sei und sie bewahre, und dass wir er- 
kennen möchten, wie Er die Gottlosen verlässt und zu 
Grunde richtet; denn Paulus sagt: Alles, was geschrie- 
ben ist, ist zu unserer Lehre geschrieben. Darum laß 
uns Fleiß anlegen, dass wir den Herrn von unseres 
Herzens Grunde suchen, fürchten und lieben. Ihm 
treulich dienen, und Ihn nicht verlassen, denn Chris- 
tus sagt: Wer nicht mit mir ist, der ist wider mich, und 
wer nicht mit mir sammelt, der zerstreuet; gleichwie 
wir täglich vor unsern Augen sehen, wie kräftig Er 
denen beistehe, die sich auf Ihn verlassen, und wie 
bald die zu Falle gekommen seien, die Christum ver- 
lassen und ihr Vertrauen auf Menschen gesetzt haben. 
Darum, mein geliebtes Weib in dem Herrn, laß uns 
dem allmächtigen Herrn vertrauen, und allezeit auf 
den Herzog des Glaubens und Vollender, Jesum, se- 
hen; laß uns allezeit den gekreuzigten Christum vor 
Augen haben und Ihm treulich nachfolgen, gleichwie 
Er uns vorgegangen ist; auch unser Kreuz mit Geduld 
auf uns nehmen und allezeit an die Worte Christi den- 
ken, wo Er spricht, dass sie uns töten werden und 
dabei meinen, sie tun Ihm einen Dienst damit; geden- 
ke, dass solches uns vorhergesagt ist, damit, wenn es 
geschieht, wir uns daran nicht ärgern sollen, denn der 
Knecht ist nicht mehr als sein Herr. Und dieses wer- 
den sie euch tun, weil sie weder mich, noch meinen 


Vater erkannt haben. 

Denn das Wort vom Kreuz Christi dünkt denjeni- 
gen, die verloren gehen, eine Torheit und Narrheit zu 
sein, uns aber ist es eine Kraft Gottes. Darum lasst uns 
stets an das Wort des Herrn halten, wovon Christus 
spricht: Wer mich vor den Menschen bekennt, den 
will ich auch vor meinem himmlischen Vater beken- 
nen; wer mich vor den Menschen verleugnet, den will 
ich auch vor meinem himmlischen Vater und vor sei- 
nen heiligen Engeln verleugnen. Laß uns doch unser 
ganzes Vertrauen ans Ihn setzen, so wird Er uns nicht 
verlassen, denn Er verlässt die Seinen nicht, sondern 
hat seinen himmlischen Vater gebeten, dass Er wolle, 
dass, wo Er sei, auch wir mit Ihm sein sollten. Darum 
laß die Welt nur verketzern, Wiedertäufern, verdam- 
men, denn Paulus sagt: Wer will die Auserwählten 
Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht, 
wer will uns verdammen? Christus ist hier, der für 
uns gestorben ist, der auch auferstanden ist und zur 
rechten Hand des Vaters sitzt und für uns bittet; wie 
sollte Er uns nicht alles geben? Denn Er hat seinen 
eingebornen Sohn nicht verschont, sondern hat Ihn 
für uns alle dahingegeben; hat uns nun Gott so geliebt, 
als wir noch Feinde waren, wie viel mehr werden wir 
vor dem Zorne erhalten werden, nachdem wir durch 
sein Blut gerecht geworden sind. Denn nachdem wir 
durch den Glauben gerecht geworden sind, haben wir 
Friede mit Gott, durch unsern Herrn Jesum Christum, 
durch welchen wir zu dieser Gnade, worin wir stehen, 
einen Zugang haben und uns der zukünftigen Herr- 
lichkeit rühmen, die uns Gott geben wird; nicht allein 
aber das, sondern wir rühmen uns auch der Trübsal, 
weil wir wissen, das Trübsal Erfahrung, Erfahrung 
Geduld, Geduld aber Hoffnung wirkt, die Hoffnung 
aber wird uns nicht zu Schanden werden lassen; und 
das darum, weil die Liebe Gottes durch den Heiligen 
Geist, der uns gegeben ist, in unsere Herzen ausge- 
gossen ist. 

Meine Geliebteste, darum laß uns unser Vertrauen 
auf den Herrn setzen, und in Geduld auf seine Verhei- 
ßungen warten, gleichwie der Ackermann auf seine 
Früchte wartet, und laß uns ihn nicht verlassen, dann 
wird Er uns auch nicht verlassen. Ich habe uns bei- 
de und unser Kind seinen Händen anbefohlen, dass 
er uns nach seinem göttlichen Willen tue, wodurch 
sein Name verherrlicht werden möge, und dass es 
zu unserer Seelen Seligkeit und zum Tröste und zur 
Freude aller derer, die den Herrn fürchten, gereichen 
möge; ich habe das feste und unbedingte Vertrauen 
zu ihm, dass er uns als seine Söhne und Töchter, ja 
wie seinen Augapfel bewahren werde. Und ich be- 
richte dir, dass ich mich sehr gefreut, als ich deinen 
Brief gelesen habe, weil du schreibst, du bätest den 



161 


Herrn mit weinenden Augen, dass er dich auch tüch- 
tig machen wolle, um seines Namens willen zu leiden. 
Meine Geliebte, sorge nicht, sondern bitte den Herrn 
mit demütigem Herzen, dass Er uns geben wolle, was 
unserer Seele am ersprießlichsten ist; solches wird Er 
ohne Zweifel tun, und wird uns nicht über unser Ver- 
mögen versucht werden lassen. Derselbe wolle uns in 
aller Gerechtigkeit, Heiligkeit und Wahrheit bis ans 
Ende bewahren. 

Ferner berichte ich dir, meine Geliebte, dass sie 
mich sehr peinigten, um die Hebammen zu entde- 
cken, die unsere Schwestern entbunden haben; der 
Herr aber war kräftiger (der meinen Mund bewahrt 
hat) als alle Pein. Dem Herrn sei ewig Preis und Lob, 
der die Seinen nicht verlässt; sie erlangten von mir 
keine Namen als einen oder zwei, die sie mir aus ei- 
nem Briefe vorgelesen hatten; solche wollte ich ihnen 
sagen, um zu vernehmen, was sie sagen würden. Sie 
aber fragten mich, ob ich mit ihnen spottete, und setz- 
ten mir noch heftiger zu, ich sollte die Frauen und 
mehrere andere verraten, oder sie wollten mich peini- 
gen bis am andern Morgen und wollten mich einen 
Fuß länger auseinander spannen, als ich lang wäre; sie 
sagten auch zu Gileyn, er sollte ausspannen, und sein 
Knecht zog nach Kräften aus, Gileyn aber goss mir 
den Leib voll Wasser; sie hatten mich mutternackend 
auf der Bank liegen und mir weiter nichts als mein 
Hemd gelassen, um meine Blöße zu bedecken; in die- 
ser Beschaffenheit hatten sie mich mit vier Stricken 
auf die Bank gebunden, dass es mir vorkam, ich hätte 
bereits meinen Hals und meine Füße verloren; aber sie 
erlangten sonst nichts, dem Herrn sei Lob und Preis. 
Als sie mich nun wieder von den Stricken befreiten, 
mussten mich ihrer zwei oder drei von der Bank he- 
ben und mich ankleiden; es wäre nicht möglich gewe- 
sen, ohne des Herrn Hilfe die Pein zu ertragen; auch 
sagten sie, ich sollte mich bedenken und ein gutes 
Kind der römischen Kirche werden; auch sollte ich 
alle, die ich wusste, verraten, oder sie wollten es mir 
noch besser machen; aber ich sagte hierauf, ich hät- 
te nicht geirrt und wollte lieber sterben, als meinen 
Glauben verleugnen. Sie entgegneten darauf, sie woll- 
ten bald wiederkommen, aber sie konnten nicht mehr 
tun, als ihnen der Herr zuließ. Dem Herrn sei ewig 
Lob, der uns hierzu tüchtig gemacht hat. Er wolle uns 
ferner zubereiten, damit wir Kinder seines Reiches 
werden, Amen. Mein geliebtes Weib, ich befehle dich 
dem Herrn und dem Worte seiner Gnade. 


Ein Brief von Hieronymus Segerß an den großen 
Henrich, welcher auch daselbst gefangen lag, im 
Jahre 1551 geschrieben. 

Die Gnade und der Friede von Gott dem Vater, und 
die große Barmherzigkeit und Liebe des Sohnes, unse- 
res Herrn Jesu Christi, der vom Vater aus Gnaden und 
zum Heile allen denen gesandt ist, die ihren Sünden 
abgestorben und also mit Christo in einem neuen Le- 
ben auferstanden sind, und die ewige unergründliche 
Freude, Trost und Gemeinschaft des Heiligen Geistes 
starke dein Herz, deinen Verstand und deine Sinne 
in Christo Jesu. Demselben sei Preis von Ewigkeit zu 
Ewigkeit, Amen. 

Ich wünsche dir, mein lieber Bruder im Herrn, Hen- 
rich, den ich aus meines Herzens Grunde, um der 
Stärke unsers Glaubens willen in Christo Jesu liebe, 
den rechten bußfertigen Glauben, welcher durch die 
Liebe wirksam ist, den du hast, und ein festes, be- 
ständiges Gemüt und Standhaftigkeit bis ans Ende in 
diesem kräftigen, seligmachenden Glauben. Ich bin 
über deine Standhaftigkeit sehr erfreut, weil du wie- 
der so wohlgemut und zufrieden bist, dem Herrn sei 
ewiger Preis; ich bitte auch den Herrn für dich Tag 
und Nacht, dass Er dich mit seinem göttlichen Worte 
stärken und dich im Glauben befestigen, auch dich 
in der Löwengrube bewahren wolle, wie Er Daniel 
bewahrt hat, und dass Er dich mit seinem starken Ar- 
me behüten und dir das neue Jerusalem zum Erbteile 
geben wolle, was Er auch tun wird; denn Er ist treu, 
der es verheißen hat. 

Darum, mein lieber Bruder in dem Herrn, laß uns 
wider alle reißenden Tiere tapfer streiten, denn das 
Leben ist uns zubereitet, und laß uns vor ihrem Dro- 
hen nicht furchtsam sein, noch ihrer Pein erschrecken, 
denn ohne den Willen des Vaters können sie nichts 
tun. Der Herr wird uns nicht über unser Vermögen 
versucht werden lassen. Der Herr ist unser Haupt- 
mann, vor wem sollten wir uns fürchten? Der Herr ist 
mit uns, wer mag wider uns sein? Er wird uns bewah- 
ren wie seinen Augapfel, wie seine Söhne und Töchter, 
denn niemand wird seine Schafe aus seiner Hand rei- 
ßen; es ist ja unmöglich, dass die Auserwählten Gottes 
sollten verführt werden können. 

Darum siehe, mein lieber Bruder in dem Herrn, sei 
unverzagt, wenngleich sie hässlich über dich grun- 
zen und murren, sie können dir sonst nichts tun. Laß 
uns wider alle Drachen und Löwen tapfer streiten, 
ergreife den Harnisch Gottes und das Schwert des 
Geistes und widerstehe ihnen getrost und unverzagt, 
und scheue niemanden; sie werden sich bald auf die 
Flucht begeben, denn das Schwert, welches uns der 
Herr gegeben hat, ist ihnen zu scharf; so ist auch der 



162 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Herr für uns im Streite, wer sollte wohl vor Ihm ste- 
hen können? Denn unser Gott ist ein verzehrendes 
Feuer, welches seine Feinde verzehrt. Darum bitte ich 
dich mein Bruder, laß es dich nicht verdrießen, dass 
sie dich hier in dieser Löwengrube so lange sitzen 
lassen, denn damit prüft uns der Herr, weil Er seine 
Auserwählten wie das Gold im Ofen prüft. Darum sei 
doch in deiner Trübsal geduldig, denn wo kein Streit 
ist, da ist auch kein Sieg; sollen wir nun überwinden, 
so müssen wir streiten; wer aber überwindet, wird al- 
les besitzen. Darum laß uns das Kreuz mit Demut und 
Geduld auf uns nehmen und auf unsere Verheißung 
warten, gleichwie ein Ackermann auf seine Früchte 
wartet. Laß uns den Herrn vor Augen haben und Ihm 
bis in den Tod getreu sein, denn hier werden wir ein 
wenig gestäupt, aber viel Gutes wird uns widerfah- 
ren; er wird uns auf seinen Thron setzen und uns mit 
dem verborgenen Himmelsbrote speisen, und uns zu 
Pfeilern in dem Tempel seines Gottes machen. Hier- 
mit sei dem Herrn anbefohlen und dem Worte seiner 
Gnade; Er wolle dich in seiner Gerechtigkeit bis ans 
Ende stärken. 

Ferner berichte ich dir, dass du (wie mir gesagt wor- 
den ist) gehört haben solltest, ich hätte den Herrn 
verlassen, denn solches ist nicht wahr, wird auch in 
Ewigkeit nicht wahr werden, aber solches haben sie 
gesagt, um dich wieder abzuziehen und zu betrü- 
ben, und haben über mich gelogen, denn ich habe in 
meinem Glauben sonst nichts bekannt, als was sich 
gebührte, und bin jetzt noch ebenso getrost, als ich 
war, als ich bei dir lag, dem Herrn sei Lob, habe mich 
auch niemals bewegen lassen, denn ich wollte lieber 
alle Tage zehnmal gepeinigt und zuletzt auf einem 
Roste gebraten werden, als meinen Glauben, den ich 
bekannt habe, verleugnen. 

Darum glaube ihnen nicht, wenn sie dir sagen, dass 
ich abgefallen sei, weil solches der Teufel tut, um dich 
damit zu verführen und zu betrügen, denn durch 
Gottes Gnade werde ich den Herrn nimmermehr ver- 
lassen; aber ich bin lange körperlich krank gewesen, 
wiewohl mein Geist um desto stärker gewesen ist. Ich 
habe den Herrn gebeten. Er solle mir mehr Leiden 
zusenden, wenn es mir ersprießlich sein würde, und 
Er stärkt und tröstet mich noch immer mehr, wofür 
ich Ihm nicht genug danken kann. Hiermit sei dem 
Herrn befohlen. Wenn du laut singst, so höre ich dich 
wohl. Ich danke dem Herrn, dass Er mir noch so viel 
Kraft gibt, dass ich singen hören kann. 


Dies ist der letzte Brief, den Hieronymus an sein 

Weib, in der Nacht, als er zum Tode verurteilt 
worden war, geschrieben hat; er ist im Jahre 1551, 
den 2. September, getötet worden. 

Gnade und Friede von Gott dem Vater, die unergründ- 
liche Barmherzigkeit des Sohnes, unsers Herrn Jesu 
Christi und die Gütigkeit und Gemeinschaft des Hei- 
ligen Geistes in deinen Banden, Trübsal, Leiden und 
Drang in deiner Arbeit und zum Tröste in deinem 
Glauben und Liebe. Demselben sei Preis von Ewigkeit 
zu Ewigkeit, Amen. 

Mein herzlich geliebtes, auserwähltes Weib in dem 
Herrn! Ich wünsche dir den rechten, wahren, buß- 
fertigen Glauben, der durch die Liebe tätig ist, auch 
ein recht festes unbewegliches und standhaftes Ge- 
müt in meinem und deinem allerheiligsten Glauben. 
Ferner wünsche ich dir den gekreuzigten Christum 
zum Bräutigam, der dich zur Tochter, Braut und Kö- 
nigin erwählt hat; diesem Könige des Allerhöchsten, 
dem ewigen Vater und eifersüchtigen liebhabenden 
Gott, habe ich dich anbefohlen, meine Geliebte in dem 
Herrn, dass Er nun dein Tröster und Bräutigam sein 
wolle, weil Er mich zuerst gerufen und abgefordert 
hat, womit ich auch wohl zufrieden bin, weil ich er- 
kannt habe, dass es des Herrn Wille sei; dem Herrn 
sei ewig Lob und Preis für seine große Kraft, die Er 
an uns erwiesen hat. Darum, meine Liebste in dem 
Herrn, mache dir hierüber keinen Kummer oder Be- 
trübnis, weil Er mich zuerst abgefordert hat; dies hat 
Er uns zum Besten getan, damit ich dir ein Vorbild 
sein möge und du mir tapfer nachfolgen könnest, wie 
ich, durch Gottes Gnade, dir vorangehen werde, der 
uns würdig gemacht hat, dass wir um seines Namens 
willen leiden sollen. Ach, mein liebes Schaf, ich bitte 
dich demütig, du wollest den Papisten oder anderen 
Menschen kein Gehör geben, sondern folge deinem 
Bräutigam, deinem unbeweglichen Bräutigam stand- 
haft nach, folge Seinen Fußstapfen nach und fürch- 
te dich nicht vor ihren Bedrohungen, erschreck auch 
nicht vor ihrer Peinigung, denn mehr können sie nicht 
tun, als ihnen der Herr zulässt, denn sie können kein 
Haar von deinem Haupte kränken ohne den Willen 
des Vaters, der im Himmel ist. Darum fürchte dich 
nicht, sondern sei beständig und standhaft in der Leh- 
re Christi und bei der rechten Wahrheit, denn der Herr 
wird dich nicht verlassen, sondern wie seinen Augap- 
fel bewahren, ja wie seine Tochter und sein Kind, denn 
es ist unmöglich, dass die Auserwählten Gottes soll- 
ten verführt werden können, indem seine Schafe seine 
Stimme hören und ihm nachfolgen, aber der fremden 
Stimme gehorchen sie nicht; darum wird sie auch nie- 
mand aus seiner Hand reißen, denn Er ist ihr Hirte 



163 


und Beschützer. Deshalb, mein auserwähltes Schaf, 
streite tapfer um des Herrn Ehre willen, gleichwie Er 
auch so tapfer um unserer Seelen Heil gestritten hat. 

Sei daher wohlgemut, wenn du auch noch eine Zeit- 
lang in dieser Löwengrube liegen musst. Deine Erlö- 
sung ist vor der Tür und verzieht nicht zu kommen, 
sondern sie kommt. Wenn nun derjenige kommt, der 
mit Kraft kommen soll, so wird Er dich als seine Braut 
und Königin aufnehmen, denn es gefällt Ihm wohl. 
Seine Auserwählten bei sich zu haben und Er hat ein 
Wohlgefallen, sie anzuschauen; deshalb ist auch der 
Tag des Herrn nahe vor der Türe. 

Darum, mein liebes Weib in dem Herrn, streite auch 
so tapfer und scheue dich vor keinem Menschen, son- 
dern sage lieber mit Susanna, du wollest lieber in der 
Menschen als in Gottes Hände fallen, denn schreck- 
lich ist es, in die Hände des lebendigen Gottes zu 
fallen. So gehe denn dem Herrn mit brünstiger Liebe 
entgegen, wie du bisher durch des Herrn Gnade, die 
in dir wirksam ist, getan hast, und streite tapfer, denn 
die Krone des Lebens ist dir bereitet, indem den Über- 
windern alles verheißen und zugesagt ist; sie werden 
auch alles besitzen, denn Christus sagt: Selig seid ihr, 
wenn alle Menschen übel von euch reden, denn es 
wird euch im Himmel wohl belohnt werden; ferner 
sagt er: Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen 
Verfolgung leiden, denn das Himmelreich ist ihr; auch 
sagt der Herr, dass, wenn sie uns vor Herren und Fürs- 
ten geführt, gepeinigt und getötet haben werden, so 
werden sie noch meinen, sie hätten Ihm einen Dienst 
damit getan haben. Darum setze dein Vertrauen fest 
auf Christum, so wird dich der Herr nicht verlassen, 
denn die Krone des Lebens ist dir zubereitet. Hiermit 
will ich dich dem Herrn und dem Wort seiner Gnade 
anbefehlen und will meinen Abschied hier in dieser 
Welt von dir nehmen, denn ich glaube nicht, dass ich 
dein Angesicht mehr sehen werde, hoffe dich aber in 
kurzer Zeit unter dem Altäre Christi wiederzusehen. 

Darum, mein geliebtes Eheweib in dem Herrn, 
wenn uns schon die Welt für Lügner hält und uns 
dem Leibe nach voneinander scheidet, so wird uns 
doch der barmherzige Vater in kurzer Zeit unter sei- 
nem Altäre wieder zusammenbringen, sowie auch 
unsem Bruder, denn ich zweifle nicht an ihm, son- 
dern habe ein festes Vertrauen zu ihm; ich habe uns 
drei in seine Hände befohlen, dass Er an uns seinen 
göttlichen Willen also erfüllen wolle, wie sein Name 
am meisten dadurch gepriesen und Ihm Dank abge- 
stattet werden möchte, zur Seligkeit unserer Seelen 
und zum Tröste und zur Stärkung aller derer, die den 
Herrn fürchten. Seinem Namen dienen und denselben 
lieben, was Er auch tun wird, wie ich nicht bezweifle, 
denn Er verlässt die Seinen nicht, die auf Ihn trauen. 


Darum gehe ich auch dahin mit einem fröhlichen Ge- 
müte mein Opfer zu tun zum Preise des Herrn. Hätte 
ich noch einmal zu dir kommen können, ich hätte es 
getan; aber Joachim wollte nicht, wiewohl uns Chris- 
tus in kurzer Zeit unter seinem Altäre wieder zusam- 
menbringen wird, was die Menschen nicht werden 
verhindern können. Hiermit sage ich gute Nacht, bis 
wir unter dem Altäre wieder Zusammenkommen. Sei 
dem Herrn anbefohlen. Der große Henrich lässt dich 
sehr grüßen im Herrn. Siehe, mein liebes Weib in dem 
Herrn, nun ist die Stunde gekommen, dass wir von- 
einander scheiden müssen; ich gehe nun mit großer 
Freude und getrost voran zu meinem himmlischen 
Vater, und bitte dich demütigst, du wollest um des- 
willen nicht betrübt sein, sondern dich mit mir freuen. 
Ich war zum Teil betrübt, dass ich dich unter diesen 
Wölfen lasse, aber ich habe dich mit der Frucht dem 
Herrn anbefohlen, und weiß gewiss, dass Er dich bis 
ans Ende bewahren wird, womit ich mich zufrieden 
gebe. Halte dich tapfer in dem Herrn. 

Hier folgt nun, wie Lysken, Hieronymus Eheweib, 
tapfer gestritten, und vor allen Menschen ihren 
Glaubensgrund bekannt habe, auch bis ans Ende 
standhaft geblieben sei, bis man sie des Nachts in 
einen Sack gesteckt und in die Schelde geworfen 
und also ihren Glauben mit ihrem Tode versiegelt 
hat. 

Lysken, unsere Schwester, welche lange in Banden ge- 
legen, hat die Zeit ihrer Wanderschaft vollendet und 
ist, der Herr sei ewiglich gepriesen, in des Herrn Wort 
bis ans Ende unbeweglich und standhaft geblieben; 
sie hat auch ihren Glauben ohne Scheu und Heuchelei 
im Gerichte vor der Obrigkeit und dem gemeinen Vol- 
ke bekannt. Zuerst haben sie dieselbe wegen der Taufe 
gefragt, worauf sie sagte: Ich erkenne nicht mehr als 
eine Taufe, welcher sich Christus und seine Heiligen 
bedient und uns hinterlassen haben. Was hältst du, 
fragte der Schultheiß, von der Kindertaufe? Worauf 
Lysken antwortete: Für nichts anderes als für eine 
Kindertaufe und Menschensatzung. Da standen die 
Herren auf und steckten die Köpfe zusammen, wäh- 
rend welcher Zeit Lysken ihren Glaubensgrund vor 
dem Volke klar bekannt und an den Tag gelegt hat; 
darum haben sie das Urteil gegen sie ergehen lassen. 
Sodann hat Lysken also zu den Herren gesprochen: 
Ihr seid nun Richter, aber die Zeit wird kommen, dass 
ihr wünschen werdet, Schafhirten gewesen zu sein, 
denn es ist ein Richter und Herr, welcher über alle ist, 
der wird euch auch zu seiner Zeit richten; aber wir 
haben nicht mit Fleisch und Blut zu streiten, sondern 
wider die Fürsten, Gewaltigen und Herren dieser Welt. 



164 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Darum sprachen die Herren: Führet sie hinweg vom 
Gerichte. 

Hierauf ist das Volk in großer Menge herbeigelau- 
fen, um sie zu sehen; aber Lysken hat freimütig zum 
Volke gesprochen: Wisset, dass ich nicht um Dieb- 
stahls, Mordes oder sonstiger Missetat, sondern allein 
um des unvergänglichen Wortes Gottes willen leide. 
Als sie zur Bergkirche kamen, hat sie gesagt: O du 
Mordgrube! Wie manche Seele wird in dir ermordet! 
Als sie zwischen den Dienern, welche sie übrigens 
nicht führten, vorwärtsging, so haben die Diener zu 
dem Volke gesagt: Stehet auf und machet Platz. Da 
hat Lysken gesagt: Sie hindern mich nicht, sie mögen 
mich wohl sehen und an mir einen Spiegel nehmen, 
die das Wort des Herrn lieben; unter diesem Gesprä- 
che ist sie wieder ins Gefängnis zurückgeführt. 

Hierdurch ist das gemeine Volk sehr bewegt wor- 
den; die Freunde aber sind fröhlich und guten Mu- 
tes gewesen, weshalb am Nachmittage einige unserer 
Freunde in Begleitung einer großen Volksmenge auf 
den Stein zu ihr gegangen sind, um mit ihr zu reden; 
hier haben die Freunde ein wenig mit ihr gesprochen 
und gesagt: Es ist gut, dass du allein um des Wohltuns 
und in nicht um Böses willen leidest, aber um des an- 
dern Volks willen, das auf dem Stein ist, musste sie 
sich ihrer entziehen. Auch hat Lysken freimütig und 
tapfer zum Volke geredet und ein schönes Liedlein ge- 
sungen, worüber sich das Volk sehr verwunderte; des- 
gleichen sind zwei Mönche dahin gekommen, um sie 
noch einmal zu versuchen, und haben sich (mit ihr) zu 
dreien in eine Kammer eingeschlossen; Lysken aber 
wollte ihnen kein Gehör geben. Als nun bei dieser 
Gelegenheit die Kammertür geöffnet wurde und viel 
Volk davor stand, sprach Lysken (welche eben in der 
Türe stand) zu den Mönchen: Gehet eures Weges, bis 
man euch rufet, denn ich will euch kein Gehör geben; 
wäre ich mit eurem Sauerteige zufrieden gewesen, 
ich wäre nicht hierzu gekommen; hierauf wurden sie 
abermals zu dreien in die Kammer geschlossen, und 
also sind die irrenden Geister oder Sterne mit ihrem 
falschen und tödlichen Gifte gekommen, aber Lysken 
war (Gott Lob) unerschrocken und wohlgemut, hat 
auch in der Mönche Gegenwart ein Liedlein zu singen 
angefangen. Hierauf hat einer von den Freunden, wel- 
cher daselbst war, gesagt: Schwester, streite tapfer; als 
sie aber solches hörten, sind sie sehr zornig geworden 
und haben gesagt: Hier ist noch einer von ihrem Vol- 
ke, der ihr Gemüt stärket, und deshalb mehr verdient 
verbrannt zu werden, als sie selbst; sodann sind sie 
aber im Zorne weggegangen, denn ihre Stimme war 
fremd und sie wurden nicht angehört. Hierauf wurde 
Lysken allein in eine Kammer eingeschlossen, welche 
an der Straße lag, wo sie zu sitzen pflegte und nie- 


mand zu ihr kommen konnte, als derjenige, der den 
Schlüssel hatte. Als nun die Mönche auf die Straße 
kamen, um fortzugehen, haben sie einige Freunde, 
welche ihnen begegneten, gefragt: Will sie sich denn 
nicht bekehren? Hierauf antworteten sie: Nein, denn 
es war daselbst einer von ihrem Volke, welchen sie 
lieber hörte. Als es nun gegen den Abend ging, fügte 
es der Herr, dass einer von den Freunden an den Ort 
kam, da Lysken saß, und vieles mit ihr redete, dass 
es auch das Volk auf der Straße hörte, und jedermann 
sich nach dem Orte umsah, wo der Freund war, so 
dass einige, die bei ihm waren, ängstlich wurden, und 
ihn abgehen hießen; er aber sagte: Ich muss zuerst 
von ihr Abschied nehmen; dann sagte er zu der Ge- 
fangenen: Stehe auf, Schwester, und laß dich sehen 
und schaue zum Fenster hinaus; solches hat sie sofort 
getan, und als sie nach dem Volke, das auf der Straße 
stand, hinaussah, sind auch einige Freunde unter dem- 
selben gewesen, welche ihr zugerufen haben: Liebe 
Schwester, streite tapfer, denn dir ist die Krone des Le- 
bens vorgelegt. Da sagte sie zum Volke: Trunkenbolde, 
Hurer und Ehebrecher werden alle geduldet, sie lesen 
in der Schrift und reden von derselben; aber die nach 
Gottes Willen leben und wandeln, müssen geängstigt, 
unterdrückt, verfolgt und getötet werden. Auch hat 
sie nachher zu singen angefangen: Siehe doch, sind 
wir nicht arme Schafe. Unter dem Singen aber (als das 
Liedchen noch nicht geendigt war) kamen die Her- 
ren mit den Dienern auf den Stein; da sagten einige 
Freunde: Lysken, singe ohne Scheu bis ans Ende; ehe 
sie aber das Lied geendigt hatte, zogen sie jene vom 
Fenster, und es fing an Abend zu werden, sodass man 
sie nicht mehr sah. Am Samstag früh aber sind wir 
aufgestanden, einige vor Tag, andere mit dem anbre- 
chenden Tage, um diese Hochzeit zu sehen, wovon 
sie meinten, dass sie nun geschehen würde; aber die 
bösen Mörder sind uns zuvor gekommen; wir hatten 
zu lange geschlafen; sie hatten bereits zwischen drei 
und vier Uhr ihre Mordtat vollbracht. Sie sind näm- 
lich mit dem Schäflein nach der Schelde gegangen, wo 
sie dieselbe in einen Sack gesteckt und, ehe das Volk 
ankam, ertränkt haben, so dass nur einige Menschen 
zugesehen haben, doch haben es einige gesehen, dass 
sie getrost zum Tode gegangen ist und herzhaft gesagt 
hat: Vater in deine Hände befehle ich meinen Geist. 
Auf solche Weise ist sie zu des Herrn Preise überant- 
wortet worden und abgeschieden, so dass viel Volk 
durch Gottes Gnade dadurch bewegt worden ist. Als 
mm das Volk ankam und vernahm, dass sie schon tot 
wäre, ist ein großer Aufruhr unter demselben entstan- 
den, denn das Volk bejammerte solches so sehr, als 
ob sie öffentlich umgebracht worden wäre, und sagte 
auch: Diebe und Mörder bringt man öffentlich vor alle 



165 


Menschen; und also ist dadurch ihre Falschheit desto 
mehr ausgebreitet worden. Darum fragten einige ein- 
fältigen Leute: Warum muss dieses Volk sterben, denn 
viele geben ihnen ein gutes Zeugnis; einige von den 
Freunden, die gegenwärtig waren, sagten öffentlich 
zum Volke: Die Ursache ist, weil sie Gottes Geboten 
mehr gehorchen, als des Kaisers oder der Menschen 
Gebote, und weil sie sich von Herzen zu dem Herrn, 
ihrem Gott, von den Lügen zur Wahrheit, von der 
Finsternis zum Lichte, von der Ungerechtigkeit zur 
Gerechtigkeit, vom Unglauben zum rechten Glauben 
bekehrt haben, weil sie ferner ihr Leben gebessert 
und sich, nachdem sie recht gläubig geworden wa- 
ren, nach Christi Befehle und dem Gebrauche seiner 
Apostel haben taufen lassen; sie haben auch ferner 
das Volk aus dem Worte Gottes unterrichtet, dass die 
Papisten diejenigen seien, von welchen der Apostel 
Paulus geweissagt hat, dass sie verführerische Geister 
seien, welche die Lehre der Teufel lehren; auch wie 
die Gerechten von Anfang her, von Abels Zeiten bis 
nun, haben leiden müssen, gleichwie auch Christus 
hat leiden und also zu seines Vaters Herrlichkeit ein- 
gehen müssen, und uns ein Beispiel hinterlassen hat, 
dass wir seinen Fußstapfen nachfolgen sollen, denn 
alle, die in Christo Jesu gottselig leben wollen, müssen 
Verfolgung leiden. 

Peter Bruinen, Jan Plennis und Jahn, der alte 
Kleiderkäufer, mit noch einem Bruder, sind alle 
den 2. Oktober im Jahre 1551 zu Antwerpen getötet 
worden. 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater 
und dem Herrn Jesu Christo. Gelobt sei der Gott der 
Barmherzigkeit, der uns durch sein göttliches Wort zu 
einer lebendigen Hoffnung wiedergeboren hat, wel- 
che uns im Himmel Vorbehalten ist, die wir durch 
die Kraft Gottes in dem Glauben bewahrt und um 
des Reiches Gottes willen bewährt werden, um wel- 
ches willen wir leiden, wofür dem Herrn gedankt 
sei, weil er uns hierzu ersehen hat, zum Erbteile sei- 
ner Heiligen in seinem Lichte. Darum, liebe Brüder, 
seid getrost und unverzagt, wandelt in einem starken, 
unveränderlichen Glauben vor Gott und seiner Ge- 
meinde, und setzt euch fest vor, von dem Herrn nicht 
abzufallen, noch euch von seiner Liebe, um Trübsal 
oder Leidens willen, zu scheiden, dann wird er euch 
in eurer Verlassenschaft, wenn ihr aller menschlichen 
Hilfe und Trostes beraubt sein werdet, beistehen und 
euch trösten, denn er kommt demjenigen zu Hilfe, 
der von sich selbst ausgeht, und sich verleugnet, in- 
dem er allein in dem Herzen der Menschen wohnt 
und wohnen will; er will auch nicht, dass wir außer 


Ihm jemandem dienen sollen. Darum gründet und 
erbauet euch in Ihm, und lasset die Liebe untereinan- 
der wachsen, worin einer durch den andern erhalten 
wird, und befleißigt euch mit einem fröhlichen Ge- 
müte, dass ein jeder in der Tugend der Vornehmste 
sei. Gebt nicht Achtung auf der Trägen und Unachtsa- 
men Wandel, nämlich derjenigen, die bei ihres Lebens 
Gemächlichkeit und Kleiderpracht, oder bei äußerli- 
chen Dingen sich Christen nennen lassen, und folgt 
ihrer Weise nicht nach, sondern merkt auf diejenigen, 
deren Leben und Glaubensbekenntnis mit der Leh- 
re Jesu übereinkommt, damit ihr nicht in der Höhe 
oder Tiefe, Breite oder Länge zu weit fahrt; denn viele 
verlaufen sich hierin, dass einer auf den andern sieht, 
wodurch sie erkalten. 

Deshalb, meine lieben Brüder, seid ihr mit Christo 
auferstanden, so suchet, was droben ist, auf dass euer 
Gemüt auf das Unvergängliche gerichtet sei; lasst eu- 
re Hoffnung auf das Unsichtbare gerichtet sein und 
seid darinnen geduldig, denn Geduld ist nötig, wenn 
wir anders die Verheißung empfangen wollen. Stär- 
ket eure Herzen, denn des Herrn Zukunft ist nahe; 
ziehet den alten Menschen aus, und den neuen an, 
verleugnet das ungöttliche Wesen und die weltlichen 
Lüste; verändert euch durch die Erneuerung eures 
Sinnes; wollt ihr der Auferstehung Christi teilhaftig 
werden, so wisset, dass ihr zuvor den alten Menschen 
gekreuzigt haben müsst, auf dass der sündhafte Leib 
aufhöre. Werdet nicht müde Gutes zu tun, denn eure 
Arbeit wird nicht vergeblich sein, indem ihr Christi 
teilhaftig geworden seid, wenn ihr anders den Anfang 
seines Wesens bis ans Ende bewahrt, darum lasst euch 
durch kein Ding bewegen, fürchtet auch nicht ein 
Menschenkind, welches wie das Heu vergeht, denn 
ohne Gottes Zulassung können sie euch nichts tun. O 
fürchtet aber Gott denn das ist vollkommene Weisheit; 
demütigt euch vor ihm, denn von den Niedrigen wird 
die große Herrlichkeit geehrt; vergleicht euch allezeit 
mit den Demütigen, so werdet ihr in Gottes Augen 
groß sein; lasst euch selbst nicht dünken, als ob ihr et- 
was wüsstet, oder etwas wäret, damit ihr euch selbst 
nicht betrügt; gehet allezeit von euch selbst aus und 
achtet es nicht, wer euch etwas Ungöttliches oder Lei- 
den zufügt, wenn man euch schon unrecht tut; denn 
das ist Gnade bei Gott, wenn man um des Gewissens 
willen Trübsal erduldet und unschuldig leidet. Dar- 
um seid mm geduldig in eurer Trübsal, und teilhaftig 
des Leidens Christi, damit ihr die Verheißung erer- 
ben mögt, denn hier ist die Zeit, worin man Schmach 
leidet, gegen die ewige Freude nur kurz. Und die- 
ses Leiden, welches zeitlich und leicht ist, wirkt eine 
ewige und über die Maßen große Herrlichkeit; denn 
wenn wir auch ein armes Leben haben, so wird uns 



166 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


doch viel Gutes vergolten werden, und obgleich jetzt 
der Tod über uns herrscht, so wird doch ein Ostwind 
vom Herrn kommen, der seine Plage wieder trocknet, 
denn es wird gesät in Unehre, und wird auferstehen 
in Kraft, es wird gesät ein natürlicher Leib, und wird 
auferstehen ein geistiger. Wenn wir nun den Bau, der 
von Gott erbauet ist, erlangen wollen, so muss das 
Haus dieser Hütte zerbrochen werden. Darum dürfen 
wir diejenigen nicht fürchten, die den Leib töten, denn 
sie können der Seele nicht schaden; denn für alles, des- 
sen sie uns berauben, wird uns Gott wieder reichlich 
belohnen; nachher können sie nichts mehr ausrich- 
ten. Darum umgürtet die Lenden eures Gemütes, seid 
nüchtern, wachet im Gebete, und sagt Gott dem Vater 
allezeit Dank, durch unfern Herrn Jesum Christum 
für seine reiche Gnade, und weil Er uns seinen Willen 
bekannt gemacht, und den Geruch seiner Erkenntnis 
offenbart, auch uns die herrlichsten und allerteuers- 
ten Verheißungen gegeben hat, die wir zuvor durch 
die Vernunft in bösen Werken und von dem Leben 
entfremdet waren, das aus Gott kommt, dessen wir 
keine Hoffnung hatten in den Verheißungen; als aber 
die Freundlichkeit Gottes uns erschienen, nicht um 
der Werke willen, die wir getan haben, sondern durch 
seine Gnade macht Er uns selig durch das Bad der 
Wiedergeburt und die Erneuerung des Heiligen Geis- 
tes, durch welchen wir bis auf die Zeit der Erlösung 
versiegelt sind, dieser ist das Pfand des zukünftigen 
Erbteils, welcher uns auch versichert und uns Zeug- 
nis gibt, dass wir Gottes Kinder sind, und uns allerlei 
lehrt; derselbe ist uns von Gott zur Weisheit, zur Ge- 
rechtigkeit, zur Heiligung und zur Erlösung gegeben. 
Gott der Vater, welcher allein Unsterblichkeit hat, und 
dem allein Kraft und Macht, Lob und Preis zukommt, 
sei Ehre und Dank durch Christum, unsern Herrn, 
durch seine unaussprechliche Gnade von nun an bis 
in Ewigkeit. 

Wie es um uns steht, dafür sei der Herr gelobt, wel- 
chem wir nicht genug für die Freude danken können, 
dass Er uns würdig erkannt hat, um seines Namens 
willen zu leiden, und die Freude, die Er uns dane- 
ben in unserer Gefangenschaft zubereitet hat, denn 
Er ist getreu und verschafft den seinen in den Versu- 
chungen ein Auskommen; auch lässt Er die Seinen die 
Ihm vertrauen, nicht zu Schanden werden. Die Gnade 
des Herrn sei mit euch. Grüßet euch untereinander 
mit dem heiligen Kusse. Jan Pleun und ich grüßen 
euch auch sehr. Hiermit seid Gott und dem Worte sei- 
ner Gnade befohlen. Geschrieben von mir, Peter von 
Weert, als ich zu dritt im Gefängnis saß. 


Hierauf folgt des Peter zweiter Brief, worin er 
Abschied nimmt. 

Hiermit befehlen wir euch dem Herrn, alle ihre lieben 
Brüder und wünschen euch, dass ihr euren Lauf zu 
des Herrn Preise vollenden möget, damit ihr die Kro- 
ne erlangen, bis ans Ende standhaft bleiben und die 
Seligkeit erwerben möget, denn niemand erlangt den 
Preis, der nicht ritterlich streitet; darum lauft, damit 
ihr das Kleinod erlangt, streitet als Ritter des Herrn; 
nehmt euch fest vor, nicht zu sorgen, wie oder was ihr 
in der Stunde reden werdet, wenn ihr vor die Obrig- 
keit werdet gebracht werden, denn der Herr lässt die 
Seinen, die ihm vertrauen nicht zu Schanden werden, 
und wenn sie auch als Übeltäter dastehen, so verlässt 
er doch die Seinen nicht. Den Abend hindurch wäh- 
ret zwar das Weinen, aber des Morgens die Freude, 
und wenn Er schon um der Züchtigung willen eine 
Zeitlang zornig ist, so erhält Er uns doch durch seine 
Gnade im Leben; darum sind wir von Ihm nicht ver- 
lassen, obgleich wir mehr Widerwärtigkeiten haben, 
als die Welt. Meine Brüder, der Knecht ist nicht mehr 
als sein Herr oder Meister; gedenkt, dass Christus 
um unseretwillen arm geworden sei und obgleich Er 
reich und in Herrlichkeit war; dessen ungeachtet hat 
Er um unseretwillen Schmach erlitten und angenom- 
men, damit wir durch seine Armut reich und durch 
seine Schmach Miterben seiner Verheißungen würden. 
Darum lasst uns mit Ihm zum Lager hinausgehen 
und seine Schmach tragen helfen; lasst uns nach dem 
zukünftigen Gute uns sehnen; wandelt nicht in der 
Finsternis, noch beladet euch mit Essen oder Trinken; 
verwickelt euch nicht in Nahrungshändel oder Sor- 
gen; wandelt als Kinder des Lichtes; seid immer fertig 
als solche, die allezeit auf ihren Herrn warten, denn 
Er wird kommen wie ein Dieb in der Macht; rüstet 
euch, nehmt den Stab in die Hand, umgürtet eure Len- 
den, wandert nach dem Lande der Verheißung, ihr 
werdet es einnehmen, wenn ihr anders nicht in Un- 
glauben fallt; es ist lustig und schön, wir haben es von 
fern gesehen, wofür wir dem Herrn danken und Ihn 
preisen. Darum ist meine Bitte an euch, dass ihr die 
Wahrheit liebt, dass ihr mir dem Herrn, danken helft, 
denn ich habe auch dem Herrn einmal ein Gelübde 
getan, dass ich Ihm alle Tage meines Lebens leben 
wollte; solches hat Er mir halten helfen; darum preise 
ich Ihn, und habe auch solches oft mit ausgestreckten 
Armen inbrünstig getan. Ich schreibe solches darum, 
dass ihr nicht vergeßt, dem Herrn zu danken und Ihn 
zu loben, denn Er ist mehr als all unser Leben; ihr 
könnt Ihn auch nicht so groß machen, oder Er ist noch 
wunderbarer. Bleibt in seinen Worten und haltet sei- 
ne Gebote; habt euch untereinander von Herzen lieb. 



167 


Auch preisen wir Ihn darum, weil Er seine Zusage 
treulich hält, indem Er uns freudig macht, wovon ich, 
liebe Brüder, nicht genug zu schreiben weiß; denn bei 
unserer Gefangennahme waren wir freudig und ohne 
Furcht, gleichwie auch vor den Herren; ebenso waren 
wir auch auf der Brücke und in unserem Gefängnisse 
voller Freude; hoffen auch ferner, dass uns Gott bis 
ans Ende Mut verleihen werde. Darum, liebe Brüder, 
erschreckt nicht, wenn man uns auch mehr als einen 
Tod antun würde, denn man kann in einer Viertelstun- 
de viel tun; unser Leiden ist doch weit entfernt von 
der höllischen Pein, und auch mit der zukünftigen 
Freude nicht zu vergleichen. 

Wenn wir diese Angst überstanden haben, und die- 
se Enge durchwandelt sind, werden wir zur Freude 
und in den weiten Raum gelangen; dann wird man al- 
le Tränen von uns abwischen; wir werden nicht mehr 
weinen oder schreien, sondern von einer Freude zur 
andern gehen. Ach, meine Brüder, trachtet darnach, 
zu seiner Freude einzugehen. Lebt fernerhin christlich, 
und macht, dass um euretwillen das Evangelium nicht 
gelästert werde. Seid allezeit sanftmütig und habt ein 
unbeflecktes Gewissen. In allem, was ihr tut, bedenkt 
das Ende, dann werdet ihr nimmer Übels tun; ver- 
gesst auch nicht des ersten Ernstes in der geistlichen 
Bekehrung des christlichen Lebens, damit ihr nicht, 
indem ihr meint, vollkommene Christen zu sein, noch 
selbst der Besserung des Lebens nötig habt. Seid Gott 
befohlen und dem Worte seiner Gnade. Wir, Jan, Pleun 
und Peter grüßen euch im Herrn. Bittet den Herrn für 
uns, dass wir unsern Lauf zu seiner Verherrlichung 
vollenden mögen. Wir bitten auch für euch. 

Jans, des alten Kleiderkäufers, Bekenntnis oder 
Verantwortung des Glaubens, als er zu Antwerpen, 
im Jahre 1551, in Gefangenschaft war. 

Frage: Was hältst du von der Kindertaufe? Antwort: 
Ich halte solches für nichts anderes als für eine Men- 
schensatzung. Frage: Womit willst du denn deine Tau- 
fe beweisen oder gutmachen? Antwort: Mit Mk 16. 
Frage: Was hältst du denn von den Sakramenten? 
Antwort: Ich weiß nichts von den Sakramenten der 
Menschen zu sagen, aber das Abendmahl, welches 
Christus mit seinen Aposteln gehalten hat, wird von 
mir hoch und würdig geachtet; ich denke, dass viele 
Menschen seien, die nicht wissen, was das Sakrament 
bedeute. Frage: Was hältst du von der römischen Kir- 
che? Antwort: Davon halte ich nichts; aber die christli- 
che Kirche, welche die Gemeinde Christi ist, halte ich 
hoch und wert. Fragt: Was hältst du von der Hostie, 
welche der Priester in seiner Hand hat? Glaubst du 
nicht, dass darin unser Herr mit Fleisch und Blut sei? 


Antwort: Nein, denn es steht geschrieben, Apg 1, dass 
Er wiederkommen werde, wie Er gen Himmel gefah- 
ren ist. Frage: Was hältst du von dem Papste? Antwort: 
Dass er der Antichrist sei. Frage: Was hältst du von der 
Messe, den Zeremonien und von der Beichte, welche 
man in der Kirche verrichtet? Antwort: Davon halte 
ich nichts; denn der Baum, der es hervorgebracht hat, 
ist zu nichts nütze. Frage: Wo bist du getauft? Ant- 
wort: Meine Herren, was fragt ihr mich doch, da ihr 
solches schon wisset? Frage des Schultheißen: Ich be- 
schwöre dich bei deiner Taufe, dass du uns sagest, wo 
du getauft seiest. Antwort: Ich halte meine Taufe für 
vollkommen und gut, aber dein Beschwören achte ich 
nicht. Hierauf haben sie mir die Vor- und Zunamen al- 
ler derjenigen, die mitgetauft worden sind, vorgelesen 
und gesagt: Assuerus hat es uns bekannt; worauf ich 
antwortete: Es ist wahr. Frage: Wer hat dich getauft? 
Antwort: Solches ist mir nicht erlaubt zu sagen. Frage: 
Wir wollen es dich wohl sagen machen. Antwort: Hier 
ist das Fleisch, tut damit nach eurem Wohlgefallen. 

Wilhelm Kistemacher wird in Cleve enthauptet, 

desgleichen wurde daselbst Wendel Ravens im 
Jahre 1551 getötet. 

Dieser Wilhelm Kistemacher hat in Weeß gewohnt, 
welches ein Dorf im Clevischen Gebiete ist, er war 
ein friedsamer und erbaulicher Mann, der zuvor um 
seines christlichen Glaubens willen sein Vaterland hat 
verlassen müssen; weil er sich aber der Welt nicht 
gleichstellen wollte, ist er von Weeß nach Cleve ge- 
fänglich gebracht worden, wo er ungefähr ein Jahr 
gefangen gelegen und zuletzt enthauptet worden ist; 
er hat einige Briefe im Gefängnis geschrieben. 

Als nun Wilhelm Kistemacher vom Rate zu Cleve 
verurteilt werden sollte, wollte einer der Ratsherrn, 
Namens Claes Meselaar, im Rate nicht beisitzen, um 
denselben zu verurteilen, sondern legte sich zu Bett 
und stellte sich krank; darum ist der Bürgermeister 
mit den sechs Ratsherren an sein Bett gekommen und 
hat um seine Stimme zu desselben Verurteilung an- 
gehalten; derselbe sagte aber: Er wollte solch einen 
frommen Mann nicht verurteilen, worauf der Bür- 
germeister entgegnete: Dadurch wirst du bei unserm 
gnädigen Fürsten und Herrn in große Ungnade fallen. 
Hierauf sagte Claes zu den Ratsherren: Ich will lieber 
in des Herzogs Wilhelm, als in des Höchsten Ungnade 
sein. Dann will ich es auf mich nehmen, sagte der Bür- 
germeister, welcher auch nachher die Strafe von des 
Herrn Hand empfunden hat, denn die Läuse quälten 
ihn, und er konnte eine Zeitlang seine Sprache nicht 
gebrauchen und ist in großem Elende gestorben. Aber 
dieser Claes Meselaar hat seine Ratsstelle niedergelegt 



168 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


und ist auch als ein Bruder der Gemeinde gestorben. 

Außer diesem ist noch ein Bruder zu Cleve, namens 
Wendel Ravens, getötet worden, welcher auch, gleich- 
wie die Vorhergehenden sein Leben mit dem Tode 
vertauscht, nachdem er seine Seele in die Hände Got- 
tes befohlen hat. 

Maria von Monjou, 1552. 

Gleichwie es nach dem Zeugnisse der göttlichen 
Schrift bekannt und offenbar ist, dass alle, die in Chri- 
sto Jesu gerecht und gottselig leben, von Anfang der 
Welt her haben leiden müssen, so ist diese Maria als ei- 
ne fromme, gottesfürchtige Frau, dieses Leidens auch 
teilhaftig geworden; denn als sie, nach dem Befehle 
der Schrift, sich auf den wahren Glauben, als ein Glied 
an dem Leibe Christi, taufen ließ, auch eine Zeitlang 
bei ihren Brüdern und bei allen Menschen einen er- 
baulichen Wandel geführt hatte, so ist sie durch den 
Neid des Drachen ruchbar geworden; darum hat der 
Amtmann von Monjou diese Frau abholen lassen und 
hat sie daselbst gefangen gesetzt, wo sie bis ins zweite 
Jahr gesessen und obgleich sie vieles zu leiden hatte, 
so hat sie solches mit Freuden ertragen; auch hat sie 
die Frommen stets ermahnt, dass sie doch in der Lie- 
be wandeln und sich fest an den Bund Christi halten 
sollten; sie ist selbst allezeit damit umgegangen, dass 
sie ihren Leib zum Opfer geben möchte, welches le- 
bendig, heilig und Gott wohlgefällig wäre, und dass 
sie zum geistigen Hause auferbaut werden möchte, 
welches inwendig mit dem Worte Gottes ausgeziert 
wäre. Die Obrigkeit hat sie drei Tage nacheinander 
versucht, aber nicht bewegen können, ihren Glauben 
zu verlassen, denn sie wollte bei Christo bleiben, in- 
dem, nach dem Zeugnisse der Schrift, niemand zu 
Schanden wird, der Gott von Herzen fürchtet. Der 
Amtmann fragte sie bittweise, ob sie in die Kirche 
gehen wollte, in diesem Falle wolle er sie in Freiheit 
setzen und ihr ein ganzes Jahr die Kost geben; sie aber 
hat ihm solches nicht zugestanden, sondern begehrt, 
bei Christo zu bleiben und ihr Leben für denselben 
zu lassen, worauf sie verurteilt worden ist, dass sie 
im Wasser ertränkt werden sollte. Als sie nun zum 
Wasser hinausging, sang sie mit fröhlichem Gemüte, 
weil dieser Tag erschienen wäre und sie diese Stunde 
erlebt hätte; sie ist in die Hände des Pilatus übergegan- 
gen, gleichwie ein Schäflein zur Schlachtbank geführt 
wird, und wie man auch, nach der Schrift Zeugnis, 
mit Christo umgegangen ist, sie werden euch töten 
und meinen, sie hätten Gott einen Dienst damit getan. 
Auf dem Wege hat Maria gesagt: Ich war eines Man- 
nes Braut, aber heute hoffe ich eine Braut Christi zu 
sein und mit Ihm sein Reich zu ererben. Als sie sich 


dem Wasser näherte, sagte einer von den Heuchlern: 
Ach, Maria, bekehre dich doch, oder es wird dir nicht 
wohl ergehen. Bei dem Wasser hielt man sie länger als 
zwei Stunden auf, in der Hoffnung, sie zu bewegen, 
die Wahrheit zu verlassen und ihnen nachzufolgen. 
Darauf sagte Maria: Ich bleibe bei meinem Gott; fahret 
doch darin fort, warum ihr hierher gekommen seid. 
Das Korn ist im Stroh, es muss gedroschen sein; also 
hat das Wort Gottes angefangen und das muss vollen- 
det sein; hiermit hat sie ihre Kleider ausgezogen; sich 
dazu willig übergeben und gesagt: O himmlischer Va- 
ter! In Deine Hände befehle ich meinen Geist; sodann 
ist sie im Wasser ertränkt worden und gestorben, hat 
auch zum Tröste aller Gläubigen, den Namen Gottes 
bezeugt und solches mit ihrem Tode versiegelt. 

Um diese Zeit hat man auch eine fromme, gottes- 
fürchtige Frau, Bärbel genannt, zu Jülich ertränkt, weil 
sie das Papsttum und die Abgötterei verlassen und 
sich unter den Gehorsam des heiligen Evangeliums 
begeben hat. 

Wilhelm von Bierk, Christoph aus den Geistens, 

Christian aus dem Eukeraat und Tieleman aus 
Nunkirchen, im Jahre 1552. 

Desgleichen auch Wilhelm von Bierk, Christoph aus 
den Geistens, Christian aus dem Eukeraat und Tiele- 
mann aus Nunkirchen. Diese vier Brüder sind sämt- 
lich auf einen Tag zu Blankenburg mit dem Schwerte 
hingerichtet worden. Um des Zeugnisses Jesu Christi 
willen haben sie den Tod willig erlitten und dasselbe 
mit ihrem Blute bezeugt. 

Mariken und Anneken, im Jahre 1552. 

Diejenigen, welche sich allein auf Gott und sein hei- 
liges Wort gründen und dasselbe zu vollbringen su- 
chen, werden nicht nur verfolgt, sondern auch gefan- 
gen und getötet, gleichwie es im Jahre 1552 sich in 
Leyden mit zwei Frauen, Mariken und Anneken ge- 
nannt, zugetragen hat; dieselben wurden gefangen ge- 
nommen und in ein Haus gebracht, wo sie der Schult- 
heiß fragte, was sie von der römischen Kirche hielten. 
Sie antworteten, sie hätten größtenteils nichts ande- 
res als eine teuflische Lehre. Ferner fragte er sie von 
dem Sakramente der Pfaffen, ob Christus nicht leibli- 
cher Weise darin wäre. Sie sagten, es möge wohl ein 
verdeckter Teufel sein, denn Gott ließe sich in kein 
silbernes oder goldenes Kistlein einschließen. Hierauf 
brachte man sie zum Gefängnisse, und als sie an der 
Kirche vorbeigingen, sagten sie: O Mördergrube und 
Teufelschor! Des Schultheißen Knecht sagte: Warum 
redet ihr solche hohe Worte? Sie sagten: Weil in die- 



169 


ser Kirche so viele arme Seelen ermordet werden. Als 
sie nun eine Zeitlang gefangen lagen und untersucht 
wurden, haben sie ihren Glauben tapfer bekannt, und 
sind standhaft dabei geblieben, weshalb sie zum Tode 
verurteilt worden sind. Das Urteil der Mariken lautete: 
Sie hätte die Kindertaufe verleugnet, das Sakrament 
verworfen und, gegen des Kaisers Befehl, ungebührli- 
chen Versammlungen beigewohnt. Die Anneken, weil 
sie nicht getauft war, wäre frei ausgegangen, wenn 
sie von ihrem Glauben hätte abfallen wollen; man hat 
sich auch darum sehr bemüht; sie aber blieb imbeweg- 
lich und sagte: Euer Brotgott wird von den Spinnen 
und Würmern auf gezehrt; ich will kein Teil an sol- 
chem haben. Weil sie aber in andern Artikeln auch 
standhaft blieb, wurde sie zum Tode verurteilt. Also 
haben diese beiden ihr Leben um der Wahrheit willen 
lassen müssen, und haben hiermit die blutdürstigen 
Richter gesättigt, deren Füße schnell sind, Schaden zu 
tun, und deren Hände schnell sind, imschuldiges Blut 
zu vergießen. 

Guilliame von Robaeys, im Jahre 1552. 

Zu Körnen, in Flandern, wurde auch in demselben 
Jahre ein Bruder, genannt Guilliame von Robaeys, um 
der Gerechtigkeit, Wahrheit und der Nachfolge Christi 
willen verfolgt, gefangen, untersucht, gepeinigt und 
endlich getötet. 

Henrich Dirkß, Dirk Janß und Adrian Cornelius. 

Auch wurden in demselben Jahre 1552 drei Brüder, 
mit Namen Henrich Dirkß, Dirk Janß, und Adrian 
Cornelius, zu Leyden gefangen genommen und we- 
gen ihres Glaubens untersucht; als sie aber denselben 
ohne Furcht bekannten und davon nicht abweichen 
wollten, sind sie auch zum Tode verurteilt worden. 
Henrich Dirkß trat mit Freuden vor und sagte: Selig 
sind, die hier weinen, denn sie werden dort lachen 
und mit glänzenden Kleidern, ja, mit der ewigen Kro- 
ne belohnt werden, wenn sie standhaft streiten. Dieses 
ist des Herrn Sabbat, wonach ich mich lange gesehnt 
habe, nicht, als ob ich würdig wäre, um seines Na- 
mens willen zu leiden, sondern Er hat mich hierzu 
würdig gemacht, und also leiden wir nicht wegen 
Diebstahls oder Mordes, sondern wegen des reinen 
Wortes Gottes. 

Dirk Janß sprach: Obgleich uns alle Menschen ver- 
achten, so verachtet uns doch Gott um deswillen nicht; 
denkt daran, ihr Herren, dass dort oben ein Richter 
sei über alle, und glaubt, dass Er auch einmal richten 
und urteilen werde. Dieses Leiden, sagt er, ist nicht 
so groß, Christus hat viel mehr leiden müssen, als Er 


sein Blut für uns vergossen hat; Er wird uns stärken in 
dem, was wir um seines Namens willen leiden, denn 
wir leiden um keiner Sekte oder Übeltat willen; denn 
außer unserem Glauben, den wir verteidigen, wird 
man sonst keinen rechten Glauben finden. Darum, o 
Gott, erbarme dich doch meiner und nimm mich auf 
deine Arme. Adrian Cornelius sagte mit tapferem Ge- 
müte: Diesen Weg ist Christus und auch seine lieben 
Apostel vorgewandelt; nun sollen wir, seine Knech- 
te, nicht über unserm Herrn sein. Hierauf fielen sie 
auf ihre Knie, verrichteten ihr Gebet ernstlich zu Gott 
und sagten beim Aufstehen: Sie meinen mit uns die 
Gottesfürchtigen zu töten und auszurotten, aber statt 
einem, den sie umbringen, werden ihrer hundert wie- 
der aufstehen. Darum fürchtet nicht diejenigen, die 
den Leib töten, sondern fürchtet den, der Leib und 
Seele in die ewige Pein werfen kann. Als sie auf der 
Bank standen, riefen sie: Fürchtet nicht das Zeitliche, 
sondern fürchtet das, was ewiglich währen wird, denn 
ewig währet lang. Hiermit haben sie ihre Seelen in die 
Hände Gottes befohlen und ihr Brandopfer verrichtet. 
Nun liegen sie und ruhen unter dem Altäre und war- 
ten darauf, dass sie mit glänzenden Kleidern angetan 
werden und dass ihnen in des Himmels Throne der 
neue Wein eingeschenkt werde. 

Hier folgen einige Briefe, von Adrian Cornelius im 
Gefängnisse geschrieben. 

Ein Gebet, eine Ermahnung und Bekenntnis des 

Adrian Cornelius. 

Ein Gebet, eine Ermahnung und Bekenntnis des Adri- 
an Cornelius, Glasmacher, welcher zu Leyden gefan- 
gen gelegen und daselbst um des Zeugnisses Jesu 
willen, wie zuvor berichtet worden ist, im Jahre 1553 
getötet worden ist. 

Sein Gebet zu Gott 

O Herr des Himmels und der Erde, der Du alles aus 
nichts gemacht, der Du mir das Leben nach dem Bilde 
deines Sohnes gegeben hast; ich hoffe jetzt dasselbe 
um deines heiligen Namens willen aufzuopfern, denn 
du bist der Herr, vor dem sich alle Knie beugen, die im 
Himmel und auf Erden sind. Erhöre mein Gebet und 
laß mein Rauchwerk Dir angenehm sein. Nimm deine 
Gnade nicht von mir, der ich ein befleckter Mensch 
bin, von unreinen Lippen; reinige meinen Mund, dass 
dein Name dadurch gepriesen werden möge, neige 
deine Ohren zu mir, so wirst du diejenigen anschauen, 
die mich überfallen; aber es ist mir lieber, in der Men- 
schen Hände zu fallen, als vor deinem Angesichte zu 
sündigen; denn deine Augen sind wie eine Feuerflam- 
me und dein Wort wie ein zweischneidiges Schwert, 



170 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


welches an beiden Seiten scharf ist und durchdringt, 
bis es Seele und Geist, auch Mark und Bein scheidet, 
und ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens 
ist, vor welchem keine Kreatur unsichtbar ist. Darum 
rufe ich mit David, deinem lieben Propheten, aus, dass 
es besser ist, in der Menschen Hände zu fallen, als in 
deinen Zorn. O Herr! Führe mich in das Land Harun, 
in welchem ich nicht einen Fuß Erbteil habe, näm- 
lich in das Land der Verheißung; dies wollest Du mir 
aus Gnaden geben und nicht nach meinem Verdienste 
oder meinen Werken. Erlöse mich mit Lot von diesem 
Geschlechte, bewahre mich, Herr, vor den grimmigen 
Löwenzähnen, deren viele sind, ja vor den grimmigen 
Wölfen am Abend, die nichts bis an den Morgen übrig 
lassen, die mit ihren Füßen schnell laufen um unschul- 
diges Blut zu vergießen. O Herr, bewahre mich mit 
Sadrach, Mesach und Abednego, dass mir das Feuer 
der Lästerung, welches aus ihrem Munde geht, nicht 
schaden möge. O Herr! Laß mein Gebet mit Tobias 
und Sarah erhört werden; erhöre mein Gebet mit Elia, 
und nimm mich zum Brandopfer, welches lebendig, 
heilig und dir wohlgefällig sei, damit die Propheten 
Isabels zu Schanden werden und dein Volk nicht län- 
ger verführen. Herr, bewahre mich mit Joseph vor 
diesem bösen Weibe, dass ich lieber meinen Mantel 
fahren lasse, nämlich meinen ersten Leib, denn es 
heißt: Wer einer Hure anhängt, der ist ein Fleisch mit 
ihr. Bewahre mich, Herr, denn ich rufe Himmel und 
Erde zu Zeugen, dass ich in meiner Unschuld sterbe: 
Wer sein Leben hier zu erhalten sucht, der wird es 
verlieren, und wer sein Leben um des Herrn und des 
Evangeliums willen verliert, der wird es erhalten. Dar- 
um rufe ich auch mit dem alten Eleazar: Ich will lieber 
sterben, als mit Schanden leben. O Herr, siehe, es ist 
der Grimm einer großen Menge über uns angezündet, 
und sie werden einige unter uns hinwegführen, und 
die Erschlagenen mit Götzenopfer speisen; aber der 
Herr bewahrte mich. Du gibst deinem Knechte Brot in 
der Not und Wasser im Durste; zur Zeit der Trübsal 
vergibst du die Sünden, hast auch zu deinen lieben 
Propheten gesagt: Kann auch ein Weib ihres Kindleins 
vergessen, dass sie sich nicht über den Sohn ihres Lei- 
bes erbarme, und wenn sie desselben vergäße, so will 
ich doch dein nicht vergessen; solches ist dein Wort, 
Herr, Du hast es durch deinen lieben Apostel Pau- 
lus geredet: Gehet aus von dem bösen Geschlechte 
und rührt kein Unreines an; alsdann willst Du uns an- 
nehmen und unser Vater sein, und wir werden deine 
Söhne und Töchter sein. Nun gehen wir auch mit zum 
Lager hinaus und wollen deine Schmach tragen hel- 
fen. Herr, lehre uns nach deinem Willen bitten, dass 
wir im Geiste und in der Wahrheit bitten mögen, dass 
wir dich einen rechten Vater nennen, denn ein Sohn 


soll seinen Vater ehren, und ein Knecht seinen Herrn. 
Laß uns des Wortes teilhaftig werden, wenn gesagt 
wird: Diese sind es, die ihr Leben nicht geliebt, son- 
dern es zum Tode übergeben haben; denn diejenigen, 
welche von den Menschen getötet worden sind, haben 
von Gott eine bessere Hoffnung zu erwarten, dass sie 
nämlich werden wieder auferweckt werden. Denn Du 
prüfest deine Auserwählten, Du prüfest sie wie Gold 
im Ofen. Du nimmst sie auf als eine Aufopferung des 
Brandopfers. Herr, laß deinen Knecht im Frieden; hei- 
liger Vater, heilige deinen Sohn, damit ich untadelhaft 
erfunden werden möge in deiner Zukunft. Bewah- 
re mich, heiliger Vater, um deines heiligen Namens 
willen, Amen. 

Des Adrian Cornelius Ermahnung an die Freunde. 

Die reiche Gnade und der Friede Gottes, unseres 
himmlischen Vaters, der uns durch das Bad der Wie- 
dergeburt und die Erneuerung des Heiligen Geistes 
gereinigt hat, hat uns einen klaren Schein in unsere 
Herzen gegeben, und die Augen des Verstandes durch 
die Hoffnung des Evangeliums geöffnet, und hat uns 
gewarnt, dass wir das imgöttliche Wesen und die welt- 
lichen Lüste verleugnen und in dieser Welt züchtig, 
gerecht und gottselig leben sollen, dass wir uns von 
dieser Welt vor Gott dem Vater unbefleckt halten sol- 
len, welcher will, dass alle Menschen selig werden 
und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen, dass wir 
zur Zeit der Offenbarung Hoffnung und Trost haben 
mögen, und unter die Zahl der Auserwählten gezählt 
werden. Hierzu mache euch tüchtig der Vater und 
sein gesegneter Sohn, Jesus Christus, nun und zu al- 
len Zeiten, bis in Ewigkeit, Amen. 

Wir Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Got- 
tes, gebaut auf den Grund der Apostel und Propheten, 
wovon Christus der Eckstein ist, auf welchem der gan- 
ze Bau aneinanderhängt, und zum heiligen Tempel in 
dem Herrn wächst. Heil sei den zwölf Geschlechtern, 
die durch die Grausamkeit der Befehle und die stren- 
ge Verfolgung überall zerstreut sind. Darum, meine 
lieben Brüder und Schwestern, lasset es euch nicht 
verdrießen, dass ihr nun eine Zeitlang leidet, und von 
einer Stadt zur andern fliehen müsst, gedenkt, meine 
lieben Freunde, dass es euch alles zur Seligkeit dient, 
und nehmt Tobias mit seinem Weibe und seinem Soh- 
ne zum Vörbilde, wie er flüchtig werden musste und 
man ihn heimlich verbarg; desgleichen Mathatias mit 
seinen Söhnen und denen, welche ihn liebten, wie 
er sagt: Wer nun fromm ist und wohlgemut, der ma- 
che sein Testament und folge mir nach. Nehmt euch 
Abraham, Isaak und Jakob zum Vörbilde, die in Hüt- 
ten wohnten, und noch andere mehr; denn wir haben 



171 


hier keine bleibende Stätte. Sie gingen in Schafs- und 
Ziegenfellen umher und hatten Mangel, Trübsal und 
Ungemach, deren die Welt nicht wert war. Sehet, mei- 
ne geliebten Freunde, denkt nicht, dass ihr allein seid, 
oder dass ihr von dem Herrn verlassen seid, wenn 
euch ein Sturmwetter überfällt, sondern bedenkt, dass 
wir durch viele Leiden das Reich Gottes einnehmen 
müssen. Hätten die Vorgemeldeten das gemeint, so 
hätten sie, nachdem sie ausgezogen waren, ja Zeit, 
wieder umzukehren; aber diese geben zu verstehen, 
dass sie ein Vaterland suchen, eine Stadt, die einen 
Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist. 
Darum hat sich auch Gott nicht geschämt, ihr Gott 
genannt zu werden. Also auch, meine lieben Freunde, 
wird er sich unserer nicht schämen; denn er spricht 
durch seinen frommen Propheten Jesaja: Kann auch 
eine Mutter ihr eigenes Kind verlassen, welches sie 
selbst geboren hat? Und wenn sie auch dessen vergä- 
ße, so wird dich doch Gott nicht vergessen. Darum 
schauet an, wie der gnädige Vater mit allen frommen 
Kindern Gottes gewesen sei, und wie Er sie durch 
seine starke Hand bewahrt und erhalten habe, wie 
wir bei Abraham klar sehen mögen, denn Gott hat 
ihn oft getröstet, als er in ein fremdes Land auszog. 
Er stärkte Jakob, als er vor Esau, seinem Bruder, floh; 
Er speiste Hiskia drei Tage und drei Nächte, welcher 
über die Lästerung Sanheribs klagte; Er erlöste die 
Juden durch Judith, die von Holofernes belagert wa- 
ren; Er erlöste die drei Jünglinge von der Hitze des 
feurigen Ofens, auch war Er in der Grube bei Daniel, 
dass die Löwen ihn nicht zerrissen; Er erlöste Israel 
aus des Pharao Dienstbarkeit; Er erlöste Rahab aus 
dem Schatten des Todes; Susanna erlöste er durch 
Daniel; Petrus erlöste Er aus dem Kerker; Johannes er- 
löste er von der Insel Patmos; Paulus tröstete Er durch 
ein Gesicht, als er nach Damaskus reiste; die Apostel 
tröstete er durch den Tröster, den Heiligen Geist; Er 
verwandelte Josephs große Traurigkeit in Ägypten 
in große Freude. Also wird Gott euer aller Herzeleid 
in große Freude verwandeln, wie Er selbst sagte: Die 
Welt wird sich freuen, ihr aber werdet traurig und 
betrübt sein; doch seid getrost, eure Traurigkeit soll 
in Freude verwandelt werden. Ein Weib, wenn sie ge- 
biert, hat Traurigkeit, aber wenn sie das Kind geboren 
hat, so gedenkt sie der Traurigkeit nicht mehr, weil 
der Mensch zur Welt geboren ist; also auch ihr habt 
nun Traurigkeit, aber ich will euch wieder sehen, und 
eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt weiden, 
und diese Freude soll niemand von euch nehmen. 

Darum fürchtet euch nicht, meine lieben Freunde, 
vor den Menschenkindern, welche wie Heu vergehen; 
fürchte dich nicht, du kleine Herde, denn es ist eures 
Vaters Wohlgefallen, euch sein Reich zu geben; fürch- 


tet euch nicht, meine lieben Freunde, vor dem tyranni- 
schen Geschlechte; fürchtet euch nicht vor denen, die 
den Leib töten; aber ich will euch zeigen, vor wem ihr 
euch fürchten sollt; fürchtet den, welcher, nachdem 
ihr tot seid, Macht hat, ins ewige Feuer zu werfen. 
Auch ist, meine lieben Freunde, das wenige Leiden 
und Trübsal hier sehr gering gegen die ewige Pein 
oder Strafe. Aber Johannes in der Offenbarung sagt 
also: Fürchtet Gott und gebt Ihm Ehre. Und der Pro- 
phet Esdras sagte also: Siehe, Gott ist Richter, fürchtet 
ihn und lasst ab von euren Sünden, und vergesset 
jetzt eurer Ungerechtigkeit, dass ihr dieselbe nicht in 
Ewigkeit treibt und Gott wird euch ausführen und 
von aller Trübsal erlösen. Siehe, es wird über euch 
der Grimm einer großen Menge angezündet, und sie 
werden einige von euch wegführen und die Erschlage- 
nen mit Götzenopfer speisen und diejenigen, welche 
ihnen nicht Beifall geben, werden von ihnen verlacht, 
gehöhnt und zertreten werden, denn es wird große 
Empörung wider die umliegenden Städte wegen der- 
jenigen, die Gott fürchten, entstehen, und sie werden 
wie unsinnige Menschen sein indem sie niemanden 
verschonen und diejenigen wegführen und vertilgen, 
die noch Gott fürchten; sie werden deren Güter ver- 
wüsten und rauben, und sie aus ihren Häusern versto- 
ßen. Alsdann wird die Bewährung der Auserwählten 
offenbar werden, gleichwie das Gold, welches durch 
das Feuer bewährt wird. Darum meine Auserwählten, 
sehet, die Tage der Trübsale sind vorhanden und der 
Herr wird euch davon erretten. Ihr sollt euch weder 
fürchten noch Wanken, denn Gott ist euer Herzog. 
Der Herr wird euch nicht als Waisen lassen, denn 
Er sorgt für alle. Er wird uns bewahren wie seinen 
Augapfel. Darum lasst nicht nach um unserer Trüb- 
sal willen, die über uns gekommen ist, denn wenn 
ihr dem Herrn treu bleibt, so wird euch das Unge- 
witter bald überfallen; aber bedenket, meine lieben 
Freunde, dass gleichwie des Leidens Christi viel über 
uns kommt, so kommt auch der Trost reichlich durch 
Christum. Denn kein Auge hat gesehen und kein Ohr 
hat gehört, es ist auch in keines Menschen Herz ge- 
kommen, was Gott denen bereitet hat, die Ihn lieben. 
Wer nun solche Hoffnung in sich hat, der reinige sich 
selbst, gleichwie er rein ist und sondere sich von dem 
unartigen Geschlechte ab; habe auch keine Gemein- 
schaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis, 
sondern bestrafe sie vielmehr, denn was heimlich von 
ihnen geschieht, das ist auch schändlich zu sagen, was 
aber vom Lichte bestraft wird, das ist Licht; darum 
sagt Er: Wache auf, der du schläfst, und stehe auf, 
von den Toten, so wird dich Christus erleuchten. Dar- 
um, meine lieben Freunde, wenn noch einige unter 
euch wären, die träge oder schläfrig sind, so lasset die- 



172 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


selben aufwachen, oder sie werden mit den törichten 
Jungfrauen ausgeschlossen werden. Ach, meine lieben 
Freunde, es wird euch nichts nützen, dass einige un- 
ter euch verstehen, welches der Weg sei. Ach, meine 
lieben Freunde, das Wissen bläht auf, aber die Liebe 
erbaut; denn es nützt nichts, dass man den Weg ver- 
steht, sondern man muss darauf wandeln, und wenn 
er auch enge, schmal und voller Arbeit ist, so will er 
doch gewandelt sein. Darum, meine lieben Freunde, 
die ihr des himmlischen Rufes teilhaftig geworden 
seid, nehmt die Zeit der Gnaden wahr und seht nicht 
auf diejenigen, die kalt und träge wandeln, sondern 
trachtet darnach, dass ihr durch die enge Pforte einge- 
hen möget, denn viele werden darnach trachten, wie 
sie hineinkommen und werden es nicht tun können. 
Wie aber das, meine lieben Freunde? Darum, weil sie 
durch einen andern Weg einzugehen suchen, welcher 
uns nicht geboten ist, als derjenige, welcher durch 
Christum hineingeht, denn Er ist der Weg. Diese sind 
es, die die Stadt ererben werden, welche der Bräuti- 
gam an die Tafel setzen und ihnen dienen wird; aber, 
meine lieben Freunde, die Lauen, die weder kalt noch 
warm sind, wird Gott aus seinem Munde ausspeien, 
die da sagen, dass sie reich seien und haben gar satt; 
wissen aber nicht, dass sie arm, jämmerlich, nackend 
und blind seien. Darum kommt Salomo und sagt: Ge- 
he hin zur Ameise, du Fauler, siehe ihre Weise an; sie 
bereitet ihr Brot im Sommer, dass sie im Winter zu 
zehren habe. Auch kommt der Prophet Jeremias und 
sagt also: Die Kraniche und Schwalben merken auf 
ihre Zeit, wenn sie wiederkommen sollen, aber mein 
Volk merkt nicht auf die Zeit. O ihr Unwissenden! 
Der Ochse kennt die Krippe seines Flerrn. Ihr, die ihr 
sagt, es wird morgen schönes Wetter sein, und es ge- 
schieht also. O ihr, die ihr die Gestalt des Himmels 
und der Erde beurteilen könnt, könnt ihr denn nicht 
unter euch beurteilen, was recht ist. Darum, meine lie- 
ben Freunde, sehet zu, dass nicht jemand unter euch 
träge erfunden werde, sondern seid aufgeschürzt und 
habt den Stock in der Hand um das Osterlamm zu 
essen, denn wir haben ein Osterlamm zu essen, wel- 
ches Christus ist. Darum lasset uns nun Ostern halten, 
nicht im alten Sauerteige, auch nicht im Sauerteige 
der Bosheit, sondern in dem Süßteige der Lauterkeit 
und Wahrheit. 

Darum, meine herzlich geliebten Freunde, verwun- 
dert euch nicht, wenn ihr durch das Feuer der Trübsal 
versucht werdet, als ob euch etwas Neues widerführe, 
sondern werdet des Leidens Christi teilhaftig, damit 
ihr in der Zeit der Offenbarung Hoffnung und Trost 
haben mögt. Niemand leide unter euch als ein Dieb 
oder Mörder; leidet aber jemand als ein Christ, so 
schäme er sich nicht, sondern preise Gott in dieser 


Sache, denn es ist Zeit, dass das Gericht am Hause 
Gottes anfange, wenn aber zuerst an uns, was will es 
für ein Ende mit denen nehmen, die dem Evangelium 
Jesu Christi ungehorsam sind? Und so der Gerech- 
te kaum wird erhalten werden, wo will der Gottlose 
und Sünder erscheinen? Darum sagt Salomo: Da der 
Gerechte auf Erden leiden muss, wie viel mehr der 
Sünder und Gottlose? 

Darum, meine lieben Freunde, seht euch vor, flie- 
het den Schatten dieser Welt. Meine lieben Freunde, 
trachtet nicht darnach, in andere Länder zu ziehen, 
um dem Kreuze zu entfliehen, oder große Freiheit 
zu erlangen. Ach nein, meine lieben Freunde, son- 
dern beugt euch allezeit unter das Kreuz, denn die 
Kinder, welche unter der Rute sind, sind so gehor- 
sam, dass sie sich immer fürchten, ihr Herr möchte 
kommen und sie schlafend finden, und darum sind 
sie immer fleißig, damit sie nicht schlafend gefunden 
werden; denn wenn das Fleisch nur ein wenig Frei- 
heit erlangt, so nimmt es sich selbst noch mehr. Meine 
lieben Freunde, ich bin so keck gewesen, solches an 
euch zu schreiben; nehmt solches zum Besten auf; ich 
bin zwar euer Herr nicht in dieser Sache, aber ich 
schreibe, wie mein eigenes Fleisch mir Zeugnis gibt. 
Darum, meine lieben Freunde, wandelt weislich unter 
denen, die draußen sind; bleibt unter dem zerstreuten 
israelitischen Häuflein, denn wo Blut vergossen wird, 
da kann man Gewinn machen; wuchert daselbst mit 
eurem Pfunde, ein jeder nach der Gabe, die er von 
Gott empfangen hat; begegnet einander mit Ehrerbie- 
tigkeit, befleißigt euch, dass ihr euch selbst als geübte 
Diener Gottes zeigt; legt alle List und Heuchelei von 
euch und seid nach der lautern unverfälschten Mich 
begierig, wie neugeborene Kindlein, dass ihr dadurch 
aufwachset; wenn ihr anders geschmeckt habt, wie 
freundlich der Herr ist. Zu welchem ihr gekommen 
seid, als zu dem lebendigen Steine, so bauet euch auf 
zum geistigen Hause, zum königlichen Priestertume, 
zum heiligen Volke, zum Volke des Eigentums, damit 
ihr die Tugenden desjenigen verkündigt, der euch als 
gehorsame Kinder berufen hat. Der da redet, der rede 
mit Gottes Wort; verrichtet euren Dienst weislich, da- 
mit euer Schatz nicht gelästert werde. Und gleichwie 
ihr vormals fleißig gewesen seid von Gott abzuirren, 
so wendet nun um desto mehr Fleiß an, euch zum 
Herrn zu bekehren, und seid darin ohne Grenzen. Tut 
allen Menschen Gutes, besonders aber den Glaubens- 
genossen, und seht zu, dass ihr in eurem Glauben 
Tugend erweiset, in der Tugend Bescheidenheit, in 
der Bescheidenheit Mäßigkeit, in der Mäßigkeit Gott- 
seligkeit, in der Gottseligkeit brüderliche Liebe, und 
in der brüderlichen Liebe allgemeine Liebe; wenn ihr 
alles dieses besitzt, so wird es euch in der Erkenntnis 



173 


des Herrn weder leer, noch unfruchtbar sein lassen; 
wer aber dieses nicht hat, der ist blind und tappt nach 
dem Wege, und vergisst die vorige Reinigung seiner 
Sünden. So soll es nicht bei euch sein, meine Freunde; 
macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, 
und wenn ihr der geistigen Güter teilhaftig seid, so 
macht euch auch untereinander der zeitlichen Güter 
teilhaftig; lasset solches ordentlich zugehen und be- 
denkt, dass es seliger ist zu geben als zu nehmen, denn 
wir lesen Joh 6, dass einige dem Herrn nachfolgten, 
der aber sagte: Ihr folgt mir nicht, weil ihr die Zeichen 
gesehen, sondern weil ihr von dem Brote gegessen 
habt und satt geworden seid. 

Darum, meine lieben Freunde, wirket nicht Speise, 
die vergeht, sondern die bleibt ins ewige Leben, denn 
der Mensch lebt nicht allein vom Brote, sondern von 
einem jeden Worte, das aus dem Munde des Herrn 
geht; die Speise gehört dem Bauche, und der Bauch 
der Speise, aber Gott wird den Bauch und die Speise 
vernichten. Deshalb, meine lieben Freunde, wenn ihr 
euch nach dem Evangelium richten werdet, so wer- 
det ihr fruchtbare Reben an dem wahrhaftigen Wein- 
stocke Christo und liebliche Ölzweige sein, welche 
auf Christum gepfropft sind. Meine lieben Freunde, 
lasst euch nicht durch die Feinde des Kreuzes Chris- 
ti zum Abfall bewegen; glaubet denen nicht, welche 
das Evangelium ohne Kreuz predigen wollen, denn es 
sind diejenigen, die euer Fleisch lieben und eure See- 
le töten; es sind diejenigen, welche Kissen unter die 
Arme oder unter die Häupter legen; sondert euch ab 
von solchen, denn solche dienen nicht dem Herrn Je- 
su Christo, sondern ihrem Bauche und verführen die 
einfältigen Herzen durch süße Predigt und schmei- 
chelnde Worte, denn uns ist nicht unbewusst, was der 
Teufel im Sinne hat, indem der Teufel sich in einen 
Engel des Lichtes verwandeln kann; was ist es also 
für ein Wunder, dass seine Diener auch von außen 
diese Gestalt an sich haben? O meine lieben Freunde, 
ein Dieb kommt nur, um zu stehlen und zu morden; 
darum hütet euch, dass ihr von ihnen nicht verführt 
werdet und aus eurer eigenen Festung fallt. Darum, 
halte, was du hast, dass dir niemand deine Krone neh- 
me, und wer steht, sehe zu, dass er nicht falle, denn 
was hast du, das du nicht empfangen hast, indem alle 
geistigen und vollkommenen Gaben von oben her- 
ab, von dem Vater des Lichtes kommen, bei welchem 
weder Veränderung nach Wechsel des Lichts und der 
Finsternis ist. 

Darum ermahnet einander, meine lieben Freunde, 
alle Tage umso mehr, weil der Tag Christi herannaht, 
und das, solange als es heute heißt. Seht doch zu, 
dass ihr füreinander Sorge tragt, und fragt nicht viel, 
meine lieben Freunde, nach andern, wenn ihr zusam- 


menkommt, oder wo ein jeder wohnt, sondern seid 
in solchen Dingen unweise, und seid Kinder in der 
Bosheit, alt und Greise aber in dem Verständnis; be- 
wahrt auch die Türe eures Mundes vor derjenigen, die 
in euren Armen liegt. Meine lieben Freunde, habt ihr 
Verstand, so antwortet eurem Nächsten, ist das aber 
nicht, so sei eure Hand auf eurem Munde, damit ihr 
nicht durch ein unmanierliches Wort gefangen und so 
zu Schanden werdet. Lasst kein faules Geschwätz aus 
eurem Munde gehen, sondern redet was nützlich zur 
Besserung ist, dass es nötig und holdselig sei zu hö- 
ren, und betrübt auch nicht den heiligen Geist Gottes, 
durch welchen ihr auf den Tag der Erlösung versiegelt 
seid. Meine lieben Freunde, hiermit hoffe ich meinen 
Abschied zu nehmen; haltet es mir zugut, dass ich 
euch ein wenig geschrieben habe; ich hoffe, es werde 
euch erbaulich sein. Ich habe auch allen Fleiß auf die- 
se kleine Gabe verwandt, die mir der Herr gegeben 
hat. 

Von mir, Adrian Cornelius, Glasmacher, eurem un- 
würdigen Bruder, der ich nicht wert bin, ein Bruder zu 
heißen. Geschrieben in meiner Gefangenschaft, als ich 
mit zwei Mitgenossen und einem Dritten, der jedoch 
von uns abgesondert war, sowie mit zwei Schwestern, 
welche in einem unterm Zimmer liegen, im Stocke saß; 
wir warten alle Tage auf unseres Leibes Erlösung. Ich 
hoffe auch, dass wir die Hälfte unserer Pilgerschaft 
schon zurückgelegt und das Übrige bald vollendet 
haben. 

Seid dem Herrn anbefohlen, liebe Brüder. Gedenket 
der Gefangenen, wir gedenken eurer in unseren Ge- 
beten. Grüßet alle Liebhaber der einigen Seligkeit mit 
Namen; die Zeit ist nun zu streng, um zu schreiben, 
darum richten wir uns nach der Zeit. 

Wisset, wie es uns neulich ergangen ist. Des Sonn- 
tags kam ein Pfaffe zu uns, als wir Montags darauf 
geopfert werden sollten, welcher uns sagte: Ihr müsst 
sterben. Antwort: So taten auch die Juden und sag- 
ten: Wir haben ein Gesetz, danach muss er sterben. 
So müssen auch wir, wie solches des Kaisers Befehl 
ausweist. Aber wir haben den Pfaff gefragt, ob ihre 
Dinge richtig wären. Er antwortete uns: Nicht alle, 
denn wir haben auch Missbräuche in unsern Kirchen. 
Da sagten wir: Ein wenig Sauerteig versäuert den gan- 
zen Teig; worauf er uns zur Antwort gab: Und doch 
muss er Sauerteig haben. Daran kann man merken, 
dass ihre Dinge nicht gut sind; aber hütet euch vor 
solchen, denn sie sind nicht von Gott gesandt. Grüßet 
alle Liebhaber des Wortes Gottes. 



174 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Des Adrian Cornelius Bekenntnis vor der 
Obrigkeit. 

Dieses ist des Adrian Cornelius Bekenntnis vor der 
Obrigkeit und den Pfaffen, nebst einem Berichte, wie 
er gefangen genommen worden ist. 

Meine werten, herzlich geliebten, Brüder und 
Schwestern, Heil sei den zwölf Geschlechtern, die 
hin und her zerstreut sind, in Pontus, Galatien, Kap- 
padozien, Asien und Bithynien, samt allen, die den 
Herrn aus reinem Herzen an ihren und unsern Orten 
anrufen. Ich muss euch ein wenig schreiben und hof- 
fe hiermit meinen Abschied zu nehmen. Hört, wie es 
mir in meiner Gefangenschaft ergangen ist. Es hat sich 
zugetragen, dass ich nach Leyden gekommen bin, wo 
ich mit meinem Bruder ein Gespräch hatte; wir wun- 
derten uns, woher es käme, dass sie unsere Freunde 
so lange gefangen hielten. Darum verabredeten wir, 
dass ich mit des Schultheißen Knecht, welcher Jan 
von Delft genannt wurde, reden und ihn fragen sollte, 
wie es um die Gefangenen stände, und ob sie nicht 
bald aufgeopfert würden. Er sagte hierauf: Ich höre 
gar nichts davon. Da sagte ich: Diese lange Gefan- 
genschaft macht euch viel Mühe. Jan: Ich wäre wohl 
zufrieden, wenn es bald zu Ende wäre. Adrian: Du 
kannst kaum mehr fort. Jan: Ja, das ist wahr. Adrian: 
Dir wäre wohl Ruhe nötig. Jan: Ja, es wäre bald Zeit. 
Adrian: Jan Jantz, ich möchte wohl ein wenig mit dir 
von einigen Dingen reden. Jan: Ich habe hier noch et- 
was zu tim, nachher aber will ich mit dir reden; warte 
hier ein wenig auf mich. Ich wartete ein wenig und 
er kam noch ehe er die Gefangenen versorgt oder ih- 
nen Essen gebracht hatte; er redete freundlich mit mir 
und war mit meinen Worten so sehr einverstanden, 
dass ich nichts anderes dachte, als er würde unsern 
Glauben auch annehmen. Da sagte ich: Jan Jantz, was 
dünkt dich; willst du dieses Amt aufgeben und die Ge- 
fangenen befreien, dann will ich machen, dass es dir 
wohlgehen soll, denn solches kannst du tun, du hast 
die Schlüssel. Ehe ich ihm dieses Anerbieten machte, 
hatte er schon zu unsern Freunden im Gefängnisse 
gesagt: Ich will einmal die Tür offen stehen lassen, 
dass ihr herauslaufen könnt. Was willst du denn tun, 
sagten unsere Freunde. Um deswillen bin ich desto 
kecker in meiner Rede gewesen, wobei ich mich der 
Worte Pauli von dem Stockmeister erinnerte, ob etwa 
der Herr diesem auch einige Gnade gegeben hätte, 
und da mich unsere Freunde hierzu aufforderten, re- 
dete ich viel mit ihm. Er nannte mir einige und fragte, 
ob ich dieselben wohl kenne. Ich sagte: Nein, ich habe 
aber wohl von ihnen gehört; doch nannte er mir einen, 
den ich wohl kannte. Da sagte ich: Ja, ich kenne die- 
sen wohl. Darauf fragte er mich, wo ich her sei? Ich 


antwortete: Ich bin in Schonhoven geboren, sagte ihm 
aber nicht, dass ich in Delft wohnte; aber wie klug ich 
auch war, so war doch der Teufel listiger, wie bekannt 
ist. Wir gingen lange miteinander und kamen wieder 
an das Gefängnis. Da sagte er: Willst du einmal mit 
den Gefangenen reden? Ich ging unverzagt hinein 
und kam zu unsern lieben Schwestern und redete mit 
ihnen, wiewohl ich mich nicht zu erkennen gab. Die- 
ser Diener aber ging ein wenig beiseite und redete mit 
einem andern Diener; da merkte ich wohl, was mir 
begegnen, würde. Es möchte aber vielleicht jemand 
fragen oder sagen: Warum bist du hineingegangen? 
O liebe Freunde, mein Fleisch und Blut hat mich nicht 
hineingetrieben; hier gilt weder Laufen noch Rennen, 
sondern es gilt, wie der Prophet sagt: Wir mögen wohl 
fliehen, aber nicht entfliehen. Darum kommen wir alle 
endlich an den Ort, wo wir hingehören. Ich dachte 
nicht, dass ich nach Leyden eine glückliche Reise ha- 
ben würde. Hierauf fragte mich der andere Diener, ob 
ich hinauf zu den andern gehen wollte; ich dachte, es 
ist schon so arg, als es werden mag, und ging hinauf; 
sofort schlossen sie die Türe hinter mir zu, und der 
eine ging nach dem Schultheißen. 

Als ich nun ein wenig droben war und mit unsern 
Freunden geredet hatte, ging ich wieder hinunter; da 
öffneten sie die Türe und der Nachtschultheiß stand 
vor derselben. Er sagte: Hier warte ein wenig. Ich 
fragte hierauf, ob ich hinauf gehen sollte? Er sagte: Ja. 
Hierauf sagte ich: Christus hatte zwölf Apostel und 
einer derselben war ein Judas; hier aber waren zwei 
und einer war ein Judas; wohlan denn, der Herr sei 
gelobt für seine Gnade. Bald darauf wurde ich oben 
allein eingeschlossen; ich aber fing sofort an, das Lied 
zu singen: Wie bist du nun, o Wahrheit, so zertreten! 
Ich hatte aber nicht lange Zeit, denn es versammel- 
te sich sehr viel Volks; sie kamen auch und nahmen 
mir mein Testament und das Liedlein von unsern vier 
Freunden, das ich gemacht hatte. Dann schlossen sie 
mich ein unten bei E. S. Es dauerte nicht lange, so kam 
der Schultheiß mit dem ganzen Rate; die Pforten wur- 
den zugeschlossen, und man sagte, es seien ihrer ein 
Dutzend in Leyden, sie waren auch sehr emsig und 
meinten, sie hätten einen großen Hans oder Haupt- 
mann gefangen, wiewohl leider nicht. Der Schultheiß 
fragte hierauf: Wo ist dein Dolch. Ich antwortete: Mein 
Meister hat mich keinen Dolch tragen lehren. Schult- 
heiß: Wer ist dein Meister? Adrian: Christus ist mein 
Meister. Schultheiß: Christus ist unser aller Meister. 
Adrian: Wäre Christus euer Meister, ihr würdet euch 
nicht unterstehen, wider Ihn zu streiten; aber es wird 
euch teuer zu stehen kommen, wider den Stachel zu 
lecken. Schultheiß: Solches fällt auf uns. Da fragten 
sie, wo ich geschlafen hatte. Adrian: Ich habe wohl 



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geschlafen; hast du übel geschlafen? Schultheiß: Nein; 
ich will es dich wohl sagen machen. Darauf fragte 
einer von den Herren, ob ich wiedergetauft wäre. Ich 
sagte: Nein, ich bin einmal recht getauft. Schultheiß: 
Wer hat dich getauft? Ich fragte, ob er auch getauft 
werden wollte. Schultheiß: Schäme dich nicht, solches 
zu sagen; ich will dir wohl sagen, wo und von wem 
ich getauft bin; hier in der St. Peterskirche. Adrian: 
Willst du auch getauft sein, so will ich dir 's wohl 
sagen. Schultheiß: Dazu habe ich noch keine Lust. 
Adrian: Du bist noch nicht tüchtig dazu. Schultheiß: 
Wo ist der Knecht mit dem Hute, der mit dir ging? 
Adrian: Ich weiß von keinem Knechte mit dem Hu- 
te. Schultheiß: Wir haben ihn mit dir gehen gesehen. 
Adrian: Herr Schultheiß, du lügst; wärest du Christi 
Diener, so gebührte dir nicht zu lügen. Da gaben sie 
mir das Lied von den Freunden und fragten mich, 
wer es geschrieben hätte. Ich sagte: Ich habe es ge- 
schrieben. Sie fragten mich, ob ich es auch in Reime 
gebracht hätte. Ich sagte: Ich habe es geschrieben; aber 
wer es in Reime gebracht hatte, davon sagte ich nichts. 
Da sagte der Unterschultheiß: Du warst auf einen 
Freitag bei mir und hast mir von Maria Magdalena 
eine untertänige Begrüßung gebracht. Hier hast du 
auch gelogen, denn mein Meister hat mich keinen 
untertänigen Gruß gelehrt. Unterschultheiß: Oder Er- 
mahnung. Adrian: Dem ist nicht so. Dann sagten die 
Diener und mehrere andere: Der Knecht ist trunken. 
Ja, liebe Freunde, da fielen mir die Worte des Petrus, 
Apg 2, ein: Denn wie sie trunken waren, so auch ich; 
ich hatte den ganzen Tag weder Bier noch Brot ver- 
sucht. Hierauf wollten sie wieder Weggehen, sie wuss- 
ten aber nicht, wohin sie mich setzen sollten, denn Jan 
von Delft, der Diener, sagte: Jetzt steht es gut mit E. 
S., aber nun wird ihn dieser Bösewicht wieder verder- 
ben. Dessen ungeachtet haben sie mich zu ihm gesetzt. 
Dieses alles ist denselben Montag geschehen, als ich 
gefangen genommen wurde. 

Den folgenden Donnerstag kam der Schultheiß mit 
zwei Ratsherren und einem Verordneten aus dem 
Haag. Sie fragten mich vieles, ich aber sagte nichts; 
auch fragten sie mich, wo ich geschlafen hätte, was 
ich ihnen auch nicht sagen wollte, und noch viele an- 
dere Dinge, welche zu weitläufig sind, zu erzählen; 
auch fragten sie: Kennst du wohl Gelis von Aachen? 
Ich sagte: Ich bin noch niemals in Aachen gewesen. 
Als sie aber näher nachfragten, sagte ich: Ja, ich kenne 
ihn. Da fragten sie, wo ich bei ihm gewesen wäre. Ich 
sagte: Solches kann ich euch nicht sagen; dabei blieb 
es. Sie sagten: Man wird es dich wohl sagen machen; 
hierauf entgegnete ich: Meine Herren, ich habe mich 
allezeit gehütet, viel zu wissen, damit, wo ich gefan- 
gen würde, ich nicht viel sagen dürfte. Dann legten 


sie mir die Briefe vor, die ich ihnen gesandt hatte und 
auch das Lied; sie sahen auch wohl, dass es alles von 
derselben Hand geschrieben war, ich aber bekannte 
es nicht; ich dachte, es würde noch früh genug kom- 
men, denn ich müsste ihnen doch etwas sagen, wenn 
sie mich peinigten; außerdem ging auch die Sache 
mich selbst an, darum habe ich es nicht verschwie- 
gen, als ich gepeinigt wurde; von andern aber habe 
ich keinen Befehl, um sie in Ungelegenheit zu brin- 
gen; auch begehrte ich niemals, wenn ich mit jemand 
redete, zu wissen, wo die Freunde wohnten. Darum 
wisset, lieben Freunde, dass hierin unter einigen ein 
großer Mangel sei, welche allezeit nach diesem und 
jenem fragen, und wenn man es nicht sagt, es übel auf- 
nehmen. Ach, liebe Freunde, wüsstet ihr, was das für 
ein Leiden wäre, wenn ihr gefangen seid, ihr würdet 
nicht so fragen. Wollt ihr nun etwas fragen, so fragt 
nach dem Glauben, der eure Seele selig machen kann. 
Seht, meine lieben Freunde, nehmt dies zum Besten 
auf, denn ich habe euch dieses aus Liebe geschrieben. 
Alle Pein, die ich ausgestanden habe, ward mir dar- 
um angetan, weil sie andere von mir wissen wollten; 
darum je weniger ihr wisset, desto weniger habt ihr 
zu verantworten. Da besah der Verordnete mein Tes- 
tament und sagte: Das ist ein verbotenes Testament. 
Ich sagte: Da hast du auch gelogen; hierauf schwieg 
er still, und es ward Abend. Sie aber gingen davon 
und versprachen mir, nächstens Gericht über mich zu 
halten. Früh morgens am Samstag kamen sie alle vor 
acht Uhr und brachten mich in das Foltergefängnis, 
wo der Scharfrichter war. Hierauf fragten sie mich, ob 
ich mich eines andern besonnen hätte und antworten 
wolle. Ich fing an, sie zu ermahnen; sie sagten: Wir 
sind nicht gekommen, von dir unterrichtet zu werden, 
sondern wir fragen dich, ob du es sagen wollest, aber 
ich hatte hierzu keine Lust. Da zog mir der Scharf- 
richter die Kleider aus und band meine Hände auf 
den Rücken; sie befestigten sodann einen Pflock an 
meine Beine und zogen mich mittelst eines Zughas- 
pels in die Höhe und ließen mich hängen. Als ich nun 
so hing, fragten sie mich, aber ich antwortete nicht; 
indem sie mich aber wieder niederließen, fragte der 
Schultheiß, wo ich gearbeitet, nachdem ich Flandern 
verlassen hätte; zu Delft, sagte ich. Da sie mich aber 
noch mehr fragten und ich es nicht sagen wollte, zo- 
gen sie mich wieder in die Höhe; sie lösten aber den 
Pflock von meinen Beinen, banden mir dieselben zu- 
sammen, dann steckte der Scharfrichter ein Holz oder 
Eisen zwischen dieselben und stellte sich auf dieses. 

Als er mich nun wieder heruntergelassen hatte, 
fragte der Schultheiß, ob ich zu einer gewissen Zeit, 
die er nannte, mit sechs andern von meinen Freunden 
in Leyden gewesen wäre; solches bekannte ich nicht. 



176 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Da zog mich der Scharfrichter wieder in die Höhe; 
sie hatten übrigens meine Augen verbunden, nahmen 
Ruten und geißelten mich. Als sie mich wieder nie- 
derließen, sagte der Schultheiß: Sage solches, oder ich 
will es dir sagen; ich wollte niemanden in Ungelegen- 
heit bringen. Da zogen sie mich wieder in die Höhe, 
zupften mich bei meinem Barte und meinen Haaren, 
und schlugen und geißelten mich auf meinem Rücken; 
ich sah jedoch nicht, wer es tat, denn meine Augen 
waren verbunden. Sie hätten auch wohl fragen mö- 
gen: Wer hat dich geschlagen? Dieses hielt so lange an, 
bis ich mit sieben oder acht Ruten geschlagen war. Sie 
ließen mich aber wieder nieder, und als ich lange nicht 
antwortete, begossen sie mich mit Wasser, denn sie 
besorgten, ich möchte in Ohnmacht fallen; in eben der 
Weise hatten sie mich auch begossen, als ich in die Hö- 
he gewunden war; als ich nun mich widersetzte und 
lange nichts redete, sagte der Schultheiß: Du willst es 
nicht sagen, ich will es dir sagen, du hast bei Steven 
Claeß geschlafen. Adrian: Das ist wahr. Schultheiß: 
Du bist mit sechs deiner Freunde vor dem Gefängnis 
gewesen und hast die Gefangenen ermahnt, dass sie 
tapfer streiten und bei ihrem Glauben bleiben soll- 
ten; auch hast du für sechs Stüber ein Boot gedungen, 
und wer war der Knecht, dem das Boot zugehörte, 
und der Knecht, der in dem andern Boote war, dem 
der Schiffer einen halben Stüber gab und ihm seine 
Kiste verdung, weil er mit dir fahren wollte? Auch 
wusste er des Knechtes Namen, ebenso was wir getan 
hatten, und dass eine Frau mit uns gewesen sei, dass 
wir gelesen hätten, und dass zwei mit bloßem Haupte 
dabei gewesen und wo wir ausgestiegen wären; ich 
sagte hierauf, dem sei so, worauf sie diese Aussage 
niederschrieben; ich entschuldigte zwar zwei von de- 
nen, die in dem Boote gesessen hatten, aber es half 
ihnen nichts, es blieb dabei. Hierauf zeigten sie mir 
vier oder fünf Briefe; ja, sagte ich, ich habe sie geschrie- 
ben. Hierauf sagten sie: Dieser ist der Befehlschreiber; 
solches ziemt sich nicht, sagten die Ratsherrn, dass 
du den Kaiser so gering machst. Darauf sagte ich, 
ich mache den Kaiser nicht gering; wie groß aber der 
Kaiser ist, so ist doch der oberste Kaiser noch größer. 
Bringt mir eine Bibel und ich will euch zeigen, was 
ich geschrieben habe. Sie sagten darauf: Warum hast 
du diese Briefe geschrieben? Ich entgegnete: Ich habe 
sie geschrieben, weil es mich jammerte, und damit ihr 
eure Finger nicht mehr mit Blut besudeln, sondern 
Buße tun mögt, wie die von Ninive taten. Das wart 
ebenfalls aufgezeichnet; ferner fragten sie, was ich 
von dem Sakramente des Altars hielte; ich sagte, dass 
es nichts nütze. Frage: Wie lange bist du nicht dort 
gewesen? Antwort: In vier Jahren nicht. Frage: Hast 
du dich schon lange zu diesem Glauben bekannt? Ant- 


wort: Nein. Frage: Warum gingst du nicht dazu? Aus 
Unverstand wusste ich wohl, dass es nichts taugt. Da 
machten sie sich davon. Sie waren mit mir von acht 
Uhr bis zu halb zwölf des Mittags beschäftigt. 

Dieses habe ich davon geredet, liebe Freunde, ver- 
zagt nicht, obwohl es etwas scharf geschrieben ist; 
der Herr hilft den Seinen; hätte mir der Herr nicht 
geholfen, es wäre mir nicht möglich gewesen, es zu 
ertragen; aber wir können alles durch den, der mich 
mächtig macht, welcher ist Christus. Und gleichwie 
des Leidens Christi viel über uns kommt, so kommt 
auch viel Trost durch Christum. 

Hiermit will ich schließen; ich trage die Malzeichen 
(wovon Paulus spricht) an meinem Leibe. 

Am Sonntagmorgen kamen sie und lasen mein Ver- 
hör ab und fragten, ob dem so wäre. Da fiel mir in den 
Sinn, dass der Prophet sagt: Es sind Wölfe am Abend, 
die bis an den Morgen nichts übrig lassen, ja die mit 
Füßen schnell laufen, unschuldiges Blut zu vergießen. 
Ich sagte darauf zum Schultheiß, ob er noch nicht satt 
wäre vom unschuldigen Blute, weil er auf dem Wege 
der Ungerechtigkeit so fleißig war; er sagte darauf: 
Ich töte euch nicht. Ich erwiderte: Des Kaisers Befehl 
tötet uns, aber du solltest dann mit dem, das du hast, 
zufrieden sein und nicht nach mehr fragen. Womit 
willst du beweisen, dass du uns mit Recht tötest? Es 
steht geschrieben: Sündiget dein Bruder an dir, so be- 
strafe ihn zwischen dir und ihm allein; hört er dich 
nicht, so nimm noch einen oder zwei mit dir; hört 
er dann noch nicht, so sage es der Gemeinde; will er 
auch die nicht hören, so halte ihn für einen Heiden 
und öffentlichen Sünder; hier redet die Schrift nicht 
von Töten. Schultheiß: Wir haben eine andere Schrift, 
wenn Paulus sagt: Die Obrigkeit ist nicht umsonst 
eingesetzt, denn Gott hat sie selbst verordnet. Adri- 
an: Ja, den Guten zum Schutze und den Bösen zur 
Strafe; aber es kommt mir vor, es werde das Gegenteil 
befolgt, dass sie den Guten zur Strafe, den Gottlosen 
aber zum Schutze sei. Schultheiß: Wir wollen dir wohl 
mit Schriften dartun, dass wir ein Recht haben, dich 
zu töten. Adrian: Solches könnt ihr mit dem Evangeli- 
um nicht tun. Unterschultheiß: Was weißt du, was das 
Evangelium sei. Adrian: Es steht geschrieben: Tue Bu- 
ße und glaube an das Evangelium. Unterschultheiß: 
Es sind acht Evangelien geschrieben. Adrian: Ich bin 
mit vier dergleichen wohl zufrieden; können die mich 
nicht belehren, so werden mich die vier andern auch 
nicht belehren. 

Schultheiß: Adrian Cornelius, soll man Gelehrte zu 
dir schicken, dass sie dich mit dem Worte des Herrn 
unterrichten? Adrian: Ich will mich mit des Herrn 
Worte unterrichten lassen. Schultheiß: Das ist wohl 
geredet. Adrian: Ich will nicht mit ihnen reden, es 



177 


sei denn, dass es in des Rates Gegenwart und im Bei- 
sein meiner Mitgefangenen geschehe; das gefiel ihnen 
nicht. Hierauf gingen sie davon und der Schultheiß 
fuhr sofort nach Delft. 

Drei Wochen später kam der Schultheiß ins Gefäng- 
nis, wo wir zu dreien saßen und fragte, ob wir nicht 
anfangen, überdrüssig zu werden. Wir sagten: Nein. 
Darauf sagte ich: Jakobus sagt: Nehmt das Leiden 
zum Vorbilde. Sie verwunderten sich, dass wir sol- 
ches so gering achteten. 

Da sagte ich zum Schultheiß: Gleichwie des Leidens 
Christi viel über uns kommt, so kommt auch des Tros- 
tes viel durch Christum. Schultheiß: Ich sollte denken, 
es würde euch solches beschwerlich fallen. Adrian: 
Fallt euch denn auch das Blutvergießen beschwerlich? 

Er antwortete nichts; hierauf fragte er, ob man 
uns Gelehrte bestellen sollte. Wir sagten: Wir wollen 
uns allezeit mit des Herrn Worte unterweisen lassen. 
Schultheiß: Man wird euch mit sonst nichts unterwei- 
sen, als mit des Herrn Worte. Antwort: Wir wollen 
unsem Glauben allezeit um einen bessern dahinge- 
ben, damit man nicht sagen möge, wir seien halsstar- 
rig, und dasselbe sollten unsere Widersprecher tun. 
Schultheiß: Dem ist so; lasst euch unterweisen, denn 
ihr wisst nicht, wie lange ihr noch zu leben habt. Adri- 
an: Weißt du doch nicht, wie lange du noch hier zu 
bleiben hast; wir sind nun schon verlassen, so wird 
uns doch der Herr gnädig sein; hierbei hatte es sein 
Bewenden; er sagte hierauf: Man wird euch jeman- 
den bestellen. Als er die Treppe hinunterging, riefen 
wir ihm nach, er sollte eine Bibel oder ein Testament 
mitbringen. 

Den Nachmittag kam ein Pfaffe mit zwei Dienern, 
derselbe kam uns sehr schön vor; er legte seinen Kram 
aus und meinte etwas zu verkaufen, redete auch sehr 
angenehm, und als einer unter uns sich in Reden er- 
ging, brachte er vieles vor; darauf sagte ich: Der Herr 
hatte uns vor dem Sauerteige der Pharisäer und vor 
denen, die in langen Kleidern gehen, gewarnt. Pfaffe: 
Die Kleider machen es nicht aus. Darauf sagte ich, 
ihre Dinge wären nichts nütze, Kindertaufe, Glocken- 
lauten, Messe und all ihr Lumpenwerk. Er antwortete, 
dass die heilige Taufe der Kinder Recht wäre. Ich frag- 
te, wo dieses Recht geschrieben stände. Pfaffe: Im 
1. Briefe an die Korinther, Kap. 16. Adrian: Daselbst 
steht: Stephanus Hausgesinde seien die Erstlinge in 
Achaja gewesen, die sich zum Dienste der Heiligen 
begeben haben; diese konnten ja keine Kinder gewe- 
sen sein; die Kinder könnten sich ja nicht zum Dienste 
der Heiligen begeben, sondern man muss selbst den 
Kindern dienen. 

Er fragte uns wegen des Stockmeisters und seines 
Hausgesindes, ob darunter keine Kinder wären? Ant- 


wort: Nein. Pfaff: Woher weißt du das? Adrian: Es 
steht geschrieben: Der Stockmeister freute sich, dass er 
mit seinem ganzen Hausgesinde an Christum gläubig 
geworden war. Die Kinder können sich nicht über den 
Glauben erfreuen, indem sie keinen Glauben haben; 
da war er hiermit auch am Ende. Auf solche Weise hat 
er auch Lydia, die Purpurkrämerin angeführt. Pfaffe: 
Als ich noch jung war, hatte ich meinen Glauben so 
vollkommen als wohl jetzt. Adrian: Was sagtest du 
denn damals? Darauf antwortete er mir nichts. So- 
dann sagte er: Als ich geboren war, hatte ich die Hand 
und wusste es nicht, ebenso auch meinen Glauben, 
der in mir verborgen war, und die Erbsünde, die ich 
hatte, wurde durch die Wiedergeburt des Wassers, 
welche auf dem Taufsteine geschieht, hinweggenom- 
men. Da fragte ich ihn, ob das Wasser oder Christus 
für ihn gekreuzigt wäre. Pfaffe: Christus. Gleichwohl 
suchst du die Seligkeit im Wasser; darauf schwieg er. 
Da fragte Dirk Janß, wo es geschrieben stände, dass 
man die Glocken taufen sollte. Pfaffe: Das ist von der 
heiligen Kirche eingesetzt worden. Auch fragte ich ihn 
wegen des Messehaltens, worauf derselbe antwortete, 
dass er Gott in leiblicher Weise in Fleisch und Blut 
in der Messe hätte. Ich sagte, er wäre ein Verführer. 
Pfaffe: Hat denn Gott nicht gesagt: Nehmt, esst, das 
ist mein Fleisch, und trinkt, das ist mein Blut, und so 
oft ihr von diesem Brote esst, sollt ihr des Herrn Tod 
verkündigen; darüber hatten wir ein langes Gespräch. 

Darauf fragte ich ihn, ob er auch wohl in lTim 4 
gelesen hätte. Pfaffe: Ja. Ich fragte, ob er ein Testament 
mitgebracht hätte. Pfaffe: Ja, hier ist ein Testament in 
Latein. Adrian: Wir sind in keiner lateinischen hohen 
Schule, sondern in der hohen berühmten Schule des 
Evangeliums gewesen, deren Lehrmeister der Geist 
Gottes ist. Er sagte, er könnte es wohl in deutscher 
Sprache lesen; dann las er die Stelle vor, von dem Ver- 
bote ehelich zu werden und die Speise zu meiden. Ich 
fragte, von wem es gesprochen sei. Er entgegnete, er 
wüsste es nicht. Adrian: Wenn du ein Lehrer bist, so 
gebührt dir solches wohl zu wissen. Pfaffe: Ja, es steht 
von der Welt Ende. Adrian: Es wird von den letzten 
Zeiten gesagt, willst du nun sagen, dass solches die 
letzte Zeit nicht sei? Da schwieg er und sagte, er habe 
das Ehelichen nicht verboten, vielweniger die Speise. 
Wir sagten: Dein Vater hat es getan, nämlich der Papst; 
du aber bist mit Haman darauf aus gewesen. Befehle 
zu erlangen, um uns und die Unsrigen zu töten, auch 
hast du geholfen, dem Kaiser zehntausend Pfund Sil- 
ber zu geben. Pfaffe: Ich habe es nicht getan. Adrian: 
Seid ihr Christen? Den Christen gebührt nicht, jeman- 
den zu verfolgen. Pfaffe: Wir verfolgen euch nicht. Da 
fragte ich ihn, ob die Christengemeinde verfolge, oder 
ob sie Verfolgung litte? Pfaffe: Sie leidet Verfolgung. 



178 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Darauf fragte ich, wo er Verfolgung litte, ob nicht wir 
diejenigen seien, die Verfolgung leiden. Pfaffe: Wir 
leiden Verfolgung vom Teufel. Da fragten wir, wo es 
geschrieben stände, dass man uns um unseres Glau- 
bens willen töten sollte. Er erwiderte, es sei um der 
bösen Sekten willen verordnet. Wir sagten, wir hingen 
keiner Sekte an. Pfaffe: Man mutmaßt, es möchte mit 
euch so gehen. Darauf entgegnete Dirk Janß: Hängt 
man auch wohl einen Mann, von welchem man mut- 
maßt, dass er gestohlen habe, obgleich er solches nicht 
getan hat? Ebenso sollte man uns auch nicht töten, ehe 
man uns überwiesen hätte. Endlich ging der Pfaffe 
davon und wir hatten ihn in vielen Dingen, wovon 
er nichts verstand, gefangen; auch sagte ich, er sei 
einer von denen, die Gott durch das Beichten seine 
Ehre rauben, indem sie Sünde vergeben wollen; dar- 
in wurde er auch geschlagen, und ging also hinweg. 
Ich hoffe, wir werden unser Opfer bald miteinander 
verrichten. 

Ach, meine lieben Freunde! Seht doch zu, dass ihr 
füreinander Sorge tragt und vorsichtig handelt, denn 
die Menschen sind sehr ergrimmt, und setzen unse- 
rem Bruder sehr nach, wo er ist. Deshalb handelt hier- 
in etwas weißlicher, als einige unter euch tun, denn, 
liebe Freunde, wenn es der Herr zuließe, sie würden 
unbarmherzig mit ihm umgehen, wenn sie ihn hät- 
ten. Darum nehmet solches zum Besten auf, denn es 
sind so wenige Arbeiter in der Ernte und sorgt für 
diejenigen, die nun in der Ernte sind. Und ferner, lie- 
be Freunde, wenn ihr zusammenkommt, um von des 
Herrn Worte zu reden, so bringt eure Zeit nicht mit 
unnützem Geschwätze und albernen Gedichten zu, 
sondern übt euch in der Gottseligkeit, damit ihr Wi- 
derstand tun könnt, wenn das böse Stündlein kommt, 
und alles wohl ausrichten mögt, und seid allezeit flei- 
ßig, dass ihr den geistigen Tempel bis auf des Herrn 
Zukunft mit Ehren aufbauet. Wer heilig ist, werde 
noch heiliger, wer rein ist, werde noch reiner, gleich- 
wie Paulus an die Thessalonicher schreibt, dass es 
nicht nötig sei, solches ihnen zu schreiben, sondern 
er sagte: Sie sollten noch überfließender werden; also 
auch ihr, liebe Brüder. Leset die Ermahnung, die ich 
euch geschrieben habe, und die euch wohl gezeigt 
werden wird; grüßt mir alle Freunde in dem Herrn, 
insbesondere unsem Bruder G., welcher ein treuer 
Diener ist; auch grüßen ihn alle, die in Banden liegen; 
sie grüßen auch zugleich alle, die die Wahrheit lieben. 
Seid dem Herrn befohlen, und wisset, dass wir noch 
alle guten Mutes sind, der Herr sei allezeit gelobt. 

Meine lieben Freunde, ich muss euch noch ein we- 
nig schreiben; das Papier, das mir zuerst zu Gebote 
stand, war nicht groß genug, denn, geliebte Freunde, 
das Papier ist rar in unserer Gefangenschaft; weil aber 


Habakuk noch etwas Papier brachte, so schreibe ich 
noch etwas von einigen Sachen, die sich in unserer 
Gefangenschaft zugetragen haben, bis jetzt aber von 
mir vergessen worden sind. Als der Diener, der mich 
verraten hatte, uns Speise brachte, fragte ich ihn, ob 
ich ihm vielleicht in einigen Dingen etwas Leides ge- 
tan hätte, dann bäte ich ihn um Vergebung; solches 
habe ich oft so freundlich zu ihm gesagt, als ich im- 
mer konnte, wie uns denn solches geboten ist; hierauf 
antwortete er: Du hast mir kein Leid getan, auch kei- 
ner von den Eurigen; um meiner freundlichen Anrede 
und Liebesbezeugung willen schämte er sich, dass 
er mich verraten hatte, und dass ich ihm so liebreich 
zuredete. 

Ferner will ich noch einige Reden von dem Pfaffen 
anführen, welcher uns zu unterrichten kam; ich fragte 
ihn, ob er auch Glauben hätte. Er antwortete: Ja. Adri- 
an: Solltest du einen Monat mit uns hier im Stocke 
sitzen müssen, ich denke, du würdest deinen Glau- 
ben verleugnen. Pfaffe: Vielleicht täte ich es nicht. Da 
fing er an, vom Glauben zu reden, und sagte, dass der 
Glaube imbegreiflich sei. Ich entgegnete: Ist der Glau- 
be unbegreiflich, wie könnten wir denn selig werden? 
Da ward er geschlagen. Darauf redeten wir ein we- 
nig von dem Rufe der Lehrer, und wie Paulus gesagt 
habe: Ein Lehrer soll unsträflich sein, und im ferne- 
ren Verlaufe der Reden, dass sie gastfrei sein sollen. 
Da sagte ich: Ihr sollt wohl lieber zu Gaste gehen, als 
jemanden zu Gaste haben und Fremde beherbergen, 
und, sagte ich, wenn ich zu dir käme, wolltest du 
mich wohl aufnehmen? Pfaffe: Vielleicht wohl. Auch 
redeten wir von der Kindertaufe; diese wollte er mit 
den Hausgenossen beweisen. Ich fragte ihn darauf, 
zu wem die Schrift redete: Redet sie nicht zu denen, 
die Ohren haben zu hören und Herzen zu verstehen? 
Pfaffe: Ja. Dann fragte ich ihn, ob den Kindern eini- 
ge Schrift gehöre. Pfaffe: Nein. Adrian: Gehört den 
Kindern keine Schrift, so gehört ihnen auch die Taufe 
nicht. Da war er verstrickt und mit seiner Kindertaufe 
geschlagen. Auch redete er noch von dem Essen des 
Fleisches Christi, und von dem Trinken seines Blu- 
tes, wie Christus seinen Aposteln Fleisch von seinem 
Fleische, und sein Blut äußerlich zu trinken gegeben 
habe; ich erwiderte darauf, er wäre ärger als die Juden. 
Pfaffe: Warum? Adrian: Die Juden murrten darüber 
und sagten: Wie kann uns dieser sein Heisch zu essen 
geben? Du aber kommst nun und willst es aufessen. 
Glaube gewiss, sagte ich zum Pfaffen, Christus hat 
diese Reden nicht in dem Sinne gesprochen, worin du 
sie nimmst. Summa: Er wäre gern mit Ehren fortge- 
gangen, denn er konnte seinen Kram nicht anbringen. 



179 


Sechs fromme Brüder, 1552. 

Sechs fromme Brüder, nämlich Lieven Janß, Mey- 
nert Hermanß, Peter Thymanß, Reyer Egbertß, Hen- 
rich Anthoniß, Claeß Gerbrantß, werden alle, um 
des Zeugnisses Jesus Christi willen, zu Amsterdam 
mit Feuer hingerichtet, oder lebendig verbrannt, den 
6. August im Jahre 1552. 

Das Blut der Märtyrer (sagte einer von den Alten) 
ist der Same der Kirche; die Rose wächst in und unter 
den Dornen, so auch die Rose der blühenden Gemein- 
de Christi. 

Dies ist in diesen schweren betrübten Zeiten zu 
ersehen, worin fast von nichts als von Würgen, Bren- 
nen, Morden und Blutvergießen der unschuldigen 
und wehrlosen Schäflein Christi gehört wurde; dass 
eben damals vielmehr Personen sich erhoben, ihnen 
nachzufolgen und ihren Glauben anzunehmen, als 
die Zahl derjenigen ausgemacht, die zuvor getötet 
worden sind. 

Man trat haufenweise (so zu sagen) in den geistli- 
chen Streit, ja auf die Plätze, wo nichts anderes als der 
gewisse Tod zu erwarten war, denn ein jeder war be- 
reit, um Gottes willen (wenn er dazu von ihm würdig 
erkannte würde) ein Opfer zu werden. Es wurde we- 
der Feuer noch Schwert gefürchtet um des Zeugnisses 
des Herrn willen, denn man sah auf seine tröstlichen 
und herrlichen Verheißungen, welche er denen, die 
standhaft bleiben, gegeben hat. 

Dieses war im Jahre Christi 1552 im Monate August 
an sechs frommen Christen zu ersehen, welche aus 
Babel gegangen waren, und sich zu dem Angesichte 
des Friedens, zu dem geistigen Jerusalem, der wah- 
ren Gemeinde Gottes begeben hatten, wiewohl viele 
Anfälle und Stürme auf sie getan wurden, sodass sie 
auch durch den grausamen und schrecklichen Tod 
des Feuers ihr heben eingebüßt haben. 

Es hat sich aber die Sache so zugetragen, drei von 
ihnen waren bereits durch die Taufe als Mitglieder der 
Gemeinde aufgenommen, die übrigen drei aber wa- 
ren dazu zubereitet. Unterdessen aber wurden sie alle 
gefangen genommen und nach Amsterdam gebracht, 
wo sie alle ein gutes Bekenntnis von dem allerheiligs- 
ten Glauben, der in ihren Seelen wohnte, getan haben, 
wiewohl die drei letzten sich darüber beklagten, dass 
sie noch nicht die Taufe erlangt, zu welcher sie sich 
(wenn es möglich gewesen wäre) noch vor ihrem Tode 
begeben hätten. 

Summa: Das Todesurteil wurde über sie alle gefällt, 
nämlich, dass sie (als Ketzer) mit Feuer hingerich- 
tet, das ist (nach dem Sprachgebrauche) lebendig ver- 
brannt werden sollten; diese grausame Art des Todes 
haben alle standhaft ertragen, wie solches aus nach- 


folgendem Todesurteile zu ersehen ist, das wir aus 
dem Buche des Blutgerichtes der Stadt Amsterdam, 
welches ihnen kurz vor ihrem Tode vor Gericht vor- 
gelesen worden ist, empfangen haben, und welches 
wir zur vollen Feststellung der vorgemeldeten Sache 
hier beifügen wollen. 

Todesurteil der vorgenannten sechs Personen. 

Todesurteil der vorgenannten sechs Personen, Lieven 
Janß, Meynert Hermanß, Peter Thymanß, Reyer Eg- 
bertß, Henrich Anthoniß, Claes Gerbrantß. 

Nachdem Lieven, des Jansen Sohn von Gent, sonst 
Liefken, der Kaiser genannt, seines Handwerks ein 
Weber, Meynert Hermanß von Balchde, Holzsäger, Pe- 
ter Thymanß von Zuiphen, sonst seines Handwerks 
ein Küfer, nun aber ein Buchbinder, Reyer Egbertß, 
Bürger dieser Stadt, Henrich Anthoniß von Leyden, 
beide Weber, und Claes Gerbrantß, geboren zu Wor- 
mer, sich in die heidnischen Zusammenkünfte und 
Versammlungen der Leute begeben haben, die zur 
Sekte der Wiedertäufer gehören und sich von den 
Häuptern und Lehrern derselben haben unterrichten 
lassen, nämlich der vorgenannte Claes Gerbrantß von 
Menno Simon, schon vor zehn Jahren, und der vor- 
genannte Lieven von Gent und alle andern von Gillis 
von Aachen, gleichwie sie sich auch zu deren Leh- 
ren, Irrtümern und Ketzereien, welche die genannten 
falschen Lehrer ausbreiteten, begeben, und sich auch 
von dem Glauben, Gehorsam und der Einigkeit der 
heiligen christlichen Kirche abgesondert und eine ir- 
rige Lehre von den Sakramenten der heiligen Kirche 
haben, so dass der vorgenannte Lieven, Meynert und 
Peter sich von vorgenanntem Gillis von Aachen haben 
wiedertaufen lassen und also von der Taufe, die sie in 
ihrer Kindheit empfangen haben, abgefallen sind; des- 
gleichen, dass auch der vorgenannte Reyer Egbertß, 
Henrich Anthoniß und Claes Gerbrantß, welche von 
ihrer vorgenannten Taufe abgewichen sind, bekannt 
haben, dass sie, wenn sie dazu gelangen könnten, zur 
Wiedertaufe bereit seien, welches dem heiligen christ- 
lichen Glauben, den Verordnungen der heiligen Kir- 
che, den geschriebenen Rechten und Befehlen der kai- 
serlichen Majestät, unsers gnädigen Herrn, zuwider 
ist, auch überdies noch in ihrem Unglauben, Ketzerei 
und Irrtümern halsstarrig verharren, so haben mei- 
ne Herren des Rates, nachdem sie meines Herrn, des 
Schultheißen Anklage gegen die Vorgenannten gehört, 
wie auch ihr Bekenntnis und der vorgemeldeten Sache 
Umstände genau erwogen, die Vorgemeldeten dahin 
verurteilt, dass sie von dem Scharfrichter mit Feuer 
hingerichtet werden sollen, wobei sie ferner erklären, 
dass ihre Güter zum Nutzen der kaiserlichen Maje- 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


stät, als Grafen von Holland und unseres gnädigen 
Herrn, doch ohne Schaden und Nachteil dieser Stadt 
Freiheiten verfallen sein sollen. 

Gegeben und öffentlich verlesen vor Gericht den 
8. August, im Jahre 1552, in Gegenwart aller Ratsher- 
ren. Dempto Andreas Boelen, mit Rat der Bürgermeis- 
ter. 

Von der Folter des Henrich Anthoniß und Reyer 
Egbertß, auch wann solches geschehen. 

Von denselben sind Henrich Anthoniß den 28. Juni 
und Reyer Egbertß den letzten Juni, im Jahre 1552, auf 
der Folter untersucht worden. 

Ausgeschrieben aus dem Buche des Blutgerichts, 
welches in der Stadtkanzlei zu Amsterdam zu finden 
ist, N. N. 

Peter von Olmen, oder von Werwyk, wird zu Gent 
getötet, 1552. 

Ein Brief von Peter Olmen, genannt von Werwyk, wel- 
chen er im Gefängnisse zu Gent geschrieben hat, wo 
er um des Zeugnisses Jesu willen, im Jahre 1552, sein 
Leben gelassen hat. 

Die überfließende Gnade und der Friede von Gott 
dem Vater und dem Herrn Jesu Christo sei mit euch. 
Gnade und Friede sei mit euch von Gott unserm Va- 
ter und unserm Herrn Jesu Christo, der ein Vater der 
Barmherzigkeit und ein Gott allen Trostes ist, der uns 
in all unserer Trübsal tröstet, damit wir auch diejeni- 
gen trösten mögen, die in allerlei Trübsal sind, mit 
dem Tröste, womit wir von Gott getröstet werden, 
denn wie wir des Leidens in Christo viel haben, so 
werden wir auch durch Christum getröstet. Denn un- 
sere Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft uns, die 
wir nicht auf das Sichtbare, sondern auf das Unsicht- 
bare sehen, eine ewige und über alle Maßen gewichti- 
ge Herrlichkeit; denn was sichtbar ist, das ist zeitlich, 
was aber unsichtbar ist, das ist ewig. Wir wissen aber, 
wenn unser irdisches Haus dieser Hütte zerbrochen 
wird, daß wir einen Bau haben von Gott erbaut, ein 
Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im 
Himmel. Über dasselbe sehnen wir uns auch nach un- 
serer Behausung, die im Himmel ist, und uns verlangt, 
daß wir damit überkleidet werden. So doch, wo wir 
bekleidet und nicht nackend erfunden werden, denn 
weil wir in der Hütte sind, sehnen wir uns und sind 
beschwert, indem wir lieber nicht entkleidet, sondern 
überkleidet werden wollten, damit das Sterbliche von 
dem Leben verschlungen würde. Derjenige aber, der 
uns zu demselben bereitet, ist Gott, der uns das Pfand, 
den Geist, gegeben hat. Wir sind aber getrost allezeit 


und wissen, daß, weil wir im Leibe wohnen, so wallen 
wir dem Herrn, denn wir wandeln im Glauben und 
nicht im Schauen; wir sind aber getrost und haben 
vielmehr Lust außer dem Leibe zu wallen, und da- 
heim zu sein bei dem Herrn. Ich ermahne euch, liebe 
Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit 
Gottes, daß ihr euch untereinander fleißig versam- 
meln wollt, um einander guten Unterricht von der 
ewigen Wahrheit unseres Seligmachers zu geben, weil 
ihr Zeit habt, denn wir haben hier keine bleibende 
Stätte, sondern erwarten eine andere, und das mit 
Geduld. 

Darum, liebe Brüder und Schwestern, nehmt des 
Herrn Wort wohl zu Herzen und merkt darauf, was 
der Herr sagt, damit, wenn ihr versucht werdet, ihr 
feststehen mögt; denn ich sage euch, liebe Brüder, daß 
man einen ernstlichen Kampf führen muss, ja, viel 
ernstlicher als ich dachte, denn sie setzten uns mit 
sehr listigen Fragen und süßen Worten zu, womit sie 
uns fangen und abwendig machen mögen. Darum, 
liebe Brüder, gebt einander gute Anweisung darüber, 
welches der Weg des Herrn und welches der Weg 
des Teufels, welches der lautere Gottesdienst und der 
Dienst des Teufels und der Abgötter sei; desgleichen 
auch, welches die Kinder des Herrn und die Kinder 
des Teufels sind, denn die Kinder des Herrn sind nicht 
von dieser Welt, darum hasst sie die Welt; sie leiden al- 
le Verfolgung; sie werden wie Schlachtschafe zum To- 
de geführt und von allen Menschen gehasst; sie müs- 
sen jedermanns Raub sein; sie haben nirgends einen 
sichern Ort; sie sind allen Menschen in der Welt und 
jedermanns Ausfegsel; sie weinen und heulen und 
die Welt freut sich darüber; sie werden geschmäht, 
weil sie auf den lebendigen Gott hoffen. Hier erkennt 
man, welche die Kinder des Herrn und die Kinder 
des Teufels sind; wer recht tut, ist gerecht, gleichwie 
er gerecht ist, wer Sünde tut, der ist vom Teufel. Ach, 
darum, liebe Kindlein, liebt nicht die Welt, noch was 
in der Welt ist, denn wenn jemand diese Welt liebt, in 
demselben ist nicht die Liebe des Vaters; denn alles, 
was in der Welt ist, nämlich Fleischeslust, Augenlust 
und hoffärtiges Leben, ist nicht vom Vater, sondern 
von der Welt und diese Welt vergeht mit ihren Lüsten; 
wer aber den Willen des Vaters tut, bleibt in Ewigkeit. 

Meine sehr Geliebten! Wisst, daß ich mit den Her- 
ren der Finsternis und den falschen Propheten einen 
großen Kampf gehabt habe, denn sie sagen, man mö- 
ge wohl hören und von ihnen Unterricht empfangen, 
wiewohl sie nicht nach des Herrn Gebot leben. Da 
fragte ich so: Ist derjenige nicht von dem Herrn ent- 
fremdet, der nicht in den Geboten des Herrn wandelt? 
Sie antworteten: Ja. Darauf sagte ich, daß Christus ge- 
sagt habe: Meine Schafe hören meine Stimme und sie 



181 


folgen mir, aber der fremden Stimme folgen sie nicht, 
sondern fliehen davor; wenn ich nun einen Fremden 
hören würde, so wäre ich von Christi Schafen nicht, 
denn die Schafe Christi hören den Fremden nicht. Ant- 
wort: Sie predigen aber doch die Wahrheit; das Wort 
leidet um deswillen keinen Abbruch. Dann sagte ich: 
Johannes sagte: Wer da sagt, er kenne Gott und hält 
seine Gebote nicht, der ist ein Lügner, und es ist keine 
Wahrheit in ihm; ist nun keine Wahrheit in ihm, wie 
kann er denn die Wahrheit reden? Also müsste Johan- 
nes lügen. Christus sagt: Ein böser Baum kann keine 
guten Früchte bringen. Ferner sagt er: Wie könnt ihr 
Gutes reden, während ihr böse seid? Löst diese Frage 
auf, so will ich euch glauben. Ich sage euch, wenn 
einer der Eurigen auch ein Testament nehme und läse 
dasselbe in eurer Kirche vom Anfänge bis zum Ende, 
wie die Apostel geschrieben haben, so will ich ihm be- 
weisen, daß er lügt; lasst aber dieselben Worte einen 
Menschen reden, der in den Wegen des Herrn wan- 
delt, der wird die Wahrheit sagen; wenn aber jemand 
von den Eurigen diese Worte in eurem Tempel über 
Trunkenbolde, Ehebrecher, Diebe, Mörder, Geizige, 
Verleumder oder Lästerer usw. predigen und sagen 
würde: Ihr seid das auserwählte Volk, das königliche 
Priestertum, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, 
damit ihr die Tugenden desjenigen verkündigt, der 
euch von der Finsternis zu seinem wunderbaren Lich- 
te berufen hat, die ihr vor Zeiten kein Volk wart, nun 
aber Gottes Volk seid, und früher nicht in Gnaden 
wart, nun aber in Gnaden seid; wenn er nun, sage ich, 
diese Worte über das böse Volk redete, würde er nicht 
daran lügen? Würde aber ein gottesfürchtiger Mensch 
sie über das gottesfürchtige Volk aussprechen, so wür- 
de er die Wahrheit sagen. Ferner, wenn ihr predigen 
würdet: Wir sind um deinetwillen wie Schlachtschafe 
zum Tode geführt; würdet ihr nicht auch daran lügen? 
Aber ein Gottesfürchtiger würde die Wahrheit sagen. 
Wir hatten noch mehr dergleichen Gespräche, aber sie 
waren fruchtlos. Dann fragte ich, ob des Herrn Kinder 
nicht alle geistlich sein müssen? Er antwortete: Ja, sie 
müssen. Darauf fragte ich, warum man denn sie Geist- 
liche, die andern aber Weltliche nenne, da sie doch 
alle Geistliche sein müssten. Das konnten sie nicht 
beweisen. Darauf sagte ich: Christus bittet nicht für 
die Welt, sondern für diejenigen, welche nicht von der 
Welt sind; seid ihr nun Geistliche, wie kommt es denn, 
daß ihr nicht eines Sinnes seid? Denn der eine darf 
anders nicht als in grauer Farbe gehen und kein Geld 
anrühren, auch müssen seine Schuhe oben ein Loch 
haben, andere müssen ganz schwarz, die übrigen aber 
in bunten Farben gekleidet gehen, andere essen nichts 
Gekochtes, und wenn sie Vater oder Mutter sehen, 
dürfen sie dieselben nicht anreden; wenn sie aber die- 


selben nicht sehen, so reden sie mit ihnen. Ich fuhr 
fort: Diese alle sind verschiedene Sekten und sind alle 
von Menschen gepflanzt, nicht aber von Gott, darum 
werden sie alle ausgerottet werden; hierauf wussten 
sie nicht viel zu antworten. Da sagte ich: Eure Lehre ist 
die Lehre des Teufels, denn, was unter euch geschieht 
und beobachtet wird, streitet mit der Wahrheit, gleich- 
wie auch Paulus sagt, daß in den letzten Zeiten einige 
vom Glauben abtreten und den verführerischen Geis- 
tern und Lehren der Teufel anhangen werden, die da 
verbieten ehelich zu werden, und die Speise, die Gott 
erschaffen hat, zu meiden. Nun sehe ich, daß ihr sol- 
che Lehre habt, denn ihr verbietet ehelich zu werden 
und die Speise zu gebrauchen; hierauf hieß man mich 
Weggehen. 

Nicht lange nachher kam der Diakon von Ronsen 
mit einem andern Pfaffen; dieselben setzten mir mit 
listigen Fragen scharf zu, aber der Herr bewahrte 
mich, daß ich nicht verraten wurde; er fragte mich, 
ob ich nicht glaube, daß das Brot, welches Christus 
seinen Aposteln gegeben, der Leib Christi sei, wie er 
sagte: Nehmt, esst, das ist mein Leib, der für euch 
gebrochen wird. Ich antwortete: Das Brot ist nicht der 
Leib Christi gewesen, der für uns gebrochen worden 
ist; es war nur zum Andenken. Darauf sagte er: Das 
Brot verändert sich in seinen Leib; ich aber erwiderte, 
daß es nur zum Andenken wäre und nicht der Leib 
selbst. Dann fragten sie mich von der Taufe, ob die 
Kinder nicht getauft werden müssten. Ich antwortete: 
Man findet nichts von einer Kindertaufe, sondern von 
einer Taufe des Glaubens. Sie entgegneten: Siehe, wir 
wollen beweisen, daß die Kinder getauft werden müs- 
sen. Sagt nicht Christus daselbst in Joh 3: »Es sei denn , 
daß jemand von neuem geboren werde aus Wasser und 
Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.« Da 
sagte ich, daß dies nicht zu den Kindern gesprochen, 
sondern zu denen, die es hören. Sie aber bestanden 
darauf, und damit wollten sie die Kindertaufe behaup- 
ten und aufrichten. In solcher Weise disputierten wir 
viel miteinander, aber kamen in nichts überein. 

Darum ermahne ich euch, liebe Brüder und Schwes- 
tern, daß ihr einander von allen Dingen guten Unter- 
richt geben wollt, nämlich vom Abendmahle, von der 
Taufe und von der Menschwerdung Christi, auch von 
den geistlichen Kindern und Weltkindern; wandelt 
weislich in der Furcht des Herrn, und fürchtet auch 
nicht die Menschen, wenn sie auch hässlich toben. Ich 
ermahne euch auch, liebe Brüdern und Schwestern, 
durch die Liebe unsers Herrn, daß ihr alle den Herrn 
für mich bitten wollt, damit ich standhaft aushalten 
möge, wenn ich versucht werde; ferner bitte ich, daß 
ihr meine geliebte Mutter, desgleichen auch meinen 
Bruder und mein Weib in allen Dingen fleißig unter- 



182 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


richten wollt, wenn sie sich etwa bekehren möchten. 
Der Herr erfülle euch mit seinem Geiste, Amen. Ge- 
schrieben mit Angst um des Volkes willen, welches 
allezeit daselbst war. Die überfließende Gnade und 
der Friede von Gott, dem Vater, und der Herr Jesus 
Christus sei mit euch. Amen. 

Wer Gott fürchtet, wird wohltun. 

Cornelius von Kulenberg, 1552. 

Es ist unter der Regierung des Grafen von Kulenberg 
im Jahre 1552 ein junger Geselle, um des Zeugnisses 
Jesu willen, namens Cornelius, gefangen genommen 
worden; derselbe hat zu Kulenberg ungefähr drei Jah- 
re gefangen gelegen, und ist nachher um der Wahr- 
heit Christi willen verbrannt worden; er hat während 
seiner Gefangenschaft von Pfaffen, Mönchen und vor- 
nehmen Geistlichen, welche in dem Hause zu Keulen- 
burg zusammenkamen, große Anfechtungen erduldet. 
Es haben auch diese Diener des römischen Antichris- 
ten diesem gemeldeten Jüngling viele Stricke gelegt, 
um seine Seele zu fangen, und haben ihm sowohl 
mit großer Pein, als auch mit schönen Verheißungen 
dieser Welt zugesetzt, damit er seine Mitgenossen 
offenbaren möchte, worin sie dem nachgefolgt sind, 
was ihr Meister, der Satan, bei unserm Seligmacher 
Jesu ausgeübt hat. Aber dieser Gefangene, wiewohl 
noch jung an Jahren, ist nichtsdestoweniger alt im 
Glauben gewesen, und hat dieser Versuchung durch 
Gottes Gnade tapfer widerstanden. Deshalb hat dieser 
Fromme dem gedachten Grafen, welcher von den ge- 
nannten Geistlichen dazu gezwungen worden ist und 
nicht gern bei dem Papste in Ungnade fallen wollte, 
seine Beharrlichkeit bezahlen müssen; man hat ihn 
nämlich an einen Pfahl gestellt, worauf die Pfaffen zu 
ihm gekommen sind und ihn versucht haben, um ihn 
abfällig zu machen; aber er hat viel lieber erwählt, um 
des Namens Jesu willen zu sterben, als von der Wahr- 
heit abzuweichen, und ist deshalb an einem Pfahle 
verbrannt worden; also ist er ein Mitgenosse des Lei- 
dens Christi geworden, was ihm in der Offenbarung 
des großen Gottes mit ewiger Freude belohnt wird. 
Seht hiervon ein Liedlein in dem Geschichtsliederbu- 
che. 

Herman Janß von Sollem, 1553. 

Herman Janß von Sollem wird um des Zeugnisses 
Jesu Christi willen zu Amsterdam mit Feuer hinge- 
richtet oder lebendig verbrannt, den 16. Februar 1553. 

Zu dieser Zeit war die Not noch nicht geendigt, 
sondern sehr groß, denn alle diejenigen, welche sich 


mit Ernst von dem abgöttischen römischen Babel ab- 
sonderten und sich zu dem geistigen Jerusalem, der 
friedsamen Gemeinde Jesu Christi, wandten, wurden 
sofort für Menschen des Todes erklärt. 

Dieses hat sich zu Amsterdam im Anfänge des Jah- 
res 1553 an einem frommen und gottesfürchtigen Neu- 
bekehrten, namens Herman Janß, aus Sollem, erwie- 
sen, welcher in der Zubereitung stand, um die Taufe 
auf seinen Glauben zu empfangen. Derselbe ist in sei- 
nem ersten Eifer für die göttliche Wahrheit von den 
Regenten der Bosheit ergriffen und nach Amsterdam 
gefänglich gebracht worden; hier hat er viel Anstoß 
und Qual ausstehen müssen, wodurch man ihn vom 
Glauben abzuziehen gesucht hat; weil er unbeweg- 
lich und standhaft blieb, so hat man ihn vom Leben 
zum Tode verurteilt, nämlich, daß er als ein Ketzer 
mit Feuer hingerichtet werden sollte. Dieses Urteil ist 
ihm den 16. Tag des Monats Januar des Jahres 1553 
öffentlich vor Gericht vorgelesen und noch an dem- 
selben Tag an ihm vollstreckt worden, wie solches aus 
folgendem Urteile zu ersehen ist, das wir Zum Bewei- 
se dieser Sache aus dem Stadtbuche des Blutgerichtes 
zu Amsterdam empfangen haben, und welches lautet, 
wie folgt: 

Das Todesurteil des Herman Janß von Sollem 

Nachdem Herman Janß, geboren in Sollem, sich in 
die Gesellschaft der Leute von der Wiedertäufer-Sekte 
begeben und ihre Ermahnung, Lehre und Irrtümer 
aufgenommen, auch gewissen Konventikeln (das ist, 
heimlichen Versammlungen) beigewohnt hat, wo so- 
wohl von Gillis von Aachen, als auch von andern 
aus der Schrift ungebührlich gelehrt und gehandelt 
worden, sodass er von seiner empfangenen Taufe ab- 
gefallen ist und bekannt hat, daß er begehrt habe, 
eine andere Taufe zu empfangen, wenn er dazu hät- 
te gelangen mögen, auch dazu eine irrige Lehre von 
dem heiligen Sakramente des Altars hat, gegen die 
Verordnungen und den Glauben der heiligen christ- 
lichen Kirche, und gegen die geschriebenen Rechte 
und Befehle der kaiserlichen Majestät, unseres gnä- 
digen Herrn, und überdies noch in seinem Unglau- 
ben, Ketzerei und Irrtume hartnäckig verharrt, des 
Unterrichts ungeachtet, der ihm von den Rechtgesinn- 
ten gegeben worden ist, so haben meine Herren des 
Rats, als sie sowohl die Anklage meines Herrn, des 
Schultheißen, auf den vorgemeldeten Herman Janß, 
wie auch des Angeklagten Bekenntnis und alle Um- 
stände der Sache in genaue Überlegung genommen, 
den vorbeschriebenen Herman Janß dahin verurteilt, 
daß er, nach den geschriebenen Rechten, von dem 
Scharfrichter mit Feuer hingerichtet werden soll, und 



183 


erklären ferner, daß seine Güter zum Nutzen der kai- 
serlichen Majestät, als Grafen von Holland, verfallen 
sein sollen. Abgelesen und ausgeführt den 16. Janu- 
ar im Jahre 1553, in Gegenwart des Schulzen Peter 
Cantert, und Jost Buyk, Bürgermeister, und aller Ge- 
richtsverwandten, auch unter Zuziehung der beiden 
andern Bürgermeister. 

Ausgezogen aus dem Buche des Blutgerichts der 
Stadt Amsterdam, welches daselbst in der Kanzlei 
niedergelegt ist. 

Felistis Jans, 1553. 

Felistis Jans, mit dem Zunamen Resinx, wird um des 
Zeugnisses Jesu Christi zu Amsterdam, den 16. Januar 
im Jahre 1553, verbrannt. 

Auch ist aus gleicher Ursache in demselben Gerich- 
te auf denselben Tag eine Jungfrau, genannt Felistis 
Jans, mit dem Zunamen Resinx, gebürtig in Breden (in 
Westfalen) zum Feuer verurteilt worden, wie solches 
aus dem geschriebenen Urteile, welches wir aus dem 
Blutgerichtsbuche der Stadt Amsterdam abgeschrie- 
ben haben und ferner auch an der Zeit, wann dieselbe 
gefoltert worden, zu ersehen ist. Wir könnten dieses 
alles von Wort zu Wort hierher setzen, wollen aber, 
um Weitläufigkeiten zu vermeiden, nur den Sinn in 
der Kürze ausziehen und solchen klar vorlegen, damit 
man sehen möge, worauf ihr Todesurteil gegründet 
gewesen sei. 

Kurzer Auszug aus dem Todesurteile der Jungfrau 
Felistis Jans oder Felistis Resinx 

Nachdem zuerst von ihrem Namen und Vaterlande 
das Nötige bemerkt ist, werden die Stücke angeführt, 
die zu ihrer Beschuldigung eingebracht worden sind 
und welche in den nachfolgenden Punkten bestehen. 

1. Daß sie sich unter die Versammlung der Sekte der 
Wiedertäufer begeben habe. 2. Daß sie sich von dem 
Gehorsam und dem Glauben der (genannten) heiligen 
(nämlich römischen) Kirche abgesondert habe. 3. Daß 
sie eine irrige Lehre von dem Sakramente des Altars 
hätte. 4. Daß sie denjenigen, von welchen sie doch 
wusste, daß sie von derselben Sekte (nämlich der ge- 
nannten Wiedertäufer) wären, Raum und Herberge 
gegeben habe. 5. Daß sie einige Leute von dem Ge- 
horsame der römischen Kirche ab- und zu ihrer Lehre 
gezogen habe. 6. Daß sie selbst bei den vorgemeldeten 
sogenannten Irrtümern hartnäckig verharren wollte, 
ohne davon abzuweichen. 7. Daß solches alles gegen 
die Verordnungen der heiligen Kirche und die Befehle 
der kaiserlichen Majestät streite. 

Darauf folgt dann der Schluss, nämlich, daß sie um 


deswillen von dem Scharfrichter mit Feuer hingerich- 
tet werden sollte, und daß alle ihre Güter zum Nutzen 
des Kaisers verfallen sein sollten. Geschrieben in Ge- 
genwart derer, wie oben gemeldet. 

Hierauf wird die Zeit angeführt, wann sie gepeinigt 
worden ist, worüber die nachstehenden Worte gefun- 
den werden: Diese Felistis ist den 2. Januar 1553 auf 
die Folter oder Peinigungsbank gebracht und gefoltert 
worden. 

Abgeschrieben, aus dem Blutgerichtsbuche, wel- 
ches in der Kanzlei der Stadt Amsterdam niedergelegt 
ist. 

Die früheren Schreiber der Martergeschichten ha- 
ben weder die Jahrzahl des Todes dieser Felistis, noch 
auch ihren Namen richtig angegeben; wir aber ha- 
ben durch Vorschub des vorgemeldeten Todesurteils 
solches alles wieder in Ordnung gebracht. 

Inzwischen ist außer dem oben Angeführten noch 
das merkwürdig, was die Alten von ihr melden, daß 
sie nämlich eine sittsame, ehrbare Jungfrau gewesen 
sei, welche durch ihre langwierige Gefangenschaft 
mit des Kerkermeisters Frau so bekannt wurde, daß 
dieselbe sich ihrer als Dienstmagd bediente. 

Als es sich nun zutrug, daß des Kerkermeisters Frau 
einigen Unflat hinauszutragen hatte, aber dabei nie- 
mand um sich hatte, dem sie es anbefehlen konnte, 
sagte die Felistis: Soll ich es tun?, worauf des Kerker- 
meisters Frau antwortete: Wirst du aber auch nicht 
weglaufen?, worauf diese versetzte: Nein. Als sie aber 
unterdessen die Sache genauer überlegte, und die Un- 
beständigkeit der menschlichen Sinne betrachtete, hat 
sie es nicht auf die Probe ankommen lassen wollen, 
sondern hat es abgeschlagen. In der Tat ein seltenes 
Anerbieten eines schwachscheinenden jungen Mägd- 
leins. 

Kurz nachher (sagen die Alten) hat man sie auf 
die Schaubühne kommen sehen, um verbrannt zu 
werden; sie war reinlich gekleidet und trug eine weiße 
Schürze, als ob sie durch ihr auswendiges Kleid hätte 
zu erkennen geben wollen, wie rein und lauter eine 
christliche Jungfrau inwendig geschmückt sein müsse, 
wenn sie ihrem geliebten himmlischen Bräutigam Jesu 
Christo angenehm sein soll. 

So hat sie nun ihr Opfer vollendet und ist unter 
die Zahl der heiligen und gottgefälligen Märtyrer ge- 
zählt worden. Vergleiche dieses mit dem Märtyrerspie- 
gel der wehrlosen Christen, gedruckt 1631, Pag. 125, 
Col. 2. 

Simon, der Krämer, im Jahre 1553. 

Um das Jahr 1553 ist in Brabant zu Bergen op Zoom 
ein Krämer gewesen, genannt Simon, welcher auf 



184 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


dem Markte seine Ware feil hatte. Als nun die Pfaffen 
mit ihrem Abgott vorbeigingen, hat der gedachte Si- 
mon diesem gemachten Abgotte keine göttliche Ehre 
beweisen mögen, denn er wollte, nach dem Zeugnis- 
se Gottes, welches in der Heiligen Schrift vorgestellt 
wird, den Herrn, seinen Gott allein anbeten und ihm 
allein dienen. Aus diesem Grunde haben ihn die, wel- 
che den römischen Antichristen verteidigen, gefangen 
genommen und ihn im Glauben untersucht, welchen 
er ohne Scheu bekannt, und bei welchem Bekennt- 
nisse er die erdichtete Kindertaufe nebst allen Men- 
schengeboten verworfen und sich an dem Zeugnisse 
des göttlichen Wortes festgehalten hat. Darum haben 
ihn die Feinde der Wahrheit zum Tode verurteilt, hier- 
nächst zur Stadt hinausgeführt und ihn also um des 
Zeugnisses Jesu willen verbrannt. Viele von dem um- 
stehenden Volk sind in große Verwunderung gesetzt 
worden, als sie die große Freimütigkeit und Standhaf- 
tigkeit dieses frommen Zeugen Gottes sahen, welcher 
so die Krone des ewigen Lebens aus Gnaden erlangt 
hat. 

Als der Landrichter (Drossaert), welcher ihn hin- 
richten ließ, von dieser Tat nach Hause kam, ist dersel- 
be an einer schweren Krankheit bettlägerig geworden, 
und hat beständig mit Reue und Leidwesen ausge- 
rufen: Ach Simon! Simon!, und wenngleich ihn die 
Pfaffen und Mönche von den Sünden loszusprechen 
suchten, so konnten sie ihn doch nicht trösten, son- 
dern er ist in seiner Verzweiflung schnell gestorben, 
allen Tyrannen und Verfolgern zur Lehre und zum 
denkwürdigen Exempel. 

Wouter von Capelle, im Jahre 1553. 

Zu Dixmuyde in Flandern ist im Jahre 1553 ein gottes- 
fürchtiger Bruder, genannt Wouter von Capelle, weil 
er das Wort Gottes belebte und demselben nachfolgte, 
gefangen gesetzt worden und hat an dem genannten 
Orte den Glauben der Wahrheit mit seinem Tode und 
Blute bezeugt und versiegelt, allen wahren Gläubi- 
gen zur Lehre und zum Vorbilde, wenn sie diesen 
Ausgang ansehen und ihrem Glauben nachfolgen, ins- 
besondere dem Herzoge des Glaubens, welcher ist 
Christus Jesus, gesegnet in Ewigkeit. Weil nun die- 
ser gemeldete Zeuge Gottes um der Wahrheit und 
des Zeugnisses des Wortes Gottes willen, nicht aber 
wegen einer Missetat gelitten hat, so hat er (durch 
Gottes Gnade) die Krone des ewigen Lebens erlangt, 
welche Gott allen denen verheißen hat, die von den 
Menschen um des Wortes Gottes willen dem Tode 
überantwortet wurden, damit sie am jüngsten Tage 
mit großer Herrlichkeit auferweckt werden. 


Tys, ein junger Gesell, und Berentge, eine 
Jungfrau, im Jahre 1553. 

Im Jahre 1553 sind zu Leuwaarden in Friesland (um 
des Zeugnisses Jesu willen) ein junger Gesell, genannt 
Tys, und eine Jungfrau, genannt Berentge, ertränkt 
worden. Dieselben waren zwei eifrige Nachfolger 
Christi; darum hatten sie ein großes Verlangen, ein- 
mal zusammenzukommen und sich miteinander in 
Gottes Wort zu erfreuen; aber solches konnte nicht 
wohl geschehen, denn Tys war lahm und Berentgen 
war beständig bettlägerig. Doch hat es Gott zuletzt so 
gefügt, daß sie zusammengekommen sind. An dem- 
selben Tage sind die Verfolger ausgezogen, das Volk 
Gottes zu fangen, weil sie aber solches merkten, so 
sind sie damals ihren Händen entronnen; gleichwohl 
wollten sie (die Verfolger) nicht leer wieder zurück- 
kehren, sondern haben die beiden gebrechlichen Men- 
schen mitgenommen und sie nach Leuwaarden in die 
Gefangenschaft gebracht; hier haben sie noch eine 
Zeitlang beieinander gesessen, in welcher Zeit sie sich 
miteinander sehr in dem Herrn, ihrem Schöpfer, er- 
freut haben, sodass die Liebe, welche stärker ist als der 
Tod und fester als die Hölle, sehr brünstig an ihnen 
hervor leuchtete; darum haben sie nachher das Todes- 
urteil über sie gefällt, daß man sie beide ertränken 
sollte. Dieses Urteil hat der Tys so übel auf genommen 
und es hat ihn so heftig verdrossen, daß er auch sagte: 
Katzen und Hunde ertränkt man; er versuchte deswe- 
gen eine Abänderung des Urteils zu erlangen, denn 
ihr Verlangen war, man solle sie auf dem Galgenfelde 
richten, damit sie bei ihren lieben Brüdern die Krone 
erlangen möchten und das umstehende Volk es hören 
und sehen könnte, was die Ursache ihres Todes sei; 
aber man hat ihnen solches abgeschlagen und hat das 
Urteil vollstreckt, denn sie haben dieselben um Mitter- 
nacht, gleichsam als schämten sie sich, solche elenden 
Menschen zu töten, zusammen in einen Sack gesteckt 
und ihnen den Mund zugestopft; hierauf haben sie 
dieselben in ein Schiff geworfen und sie außerhalb 
der Mauer in den Graben geschmissen und haben sie, 
nachdem man sie an das Schiff gebunden, so lange im 
Graben herumgeschleift, bis der Tod erfolgt ist. Also 
haben sie diese frommen Lichter und Zeugen Christi, 
deren Schein ihre Augen nicht ertragen mochten, aus 
dem Wege geräumt; aber der gerechte Gott, der mit 
seinem Volke in Wasser und Feuer geht, wird wohl zu 
seiner Zeit diese Tat rächen und diesen werten Kin- 
dern Gottes bei sich Ruhe und Frieden geben in der 
Ewigkeit; auch wird dieser vollzogene Mord, der in 
der Finsternis geschehen ist, an jenem großen Tage, 
an welchem alle Heimlichkeiten werden ans Licht ge- 
bracht werden, billig gerächt werden. Siehe hiervon 



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ein Liedlein in dem Geschichts-Liederbuche. 

Joos Kind, im Jahre 1553. 

Ein Brief oder ein Bekenntnis des Joos Kind, welcher 
in Kortryk gefangen war und daselbst, um des Zeug- 
nisses Jesu willen, sein Leben an einem Pfahle geen- 
digt hat, im Jahre 1553, den Anfang des Jahres vom 
Neujahrstag an gerechnet. 

Gnade und Friede von Gott, dem Vater, und un- 
serm Herrn Jesu Christo sei mit euch; er wolle uns 
trösten und stärken mit seinem heiligen Geiste, damit 
wir gegen den Anlauf des Teufels bestehen mögen, 
der, wie Petrus sagt, wie ein brüllender Löwe umher- 
geht und sucht, welchen er verschlinge; ihm sollen 
wir mit festem Glauben Widerstand leisten. Darum 
wisst, liebe Freunde, daß ich einen solchen Streit ge- 
gen die Herren des Fleisches führe, denn sie setzen 
mir mit ihren Vernunftgründen zu und wollen mich 
von dem Gehorsam unseres lieben Herrn abziehen, 
obgleich ich nicht zweifle, daß mir der Herr beiste- 
hen wird; denn Gott, als er die Seinen tröstete, spricht 
durch den Propheten Jesaja: Und ob auch eine Mutter 
ihr Kindlein verließe, so will ich dich doch nicht ver- 
lassen, was der Herr an mir wunderbar erweist (ihn 
müssen alle Zungen loben); und wenn ich auch so 
viel Papier hätte, als ich jemals beschrieben habe, und 
mir auch die Zeit zum Schreiben zu Gebote stände, so 
könnte ich doch die Freude und den Trost, den ich in 
mir finde, damit nicht beschreiben, ja, meine Freude 
ist unaussprechlich. 

Aber N. ist krank; er bittet, ihr wollt den Herrn 
ernstlich für ihn bitten, denn er ist bereit, ins Feuer zu 
gehen, aber den Feinden des Kreuzes kann er nicht 
Widerstand leisten, denn sie setzen ihm mit Vernunft- 
schlüssen zu, gleichwie der Teufel, ihr Lehrmeister, 
viel Vernunft hat, was er auch an unserem Seligma- 
cher bewiesen, als er ihm in der Wüste mit der Versu- 
chung zusetzte, wie in dem Evangelium geschrieben 
steht; hat er nun aber an unserm Seligmacher seinen 
Verstand gebraucht, so bin ich nicht betrübt, obgleich 
es mich einen geringen Kampf kostet; denn, meine 
lieben Freunde, es wäre uns leicht, ihnen zu widerste- 
hen, wenn sie nur Vernunftgründe gebrauchten, aber 
sie setzen einem mit Lügen zu, denn ihr Vater ist ein 
Lügner, gleichwie ihnen unser Seligmacher sagte; dar- 
um haben sie auch ihres Vaters Art an sich; dies haben 
sie zum Teil auch an mir erwiesen, was ich euch aber 
nicht erzählen kann, doch hoffe ich, der Herr wird 
mir so viel Gnade geben, daß ich ein wenig von dem 
Handel wider diese Fleischlichen schreiben kann. 

Wisset deshalb, daß Ronse und Polet des Samstags 
Nachmittags zu mir in das Gefängnis kamen und 


mich zu sich entboten. Als ich zu ihnen kam, frag- 
te ich, was ihr Begehren wäre. Sie sagten: Man wird 
dir dies sagen. Sie fragten mich nach meinem Alter. 
Ich antwortete: Das weiß ich nicht; wollt ihr sichere 
Nachricht darüber haben, so müsst ihr meine Mut- 
ter fragen. Ronse: Sage es uns so genau, als du es 
weißt. Joos: Zwischen zwanzig und dreißig Jahren; 
da schrieb ihr Schreiber nieder: zwischen dreißig und 
vierzig Jahren. Ronse: Wann hast du das letzte Mal 
gebeichtet? Joos: Warum fragst du darnach? Ronse: 
Ich wollte es gerne wissen. Joos: Ihr habt mich nicht 
gefangen nehmen lassen; ihr wisst wohl, wie es um 
mich steht. Antwort: Wir wissen es. Joos: Von wem 
seid ihr, oder in wessen Namen seid ihr zu mir gekom- 
men? Antwort: Von Gottes wegen. Joos: Das glaube 
ich nicht. Frage: Warum? Joos: Weil ihr mich gefan- 
gen habt, um zu erfahren, wie es mit mir bestellt sei; 
alle aber, die der Herr ausgesandt hat, um zu predi- 
gen, haben niemanden ins Gefängnis werfen lassen, 
denn als er sie aussandte, befahl er ihnen, sie sollten, 
wohin sie kämen und man sie nicht aufnehmen woll- 
te, den Staub von ihren Füßen schütteln und davon 
gehen. Polet: Du hast ja gelesen, daß Paulus einige 
dem Teufel übergeben habe. Joos: Beweist mir, wo sie 
Paulus habe ins Gefängnis geführt. Polet: Ich weiß 
es nicht. Warum untersteht ihr euch denn, jemanden 
die Schriften anzuführen, die ihr selbst nicht versteht? 
Ja, überdies jemanden zu fangen, um ihn zu eurem 
Glauben zu bringen, wenn auch euer Glaube gut wäre; 
wiewohl ich nicht dafür halte, daß er gut sei, denn ich 
bin nicht der Meinung, daß ihr von Gott seid. Frage: 
Warum? Joos: Weil der Herr sagt: Ich will Gehorsam 
und kein Opfer, und weil ihr ihm nicht gehorsam seid? 
Worin? Joos: Weil Christus befohlen, daß man den Ver- 
irrten den rechten Weg zeigen soll; nun sagt ihr, ich 
sei verirrt; warum habt ihr mich denn nicht zurecht- 
gewiesen, während ich doch nichts anderes suche als 
das Recht? Antwort: Darum sind wir gekommen. Joos: 
Dann hättet ihr dahin kommen sollen, wo ich wohnte. 
Antwort: Wir wussten nicht, wo du wohntest. Joos: 
Ihr wusstet aber doch den Amtmann zu senden. Ant- 
wort: Wärest du ein gutes Schaf gewesen, so wäre 
dies nicht nötig gewesen. Joos: Jesus verließ die neun- 
undneunzig und ging hin, das Verlorene zu suchen. 
Darauf sagte Ronse: Hältst du nicht dafür, daß ich von 
unserm heiligen Vater, dem Papste, eingesetzt und un- 
ser gnädiger Herr, der Kaiser, zu deinem Obersten 
verordnet sei? Joos: Ich erkenne keinen Obersten als 
Christum. Frage: Hälst du denn den Kaiser für nichts? 
Ich sagte: Ich wäre damit wohl zufrieden, daß er mein 
Oberster wäre nach dem Fleische. Hierauf schrieben 
sie nieder, daß ich keinen Obersten erkennen würde 
nach dem Geiste als Christum, den Kaiser aber nach 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


dem Fleische. Dann sagte Ronse: Wann hast du zuletzt 
gebeichtet, sage mir doch das? Joos: Hierüber begeh- 
re ich nichts mit euch zu reden. Frage: Warum? Joos: 
Vor den Herren im ganzen Rate will ich reden. Da 
wird es dich, sagten sie, daß Leben kosten, wenn du 
dergleichen Reden Vorbringen wirst. Sage mir, sagte 

er, was hältst du von der Kindertaufe? Da wurde ich 
getrieben zu reden und sagte ihnen: Nichts. Ronse: Ja 
was hältst du denn für eine Taufe? Joos: Ich weiß nur 
von meinem Glauben und einer Taufe. Ronse: Wie lan- 
ge ist es, daß du getauft worden bist? Joos: Ungefähr 
ein halbes Jahr; solches schrieben sie auf. Frage: Was 
hälst du von der römischen Kirche? Joos: Ich halte 
ganz und gar nichts von alledem, was sie hält; solches 
wurde auch aufgeschrieben. Sie fragten mich viel, daß 
ich ihnen sagte: Ich habe meinen Glauben ohne Scheu 
bekannt, und bin bereit, für denselben lebendig ins 
Feuer zu gehen; darum seid ihr damit zufrieden, daß 
ihr meinen Glauben wisst. Hiernach fragten sie noch 
sehr vieles. Ich sagte: Geht von mir, ich halte euch für 
Feinde des Kreuzes Christi; darum geht von mir, denn 
ihr wisst meinen Glaubensgrund, welchen ich euch 
offenherzig bekannt habe; darum tut mit nur wie es 
euch wohlgefällt, denn diese Glieder besitze ich durch 
des Herrn Gnade und bin auch bereit, dieselben durch 
des Herrn Gnade abzulegen, ja, sie für seine heilige 
Ehre dahinzugeben. Sie redeten vieles; aber ich sagte: 
Geht von mir und kommt nicht wieder zu mir, denn 
ihr widersteht Gott. Fürchtet ihr den Herrn nicht? Be- 
trachtet was da steht, Mt 13, von dem Unkraute des 
Ackers; weil ihr nun sagt, daß ich böse sei, so hat der 
Herr geboten, daß man es bis zur Ernte aufwachsen 
lassen soll. Antwort: Sollten wir es aufwachsen las- 
sen, ihr würdet uns alle verderben. Polet: Sagt nicht 
Augustinus Joos: Redet nicht von Augustinus, denn 
ich kenne ihn nicht; ich halte keine Lehre, als die der 
Apostel, Propheten und die Worte, welcher unser Se- 
ligmacher von dem hohen Himmel, aus dem Munde 
seines himmlischen Vaters, mitgebracht und mit sei- 
nem teuren Blute versiegelt hat; für diese begehre ich 
ins Feuer zu gehen; Augustinus aber, Gregorius und 
Ambrosius kenne ich nicht. Ronse: Glaubst du aber 
nicht, daß unser gesegneter Seligmacher unter dem 
heiligen Sakramente ruht? Joos: Das glaube ich nicht. 
Ronse: Wo ist er denn? Joos: Zur rechten Hand sei- 
nes himmlischen Vaters, und er wird endlich in der 
Herrlichkeit seines Vaters herabkommen, die Lebendi- 
gen und die Toten zu richten; fürchtet dieses strenge 
Gericht; bessert euch und tut Säcke an und härene 
Kleider; tut Buße und geht zu dem Volke, das ihr eu- 
rem falschen Gottesdienst nachlaufen macht; warnt 

es, denn ihr ermordet ihre Seele, und sagt doch, ihr 
habt den Schlüssel des Himmelreichs von Petri Zeit 


an, und daß derselbe allezeit bei euch geblieben sei. 
Christus sagt wohl recht, daß ihr den Schlüssel habt, 
und daß ihr selbst nicht hineinkommt und auch die- 
jenigen hindert, die gerne hinein wollen. Ronse: Wer 
hat dich getauft? Hat dich Gelis, der Täufer, getauft? 
Joos: Ihr wisst meine Umstände, seid damit zufrieden. 
Polet: Es war Adam Pastor. Ronse: Oder David Jo- 
ris. Ich schwieg. Ronse: Joos, sage mir, welche waren 
deine Gevatter? Joos: Ich weiß von keinen Gevattern. 
Ronse: Deine Zeugen? Joos: Ich habe euch gesagt, daß 
es geschehen sei; darum seid damit zufrieden, denn 
ich habe ein solches Vertrauen zum Herrn, daß ich hof- 
fe, er werde die Türe meines Mundes bewahren, daß 
ich euch nichts sagen werde, wenn ihr mich auch in 
Stücke zerreißen würdet; sie fragten mich außerdem 
noch um sehr vieles; ich sagte: Geht von mir, denn ihr 
seid nicht von Gott. Antwort: Wir sind. Joos: Hinweg, 
hinweg, geht von mir, geht von mir und kommt nicht 
wieder zu mir. Es hat sich dort noch mehr zugetragen, 
was aber zu weitläufig ist zu beschreiben. Zuletzt gin- 
gen sie fort und ich wurde wieder in mein voriges 
Gefängnis gebracht. 

Den Sonntag wurde ich auf das Rathaus gebracht, 
wo der Rat (de Wet) versammelt war; außer diesem 
waren Salome und Meister Cornelius, der Diakon von 
Kestenne, Ronse und Polet gegenwärtig; ich wurde in 
die Mitte gesetzt, wohl gebunden und von zwei Büt- 
teln gehalten. Ich sagte: Meine Herren, was ist euer 
Begehren? Ronse: Das wird man dir sagen. Da las man 
mein Glaubensbekenntnis vor, das sie im Gefängnis 
geschrieben hatten, und fragte mich, ob ich noch so ge- 
sinnt wäre; ich erwiderte: Ja, ich bin noch bereit, dafür 
ins Feuer zu gehen. Ronse fragte, ob ich nicht glaub- 
te, daß Christus von Maria sein Fleisch angenommen 
hätte? Ich sagte: Nein. Da schien es, als wollte Meister 
Cornelius in Ohnmacht fallen, er redete und quälte 
sich sehr; auch waren sie alle sehr entrüstet, und es 
wurde ein wenig davon gehandelt, aber sie bliesen 
den Ratsherrn ihr Gift gleichwie die Drachen ein; ein 
jeder unterrichtete einen Ratsherrn und sie sagten: Es 
steht wohl so geschrieben, aber er hat den Verstand 
nicht, die Schrift will verstanden sein; sie brachten 
auch von weitem viele vernünftige Schlussreden bei, 
steckten den Herren die Ohren voll und richteten viele 
vernünftige Fragen an mich. Ich sagte: Ich habe mei- 
nen Glauben bekannt, seid damit zufrieden, und ich 
bitte euch, nicht als ob ich dessen würdig wäre, son- 
dern durch das rote Blut unseres lieben Herrn, lasst 
mich in Ruhe; ihr habt meinen Glauben und auch 
mich hier in euren Händen, seid damit zufrieden, tut, 
was euch gefällt. Da fragte Ronse, ob ich niemals dabei 
gewesen wäre und beschwor mich dreimal bei meiner 
Taufe, daß ich sagen sollte, wer dabei gewesen wäre. 



187 


Ich entgegnete, daß ich ihm nicht ein Wort sagen wür- 
de. Ronse: Du hast deine Taufe verleugnet, solches 
wird dir Menno nicht wohl aufnehmen. Joos: Ich ken- 
ne meinen Glauben und meine Taufe, aber mit deiner 
Beschwörung habe ich nichts zu tun, daran erkenne 
ich, daß ihr Zauberer seid. Da sagte Polet: Man mag 
wohl schwören. Joos: Lies Mt 5, ob er nicht verbietet, 
auf irgendeine Weise zu schwören; sie sagten: Nein. 
Ich sagte: Ja. Da sah Polet in eine Bibel, die sie mitge- 
bracht hatten; es war ein großes Buch, und es stand 
darin, wie ich gesagt hatte. Da sagte Cornelius: Diese 
Bibel ist falsch, in unserer lateinischen Bibel steht es 
anders. Joos: Bringt euer falsches zu mir; warum sagt 
ihr, daß sie verfälscht sei, sie ist doch für gültig erklärt, 
lasst sie denn für gültig erklärt sein und durchsucht 
sie. Antwort: Ich habe sie nicht durchsucht. Joos: Je- 
mand von den Gelehrten zu Löwen? Da sagte Ronse 
Cornelius Roose etwas leise und sodann laut ins Ohr: 
Es ist wahr, sie sind durchsucht worden und waren 
gut, aber der Drucker hatte einen Knaben, der sie in 
der Zeit falsch druckte, als Meister in der Stadt war. 
Ronse fragte mich, woher es käme, daß ich so leicht je- 
mandem glaubte, den ich vielleicht nicht mehr sehen 
würde, und mich von ihm taufen ließe, und warum 
ich ihnen nicht glauben wollte, die ich täglich sähe, ja, 
ihnen, die gegenwärtig wären und mich dieses Mal 
und auch schon früher, wie sie sagten, unterrichtet 
hätten; warum ich ihm, meinem Pfarrer nicht glauben 
wollte, der täglich das Evangelium predigte? Hierauf 
antwortete ich: Weil er ein Lügner ist, und weil ich 
ihn predigen hörte, daß man nirgends geschrieben 
finde, daß Maria eine Mutter und Jungfrau gewesen 
sei; aber (weil er sagte), weil es die Kirche lehrte, dar- 
um müsse man es glauben. So (sagte ich) will ich ihm 
nicht glauben, denn ich habe beim Matthäus, Jesaja 
und an mehreren anderen Stellen das Gegenteil gele- 
sen. Da ich nun die Lügen aus deinem Munde gehört 
habe, so habe ich nachher weder dich noch einen an- 
dern gehört, hoffe auch durch des Herrn Gnade euch 
nicht mehr zu hören. Er sagte: Nein; ich entgegnete: 
Ja, und ich biete meinen Leib zur Folter gegen den 
deinen an; aber hierzu hatte er keine Lust und sagte: 
Sollte man nicht auf der Folter? Ronse: Du bekennst, 
daß unsere Kirche nicht gut sei, weil wir nicht un- 
sträflich sind, bist du denn unsträflich? Es sind unter 
deinem Volke Totschläger, weil man ihnen nicht hat 
glauben, ja, ihrer Lehre nicht hat anhängen wollen. 
Joos: Hast du solches an mir gesehen, oder sonst et- 
was wahrgenommen, das sich nicht geziemt? Ich bin 
hier in der Richter Hände, daß sie mich darüber stra- 
fen. Ronse: Wir wissen dergleichen von dir nicht. Jons: 
Darum sagt mir nicht, was ein anderer tut und haltet 
mich (um dessen willen, was ein anderer tut) nicht 


für böse; der eine soll des anderen Last nicht tragen, 
ihr nicht die meine und ich nicht die eure; die Seele, 
die sündigt, soll sterben. Sie sagten auch noch viel 
mehr, das nicht der Mühe wert ist, niederzuschrei- 
ben. Ferner sagten sie, daß Christus gesagt habe: Auf 
Moses Stuhl sitzen die Pharisäer und Schriftgelehr- 
ten, und uns geboten habe, nach ihrem Gebote, aber 
nicht nach ihren Werken zu tun; darum (sagten sie) 
tue, was wir dir raten, aber nicht nach unsern Wer- 
ken, denn Christus lehrt solches. Joos: Von welchen 
sagt Christus, daß sie auf Moses Stuhl gesessen hät- 
ten? Antwort: Von den Pharisäern. Joos: Redet diese 
Schrift von euch? Antwort: Ja. Joos: So bekennt ihr, 
daß ihr von ihrem Geschlechte seid? Da fragte mich 
Cornelius, der Pfarrpfaffe, warum ich nicht an ein ein- 
ziges Stück der römischen Kirche glaubte. Ich sagte ja, 
Christus sei gekreuzigt worden, solches glaubte die 
römische Kirche auch, und solches sei ja ein Punkt, 
warum ich glaubte, daß das Evangelium des Matthäus 
ein Evangelium sei, solches stände nirgends geschrie- 
ben, und er wollte mir beweisen, Paulus habe vor den 
Evangelisten geschrieben. Hierauf entgegnete ich: Be- 
weist es mir, daß Paulus vor Matthäus geschrieben 
habe. Cornelius: Was hast du damit zu schaffen? Joos: 
Sollte ich nichts damit zu schaffen haben? Es gilt mir 
ja, wie ihr sagt, Leib und Seele. Cornelius: Er ist über- 
wunden. Joos: Schweigt, denn ihr seid nicht wert, daß 
man mit euch redet und seht zu, daß ihr mir nicht 
nachsagt, ihr hättet mich überwunden, oder ich hätte 
den Teufel in mir, oder verdammt mich unter dem 
einfältigen Volke und verführt damit noch mehr. Da 
sagte Ronse: Du bist verdammt, wenn du so bleibst. 
Joos: Warum? Ronse: Weil du nicht glaubst. Joos: Ich 
glaube und stehe so fest auf meinem Glauben, daß 
ich lieber ins Feuer gehen, als einen Punkt übertreten 
wollte; es kam noch manches vor, was ich, um nicht 
weitläufig zu werden, übergehen will. Zuletzt wurde 
ich wieder ins Gefängnis geführt und es wurden mir 
zwei Bande angelegt. Ich sagte: Ich bin nicht nur bereit 
mich in Bande schließen zu lassen, sondern auch des 
schmählichsten Todes um des Herrn Namen willen 
zu sterben. Polet kam Mittags mit dem Fettverkäufer 
und fragte, wie es um mich stände; ich entgegnete: 
Es hat noch niemals so wohl gestanden, und ich habe 
deshalb den Herrn gelobt. Sie sagten, daß sie darüber 
sehr erfreut wären. Dann sagte Polet: Joos, sollte wohl 
eure Kirche und eure Sache gut sein? Die Deutschen 
haben eine Gemeinde und die Englischen haben eine 
Gemeinde, aber wo sind die Glieder eurer Gemeinde, 
ihr seid keine besondere Kirche? Laß hören, ob ihr 
auch ein Häuflein seid und wer eure Mitglieder sind; 
worauf ich fünf oder sechs Mal ausrief: Weicht, ihr 
Teufel, hinter mich, worauf sie beide fortliefen. Ich 



188 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


rief ihnen nach: Jetzt redet ihr, aber im Gerichte wird 
ein anderer reden; nach einer Zeit habe ich sie nicht 
wieder gesehen. Ich habe vernommen, daß ich sehr 
gepeinigt werden soll, denn sie hoffen von mir alle 
Umstände zu erfahren; aber ich habe das Vertrauen 
zu Gott, er werde meinen Mund bewahren. Darum 
bittet den Herrn für mich, daß er mir beistehen wolle, 
denn sie dürsten nach vielem Blute; doch können sie 
nicht mehr tun, als ihnen der Herr zulässt. Darum 
befehle ich mich in des Herrn Hände, und was ihr im 
Widerspruche mit diesem Briefe sagen hört, haltet für 
Lügen. Zum Zeichen der Wahrheit hoffe ich diesen 
Brief mit meinem Blut zu versiegeln. Dazu gebe Gott 
seine Gnade, damit sein Name dadurch gepriesen 
werden möge. 

Noch ein Brief oder ein Bekenntnis von 
demselben Joos Kind zum Preise des Vaters 

Ich, Joos Kind, um des Zeugnisses in Christo Jesu 
gefangen genommen, bitte und ermahne alle lieben 
Freunde und alle lieben Brüder und Schwestern in 
dem Herrn mit der Gnade des Vaters, des Sohnes und 
des Heiligen Geistes, und bitte durch deren Gnade, 
daß sie nicht nur meine Bitte oder Ermahnung beher- 
zigen, oder darnach leben, sondern daß sich ein jeder 
(wie ich hoffe, durch die Hilfe Gottes) befleißigen wol- 
le, die Warnung des Herrn zu beobachten und sich die 
Besserung des sündlichen Lebens angelegen sein zu 
lassen, gleichwie ich auch nicht zweifle, es werde ein 
jeder solches tun, der den Herrn von ganzem Herzen 
fürchtet; denn die Schrift sagt: Wer den Herrn fürchtet, 
wird Gutes tun; ja, die Furcht Gottes ist der Weisheit 
Anfang. Weil uns nun die Furcht Gottes zu den Tu- 
genden leitet, so lasset uns den Herrn fürchten, denn 
Christus Jesus fordert uns solches mit seinem geseg- 
neten Munde ab, indem er sagt: Fürchtet nicht die den 
Leib töten, aber die Seele nicht töten können, sondern 
fürchtet den, welcher, nachdem er getötet hat, auch 
Macht hat, Seele und Leib in die ewige Verdammnis 
zu werfen. Darum ermahne ich euch mit diesen Wor- 
ten, und nicht nur mit diesen Worten, sondern auch 
mit dem ganzen Inhalte der Schrift, daß ein jeder Fleiß 
anlegen wolle, um solches zu bewahren, denn Chris- 
tus sagt: Wer meine Wort hört und bewahrt sie, den 
will ich mit einem weisen Manne vergleichen, der sein 
Haus auf den Felsen gebaut hat, und als ein Platzre- 
gen fiel und Stürme kamen, und die Winde wehten 
und gegen das Haus stürmten, so ist es doch nicht 
umgefallen, denn es war auf einen Felsen gegründet. 
Und wer diese meine Worte hört und tut sie nicht, der 
ist gleich einem törichten Manne, der sein Haus auf 
Sand gebaut hat, und als ein Platzregen fiel und die 


Stürme kamen, und die Winde wehten und auf das 
Haus stürmten, so fiel es und sein Fall war groß. 

Darum bemühe sich ein jeder, Fleiß anzulegen und 
seiner selbst wohl wahrzunehmen, und sich von die- 
ser gefährlichen Zeit zu befreien, denn Paulus sagt: 
Erkauft die Zeit, denn es ist böse Zeit. Darum nehmt 
die Zeit wahr und ermahnt euch untereinander, denn 
die Not erfordert es, und waffne sich ein jeder wohl, 
gleichwie uns Paulus ermahnt, denn wir haben nicht 
allein mit Fleisch und Blut zu kämpfen. Solches hat 
Paulus recht gelehrt; solches will ich nun euch anbe- 
fohlen haben, dem Herrn sei Lob, der mir mit diesen 
Waffen so treulich beisteht, und mir auch nun, wie 
er verheißen hat (wenn wir vor solche geführt wer- 
den sollten, daß er uns einen Mund zu reden geben 
wolle), den Mund geöffnet hat; ihm müsse Lob ge- 
sagt sein; darum streite ich tapfer durch des Herrn 
Wort, und habe meinen Feinden schon fünfmal tapfer 
widerstanden; aber nicht nur meinen Feinden, son- 
dern den Feinden des Kreuzes Christi, wie ihr ferner 
vernehmen werdet. 

Wisst deshalb, daß ich auf denselben Tag, den man 
in Babel St. Thomas nennt, als ich in dem Gefängnisse 
lag, in welchem ich allezeit zu liegen pflegte, nachmit- 
tags gesehen und gehört habe, daß fleischliche und 
weltliche Herren ins Gefängnis gekommen sind, bei 
welchem auch der Oberamtmann gewesen. Da kamen 
die Diener und sagten: Joos, komm heraus; ich sagte 
dann in meinem Herzen: Herr, öffne meine Lippen; 
mein Mund soll dein Lob verkündigen. Unterdessen 
kam ich hinein vor dieselben. Da zogen Ronse und 
Polet ihre Kappen ab und sagten: Joos, Gott grüße 
dich, und neigten ihre Häupter vor mir. Ich nahm 
auch meine Kappe (Bonnet) ab und sagte: Gott ist mir 
wohl solches Grußes würdig, und wohl noch meh- 
reres; ich bin bereit, um seines Namens willen diese 
Glieder, welche er mir durch seine Gnade gegeben 
hat, wieder zu seinem Preise abzulegen; der Herr ist 
mir wohl so viel wert, denn er hat uns auch so hoch 
geachtet, daß er für uns des bitteren Todes gestorben 
ist. Da sagten die Kellermeister: Joos, hast du dich 
noch nicht bedacht? Willst du noch nicht abstehen? 
Ich entgegnete: Ja, allezeit von Übeltaten; warum aber 
fragt ihr mich das nicht, als ob ich noch in der Bosheit 
herumlief und allerlei Ungerechtigkeit ausübte? Sie 
sagten: Du hättest in die Predigt gehen sollen. Auch 
fragten sie nach meinem Glauben, welchen ich ihnen 
ohne Scheu bekannte. Sie sagten: Rede mit uns und 
sage uns, ob du dich noch nicht bedacht habest? Joos: 
Mit euch lasse ich mich nicht ein, denn ihr seid nicht 
von Gott, wie sollte ich an euch glauben? Christus ist 
für mich gestorben, an ihn glaube ich, ihr aber solltet 
wohl nicht für mich sterben, ebenso wenig dieser oder 



189 


jener Diakon (denn es waren zwei Diakone gegen- 
wärtig, Ronse und Olymacher), auch würde wohl der 
Pfarrpfaffe oder ein anderer nicht für mich sterben; 
ich bin auf den Tod eingesperrt worden; lasst mich 
los und sterbt ihr für mich. Frage: Wer lehrt solches? 
Joos: Christus, wenn er sagt: Ein guter Hirte liebt seine 
Schafe und lässt seine Leben für seine Schafe. Ihr sagt, 
daß ich verdammt sei, wenn ich in diesem verharren 
würde. Ronse: Ja. Joos: Es ist aber ein Wunder, daß 
ihr mich töten wollt, weil ich einen Entschluss gefasst 
habe, um welchen ich verdammt sein soll; lasst mich 
gehen, bis ich einen besseren Entschluss gefasst. Ant- 
wort: Wir wollen von dir scheiden. Joos: Ja wohl, und 
mich übergeben. Polet: Paulus hat auch einige in die 
Hände des Teufels übergeben. Joos: Dasselbe tut ihr 
auch; ihr habt mich verdammt, seid damit zufrieden 
und überantwortet mich nicht in der Richter Hände; 
dies hat Paulus nicht getan, und auch Christus hat 
nicht so gelehrt, Mt 28 und Mk 16, wo er sagt: Geht 
hin und predigt das Evangelium allen Kreaturen; aber 
Christus sagt nicht, daß ihr diejenigen, die euch nicht 
glauben wollen, in Gefängnisse sperren oder ihnen 
schwere Fesseln an die Beine legen sollt. Haben sie alle 
Christo geglaubt, die ihn predigen gehört? Haben sie 
alle den Aposteln geglaubt, die sie gehört haben? Ant- 
wort: Nein. Joos: Sind denn diejenigen getötet worden, 
welche den Aposteln nicht geglaubt haben? Antwort: 
Nein. Joos: Woher kommt es denn, daß die Apostel 
solches nicht getan haben, und daß ihr, die ihr sagt, 
ihr seid der Apostel Statthalter, euch untersteht, uns 
zu töten, wenn wir auch wirklich, wie ihr sagt, böse 
wären, aber ihr habt eine bessere Meinung von uns 
als ihr sagt. Polet: Das will ich dir sagen; hast du nicht 
gelesen, wie Elia die Baalspfaffen getötet habe? Joos: 
Ja, ich habe, und eben das mangelt noch, um euch zu 
überwinden, denn ihr dient dem Baal noch mehr, als 
sie taten; auch prasst und schlemmt ihr viel mehr mit 
Isabel als sie taten. Antwort: Was geht dich das an? Du 
siehst allezeit unsere Werke. Joos: Christus hat mich 
gelehrt, den Baum an den Früchten zu erkennen und 
sagt, daß ein böser Baum keine guten Früchte tragen 
kann, noch ein guter Baum böse, und wie er weiter 
von dieser Sache redet; und ich sagte: Weil eure Werke 
nicht gut sind, so halte ich euch nicht für gut. Frage: 
Bist du denn gut? Joos: Das habt ihr mich noch nicht 
sagen gehört; es ist niemand gut als Gott, und wenn 
wir auch sagten, daß wir gut wären, was wir doch 
nicht tun, so sagt ihr dagegen, daß wir böse seien, 
und das um der Ursache willen, die du anführtest, als 
wir im Rathause waren, nämlich, daß wir, was man 
uns noch nicht zumuten wird, diejenigen töten, die 
unsere Lehre nicht annehmen wollen. Ronse: Das sage 
ich noch. Joos: Wo hast du solches an mir gesehen? Ha- 


be ich auch jemanden erstochen oder totgeschlagen, 
oder auch nur ein Haar gekrümmt, um meiner Lehre 
willen, welche ich, nach eurer Behauptung, als eine 
Meinung ausbreite, weil ihr doch sagt, daß ich das 
Volk gelehrt habe? Antwort: Wir wissen dergleichen 
von dir nicht. Joos: Ich aber weiß dergleichen von 
euch, denn ihr verbrennt und ermordet diejenigen, 
die eurem falschen Gottesdienste nicht anhängen wol- 
len; in dieser Sache habt ihr euch das Urteil selbst mit 
Recht gefällt. Antwort: Dieses nützt zu nichts, lasst 
uns über den Glauben den Wortstreit führen. Joos: Ich 
will hier allein den Wortstreit nicht führen. Da sagten 
sie: Gibst du denn dein Spiel verloren? Und wenn ich 
ja gesagt hätte, so gedachten sie mich den Richtern zu 
übergeben; aber ich sagte: Nein, worin habt ihr mich 
überwunden? Ich habe es nicht einmal, sondern wohl 
fünfzigmal gesagt: Belehrt mich eines Bessern mit die- 
sem evangelischen Worte, dann will ich zurücktreten. 
Antwort: Lasst uns den Anfang machen. Joos: Wohlan, 
vor dem Rathause in Gegenwart eines großen Feuers, 
und derjenige, welcher verspielen wird, den soll man 
hineinwerfen. Antwort: Dies wird dir nicht bewilligt 
werden. Darauf sagte der Unteramtmann: Du suchst 
einen Aufruhr zu machen. Joos: Ihr habt es veranlasst, 
indem ihr mich gefangen habt; hättet ihr mich arbei- 
ten lassen, Kortryk stände nicht, wo es jetzt steht; so 
stände es nicht in sieben Jahren. Polet: Man wird dich 
nicht dorthin bringen, daß du dein Gift nicht dort aus- 
breitest. Joos: Ihr sollt wohl vor das Rathaus kommen, 
und je mehr vom Volke es hören würden, desto besser 
würde es sein, wenn die Lügen auf meiner, die Wahr- 
heit aber auf eurer Seite ist. Schämt ihr euch denn 
der Wahrheit vor dem Volke? Bringt mich dahin und 
beweist mir, daß ich Unrecht habe, so werdet ihr dem 
Volke den Mund stopfen, und wenn ihr mich über- 
wunden habt, so sagt: Dieses ist der Mann, der gegen 
den christlichen Glauben gelehrt hat; nun beweisen 
wir ihm mit der Heiligen Schrift, daß er Unrecht hat. 
Und werft ihr mich dann ins Feuer, so wird das Volk 
erbaut werden; wollt ihr das aber nicht tun, so ist es 
euch nicht darum zu tun, daß das Volk die Wahrheit 
erkenne. Ronse: Man wird dich nicht dahin bringen, 
daß du dort redest; wenn man dich dahin bringt, so 
wird man dir das Reden wohl verbieten. Joos: Warum? 
Das Volk hat fünf Sinne, und wer fünf Sinne hat, wird 
wohl hören, ob ich gut oder böse rede. Ronse: Man 
wird dir dort das Reden wohl verwehren. Joos: Wie 
es euch gefällt; steckt mich kecklich in einen Sack und 
ersäuft mich nachts, daß es kein Mensch sieht; sieht es 
der, welcher die Herzen und Nieren durchschaut, so 
sieht es Volks genug; derselbe wird es wohl sehen und 
sich rächen. Ich lasse es auf ihm beruhen, den ich bin 
doch bereit, dieses Fleisch abzulegen es sei im Feuer 



190 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


oder Wasser, vor dem Rathause oder hier in diesem 
Feuer (das war das Feuer auf dem Herde); ist es nicht 
groß genug, so macht es größer. Da schlugen sie mir 
abermals das Disputieren vor und sagten, sie seien 
von Gott, als dessen Statthalter gesandt und gesetzt. 
Ich erwiderte hierauf: Mitnichten, denn ihr habt eure 
Ämter gekauft, oder sie sind euch gegeben, oder habt 
sie durch euern Dienst erhalten; diejenigen aber, wel- 
che Gott gesandt hat, sind von Anfang der Welt her 
anders ausgesandt worden. Sie sagten, sie wollten es 
mir mit der Schrift erweisen, daß sie gesandt wären. 
Ich erwiderte: Beweiset es. Antwort: Wir beweisen es 
dadurch, daß dem Petrus, welcher Papst gewesen, der 
Schlüssel gegeben worden ist, er ist aber ihm und sei- 
nen Nachkömmlingen gegeben worden. Joos: Beweist 
mir, daß da von Nachkömmlingen die Rede ist. Ant- 
wort: Das wird man dir wohl beweisen. Joos: Wohlan 
denn. Da las Ronse in einem Testamente, Mt 16, von 
dem, wo Christus fragte: Wer sagen die Leute, daß des 
Menschen Sohn sei; wo Christus sagt: Ich gebe euch 
die Schlüssel; aber daselbst wird keiner Nachkömm- 
linge gedacht. Da sagte er: Du hast es wohl gehört, 
hast du nicht, Joos? Es ist zu lang, ich wollte wohl fort- 
lesen, aber es ist zu viel Arbeit. Joos: Ich will, daß du 
fortlesest. Ronse: Wie weit? Joos: Bis von Nachkömm- 
lingen die Rede ist. Ronse: Du hast wohl gehört, daß 
er sagt: Auf diesen Stein will ich meine Kirche bauen. 
Also ist sie auf St. Peter gegründet, und er ist Papst 
gewesen. Joos: Christus ist Fundament, gleichwie Pau- 
lus spricht in IKor 3,11, wenn er sagt: Kein anderer 
Grund kann gelegt werden außer dem, der gelegt ist, 
welcher ist Christus Jesus; Petrus aber ist der Grund 
nicht, auch hat er die Kirche nicht auf Petrus, son- 
dern auf sein Glaubensbekenntnis gegründet, worin 
er bekannt hat: Ich bekenne, daß du bist Christus, der 
Sohn des lebendigen Gottes; deshalb ist Christus der 
Grund. Aber lasst uns, sage ich, von dem Schlüssel 
reden; ihr fallt von dem Schlüssel auf die Kirche; ihr 
sagt: Ich falle von einem auf das andere, bleibt ihr bei 
einem und beweist mir, wie ihr versprochen habt, daß 
Christus gesagt habe, ich gebe euch den Schlüssel und 
euren Nachkömmlingen. Sie sagten: Das wollen wir 
dir wohl beweisen, wobei Polet einen Vernunftschluss 
anführte; ich antwortete: Ich bin mit keinen Schlüssen 
zu befriedigen; beweist es mir in dem Buche; da sagte 
Ronse: Wir wissen es auswendig und so auch du; höre 
uns auswendig reden. Ich sagte: Lest es; sie erwider- 
ten: Ist es nicht dasselbe, ob wir es lesen oder reden? 
Joos, höre was ich dir sagen will. Ich sagte: Ich bin mit 
keinem Sagen zufrieden. Als sie es nicht lesen wollten, 
redete ich den Oberhauptmann und den Roegaergys 
mit folgenden Worten an: Meine Herren, ich begehre, 
daß ihr mir in dieser Sache beisteht; macht sie solches 


lesen, oder ich sage, daß ihr gewaltig und keine Rich- 
ter seid. Dann sagten sie: Lest es ihm vor. Sie lasen 
darauf Mt 16. Ronse las (da er es nun nicht fand, wur- 
de er so weiß wie Schnee), darauf sagte er: Es steht 
nicht da. Polet: Dieselben Worte stehen nicht daselbst, 
doch aber steht der Sinn, Mt 28, und er las: Ich bleibe 
bei euch bis an der Welt Ende. Joos: Das ist es nicht, 
was er gesagt hat: Ich gebe dir den Schlüssel und dei- 
nen Nachkömmlingen. Polet: Willst du eben dieselben 
Worte haben, die stehen nicht dort, warum machst du 
davon so viel Aufhebens? Joos: Nein, sondern nur, 
weil ihr sagt, ihr wollt es mir zeigen. Ronse: Schweige, 
du bist nicht wert, daß du redest. Joos: Warum sollte 
ich schweigen, da ihr es doch mit euren falschen Be- 
fehlen dahin gebracht habt, daß weder Anwalt noch 
Advokat für uns reden darf, noch Freunde für uns 
reden dürfen; wollt ihr nicht, daß ich rede, so hättet 
ihr mich unten im Loche liegen lassen sollen; aber 
ich werde nicht schweigen, weder um euretwillen, 
noch um sonst jemandes willen; ich bin weder Dieb, 
noch Mörder, noch Frauenschänder, warum sollte ich 
aufhören zu reden? Ich will mich verteidigen, weil 
es mein Leben betrifft, werde auch nicht schweigen, 
solange sich meine Zunge im Munde bewegt; aber 
ihr schweigt R., ihr seid nicht wert, daß ihr redet, ihr 
Seelenmörder, ihr Feinde des Kreuzes Christi. 

Da wollten sie weiter mit mir disputieren; ich sagte: 
Vor dem Rathause, aber nicht hier. Antwort: Dahin 
wird man dich nicht bringen. Joos: Wohlan, so tut, was 
euch gefällt; ich habe euch meinen Glauben bekannt, 
als ich zuerst hierher kam, und habe es zuvor mehr 
als fünfzig Mal gesagt, und sage es euch noch, daß 
ich nichts von all eurer Krämerei, oder nur von einem 
einzigen Punkte halte, den die römische Kirche lehrt. 
Ronse: Hältst du nichts von dem Sakramente? Laß 
uns hören, was du davon hältst. Joos: Ein Abgott, ein 
wenig Blumen, und wenn ich euer Öl hätte, ich wollte 
damit meine Schuhe schmieren. Ronse: Wir hören es, 
daß du verwegen genug bist. 

Da entstand ein Streit, und sie gedachten, mich 
überfallen; aber ich wehrte mich tapfer mit dem Worte 
des Herrn, wie es einem Knechte gebührt, der seinen 
Meister lieb hat. Der Herr gab mir so gute Warte ein, 
daß ich innerhalb drei Stunden nicht eine einzige Re- 
de vorbrachte, worin sie nicht zu kurz kamen. Darauf 
wurde von der Menschwerdung gehandelt, welche 
sie mit dem stummen Buchstaben beweisen wollten, 
Mt 1. Dieses ist das Buch der Geburt Jesu Christi, des 
Sohnes Davids. Darauf sagte ich, es steht bei Mt 22,42. 
Da fragte Jesus die Schriftgelehrten und Pharisäer, 
und sprach: Wie dünkt euch um Christo, wessen Sohn 
ist er? Sie sprachen: Davids; er sagte zu ihnen: Wie 
nennt ihn denn David im Geiste einen Herrn, wenn 



191 


er sagt: Der Herr hat zu meinem Herrn gesagt: Setze 
dich zu meiner Rechten, bis daß ich deine Feinde zum 
Schemel deiner Füße lege? Wenn nun David ihn einen 
Herrn nennt, wie ist er denn sein Sohn?, und niemand 
konnte ihm auf sein Wort antworten. Auch meldete 
ich ihnen von dem Vorbilde Melchisedeks und von 
dem letzten Kapitel in der Offenbarung, daß er die 
Wurzel Davids sei; solches wollten sie nicht hören, 
sondern blieben auf ihrem stummen Texte. Als ich 
nun hörte, daß sie ihr Unrecht nicht bekennen woll- 
ten, sagte ich: Wollt ihr von der Menschwerdung oder 
von einigen Glaubenssachen reden, so kommt vor 
das Stadthaus. Da sagte Polet: Wer sollte dort urtei- 
len, wer Recht oder Unrecht habe? Joos: Diese guten 
Herren. Polet: Sie verstehen die Schrift nicht. Joos: Sie 
verstehen sie gut genug für euch, um hier oder in dem 
Rathause zu disputieren, so müssen sie dieselbe auch 
genug verstehen, wenn vor dem Rathause disputiert 
werden soll. Verstehen sie aber die Schrift nicht, so 
sollten sie sich billig schämen, daß sie Richter über 
diese Sache sind. Es trug sich viel zu, daß ich ihre 
Vernunftgründe in eine Handvoll Papier nicht schrei- 
ben könnte. Ich befehle alle lieben Freunde und alle 
Brüder und Schwestern in dem Herrn in die Hände 
des Herrn, und bitte sie alle, daß sie sich vorsichtig 
waffnen wollen, denn es ist nötig, und wenn sie dahin- 
kommen, wo ich bin, daß sie sich nicht ins Disputieren 
wagen, denn wenn es möglich wäre, sie würden uns 
von der Wahrheit abziehen. Ich berichte euch, daß ich 
wohlgemut bin, da ich die Freude und den Trost, den 
ich habe, nicht beschreiben könnte; ich hoffe, daß das 
Ablegen meines Leibes das Siegel dieses Briefes sein 
wird. Dazu wolle mir der Herr seine Gnade geben, 
damit sein Name dadurch gepriesen werden möge, 
denn ich suche sonst nichts als des Herrn Ehre. Mehr 
nicht, bleibt dem Herrn befohlen und dem Worte sei- 
ner Gnade. Bittet den Herrn für mich, ich will den 
Herrn gerne für euch bitten. 

Ist Christus Davids Sohn, ursprünglich zu verstehen, 

Wie wird ursprünglich er denn Gottes Sohn genannt? 

Zwei Väter eines Sohnes hat man niemals gesehen; 

Drum zvirdfilr Gottes Sohn (wie billig) er erkannt. 

Elisabeth und Hadewyk, 1549. 

Elisabeth und Hadewyk, von denen die erste, nämlich 
Elisabeth, zu Leuwaarden ertränkt worden, Hadewyk 
aber dem Tode entgangen ist; im Jahre 1549. 

Diese Elisabeth war von vornehmer Herkunft; sie 
war in ihrer Jugend von ihren Eltern dazu bestimmt, 
daß sie in das Tienger Kloster, bei Lier in Ostfriesland 
gelegen, gehen sollte, um dort verschiedene Künste 


und die lateinische Sprache zu lernen; sie hat dort zu- 
fällig oder vielmehr durch die Vorsehung Gottes ein 
lateinisches Testament erlangt, in welchem sie bestän- 
dig las und woraus sie so viel Erkenntnis des Willens 
Gottes erlernte, daß sie sich in ihrer Lage nicht glück- 
lich fühlte, und weil sie nicht sah, wie sie ihr Leben 
im Kloster, vielweniger in ihrer Eltern Hause nach der 
Richtschnur des Wortes Gottes einrichten könnte, so 
hat sie sich nach hartem Kampf entschlossen, heim- 
lich aus dem Kloster zu fliehen. In dem Vertrauen 
auf die väterliche Vorsehung des allmächtigen Gottes, 
daß dieselbe ihr helfen und sie führen werde, ist sie 
zu dem Ende mit der Melkerin des Klosters einig ge- 
worden, daß diese mit ihr die Kleider wechseln und 
ihr so des Morgens früh in der Maske einer Melke- 
rin aus dem Kloster helfen sollte. Nachdem solches 
geschehen, ist sie zuerst in Lier, und zwar ohne ihr 
Wissen, in ein Haus gekommen, in welchem Taufge- 
sinnte wohnten, welche, als sie der Elisabeth Lage in 
Überlegung genommen, sie zu sich aufnahmen, ihr 
den Weg zu Gott noch deutlicher auslegten, und sie 
nach einiger Zeit, aus Furcht, man möchte ihr nach- 
spüren, nach Leuwaarden führten, und daselbst zu 
einer sittsamen Schwester der taufgesinnten Gemein- 
de (genannt Hadewyk) brachten, mit welcher sie auch 
später zugleich gefangen worden ist. 

Diese Hadewyk war mit einem Trommelschläger 
der Kompanie, welche in Leuwaarden lag, verheiratet; 
dieser nun, wenn er von Übungen, Wacht, usw. frei 
war, ging in eine gewisse Werkstätte, das Nötige für 
Weib und Kinder zu verdienen, wo zugleich mit ihr 
ein sehr frommer Brudetj^jder Taufgesinnten arbeitete, 
welcher damals um der Religion willen in Bande kam 
und zum Tode verurteilt wurde. Als mm die gedachte 
Kompanie Befehl erhielt, auf dem Richtplatze, wo die- 
ser fromme Bruder aufgeopfert werden sollte, einen 
Kreis zu schließen, um Aufruhr zu verhüten, so hat 
der vorgenannte Trommelschläger Schwierigkeit ge- 
macht, bei solcher Gelegenheit sein Amt zu verwalten, 
hat auch solches seinem Weibe Hadewyk zu erkennen 
gegeben, welche ihm hierzu widersprach und ihm 
anriet, sich seinem Geschäfte zu unterziehen, was er 
auch darauf sich vornahm zu tun. 

Nachdem er sich aber zuvor einen Rausch trank, 
um dadurch das Mitleiden gegen diesen imschuldig 
Verurteilten desto weniger zu empfinden, so ist durch 
solche Trunkenheit das Mitleiden ihm nicht benom- 
men, sondern nur vermehrt, und er dabei so freimütig 
geworden, daß er den umstehenden Zuschauern von 
der Frömmigkeit und Tugend dieses ihm so wohlbe- 
kannten Märtyrers erzählte, und dabei die Gründe 


2 Man meint, daß es Sycke Schneider gewesen sei. 


192 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


angab, warum er so misshandelt würde, wie unge- 
recht die Obrigkeit, welche durch die Geistlichkeit 
dazu veranlasst würde, daran täte, und daß es besser 
wäre, gottlose Menschen, Hurer, Ehebrecher, Unge- 
rechte und dergleichen, deren in der Stadt, ja, selbst 
unter den Geistlichen genug seien, anzutasten und 
so mit ihnen umzugehen, weshalb denn einige lach- 
ten, andere es zu Herzen nahmen, noch andere aber 
sagten: Der Trommelschläger ist trunken; andere, er 
hat Verstand, er selbst aber, als er nüchtern geworden 
war und zu sich kam, überlegte, was er getan und 
nun zu erwarten hätte; deshalb nahm er sich vor, die 
Stadt Leuwaarden, die Kompanie und die römische 
Kirche zu verlassen, und ersuchte seine Frau, mit ihm 
zu gehen, welche aber darein nicht willigen konnte, 
und nach ihres Mannes Abreise nicht gewusst hat, 
wohin er sich gewandt hatte. Aber als sie einige Zeit 
darauf der Sache nachdachte und von den Taufgesinn- 
ten hörte, bekam sie Gelegenheit, den Ermahnungen 
beizuwohnen; sie nahm den Glauben an und ließ sich 
nicht allein auf ihren Glauben taufen, sondern auch 
nachher zugleich mit Elisabeth gefangen nehmen. In- 
dem nun Elisabeth in einem andern Gemache gefan- 
gen saß, wurde diese Hadewyk benachrichtigt, daß 
sie des andern Tages über eine große Anzahl Artikel 
untersucht werden und sich darüber verantworten 
sollte, was ihr sehr große Not und Herzensbangig- 
keit verursachte, insbesondere, weil sie weder schrei- 
ben noch lesen konnte, auch fromm und gutwillig, 
aber dabei ungeübt war; darum ward sie getrieben, 
ernstlich zu Gott zu bitten, daß es doch dem über- 
guten und menschenliebenden Vater gefallen wolle, 
sie, seine arme Dienstmagd, deren Unvermögen er 
am besten kenne, mitleidig anzusehen und sie nicht 
über Vermögen zu versuchen, sondern durch seine 
göttliche Hand ihr zu helfen und sie zu erretten, wor- 
auf, als sie im Gebete lag, eine Stimme zu ihr kam, 
welche rief: Hadewyk! Als sie sich nun umsah und 
niemanden sah, fuhr sie in ihrem eifrigen Gebet fort; 
darauf hörte sie die Stimme zum zweiten Male, und 
als sie niemandem gewahr wurde, fuhr sie in ihrem 
Flehen fort, bis die Stimme zum dritten Male zu ihr 
sagte: Hadewyk, ich sage dir, gehe hinaus! Als sie nun 
die Tür offen sah, setzte sie ihre Haube auf und ging 
aus dem Gefängnisse, wusste aber damals nicht, wo 
sie sich verbergen sollte; sie kam durch Schickung in 
die Kirche, woselbst sie von denen, die dahin kamen, 
sagen hörte, daß die Stadtpforten geschlossen seien, 
weil eine Wiedertäuferin aus dem Gefängnis entron- 
nen sei, ohne daß man wüsste, auf welche Weise, und 
daß dies zu Grübeleien Veranlassung gegeben, ob es 
wohl durch Zauberei geschehen sein möchte; deshalb 
hat man sie überall mit großem Fleiße gesucht; als 


sie aus der Kirche ging, hörte sie auf der Straße den 
Trommelschläger ausrufen, wer ihre Person anzeigen 
könnte, der sollte hundert Gulden zum Lohne haben, 
wer sie aber verbergen würde, sollte um 150 Gulden 
gestraft werden, worüber ihr immer banger wurde. 
Weil sie aber in ihrem eigenen Hause nicht sicher war 
und gleichwohl irgendwo sich verstecken musste, so 
ging sie in das Haus ihres gewesenen Meisters und 
dessen Frau, welchen sie in ihrem ledigen Stande eine 
Zeitlang treue Dienste erwiesen hatte und die daher 
viel von ihr hielten; dieselben ersuchte sie, ob sie in 
dieser Not sie beherbergen wollten. Als aber solches 
ihr abgeschlagen wurde, ist sie in Verzweiflung weg- 
gegangen, und vor des Pfaffen Haus gekommen, bei 
welchem ein ihr wohlbekannter Knecht wohnte, der 
seinen vollen Verstand nicht hatte; diesen, als er eben 
vor der Türe stand, redete sie an und bat ihn, daß er 
sie heimlich verbergen wollte, was er auch tat; denn 
er brachte sie heimlich auf den Boden und versorgte 
sie mit Speise und Trank; des Nachts aber kam er zu 
ihr und begehrte ungeziemende Dinge von ihr. 

Hier war sie mehr verlegen als jemals; sie hatte es 
mit jemandem zu tun, der körperkräftig und üppig 
war, und bei welchem die Reden wenig Eingang fan- 
den; machte sie Lärm, so war sie in Lebensgefahr; 
darum ging sie mit Erhebung ihrer Seele zu ihrem Er- 
löser und rief ihn in dieser Not um Hilfe an, bat auch 
diesen gedachten Knecht, daß er von solcher bösen 
Tat ablassen wollte, denn das wäre ein Ehebruch, weil 
sie einen Mann hatte; nun aber müssten die Ehebre- 
cher und Ehebrecherinnen ewig in der Hölle brennen; 
darauf ließ er sie in Ruhe, ging hinweg und sagte: Die 
Schnippe ist so klug in der Schrift, ich kann nichts mit 
ihr ausrichten. 

Des andern Tags ging er auf den Markt zu der Ha- 
dewyk Schwager, welcher täglich Muttermilch dahin 
zu Kaufe brachte, und berichtete ihm, daß er seine 
Schwägerin ohne jemandes Wissen in des Priesters 
Haus verberge, und riet ihm, daß er mit seinem Nach- 
en an die Wassertreppe hinter des Priesters Hause 
kommen, sie in den Nachen nehmen, und durch die 
Schleuse zur Stadt hinausführen sollte, was er auch 
tat, und so ist dieses Schaf, diese Hadewyk, durch 
die wunderbare Hand Gottes den Klauen der reißen- 
den Wölfe entronnen, nach Emden geflüchtet, und hat 
am Abende ihres Lebens in dem Versammlungshau- 
se der Taufgesinnten gewohnt, wo sie in dem Herrn 
entschlafen ist. 

Remmeltje Wubbers hat dieses nicht allein von ih- 
ren Eltern und anderen öfters gehört, sondern auch 
von der Frau, die Hadewyk erzählt hat und von wel- 
cher Remmeltje ich dieses empfangen habe. 



193 


Von einem frommen Bruder, der in der Stadt 
Buren in Flandern um des Wortes Gottes willen 
1553 getötet worden ist. 

Um das Jahr 1553 ist in der Stadt Buren in Flandern 
um des Zeugnisses Jesus willen ein gottesfürchtiger 
frommer Bruder mit dem Schwerte hingerichtet wor- 
den, welcher von den Papisten (welche die Widersa- 
cher der Wahrheit sind) manche schwere Kämpfe aus- 
gestanden hat. Er aber, als ein tapferer Held Christi, 
hat diejenigen nicht fürchten wollen, die den Leib tö- 
ten, sondern vielmehr demjenigen zu gefallen gesucht, 
welcher nach diesem zeitlichen Tode auch Macht hat 
in die Hölle und in das ewige Feuer zu werfen, wo 
ihr Wurm nicht stirbt, und ihr Feuer nicht ausgelöscht 
wird. Daher hat er seine betrübte Frau getröstet, weil 
er ihretwegen einen Unfall besorgte, daß sie die Pein, 
die man ihm um des Wortes Gottes willen antun wür- 
de, geringachten möchte. Also haben sie ihn verurteilt, 
mit dem Schwerte gerichtet zu werden; darum hat er 
auch von allen seinen Brüdern einen zärtlichen Ab- 
schied genommen und ist, als ein demütiges Lamm 
(das den Fußstapfen seines Vorgängers nachgefolgt 
ist) auf die Schaubühne gestiegen; aber die Wölfe am 
Abend, die nichts bis an den Morgen übrig lassen, 
die an diesen und ihren anderen Früchten wohl zu 
erkennen sind, behielten ihre Wolfsart, sodass sie die- 
sem Freunde Gottes sieben grausame Hiebe gegeben 
und endlich ihm noch das Haupt abgesägt, und ihn 
auf solche Weise getötet haben. Das umstehende Volk, 
welches diese Marter ansah, hat vor großer Betrüb- 
nis viele Tränen vergossen; seine arme schwangere 
Frau aber hat es kläglich bejammert, und ist aus Be- 
trübnis mit der Frucht gestorben. Diesen entsetzlichen 
Mord der Blutdürstigen konnten viele Menschen dort 
ansehen, aber der große und getreue Gott, der sich 
des Leidens der Seinen annimmt, als ob ihm nach 
seinem Augapfel gegriffen würde, wird solches zu 
seiner Zeit wohl rächen. Ach, womit wollen sich die- 
se blutigen Menschen verantworten, wenn der der 
oberste Hirte in den Wolken erscheinen und dieser 
Sache wegen von ihnen Rechenschaft fordern wird? 
Aber alle solche getreuen Helden, die ihr Leben um 
Gottes willen gewagt haben und ihrem Schöpfer die 
göttliche Ehre nicht haben nehmen dürfen, sondern 
ihm recht nach seinem Worte haben dienen wollen 
und dafür ihr Leben gelassen, haben die Verheißung 
von dem Munde Jesu, daß er sie bei seinem Vater im 
Himmel wieder bekennen werde, daß es des Vaters 
Wohlgefallen sei, dieser kleinen Schar sein herrliches 
Reich zu geben, und daß alle, die hier mit Christo um 
der Gerechtigkeit willen leiden, sich mit Gott in der 
Ewigkeit erfreuen werden. Lest hiervon ein Liedlein 


in dem alten Liederbuche. 

Peter Witses, ein Maurer, wird zu Leeuwarden im 
Jahre 1553 an einem Pfahle erwürgt. 

Das Bekenntnis des Peter Witses, eines Maurers, wel- 
cher zu Leeuwarden gefangen war, und daselbst um 
des Zeugnisses Jesu willen im Jahre 1553 sein Leben 
gelassen hat. 

Frage und Antivort. 

Frage: Was ist dein Name? Antwort: Peter Witses. Fra- 
ge: Wie alt bist du? Antwort: 27 Jahre. Frage: Wann 
hast du zum letzten Mal gebeichtet? Antwort: Ich 
beichte alle Tage und bekenne, daß ich ein Sünder 
bin. Frage: Was hältst du von dem Sakramente? Ant- 
wort: Ich halte dafür, daß dasselbe von großer Würde 
sei. Frage: Was hältst du von dem Sakramente, das 
der Pfaffe auf Ostern gibt? Antwort: Ich halte nichts 
davon. Frage: Christus sprach: Nehmt, esst, das ist 
mein Fleisch. Antwort: Es ist wahr, aber er hat zu 
denen geredet, die ihm gehorsam waren. Frage: Bist 
du auch wiedergetauft? Antwort: Ich bin einmal ge- 
tauft, und das nach der Lehre Gottes; ich weiß von 
keiner Wiedertaufe. Frage: Wie lange ist es? Antwort: 
Ungefähr anderthalb Jahre. Darauf wurde Peter in 
ein Gewölbe gebracht, und als er dort ungefähr eine 
halbe Stunde gesessen hatte, hat man ihn wieder vor 
die Herren gebracht und aufs Neue gefragt: Peter, du 
bist verführt, willst du dich nicht unterrichten lassen? 
Antwort: Ja, gerne; wer die Strafe und Unterweisung 
verlässt, der bleibt irrig. Nehmt ein Testament und un- 
terrichtet mich. Frage: Wir sind keine Lehrer, willst du 
dich nicht von Priestern unterrichten lassen? Antwort: 
Gott ist der beste Priester; er wird mich wohl unter- 
richten, dabei will ich durch Gottes Gnade bleiben. 
Frage: Vielleicht ist etwa ein Landläufer (Bies) gewe- 
sen, der dir etwas vorgepredigt hat; ferner sagten sie, 
sie hätten in dem Alten Testamente gelesen, daß viele 
Kinder getauft worden seien. Peter antwortete: Ich ha- 
be nichts davon gelesen; ich habe zwar wohl gelesen, 
daß Christus den Gläubigen befohlen hat zu taufen, 
Mt 28,19; Mk 16,16, was auch von den Aposteln getan 
worden ist, Apg 2,38, und daß Petrus gelehrt habe: Tut 
Buße, und lasse sich ein jeder taufen, so werdet ihr die 
Gabe des Heiligen Geistes empfangen, denn euer und 
eurer Kinder ist diese Verheißung; auch hat er Joli 8 
angeführt. Darauf sagten sie: Peter, du bist verführt; 
sind deine Brüder auch so gesinnt? Er antwortete: Was 
weiß ich von meinen Brüdern! Von demjenigen, was 
mir Gott gegeben hat, kann ich reden, solches weiß 
ich. Ferner hat er erzählt, daß Christus gesagt habe: 



194 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Geht hin in alle Welt, predigt und lehrt, wer da glaubt 
und getauft wird, der wird selig werden; endlich, wie 
Christus zu Johannes an den Jordan gekommen sei, 
um von ihm sich taufen zu lassen, damit er zuerst für 
uns alle Gerechtigkeit erfülle und uns ein Vorbild sei, 
seinen Fußstapfen nachzufolgen; nach Christi Leiden 
haben solche die Apostel gebraucht, welche sein Leib 
und seine Gemeinde waren. 

Von ihrem Abendmahle hat er bekannt, daß er über- 
haupt davon nichts hielte; sie haben ihn auch mit dem 
Evangelium ermahnt, welches alles er als richtig aner- 
kannt hat, nicht aber, daß es auf ihre Gemeinde gesagt 
worden sei, denn Christus sprach, sagte er, zu seinen 
Aposteln: Nehmt, esst, das ist mein Leib, der für euch 
gebrochen wird; auch den Kelch: Trinkt alle daraus; 
das ist der Kelch des neuen Testamentes in meinem 
Blute, das zur Vergebung der Sünden für viele vergos- 
sen wird. Die Christen sollen es halten, wie Paulus an 
die Korinther lehrt; dort haben wir es klar. Sie sagten, 
daß ihr Abendmahl, welches sie essen und trinken, 
wahrhaftig Fleisch und Blut sei, und fragten mich, ob 
wir es nicht auch so zu essen und zu trinken pfleg- 
ten? Antwort: Christus sprach: Das Fleisch ist nichts 
nütz, nämlich äußerlich zu essen; das Wort aber ist 
Geist und Leben; unsere Gemeinde ist nicht außer 
dem Leibe Christi. 

Eine kurze Ermahnung von Peter Witses, dem 
Maurer 

Christus hat, Mt 24,5, gesagt: Es werden viele in mei- 
nem Namen kommen und sagen: Ich bin Christus, 
und werden viele verführen, welches wohl wahr ist; 
denn wenn man ihnen die Sünden beichtet, so verge- 
ben sie dieselben, wie sie sagen; solches haben sie seit 
der Zeit getrieben, daß das Evangelium verborgen 
gewesen ist, und tun es noch, Paulus hat auch davon 
an Timotheus geweissagt, und Christus, Mt 7: Hütet 
euch vor den falschen Propheten ; ferner Johannes im 
10. Kapitel, der viel davon schreibt, ebenso Judas und 
Petrus. Aber sie sind wie unvernünftige Tiere, welche 
von Natur dazu geboren sind, daß sie gefangen und 
erwürgt werden. Sie lästern, was sie nicht verstehen; 
ferner, sie weben Spinngewebe und brüten Basiliske- 
neier aus; ferner, sie tünchen die Wand mit losem Kalk, 
und legen den Menschen Kissen unter die Arme; denn 
obgleich die Kirche in die Höhlen flieht, so bleibt doch 
das Bekenntnis ewiglich. Sie können nicht widerste- 
hen, denn sie verleugnen die Kraft Gottes; sie lieben 
den breiten Weg, das Kreuz Christi ist ihnen eine Tor- 
heit. Hiervon gab mir Gott etwas zu reden ein. Ich 
merke anders nichts, als den Gräuel der Verwüstung, 
wovon der Prophet Daniel spricht, und wovon auch 


Christus sagt, daß er auf Erden kaum Glauben finden 
werde; aber seid guten Muts und streitet im Glauben, 
als solche, die wohl wissen, daß es das Wort der Wahr- 
heit sei, welches nicht fehlen kann. Darauf habe ich 
durch Christi Gnade gebaut; er wird mich bewahren; 
ich will stets auf ihn trauen, weil ich weiß und gewiss 
bin, daß keine Kraft, keine Macht und keine Herrlich- 
keit weder im Himmel noch auf Erden ist, als nur die 
seinige. Darum seid sorgfältig, prüft euch selbst in eu- 
rem Gewissen, was ihr sucht, es muss ein jedes Werk 
offenbar werden. Lest und untersucht es fleißig, denn 
es gilt uns nicht wenig. Die Obrigkeit kann jemanden 
mit der Pein nicht bald verführen; aber die Geister 
der Verführung kommen mit falschen Stricken unter 
Christi Namen, vor welchen wir doch zur Genüge 
gewarnt sind, Mt 7; 24; lTim 4; 2Tim 3,4 ; Tit 3; Rom 16; 
Phil 3,2; 2 Pt 2. Meine lieben Freunde! Sie mögen mir 
mit Fragen zusetzen, wie sie wollen; unterweiset doch 
die jungen, einfältigen Herzen recht in dem Unter- 
schiede des Abendmahls des Herrn, denn ich weiß, 
was mir begegnet. Ist das Haus recht auf den Eckstein 
gegründet, so kann es nicht fallen; ein jeder sehe wohl 
zu, denn die Zeit der Versuchung ist vor der Türe, 
und es ist wohl bekannt, daß es bei den Worten nicht 
allezeit bleiben werde, denn Christus hat selbst gelit- 
ten. Haben sie seinen gesegneten Leib angetastet, so 
werden sie auch wohl unserer nicht schonen; lasst uns 
mit dem Worte Gottes uns waffnen, denn das Wort 
Gottes ist die rechte Türe; es ist das Brot des Lebens. 
Die Zeit des Heulens ist gekommen; darum ist unsere 
Erlösung nahe. Lasst uns um Gnade bitten, es ist Zeit, 
daß das Gericht an dem Hause Gottes anfange; wenn 
es mm an uns anfängt, wie wird es denen ergehen, 
die an das Wort nicht glauben. Meine Brüder! Verge- 
sst uns arme Schafe nicht in eurem Gebete, die wir 
um der Wahrheit willen in den Banden der Obrigkeit 
sind. Sorgt für diejenigen, die bei euch wohnen, denn 
Christus wird sagen: Ich bin nackend gewesen, und 
ihr habt mich gekleidet ; betet und wacht, der Gräuel 
der Verwüstung naht heran; lasst nicht nach; habt gu- 
ten Mut, denn der in uns ist, ist größer als der in der 
Welt ist. Mein freundliches Begehren ist, daß ihr Fleiß 
anlegen wollt, damit ihr nicht verführt werdet, denn 
es sind jetzt gefährliche Zeiten. Wisst, daß ich allezeit, 
wenn ich vor sie gebracht wurde, meine eigenen Ge- 
danken in mir vernichtet und zu dem allmächtigen 
Gott gebetet habe, daß er meinen Mund nach seinem 
Wohlgefallen öffnen wolle; glaubt für gewiss, es ist 
geschehen, daß er den Elenden Trost genug gegeben; 
sie haben mir in vielen Stücken Recht gegeben, als ich 
durch Gottes Gnade mit einem sanftmütigen Geiste 
mit ihnen redete. Meine lieben Freunde! Nehmt es 
zu Dank auf; der Herr wolle euch alle vor den bösen 



195 


Verführern bewahren: Betet und wacht; es ist eine ge- 
fährliche Zeit. Vergesst unserer nicht in eurem Gebete, 
und kommt zu Zeiten zu uns; solches ist erbaulich. 
Der Herr wolle uns alle bewahren. 

An sein Weib. 

Mein liebes, auserwähltes Weib! Bleibe bei Gott, und 
laß dich nicht in Gemeinschaft mit den Bösen ein, 
denn wenn der Gerechte abweicht, spricht der Herr, 
so soll meine Seele keinen Wohlgefallen an ihm haben. 
Die Zeit meines Todes scheint nahe zu sein; mit Gott 
wird es geschehen. Wenn es zum Scheiden kommt, 
so fürchte dich nicht, sondern bewahre deinen Mund. 
Mein liebes Weib, bleibe bei der Gnade Gottes, die dir 
gegeben ist! 

Wilhelm von Leuwen. 

Im Jahre 1554 ist zu Gent in Flandern um des Zeug- 
nisses der Wahrheit willen ein frommer Zeuge Got- 
tes, Wilhelm von Leuwen genannt, welcher des Jahn 
Doom Großvater gewesen ist, getötet worden. Dieser 
hat nicht wegen irgendeiner Übeltat oder Ketzerei, 
sondern allein um des Zeugnisses der Wahrheit wil- 
len in einem guten Gewissen gelitten, denn er hatte 
der babylonischen Hure mit allen ihren Buhlern und 
falschem Gottesdienste entsagt und hatte sich wieder 
mit Christo vereinigt, welchem er von ganzem Her- 
zen in der Wiedergeburt nachgefolgt ist, und hat so 
diese Welt und alles, was darin ist, durch den Glau- 
ben überwunden; daher hat er endlich das Ende des 
Glaubens, das ist, die ewige Seligkeit, durch Christum 
Jesum aus Gnaden erlangt. 

David und Levina. 

Zu Gent, in Flandern, wurde im Jahre 1554 ein junger 
Bruder, namens David, gefangen genommen, weil er 
Christo nachfolgte und die Gebote Gottes hielt, wel- 
cher, als er untersucht wurde, seinen Glauben ohne 
Furcht bekannt hat, und als er gefragt wurde, was er 
von dem Sakramente hielt, sagte David, er hielte sol- 
ches für nichts anderes als für eine Abgötterei. Darauf 
sprach ein Pfaffe zu ihm: Freund, du bist sehr verführt, 
weil du so leicht deinen Glaube bekennst, denn wenn 
du dich nicht bei Zeiten bedenkst, so wird es dich das 
Leben kosten. Darauf antwortete David mit sanfter 
Stimme: Ich bin bereit, für den Namen Christi mein 
Blut zu vergießen, und sollte es hier auf diesem Platze 
sein; denn Gott ist mein Heil, der wohl vor allem Übel 
behüten und bewahren kann. Der Pfaffe sprach: So 
gut wird es dir nicht ergehen, daß man dich hier auf 


diesem Platze heimlich töten wird, sondern man wird 
dich öffentlich auf dem Markte, zur ewigen Schande, 
an einem Pfahl mit Feuer verbrennen. Nachher hat 
man ihn vor Gericht gebracht, wo er zum Tode ver- 
urteilt worden ist; sein Urteil wurde abgelesen und 
lautete, daß er von dem rechten Glauben in Ketzerei 
verfallen sei, und darum, nach des Kaisers Befehle, 
verurteilt werde, erwürgt und verbrannt zu werden. 
David sante: Es wird mir niemand mit der Schrift 
beweisen können, daß der Glaube Ketzerei sei, um 
deswillen ich nun sterben muss. 

Mit ihm wurde auch eine Frau, Levina genannt, 
zum Tode verurteilt, welche nicht nur ihre sechs lie- 
ben Kinder, sondern auch ihr zeitliches Leben lieber 
verlassen wollte, als ihren lieben Herrn und Bräu- 
tigam Jesum Christum. Als sie auf die Schaubühne 
kamen, wollte David niederknien und sein Gebet zu 
Gott verrichten; aber solches wurde ihm nicht erlaubt, 
sondern sie wurden nach den Pfählen fortgetrieben. 
Als sie nun an denselben standen, sprach David zu 
Levina: Freue dich, liebe Schwester, denn was wir hier 
leiden, ist nicht mit dem ewigen Gute zu vergleichen, 
welches unserer wartet. Als sie nun ihr Opfer tun 
wollten, riefen beide: Vater, in deine Hände befehlen 
wir unsem Geist. Da wurde einem jeden ein Säck- 
lein mit Schießpulver angehängt, worauf sie erwürgt 
und verbrannt worden sind. Hierbei zeigte sich ein öf- 
fentliches Wunderwerk Gottes, denn als sie verbrannt 
waren und das Feuer ausgelöscht war, sah man, daß 
David sein Haupt noch bewegte, so daß das Volk rief: 
Er lebt noch. Der Scharfrichter nahm die Gabel in die 
Hand und stach ihm damit dreimal in den Bauch, daß 
das Blut herauslief; gleichwohl sah man ihn nachher 
sich noch bewegen. Darum legte der Scharfrichter ei- 
ne Kette um seinen Hals, band ihn an den Pfahl und 
zerbrach ihm so den Hals. 

So haben diese beiden sich tapfer durchgestritten, 
mit festem Vertrauen zu Gott, der sie auch nicht zu 
Schanden werden ließ, denn sie hatten ihren Bau auf 
den einigen Grund fest gegründet, weshalb sie auch 
in Ewigkeit nicht vergehen, sondern allezeit unbeweg- 
lich bleiben werden. 

Peter mit dem Krüppelfuße, Jan Doogscherder, 
Hans Borduerwercker und Franz Schwerdtfeger. 

Als im Jahre 1555 Junker Jan von Immerseele Mark- 
graf geworden ist, sind zu Antwerpen, um des Zeug- 
nisses der Wahrheit willen, vier Brüder gefänglich 
eingezogen worden, nämlich: Peter mit dem Krüppel- 
fuße, Jan Doogscherder, Hans Borduerwercker und 
Franz Schwerdtfeger, welche endlich zum Tode verur- 
teilt wurden, weil sie standhaft dabei geblieben sind 



196 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


und zu keinem Abfalle gebracht werden konnten; sie 
haben öffentlich auf dem Markte ihr Leben um des 
Namens des Herrn lassen müssen, was er ihnen wohl 
vergelten wird. 

Tannecken von der Leyen, 1555. 

Auch wurden in demselben Jahre zu Antwerpen eine 
junge Tochter von Gent, namens Tannecken von der 
Leyen, gefangen genommen, welche Gott und seine 
Wahrheit mehr liebte als alles, was in der Welt ist; 
deshalb, weil sie die Lehre Christi und seiner Apo- 
stel mehr achtete, als alle menschlichen Lehren, und 
standhaft dabei blieb, ist sie zum Tode verurteilt und 
in der Schelde ertränkt worden. 

Bartholomäus der Töpfer, 1555. 

Bartholomäus der Töpfer, der im Hause Gottes ein 
Gefäß der Ehren gewesen ist, wurde auch um seines 
Glaubens willen zu Antwerpen gefangen, untersucht 
und ihm viel Verdruß angetan, und endlich, nachdem 
das Urteil gefällt worden ist, öffentlich auf dem Mark- 
te, als ein frommer Zeuge Jesu Christi getötet. 

Romeken, 1555. 

Um dieselbe Zeit hat auch Rommeken, der ein be- 
rühmtes Kind Gottes war, die Wahrheit Gottes zu 
Antwerpen auf dem Markte öffentlich vor jedermann 
mit seinem Blute bezeugt und versiegelt; darum wird 
Christus bei seinem himmlischen Vater wieder von 
ihm zeugen und ihn bekennen. 

Hans Pichner. 

Im Jahre 1555 ist Hans Pichner von Sal zu Borst im 
Etschlande oder Funts-Gau gefangen genommen und 
von den Häschern nach Schlanters vor den Richter 
geführt worden, welcher ein grausamer Tyrann und 
eines sehr grimmigen Gemütes war; derselbe nahm 
ihn sofort vor und hat ihm mit scharfen Fragen zuge- 
setzt, daß er denjenigen angeben und verraten sollte, 
der ihn beherbergt hatte; als er solches aber nicht tun 
wollte, wurde er sogleich vom ersten Tage an gefoltert; 
aber all ihr Peinigen war umsonst, und es ärgerte sie 
sehr, daß sie von ihm nichts erfahren konnten. Man 
hat ihn einige Mal entkleidet und im Foltern ihn ei- 
nige Stunden an Stricken hängen lassen; ja, er wurde 
so ausgespannt, daß er weder auf seinen Füßen ste- 
hen, noch einen Schritt tun, auch nicht seine Hände 
zum Munde bringen konnte, um zu essen; gleichwohl 
ließ er sich nicht verführen, sondern blieb standhaft 


im Herrn. Dann haben sie ihm Hände und Füße ge- 
bunden, und ihn in einem dunklen Gefängnisse oder 
Kerker länger als ein halbes Jahr gefangen gehalten; 
auch brachten sie viele Weltgelehrte (ob sie etwa ihn 
abziehen konnten), als Pfaffen und Mönche, auch ei- 
nige Edelleute zu ihm, die ihm zwei Tage und eine 
ganze Nacht scharf zusetzten, aber sie wurden zu 
Schanden, denn er ließ sich nicht abschrecken, son- 
dern überzeugte sie mit der Wahrheit. 

Endlich haben sie ihn zum Tode verurteilt und auf 
den Richtplatz hinausgeführt, wo er das Volk, das in 
großer Anzahl versammelt war, zur Buße ermahnt hat; 
hiernach wurde er sitzend, mit dem Rücken gegen 
ein Holz gelehnt, enthauptet, denn sie hatten ihn so 
jämmerlich ausgespannt und gepeinigt, daß er nicht 
knien konnte; gleichwohl ist er unbeweglich bei dem 
Herrn und seiner Wahrheit geblieben; darum hat ihn 
Gott auch in der Stunde jener Versuchung bewahrt, 
und wird ihm hinfort kein Leid von dem zweiten Tode 
widerfahren; das ewige Feuer wird er nicht sehen, 
sondern er wird zu den vielen tausend Engeln, zu 
dem Abendmahle und der Hochzeit des Lammes, in 
reiner, weißer Seide gekleidet, eingehen, wo Freude 
über Freude von Ewigkeit zu Ewigkeit sein wird. 

Christian, im Jahre 1555. 

Im Jahre 1555 wurde im Baierland ein Bruder mit 
Namen Christian gefangen genommen und nach Wer- 
mes geführt, und obgleich er noch nicht lange bei der 
Gemeinde gewesen war, so hat er doch die Wahrheit 
Gottes, die er angenommen und erkannt hatte, treu- 
lich bewahrt, auch was er Gott in seinem christlichen 
Taufbunde versprochen hat, bis an den Tod festgehal- 
ten, und so durch die Kraft und Stärke Gottes den 
Glauben mit seinem Blute bezeugt; er ist zu Wermes 
mit dem Schwerte gerichtet worden und hat so bis in 
den Tod einen guten Kampf gekämpft, für die Wahr- 
heit gestritten, seinen Lauf zu einem sichern Ende 
gebracht, und hat nicht in die Verführung eingewil- 
ligt, sondern lieber ritterlich sterben, als schändlich 
leben wollen; darum ist ihm auch die Krone der Ge- 
rechtigkeit verheißen, welche der Herr am jüngsten 
Tage ihm und allen geben wird, die seine Erscheinung 
lieben. 

Digna, Pieterß Tochter, 1555. 

Digna, Pieterß Tochter, wird um des Zeugnisses Jesu 
Christi willen, nach vielem Verdruss, zu Dortrecht in 
dem Puttoxturm in einen Sack gesteckt und ertränkt, 
den 23. November 1555. 

Als man schrieb das 1555. Jahr nach der Geburt 



197 


unseres Herrn, hat man sich auch zu Dortrecht in Hol- 
land an einigen von den Heiligen Gottes vergriffen, 
unter welchen unter anderem auch eine gottesfürchti- 
ge Frau, namens Digna Pieterß, genannt wird, welche 
eine Bürgerin dieser Stadt war, die aber ihr Bürger- 
recht in der geistigen Stadt Gottes hatte, nämlich in 
der Gemeinde Jesu Christi auf Erden, ja, auch, um ih- 
rer Aufrichtigkeit willen, im neuen und himmlischen 
Jerusalem, das droben ist, worin und wovon sie durch 
das Wort der Wahrheit wiedergeboren war. 

Diese hat man, um ihres Glaubens willen, den sie 
mit den lieben Freunden und Kindern Gottes gemein 
hatte, gefänglich eingebracht und ist auf mancherlei 
Weise streng gegen sie verfahren, in der Absicht, um 
sie vom Glauben abzubringen. 

Als man aber nun die Sache nicht weiter bringen 
konnte, weil sie auf den unbeweglichen Eckstein, näm- 
lich Jesum Christum, gegründet war, so hat man sich 
vorgenommen, ihrem Bürgerrechte und zugleich ih- 
rem Leben ein Ende zu machen. 

Darauf ist erfolgt, daß die Gerichtskammer durch 
Hilfe der Gerichtsverwandten und des Rats dieser 
Stadt mit öffentlichem Glockenschlage ihr den 17. No- 
vember desselben Jahres vor den Treppen des Stadt- 
hauses das Bürgerrecht abgenommen hat, um künftig 
mit ihr zu handeln, wie die Herren dieser Kammer es 
für gut befinden oder billig erkennen würden. 

Diese Geschichte ist in dem Buche von dem Glo- 
ckenschlage dieser Stadt, welches in der Schreiberei 
daselbst niedergelegt, jedoch durch die Länge der Zeit 
sehr defekt geworden ist, übergeblieben. 

Actum per Campanam. 

»Nachdem Digna, Pieterß Tochter, eine Bürgerin die- 
ser Stadt, gegenwärtig gefangen, vor dem Gerichts- 
verwandten und dem Rate dieser Stadt ohne Folter 
und Bande öffentlich bekannt hat, daß sie wiederge- 
tauft worden sei etc.; auch Versammlungen gehalten 
dem Glauben, den heiligen Sakramenten und andern 
Diensten und Gebräuchen der heiligen Kirche zuwi- 
der, so hat die Kammer der vorgemeldeten Stadt die- 
ser Digna, Pieterß Tochter, das Bürgerrecht entzogen, 
und entzieht ihr dasselbe hiermit, um fernerhin mit 
derselben zu verfahren, wie die vorgemeldete Kam- 
mer nach Erforderung und Gelegenheit der Sache gut 
befinden wird.« 

Hierauf folgt in demselben Buche, was die Gerichts- 
kammer sechs Tage später, wie es scheint, ihretwegen 
getan hat, wovon die nachstehenden Worte gefunden 
werden: 


Digna Pieterß ertränkt. 

Heute, den 23. November im Jahre 1555 ist Digna, 
Pieterß Tochter, in Gemäßheit eines Urteils, welches 
von den Gerichtsverwandten und dem Rate dieser 
Stadt gefällt und bekannt gemacht worden ist, in dem 
Puttoxturme (und das nach Berichte des Woutec Bar- 
thouts Gerichtsverwandten) in einen Sack gestellt und 
ertränkt worden. 

Abgeschrieben aus dem Buche von dem Glocken- 
schlage der Stadt Dortrecht, welches mit dem letzten 
Oktober 1554 anfängt und sich mit dem 16. Juni 1573 
endigt. 

Dieses ist das Ende dieser tapferen Heldin Jesu ge- 
wesen, welche, obgleich sie heimlich in einem Turme 
ermordet und umgebracht worden ist (gleichwie Jo- 
ris Wippe und mehrere andere), doch dermaleinst 
an dem großen Tage des Herrn öffentlich zum Vor- 
schein gebracht werden wird; dann wird man den 
Unterschied sehen zwischen denen, die es getan, und 
denen, die es erlitten haben. Denn es wird ein jeder 
an seinem Leibe empfangen, je nachdem er hier getan 
hat, es sei gut oder böse (2Kor 5,10). 

Dieser Puttoxturm, wo diese Marter geschehen ist, 
hat in der Stadt Dortrecht in der Nähe der Pforte des 
großen Hauptes gestanden, er ist aber endlich durch 
die Länge der Zeit (oder zur Warnung von Gott wegen 
dieser Mordtat) umgefallen, an dessen Stelle gegen- 
wärtig ein Haus gefunden wird, wo in dem Giebel 
nachfolgende Worte in einem harten Stein ausgehau- 
en stehen: 

Wo vormals Puttoxturm zerbrach, 

Bin ich erbauet bald hernach. 

Was die Personen betrifft, die in demselben Jahre bei 
dem Todesurteile (oder Todesstrafe) gedient haben 
(und welche dieses Werk ausgeführt haben), so sind es 
(nach Johann Beverwüks Beschreibung des Regiments 
der Stadt Dortrecht) nachfolgende gewesen: Adriaen 
von Bleyenberg, Adriaenß war damals Schulze. Die 
Gerichtsbeamten waren: 

1. Jakob Adriaenß. 

2. Philips von Beverwük Ogierß. 

3. Maerten Schrevel Dirkß. 

4. Jakob dem Herrn Jakobß. 

5. Peter Mugs Jakobß. 

6. Schrevel Herrn Ockers. 

7. Wouter Barthouts. 

8. Cornelius von Beveren Herrn Claß. 

9. Wouter von Drenkwaart Herrn Wilmß. 

Ob aber alle diese Gerichtsverwandten nebst dem 
Schulzen in das vorgemeldete Urteil eingewilligt ha- 
ben, oder ob Wouter Barthouts, der bei ihrem Tode 



198 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


zugegen war, insbesondere zu diesem Werke angetrie- 
ben habe, wird nicht ausgedrückt; gleichwohl lässt 
es sich annehmen, daß die meisten derselben keinen 
großen Gefallen daran gehabt haben müssen, weil 
sich Wouter Barthouts allein (wie es scheint) nebst 
dem Scharfrichter und den Gerichtsdienern bei dem 
Tode dieser Frau eingefunden hat. 

Erneuerung der vorhergehenden blutigen Befehle, 
im Jahre 1556. 

Erneuerung der vorhergehenden blutigen Befehle des 
Kaisers Karl des Fünften wider die Taufgesinnten oder 
sogenannten Wiedertäufer durch Philipp den Zwei- 
ten, König von Spanien, im Jahre 1556. 

Bis hierher hatte der Kaiser Karl der Fünfte die Ver- 
gießung des Blutes der Heiligen in den Niederlanden 
und die grausamen Tyranneien, die mit Hilfe des Ket- 
zergerichts, samt dem, was darauf erfolgt und sowohl 
durch Feuer, Wasser, Schwert, als auch durch ande- 
re Mittel über dieselben ins Werk gesetzt worden ist, 
auf seinem Gewissen; aber in diesem Jahre hat sein 
Sohn, Philipp der Zweite, König von Spanien, der 
seines Vaters Fußstapfen nachfolgte (statt eine Lin- 
derung im Gewissenszwange zu veranlassen), allein 
oder doch hauptsächlich alle vorhergehenden alten, 
blutigen und grausamen Befehle, die sein Vater gegen 
die genannten Ketzer erlassen hatte, erneuern und 
befestigen lassen; insbesondere den sehr grausamen 
Befehl, welcher den 25. September des Jahres 1550 
öffentlich bekannt gemacht worden ist, dessen Inhalt 
wir bisher aufgespart haben, den wir aber hier anfüh- 
ren wollen, weil er doch in dem Jahre 1556 erneuert 
worden ist, wiewohl nicht in seinem ganzen Umfange, 
sondern nur insoweit er wider die Taufgesinnten und 
hauptsächlich wider ihre Lehre handelt. 

In dem Buche, worin sich der Prinz von Oranien, 
Wilhelm der Erste, wider die Falschheiten, deren ihn 
seine Widersacher mit Unrecht zu beschuldigen such- 
ten, verantwortet, gedruckt 1569, wird hiervon Pag. 
165, Buchst. L 6, mit nachstehenden Worten Erwäh- 
nung getan. 

Von den Verordnungen und Befehlen. 

Von den Verordnungen und Befehlen, welche für al- 
le Zeiten und ohne Ausnahme gemacht und überall 
verkündigt worden sind, vom 25. September 1550 an, 
aber erneuert und befestigt durch die königliche Ma- 
jestät im Jahre 1556. 

Desgleichen verbieten wir allen weltlichen Perso- 
nen und andern, sich in eine Verhandlung oder einen 
Wortstreit wegen der Heiligen Schrift, es sei öffentlich 


oder heimlich einzulassen, insbesondere in zweifel- 
haften und schweren Materien, oder andere zu lehren 
und die Heilige Schrift auszulegen oder zu verdolmet- 
schen, es sei denn, daß sie Gottesgelehrte wären und 
die Gottesgelehrtheit oder geistlichen Rechte gelernt 
hätten, die von berühmten hohen Schulen für tüchtig 
erkannt, oder sonst dazu vom Bischöfe desselben Orts 
Freiheit erhalten; und geht unsere Meinung dahin, 
daß solches nicht von denjenigen verstanden werden 
müsse, die sich darauf legen, daß sie wegen der Heili- 
gen Schrift einfältige Aufschlüsse erteilen und dabei 
die Auslegung der Heiligen und Gottesgelehrten an- 
führen, die man für gut befunden, sondern von denen, 
die, um andere zu verführen, dasjenige lehren und 
in demjenigen unterrichten, was verboten ist, und 
die, den Verordnungen unserer Mutter, der heiligen 
Kirche, zuwider, falsche und arge Sätze und Lehren 
behaupten und lehren, welche öffentlich für Ketzer 
gehalten werden, oder auch, die irgendeine Lehre der 
vorgemeldeten Schreiber predigen, verteidigen und 
behaupten, es sei öffentlich oder heimlich. 

Bei Strafe, daß derjenige, welcher gegen einige der 
obengenannten Punkte gehandelt oder getan haben 
wird, als eine aufrührerische Person und ein Zerstörer 
unserer Regierung und der allgemeinen Ruhe bestraft 
und hingerichtet werden soll; nämlich, die Männer 
sollen mit dem Schwerte getötet, die Weiber aber le- 
bendig begraben werden, wenn sie ihre Irrtümer nicht 
ferner behaupten oder verteidigen wollen; wenn sie 
aber in ihren Irrtümem, Meinungen oder Ketzereien 
verharren, sollen sie mit Feuer hingerichtet werden, 
und es sollen unter jeden Umständen alle ihre Güter 
zu unserm Nutzen verfallen sein. 

Was dasjenige betrifft, was wir in unsern vorherge- 
henden Befehlen und unsern letzten Verordnungen 
beschlossen haben, daß sie von dem Tage an, wo sie 
dagegen gehandelt haben, oder in die vorgenannten 
Irrtümer gefallen sind, nicht berechtigt sein sollten, 
rücksichtlich ihrer Güter etwas zu verordnen, und 
daß aller Handel, Geschenke, Abtretung (Zession), 
Verkäufe, Übergebung der Güter, Testamente oder 
letzte Willen, die sie von dem letztbeschriebenen Tage 
an getan und gemacht haben, nichtig, kraftlos und 
ungültig sein sollten. 

Ferner, Pag. 168: Denn nachdem viele aus unseren 
vorgemeldeten Landen, die wegen Ketzerei verdäch- 
tig sind, und insbesondere wegen der Sekte der Wie- 
dertäufer ihre Wohnplätze verändern, um die einfäl- 
tigen Leute in denjenigen Flecken, wo ihre Art nicht 
bekannt ist, zu vergiften, so wollen wir, um diesem zu 
begegnen, verordnen und befehlen, daß niemand von 
den Einwohnern unserer vorgemeldeten Niederlan- 
de, wes Standes, Art und Beschaffenheit er auch ist. 



199 


in irgendeiner Stadt oder irgendeinem Dorfe dieser 
Lande aufgenommen oder zugelassen werden soll, 
es sei denn, daß er ein Zeugnis von dem Pfarrer des 
Fleckens bringe, wo er zuletzt gewohnt hat. 

Er soll aber verbunden sein, solches Zeugnis auf- 
zuweisen und dem obersten Aufseher der Stadt oder 
des Dorfes, wo er wohnen will, in die Hände zu lie- 
fern, bei Strafe, daß allen, die solches Zeugnis nicht 
mitbringen werden, nicht erlaubt sein soll, daselbst 
zu wohnen. 

Auch gebieten wir den Beamten, daß sie sich nach 
denselben genau erkundigen, und hierin verfahren, 
wie es sich gebührt. Es soll auch unseren vorgemel- 
deten Beamten, oder den Herren und ihren Beamten, 
nicht erlaubt sein, solchen Personen irgendein Geleit 
oder einen Geleitsbrief zu geben. 

Ferner, Pag. 171: Alle diejenigen, die von einigen 
Kunde haben, die mit Ketzerei besudelt sind, sollen 
gebunden sein, dieselben sofort und ohne Verzug zu 
offenbaren, anzubringen und allen geistlichen Rich- 
tern, Bedienten der Bischöfe, und andern, wo es sich 
gebührt, bekannt zu machen. 

Desgleichen, wenn befunden wird, daß jemand wi- 
der diese unsere Verordnungen und Verbote gehan- 
delt hat, und es an den Tag legt, daß er angesteckt oder 
ein Übeltäter von den Ketzern sei, oder etwas gegen 
diese unsere Verordnungen und Verbote tut, insbe- 
sondere, wenn es zur Ärgernis und Aufruhr gereicht 
Diejenigen, welche von denselben Wissenschaft oder 
Kunde haben, sollen verbunden sein, unsere geistli- 
chen Richter oder ihre Untergebenen und Verordne- 
ten, oder die Beamten der Plätze, wo solche angesteck- 
te Übeltäter wohnen, davon zu benachrichtigen, und 
das bei willkürlicher Strafe. 

Auch sollen sie verbunden sein, wenn sie Plätze 
wissen, wo einige solcher Ketzer sich aufhalten und 
zur Herberge sind, dieselben den Beamten dieser Plät- 
ze anzuzeigen, bei Strafe (wie vorgemeldet worden), 
für Missetäter gehalten zu werden, die solche Ketze- 
rei gehegt und ihr angehangen haben, und sollen mit 
derselben Strafe belegt werden, welche einem Ketzer 
oder Missetäter gebührt, wenn er in Verhaft genom- 
men und gefangen worden wäre. 

Und damit die vorgemeldeten Richter und Beam- 
ten, welche die vorgenannten Ketzer, Wiedertäufer 
und Übertreter unserer vorgeschriebenen Verordnun- 
gen und Verbote gefangen und in Verhaft genommen, 
unter dem Vorwände, es schienen die Strafen zu groß 
und zu schwer zu sein, und dieselben seien nur ver- 
ordnet, den Übertretern (nämlich den Wiedertäufern) 
und Übeltätern Furcht einzujagen, keine Ursache ha- 
ben, ihnen, ihren Rottgesellen und Gönnern, durch 
die Finger sehen, oder dieselben mit einer geringeren 


Strafe zu belegen, als sie verdient haben, wie man er- 
fahren, daß solches vor Zeiten oft geschehen ist, so 
wollen wir, daß diejenigen, die mit Wissen diese Ver- 
ordnungen übertreten (samt denen, die einige ketzeri- 
sche, ärgerliche Bücher und Schriften bei sich gehabt, 
gedruckt, verkauft, ausgeteilt, bekannt gemacht, oder 
sonst gegen die Verordnungen getan und gehandelt 
haben, die zuvor oder nachher berichtet, oder gegen 
einige von denselben) mit der oben angeführten Strafe 
tätlich gestraft und gezüchtigt werden sollen. 

Wir verbieten allen unsern Richtern, Gerichtsräten 
und Beamten, wie auch Lehnträgern und Untertanen, 
weltlichen Herren, die im hohen Gerichte sitzen, wie 
auch ihren Bedienten, die vorgemeldete Strafe auf 
irgendeine Weise zu verändern oder zu mäßigen; son- 
dern sie sollen, wenn sie die vorgemeldete Übertre- 
tung erkannt haben, in Vollziehung der vorbeschrie- 
benen Strafen und ihrem Ratschlüsse geradezu ver- 
fahren, es wäre denn, daß die vorgemeldeten Richter 
in einem großen, wichtigen Falle Bedenken gefunden 
hätten, die Strafe, die nach unsern vorgemeldeten Be- 
fehlen gegen die Übertreter verordnet ist, nach der 
Schärfe auszuführen. 

Gleichwohl soll ihnen in solchem Falle nicht erlaubt 
sein, nach ihrem Gutdünken etwas nachzulassen, son- 
dern sie sollen verbunden sein, die Verhandlung des 
Blutgerichts, wohl verschlossen und versiegelt, an das 
oberste Gericht des Landes, unter dessen Herrschaft 
sie wohnen, zu übermachen und zu senden; daselbst 
soll alles genau untersucht, durchforscht und darüber 
beratschlagt werden, ob darin eine Veränderung oder 
Linderung der vorgemeldeten Strafen Platz haben 
könne oder nicht. 

Und wenn diese unsere vorgemeldeten Räte fin- 
den werden, daß mit Grund, Recht und Fug (was wir 
ihnen bei ihrem Gewissen anbefehlen wollen) darin 
einige Veränderung oder Linderung vorkommt, so 
sollen sie dieselben in solchem Falle schriftlich be- 
nachrichtigen, und alles an die vorgemeldeten Richter 
und Beamten übersenden, um danach den vorgemel- 
deten Gerichtshandel auszuführen und zu Ende zu 
bringen. 

Wir befehlen ihnen auch, nicht weniger zu tun, und 
gebieten ausdrücklich und scharf, bei Vermeidung 
in unsere willkürliche Strafe und Züchtigung zu fal- 
len, daß sie ohne wichtige und erhebliche Ursache 
die vorgemeldete Beratschlagung nicht unternehmen, 
sondern, so viel als sie können und vermögen, sich 
nach dem Inhalte dieser gegenwärtigen Verordnun- 
gen richten. 

Ausgeschrieben aus dem großen Gesetzbuche von 
Gent, worin alle Gesetze, Befehle und Verordnungen 
des Kaisers Karl des Fünften und Königs Philipp des 



200 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Zweiten zusammengetragen sind, und von Wilhelm 
dem Ersten, Prinzen von Oranien, in seiner Verantwor- 
tung, wider seine Widersprecher angeführt werden; 
gedruckt 1569, von Pag. 165 bis Pag. 174 eingeschlos- 
sen. 

Augustin, der Bäcker, 1556. 

Es hat sich im Jahre 1556 oder um dieselbe Zeit zu- 
getragen, daß in Beverwyk ein Bruder war, Augustin 
genannt, seines Handwerks ein Bäcker, welcher, nach- 
dem er die Welt verlassen hatte, sich auf seinen Glau- 
ben nach der Ordnung Christi taufen ließ, was die 
Papisten nicht ertragen konnten. Zu derselben Zeit 
war dort ein Bürgermeister, welcher sehr feindselig 
gesinnt und mit einem verkehrten Eifer erfüllt war; 
dieser sagte einst, er wolle Torf und Holz dazu herge- 
ben, um Augustin zu verbrennen. Der Schulze sagte, 
er wollte Augustin nicht fangen, ohne ihn zuvor zu 
warnen; aber er hat sein Wort nicht gehalten, denn er 
ist gerade zu der Zeit gekommen, als Augustin damit 
beschäftigt war, den Teig zu kneten; als Augustin ihn 
bemerkte, begab er sich auf die Flucht, er wurde aber 
von seinen Verfolgern sofort ergriffen und ins Gefäng- 
nis gebracht, und weil er ein sehr lieber Mann war, so 
hat solches des Schulzen Frau sehr betrübt, welche zu 
ihrem Manne sagte: O, ihr Mörder! Was habt ihr getan! 
Aber es war umsonst, er musste als ein Schlachtschäf- 
lein seinem Herrn Jesu nachfolgen. Weil er aber in 
seinem Glauben standhaft blieb, so haben sie über ihn 
ein grausames Urteil gefällt, nämlich, daß er an eine 
Leiter gebunden, ins Feuer geworfen und lebendig 
verbrannt werden sollte. Als er nun zum Tode ging, 
sah er einen seiner guten Bekannten, zu welchem er 
sagte: Lebe wohl, Joost Cornelissen! Dieser, der eine 
gute Hoffnung von ihm hatte, antwortete ihm freund- 
lich: Ich hoffe, daß wir dermaleinst ewig beieinander 
sein werden!, worauf der Bürgermeister mit feindse- 
ligem Gemüte sagte: Er wird nicht hinkommen, wo 
du hinkommen wirst, sondern er geht von diesem 
Feuer in das ewige. Darauf sagte Augustin zum Bür- 
germeister: Ich fordere dich auf, innerhalb dreier Tage 
vor dem Gerichte Gottes zu erscheinen. Es ist aber der 
Bürgermeister, nachdem Augustin hingerichtet war, 
sofort vom Wahnsinne befallen worden, und hat alle- 
zeit aus einem beängstigten Gewissen gerufen: Torf 
und Holz! Torf und Holz!, sodass es schrecklich an- 
zuhören war. Er ist auch, ehe die drei Tage zu Ende 
waren, gestorben. Wahrlich, ein großes Kennzeichen 
der allsehenden Augen Gottes, der solche Grausam- 
keiten nicht ungestraft lassen wollte, allen denen zum 
Beispiele, die dergleichen in ihrer verkehrten Blind- 
heit begehen; denn man sieht, daß diejenigen, die 


mit der tyrannischen Grausamkeit über die Frommen 
Gott einen Dienst zu tun glauben, oft ein böses Ende 
nehmen. Auch der Apostel Jakobus sagt, daß ein un- 
barmherziges Gericht über diejenigen ergehen werde, 
die keine Barmherzigkeit geübt haben; der Herr wol- 
le sie erleuchten, die mit solcher Blindheit umgeben 
sind. 

Francyntgen, Grietgen und Maeyken Doornaarts, 
im Jahre 1556. 

Zu Belle in Flandern sind auch um des Zeugnisses 
der Wahrheit willen drei Frauenspersonen, nämlich 
eine alte Frau, genannt Francyntgen, und eine junge 
Tochter, Grietgen, deren Nichte, nebst einer andern 
jungen Tochter, Maeyken Doornaarts genannt, welche 
alle drei große Widerwärtigkeit und Pein erlitten ha- 
ben, gefangen genommen worden. Als man die alte 
Frau nackend peinigen wollte, sagte sie den Herren: 
Bedenkt, daß ihr von Weibern hergekommen seid, 
darum beschämt mich doch nicht; dadurch hat sie 
bewirkt, daß sie auf der Folterbank das Hemd hat 
anbehalten dürfen. Bei der jungen Tochter Grietgen 
haben sie große Arbeit und Mühe angewandt, um 
sie vom Glauben abzuziehen, denn sie war noch sehr 
jung, allein ohne Erfolg, denn sie wollte lieber von 
dieser zeitlichen Pein oder Leiden eine ewige Freude 
erwarten, als mit dieser bald vergehenden Freude ein 
ewigwährendes Leiden einkaufen. 

Die andere junge Tochter, Maeyken Doornaarts, hat 
auch nackend auf der Folterbank liegen müssen; als 
sie aber durch keine Pein oder Leiden dieselbe von ih- 
rem Glauben abspenstig machten konnten, haben sie 
ihr damit zugesetzt, ob sie sich nicht schämte, so bloß 
und nackend hier zu liegen, worauf sie antwortete: 
Ich habe mich selbst nicht nackend hierhergelegt; son- 
dern ihr, die ihr mir ohne Schuld solche Betrübnis und 
Unehre antut, werdet dermaleinst dafür eine ewige 
Schande und Pein leiden müssen; und obgleich sie so 
sehr gepeinigt wurde, daß auch ihr Blut an der Bank 
herunterlief, ist sie doch durch Gottes Gnade, der die 
Seinen allezeit stärkt, standhaft im Glauben geblieben. 
Darauf sind alle drei zum Tode verurteilt und mit Feu- 
er verbrannt worden. Als Maeyken Doornaarts am 
Pfahle stand, sagte sie: Dieses ist die Stunde, wonach 
mich sehr verlangt hat, daß all meine Drangsal ein 
Ende erreiche. Also haben diese drei Heldinnen tap- 
fer gekämpft, und dieses alles erlitten, weil sie, nach 
der Lehre Christi, sich auf ihren Glauben hatten tau- 
fen lassen, und darauf sich bestrebt, in aller Einfalt 
und Aufrichtigkeit dem lebendigen Gotte zu dienen 
und ihm mehr gefallen als den sterblichen Menschen, 
weshalb auch die Krone der Freuden des ewigen und 



201 


unvergänglichen Lebens ihrer wartet. 

Abraham im Jahre 1556. 

Zu Antwerpen ist im Jahre 1556 ein sehr frommer und 
gottesfürchtiger Bruder namens Abraham gewesen; 
derselbe ist um seines Glaubens willen gefangen, und 
nachdem er freimütig bekannt und standhaft in sei- 
nem Glauben geblieben, zum Tode verurteilt worden, 
und hat Gott öffentlich auf dem Markte ein angeneh- 
mes Opfer verrichtet und der Wahrheit mit seinem 
Blute Zeugnis getan. 

Jan de Kudse, im Jahre 1556. 

Kurz darauf hat gleichfalls Jan de Kudse, als ein eifri- 
ger Liebhaber Gottes, welcher auch um der Wahrheit 
willen gefangen wurde und von derselben nicht ab- 
fallen wollte, als ein sanftmütiges Lämmlein Christi, 
um seinem Hirten nachzufolgen, zu Antwerpen auf 
dem Markte den Tod unschuldig erlitten, und ist so 
mit Gewalt durch die enge Pforte ins Reich Gottes 
eingedrungen. 

Claes de Praet wird um des Zeugnisses Jesu 

Christi willen im Jahre 1556 zu Gent verbrannt. 

Das Bekenntnis des Claes von Praet, als er zu Gent im 
Gefängnisse lag, wo er um des Wortes des Herrn wil- 
len sein Leben ließ, zum Brandopfer vor dem Herrn, 
1556. 

Gnade und Friede von Gott, unserm Vater, und dem 
Herrn Jesu Christo sei mit euch allen, meine lieben 
Brüdern und Schwestern in dem Herrn. 

Gesegnet sei Gott und der Vater Jesu Christi, der 
uns gesegnet hat mit allerlei geistigem Segen im 
himmlischen Wesen durch Christum, gleichwie er uns 
durch denselben auserwählt hat, ehe der Welt Grund 
gelegt war, damit wir vor ihm heilig und unsträflich 
in der Liebe sein sollten. Ein jeder unter euch nehme 
seines Berufes wahr, damit er berufen ist, daß euch 
der Satan damit in eurer Prüfung nicht plage, und 
ermahne einer den andern ernstlich in der Liebe. Ich 
wollte euch wohl eine Ermahnung schreiben, aber ich 
habe dazu keine passende Zeit, denn der Stockmeis- 
ter, welcher sich sehr vor dem Diakon fürchtet, hält 
scharfe Wache bei mir; gleichwohl bin ich sehr geneigt, 
euch etwas von meinem Verhör und von den Boshei- 
ten und erdichteten Lügen der Pfaffen zu schreiben, 
wodurch sie mich zu verdammen beabsichtigten; aber 
Gott sei Lob, daß er mir das Feld erhalten hilft. Dieses 
schreibe ich euch zu dem Ende, ob etwa dadurch je- 
mand von denen, die noch jung sind, aufgemuntert 


werden möchte. 

Als ich gefangen war, saß ich am fünften Tage sehr 
betrübt, bekümmert und schwermütig in meinem Hei- 
zen; das Fleisch war in großer Furcht; nun musste ich 
an einen ganz andern Streit wegen Weib und Kinder; 
auch mit dem Satan hatte ich zu kämpfen, welcher 
mich umkreiste, um mich unter wunderlichen An- 
fechtungen zu verschlingen, was ich der Kürze wegen 
übergehen will. Den sechsten Tag vormittags aber 
kam der Stockmeister, befahl mir aus dem Gefäng- 
nisse zu kommen und sagte: Claes, komm herunter 
und folg mir, und er ging voran. Mein Herz aber war 
mit Freude zu dem Herrn, meinem Gott erfüllt, so- 
dass all mein Druck und Drangsal von mir getrieben 
wurde, gleichwie der Staub mit Macht von der Straße 
getrieben wird. Da dachte ich: O gnädigster Gott! Nun 
merke ich, daß du treu bist in deinen Verheißungen; 
Herr, regiere meinen Mund nach deinen Verheißun- 
gen. Darauf führte er mich in eine Kammer, wo der 
Richter und zwei Gerichtsverwandte, nebst dem Amt- 
mann und einem Mann mit einem großen Bart saßen, 
welcher ein großes Buch, um zu schreiben, hatte; sie 
sahen mich verwundert an, als ich in die Kammer 
kam; ich erwies ihnen große Ehrerbietigkeit und grüß- 
te sie sämtlich mit dem Frieden. Der Stockmeister 
stellte nur einen Stuhl hin und sagte: Claes, setze dich, 
so ist's gebräuchlich. Ich setzte mich also mit einem 
fröhlichen Gemüte und Herzen zu dem Herrn, mei- 
nem Gott, und dachte nicht an mich selbst, noch an 
etwas, das auf dieser Welt ist; da sagten sie: Bedecke 
dein Haupt. Ich entgegnete: Solches ziemt sich nicht 
wohl. Der Amtmann fragte mich: Wie heißt du? Ich 
sagte: Claes de Praet. Da sagte er: Schreib dieses, und 
in dieser Stadt geboren. Darauf fragte mich der Schrei- 
ber: Bist du hier geboren? Ich erwiderte: Ich weiß es 
nicht anders. Amtmann: Wo hast du dich so lange 
aufgehalten, Claes, das letzte Mal, als du so lange 
von zu Hause warst? Claes: In Emderland. Amtmann: 
Was war deine Verrichtung daselbst? Claes: Ich er- 
kundigte mich daselbst im Lande, ob ich nicht einige 
Waren kaufen oder verkaufen, oder sonst etwas tun 
könnte, womit ich mein täglich Brot hätte verdienen 
können. Amtmann: Ja, die Brüder zu besehen, das hö- 
re ich wohl. Claes: Ja, Herr. Amtmann: Ja, Claes, hast 
du eine andere Taufe empfangen, als die du in dei- 
ner Kindheit empfingst, da du zum Christen gemacht 
wurdest? Claes: Ich erinnere mich dessen nicht, was in 
meiner Kindheit geschehen. Amtmann: Hast du kei- 
ne Taufe empfangen, deren du dich erinnern kannst, 
Claes? Claes: Ja, Herr Amtmann. Amtmann: Wie lan- 
ge ist es, daß solches geschehen? Claes: Ungefähr vier 
Jahre. 

Da verwunderten sie sich alle sehr. Der Amtmann 



202 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


fragte mich noch einmal: Wie lange, sagst du? Der 
andere Ratsherr sagte: Ungefähr vier Jahre. Da sah 
mich der Amtmann sehr an und fragte, woher sie ge- 
wesen seien, die mit mir Umgang gehabt, und welche 
von meinen Brüdern auch getauft worden seien; ich 
erwiderte: Es ist nicht unsere Weise, einander zu fra- 
gen, woher bist du?, oder wo wohnst du?, oder wie 
heißt du?, oder was tust du? Amtmann: Ihr wollt es 
nicht wissen. Claes: Nein, Herr Amtmann. Amtmann: 
Das tut ihr, damit ihr niemanden in Ungelegenhei- 
ten bringt. Claes: Es ist wahr, Herr Amtmann; denn 
wir wissen wohl, daß man unserm Blute sehr nach- 
stellt; deshalb hat uns der Herr erlaubt, vorsichtig 
zu sein wie die Schlangen. Da murrte der Amtmann 
über mich; sie redeten auch viel Latein untereinan- 
der. Darnach fragte der Amtmann: Wo war es, wo 
du deine Taufe empfangen hast? Claes: Zu Antwer- 
pen. Amtmann: Wo daselbst? Claes: Zwischen St. Joris- 
Pforte und der Koeper-Pforte. Amtmann: In welchem 
Hause? Claes: In einem kleinen neuen Häuslein. Amt- 
mann: Welche Hantierung trieb man darin? Claes: Ich 
sah, daß man darin ein Handwerk trieb. Amtmann: 
Ja, Claes, wer war dabei? Es mussten Zeugen dabei 
sein, die Zeugnis gaben, daß du ein Bruder geworden 
seiest. Claes: Es waren drei oder vier Personen dabei, 
die im Hause wohnten, und einer, der mich hinein- 
führte. Amtmann: Wer war es, der dich hineinführte? 
Claes: Es war ein junger Mensch. Amtmann: Woher 
war er? Claes: Ich fragte ihn nicht. Amtmann: Wie 
viel sind ihrer daselbst mit dir getauft worden? Claes: 
Unserer drei. Amtmann: Woher waren sie? Claes: Ich 
fragte sie nicht. Amtmann: Welch Handwerk trieben 
sie? Claes: Wie es mir vorkam, so war der eine ein 
Maurergesell. Amtmann: Wo wusste er dich zu fin- 
den, der dich dahin führte. Claes: Er hatte mir einen 
Tag bestimmt in der Koeper-Pforte. Amtmann: Wie 
wusstest du, ob der Täufer in der Stadt wäre? Claes: 
Ich habe, als ich meiner Kaufmannschaft nachging, 
zu verschiedenen Zeiten nach ihm gefragt, und da 
vernahm ich, daß er da wäre. Amtmann: Wo hast du 
gehört, daß er da wäre? Da sagte der Oberrichter: Sie 
kennen sich alle untereinander. Amtmann: Wohnen 
sie noch in dem Häuslein, wo du getauft worden bist, 
oder weißt du es nicht? Claes: Bald darauf hat man 
sie alle verjagt. Amtmann: So weißt du nichts davon 
zu sagen, ist's nicht so? Claes: Der eine zog nach Eng- 
land, der andere wurde verbrannt; wo die andern 
hingekommen sind, weiß ich nicht. Amtmann: Wie 
war der Mann beschaffen, der dich taufte? Claes: Er 
schien mir ein unsträflicher Mann zu sein. Amtmann: 
Ja, Claes, wie weißt du von dem Manne, der dich tauf- 
te, ob er unsträflich gewesen sei? Darauf sagte einer 
von den Rats-Herren: Er hat gesagt, er sei ihm wie 


ein unsträflicher Mann vorgekommen. Da sagte der 
Oberrichter: Diese Leute predigen auch, ist es nicht 
so? Der Amtmann sagte zu ihm: Wir pflegten solches 
alles zu fragen, aber wir tun es nicht mehr. Darauf mu- 
tete die Glocke, daß der Stockmeister kommen und 
mich abholen sollte. Das Obige schrieben sie auf. Der 
Schreiber fragte, welche Menschen von Gent ich zu 
Emden gelassen hätte. Darauf wollte ich ihm nicht 
antworten, weil es ihm nicht gebührte zu fragen. Da 
sagten die Ratsherren zu mir: Claes, wir wollen dir 
Männer senden, die dir den rechten Glauben lehren 
sollen. Claes: Ich hoffe den rechten Glauben zu ha- 
ben; wollen sie mich nun darin stärken, so sollen sie 
mir angenehm sein; wollen sie mich aber davon ab- 
ziehen, so begehre ich ihrer nicht. Sie sagten darauf 
im Ernste: Claes, höre sie, höre sie allezeit; ich dankte 
darauf den Ratsherren und dem Amtmanne herzlich, 
weil sie Mühe mit mir hatten. Des Stockmeisters Die- 
ner sagten mir dann, ich sollte hinaufgehen, was ich 
auch tat; ich war aber nicht wenig bekümmert, weil 
sie mich nicht nach meinem Glauben gefragt hatten. 
Zwei Diener standen an der Tür und hörten mir zu; 
sie kamen hinauf und quälten mich mit mancherlei 
Dingen und sagten: So ein armes Blut, wie du bist, der 
du dein Leben dafür lassen willst; dein Weib und Kin- 
der aber lassest du in der Not; es ist nicht wohlgetan, 
daß du den Stand der Ehe zerbrichst; denn Gott hat 
ihn selbst eingesetzt. Ich erwiderte: Ich breche mei- 
nen Ehestand nicht, beleidige auch nicht meine Frau, 
aber diejenigen sind schuld daran, welche mich von 
meinem Weibe nehmen; diese sollten Zusehen, was 
sie tun. Sie sagten: Ich sollte reden, sie wollten zuhö- 
ren. Ich sagte: Solches hat mich Gott nicht gelehrt; ich 
ermahnte sie, sie sollten sich hüten, und solches Blut 
nicht antasten oder sich daran beteiligen; ich redete 
auch scharf mit ihnen, worauf sie weggingen, und 
Gott baten, daß er mir verleihen wolle, was mir am 
seligsten wäre. 

Da saß ich nun allein im Gefängnisse und der Sa- 
tan kam, mich zu versuchen und setzte mir inwendig 
zu: Du armer Mensch! Bist du hier um deines Glau- 
bens willen? Die Herren fragen dich nicht nach dem 
Glauben, sondern nach der Taufe, die du von einem 
solchen Manne empfangen hast, wie du wohl weißt; 
er quälte mich mit allem, was er Vorbringen konnte, 
und sparte keine Mühe, um mich niederzuwerfen. Da 
dachte ich: O du böser Versucher! Du Mörder! Ich füh- 
le wohl, daß du derselbe bist, der auch Petrus quälte, 
vor dem er auch uns gewarnt hat. Darum flüchtete 
ich zu Gott, fing ein geistliches Liedlein an, sang mit 
Freuden und wurde fröhlich und guten Muts, weil ich 
mich durch diesen Sturm hindurch geschlagen hat- 
te. In diesem Gefängnisse brachte ich ungefähr zehn 



203 


Wochen zu. 

Darauf kam der Stockmeister und sagte: Claes, 
komm hierher, hier sind zwei bunte Krähen, und be- 
fahl mir nachdrücklichst, ich sollte mein Weib und 
meine Kinder bedenken; ich erwiderte: Darauf bin ich 
genug bedacht; aber Christus hat gesagt: Wer Vater 
und Mutter, Bruder und Schwester, Weib und Kin- 
der, ja, sein eigenes Leben um meines Namens willen 
nicht verlässt, der ist meiner nicht wert; er sagte: Es 
ist wahr, wer es tun kann. Darauf führte er mich in 
eine Kammer, wo zwei Jakobiner waren; diese zogen 
ihre Kappe ab, und ich entblößte auch mein Haupt. 
Sie boten mir einen guten Abend, und ich ihnen auch. 
Der eine fragte mich: Wie heißt du, mein Freund? Ich 
sagte: Claes, und fügte hinzu: Wie heißt du? Er erwi- 
derte: Bruder Peter de Bäcker, und sagte mir, er sei 
beim Richter gewesen; derselbe habe begehrt, daß er 
kommen und mich im rechten Glauben unterweisen 
sollte; ich sagte: Solchen habe ich von Gott empfangen. 
Frage: Was ist dein Glaube? Claes: Ich glaube allein 
an Jesum Christum, daß er der lebendige wahrhaftige 
Sohn Gottes sei, und daß weder im Himmel, noch auf 
Erden eine andere Seligkeit sei. Soll man sonst nicht 
glauben; wo bleibt denn die Mutter, die heilige Kir- 
che, an welche wir glauben müssen? Claes: Weißt du 
wohl, welches die heilige Kirche sei? Frage: Weißt du 
solches, so laß es mich hören? Claes: Ich frage dich, 
denn du redest davon. Antwort: Dieselbe, die von 
Christo und der Apostel Zeiten an da gewesen ist, 
und welche die Apostel unterhalten haben und noch 
erhalten. Claes: Welche ist es? Antwort: Die Mutter, 
die heilige römische Kirche. Claes: Ist das die apostoli- 
sche Kirche? Antwort: Ja. Claes: Haben sie die Apostel 
so unterhalten? Antwort: Ja. Claes: Haben die Apo- 
stel Messe gehalten? Antwort: Ja. Claes: Wo steht das 
geschrieben? Antwort: Ich will es dir zeigen, und er 
zeigte mir die Korinther, wo Paulus vom Abendmahl 
redet; ich sagte: Daselbst redet er vom Brotbrechen, 
hat er daselbst Messe gehalten, wie ihr tut? Antwort: 
Ja, er hat nicht weniger oder mehr getan, als wir tun. 
Claes: Haben die Apostel verfolgt, und ihre Kirche mit 
Feuer und Schwert erhalten, wie ihr tut? Antwort: Ja, 
sie haben Blut vergossen, verraten und totgeschlagen: 
Claes: Petrus hat des Malchus Blut vergossen, Judas 
hat verraten; wo aber haben sie jemanden totgeschla- 
gen? Antwort: Petrus schlug Ananias und Saphira mit 
dem Schwerte seines Mundes, daß sie tot niederfielen; 
dabei lachte er und streckte seine Finger aus. Da sagte 
ich: Es kommt mir vor, daß ihr von denen seid, von 
welchen Paulus spricht, 2Tini 3,3, vor welchen wir flie- 
hen sollen, denn eure Torheit bleibt nicht verborgen, 
sondern wird vor den Menschen offenbar, denn ihr 
sitzt und spottet und zaudert und erweist wohl, daß 


ihr Menschen von zerrütteten Sinnen seid, die allezeit 
lernen und nimmermehr zur Erkenntnis der Wahrheit 
kommen; ich bestrafte ihn sehr; sie wollten auch noch 
viel reden und mich von der Taufe, der Menschwer- 
dung Christi und andern Glaubensartikeln ausfragen, 
aber ich hatte mir vorgenommen, mich mit ihnen ohne 
der Ratsherren Gegenwart in keinen weiteren Wort- 
streit einzulassen, sondern nur Bekenntnis zu tun, wie 
ich droben ein Bekenntnis vor ihnen abgelegt hatte. 

Als sie hörten, daß ich nicht mehr hören wollte, und 
aufstanden, um fortzugehen, sagte einer derselben: 
Ach Claes, wie jämmerlich bist du verirrt, und gleich- 
wohl habe ich dich so lieb, ich wollte, daß du meines 
Sinnes wärest und daß ich meinen Leib verbrennen 
lassen möchte. Ach, armer Mensch, ich will für dich 
bitten und bitten lassen, wenn ich predige. Claes: Ich 
begehre nicht, daß ihr für mich bittet oder bitten lasst, 
denn euer Gebet ist nichtig und wird von Gott nicht 
erhört, solange als ihr in eurer Bosheit bleibt. Ant- 
wort: Vielleicht ist doch unter dem ganzen Haufen 
einer oder zwei, die gut sind. Claes: Geht eures Wegs, 
denn ihr sucht nur zu plaudern. Da ging er lachend 
hinweg und sagte: Ich will für dich bitten lassen, du 
magst wollen oder nicht, denn ich habe an dir einen 
Wohlgefallen, und ich will wiederkommen. 

Ungefähr zwei Wochen später kamen zwei von 
demselben Orden; der eine war ein dicker, fetter 
Mann, der viel plauderte, der andere war sehr grim- 
mig und zänkisch in Worten; er wollte mir hart zuset- 
zen, um mit mir zu disputieren, aber ich wollte nicht 
daran und beschränkte mich auf manche Fragen, die 
ich ihnen aufwarf, gleichwie ich den andern getan 
hatte, und ließ sie auf diese Weise selbst ihre Bosheit 
entdecken, denn es waren viele Gefangene da, die, um 
zu horchen, unter dem Kammerfenster und unter der 
Kammertür standen; solches wusste ich wohl; darum 
tat ich um desto mehr Fragen, denn der eine machte 
so viel Geschwätz, und das kam vom vielen Trinken 
her. 

Als ich ungefähr sieben Wochen gesessen hatte, 
wurde ich hinabgerufen und in eine Kammer geführt, 
wo ich den Diakon von Ronse mit seinem Schreiber 
und noch einer Person antraf. 

Der Diakon hieß mich sitzen und ich setzte mich 
vorn an die Tafel zu ihm; er hielt mir eine lange Rede, 
welche ich anhörte; er erzählte, daß es unmöglich wä- 
re, ohne Glauben Gott zu gefallen, und sagte, daß der, 
welcher nicht glaubt, verdammt sei. Zuletzt fragte er 
mich: Warum hast du dich so verführen und in Irr- 
tum bringen lassen und bist von der heiligen Kirche 
abgefallen? Hierauf erwiderte ich: Weil es geschrie- 
ben steht, daß es unmöglich ist, ohne Glauben Gott 
zu gefallen, so habe ich Fleiß angewandt, um diesen 



204 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Glauben zu untersuchen, und habe zu Gott gebetet, 
daß er mich durch seine Gnade und Barmherzigkeit 
darin stärken wolle; solches hat er in überfließendem 
Maße getan, was ich auch zu seinem Preise treulich be- 
wahren, und ihn um keines Leidens oder sonst etwas 
willen, das in der Welt ist, verleugnen will. Diakon: 
Du meinst, du habest den Glauben, aber du bist davon 
abgewichen; und daß du so wohlgemut und getrost 
zum Tode bist, das ist der Teufel, der sich in einen En- 
gel des Lichts verstellen kann, denn, als du die Schrift 
lasest, hast du dich von einem andern geringen Hand- 
werksmanne unterrichten lassen, der dich nach seiner 
Vernunft sie gelehrt hat; darum bist du nun betrogen; 
du hättest dich von denen unterrichten lassen sollen, 
welche die rechte Lehre empfangen haben, von den 
Dienern der heiligen Kirche, nämlich den Pastoren 
oder Hirten. Claes: Sind sie es, welche die rechte Leh- 
re empfangen haben? Diakon: Ja, sie sind es. Claes: 
Warum führen sie denn ein teuflisches Leben, wie man 
sieht? Diakon: Was geht dich das an? Es steht Mt 23: 
Tut nach ihren Geboten, aber nicht nach ihren Werken. 
Claes: Seid ihr denn die Schriftgelehrten und Pharisä- 
er, von welchen Matthäus geschrieben hat? Diakon: 
Ja, wir sind. Claes: So kommen denn auch alle Wehen 
auf euch, die nachher in demselben Kapitel folgen. 
Diakon: Mitnichten. Hierüber wurde noch manches 
gesprochen. Er hätte gern gehabt, daß ich mich mit 
ihm in einen Wortstreit über die Glaubensartikel ein- 
gelassen hätte; aber ich wollte nicht daran. Der Mann 
war gütig im Reden und sehr sanft, und begehrte, daß 
man seinen Reden Gehör geben sollte, wie er auch 
wohl zuhörte; ich dachte: Ich habe schon lange von 
diesem Manne gehört, daß er die Gemeinde so sehr 
verfolgt, und geängstigt habe. Ich muss wissen, wie 
er es mit der Schrift beweisen will, wenn ich mit ihm 
rede, denn ich weiß nicht, daß ich ihn jemals gesehen 
hatte. 

Ich fragte ihn, wo er es geschrieben fände, daß er 
so blutgierig nach unschuldigem Blute laufen sollte, 
welche doch niemand irgendeiner Missetat beschul- 
digen könne. Diakon: Mein Freund, ich laufe und 
stelle niemandes Blut nach. Claes: Du sendest des- 
halb deine Diener aus. Diakon: Ich tue es nicht, mein 
Freund. Claes: Verfolgst du denn niemanden? Dia- 
kon: Nein, mein Freund. Claes: Hast du auch keine 
Befehle, womit du es tun lassest? Diakon: Nein, mein 
Freund. Claes: Du hast aber doch meine Mitbrüder, 
die in deine Hände geraten und im Glauben standhaft 
geblieben sind, der Obrigkeit überantwortet. Solches 
hat man ja öffentlich vor aller Welt gesehen. Diakon: 
Ich tue solches nicht, mein Freund. Warum sitzest du 
denn bei den Herren des Gerichtes und redest so viel, 
wenn du dich darum nicht bemühst? Wer dich hört. 


sollte denken, du hättest keine Schuld daran. Diakon: 
Nein, mein Freund, und schlug die Hände ineinander. 
Claes: Wer tut es denn? Diakon: Die Weltlichen, oder 
der Herr, der das Schwert empfangen hat. Wir hatten 
noch viele Reden davon, sodass er keinen Ausweg 
wusste. Er fragte aus der Schrift, 5 Mo 17,17, damit 
wollte er beweisen, daß die Priester die Macht hätten; 
ich sagte: Das war unter dem Gesetze des Zornes, aber 
nun sind wir unter dem Gesetze der Gnade. Ich fragte 
ihn, wie er sich unterstehen dürfte, das beizubringen, 
was der Herr verboten hätte, nämlich vom Unkraut, 
Mt 13,30, daß man sowohl das gute Kraut und das 
böse Kraut miteinander aufwachsen lassen sollte; ich 
fragte ihn ferner, welches von beiden ich wäre, ich 
muß ja ein böses oder ein gutes Kraut sein. Diakon: 
Du bist ein böses Kraut. Claes: Warum lässt man mich 
nicht aufwachsen bis zur Ernte? Diakon: Daß der Herr 
des Ackers solches seinen Dienern befohlen, ist darum 
geschehen, damit wenn sie das Böse ausrotten, sie das 
Gute nicht verderben möchten. Ich aber kann wohl an 
den Enden herumgehen und hie und da ein oder zwei 
Unkräuter, ja, zu Zeiten sechs oder acht, zehn oder 
zwölf, ja, zu Zeiten ein- oder zweihundert ausrupfen, 
ohne dem Guten Schaden zu tun. Claes: So bist du 
denn weiser als des Herrn Diener. Diakon: Das kann 
ich ja wohl tun. Claes: Als ich es mit den Pfaffen hielt 
und nach eurem Willen wandelte, war ich denn da- 
mals ein gutes Kraut. Diakon: Ja. Claes: Bin ich denn 
nun ein böses. Diakon: Ja. Claes: Wohlan denn, bin ich 
ein böses Kraut, wie du selbst sagst, so hast du mich 
und mehrere andere mit mir, die vor mir hingefahren 
sind, selbst mit deinen Predigten verdorben, und du 
sagst doch, daß du es so wohl verständest, ei du armer 
Diener; als du vor fünf Jahren auf dem Verleplatze die 
vier Kräutchen von Liere ausrupftest, während du 
auf der Schaubühne standest und predigtest, und die 
Leute sagten: Der Antichrist predigt, der Antichrist 
predigt, da fing ich an zu untersuchen, was das für 
ein Glauben wäre, für welchen die Leute so getrost 
dahinstürben, und ich untersuchte die Schrift, die du 
damals aus 2 Tim 2 und 3 angeführt hast, da fand ich, 
daß ich mich von solchem Volke absondern müsste; 
wie daselbst deutlich genug steht, daß es auf euch zu 
beziehen ist; deshalb wandte ich mich von solchem 
Haufen und tue es noch. Wo willst du nun hinaus mit 
deinem Predigen, du armer Diener, je mehr du pre- 
digst, desto mehr verdirbst du, nach deinem eigenen 
Bekenntnis; besser wäre es, du hieltest dich stille; ich 
sagte ihm sehr viel aus der Schrift, sodass er beschämt 
wurde und nichts zu antworten wusste; zuletzt sagte 
er: Das waren nicht meine Leute, mein Freund; ich 
glaube, daß du die Schrift wohl durchsucht hast; wo 
habt ihr eure Versammlungen gehalten? Claes: Wo sie 



205 


Christus und seine Apostel gehalten haben, hinter den 
Zäunen, in den Büschen, in dem Felde, auf den Ber- 
gen, an den Wasserufern, bisweilen in den Häusern, 
oder wo sie Gelegenheit fanden. Diakon: Christus pre- 
digte öffentlich, aber man kann nicht ausfinden, wo 
ihr seid, oder wer ihr seid. Claes: Das wird euch ge- 
wiss sehr verdrießen, daß ihr sie nicht finden könnt, 
auch sie nicht kennt, und daß man euch so wohl kennt; 
ich hoffe, Gott werde es nicht zulassen, daß ihr sie fin- 
det, und obgleich ihr zuweilen die Reben beschneidet, 
so hoffe ich doch, ihr werdet den Weinstock nicht ab- 
schneiden. Christus Jesus, der lebendige Sohn Gottes, 
wird seine Reben wohl bewahren und erhalten, daß 
sie Frucht bringen, obgleich ihr allen Fleiß anwendet 
und euer Bestes tut, sie zu zerreißen und zu Grunde 
zu richten. Wir redeten auch noch vieles von unserer 
Kirche und von der Seinigen. Er spricht die seine sehr 
heraus; ich fragte ihn viel davon, ob die jungen Kinder, 
die ohne Taufe sterben, verdammt seien. Er erwiderte: 
Ja. Ob die Apostel Messe gehalten und verfolgt hätten, 
und er sagte immer: Ja. Es kam mir vor, daß, je mehr 
ich ihn fragte, desto mehr löge er; ich bestrafte ihn 
wegen seiner Lügen, auf welchen ich ihn ertappte; er 
sagte, es sind keine Lügen, sondern es ist die Wahr- 
heit, aber ihr glaubt dem nicht, was man euch sagt; 
ihr bleibt immer verstockt und ungläubig. Es scheint, 
daß die Apostel ebenso wie die Pfaffen gelebt haben, 
nicht besser oder schlechter, sagte er, und fuhr fort, 
was euer Leben betrifft, so führt ihr wohl einen guten 
Wandel oder Umgang mit allen Menschen und tut 
eurem Nächsten, was ihr wollt, das euch selbst ge- 
schieht; lebt auch miteinander in Frieden, Liebe und 
Eintracht, was sehr gut ist, gleichwie ihr auch einan- 
der in eurer Not und Trübsal beisteht, und (wollt) daß 
man das Leben für einander lassen soll, was auch sehr 
gut ist; dagegen kann ich nichts sagen; und daß ihr 
die, welche unordentlich wandeln, aus der Gemeinde 
ausbannt, wie ihr an Gelis von Aachen getan habt, der 
ein böses Leben geführt hat, wie mir wohl bekannt ist, 
dagegen kann ich nichts einwenden; es ist wohlgetan; 
aber, was hilft es, daß ihr den Wandel habt, wenn ihr 
den Glauben nicht habt? Solches kann euch nicht selig 
machen. Ich sagte: Wir haben den Glauben auch, aber 
ihr versteht es nicht, oder wollt es nicht verstehen; 
doch wird es euch endlich noch am jüngsten Tage des 
Herrn offenbart werden, wem ihr gedient habt; ich 
redete noch scharf mit ihm. 

Hierauf zog er das Glöcklein, damit der Stockmeis- 
ter ihn hinauslassen möchte. Als nun der Stockmeister 
in die Kammer kam und er aufstand, um zu gehen, 
dankte ich ihm sehr, daß er um meinetwillen hierher 
gekommen wäre. Er wandte sich aber um und sagte: 
Ich sähe es gerne, wenn du dich auf den rechten Weg 


bringen ließest, aber du bist in deinem Unglauben 
verhärtet und bist deinem Herrn gleich; wer ist denn 
mein Herr? Er erwiderte: Der Teufel. Darauf setzte 
ich ihm zu mit viel Schriftstellen, daß er nicht mehr 
kommen sollte, und er ging beschämt fort, weil der 
Stockmeister da war, und auch die anderen Gefange- 
nen an die Türe liefen; ich begehrte auch Nachricht 
von ihm wegen Gelis, da sagte er mir solche Dinge, 
worüber ich mich sehr verwunderte. Den dritten Tag 
darauf wurde ich noch einmal von dem Stockmeister 
abgeholt, und ich ging gutwillig hinunter; er sagte mir, 
ich sollte in eine Kammer gehen; als ich hineinging, 
saß daselbst der Präsident, mit einem Ratsherrn und 
einem Pastor oder Pfaffen; dieser war sehr abgerichtet, 
unsere Freunde zu durchsuchen, auch sehr beißend in 
seinen Worten und konnte keine Rede anhören, ohne 
sie zu unterbrechen; aber der eine Ratsherr, welcher 
zuvor noch niemals Ratsherr gewesen war, verbot es 
ihm beständig, denn er merkte wohl auf und hörte 
scharf zu. Als ich in die Kammer kam, erwies ich ih- 
nen große Ehrerbietung und sie taten dasselbe. Darauf 
setzte ich mich zur Tafel und der Pfaffe machte ein lan- 
ges Geschwätz, wie auch der Diakon getan hatte; ich 
aber schwieg, bis man mich fragte. Als er seine Rede 
geendigt hatte, fragte er mich: Warum hast du dich so 
jämmerlich von dem Glauben in die Irrtümer verfüh- 
ren lassen. Claes: Ich bin in keinem Irrtum, sondern 
ich bin aus dem Irrtum in den rechten christlichen 
Glauben geführt worden. Pfaffe: Was ist denn dein 
Glaube? Laß es uns hören. Claes: Ich glaube, daß Jesus 
Christus der wahrhaftige, lebendige Sohn Gottes sei, 
und daß keine andere Seligkeit sei, weder im Him- 
mel noch auf Erden, noch unter oder über derselben. 
Präsident: Das glauben wir auch alle in unserer Kir- 
che. Der Pfaffe lachte und sagte: Solches predige ich 
ja auch, sage uns etwas anderes und rede frei heraus, 
denn Christus sagte: Wenn ihr vor Könige, Fürsten 
und Obrigkeiten gebracht werdet, so sorgt nicht, was 
ihr reden sollt, denn in derselben Stunde soll es euch 
gegeben werden von meinem himmlischen Vater, ja, 
mein Geist soll durch euren Mund reden. Hast du 
mm den heiligen Geist empfangen, so rede frei her- 
aus durch den Heiligen Geist. Der Präsident aber saß 
beständig, nickte mit dem Haupt, lächelte und sagte: 
Ja, ja, Claes, ja, sodass ich ja kein Wort davon reden 
konnte. Der Pfaffe sagte darauf: Christus hat seiner 
Kirche verheißen, daß er bis an der Welt Ende bei ihr 
sein wolle, aber ich finde niemanden unter euch, der 
mehr zu sagen weiß, als vor ungefähr 30 Jahren, denn 
zuvor ist nichts davon dagewesen, oder weißt du ei- 
nige von den Büchern deines Volks, die älter sind, 
so zeige sie uns. Claes: Weil Christus seiner Kirche 
verheißen hat, daß er die an der Welt Ende bei ihr 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


sein wolle, so bin ich versichert, daß er der Erhalter 
seines Leibes gewesen und noch sei, und nach seinen 
Verheißungen sein wird, solange als die Welt steht, 
Mt 28,21; Eph 5,23. Und obgleich sie bisweilen in eini- 
gen Ländern durch das Blutvergießen und die Trübsal 
der Verfolgung, und durch die falsche Lehre des rö- 
mischen Reichs, oder auf andere Weise ausgerottet 
worden ist, so ist sie doch um deswillen nicht in der 
ganzen Welt zu Grunde gegangen, denn die Welt ist 
groß; sie hat sich wohl in einigen Winkeln der Welt 
kümmerlich erhalten können, bald hier bald da, ohne 
daß sie ausgerottet worden wäre, und weil du mich 
nach einigen Büchern unserer Kirche fragst, so ant- 
worte ich dir, daß die Bibel unser Buch ist, das in der 
Kirche von alten Zeiten her regiert hat. Pfaffe: Ist das 
Buch euch groß genug und habt ihr genug an einem? 
Claes: Ja, es ist uns noch zu groß. Der Pfaffe lachte und 
sagte: Wo bleiben denn alle Bücher, welche, von der 
Apostel Zeit an, die gelehrten Männer geschrieben, 
welche ja den Geist Gottes auch eben so gut als die 
Apostel empfangen haben; haben sie etwa umsonst 
geschrieben, als Hieronymus, Gregorius, Augustinus 
und Ambrosius; das waren ja gute, tugendhafte Män- 
ner; ist dem nicht so? Claes: Waren das die vier Pfeiler, 
worauf eure Kirche gegründet steht? Pfaffe: Ja. Claes: 
Ich habe sie nur vom Hörensagen gekannt; wenn sie 
eure Kirche gestiftet haben, so wie sie jetzt ist, wie 
man sieht, so waren sie fromme Küchenjungen. Der 
Pfaffe fuhr zurück und sagte: Ei, ei! Ich sagte: Chris- 
tus hat seine Kirche nicht so gegründet, auch nicht 
Petrus, Paulus, Stephanus und Johannes, sie bekamen 
vielmehr Ruten auf den Rücken, Steine aufs Haupt 
und das Schwert an den Nacken. Der Pfaffe ward sehr 
unruhig und sagte: Gib uns doch rechten Bescheid 
von eurer Kirche, denn man weiß sie nirgends zu 
finden; wäre sie gut, so würde sie ja zum Vorschein 
kommen; ihr habt weder Haupt noch Obrigkeit, auch 
kennt ihr einander nicht, das ist nicht wohl zu be- 
greifen. Claes: Paulus gibt Nachricht an die Epheser, 
welches die rechte Kirche sei, welche sich Christus 
gepflanzt, die da herrlich, heilig und unsträflich, ohne 
Flecken und Runzel ist; die insgesamt getauft sind in 
einem Geiste, zu einem Leibe, deren Haupt Christus 
ist, und sie sind zusammengefügt als Glieder eines 
Leibes. Diese haben einen Herrn, einen Glauben, eine 
Taufe, einen Gott, einen Vater unser aller, und durch 
uns alle, und in uns allen. Dieser ist der rechte Tem- 
pel Gottes, worin Gottes Geist wohnt. Diese Kirche 
hat Christus erkauft und mit seinem Blute erlöst. Pfaf- 
fe: Hat Christus nicht alle Menschen erlöst, sondern 
nur diese? Claes: Es steht an verschiedenen Stellen 
geschrieben, daß die Ungläubigen verdammt sein sol- 
len; was kann ihnen denn der Tod Christi nützen? 


oder was wird es ihnen helfen, daß Christus gestor- 
ben ist? Es ist zu fürchten, sie werden es beklagen, 
daß Christus gestorben sei; aber diejenigen, die an des 
Herrn Wort geglaubt haben und demselben nachge- 
folgt sind, die sind es, die das Himmelreich ererben 
und mit dem Herrn auf dem Berge Zion triumphieren 
werden. Diese sind es, die den Tod, den Teufel, die 
Hölle und die Welt unter den Lüßen haben, obschon 
die Welt in ihrer Unsinnigkeit mit Blutvergießen läuft, 
um sie zu zerreißen, zu verschlingen und zu vernich- 
ten. Wären sie von der Welt, so würde die Welt sie 
lieben; nun sie aber nicht von der Welt sind, so hasst 
sie die Welt, wie Christus gesagt hat. Pfaffe: Ihr glaubt 
nicht, daß Christus Gott und Mensch sei. Claes: Ich 
glaube, daß Christus wahrhaftig Gott und Mensch sei. 
Pfaffe: Glaubst du nicht, daß Christus von dem Flei- 
sche Maria Mensch geworden sei? Claes: Nein, denn 
wenn er von Maria natürlichem Fleisch und Blut ein 
Mensch geworden wäre, so müsste er von Maria sei- 
nen Anfang genommen haben; nun aber steht, daß 
er ohne Anfang der Tage und ohne Ende des Lebens 
sei; und hätte er Fleisch von Maria angenommen, so 
wäre das Wort nicht Fleisch geworden; er wäre auch, 
nach dem Zeugnisse Johannes, nicht ins Fleisch ge- 
kommen, sondern er wäre vom Fleisch gekommen, 
wenn er es von der Maria angenommen hatte. Es steht 
geschrieben: Wer nicht bekennt, daß Christus ist ins 
Fleisch gekommen, das ist der Geist des Antichristen, 
und wenn er ein solcher fleischlicher Mensch wäre, 
so hätte er nicht gen Himmel fahren können, denn es 
steht IKor 15,50, daß Fleisch und Blut das Reich Gottes 
nicht ererben werde. Pfaffe: Sagt aber gleichwohl der 
Engel Gabriel nicht zu Maria: Du wirst empfangen 
und einen Sohn gebären? Claes: Wohlan, verstehe das 
Wörtlein recht, denn er sagt: Du wirst empfangen und 
gebären; was nun Maria empfing, konnte nicht von ihr 
wachsen. Pfaffe: Welches Wort ist Fleisch geworden? 
Claes: Dasselbe Wort, wovon uns Johannes im Ers- 
ten zeugt, wenn er sagt: Das da von Anfang war, das 
wir gehört und mit unseren Augen gesehen haben, 
das wir beschauet und mit unseren Händen getastet 
haben, vom Worte des Lebens, und das Leben ist of- 
fenbart. Willst du nun noch mehr Nachricht haben? 
Pfaffe: Wo hat Christus sein Fleisch angenommen, im 
Himmel oder auf Erden? Claes: Was ich dir nicht mit 
Schriftstellen beweisen kann, will ich dir nicht sagen. 
Pfaffe: Glaubst du sonst nichts, als was geschrieben 
ist? Claes: Nein. Pfaffe: Du glaubst ja doch, daß du 
eine Seele habest; was weißt du aber, was deine Seele 
sei, wie groß, wie lang, wie breit und von welcher 
Farbe sie sei? Claes: Was geht das mich an, meine Se- 
ligkeit ist nicht darauf gegründet. Pfaffe: Du glaubst, 
daß die Toten auferstehen werden; wie aber kann es 



207 


jemand begreifen, daß das auferstehen und wieder le- 
bendig werden soll, was vernichtet worden ist. Claes: 
Ich lasse mir mit der Nachricht genügen, die uns Pau- 
lus IKor 15 gegeben hat. Pfaffe: Glaubst du nicht, daß 
Maria eine Mutter und Jungfrau sei? Claes: Ja. Der 
Pfaffe schlug mit seiner Hand auf die Tafel, entrüstete 
sich sehr und sagte: Das kannst du mir nicht bewei- 
sen, man findet nirgends etwas davon in der Heiligen 
Schrift geschrieben. Claes: Der Prophet Jesaja hat da- 
von geweissagt, daß er von einer Jungfrau geboren 
werben sollte; und abermals, als Gabriel zu Maria 
sagte: Du wirst empfangen und einen Sohn gebären. 
Maria antwortete: Ich erkenne keinen Mann, wie soll 
das zugehen? Pfaffe: Ja, also kannst du es hie und 
da schließen; aber daß sie eine Jungfrau bis an ihren 
Tod geblieben sei? Claes: Das sage ich nicht. Pfaffe: 
Das ist meine Meinung. Was hältst du denn von dem 
Abendmahle, da Christus das Brot nahm, dankte und 
brach es und sagte: Nehmt, esst, das ist mein Leib - 
glaubst du nicht, daß er ihnen sein natürliches Fleisch 
und Blut gegeben habe? Claes: Nein. Pfaffe: Sagt er 
nicht: Wenn ihr nicht esst das Fleisch des Menschen- 
sohnes und trinkt sein Blut, so habt ihr kein Leben 
in euch, und sagte: Das war das rechte Himmelsbrot, 
das vom Himmel gekommen ist. Claes: Das Brot, wo- 
von Christus spricht, Joh 6, ist es; das Brot, das ihr 
dem Volke zu essen gebt, nämlich, welches ihr das 
Sakrament nennt? Pfaffe: Ja, dasselbe ist es, das er uns 
hinterlassen hat. Claes: So wird denn niemand von al- 
len denen verdammt, die davon essen, denn Christus 
sagt: Wer von diesem Brote isst, wird leben in Ewig- 
keit; nun aber erlangen es alle, Huren und Buben, 
Diebe und Mörder, von welchen geschrieben steht, 
daß sie das Himmelreich nicht ererben werden. Pfaffe: 
Sie haben Reue über ihre Sünde, ehe sie es empfangen; 
so sagt auch der Herr: Wenn ein Sünder wegen seiner 
Missetat bittet, will ich derselben in Ewigkeit nicht 
gedenken. Davon redeten wir viel, aber es ist zu weit- 
läufig, es niederzuschreiben. Zuletzt fragte ich den 
Pfaffen, ob er glaubte, wenn er seine Hostie in den 
Mund nimmt, daß er Christi Leib empfange in Fleisch 
und Blut, so groß, als er am Holze des Kreuzes hing. 
Pfaffe: Ja. Claes: Wenn du ihn einschluckst, wohin 
fährt er denn dann? Der Pfaffe war sehr entrüstet. Der 
Präsident fragte mich: Ja, warum kannst du nicht so- 
wohl mit deiner ersten Taufe zufrieden sein, sondern 
musst dich noch einmal taufen lassen? Claes: Ich weiß 
nur von einer Taufe. Deine Taufzeugen wissen wohl, 
daß du einmal getauft worden bist, du kannst sie dar- 
um fragen. Claes: Obgleich ich es wohl wusste, daß 
ich getauft worden bin, so weiß ich doch nun, daß es 
ohne Glauben geschehen ist; nun aber steht Rom 14,24: 
Alles, was nicht aus Glauben geschieht, das ist Sünde. 


Präsident: Deine Taufzeugen waren gläubig. Claes: 
Ich weiß nicht, daß die Apostel jemand getauft ha- 
ben, es sei denn, daß er selbst geglaubt und seinen 
Glauben bekannt hat; was habe ich aber bekannt, wie 
ich in meiner Kindheit getauft worden bin? Pfaffe: 
Frage solches deine Taufzeugen. Was hältst du aber 
von unserem Vater, dem Papste und seinem Reiche? 
Claes: Der Papst taugt nichts samt seinem ganzen Kra- 
me, der Messe und allem, was darin ist; weder der 
Sack noch Samen. Ihr verkauft und gebt dem Volke 
die Messen dutzendweise, ja bei zwanzig und dreißig 
auf einmal; sie aber haben weder Schneide noch Spit- 
ze, und taugen nichts, weder zum Schneiden noch 
Stechen, und dennoch preist ihr sie dem Volke als 
gut und wahrhaftig an; ist das nicht Betrug? Ihr pre- 
digt dem Volke, man soll sich nicht betrinken, und 
dennoch geht ihr so betrunken auf den Gassen umher, 
wie Schweine. Ihr lehrt, man soll nicht geizig sein, wer 
aber ist geiziger, als die Pfaffen und Mönche? Ihr lehrt, 
man soll nicht müßig sein, wo aber findet man mehr 
Müßiggang als unter euch? Ihr wollt lieber mit dem 
Sacke oder Korbe von Tür zu Tür umhergehen und 
betteln, als arbeiten, wie man sieht. Der Pfaffe ward 
zornig, stand auf und sagte: Das ist das Erste, was ihr 
einander lehrt, eures Nächsten Mängel zu offenbaren. 
Claes: Warum sollten wir das Bekenntnis nicht beob- 
achten, das uns Christus gegeben hat, wenn er sagt, 
daß man die Bäume an ihren Fruchten erkennen soll. 
Pfaffe: Solches ist geistig zu verstehen. Darauf ging 
er zur Kammer hinaus. Der Präsident fragte mich, 
ob ich meine zweite Taufe und alles, was ich geredet 
hätte, widerrufen wollte. Ich entgegnete: Nein, meine 
Herren; keineswegs will ich verleugnen, was in dem 
Namen des Herrn über mir geschehen ist. Als der Prä- 
sident das hörte, stand er auf. Als sie nun sämtlich 
aufstanden und sich entfernen wollten, bedankte ich 
mich gegen sie, daß ich ihnen Mühe gemacht hätte. 
Der Präsident kehrte sich um und fragte mich noch 
einmal, ob ich widerrufen, oder Zusehen wollte, was 
mir begegnen würde. Da entbrannte ich in meinem 
Herzen, um ihnen und den anderen Gerichtsverwand- 
ten zu sagen, sie sollten Zusehen, was sie täten, und 
sagte: Meine Herren, widerrufen will ich keineswegs; 
ich weiß auch wohl, was mir nach des Kaisers Befehle 
begegnen wird; aber es sind zwei Befehle, der eine 
von dem obersten Könige, der andere aber von dem 
sterblichen Kaiser, und diese beiden Befehle streiten 
gegeneinander; der eine sagt, daß man beides auf- 
wachsen lassen soll, das Gute mit dem Bösen; der 
andere aber, daß man es ausrotten soll. Darum, meine 
Herren, bitte ich euch, ihr wollt die andern Ratsherren 
warnen, daß sie überlegen, was das Beste sei; denn 
ihr habt das Schwert nicht empfangen, die Unschul- 



208 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


digen zu strafen. Ich sagte noch sehr vieles, das mir 
der Herr zu reden eingab; er stand mit seinem Hute 
in der Hand, desgleichen auch die andern und der 
Stockmeister, und schwiegen still; zuletzt baten sie 
Gott, daß er mir geben wolle, was mir am seligsten 
wäre, worauf sie sich entfernten. 

Ich grüße die ganze Gemeinde, welche in allen Lan- 
den zerstreut ist, mit dem Frieden des Herrn, denn 
ich warte nun von Tag zu Tag darauf, daß ich mein 
Opfer tun soll. Bittet Gott, daß er mich bis ans Ende 
erhalten wolle; ich bitte täglich für euch. Geschrieben 
in Banden. 

Gerhard Hasepoot, im Jahre 1556. 

Im Jahre 1556 ist im Sommer in der Stadt Rimägen ein 
Bruder namens Gerhard Hasepoot gewesen, seines 
Handwerks ein Schneider. Nachdem derselbe um der 
strengen Verfolgung willen aus der Stadt geflüchtet 
war, ist er einmal wieder heimlich hineingegangen, 
denn sein Weib und Kinder wohnten noch daselbst; 
er ist aber von der Wache des Schultheißen gesehen 
worden, welche es ihrem Herrn anzeigte. Der Schult- 
heiß, welcher sehr blutdürstig war, hat ihm sofort 
nachgesetzt und ihn mit sich genommen. Also hat 
dieser Freund Christi von Weib und Kindern schei- 
den müssen und sich um des Namens Jesu willen in 
das Gefängnis unter den Druck und das Elend be- 
geben. Als er nun von dem Herrn dieser Welt sehr 
scharf untersucht wurde, hat er seinen Glauben ohne 
Furcht bekannt und sich der Wahrheit nicht geschämt. 
Deshalb haben ihn die oben Gemeldeten zum Tode 
verurteilt, daß er an einem Pfahle verbrannt werden 
sollte, wobei er auch sehr freimütig gewesen ist. Als 
nun dieses geschehen, so ist seine Frau zu ihm auf 
das Stadthaus gekommen, um noch einmal mit ihm 
zu reden, Abschied von ihm zu nehmen und ihrem 
lieben Manne gute Nacht zu sagen; sie hatte ein klei- 
nes Kindlein auf dem Arme, welches sie vor großer 
Betrübnis nicht wohl behalten konnte. Als ihm Wein 
eingeschenkt wurde (wie es bei denen gebräuchlich 
ist, die zum Tode verurteilt sind), sagte er zu seinem 
Weibe: Es gelüstet mich nicht nach diesem Weine, aber 
ich hoffe ihn neu zu trinken, welcher mir droben in 
meines Vaters Reiche eingeschenkt werden wird. Also 
sind sie mit großer Betrübnis voneinander geschie- 
den und haben einander auf dieser Welt gute Nacht 
gesagt, denn die Frau konnte nicht länger stehen, son- 
dern schien vor Betrübnis in Ohnmacht zu fallen. Als 
er zum Tode geführt und von dem Wagen auf die 
Schaubühne gebracht wurde, erhob er seine Stimme 
und sang das Lied: Dich, himmlischer Vater, rufe ich 
an, wollest meinen Glauben stärken; dann fiel er auf 


seine Knie, verrichtete sein eifriges Gebet zu Gott. Als 
er nun an den Pfahl gestellt wurde, schlenkerte er 
seine Pantoffeln von den Füßen und sagte, es wäre 
schade, sie zu verbrennen, denn es könnte noch ei- 
nem armen Menschen damit gedient werden. Als der 
Strick, womit er erwürgt wurde, in etwas nachließ, 
weil ihn der Scharfrichter nicht stark genug angezo- 
gen hatte, fing er abermals an und sang das Ende von 
gemeldetem Liede: 

Brüder und Schwestern insgemein, 

Wolüan, nun heißt's geschieden; 

Bis wir zu Christo gehen ein, 

Der unser Haupt hienieden; 

Ich zvart' dort auf euch, folget nach, 

Bereitet euch auf jenen Tag. 

Als aber der Scharfrichter den Strick wiederum anzog, 
ist dieser Zeuge Jesu in dem Herrn entschlafen und 
verbrannt worden; also hat er seinen von Gott emp- 
fangenen, vergänglichen Leib um der Wahrheit willen 
freiwillig übergeben, und hat den Kampf gekämpft, 
den Lauf vollendet, Glauben gehalten und ist ihm nun 
die Krone der ewigen Herrlichkeit beigelegt. 

Vor dem Jahre 1557 sind von den nach Christi Ord- 
nung Getauften, unter der Regierung des Pfalzgrafen 
bei Rhein, mehrere Personen ins Gefängnis geworfen 
und nachher des Landes verwiesen worden, wie sol- 
ches in der Vorrede über das Gespräch zu Franckental, 
und ferner in der Vorrede über das alte Opferbuch, 
auf das Jahr 1616, Buchstabe D, auf der andern Seite 
zu finden ist. 

Hieraus erhellt nun, daß die taufgesinnten Chris- 
ten damals nicht allein von den Römischgesinnten, 
sondern auch von denen, welche die römische Kirche 
und viel von deren Aberglauben verlassen hatten, viel 
haben leiden müssen, woraus man die große Drang- 
sal abnehmen kann, worin die Kirche Gottes damals 
gestanden, denn man hat nirgends Gewissensfreiheit 
gefunden, sondern ihnen bei den Papisten das Leben, 
bei andern Völkern aber die Übung des Gottesdiens- 
tes genommen. 

Hans Brael, im Jahre 1557. 

Der Bruder Hans Brael ist im Jahre 1557, einige Tage 
vor dem Himmelfahrtstag, im Pustertale um des Glau- 
bens und des Zeugnisses Jesu Christi willen gefangen 
worden. Als er nämlich seines Weges zog, ist ihm der 
Richter fast eine Meile vom Schlosse begegnet; dieser 
ritt an ihm vorbei und grüßte ihn, denn er kannte ihn 
nicht. Hans Brael dankte ihm, aber der Gerichtsschrei- 
ber ritt auf ihn zu und fragte: Wo willst du hin und 



209 


was hast du hier getan? Er antwortete, er sei bei seinen 
Brüdern gewesen. Der Schreiber fragte, ob die Taufge- 
sinnten seine Brüder wären; er antwortete: Ja. Hierauf 
nahm er ihn gefangen. Der Richter aber wandte sich 
um, stieg vom Pferde, nahm des Bruders eigenen Gür- 
tel, band ihn damit, und ließ ihn neben seinem Pferde 
wie einen Hund durch Kot und Schlamm eine ganze 
Meile Wegs laufen, bis sie ins Schloss kamen. Er war 
durch das Laufen und weil er so fest gebunden war, 
so ermüdet, daß er kaum mehr stehen konnte und 
im Feld niederfiel, sodass der Herr vom Schlosse den 
Richter bestrafte und schalt, daß er ihn so hart gebun- 
den hatte; im Schlosse haben sie ihn untersucht und 
ihm, was er hatte, abgenommen, dann aber ihn ins 
Gefängnis gebracht. Des andern Tags wurde er sofort 
vorgeführt, und von dem Herrn des Schlosses selbst 
verhört und über seinen Glauben, seine Taufe und die 
Sakramente befragt. Als er von seinem Glauben und 
der Wahrheit Gottes sein Bekenntnis ablegte, ließen 
sie alle Diener fahren und drangen hart darauf, daß 
er Widerrufen sollte; als er ihnen aber mit deutlichen 
Worten sagte, sie sollten sich darauf nicht verlassen, 
daß er von der erkannten Wahrheit abweichen würde, 
so haben sie ihn wieder ins Gefängnis gebracht. Acht 
Tage darauf ist er abermals vorgeführt worden, wo ihn 
der Herr nebst sechs andern verhört hat; als sie aber 
nichts ausrichten konnten, schickten sie ihn abermals 
ins Gefängnis. Acht Tage darauf haben sie ihn wieder 
vorgenommen und ihn vor dem ganzen Rate verhört; 
bei dieser Gelegenheit nannte der Richter seinen Glau- 
ben eine Verführung und seine Gemeinde eine Sekte. 
Hans aber sagte: Es ist keine Sekte oder Verführung, 
sondern es ist die Gemeinde Gottes. Der Richter sagte: 
Sie mag wohl des Teufels Gemeinde, wie aber soll- 
te sie Gottes Gemeinde sein? Derselbe wurde auch 
darüber sehr zornig und wiederholte: Woher sollte 
man sie doch eine Gemeinde Gottes nennen? Aber 
der Bruder Hans bestand herzlich darauf, daß es die 
Gemeinde Gottes wäre. Da sprach der Richter: Weil 
dieser weiß, welche aus der Herrschaft von Innsbruck 
gekommen sind, so müssen wir nun auch wissen, wo 
diese Leute seien, die sie in diese Gegend ausgeschickt 
haben, wie sie mit Namen heißen, wer ihnen zu essen 
gegeben und sie beherbergt hat. Aber Hans antworte- 
te ihnen: Wir werden nicht ausgesandt zu jemandes 
Schaden oder Nachteil, sondern unser Beruf weist 
uns an, daß wir der Menschen Seligkeit suchen sollen 
und sie zur Buße und Besserung ermahnen; was aber 
hier gefragt wird, sind keine Glaubensartikel noch 
sonst Dinge, die notwendig zu wissen sind; darum 
will ich es nicht sagen, oder jemanden beschuldigen. 
Der Richter ermahnte ihn sehr, er solle doch sich selbst 
schonen, denn man würde Hand an seinen Leib legen. 


wenn er die Leute nicht nennen und offenbaren wür- 
de, die ihn beherbergt hätten. Hans fragte den Richter 
und den ganzen Rat, wenn er den Vorschlag anneh- 
men und diejenigen, die ihm mit Speise und Herberge 
Gutes getan, verraten und verschwatzen würde, ob 
er dann auch für gut gehalten werden könnte. Es sah 
einer den andern im Rate an und sie sagten selbst, sie 
selbst würden solches nicht für gut erkennen, wenn es 
an ihnen geschähe. Aber der Richter ward zornig und 
fragte, ob er den ehrsamen Rat beschuldigen wollte, 
daß derselbe Verräterei von ihm forderte; ermahnte 
ihn auch wiederholt und scharf, er sollte sich selbst 
verschonen, oder sie würden sehr streng mit ihm um- 
gehen. Als er aber nichts bekennen wollte, schickten 
sie ihn wieder ins Gefängnis, um zu sehen, wie er 
sich bedenken würde. Nachher haben sie ihn wieder 
vorgeführt und auf die Folter gelegt; hierbei hat er 
seine Kleider selbst ausgezogen, sich vor ihnen nie- 
dergelegt und sich geduldig unter die Folterstricke 
begeben, sodass den Umstehenden die Augen überlie- 
fen und sie sich des Weinens nicht enthalten konnten. 
Der Scharfrichter hing ihn in den Strick; aber der Rich- 
ter ermahnte ihn auf das Eindringlichste, er solle sich 
selbst verschonen und diejenigen, die man von ihm 
begehrte, anzeigen; aber er sagte, er wollte niemand 
verraten, sondern erwarten, was ihnen Gott zulassen 
würde; darauf haben sie ihm einen großen Stein an 
die Füße gebunden. Als der Richter merkte, daß er 
nichts ausrichten konnte, wurde er zornig und sagte: 
Ihr schwört einander, daß ihr einander nicht verra- 
ten wollt. Hans antwortete: Wir schwören nicht, uns 
einander nicht zu verraten, sondern weil es Unrecht 
ist, verraten wir niemanden. Da sprach der Richter: 
Du bist ein Schelm, ich habe dich auf einer Lüge er- 
tappt; was willst du dich martern lassen? Der Bruder 
erwiderte: Ich bin kein Schelm; auf welcher Lüge hast 
du mich ertappt? Der Richter sagte: Du hast gesagt, 
du seiest kein Lehrer; nun aber finden wir, daß du 
gleichwohl einer seiest. Er antwortete: Ich bin kein 
Lehrer, und wenn ich einer wäre, ich wollte mich des- 
sen nicht schämen, denn es ist vor Gott eine ehrliche 
Sache. Da haben sie ihn am Stricke hängen lassen und 
sind von ihm gegangen; der Scharfrichter aber blieb 
bei ihm. Unterdessen kam das Gericht zusammen; er 
wurde ermahnt, daß er doch Nachricht geben möchte, 
oder sie würden nicht nachlassen, bis sie seine Glieder 
wohl ausgestreckt haben würden. Er antwortete, er 
wollte erwarten, was ihnen Gott seinetwegen zulas- 
sen würde, denn sie könnten nicht mehr tun, als ihnen 
Gott zuließe. Der Scharfrichter sprach: Bist du nicht 
ein Narr, daß du meinst, Gott werde heruntersehen 
auf das, was wir hier in dieser Höhle tun? Das wäre 
ja eine schmähliche Sache. Dann kam der Rat wieder 



210 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


und sagte, daß die Frau vom Schlosse ihn von der 
Pein losgebetet hätte, darum wollten sie es dabei be- 
wenden lassen, worauf sie ihn wieder ins Gefängnis 
geschickt haben. Sodann ritt der Herr sehr freudig 
nach Innsbruck zur Regierung, und als er wiederkam, 
hat er zwei Tage nacheinander, nämlich den Samstag 
und Sonntag, die Pfaffen mit ihm handeln, reden und 
ihn untersuchen lassen, wobei der Herr selbst zuge- 
gen gewesen ist. Als sie aber mit ihren mancherlei 
Handlungen und ihrer falschen, betrüglichen Lehre, 
welche wir der Kürze wegen nicht mitteilen wollen, 
nichts ausrichten konnten, sondern er standhaft ver- 
harrte und allezeit bekannte, daß es die Wahrheit sei, 
worin er stände, und daß er durch den Schutz und die 
Hilfe Gottes dabei Stand halten wolle, so wurde zu- 
letzt der Herr sehr über ihn erzürnt und sprach: O du 
verstockter Hund! Ich habe es mit dir auf alle Art und 
Weise versucht, will es auch noch tun und dich auf 
einen scharfen Haufen setzen und sehen, wie du Gott 
auch in dieser Versuchung vertrauen wirst. Hans aber 
antwortete: Ich werde um keines Unrechts, sondern al- 
lein um des Glaubens und der Wahrheit willen leiden, 
und Gott wird das Unrecht nicht übersehen. Nach drei 
Tagen haben sie ihn in einen tiefen, dunklen, unfläti- 
gen Turm gesetzt, worin er weder Sonne noch Mond, 
noch das geringste Tageslicht sehen konnte, sodass 
er nicht wusste, ob es Tag oder Nacht wäre; biswei- 
len aber hat er es daran gemerkt, daß es Nacht wäre, 
wenn es im Turme etwas kälter war als sonst. Auch 
war es so feucht und sumpfig im Turme, daß ihm die 
Kleider am Leibe verfaulten, sodass er fast nackend 
wurde. Er saß lange Zeit ohne Kleid und hatte nur 
eine grobe Decke, welche man ihm gab; diese schlug 
er um seinen Leib und saß so im Elende und in der 
Finsternis; das Hemd an seinem Leibe war so verfault, 
daß nichts weiter davon übrig geblieben war, als der 
Halskragen, welchen er an die Mauer hing. Wenn ihn 
nun diese Pilatuskinder bisweilen heraufholen ließen, 
um ihn zu versuchen, ob er abfallen wollte, so tat ihm 
der Schein und das Licht so wehe, daß er froh war, 
wenn sie ihn wieder in den dunklen Turm hinablie- 
ßen; auch entstand solch ein unflätiger Gestank von 
der Unreinigkeit, die in der dunklen Höhle war, daß 
niemand bei ihm bleiben konnte, sondern wenn sie 
ihn hineinbrachten, mussten sie sogleich wieder fort- 
gehen, sodass die Ratsherren selbst sagten, sie hätten 
niemals solch einen bösen Gestank gerochen. 

In solcher Verfassung lag er nun in diesem unflä- 
tigen Turme, worin auch viele Würmer und ande- 
res Ungeziefer sich aufhielten, sodass er im Anfang 
sein Haupt lange mit einem alten Hut bedeckte, der 
ihm aus Barmherzigkeit zugeworfen wurde. Und weil 
auch eine Zeitlang niemand im Turm gelegen hatte. 


so war des Ungeziefers um desto mehr und verur- 
sachte ihm viel Schrecken, bis er es gewohnt wurde; 
die Würmer verzehrten auch oft sein Essen, sodass er 
dasselbe, wenn man es hinunterließ, aufessen muss- 
te, ehe er es niedersetzte, sonst setzten sich so viele 
Würmer darauf, daß er es nicht essen konnte; bekam 
er nun eine Schüssel gekochter Speise und setzte sie 
nur einmal nieder, so verzehrten sie dieselbe sofort. 
Kurz, er konnte kein Brot oder sonst etwas bewahren, 
denn sobald es die Würmer rochen, machten sie sich 
daran; doch hatte er hierbei keine große Sorge, denn 
er wurde durch Hunger sehr gezüchtigt, indem man 
ihm nichts Überflüssiges gab, sondern was man ihm 
gab, das konnte er bald aufessen, wenn er nur gesund 
war. Auch war das Ungeziefer oft in seinem Trinken 
und ersoff darin, bis er zuletzt einen großen Stein er- 
langte, welchen er auf seinen Trinkkrug legte. Seine 
größte Not in dieser Versuchung aber war, daß er von 
der Gemeinde oder von den Brüdern keine Nachricht 
bekommen konnte. Damals war daselbst im Oberlan- 
de Hans Mein, ein Diener des Herrn; derselbe hatte 
auch ein großes Verlangen, einige Nachricht von ihm 
zu erlangen, und ließ ihm in den Turm sagen, er soll- 
te ihm doch ein Kennzeichen zuschicken, wenn es 
noch wohl um ihn stände und sein Herz noch fest an 
Gott und seiner Gemeinde hinge, und wenn er nichts 
anderes hätte, so solle er ihm doch ein kleines Büsch- 
lein Stroh, wie klein es auch wäre, zusenden; aber er 
konnte so viel nicht im Turme zusammenbringen, in 
solchem Elende und solcher Armut saß er; da erinner- 
te er sich seines verfaulten Halskragens, welchen er 
an die Mauer gehängt hatte; dessen war er froh; er 
nahm denselben und sandte ihn seinem Bruder aus 
dem Turm, zum Zeichen, daß er in seinem Glauben an 
Gott noch unverändert wäre und mit der Gemeinde 
im Frieden stände. Als dieser den Kragen empfing 
und daran sein Elend und seine Armut erkannte, hat 
er, samt der ganzen Gemeinde, ein herzliches Mitlei- 
den mit ihm gehabt, und nachdem sie vor Betrübnis 
bitterlich geweint, haben sie ihm wieder sagen lassen, 
sie wollten ihm gerne einige Kleider, oder sonst etwas, 
in seiner großen Armut zuschicken; aber er wollte es 
um deswillen nicht haben, damit, wenn es offenbar 
werden würde, man ihn nicht abermals auf die Fol- 
terbank werfen und peinigen möchte, um von ihm 
Mitteilungen zu erpressen; darum entbot er ihnen, er 
wollte sich nun mit dem Kleide der Geduld behel- 
fen; so lag er in diesem unflätigen Turme den ganzen 
Sommer bis in den Herbst, nach Michaelistage; da sie 
aber nun sahen, daß es anfing, kalt zu werden, haben 
sie ihn herausgezogen und in ein anderes Gefäng- 
nis gelegt, welches auch nicht beschwerlicher hätte 
sein können; hier musste er mit einer Hand und ei- 



211 


nem Fuße an 37 Wochen im Stocke geschlossen sitzen, 
sodass er nicht liegen oder recht sitzen, wohl aber ste- 
hen konnte; auch musste er von den Gottlosen viele 
Schmach und Spott leiden, welche sagten: Da liegt ein 
heiliger Mann; niemand ist so verständig als er; da 
sitzt er als ein Licht der Welt und als ein Zeuge des 
Volkes Gottes und seiner Gemeinde und dergleichen 
Schmachreden mehr. Da er gar keine tröstliche Bot- 
schaft von der Gemeinde erlangen konnte, so schickte 
es Gott, daß er von den Ungläubigen getröstet wurde, 
denn einst kam einer vom Adel, ihn zu trösten, und 
sprach, er solle tapfer sein und sich nicht abschrecken 
lassen, denn er wüsste wohl, daß die Wahrheit auf sei- 
ner Seite und sein Glaube der rechte wäre; aber man 
konnte dem nicht folgen, viel weniger das leiden, was 
er litte; darüber hat ihm der Bruder ernstlich zuge- 
sprochen. Auch hat es sich einmal zugetragen, daß er 
in göttlichem Eifer entzündet wurde und dem Schrei- 
ber, der ihn gefangen hatte, sagen ließ, er möchte doch 
einmal zu ihm ins Gefängnis kommen. Als nun der- 
selbe eilend in das Gefängnis kam, sich niedersetzte 
und fragte, was er begehrte, weil er ihn zu sich ge- 
fordert hätte, so sagte der Bruder: Aus der alleinigen 
Ursache, weil ich nicht unterlassen kann, dir zu bezeu- 
gen, daß du, wie du wohl weißt, die Hauptursache 
dieser meiner Gefangenschaft und elendigen Leiden 
seiest, während ich dir doch mein Leben lang niemals 
irgendein Leid zugefügt habe. Der Schreiber saß da, 
ganz erschrocken und stumm, und sagte nur, er hät- 
te es tun müssen. Der Bruder sagte: Ja, das Gericht 
Gottes hat dich dazu getrieben; weil du so blutdürs- 
tig über die Frommen gewesen bist, so hast du es 
auch zum Teile erlangt, daß du hiermit dein Gericht 
hast erfüllen müssen; du hast dir ein schweres Gericht 
über den Hals gezogen; Gott wird dich gewiss des- 
wegen finden, solches von dir fordern und dich um 
deiner Sünden willen strafen. Der Schreiber schwieg 
still, und konnte nichts sagen, so erschrocken und 
verstummt war er, und ging also wieder von ihm. Un- 
gefähr 14 Jahre darauf starb er plötzlich in der Nacht; 
in einer Viertelstunde war er gesund und tot; Gott 
hatte ihn mit großer Angst heimgesucht, daß er auch 
schrecklich rief, wehklagte, und es bejammerte, daß er 
Unrecht getan und sich versündigt hatte. Also muss 
es denen ergehen, die dem Teufel und seinem Gesin- 
de dienen wollen. Ich will jetzt nicht melden, daß er 
von seinem Herrn darüber sehr gescholten worden 
ist und bei den Seinen damit einen Teufelsdank damit 
verdient hat; denn sie sagten zu ihm so laut, daß es 
auch der Bruder selbst hörte: Wie hatte der Teufel dich 
so besessen, daß du den Mann nicht hast gehen lassen 
wollen, da du doch wohl solches hättest tun können, 
und wünschten, daß ihn der Teufel hätte holen mögen. 


weil er diese böse Tat begangen hatte, die er endlich 
so teuer bezahlen musste. In derselben Nacht, als er 
starb, kam dem Bruder eine große Freude an, sodass 
er mit Bitten und Danksagen Gott nicht genug loben 
und danken konnte, denn in dieser Nacht fiel ihm 
ein, er sollte noch zu den Brüdern und der Gemeinde 
kommen. Des Morgens kam ein Diener zu ihm und 
erzählte ihm, daß der Schreiber dieselbe Nacht eines 
erschrecklichen und jähen Todes gestorben sei. Als 
nun dieses dem Schreiber widerfuhr, so ist der Herr 
nicht wenig darüber erschrocken. 

Ungefähr acht Tage darauf ist der Knecht, der den 
Ackerbau besorgte, ins Schloss gekommen, und hat 
sich gegen Abend mit den Schlüsseln zum Bruder 
gemacht, und ihn gefragt, ob er hoffe, frei zu wer- 
den; er antwortete: Ich will sehen, was du mit mir 
tun willst. Der Knecht wollte den Stock aufschließen, 
konnte aber den rechten Schlüssel nicht finden. Der 
Bruder sagte, er sollte es nicht tun, es möchte ihm 
sonst übel belohnt werden. Als aber der Knecht den 
rechten Schlüssel nicht finden konnte, sagte er, er wol- 
le ihn freilassen, aber es würde wohl dieses Mal nicht 
geschehen. Die Frau vom Schlosse schickte auch einen 
Diener vor das Gefängnis, der dem Bruder zurief: Die 
gnädige Frau lässt dir sagen, sie will den Richter und 
einen Geschworenen kommen lassen, und wenn du 
nur zwei Worte sagen willst, daß du dich unterweisen, 
und bekennen wollest, daß du geirrt hast, so sollst du 
frei werden und ich will die Sünden tragen, die du 
damit begehst, sodass du deshalb keine Schuld tragen 
sollst. Sie hat schon Sünden genug, von denen sie ab- 
stehen sollte; sie bedarf keiner fremden Sünden mehr. 
Also musste er noch einen Winter in großer Betrübnis 
gefangen liegen. 

Nach dieser Zeit ist von der Regierung von Inns- 
bruck ein Befehl gekommen, welchem ihm die Herren 
vorlasen. Der Inhalt war dieser: Weil er so verstockt 
wäre, daß er keinen Unterricht aufnehmen wollte, so 
sollte man ihn auf die See senden; dahin sollte er den 
nächsten Morgen gesandt werden, um zu erfahren, 
wie man die Missetäter nackend ausziehe und mit Gei- 
seln schlage; aber er antwortete, er wolle Gott, seinem 
Herrn, vertrauen, der sei sowohl auf der See, als auf 
dem Lande, um ihm zu helfen und Geduld zu geben. 
Da haben sie ihn aus dem Gefängnisse gelassen und 
zwei Tage im Schlosse umhergehen lassen, damit er 
das Gehen wieder lernen sollte, denn er war durch Ge- 
fangenschaft, Stock, Schloss und Bande, worin er zwei 
Jahre weniger fünf Wochen zugebracht, und dadurch, 
daß er in ungefähr anderthalb Jahren die Sonne nicht 
gesehen, so sehr geschwächt, daß er nicht wohl gehen 
konnte. Deshalb wurde aus den Dienern ein Mann 
verordnet, dem sie ihn überantwortet haben, um ihn 



212 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


auf die See zu führen; darum nahm er im Schlosse 
von einem jeden Abschied und ermahnte sie zur Bu- 
ße. Die Frau vom Schlosse ließ ihm sagen, er sollte zu 
ihr kommen, welches er auch tat; sie rief ihn in ihre 
Schreibstube; hier nahm er von ihr Abschied, ermahn- 
te sie auch zur Buße und bat, sie wolle die Frommen 
in ihrem Tun gehen lassen und sie nicht hindern, auch 
keine Frommen mehr gefangen nehmen; was sie ihm 
auch zusagte und wobei sie zu weinen anfing, daß 
ihr die Tränen über die Backen liefen und sprach: Es 
soll mir mein Leben lang keiner mehr in die Hände 
kommen; sie schenkte ihm einen Zehrpfennig und 
ließ ihn gehen. 

Dann führte ihn dieser Knecht fort. Derselbe war 
ein gottloser Mensch. Der Bruder musste überall sein 
Schelm heißen, oder er gab ihm andere Scheltnamen. 

Als er ihn nun zwei Tage geführt hatte, so hat sich 
dieser Knecht zu Nieder-Dorff in einem Wirtshaus 
mit Wein so angefüllt, denn die Anwesenden hatten 
ihm so stark zugetrunken, daß er, anstatt sich ins Bette 
schlafen zu legen, sich über die Tafel ausgestreckt hat 
und dann im Schlafe wie ein Tier herabgefallen ist. 

Als dieser Bruder solches sah, hat er die Kammer- 
türe und Haustüre geöffnet, hat beide wieder zuge- 
schlossen und ist davongegangen. 

Auf diese Weise hat ihm Gott in dieser Nacht da- 
vongeholfen, welches im Jahre 1559 geschehen ist; 
derselbe ist hiernächst mit Frieden und Freude zu der 
Gemeinde des Herrn und seinen Brüdern gekommen. 
Er ist nachher noch einige Male ins Land hinaufgezo- 
gen, als ihm das Amt des göttlichen Wortes aufgelegt 
worden ist. 

Hierauf kann man abnehmen, wie Gott den Seinen 
beisteht und hilft, und wie er denjenigen, der mit 
ganzem Herzen ihm anhängt, viel Kraft und Geduld 
im Leiden geben kann, um seines starken Glaubens 
willen, welches sonst unmöglich wäre; auch sieht man, 
wie er seine Feinde und Widersprecher hinausstößt, 
und sie wohl zu finden weiß, denn der Schreiber ist 
nicht allein eines schrecklichen Todes gestorben, wie 
zuvor beschrieben worden ist, sondern es ist auch 
unter der Zeit, als dieser Hans Brael noch gefangen 
lag, der Herr vom Schlosse plötzlich gestorben, und 
der Knecht, der den Hans auf die See bringen sollte, 
starb auch eines elenden Todes, ehe der Bruder aus 
dem Lande zog, und ungefähr 2 Jahre darauf ist der 
Richter auch gestorben, doch nicht eines ordentlichen, 
sondern eines sehr jämmerlichen Todes. 

Jannecken Walraven, 1557. 

Auf den Pfingstabend im Jahre 1557 ist zu Antwer- 
pen in Brabant um des unbeweglichen Grundes der 


Wahrheit und des Zeugnisses Jesu Christi willen Jan- 
neken Walraven, die Mutter des Jaques Walraven, der 
bei den Taufgesinnten zu Amsterdam ein Diener des 
Worts gewesen, und daher bei vielen wohlbekannt 
war, lebendig verbrannt worden. Diese seine Mutter, 
obgleich sie eins von den schwachen Gefäßen gewe- 
sen (IPt 3,7), ist gleichwohl nicht schwach im Glauben, 
sondern männlich und standhaft gewesen, und hat 
einen guten Kampf des Glaubens gekämpft und den 
Sieg durch die Gnade Gottes davongetragen, der die 
Seinen nimmermehr verlässt, sondern ihnen beisteht 
und mit ihnen ins Wasser und Feuer geht, damit sie 
dadurch an ihrer Seelen Seligkeit keinen Schaden lei- 
den möchten, deshalb, weil sie mit ihrem Bräutigam 
durch Leiden und Sterben um seines heiligen Namens 
willen überwunden hat, so ist auch ihre unsterbliche 
Seele bei allen heiligen Märtyrern unter dem Altäre 
und erwartet mit Geduld die vollkommene Seligkeit 
in der Zukunft ihres Bräutigams, wenn er in den Wol- 
ken des Himmels erscheinen wird, um alsdann Leib 
und Seele zu vereinigen, sie zu verklären, und seinem 
verklärten Leibe gleichförmig zu machen, damit sie 
sich mit ihm in Ewigkeit erfreuen möchten. 

Georg Simonsß, Clemens Dircks und eine Frau, 
genannt Marie Joris, im Jahre 1557. 

Zu dieser Zeit sind noch zu Haarlem in Holland drei 
fromme Zeugen der Wahrheit in der Tyrannen Hän- 
de gefallen. Von denselben wurde der eine Georg Si- 
monß, der andere Clemens Dircks, die Frau aber Ma- 
rie Joris genannt. Diese alle haben, als treue Knechte, 
an dem gemeldeten Orte, um der Wahrheit Christi wil- 
len, schweres Gefängnis und scharfe Untersuchungen 
(durch Gottes Gnade) standhaft ertragen und auch 
in dieser ihrer großen Not, ihr empfangenes Pfund 
mit dem faulen Knechte nicht in die Erde verborgen, 
sondern es mit großem Ernste auf Wucher gelegt, und 
das Wort des Herrn von der Tür ihres Gefängnisses 
beherzt zu eines jeden Besserung verkündigt; auch 
haben sie außerdem durch ein Gedicht die Ursache 
dieser ihrer Gefangenschaft bekannt gemacht, wie sie 
nicht als Diebe und Mörder, oder als solche, die ande- 
rer Leute Gut nachstellten, litten, sondern, daß dieses 
allein um des Glaubens der Wahrheit und eines reinen 
Gewissens willen geschehen sei, und daß sie um der 
reinen Furcht des Herrn willen der Unwahrheit nicht 
folgen könnten. Der hauptsächlichste Inhalt jenes Lie- 
des ist in den nachfolgenden Punkten enthalten: 

1 . Wie sie, mit allen wahren Zeugen Gottes, glauben 
und bekennen, aus Kraft der Heiligen Schrift, daß der 
gesegnete Jesus Christus von oben herab, vom Him- 
mel gekommen und von Gott, seinem himmlischen 



213 


Vater, ausgegangen sei, und daß er deshalb rein und 
lauter, keineswegs aber von Adams sündlicher und 
vergänglicher Natur sei. 

2. Weil sie sich nach dem Befehle Christi auf ihren 
Glauben haben taufen lassen, und dagegen bekannt 
haben, daß die Kindertaufe nicht von Gott sei, son- 
dern gegen sein Wort streite, und daß man aus Christi 
eigenem Munde wohl wisse, daß die Kinder vollkom- 
men in Gottes Gnade und einem seligen Stande ste- 
hen, ohne daß man nötig habe, die Taufe oder sonst 
eine Zeremonie an ihnen zu gebrauchen. Deshalb hal- 
ten wir dafür, daß alles, was man mit allem diesem, 
als zur Seligkeit der Kinder, auszurichten sucht, nichts 
anderes als ein nichtiges, menschliches Unternehmen 
sei. 

3. Vom Abendmahle des Herrn bekennen sie auch, 
daß sie solches nach des Herrn Befehle gehalten ha- 
ben, und daß laut der Einsetzung Christi, wie er, der 
Gesegnete, es selbst mit seinen Aposteln gehalten hat, 
worin ein jeder sich wohl untersuchen soll, ehe er zu 
dieser Tafel geht; auch, daß Christus sein Abendmahl 
nicht mit Trunkenbolden, Frauenschändem oder de- 
nen gehalten habe, von welchen man etwas Böses 
wusste, wie man bei den Papisten gewohnt ist. 

4. Dagegen verwerfen sie auch mit Nachdruck der 
Papisten kleines gebackenes Brot, oder geweihte Hos- 
tie, die sie den Leuten für den wahren, wesentlichen 
Sohn Gottes anpreisen, um daselbst in der Not Gna- 
de und Seligkeit zu suchen und bekennen, daß sie 
alle gröblich irren, die solches Brot verehren oder ein 
göttliches Vertrauen darauf setzen. 

5. Weil sie den Papst und die römische Kirche nicht 
für die Gemeinde Gottes erkennen könnten, sondern 
daß sie derselben mit allen ihren Zeremonien wider- 
sprechen. Sie hielten auch nicht dafür, daß dieser ihr 
Kaufhandel, den sie hierin trieben, von Gott sei. 

6. Weil sie in der Gemeinde keine andere Strafe der 
Übertreter erkannten, als die evangelische Absonde- 
rung. Dadurch könnte man die Bösen von den From- 
men absondern, um dem Herrn eine reine Gemeinde 
zuzuführen, worunter keine Unreinen oder Befleckten 
wohnen, sondern hinausgetan werden sollten. Diesel- 
be bekennen sie, die Königin und Braut Christi zu 
sein. 

Durch solche und dergleichen Umstände hat das 
Feuer des Evangeliums in Haarlem, trotz der Gewalt 
dieses Tyrannen, so heftig zu brennen angefangen, 
daß eben in der Nacht, als man mit ihnen so übel um- 
ging, der gottesfürchtige Bouwen Lubbertß auf der 
Schoutsstraße zu jedermanns Besserung eine herrli- 
che Ermahnung ohne Scheu oder Furcht gehalten hat, 
wodurch keine geringe Erbauung stattgefunden hat. 

Als man den 26. April 1557 den oben gemeldeten 


Georg und Clemens zum Tode hinausgeführt hat, hat 
sie das gemeine Volk sehr beklagt; sie aber sagten: 
Weint nicht über uns, sondern über eure Sünden, und 
tut wahre Buße. Darauf, nachdem sie ihr Gebet mit 
brünstigem Herzen zu Gott getan hatten, ist ein jeder 
an einen Pfahl gestellt worden, worauf sie sagten: Wir 
leiden nicht um Übeltat willen, sondern nur, weil wir 
der Wahrheit gehorsam sind. Als sie ihren Geist oder 
ihre Seelen, mit einem festen Vertrauen in die Hände 
Gottes befohlen, so haben sie ihre Hälse tapfer und oh- 
ne Scheu für die Wahrheit ausgestreckt, und sind zu- 
erst erwürgt, dann aber verbrannt worden. So sind sie, 
zum Tröste und zur Freude vieler Frommen, bei der 
angenommenen Wahrheit des heiligen Evangeliums 
standhaft bis ans Ende geblieben. Als sie aber nun ihre 
Tyrannei mit Würgen und Brennen geendigt hatten, 
haben sie, um diese ihre Lehre zu unterdrücken, auch 
ihre Bücher zu verbrennen gesucht; denn wie uns die 
Alten berichtet haben, so war der Bücherverkauf des 
Georg Simonß Hantierung. Als man nun den Brand 
der Bücher bemerkte, ist ein solcher Auflauf unter 
dem Volke entstanden, daß sich die Herren davon 
machten, worauf man die Bücher unter das gemeine 
Volk warf, das mit großem Verlangen darnach griff. 
So ist durch die göttliche Fügung die Wahrheit, an- 
statt daß sie hat unterdrückt werden sollen, durch 
das Lesen solcher Bücher nur desto mehr ausgebreitet 
worden. Die oben gemeldete Marie Joris aber ist auch 
in dieser Versuchung treu geblieben, und hat ihren 
Glauben tapfer vor den Herren bekannt, denn sie war 
bereit, ihr Leben für den Namen des Herrn mit ihren 
Brüdern zu übergeben. Weil sie aber schwanger war, 
hat sie bis nach ihrer Niederkunft warten müssen, 
aber dem Herrn gefiel es anders, denn sie ist während 
der Geburt gestorben und dadurch vom Fleische er- 
löst worden, daß diese Tyrannen ihren Mutwillen an 
ihr nicht kühlen konnten. So ist sie mit ihren Brüdern 
im Herrn entschlafen. 

Wem es gefällt, der lese diese Geschichte in dem 
alten Liederbuche, welche diese Zeugen selbst in ihrer 
Gefangenschaft, gleichwie auch der fromme Bouwen 
Lubbertß, in Reime gebracht haben. 

Ein Testament, welches Georg Simonß seinem 
Sohne Simon hinterlassen hat. 

Ein Testament, welches Georg Simonß seinem Sohne 
Simon hinterlassen hat, als er um des Herrn Wortes 
willen in Haarlem gefangen saß; derselbe ist nachher, 
den 26. April 1557 getötet worden. 

Gott, durch seine große Barmherzigkeit, wolle mei- 
nem Sohne Simon verleihen, in Tugenden aufzuwach- 
sen und ihn, wenn der Herr ihn zu seinem Verstan- 



214 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


de kommen lässt, zu erkennen, und wenn er seinen 
Willen erkannt haben wird, sein Leben darnach einzu- 
richten, um ewig selig zu werden durch seinen gelieb- 
ten Sohn Jesum Christum samt dem heiligen Geiste, 
Amen. 

Mein Kind und lieber Sohn, neige dein Ohr zu dei- 
nes Vaters Ermahnung und merke auf seine Reden 
und Erzählung, wie er sein Leben angefangen und 
geendigt habe! 

Der Anfang meines Lebens ist unnütz, hoffärtig, 
aufgeblasen, dem Saufen ergeben, eigennützig, lügen- 
haft und voll aller Abgötterei gewesen. Als ich nun 
zu meinen Jahren kam und mein männliches Alter 
erreichte, suchte ich nichts anderes, als was meinem 
Fleische wohlgefiel, ein faules, üppiges Leben; ich war 
nach schändlichem Gewinn begierig, ich suchte mei- 
nes Nachbarn Tochter zu Fall zu bringen, wie solches 
leider an der Tat, die von mir geschehen, zu erkennen 
ist; auch ist es schändlich zu sagen, was ich im Ver- 
borgenen getan habe, ja, ich war eben ein Gefäß voller 
Untugend. Aber mein liebes Kind! Als ich mich zur 
Schrift wandte, diese durchsuchte und durchlas, fand 
ich, daß mein Leben den ewigen Tod zu erwarten hät- 
te, ja, daß mir das ewige Wehe über dem Haupte hing, 
und der feurige Pfuhl, der von Schwefel und Pech 
brennt, mir zubereitet sei. Solches, sage ich, hatte ich 
zu erwarten, laut der Worte Pauli, wenn er sagt: Die 
solches tun, werden das Reich Gottes nicht ererben. 

Als ich solches zu Herzen nahm, erschrak ich sehr 
und fürchtete mich; ich habe daher das Wort Gottes 
zu meinem Ratgeber angenommen, wie mir wohl am 
besten zu raten wäre. Hier eine geringe Zeit ein wol- 
lüstiges Leben zu führen und die ewige höllische Pein 
zu erwarten; oder hier ein geringes Elend, wenn man 
es anders Elend nennen mag, zu dulden, und nach- 
her die ewige Freude zu genießen; ich fand in der 
Schrift: Was nützt es dem Menschen, wenn er die gan- 
ze Welt gewinnt und nimmt doch Schaden an seiner 
Seele, denn er hat nichts, um sie zu erlösen. Darum, 
mein geliebter Sohn, habe ich es für besser erachtet, 
mit den Kindern Gottes, wie Mose, eine geringe Zeit 
Ungemach zu leiden, als mit der Welt, die doch ver- 
gehen wird, in aller Wollust zu leben. Darum habe 
ich mein Gemach freiwillig und ungezwungen ver- 
lassen, und habe mich auf den engen Weg begeben, 
um Christo, meinem Haupte, nach zu wandeln, wohl 
wissend, daß, wenn ich ihm bis ans Ende nachfolge, 
ich nicht im Finstern wandeln werde. Als ich nun das 
alte Verdammliche zum Teil abgelegt und verworfen 
hatte, und eine neue göttliche Kreatur zu sein begehr- 
te, sowie ein frommes, bußfertiges, gottseliges Leben 
zu führen, so wurde ich sogleich, wie alle Frommen, 
die vor mir gewesen sind, gehasst, ja, in Haarlem auf 


St. Jans-Pforte gefangen gesetzt. 

Dieses, mein lieber Sohn, ist mein Leben gewesen 
bis zur Zeit, als mich der Herr erleuchtete. Vor al- 
len Dingen, mein liebes Kind, will ich dich herzlich 
gewarnt, ermahnt und gebeten haben, daß du dich 
hüten wollest, alle Bosheit zu meiden, und daß du von 
deiner Kindheit an in der Furcht des Herrn wandeln 
wollest, welches ist der Weisheit Anfang; und wenn 
dir Gott seine Weisheit offenbaren wird, so zögere 
nicht, darin zu wandeln, denn der Tod geht sowohl 
den Jungen als den Alten nach. Nimm doch die Zeit 
wahr, die dir von Gott zur Besserung vergönnt ist, 
habe deinen Umgang mit den Guten und hüte dich 
vor den Verkehrten; wenn dich die Sünder locken, so 
falle ihnen nicht zu, und geselle dich nicht zu ihnen, 
wehre deinen Füßen vor ihren Pfaden, ihre Gänge 
führen zur Verdammnis. Darum rühre kein Pech an, 
damit du nicht besudelt werdest, denn auf den Bösen 
wartet ein böses Ende, welches überall die Last tra- 
gen soll. Hüte dich, mein Sohn, vor diesem und vor 
allem Argen, und denke daran, was Paulus sagt, daß 
wir alle vor Christi Richterstuhl dargestellt werden 
müssen, damit ein jeder an seinem Leibe empfange, 
nachdem er getan hat, es sei gut oder böse; das Fleisch 
wird dir keinen guten Rat geben. Darum darf Paulus 
wohl sagen: Fleischlich gesinnt sein ist der Tod, ja, die 
fleischlich sind, können Gott nicht gefallen. Darum 
töte deine fleischlichen Glieder, die auf Erden sind. 
Lies Paulus, oder laß ihn lesen, er wird dir wohl sa- 
gen, welche die Werke des Fleisches sind. Hast du 
Zeit und Gelegenheit, so wende Ernst und Fleiß an, 
lesen und schreiben zu lernen, damit du besser lernen 
und wissen mögest, was der Herr von dir fordert. 

Geliebter Sohn! Meines Herzens Wunsch und Bit- 
te ist zum Herrn für dich, daß deine Seele vor der 
Sündflut des Zornes Gottes beschützt werden möchte, 
welche über alle Gottlosen kommen wird, die nicht 
nach dem Herrn gefragt haben und in seinen Gebo- 
ten nicht gewandelt sind. Diesem zukünftigen Zorne 
kannst du nicht besser entgehen, als wenn du auf 
Jesum Christum, den Sohn des allmächtigen und ewi- 
gen Vaters, siehst, welcher aller Gläubigen Haupt und 
Vorbild, ja, der Herzog des Glaubens und der Vollen- 
der ist. Frage ihn um Rat, was für dich das Beste und 
Nötigste zu tun sei; er wird es dir sagen. Klopfe an 
die Tür seiner heiligen Dreifaltigkeit und bete ihn an, 
er wird dir auftun und dir dasjenige geben, was dir 
nötig ist. Habe Lust und Hunger nach der Weisheit, so 
wirst du gesättigt werden. Trachte nicht nach hohen 
zeitlichen Dingen, denn obgleich diejenigen, die sie 
erlangen, von dem gemeinen Volke selig genannt und 
gepriesen werden, so sind sie doch vor Gott unselig 
und verwerflich. Darum demütige dich unter die ge- 



215 


waltige Hand Gottes, damit du in Ewigkeit erfreut 
werden mögest. 

Sieh wie es ihm und allen Frommen vor und nach 
ihm ergangen ist; seine Geburt war arm und voller 
Elend, er musste vor Herodes flüchten, denn er trach- 
tete ihm nach dem Leben; er hatte, als er litt, nichts, 
worauf sein Haupt ruhen konnte. Und für alle diese 
großen und herrlichen Wohltaten hatte er das zum 
Danke, daß er ein Verführer, Weinsäufer, Samariter 
und von dem Teufel besessen heißen musste; über- 
dies musste er sich noch vor ihren Steinen hüten, bis 
sie ihn (als die Zeit erfüllt war) zum allerschändlichs- 
ten Tode verdammten. Und ehe das Gesetz offenbar 
war, musste auch der fromme Abel von seinem Bru- 
der Kain leiden, welcher ihn aus lauter Hass und Neid 
(weil seines Bruder Werke gut und Gott angenehm, 
die seinen aber böse und verwerflich waren) getötet 
hat; auch haben alle lieben Propheten, die das Wort 
Gottes verstanden und danach lebten, ohne Ansehen 
der Person vieles leiden müssen; Micha, der zu des 
Königs Ahabs Zeiten unter vierhundert falschen Pro- 
pheten allein wahrhaftig erfunden wurde, musste von 
Zedekia geschlagen und nachher in einen Kerker ge- 
worfen werden; Elia, der unter 450 falschen Priestern 
der Isabel allein wahrhaftig war, hatte auch vieles zu 
leiden; daher darf Paulus wohl sagen (denn er hatte 
es selbst erfahren), daß alle, die in Christo gottselig 
leben wollen, Verfolgung leiden müssen. 

Dieses haben auch alle anderen frommen Zeugen 
Christi versucht und sind bis ans Ende standhaft ge- 
blieben; darum ist ihnen auch (nach der Schrift) die 
Krone zubereitet; denn solches bezeugt der Mund 
Christi selbst, daß, wer standhaft bleibt bis ans Ende, 
soll selig werden, wer überwindet, soll alles besitzen, 
mit weißen Kleidern angetan werden und vom Bau- 
me des Lebens essen, welcher mitten im Paradiese 
steht. 

Mein geliebter Sohn! Überlege dieses, darauf richte 
Tag und Nacht deine Gedanken, nämlich: Der Welt zu 
sterben, und Christi Willen zu vollbringen. Vor allem 
hüte dich vor allen falschen Propheten, Heuchlern 
und Scheinheiligen, welche zu meiner Zeit Pfaffen 
und Mönche waren, und die, wie ich besorge, zu dei- 
ner Zeit nicht mangeln werden, solange ihnen fette 
Suppen folgen; glaube ihnen nicht, denn sie sind Be- 
trüger und töten der Leute Seelen. Mein Sohn, der 
dieses schreibt, hat es durch Erfahrung und Untersu- 
chung gelernt, denn er hat selbst aus diesem Kelche 
getrunken. Halte dich auch zu keiner Sekte, deren es 
zu meiner Zeit viele gab, wie Lutherische, Zwingli- 
sche und andere mehr, welche, obgleich sie den Schein 
des Guten haben, dennoch im Grunde böse und ein 
tödliches Gift sind. Sieh dich um nach einem kleinen 


Häuflein, dessen Lebensregel mit den Geboten Gottes 
genau übereinkommt, und deren Kirchengebräuche 
oder Sakramente mit dem Befehle Christi und dem 
Gebrauche der Apostel übereinstimmen; das ist die 
rechte Gemeinde Christi, die ohne Runzel oder Fle- 
cken ist; diese ist Fleisch von seinem Fleisch und Bein 
von seinem Beine; diese haben auch Lehrer, die, nach 
Paulus Lehre, unsträflich sind in allem; die gehorsame 
Kinder und gläubige Weiber haben; die nichts wissen 
von Rechten und Prozessen, vom Fluchen und Schwö- 
ren, von Hass und Neid, von Lügen und Betrügen, 
von Unkeuschheit und Ehebruch; wo lauter Liebe, 
Friede, Einigkeit und Wahrheit zu finden ist, welches 
die Früchte des Geistes sind, wie Paulus lehrt. 

Mein lieber Sohn und geliebtes Kind, dieses ist 
mein ernstlicher und letzter Wille, mein Testament 
an dich; ich begehre von dir, du wollest solches mit 
Fleiß durchlesen, wohl überlegen, und es neben die 
Schrift legen, um deinen Wandel darnach einzurich- 
ten. Merke wohl, mein Sohn, was ich schreibe: Es 
werden sich viele, meistens unter dem Scheine des 
Guten, offenbaren, und sagen, sie hätten eine Arznei 
für deine kranke Seele; aber die, welche die Wahrheit 
haben, sind, von welchen du Nutzen schöpfen kannst; 
zu diesen halte dich. Wasser und Feuer wird dir vor 
Augen gestellt; du kannst deine Hand ausstrecken, 
wonach es dir gefällt, es sei Tod oder Leben. Dieses 
wird dir, mein lieber Sohn, im Anfänge hart fallen 
zu hören, denn es ist deiner ersten Geburt zuwider, 
welche aus dem Fleische ist; du aber musst von neu- 
em geboren und verändert werden, wenn du anders 
ins Reich Gottes eingehen willst; solange du fleisch- 
lich gesinnt bist, ja, solange du der Welt Narr und 
Feind nicht wirst, kannst du solches nicht verstehen. 
Herzinnigst geliebter Sohn! Ich bitte dich nochmals, 
wie zuvor, du wollest darauf bedacht sein und dich 
darnach richten; ich habe dir dieses aus meinem treu- 
en Vaterherzen hinterlassen, als ich von dieser Welt 
scheiden, und um des Wortes des Herrn willen getötet 
werden sollte. Der Herr verleihe dir, und allen, die 
es lesen oder lesen hören, daß sie es sich zu Herzen 
nehmen, darnach tun und ewig selig werden. 

Meines Sohnes Testament. Geschrieben im Jahre 
1557 den ersten Montag im April und den 26. Tag des 
Monats mit dem Tode befestigt. 

Noch drei kleine Ermahnungsbriefe von Georg 
Simonß und seinen Mitgefangenen. 

1. Brief 

Friede, Freude, Trost in aller Trübsal und allen Leiden 
verleihe Gott allen denen, die um seines Wortes wil- 



216 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


len leiden, durch seinen geliebten Sohn in Kraft des 
Heiligen Geistes, Amen. 

Unsern sehr geliebten Brüdern und Schwestern in 
dem Herrn, und allen, die den Herrn von ganzem Her- 
zen zu fürchten suchen, machen wir bekannt und las- 
sen sie wissen, daß wir alle (dem Herrn sei ewig Lob) 
sehr wohlgemut sind, und bei dem Worte des Herrn 
zu bleiben und davon nicht abzuweichen hoffen, um 
etwas Sichtbares willen, ja, nicht um des Lebens oder 
Todes willen, denn es ist nichts, wie wir hoffen, das 
uns von der Liebe Gottes scheiden werde; wir werden 
alles vermögen durch den, der uns kräftig macht; wir 
hoffen mit unserm Gott über die Mauern zu springen. 
Liebe Freunde, freut euch mit uns; warum sollten wir 
uns fürchten, da doch so viele Menschen in der Welt 
sind, die um eines so kleinen Gewinns willen sich in 
so große Gefahr setzen an Seele und Leib, zu Wasser 
und zu Lande, und wenn es ihnen glückt, wissen sie 
es gleichwohl nicht, ob es ihnen zum Gewinne oder 
Verluste gereichen werde; aber wir, die wir diese Reise 
mit des Herrn Hilfe vollendet haben, wissen, daß uns 
lauter Gewinn bevorsteht, worauf kein Verlust folgt; 
denn wir laufen nicht aufs Ungewisse; wir fechten 
nicht wie solche, die in die Luft schlagen, sondern 
wir sind, durch des Herrn Gnade, versichert, daß wir 
dasjenige, was uns verheißen ist, wenn wir uns tapfer 
durchstreiten, wie wir hoffen, erlangen werden; wir 
gedenken ihr vielfältig wieder einzuschenken; wir 
werden es ausrufen und nicht schweigen, was uns 
der Herr verleiht und offenbart. Unsere Schwester, 
Mariken, ist auch sehr wohlgemut und hat auch ih- 
ren Glauben aufrichtig bekannt, wo sie zu bleiben 
gedenkt, so lange ein Atem in ihr ist; sie ist so tapfer 
und wohlgemut, daß sie uns alle erlustigt und erfreut. 
Wir ermahnen einander mit dem Worte des Herrn, so 
viel Gott einem jeden zu reden gibt, es sei mit Worten 
oder Gesängen, ja, es gehen viele Stunden vorbei, wo 
ich nicht einmal daran denke, daß ich gefangen sei, 
eine solche Freude gibt uns der Herr. Ich danke euch 
von Herzen, daß ihr meine Bitte erfüllt habt, auch für 
eure herzliche Ermahnung; tut das Beste in Ansehen 
meiner H. F. und seid dem Herrn und dem Worte 
seiner Gnade anbefohlen. Georg Simonß, aus unsern 
Banden. 

2. Brief 

Unsern sehr geliebten Brüdern und Schwestern in 
dem Herrn und allen denen, die den Herrn von Her- 
zen zu fürchten und ihm nachzufolgen begehren, 
wünschen wir Gebundene in dem Herrn ein tapferes 
standhaftes Gemüt und Beständigkeit in der Wahrheit 
bis ans Ende, durch Jesum Christum, unsern Heiland, 


Seligmacher und Erlöser in Kraft des Heiligen Geistes, 
Amen. 

Sehr geliebte Brüder und Schwestern im Herrn! Eu- 
rer Liebe sei bekannt, daß wir, durch des Herrn Gnade, 
alle nach dem Besten streben und darnach von gan- 
zem Herzen trachten, daß wir uns dem Herrn in seine 
Hände aufzuopfem begehren, es sei im Leben oder 
Tode; wir streben noch darnach von ganzem Herzen, 
daß der Herr seinen herrlichen Namen durch uns groß 
machen und uns den Herzog unseres Glaubens und 
den Vollender, Jesum, vor Augen stelle; wir wissen, 
daß der Knecht nicht besser ist als sein Meister. Auch 
ist es wahr, und ein teures Wort: Wenn wir mit ihm lei- 
den, so werden wir uns auch mit ihm freuen. Hierauf 
haben alle frommen Zeugen Christi gesehen, und auf 
seine großen Verheißungen, dir wir im Alten Testa- 
mente von den frommen Altvätern haben, welche auf 
die zukünftige Gnade hofften; darum haben sie für 
das Gesetz Gottes tapfer gestritten, und haben mit den 
benachbarten Völkern keine Gemeinschaft machen 
wollen; darum haben sie auch ihr Leben freiwillig 
übergeben, weil sie gegossene oder geschnitzte Bil- 
der weder anbeten noch verehren; gleichwie auch der 
fromme Eleazar, der wider das Gesetz kein Schwei- 
nefleisch essen wollte; wir hoffen, durch des Herrn 
Gnade, seine heilsamen Worte zu unserm Vorbilde zu 
nehmen, nämlich, daß es das Beste sei, bei dem Herrn 
zu bleiben; denn, wenn wir durch Verstellung (wo- 
vor Gott uns bewahren wolle) das Leben davontragen 
würden, so könnten wir dennoch der allmächtigen 
Hand Gottes nicht entlaufen, es sei denn im Leben 
oder im Tode. Darum wollen wir uns ganz in die 
Hände des Herrn übergeben, gleichwie die fromme 
maccabäische Mutter mit ihren sieben Söhnen, und 
gleichwie alle frommen Zeugen Christi getan, ja, die 
sich erfreut haben, daß sie würdig erkannt waren, um 
des Namens Christi willen zu leiden. Also sind wir, ge- 
liebte Brüder, in dem Herrn gesinnt, und nicht anders. 
Wir hoffen den schwachen, milchsaugenden Kindern, 
durch des Herrn Gnade, ein Beispiel der Frömmigkeit 
und Standhaftigkeit zu sein. 

Dieses ist von mir am Montage geschrieben, nach- 
dem ich zweimal vor den Herren gewesen war, und 
gefragt wurde, ob ich dabei bleiben wollte. 

3. Brief 

Unsern sehr geliebten Brüdern und Schwestern in 
dem Herrn und allen, die den Herrn von ganzem 
Herzen zu fürchten und ihm nachzufolgen begehren, 
wünschen wir Gebundene in dem Herrn, daß der gnä- 
dige himmlische Vater sie alle vor allem Anstoß von 
innen und außen bewahren wolle, durch seinen lie- 



217 


ben Sohn Jesum Christum, samt dem Heiligen Geiste, 
Amen. 

Herzlich geliebte Brüder in dem Herrn, wollt doch 
nicht erkalten, obgleich ihr jetzt mit euren Freunden 
und Verwandten von Haus und Hof wandern müsst, 
unwissend wohin, denn der Sonnenbrand fängt nun 
an, überall den aufwachsenden Samen in euch anzu- 
tasten. Brüder, fürchtet euch nicht, lasst diesen Samen 
in euch Feuchtigkeit bekommen und behalten; setzt 
euch unter den Schatten der Schrift, sie wird euch ein 
herrlicher Schirm sein. Wir wissen, daß wir durch viel 
Trübsal in das Himmelreich eingehen müssen; wenn 
das Haupt so leidet, so leiden auch alle andern Glieder 
mit; wollen wir nun Glieder des Leibes Christi sein, 
so müssen wir des Leidens des Hauptes mit teilhaftig 
werden; wenn wir nun mit ihm leiden, so werden wir 
uns auch mit ihm freuen. 

Darum, liebe Brüder, wenn euch der Herr noch eine 
Zeitlang unter dem argen Geschlechte wohnen lässt, 
so erduldet die Zeit eurer Wanderschaft mit Furcht, 
stellt euch als Lichter unter die böse, arge Welt; lasst 
euren Glauben in den Werken hervorleuchten, sonst 
ist er tot. Wendet eure Augen auf den Herzog des 
Glaubens und Vollender Jesum Christum; er ist der 
einige Eckstein in Zion, einen andern Grund kann 
niemand legen, als der gelegt ist, welcher ist Christus 
Jesus; halte, was du hast, daß dir nicht ein anderer dei- 
ne Krone nehme. Seid dem Herrn befohlen, er wolle 
euch in alle Wahrheit führen. 

Ich, Georg Simonß, euer lieber Bruder, und meine 
lieben Mitgefangenen, wünschen euch alles Gute, und 
wir trachten von ganzem Herzen nach dem Besten. 

Weil uns das Todesurteil der beiden vorgenannten 
Freunde, Georg Simonß und Clemens Dircks, durch 
den Stadtschreiber von Haarlem in die Hände gekom- 
men ist, so haben wir für gut befunden, dasselbe hier 
beizufügen, damit ein jeder von dem Vorgemeldeten 
zur Genüge überzeugt sein möge. Dasselbe lautet, die 
Überschrift ausgenommen, so: 

Auszug des Georg Simonß von Hallmen und des 
Clemens Dircks von Haarlem Todesurteil. 

Nachdem Georg Simonß von Hallmen in Friesland 
und Clemens Dircks von Haarlem, beide Weber, ohne 
Pein und eiserne Bande bekannt haben, daß sie wie- 
dergetauft worden seien, auch dabei eine sehr arge 
Lehre von den ehrwürdigen heiligen Sakramenten 
der heiligen Kirche an den Tag gelegt, vorgenannter 
Georg Simonß auch sich unterstanden, verschiedene 
falsche Bücher zu verkaufen und unter das Volk zu 
bringen, Clemens aber sich nicht hat zu viel sein las- 
sen, dieselben zu lesen und durch seine Lehre bekannt 


zu machen, überdies auch beide in ihrem Irrtume und 
ihrer argen Lehre hartnäckig und verhärtet sind, so 
ist es geschehen, daß die Herren des Gerichts, nach- 
dem sie die Anrede und den Schluss angehört haben, 
welchen Zustand Peter von Zouteland, dieser Stadt 
Schultheiß, wider sie und ihretwegen getan hat, nach 
den Verordnungen und Befehlen der königlichen Ma- 
jestät, welche durch die königliche Majestät, unsern 
gnädigen Herren, unlängst bestätigt worden sind, die- 
sen Georg Simonß von Hallmen und Clemens Dircks 
als wiedergetaufte Ketzer und Störer der öffentlichen 
Ruhe und christlichen Religion verurteilt haben und 
hiermit verurteilen, daß der eine wie der andere an 
einen Pfahl gestellt und mit Feuer hingerichtet wer- 
den, und verordnen ferner, daß die Güter des vorge- 
nannten Georg alle ohne Ausnahme, des vorgenann- 
ten Clemens Dircks Güter aber, bis zur Summe von 
sechzig Pfund und nicht mehr, wenn anders die Güter 
diese Summe übersteigen, wie es die Freiheiten dieser 
Stadt ausweisen, zum Nutzen der königlichen Ma- 
jestät verfallen sein sollen. Also beschlossen den 26. 
April 1557, von Joost von Hitgem, Dirk von Bokeroe, 
Bürgermeistern, Wilhelm Harmanß Ramp, Johann Kö- 
nig, Johann Mattheiß, Johann Raet und Adrian Wil- 
lemß, Ratsherrn, und denselben Tag vor Gericht öf- 
fentlich verlesen in Gegenwart des Schultheißen und 
vorgemeldeter Ratsherren. 

Ausgezogen aus dem ersten Buche der Strafen, wel- 
ches mit dem 29. November im Jahre 1539 beginnt und 
sich mit dem 27. Oktober im Jahre 1582 endigt, und 
welches in der Kanzlei der Stadt Haarlem niederge- 
legt ist; mit demselben ist die Abschrift gleichförmig 
befunden worden. 

Von mir, dem unterschriebenen Stadtschreiber ge- 
meldeter Stadt, den 10. Juli im Jahre 1559. 

Sechs Brüder werden bei Amsterdam auf dem 
Bolewyk im Jahre 1555 an Pfählen erwürgt. 

Im Jahre 1555 ist zuerst der Fall eingetreten, daß sich 
die Taufgesinnten voneinander absonderten, weil Gil- 
lis von Aachen und auch andere solche Dinge einführ- 
ten, worüber die andern wasserlandischen Brüder 
sich mit ihnen nicht vereinigen, auch solches ihnen 
nicht zugeben konnten; daher ist es denn gekommen, 
daß diese gemeldeten Bruder sich als ein Volk für 
sich selbst gehalten haben; gleichwohl aber haben sie 
sich von den andern nicht abgesondert, sind auch 
nicht ausgebannt worden, sondern sie sind als ein 
vergessenes, ja, verlorenes Volk angesehen worden, 
sodass die wasserlandischen Brüder um der strengen 
Verfolgung willen nicht in Häusern wohnen konnten, 
sondern sich in Schifflein und auf den Feldern aufhal- 



218 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


ten mussten, weil sie nicht wussten, wo sie sich vor 
den Häschern verstecken sollten, die sie überall such- 
ten und ihnen nach dem Leben trachteten. Zu dieser 
Zeit nun ist es geschehen, daß in dem Ostsaner Felde 
sechs Brüder, die in einem Schifflein beisammen wa- 
ren, ergriffen und nach Amsterdam gebracht wurden, 
wo sie zum Tode verurteilt worden sind. Es war im 
Anfänge des Winters als sie auf den Bolewyk gesetzt 
und daselbst an einem Pfahl erwürgt worden sind. 
Von dieser Zeit an hat dreizehn Wochen hindurch 
über jedem Pfahle dieser sechs Brüder ein Lichtlein, 
einer Kerze gleich, gestanden, das die ganze Nacht 
hindurch gebrannt hat. Als nun diese dreizehn Wo- 
chen zu Ende waren, ist ein gewaltiger Sturm und 
Regen, und in deren Folge ein starkes Tauwetter ein- 
getreten, so daß eine große Wasserflut erfolgte und 
das Eis vom Winde zerteilt wurde. Um einen von 
den sechs Brüdern stand das Wasser so hoch, daß der 
Pfahl durch das daran stoßende Eis in Stücke zerbrach 
und aufs Eis niederfiel; er ward mit dem Eis durch 
die Ebbe und Flut zwischen Sparendam und dem Bo- 
lewyk hin und her getrieben. In derselben Gegend 
waren zwei Personen in einem Steigerschiffe, welche 
unlängst zur Gemeinde gekommen waren; diese, als 
sie des Nachts vorbeifuhren, sahen das vorgemeldete 
Licht auf dem Eis; als sie nun genau zusahen, vermu- 
teten sie, daß es auf Jaepje Maet (so nannten sie diesen 
Bruder) stand. Sobald es nun Tag wurde, gingen sie 
zu zwei Schwestern, die in der Stadt verborgen leb- 
ten, welche diese beiden Ankömmlinge kannten; sie 
erzählten ihnen, was sie des Nachts gesehen hatten. 
Diese ließen sich deshalb von dem Schlagbaume aus- 
schließen, setzten sich in ein Steigerschiff und fuhren 
an den hohen Nord, wo sie das Eis erwarteten. Un- 
terdessen wurde das gemeldete Lichtlein auf dem Eis 
näher getrieben, und als sie nun auf das Lichtlein Zu- 
fuhren, sahen sie, daß es auf Jaepje Maet stand. Sie 
nahmen ihn in ihr Schiff und führten ihn zu den an- 
dern Brüdern, die sich in einem Schiff bei dem Felde 
aufhielten, diese brachten ihn aus dem Steigerschiff in 
ihr Schiff. Als sie ihn aber anrührten, um mit ihm zum 
Begräbnisse zu fahren, hat der vertrocknete und ge- 
frorene Leib, welcher dreizehn Wochen lang an dem 
Pfahle gehangen hatte und ausgedörrt war, zu bluten 
angefangen, sodass das Blut stromweise in zwei oder 
drei Körbe lief, welche sich im Boden des Schiffes be- 
fanden. Die Personen, die solches alles gesehen und 
an ihm getan haben, waren seine vornehmsten Brüder 
und Spielgesellen, fromme und glaubwürdige Leute; 
dieselben haben solches vielen andern erzählt, damit 
ein solches Wunder nicht in Vergessenheit geraten, 
sondern zur Erbauung der Frommen im Andenken 
bleiben möchte. 


Martin Zaey-Weber, Joris Oud-Kleer-Kooper, 

Wilhelm Droogscheerder, Victor und Peter de 
Bäcker, im Jahre 1557. 

Als nun die Blutdürstigen, die dem Gewissen Zwang 
antaten, noch nicht gesättigt waren, haben sie zu Ant- 
werpen im Jahre 1557 fünf fromme Christen gefangen 
genommen, nämlich: Martin Zaey-Weber, Joris Oud- 
Kleer-Kooper, Wilhelm Droogscheerder, Victor und 
Peter de Bäcker, welchen sie mit List, Bedrohungen 
und Pein zugesetzt haben, um sie ihres köstlichen 
Schatzes zu berauben, welchen sie, zu Gottes Ehre, in 
irdischen Gefäßen so treulich bewahrten, damit er ih- 
nen nicht genommen werden möchte. Hierüber sind 
die andern so neidisch gewesen, daß sie ihnen öffent- 
lich auf dem Markte einen schändlichen Tod angetan 
haben; aber Gott wird sie mit den treuen Knechten 
große Ehre und Freude genießen lassen, wenn die 
anderen mit Schande zur ewigen Traurigkeit werden 
eingehen müssen. 

Ein Brief von Wilhelm Droogscheerer. 

Ein Brief von Wilhelm Droogscheerer, zu Antwerpen 
im Gefängnisse geschrieben, wo er um des Zeugnisses 
unseres Herrn Jesu Christi willen, nebst vier andern, 
im Jahre 1557 getötet worden ist, wie wir zuvor ge- 
meldet haben. 

Gnade, Friede und Barmherzigkeit von Gott, dem 
Vater, und unserem Herrn Jesum Christum, der uns zu 
seinem unvergänglichen Reiche berufen und erwählt 
hat, ehe der Welt Grund gelegt war, uns auch durch 
das Wasserbad im Worte gereinigt hat, damit wir vor 
seinen Augen unsträflich wären. 

Geschrieben an dich, meinen geliebten Bruder N., 
und meine geliebte Schwester N. Obgleich ich hier 
um des Zeugnisses Christi willen geschlossen und ge- 
bunden liege, und, durch des Herrn Gnade, bereit bin, 
solches mit meinem Blute zu versiegeln, so lasse ich 
doch auch nicht nach, meiner Mitglieder in meinem 
Gebete zu gedenken, welches ich größtenteils mit Trä- 
nen vor dem Herrn verrichte; denn ihr wandelt noch 
in der wilden Wüste unter Drachen, Löwen und Bä- 
ren, die fortwährend laufen und das unschuldige Blut 
zu ermorden suchen, welches von Abels Zeiten an 
Rache ruft, indem sie uns dem Tode überantworteten, 
wie die Juden Christo taten, denn wir sind ihnen zu 
schwer anzusehen, weil wir uns ihnen nicht gleich- 
stellen; darum ratschlagen sie und sprechen: Lasst 
uns ihn zum jämmerlichsten Tode verurteilen, denn 
es soll ihm nach seinen Reden vergolten werden. Dar- 
um, meine Auserwählten im Herrn, wir wollen uns 
nicht vor ihrem Drohen und Schlagen fürchten, ob- 



219 


gleich sie wie wütende Hunde laufen; der Herr hat 
doch ihre Herzen in seiner Hand; sie können uns oh- 
ne den Willen unseres Vaters nicht ein Haar kränken. 
Der Herr hat ja die drei Jünglinge in dem feurigen 
Ofen bewahrt, Daniel in der Löwengrube, Hesekiel in 
Jerusalem, Mose in Mesopotamien, Elia im Gebirge; 
ja, alle, die auf den Herrn trauten, sind niemals zu 
Schanden geworden, denn seine starke Hand, sagt 
der Prophet, ist nicht zu kurz, und wenn auch eine 
Mutter ihr eigenes Kind verließe, so will ich dich doch 
nicht verlassen, spricht der Herr; denn wer euch an- 
tastet, der tastet meinen Augapfel an. Darum sollen 
wir unsere Seelen zur Anfechtung zubereiten, unsere 
Erlösung naht herbei, und der Tag der Trübsal ist jetzt 
hier; darum sollen wir unseren Herrn allezeit heili- 
gen und verherrlichen, damit wir alle diese schönen 
Verheißungen ererben möchten, welche er dem Chris- 
tengeschlechte gegeben hat, damit wir in unserer Not 
weder müde noch matt werden, sondern im Geiste 
brünstig sein mögen, fröhlich in der Hoffnung, ge- 
duldig in Trübsal und anhaltend im Gebete. Als die 
Israeliten aus Ägypten gingen, waren sie sehr freudig, 
daß sie vom Dienste und der Sklaverei erlöst waren; 
als sie aber in die Wüste kamen, wo es dem Fleische 
nicht wohl gefiel, sank ihnen aller Mut und sie murr- 
ten, sodass sie wieder zurückkehren wollten, wozu 
sie doch kein Recht hatten; denn sie hatten alle ihre 
Satzungen mit sich genommen, damit sie keine Ursa- 
che hätten, wieder zurückzukehren; deshalb sind sie 
auch nicht in das verheißene Land gekommen, mit 
Ausnahme von Kaleb und Josua, denn diese hatten 
guten Mut, sodass sie ihre Feinde wie ein Stück Brot 
vernichteten. Auch war der Herr mit David, da er den 
Riesen Goliath niederschlug; sie gürteten ein Schwert 
an seine Seite, um damit den Riesen niederzuschla- 
gen; David aber war solches nicht gewohnt, weil er 
ein Schäfer war; darum legte er das Schwert wieder 
ab, ergriff seine Schleuder und warf damit dem Riesen 
einen Stein an den Kopf, daß er zur Erde fiel; da nahm 
David des Riesen Schwert und hieb ihm das Haupt ab. 
Darum, meine auserwählten Brüder und Schwestern 
im Herrn, lasst uns nicht weichen, weder zur rechten 
noch zur linken Seite, denn wir haben solch einen 
großen König, der uns nicht verlassen wird, wenn 
wir anders treulich bei ihm ausharren; er ist so getreu, 
der es verheißen hat, daß ich nicht daran zweifeln 
kann, denn die Stadt, wo wir eingehen werden, ist 
alles Guten voll; aber sie ist in der Demut gegründet. 

Wisset, lieber Bruder N. und Schwester N., daß ich 
euch ein Lied zum Andenken gebe; ich will euch da- 
mit dem Herrn anbefehlen, bis wir auf den Berg Zion 
kommen und daselbst das neue Lied mit allen Auser- 
wählten Gottes singen. Lieber Bruder und Schwester, 


als ich dieses Lied machte, hat mich großer Schmerz 
und starke Versuchung überfallen, sodass ich sehr be- 
trübt war, denn es kam mir vor, als ob mich der Herr 
auf einmal verlassen hätte; ich fiel auf meine Knie, 
weinte bitterlich zum Herrn und bat um Stärke und 
Kraft; und der Herr erhörte mein Gebet und richte- 
te mich wieder auf; denn er lässt uns nicht über un- 
ser Vermögen versucht werden, dabei schafft er doch 
einen Ausgang, wie es uns erträglich ist. Ich empfing 
wieder solche Gnade und Freude, daß ich vor Freude 
dieses Lied machte, zur Auferbauung meines Nächs- 
ten. Grüßt mir J. von H. sehr mit dem Frieden des 
Herrn, und du, N., grüße mir deinen Meister auch 
sehr mit dem Frieden des Herrn, und sage meinetwe- 
gen deiner Frau gute Nacht, ich kann ihr den Frieden 
nicht geben, denn es steht geschrieben: Wehe denen, 
die den Menschen trösten in oder auf eine eitle Hoff- 
nung. Wisst, liebe Freunde, daß ich sehr erfreut war, 
als ich vor Gericht ging, daß es mir vorkam, es könnte 
nichts diese Freude übertreffen, daß ich nämlich mei- 
nen Herrn, meinen Gott, vor der Welt bekennen sollte. 
Der Schultheiß fragte, ob ich wiedergetauft sei; und 
der Heilige Geist redete durch meinen Mund und sag- 
te, daß ich nach der Lehre Christi getauft sei, und daß 
sie Widertäufer wären, denn sie tauften wider Chris- 
tum; darum kommt euch der Name zu, womit ihr uns 
belegt. Ich bat sie auch, sie möchten mich zu meinen 
Brüdern lassen, denn wir hatten doch einen Glauben; 
aber sie gaben mir keine Antwort. Also, meine lieben 
Freunde, wir wollen euch unter dem Altäre erwarten. 

Hieronymus, Lorenz von Gelder, Peter Müller, 
Jacob von Ypern und Martin de Waal. 

Auch sind in demselben Jahre 1557 zu Antwerpen 
fünf Brüder Christi, genannt Hieronymus, Lorenz von 
Gelder, Peter Müller, Jacob von Ypern in und Martin 
de Waal, gefangen worden; diese hatten solch ein fes- 
tes Zutrauen zu Gottes Verheißungen, und waren so 
brünstig an die Liebe Gottes geknüpft, daß sie durch 
keine Menschen, ja, selbst nicht durch hohe Verhei- 
ßungen, schwere Verfolgungen, gefährliche Anfech- 
tungen oder Bedrohungen mit dem Schwerte abge- 
zogen werden konnten; darum sind sie auch endlich 
alle fünf, um des Zeugnisses ihres Glaubens willen, 
welchem sie fest anhingen, auf dem Steine enthauptet 
worden; und wie sie für die Wahrheit ihre Häupter 
verloren haben, so werden sie auch von Gott zu Häup- 
tern gesetzt werden, um diejenigen, die hier gerichtet 
haben, zu überzeugen und zu richten. 



220 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Margaretha, des Hieronymus Weib, Klaarken und 
Janneken aus Dextelaar. 

Es sind im Jahre 1557 zu Antwerpen drei Frauen, näm- 
lich Margaretha, des vorgenannten Hieronymus Weib, 
Klaarken und Janneken aus Dextelaar, weil sie stand- 
haft bei der Wahrheit blieben und davon nicht abwei- 
chen wollten, auf dem Steine enthauptet und dann zur 
Schmach nackend in die Schelde geworfen worden; 
aber sie werden wohl gekleidet und mit Ehren, samt 
ihrem Bräutigam, zum Abendmahle des Lammes ein- 
gehen, wo sie mit Freuden, samt allen Auserwählten 
Gottes, das neue Lied werden singen helfen und in 
ewiger, unvergänglicher Freude leben. 

Sendbrief des Jünglings Algerius, 1557. 

Ein tröstlicher Sendbrief des Jünglings Algerius, wel- 
cher in der Stadt Rom um des Zeugnis Jesu willen im 
Jahre unseres Herrn 1557 aufgeopfert worden ist. Die 
Beschreibung seiner Aufopferung folgt nachher. 

Den geliebten Brüdern und Mitknechten Jesu Chris- 
ti, die aus Babylonia zum Berge Zion gereist sind, 
deren Namen ich nicht ohne Ursache verschweige, 
Gnade, Friede und Barmherzigkeit sei mit euch von 
Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesu Christo, un- 
serem Herrn und Seligmacher, Amen. 

Um euch den Schmerz zu versüßen, oder zum Teile 
zu benehmen, den ihr meinetwegen leidet, habe ich 
euch der Süßigkeit teilhaftig machen wollen, die ich 
empfinde, damit ihr euch mit mir erfreut, und in des 
Herrn Gegenwart jauchzet mit Danksagung. 

Ich will den Menschen ein unglaubliches Ding er- 
zählen, namentlich, daß ich eine unendliche Süßigkeit 
in dem Eingeweide des Löwen gefunden habe. Wer 
wird solches wohl glauben, was ich hier erzählen wer- 
de? Wer wird das glauben können? 

In einer dunklen Grube habe ich Lustbarkeit gefun- 
den und in einem Platze der Bitterkeit und des Todes 
Ruhe und Hoffnung der Seligkeit, in dem Abgrunde 
oder der Tiefe der Hölle Freude; wo andere weinen, 
habe ich Lachen gefunden; wer wird solches jemals 
glauben? Ich habe große Wollust in dem elenden Zu- 
stande gefunden; in einem einsamen Winkel habe ich 
herrliche Gesellschaft gehabt und in den härtesten 
Banden große Ruhe. Alle diese Dinge, ihr Mitbrüder 
in Christo Jesu, hat mir die milde Hand Gottes zuge- 
sandt. Siehe, der zuvor fern von mir stand, ist nun bei 
mir, und den ich nur ein wenig kannte, sehe ich nun 
sehr klar, auf welchen ich vormals von weitem sah, 
den sehe ich nun als gegenwärtig, der, nach welchem 
mich verlangte, reicht mir nun die Hand, er tröstet 
mich, erfüllt mich mit Freuden, er treibt die Bitterkeit 


von mir, er erneuert die Kraft und die Süßigkeiten 
in mir, er macht mich gesund, er erhält mich, er hilft 
mir, er stärkt mich. O wie gut ist der Herr, welcher es 
nicht leidet oder zugibt, daß seine Knechte über ihr 
Vermögen versucht werden! O wie leicht, angenehm 
und süß ist sein Joch! Ist auch jemand wie Gott, der 
Allerhöchste? Er, der die Angefochtenen erhält und 
erquickt, er heilt die Geschlagenen und Verwundeten, 
und heilt sie insgesamt. Niemand ist ihm gleich. Lernt 
doch, ihr allerliebsten Brüder, wie süß der Herr sei, 
wie getreu und barmherzig; er, der seine Diener in 
der Prüfung besucht, der sich erniedrigt und herun- 
terlässt, um bei uns zu stehen in unsern Hütten und 
schlechten Wohnungen; er verleiht uns ein frommes 
Gemüt und ein friedsames Herz. 

Wird aber die blinde Welt auch diese Dinge glau- 
ben? Nein, sondern (weil sie ungläubig ist) sie wird 
vielmehr sagen: Du wirst die Hitze, die Kälte und das 
Ungemach des Orts nicht lange ertragen können, wie 
wirst du dann das Kreuz, die tausendfältige Verach- 
tung, das Unrecht, die Lästerworte und ungebührli- 
che Schmach ertragen können? Solltest du nicht dein 
liebes Vaterland, den Reichtum dieser Welt, die Eltern, 
den Hofstaat und die Ehre im Auge haben? Solltest 
du deine vortreffliche Kunst auch ganz aus dem Sinne 
schlagen können, welche eine Stärkung und Erqui- 
ckung für alle angewandte Mühe ist? Willst du so 
vieles um nichts verlassen, ja, so viele Mühe, die du 
angewandt hast, und dein Wachen, deinen Schweiß 
und Fleiß umsonst verschwendet haben? Warum hast 
du dir es doch von Jugend auf so sauer werden las- 
sen? 

Zuletzt aber, hast du denn gar keine Furcht vor 
dem Tode, da dir derselbe, wiewohl unschuldig, be- 
vorsteht? O welch ein gar törichtes und unwissen- 
des Ding ist es, wenn man diesem allem mit einem 
einzigen Worte zuvorkommen und dem Tode entflie- 
hen kann, und es gleichwohl nicht tun will! O welch 
eine verachtete Sache ist es, von so viel herrlichen, 
gerechten, gottesfürchtigen, weisen und guten (oder 
frommen) Ratsherren und durchlauchtigen Männern 
etwas erlangen zu können und dasselbe mutwillig 
nicht annehmen zu wollen. 

Aber, hört doch, ihr blinden und sterblichen Men- 
schen! Was ist heißer und brennender als das Feuer, 
welches euch zubereitet ist? Was ist doch kälter als 
euer eigenes Herz, welches noch in der Finsternis ist 
und durchaus kein Licht hat? Was ist doch härter, ver- 
wirrter und unruhiger als euer Leben? Was ist doch 
verachteter und feindseliger als euer eigenes Alter? 
Lieber sagt mir doch, welches Vaterland und eigene 
Haus süßer ist als das himmlische? Welcher Schatz 
größer ist als das ewige Leben? Und wer sind unsere 



221 


Eltern und Freunde ohne allein diese, die Gottes Wort 
halten? Wo ist größere Freude, Reichtum und vortreff- 
lichere oder höhere Ehre als im Himmel? Sag an, du 
Unverständiger, sind nicht alle Künste zur Erkenntnis 
Gottes gegeben? Wenn wir nun dieselben in der Wahr- 
heit nicht erkennen, so haben wir unzweifelhaft alle 
unsere Mühe, unser Wachen und unsem Schweiß, ja, 
alle unser Unternehmen mit Schaden verschwendet 
und dahingegeben. Antwortet mir doch, ihr unglück- 
seligen Menschen, welchen Trost oder welche Arznei 
kann doch der haben, der Gott verfehlt, in welchem 
wir uns alle erholen und erquicken? Wie kann der 
sagen, daß ich den Tod fürchte, da er doch selbst in 
Sünden gestorben ist, und auf solche Weise den Tod 
höher hält als das Leben. Denn wenn Christus der 
Weg, die Wahrheit und das Leben ist, kann man wohl 
das Leben außer Christo finden? Die Hitze ist mir eine 
Erlustigung, der Winter ist mir ein Frohlocken in dem 
Herrn; ich, der ich den Brand des Feuers nicht fürchte, 
sollte die geringe Hitze fürchten? Und sollte der wohl 
vom Eis gepeinigt werden, welcher sich doch selbst 
verzehrt, verschmelzt und in der Liebe Gottes ganz 
einschläft. 

Der Ort ist in Wahrheit den Schuldigen und Misse- 
tätern hart und schwer zu ertragen, aber sehr lieblich 
und süß ist er den Unschuldigen und Gerechten; da 
geht der Honig heraus, daselbst fließt der himmlische 
Trank heraus, daselbst quillt aus und entspringt die 
Milch, daselbst entsteht Überfluss an allen Dingen. 

Es ist zwar wahr, der Ort wird für grausam und 
unflätig gehalten, gleichwohl ist er mir wie ein weites 
Tal und einer der edelsten Plätze in der Welt. 

Sagt nun, ihr elenden Menschen, ob ich auch ein 
Weidental oder eine Heide haben könnte, die lustiger 
wäre als dieses, denn dort sehe ich Könige, Fürsten, 
Staaten und Völker, dort sehe ich Krieg (oder Streit), 
diesen in Stücken zerhauen, andere als Überwinder, 
andere die ihr Ansehen und ihre Macht verloren, an- 
dere aber zu hohen Ehren hinaufsteigen; hier aber ist 
der Berg Zion, daselbst erhebe und begebe ich mich in 
den Himmel; Jesus Christus steht vor meinen Augen, 
rund um mich stehen die Altväter, die Propheten, die 
Evangelisten, die Apostel und alle Diener Gottes. Er 
(der Herr) umarmt und ernährt mich, diese ermahnen 
mich, jene zeigen mir die heiligen Dinge, diese trösten 
mich; die andern führen mich mit Geläut und Gesang. 

Soll ich nun sagen, daß ich allein sei unter so vie- 
len? Denn habe ich nicht hier eine Gesellschaft zu 
Exempeln und zur Erquickung, indem ich einige ge- 
kreuzigt sehe, diesen das Haupt abgeschlagen, einige 
gesteinigt, andere verstümmelt, einige gebraten, an- 
dere in Pfannen geröstet, oder in Ofen und Kessel mit 
Ol, dem einen die Augen ausgestochen, einigen die 


Zunge ausgeschnitten, diesen die Haut über den Kopf 
gezogen, dem andern Hände und Füße abgehauen, ei- 
nige in feurige Ofen geworfen, andere den Tieren zur 
Speise gegeben; ja, es nähme zu viel Zeit weg, wenn 
ich alles erzählen wollte. 

Zuletzt sehe ich noch andere, die mancherlei Pein 
und Marter erlitten haben, und solches allein zu dem 
Ende, daß sie leben und außer aller Qual sein mochten; 
für alle diese ist ein einziges Mittel und eine einzige 
Arznei, die all ihren Schaden heilen kann, und dassel- 
be gibt mir auch Kraft und Leben, und macht mich 
fröhlich, alle diese Angst und Trübsal zu leiden, die 
nur einen Augenblick währt, und nichts ist oder heißt; 
dies ist die Hoffnung, die ich in den Himmel gesetzt 
habe. Ich fürchte diejenigen nicht, die mich ohne Ur- 
sache lästern und verfolgen, denn jene wird der, der 
im Himmel wohnt, auswerfen und ausrotten, diese 
aber heilen und gesund machen. Ich werde mich nicht 
fürchten vor tausend Menschen, die um mich stehen, 
denn der Herr, mein Gott, wird mich allezeit erret- 
ten, er ist mein Beschützer und Erretter; er ist mein 
Haupt, er wird sie schlagen, die sich ohne Ursache 
gegen mich setzen; er wird die Zähne der Sünder zer- 
malmen, denn sein ist Heil, Segen, Gewalt und das 
Reich. Die Schmach, die wir leiden um Christi wil- 
len, bringt uns lauter Frohlocken und Freude. Es steht 
geschrieben: Selig seid ihr, so ihr geschmäht werdet 
um Christi willen, denn das ist die Ehre, Herrlichkeit 
und Kraft Gottes, und sein Geist wird auf euch ruhen. 
Wenn wir mm von unserer Seligkeit gewiss und versi- 
chert sind, so sollen wir die ungebührliche Schmach 
derer, die uns lästern, nicht achten. 

Auf Erden habe ich keine bleibende Stätte, um zu 
ruhen, meine Behausung und mein Vaterland ist im 
Himmelreich, ich suche die neue Stadt Jerusalem, wel- 
che ich vor mir sehe, dieselbe begegnet mir. Seht, ich 
bin schon auf dem Wege, dorthin habe ich meine süße 
Wohnung, meine Reichtümer, meine Eltern und mei- 
ne Freunde, meine Wollust und meine Ehre versetzt; 
ich zweifle nicht, ich werde sie erlangen. 

Alle diese irdischen Dinge sind nur Schatten, sie 
sind alle vergänglich, eine Eitelkeit aller Eitelkeiten 
denen, die der Hoffnung und des Wesens des ewigen 
Lebens mangeln. 

Die Künste oder Gaben, die mir Gott geschenkt hat, 
sind mir zuerst liebliche Gespielen und Erquickun- 
gen gewesen, nun aber geben sie mir heilige Früchte. 
Es ist wahr, ich habe geschwitzt und Kälte erlitten, 
und so viel mir möglich war. Tag und Nacht gewacht; 
aber solche meine Mühe hat mir nun gedient und ist 
mir zur Vollkommenheit gerechnet; ich habe niemals 
weder Tag noch Stunde ohne eine Linie verstreichen 
lassen. Seht, das wahre Angesicht Gottes hat sich über 



222 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


mein Leben offenbart und der Herr hat gemacht, daß 
ich große Freude in meinem Herzen empfinde; in ihm 
allein werde ich in Frieden ruhen. 

Wer wird sich nun unterstehen dürfen, zu sagen, 
daß ich mein Alter und meine Tage verloren habe; 
wer will sagen, daß ich meinen Mut verloren habe? 
Denn meine Seele hat gesagt: Der Herr ist mein Teil, 
darum will ich ihn suchen. Deshalb weil das Sterben 
im Herrn kein Sterben ist, sondern ein seliges Leben 
zu leiden, warum setzt sich denn nun der gegen mich, 
welcher sich gegen Gott aufwirft, um mich am Sterben 
zu verhindern? Dieses alles wird für mich die höchste 
Freude sein, wenn ich nur den Kelch des Herrn trin- 
ken darf. Welch ein gewisseres Pfand der Seligkeit 
sollte ich wohl finden können? Hat er doch gesagt: 
Die Menschen werden euch tun, eben wie sie mir 
getan haben. Darum schweige fernerhin dieser Narr, 
welcher sich nun lang in der Sonnen Licht betrügt. 
Die blinde Welt, sage ich, höre auf sich selbst solche 
Dinge einzubilden, denn ich will mit dem Apostel sa- 
gen: Nichts kann uns scheiden von der Liebe Christi, 
weder Trübsal, noch Angst, noch Hunger, noch Blö- 
ße, noch Sorge, noch Verfolgung, noch Schwert. Wir 
werden den ganzen Tag getötet; wir werden wie die 
Schafe zum Tode geführt, aber so sind wir Christi 
teilhaftig, welcher gesagt hat, daß der Jünger nicht 
größer sei als sein Meister, und der Knecht nicht mehr 
als sein Herr; auch hat er hinterlassen, daß ein jeder 
sein Kreuz auf sich nehmen und ihm nachfolgen soll. 

Tröstet euch, o allerliebste Mitknechte Gottes! Trös- 
tet euch, denn wir fallen in mancherlei Versuchungen. 
Unsere Geduld sei allenthalben und an allen Orten 
vollkommen, weil uns solche Dinge auf Erden zuge- 
sagt und verheißen sind. 

Denn es steht geschrieben, daß diejenigen, die uns 
töten, meinen werden, daß sie Gott ein heiliges Werk 
und Opfer damit tun. Darum sind beides, die Furcht 
und der Tod, nur Teile und Stücke, die uns unsere 
Berufung zu erkennen geben; wir freuen uns und 
jauchzen in dem Herrn über das zukünftige Leben, 
nachdem wir, doch ohne daß wir gesündigt haben, 
geschlagen und dem Tode übergeben sind. 

Denn es ist besser, um Wohltat willen (wenn es an- 
ders so des Herrn Wille ist) zu leiden, als um Übeltat 
willen. Es ist uns an Christo und den Propheten ein 
Beispiel vorgestellt, welche im Namen des Herrn gere- 
det haben, und von den Kindern der Ungerechtigkeit, 
nach ihrer Weise und Gebrauch, getötet worden sind. 
Seht, was tun wir nun? Selig sind, die standhaft ge- 
blieben; wir erfreuen uns in unserer Unschuld und 
von Gott geschenkten Gerechtigkeit. 

Gott wird sie strafen, die uns verfolgen; ich bin be- 
schuldigt worden, daß ich ein Narr sei, weil ich die 


Erkenntnis Gottes nicht geheim halte und darauf nicht 
Acht habe, ob ich heimlich im Verborgenen oder öf- 
fentlich dasjenige sage, was ich doch allein mit einem 
einzigen Worte nicht beantworten könnte. O du armer 
Mensch! Wer oder was bist du doch, der du die Sonne 
nicht siehst, und der du dich nicht einmal der Worte 
Gottes erinnerst. 

Lieber! Bedenke doch die Reden Christi: Ihr seid 
das Licht der Welt; ferner, es kann eine Stadt, die auf 
einem Berge liegt, nicht verborgen bleiben. Man steckt 
auch kein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, 
sondern auf den Leuchter, damit es leuchte allen de- 
nen, die im Hause sind. 

Und an einem andern Orte sagt er: Man wird euch 
vor Könige, Obrigkeiten und andere führen; darum 
fürchtet nicht, die den Leib töten, sondern vielmehr 
denjenigen, der die Seelen töten kann. Wer mich nun 
bekennt vor den Menschen, den will ich auch beken- 
nen vor meinem himmlischen Vater. 

Da mm also der Herr so frei und deutlich davon ge- 
redet hat, auf welche Macht und Ansehen gründeten 
sie sich dann, die sich unterstehen, mir zu raten und 
mich zu überreden? Ich werde doch nimmermehr den 
Rat Gottes verlassen und der Menschen Rat nachfol- 
gen, indem doch geschrieben steht, daß der selig sei, 
der nicht im Wege der Gottlosen geht oder wandelt, 
und nicht im Rate der Ungerechten steht noch auf der 
Bank der Spötter sitzt. 

Es wird nimmermehr geschehen, daß ich Christum 
verleugne, sondern ich will ihn bekennen, so oft es 
nötig sein wird; ich will mein Leben nicht höher ach- 
ten als meine Seele; ich will die zukünftige Zeit nicht 
mit der gegenwärtigen verwechseln. O wie wenig ver- 
steht und erkennt es der, welcher dafür hält, daß wir 
auf dem Wege der Torheit seien! 

Obgleich ich den genannten, großmächtigsten, ge- 
rechtesten, weisesten, barmherzigsten, gütigsten und 
durchlauchtigsten Ratsherren dieses Ortes nicht gefal- 
le, so ist mir deren Gnade, wenn ich abfiele, angeboten 
worden; weil wir aber von den Aposteln des Herrn 
unterrichtet sind, daß wir Gott mehr gehorchen sollen, 
als den Menschen, darum nehme ich auch diese ihre 
Gnade nicht an. 

Ich wünsche ihnen, daß sie vollkommen sein möch- 
ten in des Herrn Gegenwart; sie sind zwar hier groß- 
mächtig, aber sie sollten sich auch vollkommen ma- 
chen lassen in dem Herrn; sie sind wohl gerecht, aber 
es fehlt ihnen noch Christus, welchen der Grund der 
Gerechtigkeit ist; sie sind wohl weise, wo aber der 
Weisheit Anfang ist, da ist auch die Furcht Gottes; 
sie werden Barmherzige genannt, aber ich wünsche 
ihnen, daß sie gelassener oder unterworfener in der 
christlichen Liebe sein möchten; sie sind wohl gü- 



223 


tig, aber ich wünsche ihnen den Grund der Gütigteit, 
nämlich den besten allerhöchsten Gott; sie werden 
Durchlauchtige genannt, aber sie haben unsern Hei- 
land nicht angenommen, den Allerdurchlauchtigsten. 

Vernehmt es und merkt auf, o ihr Könige und ihr 
Richter des Erdbodens! Lasst euch unterrichten; dient 
dem Herrn mit Furcht und erhebt euch zu ihm mit 
Zittern oder Beben; nehmt an und lernt die Lehre, da- 
mit sich der Herr nicht erzürne, und ihr so ganz von 
dem rechten Wege abfallt; warum erweckt ihr Auf- 
ruhr, o ihr Leute und ihr Völker, warum gedenkt ihr 
Eitles wider den Herrn? Ihr Könige der Erden und ihr 
Fürsten, warum habt ihr euch miteinander vereinigt 
wider Christum, den Heiligen Gottes? Wie lange wollt 
ihr doch die Lügen suchen und die Wahrheit hassen? 
Bekehrt euch, bekehrt euch zu dem Herrn unserm 
Gotte und seid doch nicht verstockt in eurem Herzen. 
Denn man muss es erkennen, daß derjenige, der die 
Knechte Gottes verfolgt, Gott selbst verfolgt, indem 
er selbst gesagt hat: Was die Menschen euch tun, das 
haben sie nicht euch, sondern mir getan. 

Aber Lieber, sagt mir, auf welche Weise ich es doch 
verdient habe, verurteilt zu werden? Daß ich den 
durchlauchtigsten Ratsherren, meinen Herren, nicht 
nach ihrem Wohlgefallen geantwortet habe? Wenn 
ich aber etwas gesagt habe, das habe nicht ich gesagt, 
indem der Herr sagt, daß vor der Obrigkeit wir es 
nicht sein werden, die da reden, sondern unsers Va- 
ters Geist, der in uns sein wird. Wenn nun der Herr 
treu und wahrhaftig ist, wie er auch fürwahr ist, so ha- 
be ich keine Schuld; er selbst ist es gewesen, der mich 
hat reden lassen. Und wer war ich, daß ich dem Willen 
Gottes hätte widerstehen können? Darum, wer solche 
Reden bestrafen will, der bestraft auch des Herrn Re- 
den, der es so in mir gewirkt hat; wenn er aber dafür 
hält oder meint, daß der Herr nicht zu bestrafen sei, 
ach, so beschuldige er mich auch nicht mehr, weil ich 
an diesem Werk nicht schuldig bin, denn ich habe 
getan, was ich nicht gewollt habe; ich habe geredet, 
was ich nicht gedacht habe. Wenn aber diese Dinge, 
die ich geredet habe, nicht gut und aufrichtig gere- 
det sind, und solches nach angestellter Prüfung mir 
erwiesen wird, so will ich bekennen, daß sie von mir 
allein, und nicht von Gott ausgegangen seien, wenn 
ich aber etwas geredet habe, das durchsucht und gut 
befunden worden, und mit Recht nicht gestraft wer- 
den kann, wir wollen oder wollen nicht, so muss man 
bekennen, daß es vom Herrn ausgegangen sei. Wenn 
sich nun dieses alles so verhält, wer will mich dann 
beschuldigen?, das allerweiseste Volk? Wer will mich 
verdammen?, die allergerechtesten Richter, die doch 
unweise und ungerecht sind? 

Man tut, was man will; sollen auch des Herrn Wor- 


te vernichtet werden? Soll das Evangelium gar nichts 
mehr gelten? Mitnichten, denn das Reich Gottes wird 
den rechten Israeliten um desto süßer und lieber sein, 
sodass die Auserwählten Jesu Christo desto eher er- 
langen werden. Die aber solche Dinge tun, werden 
das große Gericht Gottes erfahren. Sie werden nicht 
frei ausgehen, die den Gerechten töten. 

Ihr Liebsten, öffnet eure Augen und nehmt den Rat 
Gottes zu Herzen. Vor kurzer Zeit hat euch der Herr 
ein Zeichen der Pest gezeigt, um euch zu bessern; 
wenn man dieses aber nicht beobachten will, so wird 
er das Schwert ganz ausziehen, und das Volk, wel- 
ches das Horn wider Christum erhebt, mit Schwert, 
Pest und Hunger schlagen, welche Geißel Gott durch 
seine Barmherzigkeit von diesem Platze abwenden 
wolle. Allen Gläubigen eifrigster D., der gefangene 
und gebundene Algerius. 

Gegeben in dem sehr angenehmen Lustgarten des 
Gefängnisses, Leonia genannt, den 12. Juli 1557. 

Wie Algerius aufgeopfert worden ist. 

Dieser Algerius, sehr jung an Jahren, ist ein Student 
aus dem Königreiche Neapel gewesen und hat zu Pa- 
dua studiert; dorthin ist ein Bruder, der seine Sprache 
redete, zu ihm gekommen, bei welchem er sich des 
Weges und des Willens des Herrn fleißig erkundigt 
und ihn andächtig angehört hat; darum hat er sich 
auch bald in seinen (nämlich des Herrn) Tod taufen 
lassen, was er bald darauf, als ein unerschrockener 
Held und junger Ritter Christi tapfer, unverzagt, frei 
und kräftig mit der Tat erwiesen und mit seinem Blute 
bezeugt und versiegelt hat und also seinem Meister 
gleichförmig geworden ist; denn er ist auch (gleich- 
wie Christus, als er aus dem Jordan herauf stieg) bald 
nachher von dem Feinde, dem Versucher und seinen 
Werkzeugen, angefochten und ins Gefängnis gewor- 
fen worden, worin er viele und manche harte Kämpfe 
ausgestanden und erlitten hat, wiewohl er allezeit 
vom Herrn, welchen er sich vor Augen gestellt hatte, 
darin kräftig gestärkt und mit großer Freude getröstet 
worden ist, wie diese seine gegenwärtige Schrift es 
zur Genüge ausweist, welche er daselbst zu Padua 
aus dem Gefängnisse an die Brüder in Welschland ge- 
schrieben hat, um sie damit in ihrer Traurigkeit, die sie 
seinetwegen hatten, weil sie für ihn, als einen Neuling 
im Glauben, Sorge trugen, zu stärken und zu trösten. 
Aber der Herr hat ihn mit großer Kraft angezogen, 
und durch ihn, als durch eines seiner auserwählten 
Rüstzeuge, seinem Namen Ehre eingelegt; denn er 
ist, nach vielen Versuchungen, endlich nach Venedig 
gesandt worden, wo ihm der ganze Rat oder Adel von 
Venedig (gleichwie auch der Versucher Christo zuletzt 



224 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


getan hat) in den Ohren gelegen hat, in der Meinung, 
ihn durch vieles Bitten und Liebkosen, mit Anerbie- 
tung allerlei weltlicher Hilfe und Freundschaft, zu 
fangen und zum Abfalle zu bewegen, welches auch ei- 
ner nicht der geringsten Pfeile gewesen ist; aber er hat 
solches alles, als eine unbewegliche Säule, verschmäht 
und um Christi willen verachtet, damit er, mit Mose 
und Paulus, allein denselben (nämlich Christum) ge- 
winnen und erlangen möge. 

Als sie ihm nun durch langes Zögern nichts abge- 
winnen konnten, haben sie ihn darauf nach Rom ge- 
sandt und dem Papste überantwortet, wo er auch end- 
lich, nach einer strengen und harten Gefangenschaft, 
in großer Standhaftigkeit sein Leben dem Herrn zum 
süßen Gerüche aufgeopfert hat und sehr begierig und 
freudig in die Fußstapfen aller seiner Voreltern und 
der herrlichen Bekenner Christi eingetreten ist, wes- 
halb er auch des Leidens seines Herrn und Meisters 
in reichem Maße teilhaftig geworden ist, ja, es ist sein 
Ende (auch von allen seinen Lästerern) mit hohem 
Siegeslobe gekrönt, und der verlangte Kelch von ihm 
ausgetrunken worden. 

Als man nun mit ihm mancherlei vorgenommen 
hatte, ist er zuletzt zum Feuer verurteilt und ver- 
dammt worden; aber nicht auf solche Art und Wei- 
se, wie andere, welchen man, da sie auch um des 
Glaubens willen hingerichtet worden sind, die Pein 
verkürzt hat, indem man sie nach welschem oder fran- 
zösischen Gebrauche zuerst aufgehängt, sie erstickt, 
und sodann verbrannt hat, aber dieser fromme Algeri- 
us ist von dem Herrn Christo ein wenig höher geadelt 
worden; und darum hat er auch einen viel wichtige- 
ren und ehrlicheren Kampf und Streit angefangen und 
zum Siege hinausführen müssen. 

Als man ihn nun auf einem Wagen auf den 
Platz, Mercado genannt, geführt hatte, hat man zum 
Abschiede ihm noch einmal zugesetzt, und einen 
Kartäuser-Mönch (die man zu Rom Kapuziner und 
heilige Leute nennt) ihm zu geredet; derselbe hat ihm 
allezeit ein Kruzifix vorgehalten und ihn ermahnt, er 
sollte doch einmal zum Abschiede an seinen Herrn 
und Erlöser denken und in seinem Irrtume nicht so in 
Verstocktheit und Verzweiflung sterben, hat ihm auch 
jenes Kruzifix stets vor die Augen gehalten, welches 
Algerius mit seinen Händen (die ihm, wie ich gehört 
habe, nicht gebunden waren) mit Gewalt von sich ab- 
gehalten, dabei seine Augen zu dem Himmel erhoben 
und in seiner Sprache laut gesagt hat: Mein Herr und 
Gott lebt droben im Himmel. 

Darauf hat das umstehende Volk mit lauter Stimme 
gerufen: Ach, er hat es geschlagen (womit es das Kru- 
zifix verstand)! O nur fort mit ihm, er ist doch ganz 
und gar verstockt und verblendet; es hilft nichts mehr 


an ihm (denn man hält es in Rom für ein großes Ding, 
wenn die Kartäuser jemanden nicht bewegen können; 
darum spart man sie gewöhnlich bis zuletzt). Darauf 
hat man ihn bis an den Gürtel entkleidet und ihn zu- 
letzt mit siedend heißem Öle über das Haupt und 
den bloßen Leib begossen, was der gute und fromme 
Algerius geduldig erlitten (doch unbezweifelt wohl 
gefühlt), auch mit seinen Händen über sein Angesicht 
gestrichen, und die Haut mit den Haaren abgezogen 
hat; dann erst hat man ihn ganz zu Pulver und Asche 
verbrannt, was doch in Italien ein ungewöhnliches 
Ding ist, wie ich denn mit meinen Augen gesehen 
habe, daß man sie in dem vorgemeldeten Feuer nur 
geröstet und gesengt, und dann den Leichnam ins 
Grab getragen hat. 

Aber, wie gesagt, dieser selige Algerius musste bei 
unserm Herrn und Gott viele größere Ehre einlegen; 
ihm, und dem Herrn Jesu Christo, der mit der Kraft 
seines Heiligen Geistes solches durch ihn gewirkt hat, 
sei Lob und Preis in alle Ewigkeit; derselbe helfe uns 
armen und schwachen Menschen, ihm nachzufolgen, 
Amen. Ja, o Herr Jesu Amen. 

Ferner schreibt Bruder Da. Gr., der diese Geschichte 
aufgesetzt hat (wie das alte Buch anzeigt), in Folgen- 
dem: 

Solches ist an ihm im Jahre 1557 vollbracht wor- 
den, kurz zuvor ehe ich nach Rom kam, denn zu der 
Zeit war noch ein allgemeines Singen und Sagen von 
diesem Algerius. Ich habe auch selbst von einigen, 
die gute Papisten sein wollten und ihn töten sahen, 
mit meinen Ohren gehört, in welcher wunderbaren 
Standhaftigkeit er gestorben sei, und was er daselbst 
in seiner großen Marter und Pein vor allen Menschen 
mit dem Munde bekannt hat, das hat er auch (wie sie 
sagten) wahrhaftig im Herzen so geglaubt und belebt. 
Darum ist er ohne Zweifel gen Himmel gefahren und 
selig geworden. So müssen auch die Widersacher des 
Heiligen Gottes, wider ihren Willen, Zeugnis geben 
(5Mo 32,31). 

Bald darauf ist die römische Sündflut erfolgt, indem 
die Tiber ausgetreten ist und so großen Schaden getan 
hat, daß auch einige Römer sagten, es habe damals 
Rom ebenso großen Schaden erlitten, als ob die Stadt 
im Sturme geplündert worden wäre; ich habe dies 
selbst erfahren und großem Brotmangel niemals ge- 
sehen; ich kann auch nicht genug sagen, wie schreck- 
lich solches anzusehen war und welch ein Jammer 
daselbst, insbesondere unter den Armen, geherrscht 
habe; aber solchen ist es nicht bekannt, daß es billig 
(Weish 19,12). 



225 


Conrad, der Schuhmacher, im Jahre 1558. 

Auch ist in demselben Jahre ein junger Bruder, na- 
mens Conrad, Schuhmacher, samt seinem Volke, aus 
Schwabenland gezogen, und zu Stain bei Krens an 
der Donau gefangen genommen, darauf aber nach Wi- 
en geführt und dort der Obrigkeit eingehändigt wor- 
den; er hat dort einige Wochen über ein Jahr um des 
Glaubens und der Wahrheit Gottes willen gefangen 
gesessen; im Amthause hat er bei Dieben und andern 
Übeltätern (deren einige bei ihm lagen) große Not 
und Hunger erlitten. Man hat ihnen nichts gegeben, 
als was andere Leute ihnen mitteilten und zutrugen; 
überdies, als man diese Übeltäter gefoltert hatte, wie 
man zu tun pflegte, sind sie nachher mit ihm übel 
umgegangen, sodass er großen Hunger litt, ehe er 
etwas zu essen haben konnte, wenn sie auch etwas 
hatten; auf solche Weise hat er, außer der Tyrannei im 
Gefängnisse, viel Elend ertragen müssen. 

Um diese Zeit ist der Kaiser Ferdinand zu Augs- 
burg auf einem großen Reichstag gewesen; bei dieser 
Gelegenheit hat der Bischof von Wien den Bruder 
zweimal vor Tagesanbruch vor sich bringen lassen 
und ist Willens gewesen, ihn im Hause hinrichten 
zu lassen. Als sie ihn das erste Mal vorgeführt und 
ihn in der Kürze verhört, haben sie von ihm begehrt, 
daß er sagen sollte, ob er von seinem Glauben abfal- 
len wollte oder nicht; er hat ihnen aber in der Kürze 
geantwortet, sie sollten solches von ihm nicht erwar- 
ten, denn er wollte darauf sterben, daß es die Wahrheit 
und der Weg zum ewigen Leben wäre; solches wollte 
er mit dem Munde bekennen, solange als noch eini- 
ges Vermögen in ihm wäre. Damals nun wurden sie 
verhindert, daß sie an demselben Tage nichts weiter 
ausrichten konnten, als daß sie von morgens früh bis 
an den Mittag mit ihm handelten; darauf ließen sie 
ihn wieder ins Gefängnis bringen und sagten, er sollte 
sich noch drei Tage bedenken und alsdann sagen, was 
er tun wollte. Drei Tage darauf haben sie ihn abermals 
vor Tagesanbruch vor den Bischof, vor seine Mönche 
und Pfaffen gebracht, vor denen er die Wahrheit treu- 
lich verteidigt hat. Der Scharfrichter war schon auf 
dem Platze und wartete draußen, in der Vorausset- 
zung, ihn früh zu enthaupten, ehe einiges Volk dahin 
käme, denn sie fürchteten sich, die Wahrheit möchte 
an den Tag kommen und seine Unschuld vor dem Vol- 
ke offenbar werden. Aber der Herr hat sie abermals 
verhindert, sodass man ihn wieder nach dem Gefäng- 
nis brachte; unterdessen aber haben die Pfaffen mit 
ihm viel gehandelt und ihn nicht in Ruhe gelassen. 

Nachher hat man ihm gedroht, man wolle ihn in 
einen unflätigen Turm setzen, worin in acht Jahren 
kein Mensch gesessen; hier sollte er sein Leben endi- 


gen; er sagte: Solches wollte er erwarten, und seine 
Hoffnung auf den Herrn stellen, der ihn aus dem un- 
flätigen Turme und aus ihrer Gewalt wohl erlösen 
könnte, denn es kam ihm vor, daß ihn der Herr zu 
einem Zeugen der Wahrheit angenommen hätte. 

Er hat sich in allem so unverzagt erwiesen, daß 
sich viele seiner Widersacher über ihn verwunderten; 
andere sagten, sie wollten mit ihm etwas Neues vor- 
nehmen, womit sie ihm wohl bange machen wollten. 
Unterdessen hat der Hofmeister des Königs Maximili- 
an den Bischof zum Besten ermahnt, hat auch deswe- 
gen mit des Königs lutherischen Predigern gehandelt, 
welche es nachher dem Könige vortrugen, auch sehr 
zu Gunsten des Gefangenen arbeiteten und sagten, 
daß er noch jung sei und es zu beklagen wäre, wenn 
er um des Glaubens willen getötet werden sollte; dar- 
auf hat der König Maximilian beschlossen, ihn von 
ferneren Tyranneien und Leiden zu befreien; er wurde 
daher aus dem Gefängnisse entlassen, und ist so wie- 
der in Frieden zu seinen Brüdern und der Gemeinde 
gekommen. 

Verhör, Folter und Todesurteil der Annetgen 
Antheunis, Styntgen Jans, Evert Routs und Peter 
von Eynoven zu Rotterdam im Jahre 1558. 

Verhör, Folter und Todesurteil der Annetgen Antheu- 
nis, Styntgen Jans, Evert Routs und Peter von Eyno- 
ven zu Rotterdam im Jahre 1558, ausgezogen aus ei- 
nem Buche des Blutgerichts der Stadt Rotterdam. 

Den 20. Februar 1558, Stilo coj. in Gegenwart des 
Adrian Fyck, Adrian Adrianß, Adrian Robbertß, Peter 
Henrichs, Cornelius Joosten und Wilhelm Muylwyk, 
Ratsherren, ist Annetgen, Antheunis Tochter, über 
dreißig Jahre alt und zu Buuren geboren, mündlich 
verhört worden. 

Sagt, daß sie allezeit zu Buuren gewohnt habe, mit 
Ausnahme eines Jahres, in welchem sie hier in dieser 
Stadt gewohnt hat; ist aber nachher von hier fortge- 
reist und um letztverwichenen St. Victorstag wieder 
hierher gekommen und bis auf diese Zeit hier geblie- 
ben. 

Sagt, daß sie nicht nach der Leute Namen gefragt 
habe, wo sie zuvor gearbeitet habe. 

Sagt, daß sie mit der andern Frau, genannt Stynt- 
gen von Ick, oder Maurick von Buuren, seit St. Victor 
hier in der Stadt gewohnt habe und daß sie mit der 
vorgemeldeten Frau von Buuren hierher gekommen 
sei. 

Sagt, daß Evert von Antwerpen gestern Abend nach 
ihr in das Haus gekommen, wo sie ergriffen worden 
sei. 

Sagt, daß sie ungefähr zwei oder drei Monate den 



226 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


vorgemeldeten Evert erst kenne, und daß er in Arent 
Willemß Haus auf dem Holzplatze gekommen sei, um 
einen Käse zu kaufen. 

Sagt, daß sie weder vergangene Ostern, noch Weih- 
nachten in der Beichte gewesen sei. 

Sagt, daß sie alles halte, was Gott geboten hat. 

Sagt, daß sie nach des Herrn Befehle getauft sei, den 
Tag aber so genau nicht anzeigen könnte; doch sei es 
in des vorgenannten Arent Willemß Hause auf dem 
Holzplatze geschehen; sie habe nach dessen Namen, 
der sie getauft hat, nicht gefragt. 

Verhör des Jan Henrich von Utrecht. 

Den vorgemeldeten 20. Februar, in Gegenwart derer, 
wie oben gemeldet, ist Jan Henrich von Utrecht, 28 
oder 29 Jahre alt, mündlich verhört worden. 

Sagt, daß er seit Bamesche hier in der Stadt gewohnt 
habe, nämlich in Maritgen Jan Cheelen Hause an dem 
Fischteiche, zuletzt aber in Wilhelm Reyerß Hause, 
wo er ergriffen worden sei. 

Sagt, daß er zu Dortrecht bei Reels gewohnt habe. 

Sagt, daß er es nicht sagen wolle, wo und von wem 
er die Lehre gehört habe. 

Sagt, daß er von dem Sakramente viel, von der Pfaf- 
fen Sakramente aber nichts halte, und daß, seitdem er 
diese Lehre angenommen, er nicht zum Sakramente 
gegangen sei. 

Sagt, daß er getauft sei, als er gläubig geworden, 
welches zu einer gewissen Zeit geschehen sei; aber 
er wolle es nicht sagen, wann, wo oder von wem es 
geschehen sei. 

Sagt, sein Kind sei vom Pfaffen gewaschen worden, 
aber er wolle die Zeit nicht sagen. 

Verhör der Styntgen, Jans Tochter. 

Den vorgemeldeten Tag, in Gegenwart der vorgemel- 
deten Ratsherren, ist Styntgen, Jans Tochter, 40 Jahre 
alt, aus Geldern, von Maurick mündlich verhört wor- 
den. 

Sagt, daß sie ungefähr zwei oder drei Jahre hier in 
der Stadt gewesen sei, mit Annetgen, Antheums Toch- 
ter; sie hätten zuerst auf dem Holzplatze geherbergt, 
dann hätten sie in einem Hause gewohnt, wo man 
und welches hinter einem Stalle steht. 

Sagt, daß sie nichts von dem Sakramente halte, wel- 
ches die Priester bedienen, sondern daß sie von dem 
Sakramente halte, wie Gott es eingesetzt habe, und 
daß sie an das Sakrament der Kirche nicht glaube, 
weil sie es nicht begreifen könne. 

Sagt, daß sie vor einer gewissen Zeit getauft worden 
sei; es seien aber noch keine zwölf Jahre; auch sei es 


nicht hier in der Stadt, sondern zu Utrecht geschehen. 

Verhör des Evert Routs von Antwerpen. 

An dem Tage und in Gegenwart derer, wie zuvor ge- 
meldet, ist einer von Antwerpen, Evert Routs, unge- 
fährt 27 Jahre alt, mündlich verhört worden. 

Sagt, daß er ungefähr vor drei Monaten in die Stadt 
gekommen und eine Zeitlang auf dem Holzplatze zur 
Herberge gewesen sei; nachher habe er in der Nähe 
des Hauses, zur Falke genannt, an Borten gearbeitet. 

Sagt, daß er an das Sakrament glaube, soviel als die 
Schrift davon sagt, aber daß er nicht glaube, daß Gott 
in dem Sakramente des Altars sei, weil er hiervon aus 
der Heiligen Schrift keine Gewissheit habe. 

Sagt, daß er vor etwas länger als drei Jahren bei 
Antwerpen an einem bestimmten Orte, nach Christi 
Lehre, getauft worden sei und daß Gillis von Aachen, 
wie er ihn nennen gehört, die Taufhandlung vollzogen 
habe. 

Verhör des Peter von Eynoven. 

Auf den Tag, und in Gegenwart der Ratsherren, wie 
oben gemeldet, ist Peter von Eynoven, geboren zu 
Antwerpen, 28 Jahre alt, mündlich verhört worden. 

Sagt, daß er hier seit vierzehn Tage vor Christmesse 
in der Stadt gearbeitet habe, seines Handwerks ein 
Seidenweber sei, daß sein Meister Christian, dessen 
Weib aber Anneken hieße. 

Sagt, daß er an den Grund der Apostel und Prophe- 
ten glaube. 

Sagt, daß er glaube, daß die Bedienung der Sakra- 
mente in den Kirchen ein großer Gräuel und Ekel vor 
Gott sei. 

Sagt, daß er vor ungefähr zwei Jahren nach Christi 
Lehre getauft sei, daß er aber nicht sagen wolle, von 
wem oder an welchem Orte es geschehen sei. 

Folter des Peter von Eynoven. 

Den 19. März 1558, Stilo coj., in Gegenwart Adrian 
Fyck, Dirkß von Hove, Adrian Adrianß, Adrian Ro- 
bertß, Peter von Reck Henrichs, Cornelius Joosten, 
Wilhelm Cornelis Muylwyk und Dirk Dirkß, Ratsher- 
ren, ist des Morgens um 6 Uhr auf dem Stadthause 
auf der Folter verhört worden Peter von Eynoven, 
geboren zu Antwerpen, ungefähr 28 Jahre alt. 

Peter, als er auf der Bank gefoltert wurde, sagte, 
daß er zu Antwerpen, ungefähr vor zwei Jahren, von 
einem gewissen Leonhard, dessen Zunamen er nicht 
wüsste, getauft worden sei; es sei ihm imbekannt, wo- 



227 


her derselbe sei, auch hätte er ihn nicht weiter gese- 
hen, als das eine Mal, wo er ihn getauft habe. 

Sagt, daß, als er getauft worden sei, einige ande- 
re dabei gewesen seien, welche er nicht zu nennen 
wüsste. 

Als er wegen der andern Weibspersonen gefragt 
wurde, mit welchen er geredet, als er ergriffen wurde, 
sagte er, daß er nicht wisse, wo sie hingegangen seien, 
noch wer sie wären. 

Sagt, daß derjenige, der sie getauft habe, unter ih- 
nen ein Lehrer genannt werde. 

Sagt, daß er, ehe er getauft worden sei, wohl gehört 
habe, daß man nach der Lehre Jesu leben müsse; daß 
er deshalb eine Bibel und ein Testament genommen 
und darin gelesen, und daß er alles gefunden, wie es 
ihm gesagt worden ist; daß er aber diejenigen nicht 
zu nennen wüsste, die ihn zuvor darin unterrichtet, 
weil sie nach anderer Namen nicht viel fragten, oder 
dieselben zu wissen begehrten, damit sie dadurch ihre 
Brüder nicht in Ungelegenheit bringen möchten. 

Sagt, daß sein Meister Christian, und seine Haus- 
frau auch geglaubt hätten, wie er zu ihnen geredet 
habe; er wisse aber nicht, ob sie getauft worden wären. 

Jan Henrich von Utrecht, 29 Jahre alt, wurde auf 
der Bank sehr gefoltert. 

Sagt, er sei von einem gewissen Leonhard getauft; er 
wisse aber nicht, woher er sei, auch hätte er ihn zuvor 
nicht gesehen; er sei von ihm vor anderthalb Jahren 
hier in der Stadt auf dem Holzplatze getauft worden. 

Sagt, daß sein Kind zu Dortrecht von dem Pfaffen 
auf dem Taufsteine getauft worden sei; sagt, daß nie- 
mand gegenwärtig gewesen, den er gekannt habe, als 
er getauft worden sei. 

Styntgen, Jans Tochter, ungefähr vierzig Jahre alt, 
von Utrecht. 

Styntgen sagt, daß derjenige, der sie getauft habe, 
Leonhard genannt worden sei, und daß es vor fünf 
oder sechs Jahren zu Utrecht in dem Hause eines ge- 
wissen Gerrit geschehen sei, daß sie jedoch dieses 
gemeldeten Leonhards Zunamen ebenso wenig wisse, 
als auch, woher er sei, weil sie nicht fragen noch auch 
wissen wollte, wie die Namen ihrer Mitgesellen seien, 
um dieselben nicht in Ungelegenheit zu bringen. 

Sagt, es seien noch mehrere mit ihr getauft worden, 
aber sie kenne dieselben nicht. 

Die Ratsherren, sämtlich versammelt, beschließen, 
daß die Sache der vorgemeldeten Gefangenen, in Be- 
treff der Zeit ihrer Hinrichtung, noch aufgeschoben 
bleiben soll, bis der Meister des Hochgerichts wieder 


kommt, damit sich unterdessen diese Gefangenen be- 
raten und besehen, ob sie zu einem gütlichen Vertrage 
gebracht werden können, und wenn alle Ratsherren 
anwesend sind, so sollen sie dem Amtmann sofort 
Nachricht geben, und das Gericht vor sich gehen las- 
sen. 

Auf den 28. März. 

Die Ratsherren beschließen, weil Cornelis Joosten und 
Dirk Dirkß, Ratsherren, nicht anwesend sind, so las- 
sen sie die Sache der vorgemeldeten Gefangenen in 
der Lage, wie sie ist, bis dieselben erscheinen werden. 

Weil die Ratsherren den Gefangenen keinen Tag zur 
Hinrichtung bestimmen wollen, so erklärt sich der 
Amtmann förmlich gegen die daraus erwachsenden 
Unkosten und Interessen. 

Dagegen erklären sich die Ratsherren feierlich, und 
sagen, weil die Ratsherren Cornelis Joosten und Dirk 
Dirkß abwesend wären, und sie sich zusammen ver- 
bunden hätten, daß sie sämtlich gegenwärtig sein 
wollten, um die Sache der vorgemeldeten Gefangenen 
zu befördern, so wollten sie bei dem vorhergehenden 
Beschlüsse bleiben. 

Den 26. März ist den vorgemeldeten fünf Gefange- 
nen alles vorgelesen worden, was sie mündlich auf 
der Folter bekannt haben, welches sie vor dem Stadt- 
hause öffentlich, daß es jeder hören konnte, als wahr 
bekannt haben. Auch ist den Gefangenen von dem 
Amtmanne Gerhard von der Mersche ein Tag ihrer 
Hinrichtung bestimmt worden, welches auf Montag, 
den 28. März geschehen, wie vorgemeldet, in Gegen- 
wart: Adrian Fyck, Adrian Adrianß, Adrian Robbertß, 
Peter Henrichs, Cornelis Joosten, Wilhelm Cornelis 
und Dirk Dirkß, Ratsherren. 

Todesurteil, auf den 28. März 1558. 

Nach den geschriebenen Rechten und den Befehlen 
der kaiserlichen Majestät, welche ihre königliche Ma- 
jestät bestätigt hat und nach allen ihren Punkten und 
Artikeln so beobachtet haben will, auch nach des Amt- 
mannes Anklage, wie auch dem Bekenntnis der Gefan- 
genen Evert Routs, Peter von Eynoven, beide von Ant- 
werpen, und Jan Henrich von Utrecht, sollen diesel- 
ben dem Befehle gemäß hingerichtet werden. Gesche- 
hen in Gegenwart des Adrian Fyck, Adrian Adrianß, 
Adrian Robbertß, Peter Henrichs, Cornelis Joosten, 
Wilhelm Cornelis und Dirk Dirkß, Ratsherren, und 
Meister Rooland, Stadtschreiber. 

Anlangend nun Styntgen, Jans Tochter, und Annet- 
gen, Antheunis Tochter, so sollen dieselben bis nach 
Ostern in der Haft verbleiben, aus Ursachen, welche 



228 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


die Gerichtsherren dazu bewogen haben. 

Nachricht. 

Den 28. März 1558. Nachdem das vorgemeldete Ur- 
teil von dem Schreiber Matthys Bark, wie oben be- 
schrieben worden, vorgelesen worden ist, und die 
vorgemeldeten Gefangenen verurteilt waren, mit Feu- 
er hingerichtet zu werden, so ist allhier vor dem Stadt- 
hause alle Zurüstung und Vorbereitung gemacht und 
sind drei große Pfähle nebeneinander gesetzt worden, 
woran die vorgemeldeten Gefangenen zuerst erwürgt, 
dann aber verbrannt werden sollten, welcher Ort mit 
Brettern und Pfählen eingefasst worden ist; sodann 
ist im Namen des Amtmanns, Schultheißen, der Bür- 
germeister und Ratsherren vor dem Ratshause bei 
Glockenschlag ausgerufen worden, daß sich ein je- 
der bei Strafe, seines Oberrockes verlustig zu sein, 
aus dem Kreise entfernen sollte, daß dem Gerichte 
niemand etwas in den Weg legen oder demselben 
widerstehen sollte, es sei mit Worten oder Werken, 
bei Strafe Leib und Güter zu verlieren. Sodann ist 
ungefähr zwischen elf und zwölf Uhr, nachdem alle 
Zurüstung, die zur Hinrichtung nötig war, verfertigt 
war, der vorgemeldete Jan Henrichs, um hingerichtet 
zu werden, zuerst gebracht; er wurde an den mittels- 
ten Pfahl auf ein Stühlchen gestellt und ihm ein Strick 
um den Hals gelegt, woran er erwürgt werden soll- 
te. Darauf hat Meister Aert, der jüngere Büttel, als 
des Scharfrichters, Meister Jan von Haarlem, Unter- 
gebener, den gedachten Strick von hinten mit einem 
Stocke stark zugedreht und dann den Stuhl unter des 
Jan Henrichs Füßen fortgestoßen, ihn auch, als er so 
gehangen, an dem Leib und den Beinen stark gezogen; 
darauf ist der Meister Jan mit einem Haferbüschlein 
gekommen, worin etwas Schießpulver war, welches er 
ihm vor sein Gesicht hielt, um es zu versengen. Meis- 
ter Aert aber hatte eine Zange mit einer glühenden 
Kohle, welche er in das Schießpulver werfen wollte; 
er hat drei oder viermal fehlgeworfen und das Pul- 
ver nicht berührt, sodass das Stroh zu rauchen anfing; 
gleichwohl konnte das Feuer das Schießpulver nicht 
erreichen; es entstand deshalb ein großes Geschrei 
und Rufen; der eine sagte: Er schmeckt das Feuer 
kaum, der andere: Du tust dem Manne tausendfachen 
Tod an, zuletzt aber: Werft den Büttel tot, steinigt ihn, 
und dergleichen. Hierauf hat eine Frau zuerst mit 
einem Pantoffel geworfen, dann haben andere Umste- 
henden angefangen mit Steinen nach dem Büttel zu 
werfen; sodann wurde Meister Hans von den Bürgern 
gestoßen und in Jan Sempels Haus, dem Stadthause 
gegenüber, versteckt; der junge Büttel aber, genannt 
Meister Aert, samt den Dienern des Anwaltes von 


Schieland und von dieser Stadt, welche Befehle hat- 
ten, das Gericht zu beschützen, sind auf das Stadt- 
haus zurückgewichen, und der Amtmann Gerhard 
von der Mense ist ihnen dahin nachgefolgt; der Jan 
Henrichs blieb am Stricke hängen. Als die Ratsher- 
ren, Stadtschreiber und Sekretäre den großen Tumult 
und Aufruhr bemerkten, sind sie oben auf ein Eck 
des Turmes am Stadthause geflüchtet, welches Adri- 
an Robbertß, ein Ratsherr, und Matthys Bark, Schrei- 
ber, zuerst erreichten, die von der Ecke des Turmes 
den vorgenannten Jan Henrichs noch an dem Pfah- 
le haben hängen sehen; die Bretter aber und Pfähle 
(womit der Kreis eingefasst war, daß man nicht zum 
Gerichte kommen konnte) wurden abgebrochen und 
herausgerissen. Darauf kam ein Knabe zum Pfahle 
gelaufen und suchte den Strick, woran der gemeldete 
Jan erwürgt war, abzuschneiden; aber er wurde daran 
verhindert, bis ein anderer kam, der den Strick ent- 
zwei geschnitten hat, worauf Jan zur Erde gefallen 
ist. 

Weil es aber meistens fremde Leute waren, welche 
die beschriebene Tat begangen hatten, so haben alle 
Bürger, welche in der Nähe wohnten, ihre Türen fest 
zugeschlossen. Der Amtmann aber, mit den Dienern 
des Anwalts, und von Schieland, haben die vordere 
Seite des Stadthauses mit Bänken, Brettern und an- 
derem Holze verbollwerkt, um dadurch die andern 
beiden Verurteilten und die Weiber zu bewahren; weil 
aber die Unruhe und der Auflauf mehr und mehr zu- 
nahm, haben die Aufrührischen die Pfähle und andere 
Pfosten aus der Straße genommen, und haben mit Ge- 
walt die Türe des Stadthauses gestürmt, um dieselbe 
aufzurennen; weil aber die Türe fest verbollwerkt war, 
sind sie mit Pfählen auf die Treppe des Wirtshauses 
gelaufen und haben die Hintertüre des Stadthauses, 
wo man auf die Kammer von Schieland und Thesau- 
rie geht, zuerst erbrochen. Als solches der Amtmann 
mit seinen Dienern, welche mit den Gefangenen da- 
selbst waren, hörte, haben sie die beiden Frauen, weil 
Annetgen ein Krüppel war und nicht gehen konn- 
te, dort gelassen, und sind mit den beiden andern 
Verurteilten von dem untern Teile des Stadthauses 
hinaufgekommen und auf den Turm entwichen; die 
Anführer aber haben das Stadthaus von beiden Seiten 
auf gerannt, die Türe in Stücke zerschlagen, und ha- 
ben zuerst die gedachten beiden Frauen genommen, 
sie aus der Stadt gebracht und fortgeführt. Als sie so- 
dann vom auf das Stadthaus kamen, haben sie die 
Türe, wodurch man zuerst auf den Turm gelangt, auf- 
geschlagen, wobei sie riefen und schrien, sie wollten 
die beiden gefangenen Mannspersonen heraushaben, 
oder alles ermorden und den Turm in Brand setzen; 
daher haben endlich die Diener die beiden Gefange- 



229 


nen in Freiheit gesetzt, welche die Aufrührerischen 
sofort zur Stadt hinausgebracht haben. Gleichwohl 
haben sie nachher noch eben so stark gerufen und ge- 
schrien, und wollten den jungen Büttel, desgleichen 
auch den Amtmann und das Gericht heraushaben; 
weil aber die Diener auf dem Turme und auf der Ecke 
nicht so hoch hinaufgestiegen waren, als die Herren 
des Gerichts, so sagten sie zu den Aufrührerischen, 
daß die Herren und der Büttel schon vom Stadthau- 
se fort seien. Es konnte auch in einem Kloster kein 
größeres Stillschweigen herrschen, als damals bei den 
Herren war; denn obgleich einige derselben ihre Reue 
nicht zu erkennen gaben, die sie in ihrem Herzen hat- 
ten, so konnte doch, wer nur einen Scharfblick hatte, 
solches in ihren Augen lesen. Obgleich nun schon 
der Mittag vorüber war und niemand an dem Tage 
viel gegessen hatte, wie ich denn glaube, daß, wenn 
auch alles vollauf, sowohl Gekochtes als Gesottenes 
und Gebratenes da gewesen wäre, niemand daran viel 
Schaden getan hätte, so hat sich doch endlich (Gott 
sei dafür gedankt) dieser Tumult und Auflauf gelegt, 
und zwar durch die treue Fürsorge des Adrian Jakobß 
Tromper, Ratsherrn der vorgenannten Stadt, welcher, 
aus der Arche fliegend, mit einem Ölblatte wiederkam 
und die Herren des Gerichts (in der Not, worin sie sa- 
ßen) benachrichtigte, der Auflauf sei gestillt, und die 
Aufrührischen hätten alle die Stadt verlassen. Darum 
sind die Herren, ungefähr um zwei Uhr des Nach- 
mittags, vom Turme gekommen; die Stadt aber war 
noch in Unruhe, und der abgeschnittene Jan Henrichs 
wurde in das Haus des Kers Govertß Brauer in der 
Nähe des Stadthauses gebracht, wo er bis des Abends 
um fünf oder sechs Uhr liegen blieb, bis er öffentlich 
in ein Schifflein getan und so aus der Stadt geführt 
wurde; übrigens wird behauptet, daß er noch lebe. 

Denselben Abend sind die Schützen auf die Wacht 
entboten worden; es sind auch des andern Tages, als 
den 29. März, Verordnete von Seiten der Stadt nach 
dem Haag zu den Herren des Rates gereist und ha- 
ben sie von dem Handel benachrichtigt, auch sich im 
Namen der Stadt entschuldigt und dieselben ersucht, 
Verordnete zur Untersuchung des Aufruhrs zu sen- 
den, damit die Stadt entschuldigt würde. Am folgen- 
den Tage sind auch Herr Wilhelm Zeegerß, Herr von 
Wassenhofen und Mr. Christian de Waert, General- 
Anwalt, hierhergekommen, haben sich nach dem Vor- 
fälle erkundigt und dem Rate davon Bericht erstattet; 
hernach, als die kaiserliche Majestät hiervon benach- 
richtigt wurde, daß die Stadt allerdings eingenommen 
sei, sind, weil der Herr Markgraf von Verre krank war, 
der Graf von Boussu und Herr von Gruyningen ge- 
sandt worden, welche am Osterabend hier heimlich 
nach dem Haag durchgezogen sind, auf den Ostertag 


den ganzen Rat versammelt und dem Amtmanne Be- 
fehl zugesandt haben, die Pforten und Schlagbäume 
der Stadt zu schließen und diejenigen, die genannt 
waren, des Nachts aus dem Bette zu holen, was auch 
in derselben Nacht, als der Ostertag vorüber war, ge- 
schehen ist, worauf in der Nacht, mit Hilfe der Schüt- 
zen und in Gegenwart eines der Bürgermeister Chiel 
Pot gefangen worden ist. Den folgenden Tag, als den 
zweiten Ostertag, sind in die Stadt gekommen: Der 
Graf von Boussu, der Herr von Gruyningen, der Herr 
Gerrit von Assenrelst, Präsident des Rates, Wilhelm 
Zeegerß, Herr von Wassenhofen, Mr. Cornelis Zuys, 
Arnold Sasbour, Cornelis von Weldam und Domini- 
cus Boot. 

Den 21. April 1558, nach Ostern. 

Nachdem Jakob Antheunis, sonst Mosselman, gebo- 
ren zu Rotterdam, gegenwärtig gefangen, frei von 
Folter und Ketten, vor dem Grafen von Boussu, Rit- 
ter des Ordens vom goldenen Bließ, dem Herrn von 
Gruyningen, als kaiserlichen Bevollmächtigten, und 
dem Rate von Holland bekannt hat, daß er, der Ge- 
fangene, die Treppe des Stadthauses hinaufgegangen, 
mit einer Krücke an den Hals geworfen worden sei, 
welche Krücke er, der Gefangene, aufgehoben habe, 
damit auf das Stadthaus gegangen sei und dieselbe 
von unten hinauf nach den Dienern, welche noch im 
Turme waren, geworfen habe, welches Dinge sind, die 
ein böses Exempel geben und nicht ungestraft bleiben, 
sondern gestraft werden sollen, andern zum Beispiele, 
so ist es geschehen, daß vorgemeldeter Rat, mit reifer 
Überlegung, im Namen des Königs von Spanien, Eng- 
land und Frankreich, als Grafen von Holland, Seeland 
und Friesland, vorgenannten gefangenen Jakob An- 
theunis verurteilt hat und ihn hiermit verurteilt, vor 
dem Rate zu erscheinen und daselbst dem Rate, an 
der Stelle der kaiserliches Majestät und des Gerichtes, 
mit bloßem Haupte und auf den Knien Abbitte zu 
tun und zu bekennen, daß es ihm von Herzen leid 
sei, daß er mit der Krücke auf dem Stadthause nach 
den Dienern geworfen habe, und daß er, wenn die- 
ses verrichtet, auf die Schaubühne, welche vor dem 
Stadthause dieser Stadt steht, gebracht werden soll, 
wo er stehen bleiben soll, bis die Hinrichtung der 
Aufrührerischen beendigt sein wird. Geschehen zu 
Rotterdam von dem Herrn Gerh. von Assendelft Ems- 
kerk, erster Ratspräsident, Wilhelm Zeergerß, Herr 
von Wassenhofen, Ritter, Mr. Cornelis Zuys, Arnold 
Sassebout, Cornelis Weldam, Dominicus Boot, Damas 
von Drogendyk, Zuintin Weyts Zoon und Arnold Ni- 
cola, Ratsleute von Holland, und öffentlich verlesen 
den 21. April 1558, nach Ostern. 



230 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Nachdem Avicenna Janß, geboren in Delft, gegen- 
wärtig gefangen, frei von Folter und Ketten, vor dem 
Grafen von Boussu, Ritter des Ordens des goldenen 
Bließes, dem Herrn von Gruyningen, als der kaiserli- 
chen Majestät Bevollmächtigten, und dem Rate von 
Holland bekannt hat, daß er, der Gefangene, kurz vor 
dem Auflaufe und Tumult, in die Stadt Rotterdam 
gekommen sei, und damals, als der Auflauf entstand, 
in Kors Goverß Brauers Hause gestanden habe, daß 
er ferner, nachdem der Auflauf größtenteils geendigt 
war, in der Meinung gewesen, er ginge nach Hause, er, 
der Gefangene, aber vor Schrecken ostwärts gegangen 
und nachher wieder zu des vorgenannten Kors Haus 
gekommen sei, wo er den verurteilten und erwürgten 
Mann gesehen, der von dem Pfahle, woran man ihn 
erwürgte, abgeschnitten und in des vorgemeldeten 
Kors Goverß Haus gebracht worden war, womit er, 
der Gefangene, auch ins Haus gegangen sei, auch, als 
der vorgenannte erwürgte Mann noch auf der Straße 
bei der Tür gelegen, und einige, die dabei gestanden 
gesagt: Schleppt den Mann etwas zurück, womit sie 
den vorgemeldeten erwürgten Mann verstanden, er, 
der Gefangene, auch Hand angelegt, den Erwürgten 
aufgehoben und demselben (als einige zu ihm gesagt, 
er sollte sehen, ob auch noch Leben in dem erwürg- 
ten Manne wäre) unten an den Füßen geklopft hätte, 
sodann aber abends aus dem vorgemeldeten Hause 
heimgegangen sei. 

Soweit geht dieses Buch des Blutgerichts und ent- 
hält kein Wort mehr; daher es ungewiss ist, wie es 
weiter ergangen. 

Thomas von Imbroek, im Jahre 1558, den 5. Mai. 

Zu Köln am Rheine ist ein gottesfürchtiger Bruder, 
namens Thomas von Imbroek, der ein Druckerknecht 
war, im Jahre 1557 um der Wahrheit willen gefangen 
genommen und auf einen Turm gesetzt worden. Als 
er wegen der Taufe und der Ehe untersucht worden 
ist, hat er ihnen mit Gottes Wort so geantwortet, daß 
sie mit weiteren Fragen von ihm abließen und ihn auf 
einen andern Turm brachten. Sein Weib schrieb ihm 
einen Brief und ermahnte ihn, tapfer zu streiten und 
bei der Wahrheit standhaft zu bleiben. Über solche 
tröstlichen Worte hat er sich herzlich bedankt, und mit 
vielen Schriften erwiesen, daß die Gerechten allezeit 
gelitten hätten, und daß er mit einem guten Gewissen 
frank und frei vor Gott stände, um demselben nach- 
zufolgen, Weib, Kinder und alle sichtbaren Dinge zu 
verlassen, Christi Kreuz aufzunehmen und ihm nach- 
zufolgen, worum er auch bei Gott anhielt, um tüchtig 
erfunden zu werden. Nachher kamen zwei Pfaffen zu 
ihm, die mit ihm von der Kindertaufe handelten; sie 


wurden aber untereinander uneinig, denn der eine 
wollte die Kinder, die ohne Taufe sterben, verdammt 
haben, der andere aber gestand ihnen die Seligkeit zu. 
Sie setzten ihm stark zu, er solle sich bekehren lassen; 
er aber sagte, dasjenige, was ich behaupte, hat mich 
die Schrift gelehrt, und wer mich aus derselben eines 
Besseren belehrt, dem will ich gern folgen. Sie sagten: 
Du verachtest unsere Gemeinschaft und lassest dich 
nicht von uns lehren. Er erwiderte: Daß ich eure Kir- 
che verachte und in eure Gemeinschaft nicht komme, 
geschieht aus dem Grunde, weil ihr eure Kirche nicht 
rein haltet; denn Hurer und Ehebrecher und derglei- 
chen sind alle bei euch fromme Brüder. Sie fragten 
auch, warum er seine Kinder nicht taufen ließ. Er ant- 
wortete: Die Schrift lehrt uns keine Kindertaufe, und 
die nach Gottes Wort getauft werden sollen, müssen 
erst gläubig sein. Darauf sagten sie, daß er ein Ketzer 
sei, aber sie konnten es nicht erweisen. Dann brach- 
te man ihn auf die Folterbank, wo er scharf verhört, 
aber nicht gefoltert wurde, obwohl der Scharfrichter 
alle Dinge dazu in Bereitschaft hatte, denn die Herren 
wurden uneinig untereinander, und solches ist zu drei 
verschiedenen Malen geschehen. Nachher wurde er 
in des Grafen Haus gebracht, der ihn gern freigelas- 
sen hätte, wenn er sich nicht vor des Kaisers Befehle 
und des Bischofs Ungnade gefürchtet hätte. Thomas 
aber war unverzagt, getrost und bereit, sein Leben 
um des Namens Christi willen dahinzugeben und so 
standhaft bei der Wahrheit und an der Liebe Gottes zu 
bleiben, daß weder Feuer, Wasser, noch Schwert, oder 
sonst etwas ihn davon abziehen möchte. Als sie ihn 
wieder aus des Grafen Hause brachten, hat er die gan- 
ze Nacht hindurch von des Grafen Volk und andern 
viel Anfechtung erlitten, die sich unterstanden, ihn zu 
lehren und zu unterrichten, aber alles umsonst, denn 
es waren solche, die selbst von Gott nicht unterrichtet 
oder gelehrt waren. 

Endlich wurde er vor das Halsgericht gebracht, wo 
er in des Grafen Gegenwart, welcher damals sein ers- 
tes Gericht hielt, und seinen Stab in der Christen Blut 
färbte, zum Tode verurteilt worden ist. Also ist er als 
ein frommer Zeuge Jesu Christi, den 5. März im Jahre 
1558, weil er im rechten Glauben standhaft verharrte, 
enthauptet worden, als er 25 Jahre alt war. 

Er hat aus seiner Gefangenschaft Briefe an sein Weib 
und seine Brüder gesandt (auch ein Bekenntnis sei- 
nes Glaubens von der Taufe), wovon ein besonderes 
Büchlein im Drucke erschienen ist, welches für Gottes- 
fürchtige lehrreich und tröstlich ist, wie ihr aus dem 
Nachfolgenden, welches euch hier mitgeteilt wird, 
wahrnehmen könnt. 



231 


Ein Brief von Thomas von Imbroek an sein Weib 
und Brüder aus dem Gefängnis geschrieben. 

Viel Gnade und Friede von Gott, dem himmlischen 
Vater, der ein rechter Vater ist, denn er erweist seine 
väterliche Treue an allen seinen Kindern, nach seiner 
Verheißung, indem er spricht: Ich will ihr Vater sein 
und sie sollen meine Söhne und Töchter sein. Dieser 
Vater wolle euch in euren Herzen so Zureden, daß 
ihr mit gutem Gewissen mir glauben könnt, daß ihr 
Kinder seid, dann werdet ihr nicht irren. 

Solche Gnade wünsche ich dir, mein liebes Weib 
und auch meines Herrn Braut (du verstehst wohl, 
wen ich meine), durch den Herzog des Lebens und 
den Vollender Jesum, wohin wir unsere Zuflucht al- 
lein nehmen müssen, damit wir seinem Bilde in dieser 
Welt gleich werden mögen, nach dem Spruche des 
Propheten Jesaja, indem er sagt: Er wird keine Gestalt 
noch Schönheit haben, wir sahen ihn, aber da war 
keine Gestalt, die uns gefallen hätte; er war der Aller- 
verachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und 
Krankheiten, er war so verachtet, daß man auch das 
Angesicht vor ihm verbarg, denn er war ein Mann, 
welcher Schmerzen und Krankheiten wohl versucht 
hatte. 

Aber was sagt die Schrift? nämlich: Darum hat ihn 
auch Gott erhöht und ihm einen Namen gegeben, der 
über alle Namen ist , und alle Zungen sollen beken- 
nen, daß Jesus Christus der Herr sei, zum Preise Got- 
tes, des Vaters. 

Also halte ich auch dafür (o Weib des Herrn!), daß 
es uns nötig sei, solches zu bedenken; denn wenn wir 
auch hier vor allen Menschen zur Schmach, ja, ein 
Ausfegsel und Auskehricht eines jeden sind, sodass 
sie sagen: Weg mit ihm, denn er ist nicht wert, daß er 
lebe, so werden sie doch einst zu seiner Zeit bekennen 
und sagen: Seht, wie sind sie nun unter die Kinder 
Gottes gezählt und haben ihren Teil mit den From- 
men; wir hielten sein Leben für unsinnig und sein 
Ende für eine Schande. Nun seufzen wir, wenn aber 
der kommen wird, auf welchen wir warten, dann wer- 
den sie seufzen und mit großen Schmerzen geängstigt 
werden, da keine Hoffnung sein wird, denn ihr Wurm 
wird nicht sterben, und ihr Feuer wird nicht verlö- 
schen. 

Darum ist ein großer Unterschied zwischen den 
Frommen, und Gottlosen, denn der Frommen Seelen 
sind in Gottes Hand und keine Pein des Todes rührt 
sie an; denn ihre Hoffnung ist voller Unsterblichkeit. 

Dieses sollen wir, meine Brüder, wohl betrachten, 
denn wenn wir zurücksehen, so sehen wir noch auf 
tödliche, sterbliche Dinge, so trifft auch der tröstli- 
che Spruch Paulus nicht bei uns ein, wenn er sagt: 


Unsere Trübsal, die zeitlich und leicht ist, bringt eine 
ewige und über die Maßen gewichtige Herrlichkeit 
uns, (sagt er) die nicht auf das Sichtbare, sondern auf 
das Unsichtbare sehen. 

Nun weiß ich, daß Weib und Kinder sichtbar sind, 
und obgleich sie mir angenehm sind, will ich sie doch 
nun für Staub achten, und also sagen: Ich kenne fortan 
niemanden nach dem Fleische, aber die Erkenntnis 
des Geistes bleibt ewiglich. Also hoffe ich euch alle zu 
erkennen, wenn wir alle in der ewigen Freude erschei- 
nen werden, welche von Anbeginn denen bereitet ist, 
die sich Christi nicht schämen; dieses aber heißt: Sich 
seiner nicht schämen, wenn wir um Christi willen wie 
Übeltäter zum Tore hinausgehen und ihm außer dem 
Lager seine Schmach tragen helfen. 

Darum will ich, daß die Reichen keine Ausflucht su- 
chen und sagen: Ja, ich kann nicht gar alles ablegen, es 
würde ein großes Wunder und Aufsehen vor der Welt 
verursachen, wenn ich meinen Staat so ganz ablegen 
würde, ja, sollten sie sich wohl einbilden, sie täten zu 
viel? Ach nein, denn der, welcher Gott ist, gesegnet 
über alles in Ewigkeit, hat sich noch viel mehr ernied- 
rigt und gedemütigt, denn er war König und Herr 
über die ganze Welt, wie ihn auch David im Geiste 
einen Herrn nennt; er ist nicht gekommen, daß er sich 
dienen lasse, sondern daß er selbst einem jeden diene, 
denn er ist unser aller Knecht geworden, damit er uns 
erlöse. 

Da wir mm durch ihn die Freiheit haben, so lasst 
uns dankbar sein, und dieselbe nicht von uns werfen, 
denn sie hat eine große Belohnung, obgleich einige 
sagen, man soll um die Belohnung von Gott nicht 
eifern. Dieser Grund ist, sage ich, nicht recht, denn ich 
sage mit Paulus: Hoffen wir allein in diesem Leben, 
so sind wir die elendesten unter allen Menschen. 

Gleichwohl aber soll niemand meinen, daß er durch 
seine guten Werke allein gerecht und selig werde, 
denn solches müssen wir der Gnade Gottes und dem 
Verdienste des unschuldigen Blutvergießens unsers 
Herrn Jesu Christi (der das Gute in uns wirkt) allein 
zuschreiben. 

Darum, meine lieben Brüder, hütet euch vor allen 
solchen Geistern, denn sie wollen noch größere Voll- 
kommenheit erfahren und ermangeln des Kleinsten. 
Bleibt bei dem Grunde, den ihr gelernt habt. Eins be- 
gehre und wünsche ich, daß die Einfältigen besser 
und gründlicher unterrichtet werden möchten, damit 
eure Arbeit nicht in dem Feuer verbrennen möchte; 
denn die Schrift sagt nicht umsonst: Worin er versucht 
ist, kann er auch denen helfen, die versucht werden, 
denn die Erfahrung bringt vollkommene Weisheit, 
wie auch Paulus sagt: Gelobt sei der Vater aller Barm- 
herzigkeit und Gott allen Trostes, der uns in unserer 



232 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Trübsal tröstet, damit wir auch diejenigen trösten kön- 
nen, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Tröste, womit 
wir von Gott getröstet werden; denn wie des Leidens 
Christi viel über uns kommt, so werden wir auch 
reichlich getröstet durch Jesum Christum; ja, durch 
ihn (sage ich) werden wir das Feld behalten; denn 
er ist unser Leben und Sterben ist unser Gewinn, in- 
dem er sagt: Und ob ihr schon sterbt, so sollt ihr doch 
leben. 

Darum ist es gut, mit Christo zu sterben, denn er ist 
durch die Herrlichkeit seines Vater auferweckt wor- 
den, deshalb wird er auch alles nach sich ziehen, was 
ihm der Vater gegeben hat. 

Darum, meine Brüder und mein liebes Weib, lasst 
uns männlich sein, denn der Apostel sagt: Meine Kraft 
ist in den Schwachen mächtig. Darum halte ich es für 
gut, in Schwachheit zu sein (merkt), und was daraus 
folgt, in Schmach, in Not, in Verfolgung, in Angst um 
Christi willen. Ja, ich wollte dem Herrn aufs Höchste 
danken, wenn er mich würdig achten würde, seinen 
Namen mit meinem Blut zu bezeugen; denn ich hoffe 
nicht nur diese Bande mit Geduld zu tragen, sondern 
auch um Christi willen zu sterben, damit ich meinen 
Lauf mit Freuden vollenden möchte, denn ich will 
lieber bei dem Herrn sein, als wieder in der gräulichen, 
argen Welt wandeln; doch geschehe sein göttlicher 
Wille, Amen. 

Und wenn noch etwas an meinem Wandel mangelt, 
daß ich nicht ernstlich genug gewesen bin (was ich 
auch bekenne), das wolle nun der Herr durch das 
Feuer seiner Liebe und Barmherzigkeit in dem Blu- 
te Jesu Christi austilgen und läutern, denn dadurch 
muss alles geläutert und gereinigt werden. 

Ich begehre, liebe Brüder, eurer aller Fürbitte bei 
Gott, daß er uns durch Jesum Christum, unsern Herrn 
und Heiland, bewahren wolle, Amen. 

Noch ein Brief, den Thomas von Imbroek aus dem 
Gefängnisse an sein Weib geschrieben hat. 

Gnade, Friede und Barmherzigkeit von Gott, dem 
himmlischen Vater, und die reine Liebe seines Sohnes 
Jesu Christi wünsche ich dir, mein liebes Weib, daß sie 
vollkommen sei in deinem Herzen, damit du dadurch 
von allen sichtbaren Dingen zu den imsichtbaren und 
ewigen hingezogen werden mögest, durch Hilfe und 
Mitwirkung seines Heiligen Geistes, welcher die Kin- 
der Gottes führt und regiert; ihm sei Lob und Preis in 
Ewigkeit, Amen. 

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesu Chris- 
ti, für seine große und unaussprechliche Gnade, die er 
uns durch seine mildreiche Güte mitgeteilt und uns in 
das Reich seines geliebten Sohnes gezogen hat, durch 


welchen wir die Erlösung von allen unsern Sünden in 
seinem Blute empfangen haben. 

Darum sollten auch wir billig nicht aufhören, ihm 
allezeit mit großer Demut zu dienen als dankbare und 
gehorsame Kinder und die Gnade nicht gering achten, 
die uns widerfahren ist, sondern mit Ernst bedenken, 
warum und wozu sie uns gegeben ist, nämlich, daß 
wir damit handeln und gewinnen sollen, damit wir 
die liebliche Stimme hören möchten, die da sagt: Ei, 
du frommer und getreuer Knecht, du bist über wenig 
getreu gewesen, ich will dich über viel setzen. 

Laß dir dieses zur Ermahnung dienen, daß der 
Kaufmann alles verkauft hat, was er hatte, und den 
Acker gekauft hat, worin der Schatz lag. In eben die- 
ser Weise sollst du nun auch denken, daß du deinen 
Mann dem Herrn mit Jephtah gern schenkst, der seine 
Tochter dem Herrn aufopferte, oder ferner merke auf 
mit dem frommen Vater aller Gläubigen, Abraham, 
welcher im Glauben nicht schwach geworden ist, und 
seinen Sohn Isaak willig übergeben hat, um dem ge- 
waltigen Gott Gehorsam zu erweisen, der jedermann 
Leben und Atem gibt. 

Auch sollt ihr des geduldigen Hiob euch erinnern, 
der in seiner Anfechtung mit aller Sanftmut sprach: 
Ich bin nackend von meiner Mutter Leib gekommen, 
nackend werde ich wieder dahinfahren: Der Herr 
hat's gegeben, der Herr hat's wieder genommen, wie 
es dem Herrn gefallen hat, so ist es geschehen; der 
Name des Herrn sei gesegnet. 

Auch darf Jakobus wohl sagen: Die Geduld Hiobs 
habt ihr gehört und das Ende des Herrn habt ihr gese- 
hen; desgleichen sagt auch Paulus: Gedenkt an den, 
der ein solches Widersprechen der Sünder gegen sich 
geduldet hat und er selbst hat keine Sünde erkannt; 
aber wir müssen bekennen, daß wir noch mehr Strafe 
verdient haben, als wir leiden, wiewohl dasselbe nütz- 
lich ist, wie geschrieben steht: Er straft uns zu Nutz, 
es dient uns allen zum Besten. 

Darum begehre ich von dir, meine liebe Freundin, 
du wollest unverzagt sein in dem Herrn und dich 
nicht betrüben, denn ich habe wohl gemerkt, daß du 
mager geworden bist und an dem Fleische abgenom- 
men hast. Freue dich mit mir und danke Gott, daß wir 
nicht Bastarde bleiben, sondern daß er sich unserer 
väterlich annimmt, als Kinder und Miterben seines 
Reiches, welche mit seinem Sohne hier auf Erden glei- 
chen Lohn empfangen, und das um seines Zeugnisses 
willen. 

Warum sollten wir nicht das Böse leiden, da wir 
doch das Gute von ihm empfangen haben. Wenn wir 
aber traurig sein wollen, so haben wir ja Ursache ge- 
nug, verstehe aber nur die göttliche Traurigkeit, denn 
wir können uns wohl in Wahrheit beklagen, daß wir 



233 


noch sehr ungeschickt sind; wie du mir denn schreibst, 
daß du nicht wohl beten kannst, eben wie auch ich un- 
vollkommen bin, denn nach meinem Erachten ist das 
die Ursache, weil wir nicht genug Missfallen an uns 
selbst haben, oder, weil wir der Dornen nicht gewahr 
werden, die in unserm Fleische stecken. 

Der Herr wolle sich über uns erbarmen und uns 
die Augen des Verstandes öffnen, damit wir so die 
Sünder hassen mögen, wie sie Gott selbst hasst, denn 
dann hat er ein Wohlgefallen an uns, wie auch der 
heilige David sagt: Herr, sei mir gnädig, denn ich 
bin schwach; heile mich, Herr, denn meine Gebeine 
sind erschrocken und meine Seele ist sehr erschrocken. 
Ach, du Herr, wie lange, wende dich, Herr, und errette 
meine Seele, hilf mir um deiner Barmherzigkeit willen. 
Ich bin so müde vom Seufzen. Ich befeuchte mein Bett 
die ganze Nacht und netze es mit meinen Tränen. 

Wo sind doch die Tränen, die wir vergossen haben, 
mein liebes Weib, um unserer vorhergehenden Sün- 
den willen? Wo unsere Seele bis zum Tode verwundet 
worden, ja, beiderseits zur Hölle versunken ist. Wir 
singen wohl: Ich bekenne meine Übertretung, und 
meine Sünde ist allezeit vor mir, aber es wäre uns viel 
besser, aus der tiefen Not des Herzens zu klagen und 
so mit einem zerbrochenen, zerschlagenen und brüns- 
tigen Herzen zu bitten, wie wir solches nun finden, 
da wir Trübsal und Leiden im Fleische erfahren. 

Also hat auch Esther bitten lernen, wenn sie spricht: 
O mein Herr, der du bist allein unser König, hilf mir 
Elenden, ich habe keinen andern Helfer, als dich; er- 
löse uns und hilf mir, denn du weißt alle Dinge, und 
weißt, daß ich den Weg der Ungerechtigkeit hasse und 
die Schlafkammer der Unbeschnittenen wie auch das 
Zeichen der Hoffart verachte. 

Hier müssen wir merken, daß die fromme Frau 
einen Widerwillen an den kostbaren Kleidern hatte 
und dieselben mehr gehasst als geliebt habe. Hüte 
dich auch davor, und wenn du solche siehst, die er- 
mahne scharf, denn es kommt nicht aus demütigem 
Herzen. Man spricht: Man muss die Läuse nicht in 
den Pelz setzen, man muss auch dem Fleisch keine 
Ursache geben zu sündigen; es ist doch leider arg 
genug. 

Darum, meine liebe Schwester, habe kein Ansehen 
der Personen, denn der Glaube an Jesum leidet kein 
Ansehen der Personen, sondern strafe das Böse mit 
aller Freundlichkeit und Demut aus Liebe, und stel- 
le dich selbst dar zum Vorbilde aller guten Werke 
und Ehrbarkeit, allen Frauen in der Frömmigkeit und 
Wortkargheit, denn wer die Zunge nicht im Zaume 
hält, der verführt sein Herz und sein Gottesdienst ist 
eitel. 

Darum ermahne ich dich freundlich, weil du Zeit 


hast, daß du allen Fleiß anwendest; denn es ist nicht 
genug, daß wir im Gefängnisse den Namen des Herrn 
mit dem Munde bekennen, sondern wir müssen auch 
vor ihnen das Bekenntnis in der Kraft beweisen, denn 
wir wissen, daß sowohl derjenige sündigt, der außer- 
halb des Gefängnisses Übertritt, als auch derjenige, 
welcher im Gefängnisse sündigt, obgleich es der eine 
aus Schwachheit, der andere aber aus Mutwillen tut. 

Darum nimm deiner selbst wahr und sei allezeit 
bereit, denn wir wissen keine Zeit; so wache nun und 
halte deine Kleider rein, damit du nicht bloß wan- 
delst, und deine Schande offenbar werde; sei allezeit 
zum Streite bereit, denn David spricht: Die Gerech- 
ten müssen viel leiden, aber der Herr hilft ihnen aus 
diesem allem; er bewahrt alle ihr Gebeine, daß nicht 
eins zerbrochen werde; er hilft den Armen von dem 
Schwerte der Gottlosen und den Dürftigen von der 
Hand des Mächtigen; ferner sagt Hiob: Selig ist der 
Mensch, welchen Gott züchtigt; darum weigere dich 
nicht der Züchtigung des Allmächtigen, denn er ver- 
wundet und verbindet; er schlägt, und seine Hand 
heilt. 

Also sagt auch Paulus, daß er Christum und die 
Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft sei- 
nes Leidens zu erkennen verlange, daß ich seinem 
Tode, spricht er, gleichförmig werde, ob ich auch in 
der Auferstehung der Toten ihm begegnen möchte; 
darum müssen wir auch mit ihm trauern, damit wir 
auch mit ihm Freude haben mögen. Sagt nicht Chris- 
tus: Selig sind, die weinen und klagen, denn sie sollen 
getröstet werden, ja, die Tränen werden abgewischt 
werden. Auch verlässt der Herr die unterdrückten 
Witwen nicht, wie geschrieben steht. Der Herr erhört 
das Gebet der Notleidenden und Bedrängten: So ver- 
achtet er auch nicht das Gebet der Witwen, die mit- 
klagen und seufzen, dasselbe vor ihm ausgießen, ja, 
ihre Tränen steigen auch in den Himmel und der Herr 
wird sie erhören. 

So laß uns nun gelassen stehen und also zu uns 
selbst sagen: O Herr! Allmächtiger König, alle Dinge 
sind in deiner Gewalt. Willst du mir meinen Mann 
wiedergeben, so ist niemand, der deinem Willen wi- 
derstehen kann. Du hast Himmel und Erde gemacht, 
samt allem, was in dem Bezirke des Himmels ent- 
halten ist; du bist ein Herr aller Dinge; du bewahrst 
uns wie deinen Augapfel und hast durch den Mund 
Davids gesagt, daß wir unsere Last auf dich werfen 
sollen, denn du wirst für uns sorgen und nicht zuge- 
ben, daß die Gerechten ewiglich in Unfrieden bleiben. 
Alsdann wird dein Gebet erfüllt, wie du mir schreibst, 
daß du nicht anders bitten könnest, als nur: Herr, dein 
Wille geschehe. Ich wünsche dir auch von Gott, daß 
solches in der Wahrheit bei dir erfunden werden mö- 



234 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


ge, und nicht, wie Israel zum Herrn rief: Sie nahten 
sich zu ihm mit ihrem Munde, und ehrten ihn mit 
ihren Lippen, aber ihr Herz war fern von ihm und sie 
wurden nicht treu erfunden in seinem Bunde; aber 
die seine Gebote halten, werden bitten, und was sie 
begehren (nach seinem Willen), das wird ihnen ge- 
schehen. 

Darum sei guten Mutes und ziehe deine Kinder 
auf in Sitten und in der Furcht Gottes, damit die Art, 
die in ihnen ist, getötet werden möge, und nimm ein 
Beispiel an dir selbst, wie du sie in ihrer Schwachheit 
mit großer Mühe und Arbeit auferzogen hast, und 
reiche denen die Brust, welchen der Herr befohlen 
hat, Milch zu geben. 

Also gib ihnen auch die Rute, nach des Herrn Be- 
fehle, wenn sie übertreten und halsstarrig sind, denn 
das ist auch eine Speise der Seelen, und treibt die Tor- 
heit aus, die in ihrem Herzen zusammengebunden 
ist. Gedenke an das Wort Sirachs, wo er spricht: Tue 
dich nicht freundlich zu deiner Tochter und zeige ihr 
nicht ein freundliches Angesicht, daß sie nicht kühn 
werde wider dich, und du zuletzt nicht ihretwegen 
Schande davontragen mögest; aber lehre sie das Ge- 
setz unseres Gottes, damit sie ihre Hoffnung auf den 
Allmächtigen und Allerhöchsten setze und nimmer- 
mehr die Wohltaten vergesse, die uns durch Christum 
geschehen sind. 

Auch bitte ich dich, daß sie, soviel als es möglich 
ist, von ungezogenen Kindern abgehalten werden mö- 
gen; gestatte ihnen auch nicht, daß sie auf die Straßen 
laufen, sondern halte sie zu Hause so viel als es mög- 
lich ist, damit du Freude und Leid zugleich mit ihnen 
habest und vergiss nicht die Art der Witwen, von wel- 
chen Paulus an den Timotheus schreibt, sondern setze 
deine Hoffnung fest auf den Herrn und erwarte also 
seiner in Geduld. 

Nun wollest du gerne sterben, wie ich vernehme; 
wenn ich aber noch bei dir wäre und wir lebten mit- 
einander in Frieden, dann wäre dir das Leben kein 
Kreuz. 

Darum sollst du meines Wortes eingedenk sein, das 
ich oft gesagt habe, daß es Gläubigen gut sei, wenn 
sie Druck und Angst haben, damit wir alsdann erst 
mit Paulus sagen lernen: Wir seufzen und verlangen 
nach unserer Behausung, die im Himmel ist und be- 
gehren, damit überkleidet zu werden, doch so, daß 
wir bekleidet und nicht nackend erfunden werden, 
denn weil wir dieses Fleisch an uns tragen, sind wir 
beschwert, und haben vielmehr Lust, außer dem Flei- 
sche bei dem Herrn zu sein, als in dieser Fremde mit 
viel Betrübnis zu wandeln. Ach, Freund, wie wenig 
sind derer, die das sagen, ich meine unter denen, die 
Friede und Ruhe haben. 


Darum danke dem Herrn, weil er Gnade gegeben 
und, vielleicht zu unserm Besten, mich deinen Augen 
entnommen hat, denn er ist ein eifersüchtiger Gott; 
er will der Liebste sein und das Herz des Menschen 
allein besitzen. So hast du auch Gott gebeten, daß er 
alles aus dem Wege räumen wolle, was dir an dei- 
ner Seligkeit hinderlich ist. Darum denke, daß er uns 
beide so geprüft habe und laß uns das Joch gutwillig 
aufnehmen, und dasselbe für eine große Freude ach- 
ten. Was ist dieser Welt Leiden? Nichts anderes, als ein 
Traum, wie David sagt: Wenn der Herr das Gefängnis 
Zions wenden wird, so werden wir wie Träumende 
sein; dann wird unser Mund voll Lachens sein. 

Denn es geht uns wie einem Weibe in Kindesnöten; 
wenn das Kind geboren ist, so will sie dasselbe nicht 
geben um der Schmerzen willen, die vorhergegangen 
sind; so auch wir, wenn wir eines Kindes genesen 
sind, so nehmen wir die ganze Welt nicht dafür. 

Darum hüte dich, daß du dich weder zum Zorne, 
noch zur Furcht bewegen lassest, damit das Kind zu 
seiner Zeit geboren werden möge. Nimm Nahrung 
und Speise von dem Manne Christo, damit du zur Ar- 
beit stark sein mögest, und versäume nicht, die rechte 
Speise (nämlich Gottes Wort) zu dir zu nehmen. Ge- 
denke an Israel, die des Himmelsbrotes satt wurden. 
Der Herr gebe dir eine gesunde Seele und einen hitzi- 
gen Magen der Liebe, damit die Speise wohl verdaut 
werden möge, Amen. 

Die Gnade des Herrn vermehre sich bei dir, mein 
liebes Weib; sei allezeit gehorsam den Gottesfürchti- 
gen und halte dich zu den Frommen; bitte auch Gott 
für mich, daß er mich immer bei der Wahrheit erhal- 
ten wolle, denn sie ist und bleibt stark in Ewigkeit; sie 
lebt, und wird den Ruhm davon tragen ewiglich. 

Grüße mir alle Heiligen mit dem Kusse der Liebe, 
samt allen, die den Herrn Jesum lieb haben und sage 
ihnen, daß sie fröhlich sein sollen, denn Gott ist der 
Held und Herzog, welcher in der Not so treulich bei- 
steht. Er ist wie der Regen im trocknen Sommer auf 
dem dürren Erdreiche, denn er erquickt die betrübten 
Gemüter, die nach ihm dürsten; er ist ein Schatten 
gegen die Hitze der Sonnen. 

Sage den Brüdern, daß sie für die Ankömmlinge 
sorgen, und daß sie ernstlich für mich bitten; ich will 
auch für sie anhalten, so viel als in mir ist. Gedenke 
meiner Banden. Der Herr wolle mit deinem Geiste 
sein, Amen. 

Dein lieber Mann, Thomas von Imbroek, gefangen 
um des Zeugnisses Jesu willen. 

Dieser Thomas von Imbroek hat ein schönes Be- 
kenntnis von der Taufe getan, desgleichen eine Ver- 
teidigung gegen die Widersprecher über denselben 
Gegenstand geschrieben, welche Abhandlungen er 



235 


dem Regierungsrate der Stadt Köln übergeben hat. 
Hiervon siehe Teil 1 . 

Govert Jasperß, 1558. 

Um diese Zeit ist aus dem Kloster der Kreuzbrüder 
zu Goes ein Laienbruder, genannt Govert Jasperß, mit 
zweien andern fortgezogen; sie sind aber nicht lange 
beieinander geblieben, denn der eine ist ganz verwil- 
dert und hat diese Welt lieb gewonnen, der andere ist 
aus Furcht vor der Verfolgung nach Friesland gezo- 
gen, ist dort ein Bruder der Gemeinde geworden und 
fromm gestorben. Aber dieser Govert Jaspers wur- 
de bald nach seinem Abgänge aus dem Kloster, als 
er im Felde in einem Testament las, von der Rooroe- 
de gefangen genommen und in die Stadt Brüssel in 
Brabant gebracht, wo er um des Zeugnisses der Wahr- 
heit willen, auf welchem er standhaft beharrte, viel, ja, 
endlich den Tod hat leiden müssen, und ist also, als 
ein tapferer Ritter Jesu Christi, durch die enge Pforte 
durchgedrungen, um das Reich Gottes mit Gewalt ein- 
zunehmen, welches er vor allen Reichen dieser Welt 
erwählt hatte. 

Martin Boßier, 1558. 

Um diese Zeit ist zu Wervyk in Flandern ein Bruder, 
Martin Boßier, um der Wahrheit willen gefangen ge- 
nommen worden, welcher nach großer Anfechtung 
und Prüfung um des Zeugnisses Jesu Christi willen 
auch (durchs Feuer) den zeitlichen Tod hat leiden müs- 
sen; darum wird nun der zweite Tod über ihn keine 
Gewalt haben. 

Absalom von Thomme, oder der Sänger, 1558. 

Alle, die Christo nachfolgen wollen, müssen sein 
Kreuz auf sich nehmen; solches haben wir an einem 
Bruder, Absalom von Thomme, oder der Sänger, wahr- 
genommen, welcher, um der Wahrheit willen, im Jah- 
re 1558 zu Kortryck in Flandern gefangen worden 
ist. Nachdem er nun untersucht worden ist und sein 
Glaubensbekenntnis abgelegt hat, so haben sie ihm 
mit Drohen und Peinigen sehr hart zugesetzt, um ihn 
zum Abfalle zu bringen; aber er ist in allem stand- 
haft mit einem festen Vertrauen an Gott geblieben, 
weshalb er auch zum Tode verurteilt und verbrannt 
worden ist; er hat sich als ein guter Jünger oder Knecht 
Christi erwiesen, der nicht über seinem Herrn, son- 
dern ihm gleich sein, das ist, mit ihm leiden wollte, 
um ins Reich Gottes einzugehen, gleich wie Christus 
leiden musste, und so zu seiner Herrlichkeit einging. 


Wilhelm von Haverbeke, 1558. 

Wilhelm von Haverbeke hatte auch, um des Namens 
des Herrn willen, nicht nur Verfolgung erlitten, son- 
dern sich auch gefangen nehmen und vor Herren und 
Fürsten führen lassen, woselbst er seinen Glauben oh- 
ne Scheu bekannt hat, auch bei demselben standhaft 
geblieben ist, ohne daß er durch irgend ihm zugefüg- 
te Leiden, Pein oder Marter zum Abfalle bewogen 
worden wäre; die Liebe Gottes hatte sich so sehr in 
seinem Herzen ausgebreitet, daß er auch endlich um 
deswillen verurteilt worden ist, und seinen Glauben 
zu Kortryck in Flandern im Jahre 1558 mit seinem 
Tode befestigt hat. 

Daniel Verkampt, 1558. 

Um dieser Zeit ist auch, nach viel erlittener Verfol- 
gung, zu Kortryck in Flandern um der wahren Be- 
kenntnis des Wortes Gottes willen ein junger Gesell, 
genannt Daniel Verkampt, gefangen genommen wor- 
den, welcher, als er von dem Diakon von Ronse und 
Polet scharf verhört worden ist, seinen Glauben frei- 
willig und ohne Scheu bekannt und gesagt hat, er 
wolle bis an seinen Tod standhaft dabei bleiben, aber 
von seinen Glaubensgenossen hat er niemand in Un- 
gelegenheit bringen wollen. 

Hernach haben Ronse und Polet die Mutter dieses 
Jünglings vor sich entboten, welche ein kleines altes 
Weib war, das an einem Stocke ging; als sie nun vor 
ihnen erschien, haben sie ihr als strafwürdig vorgehal- 
ten, daß sie ihren Sohn, den sie als Ketzer befunden, 
beherbergt hätte und daß sie (nach des Kaisers Befeh- 
le) ihres Lebens und ihrer Güter verlustig sei. 

Darauf antwortete sie mit sanften Worten: Meine 
Herren, soll ich Leib und Leben verlieren, weil ich 
meinen eigenen Sohn, den ich unter meinem Herzen 
getragen, mit Pein geboren und mit Schmerzen aufer- 
zogen habe, zu Zeiten in seiner Not beherbergt habe, 
da er doch kein Dieb oder Schelm, sondern, wie be- 
kannt, der tugendhafteste Jüngling unseres Dorfes ist, 
und das nur darum, weil ihr sagt, daß er ein Ketzer 
sei? Ich meine, wenn der Kaiser hier gegenwärtig wä- 
re, von welchem ihr, wie ihr sagt, einen Befehl habt, er 
würde sagen, daß ihr seinen Befehl gegen mich miss- 
braucht, und mich loben, weil das mütterliche Herz 
sich über ihr Kind, welches sonst nichts getan hat, 
erbarmt habe. Fürwahr, meine Herren, das ist gegen 
eure geziemende Weisheit und Bescheidenheit, denn 
wisset, hätte ich in derselben Stunde, als ihr ihn zu 
fangen kamt, ihn in meinem Leibe vor euch verbergen 
können, und ich hätte ihn auch abermals neun Mona- 
te in meinem Leibe tragen, gebären und auferziehen 



236 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


müssen, wie ich einmal getan habe, Gott weiß es, ich 
hätte solches gern getan; dieses hat sie so beweglich 
vorgestellt, daß alle Herren, die daselbst gegenwärtig 
waren und beisaßen, sie für unschuldig erklärten und 
sagten, daß sie nichts gegen die Art eines aufrichtigen 
mütterlichen Herzens getan hätte. Also ist die Mutter 
frei geworden; der Sohn aber musste die Standfes- 
tigkeit seines Glaubens und der Liebe Gottes, die in 
ihm brünstig entzündet war, mit dem Feuer bezahlen 
und ist um des Zeugnisses Jesu Christi willen, der ihn 
auch in ewige Freiheit setzen wird, verbrannt worden. 

Marcus der Lederschneider, im Jahre 1558. 

Nicht lange hernach ist auch zu Kortryck in Flandern 
ein Bruder, genannt Marcus, der Lederschneider, ge- 
fangen genommen worden, welcher, nachdem man 
ihm heftig zugesetzt und ihn gepeinigt hat (wobei 
er gleichwohl standhaft geblieben ist), zum Tode ver- 
urteilt hat und mit Feuer verbrannt worden ist; so 
hat er Gott seine Seele aufgeopfert, der sie auch sehr 
angenehm aufgenommen hat. 

Jacob, der Maurer. 

Im Jahre 1558 ist zu Antwerpen ein Bruder, Jacob, 
der Maurer, gefangen genommen worden, weil er das 
Wort Gottes bewahrte und darnach lebte, welcher, 
nach vieler Untersuchung und Qual, als er nicht abfal- 
len oder abweichen wollte, zum Tode verurteilt, und 
auf den Markt gebracht worden ist, mit einem Zau- 
me im Munde, daß er nicht reden sollte; gleichwohl 
ist er freimütig zum Tode gegangen und hat seinen 
bekannten Glauben tapfer mit seinem Blute bezeugt. 

Ludwig, der Weber, 1558. 

In demselben Jahre ist der Bruder Ludwig, der We- 
ber, zu Antwerpen auf dem Steine enthauptet worden, 
weil er bei dem Bekenntnisse seines Glaubens stand- 
haft verharrte. 

Franz Tiban und der kleine Dirck, 1558. 

Bald darauf sind auch zwei Brüder, Franz Tiban und 
der kleine Dirck, zu Antwerpen um ihres Glaubens 
willen gefangen genommen, verhört und gepeinigt 
worden, und haben viel Drangsal erlitten, sind auch 
endlich, als sie keineswegs abweichen wollten, zum 
Tode verurteilt und auf dem Steine enthauptet wor- 
den. 


Henrich, Lederverkäufer, Anthonius und Dirck, 
der Maler, im Jahre 1558. 

Auch sind zu Antwerpen diese drei Brüder, nämlich 
Henrich, der Lederverkäufer, Anthonius und Dirck 
der Maler, um der Wahrheit willen gefangen genom- 
men worden, welche als ernstliche Nachfolger und 
rechte Schafe Christi um seinetwillen den Tod haben 
schmecken müssen und mit dem Schwerte hingerich- 
tet worden sind. 

Waechlinck Dirckß, Martin Schuhmacher, und 
Adrian Pieterß. 

Im Jahre 1558 sind Waechlinck Dirckß, Martin Schuh- 
macher und Adrian Pieterß, welche alle drei zu Win- 
ckel geboren waren, um des Evangeliums und der 
Wahrheit Gottes willen gefangen genommen worden, 
sind auch endlich alle drei, als sie bei derselben Stand 
hielten und nicht abfallen wollten, zu Grafenhaag 
in Holland verurteilt und als fromme Zeugen Jesu 
Christi getötet worden, weshalb sie nun die Krone 
des Lebens erwarten. 

Walter von Honschoten. 

In demselben Jahre 1558 ist zu Honschoten in Flan- 
dern ein Bruder, ein junger Geselle, Walter von Hon- 
schoten, weil er dem Worte Gottes nachfolgte, gefan- 
gen genommen worden; und weil er seinen Glauben 
ohne Scheu bekannte und davon keineswegs abfallen 
wollte, so ist er endlich zum Tode verurteilt und als 
frommer Zeuge Gottes verbrannt worden. 

Jacob Schwartz, Hans von der Brücke und mehr 
andere. 

Im Jahre 1558 ist ein Bruder, genannt Jacob Schwartz, 
des Johann Schwartz Sohn, sowie Hans von der 
Brücke, als sie von Ostende nach Brügge gingen, um 
die Predigt des Wortes Gottes zu hören, daselbst mit 
mehreren andern ergriffen worden. Da sie nun durch 
keine Leiden von der Liebe Gottes abgeschreckt oder 
geschieden werden konnten, so sind sie endlich zum 
Tode verurteilt worden und haben im Sommer, um St. 
Johannistag, ihr Leben um des Zeugnisses des Evan- 
geliums willen tapfer geendigt. 

Hans, der Deutsche, 1558. 

Um diese Zeit wurde auch zu Antwerpen ein Bru- 
der, genannt Hans der Deutsche, ergriffen, der seinen 
Glauben tapfer bekannt hat und davon nicht abwei- 



237 


chen wollte; denn er wollte lieber um der Wahrheit 
willen des zeitlichen Todes sterben und so das ewige 
Leben erlangen, als für ein kurzes sündhaftes Leben 
mit dem ewigen Tode ausbezahlt werden. Diesen ha- 
ben sie auf dem Steine oder im Gefängnisse enthaup- 
ten lassen, und dann, wie rasende Menschen, seinen 
Leib in die Schelde geworfen. 

Sander Henrichs, Hans, der Schmied, Hans von 
Burculo, Peter von der Bettewary, Arent und 
Gerhard, Bortenwirker, 1558. 

Nicht lange darauf sind auch zu Antwerpen, auf dem 
Markte, öffentlich vor allen Menschen um der Wahr- 
heit willen sechs Brüder getötet worden, nämlich: 
Sander Henrichs, Hans, der Schmied, Hans von Bur- 
culo, Peter von der Bettewary, Arent und Gerhard, 
Posamentirer, welche alle den Namen Christi tapfer 
bekannt haben und nun die Krone der Herrlichkeit 
erwarten, die allen Helden des Herrn zugesagt und 
verheißen ist. 

Gritgen, Tanneken, Lyntgen und Styntgen von 
Aachen, im Jahre 1558. 

Es wurden auch nicht lange darauf zu Antwerpen 
vier Schwestern, mit Namen Gritgen, Tanneken, Lynt- 
gen und Styntgen von Aachen, ihres Glaubens wegen 
gefangen genommen. Als sie nun scharf untersucht 
wurden, aber gleichwohl von ihrem Glauben nicht ab- 
gebracht werden konnten, sondern als Heldinnen für 
den Namen Christi stritten und allezeit unbeweglich 
bei der Wahrheit blieben, so sind sie endlich krumm 
gebunden und auf dem Steine ertränkt worden. 

Janneken und Noele, 1558. 

Desgleichen wurde zu Antwerpen um des Glaubens 
willen ein junges Töchterlein, genannt Janneken, ge- 
fangen genommen, welche, als sie vor die Herren kam, 
ihren Glauben ohne Furcht bekannt hat. Der Mark- 
graf sagte: Janneken, willst du abfallen, so will ich 
dir gnädig sein; folge mir, dann will ich dir das Le- 
ben schenken. Sie aber antwortete: Das Leben, das 
du mir schenken willst, begehre ich nicht, denn deine 
Verheißungen sind nichtig und schwankend, wie ein 
Rohr, und würden mich, wollte ich sie annehmen, nur 
in größeres Leid stürzen; verflucht sind alle, die auf 
Menschen vertrauen. 

Es war daselbst ein Prediger, Balthasar genannt, der 
sie überreden wollte, daß Gott im Sakramente wäre; 
sie aber wollte solches nicht bekennen, sondern sagte: 
Ihr schändet Gott also in eurem Leibe; lies aber nur 


das Vaterunser. Und als er es vorlas, sagte sie: Siehst 
du wohl, du liest hier, daß er im Himmel sei, wie 
darfst du nun sagen, daß er im Sakramente sei? 

Sie wurde vom Schultheißen vor Gericht gefragt, ob 
sie wiedergetauft wäre. Darauf entgegnete sie: Fragt 
mich nach meinem Glauben, denselben will ich euch 
ohne Scheu bekennen, oder schämt ihr euch dessel- 
ben? Ich bekenne eine Taufe, welche auf den Glauben 
geschehen muss und die Kinder nicht berührt, wohl 
aber zuvor eine Besserung des Lebens erfordert. Der 
Schultheiß sagte: Wir haben genug getan um dich zu 
gewinnen; hättest du dir zum Abfalle raten lassen 
wollen, so hättest du wohl getan. Sie antwortete: Ihr 
habt mein Fleisch geliebt, nicht aber meine Seele; die- 
se hättet ihr gern verschlungen, aber Gott wird sie wie 
ein Kind aufnehmen und zum Erben machen; und ob- 
gleich du jetzt ein Schulze bist in deiner Herrlichkeit, 
so wirst du es doch endlich im Gerichte Gottes be- 
klagen und wünschen, lieber in der Furcht Gottes ein 
Schäfer gewesen zu sein. Darauf wurde sie zum Tode 
verurteilt und ist, als sie ihren Geist in die Hände Got- 
tes befahl, nebst einer andern Frau, Noele genannt, in 
einer Bütte ertränkt worden. 

Adrian von Hoe, Joos Meeuwens, Wilhelm, 
Gossen, Eckbert, ein Hutmacher, und Lambert von 
Doornik, im Jahre 1558. 

Gleichwie die Juden von der Apostel Zeit an die Ver- 
sammlungen der Christen beneidet und sie überall, 
wo sie hinkamen, zerstört haben, so haben auch nach- 
her durchgehend ihre Nachfolger, des Antichristen 
Diener, getan, welches noch im Jahre 1558 bei Door- 
nik zu ersehen war, wo einige Christen und gläubige 
Kinder Gottes versammelt waren, um durch die Pre- 
digt des Wortes Gottes erquickt, erbaut und gebessert 
zu werden; diese wurden auch ausgekundschaftet, 
verstört, zum Teil zerstreut und sechs derselben ge- 
fangen genommen, nämlich: Adrian von Hoe, Messer- 
schmied, Joos Meeuwens, Wilhelm, ein Hutmacher, 
Gossen, ein Hutmacher, Eckbert, ein Hutmacher und 
Lambert von Doornik. Diese wurden sämtlich nach 
Doornik geführt, und als sie daselbst vierzehn Tage ge- 
fangen gesessen hatten, wurden sie, weil sie dem rech- 
ten Glauben in Gott standhaft und unverändert anhin- 
gen, zum Tode verurteilt, sodann unweit Doornik bei 
dem Walde auf das Henegausche Gebiet geführt und 
daselbst als fromme Zeugen Gottes verbrannt, die das 
höllische Feuer nicht schmecken, sondern mit allen 
Auserwählten des Herrn in Freuden leben werden. 



238 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Joris Wippe, Joostens Sohn, wird zu Dortrecht im 
Jahre 1558 getötet. 

Als Joris Wippe noch in der Finsternis des Papsttums 
lebte, ist derselbe Bürgermeister zu Meene in Flan- 
dern, wo er gebürtig war, gewesen; als er aber nach- 
her zur Erkenntnis des Evangeliums kam, musste er 
aus dem Lande flüchten, und hat sich zu Dortrecht in 
Flolland häuslich niedergelassen, wo er eine Tuchfär- 
berei angelegt hat. Als er nun eine Zeitlang daselbst 
gewohnt hatte und anfing bekannt zu werden, so wur- 
de ihm durch das Anhetzen der Feinde der Wahrheit 
befohlen, zu den Herren in die große Kirche zu kom- 
men. Darüber ist Joris in etwas erschrocken und hat 
mit einigen Tuchkrämern, für welche er färbte, und 
welches Leute von Ansehen waren, Rat gehalten, was 
er tun sollte. Die Leute, welche der Obrigkeit alles 
Gute zutrauten, haben für ratsam gefunden, daß er 
hingehen und hören sollte, was sie ihm zu sagen hät- 
ten. 

Als er nun dahin kam, sind die Herren, da sie ihn 
sahen, erschrocken und hatten lieber gewollt, daß er 
ihre Aufforderung für eine Warnung angenommen 
hätte, um sich heimlich davon zu machen; denn sie 
waren nicht sehr durstig nach unschuldigem Blute; 
weil er aber erschienen war, so hat der Schultheiß, als 
er wieder aus der Kirche gehen wollte, Hand an ihn 
gelegt, als an einen, der nach des Kaisers Befehl Leib 
und Güter verschuldet hatte; dieses ist den 28. April 
1558 geschehen. 

Als er nun gefangen war, haben die Herren allen 
Lleiß angewandt, um ihn vom Tode zu erretten; er 
wurde nach Grafen-Haag gesandt, wo der Hof von 
Holland ist, und daselbst verhört; weil er aber zu Dort- 
recht gewohnt hatte und daselbst gefangen genom- 
men war, so ist er wieder dahin gesandt, und endlich 
daselbst getötet worden. 

Er hat wegen seiner Freigebigkeit gegen die Armen 
ein gutes Andenken hinterlassen, denn als er zum To- 
de verurteilt war, hat es selbst der Scharfrichter mit 
weinenden Augen beklagt, daß er einen solchen Mann 
töten müsse, der seinem Weibe und seinen Kindern oft 
Gutes getan und sie gespeist hatte, und wollte lieber 
seinen Dienst quittieren, als diesen Mann töten, der 
ihm und andern so viel Gutes, niemals aber jemanden 
etwas Böses getan hätte. Endlich ist er in der Nacht in 
einem mit Wasser angefüllten Weinfasse durch einen 
der Büttel im Gefängnisse ertränkt worden, welcher 
nach dem Befehle des Herrn das Scharfrichteramt an 
ihm verrichtete und ihn rücklings ins Wasser stieß. In 
solcher Weise hat er dem Herrn sein Leben aufgeop- 
fert, den 1. Oktober, als er 41 Jahre alt war. Tags darauf 
wurde er auf dem Hochgerichte den Leuten zum Ge- 


spötte mit den Beinen an den Galgen aufgehängt, und 
ist also, wie auch sein Meister, unter die Übeltäter ge- 
rechnet worden. Den folgenden Tag wurden einige 
Übeltäter ausgepeitscht und des Landes verwiesen, 
in welcher Beziehung der Scharfrichter, nachdem er 
dieses Amt verrichtet hatte, sagte: Sie haben Christum 
gekreuzigt und Barnabas losgelassen, womit er dieses 
Joris Tod noch beklagt hat. 

Er hat einige Briefe aus seiner Gefangenschaft ge- 
schrieben, von denen uns drei zu Händen gekommen 
sind, und er hätte wohl deren noch mehr geschrie- 
ben, wenn nicht so scharfe Aufsicht über ihn gehalten 
worden wäre, daß man ihm auch keine Tinte gestat- 
tet, weshalb er den letzten Brief an seine Kinder mit 
Maulbeersaft geschrieben hat. 

Nachdem wir in der Schreiberei dieser Stadt das 
Todesurteil dieses Freundes Gottes, Joris Wippe, lange 
gesucht und endlich gefunden, auch dasselbe selbst 
aus dem Buche des Glockenschlags abgeschrieben 
haben, so halten wir es für angemessen, dasselbe hier 
beizufügen, damit die Gewissheit des Erzählten von 
dieses Mannes Tod desto klarer und unumstößlicher 
erscheinen möge. 

Das Todesurteil des Joris Wippe, aufgesetzt und 

abgelesen in der Gerichtskammer, den 4. August 
im Jahre 1558. 

Joris Wippe Joostens, geboren zu Meene in Llandern, 
weil er sich unterwunden, sich wiedertaufen zu lassen, 
auch eine böse Lehre von der Taufe gehabt hatte, wie 
solches sowohl aus Zeugenaussagen, als auch aus 
dem, was die Ratsherren und der Rat hiervon selbst 
gehört und gesehen, wie auch aus seinem eigenen 
Bekenntnisse hervorgeht, soll um deswillen zur Ehre 
Gottes und den Herren und der Stadt zur Besserung 
in einem Lasse ertränkt werden, sein Leib aber soll 
nachher auf das Galgenfeld gebracht und daselbst 
mit den Lüßen an den Galgen aufgehängt werden; 
seine Güter aber sollen verfallen sein und in des Herrn 
Schatzkammer geliefert werden. 

Abgeschrieben aus dem Buche von dem Glocken- 
schlage der Stadt Dortrecht, welches den letzten Ok- 
tober 1554 anfängt und den 16. Juni 1573 endigt. 

Dieses ist das erste Todesurteil, welches wir in die- 
sem Buche gefunden haben, das über Glaubenssachen 
öffentlich gegen jemanden ausgesprochen worden ist. 
Er wird nicht angegeben, ob dieses Urteil in der Ge- 
richtskammer vor den Herren allein, oder in öffentli- 
chem Gerichte vor allen Menschen bekannt gemacht 
worden sei; es ist uns auch wenig daran gelegen, ob 
wir solches wissen; wenigstens ist gewiss, daß sein 
Tod darauf erfolgt ist. 



239 


Weil aber, nach den Zeugnissen der Alten, der 
Scharfrichter nicht willens war, diesen Mann hinzu- 
richten, auch die Herren des Gerichts nicht wenig 
bekümmert waren, obgleich sie sich von den Pfaffen 
und Mönchen hatten überreden lassen, so ist, nach 
vorgelesenem Urteile, die Hinrichtung über sieben 
Wochen aufgeschoben worden, nämlich vom 4. Au- 
gust bis zum 1. Oktober des Jahres 1558. 

Darauf ist dann erfolgt, daß er in der folgenden 
Nacht durch einen von den Bütteln, wie zuvor gemel- 
det worden ist, auf der Buylpforte zu Dortrecht, wo er 
gefangen saß, in einem Weinfasse ertränkt worden ist, 
nachdem er seine Seele in die Hände Gottes befohlen 
hat. 

N acherinnerung. 

Nach der Nachricht des Johann von Beverwyk von 
der Stadt Dortrecht haben, als das Todesurteil über 
diesen frommen Mann gefällt worden ist, nachfolgen- 
de Personen im Gericht gesessen: 

Adriaen von Blyenberg Adriaenß (welcher auch 
bei dem Todesurteile der Diana Pieterß zu Gericht 
gesessen hat), als Schultheiß von Dortrecht. Ferner als 
Ratsherren: 

1 . Mr. T. Schoock Herr Pieterß, 

2. Cornelius Krooswyk Janß, 

3. Franz Anthoniß, 

4. Mr. Aert von der Lede Herr Staeß, 

5. Wilhelm Bouguet Blasius, 

6. Adrian von Rispen Gerriß, 

7. Franz Adrianß, 

8. Heyman von Blyenberg Adrianß, und 

9. Cornelius von Bevern Claeß. 

Ob aber alle diese Personen mit dem Todesurteile 
übereingestimmt haben, wird nicht angegeben; doch 
hat der größte Teil hierin gewilligt, wie es scheint, 
was wohl nicht ohne Kummer und ohne Anklage ih- 
res eigenen Gewissens geschehen sein mag, weil sie 
kurz zuvor den Patienten gerne los gewesen wären, 
und ihn um deswillen nach dem Haag, dem Sitze des 
Hofes von Holland, gesandt hatten, daß er daselbst 
verurteilt werden sollte. Als er ihnen aber wieder zu- 
rückgesandt wurde, haben sie ihn verurteilt; gewiss, 
das war eine klägliche Sache ihrerseits, aber für den 
Märtyrer war es eine erfreuliche Sache, weil sein Tod 
ein Eingang in das ewige und selige Leben war. 


Der erste Brief von Joris Wippe, geschrieben an 

sein Weib, als er von Dortrecht nach dem Haag 
gesandt wurde. 

Die ewige Freude und der Trost, welche kein Ohr 
gehört, kein Auge gesehen und in keines Menschen 
Herz gekommen ist, diese Freude und diesen Trost 
wünsche ich dir, meine allerliebste in Gott geliebte 
Hausfrau und Schwester im Herrn zum herzlichen 
Gruße, Amen. 

Mein herzlich geliebtes Weib und Schwester im 
Herrn, ich wünsche dir die Freude des Heiligen Geis- 
tes in dein Herz, zum herzlichen Gruße in Gott un- 
serm Heiland und Herrn, welche Freude des Geistes 
ist: Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, 
Gütigkeit, Glaube, Sanftmut, Mäßigkeit, wider alle sol- 
che ist das Gesetz nicht; denn die Christo angehören, 
kreuzigen ihr Fleisch samt den Lüsten und Begierden. 

Darum, meine liebe eheliche Schwester im Herrn, 
habe Acht auf dich selbst, damit du mit diesem köst- 
lichen Geiste besamt seiest, denn wie der Same ist, 
eine solche Frucht gebärt man. Achte nicht die Freude 
und Vergnügung dieser Welt, denn was der Mensch 
sät, das wird er auch ernten; wer aufs Fleisch sät, der 
wird vom Fleisch das Verderben ernten, wer aber auf 
den Geist sät, der wird vom Geiste das ewige Leben 
ernten. Ach liebe Schwester in dem Herrn! Laß uns 
Gutes tun ohne Verdruss, denn zu seiner Zeit wer- 
den wir auch ernten ohne Aufhören; weil wir nun 
Zeit haben, so lasst uns Gutes tun an allen Menschen, 
am meisten aber unter den Glaubensgenossen; darum 
halte allezeit an mit Bitten, Wachen und Flehen im 
Geiste in all deinen Anliegen zum Herrn; lasse deine 
Züchtigkeit samt deinem Gehorsame und deiner Lie- 
be zu Gott einen Spiegel und Vorbild sein allen unsern 
lieben Kindern, welche der heilige Herr uns sämtlich 
gegeben hat zum Lobe und Preise seines Vaters, und 
spare keinen Fleiß, sie zu unterrichten und zu ver- 
mahnen; züchtige sie, damit es der Herr nicht von 
deiner Hand fordere; wendet aber allen Fleiß an, daß 
ich euch alle Wiedersehen möge in der Auferstehung 
der Gerechten. Seid zufrieden und richtet allezeit euer 
Herz und Gemüt auf den lebendigen Gott, denn er 
wird Witwen und Waisen nicht verlassen, sondern 
seine Augen sehen auf die Bedrängten, Witwen und 
Waisen, und seine Ohren auf ihr Gebet. Darum sei 
geduldig und befiehl dem Herrn alle deine Sachen; er 
wird nun dein freundlicher Vorsteher sein, wenn du 
ihm treu bleibst, so wird er dir auch treu sein; es wird 
an ihm nicht fehlen. 

Ferner lasse ich dich wissen, daß mein Herz und 
Gemüt noch allezeit auf den lebendigen Gott gerichtet 
ist, und ich hoffe, durch seine große Barmherzigkeit, 



240 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


mich nicht von ihm zu scheiden, warte auch alle Ta- 
ge auf meine Erlösung; ich dachte, deine Schwester 
wäre zu rechter Zeit gekommen mein Opfer zu sehen. 
Ich wusste es eine Zeitlang nicht anders, aber meine 
Stunde war noch nicht gekommen; der Herr weiß die 
Seinen zu bewahren bis zur bequemen Stunde. Ach, 
liebe eheliche Schwester, bitte den Herrn für mich, so- 
lange ich dieses arme, schwache Fleisch an mir habe, 
ich hoffe, deiner auch in meinem Gebete eingedenk 
zu sein; ich danke dir herzlich im Herrn, daß du mir 
eine solche freundliche Ermahnung zugesandt hast, 
denn sie ist eine Speise der Seele, und für das Zeitliche 
danke ich dir auch. 

Hiermit befehle ich dich dem allmächtigen Gott 
und dem Worte seiner Gnade, Amen. Grüße mir sehr 
in dem Herrn alle Brüder und Schwestern. 

Geschrieben von mir, Joris Wippe, deinem Manne 
und Bruder im Herrn, gefangen im Haag in Holland 
um des Zeugnisses Jesu Christi willen. 

Der zweite Brief von Joris Wippe, geschrieben an 
sein Weib, als die von Dortrecht ihn im Haag 
gefangen gelegt hatten. 

Die ewige Freude, Gnade und Friede von Gott, unse- 
rem himmlischen Vater, durch Jesum Christum, un- 
sern Herrn und Seligmacher, und die Freude des Hei- 
ligen Geistes wünsche ich dir in dein Herz und Ge- 
wissen, mein herzlich geliebtes und gutes Weib und 
Schwester in dem Herrn, zum herzlichen Gruße in 
dem Herrn, samt allen deinen lieben Kindern, die uns 
Gott gegeben hat; demselben sei Preis von Ewigkeit 
zu Ewigkeit, Amen. 

Meine herzliebes und sehr geliebtes Weib und 
Schwester in dem Herrn, ich grüße dich mit solchem 
Liebesherzen in dem Herrn mit dem Gruße Christi, 
auch alle meine lieben, gehorsamen Kinder, welche 
uns der heilige Herr miteinander gegeben hat, zum 
Lob und Preis seines Vaters; mein herzliches, eheli- 
ches, liebes Weib im Herrn, ich berichte dir abermals 
mit Freuden, daß mein Gemüt, mein Herz und meine 
Seele noch auf den lebendigen Gott und Vater ge- 
richtet sei durch Jesum Christum, seinen werten und 
geliebten Sohn, unsern Seligmacher; ich hoffe durch 
seine väterliche Liebe, die er an mir armem, unnützen 
Knechte beweist, und durch seine große Barmherzig- 
keit, von ihm und seinem heiligen Worte mich nicht 
zu scheiden, denn sein Wort ist die Wahrheit und sein 
Gebot das ewige Leben. Er ist uns vorgegangen in so 
vielem Drange und Jammer, wir müssen seinen Fuß- 
stapfen nachfolgen, denn der Knecht ist nicht über 
seinem Herrn; er hat uns ja so liebreich ermahnt: Ha- 
ben sie mich verfolgt, so werden sie euch auch verfol- 


gen; haben sie mich in den Bann getan, so werden sie 
euch auch in den Bann tun; und und das alles werden 
sie euch tun, weil sie weder mich noch meinen Vater 
erkannt haben. 

Darum, mein herzliebes und in Gott geliebtes Weib, 
gib dich zufrieden, und setze dein Herz und deine 
Hoffnung ganz auf den lebendigen Gott; er wird dich 
mit allen deinen Waisen keine bedrängte Witwe sein 
lassen, denn seine Augen sehen auf die Gerechten, 
und seine Ohren auf ihr Gebet, und er wird der Wit- 
wen und Waisen Sache wohl aufhelfen. 

So halte nun, mein herzliebes Weib, den allmächti- 
gen Gott für deinen Schutz, und fasse in dein Herz ein 
männliches Gemüt, wie die makkabäische Mutter mit 
ihren sieben Söhnen; und bitte den heiligen Herrn um 
Weisheit und Verstand; halte auch an in all deinem An- 
liegen bei Gott mit Bitten und Flehen im Geiste, daß 
du alle unsere Ölzweige zu seiner Ehre und Verherr- 
lichung seines heiligen Namens auferziehen mögest, 
damit es nicht von deinen Händen gefordert werde. 
Bisher hast du dein Bestes getan mit Ermahnen und 
Züchtigen; erhalte sie darin durch des Herrn Hilfe 
und sei allezeit den Ältesten der Gemeinde untertan; 
denn sie wachen über eure Seele, damit sie dies mit 
Freuden tun mögen, und wenn du einen Rat oder Hil- 
fe in irgendeiner Sache nötig hast, so halte mit den 
Ältesten Rat, wie wir bisher getan haben; sei gastfrei 
und vergiss das Mitteilen nicht, denke oft an die ar- 
me bedrängte Witwe, die nur zwei Scherflein in den 
Schatzkasten legte; wahrlich, sagte Christus, sie hat 
mehr eingelegt, als sie alle; damit du als eine rechte 
Witwe vor dem Herrn erfunden werden mögest, die 
der Heiligen Füße gewaschen und den Trübseligen 
Handreichung getan hat, die da Kinder in der Furcht 
Gottes aufgezogen hat und allen guten Werken in der 
Furcht Gottes nachgekommen ist; bitte den Herrn flei- 
ßig, daß er dich mit seinem göttlichen Geiste regieren 
wolle, denn er ist der wahrhafte Tröster aller Kinder 
Gottes; damit du deinen Witwenstand, solange es ihm 
gefällt, zu seinem Preis und seiner Ehre führen mö- 
gest. Ich danke dir sehr herzlich für deine Liebe, die 
du durch deine angenehme Ermahnung, die du mir 
zugesandt, an mir erwiesen hast; ich habe zu dem hei- 
ligen Herrn auch ernstlich für dich gebetet, und hoffe 
es für dich zu tun, solange ich in diesem zeitlichen Le- 
ben bin; sei meiner auch eingedenk in deinem Gebete, 
bis ich diesen sterblichen Rock abgelegt haben werde. 

Hiermit befehle ich euch dem allmächtigen Gott 
und dem Worte seiner Gnade und mache nun den 
ewigen Abschied bis in die Auferstehung der Gerech- 
ten; dann werden wir, hoffe ich, in einen Schafstall 
versammelt werden, dann werden wir die erfreuli- 
che Stimme unseres Bräutigams hören: Kommt, ihr 



241 


Gesegneten meines Vaters und besitzt das Reich, das 
euch vom Anfang der Welt her bereitet worden ist. Se- 
lig und heilig ist derjenige, der Teil hat an der ersten 
Auferstehung, denn über denselben soll der zweite 
Tod keine Gewalt haben, sondern wir werden Priester 
Gottes und Christi sein, und mit ihm tausend Jahre 
regieren, denn Christus ist die Auferstehung und das 
Leben, und sollen wir die Stimme hören, so müssen 
wir seiner teilhaftig sein. 

Grüße mir die Freunde sehr im Herrn, insbesonde- 
re die von Meene und Claes Moykaert und Janneken, 
sein Weib; grüße mir auch Victor Maertens, ich habe 
ihn in Dortrecht wohl gesehen, als ich in der Löwen- 
grube lag. Grüße mir alle, die den Herrn fürchten, und 
ermahne sie, daß sie fleißig seien, damit wir im neuen 
Jerusalem alle Zusammenkommen mögen. Der Herr 
des Friedens sei mit dir. Grüße deine Schwester sehr 
von mir und alle diejenigen, die bei ihr sind. 

Geschrieben von mir, Joris Wippe, deinem Manne 
und Bruder in dem Herrn, der im Haag in Holland in 
Banden liegt. 

Der dritte Brief von Joris Wippe an seine Kinder, 
als er abermals aus dem Haag nach Dortrecht 
geführt wurde. 

Ein ehrbares, tugendhaftes, gottseliges Leben in der 
Furcht Gottes alle Tage eures Lebens zum Preis des Va- 
ters und eurer Seelen Seligkeit, wünsche ich euch, mei- 
ne herzlich geliebten und gehorsamen Kinder zum 
herzlichen Gruß, Amen. 

Meine herzlich und sehr geliebten drei Söhne, es ist 
euch nun, wie ich hoffe, wohl bekannt, daß ich hier 
um des Zeugnisses Christi, unseres Seligmachers, wil- 
len, zum Preis seines allmächtigen Vaters in Banden 
liege, und alle Tage mit Geduld erwarte, wenn es ihm 
gefällt, meinen Leib und meine Seele zur Verherrli- 
chung seines heiligen Namens aufzuopfern. Ich bitte 
euch, meine lieben Söhne, mit dem alten Tobias, daß 
ihr eure arme beraubte Mutter, welcher um des Na- 
mens des Herrn willen alles genommen worden ist, 
alle Tage eures Lebens in Ehren halten wollt, denn sie 
hat euch, wie mir bekannt ist, unter großen Schmer- 
zen und Pein zur Welt gebracht, und euch unter des 
Herrn Hilfe mit großer Sorge und Fleiß so weit brin- 
gen helfen; ich bin nun bisher euer Vorsteher gewesen, 
mit großem Fleiß und Sorgfalt, um euch in der Furcht 
Gottes zu seinen Ehren aufzuziehen; nun ist es der 
Wille des Herrn, daß wir scheiden müssen, und lasst 
euch solches nicht verdrießen. Werdet ihr aber nach 
der Tugend streben, in der Furcht Gottes wandeln 
und seine Gebote halten alle Tage eures Lebens, so 
werden wir endlich mit allen auserwählten Kindern 


Gottes in der Auferstehung der Gerechten in einen 
Schafstall versammelt werden; ich ermahne euch mit 
Tobias, daß ihr alle Tage eures Lebens Gott fürchten, 
niemals in die Sünde einwilligen, oder auch Gottes 
Gebote übertreten wollet, und daß ihr euer Brot mit 
den Hungrigen essen und Almosen geben wollt, von 
dem, was euch der Herr darreicht. Summa, dasselbe 
Testament, welches Tobias seinem Sohne gab, das ge- 
be ich euch auch, ihr könnt wohl lesen, ich bitte euch, 
daß ihr dasselbe oftmals lest; und alles, was unsere 
heiligen Väter ihren Kindern geboten haben, das lasse 
ich auch euch, damit ihr solches fleißig haltet. 

Ich segne euch nun alle, meine gehorsamen, lieben 
und sehr geliebten Kinder, mit dem Gott, womit Abra- 
ham, Issak und Jakob ihre Kinder und alle auserwähl- 
ten Freunde Gottes gesegnet haben; ferner ermahne 
ich dich, Joos, als meinen ältesten Sohn, und Hans- 
ken, meinen zweiten Sohn, daß ihr alle Tage eures 
Lebens eurer armen Mutter Vorsteher in der Furcht 
Gottes sein wollt, und solches befehle ich auch dir, Bar- 
bertgen, meiner lieben Tochter, daß du deiner Mutter 
gehorsam sein, und ihr dabei behilflich sein wollest, 
für alle eure kleinen Schwestern und Pierken Sorge 
zu tragen; lernt auch lesen und seid fleißig in allen 
guten Werken, damit ihr euer Leben in Heiligkeit und 
in der Furcht Gottes zubringen mögt, gleichwie Sa- 
rah, des jungen Tobias Weib, und haltet euch nicht 
zu den unzüchtigen, leichtfertigen Töchtern dieser 
Welt, deren Ende die Verdammnis sein wird, sondern 
seid nüchtern, ehrbar und rechtschaffen in allem Han- 
del, damit ihr behutsam sein und mit allen Tugen- 
den geziert werden mögt, damit ihr, wenn Christus, 
unser Bräutigam, kommt, mit den fünf klugen Jung- 
frauen bereit sein mögt, um mit dem Bräutigam in 
seines Vaters Reich einzugehen. Und nun befehle ich 
dir, Joos und Hansken, daß ihr mit eurer gehorsamen 
Schwester Barbertgen für eure drei kleinen Schwes- 
tern und für Pierken Sorge tragen wollt, daß ihr sie 
lesen und arbeiten lehrt, damit sie in aller Gerechtig- 
keit zur Ehre Gottes und ihrer Seelen Seligkeit auf- 
wachsen. Seid fleißig zu arbeiten mit euren Händen, 
was ehrbar ist, und gedenkt der Worte des Apostels: 
Es ist seliger geben als nehmen; damit ihr durch eure 
Trägheit niemanden beschwerlich fallen mögt; bleibt 
bei eurer Mutter, solange es dem Herrn gefällt, und 
stellt euch in allen Dingen als ein Vorbild der guten 
Werke dar. Werdet ihr aber dienen, so ermahne ich 
euch, daß ihr eurem Herrn oder Meister untertänig 
seid und euch ihm wohlgefällig erweist, ihm nicht 
widersprecht, noch ihn herumtragt, sondern ihm gute 
Treue in allen Dingen erweist, damit ihr die Lehre Got- 
tes, unsers Seligmachers, in allen Dingen ziert; denn 
die Gnade Gottes ist allen Menschen erschienen und 



242 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


lehrt uns, daß wir das ungöttliche Wesen und die welt- 
lichen Lüste verleugnen und in dieser Welt züchtig, 
gerecht und gottselig leben, und die selige Hoffnung 
und Offenbarung der Herrlichkeit des großen Got- 
tes und unseres Seligmachers Jesu Christi erwarten 
sollen, der sich selbst für uns dahingegeben hat, da- 
mit er uns von aller Ungerechtigkeit erlöse, und ihm 
selbst ein Volk des Eigentums reinige, das zu guten 
Werken fleißig wäre; ich ermahne euch alle, meine 
lieben Kinder, daß ihr solches tut; tröstet eure Mutter, 
und lest ihr oft, wenn ihr Zeit habt, ein oder zwei Ka- 
pitel vor, und bringt die Zeit zu, die euch Gott gibt, 
in aller Mäßigkeit und Gerechtigkeit, mit Bitten und 
Flehen zu Gott, daß er euch vor dem Bösen bewah- 
ren wolle; habt keine Gemeinschaft mit den Kindern 
dieser Welt, damit ihr nicht samt ihnen ihrer bösen 
Werke teilhaftig werdet; haltet allezeit Umgang mit 
den Weisen, so werdet auch ihr weise werden, näm- 
lich tapfer und freimütig, daß ihr euch vor dem Argen 
hütet und alle Dinge nach dem Gesetze Gottes tut; 
weicht nicht, weder zur Rechten noch zur Linken; tut 
auch nichts dazu, noch davon, damit ihr vorsichtig 
wandeln mögt, wo ihr hingeht, und lasst euch nicht er- 
schrecken, denn euer Herr, euer Gott, ist mit euch, wo 
ihr hingeht, und wird euer Beschützer sein; redet auch 
allezeit die Wahrheit; euer Mund gewöhne sich nicht 
zum Lügen; denn ein Mund, der da lügt, tötet die 
Seele; wenn ihr aber redet, so redet Gottes Wort; dann 
wird euch der Herr, euer Gott, wohl forthelfen von 
einer Gerechtigkeit zu andern, denn vor ihm ist nichts 
verborgen, seine Augen sind, wie Feuerflammen. 

Hiermit nehme ich einen ewigen Abschied von 
euch, meine lieben Kinder, bis zur Auferstehung, und 
befehle euch sämtlich dem allmächtigen Gotte und 
dem Worte seiner Gnade, Amen. 

Der Geist müsse über euch bereit sein, um euch in 
aller Gerechtigkeit zu trösten und zu stärken. 

Geschrieben von mir, Joris Wippe, eurem Vater, ge- 
fangen zu Dortrecht auf der Buylpforte um des Zeug- 
nisses Jesu Christi willen. 

Gotthardt von Nonnenberg und Peter Kramer, 1558. 

Gotthard von Nonnenberg und Peter Kramer waren 
beide treue Männer, welche unter den Brüdern im 
Bergischen Lande einen erbaulichen Wandel führten, 
wo damals die Wahrheit des Evangeliums wieder zu 
leuchten anfing, und sehr viele Menschen dem Glau- 
ben und der Erkenntnis der Wahrheit zufielen. Darum 
sind diese beiden Männer zu Dienern der Gemein- 
de und Armenpflegern berufen und erwählt worden, 
welches Amt sie eine Zeitlang verwaltet und treulich 
bedient haben, und weil sie in Christo Jesu gottselig 


zu leben suchten, so ist auch darauf erfolgt, daß sie ha- 
ben Verfolgung leiden müssen, wie sich solches erwie- 
sen hat, denn sie sind beide in einer Nacht gefangen 
genommen und nach Winnck gebracht worden. Hier 
hat sie der Rentmeister aufgenommen, um seinen 
Mutwillen an ihnen auszuüben und ihnen Schmach 
anzutun; sie aber (die Männer) nahmen sich fest vor, 
bei der Wahrheit zu bleiben. 

Sie lagen daselbst eine lange Zeit gefangen und ha- 
ben viele Anfechtungen und manchen Streit ertragen 
und leiden müssen, damit sie die Wahrheit verlas- 
sen sollten; für diesen Fall sollte ihnen das Leben ge- 
schenkt sein, und sie sollten wieder zu ihren Kindern 
und Weibern gehen. Aber das konnten sie aus Liebe 
zu ihrem Herrn nicht tun, daß sie von der Wahrheit 
abfallen und sich zu der Menschen Lehre wenden soll- 
ten, sondern sie haben viel lieber ihre Weiber, Kinder 
und ihre zeitlichen Güter verlassen, ja, auch zuletzt 
ihr Leben, Fleisch und Blut gaben sie lieber dahin zum 
Raube, damit sie die Krone besitzen und ihre Namen 
im Buche des Lebens gefunden werden möchten. Als 
nun die Zeit da war, daß man sie verhören sollte, so 
hat man sie vor die Gelehrten gebracht, welche vie- 
le listige Anschläge an ihnen ausübten; aber diese 
Männer trieben, durch die Hilfe Gottes, ihre klugen, 
listigen Anschläge zurück, ohne daß sie verzagt oder 
davor erschrocken waren; sie suchten auch keinen 
andern Rat oder Weg, sondern wie Christus vorgegan- 
gen ist, so suchten sie ihm sein Kreuz nachzutragen, 
worauf man sie auch verurteilt hat, mit dem Schwerte 
hingerichtet zu werden. 

Als man sie nun aus dem Gefängnisse dahin führ- 
te, wo sie getötet werden sollten, waren und blieben 
diese Männer mutig, fest und standhaft, wie eine Mau- 
er, um bei der Wahrheit auszuharren und von dem 
Glauben nicht abzufallen. Da nun alle Menschen ihre 
Freimütigkeit ansahen und erkannten, daß es aufrich- 
tige und fromme Leute wären, auch nun sahen, daß 
sie um ihres Glaubens willen sterben mussten, so hat 
fast jedermann geweint, der Rentmeister sowohl als 
die Ratsherren, der Landesbote und Scharfrichter, wie 
auch das gemeine Volk, aber das Herz dieser Männer 
war voller Freuden, sie sangen auch vor Freuden mit 
fröhlichem Gemüte. Da fing man abermals an, durch 
mancherlei List mit dem Tröste des Lebens ihnen nach- 
zustellen, um sie kleinmütig zu machen. Solches hat 
sehr lange angehalten, bis nachmittags um zwei Uhr, 
denn so lange hat es der Rentmeister verschoben, weil 
er meinte, ihnen durch Schrecken bange zu machen 
und hoffte, sie würden umkehren. Darum hat er sich 
so große Mühe gegeben, ob er sie etwa auf seine Mei- 
nung bringen möchte, daß sie in die Kirche gegangen 
wären und der Pfaffen Lehre gehört hätten. Als aber 



243 


der Rentmeister bei diesen Männern nichts ausrich- 
ten konnte, sie auf seine Meinung zu bringen, so hat 
er den Scharfrichter gerufen und demselben die Ge- 
fangenen eingehändigt. Der Scharfrichter tat solches 
nicht gerne, sondern nahm sie auf mit Weinen, denn 
es war ihm von Herzen bange, aber Gotthard sagte zu 
ihm: Wie hat mich nach diesem Tage verlangt! Warum 
zögerst du doch so lange? Als nun der Scharfrichter 
anfing, diese Gefangenen zu binden, sagte er zu ihnen: 
Liebe Männer, erschreckt nicht, denn Christus ist auch 
unschuldig gebunden worden. Als aber der Rentmeis- 
ter diese Worte hörte, sagte er zum Scharfrichter: So 
musst du nicht sprechen. Da sagte Peter: Wir bleiben 
fest beim Bunde des Herrn, solches hoffen wir nicht 
zu brechen. Darauf fing Gotthardt an zu reden und 
sagte: Hier muss man Trübsal leiden; wer endlich will 
gekrönt werden, muss hier ritterlich streiten; die Braut 
muss ebenso, wie ihr der Bräutigam vorging, durch 
viel Leiden und Trübsal zur ewigen Freude eingehen. 
Dieses lehren uns die Reden Christi, daß der Herr zwi- 
schen zwei Mördern gekreuzigt sei, solches macht uns 
das Kreuz und Leiden leicht; darum fürchten wir auch 
weder Würgen noch Morden; denn haben sie das am 
grünen Holze getan, was wird mit dem dürren gesche- 
hen? Die Diener Gottes müssen den sauren Wein hier 
auf Erden trinken; wenn wir aber zu Christo kommen, 
so werden wir mit ihm neuen und süßen Wein trin- 
ken. Zuerst müssen wir das Leiden ertragen. Damit 
streckten sie ihre Hände aus und ließen sich gutwillig 
binden, worüber sich viele Menschen verwunderten, 
ja, das gemeine Volk erstaunte und sagte: Welche wun- 
derbaren Dinge sieht man hier! Diese Männer gehen 
so gutwillig zum Tode und konnten doch so leicht 
frei werden. Gotthard sprach: Wir sterben nicht, son- 
dern wir gehen durch den Tod zum ewigen Leben, 
zu Gott und allen seinen lieben Kindern ein, dessen 
haben wir eine gewisse Hoffnung; darum nehmen wir 
diesen Tod mit Freuden auf und haben das Vertrauen, 
daß wir Gott gefallen werden. Als nun der Augen- 
blick herannahte, daß sie sterben sollten, so standen 
sie in aufrechter Stellung, riefen Gott im Himmel an 
und küssten einander als Brüder Christi (zum Zei- 
chen der brüderlichen Liebe und Einigkeit) mit dem 
angenehmen Kusse des Friedens, als solche, die mit 
Gott verbunden sind. Also sind sie, aufrechtstehend, 
enthauptet worden. Weil sie aber unrechtmäßig ge- 
richtet wurden, so sagte der Scharfrichter mit großer 
Angst und Bangigkeit, er wolle dergleichen Männer 
nicht mehr richten. 

Als nun die Häupter abgeschlagen waren, wollte 
das gemeine Volk nach Hause gehen, aber der Rent- 
meister rief dem Volke zu, eilt doch nicht so davon, 
sondern helft erst diese frommen Männer begraben; 


sie sind um keiner Übeltat willen gestorben, sie sind 
weder Diebe noch Mörder, sie waren fromm in ih- 
rem Leben und Wandel; sie haben einen Glauben an- 
genommen, welchen die Herren und Fürsten nicht 
verstehen konnten; darum mussten sie leiden. Also 
sind diese frommen Zeugen Gottes begraben worden, 
ihr ausgesätes Blut aber ist an diesem Orte nicht un- 
fruchtbar geblieben. Gott sei Ehre für alles, Amen. 
Geschehen ungefähr im Jahre 1558. 

Hans Schmid, Henrich Adams, Hans Beck, 
Mattheis Schmid, Dilman Schneider, mit noch 
sieben andern, im Jahre 1558. 

Im Jahre 1558 ist der Bruder Hans Schmidt, ein Diener 
des Wortes Gottes, von der Gemeinde zu des Herrn 
Werk ausgesandt worden, um solche aufzusuchen 
und zu versammeln, die da eifrig um die Wahrheit 
wären. Als er nun, wie von Gott getrieben, sich vor- 
nahm, die Niederlande zu durchziehen, ist er den 9. 
Januar in die Stadt Aachen mit noch fünf Brüdern 
und sechs Schwestern gefangen genommen worden. 
Als sie nämlich in einem Hause versammelt waren, 
um von dem Wortes Gottes zu handeln und sich im 
Gebete befanden, so sind des Nachts viel Diener und 
Pilatuskinder durch Verräterei dahin gekommen, wel- 
che mit Spießen, Hellebarden und bloßen Schwertern, 
auch mit Stricken und Banden wohl versehen, das 
Haus umringt und die Kinder Gottes gefangen ge- 
nommen und gebunden haben; auch nahmen sie eine 
Mutter nebst ihrem Kinde mit, das in der Wiege lag; 
aber dieselben hielten sich tapfer, trösteten sich un- 
tereinander, daß sie unverzagt sein sollten, weil sie 
um der Wahrheit Gottes willen gefangen waren, und 
als sie einander Trost zugesprochen, fingen sie an, vor 
Freude zu singen. Sie wurden bald voneinander ab- 
gesondert und in Gefängnisse gelegt; die Schwestern 
aber waren in ihren Gefängnissen fröhlich und san- 
gen, daß sich die Leute darüber verwunderten. Des 
Morgens führte man sie vor den Richter; dieser rede- 
te mit einem jeden einzeln, und ließ sie dann, als er 
ihre Standhaftigkeit vernahm, wieder ins Gefängnis 
bringen. Aber des andern Tages wurde der Diener 
abermals vor die Herren gerufen, um ihnen anzuge- 
ben, wie viel er getauft hätte, wer sie wären, und wo 
die Gemeinde ihre Versammlung hätte; aber er sag- 
te, sie sollten wissen, daß er lieber sein Leben lassen, 
als solches sagen und dadurch ein Verräter werden 
wollte; er wurde deshalb gepeinigt und eine Viertel- 
stunde hindurch ausgespannt, wozu er sich gutwil- 
lig übergab; er zog seine Kleider selbst aus und ging 
zur Folterbank. Als sie nun damit nichts ausrichten 
konnten, gingen sie fort, kamen aber bald wieder und 



244 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


sagten: Du musst uns beantworten, was wir dich ge- 
fragt haben, oder wir wollen dich so peinigen, daß wir 
auch deine Glieder voneinander reißen wollen; auch 
fragten sie ihn nach der Kindertaufe; er erwiderte, die 
Kindertaufe sei von Menschen eingesetzt, dafür hielte 
er sie, und nicht für die rechte christliche Taufe. 

Sie fragten auch, was er vom Sakramente hielte; er 
entgegnete: Ich halte viel davon, aber was die Pfaf- 
fen brauchen, das ist ja nicht das rechte Abendmahl 
Christi, sondern ein abgöttisches Wesen. 

Darauf haben sie ihm Hände und Füße gebunden, 
ihm auch an die letzteren einen großen Stein gehängt, 
der nicht viel weniger als hundert Pfund schwer war, 
und haben ihn so aufgewunden, daß sogar der Ring 
am Steine zerbrach und der Stein liegen blieb; sie nah- 
men aber einen Strick, befestigten denselben statt des 
gebrochenen Ringes an den Stein, hingen ihm den- 
selben an die Füße und ließen ihn so geraume Zeit 
hängen; doch konnten sie nicht erlangen, was sie be- 
gehrten, darum ließen sie ihn wieder herunter und 
brachten ihn ins Gefängnis bis des Sonntags früh; da 
kamen die Herren der Stadt mit sieben Pfaffen, die ihn 
nach seiner Bestallung fragten, worauf er antwortete, 
er hätte sich nicht ins Amt gesetzt, sondern Gott und 
sein Geist in seiner Gemeinde; denn gleich wie Gott 
seinen Sohn gesandt hat, der Sohn aber die Apostel in 
alle Welt, so sendet er auch noch seine Diener durch 
seinen Geist, daß sie zuerst das Wort Gottes predigen 
sollten, den aber, der solches hört, versteht und glaubt, 
sollten sie taufen, und nicht die säugenden Kinder; 
sie fragten ihn auch wegen der Obrigkeit, ob er sie für 
christlich hielte oder nicht; er sagte, zunächst hielte 
er sie für Diener Gottes, sie seien aber von den Pfaf- 
fen verführt, falsch belehrt und in die Kirche Christi 
nicht einverleibt; auch haben sie ihn gefragt, woher 
die Obrigkeit sei; er sagte: Das Amt und die Gewalt 
ist von Gott; dann fragten sie, ob sie auch Christen 
wären. Er antwortete, wenn sie sich selbst verleugnen, 
von sich selbst ausgehen, das Kreuz aufnehmen, ihre 
Tyrannei und Pracht ablegen und Christo nachfolgen, 
so können sie wohl Christen sein, aber sonst nicht. 
Sie fragten ihn auch wegen des Eidschwurs. Er sag- 
te, Christus habe solchen verboten, und dergleichen 
noch mehr, was wir aber der Kürze wegen auslassen. 

Endlich fragten sie wegen der Menschwerdung 
Christi; er sagte, er glaube, Christus sei ein wahrer 
Gott und wahrer Mensch, die Sünde ausgenommen. 
Zuletzt sagten sie ihm, wenn er noch von seiner Taufe 
abstehen und bekennen wollte, daß er geirrt habe, so 
wollten sie ihm Gnade beweisen; aber er antworte- 
te, gleichwie er die lautere Wahrheit gelehrt hätte, so 
wollte er auch dabei bleiben. Da sagten sie, er wäre in 
ihrer Stadt, darum sollte er nicht so tun, und wenn sie 


solches nicht strafen würden, so würde sie der König 
oder der neue Kaiser am Leibe strafen; mit derglei- 
chen Worten verteidigten sie sich, wie Pilatus; aber 
der Bruder entgegnete, solches würde ihnen schon 
schwer fallen, denn obschon Gott alle Sünden vergebe, 
so würde er doch das unschuldige Blut rächen, auch 
sollten sie nicht denken, daß sie imgestraft bleiben 
würden, wenn sie ihn töten würden; denn es würde 
der Handel vor Christum kommen, der würde die Sa- 
che richten und sich seiner an jenem Tage annehmen. 
Hierauf haben sie ihn wieder in das Gefängnis geführt 
und ihn darin liegen lassen bis den Montag Abend, 
da kam der Richter wieder mit mehreren andern und 
einem Mönche, um mit ihm zu handeln, aber sie rich- 
teten nicht viel aus, sondern er beschämte den Mönch 
so sehr, daß er froh war, als er wieder fortging. Da 
wurden viel mehr Mönche und Pfaffen geschickt, um 
wieder mit ihnen zu handeln und einen Wortstreit mit 
ihm zu halten, aber sie wurden zu Spott und Schan- 
den und konnten diesen Frommen nicht zum Abfalle 
bringen. Bald darauf führte man sie wieder vor und 
untersuchte sie, aber Gott gab ihnen allezeit Weis- 
heit und einen Mund ohne Scheu zu reden, daß sie 
an ihnen kein Unrecht und keine Ursache des Todes 
finden konnten, es sei denn, daß sie den Kaiser zu 
gering achteten. Einmal brachten sie zu dem Bruder 
Henrich insbesondere eine listige Schlange und Läs- 
terer, wobei sie sagten: Ihr verlangt keine Geistlichen, 
nämlich Mönche und Pfaffen, darum haben wir dir 
einen weltlich-gelehrten Mann zugeordnet, um dich 
zu unterweisen; aber Henrich sprach, er wolle von 
ihm nicht unterwiesen sein, es sei denn, daß er von 
Gott und seinem Worte genug unterrichtet wäre, denn 
er wollte das Leben nicht bei einem Toten suchen. Da 
wollte dieser gelehrte Mann die Kindertaufe bewei- 
sen und sagte, die Apostel hätten dieselbe eingesetzt, 
aber Henrich antwortete und redete ihm so zu, daß er 
öffentlich bekennen musste, daß zu der Apostel Zei- 
ten keine Kinder getauft worden seien, auch, daß sie 
keinen Glauben in ihrer Kindheit hätten; solches hat 
Henrich mit Kreide auf die Tafel geschrieben, und zu 
den widerspenstigen Herren gesagt, sie müssten des- 
sen Zeugen sein, auch bezeugen, wie er verstummt 
sei; ferner sagte er: Eben so werden alle eure Gelehrten 
zu Schanden vor des Herrn Wort. 

Einige von den Herren sagten, wenn man diese 
töten würde, so sollten sie ihre Heimat verlassen. 
Einmal hat man sie, die Brüder und Schwestern alle 
zwölf, zusammen gelassen, bei welcher Gelegenheit 
sie von vier Uhr morgens bis zehn Uhr abends bei- 
einander verweilten, auch fröhlich und guten Mutes 
waren, sich miteinander aus des Herrn Wort unterre- 
deten, und anfingen, Gott zu bitten und zu loben. 



245 


Der Bruder Hans, als der Diener, betete ihnen vor, 
so laut als er konnte, sodass das Volk herbeilief und 
zuhörte. Als solches aber vor die Herren kam, sandten 
sie den Amtmann dahin; dieser fragte, warum sie ein 
solch lautes Geschrei gemacht hätten; sie hätten, ant- 
worteten sie, gebetet; doch waren sie eben am Ende, 
als er ankam. Ein Bruder, Mattheis, sagte: Wir wollen 
Gott anrufen, mag uns jemand verbieten oder nicht. 
Des Nachts um zehn Uhr führte man sie wieder von- 
einander; da haben sie mit Freuden durch die Stadt 
gesungen und ihren Glauben bekannt gemacht. Einige 
Ratsherren waren blutdürstig und wollten sie töten, 
einigen aber war es zuwider, denn sie wurden es ge- 
wahr und erkannten es, daß sie unschuldig wären. 
Der Scharfrichter kam wohl fünfmal in der Meinung, 
sie zu richten, aber der Rat war noch nicht mit sich 
einig. Sie waren Willens, den Diener und den Bruder 
Henrich zuerst zu richten, denn diese hatten sich am 
meisten verantwortet und ihnen widersprochen, ob 
etwa die andern dadurch abgeschreckt werden möch- 
ten. Als der Diener von seinem Tode hörte, fing er 
freudig an zu singen, dankte daneben Gott und bat 
ihn von Herzen, er wolle an ihm einen Wohlgefallen 
haben. 

Den 23. August wollten sie den Diener Hans und 
den Bruder Henrich hinrichten; man führte sie vor Ge- 
richt ins Gewölbe bei dem Pranger, wo viel Volk zulief, 
worunter auch einige waren, die ihnen zugehörten 
und ihnen Speise und Trank zugeschickt hatten. Sie 
gingen mit lachendem Munde durch das Volk nach 
dem Richtplatze hin, und als sie den großen Zulauf 
des Volkes von allen Orten sahen, sagte der Diener: O 
welch eine schöne Hochzeit werden wir nun haben, 
weil so viel Volk zusammenkommt! Sie waren sehr 
froh und hofften, denselben Tag nach ins Paradies 
zu kommen zu ihren Brüdern und Schwestern, die 
vorhergegangen, mit allen Frommen, von welchen er 
viele gekannt hatte. Es kamen noch zwei Mönche, die 
sie noch mit einer falschen Lehre zu verführen such- 
ten; diesen widersprach der Diener ein wenig und 
wies ihnen ihren Beruf nach, womit sie umgingen; zu- 
letzt aber wollte er nicht mehr mit ihnen reden und 
sagte: Ich will ja bei der Wahrheit bleiben; die Stunde 
meines Abschieds ist vorhanden; ich habe nun etwas 
anderes zu tun, als dir zu widersprechen. Als sie nun 
zum Tode verurteilt werden sollten, konnten die sie- 
ben Ratsherren über das Urteil nicht einig werden 
und ließen ihnen sagen, sie wollten ihnen noch einen 
gelehrten Mann zusenden, um sie zu unterrichten; 
wenn sie denselben hören würden, so sollte zu ihrem 
Besten die Sache noch aufgeschoben werden, sonst 
aber müssten sie des Todes sterben, wiewohl sie (die 
Ratsherren) es ungern sehen würden; aber Hans und 


Henrich sagten unerschrocken, sie wollten standhaft 
bleiben und von der Wahrheit weder zur rechten noch 
zur linken Seite abweichen; ihretwegen dürfte man 
sie nicht verschonen noch länger zögern; sie könnten 
wohl das Urteil fällen; wenn sie aber dadurch eine 
schwerere Anklage beabsichtigten, so wären sie ja mit 
demjenigen zufrieden, was die Herren zu tun belieb- 
ten. Die Herren steckten die Köpfe zusammen und 
ließen das umstehende Volk wieder davongehen. Als 
nun diese beiden bemerkten, daß das Recht nicht voll- 
zogen wurde, waren sie betrübt, denn sie hatten sich 
ganz dem Tode übergeben und meinten, daß sie gegen 
die Schlangenlist genug gestritten hätten. Also ging 
die Menge auseinander, jeder zu den Seinen, wie ein 
Volk, das die Schlacht verloren hat, und als der Abend 
kam, mussten die Angeklagten wieder ins Gefängnis 
gehen, worüber sie traurig waren, denn sie meinten, 
sie würden nun die Wahrheit mit ihrem Blute bezeu- 
gen, aber sie mussten auf eine andere Zeit warten. Da 
man sie aber wieder nach dem Gefängnisse führte, hat 
solches dem Volk viel Nachdenken verursacht; einige 
sagten, Gott hätte dem Handel widerstanden und ihn 
verhindert. 

Einer von den Ratsherren hatte sich fest vorgenom- 
men, man sollte sie nach Verlauf von acht Tagen rich- 
ten, und nicht länger verziehen, aber es ging doch 
nicht vor sich, denn sie lagen noch bis in den Herbst 
im Gefängnisse, mussten auch noch viel leiden und 
mancherlei Anfechtungen erdulden; endlich hat man 
sie verurteilt und hingerichtet. 

Hans Schmid, als der Diener, wurde zuerst hinge- 
richtet. Als nun derselbe durch die Stadt hinausge- 
führt wurde, sang er freudig, hat auch nachher nicht 
viel mehr geredet, sondern ist als ein geduldiges und 
stummes Lämmlein eilend nach dem Richtplatze ge- 
gangen, wo man ihn mit einem Stricke an dem Pfahle 
erwürgt, ihn dann mit einer Kette daran befestigt und 
mit Feuer versengt hat; so hat er sein Opfer verrichtet 
den 19. Tag im Oktober, im Jahre 1538. Drei Tage dar- 
auf führte man die andern vor und verurteilte sie zum 
Tode, nämlich: Henrich Adams und seinen Schwager 
Hans Beck. Es war einer unter den Ratsherren zu Aa- 
chen den Brüdern allezeit sehr aufsässig; daher hat 
es sich einmal zugetragen, daß, als sie mit Henrich 
handelten, und er sich nicht bewegen lassen wollte, 
dieser Ratsherr zornig wurde und sagte: Weg mit ih- 
nen, weg mit ihnen, zum Tode, zum Feuer, denn es 
ist alles verloren; man sollte ihnen keine Gnade mehr 
anbieten; aber der Bruder Henrich sagte zu ihm: Du 
wirst den Tag nicht erleben, wo du meinen Tod sehen 
wirst; dies ist auch geschehen, denn er ist drei Tage 
vor dem Henrich gestorben, an eben demselben Tage, 
als der Diener Hans Schmid hingerichtet wurde. Als 



246 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


er auf dem Totenbette lag, hat er allen Trost verloren. 
Er raufte sich mit seinen Händen den Bart aus und 
rief schrecklich, daß er viel Volk verurteilt, woran er 
sich gewiss versündigt hätte, daß er auch von Gott 
wegen seiner Blutdürstigkeit gestraft werden würde, 
und dergleichen Reden noch mehr. 

Als man nun den Bruder Henrich Adams mit den 
andern zum Tode führte, band der Scharfrichter sei- 
ne Hände so fest zusammen, daß seine Finger da- 
von schwarz wurden; er aber erhob seine Hände zu 
Gott, und lobte ihn, daß er gewürdigt wäre, solches 
zu leiden; unterdessen wurden die Bande an seinen 
Händen locker, welche aber so fest wie zuvor wieder 
gebunden wurden; es half aber nichts, denn wenn er 
seine Hände wieder erhob, so fielen sie abermals ab. 
Solches ist einige Male geschehen, sodass der Richter 
endlich zornig wurde und zum Scharfrichter sagte, er 
sollte ihn fester binden; der Scharfrichter aber sprach: 
Du siehst ja wohl, daß kein Binden an ihm etwas hilft; 
das letzte Mal warf Henrich das Band unter das Volk, 
sodass er auch nicht mehr gebunden wurde, und sag- 
te: Gott will nicht haben, daß ich gebunden sein soll. 
Er sagte auch, daß solche Gewalt Gott zuwider wäre, 
und hat ferner freimütig geredet bis ans Ende. Nach- 
her hat man diese beiden Brüder, Henrich Adams 
und seinen Schwager (gleichwie zuvor dem Diener 
geschehen) mit einem Stricke am Pfahle erwürgt, sie 
sodann mit einer Kette daran gebunden und mit Feu- 
er versengt, welches den 22. Tag des Monats Oktober 
im Jahre 1558 geschehen ist. Es war aber eine große 
Menge Volk gegenwärtig, sowie auch nachher, als 
die Brüder Mattheis Schmid und Dilman Schneider 
auf den 4. Januar, im Anfänge des Jahres 1559, hinge- 
richtet wurden. Also haben diese fünf die göttliche 
Wahrheit tapfer und standhaft mit ihrem Blute be- 
zeugt, obschon einige noch nicht mit der Gemeinde 
vereinigt waren. 

Der sechste Bruder, der mit den andern gefangen 
war, ist durch viele Verhandlungen mit den Gottlo- 
sen zum Abfalle von seinem Glauben bewogen wor- 
den; als er aber freigelassen ward, hat er seinen Abfall 
herzlich beweint, ernstliche und rechtschaffene Buße 
getan und sich wieder zu der Gemeinde begeben. Die 
sechs Schwestern, welche auch mit gefangen waren, 
wurden scharf mit Ruten gegeißelt und so ließ man 
sie ihres Wegs ziehen; sie sind aber freudig im Herrn 
und standhaft im Glauben wieder bei ihren bekannten 
Glaubensgenossen angekommen. 


Jaques d'Auchi, 1558 gefangen genommen, aber zu 
Leeuwarden um des Zeugnisses Jesu Christi 
willen, im Jahre 1559, getötet. 

Ein Bekenntnis des Glaubens des Jaques d'Auchi, wel- 
cher in der Stadt Leeuwarden gefangen lag und das- 
selbe nachher mit seinem Tode bezeugt hat. 

Ich glaube an einen einigen Gott, den allmächti- 
gen Vater, Schöpfer des Himmels und der Erde, wie 
geschrieben steht, an welchen Abraham, Isaak und 
Jakob, Mose und die Propheten geglaubt haben; ich 
glaube an Jesum Christum, den ewigen Sohn des Va- 
ters, welcher von Anfang bei Gott war, und als die Zeit 
erfüllt war (welche Gott verheißen hatte) ist dieses 
Wort Fleisch geworden, geboren von dem Geschlechte 
Davids, von einer reinen Jungfrau, welche mit einem 
Manne, genannt Joseph, von dem Geschlechte Davids, 
verlobt war, und welche über alle Weiber gesegnet ist; 
ich glaube, daß dieser wahrhaftige Sohn Gottes, durch 
viele Zeichen uno Wunderwerke, das Wort von sei- 
nem Vater verkündigt habe; nachher ist er zum Tode 
überantwortet und unter Pontius Pilatus gekreuzigt 
und begraben worden; ich glaube, daß eben derselbe 
Jesus Christus für uns gelitten und, als wir seine Fein- 
de waren, den Tod für uns erlitten hat, auf daß, die 
an ihn glauben, nicht umkommen, sondern das ewige 
Leben haben. Ich glaube, daß dieser unser Seligma- 
cher von den Toten auferweckt worden ist, gleichwie 
er vorher gesagt hat, und daß er zur Rechten Gottes, 
seines Vaters, sitzt; ich glaube auch an den Heiligen 
Geist, gleichwie Johannes solches in seinem ersten 
Briefe im fünften Kapitel bezeugt, wenn er sagt: Drei 
sind, die da zeugen im Himmel: Der Vater, das Wort 
und der Heilige Geist, und diese drei sind eins; ich 
glaube auch an die Gemeinschaft der Heiligen, wel- 
cher Gebet viel vermag für uns; ich glaube auch an die 
heilige Gemeinde, in welcher diejenigen sind, die an 
Jesum Christum glauben, welche durch einen Geist 
in einen Leib getauft sind, wie Paulus sagt: Wovon 
Jesus Christus das Haupt ist, nämlich von der heiligen 
Gemeinde, wie daselbst geschrieben steht. 

Ich glaube, daß diese heilige Gemeinde Macht habe 
zu binden und zu lösen, aufzuschließen und zuzu- 
schließen, und was sie bindet auf Erden, das ist auch 
im Himmel gebunden, und was sie auf Erden löst, 
das ist auch im Himmel gelöst; ich glaube, daß Gott in 
dieser heiligen Gemeinde Apostel, Propheten, Lehrer, 
Bischöfe und Diener verordnet habe. 

Ich glaube und bekenne auch eine Taufe in dem Na- 
men des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, 
wie unser Herr Jesus Christus befohlen und verord- 
net hat, welche die Apostel in der Übung gehabt und 
davon geschrieben haben, und glaube auch, daß alle. 



247 


die diese Taufe empfangen haben, Glieder des Leibes 
Jesu Christi in der heiligen Gemeinde seien. 

Was das heilige Abendmahl Jesu Christi betrifft, so 
glaube und bekenne ich davon, gleichwie Christus 
gesagt hat, wie geschrieben steht, als sie das Abend- 
mahl aßen: Jesus nahm das Brot, dankte, brach es und 
gab es seinen Jüngern und sprach: Nehmt, esst, das 
ist mein Leib, und nahm den Kelch, dankte, und gab 
ihnen denselben und sprach: Trinkt und teilt ihn unter 
euch, denn dies ist mein Blut des Neuen Testamentes, 
welches für viele zur Vergebung der Sünden vergos- 
sen wird; tut das zu meinem Gedächtnis. Ich glaube 
dieses, wie Paulus bezeugt, wenn er sagt, der Kelch 
der Danksagung, womit wir Dank sagen, ist der nicht 
die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das 
wir Brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes 
Christi? Wer mein Fleisch isst, und mein Blut trinkt, 
der hat das ewige Leben, und ich werde ihn auferwe- 
cken am jüngsten Tage. 

Ich erkenne und bekenne, daß der Ehestand eine 
Ordnung Gottes sei, nämlich ein Mann und ein Weib 
miteinander verbunden im Namen des Herrn und 
der heiligen Gemeinde; darum wird ein Mensch Vater 
und Mutter verlassen und wird seinem Weibe anhan- 
gen, und beide werden ein Fleisch sein; darum sind sie 
nicht zwei, sondern ein Fleisch. Was nun Gott zusam- 
mengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden; 
und das Bett sei unbefleckt, denn Gott wird die Hurer 
und Ehebrecher richten. 

Ich bekenne auch, daß das Fasten und Beten, wie 
die Apostel getan haben, sehr nützlich sei; ich halte 
die Worte des heiligen Jakobus für gut und wahr- 
haftig, wenn er sagt: Bekenne einer dem andern die 
Sünde, und bittet füreinander, damit ihr selig werdet; 
ich glaube, daß man solches mit aufrichtigem Herzen 
tun müsse. 

Ich erkenne und bekenne auch, daß die Obrigkeit 
von Gott eingesetzt und verordnet sei, zur Strafe der 
Bösen und zum Schutze der Guten, denn sie trägt das 
Schwert nicht umsonst; solcher Obrigkeit befiehlt uns 
die Schrift Untertan zu sein, und lehrt uns, für die- 
selbe zu bitten, damit, wie Paulus sagt, wir ein stilles 
und ruhiges Leben führen mögen. Paulus sagt auch, 
daß die Macht ein Diener Gottes sei; weil sie denn 
nun ein Diener Gottes ist, so wollte ich gebeten haben, 
es sich gefallen zu lassen und mir Barmherzigkeit zu 
erweisen, gleichwie Gott barmherzig ist. Hier entsage 
ich allen denen, die sich der Macht durch das Schwert 
und durch die Gewalt widersetzen wollen, und halte 
solches für eine deutliche Lehre. 

Ich glaube auch an die Auferstehung der Toten, 
gleichwie geschrieben steht, daß alle Menschen von 
den Toten in ihren eigenen Leibern auferstehen sol- 


len, wenn der Herr kommen wird in den Wolken mit 
seinen Engeln; dann wird er einen jeden nach seinen 
Werken richten. 

Summa: Ich glaube alles, was ein wahrhafter Christ 
zu glauben schuldig ist von der heiligen Gemeinde; 
und an die Glaubensartikel glaube ich von ganzem 
Herzen, und will auch darin leben und sterben. Hier 
sage ich mich los von allen falschen Lehren, Ketze- 
reien und Sekten, welche mit Gott und seinem Worte 
nicht Übereinkommen, und wenn ich etwa durch eini- 
ge falsche Lehren geirrt haben möchte, so bitte ich den 
allmächtigen Herrn, daß er mir solches durch seine 
große Liebe und Barmherzigkeit vergeben wolle. 

Ich bitte auch, daß sie es mir durch die große Liebe 
und Barmherzigkeit Gottes vergeben wollen, worin 
ich etwa gegen den Kaiser oder König, oder sonst 
jemanden gesündigt haben möchte. 

Des Jaques d'Auchi Bekenntnis, welches er vor 
dem Commissarius und dem Inquisitor, den man 
Ketzermeister nennt, abgelegt hat. 

Nachdem ich zehn Wochen gefangen gelegen hatte, 
wurde die erste Untersuchung mit mir angestellt. Den 
3. Tag im Januar des Jahres 1558, den Anfang des Jah- 
res vom Neujahrstag an gerechnet, kam nämlich nach- 
mittags der Stockmeister zu mir und sagte, ich soll- 
te vor den Verordneten erscheinen, um über meinen 
Glauben verhört zu werden. Da war ich mit freudigem 
Mute bald fertig und bin mit dem Stockmeister dahin- 
gegangen. Als ich in den Saal kam, wo der Verordnete 
saß, hatte ich ihn demütig gegrüßt, worauf er mich 
auch wieder gegrüßt und die Worte gesagt: Jaques, 
ist dein Name Jaques d'Auchi? Jaques: Ja, mein Herr. 
Commissarius: Jaques, ich bin im Namen des Königs 
und des Generalanwalts hierher verordnet, um dich 
wegen deiner Glaubensartikel zu hören. Jaques: Wohl- 
an, mein Herr, im Namen des Herrn muss solches ge- 
schehen. Nach vielen Reden, die wir in Ansehung des 
Glaubens miteinander wechselten, fing er an, mich zu 
fragen, wo ich geboren wäre, und redete dann mit mir 
von meiner Wohnung, von meinem Aufenthalte und 
Umgang von meiner Jugend an bis auf die gegenwär- 
tige Zeit, was ich ihm alles bekannte. Darauf hat mich 
der Stockmeister wieder ins Haus gebracht. 

Des andern Tages, nämlich den 4. Januar desselben 
Jahres, wurde ich nachmittags abermals vor denselben 
Commissarius gebracht. Als ich nun vor ihm stand, 
fing er an, die Hirten und die Herde Christi zu lästern, 
zu schelten und zu schmähen, und sagte: Ist es nicht 
ein jämmerliches Ding, daß wir uns so verführen las- 
sen? Jaques: Ja, mein Herr. Commissarius: Ich sage 
von euch und andern mehr, die unsere Mutter, die 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


heilige Kirche, verlassen, und sich von einem Haufen 
leichtfertiger Müßiggänger und Landläufer betrügen 
lassen. Jaques: Ich habe mich von solchen nicht betrü- 
gen lassen. Commissarius: Nicht? Als du den verfluch- 
ten, schändlichen Menschen und Bettlern, wie dem 
Menno, Leonhard, Henrich von Frieden, Franz von 
Kuyper, Jelis von Aachen, und andern dergleichen 
Bösewichtern glaubtest, und uns und das wahrhafti- 
ge Wort Gottes verließest, hast du dich denn damals 
nicht betrügen lassen? Jaques: Ich habe das Wort Got- 
tes nicht verlassen, denn mein Glaube ist auf das Wort 
Gottes, nicht auf Menschen oder Menschenlehre ge- 
gründet, indem der Prophet Jeremia ruft: Verflucht 
ist der Mensch, der sich auf Menschen verlässt und 
Fleisch für seinen Arm hält. 

Kurz darauf rief der Commissarius: O die Bösen! 
Wie viele Menschen haben Menno und Leonhard ver- 
führt und zu allen Teufeln in die Verdammnis geführt. 
Jaques: Mein Herr, ich bitte dich, du wollest derglei- 
chen Worte nicht reden, denn es würde dir zu hart 
und schwer fallen, es zu beweisen, daß sie solche sind, 
wie du sie nennst; sie haben nicht betrogen, sondern 
das Wort Gottes klar ausgelegt; ich glaube auch nicht, 
daß diejenigen, die dem Worte Gottes geglaubt haben, 
ins Verderben fallen werden. Der Herr aber wird alles 
wohl richten. 

Commissarius: Ich will nicht disputieren, denn ich 
selbst lasse mich von denen unterrichten, die in der 
heiligen Kirche gelehrt sind; aber ich weiß wohl, was 
hinter euch und eurer Lehre steckt: Hättet ihr die 
Macht, ihr solltet uns wohl die Kehle abschneiden, 
wie man gesehen hat, daß von eurem Volke zu Müns- 
ter, zu Amsterdam und andern Orten geschehen ist. 
Jaques: O mein Herr, rede doch solche Worte nicht 
wider dein Gewissen; denn ich glaube, du weißt es 
viel besser, weil du schon wie du sagst, zwanzig Jahre 
hier im Rate gewesen bist (dies hatte er mir zuvor ge- 
sagt), darum halte ich dafür, daß du uns besser kennst; 
hätten wir solche böse Herzen, daß wir die Leute er- 
morden wollten, wir würden uns selbst euch nicht in 
die Hände geben; denn wenn wir gegen unser Herz 
handeln und euch die Wahrheit verbergen wollten, so 
hättest du keine Macht über uns, denn du würdest 
niemanden finden, der uns mit Wahrheit anklagen 
kann, dass wir jemandem Unrecht oder Schaden ge- 
tan haben. 

Commissarius: Woher kommen denn so viele Sek- 
ten und Ketzereien? Woher entspringt so viel Aufruhr 
und Meuterei? Jaques: Was die Sekten und Ketzereien 
betrifft, die auf Erden sind, die von Münster, Amster- 
dam oder anderswo ausgehen, so haben wir weder 
Gemeinschaft noch Teil an ihren Werken oder ihrer 
Lehre, sondern wir halten sie für teuflische Lehren; 


auch können alle solche Dinge die Wahrheit nicht hin- 
dern, daß sie nicht Wahrheit sei, und daß die Christen 
nicht die rechten Christen sein sollten, ebenso wenig, 
als zu den Zeiten der Apostel alle Sekten und Ketze- 
reien, die rund um sie her waren, und noch einige 
Spuren des Wortes Gottes behalten hatten. 

Nach diesen und vielen andern Worten, die wir zu- 
sammen wechselten, fing er an, sanfter zu werden, 
und sagte zu mir: Du musst nicht so hoch studieren, 
sondern dich von denen unterrichten lassen, die ge- 
lehrter und weiser sind als du und an das Wort Gottes 
glauben. Jaques: O mein Herr! Sollte ich an das Wort 
Gottes nicht glauben? Um dieses Wortes willen bin ich 
hier gefangen und stehe gegenwärtig vor euch, um 
darüber Antwort zu geben. Commissarius: Du bist 
nicht um des Wortes Gottes, sondern um deiner vielen 
bösen Werke willen gefangen. Jaques: Mein Herr, hast 
du gehört, daß mich jemand angeklagt hat, daß ich 
ihm auf irgendeine Weise Unrecht oder Schaden zuge- 
fügt habe? Commissarius: Nein, ich habe nicht gehört, 
daß man irgendeine Klage wider dich vorgebracht 
hat. Jaques: Der Herr sei gelobt, daß es nicht um mei- 
ner Ungerechtigkeit, sondern um des Zeugnisses des 
wahren Glaubens willen geschehen ist. 

Commissarius: Dem ist nicht so, sondern um deiner 
Missetat willen, weil du gegen die kaiserliche Majestät 
gehandelt und den Befehl des Königs, unseres Herrn, 
übertreten hast. Jaques: Habe ich des Königs Befeh- 
le übertreten, so ist solches eine geringe Sache, weil 
ich, indem ich solches getan, den Befehl des Königs, 
welcher der wahre Gott rmd ewige König ist, erfüllt 
habe. Commissarius: Du hast auch den Befehl Gottes 
und unsrer Mutter, der heiligen Kirche, übertreten. 
Jaques: Mein Herr, du so wenig als irgendein anderer 
Mensch kannst mir solches mit der Heiligen Schrift 
beweisen, daß ich nach derselben den Befehl Gottes 
übertreten habe. Commissarius: Man wird dir solches 
wohl beweisen. Wohlan, laß uns die Artikel, die mir 
zu untersuchen befohlen sind, ans Ende bringen. 

Wir redeten sonst noch vieles, welches hier zu er- 
zählen zu weitläufig sein würde; überdies sind mir 
diese Reden auch größtenteils aus dem Gedächtnis- 
se entfallen. Der Commissarius war etwas verzagt 
und gab mir in allem Gehör, was ich auch reden woll- 
te. Dann fragte er mich, wann ich nach Emden ge- 
kommen wäre, wo ich mich niedergelassen, und ob 
ich Nachricht erhalten hätte, zu solchem Volke zu 
kommen. Ich antwortete: Ja. Commissarius: Von wem 
hast du Nachricht erhalten? Jaques: Von einem guten 
Freunde. 

Commissarius: In welchem Hause warst du? Jaques: 
Ich kenne das Haus nicht, worin ich war. Commissa- 
rius: Wer war es, der dich zu dem Leonhard führte? 



249 


Jaques: Es waren Männer und junge Gesellen, Frau- 
en und Jungfrauen. Commissarius: Wie heißen sie? 
Jaques: Was ihre Zunamen betrifft, so hätte ich viel 
zu tun gehabt, wenn ich sie nach ihrem Namen und 
Zunamen hätte erkennen wollen, weil ich nicht Zeit 
genug hatte, sie kennen zu lernen. Commissarius: Wo 
war der Leonhard, als du ins Haus kamst? Wovon 
predigte er? Jaques: Er predigte das reine Wort Gottes. 
Commissarius: Wovon und von welchen Artikeln pre- 
digte er? Jaques: Er predigte von der Besserung des 
Lebens, und wie man den alten Menschen aus- und 
den neuen Menschen anziehen müsse; bewies es auch 
kräftig mit der Schrift, daß diejenigen, die nach dem 
Fleische und nach ihren Wollüsten wandeln, an dem 
Reiche Gottes keinen Teil haben. Commissarius: Re- 
dete er nichts von andern Dingen? Jaques: Mein Herr, 
ich hätte viel zu tun, wenn ich alles behalten wollte, 
wie ich denn denke, daß du mit Not und Mühe eine 
Rede, die vor anderthalb oder zwei Jahren gehalten 
ist, im Gedächtnis bewahren würdest. 

Commissarius: Bist du damals zum zweiten Male 
getauft worden? Jaques: Ich bin nur einmal getauft 
worden, und zwar nach der Ordnung Christi. Com- 
missarius: Hast du nicht auch in deiner Kindheit eine 
Taufe empfangen. Jaques: Ich weiß nichts davon, was 
man mit mir in meiner Kindheit getan hat; ich habe 
kein Gedächtnis dafür. Commissarius: Hat dir dein 
Vater oder deine Mutter nicht gesagt, daß du getauft 
worden seist, und hast du nicht auch Gevatterleute 
gehabt? Jaques: Ich glaube, daß sie es mir gesagt ha- 
ben, ich habe auch einige Leute Vetter und Götger 
genannt, aber das war nicht nach der Schrift. Com- 
missarius: War denn das nicht genug? Hast du denn 
außerdem von dem Leonhard noch etwas empfangen, 
nämlich Wasser oder die Taufe nach deiner Meinung? 
Jaques: Ich habe von ihm die Taufe nach dem Worte 
Gottes empfangen. Commissarius: Hältst du die Tau- 
fe, die du in deiner Jugend empfangen hast, nicht für 
gut? Jaques: Hätte ich sie für gut und für eine Taufe 
gehalten, ich hätte keine andere angenommen; denn 
es steht geschrieben: Es ist ein Herr, ein Glaube, eine 
Taufe, und nicht viele Taufen. Commissarius: Als du 
von dem Leonhard getauft worden bist, ist das in dem 
Hause geschehen, wo ihr versammelt ward? Jaques: 
Ja. Commissarius: War es vor oder nach der Predigt? 
Jaques: Nach der Predigt. Commissarius: Redete er 
nicht von der Taufe? Jaques: Ja, denn er bewies aus 
der Heiligen Schrift, was die Taufe wäre, und bedeu- 
te, und ermahnte diejenigen, die die Taufe begehrten, 
demütig sich wohl zu bedenken und auf dasjenige 
Achtung zu geben, was sie annehmen, bewies auch, 
daß bei denen, die so weit gekommen wären, Kreuz 
und Verfolgung darauf folge, und führte noch mehre- 


re andere Beweisgründe aus der Heiligen Schrift an. 
Commissarius: Habt ihr euch nicht vor des Kaisers 
Befehle gefürchtet? Jaques: Nein, ebenso wenig als 
jetzt. Commissarius: Jaques, es wird dir nicht wohl- 
gehen, es sei denn, daß du um deiner Missetat willen 
dich der Gnade unterwirfst. Jaques: Mein Herr, ich 
erwarte wohl Gnade von dem Herrn, aber ich weiß 
nicht, daß ich gegen den Kaiser oder König gehandelt 
haben sollte, weshalb ich auf Gnade zu warten hätte; 
ist nun der Befehl gegen das Wort Gottes, so halte ich 
dafür, ich vergriffe mich (wenn ich den Befehl Gottes 
vollbringe) an keinem Menschen, wer er auch ist. 

Commissarius: Jaques, überlege den Inhalt des Be- 
fehls. Jaques: Mein Herr, ich weiß wohl, daß er in 
dieser Welt die Herrschaft über das Wort Gottes hat, 
um diejenigen zu töten, die an seinen Namen glau- 
ben und von der Ungerechtigkeit abweichen, wie ge- 
schrieben steht, daß es so ergehen sollte. Aber was ist 
es denn, wenn ihr mit mir nach dem Befehle handeln 
und mich töten werdet? Ihr werdet nichts weiter ha- 
ben, als einen schnöden und sterblichen Leib, welcher 
der Verwesung unterworfen ist; aber was die Seele 
betrifft, diese könnt ihr nicht berühren, und wenn ihr 
vor das Gericht Gottes kommt, werdet ihr innewer- 
den, was ihr getan habt. Commissarius: Jaques, ich 
suche deinen Tod nicht, Gott weiß es; es wäre mir 
auch leid, wenn du auch nur an deiner Fingerspitze 
Schmerzen hättest. Jaques: Mein Herr, man wird es zu- 
letzt wohl sehen. Woher kommt es denn, daß ihr hier 
das unschuldige Blut vergießt, weil ihr, wie du mir 
selbst gesagt hast, von diesem Glauben keine Einsicht 
habt? Warum verordnet ihr denn nicht, daß diejeni- 
gen, welche nicht einsehen können, daß euer Glaube 
recht und gut sei, Leib und Güter behalten, und nur 
des Landes verwiesen werden, gleichwie man überall 
in Deutschland und auch im Morgenlande verfährt, 
welche um des Wortes Gottes willen kein Blutgericht 
halten wollen. 

Nachdem sonst noch viel geredet worden ist, fragte 
er: Was hältst und glaubst du von dem Sakramente 
des Altars? Jaques: Verstehst du darunter das Brot- 
brechen? Commissarius: Ja. Jaques: Ich bekenne und 
glaube, wie Christus verordnet hat und die Apostel 
im Gebrauche gehabt haben und wie Paulus davon an 
die Korinther schreibt. Commissarius: Wie verstehst 
du das? Jaques: Wie es geschrieben steht. Ich will über 
das Wort Gottes keine Auslegung machen. Damit war 
er zufrieden und schrieb es so nieder. Commissari- 
us: Was hältst du von der Messe, Beichte und dem 
Ablasse des Priesters? Jaques: Was die Messe betrifft, 
so ist sie mir und selbst der Schrift unbekannt; ich 
habe diesen Namen auch niemals im Worte Gottes 
gelesen. Commissarius: Was soll ich denn hiervon nie- 



250 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


derschreiben? Jaques: Ich weiß es nicht; was dir gefällt, 
mein Herr. Commissarius: Willst du nicht geradezu 
bekennen, daß du an die Verordnung der wahren und 
heiligen Kirche glaubst, wie die Schrift lehrt, und wie 
ein guter Christ zu glauben schuldig ist? Ja, mein Herr, 
von ganzem Herzen. Er schrieb dieses so nieder. 

Commissarius: Wer sind deine Lehrer in diesen 
Lehren? Mit wem hast du anfänglich Umgang ge- 
habt, und an welchem Orte? Jaques: Ich habe mich zu 
Antwerpen aufgehalten, und habe mit vielen von der 
Schrift geredet, insbesondere aber bin ich aus dem hei- 
ligen Worte des Herrn unterrichtet worden und habe 
durch das Lesen desselben meine Grundsätze daraus 
genommen; dieses schrieb er ebenfalls so nieder. 

Commissarius: Aber nun vernimm hier einen richti- 
gen Artikel, nämlich, ob du nicht ein Diener, oder ein 
Diakon der Armen, oder ein Ermahner gewesen seiest, 
oder ob du nicht sonst ein Amt in der Versammlung 
unter den Brüdern gehabt hast, wie ich merken und 
sehen konnte, stand diese Frage bereits auf seinem Pa- 
piere, und ich wusste zuerst nicht, was er mit einem so 
wichtigen Artikel sagen wollte; ich antwortete darauf: 
Nein, ich befinde mich hierzu nicht tüchtig, sondern 
ich bin ein kleines Glied in der Versammlung. Com- 
missarius: Warst du nicht in der Versammlung, ehe 
du die Taufe empfingst? Jaques: Ja, wenigstens zwei 
oder drei Mal. Commissarius: In welcher Gegend ist 
es gewesen, und in welchen Häusern? Jaques: Was die 
Häuser betrifft, so weiß ich nicht, wem sie zugehören. 
Commissarius: Was für Häuser waren es, große oder 
kleine? Jaques: Wir versammeln uns, wo wir am bes- 
ten können, und wie es gerade fällt; ich erinnere mich, 
in sehr ärmlichen Häuslein gewesen zu sein, welche 
einem Stalle ähnlicher waren als einem Hause; dies 
schrieb er ebenfalls nieder. 

Commissarius: Bist du auch unter den Brüdern in 
der Versammlung gewesen, nachdem du die Taufe 
empfangen hast? Jaques: Mein Herr, das beantwortet 
sich von selbst; du kannst wohl denken, bin ich früher 
dort gewesen, so werde ich nachher um desto mehr 
dort gewesen sein? Commissarius: Ist dein Weib der 
Lehre, welche du hast, zugetan? Ist sie auch wiederge- 
boren? Jaques: Ich habe genug zu tun, für mich selbst 
zu antworten, und habe nicht auch für mein Weib zu 
antworten; wenn sie hier wäre, so könnte sie für sich 
selbst antworten; doch halte ich sie für eine Frau, die 
den Herrn fürchtet; damit war er zufrieden. 

Den achten Tag des Januar im gedachten Jahre 1538, 
auf einen Samstag morgen, wurde ich vor den Inquisi- 
tor oder Ketzermeister, welcher kurz zuvor von dem 
Könige in Spanien hier eingesetzt worden ist und von 
ihm alle Gewalt, zu binden und zu lösen, freizuspre- 
chen oder zu töten empfangen hatte, in denselben Saal 


gebracht. Als ich nun vor denselben kam, grüßte ich 
ihn demütig; er grüßte mich auch und sagte zu mir: 
Jaques, ich bin über eine Sache sehr froh, ich meine 
über dasjenige, was mir der General-Anwalt gesagt 
hat, du wollest deine Schuld bekennen, wenn man dir 
mit der Schrift beweisen könne, daß du das Gebot Got- 
tes übertreten habest und im Irrtume wandelst; bist 
du dies noch Willens und willst du die Schrift anneh- 
men? Jaques: Ja, ebenso bin ich auch bereit, jede gute 
Unterweisung nach dem Worte Gottes anzuhören; er 
hatte mein Bekenntnis, das ich vor dem Commissarius 
getan hatte, und fragte mich, willst du noch bekennen, 
daß du die Taufe von Leonhard empfangen habest? 
Jaques: Mein Wort ist nicht ja und nein, sondern ja, 
ja, und wie ich bekannt habe, so bekenne ich noch 
öffentlich. Ketzermeister: War dir die Taufe, die du 
in deiner Kindheit empfangen hattest, nicht genug, 
daß du noch eine andere annehmen musstest? Jaques: 
Ich halte die Taufe, die ich in meiner Kindheit emp- 
fangen habe, für keine Taufe nach dem Worte und 
der Ordnung Gottes. Ketzermeister: Ich will es dir 
beweisen, aber glaubst du auch, daß die Kinder in der 
Erbsünde geboren seien? Jaques: David sagte zwar, 
er sei in Sünden empfangen worden, gleichwie alle 
Kinder, aber die Sünde wird ihnen nicht zugerech- 
net, weil Christus gestorben ist, die Sünde hinweg zu 
nehmen, wie Paulus überall in seinen Briefe bezeugt, 
und gleichwie die Sünde durch einen Menschen in 
die Welt gekommen ist, und der Tod durch die Sünde, 
so ist die Gnade durch Jesum Christum überfließend 
geworden. Ketzermeister: Wie werden die Kindlein 
gereinigt? Geschieht solches nicht durch die Taufe? 
Jaques: Sie sind durch das Blut Christi gereinigt, weil 
er das Lamm ist, das der Welt Sünde hinwegnimmt. 
Ketzermeister: Wie gebt das zu, daß sie von der Erb- 
sünde gereinigt werden? Jaques: Mein Herr, ich habe 
es dir schon gesagt, durch das Blut des Sohnes Gottes, 
der für uns gestorben ist, als wir noch Feinde und un- 
gläubig waren. Ketzermeister: Glaubst du nicht, daß 
die Kinder ihre Sünde von Adam an tragen bis auf 
die Zeit, wo sie durch die Taufe gereinigt werden? 
Jaques: Man müsste mir solches mit der Schrift be- 
weisen; ich glaube an das Wort des Propheten, der 
da sagt: Der Sohn soll die Missetat des Vaters, und 
der Vater die Missetat des Sohnes nicht tragen, son- 
dern welche Seele sündigt, die soll des Todes sterben. 
Ketzermeister: Es ist nicht so zu verstehen, sondern 
das Kind ist unrein, bis es die Taufe empfangen hat. 
Jaques: Werden die Kinder durch das äußere Zeichen 
des Wassers gereinigt? Ketzermeister: Nein, sondern 
sie müssen zunächst mit dem Wasser und dann mit 
dem Heiligen Geiste gereinigt werden. Jaques: Welche 
Reinigung hat den Vorzug, die auswendige oder die 



251 


inwendige? Ketzermeister: Die Reinigung von außen, 
und wenn die Worte gesprochen worden sind: Im Na- 
men des Vaters, und des Sohnes und des Heiligen 
Geistes, so werden sie dadurch von innen gereinigt. 
Jaques: Mein Herr, du redest solches ohne die Schrift, 
denn Christus sagt, daß solche Heuchler seien, die 
zuerst das Auswendige reinigen; man soll also zuerst 
das Inwendige reinigen, dann würde das Auswen- 
dige auch rein werden. Ketzermeister: Du irrst und 
verstehst die Schrift nicht, und hast dich von einem 
Haufen Landläufer verführen lassen. Jaques: Mein 
Herr, ich verlasse mich nicht auf Menschen, aber es 
ist mir hiervon noch keine andere Einsicht gegeben 
worden; auch können mir die Menschen den Glauben 
nicht geben, denn es steht in den Propheten geschrie- 
ben: Sie werden alle von Gott gelehrt sein, und Jesus 
Christus sagt, es könne niemand zu ihm kommen, 
es sei ihm denn vom Vater gegeben. Aber nun, mein 
Herr, beweise es mir allein aus der Schrift, daß die 
Taufe der kleinen Kinder eine Einsetzung und Verord- 
nung der kleinen Kinder sei, welche die Apostel in 
der Übung gehabt haben, dann will ich es glauben. 
Ketzermeister: Die Verordnung ist von Jesu Christo 
gemacht, indem er sagt: Es sei denn, daß jemand aus 
Wasser und Geist geboren werde, so kann er nicht in 
das Reich Gottes eingehen. Jaques: Christus spricht 
nicht zu den Kindern, sondern zu einem Lehrer des 
Gesetzes, auch redet er nicht von kleinen Kindern, die 
erst geboren werden, denn er sagt im Verlaufe des- 
selben Kapitels: Was vom Fleische geboren ist, das 
ist Fleisch, und was vom Geiste geboren ist, das ist 
Geist. Verwundert euch nicht, daß ich euch gesagt ha- 
be, ihr müsst von neuem geboren werden. Der Wind 
bläst, wohin er will, und du hörst sein Sausen wohl, 
aber du weißt nicht von wo er kommt und wohin er 
fährt; so ist auch ein jeder, der aus dem Geiste gebo- 
ren ist. Als ich in seinem Testamente gelesen hatte, 
welches zu Zürich in hochdeutsch gedruckt war, sag- 
te ich: Mein Herr, wenn die äußere Taufe der Kinder 
eine neue Geburt ist, so weiß man ja wohl, woher sie 
kommt, denn man sieht sie mit Augen. Wie verstehst 
du denn dieses? Jaques: Ich verstehe eine neue Ge- 
burt von demjenigen, was in dem alten Adam war, in 
dem Fleische der Sünden, das man solches ausziehen 
und das Fleisch der Sünden samt allen seinen Lüs- 
ten und Begierden töten und kreuzigen müsste, da- 
mit man wiedergeboren werde in einem neuen Leben 
nach dem neuen Menschen Christus Jesus, wie Paulus 
deutlich und ausführlich bezeugt. Ketzermeister: Das 
ist von großen und alten Leuten zu verstehen, aber 
die kleinen Kinder, die unrein sind, muss man mit 
Wasser reinigen, daß sie die Seligkeit erlangen. Jaques: 
Was glaubst du von den Kindern, die hier keine Tau- 


fe nach dem Glauben empfangen, welchen ihr habt, 
nämlich von dem Papste? Ketzermeister: Sie gehen zu 
allen tausend Teufeln. Jaques: O mein Herr! Es steht 
geschrieben: Wenn du richtest, so richte ein rechtes 
Gericht; auch sagt Christus: Mit welchem Gerichte ihr 
richtet, werdet ihr gerichtet werden; du verdammst 
die unschuldigen Kinder, da doch Christus sagt, daß 
solchen das Himmelreich sei. Ketzermeister: Diese 
waren getauft oder hatten doch wenigstens die Be- 
schneidung empfangen, welche ihnen statt der Taufe 
diente. Jaques: Die Schrift meldet nichts davon, daß 
sie beschnitten gewesen seien; auch kannst du nicht er- 
weisen, ob es jüdische oder heidnische gewesen seien. 
Ketzermeister: Es waren lauter Juden, die in Jerusalem 
oder dort herum im jüdischen Lande waren. Jaques: 
Lukas bezeugt anderes, Apg 2, daß in Jerusalem, im 
jüdischen Lande, alle Gattungen von Sprachen gewe- 
sen seien, die unter dem Himmel sind. Ketzermeister: 
Ist es nicht ein armer Handel von dir, daß du so in der 
Schrift irrst? Sagt nicht Paulus, daß er seine Gemeinde 
im Wasserbade gereinigt habe? Jaques: Paulus sagt: 
Im Wasserbade durchs Wort; wohlan, kannst du nun 
Kinder reinigen durchs Wort, oder allein durch das 
Wasserbad? Denn sie können nicht glauben an das 
Wort. Ketzermeister: So sind sie denn verdammt, weil 
sie nicht glauben. Jaques: Rede doch nicht so, denn 
sie sind unschuldig und arm an Geist, und solcher ist 
das Himmelreich. Ketzermeister: Man muss sie vor 
allen Dingen durch die Wassertaufe reinigen, damit 
sie selig werden. Jaques: Der Apostel Petrus bezeugt 
klar: Gleichwie die Arche, die Noah gemacht hatte, 
alle diejenigen vor dem Tode und dem Zorne Gottes 
bewahrte, die die Gesellschaft der Bösen und die Welt 
verlassen hatten und da hineingegangen waren, auf 
gleiche Weise ist auch die Taufe zur Seligkeit; aber der 
Apostel hält die Taufe nicht hoch, welche nur des Lei- 
bes Unreinigkeit wegnimmt, es sei denn, daß ein gutes 
Zeugnis eines guten Gewissens vor Gott daran sei; ich 
glaube nicht, daß die Kinder das Zeugnis eines guten 
Gewissens haben, weil sie nicht wissen, was gut oder 
böse ist. Auf diese Sache hat er mir nicht geantwortet, 
sondern mich scharf angesehen und kurz darauf zu 
mir gesagt: Calvinus hat geschrieben Attestat (das ist 
Zeugnis) des guten Gewissens; das sind die falschen 
Propheten, die euch verführen, aber der wahre Text 
sagt nicht so. Jaques: Ich bin nicht um Calvinus Lehre 
gefangen genommen; ich habe den Ketzermeister oft 
gebeten, er wolle mich in seinem Buche lesen lassen, 
wie es der Apostel geschrieben habe, nämlich in sei- 
nem eigenen Testamente, das er vor sich hatte, oder in 
seiner lateinischen Bibel, welche ein sehr kleines Buch 
war, übersetzt und gedruckt zu Paris von Robertus 
Stephanus; aber er wollte es mich nicht lesen lassen. 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


wie sehr ich ihn auch bat, worauf ich ihm sagte: Mein 
Herr, weil du doch ja dem Worte widersprichst, so 
solltest du mich doch nicht hindern, es zu beweisen. 
Unter anderem sagte er mir auch: Weil du nun nicht 
an die heiligen Lehrer wie St. Ambrosius und St. Au- 
gustinus (und noch einen Haufen anderer Heiliger, 
die er nannte) und an die Ordnungen, welche die hei- 
lige Kirche eingeführt hat, glauben willst, was willst 
du denn glauben? Jaques: Ich glaube einzig und allein 
an die Ordnung Christi; wenn ihr mir beweist, daß 
die Apostel kleine Kinder getauft haben, so will ich's 
glauben. Solches wollte er nun mit dem Hausgesinde, 
welches getauft wurde, beweisen, worunter, wie er 
meinte, wohl kleine Kinder gewesen sein könnten; ich 
antwortete: Hiervon tut die Schrift keine Erwähnung, 
daß Kinder daselbst gewesen seien; sie stellt es aber 
klar vor, daß solches Hausgesinde das Wort Gottes 
angehört und geglaubt habe, wie vom Stockmeister 
geschrieben steht, gleichwie auch vom Hauptmanne 
Cornelius, samt allen denen, die in seinem Hause wa- 
ren, welche den Heiligen Geist empfingen, wie auch 
die Apostel, nämlich, die das Wort hörten; deshalb, 
mein Herr, kannst du nicht beweisen, daß daselbst 
kleine Kinder gewesen seien. Ketzermeister: Ich will 
es nicht behaupten, es seien Kinder dabei gewesen, 
denn solches ist zweifelhaft, sondern du musst glau- 
ben, was die Alten und die heiligen Lehrer hiervon in 
der Kirche verordnet und bisher unterhalten haben. 
Jaques: Haben diese Lehrer solches in einer guten Ab- 
sicht eingesetzt, oder haben sie es eingesetzt, weil es 
eine in der Schrift enthaltene Ordnung Gottes war? 
Ketzermeister: Sie haben es nach dem Worte Gottes 
in guter Meinung getan. Jaques: Mein Herr, du weißt 
wohl, wie scharf es dem Volke Israel verboten gewe- 
sen sei, etwas nach ihrem eigenen Gutdünken zu tun, 
denn sie sollten allein dasjenige tun, was der Herr 
ihnen befahl und verordnete; denn Saul ist von Gott 
verworfen worden, weil er nach dem Worte des Herrn, 
das ihm befohlen war, nicht recht getan hatte, sondern 
nach seinem eigenen Gutdünken gehandelt hat. Nach- 
dem wir nun mehr dergleichen Reden gewechselt hat- 
ten, ging er von mir weg und sagte: Jaques, ich bitte 
dich, bedenke dich hierüber, denn du bist im Irrtum 
und verführt. Jaques: Ich bin weder im Irrtume, noch 
verführt, sondern wohl beraten; weil du mir aber aus 
der Schrift nicht beweisen kannst, daß die Taufe der 
kleinen Kinder eine Ordnung Gottes sei, darum glau- 
be ich auch nicht daran. Ketzermeister: Was willst du, 
dass ich dir beweisen soll, da du nicht an die Lehren 
der katholischen Kirche oder die Verordnung glaubst. 
Jaques: Mein Herr, es steht geschrieben: Jede Pflanze, 
die mein himmlischer Vater nicht gepflanzt hat, soll 
ausgerottet werden; und nachdem wir dergleichen 


Worte noch viel mehr gewechselt hatten, ist er weg- 
gegangen und hat zu mir gesagt: Lebe wohl, Jaques, 
berate dich wohl und bitte Gott ernstlich; ich entgeg- 
nete: Lebe wohl, meine Hoffnung besteht darin, den 
Namen des Herrn zu meiner Hilfe allezeit anzurufen. 

Außer dem Erzählten redeten wir übrigens noch 
viel mehr miteinander, was ich aber nicht aufgeschrie- 
ben, weil ich es vergessen habe und weil mich das 
Fieber ankam. Unter anderem habe ich vergessen, sei- 
ne Beweisgründe aufzuschreiben, womit er beweisen 
wollte, dass die Beschneidung ein Vorbild der Taufe 
gewesen sei, und dass man sie auch auf gleiche Weise 
brauchen müsse; worauf ich ihm aus der Schrift be- 
wies, dass die Beschneidung ein Vorbild auf den Bund 
gewesen sei, und dass dieselbe nichts weiter vorge- 
stellt habe, als dass sie zu erkennen gegeben, dass sie 
in dem Bunde begriffen und Kinder seien, welchen 
die Verheißungen zuständen. Aber Paulus beweist es 
uns, dass er nicht ein Jude, nicht ein Kind Abrahams 
sei, der es von außen oder von seinem Samen ist, nach 
dem Fleische, sondern, die es im Herzen sind, wie 
Christus sagt, dass solche Abrahams Kinder sind, die 
Abrahams Werke tun, wenn sie auch, dem Fleische 
nach, von dem Samen der Heiden sind; ich bewies 
ihm, dass die Taufe die wahrhafte Wiedergeburt vor- 
stelle, wie solches Christus Nikodemus erwiesen hat, 
und die Ablegung des alten Menschen in ein neu- 
es Leben, und dass man darum wiedergeboren und 
nicht ein neugeborenes Kind sein müsse, gleichwie 
sie sagen wollen; und wo keine Wiedergeburt sei, da 
diene auch kein Zeichen, sondern es hieße nur mit 
Gott Scherz getrieben. Er sagte zu mir: Sollten die Kin- 
der denn keinen Teil an diesem Sakramente haben? 
Ich entgegnete ihm: Die Sakramente sind uns zu dem 
Ende zurückgelassen, um sie in der heiligen Gemein- 
de zu gebrauchen, und zwar denjenigen, die Ohren 
haben zu hören, Herzen zu begreifen und einen Un- 
terschied in den Sakramenten machen, nicht aber für 
die Unwissenden. Wir hatten noch mehr dergleichen 
Redensarten über diesen Artikel, und ich bewies ihm 
den Missbrauch, den sie in ihrer Taufe haben, dass er 
gegen die Schrift sei; auch redete ich von der Taufe 
der verständigen Hebammen, wie sie dieselbe für gut 
erkennen, und dessen ungeachtet noch einmal taufen; 
darum, sagte ich, seien sie Wiedertäufer. 

Am Montag den zehnten Januar desselben Jahres 
ward ich abermals vor denselben Ketzermeister ge- 
führt; nach einigen Reden fragte er mich: Wie hast 
du dich wegen der Taufe beraten? Jaques: Ich weiß 
keine andere Auskunft dir zu erteilen, als die ich dir 
gegeben habe, indem du es mir nicht aus der Schrift 
erweisen kannst, dass es eine Einsetzung Christi sei, 
dass man die kleinen Kinder taufen soll; ich glaube 



253 


auch nicht daran, sondern halte mich an die Taufe, 
welche Jesus Christus eingesetzt und seinen Aposteln 
befohlen hat. Ketzermeister: In solcher Weise haben 
dich die falschen Propheten unterrichtet, von welchen 
die Schrift sagt, dass sie kommen werden, und die 
von uns ausgegangen sind. Jaques: Der Herr sagt, 
man soll solche falsche Propheten an ihren Früchten 
erkennen; und wenn auch du nun sagst, dass sie von 
euch ausgegangen seien, so bezeugte doch auch Pau- 
lus, als er zu Mileten war, den Ältesten zu Ephesus, 
daß unter ihnen und aus der Herde böse Menschen 
aufstehen würden, welche böse Dinge lehren würden; 
ist dem nicht so, mein Herr? Ketzermeister: Ja. Jaques: 
Ist denn nun, mein Herr, die Taufe, die ihr gebraucht, 
nicht eine verkehrte und widrige Sache; denn Christus 
hat diejenigen zu taufen befohlen, die da glaubten, un- 
terrichtet und gelehrt waren. So haben auch die Apo- 
stel nur diejenigen getauft, die das Wort aufnahmen; 
und ihr tauft nur diejenigen, die nicht glauben und 
die weder unterwiesen noch gelehrt werden können, 
die auch das Wort nicht aufnehmen können, weil sie 
unwissend sind; solches halte ich für ganz verkehrt, 
und heißt die Pferde hinter den Wagen gespannt. Ket- 
zermeister: Das kommt daher, mein Kind, weil du in 
der Ketzerei steckst und den heiligen Lehrern nicht 
glaubst; sieh' wie es dir ergehen wird; wohlan nun, 
laß uns von einem andern Artikel reden. Nachdem 
er nun mein Bekenntnis, das ich vor dem Commissa- 
rius getan, gesehen und gelesen hatte, wie ich zuvor 
gesagt habe, so fragte er mich: Was glaubst du denn 
von der Eucharistie? Jaques: Was ist das? Ketzermeis- 
ter: Von dem Sakramente des Altars. Jaques: Willst du 
sagen, von des Herrn Abendmahle oder dem Brotbre- 
chen? Ketzermeister: Ja, es ist ein Ding, Eucharistie, 
Sacramentum oder Abendmahl. Jaques: Mein Herr, 
es ist nicht ein Name, denn siehe, wie es die Apostel 
genannt haben; Lukas sagt: Sie brachen das Brot hin 
und her in den Häusern, und nicht den Leib Christi. 
Ketzermeister: Was hier Lukas sagt, das ist von dem 
Worte Gottes geredet, welches sie einem jeden austei- 
len. Jaques: Mein Herr, so sagt auch David Joris und 
andere Ketzer, die das Brotbrechen vernichten; aber 
merke, als Paulus zu Troas war und die Versammlung 
des Nachts gehalten wurde, sodass ein Jüngling durch 
ein Fenster fiel, und als ihn Paulus aufgehoben hat- 
te und sie wieder hinaufgestiegen waren, haben sie 
das Brot gebrochen und gegessen; sie haben nicht das 
Wort gegessen; nachher redete Paulus bis zur Mor- 
genröte, und ging davon. Als er solches hörte, sah er 
mich scharf an und wusste nicht, was er sagen sollte. 
Glaubst du nicht, sagte er, daß wenn der Priester die 
Worte gesprochen hat, unser Herr daselbst im Brot sei 
mit Fleisch und Blut, eben wie ihn die Juden in ihren 


Händen gehabt und gekreuzigt haben? Dieses hat er 
mich sehr oft gefragt, und weil ich mich mit ihm in 
keinen Wortstreit einlassen wollte, so sagte ich: Mein 
Herr, wenn man mir solches mit der Schrift beweisen 
kann, so will ich es glauben; er setzte mir scharf zu 
und sagte: Sage nein oder ja, was du davon glaubst. 
Jaques: Was hiervon die Schrift bezeugt. Ketzermeis- 
ter: Ich frage dich, ob du nicht glaubst, daß er im 
Sakramente sei mit Fleisch und Blut, wie er am Kreu- 
ze war? Als ich nun sah, daß er sich erzürnte, hielt 
ich mit der Antwort ein wenig zurück. Ketzermeister: 
Wohl, was sagst du? Jaques: Nichts, mein Herr. Ketzer- 
meister: Das höre ich wohl, aber warum zögerst du so 
lange, ja oder nein zu antworten? Jaques: Mein Herr, 
es steht geschrieben: Sei schnell zu hören und langsam 
zu reden. Ketzermeister: Wohlan denn, Jaques, sage 
nur ja oder nein; wenn du glaubst, daß er im Brote 
sei mit Fleisch und Blut, so sage ja. Jaques: Mein Herr, 
würde ich ja zu dir sagen, wie würde ich es dir mit der 
Schrift beweisen können, daß er mit Fleisch und Blut 
darin sei, wenn der Priester die Worte geredet hat? 
Denn ich habe es niemals in der Schrift gelesen, und 
weil ich es nicht beweisen kann, so will ich auch nicht 
sagen, daß dem so sei. Ketzermeister: So glaubst du 
es denn nicht, höre ich wohl, nicht wahr? Jaques: Ich 
glaube hiervon nicht weiter, als die Schrift bezeugt; 
und wie sollte er im Brote sein, mein Herr, da doch 
geschrieben steht, daß er in den Himmel aufgefah- 
ren sei und zur Rechten seines Vaters sitze, und daß 
er seine Feinde zum Schemel seiner Füße gelegt ha- 
be. Ketzermeister: Glaubst du nicht, daß er mächtig 
genug sei, zur Rechten seines Vaters zu sitzen und 
auch im Brote zu sein? Jaques: Mein Herr, ich glau- 
be, daß er allmächtig ist; aber er kann nichts gegen 
sein Wort, denn er muss wahrhaftig sein und er selbst 
ist die selbstständige Wahrheit. Ketzermeister: Willst 
du dem nicht glauben, wie es in der Schrift geschrie- 
ben ist: Nehmt, esst, das ist mein Leib, welcher für 
euch gegeben wird; glaubst du denn nicht, daß es sein 
Leib sei? Jaques: Was hältst du für seinen Leib, den, 
der für uns dahingegeben worden ist, der gelitten hat 
und an der Tafel saß und redete, oder das, was er in 
seiner Hand hielt, nämlich Brot? Wurde dieses für 
uns dahingegeben? Ist das Brot am Kreuze für unse- 
re Sünden gestorben, oder hat das Brot nicht seinen 
Leib vorgestellt? Ketzermeister: Beides. Jaques: Ich 
habe niemals gelesen, daß zwei Christi sind, sondern 
allein der einige Sohn Gottes. Dieses hatte ich ihm 
zuvor oft gesagt. Ketzermeister: Diese zwei sind nur 
einer; auch ist der Wein sein Blut, wenn der Priester 
die Worte gesprochen hat. Jaques: Wird der Wein sein 
Blut, wenn der Priester die Worte gesprochen hat, und 
bleibt er allezeit Blut und nicht Wein? Ketzermeister: 



254 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Wenn das Wort ausgesprochen ist, so ist das Brot sein 
wahres Fleisch, und der Wein das wahre Blut Chris- 
ti, und so bleiben sie Fleisch und Blut. Jaques: Was 
wollte denn Christus seinen Jüngern zu erkennen ge- 
ben, wenn er sagte: Dieses ist mein Blut des neuen 
Testamentes, welches vergossen wird für viele, zur 
Vergebung der Sünden, und ich sage euch: Ich wer- 
de von nun an nicht mehr von diesem Gewächse des 
Weinstocks trinken. Mein Herr, Christus nennt es sein 
Blut des Testamentes, und gleichwohl gibt er seinen 
Aposteln zu erkennen, daß es noch eine Frucht des 
Weinstocks sei; denn er nennt ihn noch so, als er schon 
gesagt hatte, daß es sein Blut sei. Ketzermeister: Wo 
steht das geschrieben? Da nahm ich sein deutsches 
Testament, welches er vor sich hatte, und las es ihm, 
und als ich es ihm gezeigt und gelesen hatte, sagte 
er mir: Du musst dich nicht nach deinem Verstände, 
sondern nach der Auslegung der heiligen Lehrer, als 
St. Augustinus, Ambrosius und mehrerer anderer von 
der alten Kirche richten. Jaques: Ich bin mit Paulus 
Auslegung wohl zufrieden, ohne andere Auslegun- 
gen zu suchen. Ketzermeister: Wo hat Paulus eine 
Auslegung über das Sakrament des Altars gemacht? 
Jaques: Paulus hat an die Korinther es ausgelegt und 
an den Tag gegeben, was das Abendmahl des Herrn 
und das Brotbrechen sei. Ketzermeister: Zeige es mir! 
Ich hatte sein Testament noch und las ihm das zehnte 
Kapitel des ersten Briefes an die Korinther vor, wo 
Paulus sagt: Als mit den Klugen rede ich, richtet ihr 
selbst, was ich sage: Der gesegnete Kelch, welchen 
wir segnen ist der nicht die Gemeinschaft des Blutes 
Christi? Das Brot, welches wir brechen, ist das nicht 
die Gemeinschaft des Leibes Christi? 

Ich hatte es kaum ausgelesen, so antwortete er mir 
darauf in Eile: Das ist wider dich, denn hier beweist es 
der Apostel klar, daß das Fleisch und Blut im Brot und 
Wein sei, und daß man des Leibes Christi teilhaftig 
werde. Jaques: Mein Herr, wenn es dir so beliebt, so 
laß mich weiterlesen, du wirst bald merken, daß Pau- 
lus nicht von dem Leibe Christi im Fleisch und Blut 
rede, wie er am Kreuze hing, sondern von seiner Ge- 
meinde, welche sein Leib ist; denn wenn er sagt, daß 
wir Gemeinschaft und Teil haben an dem Leibe Chris- 
ti, so setzt er hinzu: Denn so sind unserer viele ein 
Brot und ein Leib, weil wir alle eines Brotes teilhaftig 
sind. Ketzermeister: Der Apostel redet daselbst von 
einem andern Leibe, nämlich von seiner Gemeinde. 
Jaques: Ich finde nicht, daß Paulus einen Unterschied 
zwischen zwei Leibern macht, sondern er redet nur 
von einem Leibe Christi. Ketzermeister: Wie verstehst 
du denn das: Seinen Leib essen und sein Blut trin- 
ken? Jaques: Wie es Paulus selbst zu verstehen gibt, 
daß es eine Gemeinschaft und Mitteilung des Leibes 


Christi sei. Ketzermeister: Mein Kind, wie bist du so 
verführt! Meinst du denn, daß du durch die Gemein- 
schaft des Leibes und Blutes Christi teilhaftig werden 
mögest, ohne daß man davon isst und trinkt? Jaques: 
Mein Herr, ich bin nicht verführt, sondern ich grün- 
de mich auf das Wort Gottes. Ketzermeister: Wohlan, 
was verstehst du denn unter dieser Gemeinschaft? 
Jaques: Der Apostel gibt uns zu verstehen, wenn er 
in demselben Kapitel sagt: Seht Israel an nach dem 
Fleische, welche die Opfer essen, sind sie nicht in der 
Gemeinschaft des Altars? Sieh' mein Herr, das ist das 
Gleichnis, welches Paulus zum Unterrichte der Korin- 
ther gegeben hat; verstehst du es nicht auch so, mein 
Herr? Ketzermeister: Ja. Jaques: Mein Herr, ich denke 
nicht, daß es deine Meinung sei, daß diejenigen, die 
des Altars teilhaftig geworden sind, darum den Altar 
gegessen haben, sondern allein die Opfer, die auf dem 
Altäre lagen. Ketzermeister: So hältst du dafür, daß 
es auch mit dem Sakramente solche Beschaffenheit 
habe? Mein Herr, ich halte dafür, daß, wenn wir das 
Brot essen, wir damit anzeigen, Teil zu haben an dem 
Leibe Christi, und gleichwohl essen wir das Brot al- 
lein und nicht Christum, gleichwie auch Israel den 
Altar nicht aß, sondern allein die Opfer; und dennoch 
gaben sie mit dem Essen der Opfer zu verstehen, daß 
sie des Altars teilhaftig wären. Da sah er mich scharf 
an und sagte: Welch ein Irrtum! Glaubst du nicht, daß 
man in dem geweihten Brote den Leib Christi isst? 
Jaques: Paulus gibt es nicht so zu verstehen und ich 
verstehe es auch nicht so. Ketzermeister: Ist es nicht 
eine jämmerliche Sache von euch Leuten, Jaques, daß 
ihr dem Worte Gottes nicht glaubt, welches sagt: Das 
ist mein Leib, das ist mein Blut, solches tut zu mei- 
nem Gedächtnis. Jaques: Ich glaube dem Worte Gottes; 
Christus hat damit zu verstehen gegeben, daß er leib- 
licher Weise nicht da sein werde, weil er sagt, daß 
man es zu seinem Gedächtnis tun solle. Paulus sagt 
auch: So oft ihr dieses esst und aus diesem Kelche 
trinkt, sollt ihr den Tod des Herrn verkündigen, bis er 
kommt; so ist er nun nicht leiblicher Weise da, weil er 
noch nicht gekommen ist. 

Ketzermeister: Er ist ja leiblicher Weise da nach 
dem Worte Jesu Christi, auch legen es alle heiligen 
Lehrer so aus. Jaques: Ich halte mehr von Paulus al- 
lein, als von allen andern Lehrern, und halte mich 
allein an die Auslegung des Paulus. Ketzermeister: 
Du musst auch an die heiligen Lehrer der katholi- 
schen Kirche glauben. Jaques: Ich glaube an die heilige 
Schrift und an das Wort Gottes allein. Ketzermeister: 
Glaubst du an das Wort Gottes, so musst du glauben, 
daß, wer solches leiblicher Weise empfängt, wenn das 
Brot geweiht ist und die Worte gesprochen sind, der 
empfängt den Leib und das Blut Christi, weil Chris- 



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tus selbst so sagt, der nicht lügt, sondern der Mund 
der Wahrheit selbst ist. Jaques: Ich weiß wohl, daß 
Christus die Wahrheit sei, aber man muss darauf ach- 
ten, wie er redet, wenn er zum Beispiel sagt: Ich bin 
das Brot, das vom Himmel gekommen ist, und das 
Brot, das ich geben werde ist mein Fleisch; glaubst 
du wohl dieses? Ketzermeister: Nein, glaubst du das? 
Jaques: Das sage ich dir nicht, auch führen wir jetzt 
keinen Wortstreit darüber; es ist nur um deswillen, 
weil du sagst, man müsse so glauben, wie Christus 
spricht; siehe er sagt: Ich bin ein Weinstock, und mein 
Vater ist ein Weingärtner. So sagt auch Paulus: Der 
Fels, von welchem die Kinder Israel getrunken haben, 
war Christus. Ketzermeister: Nein, nein, solche Worte 
muss man nicht so annehmen, sondern allein als ein 
Zeichen auf Christum. Jaques: So verhält es sich auch 
mit derselben Redensart. Ketzermeister: Ja, das ist ein 
Sakrament, welches uns zum Gedächtnisse des Leibes 
Christi hinterlassen ist. Jaques: Mein Herr, siehe an 
Israel nach dem Fleische, das Lämmlein, das sie aßen, 
wurde der Durchgang und ein ewiges Gedächtnis ge- 
nannt, daß sie durch die starke Hand Gottes aus Ägyp- 
ten und der Dienstbarkeit gezogen waren; so ist auch 
das Brot, das wir brechen, ein Gedächtnis von Christo, 
der uns von den Sünden und dem ewigen Tode erlöst, 
und aus der Dienstbarkeit des Teufels und des Fein- 
des gezogen hat. Ketzermeister: Ja, nach der Meinung 
eures Hirten Calvinus und Zwinglius, und solcher 
Ketzer, die neue Lehren aufgebracht haben; wir aber 
haben in diesem Glauben über 1500 Jahre gestanden, 
warum glaubt man uns nicht? Jaques: Mein Herr, soll- 
te ich um der langen Zeit willen so glauben? Damals 
sind viele Ketzer gewesen, als Sadduzäer, Nicolaiten, 
Heiden und viele andere die noch länger geirrt haben; 
wende dich allein zu der Schrift nach dem Exempel 
des guten Königs Josua. Ketzermeister: Meinst du das, 
mein Sohn? Nein, nein. Jaques: Mein Herr, so sagten 
die Kinder Israel zu Jeremia und waren doch verirrt; 
du weißt auch wohl, wie sie die Gnade Gottes miss- 
braucht, ein goldenes Kalb gemacht, auch dasselbe 
gelobt und gesagt haben: Dieser Gott ist es, der uns 
aus Ägypten geführt und erlöst hat; so sagen auch 
jetzt die eurigen vom Brote: Es ist Christus, der für 
uns gestorben ist. 

Er wurde zornig und fragte mich: Treiben wir Ab- 
götterei, weil wir Christum anbeten? Jaques: Nicht, 
wenn er im Brote ist; ist er aber nicht darin, was ist 
es anderes, was ihr tut? Ketzermeister: Wohlan, was 
glaubst du denn davon? Sprich nur ein Wort, ja oder 
nein. Jaques: Mein Herr, du hast wohl gehört, daß 
ich glaube, daß er zur Rechten seines Vaters im Him- 
mel sitzt. Ketzermeister: Aber im Brote? Jaques: Mein 
Herr, ich habe es dir gesagt, daß ich davon glaube. 


wie Paulus davon bezeugt hat. Ketzermeister: So höre 
ich denn wohl, daß du nicht glaubst, daß man das hei- 
lige Fleisch Christi auf eine sakramentalische Weise 
esse. Jaques: Empfangen alle diejenigen, die das Brot 
empfangen, auch den Leib Christi? Ketzermeister: Ja, 
allerdings, wer sie auch sind. Jaques: Empfängt denn 
wohl ein Räuber, Mörder, Bösewicht, oder anderer, 
der voll Verräterei, Betrug und Bosheit ist, und weder 
Leid noch Reue über sein Böses empfindet, sofern den 
Vorsatz hat, ein solches boshaftes Leben zu führen 
den Leib und das Blut Christi? Ketzermeister: Wäre 
er der ärgste Mensch von dieser Welt, ja, wäre es ein 
Türke oder ein Heide, wenn er nur zum Sakramente 
kommt, so empfängt er den Leib und das Blut Christi 
ebenso gut, wie ein anderer, ja, was noch mehr ist, 
wäre er selbst ein Tier. Jaques: Wie kann das, mein 
Herr, möglich sein, daß Ungläubige, Gottlose und 
Ungerechte, welchen die ewige Verdammnis gedroht 
ist, den Leib und das Blut Christi empfangen sollten? 
Es müsste denn gegen alle Schrift notwendig folgen, 
Gott möge wollen oder nicht, daß sie das ewige Le- 
ben hätten, und zwar sowohl die Tiere, als wir, weil 
der Herr verheißen hat, daß wer sein Fleisch isst und 
sein Blut trinkt, das ewige Leben habe, und so hätten 
die Gottlosen Menschen Teil an dem Leibe Christi, 
und an Belial, am Lichte und an der Finsternis; das ist 
unmöglich, wie Paulus sagt. 

Ketzermeister: Wie? Verstehst du nicht, was Pau- 
lus sagt, daß, wer den Leib isst, sein Urteil empfan- 
ge? Jaques: Halt mein Herr, brich die Schrift nicht, 
denn Paulus sagt: Das Brot, und nicht der Leib. Ket- 
zermeister: Wohl, wer diesen Leib isst oder dies Brot, 
und trinkt diesen Kelch unwürdig, der empfängt sei- 
ne Verdammnis. Jaques: Mein Herr, wer sein Gericht 
empfängt, der ist weit davon entfernt, daß er den Leib 
Christi empfangen sollte, sondern es ist sein Todes- 
urteil, das er empfängt. Ketzermeister: Wohlan, so 
bekennst du ja die Worte Jesu Christi, der gesagt hat: 
Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat 
das ewige Leben; so glaubst du ja, daß man ihn essen 
und trinken könne, wie er sagt. Jaques: Ich glaube die 
Worte Jesu Christi, aber nicht auf solche Weise, wie 
die Juden, die sich an ihm ärgerten und sagten: Wie 
kann uns dieser sein Fleisch zu essen und sein Blut zu 
trinken geben? Auch selbst nicht, wie sie seine Jünger 
verstanden. Ketzermeister: Das kam daher, weil sie es 
nicht verstanden. Jaques: Das glaube ich wohl, denn 
hätten sie es wohl verstanden, sie hätten das nicht 
gesagt, auch hätten ihn um dieser Worte willen seine 
Jünger nicht verlassen, wie sie getan haben. Ketzer- 
meister: Merke wohl, mein Sohn, das geschah, weil 
sie verstanden, man müsse sein Fleisch gesotten oder 
gebraten essen, gleichwie ein anderes Fleisch; aber er 



256 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


redete von dem sakramentalischen Essen, das andere 
Essen würde sonst wenig geholfen haben. Glaubst du 
aber nun nicht, daß man sein Fleisch sakramentalisch 
esse, was ein Sakrament ist, das er uns unter der Ge- 
stalt von Brot und Wein hinterlassen in welches er sich 
verwandelt hat? Jaques: So hat er denn Dinge hinter- 
lassen, die uns nichts nütze sind. Ketzermeister: Wie- 
so? Jaques: Darum, mein Herr, weil es seine Jünger so 
grob verstanden, wie auch ihr tut und andere, denn er 
sagt zu ihnen: Der Geist ist es, der lebendig macht, das 
Fleisch ist nichts nütz, und meine Worte (sagt er) sind 
Geist und Leben; wenn man also sein Fleisch isst, wel- 
chen Nutzen hat man davon? Ketzermeister: Das war 
darum, weil sie es nicht recht verstanden, wie ich dir 
gesagt habe. Jaques: Mein Herr, ich glaube das wohl, 
denn wenn sie es verstanden hätten, so hätte er nicht 
nötig gehabt, es ihnen zu erkennen zu geben, daß es 
sein Wort sei, was er sagen wollte. Ketzermeister: Wie 
verstehst du aber das, daß er von seinem Worte redet? 
Jaques: Mein Herr, ich verstehe, daß die Rede von sei- 
nem Worte war, gleichwie geschrieben steht, daß der 
Mensch nicht allein von dem Brote lebe, sondern von 
dem Worte, das aus dem Munde Gottes geht, welches 
uns allein in Gott lebendig macht zum ewigen Le- 
ben. Ketzermeister: Siehe da, wie eure Verführer euch 
in ihrer neuen Lehre unterwiesen haben! Jaques: Ich 
bin nicht auf Menschen gegründet, sondern auf das 
Wort Gottes. Ketzermeister: Warum willst du denn 
nicht glauben, wie deine Mutter, die heilige Kirche, 
daß, wenn die Worte gesprochen worden sind, das 
Brot und der Wein verändert sei? Jaques: Mein Herr, 
ich habe dir schon gesagt, weil in der Schrift von sol- 
chen Sachen nichts geschrieben ist, denn es ist weder 
Brot noch Wein verändert worden, das Christus ge- 
geben hat. Ketzermeister: Es ist aber doch geschehen. 
Jaques: Mein Herr, ich habe es dir bewiesen, daß er 
es eine Frucht des Weinstocks nenne, nachdem schon 
die Worte gesprochen waren. Ketzermeister: Glaubst 
du denn nicht, Jaques, daß Jesus Christus allmächtig 
sei, und daß er auch allmächtig war, sein Blut seinen 
Jüngern zu trinken zu geben. Jaques: Ich weiß, mein 
Herr, daß er allmächtig ist, und daß er auch mäch- 
tig genug war, solches zu tun; wenn er es aber nun 
getan hätte, mein Herr, hat er euch denn verheißen, 
daß ihr solche Werke auch tun sollt? Ketzermeister: 
Ist aber Jesus Christus nicht mächtig genug, uns sol- 
ches in seinem Sakramente zu einem Testamente zu 
hinterlassen? Jaques: Ja, mein Herr, wenn er es ge- 
sagt hätte, denn er hatte Gewalt über den Wind und 
über die Teufel, das Wasser in Wein zu verwandeln, 
und sich selbst unsichtbar zu machen. Summa, ich 
glaube, daß er in allen Dingen allmächtig sei; aber 
ein sündhafter Mensch hat solche Gewalt nicht. Ket- 


zermeister: Nicht? Wenn er dieselben Worte Christi 
ausspricht. Jaques: In den Worten liegt nicht die Kraft, 
solches wäre Zauberei, und wenn auch jemand zu 
einem Kranken sagen würde, sei gesund, auf solche 
Weise wie Christus sagte, so wäre er es um deswillen 
nicht. Ketzermeister: So glaubst du denn nicht, daß 
Jesus im Brote sei? Jaques: Mein Herr, ich denke, du 
hast meine Meinung wohl gehört. Christus hat gesagt, 
wir sollen es zu seinem Gedächtnisse tun; wäre er nun 
gegenwärtig, wie könnte man es zu seinem Gedächt- 
nisse tun? Ketzermeister: O wie haben dich die Buben, 
Zwinglius und Calvinus, verführt, solche Sakrament- 
schänder, die alle Schriften verdrehen. Jaques: Mein 
Glaube ist nicht auf die Lehre des Zwinglius oder Cal- 
vinus gegründet. Ketzermeister: Worauf denn? Jaques: 
Auf das Wort Gottes, und auf den Grund der Apostel. 
Ketzermeister: Wie? Du glaubst ja nicht an das Wort 
Gottes? Jaques: Mein Herr, sollte ich nicht an das Wort 
Gottes glauben? Nur deshalb bin ich hier gefangen 
und stehe in Banden vor dir, um davon Zeugnis zu 
geben. 

Ketzermeister: Mein Sohn, es ist aber um des Wor- 
tes des Satans, und nicht um des Wortes Gottes willen. 
Jaques: Mein Herr, sieh dich vor, was du redest, da- 
mit du nicht lästerst, denn ich habe des Satans Wort 
für meine Lehre und meinen Glauben nicht benutzt, 
sondern das reine Wort Gottes; du aber bringst mir 
das Wort und die Auslegung der Menschen vor. Ket- 
zermeister: Es ist das Wort der heiligen Kirchenleh- 
rer, welches du verworfen hast; darin suche ich den 
Grund deiner Verführung. Jaques: Ich verwerfe sie 
nicht, sondern lasse sie in ihrem Werke, wie sie sind; 
denn ich finde in dem Worte Gottes Materie genug, 
einen guten Grund zu legen, und in der reinen Quelle 
Wasser des Lebens genug, um zu trinken, weshalb 
ich nicht nötig habe, zu den Bächlein und Pfützen zu 
laufen, die größtenteils faul und trübe sind. Ketzer- 
meister: Wohlan, dieses führt uns nicht zum Ziele; es 
bleibt dir nicht viel Zeit mehr, es ist nun schon spät, 
weil du nicht glauben willst, wie dich unsere Mutter, 
die heilige Kirche, unterweist; sieh zu, berate dich 
wohl, denn du bist in solchem Irrtume, daß, wenn du 
so stirbst, du in den Grund der Hölle verdammt bist. 
Jaques: Mein Herr, es steht geschrieben, daß das Urteil 
Gott allein zukomme, wie setzt du dich so vermessen 
an Gottes Stelle? Gott wird mich wohl richten. Ket- 
zermeister: Jaques, es ist klar, denn du glaubst nicht; 
wer nun nicht glaubt, der ist verdammt, sagt Chris- 
tus. Jaques: Es steht geschrieben: Richtet nicht nach 
dem Ansehen, sondern richtet ein recht Gericht; wenn 
ich es nicht glaubte, so würde ich das Wort Gottes zu 
meiner Schützung nicht anführen. Ketzermeister: Sol- 
ches tun auch alle Ketzer; so bitte nun Gott ernstlich. 



257 


daß du zu der heiligen Kirche wiederkehren mögest. 
Jaques: Durch die Gnade Gottes hoffe ich, sei ich ein 
Glied der wahren und heiligen Kirche geworden, wel- 
che durch das Blut Jesu Christi gereinigt und erkauft 
ist. Nach diesem Gespräche stand er auf, und sagte 
zu mir: Lebe wohl, Jaques; sieh wohl zu, daß du dich 
wohl berätst, denn deine Zeit ist kurz, darum überlege 
deine Sache; ich sagte ihm ebenfalls ein Lebewohl und 
daß ich bereit sei, allezeit dem Besten nachzufolgen, 
in demjenigen, was man mir mit der heiligen Schrift 
beweisen würde, aber sonst nicht. 

Unser Gespräch währte beinahe zwei Stunden und 
umfasst noch manches andere, aber ich habe es verges- 
sen; er gab gutes Gehör und erzürnte nicht leicht; wir 
redeten bisweilen Flämisch, bisweilen Französisch, 
wiewohl ich meistens Flämisch redete, und das der 
Zuhörer wegen, die ich vor der Tür hörte. 

Seht hier die zwei Artikel, womit man von ihnen 
am meisten gequält wird. So oft er wieder zu mir 
kam, brachte er einige spitzfindige Schriftstellen mit, 
um mich zu fangen, aber der Herr müsse gepriesen 
sein, ich habe allezeit den Sieg davon getragen; ich 
bin wohl achtzehn oder zwanzig Mal vor ihm gewe- 
sen, und wenn ich alle Reden niederschreiben sollte, 
die ich mit ihm von diesen beiden Artikeln hatte, so 
müsste ich wohl ein Buch Papier damit anfüllen, so 
viele Gleichnisse brachte er vor, die in der Schrift nicht 
enthalten sind; aber ich verwies ihn allezeit auf die 
Schrift. Ist nun etwas in meinem Liede, das mit dieser 
Schrift nicht übereinkommt, so soll man sich darüber 
nicht verwundern, denn wenn ich auch noch so viel 
schreibe, so könnte ich doch alle Reden nicht erzählen, 
die ich mit ihm hatte; so sehr hat er mich gequält. 

Den vierzehnten Tag im Januar des Jahres 1558, auf 
einen Freitag Nachmittag, wurde ich abermals vor 
den Ketzermeister gebracht; ich trat vor ihn, und er 
grüßte mich freundlich; denn so viel ich merken konn- 
te, hatte der Wein ihn sehr lustig gemacht. Er brachte 
auch keine Bücher mit sich. Nach einigen Worten, die 
wir miteinander wechselten, sagte er zu mir: Jaques, 
die Ursache, warum ich hierher gekommen bin, ist 
allein die, daß ich deinen Entschluss wissen mochte, 
denn ich will mit dir nicht mehr von den Glaubensar- 
tikeln, als von der Messe, der Beichte, dem Ablasse, 
Fegfeuer und der Anrufung der Heiligen und andern 
Satzungen unserer Mutter, der heiligen Kirche, dispu- 
tieren. Jaques: Mein Herr, ich bin wohl zufrieden; ich 
suche auch nicht zu disputieren, sondern allein das- 
jenige einfältig zu glauben was wir in Ansehung der 
Glaubensartikel zu glauben verbunden sind. Ketzer- 
meister: Ja, wir haben mit dem Disputieren nicht viel 
zu tun, denn Paulus sagt: Einen ketzerischen Men- 
schen, wenn er einmal oder abermals ermahnt ist. 


meide. Jaques: Mein Herr, wie könntest du mich der 
Ketzerei wegen ermahnen, da du mich noch nicht 
überwiesen hast, daß ich ein Ketzer sei? Ketzermeis- 
ter: Nicht? Bist du nicht ein Ketzer, da du doch dem 
christlichen Glauben widersprichst? Jaques: Ich wider- 
spreche diesem Glauben nicht, denn mein ganzer Sinn 
ist darauf gerichtet; aber du holst deine Meinung auf 
die eine Weise aus der Schrift und ich auf eine andere, 
und niemand kann urteilen, wer Recht oder Unrecht 
habe, als nur die geistigen Menschen durch den Geist 
Gottes. Er lachte und fragte mich: Hast du den Geist 
Gottes? Jaques: Mein Herr, frage mich dieses nicht aus 
Scherz, denn ich rühme mich dessen nicht; gleichwohl 
hoffe ich durch die Gnade Gottes, dass ich nicht von 
dem Geiste des Satans getrieben werde. Ketzermeis- 
ter: Gleichwohl bist du verführt und im Irrtume, und 
Paulus sagt: Man meide solche, wenn sie einmal oder 
zweimal ermahnt sind. Jaques: Weil ihr uns denn nun 
für Ketzer haltet, so wollte Gott, daß ihr wenigstens 
den Rat Pauli beobachten möchtet, nämlich, daß ihr 
uns meidet und euch von uns absondert, nicht aber 
uns bis auf den Tod verfolgt und in allen Winkeln 
unser Blut vergießt. Ketzermeister: Jaques, ich suche 
nicht deinen Tod, das weiß Gott. Jaques: Mein Herr, 
mein Gott weiß es in Wahrheit wohl, und man wird 
es am Ende auch wohl sehen. Ketzermeister: Ja, wir 
verrichten allein unser Amt und was uns befohlen 
ist. Jaques: Von wem, mein Herr, von Gott oder von 
den Menschen? Ketzermeister: Es ist uns von Gott 
befohlen, die falschen Propheten zu meiden. Jaques: 
Es ist wahr, mein Herr, Christus hat uns ermahnt, uns 
vor den falschen Propheten zu hüten; aber er gibt uns 
ein Zeichen, woran wir sie erkennen sollen, nämlich 
gleichwie ein Baum an seinen Früchten; welche Frucht 
habt ihr an uns gesehen, woraus ihr urteilen könnt, 
daß wir falsche Propheten sind? Ketzermeister: Täg- 
lich genug. Jaques: Worin? Ketzermeister: Darin, daß 
ihr eine falsche Lehre habt, wodurch die Menschen 
übel unterrichtet und in Verdammnis geführt werden. 
Jaques: Mein Herr, daß unsere Lehre falsch sei, das 
ist nach deinem Gutdünken gesprochen. Gleichwohl 
könnt ihr nicht erkennen, daß wir falsche Propheten 
sind, als nur aus der Frucht der Werke; denn Chris- 
tus sagt: An ihren Werken sollt ihr sie erkennen, und 
sagt nicht, an ihrem Glauben. Ketzermeister: Ihr recht- 
fertigt euch selbst wegen eurer Werke. Jaques: Nein, 
sondern es ist unmöglich, Trauben zu lesen von den 
Dornen, oder Feigen von den Disteln, oder daß ein 
böser Baum gute Früchte hervorbringen könne, wie 
der Herr selbst bezeugt hat. Ketzermeister: Wohlan, 
Jaques, wie ich dir gesagt habe, ich bin nicht hier- 
her gekommen, um zu disputieren, sondern deine 
Meinung zu vernehmen. Jaques: Ich frage auch nach 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


keinem Wortstreite, sondern ich will dir nur darauf 
antworten, daß ihr uns mit Unrecht der Ketzerei und 
Verführung beschuldigt. Ketzermeister: Wohlan, laß 
das fahren; was hast du wegen deines Bekenntnis- 
ses bei dir beschlossen; bist du noch so gesinnt, wie 
du vor dem Commissarius bekannt hast? Jaques: Ja. 
Ketzermeister: Willst du dich denn nicht unterrich- 
ten lassen? Jaques: Ich suche sonst nichts, als stets 
dem Besten, Gerechtesten und Tugendhaftesten nach- 
zukommen, bin auch nicht so hartnäckig in meinem 
Glauben; wenn ich einen bessern Weg zum ewigen Le- 
ben erkennen sollte, als denjenigen, auf welchem ich 
nun wandle, so würde ich ihn annehmen. Ketzermeis- 
ter: Wohlan denn, was die Taufe und das Sakrament 
betrifft, wovon wir miteinander geredet haben, was 
hältst du davon? Jaques: Mein Herr, was mir mit der 
Schrift wird bewiesen werden können, das will ich 
glauben und sonst nichts. Ketzermeister: So höre ich 
denn wohl, daß du an die heilige Lehre der katholi- 
schen Kirche nicht glaubst; ist es nicht so? Jaques: Ich 
glaube nur an die heilige Schrift. Ketzermeister: Dar- 
um bist du der Ketzerei schuldig, weil du mehr von 
dir selbst, als von den heiligen Lehrern hältst. Jaques: 
Ich rühme mich selbst nicht, als nur in dem Kreuze 
Christi; aber ich will mein Vertrauen nicht auf Men- 
schen setzen, denn es steht geschrieben: Verflucht ist 
der Mensch, der sich auf Menschen verlässt. Ketzer- 
meister: Das weiß ich wohl; aber du glaubst auch nicht 
an das Wort Gottes. Jaques: Mein Herr, sage doch das 
nicht, denn dem ist nicht so. Ketzermeister: Nicht? 
Als unser Heiland das Brot nahm und sagte: Das ist 
mein Leib, und von dem Kelch, den er nahm: Das ist 
mein Blut; warum glaubst du denn das nicht? Warum 
zweifelst du daran? Jaques: Mein Herr, ich glaube den 
Worten Christi, und zweifle nicht daran. Ketzermeis- 
ter: Ja, nach deinem Begriffe und mit irriger Meinung. 
Jaques: Mein Herr, ich hoffe, daß ich es auf keine an- 
dere Weise verstehe, als wie es die Apostel verstanden 
haben, und wie es Paulus IKor 10 auslegt. Ketzermeis- 
ter: Du sagst es. Über diesen Artikel wurde noch viel 
hin und her gesprochen, und auch von der Taufe, und 
kurz darauf vom Fegfeuer und dem Befehle. Das Ge- 
spräch dauerte fast anderthalb Stunden; hierauf ging 
er fort und zeigte mir ein sehr freundliches Gesicht; 
ob es von Herzen ging, weiß ich nicht. 

Den zwanzigsten Tag des Monats Januar des vor- 
genannten Jahres wurde ich abermals vor denselben 
Ketzermeister geführt; er fragte mich: Wie hast du 
dich wegen desjenigen beraten, was ich dir in Anse- 
hung der Taufe und des Sakramentes vorgelegt habe, 
und was ist deine Meinung hierin? Jaques: Ich weiß 
keine andere Antwort zu erteilen, als die du von mir 
zuvor gehört hast. Ketzermeister: So bleibst du denn. 


wie ich höre, halsstarrig und bei deiner Meinung? 
Jaques: Mein Herr, es wäre mir leid, daß ich gegen 
mein Gewissen halsstarrig sein sollte; du kannst mir 
aber dasjenige, was du glaubst, mit der Schrift nicht 
beweisen, nämlich, daß die Taufe der jungen Kinder 
eine Ordnung Gottes und ein Gebrauch der Apostel 
sei, auch, daß Brot in Fleisch und Wein in Blut ver- 
ändert werde, wenn der Priester die Worte über das 
Brot gesprochen hat; solches ist meiner Meinung nach 
Zauberei und ich kann es nicht so verstehen. Ketzer- 
meister: Du sollst an der Veränderung durch die Kraft 
Gottes ja nicht zweifeln, denn ich habe es dir aus der 
Schrift Gottes genug bewiesen, aber du willst nicht 
glauben. Jaques: Mein Herr, sage das doch nicht; hät- 
test du mir es aus der Schrift bewiesen, so wollte ich 
gerne glauben, denn meine Seligkeit liegt in diesem 
heiligen Worte Gottes. Ketzermeister: Ich habe dir das 
Wort Gottes beigebracht, aber du glaubst niemandem, 
als nur deiner Einbildung und Meinung. Jaques: Ich 
bitte dich, du wollest doch nicht das denken; erkenne- 
te ich es besser, oder verstände es anders, ich wollte 
gewiss gegen mein Gewissen dem Worte Gottes nicht 
widerstehen, der ich mich in der Lage befinde, auf 
den Tod angeklagt zu sein, und mich alle Tage des To- 
des versehen muss; man könnte wohl sagen, daß ich 
der jämmerlichste und unglückseligste Mensch wäre, 
der jemals auf Erden gewesen, indem ich mit freiem 
Willen und vorbedachter Tat hier zu leiden und bis 
an den Tod gepeinigt zu werden suchte, um dadurch 
die ewige Verdammnis zu erlangen. Ketzermeister: 
Ja, mein Kind, sieh wohl zu, was du tust; denn wenn 
du in solchem bösen Glauben und solcher Lehre, die 
du jetzt hast, stirbst, so bist du vor allen Teufeln ver- 
dammt. Jaques: O mein Herr! Wie darfst du doch so 
reden? Es steht geschrieben: Richtet nicht, damit ihr 
nicht gerichtet werdet; denn mit welchem Gerichte 
ihr richtet, sagt der Herr, sollt ihr wieder gerichtet 
werden. Ketzermeister: Ich richte dich nach der Wahr- 
heit. Jaques: Mein Herr, sage doch das nicht, denn du 
weißt nicht, was du urteilst. Ketzermeister: Ich weiß 
es wohl. Darauf nahm er ein Tintenfass, das auf der 
Tafel stand, und sagte zu mir: So gewiss, als ich weiß, 
daß ich dieses Gefäß halte, so gewiss weiß ich auch, 
daß, wenn du in dieser Lehre bleibst und so stirbst, 
du nimmermehr das Angesicht Gottes sehen, sondern 
ewiglich verdammt werden wirst. Jaques: Mein Herr, 
urteile nicht so, denn du setzest dich an Gottes Stelle 
und nimmst ihm seine Ehre; denn ihm allein kommt 
das Gericht zu. Ketzermeister: Meinst du, ich wisse 
nicht, was ich sage, und sähe nicht, daß du verführt 
seiest? Die Ketzer sollen nicht ins Paradies kommen. 
Jaques: Mein Herr, es kommt dir nur so vor, als ob 
wir im Irrtume wären, und wie du solches von uns 



259 


meinst, so meinen wir solches auch von euch. Ket- 
zermeister: Ach! Es ist durch das Wort Gottes leicht 
zu erkennen, welche im Irrtume und Ketzerei seien. 
Jaques: Dem ist so. Demjenigen wird es leicht zu er- 
kennen, dem der Herr Gnade und Weisheit gegeben 
hat; darum bitte ich dich, mein Herr, du wollest mir 
nicht übel nehmen, wenn ich etwas freier mit dir re- 
de und mein Herz dir offenbare. Ketzermeister: Nein, 
auf meine Treue. Jaques: Mein Herr, gleichwie es euch 
vorkommt, daß wir falsche Propheten und Verführer 
seien, so kommt es uns von euch vor, und wie es euch 
dünkt, wir irren, so dünkt es auch uns von euch, daß 
ihr irret; wie ihr meint, daß wir das Volk verführen, so 
meinen wir, daß ihr es verführt, und für diese Ansicht 
lassen wir das Leben, und alles, was wir in der Welt 
haben, um euch den Glauben, welchen wir an Gott 
haben, zu bezeugen und mit unserm Blute zu versie- 
geln. Ketzermeister: Gleichwohl dient euch solches zu 
nichts anderem, als zur Verdammnis. Jaques: Wenn 
uns dieses zur Verdammnis dient, so sind wir die Elen- 
desten, die unter dem Himmel sind; denn wir sind 
verstoßen, verachtet, verworfen als ein Gräuel vor der 
ganzen Welt, die von einem Orte zum andern flüch- 
ten, sodass wir allezeit keine Ruhe haben, und wie du 
sagst, so müssten wir auch nach diesem Leben noch 
leiden; nein, nein, mein Herr, wir haben ein ganz an- 
deres Zeugnis und Verheißung durch das Wort Gottes. 
Ketzermeister: Das kommt daher, weil ihr verführt 
seid, aber es wird euch zu nichts dienen. Jaques: Wo 
ist aber das Volk, welches in Leiden und Widerwärtig- 
keiten seinem Meister bis ins ewige Leben nachfolgen 
soll, wie Christus gesagt hat, daß sie um seines Na- 
mens willen gehasst werden? Ketzermeister: Das war 
allein zu den Aposteln gesagt. 

Jaques: Woher kommt es denn, daß Paulus sagt, 
daß alle, die gottselig leben wollen in Christo Jesu, 
Verfolgung leiden müssen? Und der Prophet sagt: Die 
Gerechten müssen viel leiden, aber der Herr erlöst sie 
von allem Übel. Ketzermeister: Das ist so zu verstehen, 
daß der Teufel ihnen viel Versuchung und Widerwär- 
tigkeit verursachen werde. Jaques: Paulus redet von 
Verfolgung und nicht von Versuchung; ich kann es 
auch nicht verstehen, daß Christus von Versuchungen 
gesprochen haben soll, wenn er sagt: Sie werden euch 
geißeln in ihren Schulen und euch bis zum Tode ver- 
folgen und werden meinen, sie tun Gott einen Dienst 
damit; auch sollt ihr gehasst werden von Vater und 
Mutter, Brüdern und Freunden, und sie werden einige 
unter euch töten. 

Ketzermeister: Er redet allein zu den Aposteln. 
Jaques: Spricht Christus da nicht von allen, die an sei- 
nen Namen glauben? Ketzermeister: Er redete allein 
zu den Aposteln, denn diese mussten leiden, als sie 


das Wort verkündigten, nachher aber würde man auf- 
hören, sie zu verfolgen. Jaques: Woher kam es denn, 
daß die Gemeinde und die Versammlung solche grau- 
same Verfolgung erlitten hat? Und gleichwohl waren 
es nicht alle Apostel. Ketzermeister: Wieso? Jaques: 
Gleichwie Lukas bezeugt Apg 8,1 und Paulus 2Th 1,4. 
Ja, du selbst, mein Herr, weißt wohl, was einer von 
den alten Lehrern (genannt Eusebius) in seinem vier- 
ten Buche in dem achten Kapitel schreibt, sagt er nicht, 
als er von der ersten Kirche schrieb, wie sie verfolgt 
und verachtet worden sei; daß sie das Volk für Räuber, 
Totschläger, Kindermörder, abscheuliche Menschen 
gehalten habe, und daß sie Menschenblut vergössen 
in ihrem Gottesdienste, und daß sie ihre Kinder den 
Götzen opferten; ebenso sind sie auch für aufrühreri- 
sche, verfluchte Buben, Feinde Gottes und aller Krea- 
turen gehalten worden, und man hat ihnen außerdem 
andere Bosheiten aufgebürdet; ist dem nicht so, mein 
Herr? Gleichwie auch die alten Lehrer Cyprianus und 
Tertullianus solches melden. Ketzermeister: Es ist dem 
so, wie du sagst, aber das geschah von denen, die kei- 
ne Erkenntnis des Evangeliums hatten. Jaques: Ich 
glaube, hätten sie an das Evangelium geglaubt, sie 
hätten dieselben nicht verfolgt, oder ihnen solche er- 
logenen Dinge vorgeworfen; aber es ist allezeit so 
ergangen, daß selbst diejenigen, die sich des Wortes 
Gottes rühmten, diejenigen verfolgt haben, die den 
Herrn zu fürchten und Gott von ganzem Herzen zu 
dienen suchten, wie du an dem Volke Israel siehst, 
welches, als es für Gottes Ehre und sein Gesetz hätte 
stehen sollen, die Propheten, die zu ihm gesandt wa- 
ren, und die den Herrn aus reinem Herzen kannten, 
getötet hat. Ketzermeister: Darum sind allezeit Böse 
unter den Guten, und die Spreu wird unter dem guten 
Getreide bis ans Ende sein. 

Hierüber wechselten wir noch manche dergleichen 
Reden; zuletzt fragte er mich um meinen Entschluss 
wegen der Taufe und des Sakramentes, worauf ich 
ihm antwortete, wie ich zu andern Zeiten getan hat- 
te. Er ging darauf von mir weg und befahl mir, ich 
sollte Gott bitten, daß er mir Verstand geben wolle, 
um (wie er sagte) zu der heiligen katholischen Kirche 
zurückzukehren. 

Den 27. Tag des Monats Januar im vorgenannten 
Jahre wurde ich abermals vor denselben Ketzermeis- 
ter gebracht. Nachdem er ein wenig geredet hatte, 
fragte er mich, wie ich mich in Ansehung der Tau- 
fe und des Sakramentes beraten hatte; darauf gab 
ich ihm zur Antwort, wie zu andern Zeiten, daß ich 
keinen andern Rat wüsste, als mich an mein erstes 
Bekenntnis zu halten, denn ich fände das nicht in der 
Schrift, was er mir vor Augen legte, und mich zwin- 
gen wollte zu glauben. 



260 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Ketzermeister: Bleibst du denn halsstarrig darin 
und willst du sonst nichts glauben? Jaques: Ich bin 
nicht halsstarrig, sondern ich finde es nicht in der Wei- 
se in der Schrift, wie du mir sagst, daß ich glauben 
müsse. Ketzermeister: Nicht? Findest du nicht in der 
Heiligen Schrift, was du von dem Sakramente glauben 
sollst? Jaques: Ja, aber nicht auf solche Weise, wie du 
glaubst, denn so konnte ich es nicht verstehen. Ketzer- 
meister: Die Ursache ist, weil du es nicht so verstehen 
willst. Jaques: Wie, mein Herr, meinst du, daß ich Gott 
wider mein Gewissen widerstehen wolle, dann wäre 
ich ärger als ein unvernünftiges Tier. Ketzermeister: 
Warum verstehst du es denn nicht? Jaques: Weil es 
mir nicht anders gegeben worden ist zu verstehen; 
darüber darfst du dich nicht wundern, denn es steht 
geschrieben, daß der Herr sagt: Sie werden alle von 
Gott gelehrt sein. Ketzermeister: Gleichwohl halte ich 
dafür, wenn ich dir solches mit der heiligen Schrift vor 
Augen lege, daß es nicht anders sei, als dein eigner 
Wahn und deine Halsstarrigkeit, wenn du nicht so 
glauben willst. Jaques: Ich könnte es nicht so verste- 
hen; denke auch nicht, daß ich, wenn ich es anders 
verstände, mein Vergnügen und Zeitvertreib darin su- 
chen würde, daß ich hier gefangen und gefesselt bin, 
und mein Weib und Haushaltung zu meinem großen 
Schaden verlassen habe und jeden Tag den Tod erwar- 
te; denn es ist eine Sache, die wider die menschliche 
Natur streitet. Ketzermeister: Wohlan, glaube allein 
an das Wort Gottes, wie in der Heiligen Schrift ge- 
schrieben steht, so bin ich zufrieden, nämlich, daß 
wenn man das Brot isst, man des Leibes Christi teil- 
haftig werde, und wenn man den Wein trinkt, man 
des Blutes Christi teilhaftig werde, wie Paulus an die 
Korinther bezeugt. Jaques: Sei damit zufrieden, ich 
glaube es, wie es Paulus daselbst bezeugt. Ketzermeis- 
ter: Glaubst du denn, daß eine Gemeinschaft des Lei- 
bes Christi sei? Jaques: Ja. Ketzermeister: Wohlan nun, 
du kannst des Leibes nicht teilhaftig werden, ohne da- 
von zu essen, also kannst du ja sagen, daß es der Leib 
Christi sei, was du isst. Jaques: Paulus sagt das nicht. 
Ketzermeister: Wie kannst du des Leibes teilhaftig 
werden, ohne davon zu essen? Jaques: Wie wurde Is- 
rael des Altars teilhaftig, und aß doch den Altar nicht, 
sondern nur die Opfer? Ketzermeister: Ha, ha, siehe, 
wie dich Calvinus oder Zwinglius unterwiesen haben. 
Jaques: Meine Lehre und mein Glaube ist nicht auf 
Menschen, sondern auf das Wort Gottes gegründet. 
Ketzermeister: Wer ist denn euer Haupt und Führer? 
Jaques: Christus. Ketzermeister: Aber wer unterrich- 
tet euch hier auf Erden, wer ist euer Lehrer? Jaques: 
Das Wort Gottes. Als ich vernahm, daß er nicht wuss- 
te, von welcher Gemeinde ich wäre, so wollte ich es 
ihm auch nicht sagen. Ketzermeister: Gleichwohl aber 


musst du hierin von einigen Menschen unterrichtet 
sein. Jaques: Wir sind nicht auf Menschen gegründet, 
sondern auf den lebendigen Felsen. Ketzermeister: 
Habt ihr denn keine Hirten oder Bischöfe? Jaques: Ja, 
wir haben. Ketzermeister: Wer ist es? Jaques: Christus, 
der Sohn Gottes. Ketzermeister: Du verstehst wohl, 
was ich sagen will, aber du willst nicht antworten; 
gleichwohl hast du einige Anhänger des Calvinus 
oder Zwinglius. Bist du denn wider Menno Simon? 
Jaques: Ich glaube, daß zwischen Menno Simon und 
meinem Glauben kein großer Unterschied sei. Ket- 
zermeister: Glaubst du denn wie Menno Simon, daß 
Christus in der Jungfrau Maria von unserem Fleische 
nichts an sich genommen habe? Jaques: Mein Herr, 
du hast gesagt, daß du über die Sache nicht dispu- 
tieren wollest; redest du nun anders? Ketzermeister: 
Wohlan, sage mir nur, was du davon glaubst. Jaques: 
Ich glaube, daß er der Sohn Gottes im Fleische und 
Geiste sei, woher er aber sein Fleisch genommen habe, 
überlasse ich dem Geheimnisse Gottes; die Apostel 
haben nicht darüber disputiert. Ketzermeister: Ja, ja. 
Wir redeten noch viel miteinander, was ich aber hier 
nicht niedergeschrieben habe. 

Den ersten Tag im Februar desselben Jahres 1558 
auf einen Montag, wurde ich abermals vor denselben 
Ketzermeister gebracht. Nachdem wir einige Worte 
miteinander gewechselt hatten, fragte er mich: Hast 
du den Herrn nicht um Weisheit gebeten? Jaques: 
Ja, ich habe auch nötig, ihn täglich zu bitten. Ketzer- 
meister: Findest du dich ruhig in deinem Gewissen? 
Jaques: Sehr wohl, der Herr sei dafür gelobt. Ketzer- 
meister: Was glaubst du denn nun von der Taufe und 
dem Sakramente, wovon wir geredet haben? Jaques: 
Ich glaube eben dasselbe, wie ich mich zuvor deutlich 
erklärt habe. Ketzermeister: Willst du nichts ande- 
res glauben? Jaques: Ich wollte wohl anders glauben, 
wenn es mir nur gegeben wäre, anders zu verstehen; 
aber ich will nicht heucheln und wider mein Herz und 
Gewissen reden, denn es steht geschrieben: Der Geist 
Gottes flieht vor den Heuchlern. Ketzermeister: So bist 
du denn hierin, wie ich höre, zum vollen Entschluss 
gekommen? Jaques: Ja, bis zu der Zeit, daß ich anders 
unterrichtet werde. Mein Herr, meinst du wohl, daß 
außerdem nichts sei, was mir in eurer Versammlung 
im Wege steht, als die Taufe und das Sakrament? Ket- 
zermeister: Wohlan, was ist dir denn noch im Wege? 
Jaques: Noch viele andere Ordnungen und Satzungen 
in eurer Gemeinde, von denen ich nicht ein Wort in 
der Heiligen Schrift finde. Ketzermeister: Dennoch 
haben wir keine Verordnung oder Satzung, die ich 
dir nicht mit der Schrift beweisen könnte. Jaques: Wo 
steht denn das Wort Messe geschrieben, oder Fegfeuer, 
oder daß man für die Toten bitten soll? Ketzermeister: 



261 


Ich will dir wohl beweisen, daß in der Heiligen Schrift 
von dem Fegfeuer und daß man für die Toten bitten 
müsse, die Rede ist. Jaques: Wo steht das geschrieben 
in der Heiligen Schrift? 

Ketzermeister: Willst du auch wohl die Bücher der 
Makkabäer gelten lassen? Jaques: Ja, gewiss, für apo- 
kryphe Bücher. Ketzermeister: Was will apokryph 
sagen? Jaques: Die Alten haben diesen Namen ge- 
braucht, um damit anzuzeigen, daß es keine gülti- 
gen Bücher seien, aus welchen man eine Regel oder 
einen Gebrauch hernehmen möge. Ketzermeister: Es 
ist zwar war, daß die Lehrer einige Schwierigkeit dar- 
in gehabt haben, aber um deswillen kannst du sie 
nicht verwerfen. Jaques: Ja, mein Herr, die Ursache, 
warum ich sie nicht annehmen will, besteht nicht nur 
darin, weil ich mein Vertrauen nicht auf dasjenige set- 
zen will, was Menschen gesagt haben, sondern auch, 
weil ich nicht finde, daß Christus oder seine Apostel 
dieselben angenommen oder irgendein Zeugnis dar- 
aus angeführt haben. Ketzermeister: Ja, ja; wo hast du 
aber gefunden, daß Christus oder seine Apostel einige 
Worte aus den Büchern der Könige angeführt haben? 
Jaques: Genug. Ketzermeister: Wo? Jaques: Mein Herr, 
zunächst steht im Matthäus geschrieben, daß die Pha- 
risäer Christum bestraften, weil seine Jünger auf den 
Sabbat die Kornähren ausrauften, welchen Christus 
antwortete: Habt ihr nicht gelesen, was David tat, als 
ihn hungerte, und die mit ihm waren; wie er in das 
Haus Gottes ging und die Schaubrote aß, welche ihm 
doch nicht erlaubt waren zu essen. Darum, sage ich, 
weil Christus auf dasselbige verweist, was in den Bü- 
chern der Könige geschrieben ist, so zeigt er dadurch 
an, daß er sie für gut erkenne. Ketzermeister: Findest 
du denn auch etwas in dem Buche Josua? Jaques: Ja, 
mein Herr. Ketzermeister: Was ist doch das? Jaques: 
Mein Herr, du weißt wohl, was Jakobus in seinem 
Sendbrief sagt, wo er ein Zeugnis oder Exempel aus 
dem Buche Josua, nämlich das zweite Kapitel, anführt, 
wenn er von der Hure Rahab redet, welche durch ih- 
re Werte im Glauben selig wurde. Ketzermeister: So 
willst du denn die Bücher der Makkabäer nicht anneh- 
men, weil Christus und seine Apostel kein Zeugnis 
aus denselben genommen haben. Jaques: Nein, son- 
dern um deswillen, weil darin eine Lehre enthalten 
ist, die gegen alle Schrift läuft, nämlich vom Opfer 
und vom Bitten für die Toten. Ketzermeister: Wenn 
ich mir die Mühe geben wollte, so wollte ich alle un- 
sere Ordnungen, als Messe, Beichte, Anbetung der 
Bilder, Anrufung der Heiligen und andere, mit der 
Schrift beweisen. Jaques: Ich denke das nicht, und 
wenn wir auch, mein Herr, in allen Artikeln über- 
einkämen, so wollte ich mich doch nicht mit euch 
vereinigen, es wäre denn, daß du mir aus der Schrift 


bewiesest, daß es ein christlich Ding sei, das unschul- 
dige Blut, um des Glaubens willen, zu vergießen, wie 
ihr tut. Ketzermeister: Das geschieht um der Verfüh- 
rung willen. Jaques: Und wenn es auch um deswillen 
geschähe, weil man die Schrift übel versteht, so finde 
ich dennoch nicht in der Schrift, daß man jemanden 
um seines Glaubens willen töten solle. Ketzermeister: 
O das kann ich wohl beweisen, daß man die Ketzer 
töten möge, denn es steht geschrieben: Wenn ein Ket- 
zer oder falscher Prophet aufstehen würde, so sollte 
man sie töten. Jaques: Im 13. Kap., 5. Mose, steht nur 
geschrieben: Wenn ein falscher Prophet oder sonst 
jemand von ihrem Geschlechte aufstehen würde, der 
sie lehren wollte, andern Göttern nachzuwandeln, als 
sie erkannt hatten, so sollte der falsche Prophet ge- 
tötet und gesteinigt werden. Ketzermeister: Wohlan, 
so siehe ein Zeugnis, daß man die Ketzer töten möge. 
Jaques: Mein Herr, wir sind nicht mehr unter dem 
Gesetze, sondern unter dem Evangelium, und wenn 
wir auch unter dem Gesetze wären, so wollten wir 
euch doch nicht lehren, andern Göttern nachzufolgen, 
sondern dem, der Himmel und Erde erschaffen hat 
und seinem Sohne Jesu Christo. Ketzermeister: Ihr tut 
es ja durch eure Verordnungen. Jaques: Die Kinder 
Israel durften niemanden um der abgewichenen Kir- 
chengebräuche willen zum Tode verurteilen, wenn 
sie nur an denselben Gott glaubten; aber solches al- 
les dient uns nichts; denn was im Gesetze befohlen 
war, das ist im Evangelium Christi nicht befohlen. Ket- 
zermeister: Nicht, wieso? Jaques: Darum, mein Herr, 
im Gesetze war befohlen: Auge um Auge, Zahn um 
Zahn; auch daß man seinen Nächsten lieben und sei- 
nen Feind hassen soll; durch Christum aber ist uns 
das Gegenteil befohlen, dem Übel nicht zu widerste- 
hen und unsere Feinde zu lieben. Ketzermeister: Das 
ist wahr; aber von den Ketzern hat er nicht befohlen, 
daß man sie nicht töten soll. Jaques: Was bedeutet 
denn das, mein Herr, was Christus sagen will, wenn 
er lehrt, daß man das Unkraut nicht ausrotten soll, 
welches unter dem guten Getreide steht, aus Furcht, 
wenn man das Unkraut oder das böse Kraut ausrot- 
tet, es möchte auch zugleich der Weizen ausgerottet 
werden; darum befiehlt er, daß man es bis zur Ernte 
lassen soll; die Ernte aber ist noch nicht gekommen. 
Ketzermeister: Du verstehst das nicht recht; denn man 
kann es leicht erkennen, was Unkraut oder Weizen sei. 
Jaques: Ja, nämlich der, welcher des Samens kundig 
ist. Ketzermeister: Ja, das ist wahr. Jaques: Mein Herr, 
es steht geschrieben, daß die fleischlichen Menschen 
allein fleischliche Dinge erkennen, die aber geistig 
sind, erkennt niemand als der Geist Gottes. Ketzer- 
meister: Das ist wohl wahr. Jaques: Darum, mein Herr, 
wollte ich dich gern etwas fragen. Ketzermeister: Was 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


ist das? Jaques: Hast du den Geist Gottes, oder hat 
der Rat den Geist Gottes empfangen? Ketzermeister: 
Nein, ich wollte das nicht beantworten. Jaques: Wie 
willst denn du oder der Rat geistige Dinge beurteilen 
können? Denn die Sache, von der wir reden, ist geistig, 
welche man durch den Geist Gottes beurteilen muss. 
Ketzermeister: Man urteilt euch um deswillen, weil 
ihr des Kaisers Befehl übertreten habt. Jaques: Wäre 
sein Befehl nicht wider den Befehl Gottes gewesen, 
so hätte ich ihn nicht übertreten. Ketzermeister: Er ist 
nicht wider den Befehl Gottes. Jaques: Ich wollte wohl 
von dir mit der Schrift bewiesen haben, daß der Be- 
fehl des Kaisers oder Königs wahrhaftig und gerecht 
sei. Ketzermeister: Ich glaube, du denkst, es seien alle 
unsere Väter betrogen gewesen und deine Sekte sei al- 
lein selig. Was willst du sagen; es ist bereits 1200 oder 
1300 Jahre, daß der Kaiser Theodosius einen Befehl 
oder ein Gebot ergehen ließ, um die Ketzer zu töten, 
nämlich, die damals wiedergetauft worden sind, wie 
eure Sekte. Jaques: Ja, mein Herr; du sagst, unsere 
Sekte habe nur zwanzig oder dreißig Jahre bestanden; 
aber es ist allezeit so ergangen, daß diejenigen, die 
in Christo Jesu haben gottselig leben wollen, haben 
Verfolgung leiden müssen, nach den Worten Paulus. 
Ketzermeister: So sagen alle Ketzer. Jaques: Paulus 
hat es zuerst gesagt; gleichwohl war er kein Ketzer. 
Ketzermeister: Ich weiß wohl, daß er kein Ketzer war, 
doch gebrauchen sie insgesamt das Wort Paulus; aber 
ich sage dir, es ist dir nicht erst jetzt aufgekommen, 
daß man Befehle und Gebote erlassen hat, die Ketzer 
zu töten; solches ist schon länger als vor 1400 Jahren 
der Fall gewesen. Jaques: Aber es ist zu berücksichti- 
gen, ob der Kaiser Theodosius, den du gemeldet hast, 
wohl getan und ein gutes und Gott wohlgefälliges 
Werk verrichtet habe, indem er einen solchen Befehl 
erlassen hat. Ketzermeister: Ja, in Wahrheit, denn er 
wusste wohl, daß sie Ketzer waren. Jaques: Mein Herr, 
nach seiner Meinung waren sie Ketzer, aber nach der 
Meinung derjenigen, die ihr Leben für das Zeugnis 
ihres Glaubens ließen, war er selbst ein Ketzer und 
Tyrann. Ketzermeister: Wie weißt du das? Jaques: Das 
weist sich von selbst aus; denn diejenigen, die uns 
um unseres Glaubens willen töten, achten wir nicht 
höher, als Ketzer und Tyrannen, wie man auch wohl 
denken kann, daß diejenigen getan haben werden, 
die von dem Kaiser Theodosius getötet worden sind. 
Darum kann man eine solche Sache nur durch den 
Geist Gottes beurteilen. Ketzermeister: Nein, nein, du 
darfst nicht denken, daß so viele gelehrte Lehrer, die 
damals in der katholischen Kirche waren, wenn es 
unrecht wäre, die Ketzer zu töten, dies zugelassen 
haben würden. Jaques: Ich will mich nicht auf die 
Verordnungen oder die Weisheit der Menschen stüt- 


zen, denn ich halte mich an den Unterricht Christi 
und seiner Apostel, die uns allezeit ermahnen, uns 
von den falschen Propheten abzusondern und die Ket- 
zer zu meiden, und nicht ihnen nachzusetzen, oder 
sie bis zum Tode zu verfolgen. Ketzermeister: Mein 
Sohn, weißt du wohl, warum sie dieselben nicht ge- 
tötet haben? Jaques: Ich glaube, es sei um deswillen 
geschehen, weil es Gott nicht wohlgefällig war. Ket- 
zermeister: Nein, nein, Jaques, es kam daher, weil sie 
nicht mächtig genug waren, und weil sie weder Kö- 
nig, noch Fürsten, noch Obrigkeiten hatten. Jaques: 
Christus war mächtig genug, zu seinem Dienste mehr 
als zwölf Legionen Engel zu haben; ebenso hatten 
auch die Apostel durch den heiligen Geist Gewalt 
genug; aber ihr Ruf ging dahin, daß sie eine Herde 
Schafe und Lämmer, ohne Falsch wie die Tauben, und 
gerade wie Kinder sein sollten. Ketzermeister: Es ist 
wahr, damals war es so. Jaques: Sollten denn nun, 
mein Herr, die Kinder Gottes von einer anderen Art 
sein, als diejenigen, die damals waren? Sollten sie ei- 
ne Wolfsart haben? Ketzermeister: O nein, das sage 
ich nicht. Jaques: Dennoch kommt es mir vor, mein 
Herr, daß diejenigen, die sich jetzt rühmen, Kinder 
Gottes zu sein, die Art der reißenden Wölfe in der 
Tat an sich haben. Er sah mich scharf an und sagte 
zu mir: Warum dünkt dich das so? Jaques: Darum, 
mein Herr, weil Christus sein Volk Schafe und Läm- 
mer nennt; nun aber hat es eine Herde Schafe in der 
Art, daß sie, wenn sie einige Tiere kommen sehen 
und merken, daß ein Wolf darunter ist, sämtlich ent- 
fliehen; ja, wenn ihrer auch tausend wären, gegen 
einen Wolf, sie würden nicht dem Wolfe nachsetzen, 
um ihn zu verschlingen und sein Blut zu vergießen; 
die aber, die sich rühmen, die Herde Christi zu sein, 
tun ganz das Gegenteil; woher haben sie doch diese 
Art? Ketzermeister: Dieses Gleichnis ist nicht zuläng- 
lich, es sind nur unnütze Beweisgründe; es verhält 
sich nicht mit der Herde Christi wie mit einer Herde 
Schafe. Als ich nun sah, daß er dieses verwarf, frag- 
te ich ihn: Ist es nicht nötig, daß die Kinder Gottes 
von Gott geboren werden müssen, wie Johannes be- 
zeugt; müssen sie nicht solche Art und Zuneigung 
an sich haben, wie ihr Vater und Herr? Ketzermeis- 
ter: Ja, aber warum? Jaques: Darum, weil geschrieben 
steht, daß der Sohn Gottes wie ein Lamm oder Schaf 
zur Schlachtbank geführt worden sei und gleichwohl 
seinen Mund nicht aufgetan hat; darum müssen sei- 
ne Kinder solche Art und Natur auch an sich haben, 
weil sie von Gott geboren sind. Ketzermeister: Solches 
musste so geschehen. Jaques: Warum? Ketzermeister: 
Um die Schrift zu erfüllen. Jaques: Ebenso muss es 
auch mit seinen Kindern gehen, daß die Schrift erfüllt 
werde. Ketzermeister: Welche Schrift? Jaques: Dieje- 



263 


nige, wo geschrieben steht: Haben sie mich verfolgt, 
so werden sie euch auch verfolgen, gedenkt, daß ich 
es euch gesagt habe; der Knecht ist nicht besser als 
sein Herr. Ketzermeister: Das sagte er zu seinen Apo- 
steln. Jaques: Ich halte dafür, daß er von allen seinen 
Kindern geredet habe, und daß solches uns zur Lehre 
geschrieben sei. Ketzermeister: Nein, nein, mein Sohn, 
du sollst wissen, daß die Apostel ausgesandt worden 
seien, allen Kreaturen das Evangelium zu predigen 
und zu verkündigen, und daß der Herr vorhergesagt 
habe, daß ihnen viel Leiden begegnen würde und daß 
sie getötet werden sollten; als sie aber einen Kaiser 
zum Glauben gebracht hatten, so hatten sie Ruhe und 
durften wohl die Ketzer in ihrem Lande töten. Jaques: 
Mein Herr, das sagt die Schrift nicht, auch kann ich es 
nicht begreifen, daß es eines Schafes Natur sein sollte, 
einen Wolf zu töten und ihn zu verschlingen; nun aber 
sagt ihr, daß ihr die Herde Christi seid, wir aber rei- 
ßende Wölfe, und dennoch tötet ihr uns; mich dünkt, 
das sei nicht recht getan; hierauf lachte er und fragte 
mich: Jaques, war Petrus nicht auch ein Schaf Christi? 
Jaques: Mein Herr, er war von Gott erwählt, so gehörte 
er auch zu der Herde Christi. Ketzermeister: Antwor- 
te ja oder nein. Jaques: Ich glaube nicht nur, daß er 
ein Schaf der Herde Christi war, sondern auch selbst 
ein Hirt. Ketzermeister: Wohl, nun derjenige, der ein 
Schaf war, hat auch zwei Menschen getötet. Jaques: 
Welche? Ketzermeister: Ananias und sein Weib Sap- 
phira. Jaques: Wie hat er sie getötet, hat er doch weder 
Stock noch Schwert, ist das nicht durch den Geist des 
Herrn geschehen? Ketzermeister: Gleichwohl hat er 
das getan. Jaques: Mein Herr, gib doch nicht den Men- 
schen die Ehre, als ob sie das durch ihre eigene Kraft 
tun könnten, denn daß sie getötet worden sind, ist 
durch den Geist des Herrn geschehen; auch ist es nicht 
um solcher Ursache willen geschehen, um deretwillen 
ihr jetzt tött, sondern die Ursache war, weil sie wi- 
der den Heiligen Geist logen. Ketzermeister: Wohlan, 
Jaques, mein Sohn, dieses bringt uns einander nicht 
näher; sieh zu, daß du dich wohl berätst, dich besserst 
und zu dem Glauben bekehrst, den deine Eltern ge- 
habt haben, denn du lebst im Irrtum, darum glaube, 
wie einem guten Christen zu glauben geziemt, und er- 
kühne dich nicht so vieler Dinge. Jaques: Der Glaube 
ist eine Gabe Gottes, sagt Paulus. Ketzermeister: Er ist 
in Wahrheit Gottes Gabe. Jaques: So können die Men- 
schen solche nicht geben. Ketzermeister: Gewiss nicht, 
man muss Gott darum bitten. Jaques: Woher kommt 
es denn, daß man mich mit Bedrohungen des Todes 
zum Glauben zwingen will? Ketzermeister: Man gibt 
dir Zeit, dich zu bekehren. Jaques: Mein Herr, welche 
Zeit? Sechs, sieben oder acht Tage, wie ich in Brabant 
gesehen habe? Ist das eine Zeit, sich so schnell im 


Glauben zu verändern? Ketzermeister: Von Brabant 
weiß ich nichts, aber hier gibt man den Leuten wenigs- 
tens dreimal vierzehn Tage, um sich zu bedenken, ob 
sie glauben wollen, wenn man ihnen das Wort Gottes 
vorgehalten hat. Jaques: Wie sagst du aber nun, mein 
Herr, wenn sie glauben wollen? Du redest, als ab sie 
aus eigenen Kräften glauben können, und gleichwohl 
sagst du, daß der Glaube eine Gabe Gottes sei. Die 
Apostel hatten den Herrn Jesum, der voller Weisheit 
und Wahrheit war, zwei oder drei Jahre lang gehört, 
und gleichwohl fehlte es ihnen nach am Begriffe, wie 
du an den zwei Jüngern abnehmen kannst, die nach 
Emmaus gingen; Paulus hatte auch die Apostel und 
Jünger gehört, gleichwohl konnte er es nicht begreifen, 
sondern stieß sie ins Gefängnis; als es aber Gott gefiel, 
hat er ihnen seinen Willen offenbart, zu solcher Zeit, 
die er dazu ersehen, und nicht die Menschen verord- 
net hatten. Ketzermeister: Das geschah darum, weil 
sie solche Lehre noch nicht hatten, und weil es noch 
der Anfang war, darum konnte sie es nicht begreifen. 
Jaques: Es kam daher, weil es ihnen nicht gegeben 
war, oder weil sie vom Vater nicht gezogen waren; 
warum erwartet ihr nicht auch die Zeit, wo Gott an 
uns seinen Willen tue? Ketzermeister: Du hast solches 
neulich schon gehört, auch gibt man dir noch Zeit, 
dich zu beraten. Du hast von diesem Tage an noch 
drei Wochen Zeit, dich zu bedenken. Jaques: Mein 
Herr, ist es deine Meinung, daß man mich nach drei 
Wochen töten wird? Ketzermeister: Du kannst dich 
unter der Zeit noch bekehren. Jaques: Wenn mir es 
aber nicht gegeben ist, es anders zu verstehen, und 
ich es auch nicht anders begreifen könnte, wie kann 
ich mich bekehren? Ketzermeister: Darum gibt man 
dir Zeit, um zu sehen, ob Gott nicht seine Barmher- 
zigkeit erweisen und dich bekehren wolle. Jaques: 
Mein Herr, ich denke nun an die Kinder Israel, die 
in der Stadt Bethulien belagert waren, und Mangel 
an Wasser hatten, sodass ihre Weiber und Kinder vor 
Durst umkamen und deshalb sagten: Es ist keine Hoff- 
nung mehr zu Gott für uns; lasst uns die Stadt in der 
Feinde Hände übergeben; ebenso sagt ihr auch: Es ist 
keine Hoffnung mehr, daß er sich bekehren werde, 
lasst uns ihn dem Tode überantworten. Und gleich- 
wie Oseas, der Stadtoberste, einen guten Rat zu geben 
gedachte, und zu den Einwohnern sagte, lasst uns 
noch fünf Tage warten, und wenn innerhalb dieser 
fünf Tage keine Hilfe kommt vom Herrn, so wollen 
wir die Stadt unsern Feinden übergeben. Mein Herr, 
hat es ihnen nicht eine Witwe, genannt Judith, scharf 
verwiesen, welche zu ihnen sagte: Wer seid ihr, die ihr 
heute den Herrn versucht, und an Gottes Stelle unter 
die Menschen tretet und seinen Rat begreifen wollt. 
Ketzermeister: Das kann man mit eurer Sache nicht 



264 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


vergleichen. Jaques: Mein Herr, es scheint mir ganz 
dasselbe zu sein, denn ihr sagt, wenn innerhalb der 
Zeit, die ihr uns gesetzt, von Gott keine Hilfe kommt, 
so soll man uns dem Tode überantworten, dann sind 
wir auch, wie ihr sagt, vor allen Teufeln verdammt. 
Ketzermeister: Jaques, daran ist kein Zweifel. Jaques: 
Wie gedenkt ihr aber, mein Herr, dem Gerichte Gottes 
zu entfliehen, da ihr uns zur Verdammnis hinsendet? 
Warum lasst ihr uns nicht in der Hand Gottes bis an 
unser Ende? Denn so lange als wir hier leben, hat man 
immer Hoffnung zur Besserung; weil wir aber nach 
deiner Meinung verdammt sind, so ist auch nach dem 
Tode keine Hoffnung mehr! Ketzermeister: Ich jage 
euch nicht zur Verdammnis, denn ich bin es nicht, 
der euch verurteilt, auch will auch unschuldig sein 
an eurem Tode. Jaques: Mein Herr, als Susanna so 
unrechtmäßig zum Tode verurteilt wurde, wer war 
Schuld daran, die Richter oder die Zeugen? Ketzer- 
meister: Diejenigen, die daran Schuld hatten. Jaques: 
Mein Herr, die Richter erhielten einen Verweis von 
Daniel; aber die Zeugen bekamen nicht allein einen 
Verweis, sondern wurden auch gestraft. Ketzermeis- 
ter: Meinst du, daß ich Zeuge sei in deiner Sache? 
Ich bin nur hierhergekommen, um dich zu unterrich- 
ten. Jaques: Mein Herr, gleichwohl halte ich dich für 
einen Hauptzeugen; auf dein Zeugnis werden mich 
die Richter zum Tode verurteilen oder freisprechen, 
denn aus diesem Grunde bist du hierher gesandt und 
von dem Könige eingesetzt. 

Ketzermeister: Ich will nicht, daß sie dich auf 
mein Zeugnis verurteilen, auch will ich nicht urteilen. 
Jaques: Mein Herr, wenn dich die Richter meinetwe- 
gen fragen werden, was willst du antworten? Wirst 
du nicht sagen, daß ich ein Ketzer sei, und daß ich 
den Tod verdient hätte? Ketzermeister: Nein. Jaques: 
Mein Herr, ich bitte dich, was wollest du wohl sagen? 
Ketzermeister: Du seist betrogen und vom rechten 
Wege abgeirrt. Jaques: Verführt zu sein, zu irren, oder 
ein Ketzer zu sein, mein Herr, scheint mir von glei- 
cher Bedeutung. Ketzermeister: Wohlan, mein Sohn, 
denke ja nicht, daß ich um deswillen hierher gekom- 
men sei, daß ich ein Todesurteil über dich fällen und 
dich verdammen wolle, denn du wirst allein auf dein 
Bekenntnis, das du vor dem Commissarius getan hast, 
verurteilt werden; was meine Person betrifft, so will 
ich nicht, daß sie dich auf mein Wort verurteilen; ich 
möchte auch nichts damit zu schaffen haben. Jaques: 
Mein Herr, ich habe so lange Zeit die Hinterlist (Par- 
tique) nicht getrieben und sieben oder acht Jahre im 
Rate gesessen, daß ich wissen sollte, was dieses zu 
bedeuten hat; daß ich aber dir dieses sage, geschieht, 
um dich zu unterrichten, damit du dich an meinem 
Blute nicht besudelst, denn ich weiß wohl, warum du 


hierher gesandt worden bist; da stand er auf und ging 
fort; die oben angeführten Worte haben wir nachher 
noch oft miteinander verhandelt. 

Den siebten Tag desselben Monats Februar im Jahre 
1558, auf einen Montag, wurde ich abermals vor den- 
selben Ketzermeister gefordert. Als ich vor ihn kam, 
grüßte er mich und fragte: Wie geht es dir; hast du 
noch das Fieber? Jaques: Es steht wohl mit mir; der 
Herr sei dafür gelobt; auch hat mich das Fieber vor 
ungefähr drei Wochen verlassen. Ketzermeister: Wie 
befindest du dich in deinem Gewissen? Jaques: Sehr 
wohl, dem Herrn sei Dank dafür. Nachher machte 
er ein langes Geschwätz, welches zu lang ist, als daß 
ich es in der Kürze anführen könnte; es bestand sei- 
nem Hauptinhalte nach darin, daß er mich sehr bat, 
ich sollte zu der heiligen katholischen Kirche zurück- 
kehren und glauben, wie einem guten Christen zu 
glauben zukommt, auch hohen Dingen nicht nachfor- 
schen und nicht selbst weise sein wollen. Hierauf habe 
ich geantwortet: Ich untersuche nichts, als was mir zu 
glauben erlaubt ist; ich bin auch wohl zufrieden, das- 
jenige einfältig zu glauben, was einem guten Christen 
zu glauben zukommt. Ketzermeister: Du sagst wohl, 
du wollest glauben, wie ein guter Christ, und dennoch 
hast du einen ketzerischen Glauben. Jaques: Ich habe 
keinen solchen, sondern mein Glaube ist allein auf 
das reine Wort Gottes gegründet, und wenn du mit 
dem Worte Gottes zufrieden sein wolltest, so solltest 
du auch mit meinem Glauben wohl zufrieden sein. 
Ketzermeister: Du führst das Wort Gottes wohl an, 
aber du redest eine andere Meinung in deinem Her- 
zen. Jaques: Wir reden, wie wir glauben, und weil wir 
euch die Schrift, welche das Wort Gottes ist, als ein 
Zeugnis unseres Glaubens Vorhalten, warum seid ihr 
damit nicht zufrieden? denn das Herz zu durchfor- 
schen, kommt Gott allein zu und nicht den Menschen. 

Ketzermeister: Was glaubst du denn von Jesu Chri- 
sto, woher hat er denn sein Fleisch genommen? 
Jaques: Fehrt dich die Schrift, mich solches zu fragen? 
Ketzermeister: Darum, weil Menno gesagt hat, er habe 
sein Fleisch vom Himmel gebracht. Jaques: Ich habe 
es ihn nicht sagen gehört. Ketzermeister: Gleichwohl 
glaubt er es so. Jaques: Des Mennos Glaube ist, daß 
das Wort zu Fleisch geworden sei, nach dem Zeugnis- 
se Joh 1, oder wie der Text in deinem Testamente lau- 
tet: Fleisch geworden sei. Ketzermeister: Was glaubst 
du davon? Jaques: Ich glaube, daß Christus der Sohn 
des lebendigen Gottes ist. Ketzermeister: Woher hat 
er sein Fleisch genommen? Jaques: Ich weiß es nicht, 
ausgenommen, daß er vom Vater geboren ist. Ketzer- 
meister: Glaubst du denn nicht, daß er sein Fleisch in 
dem Leibe der Jungfrau Maria angenommen habe? 
Jaques: Mein Herr, kannst du mir beweisen, daß Je- 



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sus Christus und seine Apostel jemanden gezwungen 
haben, solches zu bekennen, so will ich es euch auch 
bekennen; denn als Petrus Christum bekannte, daß 
er der Sohn des lebendigen Gottes sei, so fragte ihn 
Christus nicht von wem er gemacht sei, sondern sagte, 
daß er auf diesen Felsen seine Gemeinde bauen wolle; 
auch als der Kämmerer von Candaces zu Philippus 
sagte, er glaube, daß Jesus Christus der Sohn Gottes 
sei und daß er begehre, auf diesen Glauben sich taufen 
zu lassen, ist Philippus zufrieden gewesen und hat 
nicht untersucht, woher er sein Fleisch angenommen 
habe. Ketzermeister: Damals war es noch nicht nötig, 
danach zu fragen, weil noch kein Streit darüber war. 
Jaques: Wie sollte es denn jetzt nötig sein? Ketzermeis- 
ter: Um deswillen, weil so viele Ketzer da sind. Jaques: 
Es waren auch Ketzer genug zu der Apostel Zeit, aber 
die Ursache, warum der Satan allezeit eitlen Wortstreit 
hervorbringt, ist die, um den Verstand der Menschen 
zu verderben und denselben in Irrtum zu ziehen. Ket- 
zermeister: So willst du denn nicht bekennen, daß er 
sein Fleisch und Blut in der Jungfrau angenommen ha- 
be? Jaques: Ich will dasjenige nicht untersuchen, was 
meinen Verstand übersteigt, nämlich, wovon der Sohn 
Gottes gemacht worden sei, denn das war ein wun- 
derbares Werk; damit du aber nicht denken mögest, 
daß ich ein Ketzer sei, so bekenne ich, daß er ein Sohn 
Gottes sei, in Kraft und Macht, in Geist, in Fleisch und 
Blut, gezeugt von der selbstständigen Wesenheit des 
eineinigen Vaters, nämlich des ewigen Gottes, wie uns 
auch die Schrift bezeugt, welcher von Ewigkeit beim 
Vater war, und als die Zeit der Verheißung erfüllt war, 
so ist das ewige Wort Fleisch geworden, und in einer 
Jungfrau von dem Heiligen Geiste empfangen, und 
von derselben Jungfrau Maria geboren worden. Ket- 
zermeister: Er hat sein Fleisch angenommen, und ist 
von unserem Fleische gemacht worden; darüber willst 
du nichts sagen, nichts? Jaques: Es ist mir genug, daß 
ich davon nach der Schrift glaube, ohne weiteres Un- 
tersuchen. Ketzermeister: Sagt nicht die Schrift, daß 
er unser Fleisch angenommen habe? Jaques: Ich habe 
es niemals gelesen, und begehre auch nicht, weiter 
zu disputieren; auch hast du gesagt, du wollest nicht 
darüber disputieren; warum fragst du mich denn so 
oft darüber? Ketzermeister: Die Ursache ist, daß ich 
wissen möchte, ob dein Glaube nicht mit Menno Si- 
mons Glaube übereinkomme. Jaques: Du hast gehört, 
daß ich der Menschen Zeugnis nicht annehme, um 
meinen Glauben darauf zu gründen. Als er nun sah, 
daß er von mir nichts erlangen konnte, fragte er mich: 
Was ist dein Entschluss? Jaques: Ich habe dir meinen 
Glauben erklärt, und darüber meinen Entschluss bis 
dahin gefasst, bis mir das Gegenteil bewiesen werden 
wird. Ketzermeister: Ich habe es dir genug bewiesen. 


aber du willst nichts glauben als deiner Einbildung 
und Hartnäckigkeit, und hast die heilige Kirche ver- 
lassen. Jaques: Mein Herr, ich habe die heilige Kirche 
nicht verlassen, denn hätte ich eure Kirche für die hei- 
lige Kirche erkannt, so hätte ich sie nicht verlassen 
und mich zu einer andern begeben. Ketzermeister: 
Obgleich dich nun der Satan so betrogen hat, und du 
meinst, daß wir die heilige Kirche nicht seien, so ist es 
gleichwohl eben dieselbe, die allezeit gewesen ist von 
der Aposteln Zeiten an, und durch die heiligen Lehrer 
bis hierher unterhalten worden ist. Jaques: Wenn sie 
nun dieselbe Kirche ist, die zu den Zeiten der Apostel 
war, so muss sie auch eben dieselben und doch der- 
gleichen Bischöfe und Hirten haben, als damals waren. 
Ketzermeister: Ja, das haben wir auch. Jaques: Wohlan 
denn, mein Herr, zeige mir in deiner ganzen Gemein- 
de nur einen Bischof oder Hirten, der in Lehre und Le- 
ben unsträflich sei, wie Paulus oder Timotheus, oder 
auch wie Titus; dann will ich ihm von ganzem Her- 
zen nachfolgen. Ketzermeister: Habt ihr unter euch 
solche Hirten? Jaques: Du sagst, daß wir des Satans 
Versammlung seien, und daß eure Kirche oder Ge- 
meinde eben dieselbe sei, die zu den Zeiten der Apo- 
stel war; zeige mir denn dasselbe Volk, woran ich es 
erkennen möge. Ketzermeister: Wo meinst du solche 
zu finden? Denn sie hatten den Heiligen Geist, und 
nun empfängt man ihn nicht. Jaques: Nicht? Warum 
sagt denn Paulus: Wer Gottes Geist nicht hat, der ist 
nicht sein? Ketzermeister: Das hat einen andern Sinn. 
Jaques: Mein Herr, welche Bedeutung denn? Ketzer- 
meister: Er redet daselbst von denen, die nicht nach 
dem Geiste wandeln. Jaques: Wohl, wonach fragte ich 
dich sonst, als nach Bischöfen und Hirten, die durch 
den Geist Gottes wandeln und getrieben werden, die 
heilig, gerecht, bedachtsam, unsträflich in Lehre und 
Wandel sind, wie Paulus lehrt, daß sie sein müssen. 
Ketzermeister: Ich wollte wohl solche Bischöfe oder 
Hirten nennen, die unsträflich sind, aber du kennst sie 
nicht. Jaques: Wo sind sie? Ketzermeister: In Italien 
und Spanien. Jaques: Ist die Gemeinde Gottes dort 
und nicht hier? Ketzermeister: Es ist auch ein Kardi- 
nal oder Bischof in England, welcher in Wahrheit ein 
Mann ist, unsträflich in Lehre und Umgang. Jaques: 
Mein Herr, befreie mich doch von diesen Ketten und 
laß mich gehen; ich will alle Mühe anwenden zu ihm 
zu kommen, um zu sehen, ob dem auch so sei; er 
lachte und antwortete: Nein, nein, du musst dasjeni- 
ge glauben, was man dir sagt. Jaques: Mein Herr, es 
steht geschrieben: Verflucht ist der Mensch, der sich 
auf Menschen verlässt; soll ich mich denn allein auf 
dein Wort verlassen? Ketzermeister: Meinst du, daß 
ich lüge? Jaques: Das sage ich nicht, aber ich wollte es 
gerne zuerst sehen, ehe ich es glaubte. Ketzermeister: 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Ja, ja, du kannst es jetzt nicht sehen. Jaques: Weil ich 
es nun jetzt nicht sehen kann, so kann ich es auch 
nicht glauben. Ketzermeister: Warum willst du auf ih- 
ren Wandel so genau Achtung geben, da sie doch die 
Lehre der Apostel haben? Jaques: Das muss mir noch 
bewiesen werden; auch wird es dir schwer fallen, mit 
der Schrift zu beweisen, daß sie eben dieselbe Lehre 
der Apostel haben. Ketzermeister: Freilich haben sie 
dieselbe, aber du bist verhärtet und kannst es nicht 
fassen. Jaques: Das kommt daher, weil der Schriftbe- 
weis mangelt; sind sie aber Bäume von der Wurzel 
der Apostel, so zeige mir die Früchte, damit ich sie 
erkennen möge. Ketzermeister: Kannst du denn den 
Glauben an den Werken erkennen, ob er gut oder 
böse sei? Jaques: Mein Herr, unser Meister hat uns 
unterrichtet, daß wir die falschen Propheten an ihren 
Früchten erkennen sollen, denn wenn wir Trauben an 
einem Weinstocke finden, so dürfen wir nicht sagen, 
wie ihr tut, daß wir sie an den Domen abgebrochen 
hätten; er lachte und sagte zu mir: Sagen wir das? 
Jaques: Sagt ihr es nicht? Sagt ihr nicht, daß wir böse, 
arge, unnütze Bäume seien, die man ins Feuer wer- 
fen müsse? Und gleichwohl hast du mir bekannt, daß 
unsere Werke gut seien, wäre unser Glaube nicht. Ket- 
zermeister: Es ist zwar wahr, ihr bringt gute Früchte 
für den Menschen, aber das Inwendige taugt nichts, 
denn euer Glaube ist nicht gut. Jaques: Unsere Wer- 
ke entspringen aus unserem Glauben, das Fass kann 
nichts anderes von sich geben, als was darin ist, und 
darum nennt der Herr diejenigen ein Ottergeschlecht, 
die da bekennen, daß die Frucht gut sei, der Baum 
aber böse, indem er sagt: Pflanzt einen guten Baum, so 
wird seine Frucht gut sein, oder einen bösen Baum, so 
wird seine Frucht böse sein. Ketzermeister: Du willst 
also sagen, daß unsere Bischöfe und Hirten keinen 
guten Glauben haben können, es sei denn, daß ihre 
Werke gut sind. Jaques: Mein Herr, ich mag wohl mit 
Paulus antworten: Sie sagen, daß sie Gott erkennen, 
aber mit den Werken verleugnen sie ihn, denn sie 
sind abscheulich ungehorsam und untüchtig zu allen 
guten Werken; und solchen nun will ich nicht nach- 
folgen als Hirten. Ketzermeister: Nein, nein, Jaques; 
sie sind nicht so abscheulich, wie du meinst, wiewohl 
sie auch Sünder sind, gleichwie wir alle. Jaques: Mein 
Herr, du weißt es besser, als du sagst, denn ich schäme 
mich, die Schandflecken dieses Volkes aufzudecken, 
die sich doch rühmen, das Licht und das Salz der Er- 
de und die Leiter der Blinden und Unwissenden zu 
sein. Ketzermeister: Welche Schande ist es denn? Sage 
es frei heraus. Jaques: Mein Herr, du begehrst von 
mir, daß ich es dir sage, während du doch selbst wohl 
weißt, welche unmenschliche Hurerei, die schändlich 
zu erzählen ist, gleichwie die von Sodom und Gomor- 


rha, man zu Rom begeht, insbesondere der Papst, der 
sich doch rühmt, ein heiliger Mensch und Gott auf 
Erden zu sein, auch die Kardinale und Bischöfe, die 
dort sind; ich will jetzt nicht der Hoffart, der Pracht 
und Gottlosigkeit gedenken, welche solche heiligen 
Leute begehen. Ketzermeister: Es ist wahr, es sind 
einige, die abscheuliche Dinge vor Gott tun, sodass 
es ein Gräuel ist; aber, Jaques, um der Bösen willen, 
muss man die guten nicht verdammen, sie sind nicht 
alle böse; es sind auch Gerechte darunter. Jaques: Ich 
glaube, daß die Gerechten dünn geät sind, denn ich 
habe von meiner Jugend an mich die meiste Zeit un- 
ter Priester, Ordensleuten und Mönchen aufgehalten, 
aber die unbeschreibliche Bosheit, die ich daselbst ge- 
sehen habe, ist schändlich zu erzählen. Ketzermeister: 
Mein Sohn, nicht alle. Jaques: Mein Herr, ich weiß 
nicht, daß ich unter allen, die ich jemals gesehen und 
gekannt, nur einen nach der Regel, die einem Bischof 
oder Hirten anbefohlen ist, habe wandeln gesehen; 
du selbst weißt es recht gut, was vor ungefähr vier- 
zehn Tagen oder drei Wochen hier in dieser Stadt A. 
in dem Jakob inerkloster geschehen ist; denn es hat 
sich zugetragen, daß die Mönche oder Jakobiner ihren 
Vorsteher aus dem Kloster jagten, weil er ihnen wegen 
ihrer Hurerei und Bosheit einen Verweis gab. Ketzer- 
meister: Jaques, obschon gottlose Päpste, Kardinäle, 
Bischöfe, Priester, Mönche da gewesen sind, so sind 
doch auch dagegen gute gewesen; weißt du nicht, daß 
das gute Körnlein nicht ohne Spreu ist? Nein, nein, 
es gibt gute Körnlein und gute Hirten, wenngleich 
du sie nicht kennst. Jaques: Zeige mir denn einmal 
einen rechtschaffenen Hirten, so will ich ihm nach- 
folgen. Ketzermeister: Wenn ich sie dir auch nennen 
würde, so kennst du sie ja doch nicht und willst mir 
nicht glauben; und wenn dem auch so wäre, daß sie 
böse wären, so haben sie doch den wahren Glauben. 
Jaques: Ich halte mich an das Zeugnis des Paulus, daß 
das Licht keine Gemeinschaft mit der Finsternis hat. 
Ketzermeister: Willst du denn sagen, daß ein Mensch, 
der böse Werte tut, den wahren Glauben nicht haben 
könne? Jaques: Wenn ein Mensch, der die Erkenntnis 
empfangen hat, sich dazu hergibt. Böses zu tun, so 
wird sein Glaube nicht lange währen, sondern bald 
verfinstert werden. Ketzermeister: Wer hat dir das 
gesagt? Jaques: Paulus schreibt an die Römer, daß ei- 
nige die Wahrheit in Ungerechtigkeit aufhalten, denn 
daß man weiß, daß Gott ist, ist ihnen offenbar, denn 
Gott hat es ihnen geoffenbart, weil sie wussten, daß 
ein Gott sei, und haben ihn nicht gepriesen wie einen 
Gott, noch ihm gedankt; darum hat sie auch Gott da- 
hingegeben in ihrer Herzen Gelüste, erfüllt mit Fins- 
ternis. Ketzermeister: Paulus spricht daselbst von den 
Weltweisen, die auf die Zeichen des Himmels, der 



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Sterne und Planeten Achtung gaben. Jaques: Es ist 
mir gleichgültig, wovon er redet, es mögen Weltweise 
oder andere gewesen sein, aber Paulus beweist es, daß 
ihre Herzen durch ihre Werke und Undankbarkeit mit 
Finsternis erfüllt gewesen seien; und dazu sagt er, daß 
sie die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen haben, 
daß sie selig würden; darum wird ihnen Gott kräf- 
tige Irrtümer senden, und so ist es auch geschehen. 
Ketzermeister: Hat nicht Judas Ischarioth ein böses 
Werk getan, daß er den Sohn Gottes überantwortet 
hat? Jaques: Die Schrift sagt, es wäre besser gewesen, 
er wäre nie geboren worden. Ketzermeister: Gleich- 
wohl hatte er einen wahren Glauben, was sagst du 
dazu? Jaques: Hatte er den wahren Glauben vorher 
oder nachher? Ketzermeister: Vorher und nachher, ob- 
gleich er ein Dieb war. Jaques: Obwohl sein Herz böse 
war, so führte er doch (zum Scheine) einen guten Wan- 
del, sodass sie nicht denken durften, daß er es sei, der 
das Werk tun würde, sondern alle fragten: Bin ich es, 
bin ich es? Ketzermeister: Sieh auch den Demas an, 
hatte er nicht den wahren Glauben? Gleichwohl hing 
sein Herz an den Dingen dieser Welt, wiewohl ihn 
dennoch Paulus für einen Bruder hielt. Jaques: Es ist 
wahr, daß ihn Paulus eine Zeitlang für einen Bruder 
und Mithelfer in dem Werke des Herrn gehalten, aber 
nachdem er gesagt hatte, Demns habe ihn verlassen 
und diese gegenwärtige Welt lieb gewonnen, nennt er 
ihn nicht mehr einen Bruder oder Mithelfer. Ketzer- 
meister: Das weißt du nicht. Jaques: Die Schrift gibt 
davon keine Nachricht. Ketzermeister: Das gibt und 
nimmt der Sache nichts; du musst glauben, daß ein 
sündhafter Mensch dennoch den Glauben und das 
Evangelium haben kann; meinst du, man müsse ihn 
darum nicht hören und seinem Worte nicht glauben? 
Jaques: Mein Herr, worin rückst du doch Paulus die 
Sünde vor, nachdem er die Erkenntnis der Wahrheit 
empfangen hatte? Ketzermeister: Steht nicht geschrie- 
ben: Wenn wir sagen, wir haben nicht gesündigt, so 
machen wir ihn zum Lügner. Jaques: Dem ist so, aber 
in eben demselben Briefe steht auch geschrieben: Wer 
aus Gott geboren ist, der tut keine Sünde, denn sein 
Same bleibt in ihm, und er kann nicht sündigen, denn 
er ist aus Gott geboren; auch sagt Paulus: Wie sollten 
wir in der Sünde leben, die wir der Sünde abgestor- 
ben sind? Ketzermeister: Es ist eine Frage, die Paulus 
dort aufwirft, aber meinst du darum, er habe nicht 
gesündigt? Jaques: Du weißt, was Paulus sagte, daß 
Christus in ihm lebe; hat denn nun Christus die Sün- 
de getan? Auch hat er die Korinther ermahnt, daß 
sie seine Nachfolger sein sollten, gleichwie er Christi 
Nachfolger sei, und nimmt Gott und Menschen zu 
Zeugen, wie heilig, gerecht und untadelhaft er unter 
ihnen gewandelt sei, welcher Sünde willst du denn 


Paulus beschuldigen? 

Ketzermeister: Gleichwohl war er ein Sünder, das 
kann man keineswegs leugnen. Jaques: Ich will es 
nicht leugnen, denn er selbst sagt, daß er der vor- 
nehmste Sünder, Lästerer und Verfolger, während 
er im Unglauben befunden, gewesen sei, nicht aber, 
nachdem er Erkenntnis erlangt habe. Wohlan nun, die- 
jenigen, wonach ich dich frage, sind es Hirten, welche 
in Sitte, Lehre und Leben unsträflich sind? Ich weiß 
zwar wohl, daß alle Menschen in Sünden geboren 
sind; wer aber in der Sünde bleibt, der hat Gott nicht 
erkannt. Ketzermeister: Du musst den Spruch nicht 
so verstehen, denn ein sündhafter Mensch hat auch 
Erkenntnis Gottes. Jaques: Ja, mit dem Munde, sonst 
müsste es nicht wahr sein, was der Apostel Petrus ge- 
sagt hat, daß derjenige, welcher nicht die Furcht Got- 
tes und die brüderliche und lebendige Liebe hat, blind 
sei und mit der Hand nach dem Wege tappe. Ketzer- 
meister: Nein, er sagt, daß er dem Blinden gleich sei. 
Jaques: Mein Herr, mit Erlaubnis, er sagt daß ein sol- 
cher Blinder nach dem Wege tappe; es ist ein Zeichen, 
daß er ihn nicht gefunden hat; soll ich nun solchen 
Leuten nachfolgen? Ketzermeister: Ist euer Menno so 
gerecht, heilig und unsträflich? Jaques: Ich habe so 
viel Umgang mit ihm nicht gehabt, daß ich etwas Ta- 
delhaftes an ihm bemerkt hätte. Ketzermeister: Mit 
wem hast du denn deinen Umgang gehabt? Kann man 
eurem Lehrer nichts nachsagen? Ist er untadelhaft? 
Jaques: Mein Herr, kannst du ihm etwas nachweisen 
oder ihn in irgendeinem Stücke tadeln? Ketzermeister: 
Ich kenne den Bösewicht nicht. Jaques: So lästere ihn 
denn auch nicht, denn es wird dir schwer fallen, zu 
beweisen, daß er ein solcher sei, wie du ihn nennst. 
Ketzermeister: Das würde mir nicht schwer fallen, 
denn er mag wohl so genannt werden, weil er Leu- 
te genug verführt hat. Jaques: Mein Herr, sieh wohl 
zu, daß du nicht selbst einer seiest, der das Volk ver- 
führt. Ketzermeister: Ist er nicht in Seeland geboren, 
in dem Dorfe? Er nannte mir das Dorf, aber ich habe 
es vergessen. Jaques: Ich weiß nicht, wo er geboren ist. 
Ketzermeister: Wie war er gestaltet, welchen Bart und 
Kleider hatte er? Jaques: Du fragst sehr genau nach 
ihm, ich denke, du wollest ihn gerne verraten, weißt 
du denn sonst keinen Weg, mein Herr? Ketzermeis- 
ter: Ich wollte ihm kein Leid antun. Jaques: Ich höre 
wohl, daß du solches sagst, gleichwohl möchtest du 
ihn gerne an dem Ort haben wollen, wo ich bin, möch- 
test du nicht, mein Herr? Ketzermeister: Ja, oder er 
würde sich bekehren. Jaques: Wenn er sich aber nicht 
nach eurem Sinne bekehren würde, würdet ihr ihn 
nicht ins Feuer stellen? Ketzermeister: Dann würde 
ich den Richter gewähren lassen. Jaques: Wurdest du 
ihm aber nichts Übles wünschen? Würdest du wollen. 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


daß man dir solches täte? Als er dann aber sah, daß er 
mir nicht antworten konnte und daß zwei oder drei 
Personen vor der Türe zuhörten, den Stockmeister 
ausgenommen, welcher allezeit bei den Gefangenen 
ist, fing er ein langes Geschwätz an und sagte, daß 
ich nicht so tief in der Schrift forschen, sondern mich 
von denen, die gelehrter wären als ich, unterrichten 
lassen sollte, auch daß ich glauben möchte, ein sünd- 
hafter Mensch, der böse im Leben ist, könne ebenso 
gut den Glauben haben, als ein anderer, und daß ich 
sein Wort hören, aber nicht nach seinen Werken tun 
sollte. Jaques: Muss ich das durch die Schrift oder 
ohne die Schrift glauben? Ketzermeister: Ich habe es 
dir durch die Schrift bewiesen. Jaques: Durch welche 
Schriftstelle? Ketzermeister: Mit Judas und Demas, 
welche den Glauben hatten und doch in ihrem Leben 
böse waren. 

Jaques: Mein Herr, es dünkt mich, unsere Worte 
seien ein Kinderspiel; habe ich dir nicht darauf geant- 
wortet und bewiesen, daß es sich nicht gezieme, die- 
jenigen Führer und Hirten zu nennen, die vom Glau- 
ben abgefallen sind? Ketzermeister: Ja, wo denkst du 
solche unsträflichen Hirten Zu finden, wie du sie ha- 
ben willst? Siehst du nicht, daß die Welt mit Büberei 
angefüllt ist? Jaques: Wiewohl du keinen kennst, so 
kenne ich doch einige, und solchen will ich nachfol- 
gen. Ketzermeister: Wo sind sie? Jaques: Sie sind dir 
unbekannt? Weißt du nicht, daß, als der Prophet mein- 
te, es seien alle Gerechten in Israel durch Ahab und 
Isabel getötet worden, der Herr sagte, daß ihrer noch 
siebentausend übergeblieben seien, die ihre Knie vor 
dem Götzen Baal nicht gebeugt hätten. Ketzermeis- 
ter: Das geschah damals um der Verfolgung willen, 
daß sie so zerstreut waren. So geschieht es auch noch 
heutzutage um der Verfolgung willen, daß sie so zer- 
streut und der Welt unbekannt sind. Ketzermeister: 
Musst du aber einem einzigen Menno, oder einem 
andern Menschen, der einen guten Wandel zu führen 
scheint, nachfolgen, und um deswillen alle übrigen 
Bischöfe und Pastoren, die nicht ebenso richtig wan- 
deln, verlassen? Jaques: Mein Herr, meinst du, Ahab, 
der König Israels, hätte Übel getan, wenn er den Rat 
der vierhundert Propheten verlassen hätte und dem 
Rate des armen Michas allein nachgefolgt wäre? Ket- 
zermeister: Gewiss nicht, denn Micha war ein Prophet 
Gottes. Jaques: Sagten nicht die andern, sie wären es 
auch? Und gaben dem armen Micha einen Backen- 
streich, weil er wider sie weissagte und sagten zu ihm: 
Meinst du, daß der Geist Gottes von uns gewichen sei? 
Ketzermeister: Sie rühmten sich des Heiligen Geistes, 
aber mit Unrecht, denn sie waren solche nicht. Jaques: 
Ahab wusste das nicht, denn weil Micha allein wider 
die vierhundert Propheten geweissagt hatte, wurde 


der arme Mann Gottes sehr hart bei Wasser und Brot 
ins Gefängnis gelegt, bis Ahab aus dem Streite von 
Ramoth in Gilead zurückkehren würde; aber er hat 
erfahren, daß der Rat der vierhundert Propheten ihn 
das Leben kostete, wie Micha ihm zuvor gesagt hatte. 
Ketzermeister: Das sind Schriftstellen, die sich nur auf 
vergangene Zeiten beziehen. Jaques: Paulus sagt, daß 
es zu unserer Lehre geschrieben sei; und so geschieht 
es noch heutzutage. Ketzermeister: Wohlan, so willst 
du denn keinen Lehrern gehorchen, und ihnen nicht 
nachfolgen, es sei denn, daß sie tun, was sie lehren, 
ist dem nicht so? Jaques: Dem ist so; denn es steht 
geschrieben: Das Auge ist des Leibes Licht, ist nun 
dein Auge ein Schalk, so wird dein ganzer Leib finster 
sein. Ketzermeister: So willst du denn nicht nach dem 
Rate Jesu Christi verfahren, nämlich nach ihren Wor- 
ten, und nicht nach ihren Werken zu tun? Jaques: Zu 
wem hat er dieses geredet? Ketzermeister: Zu seinen 
Jüngern. Jaques: Von wem redete er es? Ketzermeister: 
Jesus Christus sagt: Auf Moses Stuhl sitzen die Schrift- 
gelehrten und Pharisäer; was sie euch befehlen, das 
tut; aber tut nicht nach ihren Werken. Jaques: Welch 
ein Stuhl war es, von Holz oder von Stein? Ketzermeis- 
ter: Es war der Stuhl, welcher daselbst war. Jaques: 
Wie konnte so viel Volk auf einem Stuhle sitzen? War 
er denn groß, oder war es nicht das Gesetz, wovon 
Christus redete? Ketzermeister: Von dem Gesetze, das 
sie verkündigten. Jaques: Das Gesetz war ein Befehl 
Gottes, und nicht der Menschen, und da Christus sol- 
ches sagte, hat er sie nicht erwählt, seine Herde zu 
weiden und zu leiten. Ketzermeister: Setzte er sie nicht 
zu Hirten, wenn er ihnen sagt: Tut nach ihren Worten, 
aber nicht nach ihren Werken? Jaques: Hast du nicht 
gelesen, was der Herr sagt: Es sei denn, daß eure Ge- 
rechtigkeit besser sei, als die der Schriftgelehrten und 
Pharisäer, werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. 
Siehe, sie sind ja schon draußen, wie sollten sie denn 
einen andern führen? Ketzermeister: Tut allein nach 
ihren Worten. Jaques: Habt ihr keine anderen Hirten 
unter euch, das Wort Gottes zu verkündigen, als sol- 
che Schriftgelehrten und Pharisäer, welchen Gott mit 
so vielen Flüchen gedroht hat? Sagt nicht der Prophet: 
Selig ist der Mensch, der nicht gegessen hat bei den 
Gottlosen, und Christus ermahnt uns, vor ihrem Sau- 
erteige uns zu hüten. Ketzermeister: Du musst dieses 
nicht so verstehen, sondern glauben, ein Gottloser 
könne wohl Gutes reden. Jaques: Es steht geschrieben: 
Das Lob ist nicht schön in dem Munde der Gottlosen, 
weil sie von Gott nicht gesandt sind. Und wie sollte er 
predigen, wenn er nicht gesandt ist? Ketzermeister: Es 
ist wahr, es ist nicht schön, aber er sagt nicht, daß es 
nicht gut sei. Jaques: Ist es nicht schön, so ist es auch 
nicht angenehm, denn was kann ein unbußfertiger 



269 


Mensch für Buße verkündigen? Dann soll auch wohl 
das Wort eines Diebes, der seine Mitgesellen ermahnt, 
nicht mehr zu stehlen, Frucht bringen? Wird nicht sein 
Mitgeselle sagen: Ist es übel getan, warum tust du es 
selbst? Du Heuchler, tue erst den Balken aus deinem 
Auge, denn wirst du auch den Stab in meinen Augen 
sehen. 

Ketzermeister: Du verdrehest jede Schriftstelle nach 
deinem Sinne und Verstände; du musst dir selbst nicht 
so viel Zutrauen, sondern deinen Verstand unter den 
Verstand derer gefangen geben, die weiser sind als 
du. Jaques: Mein Herr, ich rede immer mit dem Vorbe- 
halte, daß wenn mir ein Besseres bewiesen wird, ich 
demselben nachfolgen wolle. Dann stand er auf und 
sagte: Es ist Zeit, daß ich gehe, siehe zu, daß du dich 
wohl bedenkest und rufe Gott ernstlich an. Jaques: Ich 
weiß von keinem Bedenken, weil du mir gar nichts 
beweisen kannst. 

Ketzermeister: Was sollte ich dir beweisen? Jaques: 
Ich habe dich gebeten, du wollest mir sagen, welchen 
Hirten ich nachfolgen sollte, und ob sie solche seien, 
wie die Schrift verordnet hat, daß sie im Leben, in 
der Lehre und im Wandel sein sollten. Ketzermeister: 
Folge denen nach, welchen deine Eltern nachgefolgt 
sind, und damit ging er fort. 

Hier endigte das Schreiben, weil ich am Ende von 
einer Menge Volks und Widersprechern gestört wur- 
de. 

Dieses, des Jaques Bekenntnis, ist aus dem Franzö- 
sischen ins Niederländische und Hochdeutsche über- 
setzt worden. 

Verrat des Jaques d'Auchi. 

Außer dem Obigen wollen wir dem Leser berichten, 
wie dieser gemeldete Jaques d'Auchi verraten, gefan- 
gen worden und in der Tyrannen Hände gefallen sei; 
desgleichen auch, welche Strafe der gerechte Gott an 
diesem Tyrannen und Verräter ausgeübt hat, allen Ty- 
rannen und Verrätern zur Lehre und denkwürdigem 
Exempel. 

Es hat zu Harlingen ein Ratsherr, namens Herr von 
der Waal gelebt; dieser hat nach dem Jaques schar- 
fe Nachsuchung gehalten, hat ihn mit freundlichen 
Worten angeredet und ihn in sein Haus genötigt unter 
dem Vorwände, daß er einen Brief an ihn hätte. Als 
Jaques dahin kam, hieß er ihn freundlich willkommen, 
nötigte ihn auch sehr, bei ihm zu Gaste zu bleiben 
(denn, um der alten Bekanntschaft willen, schien er 
große Liebe für ihn zu empfinden). Als er aber merkte, 
daß Jaques nicht bleiben wollte, hat er mit freundli- 
chen Worten, doch aus einem Judasherzen, von ihm 
begehrt, er sollte zu ihm kommen und von seiner 


Ware und Arbeit mitbringen (denn Jaques trieb die 
Krämerei, und es schien, als hätte er von ihm etwas 
kaufen wollen); unterdessen hat er heimlich einen 
Boten nach Leeuwaarden an den Rat gesandt und 
sich einen Commissari us und Türwächter erbeten. 
Als nun Jaques wieder zu ihm kam, hat er ihn freund- 
lich gegrüßt, und unterdessen nach dem Türwächter 
geschickt; als nun derselbe ankam, hat der Verräter 
mit spitzigen Worten gesagt: Fange ihn, siehe, dies 
ist der Mann. Darauf haben sie unbarmherzig Hand 
an ihn gelegt und gesagt: Halte fest!, und haben ihn 
genau untersucht. Da sprach Jaques: O, mein Herr! 
Was hast du nun getan, daß du mich so verraten hast, 
denn ich habe dir mein Leben mit all meinem Gute 
anvertraut; warum trachtest du mir nach dem Leben 
und dürstest so nach meinem Blute? Er erwiderte: Sei 
zufrieden und laß dich binden, denn du musst mit mir 
auf das Haus gehen; auch (sagte er) daß er solches tun 
müsste, um seinem Eide Genüge zu tun, darum hat 
er auch ihm, dem Jaques, seinen grausamen, tyran- 
nischen Befehl vorlesen lassen, außerdem auch sehr 
scharf nach vier andern Männern gefragt. Jaques ant- 
wortete, er wolle niemanden verraten oder betrügen; 
hätte er aber über ihn oder sonst jemanden klagen 
gehört, das könnte er offenbaren. Der Verräter gab 
zur Antwort, er habe solches nicht gehört, und daß 
er nicht wegen einer Missetat gefangen sei, sondern 
nur darum, weil er der Ketzerei angehangen hätte; 
er hat ihn auch gefragt, ob er nicht ein Wiedertäufer 
wäre. Jaques hat sowohl verneint, daß er der Ketze- 
rei angehangen habe, als daß er ein Wiedertäufer sei, 
sondern gesagt, daß er, nach des Herrn Wort, auf sei- 
nen Glauben nur einmal getauft worden sei. Als er 
ihn wegen der römischen Kirche fragte, hat Jaques 
geantwortet, daß dieselbe nicht aus Gott sei. Da hör- 
te man diesen Verräter betrübten Blicks zum Scheine 
tief aufseufzen und sagen: Ach Jaques, musst du in 
meine Hände fallen? Jaques antwortete: Mein Herr, 
ich hatte auf dich all mein Vertrauen gesetzt, um der 
alten guten Bekanntschaft willen und weil ich so lan- 
ge mit dir Umgang gehabt; aber ich will es dir von 
Herzen vergeben; und es ist mein ernstliches Begeh- 
ren, daß dir der Herr gnädig sein wolle. Er dankte 
Jaques für diese Gunst, und meinte, er hätte vor Gott 
keine Schuld, weil er nach seinem Eide getan hätte. 
Jaques sagte: Dünkt dieser Handel dich vor Gott und 
Menschen recht zu sein? Die Zeit wird kommen, daß 
du es anders finden wirst. Da sandte er Jaques in die 
Kammer und sagte zu ihm: Man wird dich zu Leeu- 
waarden wegen deines Glaubens und deiner Lehre 
untersuchen. 

Als Jaques dort gefangen saß, ist sein Weib zu ihm 
gekommen, worüber sich dieser Freund Gottes sehr 



270 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


gegrämt und betrübt hat, daß er sie in großer Betrüb- 
nis gesehen hat, denn sie war schwanger. Der Türhü- 
ter hatte sie mit großer Ungebühr von sich gestoßen, 
viele der umstehenden Menschen aber haben bitter- 
lich mit ihr geweint und den Türhüter gebeten: Ei, 
lasse sie doch zu ihm kommen; aber es konnte nicht 
lange währen. Jaques hat zu ihr gesagt: O meine Ge- 
liebte!, gehe nach Hause und tröste dich in dem Herrn, 
denn ich bin hier gefangen um des Wortes Gottes wil- 
len; solches wird dir nicht zur Schande und Unehre 
gereichen, denn ich habe niemanden beleidigt; sie ent- 
gegnete: Der Herr wolle dich stärken in der Wahrheit, 
denn nach diesem Streite ist dir die Krone in der Ewig- 
keit bereitet. Ach, möchte ich mit dir sterben und mit 
dir das selige Leben ererben, dann wäre mein Herz er- 
freut. Jaques sagte: Ach, Schwester in dem Herrn, laß 
dich dieses nicht bekümmern, wenn ich auch ein we- 
nig vorausgehen muss, das geschieht nach des Herrn 
Willen. Der Türhüter konnte solches nicht leiden, son- 
dern sprach: Mache dich eilends davon. Jaques sagte 
ihm hierauf in bittendem Tone: Ach, laß doch Gott 
eine kleine Zeit mit uns machen. So sind diese zwei 
lieben Schäflein voneinander geschieden, hofften aber 
in der Auferstehung der Gerechten wieder zusammen 
zu kommen, wo in Ewigkeit keine Klage oder Schei- 
dung vernommen werden wird. Er ist aber, nachdem 
er durch die Gnade Gottes mancherlei Anstoß, viel 
Untersuchungen und Bedrohungen der Blutgierigen 
ausgestanden und ertragen hat, um des Zeugnisses 
Jesu Christi willen in großer Standhaftigkeit gestor- 
ben, jedoch nicht auf dem Richtplatze, sondern er ist 
während der Nacht heimlich ermordet worden. In 
jener Zeit sind noch glaubwürdige Personen am Le- 
ben gewesen, welche, als er vor Mitternacht ermordet 
worden ist, ihn des Morgens früh in seinen ledernen 
Kleidern erwürgt und erstickt in seinem Blute liegend 
gesehen haben; derselbe ruht nun unter dem Altäre Je- 
su, und erwartet mit Gottes Auserwählten eine selige 
Auferstehung und das ewige Leben. 

Dieser vorgedachte Verräter (Herr von der Waal) ist 
nicht lange nach dieser Tat zur Strafe für seine mörde- 
rische Verräterei von Gott sehr hart getroffen worden, 
wodurch es herbeigeführt ist, daß er ein schreckliches 
Ende in dieser Welt genommen hat, zum warnenden 
Vorbilde und ernstlichen Berücksichtigung für alle 
diejenigen, die gleiche Gesinnungen mit ihm haben 
und solche etwa zur Ausführung bringen möchten, 
denn er ist aus Leeuwaarden unter großer Schmach 
und unter dem Gespötte des gemeinen Volkes in größ- 
ter Schnelligkeit vertrieben worden, sodass sowohl 
der Schiffer, der ihn fortschaffen sollte, als auch er 
selbst sich in der größten Lebensgefahr befanden und 
nur durch Bitten und Flehen ihr Leben retten konnten. 


denn dieser Verräter ist von dem gemeinen Volke und 
selbst von den Kindern sehr unbarmherzig gesteinigt 
und seine Verräterei ihm unter Schimpfreden vorge- 
worfen worden, sie schimpften ihn einen Schelm, Ju- 
das, Bösewicht und Erzketzer; auch sangen sie über 
ihn unter großen Beschimpfungen und Vorwürfen die 
nachfolgenden Verse, welche von Jaques gedichtet 
worden sind: 

Er sprach: Ich habe dich gefunden, 

Mein Eid hat nun sein Ziel erseh'n; 

Ergib dich d'rein und wird' gebunden, 

Du musst mit mir auf's Haus hingeh’n. 

Und ferner: 

Sollt’ wohl dieser Handel frommen 
Vor Gott und der Menschen Schaar; 

Wenn die Zeit wird endlich kommen, 

Wird dies werden offenbar. 

Auch hat ihn Gott mit einem bösen Aussatze ge- 
straft, welche Krankheit ihm in sehr beleidigenden 
Ausdrücken vorgeworfen worden ist, denn wenn sie 
einen Vers des obigen Liedes gesungen hatten, so rie- 
fen sie wieder schmähender Weise: Du aussätziger 
Judas und verräterischer Schelm, wird es dir jetzt 
nicht offenbar? Die Steinwürfe haben immer über- 
hand genommen, sodass der Schiffer, der ihn fort- 
schaffen sollte, in Lebensgefahr ausrief, daß er auf 
Befehl des Herrn ihn wegführen müsse. Also ist er 
mit großer Schmach und Unehre aus Leeuwaarden 
vertrieben worden, und ist mit großer Schande und 
Verachtung hie und da von einem Orte zum andern 
geflüchtet, bis ihn endlich der Aussatz verzehrt und 
aufgerieben hat, sodass er, wie Antiochus und Hero- 
des, ein schreckliches und unzeitiges Ende genommen 
hat, allen seinen Nachfolgern zum Spiegel. Die Sage 
über diesen Vorfall unter dem gemeinen Volke lautet 
noch bei weitem schrecklicher, als wir ihn hier geschil- 
dert haben. 

Das Bekenntnis einer Frau, genannt Claesken, die 
um des Zeugnisses Jesu Christi willen ihr Leben 
gelassen hat, 1559. 

Fragen und Antworten zwischen dem Commissarius und 
Claesken. 

Der Commissarius hat mich zuerst nach meinem Na- 
men, wo ich geboren wäre, nach meinem Alter und 
nach mehreren anderen dergleichen Dinge gefragt; 
dann fragte er mich: Bist du getauft? Claesken: Ja. 



271 


Commissarius: Wer hat dich getauft? Claesken: Je- 
lis von Aachen. Commissarius: Der Verführer; er ist 
selbst von seinem Glauben abgefallen. Wie machte 
er es, als er dich taufte? Claesken: Er taufte mich im 
Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geis- 
tes. Commissarius: Wo hast du die Taufe empfangen? 
Claesken: Zu Workum im Felde. Commissarius: War 
mehr Volk dabei? Claesken: Ja. Commissarius: Was für 
Volk war es? Claesken: Ich habe es vergessen. Com- 
missarius: Durch welche Gelegenheit bist du dahin 
gekommen? Claesken: Ich habe es vergessen; beides 
konnte ich mit Wahrheit wohl sagen. Commissarius: 
Sind deine Kinder nicht getauft: Claesken: Meine bei- 
den jüngsten Kinder nicht. Commissarius: Warum 
hast du deine Kinder nicht taufen lassen? Claesken: 
Weil ich so viel Wohlgefallen daran hatte, daß der Herr 
sie mir gegeben. Commissarius: Warum hattest du so 
viel Liebe für Abraham und Sicke, und nicht auch für 
Douwe; du hast ja Douwe taufen lassen? Claesken: 
Damals wusste ich es nicht. Commissarius: Was wuss- 
test du damals nicht? Claesken: Was ich jetzt weiß. 
Commissarius: Was weißt du jetzt? Claesken: Was mir 
der Herr zu erkennen gegeben hat. Commissarius: 
Was hat dir der Herr zu erkennen gegeben? Claesken: 
Daß ich es in der Schrift nicht verstehen kann, daß sol- 
ches geschehen müsse. Commissarius: Wie lange bist 
du nicht in der Kirche gewesen? Claesken: In neun 
oder zehn Jahren nicht. 

Dieses sind die Fragen, worüber er mich verhört 
hat; wiewohl er viel mehr Worte machte, und wenn 
ich ihm nicht sofort antwortete, so sagte er, ich hätte 
einen stummen Teufel in mir; der Teufel verstelle sich 
in uns in einen Engel des Lichts, und so wären wir 
wie die Ketzer alle; dann las er mir die Artikel vor, wie 
ich bekannt hatte, und sagte mir, sie würden vor die 
Herren kommen; wenn ich es haben wollte, so wollte 
er noch etwas anders niederschreiben. Ich erwiderte: 
es ist nicht nötig, etwas anders niederzuschreiben. 

Fragen und Antworten zwischen dem Ketzermeister und 
Claesken. 

Ketzermeister: Warum hast du dich taufen lassen? 
Claesken: Die Schrift zeugt von einem neuen Leben. 
Johannes ruft zuerst von der Buße, desgleichen auch 
Christus selbst, und nach ihm die Apostel; sie lehr- 
ten das Volk Buße tun, sich bekehren, und dann sich 
taufen lassen; in gleicher Weise habe ich auch Buße 
getan und mich bekehrt, und habe mich taufen lassen; 
hierauf erwiderte er nicht viel. Ketzermeister: Warum 
hast du deine Kinder nicht taufen lassen? Claesken: 
Ich kann es in der Heiligen Schrift nicht finden, daß 
solches nötig sei. Ketzermeister: David sagt ja: Ich bin 


in Sünden geboren, und meine Mutter hat mich in 
Sünden empfangen; da nun die Kinder in der Erbsün- 
de geboren sind, so müssen sie auch getauft werden, 
sollen sie anders selig werden. Claesken: Kann ein 
Mensch durch ein auswendiges Zeichen selig werden, 
so ist Christus umsonst gestorben. Ketzermeister: Es 
steht Joli 3,5: Man muss wiedergeboren werden aus 
Wasser und Geist; darum müssen die Kinder auch 
getauft werden. Claesken: Das hat Christus nicht zu 
den Kindern, sondern zu Verständigen geredet; dar- 
um habe ich mich zur Wiedergeburt begeben; wir 
wissen es, daß die Kindlein in des Herrn Hand sind, 
denn er sagt: Lasset die Kindlein zu mir kommen, 
solcher ist das Reich der Himmel. Ketzermeister: Ste- 
phanus' Hausgesinde wurde getauft, dabei sind auch 
zufälligerweise Kinder gewesen. Claesken: Wir ver- 
lassen uns nicht auf den Zufall, denn wir haben eine 
große Gewissheit; dagegen sagte er auch nicht viel. 
Ketzermeister: Was hältst du von der heiligen Kirche. 
Claesken: Davon halte ich sehr viel. Ketzermeister: 
Warum gehst du denn nicht in die Kirche? Claesken: 
Von euren Kirchenbesuchen halte ich nichts. Ketzer- 
meister: Glaubst du wohl, daß Gott allmächtig sei? 
Claesken: Ja, das glaube ich. Ketzermeister: Glaubst 
du denn auch wohl, daß Christus sich geheiligt ha- 
be und in dem Brote komme? Paulus sagt: Das Brot, 
das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des 
Leibes Christi, und der Kelch, den wir segnen, ist der 
nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Claesken: 
Ich weiß wohl, wie Paulus sagt, und so glaube ich 
auch. Ketzermeister: Christus sagte: Nehmt, esst, das 
ist mein Leib, desgleichen auch Paulus. Claesken: Ich 
weiß wohl, wie Christus und Paulus sagen, und das- 
selbe glaube ich auch. Ketzermeister: Glaubst du denn 
auch, daß Christus sich heilige und im Brote komme? 
Claesken: Christus ist zur Rechten seines Vaters; er 
kommt nicht unter der Menschen Zähne. Ketzermeis- 
ter: Bleibst du bei diesem Glauben, so musst du ewig 
in den Abgrund der Hölle fahren; in gleicher Weise 
reden alle Ketzer; es hat sie Jelis von Aachen verführt, 
welcher doch selber von seinem Glauben abgefallen 
ist, weil er erkannte, daß er geirrt habe. Claesken: Ich 
beruhe weder auf Jelis, noch auf einem andern Men- 
schen, sondern allein auf Christo; derselben ist unser 
Grund, darauf haben wir uns erbaut, wie uns Christus 
in seinem Evangelium lehrt: Wer meine Worte hört 
und tut sie, den will ich einem weisen Manne verglei- 
chen, der sein Haus auf den Felsen baute, und wenn 
schon Stürme entstehen und auf das Haus stoßen, so 
fällt es doch nicht ein. Dies sind nun die Stürme, die 
auf unser Haus zustürmen; aber Christus ist unsere 
Feste, er wird uns wohl bewahren. Ketzermeister: Du 
verstehst es nicht, und es sind viele andere Schriften, 



272 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


von denen du nicht weißt. Claesken: Wir bedürfen kei- 
ner anderen Schriften als des heiligen Evangeliums, 
welches Christus selbst mit seinem gesegneten Munde 
zu uns geredet, und mit seinem Blute versiegelt hat; 
können wir dieses halten, so werden wir die Seligkeit 
erlangen. Ketzermeister: Du solltest dich unterrichten 
lassen; die heiligen Väter haben vor 1500 Jahren den 
Gebrauch, in die Kirche zu gehen, eingeführt. Claes- 
ken: Die heiligen Vater hatten solche Heiligkeit nicht; 
das sind Menschengebote und Satzungen; auch haben 
die Apostel solche Heiligkeit nicht gebraucht; ich habe 
nichts davon gelesen. Ketzermeister: Willst du wei- 
ser sein als die heilige Kirche? Claesken: Ich begehre 
nichts wider die heilige Kirche zu tun; ich habe mich 
unter den Gehorsam der heiligen Kirche begeben. Ket- 
zermeister: Du solltest denken: Sollte ich es besser 
wissen, als die heiligen Väter vor 1500 Jahren; du soll- 
test denken, du seiest einfältig. Claesken: Bin ich auch 
schlicht und einfältig vor den Menschen, so bin ich 
doch nicht schlicht in der Erkenntnis des Herrn. Weißt 
du nicht, daß der Herr seinem Vater dankte, daß er 
solches vor den Weisen und Verständigen verborgen 
und es den Einfältigen und Unschuldigen offenbart 
hätte? 

Einstmals waren zwei Mönche bei ihm, die mich 
auch unterrichten sollten. Sie wussten aber nicht viel 
zu sagen, und meinten, daß wir Menschen von zerrüt- 
teten Sinnen und untüchtig zum Glauben wären. Wir 
lernten allezeit und könnten doch nie zur Erkennt- 
nis der Wahrheit kommen. Ich erwiderte: Wenn der 
Tag des Herrn kommt, werdet ihr es wohl anders 
erfahren; seht euch vor, damit ihr nicht solche sein 
werdet, die da sagen werden: Diese sind es, die wir 
für einen Spott hielten; siehe, wie sind sie nun unter 
die Kinder Gottes gerechnet, und ihr Teil ist unter den 
Heiligen. Darauf sagten sie: Siehe, sie richtet uns. Ich 
sagte: Ich richte euch nicht, sondern ich sage, ihr sollt 
euch vorsehen; jetzt wird unser Leben für unsinnig 
gehalten und unser Ende für eine Schande; wenn aber 
des Herrn Tag kommen wird, so wird man es wohl 
anders finden. Der Anfang und das Ende war, daß 
ich den Teufel hätte und verführt wäre. Ich sagte: Ist 
denn Christus ein Verführer? Er sagte: Nein, Chris- 
tus ist kein Verführer. Ich sagte: So bin ich auch nicht 
verführt; ich suche und begehre nichts anderes, als 
den Herrn von ganzem Herzen zu fürchten, und mei- 
nes Wissens nicht ein Pünktlein von seinen Geboten 
zu übertreten; als er mir nun länger vorgeredet hatte, 
so sagte er endlich: Ich kann dir nichts anderes sa- 
gen; du kannst dich bedenken. Ich erwiderte: Ich darf 
mich nicht anders bedenken; ich weiß wohl, daß die 
Wahrheit auf meiner Seite ist. 

Als ich nun abermals vor ihn kam, so sagte er: Nun, 


Claesken, wie hast du dich bedacht? Claesken: Ich 
habe mich bedacht, daß ich dabei bleiben will, wozu 
mich der Herr berufen hat. Ketzermeister: Der Teu- 
fel hat dich berufen; derselbe verstellt sich in euch 
in einen Engel des Lichtes. Als er mich das sechste 
Mal verhörte, fragte er mich: Als Christus sein Abend- 
mahl mit seinen Aposteln hielt, gab er ihnen nicht 
sein Fleisch zu essen und sein Blut zu trinken? Claes- 
ken: Er gab ihnen Brot und Wein; seinen Leib aber gab 
er dahin zu ihrer Erlösung. Ketzermeister: Christus 
sagt ja klar: Nehmt, esst, das ist mein Fleisch; dem 
kannst du ja nicht widersprechen. Claesken: Paulus 
sagt: Ich habe es von dem Herrn empfangen, was ich 
euch gegeben habe: Der Herr Jesus, in der Nacht, da 
er verraten ward, nahm das Brot, dankte und brach es, 
gab es seinen Aposteln und sprach: Nehmt, esst, das 
ist mein Leib, der für euch gebrochen wird; solches tut 
zu meinem Gedächtnis; desgleichen auch nach dein 
Abendmahle nahm er den Kelch und sprach: Dieser 
Kelch ist ein neues Testament in meinem Blute; so oft 
ihr solches trinkt, so tut es zu meinem Gedächtnis, 
und so oft ihr von diesem Brot esst und von diesem 
Kelch trinkt, sollt ihr des Herrn Tod verkündigen, bis 
daß er kommt. Darum hat uns Christus sein Abend- 
mahl hinterlassen, daß wir uns seines Todes dabei 
erinnern sollen, daß er seinen Leib für uns dahinge- 
geben und sein Blut für uns vergossen habe. Solches 
Abendmahl wollte ich wohl mit Gottes Volke halten, 
aber kein anderes. Er blieb bei seiner Redeweise, man 
müsste das Fleisch Christi essen und sein Blut trin- 
ken; die Worte Christi und Pauli brächten solches klar 
mit sich. Claesken: Weil die Worte so deutlich sind, 
kann ich sie so wohl verstehen, doch pflegt es zu ge- 
hen, wie Paulus sagt, daß diejenigen, die sich nicht 
zum Herrn bekehren, eine Decke vor ihrem Herzen 
haben; diejenigen aber, die sich zum Herrn bekehren, 
denen ist die Decke von ihrem Herzen hinweggetan. 
Wir haben uns zum Herrn begeben; es ist vor uns 
nichts verborgen. Ketzermeister: Bei Joh 6 sagt Chris- 
tus auch deutlich, daß man sein Fleisch essen und sein 
Blut trinken müsse. Claesken: Daselbst steht auch, als 
die Juden murrend sagten: Wie kann uns dieser sein 
Fleisch zu essen geben, sagte Christus: Es sei denn, 
daß ihr das Fleisch des Menschensohnes esst, so habt 
ihr kein Leben in euch. Auch sagt er: Wer mein Fleisch 
isst, und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben. Er 
sagte auch: Fleisch und Blut ist nichts nütz, die Worte, 
die ich rede, sind Geist und Leben; wer an Gott glaubt 
und in aller Gerechtigkeit wandelt, der ist ein Tempel 
Gottes, worin Gott wohnen und wandeln will, wie 
Paulus bezeugt. 

Als er mich das siebte Mal verhörte, sagte er: 
Glaubst du nicht, daß die Apostel Christi Fleisch ge- 



273 


gessen haben? Claesken: Christus nahm das Brot und 
dankte, brach es und gab es seinen Jüngern; seinen 
Leib aber hat er für sie hingegeben zur Erlösung. Ket- 
zermeister: Glaubst du nichts anderes? Claesken: Ich 
glaube nichts anderes, als was Christus geredet hat. 
Ketzermeister: So bezeuge ich über dir, daß ich rein 
sei von deinem Blute. Dein Blut komme auf deinen ei- 
genen Kopf. Claesken: Damit bin ich wohl zufrieden. 
Ketzermeister: Hiermit übergebe ich dich dem Herrn. 

Darauf hat er mich noch einmal verhört und mich 
gefragt: Glaubst du noch nicht, daß die Apostel Chris- 
ti Fleisch gegessen haben? Claesken: Ich habe es dir 
gesagt. Ketzermeister: Sage es jetzt. Claesken: Ich sage 
es nun nicht mehr. Ketzermeister: Glaubst du noch 
ebenso bei der Taufe? Claesken: Du weißt es ja wohl, 
daß man die Bußfertigen taufen müsse. Ketzermeis- 
ter: Das ist freilich wahr. Wenn ein Jude kommt, der 
noch nicht getauft ist. Bist du auch noch ebenso in 
der Kindertaufe gesinnt? Claesken: Ja. Ketzermeister: 
Glaubst du denn nichts anderes? Claesken: Ich glaube 
nichts anderes, als was Christus befohlen hat. Ketzer- 
meister: So bezeuge ich über dir, daß du ewiglich in 
dem Abgrunde der Hölle gequält werden müssest. 
Claesken: Wie darfst du mich so abscheulich richten, 
da doch dem Herrn allein das Gericht zukommt? Ich 
bin deswegen nicht erschrocken; ich weiß es besser, 
nämlich, daß man es anders finden wird, wenn des 
Herrn Tag kommt. Dann fragte ich ihn: Was sagt mein 
Mann? Ketzermeister: Dein Mann ist eben auch so ge- 
sinnt; der Herr muss euch erleuchten. Claesken: Wir 
sind schon erleuchtet; der Herr sei gelobt. Von meiner 
Taufe redete er nicht viel, auch nicht von der Kin- 
dertaufe, sondern alle seine Reden gingen dahin, daß 
man Christi Fleisch essen und sein Blut trinken müsse; 
auch redete er von der vor 1500 Jahren geschehenen 
Einsetzung, meinte, daß ich einfältig sei und das Testa- 
ment kaum einmal durchgelesen hätte. Ich erwiderte: 
Was? Meinst du, daß wir aufs Ungewisse laufen? Es 
ist uns nicht unbekannt, was im Neuen Testamente 
steht; wir verlassen unsere lieben Kinder, die ich um 
die ganze Welt nicht verlassen wollte; auch wagen 
wir alles daran, was wir haben; sollten wir denn auf 
das Ungewisse hinlaufen? Wir suchen sonst nichts, als 
unsere Seligkeit; du kannst es uns in mit der Heiligen 
Schrift nicht beweisen, daß wir auch ein Pünktlein 
gegen des Herrn Wort brauchen oder glauben. Es war 
bei ihm ausgemacht, daß wir alles vom Teufel hätten, 
und daß wir mit dem Hoffartsteufel besessen wären. 
Ich sagte: Wir wissen, daß die Hoffärtigen vom Stuhle 
gestoßen sind. Er redete so viel, weil er dachte, daß 
er mich vielleicht überreden könnte, darum musste 
ich bisweilen auch reden, weil ich nicht haben wollte, 
daß er solches mutmaßen sollte. 


Brief der vorerwähnten Claesken an ihre Freunde 
nach dem Fleische, auch nach dem Geiste. 

Nim folgt ein Brief der vorerwähnten Claesken an ihre 
Freunde nach dem Fleische, auch nach dem Geiste, 
geschrieben ans dem Gefängnisse im Jahre 1559, den 
14. März, welche auch auf oder um dieselbe Zeit samt 
ihrem lieben Manne und ihrem Bruder Jaques um des 
Zeugnisses Jesu getötet worden ist. 

Der Herr wolle durch seine große Gnade und Barm- 
herzigkeit allen denen, die nach der Gerechtigkeit 
hungern und dürsten, verleihen, daß sie gesättigt wer- 
den mögen. 

Meine herzlich geliebten Freunde, meine herzliche 
Bitte und Begehren ist nochmal an euch, daß ihr die 
Schrift (die heilig ist) wohl durchforschen und ergrün- 
den wollt; lernt den Herrn doch von Herzen fürchten, 
denn die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang, 
die Toren verachten die Weisheit und die Unterwei- 
sung der Weisheit. Die Weisheit klagt draußen und 
lässt sich auf den Gassen hören; sie ruft in der Tür 
am Tore, vorn unter dem Volke: Wie lange wollen die 
Albernen albern sein und die Spötter Lust zur Spötte- 
rei haben und die Ruchlosen die Lehre hassen? Kehrt 
euch zu meiner Strafe. Siehe, ich will euch meinen 
Geist offenbaren und euch meine Worte kundtun. Da 
ich nun rufe und ihr euch weigert, da ich meine Hand 
ausstrecke, aber niemand darauf achtet und ihr allen 
meinen Rat in den Wind schlagt, und meine Bestra- 
fung nicht wollt, so will ich auch lachen in eurem 
Unfall und eurer spotten, wenn da kommt, was ihr 
fürchtet. Wenn über euch kommt wie ein Sturm, was 
ihr fürchtet, wenn euer Unfall wie ein Wetter über 
euch hereinbricht, wenn über euch Angst und Not 
kommt. Dann werden sie mir rufen und ich werde 
sie nicht erhören, sie werden mich frühe suchen und 
nicht finden, weil sie die Lehre hassten und des Herrn 
Furcht nicht haben wollten; weil sie meinen Rat nicht 
wollten und alle meine Strafe lästerten, so sollen sie 
von den Früchten ihres Wesens essen und ihres Ra- 
tes satt werden; wer aber mir gehorcht, wird sicher 
bleiben und genug haben und kein Unglück fürchten. 

Seht, meine lieben Freunde, nehmt doch dieses zu 
Herzen, daß der Herr diejenigen nicht erhören wolle, 
die ihn nicht fürchten; und wie köstlich ist die Furcht 
des Herrn, wer sie nur annehmen will, denn mit ihr 
ist nichts zu vergleichen; die Furcht des Herrn ist Eh- 
re und Ruhm, Freude und eine schone Krone. Die 
Furcht des Herrn macht das Herz fröhlich und gibt 
Freude und Wonne ewiglich; wer den Herrn fürchtet, 
dem wird es wohl gehen in der letzten Not, und er 
wird endlich den Segen behalten. Gott lieben, ist die 
allerschönste Weisheit, und wer sie erkennt, der liebt 



274 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


sie, denn er sieht, welch große Wunder sie tut. Die 
Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang. Die Furcht 
des Herrn ist der rechte Gottesdienst, sie behütet und 
macht das Herz fromm und gibt viel Freude und Won- 
ne. Wer den Herrn fürchtet, dem wird es wohlgehen, 
und wenn er des Trostes bedarf, so wird er gesegnet 
werden. Gott fürchten ist die Weisheit, die reich macht. 
Die Furcht Gottes ist eine Krone der Weisheit, und gibt 
reichen Frieden und Heil. Den Herrn fürchten ist die 
Wurzel der Weisheit, aber den Sündern ist die Weis- 
heit ein Fluch. Die Furcht des Herrn wehrt der Sünde, 
denn wer ohne Furcht fährt, der mag nicht gerechtfer- 
tigt werden. Seid nicht ungläubig, denn die Weisheit 
kommt nicht in eine boshafte Seele, und wohnt nicht 
in einem den Sünden unterworfenen Leibe. 

Meine sehr geliebten Freunde! Nehmt doch den 
großen Unterschied zu Herzen, der zwischen denen 
ist, die Gott fürchten, und die ihn nicht fürchten. 
Durchforscht doch die Schrift wohl, damit ihr nicht 
den Städten gleich sein mögt, von welchen Christus 
im Evangelium sagt und bezeugt, daß es denen von 
Sodom und Gomorrha am Tage des Gerichts erträg- 
licher ergehen werde, als solchen Städten, weil sie 
die kräftigen Taten nicht zu Herzen nahmen, die in 
ihrer Gegenwart geschahen. Darum, liebe Freunde, 
stellt der Herr euch auch noch jetzt durch uns solche 
kräftigen Taten vor Augen: lasst es euch zur Stärkung 
dienen, wie Paulus sagt, daß viele Brüder durch seine 
Bande eine Zuversicht im Herrn gewonnen haben, 
und desto mutiger geworden sind, das Wort ohne 
Furcht zu reden. Meine lieben Freunde, merket wohl 
auf: Als der Herr seine kräftigen Taten verrichtete, so 
tat er es nicht allein um eines Menschen willen, wie 
wir lesen bei Johannes, als er Lazarus von den Toten 
auferweckte, sondern, daß das Volk seine kräftigen 
Taten sehen und an ihn glauben sollte, wiewohl nur 
einige an ihn glaubten, andere aber sich an ihm ärger- 
ten und sagten: Konnte der, der den Blinden sehend 
gemacht hat, nicht auch bewirken, daß dieser nicht ge- 
storben wäre? So geht es heutzutage auch mit denen 
zu, die nicht glauben: Denn wenn sie es auch wohl 
sehen, wie stark und kräftig der Herr mit uns ist, so 
ärgern sie sich doch daran und sagen, daß wir dieses 
aus Hartnäckigkeit tun; wenn wir dann entgegnen, 
daß die Gerechten verfolgt werden müssen, so sagen 
sie, daß wir wegen der Wiedertaufe verfolgt werden. 
Also gereicht es ihnen zum Ärgernisse. Aber denen, 
die Gott glauben, ist es wohlbekannt, daß wir um der 
Gerechtigkeit willen leiden müssen; diesen, hoffe ich, 
soll es zur Stärkung dienen, uns aber als eine Prüfung 
zur ewigen Seligkeit. 

Meine lieben Freunde, nehmt es doch zu Herzen, 
welche große Herrlichkeit denen verheißen sei, die 


den Herrn von ganzem Herzen fürchten, und welche 
große Trübsal über alle Seelen der Menschen kommen 
werde, die dem Evangelium nicht gehorsam sind; die- 
se werden Pein leiden, das ewige Verderben von dem 
Angesichte des Herrn. Darum begebt euch doch der 
Wahrheit zum Gehorsam und verändert eure Sinne, 
damit ihr prüfen mögt, was der wohlgefällige und 
vollkommene Wille Gottes sei. Habt eure Betrachtung 
Tag und Nacht in dem Gesetze des Herrn, lasset euch 
auch nicht abhalten, beständig zu bitten, wie uns die 
Schrift an vielen Stellen lehrt: Wer bittet, der empfängt; 
wer anklopft, dem wird aufgetan. Darum, meine lie- 
ben Freunde, verändert eure Herzen, dann wird euch 
der Herr eher geben, als ihr ihn darum bittet; denn 
selig sind, die eines guten Willens sind; selig sind, die 
da hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, denn 
sie werden gesättigt werden. 

Darum tragt doch Leid und habt ein Verlangen nach 
dem Herrn, und sagt: O Herr, zeige mir deine Wege, 
und lehre mich deine Stege; leite mich in deine Wahr- 
heit und lehre mich; denn du, Gott, bist es, der mir 
hilft; täglich warte ich dein, Herr, gedenke an deine 
Güte und Barmherzigkeit, die von Ewigkeit gewesen 
ist; gedenke nicht der Sünden meiner Jugend und mei- 
ner Übertretung, sondern gedenke meiner um deiner 
großen Gnade und Barmherzigkeit willen. Der Herr 
ist gütig und aufrichtig; darum unterweist er die Sün- 
der auf dem Wege; er schafft den Elenden Recht, und 
lehrt die Elenden seine Wege. Darum, meine geliebten 
Freunde, tut aufrichtige Buße und bekennt dem Herrn 
eure Sünden von ganzem Herzen; der Herr wird von 
denen gefunden, die eines zerbrochenen Herzens und 
zerschlagenen Geistes sind. Darum demütigt euch 
unter die gewaltige Hand Gottes, damit ihr in Ewig- 
keit erhoben werden mögt. Hiermit will ich euch dem 
Herrn anbefehlen; der wolle euch in alle Wahrheit 
leiten. 

Meine herzgründlich geliebten Freunde; nehmt es 
doch zu Herzen, denn es ist aus herzlicher eifriger Lie- 
be geschehen, die ich zu euren Seelen trage, weil ich 
gewiss und versichert bin, daß kein anderer Weg ist, 
auf welchem man selig werden kann; darum warne 
ich euch aus reinem Herzen; es wird auch in der Ewig- 
keit nicht anders befunden werden. Obgleich nun eini- 
ge viel zu schwatzen und zu sagen haben, so tun sie es 
doch nur darum, weil sie das Kreuz Christi nicht auf 
sich nehmen wollen und damit verfolgt werden, wie 
davon Paulus redet: Aber nehmt ihr zum Exempel, 
daß ihr Christi Fußstapfen nachfolgen müsst, und daß 
uns die ganze Schrift zwingt, daß wir uns zum Leiden 
begeben und bereit machen sollen, was auch Paulus 
sagt: Wenn wir mit leiden, so sollen wir uns auch 
mit freuen, und wie des Leidens Christi viel über uns 



275 


kommt, so werden wir auch reichlich getröstet durch 
Jesum Christum; so lesen wir auch, daß alle heiligen 
Männer Gottes durch viel Trübsal und Leiden geprüft 
worden seien; und wie freudig sie das Leiden aufge- 
nommen haben, ja, sie erfreuten sich aufs Höchste, 
daß sie würdig waren, um des Namens Gottes willen 
zu leiden; aber die den Herrn nicht recht lieben, wol- 
len dieses Leidens entübrigt sein, und haben dieses 
zeitliche Leben lieber als ihren Herrn und Gott; den- 
noch sagt Christus: Wer sein Leben zu erhalten sucht, 
der wird es verlieren, wer aber sein Leben verliert um 
meines Namens und um des Evangeliums willen, der 
wird es in Ewigkeit erhalten; nicht, als ob alle um des 
Wortes des Herrn willen sterben müssen, sondern das 
Gemüt muss so beschaffen sein, daß wir lieber ster- 
ben, als eins der Gebote des Herrn mit Wissen und 
Willen übertreten wollten. Darum sagt Cnristus: Wer 
etwas lieber hat als mich, der ist meiner nicht wert. 

Darum, meine herzlich geliebten Freunde, die ich 
von ganzem Herzen liebe, achtet doch nicht auf eines 
Menschen Sagen, sondern seht allein auf Jesum Chris- 
tum, wie er uns in Leiden und Trübsal vorgegangen 
ist; liebt doch den Herrn, euren Gott, von ganzem Her- 
ren, aus allen Kräften und Vermögen, und wenn auch 
die ganze Welt gegen euch aufstehen und stürmen 
würde, so wird euch doch niemand schaden können, 
wenn ihr Gott zum Vater und eine aufrichtige Liebe 
zu ihm und seinen Heiligen habt. Die Liebe vermag al- 
les, denn wo keine aufrichtige Liebe ist, da wird wohl 
alles bald zerbrochen, wenn Angst und Verfolgung 
kommt; wer sich aber dem Herrn anbefiehlt und die 
Liebe hat, dem ist kein Ding zu schwer; hätte ich es 
nicht selbst erfahren, so wäre es mir unmöglich zu 
wissen, daß es so leicht wäre. Darum sagte Christus: 
Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht. Ja, liebe 
Freunde, mein Gemüt ist noch so beschaffen; ich habe 
solche Liebe zu dem Herrn, meinem Gott, daß wenn 
ich auch mein Leben durch einen Gedanken erretten 
könnte, wüsste aber, daß es dem Herrn nicht gefiele, 
so wollte ich lieber sterben, als solche Gedanken he- 
gen, nicht, als ob ich mich rühmen wollte, der Herr 
weiß wohl, wie unrein ich mich vor ihm erkannt habe, 
sondern durch die große Gnade, Barmherzigkeit und 
Liebe, welche er uns bewiesen hat, daß wir zu sei- 
nem himmlischen Reiche erwählt sind. Nim fühle ich 
erst in mir die unaussprechliche Gnade, Barmherzig- 
keit und Liebe Gottes, und wie wir ihn darum wieder 
lieben müssen. Ja, ich habe solche Hochachtung vor 
dieser Gnade und Liebe, daß meine Betrübnis in Freu- 
de verwandelt ist. 

Ich muss euch ferner etwas von meiner Traurigkeit 
sagen, welche ich hatte, ehe ich gefangen wurde; ich 
merke jetzt auf die Worte des Apostels, daß ich gött- 


lich betrübt worden bin, und daß die göttliche Reue 
zur Seligkeit wirke; ja, ich hatte bisweilen solche Trau- 
rigkeit, daß ich nicht wusste, wohin ich mich wenden 
sollte, daß ich auch oft mit lauter Stimme zum Herrn 
rief: O Herr, zermalme doch das alte Herz und gib mir 
ein neues Herz und Gemüt, damit ich vor deinen Au- 
gen auch richtig erfunden werden möge; ich sagte zu 
meinem lieben Manne: Wenn ich mein Leben mit der 
Schrift vergleiche, so ist es mir, ich müsste zu Grunde 
gehen; ich kann wohl mit David sagen: Meine Sün- 
den sind über mein Haupt gefahren; wie eine schwere 
Last sind sie mir zu schwer geworden. Ich sagte: Mein 
lieber Mann, bitte doch den Herrn für mich, denn ich 
werde angefochten; je mehr ich meine Gedanken zu 
dem Herrn richtete, desto mehr setzte mir der Versu- 
cher mit andern Gedanken zu. Da rief ich nun zum 
Herrn und sagte: O Herr, du weißt ja wohl, daß ich 
sonst nichts verlange, als dich zu fürchten; bisweilen 
hat mich mein Mann getröstet; es dünkte ihm, ich 
täte nichts, das vor dem Herrn nicht wohl bestehen 
könnte. Ich sagte: Ich habe meine erste Liebe nicht, 
darum bin ich betrübt, sodass ich nicht schlafen kann. 
Hier ist keine Hoffnung, den Sünden abzusterben; ich 
fürchte noch lange zu leben; wenn ich mich auch noch 
so sehr nach Besserung bestrebte, so bleibe ich doch 
in der Unreinigkeit; ich elender Mensch, wo soll ich 
hin? 

Ich hätte euch ein Mehreres schreiben sollen, aber 
es kam eben ein Bote, daß wir reisen sollten. Meine 
herzlich geliebten Freunde, mein Mann, mein Bruder 
und ich haben ein fröhliches Urteil gehört; wir erwie- 
sen einander alle Liebe, und waren wohlgemut; ich 
dankte dem Herrn so sehr, daß es auch die Herren hör- 
ten; sie hießen mich schweigen, aber ich redete ohne 
Scheu. Als wir nun unser Urteil gehört hatten, rede- 
ten wir alle drei und sagten, sie hätten das gerechte 
Blut verurteilt; mein lieber Mann redete viel und sehr 
freundlich, ja, wir dankten dem Herrn mit fröhlichem 
Angesichte, daß das Volk zuschaute. Hiermit will ich 
euch dem Herrn anbefehlen. Eilt, zu uns zu kommen, 
damit wir beieinander in Ewigkeit leben mögen. 

Dieses ist noch ein Brief oder Bekenntnis 

derselben Claesken; als eine neue Zugabe hier 
beigefügt. 

Als wir vor dem vollständig versammelten Rate wa- 
ren, wurden wir von dem Oberanwalte des Rates an- 
geredet; derselbe erklärte den Herren im Allgemeinen, 
was wir vor dem Commissarius bekannt hätten, hielt 
auch eine lange Rede darüber, wie lange wir nicht in 
der Kirche gewesen wären, daß wir unsere Kinder 
nicht hätten taufen lassen, und daß wir Wiedertäufer 



276 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


wären, sagte auch, wir hätten, laut Befehls, das Leben 
sowie auch unsere Güter verwirkt. In dieser angege- 
benen Weise stellte er die Anklage, und machte einen 
Anspruch an unsern Leib und unsere Güter, und als 
er Bericht gegeben hatte, wie und wo wir getauft wor- 
den wären, fragte er uns, ob wir bei unserer Taufe 
bleiben wollten; wir redeten freimütig und imverzagt, 
mit einem fröhlichen Gemüte, daß wir eine Taufe nach 
des Herrn Befehle empfangen hätten; unser Bruder 
Jaques sagte, wenn man es ihm mit des Herrn Wort 
anders beweisen könnte, so wollte er nicht gegen das 
Wort des Herrn handeln. 

Mein Mann sagte, er begehre bei seiner Taufe zu 
bleiben; ich sagte, wie unser Bruder gesagt hatte, daß 
wir unsere Taufe nach dem Worte des Herrn empfan- 
gen hätten, worauf er beide Male entgegnete: Nach 
deiner Meinung! Dann fragte er uns, ob wir keinen 
Verteidiger begehrten; unser Bruder erwiderte darauf: 
Christus ist unser Fürsprecher; damit entfernten wir 
uns; wir gingen fröhlich und guten Mutes vom Rate, 
obgleich es uns das Leben kosten sollte. 

Seit dieser Zeit ist mein Mann und unser Bruder ein- 
mal vor dem Pfarrer von dem alten Hofe gewesen; des 
Sonntags aber in den Fasten waren wir alle drei vor 
dem Rentmeister; zuerst hatte unser Bruder ein langes 
Gespräch mit ihm, und bewies ihm mit der Schrift, 
sodass er nichts dagegen zu sagen wusste, als daß es 
vom Teufel wäre, und daß zwar viele in der Hölle wä- 
ren, daß aber die Unsrigen die Ärgsten wären; dann 
wurde mein Mann vor ihn gebracht, und endlich auch 
ich. Als ich vor ihn kam, fing er von der Kindertaufe, 
von meiner Taufe, von dem Essen des Fleisches Chris- 
ti und von vielen andern Dingen an; ich erwiderte: 
Du brauchst alles solches nicht hervorzusuchen, es 
ist mir nicht gegeben, mit dir zu disputieren; ich sage 
dir gerade heraus: Ich will bei dem bleiben, wozu der 
Herr mich berufen hat. Er sagte, der Teufel hätte mich 
berufen. Ich entgegnete: Ist denn jetzt der Teufel von 
solcher Art, daß er von dem Bösen ablässt und Gutes 
tut? Es geht uns, wie der Prophet sagt: Wer sich vom 
Bösen wendet, muss jedermanns Raub sein! So ist es 
uns ergangen; von dem ersten Tage an, wo wir von un- 
serm eitlen, bösen Wegen abließen, wurden wir von 
jedermann gehasst, wie Christus sagt: Ihr werdet um 
meines Namens willen von jedermann gehasst wer- 
den. Christus sagt ferner: Fürchtet diejenigen nicht, 
die den Leib töten, und keine Gewalt haben, mehr 
zu tun, sondern fürchtet denjenigen, der Seele und 
Leib in die Hölle verdammen kann; ja, den fürchten 
wir allein. Auch begehrte er, ich sollte ihm von der 
Kindertaufe und von dem Essen des Fleisches Christi 
Auskunft geben. Ich erwiderte: Es ist nicht der Mühe 
wert, dir auf deine Fragen eine Antwort zu geben. 


solche unnötigen Fragen tust du! Ich habe dir genug 
davon gesagt; ich sage dir nichts mehr, wir haben des- 
sen genug gehabt; wache übrigens auf und merke, du 
siehst es ja wohl, daß es nicht eines Menschen Tim ist, 
was wir durch den Herrn zu tun vermögen, daß wir 
unsere lieben Kinder, ja, unser Leben selbst um der 
Ehre Gottes willen mit solcher Freude verlassen. Sie- 
he zu, was du tust! Wir sind das heilige Volk Gottes, 
die Auserwählten Gottes, wenn auch alle eure Gelehr- 
ten zusammenkämen, die in der ganzen Welt sind, so 
können sie uns mit dem Worte des Herrn nicht be- 
weisen, daß wir wider das Wort Gottes glauben oder 
tun; hierauf erwiderte er, wir glaubten es ja nicht, daß 
die Apostel Christi Fleisch gegessen und sein Blut ge- 
trunken hätten; Christus habe ja gesagt: Nehmt, esst, 
das ist mein Leib; ich sagte: Christus nahm das Brot, 
dankte und brach es, und gab es seinen Aposteln; als 
er nun das Brot nahm und brach es, und gab es ihnen, 
so war ja das Brot kein Fleisch; er gab ihnen ja nicht 
seinen lebendigen Leib zu essen, als er lebendig bei 
ihnen stand; aber zur Erlösung hat er denselben ge- 
geben, nicht allein ihnen, sondern allen denen, die an 
ihn glauben. Man mochte ihm sagen, was man woll- 
te, er blieb bei seiner alten Redeweise. Unser Bruder 
hatte ihn von allen Dingen mit der Schrift so klar über- 
wiesen, daß er nicht ein Pünktlein dagegen zu sagen 
wusste. Unser Bruder redete laut, damit diejenigen, 
die außerhalb an der Kanzlei standen, es hören möch- 
ten, wie deutlich er ihm alles bewies; ich redete auch 
so laut, als ich konnte, mit einem fröhlichen Gemüte; 
was mir der Herr in den Sinn gab, das redete ich ohne 
Furcht, will es aber, um kurz zu sein, hier nicht an- 
führen. Er redete nichts anderes, als daß wir mit dem 
Teufel besessen wären, daß sich der Teufel in uns in 
einen Engel des Lichts verstelle, daß wir einen Hoff- 
artsteufel hätten, und daß wir ewig in dem Abgrunde 
der Hölle sein müssten; dieselbe Sprache führte er, so 
oft wir vor ihm waren. Ich erwiderte: So tief du uns 
in den Abgrund der Hölle verstößt, so hoch sind wir 
bei dem Herrn erhoben. 

Von der Kindertaufe wusste er nichts anderes zu 
sagen, als was Christus sagt: Ihr müsst von neuem 
geboren werden aus Wasser und Geist; ich erwiderte, 
die Kinder können die neue Geburt nicht verstehen; 
Christus sagte solches zu den Verständigen; darum 
haben wir unser altes Leben abgelegt und haben ein 
neues angezogen. Wir wissen wohl, daß unsere Kin- 
der selig sind vor dem Herrn. Da kam er mit David 
hervor, wie er in Sünden geboren worden sei; unser 
Bruder hatte ihm alles so deutlich erklärt, aber gleich- 
wohl blieb er unverständig. Als wir unsere Reden 
geendigt hatten, fragte ich ihn, was mein Mann sag- 
te? Er entgegnete: Dein Mann bleibt auch auf seiner 



277 


Meinung; ich sagte: Was willst du doch noch mit mei- 
nem armen Manne tun, der ja nicht einen Buchstaben 
lesen kann? Darauf antwortete er: Deine Verdammnis 
wird größer sein als die deines Mannes, weil du lesen 
kannst und ihn verführt hast, damit schied ich von 
ihm. 

Nachher ist die vorgenannte Claesken mit ihrem 
Manne und Bruder Jaques um des Zeugnisses der 
Wahrheit willen zu Leeuwaarden in Friesland ertränkt 
worden, im März 1559. 

Jelis de Groot und Mahieu von Halewyn, 1559. 

Zu Kortryck in Flandern sind zwei gottesfürchtige 
und schlichte Brüder gewesen, der eine Jelis de Groot, 
der andere Mahieu von Halewyn genannt, die viel 
lieber mit den Kindern Gottes Ungemach leiden, als 
mit der gottlosen Welt der eitlen Freude pflegen woll- 
ten, welchem Ungemache sie auch nicht haben ent- 
fliehen können, denn im Jahre 1559 sind sie gefangen 
genommen und zugleich auch wegen ihres Glaubens 
untersucht worden; sie haben denselben ohne Furcht 
bekannt, und sind ungeachtet aller Bedrohungen und 
Pein, die sie um deswillen erdulden mussten, bis zu- 
letzt standhaft dabei geblieben, sodass sie um dieser 
Standhaftigkeit willen zum Tode verurteilt worden 
sind und als fromme Helden Gottes öffentlich unter 
dem Anschauen vieler Menschen den zeitlichen Tod 
durchwandert haben; sie liegen nun unter dem Altäre, 
und erwarten mit ihren vorangegangenen Mitbrüdern 
den Tag ihrer Rache. 

Carl von Tiegem, 1559. 

Um dieselbe Zeit ist auch zu Kortryck ein Bruder, na- 
mens Carl von Tiegem, weil er Gott liebte und nach 
seinem Worte wandelte, gefangen gesetzt worden, 
welcher sich nicht geschämt hat, Christum, seinen 
Herrn, vor den Menschen ohne Furcht zu bekennen, 
und ein gutes Bekenntnis seines Glaubens abzulegen, 
worin er sich bis ans Ende standhaft geblieben ist. Wie 
sehr er aber auch gepeinigt worden ist, so hat er doch 
niemanden in Ungelegenheit bringen wollen; deshalb 
haben die Regenten dieser Welt an ihm Anlass genom- 
men, wie Pilatus, welcher von den Priestern angereizt 
worden ist (um des Kaisers Freund zu bleiben), an 
Christo, haben ihn zum Tode verurteilt und mit Feuer 
verbrennen lassen, weshalb sie auch das Gericht des 
ewigen Feuers zu erwarten haben, welches an diesem 
keine Macht haben wird. 


Wolfgang Mair und Wolfgang Huber, 1559. 

In diesem Jahre 1559 sind zwei Brüder, namens Wolf- 
gang Mair und Wolfgang Huber im Lützenburger 
Lande um des Glaubens willen gefangen genommen 
und nach Titmain geführt worden; von dort hat man 
sie nach Salzburg gebracht, in welchen Ortschaften sie 
beide große Pein, Elend und Tyrannei haben schme- 
cken und leiden müssen. Wolfgang Mair ist zweimal 
auf die Folterbank gebracht und jedes Mal entkleidet 
und scharf gepeinigt worden; aber man konnte ihn 
nicht dazu bewegen, daß er etwas gesagt hätte, das 
seinem Glauben zuwider gewesen wäre. Der Land- 
schreiber sagte: Du musst sagen, wer dich ins Haus 
genommen oder beherbergt habe, oder du musst auf 
der Folterbank sterben. Er erwiderte: Sterbe ich, so 
sterbe ich; ich will doch nichts wider mein Gewissen 
reden, noch diejenigen verschwatzen, die mir Gutes 
getan haben; darauf haben sie mit Foltern nachgelas- 
sen und die Pfaffen sind mit mancherlei Anlockungen 
zu ihnen gekommen, haben mit ihnen sehr viel gehan- 
delt, auch sie durch Bedrohungen und Bitten abzu- 
wenden gesucht, und ihnen mit vielen Lästerworten 
alle Hoffnung aufgekündigt; aber diesem allen haben 
sie mit Ernst widersprochen, und haben die Wahrheit 
mit großem Eifer verteidigt, denn der Herr hat ihnen 
eine solche Kraft gegeben, daß sie ihr Leben um der 
Wahrheit willen schon übergeben hatten. 

Nachher hat man ihretwegen viel beratschlagt, ins- 
besondere unter den Pfaffen; einmal war beschlossen, 
sie sollten ihr Leben lang gefangen sitzen. Gott aber 
machte diesen Beschluss zunichte. Darnach sind sie 
noch von dem Einen und dem Andern sehr versucht 
worden, die sie von ihrem Glauben abfallen machen 
wollten; aber es war umsonst. Sie machten sie alle 
mit dem Worte Gottes zu Schanden, und bezeugten 
ihnen ohne Scheu, daß ihr Glaube der Weg der göttli- 
chen Wahrheit in Jesu Christo sei, wobei sie durch die 
Hilfe Gottes standhaft bleiben wollten, man mochte 
auch dagegen sagen oder anfangen was man woll- 
te. Darauf hat man sie abermals von Salzburg nach 
Titmain geführt, um ihr Todesurteil zu empfangen. 
Als man nun aber ihr Todesurteil ablas, widerspra- 
chen sie denselben scharf, daß es nicht wahr wäre; 
ihr Glaube wäre keine Ketzerei oder Verführung, son- 
dern zu allen Dingen nützlich. Es weinten aber einige 
Weiber aus Mitleiden, als man sie aus der Stadt führ- 
te, daß sie um des Glaubens willen auf solche Weise 
getötet werden sollten. Sie aber sagten: Ihr dürft um 
uns nicht weinen; weint aber über euch selbst und 
über eure Sünden; auch sangen sie vor Freuden, daß 
ihr Ende und ihre Erlösung nahe vor der Tür wäre. 
Als sie auf dem Richtplatze waren, rief der Bruder 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Wolfgang Mair dem Volke zu: Heute will ich meinem 
Gott ein rechtes Brandopfer bringen, meine Gelübde 
bezahlen und die Wahrheit Gottes mit meinem Blute 
bezeugen; also sind sie mit dem Schwerte hingerichtet 
und sodann mit Feuer verbrannt worden, und haben 
auf solche Weise ihr zeitliches Leben getrost, tapfer 
und ohne Furcht übergeben, um das ewige Leben zu 
ererben. 

Einige, die an ihrer Gefangenschaft und an ihrem 
Tode die meiste Schuld hatten, sind von dem Urteile 
Gottes merklich getroffen worden, sodass einige der- 
selben nicht lange gelebt haben, andere sind keines 
natürlichen Todes gestorben, sondern dergestalt von 
Gott heimgesucht worden, daß man wohl hat merken 
können, daß sie von dem Zorne Gottes ergriffen und 
gestraft worden sind. 

Jan Janß Brand, 1559. 

Es hat sich im Jahre 1559, den 9. November zugetra- 
gen, daß ein Bruder, genannt Jan Janß Brand, um der 
Nachfolge Christi und des Evangeliums willen zu Ge- 
ervliet in Südholland gefangen genommen worden 
ist. Als er nun von den Gelehrten untersucht wurde, 
ist er bei seinem Glauben standhaft geblieben, hat 
denselben freimütig bekannt und ferner gesagt: Dies 
ist der rechte Weg zum ewigen Leben, den so wenige 
finden und viel weniger wandeln; denn er ist ihnen zu 
eng und es würde ihrem Fleische zu viele Schmerzen 
machen. Um solcher und dergleichen Worte willen 
wurden sie mehr über ihn erbittert, als über irgendei- 
nen Übeltäter, sodass sie ihn innerhalb vierzehn Tage 
zum Tode verurteilt haben würden, wenn er nicht 
auf das Bitten einiger noch geschont worden wäre, 
weshalb er in allem einen Monat gefangen gesessen 
hat. Nach dieser Zeit haben sie ihn dahin verurteilt, 
daß er in einem Sacke ertränkt werden sollte, wozu er 
auch wohl bereit war. Der Scharfrichter hat ihn in den 
Sack gebunden und von der hohen Hofbrücke hinab- 
geworfen; es ist aber der Sack aufgegangen und der 
Scharfrichter hat ihn mit einem Stocke auf den Leib 
gestoßen, sodass er aus dem Wasser rief: Ach, wie 
ermordet ihr mich!, was viele Menschen bejammert 
haben, daß er so jämmerlich sein Leben hat endigen 
müssen. Also hat er sein Opfer vollendet, und ruht 
nun von aller seiner Arbeit, und erwartet den herr- 
lichen Sabbat, wovon bei Jesaja erzählt wird, ja, die 
Ruhe mit Christo im Paradiese. 

Triinken Keuts, 1559. 

Triinken Keuts war eine Witwe, welche in der Stadt 
Mastricht wohnte; diese, als sie zur Erkenntnis der 


göttlichen Wahrheit durch das heilige Evangelium ge- 
kommen war, hat die Sache in ihrer Einfalt beherzigt, 
und mit ernstlichem Gebete Tag und Nacht angehal- 
ten, bis sie der Herr mit dem klarscheinenden Lichte 
seiner göttlichen Gnade weiter erleuchtete und mit 
Glaubenskraft begabte, sodass sie sich als eine Gläu- 
bige und Bußfertige auf den wahren Glauben in dem 
Namen Jesu Christi hat taufen lassen, zu einem Mit- 
gliede des Leibes und der Gemeinde Jesu Christi, weil 
sie nun nach ihrem Glauben lebte, und nicht mehr zu 
den päpstlichen Abgöttereien ging, sondern sich von 
allen Gräueln enthielt und ein neues Leben anfing, 
so hat das giftige Tier solches nicht ertragen können, 
und sie ist bei der Obrigkeit dieser Stadt als eine Ket- 
zerin verklagt und angebracht worden. Als dieses 
geschehen, so haben die Bürgermeister diese Frau auf 
die Landeskrone (welches das Haus ist, wo der Bür- 
germeister und der Rat ihr Gericht halten) entboten. 
Nachdem sie nun diese Botschaft durch einen Diener 
des Bürgermeisters erhalten hatte, verfügte sie sich 
nach der Landeskrone; die Bürgermeister aber, als sie 
dahin kam, haben sie angeredet und untersucht, ob 
dem so mit ihr wäre. Als sie ihnen mm gute Antwort 
gab und die Wahrheit bekannte, so haben sie dieselbe 
daselbst gefangen gesetzt. Da sie eine Zeitlang ge- 
fangen gesessen hatte, und unterdessen mancherlei 
Anrede und Streit ausstehen musste, so hat man sie 
zuletzt scharf durch die Pfaffen, von welchen der eine 
ein Predigermönch war, verhören lassen, vor welchen 
sie auch ihren Glauben ohne Furcht bekannt hat. Da 
man sie fragte, ob sie wiedergetauft wäre, antwortete 
sie: Ich bin auf meinen Glauben nach der Lehre Jesu 
getauft; worüber noch manches verhandelt wurde; sie 
aber blieb bei der Wahrheit. Auch fragten sie die Pfaf- 
fen wegen des Sakramentes, ob sie glaubte, daß Chris- 
tus wesentlich mit Fleisch und Blut, wie er am Kreuze 
gehangen hatte, im Brote sei, wenn der Priester fünf 
Worte darüber gesprochen hätte. Triinken antworte- 
te, sie glaubte, Christus sei gen Himmel aufgefahren, 
und sitze zur Rechten Gottes, seines himmlischen Va- 
ters; sie sagte darauf: Wie soll er denn in das Brot 
kommen? Nachdem sie nun standhaft bei der Wahr- 
heit blieb, ist sie von den Pfaffen verurteilt worden, 
daß sie hier mit Feuer zu Pulver verbrannt werden 
und in der Hölle ewiglich brennen sollte. Triinken sag- 
te: Wenn ihr in wenigen Tagen nach mir vor Gottes 
Gericht erscheinen werdet, so werdet ihr es anders 
erfahren. 

Auf dieses Urteil ist Triinken dem Schultheißen und 
Ratsherren überantwortet worden, welche sie verur- 
teilt haben, daß sie, nach des Kaisers Befehle, hin- 
ausgeführt und mit Feuer zu Asche verbrannt wer- 
den sollte; dieses Urteil hat Triinken mit Dank aufge- 



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nommen und sich willig dazu übergeben. Also ist sie 
mit zugebundenem Munde nach dem Brythof geführt 
worden, wo sie ihre Hütte abgelegt hat und zu Asche 
verbrannt worden ist, nachdem sie ihre Seele in die 
Hände Gottes befohlen hatte. Dieses ist geschehen 
1559, den Palm- Abend in den Fasten. 

Man erzählt öffentlich als eine wahre Begebenheit, 
daß einer der vorgemeldeten Pfaffen, nämlich der Pre- 
digermönch, den dritten Tag, nachdem Triinken auf- 
geopfert und verbrannt war, ganz unerwartet, ohne 
daß man von einer Krankheit etwas gewusst, in sei- 
ner Zelle tot gefunden und von den Läusen verzehrt 
worden sei. Was nun Gott hierin getan hat, wollen wir 
seinem gerechten Urteile überlassen, welcher einem 
jeden seinen verdienten Lohn zu geben weiß. 

Fransken, Hebamme, Naantgen, Lederkäuferin, 
und Pleuntgen von der Goes, 1559. 

Auch sind zu Antwerpen drei Schwestern, nämlich 
Fransken, Hebamme, Naantgen, Lederkäuferin, und 
Pleuntgen von der Goes durch die Liebe Gottes eifrig 
erweckt worden und haben, als Lämmer und Schafe 
Christi, ihres Hirten Stimme gehorcht und sind ihr 
nachgefolgt; darum, als sie im Jahre 1559 um deswil- 
len gefangen worden sind, sind sie in allen Versu- 
chungen, in Pein und Leiden fest bei der Wahrheit 
geblieben; also sind sie endlich alle drei für den Na- 
men Christi gestorben, und auf dem Steine in einer 
Waschbütte ertränkt worden. 

Diejenigen aber, die sie zum Tode verurteilt haben, 
werden deshalb von dem Herrn ein schweres Urteil 
erwarten müssen, das um deswillen über sie ergehen 
wird. 

Betgen, Neelken und Mariken Fransse, 1559. 

Es sind auch in demselben Jahre zu Antwerpen noch 
drei andere Schwestern, nämlich Betgen, Neelken und 
Mariken Fransse um deswillen gefangen genommen, 
weil sie nach ihrem Glauben vor Gott wandelten. Da 
sie mm als solche die aus Gott geboren, mit einem fes- 
ten Vertrauen für die angenommene Wahrheit stand- 
haft gestritten, so sind sie zuletzt zum Tode verurteilt 
und ertränkt worden. Also haben sie durch die en- 
ge Pforte dieses zeitlichen Todes eindringen müssen, 
um, samt allen frommen Zeugen Gottes, sein ewiges, 
unvergängliches Reich zu ererben. 

Adrian Pan und seine Hausfrau, im Jahre 1559. 

Ferner ist im Jahre 1559 zu Antwerpen in Brabant der 
treue Freund Christi, Adrian Pan, mit seiner Haus- 


frau den Wölfen in die Klaue geraten, und haben da- 
selbst, durch Gottes Gnade, schwere Gefängnisse und 
grausame Untersuchungen erduldet; sie waren aber 
durch ihren lautern Glauben und durch ihre lebendige 
Hoffnung so fest mit ihrem Oberhaupte Jesu Christo 
verbunden, daß man sie keineswegs zum Abfalle brin- 
gen konnte. Deshalb sind sie von den Regenten der 
Finsternis, die das Licht der Wahrheit nicht erkannt 
haben, zum Tode verurteilt worden, sodass Adrian 
Pan mit dem Schwerte getötet worden ist; sein Weib 
aber, welche damals schwanger war, hat solches alles 
um Christi willen ertragen, wie sehr es ihr auch ge- 
schadet hat; nachdem sie eines Kindes genesen, ist sie 
in großer Standhaftigkeit ertränkt worden; also haben 
sie die ewige Ruhe bei dem Herrn erlangt. 

Ein Brief von Adrian Pan, geschrieben aus seiner 
Gefangenschaft, 1559. 

Gnade und Friede von Gott, unserem himmlischen 
Vater, durch die Verdienste Jesu Christi, seines gelieb- 
ten Sohnes, und die rechte Erleuchtung des Heiligen 
Geistes wünschen wir allen Liebhabern der ewigen 
Wahrheit, Amen. 

Meine herzlich geliebten und erwünschten Brüder, 
die wir von Grund unseres Herzens lieben und in un- 
serm Herzen tragen, als solche, mit welchen wir eine 
Seele und ein Leib sind. Obgleich wir eurer, der Wahr- 
scheinlichkeit nach, beraubt sind, so seid ihr doch um 
desto mehr in unsern Herzen; darum bitten wir euch, 
daß doch niemand wegen unserer Trübsal, welcher 
wir nun übergeben sind, ablassen wolle; denn wir 
hoffen, es werde euch eine Freude sein, solches zu hö- 
ren, indem wir gewiss wissen, daß es um der rechten 
Wahrheit willen geschieht. Niemand unter euch leide 
als ein Übeltäter (sagt Petrus) oder als ein solcher, der 
nach anderer Gut trachtet; leidet ihr aber als Christen, 
so seid ihr selig; denn die Herrlichkeit und der Geist 
Gottes ruht auf euch, aber bei ihnen wird er verlästert. 
Paulus sagt, daß das Leiden dieser Zeit der Herrlich- 
keit nicht wert sei, die an uns offenbart werden soll; 
ja, daß kein Auge gesehen habe, noch jemals in eines 
Menschen Herz gekommen sei, was Gott denen berei- 
tet hat, die ihn lieben. Gleichwie des Leidens Christi 
viel über uns kommt, so werden wir auch reichlich ge- 
tröstet durch Christum. Meine lieben Brüder! Sollten 
wir nicht guten Mutes sein, wenn wir solchen Trost 
vernehmen? Meine lieben Freunde, je mehr wir in 
Widerwärtigkeit versucht werden, desto reichlicher 
werden wir getröstet. Das haben wir sattsam erfah- 
ren, als wir ihnen zuerst in die Hände gerieten, und 
sie unser Haus überfielen, als wollten sie dasselbe, 
samt allem, das darin war, zugrunde richten; da wur- 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


de mein Herz gestärkt, als ob ich ein anderer Mensch 
geworden wäre. Meine Hausfrau war zwar ein wenig 
in der Not, ehe sie Hände an uns legten; als sie aber 
sah, daß es sein musste, so wich die Furcht von ihr, 
wie ein Kleid, das man ausgezogen hat, sodass sie 
anfing zu singen: 

Drum seid besorgt und auf der Wacht, Denn zvie ein Dieb 
infinst'rer Nacht, Wird kommen Er, eh' zvir's gedacht. 

Denn wir hatten unsern Hausrat eingepackt und ge- 
dachten in Eile fortzuziehen; der Herr aber hat es 
anders gefügt; er müsse gelobt sein in Ewigkeit. Als 
sie nun in der Eile raubten, hätte ich gerne gesungen; 
denn ich habe niemals eine größere Freude in mir 
gehabt, als nun in diesen Zeiten; aber ich bezwang 
mich selbst, daß ich nicht sang, weil ich dachte, es 
warten noch viele Prüfungen auf mich; der Herr aber 
sei gelobt, der uns nicht zu Schanden werden lässt. 
Sie warfen uns vieles vor von Münster und Amster- 
dam; aber ich sagte, daß ich daran nicht Schuld hätte, 
sondern es sei um der rechten Wahrheit willen, wes- 
halb wir litten; auch sei ich noch nicht 33 Jahre alt, wie 
hätte ich dabei sein können? Einige lästerten, andere 
aber beklagten uns; aber ich sagte: Weint nicht über 
uns, sondern weint über euch selbst und über eure 
Kinder. Es dünkt mich, wir hätten mit David wohl 
sagen mögen: Ich fürchte mich nicht vor vielen Hun- 
derttausenden, die sich umher wider mich legen. Sie 
umgeben mich überall; gleichwie Bienen umringten 
sie mich, aber im Namen des Herrn will ich sie zerhau- 
en. Meine lieben Brüder, dieses melde ich nicht aus 
eitlem Ruhme, sondern aus Freude, und um unserm 
Gott für seine große Macht und Stärke zu danken, die 
er uns verliehen hat, und allen Liebhabern der Wahr- 
heit, die solches hören werden, zur Freude. Bittet für 
uns, dass wir bis ans Ende standhaft bleiben mögen. 
Auf gleiche Weise bitten wir auch, nehmt unser gerin- 
ges Schreiben zum Besten auf. 

Den fünfzehnten Tag unserer Gefangenschaft und 
den 9. Tag im Mai. 

Mein Weib und ich lassen euch sehr grüßen, auch 
alle die uns bekannt sind oder nach uns fragen. 

Noch ein Brief des Adrian Pan, nach seiner 
Verurteilung geschrieben. 

Gnade und Friede von Gott, unserm himmlischen Va- 
ter, durch die Verdienste Jesu Christi, und eine rechte 
Erleuchtung des Heiligen Geistes wünschen wir allen 
Liebhabern der ewigen Wahrheit, Amen. 

Mein lieber N. Ich denke noch deiner an dem Ende 
meines Lebens, und bitte den allmächtigen Gott, daß 


er dich mit seinem Geiste trösten und dich mit aller- 
lei geistiger Weisheit, die dir zur Seligkeit dienlich 
ist, unterweisen wolle. Ferner lasse ich dich wissen, 
daß ich den zweiten Januar auf der Folterbank gewe- 
sen bin, und daß ich den 16. Tag vor Gericht geführt 
wurde, wo sie mich fragten, ob ich getauft oder wie- 
dergetauft wäre; ich fragte, ob ich Freiheit zu reden 
hätte. Sie erlauben es mir. Ich sagte, ich glaubte alles, 
was in dem Gesetze und den Propheten geschrieben 
stände, darauf wollte ich leben und sterben; auf das 
Bekenntnis meiner Sünden, daß sie mir leid seien, und 
auf das Bekenntnis meines Glaubens sei ich getauft 
im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen 
Geistes. Darauf haben sie mich verdammt; ich erwarte 
mm sonst nichts anderes, als daß sie an dem Leibe ih- 
ren Willen ausüben werden. Der Herr wolle den Geist 
aufnehmen, ich bin auch bereit für des Herrn Namen 
zu leben und zu sterben. Ich kann meinen Gott nicht 
genug loben und ihm danken, daß er mich dazu beru- 
fen hat, daß ich um seines Namens willen leiden darf. 
Ach!, mein lieber N., ich bin getrost, der Herr, hoffe 
ich, wird mir auch Kraft geben bis ans Ende. Ich kann 
nicht sagen, daß ich auf dem Steine einen so fröhlichen 
Tag gehabt habe, als diejenigen gewesen sind, wo ich 
zuerst gefangen und nachher verurteilt worden bin. 
Mein lieber N., sei doch wohlgemut, es ist hier bald 
getan, laß uns doch diejenigen nicht fürchten, die den 
Leib töten. Christus aber sagt uns, wen wir fürchten 
sollen. Ich und mein Weib lassen dich herzlich grüßen 
mit des Herrn Frieden. Nehmt mein kurzes Schrei- 
ben zum Besten auf, ich wollte euch wohl Mehreres 
berichten, aber ich habe keine besondere Gabe, doch 
danke ich dem Herrn für alles, was er mir verliehen 
hat. 

Grüße uns sehr die lieben Freunde, die uns bekannt 
sind oder die nach uns fragen. Fahre wohl. Geschrie- 
ben von mir, Adrian Pan. 

Hans de Vette mit elf andern werden um des 
Zeugnisses Jesu Christi willen zu Gent in 
Flandern im Jahre 1559 getötet. 

Ein Bekenntnis, geschrieben von Hans de Vette zu 
Gent, als er mit elf andern in Banden lag, im Jahre 
1559, seine Verhöre betreffend. 

Den ersten Freitag nach Pfingsten sind einige um 
des Wortes des Herrn willen zu Gent ins Gefängnis 
gelegt worden, deren Namen nachfolgende sind: Pe- 
ter Coerten von Menene, Carl Tanckreet von Nipkerke 
samt Proentken, seinem Weibe von Belle, Jakob Spille- 
baut, Abraham Tanckreet, Maeyken Floris von Nipker- 
ke, Anthonis von Cassele, Hans de Smit, Markus, sein 
Bruder, Hans de Vette samt Maritgen, seinem Weibe 



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von Waestene, und Tanneken, des J. de S. Weib. Diese 
sind durch Verräterei dem Oberanwalte übergeben 
worden, welcher sie mit drei Bütteln des Abends aus 
ihrer Herberge gefangen abgeführt hat. 

Des andern Tages wurden wir von der Obrigkeit 
besucht, die einen jeden von uns sowohl nach seinem 
Namen als auch woher wir wären gefragt hat, was 
wir ihnen auch gesagt haben; dann fragten sie uns, 
ob wir eine andere Taufe bekannten als die Kinder- 
taufe und ob wir auch eine andere empfangen hätten; 
darauf haben wir alle der abgöttischen Kindertaufe 
abgesagt und bekannt, daß wir eine christliche Taufe 
empfangen hätten, ausgenommen Markus de Smit, 
welcher bekannte, daß er dieselbe noch nicht emp- 
fangen hätte, aber von ganzem Herzen geneigt wäre, 
dieselbe zu empfangen, wenn er nur dazu Gelegen- 
heit haben könnte. Dann fragten sie uns, ob wir einige 
Gelehrte begehrten, die uns unterweisen sollten; sie 
wollten sie uns senden und zwar, wie wir sie begehr- 
ten, geistliche oder weltliche Männer; sie sagten auch, 
sie wollten uns nicht übereilen; weil aber fast alle von 
uns um dasselbe fragten, so sagte ich, der ich dieses 
geschrieben habe, daß ich durch des Herrn Gnade 
keine andere Unterweisung begehrte, als die ich emp- 
fangen hätte, und wenn auch ein Engel vom Himmel 
kommen würde. 

Gleichwohl haben sie acht Tage darauf den Bruder 
Peter de Bäcker, der uns zum Teil ausgekundschaf- 
tet hatte, und noch einen andern seiner Mitgesellen 
gesandt, welche zwei falsche Propheten waren, die 
man, wie ich meine, Jakobiner nennt. Als wir nun vor 
dieselben kamen, sind wir nach wenigen Worten auf 
die Kindertaufe gekommen, von welcher er bekannte, 
daß sie eine von Gott eingeführte Lehre sei, und sagte, 
daß die Beschneidung ein Vorbild derselben gewesen 
sei, auch daß die Apostel ganze Häuser getauft hatten, 
was auch Christus befohlen hatte, Joh 3. Als ich ihm 
aber bewiesen hatte, daß er nicht recht geredet hätte, 
wie man klar in der Geschichte der Apostel findet, so 
fing er an, von einem andern Artikel zu reden, wie- 
wohl er sagte, wir werden wohl nicht miteinander 
Übereinkommen können; ich aber sagte, daß ich zu- 
erst das Ende des ersten Artikels begehrte; ich bat ihn 
auch, daß er sich bessern wolle, denn ich bewies ihm, 
daß ihr Dienst eine unflätige stinkende Abgötterei 
und ein Menschengepflänz wider alle Gebote Gottes 
sei, und daß man an Gottes Geboten genug habe; es 
sei nicht nötig, Lügen hinzuzusetzen, es nütze auch 
nichts auf dasjenige zu sehen, was Gott nicht befoh- 
len hat. Darauf sagte er, ich sei verführt, und hätte zu 
viel auf ihre Missbräuche gesehen, daß zwar in ihrer 
Kirche einige Missbräuche wären, doch sei, sagte er, 
das Hauptwerk, das man daselbst beobachtete, gut. 


Also sind wir nach vielen und mancherlei Gesprächen 
voneinander geschieden. 

Nach einigen Tagen ist der Diakon von Ronse, wel- 
cher ein Ketzermeister ist, in die Landschaft Flandern 
gekommen, und mit ihm Peter de Bäcker, der zuvor 
bei uns gewesen war, mit mehreren andern falschen 
Propheten. Nachdem ich nun vor dieselben kam, frag- 
te der Diakon nach meinem Namen; ich erwiderte, 
daß ich Hans de Vette heiße; darauf fragte er mich, ob 
ich verheiratet wäre. Ich erwiderte: Ja. Weiter fragte er 
mich, ob mein Weib auch von Waestene wäre; ich erwi- 
derte: Ja. Er fragte, wie lange ich schon verheiratet sei; 
ich erwiderte: Nicht sehr lange. Er fragte mich, in wel- 
cher Kirche und bei welchem Pfarrherrn es geschehen 
wäre; ich antwortete ihm, ob man denn in der Schrift 
finde, daß hierzu ein Pfarrherr nötig sei. Da sagte er, 
daß Huren und Buben in der Welt ohne Pfarrherrn 
zusammen liefen; ich entgegnete darauf, ich hätte sol- 
ches nach Anweisung der Schrift getan, indem solches 
von Paulus zugelassen worden sei, um Hurerei zu ver- 
meiden, weil es besser sei zu freien, als Brunst leiden; 
Huren und Buben dagegen wollen lieber Brunst lei- 
den als freien, gleichwie man solches häufig in der 
bösen Welt an vielen Tausenden sieht und hört. Da 
sagte er, daß dieses eine geringe Sache wäre; wenn 
ich nichts Ärgeres getan hätte, so wäre dies wohl gut 
zu machen gewesen; ich sollte ihm nur sagen, wo es 
geschehen wäre; ich erwiderte, daß ich nicht im Sinne 
hätte, es ihm zu sagen. Da beschwor er mich bei dem 
lebendigen Gotte, daß ich es ihm sagen sollte, aber 
ich schwieg dazu. Da fragte er mich, warum ich nicht 
in dem Glauben der römischen Kirche und in ihrem 
Dienste geblieben wäre; ich antwortete darauf, daß 
ich mich von ihr geschieden hätte, damit ich ihrer Pla- 
gen nicht teilhaftig werden möge, denn die Finsternis 
kann keine Gemeinschaft haben mit dem Lichte, noch 
Christus mit Belial, noch der Gerechte mit den Unge- 
rechten, darum muss man von ihr ausgehen. Darauf 
fragte er mich, was ich von den sieben Sakramenten 
hielte, welche er mir zum Teil nannte; ich antwortete 
ihm hierauf, daß ich gar nichts darauf hielte, um ihres 
abscheulichen Götzendienstes willen, den sie unter- 
hielten; weil es uns aber von dem Herrn befohlen ist, 
seinen Namen vor den Menschen zu bekennen, so 
sagte ich, daß ich ihm wohl meinen Glauben beken- 
nen wollte; er sagte, ich sollte das tun. Da habe ich 
angefangen, mein Bekenntnis zu tun, nämlich, daß ich 
an einen Gott, den Schöpfer des Himmels und der Er- 
de, des Meeres und der Wasser, samt allem, was darin 
ist, und der den Menschen nach seinem Bilde erschaf- 
fen hat, glaube; demselben müssen wir allein dienen, 
ihn ehren und anbeten, auch ihn lieben von ganzer 
Seele, aus allen unsern Kräften, und mit allen unsern 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Gedanken, denn er ist allein gut; ich entsage hiermit 
allen Abgöttern, sie seien van Gold, Silber, Stein, Erz, 
Holz, Brot, oder von welchem Machwerk oder Wesen 
es sein möchte, gleichwie sie in der Heiligen Schrift 
verachtet und verboten sind; denn wir wissen, daß 
ein Götze nichts ist in der Welt. Als ich mm noch re- 
dete, sagte der Diakon Ronse zu mir, daß ich es zu 
lang machte, um alles niederschreiben zu können; du 
würdest uns, sagte er, sehr viel Arbeit machen, wenn 
du deinen Glauben so bekennen solltest, von dem An- 
fänge der Bibel an; ich glaube es auch, sagte er, was du 
gesagt hast; aber was sagst du, fuhr er fort, von dem 
Sakramente der Taufe, wie es in unserer Kirche be- 
dient wird, zu welchem ein jeder, der selig zu werden 
begehrt, kommen muss? Hierauf erwiderte ich, daß 
ich von der Kindertaufe nichts hielte, weil sie nicht 
von Gott befohlen ist; er sagte: Die Beschneidung sei 
ein Vorbild auf dieselbe gewesen, und daß alle Kinder, 
die weder im alten Testamente beschnitten, noch im 
neuen Testamente getauft worden, verdammt seien; 
darauf sagte ich folgerecht aus seinen Worten, daß die 
Mägdlein im alten Testamente auch verdammt wor- 
den sein müssten; er entrüstete sich aber und sagte, 
es wäre nur eine Philosophie, womit ich angezogen 
käme; ich antwortete: Er sollte sich schämen zu sagen, 
daß die Kinder verdammt wären, von welchen doch 
der Herr sagt, daß solcher das Himmelreich sei; er 
sagte, ich löge daran. 

Ein anderer Pfaffe sagte mir, es habe einer von Pau- 
lus Jüngern geschrieben, daß er die Kindertaufe von 
Paulus, seinem Meister, erlernt habe. Da sagte ich, daß 
Paulus schrieb, daß wir uns nicht von unserem Sin- 
ne bewegen lassen sollten, weder durch Geist, noch 
durch Engel, noch durch Brief, als von uns gesandt. 
Und wenn auch ein Engel aus dem Himmel käme, der 
uns anders lehren wollte, als in dem heiligen Evange- 
lium geschrieben ist, der sei verflucht; auch sagte ich 
ihm, er sollte mir beweisen, wo der Herr befohlen ha- 
be, die Kinder zu taufen, oder er sollte es dartun, daß 
die Apostel die Kinder getauft hatten, was er nicht 
tun konnte; ferner fragte er mich, wie lange ich schon 
getauft wäre; ich erwiderte: Noch kein Jahr; er fragte, 
wo und von wem ich getauft worden wäre, aber ich 
sagte es ihm nicht; da beschwor er mich dreimal bei 
dem lebendigen Gott und bei der Taufe, die ich emp- 
fangen hatte, daß ich es sagen sollte; ich antwortete 
darauf: Ebenso hat Kaiphas Christum beschworen; 
er sagte, daß Christus geredet habe. Ich sagte darauf, 
daß Christus für sich selbst geredet habe, als er ihn 
aber wegen seiner Jünger fragte, redete er nichts. 

Dann fragte er mich, was ich von ihrem Sakramente 
des Altars hielte; ich erwiderte, daß ich solches für 
nichts anderes hielte, als für eine unflätige, unreine 


und stinkende Abgötterei und ein Gräuel vor Gott; 
er sagte: Wie? Glaubst du nicht, daß er daselbst in 
Fleisch und Blut sei, gleichwie er auf Erden gewandelt 
ist, oder wie er an des Kreuzes Stamme hing? Das sei 
ferne, sagte ich, daß ich glauben sollte, daß Christi 
Fleisch und Blut hier auf Erden sei, denn Christus 
hat selbst zu seinen Aposteln gesagt, daß wir Arme 
allezeit bei uns haben werden, aber ihn nicht allezeit. 

Darauf sagte er zu mir, daß er auf solche Weise 
nicht in dem Sakramente sei, sondern daß es in ei- 
ner geistigen Wesenheit sei, und daß ich mich gar 
nicht darauf verstände, sondern es sei dieser Beweis- 
grund manch hundert Jahre vor meiner Zeit erfunden 
worden; denn als Christus, sagte er, sein Abendmahl 
hielt, nahm er das Brot und gab es seinen Jüngern und 
sprach: Nehmt, esst, das ist mein Leib; ich erwider- 
te, daß Christus das Brot, das er seinen Jüngern gab, 
ihnen als ein Gleichnis seines Leibes gegeben habe, 
der für sie zerbrochen werden sollte, gleichwie er sich 
selbst in vielen Schriftstellen durch Gleichnisse abge- 
bildet hat, nämlich, bei dem Johannes sagte er: Ich 
bin ein rechter Weinstock; in der Tat aber war er kein 
Weinstock, sondern er verglich sich nur mit einem 
Weinstock; ebenso war auch das Brot, das Christus 
seinen Jüngern brach, geistig und eine Abbildung sei- 
nes Leibes, denn er sagt Joh 6: Fleisch und Blut ist 
nichts nütz, aber die Worte, die ich rede, sind Geist 
und Leben. Er sagte, es sei dort nichts von diesem 
gesprochen worden, denn, sagte er, wäre Christus 
nicht darin, wie könnte man daran die Verdammnis 
essen? Aber ich sagte: Wäre dies Christi Fleisch und 
Blut, man würde daran nicht die Verdammnis essen, 
denn Christus spricht selbst: Wer mein Fleisch isst 
und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben; darum 
kann man diese Worte nicht dem Buchstaben nach 
verstehen, sondern muss dieselben geistig nehmen, 
nämlich: Wenn jemand mit der Gemeinde Christi zu 
des Herrn Abendmahl ginge, deren Haupt Christus 
ist, und er wäre noch ein Trunkenbold, oder ein Geizi- 
ger, oder ein Götzendiener, oder dergleichen, so sollte 
ein solcher untüchtig sein, mit Christi Mitgliedern das 
Brot zu brechen, weil sie den Leib Christi nicht unter- 
scheiden. Darauf sagte er, es wären viele dergleichen 
unter uns, als Trunkenbolde, Ehebrecher, und daß er 
solche wohl kenne; ich fragte ihn: Wer? Er erwider- 
te: J. de R.; ich fragte, wo er wohnte; er antwortete: 
Ich will es dir nicht sagen; ich sagte, daß ich wohl 
wüsste, wenn solche in unserer Gemeinde wären, und 
würde man sie kennen, so würde man sie nach Inhalt 
der Schrift absondern und hinaustun. Darauf fragte 
er mich abermals, wer mich getauft hätte; als er aber 
solches von mir nicht erfahren konnte, beschwor er 
mich, aber ich sagte es ihm nicht. Darauf sagte sein 



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Greffier: Ich will mit dir um eine Kanne Wein wetten, 
daß du es wohl sagen sollst, ehe vierzehn Tage ver- 
gehen; aber ich wollte nicht wetten. Sodann verhörte 
er mich, wie oft ich das Abendmahl gehalten hätte; 
ich erwiderte, ich hätte es bisweilen bei Gelegenheit 
mit vielen lieben Brüdern und Schwestern gehalten; 
er fragte: Mit wem? Wie heißen sie? Darauf nannte 
ich ihm einen, um den er mich mit Namen gefragt 
hatte; er fragte auch nach einigen, ob ich sie für meine 
Brüder hielte, oder ob es nur Freunde oder Ankömm- 
linge wären; denn all dieses Flämische, sagte er, habe 
ich von Ankömmlingen, Freunden und Brüdern ge- 
lernt; ich sagte: Ich meinte, du wärest ein Brabanter, 
kannst du denn auch so gut Flämisch? Ich weiß kaum, 
sagte er, vielleicht bin ich ein Findling; ja, sagte ich, es 
steht in der Offenbarung Johannes von einem Tiere 
geschrieben, das aus der See herausgestiegen ist; du 
magst wohl von seinem Geschlechte sein. Dann frag- 
te er mich, ob ich nicht glaubte, daß Jesus Christus 
von Maria Fleisch und Blut angenommen habe; ich 
erwiderte, daß ich glaube, daß das Wort, welches im 
Anfänge bei Gott war (wodurch die Welt erschaffen 
worden ist), Fleisch geworden sei. Darauf sagte er, daß 
er dem Fleische nach Davids Sohn sei; ich antwortete: 
Ist er Davids Sohn (wie Christus selbst spricht), wie 
nennt ihn denn David einen Herrn? Er sagte, Christus 
habe solches nur für die Pharisäer vorgebracht, um 
daraus einen Beweisgrund zu nehmen, aber Matthä- 
us, sagte er, beschreibt sein Geschlecht von Abraham 
bis Maria; ich sagte, daß Matthäus die Geburt Christi 
allein auf Joseph, den Mann der Maria bringe, von 
welcher Christus geboren ist, und Lukas sagt: Jesus sei 
für einen Sohn Josephs gehalten worden. Ja, sagte er, 
glaubst du nicht, daß Maria Christi Mutter sei? Ich ant- 
wortete: Ja, Christus spricht, wer den Willen meines 
Vaters tut, der ist meine Mutter, Schwester und Bruder. 
Darauf sagte er, daß Christus von des Weibes Samen 
sei; ich aber sagte, daß die Weiber selbst keinen Samen 
haben, denn gleichwie das Weib von dem Manne, so 
ist der Mann durch das Weib; hierauf sagte er, daß er 
von dem Wesen der Maria und von ihrem Blute wäre, 
aber ich antwortete, daß Christus zu den Juden sagte, 
er sei von oben, sie aber von unten; ihr seid, sagte er, 
von der Welt, ich bin nicht von der Welt. Überdies sagt 
noch der Apostel, daß der erste Mensch von der Erde 
sei und irdisch, der zweite Mensch aber sei der Herr 
selbst vom Himmel und himmlisch. Ferner sagte ich 
zu ihnen, sie sollten sich doch bessern von ihrer Un- 
gerechtigkeit, Verfolgung und falschen, abgöttischen 
Lehre; sie erwiderten, wir haben die rechte Lehre; ich 
sagte, daß Paulus dennoch solche zu meiden befeh- 
le, die die Speise zu gebrauchen verbieten, die Gott 
zum Gebrauche der Gläubigen geschaffen hat, und 


die da verbieten zu ehelichen, und die ein Brandmahl 
in ihrem Gewissen haben, denn es ist besser zu freien, 
als Brunst zu leiden; ihr aber verbietet, ganz gegen 
die Schrift, die Speise zu gebrauchen, und verbietet 
zu freien, und wollt lieber Brunst leiden, als freien. 
Diakon: Wir verbieten nicht zu freien. Hans: Es ist 
dennoch so, du weißt, daß man in den Fasten und 
an mehreren anderen Tagen um eures Gebotes wil- 
len weder Fleisch essen, noch auch trauen darf; auch 
habt ihr einen solchen Bund aufgerichtet, daß ihr euch 
nicht verehelichen dürft; dennoch treibt ihr solche Un- 
keuschheit, daß es eine Schande ist zu sagen, wie man 
täglich an den Hurenkindern sieht, die man euch ins 
Haus bringt, wovon doch Paulus sagt, daß man mit 
solchen (nämlich Unkeuschen, Trunkenbolden usw.) 
nicht essen sollte, sondern man sollte sie dem Teu- 
fel zum Verderben ihres Fleisches übergeben. Diakon: 
Wir sind nicht so arg, wir wollen sie dem Teufel nicht 
übergeben; so viel besser sind wir. Hans: Ja, armer 
Mensch, willst du besser sein als Paulus? Aber es hilft 
alles nichts, was man euch sagt, denn ihr wollt euch 
nicht bessern; wollt ihr aber auf dem Markte oder auf 
andern öffentlichen Plätzen mit uns reden, so sind wir 
dazu bereit, in der Hoffnung, es möchte jemand von 
den Unwissenden dadurch bewegt werden. Diakon: 
Das wird nicht geschehen. Wer sollte alsdann Rich- 
ter sein? Schiffsleute, Fischhändler, oder dergleichen 
Menschen? Das wäre eben das Mittel, einen Aufruhr 
zu erwecken; aber wir sind töricht, daß wir so viel mit 
euch reden; man sollte euch nur ohne Umschweife 
unsem Glauben erzählen, und wenn ihr denselben 
nicht annehmen wolltet, nach dem Rechte zu Werke 
gehen. 

Wir redeten auch noch viel mehr, namentlich von 
der Anbetung der Heiligen, von dem Papste zu Rom, 
von der Beichte, dem Fasten, dem Fegfeuer und dem 
Schlafen der Heiligen, welches zu weitläufig sein wür- 
de, niederzuschreiben; das Vorstehende habe ich aus 
meinem Gedächtnisse aufgesetzt, aber weil vieles vor- 
gefallen ist, was schon vor langer Zeit geschehen, so 
kann ich es von Wort zu Wort nicht aufsetzen. Inzwi- 
schen aber, weil ich wohl weiß, daß es nicht bessert, 
was man ihnen auch sagt, und daß sie vermessen und 
unverschämt sind, so fasse ich es zu Zeiten aufs Kür- 
zeste zusammen und erbiete mich zu einem öffent- 
lichen Gespräche, welches sie mir aber abschlugen. 
Viele Dinge haben sie oft in ihren Fragen an unsere 
Brüdern und Schwestern, welche samt uns in Banden 
sind, wiederholt; alle sind bis jetzt, dem Herrn sei 
Lob, noch getrost, denn wir hielten von den falschen 
Propheten viel mehr, ehe wir mit ihnen redeten, als 
nachher; aber der Herr weiß seinen Auserwählten in 
solcher Stunde den Mund zu öffnen, wie er verheißen 



284 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


hat, und das bei weitem mehr, als wir denken können, 
denn, die außer den Banden schwach zu sein schienen, 
sind so beherzt, daß man sich darüber verwundert, 
wenn man sie sieht und hört. Dem Herrn müsse allein 
der Preis sein von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen. 

Der Diakon fragte mich auch, ob wir nicht für ihn 
beten. Ich antwortete: Ja. Wie nennen mich, sagte er, 
eure Leute; heißet ihr mich Saulus? Ich erwiderte: Ich 
habe dich bisweilen den Ketzermeister (da lachten sie 
alle), bisweilen aber den Diakon von Ronse nennen 
gehört. Darauf sagte er: Das ist mein Name. Wir hatten 
noch mehrere andere Gespräche, aber wegen Mangel 
an Papier muss ich mein Schreiben abkürzen; doch 
bitte ich alle, die dieses sehen, daß sie es mir zum 
Besten aufnehmen; und wenn es möglich ist, so lasst 
hiervon eine Abschrift nach Antwerpen an unsere 
Bekannte gelangen; sendet auch eine solche westwärts 
an unsere Bekannten. 

Darauf haben diese zwölf Freunde (deren Namen 
im Anfänge des Briefes von Hans de Vette gemel- 
det sind) sämtlich ihr Leben freimütig für die Wahr- 
heit gelassen. Zuerst haben sich vier derselben tapfer 
durchgestritten, die ihr Brandopfer im Namen unseres 
Herrn Jesu Christi getan haben, und kurz darauf noch 
sechs andere. Dieselben sind nach einem standhaft- 
haften Bekenntnisse ihres Glauben auch vorgeführt 
worden und haben auf Befragen, ob sie noch nicht 
abfallen wollten, mit nein geantwortet; daß man aber, 
wenn sie irgendeine Missetat begangen hätten, mit ih- 
nen demgemäß verfahren möge. Nichtsdestoweniger 
wurden sie sofort als Ketzer zum Tode verurteilt, und 
als sie nun auf zwei Wagen zum Richtplatze hinaus- 
geführt wurden, haben sich zwei Mönche zu ihnen 
gesetzt, die sie verhinderten, daß sie nicht viel reden 
konnten, sodass sie mit genauer Not noch einige Wor- 
te sprachen, nämlich: Fürchtet diejenigen nicht, die 
den Leib töten, denn sie haben nachher keine Macht 
mehr, sondern, o Menschen, bekehrt euch, denn der 
Apostel sagt: Wer nach dem Fleische lebt, der muss 
sterben. 

Als sie nun in das Häuslein geführt wurden, das 
von Holz und Stroh gemacht war, und in welchem 
sie verbrannt werden sollten, haben sie eine große 
Freude bezeugt, und als sie ihre Seelen in die Hände 
Gottes befohlen, haben sie, um das Unvergängliche 
anzuziehen, das Vergängliche abgelegt. 

Es waren noch zwei Frauen übrig, welche schwan- 
ger waren, diese sind, nachdem sie geboren und ihr 
Kindbett gehalten hatten, beide auf des Grafen Schloss 
heimlich enthauptet worden. So sind demnach diese 
alle, als sie bis ans Ende standhaft geblieben, mit dem 
Herrn in die Ruhe eingegangen, und werden auch 
mit ihm zu allen lieben Kindern Gottes in die ewige 


Freude kommen. 

Maeyken Kats von Wervike in Flandern, 
Magdaleentken, Aechtken von Zierikzce, die alte 
Maeyken, Grietken Bonaventures und Maeyken 
de Körte, im Jahre 1559. 

Der Markgraf von Antwerpen, der einen Bruder such- 
te, auf welchen dreihundert Gulden gesetzt waren, ist 
den 20. Mai 1559 mit vielen Dienern und Knechten 
ausgegangen und hat zwei Häuser besetzt, in wel- 
chen sie sechs Schwestern fanden, nämlich: Maeyken 
Kats, Magdaleentken, Aechtken von Zierikzce, die 
alte Maeyken, Grietken Bonaventures und Maeyken 
de Körte. Wie sehr sie aber in den Häusern hin und 
her suchten, so konnten sie doch den Mann, den sie 
suchten, nicht finden. Da wünschte der Markgraf die 
Weiber auf die Hoboker Heide; gleichwohl aber, als 
er seinen Zweck nicht erreichen konnte, hat er sie alle 
sechs mit sich geführt und sie in ein dunkles Gefäng- 
nis eingesperrt. Nachher sind sie untersucht worden 
und haben ihren Glauben freimütig bekannt, haben 
auch weder durch des Kaisers Befehl, noch durch Be- 
drohungen oder Peinigungen zum Abfall gebracht 
werden können, wie sie denn auch niemand in Unge- 
legenheit gebracht haben. 

Also sind die drei Erstgenannten den 18. Juni zum 
Tode verurteilt, und in der folgenden Nacht auf dem 
Steine ertränkt worden. 

Nachher sind den 11. Oktober die andern drei auch 
zum Tode verurteilt worden. Die alte Maeyken, die 
ehrbare Witwe (die zweifacher Ehre wert war), wurde 
ertränkt, und sowohl Grietken Bonaventures, als auch 
Maeyken de Körte, haben durch das Schwert (wel- 
ches doch bei Frauenspersonen nicht gebräuchlich ist) 
um der Wahrheit willen den Tod leiden müssen; dar- 
um werden sie auch von ihrem Herrn, welchen sie 
geliebt und nicht vergessen haben, nicht vergessen, 
sondern mit Freuden in sein Reich und Freudenfest 
ins Paradies aufgenommen werden. 

Ein Brief von Maeyken de Körte. 

Meine liebe Schwester, bitte für uns, daß das Volk des 
Herrn erfolgreich sei und fruchtbar werde, in aller Ge- 
duld und Helligkeit, ihn zu erwarten in Leidsamkeit, 
denn er wird gewiss kommen und seinen Lohn mit 
sich bringen. Er ist getreu, der es verheißen hat, er 
wird es auch tun; es ist freilich, wie ich sage, unser 
Leben besteht in eitlem beständigen Streit auf Erden. 
Wisse, daß ich sehr wohlgemut bin, das Fleisch ist 
wohlauf, dem Herrn sei Lob; wir sind hier recht ein 
Fluch der Welt und sehnen uns immer nach Hause 



285 


und nach der Behausung, die nicht mit Händen ge- 
macht, sondern selbst im Himmel ist; wir erwarten 
neue Himmel und eine neue Erde nach seiner Verhei- 
ßung, worin Gerechtigkeit wohnt. Wie müssen wir 
denn nicht geschickt sein, mit einem gottseligen We- 
sen, ich finde mich oft geschlagen; auch finde ich noch 
so viele Gebrechen in mir, und muss noch so vielem 
absterben; solches muss ich dem Herrn mit einem 
demütigen Herzen und mit zitterndem und furcht- 
samen Gemüte übergeben, und ihn um Gnade, nicht 
aber um Recht, bitten. Ich fühle, je mehr ich mich er- 
niedrige, desto mehr der starke Gott in mir wirkt und 
seine Gnade in mich ergießt; dann weine ich bitter- 
lich, falle auf meine Knie und danke meinem Gott 
mit den Worten: O mein Herr und Gott!, was bin ich 
Adamskind, daß du dessen eingedenk bist? Du hast es 
erhaben und herrlich gemacht über alle deine Werke; 
woher kommt es, daß du uns so reichlich heimsuchst, 
daß du deine Schätze so mildreich öffnest, und in uns 
eingehen, und den schönen Morgenstern in unseren 
Herzen scheinen lassest, und uns aus dieser finstern 
Nacht zu dem unvergänglichen Lichte gezogen hast? 
Was sollen wir ihm anders dagegen geben, meine liebe 
Schwester, als ein bußfertiges und zerschlagenes Herz 
und einen zerbrochenen Geist, mit Liebe und großer 
Dankbarkeit, daselbst ruht der Geist des Herrn, sagt 
David. Laß uns einander herzlich lieben, denn Gott 
ist die Liebe, und uns allezeit ermahnen, damit wir 
durch den Betrug der Sünden nicht erkalten, damit 
Gott in uns geehrt und wir erlöst werden mögen von 
der Hoffart und den argen bösen Menschen, denn der 
Glaube ist nicht jedermanns Ding; der Herr ist treu, 
er wird uns stärken und bewahren. Wisse, daß meine 
Schwestern hier waren und ein Wort des Trostes von 
mir verlangt haben; der Herr aber hat noch den Sieg 
erhalten, ich weiß nicht, wie mir ist, ich fühle keine 
Hinneigung zu ihnen, als ob sie mir nicht befreundet 
wären; ich kann mich nicht erfreuen; wenn ich sie se- 
he, kommt es mir vor, als ob sie vor mir furchtsam 
wären. Sie machten mir sehr vieles Kreuz und hatten 
einen Klosterbruder (Balten genannt) hierher gesandt, 
um uns zu verhören; sie wollten ihm auch drei Kap- 
pen geben, wenn er mich bekehren könne; er setzte 
mir mit schönen Worten zu, ich aber wollte nichts 
reden und war damals auch krank. Da sagten meine 
Schwestern: Warum sagst du nichts? Ich erwiderte 
hierauf: Es gelüstet mich jetzt nicht, wir haben so oft 
mit ihm geredet, daß er unsere Meinung wohl weiß. 

Darüber wurde Balten unwillig und klagte sehr 
über mich, daß ich mit der Kraft der Schrift wider- 
standen hätte, daß ich unrechtmäßig auf meiner Selig- 
keit bestände, und daß ich keine Hoffnung hätte. Da 
weinten sie sehr; aber es ging mir nicht zu Herzen, er 


mochte schweigen oder reden; er ließ alles Volk aus 
der Kammer sich entfernen, und blieb mit meinen bei- 
den Schwestern und mir allein. Hierauf bat er mich 
sehr und sagte: Liebe Maeyken, habe doch Mitleiden 
mit deiner armen Seele; ich aber erwiderte herzhaft: 
Das hoffe ich auch zu tun; und sage, sagten sie, daß 
es dir leid sei, daß du geirrt habest; es ist genug, du 
darfst nichts mehr sagen; man wird für dich sofort 
eine Schrift nach meiner Angabe anfertigen und ich 
samt deinen beiden Schwägern wollen sie selbst unter- 
zeichnen; es soll heimlich gehalten werden und man 
wird alles für dich tun, was möglich ist; laß dieses 
geschehen, meine liebe Schwester. Da wurde ich in 
meinem Geiste gerührt und sprach: Ihr solltet wohl 
euer Haupt ruhen lassen, ihr tut verlorene Arbeit, ich 
bin nicht von solcher Meinung, daß ich sagen sollte, 
es wäre mir leid; nein, so wenig leid ist es mir, daß ich 
es noch tun wollte, wenn ich es nicht schon getan hät- 
te; was ich in meinem Sinne habe, dabei will ich mit 
Gottes Hilfe bleiben und keine Bitten, keine Pein, ja, 
selbst der Tod soll mich nicht abwendig machen, ich 
begehre darin zu sterben. Darum quält mich nicht, ich 
wollte wohl gerne mit Lauwrens Huysmaker reden, 
wenn es mir gestattet werden möchte, desgleichen 
auch eure Angesichter sehen, aber ich muss mich mit 
Geduld trösten. 

Bleibt dem Herrn befohlen und dem Worte seiner 
Gnade. Grüßt mir Andries, grüßt mir Matthäus, ich 
grüße euch beide, grüßt mir Lauwrens, grüßt mir 
Hans, grüßt mir sehr den Adriaen und Lauwrens 
Weib samt Lauwrens, des Besenmachers Weib und 
Hanskens Weib. 

Ein Testament, von Jelis Bernarts an sein Weib 

geschrieben, als er zu Antwerpen um des Herrn 
Wort willen im Jahre 1559 getötet worden ist. 

Gnade und Friede müssen bei dir, mein wertes und 
sehr geliebtes Weib und Schwester in dem Herrn, 
vermehrt werden, nachdem allerlei seiner göttlichen 
Kraft, das zum Leben und göttlichen Wandel dient, 
uns durch die Erkenntnis dessen geschenkt ist, der 
uns durch seine Herrlichkeit und Tugend gerufen hat, 
durch welche uns die teuersten und allergrößten Ver- 
heißungen geschenkt sind. 

Deshalb nun, meine Allerliebste, damit du durch 
dasselbe der göttlichen Natur teilhaftig werdest, so 
fliehe die vergänglichen Lüste dieser Welt, wie du 
auch bereits getan, da du derselben entsagt und die 
Wiedergeburt, und den Glauben und den Gehorsam 
angenommen hast, welchen du in der Taufe, in wel- 
cher du Christum angetan und dadurch der göttli- 
chen Natur teilhaftig geworden bist, bewiesen hast. 



286 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Und das ist nicht um der Werke der Gerechtigkeit 
geschehen, die du getan hast, sondern nach seiner 
Barmherzigkeit hat er dich durch das Bad der Wieder- 
geburt und die Erneuerung des Heiligen Geistes selig 
gemacht. 

Wenn du hierin fortfährst bis ans Ende und in allem, 
was dir begegnet, geduldig bist, so wirst du dasjenige 
erben, was dir verheißen ist; preise Gott und danke 
ihm für alle seine herrlichen Wohltaten, die dir wider- 
fahren sind, und segne Gott den Vater durch Jesum 
Christum, obgleich dir jetzt, durch meinen Abschied 
um des Herrn willen, Trübsal zugestoßen ist, und 
wisse, daß er dich nach seiner großen Barmherzig- 
keit zu einer lebendigen Hoffnung wiedergeboren hat, 
durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten, 
zu einem unvergänglichen, unbefleckten und unver- 
welklichen Erbe, das für dich und alle aufbewahrt ist, 
die in demselben Glauben stehen, die ihr durch die 
Kraft Gottes im Glauben zur Seligkeit bewahrt werdet, 
welche bereitet ist, daß sie zur letzten Zeit offenbar 
werden soll; worin du dich, meine liebe und werte 
Frau, erfreuen willst, die du nun eine kleine Zeit, wo 
es sein soll, in mancherlei Anfechtung traurig bist. 
Denn wisse, meine Allerliebste, daß wir auf mancher- 
lei Weise versucht werden, damit dadurch offenbar 
werde, ob wir den Herrn recht lieben. 

Darum sei getrost, meine Geliebteste, sollte dich 
auch noch viel mehr Trübsal überfallen; denn wisse, 
daß wir durch viel Leiden und Trübsal in das Reich 
Gottes eingehen müssen, gleichwie auch Sirach sagt, 
Kap 2,1: Mein Sohn, willst du Gottes Diener werden, 
so schicke dich zur Anfechtung und leide; wenn man 
dich davonlockt, so halte fest und weiche nicht, denn 
wie das Gold und Silber durch Feuer geläutert wird, 
so müssen diejenigen, die Gott lieben, durch das Feuer 
der Verfolgung untersucht und geprüft werden. 

Aber, meine Geliebteste, tue, gleichwie Jakobus in 
dem ersten Kapitel schreibt: Meine lieben Brüder, ach- 
tet es für lauter Freude, wenn ihr in mancherlei An- 
fechtung fallt, und wisst, daß euer Glaube, wenn er 
rechtschaffen ist, die Geduld bewirkt; die Geduld aber 
soll fest bleiben bis ans Ende, damit ihr vollkommen 
und ganz seid und keinen Mangel habt; denn wenn 
wir in Trübsal sind, so ist uns Geduld und Leidsam- 
keit nötig. Darum bitte ich dich von Grund meines 
Herzens und aus dem Innersten meiner Seele, daß 
du doch getrost sein und in Geduld und Feidsamkeit 
die Prüfung deines Glaubens offenbar werden lassen 
wollest, gleichwie Petrus sagt: Auf daß die Prüfung 
eures Glaubens viel köstlicher erfunden werde, als das 
vergängliche Gold, das durchs Feuer geläutert wird, 
zu Fob, Preis und Ehre; wenn nun Christus offenbar 
werden wird, welchen ihr nicht gesehen und doch 


lieb habt, an welchen ihr auch glaubt, obgleich ihr ihn 
nicht seht, so werdet ihr doch, um eures Glaubens wil- 
len, euch freuen mit unaussprechlicher und herrlicher 
Freude, und das Ende eures Glaubens davonbringen, 
nämlich eurer Seelen Seligkeit; alsdann wird alles bei- 
den, Trübsal, Schmach, Verfolgung, Seufzen, Weinen 
und Klagen ein Ende haben. Darum sei guten Mutes 
und betrachte, daß all' dies Leiden, das uns hier zu- 
stoßen mag, und alle Herrlichkeit, samt dieser Welt 
Wollust, auch vergehen und zu nichts werden müssen, 
sondern sieh' allezeit auf die zukünftigen herrlichen 
Verheißungen, die uns getan sind, und die uns (die 
wir glauben, wenn wir standhaft bleiben) gegeben 
werden sollen; denn getreu ist, der es verheißen hat, 
indem der Herr seine Verheißungen nicht verzieht. 
Darum sei getrost und harre auf ihn, denn er wird 
dich nicht verlassen, und wirf deine Sorgen auf ihn, 
denn er sorgt für dich, indem er ein Gott ist voll aller 
Gnade, der dich hierzu berufen und erwählt hat, wie 
Petrus erzählt. 

Aber der Gott aller Gnade, der uns zu seiner ewigen 
Herrlichkeit in Christo Jesu berufen hat, wird dich, die 
du eine kleine Zeit leidest (hört! er sagt: eine kleine 
Zeit), voll bereiten, stärken, kräftigen und gründen in 
demjenigen, was du angenommen hast, nämlich in 
dem Glauben an ihn und seinen eingeborenen Sohn Je- 
sum Christum, unsern Herrn, welchem sei Lob, Preis 
und Ehre von nun an bis in Ewigkeit, Amen. 

Einen herzlichen und freundlichen Gruß an dich, 
meine geliebteste, auserwählte und sehr werte Haus- 
frau und liebe Schwester in dem Herrn; ich habe dei- 
nen Brief empfangen, in welchem du mich bittest, ich 
soll dir ein Testament schreiben, was ich dir nicht ab- 
schlagen will, wenn mir der Herr Zeit gibt; denn wenn 
ich dir mit meinem Blute helfen könnte, so wollte ich 
es tun; jetzt aber kann ich dir nicht weiter helfen, als 
mit meinem Schreiben; und dieses alles soll von mir 
geschehen aus rechter brüderlicher Liebe, zu deinem 
Tröste, und aus dem Grunde meines Herzens, und in 
demselben Sinne soll es auch vollendet werden, wie 
ich durch des Herrn Hilfe und Gnade empfangen ha- 
be. So wisse nun, meine liebe Hausfrau und Schwester 
im Herrn, wie Gott in den vergangenen Zeiten sein 
Volk heimgesucht, als sie in Ägypten in der Sklaverei 
unter dem Könige Pharao waren, welchem sie unge- 
fähr 500 Jahre dienen mussten und dienstbar waren. 
Als er sie nun ausführen wollte, so hat er ihnen Mose 
zu einem Führer erweckt, durch welchen sie Gott aus 
der ägyptischen Dienstbarkeit erlöst und sie durch 
das rote Meer geführt, den König Pharao aber, weil 
er ihnen nachjagte, mit seinem ganzen Heere darin 
ertränkt, ersäuft und umgebracht, und sie folglich aus 
seinen Händen erlöst hat. So sind sie in die Wüste 



287 


gekommen, um nach dem Lande zu ziehen, das ih- 
nen verheißen war; dort gab ihnen der Herr Gesetze 
und Sitten durch Mose, ihren Führer, daß sie darnach 
wandeln sollten; aber sie sind nicht in seinem Gesetze 
geblieben; darum ward Gott zornig und schwur in 
seinem Grimme, daß sie zu seiner Ruhe nicht kom- 
men sollten; über welche aber schwur er, als über die 
Ungläubigen. Darum sehen wir, daß sie nicht hinein- 
gekommen sind, und das um ihres Unglaubens willen. 
Als nun dieses geschehen war, hat der Herr durch den 
Propheten gesprochen und gesagt: Siehe, es kommt 
die Zeit, spricht der Herr, daß ich mit dem Hause 
Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund ma- 
chen will, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit 
ihren Vätern machte, da ich sie bei der Hand nahm, 
daß ich sie aus Ägyptenland führte, welchen Bund sie 
nicht gehalten haben; darum habe ich sie nicht mehr 
geachtet, spricht der Herr; sondern das soll der Bund 
sein, den ich mit dem Hause Israel machen will nach 
dieser Zeit, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz in 
ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie 
sollen mein Volk sein, dann will ich ihr Gott sein. Und 
es wird keiner den andern lehren und sagen: Erkenne 
den Herrn, sondern sie sollen mich alle kennen, von 
dem Kleinsten bis zum Größten; denn ich will ihre 
Missetat vergeben, und ihrer Sünde nicht mehr geden- 
ken, welches Testament er nun in diesen letzten Zeiten 
durch seinen Sohn Jesum Christum, unsern Herrn, of- 
fenbart und gegeben hat, welcher der rechte Mose ist, 
der uns bei der Hand genommen und aus Ägypten 
geführt hat, worin wir alle saßen und dem höllischen 
Könige Pharao dienten, unter welchem wir durch die 
Sünde gefangen lagen, von welchen Banden und aus 
welcher Sklaverei wir durch Christum erlöst sind, der 
uns durch seinen Tod und durch sein Blutvergießen 
erlöst, versöhnt und von dem höllischen Könige Pha- 
rao, welchen er getötet und in seinem Blute erstickt, 
freigemacht hat; mit demselben hat er das Alte Testa- 
ment erfüllt; denn es musste alles erfüllt werden, was 
im Gesetze und in den Propheten geschrieben stand. 
So ist denn die Erfüllung geschehen, und das Neue 
mit seinem Blute befestigt worden, welches er zuvor 
durch die Propheten verheißen, wie oben gemeldet ist, 
welches uns durchs Evangelium verkündigt und von 
ihm und seinen heiligen Aposteln mit Zeichen und 
Wundern befestigt worden ist, denn diese hat er nach 
seiner Auferstehung ausgesandt, allen Völkern zu pre- 
digen, wer da glauben und getauft werden würde, der 
sollte selig werden, gleichwie er denn auch befohlen, 
daß sie lehren sollten, alles dasjenige zu halten, was 
er ihnen befohlen hat. 

Darum nun, meine Allerliebste, sind wir das Volk, 
das Gott zuvor ersehen, von der Grundlegung der 


Welt an, und mit welchem er ein besseres Testament 
gemacht hat, als mit dem Hause Israel, denn sie muss- 
ten täglich für die Sünden opfern, womit sie doch 
nicht genug tun konnten; denn Brandopfer und Sün- 
dopfer hat er nicht gewollt, deshalb hatte auch Gott 
kein Wohlgefallen daran, was unter dem Gesetze ge- 
opfert wurde; aber er sprach (nämlich Christus): Siehe, 
o Gott, ich komme, deinen Willen zu tun. Hier nimmt 
er das Erste weg, damit er das Andere einsetzen möge, 
durch dessen Willen wir geheiligt sind, durch das Op- 
fer des Leibes Jesu Christi, welches einmal geschehen 
ist. Denn damals wurde ein jeder Priester eingesetzt, 
daß er alle Tage Gottesdienst pflegen und öfters einer- 
lei Opfer tun sollte, obgleich sie die Sünden nicht hin- 
wegnehmen konnten; aber dieser (nämlich Christus), 
als er ein Opfer für die Sünde geopfert hatte, welches 
in Ewigkeit gültig ist, hat er zur rechten Hand Gottes 
gesessen und wartet, bis seine Feinde zum Schemel 
seiner Füße gesetzt werden; denn mit einem Opfer 
hat er in Ewigkeit vollendet, die geheiligt werden. Sol- 
ches bezeugt auch der Heilige Geist, denn nachdem 
er gesagt hatte (wie daselbst geschrieben steht): Das 
ist das Testament, das ich mit ihnen machen will nach 
dieser Zeit (spricht der Herr), sagt er: Ich will mein 
Gesetz in ihr Herz geben in ihren Sinn schreiben, und 
ich will ihrer Sünden und Ungerechtigkeit nicht mehr 
gedenken. Wo nun solche Vergebung ist, da ist kein 
Opfer mehr für die Sünde, wie Paulus schreibt. 

Deshalb nun, mein liebes und wertes Weib, haben 
wir einen freien und sichern Zutritt in das Heilige, 
durch das Blut Jesu, welchen er uns als einen lebendi- 
gen und neuen Weg durch den Vorhang, das ist durch 
sein Fleisch, bereitet hat. So haben wir nun einen Ho- 
hepriester über das Haus Gottes, welches die Gemein- 
de ist, die er durch sein Blut gereinigt hat, daß sie ohne 
Runzel oder Flecken heilig sein sollte und von wel- 
cher du ein Mitglied bist; denn sie ist der Leib Christi, 
und wir die Glieder dieses Leibes, Christus aber das 
Haupt und der Priester des Hauses Gottes, wie gemel- 
det ist. Darum, meine Geliebteste, bleibe fleißig dabei, 
und laß uns allezeit hinzugehen, mit wahrhaftigem 
Herzen in völligem Glauben, besprengt in unserm 
Herzen und frei von dem bösen Gewissen, und gewa- 
schen am Leibe mit reinem Wasser, ich meine, daß wir 
alle Unreinigkeit des Herzens und des Fleisches ab- 
legen und alle Gerechtigkeit und Heiligkeit ausüben, 
und fest und unveränderlich das Bekenntnis der Hoff- 
nung halten, denn er ist treu, der es verheißen hat; 
und nimm doch allezeit deiner selbst wahr, solches 
bitte ich dich, meine Geliebteste, um dich zur Liebe 
und zu guten Werken anzutreiben. 

Weil du ein Kind des neuen Bundes bist, so schreibe 
ich dir dieses als dein Testament nach deinem Begeh- 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


ren an mich. Das Niedergeschriebene ist nun mein 
Begehren an dich, die du mein liebes, von Menschen 
verachtetes Schaf bist, das aber von Gott auserwählt 
und zu seinem Testamente berufen ist, denn er hat 
uns das Testament hinterlassen, daß wir seines Todes 
dadurch eingedenk sein sollten, nämlich das Brechen 
des Brotes, wodurch wir anzeigen, daß er für uns an 
dem Stamme des Kreuzes gebrochen worden sei, und 
daß wir uns auch dadurch erinnern sollen, daß wir 
durch ihn aus der Hand unserer Feinde erlöst seien. 
Dieses nun hat er uns, nachgelassen, um es als ein 
ewiges Testament zu beobachten, gleichwie den Kin- 
dern Israel befohlen war, das Osterlamm zu essen 
und jährlich zu halten zu einem Gedächtnis, daß sie 
nämlich damals von dem Könige Pharao erlöst wor- 
den seien; solches alles war eine bildliche Darstellung, 
wovon wir nun das wahre Wesen haben, in der wah- 
ren Unterhaltung unserer Erlösung durch das rechte 
Qsterlamm Christum und seine Gemeinschaft, worin 
du ja auch mitbegriffen bist; denn es ist nicht lange, 
daß wir solches untereinander durch das Brechen des 
Brotes und durch das Trinken des Weines bewiesen ha- 
ben, weshalb du nun des neuen Testaments und aller 
herrlichen Verheißungen, die den Kindern des neuen 
Bundes zugesagt sind, teilhaftig bist. Es ist demnach 
meine Bitte, daß du darin bis ans Ende treu bleiben 
wollest, damit du alle Verheißungen ererben mögest, 
denn wer überwindet, soll alles ererben; wer über- 
windet, soll mit mir auf meinem Stuhle sitzen; wer 
überwindet, den will ich im Himmel bekennen vor 
meinem Vater, und seinen Namen in das Buch des 
Lebens schreiben, und dergleichen schöne Verheißun- 
gen, welche, wie du wohl weißt, allen Überwindern 
zugesagt sind. 

Darum, meine Geliebte, sieh zu, daß du treu bleibst, 
denn du bist noch in der Wüste, wo du versucht wer- 
den musst, wie Israel in der Wüste vierzig Jahre lang 
versucht worden ist, damit ihnen Gott dadurch be- 
kannt mache, was in ihren Herzen verborgen war; 
wisse aber, daß sie alle zu Grunde gegangen sind, die 
nicht standhaft blieben und die Verheißung nicht er- 
erbt haben, wie droben gemeldet worden ist. Nun 
aber haben wir ein ewiges Testament, welches ewig- 
lich währt, und haben nicht, wie Israel, ein Gesetz 
in steinerne Tafel geschrieben, sondern in die Tafeln 
unserer Herzen. 

Also, meine Geliebteste, weil wir ein besseres Testa- 
ment haben, so wandle auch besser darin, und bleibe 
standhaft im Glauben, und lasse solches durch die 
Fürbitte des Glaubens und das Gesetz, das nun durch 
den Geist Gottes in dein Herz geschrieben ist, offen- 
bar werden; laß dieses in dir gelesen werden, und das 
darin, daß du die Werke des Geistes vollbringst; daß 


du also ein Brief Christi sein mögest, der von allen 
gelesen werden kann, welchen du offenbar bist, wie 
Paulus von den Korinthern bezeugt, daß sie ein Brief 
Christi seien, durch seinen Dienst zubereitet, nicht 
mit Tinte geschrieben, sondern mit dem Geiste des le- 
bendigen Gottes; nicht in steinerne Tafeln, sondern in 
die fleischlichen Tafeln, nämlich in ihre Herzen, denn 
Christus sagt auch: Lasst euer Licht leuchten vor den 
Menschen, damit sie eure guten Werke sehen und eu- 
ren Vater preisen. Da wir nun ein neues Testament 
haben, welches durch Christum, unserem Geleitsman- 
ne und Gesetzgeber, gegeben ist, so müssen wir auch 
seine Gebote halten und ihm nachfolgen, wie ich dir 
in den andern beiden Briefen geschrieben habe. Wir 
müssen sein Bild ausdrücken, gleichwie er des Vaters 
Bild ausdrückt; wie er zu Philippus sagte: Philippus, 
wer mich sieht, der sieht meinen Vater, wie sagst du 
denn: Zeige uns den Vater? Glaubst du nicht, daß ich 
in dem Vater und der Vater in mir sei? Die Worte, die 
ich rede, die rede nicht ich, sondern der Vater, der in 
mir ist; denn derselbe tut die Werke. Nun, meine Al- 
lerliebste, nachdem du durch Gottes Gnade das Evan- 
gelium, welches in aller Welt gepredigt ist, gehört und 
an dasselbe geglaubt hast, und demselben gehorsam 
gewesen bist, gleichwie du, wie ich hoffe, durch des 
Herrn Gnade noch bist, und Christum angetan hast, 
so laß ihn auch durch dich ausgedrückt werden, wie 
das Bild des Vaters durch Christus ausgedrückt ist in 
Worten und Wunderwerken, gleichwie du ihn auch 
allezeit ausgedrückt hast durch einen reinen christli- 
chen Wandel, worin du Christo recht nachfolgst; denn 
er ist der rechte Mose, der uns vorgegangen ist; fol- 
ge ihm tapfer nach, was dir auch darüber in dieser 
Welt begegnet, es sei Druck oder Ungemach, Leiden 
oder Verfolgung; Habe guten Mut, Christus ist voran, 
folge ihm tapfer nach, denn der Knecht kann nicht 
besser sein als sein Herr, noch der Jünger über seinem 
Meister, noch die Frau über ihrem Mann, noch die 
Magd über ihrer Frau, sondern es soll dem Knechte 
genug sein, daß er wie sein Herr, dem Jünger, daß er 
wie sein Meister, der Frau, daß sie wie ihr Mann, der 
Dienstmagd, daß sie wie ihre Frau ist. 

Darum, liebe Schwester im Herrn, sei getrost und 
sieh auf die Langmut und Geduld Christi, auf alle 
frommen Zeugen, die von Anfang bis hierher Christo 
nachgefolgt sind; er hat dieselben nicht ungetröstet 
gelassen, gleichwie er auch uns, die wir hier eben um 
desselben Zeugnisses willen sitzen, nicht ohne Trost 
lässt, sondern wunderlich tröstet und stärkt durch die 
Kraft des Heiligen Geistes, worüber er ewiglich gelobt 
werden müsse. 

Darum habe guten Mut, halte stark an mit Bitten 
und Flehen, und beweise es allezeit, daß du ein Kind 



289 


des neuen Bundes seiest, daß das Gesetz des Herrn 
in dein Herz geschrieben sei, und man solches lesen 
könne. Darin wolle dich der barmherzige Vater durch 
seinen Sohn in der Kraft des Heiligen Geistes stärken. 
Hiermit will ich dich, mein liebes Weib, dem Herrn 
anbefehlen (denn ich hatte nicht mehr Papier) und 
dem Worte seiner Gnade. 

Geschrieben aus meinen Banden, des Montags, von 
mir, Jelis Bernarts, deinem lieben Manne. 

Ein Brief, welchen Jelis Bernarts an sein Weib 
geschrieben hat. 

Die Gnade und der Friede Gottes des Vaters, der uns 
durch Jesum Christum, seinen eingeborenen Sohn, 
unsern Herrn, geworden ist, wolle dich trösten in al- 
ler deiner Trübsal durch die Kraft des Heiligen Geis- 
tes, welcher Geist ein Tröster aller Notleidenden und 
uns vom Vater durch seinen Sohn Jesum Christum 
gesandt ist, zum Lehrmeister aller Gläubigen, und 
zum Tröster aller Notleidenden, die in göttlicher Trau- 
rigkeit sind, welche Traurigkeit zur Seligkeit wirkt. 
Dieser einige, ungeteilte, unveränderliche, ewige, all- 
mächtige, starke Gott, in drei Namen ausgedrückt, 
nämlich Vater, Sohn und Heiliger Geist im Wesen ( 
wie bei Johannes in dem ersten Briefe im 5. Kapitel 
steht: Drei sind, die da zeugen im Himmel, der Vater, 
das Wort und der Heilige Geist, und diese drei sind 
eins), wolle dein Tröster sein, bis ans Ende; solches bit- 
te ich aus Grund meines Herzens durch seinen lieben 
Sohn, Jesum Christum, unsern Herrn, Amen. 

Nebst herzlichem und freundlichem Gruße an dich, 
mein geliebtes und wertes Weib und Schwester in 
dem Herrn, die ich liebe wie meine eigene Seele, nach 
dem Geiste und Fleische ( denn du bist Fleisch von 
meinem Fleische, und ich auch mit dir), kann ich we- 
der unterlassen, wenn ich deine Traurigkeit ansehe, 
noch es versäumen, dich allezeit zu trösten mit mei- 
nem Schreiben, solange ich Zeit habe. So wisse, mei- 
ne Geliebteste, daß mir der Abschied von dir auch 
schwer fällt; aber ich tröste mich mit des Herrn Worte, 
wo er sagt, man müsse alles hassen und lassen, Vater, 
Mutter, Weib, Kinder; und daß wer sein Kreuz nicht 
täglich auf sich nimmt, sein Jünger nicht sein könne. 
Da ich auch weiß, daß die Vereinigung des Fleisches, 
die wir miteinander gehabt haben, nicht ewig beste- 
hen kann, und nun der Fall eintritt, daß wir, nach 
des Herrn Willen, voneinander scheiden, so verleug- 
ne ich hierin meinen Willen und übergebe mich des 
Herrn Willen; tue dasselbe, darum bitte ich dich, mei- 
ne Geliebteste, übergib dich selbst dem Herrn, denn 
er ist dein Leben und dein Sterben, wie Rom 14,8 steht: 
Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so 


sterben wir dem Herrn; denn wir sind des Herrn. Und 
wenn ich die Einigkeit betrachte, worin wir noch ste- 
hen, nämlich in dem geistigen Leibe Christi (denn 
wir sind zusammen durch einen Geist zu einem Leibe 
getauft), so freue ich mich, daß du auch mit mir in 
der Gemeinschaft stehst, und der göttlichen Natur 
teilhaftig geworden bist, ja, Reben an dem Weinsto- 
cke, welcher Christus ist, Schafe des rechten Hirten, 
Kinder der Verheißung, geboren von der Freien, Erb- 
genossen in dem Reiche Gottes, mit Christo in dem 
Reiche seines Vaters; denn wir sind durch ihn aus Gott 
geboren, durch den unvergänglichen Samen, durch 
das Wort der Wahrheit, welches er selbst ist; denn er 
ist das Wort des Vaters, und das Wort ist Fleisch ge- 
worden, durch welches Wort und durch welchen Geist 
wir zu dieser Gemeinschaft gekommen und Fleisch 
von seinem Fleische, Bein von seinem Beine und Glie- 
der seines Leibes, nämlich seiner Gemeinde, deren 
Haupt er ist, geworden sind; und wenn ich einsehe, 
daß du mit mir demselben einverleibt bist, so erfreue 
ich mich; tue dasselbe, meine Geliebteste, solches bit- 
te ich von dir, denn wenn wir dem treu bleiben, mit 
dem hier vereinigt stehen, und nicht Hurerei treiben, 
so wird diese Einigkeit ewiglich bestehen, und wir 
werden endlich alle herrlichen Güter mit ihm in sei- 
nes Vaters Reiche miteinander genießen. Aber wisse 
(die du bist), mein liebes Schaf, daß Christus, als er 
die Herrlichkeit seines Vaters verlassen hatte, und auf 
Erden kam, dieselbe wieder durch viel Trübsal und 
Leiden habe einnehmen müssen; nun ist er das Haupt 
und wir sind die Glieder; so ist er vorangegangen, 
ebenso müssen die Glieder nachfolgen, denn es ist 
nur ein Weg und eine Tür, durch welche die Glieder 
nachfolgen müssen; der Leib kann nicht zerteilt in 
das Haus gehen. Darum, meine Geliebteste, wenn wir 
Glieder an dem Haupte sein, und mit Christo in das 
Haus seines Vaters kommen und die herrlichen Gü- 
ter genießen wollen, so müssen wir denselben Weg 
einschlagen, und alles, was uns begegnen mag, an- 
nehmen; denn, wollen wir mit herrschen, so müssen 
wir auch mit leiden; sind wir Kinder, so sind wir auch 
Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, 
wenn wir anders mit ihm leiden, damit wir auch mit 
ihm zur Herrlichkeit erhoben werden; denn ich halte 
dafür, daß dieser Zeit Leiden der Herrlichkeit nicht 
wert sei, die an uns offenbar werden soll. So sagt auch 
Christus: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, ihr wer- 
det weinen und heulen, und die Welt wird sich freuen, 
ihr aber werdet trauern und betrübt sein, doch soll 
eure Traurigkeit in Freude verwandelt werden. 

Denn ein Weib, wenn sie gebärt, hat Traurigkeit, 
weil ihre Stunde gekommen ist; wenn sie aber das 
Kind geboren hat, so gedenkt sie nicht mehr an die 



290 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Angst um der Freude willen, weil ein Mensch zur 
Welt geboren ist. Also, meine Geliebteste, nimm hier 
an den Worten Christi ein Exempel, daß es uns eben 
so ergehen müsse, bis wir Christum geboren haben. 

Darum, meine Geliebteste, merke wohl auf die 
Schrift, wie er allezeit von Trübsal und Leiden in die- 
ser gegenwärtigen Zeit redet, und doch immer den 
Trost damit verknüpft, eben wie er sagte: Selig sind 
die Traurigen, denn sie sollen getröstet werden; und 
ferner: In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, 
ich habe die Welt überwunden; an einer andern Stelle 
sagt er: Fürchtet euch nicht, ich will euch nicht als 
Waisen lassen; gleichwie er auch durch den Prophe- 
ten Jesaja sagt: Kann auch eine Mutter ihres Kindes 
vergessen? Ja, wenn sie es auch täte, daß sie des Soh- 
nes ihres Leibes vergäße, so will ich doch dein nicht 
vergessen. 

Deshalb meine Geliebteste, sei doch getröstet mit 
obigen Worten, und mit allen herrlichen Gütern, de- 
ren du durch den Glauben teilhaftig geworden bist, 
um deretwillen du nun weinst in dieser Zeit; darüber 
wirst du dich nicht verwundern, denn du weißt ja 
wohl, daß uns hier in dieser Zeit nichts anderes verhei- 
ßen ist, als Trübsal, Leiden, Verfolgung und Weinen, 
indem es heißt: Selig seid ihr, die ihr hier weint, denn 
ihr werdet lachen; wehe euch, die ihr lacht, denn ihr 
werdet weinen. Darum ist es besser, hier zu weinen 
als nachher, denn die zukünftige Zeit wird ewig wäh- 
ren; was aber vorhanden ist, muss schnell vergehen. 
So wirf denn, meine Geliebte, deine Sorgen auf den 
Herrn, denn er sorgt für dich, und sei gestärkt mit 
aller Kraft, nach seiner herrlichen Macht in aller Ge- 
duld und Langmut mit Freuden, und danksage dem 
Vater, der uns tüchtig gemacht hat zu dem Erbteile der 
Heiligen im Lichte, der uns errettet hat von der Obrig- 
keit der Finsternis durch seinen geliebten Sohn Jesum 
Christum, unsern Herrn, welchem sei Lob, Preis, Ehre 
von nun an bis in Ewigkeit. Amen. 

Hiermit sei, mein geliebtes Weib, (von mir, deinem 
getreuen Manne), dem Herrn und dem Worte seiner 
Gnade anbefohlen. Amen. Der Herr wolle dich durch 
seinen Geist stärken und kräftig machen, damit du 
das, was du hast, bis ans Ende behalten, mit Geduld 
die Zeit deiner Erlösung erwarten und so endlich die 
Krone des Lebens empfangen mögest. Der Friede des 
Herrn sei mit dir und allen denen, die den Herrn 
fürchten und lieben und seine Gebote halten. 

Noch ein Brief von Jelis Bernarts an sein Weib. 

Die Gnade und der Friede Gottes des Vaters und die 
Verdienste unseres Herrn Jesu Christi, sowie die Ge- 
meinschaft des Heiligen Geistes, seien mit dir, durch 


welchen Geist wir sämtlich zu einem Leibe getauft 
sind, dessen Haupt Christus ist, wir aber untereinan- 
der die Glieder sind, Fleisch von seinem Fleische und 
Bein von seinen Beinen; er ist seines Leibes Heiland; 
demselben werden auch die Pforten der Hölle nicht 
widerstehen können, noch ihn überwältigen, wenn 
wir fest in der Liebe aneinander verknüpft bleiben, 
und uns nicht verführen lassen, sondern den Glauben 
an Jesum Christum festhalten, und die Gnade nicht 
versäumen, die uns Gott durch Jesum Christum, sei- 
nen eingeborenen Sohn, unsern Herrn, verliehen hat, 
welchem sei Lob, Preis, Ehre und Danksagung von 
nun an bis in Ewigkeit, Amen. 

Ein sehr herzlicher Gruß sei dir zugeschrieben, 
mein geliebtes Weib und Schwester in dem Herrn, 
deren ich nun beraubt bin durch die Bande, worin ich 
mich wegen des Zeugnisses unseres Herrn Jesu Chris- 
ti und des Glaubens an Gott befinde; ich hoffe dieses 
Zeugnis mit meinem Blute und Tode zu versiegeln, 
und so zur Ruhe unter dem Altar zu allen Heiligen 
Gottes einzugehen, welcher Altar Christus ist, wo ich 
alle meine Mitbrüder und Schwestern erwarten wer- 
de; dort werden wir versammelt werden und bleiben 
von Ewigkeit zu Ewigkeit, und werden also ewiglich 
in Freuden sein; dann wird man von keinem Scheiden 
mehr hören, sondern wir werden in Ewigkeit mit Gott 
und dem Lamme und allen Heiligen regieren; dort 
wird kein Seufzen und Weinen mehr gehört werden, 
sondern alle Tränen werden von unsern Augen abge- 
wischt werden; unsere Trübsal wird in Freude und 
Wonne, unser Weinen in Lachen und unser Scheiden 
in ein ewiges Versammeln verwandelt werden; dort 
wird Freude und Frohlocken sein, denn keine Augen 
haben es gesehen, und keine Ohren haben es gehört, 
und es ist in keines Menschen Herz gekommen, was 
Gott für seine Auserwählten bereitet hat, aber uns hat 
es Gott durch seinen Geist offenbart. Darum laß uns 
guten Mut haben, und geduldig sein in Trübsal, denn 
wir wissen, daß wir durch viel Trübsal und Leiden in 
das Himmelreich eingehen müssen; laß uns allezeit 
beständig sein in dem Gebete, und anhaltend bleiben, 
mit Bitten und Flehen in dem Geiste, daß er uns alle- 
zeit trösten, stärken und kräftig machen wolle, damit 
wir in aller Trübsal und Leiden, welches uns begegnen 
möchte, standhaft bleiben mögen, in welchem Leiden 
er uns nicht ungetröstet lassen wird, denn wie des 
Leidens Christi viel über uns kommt, so werden wir 
auch durch Christum reichlich getröstet. 

Darum, meine Geliebteste, dürfen wir wohl getrost 
sein und guten Mut haben, und in der Hoffnung fröh- 
lich sein, daß wir solche herrlichen Verheißungen er- 
langt haben, und solche ungehoffte Seligkeit erwarten; 
denn wir, die wir ehemals entfernt waren, sind nun 



291 


nahe gekommen, ja, wir, die wir ehemals Gäste und 
Fremdlinge waren, sind nun Bürger geworden mit 
den Hausgenossen Gottes, gebaut auf den Grund der 
Apostel und Propheten, wovon Jesus Christus der 
Eckstein ist, und sind so zusammen auferbaut zu ei- 
nem heiligen Tempel, wie Petrus sagt: Und auch ihr, 
als lebendige Steine, erbaut euch zum geistigen Hau- 
se, zu opfern geistige Opfer, die Gott angenehm sind 
durch Jesum Christum; denn er hat uns geliebt, und 
uns gewaschen von unsern Sünden in seinem Blute, 
und hat uns zu Königen und Priestern gemacht, Gott, 
seinem Vater, gleichwie auch Petrus in seinem ersten 
Briefe im zweiten Kapitel sagt: Ihr aber seid das aus- 
erwählte Geschlecht, das königliche Priestertum, das 
heilige Volk, das Volk des Eigentums, damit ihr die 
Tugenden desjenigen verkündigt, der euch von der 
Finsternis zu seinem unvergänglichen Licht berufen 
hat, die ihr vormals kein Volk wart, nun aber Gottes 
Volk seid, und über welche sich Gott vormals nicht 
erbarmt hat, mm aber sich eurer erbarmt hat. Denn 
dieses sollen wir wissen, daß wir ohne Gott in der 
Welt waren; ja, was noch mehr ist, wir waren von 
ihr gepriesen; aber (ach Elend) von Gott verachtet. 
Denn gleich wie Jakobus sagt: Wer der Welt Freund 
sein will, der muss Gottes Feind sein, so gehörten wir 
damals auch zu denjenigen, über welche sich Gott 
nicht erbarmte, denn wie Christus sagt, so können wir 
nicht zweien Herren dienen, den einen müssen wir 
hassen, und den andern lieben. Wenn wir nun unsern 
Abschied von der Welt nehmen, und unserm eigenen 
Leben entsagen, daß wir nicht mehr nach dem Willen 
unseres Fleisches, sondern nach dem Willen Gottes 
leben, so will er sich unserer erbarmen, und uns von 
der Lüge zur Wahrheit bringen, von der Finsternis 
zum Lichte, von dem Götzendienste zu dem lebendi- 
gen Gottesdienste, so werden wir, die wir kein Volk 
waren, Gottes Volk, und können alle Tugenden und 
herrlichen Wohltaten verkündigen, die uns der Herr 
erwiesen hat, indem er uns zu seinen Kindern ange- 
nommen hat; denn an ein solches Volk hat der Apostel 
Petrus geschrieben, die so umgekehrt und in ein neu- 
es Wesen des Lebens verändert waren: Ihr seid das 
auserwählte Geschlecht. Und merke daraus, meine 
Geliebte, wie er in diesem Briefe zu einem solchen 
Volke redet, welches um des Glaubens an Christum 
Jesum willen überall zerstreut war, so müssen wir 
uns nun auch nicht wundern, wenn wir auch verjagt, 
zerstreut, gefangen und getötet werden, denn, wie 
du hören und lesen kannst, so ist es von Anfang so 
gewesen, und wird so bleiben bis ans Ende, denn die 
Finsternis ist des Lichtes nicht fähig. 

Darum meine Geliebteste, laß uns nicht furchtsam 
sein, Gott ist unser Geleitsmann, und wenn Gott mit 


uns ist, wer mag wider uns sein? Er hat auch seinen 
einzigen Sohn nicht verschont, sondern hat ihn für 
uns alle dahingegeben, wie sollte er uns mit ihm nicht 
alles schenken? Gott ist es, der gerecht macht, wer 
will verdammen? Denn Christus ist es, der gestorben 
ist, ja, noch mehr, der auferweckt ist und zur rech- 
ten Hand Gottes sitzt und uns vertritt; solches wissen 
wir, ja, was noch mehr ist, daß er uns bewahrt wie 
seinen Augapfel und gesagt hat: Ich will dich nicht 
verlassen noch versäumen, weshalb wir sagen dürfen: 
Der Herr ist mein Helfer, ich will mich nicht fürch- 
ten, was können mir auch Menschen tun? Ebenso hat 
er uns auch ermahnt, daß wir diejenigen nicht fürch- 
ten sollen, die den Leib töten, weil sie nachher keine 
Macht mehr haben, sondern lasst uns den fürchten, 
der Macht hat, Seele und Leib in die Hölle zu werfen. 
Also sagt er auch durch den Propheten: Wer bist du 
denn, der du dich vor Menschen fürchtest, oder vor 
den Menschenkindern, die doch wie Heu vergehen 
müssen? 

So fürchte dich denn nicht, meine Geliebteste, vor 
demjenigen, das dir noch begegnen möchte, auch sei 
nicht ohne Trost, sondern sei getröstet außer den Ban- 
den, und geduldig in Trübsal, gleichwie ich, durch 
des Herrn Hilfe, in meinen Banden bin. Laß uns stand- 
haft bleiben im Glauben und in der Liebe, und mit 
dem heiligen Paulus sagen: Was kann uns scheiden 
von der Liebe Gottes? Weder Trübsal, noch Angst, 
noch Hunger, noch Gefahr oder Schwert; gleichwie 
auch geschrieben steht: Um deinetwillen werden wir 
den ganzen Tag getötet, denn wir sind geachtet wie 
Schlachtschafe; doch in allem diesem überwinden wir 
weit, um deswillen, der uns geliebt hat. 

Darum, meine Geliebteste, habe guten Mut, und sei 
getrost und geduldig in all' deiner Trübsal, und stehe 
fest im Glauben, und sei standhaft bis ans Ende, da- 
mit, gleichwie wir nun durch viel Trübsal und Leiden 
voneinander geschieden sind, wir einander auf den 
Tag der Auferstehung begegnen und so ewiglich mit- 
einander in Freuden sein mögen, und mit dem Herrn 
und allen Heiligen und allen Engeln Gottes regieren 
von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen. Hierzu stärke dich 
und mich, sowie alle diejenigen, die den Herrn lieben 
und seine Gebote halten, der allmächtige Gott und 
Vater unsers Herrn Jesu Christi, durch die Kraft seines 
Heiligen Geistes, Amen. Der Friede des Herrn sei mit 
dir. 



292 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Ein Brief, welchen Jelis Bernarts an die Brüder und 
Schwestern geschrieben hat, als er zum Tode 
verurteilt war. 

Gnade und Friede von Gott, unserm himmlischen 
Vater, und seinem Sohne Jesu Christo, unserm Herrn, 
welcher sich selbst für unsere Sünden dahingegeben 
hat, damit er uns von dieser gegenwärtigen bösen 
Welt, nach dem Willen seines Vaters, erlöse; ihm sei 
Lob, Preis, Ehre und Danksagung von nun an bis in 
Ewigkeit, Amen. 

Mein geliebtes Weib und Schwester in dem Herrn, 
wie auch alle lieben Brüder und Schwestern der Ge- 
meinde zu GH! Mein Herz war geneigt, als ich mein 
Todesurteil empfangen hatte, ein wenig an euch und 
mein geliebtes Weib (welche ich euch nun anbefehle 
und dem Worte Gottes) zu schreiben, aus einem recht 
zugeneigten Gemüte und aufrichtiger, ungeheuchel- 
ter brüderlicher Liebe, die ich bis an den Tod zu euch 
trage. Es ist meine brüderliche Ermahnung und Bitte 
an euch alle, daß ihr euch vor denen nicht fürchten 
wollt, die den Leib töten, denn sie haben nachher kei- 
ne Macht mehr; so sagt auch Petrus: Fürchtet euch 
nicht vor ihrem Trotzen, und erschreckt nicht, damit 
ihr nicht entsetzt, sondern heiligt Gott den Herrn in 
euren Herzen; gleichwie er auch ferner sagt (liebe 
Brüder und Schwestern in dem Herrn): Lasst euch 
die Hitze, die euch begegnet, nicht befremden, die 
euch deshalb widerfährt, daß ihr versucht werdet, 
als widerführe euch etwas Seltsames, sondern freut 
euch, daß ihr mit Christo leidet, damit ihr auch zur 
Zeit der Offenbarung seiner Herrlichkeit Freude und 
Wonne haben mögt. Der Apostel hat uns mit Recht 
ermahnt, daß wir uns freuen sollen; solches kann ich 
mit Wahrheit schreiben, denn es ist mir nun schon 
vor meinem Tode begegnet, wiewohl das Urteil schon 
über mich ergangen ist. Als ich in Bande gelegt wurde, 
hatte ich sogleich eine große Freude nach dem Geiste, 
und obschon das Fleisch viel Nachdenken und Über- 
legung hatte, so war ich doch nach dem Geiste erfreut, 
weil ich von Gott dazu ausersehen war, um für sei- 
nen Namen zu leiden. Als ich aber den Glauben vor 
der Obrigkeit bekannt hatte und damals sehr gefoltert 
wurde, fühlte ich, daß Gott mit mir war, denn er gab 
mir solche Kraft, daß, welcherlei Leiden und Qual sie 
mir auch schon antaten, sie dennoch nichts von mir 
erfuhren, als was zu des Herrn Preise und zu meiner 
Seligkeit diente, weshalb sie auch zornig wurden und 
fragten, ob ich noch nichts sagen wollte; denn, sag- 
ten sie, wir haben Macht, dich alle Tage so zu foltern. 
Ich erwiderte: Der Leib gehört euch, tut damit nach 
eurem Wohlgefallen. Als dieses alles geschehen war, 
wurde meine Freude sehr vermehrt; ich konnte des 


Herrn Lob nicht aussprechen und ihm nicht genug 
für seine Gnade danken, die er mir gegeben hat, weil 
ich gewürdigt worden bin, für seinen Namen zu lei- 
den, und das Wort mit meinem Blute zu versiegeln; 
denn die Mahlzeiten, die ich damals empfing, und 
die Pein blieb in meinen Gliedern bis auf den letzten 
Tag, dem Herrn sei ewig Lob, denn ich hatte diese 
Züchtigung um meiner Sünden und Missetat willen 
wohl verdient. 

Nach der Zeit bin ich zweimal vor einen Mönch ge- 
bracht worden; das erste Mal wollte er meinen Glau- 
ben wissen. Ich sagte: Frage darum die Obrigkeit, vor 
welcher ich ihn bekannt habe; darauf fing er an, von 
der Menschwerdung und der Taufe vieles zu erzäh- 
len; als er ausgeredet hatte, fragte ich ihn, ob er damit 
meinen Glauben wankend zu machen gedächte, denn 
ich dachte ihm das Gegenteil zu beweisen; aber er 
wollte meine Verantwortung nicht anhören und fing 
an, viel lästerliche Worte gegen Menno und seine Bü- 
cher auszustoßen, die er, wie er sagte, oft gelesen, und 
worin er viele Lügen gefunden hätte. Ich erwiderte: 
Hole sie alle hierher, und laß uns eine Woche lang dar- 
über handeln. Er sagte: Du bist der Mann nicht; man 
wird sich mit dir nicht so viele Mühe geben. Wir re- 
deten noch viel von seiner Lehre und Gemeinde, was 
zu weitläufig sein würde, niederzuschreiben, und so 
schied ich von ihm. 

Darauf wurde ich noch einmal vor ihn gebracht; er 
hatte noch einen andern bei sich und wollte viel von 
dem Sakramente der Taufe und der Menschwerdung 
handeln, aber ich sagte: Du wolltest mir keine Ver- 
antwortung zugestehen, als ich neulich bei dir war, 
darum begehre ich nun auch nicht, mit dir zu reden. 
Hiermit war er nicht wohl zufrieden und sagte, er 
wollte mich mit des Markgrafen Werkzeugen wohl 
reden machen, fragte mich auch, ob ich mich meines 
Glaubens schämte. Ich erwiderte: Ich habe mich nicht 
geschämt, denselben vor der Obrigkeit zu bekennen; 
aber mit euch will ich nichts zu schaffen haben. Wir 
beschlossen untereinander, daß wir alle dasselbe tun 
wollten; ich will auch einem jeden raten, dasselbe zu 
tun, denn es nützt nichts, was man auch mit ihnen 
handelt, indem es fleischliche Menschen sind. Nach- 
her wurde ich zum Tode verurteilt, da war meine 
Freude so vollkommen, weil meine Erlösung so nahe 
war, daß ich es nicht aussprechen konnte; ich nahm 
hierbei des Wortes des Apostels wahr: Freut euch dar- 
über, daß ihr des Leidens Christi teilhaftig geworden 
seid, damit ich am Tage seiner Offenbarung große 
Freude und Trost haben möchte, und daß er weiter 
sagt: Selig seid ihr, wenn ihr um des Namens Christi 
willen leidet, denn die Herrlichkeit und der Geist Got- 
tes ruht auf euch, aber bei ihnen wird er gelästert. Als 



293 


ich nun hieran und an mehrere andere Schriftstellen 
dachte, und als ich sah, daß Leiden und Trübsal so 
schnell vorübergingen, und daß mir solche schöne 
Verheißungen gegeben waren, daß ich in die Ruhe 
zu meinen lieben Brüdern und Schwestern eingehen 
sollte, die vorangegangen sind und unter dem Altar 
liegen, und alle unsere Mitbrüder und Schwestern 
erwarten, die uns auch nachfolgen werden. Als ich 
dieses, wie gesagt, im Geiste ansah, so musste alle 
Trübsal von mir weichen. 

Meine lieben Brüder, dieses schreibe ich euch nicht 
aus Ruhm, sondern euren Gemütern zum Tröste und 
zur Stärkung, damit ihr euch vor denen nicht fürch- 
tet, die den Leib töten, denn sie haben nachher keine 
Macht mehr, sondern, damit ihr, liebe Brüder und 
Schwestern, tapfer und wohlgemut sein und allezeit 
eurer Vorgänger gedenken mögt, die euch das Wort 
Gottes gesagt haben, wie Paulus sagt: Gedenkt an 
eure Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben, 
deren Ende schaut an und folgt ihrem Glauben nach. 
Darum, meine Geliebtesten, seid allezeit fleißig unter- 
einander, mit Ermahnen, mit Lesen, mit Bitten, und 
verlasst eure Versammlung nicht, sondern ermahnt 
euch untereinander zur Liebe und zu guten Werken; 
seid fest zusammen verbunden in der Liebe, und seid 
gastfrei untereinander; habt untereinander allezeit ein 
Herz und eine Seele, damit, wenn ihr in Banden gera- 
tet, das Gemüt alsdann frei stehen möge. 

Hiermit will ich euch dem Herrn befehlen und dem 
Worte seiner Gnade, Amen. Nun gute Nacht, gute 
Nacht, ihr alle, meine lieben Brüder und Schwestern 
in dem Herrn. Geschrieben von mir, Jelis Bernarts, an 
euch, meine lieben Brüder und Schwestern in dem 
Herrn, aus meines Herzens Grunde und aus rechter 
Liebe, Amen. 

Jan Bosch von Berg oder Jan Durps, 1559. 

Dieser Jan Bosch, gewöhnlich Jan Durps genannt, 
war ein frommer, ehrlicher Mann, seines Handwerks 
ein Leinenweber, der zu Maastricht wohnte, wel- 
chem, wiewohl die Erkenntnis der göttlichen Wahr- 
heit durch das Papsttum sehr verdeckt und verfins- 
tert worden ist, dennoch das Licht der Gnade Got- 
tes erschienen und die rechte evangelische Wahrheit 
vorgetragen worden ist; darum hat er sich zu der Ge- 
meinde des Herrn begeben, und den Gehorsam, den 
der Sohn Gottes verordnet und anbefohlen hat, erfüllt. 
Als er nun eine Zeitlang seines christlichen Berufs 
wohl wahrgenommen hat, so ist er verordnet und ihm 
von der Gemeinde anvertraut worden, daß er der Ge- 
meinde in etwas vorstehen und ihr mit dem Worte 
des Herrn, sowohl durch Lesen, als Ermahnen, dienen 


sollte, was er auch (wiewohl er sich dessen weigerte) 
angenommen, getreulich bedient, und nach bestem 
Vermögen mit seinem Pfunde gewuchert hat. 

Weil nun dieses der Ehre Gottes und der Auferbau- 
ung der Gemeinde förderlich war, so hat der Satan, 
welcher alle guten und gottgefälligen Dinge allezeit 
beneidet, dies gute Werk zu zerstören gesucht, und 
hat seinen Dienern eingegeben, diesen guten Mann 
als einen Ketzer und Wiedertäufer bei der Obrigkeit 
anzuzeigen. Die Obrigkeit, welche durch diesen Geist 
ebenfalls verführt worden ist, meinte auch, Gott einen 
Dienst damit zu tun, und ist in ihrer Gottlosigkeit 
eingeschritten; denn ein Bürgermeister ist am hellen 
Tage mit seinen Stadtdienem an den Ort gegangen, 
wo dieser Jan Durps bei einem Meister auf seinem 
Webstuhle saß und arbeitete, hat ihn gefangen genom- 
men, durch die Stadt geführt und ihn auf Landskron 
(welches das Ratshaus ist) gebracht und daselbst ge- 
fangen gelegt. Als er nun daselbst saß, ist er sofort von 
den Pfaffen und Mönchen untersucht worden, welche 
ihm auf allerlei Weise zusetzten. Vor denselben hat er 
seinen Glauben frei bekannt, wie er auf den Glauben 
an Christum Jesum getauft sei, und was er vom Sakra- 
mente halte. Dieses alles hat er ihnen nach der Schrift 
bekannt und sie der Abgötterei wegen bestraft, die sie 
mit derselben trieben. 

Als er nun vor diesem kleinen Rate und den Pfaf- 
fen verhört wurde und seinen Glauben bekannt hatte, 
auch dabei unverändert blieb, so haben sie die Sache 
von solcher Wichtigkeit befunden, daß sie vor das 
Blutgericht gehörte. Darum haben sie ihn den Herren 
unter dem Schultheißen überliefert, diese nahmen ihn 
auf und brachten ihn in das Torgefängnis, wo Jan noch 
eine Zeitlang gefangen saß. In dieser Zeit ist ihm ein 
Brieflein von seinem Weibe zu Händen gekommen, 
worin sie ihn ermahnte, daß er doch in seinem Leiden 
unverzagt sein und treulich bei der Wahrheit bis an 
den Tod aushalten wolle, was er mit großem Danke 
aufnahm und sein Weib ebenfalls trösten ließ, auch 
sie und alle Freunde ermahnte, daß sie bei der Wahr- 
heit bleiben und darin bis ans Ende fortgehen sollten; 
desgleichen hat er auch ernstlich um das Gebet der 
Gläubigen angehalten. Er hat viel Pein ausgestanden, 
denn man begehrte von ihm zu wissen, welche in der 
Stadt seine Brüder und Mitgesinnte wären, aber der 
Herr bewahrte seinen Mund, sodass man nicht hat 
vernehmen können, daß er jemanden genannt habe, 
wie sehr man ihn auch darum peinigte. 

Als nun die Zeit gekommen war, so hat man das 
Urteil über ihn gefällt, daß er, laut kaiserlichen Befeh- 
les, mit Feuer lebendig zu Asche verbrannt werden 
sollte; dieses Urteil hat er getrost angehört, sich wil- 
lig gefügt und sich binden und von vielen Häschern 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


führen lassen; diese waren mit Stöcken und Spießen 
bewaffnet, womit sie bisweilen dem einen oder dem 
andern einen Schlag auf den Kopf versetzten, wenn 
er dem Jan zu nahe kam, um seine Worte zu hören. 
Denn als er von dem Torgefängnis nach dem Brythof 
ging, hat er auf dem Wege viel mit dem Volke geredet 
und ihnen bezeugt, sie sollten daran denken, daß ein 
Mann unter ihnen gewesen, der ihnen die Wahrheit 
gesagt hätte. Er redete ihnen auch scharf zu, sie sollten 
Buße tun, ihr Leben bessern und Gottes Gnade suchen. 
Als er nun in den Brythof kam, wo die Schaubühne 
gemacht war, fand man den Brythof voll Schützen im 
vollen Gewehre, denn alle vier Schuftereien (Stadt- 
regimenter) waren aufgeboten, mit ihrem Gewehre 
daselbst zu erscheinen. So stieg nun dieser Jan ohne 
weiteres auf die Schaubühne und wurde vom Scharf- 
richter ins Häuslein geführt, welches derselbe nachher 
an verschiedenen Stellen mit Feuer ansteckte; als nun 
Jan im Feuer stand, rief er einige Male mit lauter Stim- 
me: O Herr, in deine Hände befehle ich meinen Geist!, 
und ist so als ein treuer Zeuge Jesu Christi zu Asche 
verbrannt worden. 

Dieses ist im Jahre unseres Herrn 1559, den 23. Sep- 
tember, geschehen. 

Hans Vermeersch, sonst genannt Hans von Macs, 

wird zu Waesten in Flandern um des Zeugnisses 
Jesu Christi willen im Jahre 1559 getötet. 

Des Hans Vermeersch, sonst genannt Hans von Maes, 
Bekenntnis, welches er geschrieben hat, als er zu Waes- 
ten in Flandern im Jahre 1559 im Gefängnis lag. 

Des Jahres 1559 im Oktober wurde ich vor den Ket- 
zermeister gebracht, um daselbst meinen Glauben 
zu bekennen, welcher, als ich vor ihn kam, mich um 
mein Alter und um meinen Namen fragte, und wo 
ich gewesen sei; dann fragte er mich, ob ich wieder- 
getauft wäre. Ich erwiderte: Ich weiß nur von einer 
Taufe, wie an die Epheser steht, welche die Taufe der 
Gläubigen ist. Wie Matthäus und Markus in ihren 
Evangelien berichten, und wie Petrus, Apg 2,38, zu 
dem Volke redete, das ihn hörte: Tut Buße und lasse 
sich ein jeglicher taufen in dem Namen Jesu Christi 
zur Vergebung der Sünden; diejenigen nun, die sein 
Wort gerne aufnahmen, ließen sich taufen. Nehmt 
wahr in demselben Kapitel und überlegt es wohl: Sie 
brachen das Brot, es kam eine Furcht auf sie, sie waren 
alle eine Seele und hatten alle Dinge gemein, welches 
alles ein kleines Kind nicht tun kann. Hierauf frag- 
te er mich, warum ich glaubte, daß das Evangelium 
wahr wäre; ich antwortete: Weil in dem Munde zwei- 
er oder dreier Zeugen alle Worte bestehen; nun aber 
sind vier Evangelisten, als Matthäus, Markus, Lukas 


und Johannes, welche alle eben dasselbe von einem 
Christo und Messias zeugen und sprechen, welcher 
Gottes Sohn ist, und Gott ist sein Vater. Daß aber auch 
ein Gott sei, kann man leicht an der Schöpfung der 
Welt und den Zeichen und Wundern wahrnehmen, 
die wir täglich sehen; dahin gehört, daß das Korn 
wächst, desgleichen das Gras, Apfel, Kirschen, Nüs- 
se und dergleichen. Ferner kann man auch merken, 
daß das Evangelium wahr sei, denn ich habe gele- 
sen, daß Christus sagt: Selig seid ihr, wenn euch die 
Menschen schmähen und euch übel nachreden um 
meines Namens willen, wenn sie daran lügen; ferner 
sagt Christus: Ihr werdet gehasst werden um meines 
Namens willen von allen Menschen. Als ich solches 
las, glaubte ich es, und nun finde ich es an mir und an 
andern, daß es wahr sei, und glaube, daß das Evan- 
gelium wahr sei. Nun kann ein jeder wissen, sehen 
und verstehen, daß es so sei, wie Paulus sagt: Alle, 
die gottselig leben wollen, müssen Verfolgung leiden; 
darum sage ich: Um aller dieser Zeugen willen, die 
nicht lügen können, kann man wohl frei werden und 
sagen, daß das Evangelium wahr sei, ein jeder sehe 
wohl zu, damit quälten sie mich sehr. 

Darnach fragten sie mich wegen der römischen Kir- 
che, ob ich nicht glaubte, daß es die rechte Kirche 
wäre, welche auf den Felsen gebaut ist, der da Chris- 
tus ist; ich sagte: Nein. Da fragte er mich, welche Kir- 
che ich für die rechte hielte; ich sagte: Die Versamm- 
lung der Gläubigen in Christi Namen, wie Christus 
zu Petrus sagt: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen 
will ich meine Gemeinde bauen; das will soviel sagen, 
die einen solchen Glauben haben, wie Petrus hatte, 
wie man an den Korinthern wahrnehmen kann, zu 
welchen Paulus sagt: Was hat der Tempel Gottes für 
Gemeinschaft mit den Abgöttern? Ihr seid der Tem- 
pel des lebendigen Gottes, gleichwie Gott spricht: Ich 
werde ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein; 
deshalb sind alle in Christi Namen versammelte Gläu- 
bige die rechte Kirche; ferner fragten sie mich, ob 
das Sakrament, welches die Kirche in der Messe ge- 
braucht, nicht Fleisch und Blut sei, nachdem es der 
Priester eingeweiht, und ob es nicht der Leib Christi in 
Fleisch und Blut sei; ich erwiderte: Wie könnte solches 
möglich sein, denn es steht in dem 1 . Kapitel der Ge- 
schichte der Apostel geschrieben, daß er gen Himmel 
aufgefahren sei, und im siebten Kapitel sagt Stepha- 
nus: Ich sehe den Himmel offen und des Menschen 
Sohn zur rechten Hand Gottes stehen; und Petrus sagt 
im 1. Briefe, im 3. Kapitel, daß er auf erstanden und 
auf gefahren sei, zur Rechten Gottes in den Himmel; 
so ist er denn nicht daselbst. Darauf fragte er, ob er 
denn nicht mächtig genug sei, daselbst durch seine 
göttliche Kraft zu sein; ich antwortete: Er kann nichts 



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gegen sein Wort. Er ist allmächtig, das bekenne ich, 
aber gegen sein Wort tut er nichts. Darauf sagten sie 
ferner, daß er seinen Jüngern seinen Leib gegeben ha- 
be, als er mit ihnen sein Abendmahl hielt, wie auch 
im Texte steht, denn er sagt: Nehmt, esst, das ist mein 
Leib; aber darauf entgegnete ich, daß er nicht seinen 
Leib, sondern ein Stück Brot gegeben habe, denn, wie 
man merken kann, so ist der Leib darauf von Judas in 
der Juden Hände überantwortet worden, hat gelitten 
und ist ans Kreuz aufgehängt worden; daher konnte 
er ja seinen Leib nicht zu essen geben, wie er selbst 
sagt: Von nun an werde ich nicht mehr von diesem 
Gewächse des Weinstocks trinken, welches der Wein 
ist, den er zuvor sein Blut nennt. Lest den 1. Brief an 
die Korinther, Kapitel 10 und 11, daselbst könnt ihr 
mehr Erläuterung finden. Er gab also seinen Aposteln 
nicht seinen Leib, sondern es bedeutete seinen Leib. 
Darnach fragte er mich, was ich von dem Dienste, 
den man in der Kirche gebraucht, hielte; ich sagte: 
Für eine große, abscheuliche Abgötterei; hierauf sagte 
er: So hältst du es denn für die babylonische Hure? 
Ich antwortete: Ja, wie Offb 13,4 steht von dem Tie- 
re, das sich anbeten lässt. Wer es nun nicht anbetet 
oder sein Zeichen empfängt an seine Hand oder an 
seine Stirn , welches sich Gott widersetzt in seinen 
Auserwählten. Darauf sagte er mir, daß wir es nicht 
erweisen könnten, daß unsere Kirche, nämlich die 
der Wiedertäufer (wie sie dieselbe nannten) vor 40 
Jahren gewesen sei, während doch ihre Kirche schon 
gedauert habe. Ich erwiderte hierauf: Wir setzen un- 
sere Kirche in keine Registerbücher, wie die römische 
Kirche tut; man würde sie sonst bald finden, denn ein 
jeder sucht sie zu Grunde zu richten oder zu töten, so 
wird sie auch, wie die römische Kirche, von dem Kai- 
ser und Könige nicht unterstützt, sondern der Kaiser, 
König oder Fürst suchen sie mit Fleiß aus dem Wege 
zu räumen; doch kann ich dir wohl beweisen, daß sie 
schon von 1559 Jahren her ist, denn Christus ist der 
Eckstein und ist auch derselbe, seitdem er gekreuzigt 
ist. Da sagten sie: Ja, die römische Kirche, denn sie ist 
von Petrus eingesetzt; er war der Erste, nach ihm alle 
heiligen Päpste, alle heiligen Lehrer, wie Hieronymus, 
Augustinus, Ambrosius, Bernhardus, welche die vier 
Doctores der heiligen Kirche sind. Willst du diesen 
nicht glauben, da es doch gelehrte Männer waren? 
Antwort: Ich glaube allein an Gottes Wort. 

Ferner fragten sie mich, ob ich nicht an Gott den 
Vater, Gott den Sohn und Gott den Heiligen Geist 
glaubte, drei Personen und einen wahrhaftigen Gott; 
ich antwortete: Ich finde in der Schrift nur eine Per- 
son; sie fragten, wer es wäre? Ich erwiderte: Christus, 
den man gesehen und gehört hat; aber den Vater hat 
niemand jemals gesehen; wer wollte nun sagen kön- 


nen, was er für eine Person sei? Denn er ist unsichtbar; 
auch hat niemand jemals den Heiligen Geist gesehen; 
man hat ihn zwar wohl als eine Taube auf Christum 
herabfahren gesehen, aber eine Taube kann keine Per- 
son sein. Da sagten sie: Du glaubst nicht, daß drei 
Personen sind? Ich sagte: Nein, es sei denn, daß man 
es mir mit der Schrift erweise; ich bekenne, daß sie 
drei in Wesen seien, aber doch nur ein wahrhaftiger 
Gott. Der Vater ist der Sohn nicht, auch ist der Sohn 
nicht der Heilige Geist; den Vater bekenne ich als den 
Vater, Jesum Christum als seinen Sohn, der von ihm 
ausgegangen ist, den Heiligen Geist aber als beides, 
von dem Vater und von dem Sohne, doch aber unter- 
schieden und ein wahrhaftiger Gott. 

Darauf fragte er mich, ob Christus sein Fleisch und 
Blut nicht von Maria angenommen; ich antwortete, 
man müsste mir solches beweisen. Sie sagten: Er ist 
von dem Samen Davids; ich entgegnete, daß er sein 
Fleisch und Blut von Maria angenommen haben sollte, 
davon meldet die Schrift nichts. Lest Lukas, Kapitel 
1, wo der Engel sagte: Du wirst schwanger werden 
und dann, als Maria antwortete: Wie soll das zugehen, 
indem ich von keinem Manne weiß?, antwortete der 
Engel: Der Heilige Geist wird über dich kommen und 
die Kraft des Allerhöchsten wird dich überschatten; 
weshalb auch das Heilige, das von dir geboren wer- 
den wird, Gottes Sohn genannt werden soll. Diese 
Worte überlegt; er sagt: Das Heilige; ferner sagt Pau- 
lus, daß der erste Adam von der Erde irdisch sei, der 
zweite aber der Herr selbst vom Himmel; lest im 1. 
Briefe an die Korinther, Kapitel 15, da werdet ihr es 
wohl wahrnehmen; auch Hehr 10,5, wo Paulus sagt: 
Darum da er in die Welt kommt, sagt er: Opfer und 
Gaben hast du nicht gewollt, aber den Leib hast du 
mir bereitet; ferner Joh 16,28, wo Christus sagt, daß 
er von seinem Vater ausgegangen und in die Welt 
gekommen sei, und noch viel mehr dergleichen Stel- 
len, namentlich im 8. und 9. Kapitel; untersucht die 
Schrift, das Evangelium Johannes und die Sendbriefe. 
Da fragte er, ob er keine Wesenheit von Maria ange- 
nommen hätte, als Saugen und dergleichen; ich sagte, 
daß sie ihn aufgeopfert habe, als er geboren ward; sie 
wickelte ihn in Leinwand und legte ihn in eine Krip- 
pe; ferner findet man, daß sie für ihn Sorge getragen 
hat, als er verloren wurde, da er zwölf Jahre alt war; 
sie suchten ihn, als sie von Jerusalem kamen; es steht 
geschrieben, daß sie ihn mit Fleiß suchten und trau- 
rig waren. Da fragte er, ob sie ihn nicht gesäugt hätte. 
Antwort: Christus sagte (als das Weib sprach: Selig 
sind die Brüste, die du gesogen hast): Ja, Weib, selig 
ist der, welcher mein Wort hört und es bewahrt. Frage: 
Was hältst du davon? Sage deine Meinung! Antwort: 
Wovon ich keine Auskunft in der Schrift habe, davon 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


darf ich nicht reden; das Gutdünken gilt hier nicht; 
auch fragte er mich, ob nicht Christus von dem Samen 
Davids wäre; ich antwortete: Wie sollte er von Davids 
Samen sein, denn Christus sagt selbst: Wie kommt es, 
daß ihn David einen Herrn nennt, wenn er sagt: der 
Herr hat gesagt zu meinem Herrn: Setze dich zu mei- 
ner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner 
Füße lege. David nennt ihn seinen Herrn, wie kann 
er denn sein Sohn sein? Darauf wussten sie nicht zu 
antworten; dann sagte ich: Ich weiß, daß er aus dem 
Samen Davids geboren ist, aber nicht von dem Samen 
Davids; sie sagten: Es steht Gal 4, daß er von dem Wei- 
be gemacht worden sei; ich erwiderte: Das lautet übel, 
daß ein Weib ein Kind machen sollte, sagen nicht alle 
andern Sprüche, aus einem Weibe geboren; er sagte: 
Ich wollte wohl mit vierzig Stellen beweisen, daß er 
von dem Samen Davids sei, aber er wollte es nicht 
beweisen. Darauf sagte ich: Hat sie ihn vom Heiligen 
Geiste empfangen, so kann er nicht von Davids Samen 
sein. Darauf fragte er mich, wohin die Menschen gin- 
gen, wenn sie von dieser Welt scheiden; ich erwiderte: 
Sie entschlafen in dem Herrn, wie die Schrift bezeugt, 
nämlich die Gläubigen; er fragte, wohin die Seelen 
gingen; ich antwortete: Paulus spricht: Ich habe viel- 
mehr Lust, außer dem Leibe zu wallen und daheim zu 
sein bei dem Herrn; das ist meine Meinung. Da fragte 
er, wohin die andern Seelen gingen. Antwort: Davon 
meldet die Schrift nichts, deshalb kann ich auch nicht 
sagen, wohin sie gehen. Lrage: Was dünkt dich davon? 
Sie gehen irgendwohin. Antwort: Das überlasse ich 
der Vorsehung Gottes. 

Darauf fragte er, was ich von der Auferstehung der 
Toten hielte; ich erwiderte: Gleichwie an die Korin- 
ther, Kapitel 15, im ersten Briefe geschrieben steht, 
wo Paulus sagt, daß dies Sterbliche das Unsterbliche, 
und dies Vergängliche das Unvergängliche anziehen 
soll, und daß eben derselbe Leib wieder auferstehen 
werde; darauf wusste er nichts zu sagen; dann frag- 
te er mich, wohin die Kinder gingen, die ohne Taufe 
sterben; ich antwortete: Dahin, wo es Gott gefiel; er 
fragte, ob sie zur Seligkeit kämen. Antwort: Christus 
hat die Kinder gesegnet und gesagt, solcher ist das 
Reich der Himmel. Lrage: So sagst du denn, sie seien 
selig? Antwort: Haben sie das Himmelreich, so sind 
sie glücklich genug. Lrage: Sieh, sie sind verdammt, 
das ist klar. Antwort: Man liest an die Römer, Kapitel 
5, daß wie durch eines Menschen Ungehorsam der 
Tod kommt, so kommt auch durch eines Menschen 
Gehorsam das Leben über alle Menschen. Darauf frag- 
te er, ob ich nicht der Obrigkeit Untertan sein wollte. 
Antwort: Ja, mein Herr, insoweit sie nicht wider Got- 
tes Gebot handelt, denn Petrus sagt, man müsse Gott 
mehr gehorchen, als den Menschen. Hierauf fragte 


er mich, ob ich vor den Herrn nicht schwören wollte. 
Antwort: Nein. Frage: Man soll der Obrigkeit unter- 
tan sein, Paulus und Petrus lehren solches. Antwort: 
Christus sagt: Ihr sollt keineswegs schwören, weder 
bei eurem Haupte , sondern eure Worte sollen sein: Ja, 
das ja ist, und nein, das nein ist, alles was darüber ist, 
ist vom Bösen; siehe auch 2Kor 1, Jak 5. Dann fragte er, 
ob wir nicht verbunden wären, die Wahrheit zu sagen. 
Antwort: Ja, das sind wir. Frage: Sage mir, wer deine 
Mitgesellen seien. Antwort: Unsern Nächsten zu be- 
schuldigen ist nicht die Wahrheit; Christus lehrt das 
nicht. Da beschwor er mich bei des lebendigen Got- 
tes Sohn Jesu Christo, daß ich sie ihm nennen sollte; 
ich erwiderte: Ich achte euer Beschwören nicht, es ist 
Zauberwerk; darauf sagte er, wir wären verpflichtet, 
gegen Gottes Gebot zu handeln, wenn wir beschwo- 
ren würden. 

Man quälte mich sehr mit denen, welche den Gicht- 
brüchigen trugen, und er sagte, seine Sünden seien 
ihm durch den Glauben derer vergeben worden, die 
ihn brachten, so auch den Kindern in der Taufe durch 
des Vaters und der Mutter Glauben; aber es heißt dort 
nicht, durch den Glauben derer, die ihn brachten, son- 
dern es steht nur daselbst: Als er ihren Glauben sah. 

Ich habe aus Liebe so viel geschrieben; wenn ich 
euch nicht recht geschrieben habe, so nehmt es mir 
zum Besten auf, wiewohl ich meine, nach der rechten 
Schrift geschrieben zu haben. Lebt wohl. Ich lasse alle 
Freunde herzlich grüßen, und bitte, daß sie für mich 
bitten. Wisst, daß ich guten Mutes sei; gelobt sei der 
Herr. Die Gnade des Herrn sei mit euch allen, Amen. 

Andreas Langedul, Matthäus Pottebacker, und 
Lorenz von der Leyen, 1559. 

Zu Antwerpen sind drei Brüder, genannt Andreas 
Langedul, Matthäus Pottebacker und Lorenz von der 
Leyen, um der Wahrheit willen gefangen genommen. 
Dieser Andreas Langedul wurde gefangen, als eben in 
seinem Hause Versammlung gehalten war, in welcher 
das Wort Gottes gepredigt wurde. Als dies nun von je- 
mandem ausgekundschaftet wurde, ist der Markgraf 
dahin gekommen, als eben die Versammlung zu Ende 
war, und Andreas in seinem Vorhause saß und in einer 
Bibel las, und hat ihn daselbst gefangen genommen. 

Seine Hausfrau lag damals im Kindbette, was der 
Markgraf innewurde, als er in die Kammer ging und 
sah, daß die Hebamme das Kindlein auf ihrem Scho- 
ße hatte, weil die Frau eben niedergekommen war. 
Als der Markgraf dies sah, ist er wieder zur Kam- 
mer hinausgegangen, hat aber die Weiber, die dahin 
gekommen waren, der Frau in der Not beizustehen, 
alle gefangen genommen, ließ auch die Kindbetterin 



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durch einige seiner Diener bewachen, die Wärterin 
der Kindbetterin aber, welche dies verdross, kam der 
Sache zuvor, daß die Frau nicht gefangen wurde, denn 
sie hat den Dienern so gut aufgewartet und ihnen mit 
Wein zugesetzt, daß man die Kindbetterin, ohne der 
Diener Wissen, über eine mit Brettern belegte Brun- 
nengrube, die zwei Nachbarn zugehörte, geführt hat, 
wodurch sie aus ihres Nachbarn Hause in des Christi- 
an Langedul Haus (ihres Mannes Bruder) gelangt ist, 
dessen Weib damals auch im Kindbette lag. 

Den Tag, an welchem dieser Andreas Langedul ge- 
fangen worden ist, haben wir nicht ermitteln können; 
er hat sein Opfer mit Matthäus Pottebacker und Lo- 
renz von der Leyen auf einen Donnerstag, den 9. No- 
vember des Jahres 1559, gemeinschaftlich vollendet, 
und zwar nicht öffentlich, sondern sie sind in dem 
Gefängnisse (das man den Stein nennt) an einem Orte 
enthauptet worden, von wo ab es die andern Gefan- 
genen, deren damals viele waren, durch die Fenster 
aus ihren Gefängnissen sehen konnten. 

Als Andreas vor dem Schwerte niederkniete, faltete 
er seine Hände und sagte: Vater, in deine Hände befeh- 
le — ; aber »befehle ich meinen Geist« kam nicht ganz 
heraus, weil solches der schnell dazwischen kommen- 
de Schwertschlag verhindert hat. 

Also sind diese drei als Schlachtschafe Christi getö- 
tet worden. 

Dieser Lorenz von der Leyen hat einige Briefe im 
Gefängnisse geschrieben, von denen die nachfolgen- 
den uns zu Händen gekommen sind. 

Der erste Brief von Lorenz von der Leyen. 

Gnade und Friede allen Brüdern, die zu Emden 
wohnen, insbesondere meinen beiden Brüdern, und 
Tonüntgen, Leevens Weib. Der Herr Jesus Christus 
wolle euch und uns alle kräftig machen durch seinen 
göttlichen Geist, Amen. 

Ich, Lorenz von der Leyen, um des Zeugnisses Jesu 
Christi willen den 21. Mai gefangen genommen, habe 
den 22. Tag meinen Glauben vor den Promoteur, Meis- 
ter Claes, bekannt; er kam allein, in der Hoffnung, ich 
würde reden, wie er es gerne hätte; aber der Herr hat 
meinen Mund bewahrt. Als ich gefragt wurde, vor 
wem ich zu Ostern in die Beichte gegangen sei und 
das Sakrament empfangen hätte, erwiderte ich: Vor 
Herrn Lieven Biestman; aber nicht letztvergangene 
Ostern, denn er ist schon zwei bis drei Jahre tot. Ich 
wurde weiter gefragt: Glaubst du nicht, daß Gott im 
Fleische und Blute im Sakrament sei? Darauf antwor- 
tete ich: Nein. Für was hältst du denn das Sakrament? 
Ich antwortete: Für einen Götzen. Dann wurde ich 
gefragt, ob ich nicht an die römische Kirche glaubte. 


von welcher der Papst das Haupt ist. Ich sagte: Nein, 
denn ich habe einen Ekel an der römischen Kirche, 
weil sie der Wahrheit ganz zuwider ist; aber ich glau- 
be an die apostolische Kirche, deren Haupt Christus 
ist. Was hältst du von der Kindertaufe? Dieselbe achte 
ich für unwert und für einen üblen Gebrauch, denn 
ich sage meiner ersten Taufe ab. So bist du also nicht 
getauft? Ich antwortete: Nein. Ist die Taufe denn nicht 
notwendig? Ich sagte: Ja, sie ist notwendig zur Voll- 
kommenheit. 

Warum bist du denn nicht getauft? Ich sagte: Ich 
war noch nicht gut genug. Da sagte er: Warum? Weil 
ich noch zu sehr in der Welt verwickelt war, denn ich 
war und bin noch viel schuldig; darum dachte ich, 
wenn ich gefangen würde, so würden die Leute sa- 
gen, daß ich ein Betrüger wäre, und würden sich viel 
daran ärgern; aus diesem Grunde habe ich die Taufe 
noch nicht empfangen, aber ich halte sie für recht und 
gut, will auch darin leben und sterben; und obgleich 
es noch nicht geschehen ist, so wird mich doch der 
Herr durch seine Barmherzigkeit und durch sein Lei- 
den und teures Blut selig machen, denn ich glaube 
alles, was ein Christenmensch zu glauben schuldig 
ist; dabei will ich auch bleiben, ihr könnt mit mir tun, 
was euch wohlgefällt, denn ich bin in eurer Gewalt. 

Darauf wurde ich gefragt, was ich von der Mensch- 
werdung glaubte, ob ich nicht glaubte, daß Christus 
von dem Fleische und Blute Maria gekommen wäre. 
Ich erwiderte: Ich glaube, was hiervon die Schrift be- 
zeugt, Joh 1 und Lk 1. Solches erzählte ich ausführlich, 
wobei es auch blieb; ich musste es selbst aufzeichnen; 
das war der härteste Sturm, er dauerte wohl zwei oder 
drei Stunden. 

Den 24. Tag im Mai kam der Diakon von Ronsen 
mit noch zwei anderen; er setzte mir mit vielen schö- 
nen Worten zu, und sagte: Lorenz, du musst dich 
unterrichten lassen; du darfst dich nicht auf einige un- 
gelehrte Leute verlassen, welche dreißig oder vierzig 
Jahre dem Hosenstricken obgelegen haben. Ich erwi- 
derte: Was, meinst du, daß ich mich auf Menschen 
verlasse? Verflucht ist, sagt die Schrift, der sich auf 
Menschen verlässt; ich setze meine Hoffnung allein 
auf Gott und auf sein lebendiges Wort; dabei will ich 
bleiben, solange mir Gott das Leben gönnt. Sie wollten 
mir mit vielen Worten beweisen, daß Gott im Sakra- 
mente sei, wiewohl ich es nicht glauben wollte; mit 
diesen Worten schieden wir voneinander, als wir wohl 
zwei Stunden beieinander gewesen waren. 

Geschrieben in Eile von mir, Lorenz von der Leyen, 
den 25. Mai im Jahre 1559. 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Der zweite Brief von Lorenz von der Leyen. 

Gnade und Friede vermehre sich bei euch, meine sehr 
geliebten Brüder und Schwestern in dem Herrn. Wisst, 
daß ich examiniert (oder untersucht) worden bin, und 
daß der Markgraf von mir vieles wissen wollte. Ich 
sagte, was meinen Glauben betreffe, so wolle ich ihm 
alles sagen; worauf er erwiderte: Du sollst mir alles 
sagen. Ich sagte: Was willst du wissen? Hierauf ent- 
gegnete er: Was hältst du von deiner Taufe in der 
Kindheit? Ich sagte: Ich halte gar nichts davon. Darauf 
fragte er, wo es geschrieben stände, daß man die Kin- 
der nicht taufen sollte. Ich sagte: Mk 16,16; Mt 28,19. 
Da wurde er über mich sehr unwillig und fragte mich: 
Was hältst du von den sieben Sakramenten? Ich erwi- 
derte: Ich habe niemals etwas davon gelesen. Darüber 
fragte er mich noch zwei- oder dreimal. Ich sagte: Da- 
von habe ich niemals etwas gelesen; aber ich glaube, 
daß Christus zur Rechten seines Vaters sitzt, dort hoffe 
ich bei ihm zu sein, wenn die Zeit erfüllt sein wird. 

Sodann fragte er mich nach der Ohrenbeichte. Ich 
erwiderte: Ich bekenne eine Beichte, aber ich halte 
nichts von der Ohrenbeichte, sondern ich beichte täg- 
lich vor meinem himmlischen Vater. Darüber wurde 
der Markgraf zornig und sagte, er wolle mich an einen 
Pfahl stellen oder ins Wasser werfen lassen. Ich ent- 
gegnete ihm, er solle mit mir tun, was er wollte; denn 
mein Fleisch sei dazu übergeben. Darauf sagte er mir, 
er wollte mir noch andere gelehrte Männer senden. 
Ich antwortete ihm, ich hätte meinen Glauben bei mir, 
wie ich es begehrte zu glauben. Er sagte: Du wirst es 
nachher wohl hören. Ich antwortete ihm: Und wenn 
ihr auch alle meine Glieder voneinander schneiden 
würdet, so hoffe ich, daß ich meinen Herrn und Gott 
nicht verleugnen werde. Da wurde der Markgraf samt 
seinen Ratsherren zornig über mich, denn es sagte ei- 
ner von den Ratsherrn, er wollte mich auf eine Galeere 
senden; aber ich erwiderte: Tut mit mir nach eurem 
Wohlgefallen. 

Darauf sagte der Markgraf: Ich will ihm nicht so viel 
Liebe erweisen, sondern wir wollen ihn an einen Pfahl 
stellen lassen; ich erwiderte: Ich bringe mein Urteil ja 
vor eure Augen, wobei ich ihm erzählte, daß, als ich 
das letzte Mal gefangen saß, mir bei Todesstrafe ver- 
boten worden sei, ein geistliches Lied zu singen, und 
daß ich mich hüten sollte, nicht unter solchen Men- 
schen erfunden zu werden; dieses aber sage nicht, als 
ob ich jetzt noch kühner geworden wäre, denn wenn 
mir dies auch zuvor niemals verboten gewesen wäre, 
so will ich meinen Herrn und Gott doch nicht verleug- 
nen. Darauf fragte mich der Markgraf: Gehört ihnen 
deine Mutter auch an? Ich antwortete ihm: Das sähe 
ich gern, und sagte ihm: Als ich zu spielen, mich trun- 


ken zu trinken und der Welt nachzufolgen pflegte, da 
ließ man mich in Ruhe, nun ich aber den Namen Got- 
tes recht bekenne, so verfolgt man mich; aber es geht, 
wie der Prophet Jesaja sagt: Die Wahrheit ist auf den 
Gassen gefallen; und Recht kann nicht einhergehen, 
und wer vom Bösen weicht, muss jedermanns Raub 
sein. 

Da sagte einer von den Ratsherren zu mir, hast du 
auch gestohlen? Darauf fragte ich ihn zwei- oder drei- 
mal: Hast du solches jemals von mir gehört? Aber 
er antwortete mir nicht darauf. Da redeten sie mir 
freundlich zu und sagten: Willst du dieses alles, das 
du hier geredet hast, widerrufen, so wollen wir dieses 
Papier in Stücke zerreißen und dir Gnade erweisen. 

Auch sagte der Markgraf: Erinnere dich doch, wie 
es deiner Schwester ergangen ist, welche ich auch in 
die Schelde habe werfen lassen; aber ich sagte, daß sie 
für die Wahrheit gestorben wäre, und was mich beträ- 
fe, so wollte ich meinen Herrn und meinen Gott, der 
mich erschaffen und gemacht hat, nicht verleugnen; 
ich will lieber, daß ihr tut, was ihr wollt. Darauf sagte 
der Markgraf: Meinst du, daß wir nicht auch lesen 
können; wir lesen auch täglich die Schrift; aber die- 
se Schuhflicker und Schneider wollen weiser sein als 
wir; ich bin sehr froh, daß wir dich in Händen haben, 
denn Gott der Herr hat dich ohne Zweifel in dieses 
Haus gesandt, damit ich Strafe an dir ausüben könn- 
te, woran ein anderer ein Beispiel und einen Spiegel 
nehmen kann; er gab mir auch viele Schimpfnamen 
und sagte: Du hast oft in meinem Hause gegessen 
und getrunken, es ist mir leid, daß ich dir nicht habe 
die Kehle zugeschnürt; er fragte mich auch: Wenn du 
nicht gefangen wärst, würdest du dich wieder taufen 
lassen? Darauf sagte ich ihm, willst du mich morgen 
frei lassen, so will ich mich bemühen, daß ich die Tau- 
fe empfange, denn solches kommt den Gläubigen zu. 

Darauf fragte er mich: Willst du nichts anderes be- 
kennen? Er fragte mich auch wegen der Fürsten und 
Herren, und wegen des Papstes zu Rom; darauf erwi- 
derte ich: Ich halte den allmächtigen Gott für meinen 
obersten Schöpfer und für meinen König; dann sag- 
te der Markgraf: Ich habe zu Hause ein Büchlein in 
Schmasche eingebunden; darauf antwortete ich: Mein 
Herr, das Büchlein hat mir zugehört, und wenn du 
dieses Büchlein liest, so wirst du darin unsern Glau- 
ben finden; er sagte: Sie sind zuerst von dem Papste 
zu Rom herausgekommen. Ich sagte: Dafür halte ich 
sie nicht, sondern es ist das Testament, das uns von 
Gott zu einem Andenken hinterlassen ist. Da ward er 
zornig und entrüstet auf mich, und sagte: Ich wollte, 
daß ich dich mein Leben lang nicht gesehen hätte, und 
fügte mit erzürntem Gemüte hinzu: Geh nun hinweg 
von hier, denn ich und diese Ratsherren sind zu dir 



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gekommen, um dich zu unterweisen; aber wir wollen 
dir andere gelehrte Männer zusenden. Da bedank- 
te ich mich sehr für die Mühe, die sie sich mit mir 
gegeben hatten. 

Meine lieben Freunde, ich fürchtete sie nicht, wie 
sehr sie mir auch drohten. Johannes in seinem 12. Ka- 
pitel, Vers 25 sagt: Wer sein Leben zu erhalten sucht, 
der wird es verlieren, wer es aber um meines Namens 
willen verliert, der wird es finden. Sie meinten mir 
viel Leids anzutun, aber ich fürchtete sie gar nicht; ich 
hoffe, bald vom Fleische erlöst zu sein. Meine lieben 
Freunde, fürchtet doch nicht diejenigen, die den Leib 
hier töten, sondern fürchtet den, der euch erschaffen 
und gemacht hat, und Macht hat, euch in das ewige 
und höllische Feuer zu werfen. 

Fliermit bleibt dem Herrn und der mächtigen Hand 
Gottes anbefohlen, derselbe wolle euch führen und 
bewahren, meine lieben Brüder und Schwestern in 
dem Herrn. Sie fragten mich auch, ob ich zur Seligkeit 
gelangen könnte, da ich die Taufe nicht empfangen 
hätte; darauf sagte ich: Ja, denn ich hoffe, der Herr 
werde meinen geneigten Willen ansehen, indem er 
auch Abrahams guten Willen angesehen hat. Brüder 
und Schwestern, bittet für mich, damit ich mit Gottes 
Hilfe standhaft bleiben möge bis ans Ende. Ich hoffe, 
ihr haltet mich auch für euern Bruder, obgleich ich 
nicht zur Vollkommenheit gekommen bin. 

Geschrieben von mir, Lorenz von der Leyen, den 
10. Juli 1559, zu Antwerpen. 

Ein kleines Glaubensbekenntnis. 

Ein kleines Glaubensbekenntnis wie auch ein Teil der 
Verhandlung, die ich, Lorenz von der Leyen, den 4. 
Juli 1559 mit den Ratsherren zu Antwerpen und dem 
Diakon von Ronse hatte; sollte ich hier alles erzählen, 
es würde zu weitläufig sein. 

Ein Bekenntnis des Glaubens und ein Bekenntnis 
des ewigen Gottes, der von Ewigkeit ist, und auch in 
Ewigkeit bleiben wird, ohne Anfang und Ende, der 
ist und war; derselbe ist ein ewiger Gott, und ist kein 
anderer; denselben bekenne ich, daß er ein ewiger 
Gott sei, nämlich ein ewiger Vater, und bekenne auch, 
daß sein einiger Sohn mit seinem ewigen heiligen 
Geiste einig sei. Also ist er ein vollkommener Gott 
und ist neben ihm kein anderer, nämlich Vater, Sohn 
und Heiliger Geist, ljoh 5. Nach meinem Glauben 
und nach dem Zeugnisse der Heiligen Schrift sind sie 
eins, Amen. Der allmächtige, ewige Gott, samt seinem 
ewigen allmächtigen Sohne, der auch das Wort des 
Vaters ist; diesem großen, unbegreiflichen, unsträfli- 
chen und unsichtbaren Gott, der durch sein ewiges 
Wort die Welt gemacht hat und ohne welchen nichts 


gemacht ist, was im Himmel und auf Erden ist; da 
das Unsichtbare sichtbar geworden ist, und dessen 
einigem Sohne, der auch das Wort des Vaters ist, sei 
Preis von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen. 

Von diesem müssen wir reden, von diesem ewigen 
Sohne, der bei dem Vater war, und mit ihm im Wesen 
oder göttlicher Gestalt war, durch welchen und mit 
welchem er in Ewigkeit gewirkt hat, denn durch ihn 
ist die Welt gemacht, und alles, was darin ist, und 
ohne ihn ist nichts gemacht. Diesem ewigen Sohne, 
der eins mit seinem ewigen Vater ist, der von Anfang 
der Kreatur Gottes, Offb 3, ohne Anfang und Ende ist, 
sei Preis und Herrlichkeit von Ewigkeit zu Ewigkeit, 
Amen. 

Denn als Gott den Menschen machte, so schuf er ihn 
nach seinem Bilde, und hat ihn zum Haupte über alle 
Dinge gesetzt, und hat ihm ein Gebot gegeben, wel- 
ches er nicht übertreten sollte. Aber der Mensch war 
gebrechlich, und der Teufel listig und ein Schalk; dar- 
um hat er es dem Menschen schön vorgemalt, und ihn 
dahin gebracht, daß er von seinem Glauben abgefal- 
len ist; und als der Mensch übertrat, wurde die Sünde 
in die Welt gebracht; dessen hat er sich geschämt und 
sich vor Gottes Angesicht verborgen, und so ist der 
Fluch über die ganze Welt gekommen, sodass Gott 
sagte: Verflucht sei die Erde um euretwillen! Also ist 
der Fluch auf dem Menschen geblieben, sodass nie- 
mand die Sünde versöhnen konnte, denn es war dem 
Menschen unmöglich, weil er durch das Fleisch ge- 
schwächt war, und, nach Inhalt der Heiligen Schrift, 
mit Fleisch, mit Sünden oder Schwachheiten und Ge- 
brechen umgeben war. Darum konnte kein Mensch 
die Sünde wegnehmen oder versöhnen, weil sie alle 
mit Sünden behaftet waren. Da es nun nicht möglich 
war, daß sie durch einen Menschen hätten versöhnt 
werden können, so hat Gott seinen ewigen Sohn ver- 
heißen, gleichwie er oft durch die Propheten zu dem 
Volke geredet hat, daß er Jesum, den Seligmacher, er- 
wecken wolle, welchen er durch viele Geschlechter 
hindurch verheißen hat, wie man Mt 1 geschrieben 
findet. Diese Verheißungen sind nun also erfüllt wor- 
den, von Abraham bis auf Isai, den Vater Davids, von 
David bis auf Jakob, Josephs Vater, und Joseph, den 
Mann Maria der reinen Jungfrau, welche Gott ehrte, 
dieselbe wartete auch auf die Verheißung, daß der Se- 
ligmacher erweckt werden sollte; darum war sie auch 
nicht ungläubig, als der Engel zu ihr sagte: Sieh, du 
wirst schwanger werden in deinem Leibe, und einen 
Sohn gebären, und sollst seinen Namen Jesus heißen; 
dieser wird groß sein und ein Sohn des Höchsten ge- 
nannt werden, Lk 1. Hieraus können wir versichert 
sein, daß die Verheißungen vollendet seien, welche 
er von Geschlecht zu Geschlecht verheißen hat, Mt 1, 



300 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


welche nun in diesem Geschlechte erfüllt sind; da- 
her ist das Wort erfüllt, Apg 13,22: Ich habe David 
gefunden, den Sohn des Isai, einen Mann nach mei- 
nem Herzen; er wird meinen Willen tun. Aus diesem 
Geschlechte ist der Seligmacher Jesus, der Sohn des 
allerhöchsten Gottes, geboren worden, wiewohl er 
schon zuvor war, aber er ist in der letzten Zeit offen- 
bart worden, um uns zu erlösen, und diejenigen, die 
zerstreut waren, zu versammeln, wovon Paulus sagt, 
daß er viele Verheißungen in der Heiligen Schrift von 
seinem Sohne gegeben habe, der aus dem Samen Da- 
vids nach dem Fleische geboren ist und sich kräftig 
erwiesen hat als ein Sohn Gottes nach dem Geiste, 
Rom 1. Ein Ratsherr sagte mir: Ist Christus nicht von 
dem Fleische Maria, so ist auch die Verheißung nicht 
erfüllt. Ich erwiderte: Es steht nicht geschrieben, daß 
Christus von dem Fleische Maria sei. Der Diakon sag- 
te mir: Es steht geschrieben; du lügst daran, denn es 
steht geschrieben: Das Heilige, das von dir geboren 
werden soll, wird Gottes Sohn genannt werden; fer- 
ner: Eine Jungfrau soll schwanger werden und einen 
Sohn gebären; dann: Daß er geboren sei aus dem Sa- 
men Davids nach dem Fleische. Ich antwortete: Mein 
Herr, es ist zwar wahr, aber es steht nicht so da, wie 
du gesagt hast. Hört, meine Herren, ich rufe euch zu 
Zeugen an; er hat mich geschmäht und einen Lügner 
gescholten. Ich sagte ihm: Dennoch steht es nicht so 
geschrieben. Er sagte noch einmal: Du lügst daran. Ich 
erwiderte, wenn ich dich einen Lügner heißen wollte, 
so lügst du ja selbst. Meine Herren, fuhr ich fort, hört 
Lk 1,22: Der Engel war von Gott zu einer Jungfrau 
gesandt, die einem Manne, genannt Joseph, aus dem 
Hause Davids, vertraut war, und der Name der Jung- 
frau war Maria; diese war noch eine reine Jungfrau, 
zu derselben kam der Engel und sagte: Gegrüßt seist 
du. Holdselige; der Herr sei mit dir, du bist gebene- 
deit unter den Weibern; du wirst schwanger werden 
in deinem Leibe und einen Sohn gebären, der wird 
groß sein und ein Sohn des Allerhöchsten genannt 
werden, und Gott der Herr wird ihm den Stuhl seines 
Vaters David geben, und sein Königreich wird kein 
Ende haben. Maria sprach: Wie soll das zugehen, in- 
dem ich von keinem Manne weiß? Der Engel sagte zu 
ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und 
die Kraft des Allerhöchsten wird dich überschatten, 
denn auch das Heilige, das geboren werden wird, soll 
Gottes Sohn genannt werden. Das sie empfangen hat, 
ist von dem heiligen Geiste, Mt 1. Es ist nichts davon 
geschrieben, daß er von dem Fleische Maria sei. Der 
eine Ratsherr sagte noch einmal: Die Verheißung ist 
noch nicht erfüllt. Aber ich sagte: Sie ist erfüllt; willst 
du mich hören, so will ich dir es sagen. Ich sagte ihm, 
daß der Seligmacher und Erlöser gekommen sei, und 


um unseretwillen hier vieles gelitten habe, gleichwie 
geschrieben steht, daß der Seligmacher Christus selbst 
gesagt habe, Joh 3: So sehr hat Gott die Welt geliebt, 
daß er seines eingeborenen Sohnes nicht verschont, 
sondern ihn für uns alle dahin gegeben hat, damit alle, 
die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern 
das ewige Leben haben, und also ist er in die Welt 
gekommen, Joh 3, und hat uns ein Beispiel gegeben, 
daß wir seinen Fußstapfen nachfolgen sollen, IPt 2. 
Ferner hat auch Zacharias recht geredet, Lk 1: Gelobt 
sei der Herr, der Gott Israels, denn er hat sein Volk 
heimgesucht und erlöst, und das Horn des Heils in 
dem Hause seines Dieners David aufgerichtet, wie er 
vor Zeiten durch den Mund seiner heiligen Propheten 
geredet hat, daß er uns von unsern Feinden und von 
der Hand aller derjenigen errette, die uns hassen, und 
unsern Vätern die Barmherzigkeit erzeigte und an sei- 
nen heiligen Bund, und an den Eid, den er unserm Va- 
ter Abraham geschworen hat, gedächte, uns zu geben, 
daß wir, erlöst aus der Hand unserer Feinde, ihm ohne 
Furcht unser Leben lang in Heiligkeit und Gerechtig- 
keit dienten. So findet man wohl, daß die Verheißung 
erfüllt ist; aber daß Christus von dem Fleische Maria 
sein sollte, findet man nicht geschrieben. Der Diakon 
von Ronse fragte mich: Wie ist er denn Fleisch ge- 
worden? Ich antwortete ihnen, daß derjenige, der von 
Ewigkeit bei seinem Vater gewesen, durch welchen al- 
le Dinge erschaffen und gemacht sind, die im Himmel 
und auf Erden find, alles Sichtbare und Unsichtbare, 
ja, der das lebendige Wort des Vaters selbst ist, der bei 
seinem Vater war, aus seinem hohen Reiche gekom- 
men, Mensch geworden, also in die Welt gekommen 
ist und uns mit seinem eigenen Blute erlöst hat, OJJh 1. 
Der Diakon fragte: Ist er denn verändert? Ich sagte 
ihm, wie geschrieben: Das Wort ist Fleisch geworden 
und wohnt unter uns, Joh 1. Der Diakon sagte zu mir: 
Du bist von der ärgsten Sekte, die jemals auf Erden 
war. Ich antwortete ihm, in Gegenwart aller Ratsher- 
ren, daß er von einer unflätigen Sekte wäre. Ich will 
es dir auch beweisen, daß ihre eine Sekte seid, denn 
ihr könnt mit des Herrn Wort nicht beweisen, daß ihr 
ein Pünktlein haltet, und Christus sagt: Alle Pflanzen, 
die mein himmlischer Vater nicht gepflanzt hat, sol- 
len ausgerottet werden (Mt 15,13). Ich fragte ihn, wo 
er von ihren Satzungen, die sie hielten, geschrieben 
fände, nämlich das Glockentaufen, Kronenschären, 
Wasserweihen, daß der eine in löcherigen Schuhen 
geht, der andere in Strümpfen, die keine Füßlinge 
haben, jeder nach seinem Sinne, welches alles doch 
außer dem Worte Gottes ist. Ferner sagte ich: Meine 
Herren, ich habe mich erboten, öffentlich vor dem 
ganzen Rate aus der Heiligen Bibel zu disputieren. 
Der Diakon sagte zu mir: Man wird dich mit einer 



301 


Kugel in deinem Munde in einen Sack stecken und 
ertränken. Ich erwiderte: Du Heuchler! Fürchtest du 
nicht des Herrn Wort, wie geschrieben steht: Er wird 
mit dem Atem seiner Lippen den Unbarmherzigen tö- 
ten, Jes 11,4; und abermals: Ein Mensch, der am Blute 
einer Seele unrecht tut, wird nicht erhalten, wenn er 
auch in die Hölle führe, Spr 28,17; wie wollt ihr der 
höllischen Verdammnis entfliehen, ihr Schlangen und 
Otterngezüchte (Mt 23,33)! Bessert euer Leben, und 
glaubt dem Evangelium, denn vielleicht habt ihr noch 
ein wenig Zeit übrig. Er fragte mich, woher ich wüsste, 
daß das Evangelium ein Evangelium sei. Ich antwor- 
tete ihnen: Das ist eine wunderliche Frage; wollt ihr 
mich aber anhören, so will ich es euch wohl sagen. 
Sollte ich nicht wissen, sagte ich, daß es das Evangeli- 
um sei, daß der allmächtige Gott dasselbe geredet und 
gelehrt habe: Tut Buße und glaubt dem Evangelium, 
Mt 4; Mk 1; Rom 1, und daß er aus seinem herrlichen 
Reiche gekommen sei, und so viel um unserer Sünden 
willen gelitten habe; ja, er, der reich war, ist arm ge- 
worden, damit wir durch seine Armut reich würden, 
2Kor 8,9, und hat die Menschen zu sich gerufen, damit 
sie ihm nachfolgten, (Mt 16,24); er hat auch seinen 
Aposteln anbefohlen, durch die ganze Welt zu pre- 
digen; wer daran glaubt, und getauft wird, soll selig 
werden, (Mt 28,19; Mk 16,15); und wer nicht daran 
glaubt, soll verdammt werden. Sie fragten, woher ich 
wüsste, daß seine Apostel dieses geschrieben hätten 
und sagten: Andere Menschen haben es gedruckt; du 
hast mit den Aposteln weder gesprochen, noch sie ge- 
sehen; woher weißt du es denn? Es sind noch andere 
Evangelisten, die du nicht gesehen hast; woher weißt 
du denn, daß dieses das Evangelium sei? Die Men- 
schen haben es nach ihrem Gutdünken aufgesetzt. 

O listiger Teufel, dachte ich in meinem Herzen, und 
sagte zu ihnen, die Heilige Schrift sei durch den Hei- 
ligen Geist eingegeben und nicht ohne den Heiligen 
Geist, denn Paulus sagt: Ich dürfte nicht etwas re- 
den, wenn dasselbige nicht Christus durch mich wirk- 
te, um die Heiden zum Gehorsam zu bringen durch 
Wort und Werk (Rom 15,18), und wie der Apostel Pe- 
trus sagt, daß keine Weissagung aus menschlichem 
Willen hervorgeb rächt wäre, denn die heiligen Men- 
schen Gottes haben, von dem Heiligen Geiste getrie- 
ben, geredet (2Pt 1,21). Also gibt uns der Heilige Geist 
Zeugnis, daß das Evangelium, welches wir haben, die 
Worte des lebendigen Gottes seien, die er uns gege- 
ben hat, damit wir darnach leben sollen, und so selig 
werden an dem letzten Tage, gleichwie geschrieben 
steht: Dieses ist geschrieben, daß ihr glaubt, Jesus sei 
Christus, der Sohn Gottes, und daß ihr durch den 
Glauben das Leben habt in seinem Namen (Joh 20,31). 
Ein Mönch fragte mich nach der Kindertaufe, ob ich 


dieselbe nicht für gut erkenne. Ich erwiderte: Sie ge- 
hört den Kindern nicht, sondern sie kommt den Gläu- 
bigen zu (Mk 16,16). Er sagte: Sind denn die Kinder 
verdammt? Ich antwortete: Nein, das Himmelreich ge- 
hört ihnen (Mt 19,14). Er sagte: Die nicht getauft sind, 
die sind verdammt. Ich antwortete: Solches steht nicht 
geschrieben, viel weniger, daß man die Kinder taufen 
soll. Er sagte: Es steht geschrieben. Ich antwortete: Es 
steht geschrieben, die Kinder haben keinen Glauben, 
aber sie sind des ewigen Lebens gewiss (Mt 19). Er 
sagte: Es steht geschrieben: Es sei denn, daß ihr wie- 
dergeboren werdet aus Wasser und Geist, werdet ihr 
nicht in das Reich Gottes kommen (Joh 3,3). Ich sag- 
te: Sie können nicht wiedergeboren werden, denn sie 
haben keine Sünde. Er sagte: Sie haben, denn es steht 
geschrieben, daß sie alle unter der Sünde seien. Ich 
fragte, welche Sünde die Kinder hätten? Er antwor- 
tete: Die Erbsünde. Ich fragte ihn, warum Christus 
gestorben wäre? Er erwiderte, daß er genug getan hat- 
te; aber wir müssten zuvor getauft werden, ehe die 
Erbsünde hinweggenommen würde. 

Ich sagte: Das ist wider Gottes Wort geredet, denn 
als Johannes den Herrn zu sich kommen sah, sag- 
te er: Siehe das ist Gottes Lamm, welches der Welt 
Sünden wegnimmt, dieser ist es, von dem ich gesagt 
habe: Nach mir kommt ein Mann, der vor mir ge- 
wesen ist (Joh 1,30), von welchem auch geschrieben 
steht, daß er unsere Sünden getragen habe an seinem 
Leibe aufs Holz (IPt 2,24), gleichwie auch Johannes 
sagt, daß er erschienen sei, unsere Sünden hinweg zu 
nehmen (ljoh 3,8). So sagt auch Paulus: Wir werden 
ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die 
Erlösung, welche durch Jesum Christum geschehen 
ist (Rom 3,24); ferner sagt Paulus, daß wir dem dan- 
ken sollen, der uns von der Obrigkeit der Finsternis 
errettet und uns in das Reich seines lieben Sohnes 
versetzt hat, durch welchen wir die Erlösung durch 
sein Blut, nämlich die Vergebung der Sünden haben 
(Kol 1,14). Auch sagt der Apostel: Er trägt alle Dinge 
mit seinem kräftigen Worte, und hat die Reinigung 
unserer Sünden durch sich selbst gemacht (Hehr 1,3); 
auch sagt Paulus abermals: Darum preist Gott seine 
Liebe gegen uns, daß Christus für uns gestorben ist, 
als wir noch Sünder waren, also werden wir um de- 
sto mehr durch ihn vor dem Zorne behalten werden, 
nachdem wir durch sein Blut gerecht wurden, und al- 
so mit ihm versöhnt sind (Rom 5,8); ferner sagt er: Wie 
durch eines Menschen Sünde die Verdammnis über 
alle Menschen gekommen ist, so ist auch durch eines 
Gerechtigkeit die Rechtfertigung des Lebens über alle 
Menschen gekommen (Rom 5,18); so sagt auch der 
Prophet Jesaja: Der Herr warf unsere Sünde auf ihn. 

Sie fragten mich, ob ich mich noch nicht bedacht hät- 



302 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


te. Ich fragte sie, worüber ich mich bedenken sollte. Sie 
sagten: Über deine Irrtümer. Ich sagte: Ich irre nicht, 
sondern ich verlasse mich auf den lebendigen Gott, 
auf sein heiliges Wort, und sonst auf nichts, und da- 
von will ich mich nicht scheiden lassen, denn Christus 
hat gesagt: Wer bis ans Ende beharrt, soll selig werden 
(Mt 24,13). Sie sagten: Soll denn niemand selig werden, 
als ihr, die ihr erst vor zwanzig oder dreißig Jahren 
angefangen gefangen habt, und unsere Gemeinde ist 
schon über vierzehnhundert Jahre alt und einträchtig 
geblieben; sollten wir nun alle verdammt sein? Ich ant- 
wortete: Das Wort des Herrn wird den Menschen am 
jüngsten Tag richten, welches eher war als eure Kirche 
und Gemeinde (Joli 12,48). Dasselbe ist uns durch sei- 
nen heiligen Geist gegeben, damit wir lehren und alles 
dasjenige unterhalten sollten, was er uns geboten hat 
(Mt 28,20). Die nun solches nicht unterhalten wollen, 
haben keine Verheißung des ewigen Lebens, sondern 
es wird ihnen Ungnade und Zorn, Trübsal und Angst 
widerfahren (Rom 2,8). Ja, er wird Rache ausüben über 
alle, die Gott nicht erkannten und dem Evangelium 
unsers Herrn Jesu Christi nicht gehorsam gewesen 
sind; diese werden Pein und das ewige Verderben 
leiden (2 Th 1,8-9). Darum müssen wir demjenigen 
glauben, was durch den Heiligen Geist gesprochen 
und geschrieben worden ist, gleichwie geschrieben 
steht: Alle Schrift, von Gott eingegeben, ist zur Lehre, 
zur Strafe, zur Besserung und zur Züchtigung nütz- 
lich, sodass ein Mensch Gottes zu allen guten Werken 
vollkommen geschickt sei (2Tim 3,16-17). Darum sind 
wir von der Heiligen Schrift, die wir haben, versichert, 
daß sie von den Aposteln durch den Heiligen Geist ge- 
schrieben worden sei, gleichwie Petrus sagt: Wir sind 
nicht den klugen Fabeln gefolgt, als wir euch die Kraft 
und die Zukunft unsers Herrn Jesu Christi verkün- 
digten, sondern wir haben seine Herrlichkeit selbst 
gesehen, als er von Gott dem Vater durch eine Stim- 
me, die zu ihm geschah, Ehre und Preis empfing: Dies 
ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe, 
den sollt ihr hören (Mt 17,5). Sollten wir denn diesen 
Worten nicht glauben, wo er sagt: Wir haben ein festes 
prophetisches Wort, und ihr tut wohl, daß ihr darauf 
achtet (2 Pt 1,19). Und so geben wir Achtung auf die- 
se Worte. Sie fragten mich nach dem Sakramente des 
Altars; ich antwortete, ich fände davon nichts geschrie- 
ben, sondern von einem Abendmahle, das der Herr 
mit seinen Aposteln gehalten hat, als die Zeit kam, da 
er das erfüllen sollte, weshalb er gekommen war, da- 
mit erfüllt werden möchte, was von ihm geschrieben 
steht, und daß er wieder dahin gehen sollte, woher er 
gekommen war. Als zwei Tage darauf Ostern war, sag- 
te er: Des Menschen Sohn wird überantwortet werden, 
um gekreuzigt zu werden, und seine Jünger fragten 


ihn: Herr, wo willst du, daß wir dir bereiten das Oster- 
lamm zu essen? Er nannte ihnen einen Platz, wohin 
sie gehen sollten, und ging mit ihnen. Als sie aßen, 
nahm er das Brot, dankte, brach es und sagte: Esst, das 
ist mein Leib; desgleichen auch den Kelch und sagte: 
Trinkt alle daraus; das ist mein Blut des neuen Testa- 
mentes, das für viele vergossen werden soll, das tut 
zu meinem Gedächtnis (Mt 26,19; Mk 14,17; Lk 22,14). 
Ich fragte sie auch: Aß ein jeder von ihnen seinen Leib, 
wie er daselbst bei ihnen war in Fleisch und Blut? Sie 
sagten: Ja, sie aßen daselbst sein Fleisch und tranken 
sein Blut. Ich fragte sie noch einmal: Wie aßen sie ihn, 
wie er bei ihnen war; aß ein jeder unter ihnen einen 
Christus? Sie sagten: Ja, wie er am Stamme des Kreu- 
zes hing. Ich sagte ihnen, er hätte ja nur einen Leib, 
und derselbe hätte zum Lösegeld für der Welt Sünde 
dahingegeben werden müssen, welcher auch in der 
Juden Hände überantwortet worden ist; dieselben ha- 
ben ihn an das Holz des Kreuzes aufgehängt und ihn 
getötet; also hat er uns mit seinem Blute erlöst, wie 
geschrieben steht (IPt 1,19). Er hat unsere Sünden auf 
sich genommen und an das Holz getragen (IPt 2,24). 
Sie sagten, sie hätten ihn nun auch ebenso, wie er am 
Kreuze gehangen hatte. Ich erwiderte: Ich glaube das 
nicht, daß ein solcher großer Herr von euch gegessen 
werden sollte, die ihr doch Gottes Wort widerstrebt, 
voller Bosheit, und des Herrn Wort ungehorsam seid; 
aber ich glaube, daß er gen Himmel aufgefahren sei, 
und zur rechten Hand Gottes, seines himmlischen Va- 
ters, sitze (Apg 1), von da erwarten wir ihn, daß er 
wiederkommen werde (Phil 3), und glaube, daß ihr 
ihn nicht habt; denn wenn ihr ihn noch einmal hättet, 
er müsste gewiss noch einmal gekreuzigt werden; dar- 
um darf man euch nicht glauben; ihr handelt ja alle 
wider das Wort Gottes. Man findet geschrieben, daß 
die Apostel ihr Abendmahl einträchtig im Glauben 
gehalten haben, alle eins gesinnt waren, und in demje- 
nigen standhaft blieben, was sie von Gott gesehen 
hatten; dennoch haben sie nicht gesagt und gelehrt, 
daß sie Christi Fleisch gegessen und sein Blut getrun- 
ken hätten, wie er an dem Kreuzesholze gehangen 
hat, sondern sie haben gelehrt, daß er gen Himmel 
aufgefahren sei und zur rechten Hand Gottes sitze 
(IPt 3,22; Mk 16). Dennoch haben sie alles durch die 
Kraft des Heiligen Geistes gelehrt, und sind standhaft 
geblieben in dem Glauben, den ihnen Gott geboten 
hatte. Darum kann man keinen andern Grund legen 
als den, der gelegt ist, welcher Christus ist (IKor 3,11), 
darauf haben auch seine Apostel ihren Grund gelegt 
und gesetzt, und ich will auch ohne Abweichen dabei 
bleiben. Darum habe ich zu ihnen gesagt: Wenn ihr 
mit mir aus der heiligen Bibel öffentlich reden und 
disputieren wollt, so will ich euch mit Gottes Wort 



303 


in allem zur Antwort bereit stehen, wovon ihr aus 
dem Worte des lebendigen Gottes reden wollt; wer 
recht hat, den soll man hören, wer Unrecht hat, der 
soll rufen und bekennen, daß er bis auf den heutigen 
Tag eine falsche Lehre gelehrt habe. 

Dieses ist ein kleiner Teil der Worte, die wir über- 
haupt mit den Ratsherren, dem Amtmanne und den 
Geistlichen gewechselt haben. 

Des Lorenz von der Leyen dritter Brief. 

Der Friede des Herrn sei mit euch, Amen. 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater 
und unserm Herrn Jesu Christo, der sich für unsere 
Sünden dahingegeben hat, damit er uns von dieser 
bösen gegenwärtigen Welt, nach dem Willen Gottes, 
unsers Vaters, erlöse, welchem sei Preis von Ewigkeit 
zu Ewigkeit, Amen. 

Einen freundlichen Gruß, samt dem Frieden des 
Herrn, an dich, meinen lieben Bruder Nathanael; ich, 
dein gefangener Bruder Lorenz, wünsche dir des 
Herrn Gnade zum Gruße, und lasse dich wissen, daß 
ich, dem Herrn sei Lob, dem Gemüte nach, sehr Wohl 
bin, wie ich denn auch, durch des Herrn Gnade, bis 
an das Ende so zu verharren hoffe, und also am Tage 
des Herrn zu erscheinen. Du sollst wissen, daß wir 
von Tag zu Tag auf unsers Fleisches Erlösung war- 
ten; ferner wisse auch, daß ich dir zwei Lieder sende, 
welche Lorenz, der Haubenmacher, in den Banden 
gemacht hat. Mein lieber Bruder, laß uns allezeit fest- 
halten, was wir erarbeitet haben, damit wir vollen 
Lohn empfangen, und laß uns von unserm Sinn nicht 
bewegt werden, denn wir sind gewiss, daß wir die 
Wahrheit haben, und es wird auch in Ewigkeit kei- 
ne andere erfunden werden, davon gibt uns unser 
Gewissen Zeugnis; es ist mir auch von Herzen leid, 
daß ich meine Zeit so lange mit der bösen Welt zu- 
gebracht und dieselbe nicht besser angewandt habe; 
obgleich ich aber erst unlängst angefangen habe, und 
gleichwohl nun gefangen bin, so hoffe ich doch das zu 
bewahren, was ich habe, und habe das Vertrauen zu 
des Herrn Gnade, daß er mich nicht verlassen werde. 

Wisse, lieber Bruder, daß ich viel mehr aus der 
Schrift geschrieben hatte, wenn du nicht selbst von 
Gott gelehrt wärest, und die Wahrheit wüsstest. Sieh, 
daß du darin bleibst; der Herr wolle dich und alle 
Freunde darin erhalten. 

Hiermit will ich dich dem Herrn anbefehlen und 
dem Worte seiner Gnade; wir zwölf, die wir miteinan- 
der gefangen sind, grüßen euch alle mit dem Frieden 
des Herrn. 

Andreas Langedul, Sander Henrichs, Anthonis 
Claeß, Hans de Luykener, Matthäus der Töpfer, Lo- 


renz von der Leyen, Lorenz, der Haubenmacher. Die 
Weiber: Adriaantgen, Jochems Weib, Kalleken, Lorenz, 
des Besenmachers Weib, Claertgen Bauns Weib, Cate- 
lyntgen Lorenz, des Haubenmachers Weib, Maeyken, 
Andreas Langeduls junges Weib, Grietgen Bonaven- 
tures, die alte Maeyken und Maeyken, die Kurze. 

Grüße mir doch alle Freunde sehr, insbesondere 
Tanneken und Pieryntgen in dem blinden Esel; Maey- 
ken, Andreas junges Weib lässt Tanneken sehr grüßen, 
Lorenz, der Haubenmacher, und sein Weib grüßen 
Pryntgen mit dem Frieden des Herrn. 

Ich, Lorenz, dein Bruder, sage dir gute Nacht, mein 
lieber Bruder, gute Nacht. 

Des Lorenz von der Leyen vierter Brief. 

Gnade und Friede sei mit dir von Gott dem Vater, und 
dem Herrn Jesu Christo. Gesegnet sei Gott, der Vater 
unsers Herrn Jesu Christi, der ein Vater der Barmher- 
zigkeit und ein Gott allen Trostes ist, der uns tröstet in 
all unserer Trübsal, damit wir auch diejenigen trösten 
mögen, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Tröste, 
womit wir von Gott getröstet werden. Denn wie wir 
des Leidens Christi viel haben, so werden wir auch 
durch Christum reichlich getröstet; haben wir aber 
Trübsal oder Trost, so geschieht es alles zum besten; 
ist es Trübsal, so geschieht es euch zum Trost und 
Heil, welches Heil sich auch erweist, wenn ihr mit 
Geduld dermaßen leidet, wie wir leiden, ist es Trost, 
so geschieht es euch auch zum Trost und Heil, und 
unsere Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen, 
daß, gleichwie ihr des Leidens Christi teilhaftig seid, 
so werdet ihr auch des Trostes teilhaftig sein. 

Einen freundlichen Gruß samt dem Frieden des 
Herrn an euch, meine lieben Brüder Nathanael und 
Lieven, ich empfehle mich euch sehr, und lasse euch 
wissen, daß ich noch wohlgemut bin. Gott sei Lob für 
seine große Gnade, die er so reichlich an mir erwie- 
sen, indem er mich von dieser gegenwärtigen argen 
Welt erlöst hat, und daß mir das Licht der Wahrheit 
geoffenbart worden ist, da ihr mich doch gesehen 
habt, als ich voll aller Bosheit war; ich danke dem 
Herrn aufs Höchste für meine Erleuchtung und hoffe 
auch, durch des Herrn Gnade, dabei zu bleiben. Denn, 
meine lieben Brüder, wisst, daß wir nichts von uns 
selbst haben, sondern es muss alles von dem Herrn 
kommen, indem er sagt: Wer sein Leben zu erhalten 
sucht, der wird es verlieren, und wer sein Leben um 
meines Namens willen verliert, der wird es erhalten. 
Denn wir haben einen Hohepriester, Jesum, den Sohn 
Gottes, der gen Himmel gefahren ist; darum lasset 
uns an dem Bekenntnis halten; denn wir haben nicht 
einen Hohepriester, der nicht mit unserer Schwach- 



304 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


heit Mitleiden haben könnte, sondern der versucht ist 
allenthalben, gleichwie wir, doch ohne Sünde. Darum 
lasset uns mit Freudigkeit zu dem Gnadenstuhle hin- 
zutreten, damit wir Barmherzigkeit empfangen und 
Gnade finden auf die Zeit, wenn uns Hilfe Not tun 
wird. Ach, meine lieben Brüder, weil wir die rechte 
Wahrheit haben und wissen, so lasst uns nicht davon 
abweichen, sondern lasst uns doch allezeit einen fes- 
ten Grund legen auf den Eckstein Jesum Christum, 
damit unser Bau fest gegründet werde, wenn wir ge- 
prüft werden (Eph 2,19). Gleichwie das Gold im Ofen, 
nämlich in aller Trübsal, es sei in oder außer Banden 
( Eph 6,11); denn der Satan sucht uns oft sehr zu quälen 
(Ofß 3,11). Darum lasst uns Zusehen, daß uns unsere 
Kronen nicht genommen werden; daß wir bereit sein 
mögen zu streiten, und den Helm des Heils auf dem 
Haupt haben, samt dem Schwert des Geistes. Liebe 
Brüder! Wer überwindet, wird alles besitzen, ja, wer 
überwindet, soll mit weißen Kleidern angetan wer- 
den, dann wird uns die Krone des Lebens bereitet sein. 
Ach, liebe Brüder, fürchtet euch nicht vor denen, die 
den Leib töten, sondern fürchtet vielmehr den, wel- 
cher, wenn er den Leib getötet hat, auch die Seele in 
die Hölle werfen kann. 

Meine lieben Brüder, ihr wisst, daß ich euch dieses 
aus Liebe geschrieben habe, nehmt meine geringen 
Einsichten zum Besten auf; ich sende euch auch ein 
Lied. Hiermit bleibt dem Herrn befohlen und dem 
Worte seiner Gnade; ich sage euch nochmals gute 
Nacht, gute Nacht, meine lieben Brüder, gute Nacht! 
Meine Mitgefangenen grüßen euch alle sehr herzlich. 
Auch grüßt Hans de Luykener seinen Bruder sehr 
herzlich; desgleichen lässt Anthonis Claeß Elschen 
Herts auch sehr grüßen. Grüßt uns alle Lreunde sehr, 
die den Herrn fürchten, und gedenkt der Gefangenen 
als Mitgefangene. Liebe Brüder, grüßt mir auch sehr 
herzlich Tanneken, Leonhard Lettersetzers Weib, und 
sagt ihr meinetwegen gute Nacht. 

Geschrieben den 25. Oktober 1559 von mir, Lorenz 
von der Leyen, auf dem Steine zu Antwerpen um des 
Zeugnisses Christi willen. 

Der strenge Befehl des Kaisers Karl des Lünften, 
der im September des Jahres 1550 gemacht und sechs 
Jahre später durch Philipp den Zweiten, König von 
Spanien, gegen die Taufgesinnten erneuert und be- 
festigt wurde (wie wir auf das Jahr 1556 ausführlich 
angegeben haben), wurde nun im Jahre 1560 durch 
den vorgenannten Philipp den Zweiten wiederum er- 
neuert und in den Niederlanden überall angeschlagen 
oder abgelesen. Siehe in der vorgemeldeten Verant- 
wortung Wilhelm des Ersten, Prinzen von Oranien, 
gegen seine Widersprecher, gedruckt 1569, Seite 165, 
ausgezogen aus dem großen Gesetzbuche der Stadt 


Gent. 

Dadurch (wie sich einsehen lässt) ist das Blutver- 
gießen, Würgen und Brennen der Heiligen aufs Neue 
hervorgerufen worden, wie an den nachfolgenden 
Märtyrern zu ersehen ist. 

Anthonis Claeß, Joris Tielemans und Johannes 
Becker, im Jahre 1560. 

Auch sind im Jahre 1560 zu Antwerpen drei Brüder, 
mit Namen Anthonis Claeß, Joris Tielemans und Jo- 
hannes Becker, als sie gefangen genommen, unter- 
sucht und gepeinigt wurden, alle standhaft bei ihrem 
Glauben und der bekannten angenommenen Wahr- 
heit geblieben, und sind also auf dem engen Wege 
nach dem neuen Jerusalem gereist; darum sind sie 
auch von denen, welche die Wahrheit beneideten, 
zum Tode verurteilt und in einem Waschzuber er- 
tränkt worden. Und gleichwie sie hier den zeitlichen 
Tod trinken mussten, so wird ihnen von Gott das ewi- 
ge Leben eingeschenkt werden. 

Peter aus Spanien, Gomer der Maurer, Jakob der 
Goldschmied, im Jahre 1560. 

In demselben Jahre haben auch noch drei fromme 
Brüder zu Antwerpen der Wahrheit mit dem Tode 
Zeugnis gegeben; unter diesen befand sich Peter, ein 
Spanier, welchen einige Jahre zuvor ein Bruder von 
Amsterdam, genannt Jakob Janß Ryntenberg, in Spa- 
nien angeredet und einige Mal von Gott und seinem 
Worte mit ihm gehandelt hat; zuletzt ist er mit ihm zu 
Schiff gegangen und nach Antwerpen übergefahren, 
nachdem er Weib und Kinder zu St. Lucas zurückge- 
lassen hat, in der Meinung, nach einiger Zeit wieder 
zu ihnen zu kommen, oder sie abzuholen. Als er nun 
zu Antwerpen ankam, haben sich die Brüder, weil 
er unbekannt war, anfänglich vor ihm gescheut, aus 
Furcht, sie möchten, weil er ein Spanier war, verraten 
werden; aber nachdem sie alles genauer untersucht 
und genügende Auskunft empfangen, ist er nicht al- 
lein in die Versammlung, sondern auch als ein Bruder 
und Mitglied der Gemeinde Gottes aufgenommen 
worden und hat die wahre, biblische Taufe auf sein 
Glaubensbekenntnis empfangen, das er selbst münd- 
lich vor der Versammlung in Aufrichtigkeit und Offen- 
herzigkeit ablegte. Nicht lange nachher, als er wieder 
nach Spanien ziehen wollte, um sein Weib und seine 
Kinder, desgleichen auch einige seiner Freunde und 
Bekannten zu gewinnen und zur rechten Erkenntnis 
der Wahrheit zu bringen, wurde er von dem Mark- 
grafen gefangen, welcher sich selbst darüber verwun- 
derte, daß er einen Spanier in seine Hände bekam. 



305 


Man hat ihn lange gefangen gehalten; auch haben die 
Spanier, welchen er in seiner Sprache die Wahrheit so- 
wohl mündlich als schriftlich klar vor Augen gehalten 
hat, sich seinetwegen viel Mühe gegeben, ihn (dem- 
ungeachtet) zum Abfall zu bringen. Aber er konnte 
keineswegs dazu bewogen werden, sondern hat sich 
bis ans Ende standhaft erwiesen und die Wahrheit 
samt der Liebe zu Gott freimütig bis in den Tod be- 
zeugt, gleichwie auch Gomer der Maurer und Jakob 
der Goldschmied, welche sämtlich um des Namens 
Christi willen in einem Waschzuber ertränkt worden 
sind. 

Doof Betgen, Betgen von Gent und Lysken Smits, 
im Jahre 1560. 

Auch sind in der Stadt Antwerpen drei gefangene 
Schwestern, nämlich Doof Betgen, Betgen von Gent 
und Lysken Smits zum Tode verurteilt und in einem 
Waschzuber ertränkt worden, weil sie von der Wahr- 
heit und der Liebe ihres Bräutigams nicht abweichen 
wollten, welches im Jahre 1560 geschehen ist. 

Leonhard Plovier, Janneken und Maeyken von 
Aachen, im Jahre 1560. 

Es war auch ein frommer Mann, genannt Leonhard 
Plovier, welcher ein Alter von 36 Jahren hatte, zu Mee- 
nen, in Flandern, geboren und daselbst wohnhaft war; 
er war ein Wolltuchhändler und weil er ein Mann 
war, welcher einen guten Namen hatte, und bei allen 
Menschen in einem guten Rufe stand, so ist er dazu 
erwählt worden, um den Wert der Wollentuche zu 
schätzen. 

Die vorgenannte Leonhard Plovier ist, durch Gottes 
Gnade, um das Jahr 1555 zur Erkenntnis der Wahr- 
heit gekommen. Als er aber wegen seiner Tüchtigkeit 
wieder dazu erwählt wurde, dieses Amt der Schät- 
zung fortzuführen, so hat er sich geweigert, den Eid 
zu leisten, und trotz seiner Weigerung waren doch sei- 
ne Mitgesellen mit ihm zufrieden und sagten: Komm 
nur mit uns auf das Stadthaus und laß dich sehen, 
denn sie dachten, der Amtmann würde nicht darauf 
achten; aber derselbe konnte seine Meinung nicht er- 
tragen; weshalb er von der Zeit an große Verfolgung 
hat erleiden und seinen Aufenthaltsort verheimlichen 
müssen; er ist sodann mit Weib und Kindern um das 
Jahr 1558 nach Antwerpen geflüchtet, wo sie sich mit 
der Seidenarbeit ernährten; da aber auch dort eine 
große Verfolgung entstand, so entschloss er sich, seine 
Wohnung nach Friesland zu verlegen und hat, als sie 
zu Antwerpen ein volles Jahr gewohnt hatten, sein 
Weib mit seinen vier Kindern vorausgeschickt, in der 


Absicht, ihnen nachzufolgen, sobald er seine Geschäf- 
te verrichtet haben würde. Darauf ist er mit seiner 
Kaufmannsware nach dem kalten Ipermarkte gereist, 
und als er von da nach Antwerpen wieder zurück- 
kehrte und sich dort etwas verweilte, hat er gehört, 
daß der Markgraf ausziehen würde, um diejenigen zu 
fangen, die nicht nach ihren Satzungen leben wollten. 
Der vorgenannte Leonhard nun ist zur Stadt hinaus- 
gegangen, um einige seiner Glaubensgenossen in der 
Nacht zu warnen; bei dieser Gelegenheit ist ihm der 
Markgraf mit seiner Begleitung begegnet, und auf ge- 
schehene Anrede merkte er aus seiner Sprache, daß er 
kein Mann ihres Schlages wäre, worauf er ihn gefragt, 
ob er ein Testament bei sich hätte, und als er mit ja 
antwortete, haben sie ihn gefangen genommen und 
nach Antwerpen auf den Stein gebracht. Als seine 
Eltern, seines Weibes Vater, der zu Meenen wohnte 
und ein angesehener Mann war, dieses in Erfahrung 
brachten, sind sie in Eile mit des Leonhards Mutter 
nach Antwerpen gekommen; der Vater glaubte, ihn 
durch seine Klugheit oder durch Geschenke an den 
Markgrafen aus dem Gefängnisse zu erretten, und 
berichtete, daß sein Tochtermann Leonhard zu Ant- 
werpen nicht wohne, sondern nur dahin gekommen 
sei, um seine Geschäfte zu verrichten. Der Markgraf 
hat ihnen gute Worte gegeben, und zu der Mutter, 
welche einige Nächte bei ihrem Sohne auf dem Stei- 
ne gewesen war, gesagt: Gehe nur nach Hause, euer 
Sohn wird bald aus dem Gefängnisse kommen. Des- 
halb sind sie abgereist, in der Meinung, man würde 
ihnen ihr Versprechen halten. Als aber seine Eltern 
fort waren, haben sie den Leonhard verhört und nach 
seinem Glauben, insbesondere nach seiner Taufe ge- 
fragt, welche er ihnen freimütig bekannt und bei der 
rechten angenommenen Wahrheit zu bleiben begehrt 
hat, wobei er weder sein Weib noch ihre vier Kinder 
berücksichtigte, wiewohl er dieselben sehr lieb hat- 
te, wie solches aus sechs Briefen zu ersehen, welche 
er aus dem Gefängnisse an sie geschrieben hat, von 
denen hier zwei beigedruckt sind. 

Nach einer kurzen Gefangenschaft ist dieser from- 
me Bruder Leonhard mit zwei jungen Töchtern, ge- 
nannt Janneken und Maeyken von Aachen, verurteilt 
worden, ertränkt zu werden, welches Urteil auch voll- 
zogen worden ist. Man hat sie in Säcke gesteckt, in 
Weinfässer getan und so auf dem Steine ertränkt. Dies 
ist in der Nacht, ungefähr 14 Tage vor Ostern des Jah- 
res 1560 geschehen (den Anfang des Jahres von Neu- 
jahrstag an gerechnet). Als einige von seinen Glau- 
bensgenossen vernommen, daß der fromme Mann 
Leonhard Plovier mit Janneken und Maeyken von Aa- 
chen ihr Opfer in jener Nacht tun würden, sind sie 
gekommen und haben vor der Türe des Steins (das 



306 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


ist, des Gefängnisses) gehorcht; der eine derselben 
hieß Joost Rose, ein anderer Kestine von Damme; bei- 
de haben davon ein gutes Zeugnis abgelegt und sind 
zu Franeker in Friesland gestorben. Also sind diese 
drei vorgemeldeten frommen Zeugen Jesu Christi, wie 
Gold im Feuer, geläutert worden, und weil sie treu 
erfunden worden sind, so werden sie die ewige Krone 
der Ehren und der Freuden, wie alle Heiligen Gottes, 
empfangen, Amen. 

Das Obige ist von dem Sohne des vorgemeldeten 
Leonhard beschrieben und als wahr bestätigt worden. 

Ein Brief des Leonhard Plovier an sein Weib 
geschrieben. 

Sehr geliebtes und wertes Weib Maeyken, nebst herz- 
lichem Gruße, wisse, daß es um mich, dem Gemüte 
nach, noch wohl stehe, und daß ich auch, dem Flei- 
sche nach, noch wohl sei, wie ich denn auch hoffe, 
daß ihr euch alle ebenso befindet. Es ist mir aber 
auch sehr angenehm gewesen, zu hören, daß dein 
Gemüt entschlossen sei, dem Herrn in aller Gerechtig- 
keit nachzufolgen; denn wir wissen nicht, wann uns 
der Herr heimsuchen wird, daß wir vor dem Richter- 
stuhle Christi offenbar werden müssen, wo ein jeder 
seinen Lohn empfangen wird, nachdem er getan hat, 
es sei gut oder böse. Darum, liebe Maeyken, schicke 
dich, dem Evangelium Christi gehorsam zu sein, ehe 
der Tag kommt, denn er wird kommen, wie ein Dieb 
in der Nacht; das ist der rechte Weg, der zum ewigen 
Leben führt; er ist dir ja zu Zeiten gezeigt worden, 
und ist auch in keinem andern irgend ein Heil zu fin- 
den, denn Christus sagt: Ich bin der Weg, die Wahrheit 
und das Leben, so laß uns suchen, der Wahrheit zu 
folgen und auf diesem Wege zu wandeln, damit wir 
das Leben haben mögen; denn es steht geschrieben, 
daß der Herr kommen wird, herrlich zu erscheinen, 
mit seinen Heiligen, und wunderbar mit allen Gläubi- 
gen, und zur Strafe denen, die dem Evangelium nicht 
gehorsam gewesen sind, welche Pein und das ewi- 
ge Verderben von dem Angesichte des Herrn leiden 
werden. Und wenngleich, liebe Maeyken, bisweilen 
Trübsal, Angst und Verfolgung entsteht, ja, Bande und 
Gefängnis unserer harren, wie man täglich an uns und 
an anderen sieht, die der Wahrheit gehorsam sein wol- 
len, so laß uns gleichwohl nicht aufhören, auf diesem 
Wege zu wandeln, oder der Wahrheit nachzukommen, 
denn Christus sagt: Die Welt wird sich freuen, ihr aber 
werdet traurig und betrübt sein; doch eure Traurig- 
keit soll in Freude verwandelt werden. Darum, liebe 
Maeyken, siehe doch nicht auf Vater oder Mutter oder 
Kinder, noch auf etwas, das zur Welt gehört; denn 
Christus sagt: Wer etwas lieber hat als mich, der ist 


meiner nicht wert; wer Sohn oder Tochter mehr liebt 
als mich, der ist meiner nicht wert; denn fleischlich ge- 
sinnt sein ist der Tod, ja, eine Feindschaft wider Gott, 
weil es dem Gesetze Gottes nicht untertan ist. Das aber 
heißt fleischlich gesinnt sein, wenn man Vater, Mut- 
ter, Kinder, oder etwas, das der Welt angehört, mehr 
liebt als Gott, oder wenn man um deswillen unterlässt, 
der Wahrheit nachzufolgen, oder um zeitlicher Nah- 
rung, zeitlichen Verlusts willen, oder weil wir viele 
Kinder haben, aus Fürsorge, wie wir ihnen die Kost 
gewinnen werden. Christus sagt: Sucht zuerst das 
Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, so wird euch 
alles, was euch nötig ist, zugeworfen werden. Darum 
wendet hierin allen Fleiß an, meine liebe Maeyken, 
solches begehre ich von dir von Herzen, darum bitte 
ich dich auch; ferner lasse ich dich wissen, daß ich auf 
dem Jahrmärkte gewesen sei, und als ich wieder zu 
Antwerpen ankam, sind wir (nämlich ich und unser 
Vetter Henrich) vor Antwerpen hinausgegangen, als 
es schon etwas spät war, und als wir in der Nähe der 
Stadt kamen, sind uns die Stadtdiener (oder Büttel) 
begegnet; diese haben uns ergriffen, so daß wir oh- 
ne Kränkung unseres Glaubens ihren Händen nicht 
entrinnen konnten. Darum, liebe Maeyken, obgleich 
ich durch des Herrn Schickung gefangen worden bin, 
so werde doch nicht kleinmütig, und betrübe dich 
nicht zu sehr darüber; ich weiß zwar wohl, daß du 
betrübt sein wirst, aber betrübe dich nicht allzu sehr, 
damit du dadurch nicht bettlägerig werdest, oder dir 
eine Krankheit zuziehst; denn es geschieht ja doch 
um der Wahrheit willen; was aber mein Fleisch sehr 
beschwert, ist, daß ich dich und die Kinder verlas- 
sen muss, daß ich dir nicht helfen kann, ihnen die 
Kost zu verdienen, und für sie Sorge zu tragen, auch 
daß du nicht gesinnt bist, wie ich; doch hoffe ich, es 
wird mit der Zeit geschehen. Darum, liebe Maeyken, 
wende allen Fleiß an, dem Evangelium gehorsam zu 
sein, daß, wenn wir auch einander dem Fleische nach 
nicht mehr sehen sollten, wir doch einst einander fin- 
den mögen; ich hätte wohl noch einmal dich sehen 
und mit dir reden mögen, aber die Zeit wird wohl 
zu kurz sein; auch würde es dir und mir hart ankom- 
men, voneinander zu scheiden, da es mir jetzt schon 
hart fällt, obgleich wir miteinander nicht reden, aber 
wir müssen Gott über alles lieben und lieber alles, 
als Gott verlassen. Darum, wenn du hierher kommst, 
oder dein Gemüt so gesinnt, so wende allen Fleiß an, 
der Wahrheit nachzukommen, und die Kinder in der 
Furcht des Herrn aufzuziehen. Hiermit sei dem Herrn 
befohlen. Geschrieben zu Antwerpen in Banden, des 
Sonntags abends nach dem Ipermarkte, von mir, Leon- 
hard R, deinem Manne. Grüße mir sehr den Franse, 
und daß er den Herrn für mich bitten wolle, daß ich 



307 


es zu des Herrn Preise bis ans Ende ausführen möge. 

Ein Testament des Leonhard Ploviers, welches er 
seinen Kindern hinterlassen hat, als er, um des 

Herrn Worts willen, zu Antwerpen gefangen lag, 
woselbst er im Anfänge des Jahres 1560 sein Leben 
gelassen hat. 

Liebe und werte Kinder N. deines Alters, indem (ich) 
euer Vater von euch genommen wurde, nicht um ei- 
ner Übeltat, sondern um des Zeugnisses Jesu willen, 
und euch bis in den Tod liebte, auch wollte, daß ihr, 
wenn ihr euren Verstand erlangt haben würdet, eure 
Seligkeit suchen möchtet, wie uns Christus gelehrt hat, 
so habe ich euch eine kleine Ermahnung geschrieben, 
damit, wenn ihr zu eurem Verstände kommt, ihr euch 
dessen erinnern und eure Seligkeit suchen könnt. 

Darum, liebe Kinder, seht, daß ihr eurer Mutter ge- 
horsam seid, und sie in Ehren haltet, denn es steht 
geschrieben: Ehre Vater und Mutter, damit du lan- 
ge lebest auf Erden, und es dir wohl gehe; denn wer 
Vater oder Mutter flucht, der soll des Todes sterben. 
Widerstrebt oder widersprecht nicht, seid auch nicht 
zänkisch, sondern freundlich; lügt auch nicht, denn 
es steht geschrieben: Der Mund, der da lügt, tötet die 
Seele; indem ein Lügner keinen Teil am Reiche Got- 
tes hat, ja, sein Teil wird sein in dem feurigen Pfuhle. 
Auch müsst ihr fleißig die Hand anlegen und eurer 
Mutter die Kost verdienen helfen. Übet euch auch ein 
Buch in der Hand zu haben, damit ihr, wenn ihr euren 
Verstand erreicht habt, eure Seligkeit suchen mögt. 
Seid auch allezeit vorsichtig mit euren Worten, wie es 
Kindern zusteht, und wenn ihr zu eurem Verstände 
gekommen seid, so nehmt ein Testament in die Hand 
und seht, was uns Christus darin hinterlassen und 
geboten hat, denn alle Schrift, von Gott eingegeben, 
ist gut zur Lehre, zur Strafe, zur Besserung, zur Züch- 
tigung in der Gerechtigkeit, daß ein Mensch Gottes 
vollkommen und zu allen guten Werken geschickt sei, 
denn die heilsame Gnade Gottes ist allen Menschen 
erschienen und züchtigt uns, daß wir das ungöttli- 
che Wesen und die weltlichen Lüste verleugnen, und 
züchtig, gerecht und gottselig in dieser Welt leben 
sollen; denn der Mensch lebt nicht allein vom Brote, 
sondern von einem jeden Worte, das aus dem Mun- 
de Gottes kommt. Seht, lieben Kinder, daß des Herrn 
Wort eine Speise der Seelen sei, wovon die Seele le- 
ben muss, und wer sein Leben nach diesen Worten 
nicht einrichtet, dem ist die ewige Verdammnis zuge- 
sagt, wie Christus sagt: Wahrlich, wahrlich, ich sage 
euch, es sei denn, daß jemand von neuem geboren 
werde, kann er das Reich Gottes nicht sehen. Darum 
sagt Christus: Tut Buße, und glaubt dem Evangelium, 


denn die Axt ist schon den Bäumen an die Wurzel 
gelegt; ein jeder Baum, der nicht gute Früchte bringt, 
wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Darum, mei- 
ne lieben Kinder, seht doch zu, damit ihr der Strafe 
entflieht, denn welche dem Evangelium nicht gehor- 
sam sind, die sollen Pein leiden, das ewige Verderben 
von dem Angesichte des Herrn. 

Ach, liebe Kinder, seht doch, welch eine Strafe wird 
über denjenigen kommen, der dem Evangelium nicht 
gehorsam ist, nämlich: Ewiglich des Angesichts Got- 
tes zu ermangeln und ewiglich Pein zu leiden. Darum, 
liebe Kinder, macht euch doch fertig, weil ihr gute 
Zeit habt, und obgleich denen etwas Leiden und Trüb- 
sal begegnet, die dem Evangelium gehorsam zu sein 
suchen, so wird es doch gegen dasjenige, das ewig 
ist, nicht lange dauern, denn wir müssen durch viel 
Leiden und Trübsal ins Reich Gottes eingehen. Darum 
sagt Petrus: Lasst euch die Hitze, die euch begegnet, 
nicht befremden (die euch widerfährt, daß ihr ver- 
sucht werdet), als widerführe euch etwas Seltsames, 
sondern freut euch, daß ihr mit Christo leidet, damit 
ihr auch zur Zeit der Offenbarung seiner Herrlichkeit 
Freude und Wonne haben mögt. Auch musste Chris- 
tus, unser Lehrer und Meister, selbst durch Leiden 
und Trübsal in das Reich Gottes eingehen; deshalb 
ist auch der Knecht nicht besser als sein Meister, son- 
dern es soll dem Knechte genug sein, daß er ist wie 
sein Meister. Darum sagte er, daß er nicht gekommen 
sei, Frieden zu bringen, sondern das Schwert, denn er 
hat vorhergesehen, daß die Welt denselben nicht hat 
ertragen können, gleichwie sie von Anfang her den- 
selben nicht hat ertragen können, denn sie haben von 
Anfang her die Propheten verfolgt, obgleich sie sich 
rühmten, daß Gott ihr Vater sei; gleichwohl konnten 
sie das Gute nicht ertragen, was ihnen die Propheten, 
nebst ihren Warnungen, gesagt haben; darum haben 
sie dieselben auch verfolgt, ja, gesteinigt und getötet, 
gleichwie sie auch Christum nicht erkannt haben, da 
er doch so viele Zeichen und kräftige Taten unter ih- 
nen getan hatte, sondern haben ihn gekreuzigt. Ach 
liebe Kinder! Nehmt es doch zu Herzen, was Paulus 
sagt: Diejenigen, die gottselig leben wollen, müssen 
Verfolgung leiden; unterlasst doch darum nicht, eu- 
re Seligkeit zu suchen, denn dieses Leiden ist doch 
nicht mit der Herrlichkeit zu vergleichen, die an uns 
offenbar werden soll, und wie des Leidens Christi viel 
über uns kommt, so werden wir auch reichlich getrös- 
tet durch Christum, denn es steht geschrieben: Sieh, 
der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis werfen, 
und ihr werdet Trübsal haben zehn Tage, aber sei ge- 
treu bis in den Tod, dann will ich dir die Krone des 
Lebens geben; denn weil du das Wort meiner Geduld 
behalten hast, so will ich dich auch vor die Stunde der 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Versuchung behalten, die über den ganzen Weltkreis 
kommen wird, um diejenigen zu versuchen, die auf 
Erden wohnen. 

Sieh, ich komme bald; halte, was du hast, damit 
dir niemand deine Krone nehme. Wer überwindet, 
den will ich zum Pfeiler machen in dem Tempel mei- 
nes Gottes; er wird nicht mehr heraus gehen; ich will 
den Namen meines Gottes auf ihn schreiben, ja, den 
Überwindern will ich zu essen geben von dem Holze 
des Lebens, das im Paradiese Gottes ist; denselben 
soll kein Leid geschehen von dem andern Tode. Wer 
überwindet, soll mit weißen Kleidern angetan wer- 
den, und ich werde seinen Namen aus dem Buche des 
Lebens nicht tilgen, und ich werde seinen Namen be- 
kennen vor meinem Vater und vor seinen Engeln. Wer 
überwindet, dem will ich geben, mit mir auf meinem 
Throne zu sitzen, gleichwie ich überwunden habe, 
und mit meinem Vater auf seinem Thron gesessen 
habe. 

Ja, liebe Kinder, seht doch, welch schöne Verheißun- 
gen den Überwindern zugesagt sind. Darum fürchtet 
doch nicht die Menschen, die uns hier eine kurze Zeit 
Leiden antun, denn nach dieser Trübsal werden wird 
doch unter dem Altar von all unserer Arbeit, samt 
denen ruhen, die auch um des Wortes Gottes willen 
getötet worden sind und werden mit vielen tausend 
Heiligen erscheinen, die mit weißen Kleidern angetan 
sind und Palmen in ihren Händen halten, und mit 
lauter Stimme rufen werden: Heil sei dem, der auf 
dem Throne unseres Gottes sitzt, und dem Lamme. 
Sie wird nicht mehr hungern oder dürsten; es wird 
auch nicht die Sonne auf sie fallen, oder irgendeine 
Hitze, den der Herr wird ihr Licht sein, und wird 
alle Tränen von ihren Augen abwischen, dort wird 
keine Nacht sein, auch bedürfen sie keines Kerzen- 
lichts noch des Lichtes der Sonnen, denn Gott, der 
Herr, wird sie erleuchten, und sie werden regieren 
von Ewigkeit zu Ewigkeit. 

Darum, liebe Kinder, nehmt doch dieses zu Herzen, 
seht auf diese schönen Verheißungen, die den Über- 
windern gegeben sind, und nicht denen, die abfallen, 
denn diese sind in die Erde geschrieben. So hütet euch 
denn, liebe Kinder, daß ihr ja den Herrn fürchtet, weil 
euch der Herr Zeit gibt, denn er wird kommen, wenn 
man sich dessen nicht versieht. Darum wacht und 
wartet auf ihn, weil seine Zukunft nahe ist. 

Dieses ist das Testament, das ich euch hinterlasse. 
Geschrieben zu Antwerpen auf dem Steine, wo ich 
um des Zeugnisses Jesu willen gefangen lag. Von mir, 
eurem Vater, Leonhard Plovier. 


Claes Felbinger und Hans Leytner, im Jahre 1560. 

Im Jahre 1560 ist der Bruder Claes Felbinger, oder 
Schlosser, ein dienstwilliger Diener des Wortes Got- 
tes, der noch in der Probe stand, mit einem andern 
Bruder, welcher Hans Leytner hieß, nicht weit von 
Neumark in Bayern auf den ersten Tag nach Judica, 
in den Fasten, gefangen genommen worden, als sie 
um des Glaubens willen sich auf der Flucht befan- 
den. Man hat sie nach Neumark geführt, dort sind sie 
von dem Richter und seinen Beisitzern zweimal ver- 
hört und insbesondere wegen der Kindertaufe gefragt 
worden; als sie aber klar und deutlich sich erklärten, 
daß Christus dieselbe nicht befohlen habe, sondern 
lediglich die Taufe der Erwachsenen, die das Wort 
Gottes hören, verstehen, glauben und annehmen, so 
haben sie dieselben des andern Tages früh auf einen 
Karren gesetzt, und mit Reitern und Trabanten nach 
Landshut geschickt, wo sie einen jeden in ein beson- 
deres Gefängnis gelegt, und Claes mit einer Kette in 
demselben festgeschlossen haben. Nachher ist der Rat 
zusammen gekommen, hat sie vor sich gefordert oder 
kommen lassen, und viel mit ihnen gehandelt, aber 
nichts ausrichten können. 

Sodann haben sie ihnen zwei Gelehrte, nämlich 
zwei Predigermönche zugeordnet; dieselben haben 
mit ihnen vom Sakramente und von der Kindertau- 
fe verhandelt, und warum sie von der päpstlichen 
Kirche abgegangen wären; die Brüder aber antwor- 
teten ihnen aus Gottes Wort, daß sie von derselben 
ausgehen mussten. 

Darum haben sie ihnen nachher mit der Folter zuge- 
setzt und sie sehr ausgespannt, insbesondere, als sie 
wissen wollten, wo sie geherbergt hätten und wohin 
ihre Reise ginge. Aber Claes sprach: Wir sind nicht 
schuldig, euch solche Dinge zu sagen. Sie fragten: 
Warum? Er antwortete: Weil ihr ihnen ihr Eigentum 
nehmen, sie darum peinigen und umbringen würdet, 
und euch daran versündigt. Sollten wir denn diejeni- 
gen verraten, die uns Gutes tun? Wir verraten selbst 
unsere Feinde nicht, warum denn unsere Freunde? Sie 
sagten: So hören wir denn nicht auf, euch zu peinigen, 
bis ihr es uns sagt. Sie ließen sie noch lange auf der 
Folterbank liegen, bis der Scharfrichter selbst für sie 
bat und sagte: Lasset doch ab, denn wenn sie auch 
den ganzen Tag gepeinigt würden, so erfahrt ihr doch 
nichts von ihnen. 

Der Richter wurde darauf sehr entrüstet, nannte sie 
Schelme und daß sie andere verdammten; aber der 
Bruder Claes sagte: Wir verdammen niemanden, son- 
dern eure Sünden verdammen euch, wenn ihr davon 
nicht absteht; solches bezeugen wir nach der Wahr- 
heit. 



309 


Der Oberrichter fragte: Was ist die Wahrheit? Der 
Bruder sprach: Du verstehst es doch nicht, wenn ich 
dir es auch sage, denn du weißt so viel, was Wahrheit 
ist, als Pilatus, der ebenso fragte. 

Nachher hat man zwei Doktoren von den Mönchen, 
welche neun Meilen abwohnten, zu ihnen gesandt, 
die auf viele und mancherlei Weise es versuchten, sie 
von der Wahrheit abzuziehen, die aber damit nichts 
ausgerichtet haben. In gleicher Absicht sind auch der 
Kanzler und die Obrigkeit in Landshut einmal zu ih- 
nen gekommen und haben ihnen zugesetzt; sie haben 
dieselben aber in ihrem Glauben standhaft befunden 
und haben ihnen mit ihrer falschen Lehre und verfüh- 
rerischen Ratschlägen nichts abgewinnen können. 

Darauf sind abermals zwei Pfaffen und auch ein 
Doktor der Schrift zu ihnen gekommen und haben 
mit ihnen einen heftigen Wortstreit wegen der Kinder- 
taufe gehalten, aber Claes hat ihnen mit der Heiligen 
Schrift kräftig widerstanden und sie von sich getrie- 
ben. 

Nach der Zeit ist der Kanzler mit einigen Prediger- 
herren zu ihnen gekommen, und hat sie mit Frömmig- 
keit zu bewegen gesucht; aber sie haben allen Pforten 
der Hölle ritterlichen Widerstand geleistet, weil sie 
versichert waren, daß sie in der göttlichen Wahrheit 
ständen, welche sie getreulich und aufrichtig vertei- 
digten und sagten, sie wollten in der Einfalt Chris- 
ti dabei bleiben. Darauf sagte der Kanzler zu dem 
Bruder Claes: Bist du einfältig? Das kann ich nicht 
glauben, ich denke, es sollten wohl hundert Vorkom- 
men, ehe einer kommt, der sich so verantworten kann 
wie du, aber ich halte dich für einen Schwärmer, wie 
man deren nun viele findet, die ohne richtige Ansich- 
ten umherlaufen. Sie haben aber ihren Glauben ohne 
Scheu bekannt und verteidigt, und Gott gab ihnen sol- 
che Weisheit, daß ihnen die andern nicht widerstehen 
konnten. 

Endlich sind sie von den Pilatuskindern zum Tode 
verurteilt worden. Dem Bruder Claes wurde die Zun- 
ge festgebunden, damit er auf dem Richtplatze nicht 
mit dem Volke reden möchte, doch wurde das Band 
an der Zunge zuletzt so viel gelöst, daß die beiden 
Brüder einander zusprechen konnten. 

Hans Leytner, der von dem Scharfrichter zuerst 
vorgenommen, sprach zu dem Claes: Lieber Bruder, 
wenn du etwa durch meinen Tod erschreckt werden 
solltest, so tritt lieber zuerst vor, dann will ich bis 
zuletzt warten; aber der Bruder Claes antwortete: O 
nein! O nein! Ich entsetze mich nicht darüber. Hierauf 
streckte Hans seinen Hals unverzagt aus und wurde 
enthauptet, sodass es Claes imerschrocken und unver- 
zagt ansah, als hätte es ihn nicht betroffen; dann trat 
er auch vor, kniete nieder und übergab sein Haupt, 


welches ihm, wie den andern, um seines Glaubens wil- 
len abgeschlagen worden ist. Also haben diese beiden 
der Wahrheit Gottes mit ihrem Blute Zeugnis gege- 
ben, welches den zehnten Tag des Monats Juli 1560 
geschehen ist. 

Joris und Joachim. 

Im Jahre 1560 wurden zu Antwerpen zwei fromme 
Christen, genannt Joris und Joachim, vor Gericht ge- 
bracht. Als nun dieselben als Schlachtschafe vor den 
Herren standen, fragte der Schultheiß den Joris, ob er 
wiedergetauft wäre. Er antwortete: Ich bin nach der 
Lehre Christi getauft, gleichwie er seinen Aposteln 
befohlen und gesagt hat: Geht hin und predigt allen 
Völkern; wer da glaubt und getauft wird, soll selig 
werden; darum müssen sie zuvor unterrichtet werden 
und glauben, und nachher im Namen des Vaters, des 
Sohnes und des Heiligen Geistes getauft werden. 

Der Schultheiß fragte Joachim auch, ob er getauft 
wäre. Er antwortete: Ich halte mich an eine Taufe, an 
einen Glauben, an einen Herrn und an einen Gott. 

Darauf haben sie die Herren nach des Königs Befeh- 
le verurteilt. Joachim sagte (als er sein Urteil anhörte): 
Meine Herren, wir danken euch, daß ihr euch mit 
uns so viel Mühe gebt; Gott wolle euch die Blindheit 
eures Herzens vergeben und euch zur Erleuchtung 
kommen lassen. 

Als sie vom Gerichte gingen, sagten sie: Wir schä- 
men uns des Evangeliums nicht, und als sie über die 
Straße gingen, fingen sie an zu singen: 

Ich hab' dich stets, o Herr! in meinem Sinn, 

Mein' Seel' verlanget immer zu dir hin. 

Darauf sprach Joachim: Fürchtet nicht diejenigen, 
die den Leib töten, denn einst, wenn sie trauern, wer- 
den wir uns erfreuen. 

Also sind sie als Riesen im Glauben durch die enge 
Pforte zu dem neuen Jerusalem eingedrungen, und 
als sie an den Ort kamen, wo ihr Brandopfer gesche- 
hen sollte, gaben sie einander den Kuss des Friedens. 
Als sie am Pfahle standen, sagte Joachim: O Vater! 
Du wollest es ihnen vergeben, die uns dieses Leiden 
antun; aber wir danken dir, daß du uns gewürdigt 
hast, um deines Namens willen zu leiden, und darum, 
o Herr, stehe uns bei und nahe dich uns mit deiner 
Hilfe in dieser letzten Not. Joris sagte: Herr! Du weißt, 
wie ich dich und mein Heil gesucht habe, und darum 
muss ich nun sterben; darum, o Herr, nimm mich auf 
in Gnaden. Ferner sagte er: Ihr Bürger von Antwer- 
pen, fürchtet euch nicht, wenn wir um der Wahrheit 
willen sterben; Christus, unser Herr, ist uns vorange- 



310 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


gangen, und wir müssen ihm folgen. Darauf haben 
sie angefangen, das Abschiedslied zu singen: 

»Gut' Nacht, ihr Brüder und Schwestern,« und ha- 
ben so, als sie ihren Geist in Gottes Hände befohlen, 
beide ihr Leben im Feuer geendigt; nun liegen sie un- 
ter dem Altäre und warten, bis sie mit dem weißen 
Seidenkleide angetan werden, wo sie wie die Sonne 
in des Vaters Reiche leuchten werden, wo ihnen der 
neue Wein und das Himmelsbrot zugeteilt werden 
wird. 

Wilhelm, der Schneider. 

Zu Antwerpen wurde im Jahre 1560 ein Bruder, ge- 
nannt Wilhelm, der Schneider, um der Wahrheit wil- 
len gefangen genommen und zum Tode verurteilt. 

Als er nun vor Gericht gebracht wurde, fragte der 
Schultheiß, ob er wiedergetauft sei. Er antwortete: 
Warum fragt ihr nach meiner Taufe, und nicht nach 
meinem Leben und Glauben, dann könntet ihr nach- 
her ein rechtes Urteil über mich fällen, und dieses Volk 
könnte demselben nachfolgen. Der Schultheiß fragte 
abermals, ob er nicht wiedergetauft sei. Wilhelm er- 
widerte: Du begehrst ja nur ein Wort, und ich habe 
doch zuvor ein Bekenntnis abgelegt; richte recht, und 
überlege die Sache wohl. Der Schultheiß fragte noch 
einmal, ob er wiedergetauft sei. Wilhelm entgegnete: 
Du hast mich solches zuvor allein gefragt; darf ich 
dich nun auch etwas fragen? Der Schultheiß sprach: 
Gib erst Bescheid, dann will ich es dir sagen. Wilhelm 
sagte: Ich wollte, daß du einmal an den Tag däch- 
test, der wie ein Ofen brennen wird, wo die Gottlosen 
wie Stroh vergehen werden. Ferner sagte er: Mk 16 
steht geschrieben: »Wer glaubt und getauft wird , soll se- 
lig werden.« Der Schultheiß sagte: Darnach fragt man 
dich nicht. Wilhelm sprach: Die Kinder können nicht 
glauben, darum habe ich mich auf meinen Glauben 
taufen lassen. Da gingen die Herren hinein, und Wil- 
helm sagte zum Volke: Tut Buße und bessert euch. 
Der Schultheiß verbot ihm das Reden; aber er sag- 
te: Lasst mich doch reden, denn es wird nicht lange 
mehr währen; sofort kamen die Herren wieder, und 
Wilhelm sagte: Meine Herren, richtet nicht nach des 
Königs Befehle, wenn ihr nicht verloren gehen wollt, 
sondern denkt an den Tag, welchem niemand ent- 
gehen kann, an welchem ihr euch beklagen werdet, 
es sei denn, daß ihr euch bekehrt. Darauf wurde er 
verurteilt, und man las ihm sein Urteil vor; sodann 
wurde er, wiewohl es noch sehr früh des Morgens 
war, auf den Markt gebracht, an einem Pfahle erwürgt 
und verbrannt; also hat er sich als ein tapferer Ritter 
Christi durchgestritten. 


Hans Korbmacher, Georg Raeck und Eustachius 
Kuter. 

In eben demselben Jahre 1560 ist der Bruder Hans 
Korbmacher, ein Diener des Wortes Gottes und seiner 
Gemeinde (der sehr oft zum Werke des Herrn ausge- 
sandt worden ist), den ersten Freitag nach Martini im 
Bayerlande, bei Rosenhaus, um des Glaubens und des 
Wortes Gottes willen mit Georg Raeck, einem Diener 
in weltlichen Angelegenheiten, und noch einem Bru- 
der, genannt Eustachius Kuter, gefangen genommen 
worden; welche man sämtlich nach Innsbruck geführt 
hat, wo sie der Obrigkeit überliefert worden sind. Den 
Hans Korbmacher, weil er ein Diener war, führte man 
nach Fülleburg; daselbst hat man ihn in einen tiefen 
Turm gebracht, in welchem viele Würmer und Tiere 
waren; die Fledermäuse sind um ihn herumgeflogen; 
die Mäuse haben ihm seine Speise weggetragen; auch 
haben sich viele Gespenster bei ihm gezeigt, sodass 
es jemanden, der kein festes Vertrauen auf Gott hatte, 
hätte erschrecken können. 

Wenn die Obrigkeit mit ihm reden wollte, so hat 
sie ihn bei seinem Namen rufen lassen, daß er sich 
schnell bereiten und zum Leiden fertig machen soll- 
te. Die andern beiden Brüder hat man zu Innsbruck 
in den Kräuterturm gelegt; sie haben auch alle drei 
bis ans Ende des sechzigsten Jahres gefangen gelegen. 
Auf den zweiten Januar hat die Obrigkeit den Hans 
Korbmacher, den Eustachius und den Georg Raeck, 
einen jeden insbesondere, streng verhört, in welchem 
Verhöre sie viele Artikel treulich verantwortet haben, 
welche man nebst ihrem Bekenntnisse darüber aufge- 
schrieben hat; dieses Protokoll ist sodann nach Wien, 
als auch an andere Orte als etwas Neues geschickt 
worden. 

Darauf sind sie abermals in die vorgemeldeten Tür- 
me und Gefängnisse gebracht worden, und haben 
darin bis an den Freitag nach St. Veitstag, welches 
der dreizehnte Tag des Monats Juni war, gelegen, an 
welchem Tage ihnen das Leben abgesprochen worden 
ist. Als nun das Urteil über sie gefällt wurde, haben 
sie, in Gegenwart einer großen Volksmenge, den Her- 
ren des Gerichts und den Geschworenen freimütig 
erklärt, und ihnen bezeugt, daß das Urteil und Ge- 
richt, welches dieselben über sie vor dem Angesichte 
Gottes fällten, weil sie unschuldiges Blut verurteil- 
ten, als ein Zeuge ihrer Verdammnis dastehen würde, 
und als jene sagten, daß sie nach des Kaisers Befehle 
und Verordnungen richten müssten, sagte Hans Korb- 
macher: O blinde Richter! Man soll ja nach seinem 
eigenen Herzen und Gewissen richten, wie man es 
vor Gott zu verantworten gedenkt; wenn ihr nun nach 
des Kaisers Befehle richtet und urteilt, wie wollt ihr 



311 


das vor Gott verantworten? Auch sagte Eustachius: 
Was geht uns des Kaisers Befehl an? Statt daß ihr uns 
denselben vorlest, lest unser Bekenntnis vor, das wir 
mit der heiligen, göttlichen und biblischen Schrift be- 
kräftigt haben, daß es die rechte Wahrheit Gottes sei, 
weshalb wir leiden müssen. Also haben sie unverzagt 
geredet und das Volk zur Buße ermahnt. Als man nun 
zuerst die Brüder Georg Raeck und Eustachius aus 
dem Richthaus führte, fing Georg an, dem Volke zu- 
zurufen, sie sollten Buße tun, von Sünden abstehen 
und auch auf diesen Weg der Wahrheit treten, denn es 
wäre die Wahrheit, um deretwillen er heute gerichtet 
werden sollte. 

Darauf wurde Hans Korbmacher auch vorgeführt, 
sodass sie auf dem Richtplatz mit großer Freude zu- 
sammenkamen und Gott lobten. Da ging ein Bruder, 
Leonhard Dax, zu ihnen, gab ihnen die Hand und 
nahm Abschied von ihnen, worüber sie aufs Höchste 
erfreut waren und Gott priesen, weil sie noch einen 
Frommen gesehen hatten, der ihren Abschied den Brü- 
dern und der Gemeinde verkündigen könnte. Darauf 
fing der Diener Hans Korbmacher an, dem Volke zu- 
zureden und es zu ermahnen, daß sie sich von ihren 
Sünden bekehren und der Wahrheit Gottes nachfolgen 
sollten, damit sie nicht verdammt, sondern in Christo 
Jesu selig werden möchten; ja, er hat seine Stimme 
unverzagt erhoben und gesagt: Was ich gelehrt und 
bekannt habe, ist die göttliche Wahrheit, und das will 
ich mit meinem Blute bezeugen. Er hörte nicht auf, 
Buße zu verkündigen, sodass der Richter einige Male 
sagte: Ei, Hans, halte doch ein wenig ein! Er hielt dann 
zwar ein wenig ein, aber hat sofort wieder angefan- 
gen zu reden, sodass er fast ganz heiser vom Reden 
wurde; sie haben auch das Volk aufs Dringendste zur 
Besserung ermahnt; man hinderte sie nicht im Reden, 
sondern ließ sie genug reden, desgleichen haben sie 
auch ein herzliches Gebet zu Gott getan, ihn gelobt 
und gepriesen, daß er sie bis dahin wohlgemut und 
standhaft erhalten hätte, baten ihn auch, daß er sie 
ferner bis an den Tod (der nun nahe wäre) treulich 
erhalten, und ihren Geist, wenn nun Leib und Seele 
voneinander scheiden würden, in seine Hände auf- 
nehmen wolle. 

Man las dann ihr Todesurteil ab, welches unter an- 
dern hauptsächlich folgende Artikel enthielt; erstens: 
Sie glauben nicht, daß der heilige Leib Jesu Christi 
im Sakramente sei, sondern halten das Abendmahl, 
wie es Christus mit seinen Jüngern gehalten hat. Zwei- 
tens: Sie halten nichts von der Kindertaufe, sondern 
halten nur von der Taufe der Erwachsenen, wie ih- 
nen Christus befohlen hat. Drittens: Sie halten auch 
den Ehestand; denselben haben sie bekannt und dem- 
selben nicht widersprochen, und dergleichen mehr. 


welche aufgeschrieben und vorgelesen worden sind; 
ferner auch, was sie von der römischen Kirche hielten 
und bekannten; dieses Bekenntnis hat der Richter so 
nachteilig für dieselben, wie es ihm immer möglich 
war, aufgesetzt. 

Nachher führte man sie auf den Richtplatz, genannt 
der Schweinsacker, bei den Schafshütten; hier wur- 
den Eustachius, der dem Fleische nach schwach und 
krank war, zuerst enthauptet; nach ihm trat der Bru- 
der Georg Raeck heiter zum Scharfrichter und rief mit 
fröhlichem Herzen: Hier verlasse ich Weib und Kind, 
Haus und Hof, Leib und Leben um des Glaubens und 
der Wahrheit Gottes willen. Darauf kniete er nieder 
und ist auch vom Scharfrichter enthauptet worden. 

Hans Korbmacher wurde bis zuletzt aufbehalten, 
welcher, als er die beiden andern enthauptet liegen 
sah, die Worte sprach: Meine Brüder, die ihr über- 
wunden habt, sollt alles ererben. Dann nahm ihn der 
Scharfrichter, band ihn auf die Leiter, zündete das 
Feuer an und warf ihn lebendig hinein; die andern 
beiden Leichname legte der Scharfrichter auch auf 
einen Haufen Holz und verbrannte sie zu Pulver und 
Asche. 

Also haben sie den Glauben an Christum mit ihrem 
Worte, ja, mit Leib und Blut freiwillig und geduldig 
bezeugt, und dabei bekannt, daß Gott ihnen solche 
Kraft als einen Segen gegeben habe. So reisten sie aus 
dieser Welt nach dem ewigen Vaterlande mit einem 
festen Vertrauen. 

Soetgen von der Houte und Martha, im Jahre 1569. 

In diesen Zeiten ist auch eine fromme Frau, genannt 
Soetgen von der Houte, den Verfolgern der Wahrheit 
in die Hände gefallen, sodass sie nach schwerer An- 
fechtung und strengem Gefängnisse den 27. Novem- 
ber 1560 in der Stadt Gent den Glauben der ewigblei- 
benden Wahrheit mit ihrem Tode und Blute bezeugt 
und befestigt hat, und mit ihr noch eine Weibsperson, 
genannt Martha. Auch hat Soetgen von der Houte 
bezeugt, daß ihr Mann zuvor die Kelter des Leidens 
auch tapfer getreten und die Wahrheit mit Nachdruck 
bezeugt, auch sein Leben dafür gelassen habe, wie 
dieses ihr nachstehendes Testament klar ausweist. 

Ein Testament von Soetgen von der Houte, welches 

sie ihren Kindern David, Betgen und Tanneken 
zum Andenken und als das beste Gut hinterlassen, 

welches sie mit ihrem Tode zu Gent in Flandern 
befestigt hat. Im Namen des Herrn. 

Gnade, Friede und Barmherzigkeit von Gott, dem Va- 
ter und dem Herrn Jesu Christo, wünsche ich euch. 



312 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


meinen lieben Kindern, zum angenehmen Gruße, Da- 
vid, Betgen und Tanneken, geschrieben in Banden von 
eurer Mutter, auch zu einem Andenken der Wahrheit; 
ich hoffe ihr sowohl mit Worten, als mit dem Tode 
durch des Höchsten Hilfe Zeugnis zu geben, euch zu 
einem Beispiele. Die Weisheit des Heiligen Geistes 
wolle euch darin unterrichten und stärken, damit ihr 
in des Herrn Wegen auferzogen werden mögt, Amen. 

Ferner, meine lieben Kindlein, weil es dem Herrn 
so gefällt, mich aus dieser Welt zu nehmen, so will 
ich euch ein Andenken zurücklassen, nicht von Sil- 
ber oder Gold, denn solche Juwelen sind vergänglich; 
aber ich wollte gern ein Juwel in euer Herz schreiben, 
wenn es möglich wäre, welches das Wort der Wahrheit 
ist. Darin will ich euch ein wenig Unterricht erteilen 
mit dem Worte des Herrn, nach der geringen Gabe, 
die ich nach meiner Einfalt vom Herrn empfangen 
habe. 

Zuerst ermahne ich euch, meine Geliebtesten, daß 
ihr euch allezeit von denen unterrichten lassen wollt, 
die den Herrn fürchten, dann werdet ihr Gott gefal- 
len, und er wird euer Vater sein und euch nicht als 
Waisen lassen, solange ihr der guten Ermahnung und 
Unterwerfung gehorcht und den Herrn fürchtet. Denn 
David sagt: »Wer ist, der den Herrn fürchtet? Er wird ihn 
unterweisen den besten Weg;« und ferner sagt er: »Siehe, 
des Herrn Auge sieht auf die, die ihn fürchten, die aufsei- 
ne Güte hoffen, damit er ihre Seele vom Tode errette. Der 
Engel des Herrn lagert sich um die her, die ihn fürchten.« 
Fürchtet den Herrn, ihr, seine Heiligen, denn die ihn 
fürchten, haben keinen Mangel; die Furcht des Herrn 
ist der Anfang aller Weisheit. 

Darum, liebe Kindlein, lernt doch den Herrn fürch- 
ten, dann werdet ihr Weisheit empfangen. Der wei- 
se Mann sagt: Ein weiser Sohn lässt sich unterwei- 
sen; wer die Züchtigung und Unterweisung liebt, der 
wird verständig werden; ein weiser Sohn fürchtet und 
scheut das Arge. Ein weiser Sohn erfreut den Vater, 
aber ein törichter Sohn beschämt seine Mutter; wer 
mit den Weisen umgeht, der wird weise, aber wer der 
Narren Gesell ist, der wird ihnen gleich. Wer die Züch- 
tigung und Unterweisung fahren lässt, der verwirft 
seine eigene Seele; aber wer die Bestrafung hören will, 
der wird klug. 

Ach, meine Geliebtesten! Wollet nicht weichen von 
der Züchtigung. Der weise Mann sagt: »Züchtige dei- 
nen Sohn, zveil noch Hoffnung zu ihm ist.« 

Darum, meine Geliebtesten, betrübt euch nicht, 
wenn ihr gezüchtigt werdet, und redet nicht unfreund- 
lich wider diejenigen, die euch strafen. Eine gelinde 
Antwort stillt den Zorn, aber ein hartes Wort richtet 
Grimm an; wenn man euch unfreundlich anredet, so 
lernt freundlich antworten, dann werden euch alle 


Menschen lieben, denn Sanftmut und Demut ist Gott 
und den Menschen angenehm. 

Ferner, meine lieben Kindlein, ermahne ich euch, 
daß ihr euch vor den Lügen hütet, denn die Lügner ha- 
ben keinen Teil im Reiche Gottes; auch steht geschrie- 
ben: Lügenhafte Lippen sind vor Gott ein Gräuel und 
wessen Mund lügt, dessen Seele soll sterben. Darum, 
meine vielgeliebten Kindlein, hütet euch doch davor, 
denn wer mit Lüge umgeht, wird von niemandem 
geliebt. 

Meine lieben Kindlein, bewahrt dieses in euren Her- 
zen, meine lieben Schäflein, bewahret eure Zunge, 
daß sie nichts Übles rede; begehet auch keinen Betrug 
mit euren Lippen, verleumdet auch nicht hinterwärts, 
denn dadurch kommt Streit und Uneinigkeit; Paulus 
aber lehrt uns, mit allen Menschen, wenn es möglich 
ist, Frieden zu halten. 

Meine Geliebtesten, behaltet dieses von eurer Mut- 
ter, daß ihr euren Eltern und denen gehorsam seid, 
deren Brot ihr esst, auch allen, die euch in der Tugend 
unterrichten; seid allezeit fleißig euer Werk zu tun, 
wo ihr seid, denn Paulus sagt: Wer nicht arbeiten will, 
soll auch nicht essen. 

Ferner steht geschrieben: Schafft mit euren Händen 
etwas Gutes, damit ihr etwas dem Dürftigen zu ge- 
ben habt. Darum kehrt oder wendet euer Angesicht 
nicht von dem Armen; wer seine Ohren vor dem Ge- 
schrei der Armen verstopft, der wird rufen und nicht 
erhört werden; Tobias aber lehrt seinen Sohn: Sohn, 
hast du viel, so gib reichlich, hast du wenig, so gib 
doch das wenige mit treuem Herzen; ein Almosen 
von seiner Arbeit ist Gott angenehm. Der weise Mann 
sagt: Almosen treibt Sünde aus. Ferner liest man von 
Cornelius und Tobias, daß der Engel sagte: Dein Ge- 
bet und Almosen sind ins Andenken vor den Herrn 
gekommen, den du mit Tränen batest, und verließest 
deine Mahlzeiten, um die Toten zu begraben. 

Darum seid ernstlich im Gebete und liebt den Ar- 
men, denn Christus ist um unseretwillen auch arm 
gewesen. Darum seid auch barmherzig, wie euer Va- 
ter im Himmel barmherzig ist, denn solche sind selig 
und werden Barmherzigkeit erlangen; lernt auch von 
Herzen sanftmütig und demütig sein, denn solche 
sind selig und werden das Erdreich besitzen; selig 
sind, die reines Herzens sind, denn sie werden Gott 
schauen. 

Darum, meine lieben Kindlein, lasst keine unreinen 
Gedanken in eurem Herzen bleiben, sondern seid mit 
Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern be- 
schäftigt, dann werden die bösen Gedanken keinen 
Raum haben; lasst auch kein faules Geschwätz aus 
eurem Munde gehen, denn von all dergleichen muss 
man Rechenschaft geben. 



313 


Ferner, meine Geliebtesten, wo ihr auch seid, haltet 
euch zu den Geringen und achtet euch selbst nicht 
für weise, sondern lasst euch allezeit von denen un- 
terrichten, die über euch sind, und wenn andere re- 
den, so schweigt allezeit. Demütigt euch unter alle 
Menschen, denn wer sich selbst erhöht, soll erniedrigt 
werden; wer sich selbst erniedrigt, soll erhöht wer- 
den. So hat auch Christus, der der Größte ist, sich 
selbst zum Geringsten gemacht, uns zum Vorbilde, 
desgleichen steht auch geschrieben: Je größer du bist, 
desto mehr demütige dich, dann wirst du Gott ange- 
nehm, denn die große Herrlichkeit Gottes wird von 
den Demütigen geehrt. 

Meine Kindlein, seid auch in allen Geschäften ge- 
recht, denn auf dem Wege der Gerechtigkeit ist das 
Leben, und auf dem gebahnten Pfade ist kein Tod. Es 
ist den Gerechten eine Freude, zu tun, was recht ist, 
aber eine Furcht den Übeltätern; ferner, erwählt euch, 
mit eurer Hände Arbeit euch zu ernähren und euer 
Brot in Frieden zu essen; trachtet nicht nach dem Han- 
del, bekümmert euch auch nicht um großen Gewinn; 
es ist besser wenig mit der Furcht Gottes, als große 
Schätze mit Unfrieden; ein trockener Bissen Brot in 
Ruhe ist besser, als viel geschlachtete Tiere in Unruhe. 

Meine lieben Kindlein, liebt auch weder üppige 
Speisen, noch den Wein; wer köstliche Mahlzeiten 
begehrt, wird nicht reich; sondern seid mit der Arbeit 
eurer Hände zufrieden. 

Übervorteilt auch niemanden, sondern seid zufrie- 
den mit dem, was billig ist, wie ihr an mir gesehen 
habt, solange ihr eure Notdurft erwerben könnt; seid 
niemandem beschwerlich, es ist besser zu geben, als 
zu nehmen. Paulus sagt auch: Wenn ihr Nahrung und 
Decke habt, so lasst euch begnügen. 

Deshalb, meine lieben Kindlein, nehmt hieran ein 
Beispiel, und wandelt allezeit auf des Herrn Wegen 
in Mäßigkeit und Dankbarkeit, wie ihr mich oft von 
Daniel, von Sadrach, Mesach und Abednego lesen 
gehört habt; diese waren von dem Könige von Ba- 
bel erwählt, daß sie von demselben Weine und von 
derselben Speise, die der König an seiner Tafel aß, auf- 
erzogen werden sollten, daß sie schön sein möchten, 
um dem Könige zu dienen; aber sie begehrten nichts 
als Gemüse und Wasser; sie wollten mit Mäßigkeit 
und Dankbarkeit ihres Vaters Gebote und Gesetze un- 
terhalten in der Furcht Gottes; sie waren auch schöner 
und fetter als diejenigen, die von des König üppigen 
Speisen aßen. Sie wandelten so treulich in des Herrn 
Wegen und gefielen in ihrem Bitten und Flehen dem 
Herrn so gut, daß Gott durch sie große Dinge getan, 
und sie aus der Löwengrube und aus dem feurigen 
Ofen errettet hat. So hat auch Joseph, als er in Ägyp- 
ten verkauft wurde, weder üppige Speise, noch Wein 


begehrt, als ihn die ägyptischen Weiber zu verführen 
suchten, sondern er fürchtete Gott, und der bewahrte 
ihn; er war mit seiner Mäßigkeit und mit seinem Ge- 
bete bei Gott angenehm, sodass er zum Obersten in 
ganz Ägypten gesetzt wurde. 

Meine lieben Kindlein, nehmt hieran ein Beispiel 
von eurer Jugend an, dann werdet ihr Gott gefallen, 
und er wird euch vor aller Verführung bewahren. 

Ach meine Schäflein! Ihr seid noch in eurer Jugend, 
in eurer Kindheit; ihr habt noch euren Teil in eures Va- 
ters Reiche; seht zu, daß ihr es wohl verwahrt, daß ihr 
nicht wie Esau handelt, der das Erbteil seiner ersten 
Geburt für eine Schüssel Mus hingab, und den Se- 
gen seines Vaters nicht achtete; er gab es hin für eine 
vergängliche Speise; aber Jakob hat das bessere Teil er- 
wählt, und war Gott und seinem Vater gehorsam und 
wandelte in des Herrn Wegen mit aller Gerechtigkeit. 

Meine Geliebtesten, trachtet nach Unterricht, damit 
ihr unterwiesen werden mögt, welches der rechte Weg 
sei, denn nun steht euch bevor, das Leben oder den 
Tod, Gutes oder Böses zu erwählen; was ihr nun er- 
wählen werdet, das wird euch gegeben werden; näm- 
lich, habt ihr eure Lust an dem Bösen, sodass ihr die 
Ergötzlichkeit der Welt erwählt, wovon alle Ungerech- 
tigkeit herkommt, nämlich Lügen und Betrügen, Spie- 
len, Tauschen, Schwören, Fluchen, Afterreden, Hass, 
Neid, Saufen, Fressen, Geschwätz, Tanzen , so erwählt 
ihr den Tod, denn obgleich solches vor der Welt nicht 
als Sünde geachtet ist, sondern für eine Ergötzlichkeit, 
so ist es gleichwohl ein Gräuel vor des Herrn Augen. 

Darum, sag ich, meine lieben Kindlein, seht zu; habt 
ihr eure Lust an allen solchen Werken, so verkauft ihr 
eure erste Geburt oder eures Vaters Erbteil für eine 
Schüssel Mus, nämlich für ein wenig zeitliche Wol- 
lüste, und diese führen euch zur Verdammnis; merkt 
darauf, ob nicht der große Haufen diesen Weg zu ge- 
hen erwählt; darum hat Esdras wohl recht gesagt, daß 
man viel mehr Erde fände, irdene Gefäße zu machen, 
als Gold, um güldene Gefäße zu machen; und wie der 
großen Wellen im Meere mehr sind als der Tropfen 
so werden derer mehr sein, die verdammt werden 
sollen; viele sind berufen, aber wenige auserwählt, 
weil sie ihres Rufes nicht wahrnehmen; denn Christus 
sagt: »Meine Schafe hören meine Stimme, und sie folgen 
mir nach;« diese aber folgen dem großen Haufen der 
Gottlosen und der falschen Propheten. 

Darum sagt Jesaja: »Die Hölle hat ihren Rachen weit 
aufgetan, um die Hoffärtigen und alle diejenigen zu ver- 
schlingen, die die Ungerechtigkeit tun, samt allen, die sich 
nicht bessern zvollen.« 

Deshalb seht, meine Geliebtesten, wenn ihr euch 
zur Tugend unterrichten lasst, so werdet ihr der Stim- 
me des Herrn gehorchen, wie von Abels Zeiten an bis 



314 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


hierher viele getan haben, welche gelitten haben, ver- 
schmäht, verachtet, verfolgt und getötet worden sind, 
weil sie der bösen Welt und ihrer falschen Propheten 
nicht folgen wollten. 

Seht, meine Geliebtesten, erwählt lieber, mit den 
Kindern Gottes Ungemach zu leiden, damit ihr mit 
ihnen belohnt werden mögt, denn diese sind es, wel- 
chen alle schöne Verheißungen zukommen; aber sie 
müssen viel leiden, denn das Himmelreich leidet Ge- 
walt, und die ihm Gewalt antun, reißen es zu sich; 
auch steht geschrieben: »Durch viel Trübsal müsset ihr 
ins Reich der Himmel eingehen.« Denn David sagt: »Wir 
werden als Schlachtschafe zum Tode geführt ;« und Pau- 
lus sagt: »Wir, die wir leben, werden alle Tage zum Tode 
übergeben;« ferner steht geschrieben: »Ihr werdet wei- 
nen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, 
aber eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden; 
ihr werdet ein wenig Trübsal haben, aber seid getrost, und 
seid getreu bis zum Tode, dann will ich euch die Krone des 
Lebens geben. In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, 
ich habe die Welt überwunden; Gott wird alle Tränen von 
ihren Augen abivischen.« Ferner steht noch: »Die Hoch- 
zeit des Lammes ist gekommen, sein Weib hat sich bereitet, 
und es ward ihr gegeben, sich mit reiner und schöner Seide 
anzutun; die Seide aber ist die Gerechtigkeit der Heiligen. 
Selig sind, die zum Abendmahl des Lammes berufen sind.« 
»Dann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne in 
ihres Vaters Reiche.« 

Seht, Geliebte, dieses ist der beste Teil, und der 
Lohn aller derer, die den Herrn fürchten, in seinen 
Wegen wandeln und seine Gebote bewahren. Diese 
sind es, zu welchen der Herr sagt: »Fürchte dich nicht, 
du Würmlein Jakob, ihr armer Haufen, fürchtet euch nicht; 
ich will euch nicht als Waisen lassen, sondern ich will euer 
Gott sein, und ihr sollt mein Volk sein, und ich will euch 
bewahren gleichwie meinen Augapfel; und wenn ihr meine 
Gebote bewahrt, so will ich euch wieder holen, wenn ihr 
auch hinweggeführt wäret, bis an das Ende des Himmels, 
und will euch an den Ort bringen, den ich erwählt habe.« 

Ach, wer sollte einen solchen Herrn und Vater nicht 
lieben, der uns erwählt hat, gleichwie er Israel dort er- 
wählt und uns seine Gebote und Gesetze, nämlich sein 
Evangelium, gegeben hat, welches uns lehrt, seinen 
Willen und sein Wohlgefallen zu tun, und solche hat 
er zu Erben aller Reichtümer des Himmels gemacht. 

Ach, meine lieben Kindlein, dieses habe ich mit Trä- 
nen geschrieben, und ermahne euch aus Liebe, mit 
einem eifrigen Herzen, und bitte für euch, daß ihr, 
wenn es möglich wäre, von derselben Zahl erfunden 
werden mögt, denn als euer Vater mir genommen 
wurde, so habe ich meiner selbst nicht geschont, we- 
der Tag noch Nacht, um euch aufzuziehen, und mein 
Gebet und meine Sorge war allezeit für eure Seligkeit 


bedacht, und noch jetzt, wo ich in Banden bin, ist die- 
ses allezeit meine größte Sorge gewesen, weil ich euch 
nach meiner Umsicht nicht besser bewahren konnte, 
denn als mir gesagt wurde, daß man euch nach Oude- 
naerde und von da nach Brügge geführt habe, so ist 
mir solches so schwer gefallen, daß ich keine größere 
Betrübnis gehabt habe; als ich aber dachte, daß meine 
Sorgen und Anordnungen nichts helfen möchten, und 
daß man um Christi willen von allem, was man in der 
Welt lieb hat, scheiden müsste, so habe ich solches 
alles dem Willen des Herrn anheimgestellt, hoffe und 
bitte auch allezeit, daß er euch in seiner Barmherzig- 
keit bewahren wolle, gleichwie er Joseph, Mose und 
Daniel unter den gottlosen Menschen bewahrt hat, 
und so wird es euch auch wohl gelingen; werdet ihr 
euch mit Ernst nach der Wahrheit richten, so wird 
der Engel des Herrn mit euch sein, gleichwie er mit 
Tobias gewesen ist, welchen er geführt hat, bis er ihn 
in seines Vaters Haus gebracht, wo er sich mit seinem 
Vater und seinen Freunden erfreute und Gott für seine 
große Güte dankte. 

Deshalb, wenn ihr der guten Unterweisung folgen 
werdet, so wird sie euch durch alle Gefahren führen, 
und zu eures Vaters Hause bringen, wo solche Freude 
bereitet ist, die kein Ohr gehört, auch kein Auge ge- 
sehen hat, noch in keines Menschen Herz gekommen 
ist, welche Freude für die Auserwählten zubereitet 
ist; aber den Auserwählten hat es Gott durch seinen 
heiligen Geist offenbart. 

Dazu wolle euch das Wort des Vaters bringen, 
durch die Barmherzigkeit des Sohnes, und die Weis- 
heit des Heiligen Geistes müsse euch stärken, daß ihr 
es angreifen möget, Amen. 

David, mein liebes Kind, ich will dich hiermit dem 
Herrn anbefehlen; du bist der älteste, lerne Weisheit, 
damit du deinen Schwestern ein gutes Exempel ge- 
best, und hüte dich vor aller bösen Gesellschaft; spie- 
le auch nicht mit den bösen Knaben auf der Straße, 
sondern lerne wohl lesen und schreiben, damit du 
Verstand erlangst; und habt einander lieb, ohne Streit 
und Zank; es sei vielmehr der eine gegen den an- 
dern freundlich; der Verständigste soll den Geringem 
tragen und mit Freundlichkeit ermahnen; der Gesun- 
de soll mit dem Kranken Mitleiden haben und ihm 
aus Liebe helfen worin er kann; der Reiche soll dem 
Armen aus brüderlicher Liebe Beistand leisten; die 
Jüngsten sollen den Ältesten gehorsam sein im Guten; 
ermahne einer den andern zum Fleiße in der Arbeit, 
damit ihr wert sein mögt; ermahnt einander zu guten 
Werken, zur Sittsamkeit, Ehrbarkeit und Stille; trage 
allezeit der eine für den andern Sorge, denn jetzt ist 
die Zeit, wo die Liebe erkalten wird, ja, wäre es mög- 
lich, es würden die Auserwählten verführt werden; 



315 


darum seht zu und lernt fleißig die Schrift durchsu- 
chen, damit ihr nicht verfuhrt werdet; haltet euch 
allezeit an die erste und zweite Tafel, sie wird euch 
Unterricht genug geben, und glaubt es nicht gleich, 
wenn man Böses voneinander redet, sondern unter- 
sucht es, und macht kein großes Geschrei, wenn man 
euch belügt, sondern tragt es um Christi willen. 

Liebt eure Feinde, und bittet für die, welche Böses 
von euch sagen und die euch Leiden zufügen; auch 
leidet lieber Unrecht, ehe ihr andern Unrecht tun soll- 
tet; ertragt lieber Verdruss, ehe ihr andern Verdruss 
bereitet solltet; leidet lieber Verschmutzung, ehe ihr 
einen andern schmähen solltet; lasset euch lieber belü- 
gen, ehe ihr einen andern belügen solltet; lasset euch 
lieber das Eurige nehmen, ehe ihr einem andern das 
Seine nehmen solltet; werdet lieber geschlagen, ehe 
ihr einen andern schlagen solltet, und so ferner. 

Seht, meine Liebsten, dieses alles wird durch die 
brüderliche Liebe bewirkt, und ist in der zweiten Tafel 
begriffen; darum müsst ihr allezeit Zusehen, daß ihr 
niemals euren eigenen Gewinn allein sucht, sondern 
tragt allezeit Sorge für diejenigen, mit welchen ihr 
Gemeinschaft in der Hantierung habt, es sei jung oder 
alt. 

Ferner, meine lieben Kinder, Betgen und Tanneken, 
meine lieben Schäflein, ich ermahne euch in allem die- 
sem, daß ihr den Geboten des Herrn gehorsam sein 
sollt, daß ihr ferner auch eurem Vetter und eurer Base, 
auch euern Eltern und allen, die euch zur Tugend an- 
weisen, gehorsam sein wollt; demjenigen, dessen Brot 
ihr esst, müsst ihr Untertan sein in allem, was nicht 
gegen Gott ist; seid auch fleißig und ermahnt euch 
untereinander allezeit zur Verrichtung eurer Arbeit, 
dann wird man euch wert halten, wo ihr auch wohnt, 
und seid nicht zänkisch, schwatzhaft oder leichtfertig, 
auch nicht frech oder mürrisch im Reden, sondern 
freundlich, ehrbar und still, wie es den jungen Mägd- 
lein gebührt. Bittet den Herrn um Weisheit, welche 
euch mitgeteilt wird; lernt gut lesen und schreiben; 
lasst solches eure Ergötzlichkeit sein, dann werdet 
ihr weise werden; erlustigt und beschäftigt euch mit 
Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern; ihren 
Freuden trachtet allein nach; lernt von eurer Jugend 
an dem Herrn gefallen, wie die heiligen Frauen und 
Jungfrauen getan haben, gleichwie Judith. 

Auch war Esther eine Jungfrau, die Gott fürchtete, 
geziert mit Demut, lieblich, ehrbar, freundlich und 
eines niedrigen Herzens; darum hat sie dem König 
Ahasverus vor allen andern Jungfrauen wohl gefal- 
len; aber sie war nicht hoffärtig in ihrem Stande, und 
wiewohl sie in königlichen Kleidern glänzte, so hat 
sie sich doch mit Fasten und Bitten zu dem Herrn 
für ihre Brüder erniedrigt, damit sie aus ihrer Feinde 


Hände erlöst würden, und hat sich selbst nicht höher 
geachtet als einer der Geringsten ihrer Brüder. 

Seht, meine Geliebten, wenn ihr euren Verstand er- 
reicht habt, so seht doch zu, daß ihr euch mit guten 
Werken ziert, nämlich mit Werken des Geistes, das 
ist mit allerlei Gütigkeit, Freundlichkeit, Sanftmut, 
Demut, Gehorsam, Geduld, Gerechtigkeit, Tüchtig- 
keit, Ehrbarkeit, Reinigkeit, Friedfertigkeit, Standhaf- 
tigkeit, Barmherzigkeit, Weisheit, Ernst zu guten Wer- 
ken, Glauben, Hoffnung und Liebe; Gott über alles 
lieben, was in der Welt ist, und eurem Nächsten tun, 
was ihr wollt, daß man euch tun soll, daran hängt das 
ganze Gesetz und die Propheten. 

Seht, meine lieben Kindlein, dieses ist der Schmuck 
der Heiligen. 

Ach, meine Geliebtesten, bestrebt euch doch um 
dasselbe Hochzeitskleid, damit ihr mit der Zahl der 
Kinder Gottes zur Hochzeit des Lammes eingehen 
mögt, wo sie in ihres Vaters Reich wie die Sonne schei- 
nen werden. 

Dazu wolle euch die starke Hand des Herrn brin- 
gen; sie wolle euch geleiten, gleichwie sie Israel aus 
Ägypten begleitet hat, und euch in das neue Jerusa- 
lem bringen, damit wir am Tage der Auferstehung 
einander mit Freuden sehen mögen. 

Hiermit will ich euch dem Herrn befehlen; der Gott 
Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs wolle 
euch bis ans Ende des Lebens bewahren, Amen. 

Meine lieben Kindlein, dieses lasse ich euch zum 
Andenken oder Testament; wenn ihr damit wuchert, 
so werdet ihr damit einen großem Schatz sammeln, 
als wenn ich euch viele Reichtümer hinterlassen hätte, 
welche doch vergänglich sind, denn die Güter die- 
ser Welt kann man durch Brand, Krieg oder Unglück 
verlieren. 

Darum ist derjenige nicht weise, der sein Herz an 
etwas hängt, das vergänglich ist, denn wir haben auch 
keine Stunde Sicherheit; wir müssen alles zurücklas- 
sen, darum seid nicht betrübt, obschon das, was wir 
hatten, zerstreut und verloren ist, wie der Prophet 
sagt: Wir müssen jedermanns Raub sein. Darum sollt 
ihr noch dem Herrn danken, daß er euch uns gelassen 
hat, bis ich euch so weit auferzogen habe, und wenn 
ihr in aller Gerechtigkeit wandelt, so wird euch der 
Herr genug verleihen. Nehmt ein Exempel an Tobias, 
und David sagt: »Der Gerechte soll keinen Mangel haben, 
noch sein Samen nach Brot gehen.« 

Darum seid auch nicht begierig nach jemandes Gut 
oder Kleinodien, und missgönnt es auch niemandem, 
daß er mehr hat als ihr; seht auch niemanden um sei- 
ner Gabe willen an, sondern folgt dem kleinen Häuf- 
lein nach, welche in der Liebe und der Wahrheit wan- 
deln, denn die Liebe ist das Band der Vollkommenheit, 



316 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


und das Gebot der Liebe übertrifft alle andern Gebo- 
te. Darum sucht allezeit denen nachzufolgen, die am 
meisten in der Liebe wandeln, denn an den Früch- 
ten erkennt man den Baum, obschon dieselben vor 
allen Menschen verborgen sind, denn so ist Christus 
auch gewesen; auch ist der Knecht nicht besser als 
sein Flerr. 

Hiermit will ich euch gute Nacht sagen, gute Nacht, 
meine lieben Kindlein, gute Nacht, meine lieben 
Freunde insgesamt. 

Meine Geliebtesten, obschon unsere Widersacher 
zu euch sagen, euer Vater und ich seien im Glauben 
nicht einig gewesen, so glaubt es doch nicht, denn er 
hat von der Taufe und der Menschwerdung Christi die 
Wahrheit bekannt, so weit sich sein Begriff erstreck- 
te; er hat auch tapfer für die Gerechtigkeit gestanden 
und sein Leben dafür gelassen, und hat also, euch 
zu einem Exempel, denselben Weg angewiesen, den 
die Propheten, die Apostel und Christus selbst ge- 
wandelt sind; er musste mit viel Trübsal und Leiden 
vorher streiten, und um Christi willen seine Kinder 
zurücklassen; darum tut desgleichen, denn es ist kein 
anderer Weg, lest fleißig in dem Testamente, Amen. 

Noch ein Brief von Soetgen von der Houte an 
ihren Bruder und an ihre Schwester, desgleichen 
auch an ihre Kinder. Geschrieben aus Liebe. 

Der Friede des Herrn sei mit euch, mein lieber Bruder 
und meine liebe Schwester, wisst, daß ich zwei Briefe 
und deren Einlage empfangen habe; ich bedanke mich 
sehr herzlich für alle Freundschaft, die ihr mir jemals 
erwiesen habt und noch erweisen werdet, wie ich 
hoffe, an meinen drei Schäflein, die ich hinterlasse, ich 
befehle sie dem Herrn und denen, welche er ihnen 
durch seine Gnade zusenden wird. 

Hiermit nehme ich noch einmal Abschied, ich den- 
ke, daß es nun das letzte Mal ist; wir sind auch so 
wohlgemut, unser Opfer zu tun, daß ich es nicht aus- 
sprechen kann, ich möchte wohl vor Freuden sprin- 
gen, wenn ich an das ewige Gut denke, das uns zum 
Besitze verheißen ist und allen, die in demjenigen be- 
harren, was uns der Herr befohlen hat. 

Ich weiß nicht, wie ich den Herrn genug preisen 
und loben soll, daß er Martha und mich zu solcher 
Auszeichnung erwählt hat, die wir doch solche ar- 
men, geringen Schafe sind; wir sind niemals in der 
Welt anders geachtet gewesen, als ein Ausfegsel, und 
doch hat Gott solche verworfene, elendige, schlechte 
Erdenwürmer erwählt, daß er durch uns wirken will, 
und daß wir seine Zeugen sein sollen, die wir nicht 
würdig sind, von uns selbst die geringste Gabe die 
der Herr etwa mitteilt, zu empfangen. 


Ach, wer kann die Kraft Gottes begreifen, daß er 
denen, die hier am meisten verworfen werden, am 
gnädigsten ist, sich über sie zu erbarmen, wenn sie ihn 
mit Vertrauen anrufen und ihre Hoffnung auf seine 
Gnade feststellen bis ans Ende, solche kann der Herr 
unmöglich verwerfen. Darum bitte ich alle, die den 
Herrn lieben, daß sie ihre Herzen demütigen, denn 
der Herr spricht durch den Propheten Jesaja: »Bei dem 
will ich wohnen , der eines zerschlagenen Geistes und zer- 
brochenen Herzens ist, der vor meinem Worte zittert.« 

Ach, diejenigen, die sich vor dem Herrn so demüti- 
gen und sich nicht einbilden, daß sie etwas vor Gott 
und vor den Menschen seien, die wird Gott erhöhen 
und reich machen an himmlischen Gütern. Gedenkt, 
wie Christus die Niedrigkeit erwählt hat, als er die 
Herrlichkeit seines Vaters verließ, und in die untersten 
Örter der Erde herabstieg; er ist aus Gehorsam gegen 
seinen Vater und aus großer Liebe Mensch geworden; 
mit großer Demut ist er uns zum Dienste hierher ge- 
kommen, hat Pein und Schmach erlitten, und alles mit 
Geduld und Langmut ertragen, aus Gehorsam gegen 
seinen Vater bis an den Tod, bis er alles vollbracht hat, 
damit er uns selig machte. Ach, welch eine Liebe hat 
er uns bewiesen mit Angst und Seufzen! Wie er nach 
seiner Menschheit sagte: »Ach, wie ist mir so bang, bis 
es alles vollbracht ist!« 

Ach, meine Geliebtesten, denkt an unsern Vorgän- 
ger Jesum Christum, wie er die Niedrigkeit Maria an- 
gesehen hat und von ihr geboren werden wollte, und 
wiewohl sie zu einer solchen Auszeichnung erwählt 
war, so hat sie sich doch gedemütigt, erniedrigt und 
gesagt: Sieh, ich bin des Herrn Magd, denn Gott hat 
die Niedrigkeit seiner Magd angesehen, darum wer- 
den mich alle Geschlechter selig preisen, denn seine 
Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht 
bei allen denen, die ihn scheuen oder fürchten; denn er 
zerstreut die Hoffärtigen, er hat den Gewaltigen vom 
Throne gestoßen und den Geringen hat er erhoben, 
den Hungrigen erfüllt er mit Gütern, die Reichen hat 
er leer gelassen, den Armen wird das Evangelium ge- 
predigt; selig sind, die da hungern und dürsten nach 
der Gerechtigkeit, denn sie sollen gesättigt werden. 

Ach, meine Geliebtesten, meine herzliche Begierde 
und Bitte ist zum letzten Male, daß ihr euch befleißigt, 
in der Liebe und in der Einfalt zu wandeln, und al- 
lezeit untereinander eins gesinnt seid in der Furcht 
Gottes, damit ihr mit himmlischen Gütern erfüllt und 
satt werden mögt, von nun an bis in Ewigkeit, Amen. 

Hiermit will ich euch dem Herrn anbefehlen und 
dem Worte seiner Gnade, derselbe müsse euch alle 
trösten, stärken und kräftig machen mit seinem Geiste, 
daß ihr dasjenige ausführen mögt, wozu ihr berufen 
seid, zum Lob und Preise des Herrn, damit ihr euch 



317 


miteinander erfreuen und an des Herrn Tafel sitzen 
mögt, wo er uns in seines Vaters Reich mit dem neuen 
Weine dienen wird. 

Dieses wurde geschrieben, als wir unser letztes 
Abendmahl gehalten hatten, wie wir dafür hielten. 
Hiermit sage ich allen meinen Brüdern und Schwes- 
tern gute Nacht; ich und Martha, meine Schwester in 
dem Herrn, lassen euch zum letzten Mal sehr grüßen 
mit dem Frieden des Herrn, auch alle, die uns bekannt 
oder unbekannt sind, wo sie auch sein mögen. Wir 
sind fröhlich in dem Herrn und sagen gute Nacht, bis 
wir dort oben in dem neuen Jerusalem Zusammen- 
kommen. Lest diesen letzten Abschied allen, die ihn 
zu hören begehren, ehe ihr ihn fortsendet, und sendet 
ihn alsdann meiner Schwester Betgen. 

Mein liebes Kind Betgen, ich bin sehr erfreut, daß 
mich der Herr so lange aufgespart hat, daß ich vor 
meinem Tode noch durch deinen Brief, worin du mich 
gestärkt hast, erfreut worden bin; ich bitte den Herrn, 
daß er dich mit seinem Geiste stärken und kräftig 
machen wolle, damit du fortwandeln und dem Besten 
nachkommen mögest, wie du mir geschrieben hast. 

Ach, meine lieben Schäflein, seht zu, daß ihr eure 
jungen Jahre nicht in Eitelkeit, Hoffart, Saufen oder 
Fressen, sondern in Mäßigkeit, in der Demut, in der 
Furcht Gottes zubringt, und befleißigt euch aller gu- 
ten Werke, damit ihr mit dem Schmucke der Heiligen 
bekleidet werden möget, und Gott euch würdig ma- 
che, durch seine Gnade zur Hochzeit des Lammes 
einzugehen, damit wir einander daselbst mit Freuden 
sehen mögen. Euer Vater und ich haben euch und 
noch vielen andern den Weg gezeigt; nehmt ein Ex- 
empel an den Propheten und Aposteln, ja an Christo 
selbst, welche diesen Weg gegangen sind, und wo das 
Haupt vorgegangen ist, da müssen ja auch die Glieder 
nachfolgen. 

Hiermit will ich euch dem Herrn anbefehlen und 
dem Worte seiner Gnade. Dies ist mein letzter Ab- 
schied, meine lieben Schäflein, gedenkt allezeit anein- 
ander in der Liebe, und lernt wohl lesen und schreiben 
und seid einem jeden gehorsam zum Guten. Wenn 
dein Bruder David und Tanneken zu dir kommen, 
so grüßt euch untereinander in meinem Namen mit 
einem freundlichen Kusse des Friedens. 

Hiermit sage ich gute Nacht, mein liebes Kind 
Betgen, gute Nacht, meine lieben Kindlein David 
und Tanneken; gute Nacht, meine lieben Brüder und 
Schwestern, wie auch Freunde insgesamt aller Orten. 

Noch einmal sagen wir gute Nacht, grüßt auch Vet- 
ter und Base in meinem Namen aufs Beste mit dem 
Kusse des Friedens. 

Geschrieben von mir, Soetgen von der Houte, eurer 
Mutter, in Banden. Geschrieben in Eile, als ich vor 


Kälte zitterte, aus Liebe zu euch allen, Amen. 

Joost Joosten zu Beer in Seeland verbrannt, im 

Jahre unsers Herrn 1560. 

Im Jahre 1560 wurde zu Beer in Seeland ein junger Bru- 
der, namens Joost Joosten, aus Goes, einem Städtlein 
in Seeland, welcher in der lateinischen Sprache sehr 
wohl erfahren war, gefangen genommen; hiermit hat- 
te es folgende Bewandtnis: Als derselbe Student und 
ungefähr vierzehn Jahre alt war, ist der König Phil- 
ipp nach Seeland gekommen, bei welcher Gelegenheit 
dieser Joost Joosten in der Kirche auf der Orgel den 
Choral gesungen hat, wie es in der römischen Kirche 
gebräuchlich ist; es hatte aber der König ein solches 
Wohlgefallen an dem Singen des Knaben, daß er ihn 
mit nach Spanien nehmen wollte, weshalb Joost Joos- 
ten sich etwa sechs Wochen verborgen hielt, weil er 
nicht mitziehen wollte. Nachher ist er zum wahren 
Glauben bekehrt worden und hat sich auf seinen Glau- 
ben taufen lassen, und also ein christliches Leben ge- 
führt; dieses konnten die Beneider der Wahrheit nicht 
ertragen, weshalb sie ihn gefangen genommen haben, 
als er achtzehn Jahre alt war. Er hat viele Anfechtun- 
gen ausstehen müssen, und ist einige Male versucht 
worden, vom Glauben abzufallen; er hat auch mit 
vier Ketzermeistern über viele Glaubensartikel einen 
Wortstreit gehalten, welche große Mühe anwandten, 
ihn zu ihrer Religion zu ziehen. Als sie ihn nun auf 
solche Weise nicht beikommen konnten, haben sie ihn 
schrecklich gepeinigt, hauptsächlich mit einem Werk- 
zeuge, genannt eiserne Teerlingen, welche sie ihm an 
den Knien hineingetrieben, sodass sie an den Knö- 
cheln wieder zum Vorschein kamen. Dieses alles aber 
hat er mit großer Geduld standhaft ertragen, und den 
Schatz, den er in einem irdischen Gefäße hatte, treu- 
lich bewahrt; darum ist er auch von Herodis Kindern 
zum Feuer verurteilt worden, welches Urteil sie an 
einem Montage vor Christtag an ihm vollzogen. Er 
freute sich sehr im Herrn, als er zum Tode hinausge- 
führt wurde, und sang, als er in das Strohhäuschen 
ging, in welchem er verbrannt werden sollte, den letz- 
ten Vers des Liedleins, welches er selbst gemacht hatte 
und welcher so anfängt: »O Herr! Du bist ja stets in 
meinem Sinn« 

Er hat auch sein Glaubensbekenntnis geschrieben, 
welches einige Bogen stark, aber im Verlaufe der Zeit 
verloren gegangen ist. 

Koolaert, der Küfer, 1561. 

Zu Honschote in Flandern wurde auch im Jahre 1561 
um der Wahrheit willen ein Bruder, genannt Koolaert 



318 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


der Küfer, gefangen genommen, welcher, als er sei- 
nen Glauben freimütig bekannte, nach Wynoxberg 
geführt wurde, und als er auch daselbst durch kei- 
ne Qual oder Pein, die ihm angetan wurde, bewogen 
werden konnte, daß er zur rechten oder linken Seite 
abgewichen wäre, so ist er zum Tode verurteilt und 
um St. Martini, um des Zeugnisses des Herrn Jesu 
Christi willen, lebendig verbrannt worden. 

Jons Verbeek, 1561. 

Der Markgraf zu Antwerpen ist mit einem großen 
Haufen Volkes, der mit Prügeln und Stäben wohl ver- 
sehen war, ausgezogen, und hat Jons Verbeek, einen 
Diener des Wortes Gottes und seiner Gemeinde, den 
7. Juni 1561, gefangen genommen. Als er nun darauf 
den neunten desselben Monats verhört wurde, hat 
er sowohl von seinem Glauben als auch von seinem 
Amte ein freimütiges Zeugnis abgelegt, worüber der 
Markgraf und die Herren ihr Gespött hatten. Auch 
wurde er hart gefoltert; aber Gott hat seinen Mund 
in allem bewahrt, sodass er niemanden in Ungelegen- 
heit gebracht hat, wiewohl man so unbarmherzig mit 
ihm umging, daß auch ein Strick an seinem Leibe in 
Stücken riss, und er in vier Tagen zweimal auf die 
Folter musste, wobei er auch wieder bis aufs Blut ge- 
geißelt wurde. Er hat alles in Geduld erlitten; doch 
hat er es sehr beklagt, daß sie seine rechte Hand ge- 
brochen, oder durch das Foltern lahm gemacht hätten, 
sodass er um deswillen nicht schreiben konnte. 

Den zwanzigsten Tag des Monats wurde er vor Ge- 
richt gebracht; hier fragte ihn der Schultheiß, ob er 
wiedergetauft wäre. Er antwortete: Fragt mich nach 
meinem Glauben; dieses habe ich auf dem Steine vor 
den Herren und vor dem Markgrafen bekannt. Darauf 
fragte ihn der Schultheiß, was er von der Kindertaufe 
hielte. Er erwiderte: Ich habe euch bekannt, daß diesel- 
be nicht von Gott, sondern eine Menschensatzung sei. 
Der Schultheiß fragte abermals, ob er wiedergetauft 
sei, und sagte: Sage ja oder nein, denn ich weiß, du 
wirst nicht lügen; darum sage mir die Wahrheit. Er 
antwortete: Ich habe mich auf meinen Glauben taufen 
lassen, wie Christus Mt 28 und Mk 16 lehrt. 

Als er nun seinen Glauben, seine Taufe und Lehre 
bekannt hatte, durfte er nicht weiter reden. Die Herren 
fällten das Urteil über ihn; unterdessen sagte er zum 
Volke: Liebe Bürger, ich habe elf Jahre hier gewohnt, 
und niemand kann über mich klagen, denn ich habe 
niemandem jemals einen Schaden zugefügt; ebenso 
kommt auch mein Leben und meine Lehre mit dem 
Worte Gottes überein. Nach diesen Worten rief ein 
Bruder: Das ist wahr. Als solches die Büttel hörten, 
standen sie auf und untersuchten, wer dieser Bruder 


gewesen sei, aber sie fanden ihn nicht. 

Joos sagte: Ach, daß ich mich öffentlich wider die 
Pfaffen verantworten dürfte, die bei mir auf dem Stei- 
ne gewesen sind, wie Paulus erlaubt war, vor Agrippa 
zu tun, aber man verbietet uns das Reden. 

Als er vom Gerichte ging, sagte er: Der, welcher 
Daniel aus der Löwengrube erlöst hat, wird mich auch 
bewahren, denn was ich leide geschieht um des Herrn 
Namens und nicht um einer Übeltat willen. 

Das ist wahr!, rief ein Bruder. Andere riefen: Streite 
tapfer, lieber Bruder! Joos sprach: Tapfer und freimü- 
tig, liebe Bürger, so müssen alle Kinder Gottes leiden; 
diesen Weg sind die Heiligen Gottes, die Propheten 
und so viele fromme Männer gewandelt. 

Als er zu dem Häuslein kam und vor der Türe der 
Hütte stand, in welcher er sein Brandopfer tun sollte, 
erhob er seine Augen gen Himmel und sagte: O hei- 
liger Vater!, stehe in dieser Not deinem Knechte bei. 
Der Schinderknecht wollte ihm einen Strick mit einem 
Knoten in den Mund stecken, um ihn am Reden zu 
verhindern, aber er hat gleichwohl nicht geschwiegen, 
denn man hörte ihn rufen: O Herr, du Sohn Davids!, 
erbarme dich meiner! 

Der Scharfrichter verrichtete sein Werk mit Zittern 
aus Furcht. Als das Feuer angesteckt wurde, rief Joost: 
O himmlischer Vater, in deine Hände befehle ich mei- 
nen Geist! O Herr der Heerscharen!, der du mich von 
meiner Mutter Leibe an abgesondert hast, stehe dei- 
nem Knechte in dieser letzten Not bei, da ich um dei- 
nes Namens willen leide. Er rief auch noch einmal: O 
himmlischer Vater, in deine Hände befehle ich mei- 
nen Geist! Darauf hat er, uns allen zum Spiegel und 
Vorbilde, ein ruhiges und eifriges Opfer getan. 

Ein kleiner Brief, von Joos Verbeek im 
Gefängnisse zu Antwerpen an sein Weib 
geschrieben. 

Gnade und Barmherzigkeit von Gott, unserm himmli- 
schen Vater, und unserm Herrn Jesu Christo, wünsche 
ich dir, mein liebes Weib und Schwester im Herrn, 
zum freundlichen Gruße alle Tage deines Lebens in 
rechtem Ernste des Heiligen Geistes, Amen. 

Ich lasse dich und alle meine fünf Kindlein sehr 
herzlich grüßen; ziehe sie auf in der Unterweisung 
zum Herrn, und wandle, wie den heiligen Frauen 
geziemt, damit die jungen Weiber lernen züchtig sein, 
ihre Männer lieben, daß sie keusch, sittig und ihren 
Männern untertan seien, und halte fest an der Lehre, 
die du jetzt bekennst. 

Der Herr mache dich tüchtig zu allen guten Wer- 
ken; in demjenigen, was deinem Rufe geziemt, sei 
hiermit dem allmächtigen Gott anbefohlen, und dem 



319 


Worte seiner Gnade; er gebe, daß wir einander in der 
Ewigkeit sehen mögen. 

Von mir, Joos Verbeek, deinem Manne und Bruder 
in dem Herrn, zu Antwerpen auf dem Steine, wo ich 
um des Zeugnisses Jesu Christi willen gefangen lie- 
ge, mit meiner linken Hand geschrieben, weil meine 
rechte vom Foltern lahm war. 

Grüße mir alle Freunde, insbesondere die Diener. 

Julius Klampherer, 1561. 

Im Jahre 1561 ist der Bruder Julius Klampherer, aus 
Welschland oder Italien, um seines Glaubens und der 
göttlichen Wahrheit willen zu Venedig gefangen ge- 
setzt worden; darauf haben sie ihn oft vorgenommen, 
verhört, ausgefragt und mit ihm gehandelt, um ihn 
zum Abfalle zu bringen; aber er hat sich stets weis- 
lich verantwortet, und es ist ihm auch erlaubt worden, 
dasjenige, was er mit den verordneten päpstlichen 
Gesandten verhandelte, nämlich seines Glaubens we- 
gen, schriftlich aufzusetzen, sich also zu verantworten, 
und mit seiner eigenen Schrift seines Glaubens we- 
gen Rechenschaft zu geben. Als er nun solches getan 
hatte, und dabei standhaft blieb, haben sie ihn zuletzt 
verurteilt, daß er in die Tiefe der See geworfen wer- 
den sollte; worauf er antwortete: Das ist mir nichts 
Unerwartetes, denn es ist mir im Anfänge meiner 
Bekehrung verkündigt worden, daß ich um des Zeug- 
nisses der Wahrheit willen den Tod zu erwarten hätte; 
das aber kommt mir fremd vor, daß die Herren von 
Venedig in ein solches Urteil einwilligen und weder 
bedenken, noch überlegen, daß sie am jüngsten Tage 
vor Gott von dem unschuldigen Blute Rechenschaft 
geben müssen. 

Darauf gaben sie ihm zur Antwort, daß sie ihn 
hierum nicht gefragt hätten; weil sie aber keinen Ge- 
fallen an seiner Rede hätten, so vergönnten sie ihm 
auch nicht, weiter zu reden, sondern haben ihn wieder 
schnell nach dem Gefängnisse führen lassen. 

Da sie sich vorgenommen hatten, ihr ausgesproche- 
nes Urteil zu vollstrecken, so haben sie ihm nach ihrer 
Gewohnheit, weil er ein Pfaffe war, die Priesterwei- 
he abgenommen, und ihn in der Abenddämmerung 
hinausgeführt, unter dem Vorwände, daß sie ihn vor 
die Obrigkeit führen wollten; haben ihn aber unver- 
sehens in die Tiefe der See geworfen und ertränkt, 
wiewohl er damals nichts anderes erwartete; er ist 
deshalb fröhlich gewesen, hat allezeit gesungen und 
Gott mit fröhlichem und tapferen Gemüte gelobt, bis 
er die Krone der frommen Märtyrer und getreuen 
Zeugen Jesu Christi erlangt hat; und wiewohl sie ihn 
heimlich bei Nacht ertränkt haben, so wird doch sol- 
ches öffentlich an dem großen Tage des Herrn ans 


Licht kommen und schwer gerächt werden. 

Lorenz von der Walle, Anthonius Schönfeld, 
Kalleken Strings, Syntgen Potvliets und Maeyken 
Kocx, im Jahre 1561. 

Im Jahre 1561 haben sich einige Brüder und Schwes- 
tern nach ausgestandener starker Verfolgung bei 
Ypern in Flandern niedergelassen, um dort an einem 
Orte, auf dem hohen Sieken genannt, zu wohnen. 
Nachdem dieselben Geld, Gut, Freunde und Verwand- 
te, um der Nachfolge Christi willen, verlassen hatten, 
wohnten sie dort in der Stille und ernährten sich mit 
Schmalweben, mit welchem Handwerke sie die Kost 
zu verdienen suchten; sie sind aber ausgekundschaf- 
tet worden, als sie eben beieinander saßen und arbeite- 
ten; deshalb ist der Ketzermeister, in Begleitung einer 
großen Volksmasse, die mit Prügeln und Schwertern 
und Stricken versehen war, dahin gekommen, um sie 
zu fangen, und zwar zu der Stunde, als Anthonius, 
der zum Besuche da war, Abschied genommen hatte 
und an der Türe stand um fortzugehen. 

Als sie nun mit großem Getümmel ankamen, ist 
Syntgen Potvliets (welche schwanger war) zuerst zum 
Hause hinausgelaufen, und ist auf die Weise gefangen 
genommen worden; Carl N. lief auch zur Tür hinaus, 
und Meister Claes (welcher ein großer Verfolger und 
Gehilfe des Ketzermeisters war) lief ihm mit dem blo- 
ßen Schwerte nach und hieb nach ihm, und wiewohl 
er ihn verwundete, so ist er doch entronnen; Maeyken 
Kocx (welche auch schwanger war) wurde von dem 
Ketzermeister, der ein bloßes Schwert in der Hand hat- 
te, angegriffen, und als sie ihm zurief, er sollte doch 
des Kindes schonen, hat sich derselbe sehr blutdürs- 
tig gebärdet, und hat sich selber, wie ein unsinniger 
Mensch, verwundet. 

Lorenz von der Walle, Anthonius Schönfeld und 
Kalleken Strings wurden auch gefangen genommen, 
Heinrich N. aber ist gleichfalls entronnen. 

In der Zeit, daß man sie band, haben sie einander 
mit dem Worte Gottes getröstet, und als man sie aus 
dem Hause brachte, haben sie zu den Nachbarn ge- 
trost gesagt: Kann wohl jemand sich über uns bekla- 
gen, daß man uns solches Leid zufügt? Es ist um des 
Namens Christi willen, wir dürfen uns dessen nicht 
schämen. 

Als sie nach der Stadt gingen, fing Kalleken an, ein 
Lied zu singen, worauf Meister Claes sagte: Die Apo- 
stel haben nicht gesungen, wie du dich gebärdest, so 
will ich auch nicht tanzen; warum singst du denn? 
Anthonius antwortete: Fürchte diese nicht, Schwester, 
sondern singe fröhlich; darauf hat ihr Lorenz singen 
helfen. Als sie in die Stadt kamen, ist eine große Volks- 



320 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


menge zugeströmt, worauf sie durch Singen und Re- 
den das Wort Gottes offenbart haben; unter andern 
sagte Lorenz: Daß wir gefangen sind, solches ist um 
keiner Übeltat willen geschehen, sondern weil wir 
nach dem Worte Gottes leben. 

Kalleken Strings sagte: Die Pforte ist enge, und der 
Weg schmal, der zum Leben führt, bereitet euch da- 
zu vor, tut Gutes und verlasst das Böse, und fürchtet 
nicht die Regenten dieser Welt, sondern kauft Testa- 
mente, lest darin den Rat Gottes, und folgt demselben. 
Da wurden sie auf den Hof von der Sale gefangen 
gesetzt, wo sie einige Monate und Tage gefangen sa- 
ßen, geduldig und guten Muts, und darauf warteten, 
wann sie ihre Opfer tun sollten; unterdessen haben 
viele Brüder und Schwestern sie besucht und getrös- 
tet; auch hat man sie sämtlich wegen ihres Glaubens 
untersucht, welchen sie ohne Scheu bekannt haben, 
und auch um keiner Pein oder Leidens willen davon 
abweichen wollten. 

Endlich, nach vieler ausgestandener Marter sind 
Lorenz von der Walle, Anthonius Schönfeld und Kal- 
leken Strings, weil sie tapfer und standhaft bei der 
bekannten und angenommenen Wahrheit beharrten, 
von dem Ketzermeister der weltlichen Obrigkeit in 
die Hände überantwortet worden, damit sie mit ih- 
nen nach Inhalt des königlichen Befehls handelten; er 
hat auch bei der Überlieferung (vor den Ohren des 
unverständigen Volkes) große und harte Beschuldi- 
gungen über sie (wie er meinte) abgelesen, als unter 
andern, daß sie bekannt und gestanden hätten, der 
Papst zu Rom sei der Antichrist; daß sie die römische 
Kirche für die babylonische Hure hielten; daß sie vom 
Sakramente urteilten, das es ein abscheulicher Götze 
sei, etc. 

Darauf begann Lorenz zu sagen, er hätte nicht ohne 
ausführliche Erklärung in solcher Weise bekannt und 
ausgesagt; aber man befahl ihm sofort, in heftigen 
Worten, still zu schweigen, worauf er jedoch sagte: 
Dieben und Mördern wird erlaubt einen Fürsprecher 
zu haben, aber ihr habt es dahin gebracht, daß weder 
Fürsprecher noch Advokat für uns reden darf, darum 
müssen wir ja für uns selbst reden. 

Kalleken Strings aber, welche sich niedergesetzt hat- 
te, um auszuruhen, und welche ihr Haupt auf die 
Hand gestützt hatte, weil sie durch das Foltern sehr 
gemartert worden war, hat sich nicht weniger unge- 
scheut durch Reden hören lassen. 

So sind denn nun, auf des Ketzermeisters Zeugnis, 
Lorenz von der Walle und Anthonius Schönfeld von 
der Obrigkeit dahin verurteilt worden, daß sie öffent- 
lich an einem Pfahle erwürgt und verbrannt werden 
sollten; zu dem Ende ist auch auf dem Markte eine 
Schaubühne mit zwei Pfählen, sowie Holz und Stroh, 


zubereitet worden. 

Sie wurden mit den Armen aneinander gebunden, 
vorgeführt und als sie an den Ort kamen, wo ihr Op- 
fer geschehen sollte, sind sie auf die Knie gefallen 
und haben ihr Gebet zu Gott verrichtet; als sie aber 
wieder aufstanden, hat der Scharfrichter sie wegen 
des bevorstehenden Werkes um Verzeihung gebeten, 
worauf sie ihm liebreich vergeben haben (nach der 
Lehre Christi). 

Fürwahr, sprach Lorenz überlaut zu der Obrigkeit, 
er wolle es ihnen, und allen, die daran Schuld wären, 
gern vergeben; auch sagte er ohne Scheu wie der dritte 
Sohn des makkabäischen Weibes: Diese Glieder hat 
mir Gott vom Himmel gegeben, darum will ich sie 
gern um seines Gesetzes willen wieder lassen. Als sie 
beide in das Häuslein gingen, haben sie allen Brüdern 
und Schwestern, die in vielen Ländern, Städten und 
Dörfern zerstreut sind, gute Nacht zugerufen, und als 
sie ihren Geist in die Hände Gottes befohlen, sind sie 
von dieser Welt geschieden. 

In dem Monat Oktober desselben Jahres ist auch 
Kalleken Strings, eine sehr schöne und wohlgesittete 
Jungfrau, der weltlichen Obrigkeit übergeben worden; 
sie war sittsam, unverzagt und standhaft, daß man sie 
keineswegs von ihrem Glauben abbringen konnte, we- 
der durch schöne Verheißungen der Güter, des Geldes 
oder des zeitlichen Wohlstandes, noch durch Pein und 
schwere Marter (obgleich sie so sehr gefoltert wurde, 
daß man sie auch wie tot von der Bank aufgehoben 
hat); auch selbst ihre Mutter, als sie zu dem Ende zu 
ihr ins Gefängnis kam, konnte sie nicht bewegen und 
ihren Endzweck nicht erreichen, sondern, als sie ih- 
rer Tochter Standhaftigkeit und freundliches Betragen 
hörte und sah, hat gesagt: Meine Tochter ist besser als 
ich. 

Nachher ist sie auch dahin verurteilt worden, daß 
sie erwürgt und verbrannt werden sollte; daraus sag- 
te sie: Nun habt ihr mich, nach des Kaisers Befehle, 
zum Feuer verurteilt; fürchtet euch vor dem Gerich- 
te, welches Gott halten und euch zum ewigen Feuer 
verurteilen wird. 

Als man nun glaubte, daß sie gerichtet werden soll- 
te, ist aus der Nähe und Ferne eine große Volksmenge 
zusammen gekommen, um solches zu sehen. Als die 
Obrigkeit das sah, und Aufruhr befürchtete, so hat 
sie Kalleken nicht herausbringen lassen, sondern der 
Scharfrichter kam aus dem Schlosse und sagte zum 
Volke, sie sei schon tot. Hiernach ist das Volk aus- 
einander gegangen, in der Meinung, sie sei heimlich 
enthauptet worden. 

Aber des andern Tages früh ist sie unvermutet auf 
den Markt gebracht worden, wiewohl keine Schau- 
bühne, sondern nur andere Gerätschaft zugerüstet 



321 


war, und ist, als sie ihr Gebet zu Gott verrichtet, und 
ihren Geist in seine Hände befohlen hatte, das Urteil 
an ihr vollzogen worden. Also ist sie von dieser Welt 
geschieden, und ist mit brennenden Lampen ihrem 
Bräutigam entgegen gegangen. 

Unterdessen ist Syntgen Potvliets, weil sie nicht 
standhaft blieb, wieder freigelassen worden, Maey- 
ken Kocx aber, welche allezeit standhaft blieb, ist auf- 
gespart und verwahrt worden, bis sie geboren hatte 
und das Kindbett zu Ende war; darauf ist sie (obwohl 
ihr Herz sehr an ihrem Manne und ihren Kindern 
hing), weil sie Gott über alles liebte, und aus Liebe 
zu ihm bei der erkannten und angenommenen Wahr- 
heit blieb, und diesen köstlichen Schatz höher hielt 
als ihr eigenes Leben, verurteilt worden, öffentlich 
an einem Pfahle erwürgt und verbrannt zu werden, 
welches auch so geschehen ist, und ist sie, als sie ihren 
Geist in die Hände Gottes befohlen, freudig aus dieser 
Welt geschieden, weil sie wusste, daß sie die ewige 
Freude ererben und mit den fünf klugen Jungfrauen 
eingelassen würde, wenn die Stimme zur Mitternacht 
rufen wird: Siehe, der Bräutigam kommt, geht ihm 
entgegen. 

Orvel, Jan und Pleunis, 1561. 

Um diese Zeit sind auch Orvel, Jan und Pleunis zu 
Köln um der Wahrheit willen voneinander abgeson- 
dert, gefangen gesetzt worden, und weil sie die Wahr- 
heit standhaft bekannten und durch keine Marter oder 
Verführung bewogen werden konnten, von derselben 
abzufallen, sondern getreu blieben, so sind sie endlich 
auf den Rhein gebracht und daselbst ertränkt worden, 
nachdem sie ihre Seelen in die Hände Gottes befohlen 
hatten. Im Jahre 1561. 

Franz von Elstland, im Jahre 1561. 

Ein Bruder, Franz von Elstland, sonst Franz von Mee- 
nene genannt, seines Handwerks ein Maurer, ist von 
Meenene nach Arien in Welsch-Flandern gezogen, um 
dort zu mauern oder zu arbeiten, und dadurch seine 
Kost zu verdienen; er ist aber daselbst auf St. Denys- 
tag, den 9. Oktober 1561, gefangen genommen wor- 
den, als er eben das Pferd eines Herrn, für welchen 
er arbeitete, an das Wasser führte, weil er den Ab- 
gott der Pfaffen nicht mehr ehrte. Als sie ihn nun oft 
verhörten, und mit Bedrohungen und Marter ihm zu- 
setzten, und er gleichwohl von seinem Glauben nicht 
abstehen wollte, so ist er endlich den 21. Oktober als 
Zeuge Gottes lebendig verbrannt worden. Während 
der Exekution hat der Mönch unverschämter Weise 
gerufen: Gehe hin, du Verfluchter, von diesem Feuer 


ins ewige Feuer; aber Franz, der solches geduldig er- 
trug, hat Gott die Rache überlassen, welcher zu seiner 
Zeit recht richten wird. 

Johannes Schut, im Jahre 1561. 

Auch ist im Jahre 1561 noch ein tapferer Held und 
Streiter Jesu Christi, genannt Johannes Schut, in der 
Stadt Vreden in Westfalen, weil er Christo nachfolg- 
te und nach dem heiligen Worte Gottes lebte, in die 
Hände der Tyrannen und Verfolger gefallen; er hat 
dort schwere Haft und Bedrohungen des Todes erlit- 
ten und durch Gottes Gnade ertragen. Als er gebun- 
den vor die Herren gebracht wurde, um von seinem 
Glauben Rechenschaft zu geben, hat er auch freimütig 
bekannt, daß er nach Gottes Wort glaube. 

1. Fragten sie ihn nach seiner Taufe, und was er 
von der Kindertaufe hielte. Er antwortete, er wäre 
auf seinen Glauben getauft, wie solches Christus, sein 
getreuer Heiland, Mk 1 6, uns befohlen, daß man die 
Taufe allein den Gläubigen und nicht den unvernünf- 
tigen Kindern mitteilen soll, und daß er niemals in der 
Heiligen Schrift von einer Kindertaufe gelesen habe, 
weshalb auch solches keineswegs mit Gottes Wort er- 
wiesen werden könne, sondern die Taufe käme allein 
denen zu, die ihr sündhaftes Leben gebessert hätten. 
Sie fragten ihn mit Ungestüm, ob er nicht gesinnt 
wäre, davon abzustehen. Er antwortete, es sei ihm kei- 
neswegs nützlich, daß er Gottes Wort verlassen und 
des ewigen Todes sterben sollte, sondern er wollte 
lieber um der Wahrheit willen leiden, und wäre auch 
die Pein noch so groß, 

2. Von des Herrn Abendmahle hat er auch gründ- 
lich vor ihnen bekannt, daß man solches nach der 
Einsetzung Christi halten müsse, und daß man sich 
dabei mit demütigem Herzen seines bittern Leidens 
und unschuldigen Todes erinnern soll, und wie er sein 
teures Blut für uns arme Sünder am Kreuze vergossen 
habe. 

3. Haben sie ihn alle mit vielen Worten gefragt, ob 
Christus, unser Heiland, nicht von Maria Fleisch und 
Blut wäre; da aber dieser Punkt ein Hauptartikel des 
christlichen Glaubens ist, so hat er auch gründlich 
dahin geantwortet, er habe diese ihre Behauptung nie- 
mals in Gottes Wort gelesen. Er fragte sie: Wie sollte 
der von der Erde sein können, den Gott der Vater 
vom Himmel herniedergesandt hat? Aber die reine 
Jungfrau Maria hat ihn vom Heiligen Geiste empfan- 
gen, und er ist durch die Kraft des Allerhöchsten ein 
Mensch geworden, sodass das Heilige, das von ihr ge- 
boren worden ist, der Sohn des allerhöchsten Gottes 
genannt wird, ohne daß er auf irgendeine Weise des 
besudelten und sündlichen Fleisches des Menschen 



322 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


teilhaftig geworden wäre, sondern es ist das Wort 
(nach dem Zeugnisse Johannes) Fleisch oder Mensch 
geworden, sodass man die Herrlichkeit des eingebo- 
renen Sohnes des Vaters betastet und gesehen hat. 
Dadurch sind die Verheißungen Gottes, daß Christus 
aus dem Geschlechte Davids kommen sollte, in ihm 
vollkommen erfüllt worden, durch welchen wir alle, 
die wir verloren waren, erlöst und mit Gott versöhnt 
worden sind. 

4. Fragten sie wegen ihrer Obrigkeit, ob sie nicht 
von Gott wäre. Er antwortete: Ja, zum Schutze der 
Frommen und zur Strafe der Übeltäter, und von Gott 
verordnet, um ihre Länder in Frieden zu regieren. 

5. Fragten sie ihn, was er vom Ehestande hielte. Er 
antwortete, daß ein Mann mit einem Weibe zusam- 
men in den Ehestand verbunden seien, und daß diese 
Treue durch nichts als Ehebruch wieder geschieden 
werden möge, worin er der Lehre Christi, Mt 1 9, nach- 
gefolgt ist. 

6. Fragten sie ihn wegen Aufruhrs und Meuterei, 
aber er antwortete, daß er nichts von solchen bösen 
Dingen hielte, sondern daß er und auch seine Mit- 
brüder unterrichtet waren, ihre Feinde zu lieben, und 
denen wohlzutun, die ihnen Übels täten und sie ver- 
folgten; daß auch nichts anderes von ihm und seinen 
Mitbrüdern in Wahrheit gehört werden würde. 

7. Fragten sie ihn, wer sein Hauptmann wäre. Er 
antwortete, es wäre solches Christus mit seiner Lehre, 
dieser hätte ihn in Frieden berufen. Bei diesem seinem 
getreuen Heilande und seiner gesegneten Lehre hoffe 
er zu bleiben, und solches mit seinem Tode und Blute 
zu befestigen. 

Darauf haben ihn die Tyrannen zum Tode verurteilt, 
und er ist mit dem Schwerte gerichtet worden. Der 
oberste Richter aber, der dieses Urteil gefällt hatte, hat, 
als er wenige Tage nach dem Tode des Johannes Schut 
an dem Leichnam vorüber ritt, spottender Weise ge- 
rufen: Schut, singe uns mm ein Liedlein; weil Schut 
in seinem Trübsale guten Muts gewesen, und viel im 
Gefängnisse und als er zum Tode hinausging, gesun- 
gen hat, worauf den Richter ein Schlagfluss getroffen 
hat, daß er zu niemandem mehr redete, sondern kurz 
darauf gestorben ist. Viele haben dafür gehalten, es sei 
solches eine Rache und Strafe Gottes für ihn gewesen. 

Leset von dieser Geschichte sein eigenes Liedlein 
im alten Liederbuch, welches anfängt: O Herr, ich mag 
wohl klagen. 


Johann, Henrich, Bastian, Hans, Mariken von 
Meenen, Beetken von Brugh und Lintgen, im Jahre 
1561, den 15. August. 

Ferner sind im Jahre unsers Herrn 1561 zu Antwer- 
pen in Brabant um des Zeugnisses Jesu Christi willen 
sieben fromme Zeugen der Wahrheit gefangen genom- 
men worden, mit Namen Johann, Henrich, Bastian, 
Hans, Mariken von Meenen, Beetken von Brugh und 
Lintgen. Diese alle haben das Haus ihres Glaubens 
so fest und unbeweglich auf ihr Haupt und Eckstein 
Christum Jesum gebaut, daß sie weder durch die Welt- 
weisheit der Papisten und ihre boshafte Verführung, 
noch durch ihre Tyrannei und Gewalt zum Abfal- 
le gebracht werden konnten, sondern ihr Glaube ist 
viel köstlicher erfunden worden, als das vergängliche 
Gold, das durch Feuer geläutert wird; darum haben 
sie in dem genannten Orte den 15. August des gemel- 
deten Jahres ihr Leben um der Wahrheit übergeben, 
und das Ende des Glaubens, welches die ewige Selig- 
keit ist, durch Gottes Gnade erlangt. Darum warten 
sie nun, daß sie die Krone der ewigen Herrlichkeit mit 
allen Frommen in der Ewigkeit empfangen mögen. 

Leset hiervon das schöne große Lied im zweiten 
Liederbuche, welches zum Tröste dieser gefangenen 
an sie gerichtet worden ist, und so anfängt: Liebe 
Brüder, wir grüßen euch mit Singen. 

Zwölf Christen zu Brügge. Adrian Brael, Lukas 
Hendriks, Martin Amare, Nikasen Amare, 
Hansken Liß, Andreas Müller, Anthonius Kente, 
Hansken Parmentier, Jan R., Jelis Outerman, 
Francintgen Müllerin, Maeyken Trams, 1561. 

Im Jahre 1561 des Abends vor St. Martinstage hat 
es sich zugetragen, daß zu Brügge in Flandern ei- 
nige Christen versammelt waren, welche einander 
mit dem Worte des Herrn lehrten und zur Besserung 
des Lebens ermahnten. Als die Herren davon Nach- 
richt erhielten, haben sie des Amtmanns Diener da- 
hingesandt, welche, als sie dort ankamen, hinein ge- 
sprungen sind und gerufen haben: Gebt euch gefan- 
gen, oder wir durchstechen euch; übergebt auch euer 
Gewehr und eure Bücher. Darauf haben sie geant- 
wortet: Wir sind das Volk nicht, das sich selbst zu 
rächen sucht, sondern wir überlassen Gott die Rache, 
der wird zu seiner Zeit Rache ausüben. Da wurden 
zwei und zwei aneinander gebunden und nach dem 
Steine, das ist das Gefängnis, geführt. Sie gingen un- 
verzagt fort, und trösteten einander mit Gottes Wort. 
Drei derselben sind ihnen entronnen, nämlich Rut- 
saert mit seinem Weibe und eine Frauensperson, ge- 
nannt Maeyken; die anderen aber, die auf den Stein 



323 


kamen, sind fröhlich gewesen. Francintgen Müllerin 
sprach zu Maeyken: Liebe Schwester, laß uns daran 
gedenken, daß das Himmelreich nahe ist, und laß uns 
unserm Bräutigam von Herzen getreu sein. 

Jelis und Hansken Parmentier haben vor Freude 
ein Lied gesungen. Auf St. Martins Tag wurden sie 
vor die Herren gebracht, wo sie ihren Glauben ohne 
Scheu bekannt, auch dabei gestanden haben, daß sie 
nach dem Befehle Christi recht getauft wären. 

Es haben aber diese zehn Brüder und zwei Schwes- 
tern ungefähr dreißig Tage auf dem Steine gesessen, 
wo sie Gott lobten, ihm dankten und sich zubereite- 
ten, um seines Namens willen zu leiden; unterdessen 
sind sie noch einmal vor die Herren gebracht worden, 
wo sie abermals ihren Glauben bekannten und sagten, 
daß sie dabei fest verharren wollten. 

Am zehnten Dezember sind ihrer sechs aufgeop- 
fert worden, nämlich Adrian Brael, Lukas Hendriks, 
Martin Amare, Nikasen Amare, Hansken Liß und An- 
dreas Müller, welche einander furchtlos trösteten und 
untern andern Worten sagten: Nun ist der Kampf ge- 
kämpft, der Lauf ist fast vollendet, wir haben Glauben 
gehalten, fernerhin ist uns (wie Paulus sagt) die Krone 
des Lebens beigelegt. 

Des andern Tages, den elften Dezember, sind die an- 
dern sechs getötet worden, nämlich Anthonius Kente, 
Hansken Parmentier, Jan R., Jelis Outerman, Francint- 
gen Müllerin und Maeyken Trams, welche auch ihrem 
Bräutigam mit Lampen und dem hochzeitlichen Klei- 
de geziert, ohne Scheu und freudig mit solcher Liebe 
entgegengegangen sind, daß sie auch um seinetwil- 
len den bittern Tod nicht gescheut haben. Francintgen 
rief einer von ihren Bekannten zu und befahl ihr, die 
Brüder und Schwestern in dem Herrn herzlich zu grü- 
ßen und ihnen zu sagen, daß sie sehr geneigt sei, für 
des Herrn Namen zu leiden und wie ihr Bräutigam 
beherzt streiten wollte. 

Sie sind sämtlich um des Namens Gottes und sei- 
ner Wahrheit willen erwürgt und verbrannt worden; 
nun sind sie in der Ruhe, und erwarten die Zukunft 
unseres Herrn, welcher ihr Leiden rächen wird. 

Johann Hülle zu Ypern, 1561. 

Gleichwie man bemerkt, daß der Wolf seiner angebo- 
renen blutdürstigen Natur durchgehend folgt, wes- 
halb die Schafe mit ihm keinen festen Bund machen 
können, sondern beständig in Not und Gefahr schwe- 
ben, von demselben verschlungen zu werden, so 
hat sich solches auch im Jahre 1561 in Flandern, in 
der Stadt Ypern, zugetragen, wo ein gottesfürchtiges 
Schäflein Jesu Christi von diesen reißenden Wölfen 
angetastet und gefangen worden ist, nämlich ein alter 


Mann, Namens Johann Hülle; dieser hat daselbst mit 
diesen reißenden Wölfen viele schwere Kämpfe aus- 
stehen und ertragen müssen, nicht wegen irgendeiner 
Übeltat, sondern weil er nach dem Worte Gottes lebte, 
wovon diese ihn mit ihrer Tyrannei abzuziehen und 
zum Abfalle zu bringen suchten. Weil er sich aber, 
wie einem gehorsamen Nachfolger Jesu Christi zu- 
steht, unter die Stimme seines einigen Hirten gebeugt 
hatte, so ist er vor diesen Fremden geflohen, und hat 
sie nicht hören wollen. Darum ist er von den Herren 
dieser Welt zum Tode verurteilt, und also an gemel- 
detem Orte mit Feuer verbrannt worden. In diesem 
ganzen Kampfe hat er sich, als ein tapferer Streiter 
Jesu Christi, mit Geduld gewaffnet, und all' dieses 
angetane Leid standhaft (durch den Glauben) ertra- 
gen, und gleichwie er sich hierin Christo und seiner 
Wahrheit nicht geschämt, sondern sie öffentlich vor 
den Herren und Fürsten bekannt und gestanden, auch 
dieselbe mit seinem Blute und Tode bezeugt und be- 
festigt hat, so wird sich Christus (wenn er kommen 
wird in den Wolken des Himmels, mit der Herrlich- 
keit seines Vaters) seiner dagegen auch nicht schämen, 
sondern ihn vor seinem Vater bekennen, ihn zu seiner 
Rechten stellen und ihn, samt allen Gesegneten, in das 
Reich eingehen heißen, welches ihnen von Anbeginn 
bereitet ist, welches die ewigwährende Herrlichkeit 
im Himmel ist. 

Peter von Maldegem, Peter von Male, Jaques 
Bostyn und Lorenz Allaerts, 1562. 

Im Jahre 1562 sind zu Gent in Flandern vier Brüder, 
genannt Peter von Maldegem, Peter von Male, Jaques 
Bostyn und Lorenz Allaerts, gefangen gesetzt wor- 
den, weil sie nicht länger der römischen Kirche, son- 
dern den Geboten Gottes nachzufolgen suchten. Diese 
haben, als man sie verhört hat, ihren Glauben ohne 
Furcht bekannt, und mit dem geistigen Schwerte des 
Wortes Gottes für die Wahrheit tapfer gestritten; und 
als sie nicht davon abgebracht werden konnten, sind 
sie zum Tode verurteilt worden, und haben mit ih- 
rem Blute dem Namen Christi Zeugnis geben müssen. 
Nim ruhen sie unter dem Altäre, und warten der Zeit, 
wann die Zahl ihrer Brüder erfüllt sein wird, wo ihnen 
Belohnung, ihren Feinden aber Rache widerfahren 
wird. 

Byntgen, Goudeken und Janneken de Jonkheer, 

Betgen von Maldegem, und Syntgen von Gelder, 
im Jahre 1562. 

In demselben Jahre sind auch zu Gent drei Geschwis- 
ter, nämlich Byntgen, Goudeken und Janneken de 



324 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Jonkheer, mit zwei andern, nämlich Betgen von Mal- 
degem und Syntgen von Gelder gefangen genommen 
worden. Diese haben alle fünf ihren Glauben ohne 
Furcht bekannt, und sind bis an ihren Tod, den sie dar- 
um leiden mussten, unverzagt dabei geblieben, und 
haben sich an die Liebe ihres Bräutigams Jesu Christi 
festgehalten; darum werden sie auch, wenn das Ge- 
schrei um Mitternacht kommt, ihm mit ihren brennen- 
den Lampen und mit Öl angefüllten, geschmückten 
Gefäßen entgegen gehen, und, als bereitete Jungfrau- 
en, mit ihm zur Hochzeit eingehen. 

Wilhelm von Dale, 1562. 

Nicht lange nachher musste auch zu Gent ein gefan- 
gener Bruder, genannt Wilhelm von Dale (der so fest 
an der Wahrheit und Liebe Gottes hing, daß er we- 
der Pein, Leiden, Feuer, noch Schwert scheute), in der 
Nachfolge Christi (welchem er dankte, daß er ihn da- 
zu würdig gemacht hatte) den bittern Tod schmecken; 
darum wird ihn Christus auch erhöhen, und ihm sein 
ewiges Himmelreich, voll unvergänglicher Freude, zu 
besitzen geben. 

Jelis Strings nebst Peter und Jelis Potvliet, 1562. 

Jelis Strings, ein bedachtsamer lediger Mensch oder 
Junggeselle, wie auch ein Mann, Peter Potvliet, mit sei- 
nem Bruder Jelis Potvliet, einem Junggesellen, welche 
alle drei zu Tielt in Flandern gebürtig waren (nach- 
dem sie zur Erkenntnis der Wahrheit Gottes und der 
Gemeinde Gottes gekommen sind), haben sich nach 
viel ausgestandener Verfolgung zuletzt zu Wervik 
häuslich niedergelassen und sich mit Schmalweben 
ernährt. Es hat sich aber ungefähr in der Mitte des 
Sommers des Jahres 1562 zugetragen, daß der Ketzer- 
meister in einer Nacht mit vielen Dienern gekommen 
ist, und das Haus besetzt hat, und als er hineinkam, 
sind darin diese drei Brüder gefangen worden. 

Als es nun Tag wurde, hat man sie auf einen Wagen 
gesetzt und darauf festgebunden, und sie, wahrend 
der Ketzermeister und seine Gesellschaft zu Pferde 
neben ihnen ritten, drei Stunden Weges durch Meenen 
nach Kortryck geführt, wo sie drei Monate gefangen 
sitzen mussten und genau bewahrt wurden; haben 
auch mit dem Ketzermeister und andern Geistlichen 
viel in Glaubenssachen verhandelt, sind aber doch 
tapfer und standhaft bei der bekannten und angenom- 
menen Wahrheit geblieben. Darauf hat der Ketzer- 
meister samt dem Herrn von Everbeke (unter dessen 
Herrschaft sie gefangen waren) und eine große Gesell- 
schaft zu Pferde und zu Fuße diese frommen Zeugen 
der Wahrheit wiederum auf einem Wagen denselben 


Weg zurück nach Wervik geführt, wo auf dem Markte 
(genannt der Steinacker) ein Kreis aus Pfählen und 
Holz, um sie zu verbrennen, zubereitet war. Weil es 
aber, als sie auf dem Wege zwischen Meenen und 
Wervik waren, außerordentlich stark geregnet hatte, 
sodass das zubereitete Holz und Stroh dadurch sehr 
nass wurde und auch überdies der Amtmann sie nicht 
gerne verbrennen lassen wollte, so sind sie alle drei 
zum Schwerte verurteilt worden. 

Zuerst ist Jelis Strings vorgeführt worden, welcher, 
als er zum Tode ging, unter andern die Worte sagte: 
Weil ich glaube, daß Jesus Christus der Sohn des le- 
bendigen Gottes, aus der Jungfrau Maria geboren, ist, 
darum muss ich sterben; worauf ein Mönch, welcher 
neben ihm ging, sofort zu ihm sagte: Du lügst. Dann 
fuhr Jelis in seiner Rede fort: Und weil ich glaube, 
daß der Papst der Antichrist ist. Zuletzt ist er nie- 
dergekniet und hat mit zitternder Stimme gesagt: O 
himmlischer Vater! In deine Hände befehle ich mei- 
nen Geist, und damit hatte der Scharfrichter sein Werk 
sehr schnell an ihm verrichtet, hat auch den Leichnam 
mit Holz zugedeckt, damit die andern, die ihm folg- 
ten, denselben nicht liegen sehen sollten. 

Dann ist Peter Potvliet vorgeführt worden, welcher, 
als er zum Tode ging, folgende Worte sprach: So ist es 
vorher beschlossen, um des Herrn Namens willen; er 
führte auch an, zur Befestigung seines Glaubens, aus 
Eph 4,5, daß ein Herr, ein Glaube und eine Taufe sei; 
er rief auch, als er nieder kniete: O himmlischer Vater, 
in deine Hände befehle ich meinen Geist! Da hat der 
Scharfrichter sein Schwert schnell gebraucht und ihn 
fünfmal in die Schulter, in den Hals und in das Haupt 
gehauen, ehe er sein Werk an ihm vollendete, darauf 
hat er den Leichnam, wie den vorigen, bedeckt. 

Zum Beschlüsse ist Jelis Potvliet vorgeführt wor- 
den, welcher an Jahren noch jung war; derselbe führte 
unter andern, als er zum Tode ging, die Reden Chris- 
ti an: Fürchtet nicht, die den Leib töten Auch sagte 
er, als er niederkniete: O himmlischer Vater, in deine 
Hände befehle ich meinen Geist! Aber ehe das letzte 
Wort ganz geredet war, war sein Haupt vom Rumpfe. 
Die Leichname wurden zwischen Wervik und Mee- 
nen auf Räder geflochten, sind aber bald darauf von 
einigen ihrer Mitgenossen heimlich abgenommen und 
begraben worden. 

Von Jelis Strings sind noch zwei Briefe vorhanden, 
die er zu Kortryck im Gefängnisse geschrieben hat, 
welche wir dem christlichen Leser zur Ergötzung bei- 
gefügt haben. 



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Der erste Brief von Jelis Strings. 

Gnade, Barmherzigkeit und Friede sei mit euch von 
Gott unserm Vater und dem Herrn Jesu Christo, dem 
Sohne des Vaters in der Wahrheit und Liebe; er wolle 
euch (die ihr nun eine kleine Zeit Verfolgung leidet) 
stärken und kräftig machen, und wolle euch verlei- 
hen, stark zu werden an dem inwendigen Menschen, 
und daß Jesus Christus durch den Glauben in euren 
Herzen wohne, und daß ihr durch die Liebe eingewur- 
zelt und eingepflanzt werden mögt, damit ihr erken- 
nen mögt, mit allen Heiligen Gottes, die Höhe, Tiefe, 
Länge und Breite seiner Barmherzigkeit, und darin 
recht wandelt und unbeweglich bleibt bis ans Ende 
eures Lebens, das wünschen wir euch allen, die den 
Herrn lieben, zum herzlichen Gruße, liebe Brüder und 
Schwestern in dem Herrn. 

Ferner, nach aller Begrüßung, lassen wir euch wis- 
sen, daß es um uns noch sehr wohl steht; der Herr 
müsse ewig gepriesen sein für seine Gnade; bittet den 
Herrn für uns, daß er es nach seinem Willen ergehen 
lassen wolle; wir sind ziemlich tapfer, dem Herrn sei 
Lob. 

Auch ist das meine herzliche Bitte an euch, daß ihr 
den Schwachen im Glauben von allen Dingen einen 
rechten Unterschied geben und dieselben in der Ver- 
sammlung oft ermahnen wollt, denn es ist große Not; 
sie quälen die Gefangenen so sehr, wenn sie merken, 
daß sie einfältig sind, ja, noch einmal so viel, als dieje- 
nigen, die ihres Glaubens gewiss sind; und auch ihr, 
die ihr einfältig seid, nehmt es wohl zu Herzen, und 
schämt euch nicht, wegen eures Seelenheils zu fra- 
gen, bis ihr einen guten Unterschied habt, ehe ihr in 
die Klemme kommt. Nehmt diese Warnung zu Her- 
zen, denn so viel man seines Glaubens gewiss ist, so 
viel Versicherung hat man. Sirach sagt: Gleichwie ein 
Haus, das fest ineinander verbunden ist, nicht zerfällt 
vom Sturmwinde, so auch ein Herz, das seiner Sache 
gewiss ist, fürchtet sich vor keinem Schrecken. Also, 
liebe Freude, lasst uns auch bauen auf Jesum Chris- 
tum; der muss der Grund sein, nämlich sein Wort, 
denn Christus sagt selbst: »Wer mein Wort hört und tut , 
dem zvill ich zeigen, wem er gleich ist: Er ist gleich einem 
Manne, der sein Haus baute, aber er grub tief, und legte 
den Grund auf den Felsen, und obschon Sturmwinde und 
Platzregen daran stoßen, so bleibt es doch stehen, denn es 
ist auf den Felsen gegründet; wer aber mein Wort hört und 
nicht tut ( sagt Christus), der ist einem törichten Manne 
gleich, der sein Haus auf den Sand baut; wenn nun Platzre- 
gen kommen oder Sturmwinde wehen, so fällt es, und sein 
Fall ist groß.« Merkt, Freunde, er sagt: Er ist groß. Dar- 
um, liebe Freunde, grabt tief, das heißt, nach meinem 
Verstände, untersuchen und wohl beherzigen, damit 


wir nicht als Törichte erfunden werden; denn Jakobus 
ermahnt uns auch, daß wir Täter des Wortes sein sol- 
len, und nicht Hörer allein, womit wir uns doch selbst 
betrügen; denn wenn jemand ein Hörer des Wortes 
ist, und nicht ein Täter, so gleicht er einem Manne, der 
sein leibliches Angesicht in einem Spiegel beschaut, 
und nachdem er sich beschaut hat, davongeht und 
von Stund' an vergisst, wie er gestaltet war; wer aber 
das vollkommene Gesetz der Freiheit durchschaut 
und darin beharrt, und nicht ein vergesslicher Hörer 
ist, der wird selig sein; ja Christus Jesus sagt selbst: 
Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren; auch 
ermahnt uns Johannes, Offenb 1,3: »Selig sind, die da hö- 
ren die Worte dieser Weissagung und behalten, was darin 
geschrieben ist.« 

Seht, liebe Freunde, wenn wir sein Wort hören und 
dasselbe in unsern Herzen bewahren, so gehören uns 
alle diese Verheißungen der Seligkeit, denn sie sind 
eine rechte Speise der Seele, womit alle Christen ge- 
speist werden müssen, wenn sie anders leben sollen, 
denn Christus sagt: »Der Mensch lebt nicht allein vom 
Brote, sondern von einem jeden Worte, das aus dem Mun- 
de Gottes kommt.« Desgleichen sagt auch der Prophet 
Jeremia Kap 51: Indes enthalte uns dein Wort, wenn 
wir es kriegen, und dieses dein Wort ist unsers Her- 
zens Freude und Trost. Auch sagt Salomo, Spr 30,5: 
»Alle Worte Gottes sind durchläutert und sind ein Schild 
allen denen, die auf ihn trauen.« Darum, liebe Freunde, 
lasst uns allezeit auf Gottes Wort vertrauen, denn wir 
werden dadurch nicht belogen. Johannes sagt: »Dieses 
sind wahrhaftige Worte Gottes: Himmel und Erde zverden 
vergehen, aber Gottes Wort wird nicht vergehen.« O lie- 
be Freunde, lasst uns darauf wohl Acht haben, denn 
dasselbe wird uns am jüngsten Tage verurteilen; denn 
Christus sagt: »Ich zverde euch nicht richten, sondern mei- 
ne Worte, die ich geredet habe, zverden euch am jüngsten 
Tage richten.« Liebe Freunde, soll uns dasselbe verur- 
teilen, so müssen wir genaue Untersuchung halten, 
und uns selbst allezeit prüfen, ob unser Leben mit 
dem Worte Gottes übereinstimme, darin müssen wir 
uns recht spiegeln, ob an uns nichts Verdammliches 
sei; finden wir nun etwas Unreines an uns, so lasst 
uns nach des Propheten Rat tim, der da sagt: »Wascht 
euch, reinigt euch, tut euer böses Wesen von meinen Augen, 
lasst ab vom Bösen, lernt Gutes tun, schafft den Waisen 
Recht und helft der Witzven Sachen. So kommt denn und 
lasst uns miteinander rechten, zoenn eure Sünde wie Ros- 
infarbe ist, so soll sie doch wie Wolle werden.« Er sagt: 
»Wollt ihr mir gehorchen, so sollt ihr des Landes Gut genie- 
ßen; weigert ihr euch aber und seid ungehorsam, so sollt 
ihr vom Schzverte gefressen zverden, denn der Mund des 
Herrn sagt es.« Liebe Brüder und Schwestern, lasst uns 
nicht ungehorsam sein, auch nicht wider Gott murren. 



326 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


gleichwie Israel, weshalb sie auch verworfen wurden. 
Heute, wenn wir seine Stimme hören, so lasst uns un- 
sere Herzen nicht verstocken, sondern lasst uns Fleiß 
anlegen, daß wir die Verheißung, in seine Ruhe einzu- 
gehen, nicht versäumen, damit nicht jemand als ein 
solcher von uns erfunden werde, der draußen blei- 
be, denn wir sind zur Genüge ermahnt und genötigt, 
gleichwie auch Israel geschah; aber das Wort der Pre- 
digt half ihnen nichts, weil sie nicht fest glaubten; lasst 
uns aber einen standhaften Glauben haben, gleichwie 
es Kaleb und Josua hatten, die sich weder vor der 
großen Gestalt der Kanaaniter, noch vor der Stärke ih- 
rer Städte scheuten, obgleich die Mauern ihrer Städte 
bis an den Himmel reichten. Versteht es, sie hatten ho- 
he Mauern, die Menschen waren groß wie die Riesen, 
sie waren aber in ihren Augen nur wie Heuschrecken; 
aber Kaleb und Josua vertrauten auf Gott, und sagten: 
»Gott ist mit lins, ihr Schlitz ist von ihnen gewichen, wir 
werden sie wie Brot fressen!« Sie haben auch durch ih- 
ren Glauben alles überwunden, und sind ins Land der 
Verheißung gekommen. So, liebe Freunde, sind auch 
unsere Feinde groß, stark und ihrer viele; wenn wir 
aber einen Glauben haben wie Josua und Kaleb, daß 
wir nicht auf unsere eigene Macht sehen, sondern von 
uns selbst ausgehen, und uns von ganzem Herzen auf 
ihn verlassen, so werden wir wohl überwinden, denn 
David sagt: »Befiehl dem Herrn deine Wege, und hoffe auf 
ihn, er wird es wohl machen.« Salomo sagt auch: »Ver- 
lasse dich auf den Herrn von ganzem Herzen, und verlasse 
dich nicht auf deine Klugheit, sondern gedenke seiner in 
allen deinen Wegen, dann wird er deine Gänge fördern!« Ja, 
Paulus sagt auch: »Euer Wandel sei ohne Geiz, und lasst 
euch an demjenigen genügen, was vorhanden ist, denn er 
hat gesagt: Ich will dich weder verlassen noch versäumen, 
sodass wir sagen dürfen: Der Herr ist mein Helfer, ich will 
mich nicht fürchten, was sollte mir ein Mensch tun?« Ja, 
David sagt: »Der Herr ist mein Hirt, mir wird nichts 
mangeln, er leitet mich auf grüne Weide, erführt mich zu 
frischen Wassern, er erquickt meine Seele und leitet mich 
auf den rechten Weg um seines Namens willen; obgleich ich 
im finstern Tale wandle, so fürchte ich doch kein Unglück, 
denn du bist bei mir, dem Stab und Stecken trösten mich.« 

O liebe Freunde, wo ist ein solcher Gott in Babel zu 
finden? Er sagt: »Wenn du durchs Teuer gehst, so will 
ich bei dir sein, damit dich die Flamme nicht anzünden; 
wenn du durchs Wasser gehst, will ich bei dir sein, daß 
dich die Ströme nicht ersäufen sollen.« Ja, er sagt: »Berge 
sollen weichen und Hügel hinfallen, aber meine Barmher- 
zigkeit soll nicht weichen und der Bund des Friedens soll 
nicht von dir genommen werden, spricht der Herr, dein 
Erbarmer.« Brüder und Schwestern, haben wir einen 
solchen Gott, der so in der Not hilft, wer sind wir, 
daß wir uns vor Menschen und vor Menschenkindern 


fürchten sollten, die wie Heu vergehen müssen. Ja, 
es hat Christus selbst gesagt: Fürchtet nicht, die den 
Leib töten, sondern fürchtet den, der die Macht hat, 
Leib und Seele in die Verdammnis zu werfen. Seht, 
Freunde, obgleich uns viel Leiden um Christi willen 
zustößt, so werden wir auch reichlich getröstet durch 
Christum. Darum lasst uns von Herzen uns demüti- 
gen und seine Gebote halten, und zu ihm mit Tränen 
bitten, daß er uns nach seinem Wohlgefallen Barm- 
herzigkeit erweisen wolle, damit, wie wir nun wegen 
ihres Hochmuts trauern müssen, wir uns auch nach 
diesem Jammer erfreuen mögen, weil wir nicht den 
Sünden unserer Väter folgen, die ihren Gott verlie- 
ßen und fremden Göttern nachliefen; deswegen hat 
sie der Herr in ihrer Feinde Hände gegeben. Darum, 
liebe Brüder, die ihr die Ältesten seid, tröstet das Volk 
mit euren Worten, ermahnt sie, daß sie gedenken, daß 
unsere Vater auf mancherlei Weise versucht worden 
sind, und mancherlei Anfechtung haben überwinden 
müssen, damit sie geprüft würden, ob sie Gott von 
Herzen dienten. Ebenso sind auch Isaak, Jakob und 
Mose standhaft geblieben und haben viel Elend über- 
winden müssen; die andern aber, welche die Trübsal 
nicht annehmen wollten, sondern in Ungeduld wi- 
der Gott murrten, sind von dem Verderber und den 
Schlangen umgebracht worden. Aber lasst uns beden- 
ken, daß wir von Gott zur Besserung und nicht zum 
Verderben gezüchtigt werden, und daß es eine Strafe 
ist, welche viel geringer ist, als unsere Sünden; denn 
wen der Herr lieb hat, den züchtigt er; er stäupt aber 
einen jeden Sohn, den er aufnimmt; seid ihr aber ohne 
Züchtigung, deren sie doch alle teilhaftig geworden 
sind, so seid ihr keine Kinder, sondern Bastarde. Dar- 
um, liebe Freunde, lasst uns eine geringe Zeit in dieser 
Trübsal geduldig sein, denn das Leiden dieser Zeit ist 
nicht mit der Herrlichkeit zu vergleichen, die an uns 
offenbart werden soll. Der Gott aber aller Gnade wolle 
uns alle stärken, kräftig machen und befestigen, das 
wünsche ich euch allen zum Gruße; ich, Peter, lasse 
euch sehr grüßen und begehre von Herzen, daß ihr 
für meine Hausfrau Sorge tragen wollt, sie hofft ihr 
Bestes zu tun, wie sie mir gesagt hat; wir bitten euch, 
daß ihr für uns bitten wollt, daß wir es zu Gottes Prei- 
se und zu unserer Seelen Seligkeit ausführen mögen; 
auch entbieten wir euch, daß Pauwels, wenn er noch 
nicht seine Wohnung verlassen hat, fortziehe; wir ra- 
ten euch solches als das Beste, wir könnten wohl mehr 
Nachricht schreiben, aber wir fürchten, es möchte der 
Brief nicht in die rechten Hände geraten. Ich, Peter 
Potvliet, lasse euch sehr grüßen und gebe euch ein 
Testament, bleibt standhaft und unbeweglich im Wer- 
ke des Herrn, macht, daß eure Arbeit nicht vergebens 
sei, seid Gott befohlen. Von mir, Jelis Strings. 



327 


Der zweite Brief von Jelis Strings. 

Gnade, Barmherzigkeit und Friede von Gott, dem 
himmlischen Vater, und dem Herrn Jesu Christo, dem 
Sohne des Vaters in der Wahrheit und Liebe, wolle 
euch, die ihr eine kleine Zeit um Christi willen zu lei- 
den habt, stärken und kräftig machen und befestigen; 
derselbe wolle euch nach dem Reichtume seiner Herr- 
lichkeit und Kraft verleihen, stark zu werden an dem 
inwendigen Menschen, und Jesum Christum durch 
den Glauben in euren Herzen zu wohnen und durch 
die Liebe eingewurzelt und gegründet zu werden, 
damit ihr alle mit dem Bande der Liebe verbunden 
sein möget und also sämtlich durch die Vereinigung 
des heiligen Geistes und durch den Gehorsam des 
Herrn nach Inhalt des Evangeliums zum heiligen Tem- 
pel und zur Wohnstätte Gottes in Einigkeit auferbaut 
werden mögt; das wünsche ich euch allen, die den 
Herrn lieben, zum herzlichen Gruße, liebe Brüder und 
Schwestern in dem Herrn. 

Ferner nach geschehenem Grüße hoffe ich euch 
abermals ein wenig von unserm Handel zu schreiben, 
welchen wir mit unsem Widersachern gehabt haben, 
wiewohl es nicht sehr viel ist; denn als wir gefangen 
genommen wurden, beschlossen wir untereinander, 
uns in keinen Wortstreit einzulassen, es sei denn, daß 
wir alle beisammen wären; dies haben wir auch gehal- 
ten, damit sie hinter unserm Rücken nichts zu lügen 
hätten, und damit sie, wenn sie von dem einen ein 
Wort mehr hören würden, als von dem andern, die 
Einfältigen durch ihr Schreien nicht irre machen möch- 
ten; deshalb wurden sie auch sehr zornig und sagten, 
sie verließen sich alle auf mich. Sie kamen oft, um 
einen Wortstreit zu halten, aber wir wollten nicht, es 
sei denn, daß wir alle auf dem Markte zusammen- 
kämen; darüber waren sie sehr zornig und sagten: Wo 
hat man jemals gesehen, daß man auf dem Markte 
einen Wortstreit hält, ihr wollt immer neue Lehren 
Vorbringen. Endlich willigten wir ein, daß wir unsern 
Wortstreit im Gefängnisse halten wollten, wenn wir 
nur die Erlaubnis hätten, alle Zusammenkommen zu 
dürfen, aber sie wollten mit jedem Einzelnen verhan- 
deln; aber auf solche Weise wollten wir nicht. Deshalb 
kamen sie zwei- oder dreimal, wir hatten auch zwei- 
oder dreimal einige Reden mit ihnen, damit sie nicht 
sagen möchten, wir hätten sie nicht hören wollen; un- 
sere Reden handelten von den drei Personen und der 
Menschwerdung. Die erste Frage, die er an mich tat, 
war, ob ich nicht glaubte, daß die Menschen selig wür- 
den, wenn sie an Jesum Christum glaubten und sich 
fernerhin von allem Bösen enthielten; ich antwortete: 
Ja, alle diejenigen, welche glauben, daß Jesus Christus 
der Sohn Gottes ist, der für uns gestorben ist, und die 


durch solchen Glauben dem Evangelium Gehorsam 
erweisen, sollen selig werden. Wohlan denn, sagten 
sie, wenn sie nun glauben, daß man die Kinder taufen 
soll, so werden sie ja nach eurer eigenen Aussage se- 
lig. Ich erwiderte: Mein Herr, es scheint, du seiest den 
Schriftgelehrten gleich, die Christum mit Schalkheit 
zu tadeln suchten, es scheint, ihr tut dasselbe. 

Ja, sagte er, Christus wusste den Schriftgelehrten 
wohl zu antworten, dasselbe sollt ihr auch tun, wenn 
ihr anders Christi Geist habt. Ich antwortete: Wenn 
sie dem Evangelium Gehorsam leisten, so werden sie 
keine Kinder taufen oder taufen lassen, denn solches 
ist von Gott nicht eingesetzt oder geboten, sondern 
ihr habt es eingeführt, es wird aber alles, was Men- 
schen eingesetzt haben, von Gott ausgerottet werden; 
ebenso wird es eurer Kindertaufe auch ergehen. Dann 
sagte er, daß die Wiedertäufer glaubten, Christus habe 
sein Fleisch aus dem Himmel gebracht. Ich entgegne- 
te: Das sind Lügen; schämst du dich nicht, daß du so 
da sitzest und in meiner Gegenwart lügst? Er sagte: 
Was ihr glaubt, weiß ich nicht, sondern andere. Ich sag- 
te: Das sind Lügen, ich habe von niemandem gehört, 
der einen solchen Glauben hätte; gleichwohl habe ich 
mehr Umgang mit ihnen gehabt, als du; schämst du 
dich nicht, daß du so sitzest und in meiner Gegenwart 
lügst. 

Da fing er an vieles zu reden; es saßen noch drei 
oder vier Pfaffen bei ihm, und auch der Schultheiß 
war dabei. Sie sagten: Jelis, rede doch gelinde. Ich er- 
widerte: So lügt denn auch nicht so; ich redete laut, 
daß es die andern Mitgenossen hören sollten. Da frag- 
te er: Was ist denn euer Glaube? Ich antwortete: Mein 
Glaube ist mit allen Aposteln, daß er der Sohn Got- 
tes ist, wie Petrus bekannt hat, Mt 16,16 und Joh 20 
und Joh 6,69, sichtbarer und unsichtbarer Weise, daß 
das Wort, wodurch alle Dinge geschaffen sind, in Ma- 
ria, durch die Kraft des Allerhöchsten, Fleisch gewor- 
den sei. Er sagte, ob das Wort Fleisch geworden sei, 
wie Loths Weib zum Salzsteine, oder wie Wasser zu 
Wein. Ich sagte: Nein. Er sagte: Wie denn? Ich ant- 
wortete: Es ist Mensch geworden, und ist doch das 
Wort geblieben, nämlich, das Wort, das unsichtbar 
war, ist sichtbar geworden; das unbegreiflich war, ist 
begreiflich, und was unleidentlich war, ist leidentlich 
geworden. War das Wort, sagte er, nicht Gott? Ich ant- 
wortete: Es ist Gott und Mensch. Er sagte: Ist denn 
Gott gestorben? Ich erwiderte: Er ist gestorben nach 
der Menschheit, wie Petrus sagt: Getötet nach dem 
Fleische, lebendig gemacht nach dem Geiste. Dann 
fragte ich ihn, wie er die Einheit erkenne. Er erkenne, 
sagte er, drei Personen und einen Gott. Ich fragte, ob 
der heilige Geist eine Person wäre. Er sagte: Ja. Ich 
sagte: Als der Gruß von dem Engel an Maria geschah. 



328 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


daß sie schwanger werden sollte, sie aber nicht wuss- 
te, wie es zugehen sollte, weil sie niemals einen Mann 
erkannt hatte, so sagte der Engel: Der heilige Geist 
wird über dich kommen; ist nun der heilige Geist ei- 
ne Person, so hat eine Person die andere empfangen, 
gleichwie auch in der Apostelgeschichte steht, daß, 
als die Apostel den heiligen Geist empfingen, dersel- 
be sich auf einen jeden von ihnen gesetzt habe; nun 
aber kann eine Person nur auf einen Menschen sitzen, 
auch steht im Buche der Weisheit im 1. Kap, Vers 1, 
geschrieben, daß der Welt Preis voll Geistes des Herrn 
sei, mit welcher Person willst du ihn nun vergleichen? 
Er wusste nicht, was er sagen sollte. Darauf sagte er: 
Ich halte sie nicht für solche Personen, wie Peter, Claes 
und Jan. Ich sagte: Womit vergleicht ihr sie denn? Da 
redeten sie einige Worte Latein und sagten: Wir nen- 
nen sie nur Personen; hast du geglaubt, daß wir von 
ihnen wie von drei Menschen halten? Ich antwortete: 
Ja. Er sagte: Hast du die Menschen so gelehrt, so musst 
du bekennen, daß du über uns gelogen hast und ein 
falscher Lehrer bist. Ich erwiderte: Ich bin kein Leh- 
rer; es geht mir übel genug, daß ich mich selbst lehre. 
Dann sagte ich: Ihr nennt sie Personen, sind es denn 
keine? Warum nennt ihr sie denn drei Personen? Es 
ist fast dasselbe, erwiderte er. Ich sagte: Es ist nicht 
dasselbe; eine Person ist ein Mensch, du kannst sie 
aber doch mit keinem Menschen vergleichen! Darauf 
sagte er: Gott der Vater ist nicht der Sohn, der Sohn ist 
nicht der Vater, der heilige Geist ist weder Vater noch 
Sohn; dieses sind drei, was der eine ist, ist der andere 
nicht, und obgleich ihrer drei sind, so sind sie doch 
nur ein Gott. Ich sagte: Das ist mein Glaube auch; dar- 
in erkenne ich nur eine Person, welche Jesus Christus 
ist, den man sehen und betasten konnte; die übrigen 
aber weiß ich mit nichts zu vergleichen. Wir kamen 
also hierin überein, und er ließ dieses Thema fahren. 

Darauf fragte er abermals, ob Gott gestorben wä- 
re. Ich erwiderte: Du hast mir bekennen müssen, daß 
du erkennst, daß das Wort nicht der Vater, und der 
Vater nicht das Wort sei, und obgleich sie nach der 
Gottheit ein Gott sind, so bekennst du doch, daß es 
drei Zeugen seien, und diese zwei Zeugen sind nicht 
Mensch geworden, sondern das Wort, wodurch alles 
erschaffen worden ist, ist Fleisch geworden, wie Jo- 
hannes, Kap 1, sagt; obgleich nun dieses Wort Mensch 
geworden ist, so hört es darum nicht auf, nebst dem 
Vater Gott zu sein; sonst könnte kein Gottmensch sein. 
Darauf sagte er: Jelis, du irrst. Sie führten auch an 
Rom 1,3; es stand aber in ihrem Testamente: Der von 
dem Samen Davids nach dem Fleische geworden ist, 
ist kräftig bewiesen, ein Sohn Gottes zu sein nach dem 
Geiste. Ich antwortete, daß sie das Wort geworden übel 
übersetzt hätten; es müsste heißen: Geboren von dem 


Samen Davids; geht hin und beseht die Testamente, die 
ihr vor 30 oder 36 Jahren habt drucken lassen, beseht 
sie, ob es daselbst so stehe; ich habe darin gelesen, wie 
es stehen soll, ihr aber habt es nun so verändern las- 
sen, um die einfältigen Herzen zu verführen. Darüber 
wurden sie sehr zornig. Da sagte ich: Sagt doch, wie 
es sich gebührt, geboren, denn ein Weib kann ja kein 
Kind machen; worauf er erwiderte: Geworden oder an- 
genommen ist ganz dasselbe; aber es steht daselbst: Er 
hat nicht die Engel angenommen, sondern den Samen 
Abrahams hat er angenommen. Ich sagte: Das ist auch 
verändert; es sollte daselbst nur stehen: Er nimmt nicht 
die Engel an, sondern den Samen Abrahams nimmt er an 
als seine Kinder; es werden aber die Gläubigen für sol- 
chen Samen gehalten; denn Paulus sagt, lKorll,8, daß 
der Mann nicht ist vom Weibe, sondern das Weib vom 
Manne. Sie sagten: Das ist von Adam und Eva gespro- 
chen. Ich antwortete: Gott hat's daselbst gezeigt, daß 
der Mann nicht vom Weibe, sondern daß das Weib 
vom Manne komme; das ist eurem Glauben durchaus 
zuwider. Paulus führt die Geburt noch näher an, denn 
er sagt: Gleichwie das Weib von dem Manne, so ist der 
Mann durch das Weib gekommen, und das alles von 
Gott; das zielt ja auf die Geburt; Adam ist nicht durch 
Eva gekommen. Er sagte, man müsste es so verstehen. 
Ich erwiderte: Ich verstehe es nicht so. Wir hatten auch 
noch viel mehr Reden von den Verheißungen; aber 
ich habe nicht Raum, dieselben aufzuschreiben. Alle 
diese Reden hatte ich mit dem Pfarrherrn von St. Mar- 
tins, einem losen Gaste, der so schalkhaft war, daß ich 
seines Gleichen nicht gehört habe; alle anderen waren 
nichts gegen ihn. - Geschrieben in Eile, im Dunkeln, 
mit Tinte von Kohlen gemacht; habt Nachsicht damit. 

Des Tages, ehe wir den weltlichen Herren überge- 
ben worden sind, waren wir vor dem Diakon von 
Ronse. Er sagte uns, ob wir uns nicht bedacht hätten. 
Ich erwiderte, ich wäre allezeit darauf bedacht, das 
Böse zu lassen und das Gute zu tun, so viel mir be- 
kannt ist. Es waren drei oder vier Ratsherren dabei 
und ein Unteramtmann; er sagte, es wäre ein großer 
Hochmut, daß ich vorgäbe, weiser zu sein, als die gan- 
ze Welt; da wären Ambrosius und Augustinus, und 
noch mehrere andere heilige Männer, die hätten es so 
verstanden. Ich entgegnete: Ich gebe mich nicht dafür 
aus, daß ich etwas wüsste, sondern ich erkenne den 
Glauben für die Wahrheit, und dabei will ich gern blei- 
ben. Lebt wohl und seid Gott befohlen. Jelis Strings, 
euer schwacher Bruder im Herrn. 

Henrich Eemkens, 1562. 

Zu Utrecht ist im Jahre 1562 um des Zeugnisses un- 
sers Herrn Jesu Christi willen ein Bruder, genannt 



329 


Henrich Eemkens, seines Handwerks ein Schneider, 
gefangen genommen worden, welchem, nach vieler 
Versuchung und erlittener Pein, endlich die Nachricht 
gebracht worden ist, daß er sterben sollte, worüber er 
sich freute, daß er auch ein Zeuge des Namens des 
Herrn sein sollte. Diese Botschaft wurde ihm von dem 
Pfarrer von Buerkerk und einem grauen Mönche, ge- 
nannt Bruder Jan von Herentals, überbracht, welche 
mit wenigen Worten ihm diesen Bescheid gaben, und 
ihn wieder verließen; bei dieser Gelegenheit sagte er 
zu Bruder Jan: Du brauchst morgen nicht wieder zu 
kommen, denn ich bedarf deiner nicht. Des Morgens 
brachte man ihn aus dem Gefängnisse in eine andere 
Kammer, wo er mit dem Mönche ein langes Gespräch 
hatte, welcher ihn sogleich verdammte, worauf er ant- 
wortete: Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht ge- 
richtet. Der Mönch sagte zu ihm: Du hast bekannt, 
daß du nicht glaubst, Christus habe Fleisch von Ma- 
ria angenommen. Darauf antwortete er: Ich habe es 
einmal in meinem Bekenntnisse gesagt, willst du, daß 
ich es noch einmal erzählen soll?, und verwies ihn 
dabei auf Joh 1. Da fragte der Mönch, ob er ihm nicht 
beichten wolle. Er antwortete: Ich habe schon vor Gott 
gebeichtet. Der Mönch sagte: Bist du so alt geworden, 
ohne zu beichten? Nein, antwortete er, ich habe auch 
wohl vor Menschen gebeichtet, und das ist mir, Gott 
weiß es, von Herzen leid, daß ich eurer Beichte so lang 
Untertan gewesen bin. Darauf fragte der Mönch, ob 
er keine Messe hören wollte. Ich habe, sprach er, so 
viel gelesen, daß mir vor der Messe ekelt, aber wenn 
ich es auch nicht haben wollte, und du wolltest es 
gleichwohl tun, was kann ich dafür; deshalb, willst 
du sie halten, halte sie; aber nicht um meinetwillen, 
denn ich begehre es nicht. Dann fragte der Mönch, 
ob er nicht das Sakrament haben wollte. Ich sagte: 
Nein, aber könnte ich des Herrn Nachtmahl genie- 
ßen, wie es der Herr eingesetzt und befohlen hat, und 
wie es die Apostel und ihre Gemeinden im Gebrau- 
che gehabt, solches wollte ich von Herzen begehren 
und dem Herrn dafür danken, aber eure Schalkheit 
begehre ich nicht. Darauf verdammte ihn der Mönch 
abermals zwei- oder dreimal. Hiernächst kamen die 
Büttel und wollten ihm zu trinken geben, aber er be- 
gehrte es nicht. Sodann näherte sich ihm eine von des 
Kerkermeisters Töchtern, welche wohl eine leichtfer- 
tige Dirne war, und wollte es ihm mit einem Löffel in 
den Mund gießen (denn sie saßen bei den Bütteln und 
tranken mit ihnen); aber Henrich sprach zu ihr: Ich 
habe dir ja gesagt, daß ich es nicht begehre; darum, ist 
es möglich, so lasst mich in Ruhe. Darauf sagte einer 
von den Bütteln: Willst du denn nüchtern von hinnen 
scheiden? Er erwiderte: Mich dürstet nach lauterem 
Weine, von welchem ich bald zu trinken hoffe. Der 


Mönch aber sagte: Gott schenkt keinen neuen Wein in 
alte Flaschen. Da sagte er zu dem Mönche: Weil ich 
mich erneuert habe, darum hasst ihr mich. 

Es sind noch viel mehr Worte dabei vorgefallen, 
welche vergessen worden sind, denn er selbst konnte 
nicht schreiben; dieses aber ist von einem geschrieben, 
der gegenwärtig war, als Henrich mit dem Mönche 
redete, und wiewohl es nicht des Henrichs Bruder 
oder ein Mitglied der Gemeinde gewesen, so hat ihn 
doch die Herzensgüte angetrieben, allen Liebhabern 
der Wahrheit zum Andenken dasjenige, was er da- 
von behalten, so wie er es gesehen und gehört hat, 
aufzusetzen; das Nachfolgende aber hat nicht nur er, 
sondern auch die ganze Bürgerschaft wohl gesehen 
und gehört, die es mit ihm bezeugen kann. 

Als nun Henrich auf die Schaubühne kam, fing er 
an zu den Bürgern zu reden, und sagte unter anderem: 
Ihr andächtigen Bürger, bessert euer Leben, glaubt 
allein dem Evangelium, und keinen Menschensatzun- 
gen. 

Als sie ihn zu den Herren führten, damit er sein 
Urteil hören möchte, wandte er sein Haupt abermals 
nach den Bürgern und sagte: Alles, womit man um- 
ginge, wären Menschensatzungen, und die denselben 
nicht folgen wollten, müssten ein Ausfegsel und je- 
dermann zum Spotte sein, und würden zum Tode 
geführt. 

Als das Urteil abgelesen ward, entfernte sich ein 
großer Teil des Volkes, den es jammerte und seinen 
Tod nicht sehen mochten; aber Henrich Eemkens fiel 
auf seine Knie und sein Angesicht auf der Schaubüh- 
ne nieder und schüttete sein ernstliches Gebet zum 
Herrn aus; als aber der Scharfrichter sah, daß er nie- 
derfiel, nahm er ihm seinen Mantel, welchen er auf 
seinen Schultern hangen hatte, und brachte ihn ver- 
mittelst des Hemdes in aufrechte Stellung, sodass er 
sein Gebet nicht vollenden konnte. 

Darauf sagte er zum Volke: Liebe Bürger, bessert 
euch, es ist hohe Zeit; lebt nach Gottes Gebot und nach 
den Worten des heiligen Evangeliums. Er rief auch 
abermals mit lauter Stimme: Dieses ist der schma- 
le Weg und die enge Pforte, und nannte die Kapitel, 
wo es geschrieben stände, und viele andere Schrift- 
stellen, die zu dieser Sache dienten. Darauf ging er 
freiwillig mit fröhlichem Gemüte auf die Bank, wo 
er erwürgt und verbrannt werden sollte, und sagte 
abermals: Dies ist die enge Pforte; dringt durch diesel- 
be, gleich den Männern Gottes, denn wer standhaft 
streitet bis ans Ende, soll selig werden, daran zweifle 
ich nicht. Er stellte sich sodann mit großer Freimü- 
tigkeit an dem Pfahl und sagte abermals mit fröhli- 
chem Gemüte: Liebe Bürger, bessert euch, glaubt dem 
Evangelium und keinem Menschen, denn das ist der 



330 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


schmale Weg, welchen ein Christ wandeln soll. Hier- 
auf nahm der Scharfrichter eine Kette, und schlang sie 
um seinen Leib, hing auch ein Säcklein Schießpulver 
an seinen Hals, sodass es gerade auf seine Brust zu 
hangen kam. Er redete beherzt bis ans Ende, aber man 
konnte die Worte nicht verstehen, denn der Scharfrich- 
ter nahm einen Strick, legte ihn um seinen Hals und 
zog ihn zu. Da schloss er seine Augen, als wäre er in 
Ohnmacht gefallen, und man sah nicht, daß er sich 
weiter bewegte, als daß er seine Augen noch einmal 
gen Himmel erhob, sodass er sehr bald seiner Besin- 
nung beraubt war. Darauf zog der Scharfrichter die 
Bank unter seinen Füßen hinweg, nahm eine Gabel, 
woran er ein Bündlein Stroh steckte, welches er an 
einem mit Feuer angefüllten Gefäße, welches auf der 
Schaubühne stand, ansteckte, und als es brannte, zün- 
dete er das Schießpulver an, sodass die Flamme ihm 
nach den Augen schlug; aber sein Haar verbrannte 
nicht. Da erhob er seine Hände noch einmal gen Him- 
mel, und nachher sah man kein Leben mehr an ihm. 

Auf solche Weise hat Henrich Eemkens sein Opfer 
getan, als ein frommer Zeuge des Herrn, den 10. Juni 
1562, ungefähr zwischen 10 und 11 Uhr Vormittags. 

Georg Friesen, ein Kistenmacher, und Wilhelm 
von Keppel, im Jahre 1562. 

Dieser Georg Friesen, Kistenmacher, und Wilhelm 
von Keppel (welch letztere zuvor ein Messpfaffe war) 
wurden beide im Jahre 1562 zu Köln um der Wahrheit 
des Evangeliums willen gefangen genommen. Als 
man nun Wilhelm suchte und fand, ist er gutwillig 
mit denen, die ihn fingen, gegangen. Sie führten ihn 
zuerst auf einen Turm der Stadt, aber dort blieb er 
nicht lange, indem sie ihn in des Grafen Gefängnis 
brachten, wohin man diejenigen setzte, die zum Tode 
verurteilt waren. Als er in dieses Gewölbe kam, fand 
er daselbst den gemeldeten Georg Kistenmacher auch 
als Gefangenen, welcher sein Bruder im Herrn war 
und dessen Gesellschaft ihn daher sehr tröstete. 

Hier wurden ihnen mancherlei Netze und Stricke 
gelegt, um ihre Seele zu fangen; hauptsächlich redeten 
sie viel von der Kindertaufe, von welcher sie sagten, 
daß sie recht sei; weil sie aber solches mit dem Wor- 
te Gottes nicht beweisen konnten, so brauchten sie 
menschliche Klugheit; aber Gott sei geehrt, hiermit 
konnten sie dieselben nicht bewegen; bald schmeichel- 
ten ihnen die Herren sehr, bald drohten sie ihnen auch 
mit Marter und Tod; aber die Gefangenen erfreuten 
sich hierin; auch andere wandten sowohl Schmeiche- 
leien als Drohungen an, aber es konnte die Gefan- 
genen nicht bewegen, sondern ihre Herzen standen 
durch die Hilfe des Herrn fester als eine Mauer. 


Der Graf bot dem Georg Geld an und versprach ihm 
seine Magd zum Weibe, wenn er von seinem Glau- 
ben abstehen wollte; aber Georg wollte nicht von der 
Wahrheit weichen, sondern sagte zum Grafen: Weder 
deine Magd noch dein Gut und Geld kann mich zu 
Gott bringen; aber ich habe etwas Besseres erwählt, 
darnach will ich mich bestreben. Es kam auch ein 
kluger Gast zu Wilhelm, der machte ihm schöne Ver- 
heißungen und sagte, er wollte ihn mit nach England 
nehmen. Dieser hätte ihm auch bald das Netz des 
Betrugs über den Kopf gezogen, wenn ihn der Herr 
nicht bewahrt hätte. 

Als nun die letzte Zeit herannahte, wo man sie zum 
Opfer zubereiten wollte, wonach sie übrigens sehr 
verlangten, brachte man beide aus dem Gefängnisse, 
welches des Grafen Gewölbe war, nach des Grafen 
Hause in einen Saal, Nachts um 1 Uhr; dort hatten 
sie mit ihnen mancherlei trotzige und unverschämte 
Reden, und quälten sie sehr, wozu Georg still schwieg, 
Wilhelm aber einiges sagte. Dieses währte bis Tagesan- 
bruch, dann eilte man mit diesen beiden Gefangenen 
nach dem Rheine, wo man sie ertränken wollte. 

Als nun Georg sah, daß man früh in der Morgen- 
stunde so eilig mit ihnen nach dem Rheine lief, sagte 
er zum Grafen: Herr Graf, wo bleibt nun dein Verspre- 
chen, welches du uns gegeben hast? Denn du hast 
gesagt, du wollest uns am hellen Tage töten lassen; 
aber es kehrte sich niemand an diese Worte, sondern 
man lief mit ihnen nach dem Rheine, wo man sie um- 
bringen wollte. 

Auf solche Weise wurde also die Rede Davids er- 
füllt, indem er sagt: Sie haben die Frommen heimlich 
ermordet. Der Herr wolle es ihnen vergeben, denn sie 
wissen nicht, was sie tun. 

Als sie nun auf das Wasser gebracht wurden, in ei- 
nem Rachen, hat sich Wilhelm entkleidet und seine 
Hände auf seine Füße gelegt, um sich binden zu las- 
sen, denn er meinte zuerst nach Hause zu kommen 
und ertränkt zu werden; aber solches ist ihm nicht 
widerfahren, denn man ließ ihn seine Kleider wieder 
anziehen, und sagte, er sollte noch warten. 

Deshalb musste Georg zuerst daran und zum Op- 
fer zubereitet werden. Als er zum Tode fertig war, 
nahm er brüderlichen Abschied von Wilhelm, und sie 
küssten einander mit dem heiligen Kusse der Liebe. 

Hierauf wurde Georg über Bord geworfen und in 
dem Rheine ertränkt, und hat mit seinem Tode be- 
zeugt, daß er ein Mitgenosse des Leidens Christi sei, 
damit er auch von seiner Hand (aus Gnaden) die Kro- 
ne auf dem Berge Zion empfangen und sich mit ihm 
ewig erfreuen möge. 

Als nun Georg ertränkt war, sagte der Scharfrichter 
zum Wilhelm: Ziehe deine Kleider an, ich will dich 



331 


ans Land führen und dir dort den Kopf abhauen. 

Hierzu war Wilhelm durch Gottes Gnade willig und 
bereit, und sagte: Ihr könnt mit mir tun, was Gott will 
und euch zulässt. Als sie aber ans Land kamen, ließen 
sie ihn frei und ledig. Der Scharfrichter sagte zu ihm: 
Gehe deiner Straße. Ob sie dieses nun taten, weil Wil- 
helm ein Pfaffe gewesen war, welchen sie erst hätten 
entweihen müssen, ehe sie ihn töten konnten, oder 
ob sie ihn um deswillen lieber in Freiheit gesetzt ha- 
ben, damit sie solcher Mühe überhoben sein möchten, 
weiß man nicht. 

Hier folgt nun eine Ermahnung, welche Georg 
Friesen aus dem Gefängnisse gesandt hat. 

Ich verkündige euch eine neue Botschaft und gute 
Nachricht durch das Wort des Herrn, o euch Men- 
schen allen zusammen, welche darin besteht, daß ihr 
euch zu Gott bekehren sollt von eurem sündhaften 
Leben, damit euch eure Sünden vergeben werden; rei- 
nigt eure Herzen, lasst die Welt fahren samt all ihrem 
falschen Scheine, welchen sie schön vor Augen stellt. 

Seht, ich verkündige euch viel Freude, die ich finde, 
wie Christus, der Sohn Gottes, verheißen, wenn er 
sagt: Ich will euch nicht als Waisen lassen; die auf 
mich trauen, denen will ich ihr Leid tragen helfen, und 
sie aus aller Not erretten; denn er hat selbst unsere 
faulen stinkenden Wunden verbunden und geheilt; 
ohne unser Verdienst hat er uns geheilt, als wir noch 
Feinde waren, was ein anderer nicht tun konnte; er 
hat uns mit reinem Wasser gewaschen und uns den 
Tröster, den heiligen Geist, gesandt, wie der treue und 
milde Heiland Christus uns verheißen hat; er wird uns 
alles erneuern, was wir gehört haben; er wird, wenn 
wir fest an ihm bleiben und gute Früchte bringen, 
uns Mund und Weisheit geben, wie sein göttliches 
Wort meldet, wenn wir ernstlich nach seinem Willen 
leben, ja, er wird uns solch einen Mund geben, daß 
uns niemand von den Weisen dieser Welt, die noch 
in Sünden stecken und die Wahrheit verfehlen, wird 
widersprechen können. 

Ich finde es täglich, daß diese den wütenden Mee- 
reswellen gleichen, die, durch starke Winde getrieben, 
ihre Unreinigkeit und ihren Schmutz aufwerfen und 
nimmer stille stehen; wäre etwas Gutes an ihnen, es 
würde wohl zum Vorscheine kommen; gleichwie nun 
die Blumen des Feldes abfallen, so geht es auch denen, 
die sich zu spät bedenken, denn das Gras verdorrt 
und die Blume fällt ab, aber das Wort Gottes bleibt in 
Ewigkeit. 

Ich finde noch eine Sache, welche mir sehr zu Her- 
zen geht, und welche darin besteht, daß so viele an- 
klopfen und sagen werden: Herr, tue uns auf, und 


laß uns mit eingehen, welchen der Herr sagen wird: 
Ich kenne euch nicht, und daß es ihnen nichts helfen 
werde, daß sie sagten: Wir haben doch geglaubt, daß 
du wahrhaftig Gott seiest, und daß der dein Kind sei, 
den du gesalbt hast, und den die Juden verspottet 
haben; denn wenn sie anders in der Bosheit verharren, 
so wird sie Bangigkeit überfallen, daß sie über alle 
Baalspriester wehe! wehe! rufen werden, die sie hier 
verführt haben, die sich nun auf Moses Stuhl setzen, 
Christum verfolgen, den Baal ehren und sagen: Tut 
nach unsern Worten und nicht nach unsem Werken, 
womit sie beweisen, daß sie nicht recht wandeln. O 
ihr Otterngezücht! Wer hat euch geweissagt, daß ihr 
dem Zorne Gottes und der höllischen Verdammnis 
entfliehen werdet? Wird nicht der Herr zu ihnen sa- 
gen: Seid ihr so verständig gewesen, daß ihr mich 
erkannt habt? Warum habt ihr denn nicht in meiner 
Nachfolgung das Reich meines Vaters gesucht; darum 
weicht mm von mir, alle ihr Heuchler, zum Teufel und 
seinen Engeln in den feurigen Pfuhl und in die ewige 
Verdammnis. Aber ihr Brüder und Schwestern, die 
ihr zu dem Abendmahle des Lammes berufen seid, 
macht euch doch auf in dieser letzten Zeit von Herzen, 
und rüstet euch zum Abendmahle; lasst euch auch 
diese Speise nicht nehmen, die euch vorgesetzt ist, da- 
mit ihr nicht vor Hunger vergeht; haltet euch fest an 
Jesum Christum, seht zu, daß ihr nicht verliert, was 
ihr erarbeitet habt; lasst euch auch auf dieser Erde von 
niemandem irre machen; fürchtet euch auch nicht vor 
den Fürsten dieser Welt, denn wenn sie vor das An- 
gesicht Christi kommen, müssen sie alle zu Schanden 
werden. 

Nun macht euch auf zum Herrn, denn es ist jetzt 
rechte Zeit; lasst euch die Welt nicht irre machen, da- 
mit ihr nicht verführt werdet; wacht, die ihr auf dem 
Meere seid, damit ihr nicht umkommt; glaubt an den 
Herrn von Herzen, so werdet ihr im Sturme bestehen. 
Der König aller Könige, welcher alle Dinge erkennt, 
wolle uns mit seiner starken Hand erhalten, damit wir 
niemals durch irgendeinen widrigen Zufall von ihm 
abgezogen werden, sondern daß wir treulich bei sei- 
nem Worte bis in den Tod bleiben mögen; hierauf will 
ich mein Leben gern für diese Zeit lassen und diesen 
engen Weg durch Christum wandeln; mit seiner Hilfe 
will ich gern sein Joch tragen, und an diesem Joche 
allein meinen Pflug ziehen. O Gott!, möchte mir das 
widerfahren, daß das Werk, welches in mir angefan- 
gen worden ist, zu einem solchen glückseligen Ende 
ausgeführt werden möchte, zu meiner Seele Seligkeit, 
und zu deiner Ehre, und das allein durch deine Kraft; 
reicher könnte ich nicht werden, auch keinen hohem 
Stand des Menschen erlangen; dafür würde ich dich 
loben und preisen durch Christum, deinen Sohn. Mei- 



332 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


ne lieben Brüder und Schwestern, dieses habe ich in 
meiner Gefangenschaft geschrieben; ich schenke es 
euch zur Ermahnung; ich, Georg Friesen, habe dieses 
des Nachts aufgesetzt, als andere Menschen schliefen; 
ich hoffe, daß der lichte Tag bald heller und klarer 
scheinen wird. O Herr!, komme doch bald zu mir in 
das Gefängnis; erlöse mich von den Ketten; lege die 
Bande von mir und schütze mich vor dem Bösen; ach 
so stände ich wohl vor dir. Meine Brüder, wollt ihr 
euch im Geist erfreuen, und hiervon den Grund mei- 
nes Herzens verstehen, so hütet euch vor der Sünde, 
alsdann werdet ihr klar sehen. Wollt ihr im Geiste die 
göttlichen Rechte verstehen, so naht euch zum Herrn, 
dann wird er euch dazu verhelfen. 

Martyntgen Aelmeers, 1562. 

Im Jahre 1562 ist zu Honschote in Flandern eine junge 
Tochter Namens Martyntgen Aelmeers von Steenwyk 
gefangen gesetzt worden, weil sie sich auf den Glau- 
ben hatte taufen lassen, und ihren Handel und Wan- 
del nach dem Evangelium unsers Herrn Jesu Christi 
eingerichtet hatte; sie ist aber, nachdem sie sehr stand- 
haft geblieben, zum Tode verurteilt und mit Feuer 
verbrannt worden, sodass sie Gott ein angenehmes le- 
bendiges Opfer getan und der Pein des ewigen Feuers 
zu entgehen, erlangt hat. 

Nikasen von Aelmeers, 1562. 

In demselben Jahre ist Nikasen von Aelmeers, der Bru- 
der der vorgenannten Martyntgen, um des Glaubens 
und der göttlichen Wahrheit willen, zu Brügge in Flan- 
dern gefangen worden, und als er durch keine Pein 
oder Marter von seinem Glauben abgebracht werden 
konnte, ist er zum Tode verurteilt und verbrannt wor- 
den, als ein treuer Zeuge unsers Herrn Jesu Christi. 

Carl von der Beide mit seiner Hausfrau Proentgen, 
Franz Schwarz mit seiner Hausfrau Claesken, 
Jasper, der Schuhmacher, Charlo de Wael und 
Martyne Amare, 1562. 

Im Jahre 1562 sind zu Honschote in Flandern sie- 
ben Personen um des Zeugnisses der Wahrheit wil- 
len gefangen genommen worden, nämlich: Carl von 
der Beide von Gent, mit seiner Hausfrau Proentgen; 
Franz Schwarz von Belle, mit Claesken, seiner Haus- 
frau; Jasper, der Schuhmacher; Charlo de Wael, ein 
junger Gesell; und Martyne Amare, eine junge Toch- 
ter, welche alle standhaft bei der Wahrheit und dem 
Worte Gottes geblieben sind; diese fünf, nämlich die 
vier Mannspersonen und die junge Tochter, sind bald. 


nachdem sie gefangen wurden, um ihres Glaubens 
willen verbrannt worden; die beiden Weiber aber, wel- 
che Schwestern waren, sind darauf in einer Waschbüt- 
te heimlich ertränkt worden; als die eine der beiden 
Frauen sah, daß man sie heimlich töten wollte, so be- 
klagte sie sich hierüber, denn sie hätte lieber öffentlich 
mit ihrem Tode der Wahrheit Zeugnis geben wollen, 
worauf ihre Schwester sagte: Es ist doch ganz dassel- 
be, denn Gott sieht es alles; er wird es uns vergelten, 
und unser Leid rächen. 

So haben sie sich alle, als tapfere Helden, durchge- 
stritten, und haben es erlangt vom Holze des Lebens 
zu essen, das mitten im Paradiese Gottes ist. 

Jan Grendel, 1562. 

Im Jahre 1562 ist ein Mann von Oudewater nach Goes 
gekommen, der Jan Grendel hieß und aus Kortryck 
in Flandern gebürtig war; er ist aber an demselben 
Abend, als er in die Stadt kam, von dem Schultheiß, 
Uytwyk, ergriffen und gefangen genommen worden, 
welcher, als er ihn in sein Haus gebracht, ihn um sei- 
nen Glauben fragte; er hat demselben ein offenes Be- 
kenntnis davon abgelegt, nach welchem er in das Ge- 
fängnis gesetzt worden ist, in welchem er ungefähr ein 
Jahr lang gelegen hat, denn weil der Schultheiß Uyt- 
wyk sich in seinem Amte etwas zu schulden kommen 
ließ, so ist er seines Schulzenamtes entsetzt worden, 
und es ist ein anderer, mit Namen Floris Schaek, in 
dasselbe Amt getreten; unter demselben ist er nach 
vieler Prüfung und Leiden in den Fasten des Jahres 
1563 öffentlich auf dem Markte auf seinen Glauben 
verbrannt worden. 

Franziskus von der Sach und Antonius Welsch, 
1562. 

Im Jahre 1562 ist der Bruder Franziskus von der Sach, 
ein gebomer Italiener von Novigio, ein Diener des 
Wortes Gottes (welcher noch in der Probe stand), und 
noch ein Bruder, der mit ihm abgefertigt war, genannt 
Antonius Welsch, zu Capo d'Istria, ungefähr hundert 
italienische Meilen von Venedig, gefangen genom- 
men worden, als sie wiederum nach Deutschland zu 
der Gemeinde zurückkehren wollten, und eine starke 
Begleitung aus dem Volke bei sich hatten; man hat je- 
doch das Volk nicht mitgenommen, sondern es gehen 
lassen. Diesem Franziskus haben sie, wie einem Miss- 
etäter, eiserne Bande an die Füße gelegt und beide in 
ein besonderes Gefängnis gesetzt; sie haben dieselben 
zu Capo d'Istria auf eine satanische Weise versucht 
und angefochten, wie sie in den Zeiten zu tun pfleg- 
ten; sie haben auch mit Macht gesucht, dieselben in 



333 


Fallstricken zu fangen, um sie straucheln und klein- 
mütig zu machen, und an Gott zu Fall zu bringen, 
insbesondere ist Franziskus hart angefochten worden; 
doch haben beide tapferen Widerstand geleistet. Als 
man sie nun zu Capo d'Istria über alle Punkte verhört 
und untersucht hatte, hat man sie noch drei Tage mit 
eisernen Banden an Händen und Füßen sitzen lassen, 
und sie alsdann nach Venedig gesandt, auf welcher 
Reise sie, weil die See ungestüm war, drei Tage und 
drei Nächte still gelegen haben. Unterdessen haben 
sie einander tröstlich zugesprochen und zur Mannhaf- 
tigkeit ermahnt, sodass es schien, als hatten sie den 
Schmerz, den sie von den eisernen Banden und an- 
deren Zufällen erlitten, kaum gefühlt, welche ihnen 
doch Tag und Nacht großes Leiden verursachten. 

Als sie nun den ersten Tag des Septembers des 
vorgemeldeten Jahres zu Venedig ankamen, hat man 
sie sogleich in dunkle Gefängnisse gesetzt, welche 
den vornehmsten Ratsherren zugehörten, in denen 
sie einen ganzen Monat gelegen haben; hiernächst 
wurden sie vor die weltlichen und auch einige soge- 
nannte geistliche Herren zu Venedig gebracht, welche 
in großer Pracht, auf das herrlichste gekleidet, dasa- 
ßen; sie fragten den Bruder Franziskus, ob er noch 
dabei bleibe, was er den Herren, die ihn verhörten 
(und zu Capo d'Istria darüber mit ihm gesprochen 
hatten), zur Antwort gegeben hätte und ob er solches 
noch für die Wahrheit hielte; er antwortete ihnen: Ich 
halte es für die Wahrheit, und es ist auch die Wahrheit. 

Darauf fragten sie ihn, ob er alles glaubte, was 
die heilige allgemeine, apostolische, christliche Kir- 
che glaubt, worauf er antwortete: Was den Glauben 
betrifft, so glaube ich alle Artikel des apostolischen 
christlichen Glaubens. Darauf fragten sie ihn auch we- 
gen der Taufe, Sakramente, Beichte und vieler anderer 
Dinge; als er aber über alles einen sehr gründlichen 
Bericht abstattete, sind sie scharf in ihn gedrungen, ha- 
ben ihn hart gescholten, und ihn alsdann wieder nach 
dem Gefängnisse bringen lassen. Den Bruder Antoni- 
us haben sie auch vorgenommen, welcher gleichfalls 
ein gutes Glaubensbekenntnis vor ihnen abgelegt hat. 

Nicht lange darauf haben sie Franziskus abermals 
verhört, insbesondere wegen der Kindertaufe, haben 
aber, nach ihrem Willen, nichts ausgerichtet. Nach- 
her haben sie ihn noch einige Male vorführen lassen, 
und mit ihm gehandelt, haben auch Mönche zu ihm 
gesandt, welche nichts anderes getan haben, als daß 
sie, wenn sie auf ihre Fragen antworten sollten, sie 
immer Ketzer und Widersprecher so vieler Konzilien 
gescholten haben, und daß, wenn sie nicht abstehen 
würden, sie sterben müssen; mit diesem Bescheide 
haben sie dieselben wieder nach dem Gefängnisse 
bringen lassen. 


Kurz darauf haben die Herren einen andern Mönch, 
einen Ketzermeister, zu ihnen gesandt, der mit ihnen 
vom Glauben reden sollte; derselbe fragte sie zuerst, 
ob sie von der oberländischen Kirche wären. Darauf 
antwortete Franziskus: Ja. Da sagte der Mönch: Das 
ist der erste Irrtum. Er fragte auch, ob er mit ihnen 
das Brot gebrochen hätte. Als nun Franziskus ja sag- 
te, sprach der Mönch: Das ist auch ein Irrtum. Diese 
Antwort gab er auf alles, und was sie auch antworte- 
ten, so sagte der Mönch allezeit, sie wären Ketzer und 
Verführer. 

Auch sprach der Mönch: Sagt mir, wer ist das Haupt 
der Kirche? Franziskus antwortete: Das ist Christus. 
Der Mönch sagte: Das ist auch ein Irrtum. 

Darauf sagte Franziskus: Du nennst uns Ketzer, 
aber du bist selbst ein Ketzer, nicht aber wir; denn 
Christus ist ja das Haupt seiner Gemeinde. Aber, sagte 
der Mönch, der Papst ist es hier auf Erden. Franziskus 
sagte: Ein Leib mit zwei Häuptern ist ein schreckliches 
Ding. 

Sodann fing der Mönch abermals an zu verketzern 
und zu ermahnen, daß er abstehen sollte. Aber der 
Bruder Franziskus sprach, er könnte nicht abstehen, er 
hätte ihm denn seinen Irrtum mit der heiligen Schrift 
erwiesen. Der Mönch antwortete: Wir sind nicht schul- 
dig, euch solches mit der Schrift zu erweisen. Darauf 
sind sie abermals nach dem Gefängnisse gebracht 
worden, wo Franziskus sein Bekenntnis und seine 
Verantwortung schriftlich aufgesetzt und übergeben 
hat. 

Nachdem sie noch eine lange Zeit und überhaupt et- 
wa zwei Jahre gefangen gelegen hatten, und in vielen 
Verhandlungen immer in der bekannten Wahrheit, die 
sie angenommen, standhaft geblieben sind, so sind 
beide zum Tode verurteilt und im Jahre 1564 zu Vene- 
dig in die See geworfen und ertränkt worden. Aber es 
wird auch die See auf den Gerichtstag des Herrn ihre 
Toten wieder herausgeben müssen; alsdann werden 
diese Mörder der Frommen es teuer bezahlen müssen 
und mit großem Schrecken bekennen, wie hart man 
sich an Gott vergreift, wenn man seine Gläubigen so 
antastet (Sach 2,12; Apg 9,5). 

Jan der Schwarze und sein Weib Claesken, Claes, 
Christian, Hans, Mathieu, seine vier Söhne, 

Percevael von dem Berge, Jan Maes, Peter, der 
Schuhmacher, Henrich Aerts, Hutmacher, 
Janneken, Cabeljau's Weib, Calleken Steens, 
Hermann, 1563. 

Jan der Schwarze, ein ehrlicher, gutartiger Mann von 
Nipkerke, ist mit seinem Weibe und seinen erwach- 
senen Kindern zur Erkenntnis der Wahrheit und der 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Gemeinde Gottes gekommen. Nachher ist er zum Die- 
ner der Gemeinde erwählt und verordnet worden, 
in welchem Dienste er sich nach Vermögen in der 
Einfalt so betragen hat (nicht allein in dem Dienste 
seiner Armenpflege, sondern auch nach seiner von 
Gott empfangenen Gabe in dem Austeilen des Wortes 
der Ermahnung), daß er durch seine Beredsamkeit 
sich bei allen beliebt gemacht hat, die ihn kannten. 

Was aber der Apostel Paulus vorhergesagt hat, daß 
alle, die gottselig leben wollen in Christo Jesu, Ver- 
folgung leiden müssen, das ist ihm auch begegnet, 
weshalb er in verschiedenen Städten und Flecken von 
Flandern, namentlich zu FFonschote, Ryssel, Wervik, 
Meenen, und zuletzt zu Fialewyn, gewohnt und sich 
größtenteils mit Schmalweben ernährt hat; derselbe 
ist auch mit seinem verdienten Lohne gegen die Ar- 
men sehr gütig und freigebig gewesen, nicht allein 
zum Dienste der FFausgenossen des Glaubens, son- 
dern durchgängig gegen alle, wodurch er insbeson- 
dere einen guten Namen (zu Gottes Preis und Ehre) 
hinterlassen hat; auch ist er nicht nachlässig gewe- 
sen, andern mit seinem Tische und FFerberge zu die- 
nen, wie die Schrift vorschreibt; was daraus erhellt, 
daß eben, als er gefangen worden ist, ein Bruder von 
Doornik, Namens Percevael von dem Berge, und in 
Zwevegem geboren, und noch ein anderer, der von 
Honschote gekommen ist, Namens Jan Maes, bei ihm 
zur Herberge gewesen sind. 

Um eben diese Zeit wohnten zu Halewyn noch 
verschiedene gottesfürchtige Brüder und Schwestern, 
welche der Pfarrer N. von dem Castell sehr beneidete, 
weshalb er sie auf verräterische Weise dem Diakon 
von Ronse, als Ketzermeister in Flandern, überantwor- 
tet hat. Derselbe ist auf einen Samstag, Nachts, den 
7. März 1563, in Begleitung vieler Diener, von Ryssel 
daselbst in der Stille angekommen, hat einige Häu- 
ser von außen besetzt, dieselben sodann durchsucht, 
und in der Nacht den vorgemeldeten Jan den Schwar- 
zen mit seiner Hausfrau Claesken und vier Söhnen, 
nämlich Claes, Christian, Hans und Mathieu, welcher 
ungefähr sechzehn Jahre alt war, gefangen genommen; 
außer diesen Personen hat er noch Percevael von dem 
Berge, den vorgenannte Jan Maes, Peter den Schuh- 
macher, und Jakomyntgen, dessen Hausfrau (welche 
Jakomyntgen aber nicht standhaft geblieben ist), Hen- 
rich Aerts, einen Hutmacher, Janneken, des Cabeljaus 
Hausfrau, und noch eine Schwester, Calleken Steens, 
die Hausfrau eines Bruders, der Augustin hieß, zur 
Haft gebracht. 

Als Jan der Schwarze gefangen genommen wurde, 
waren die beiden jüngsten Söhne nicht bei der Hand, 
sondern sind während der Zeit hinzugekommen, und 
als sie in die Nähe des Hauses kamen, haben sie die 


Nachbarn gewarnt, daß diejenigen im Hause wären, 
die ihren Vater und Mutter fingen; da sagte einer zu 
dem andern: Laß uns nicht laufen, sondern laß uns 
mit Vater und Mutter sterben. Unterdessen ist Jan 
der Schwarze gefangen zum Hause hinausgeführt 
worden, und als er seine Söhne sah, sprach er zu ihnen: 
Kinder, wollt ihr mit nach dem neuen Jerusalem? Sie 
antworteten: Ja, Vater, und sind so mit ihm gefänglich 
fortgeführt worden. 

Der Diakon hat diese alle nach Ryssel gefangen 
geführt und daselbst auf dem Schlosse genau bewah- 
ren lassen. Jan wurde allein in eine Höhle gesetzt, 
das Paradies genannt, welche so klein war, daß er in 
derselben weder gerade stehen noch bequem liegen 
konnte. 

Während ihrer Gefangenschaft hat es sich ereig- 
net, als einige Brüder und Schwestern (mit Liebe und 
Mitleiden entzündet) vor die Stadt kamen und dem 
Schlosse gegenüber standen, auch um die Gefange- 
nen zu trösten, ihnen einige Worte zuriefen, daß unter 
andern ein Bruder, genannt Hermann, welcher von 
einem der Stadtdiener, der heimlich hinausging, er- 
kannt worden ist, auch gefangen worden ist. 

Nachdem diese Gefangenen zehn Tage gesessen, 
hat sie der Ketzermeister den Händen der weltlichen 
Obrigkeit überantwortet. Diese hat zuerst Jan den 
Schwarzen mit seinem Sohne Claes, Peter, den Schuh- 
macher, Henrich Aerts, den Hutmacher, Percevael von 
dem Berge und Jan Maes, und sie alle sechs (weil sie 
tapfer und standhaft bei der göttlichen Wahrheit blie- 
ben) zum Tode verurteilt und auf einem Wagen auf 
den Markt geführt, wo eine Schaubühne, mit Erde 
und Pfählen versehen, errichtet war; sie wurden einer 
nach dem andern hinaufgeführt und paarweise an 
den Pfählen festgebunden. 

Als sie zum Tode geführt wurden, schlug die Glo- 
cke; Jan fragte, wie spät es wäre, da wurde ihm geant- 
wortet: Vier Uhr. Er tröstete sich mit den Worten: Um 
fünf Uhr hoffen wir in unserer Herberge oder auf un- 
serem Ruheplatze zu sein. Sein Sohn Claes hat die 
Worte gesprochen: Wir müssen sterben, weil wir glau- 
ben, daß Jesus Christus des ewigen Gottes Sohn vom 
Himmel und nicht von der Erde ist. 

Dem Peter wurde ein Gebiss in den Mund gelegt, 
um ihm das Reden zu verwehren. Als sie an den Pfäh- 
len standen, wurde Holz und Stroh um sie her gelegt, 
und als man solches anzündete, wurden sie lebendig 
zu Asche verbrannt. 

Wenige Tage darauf sind auch Claesken, Jan des 
Schwarzen Hausfrau, mit ihren drei Söhnen und Her- 
mann, weil sie fest und unbeweglich an der Liebe 
Gottes blieben, alle fünf von der Obrigkeit zum Tode 
verurteilt und lebendig zu Asche verbrannt worden. 



335 


und sind so als fromme Zeugen Christi bis ans Ende 
standhaft geblieben. 

Als nun hierauf fast ein Jahr verflossen, so sind auch 
nach einer langwierigen Gefangenschaft Janneken Ca- 
beljaus und Calleken Steens, als fromme, standhafte 
Zeugen der göttlichen Wahrheit, zum Tode verurteilt, 
lebendig ins Feuer gestellt und zu Asche verbrannt 
worden. 

Es hat sich auch zugetragen, daß der Pfarrer N. von 
dem Castelle, der diese lieben Freunde Gottes aus 
Neid verraten hatte, von Gott sehr hart gestraft wor- 
den ist, denn sein Fleisch hat angefangen so sehr zu 
faulen, daß es in Stücken von seinem Leibe gefallen ist, 
oder geschnitten wurde, und daß seine Krankheit von 
keinem Arzte geheilt werden konnte. Als einmal ein 
großes Stück verfaultes Fleisch von seinem Leibe fiel 
oder geschnitten wurde, ist dasselbe von einem Hun- 
de aufgefressen worden, was er mit seinen eigenen 
Augen angesehen hat; wie ihm nun dabei zu Mute 
gewesen sein muss, ist leicht zu erraten, besonders 
wenn er dabei einer Verwünschung gedachte, welche, 
wie es heißt, über ihn ausgesprochen worden ist, näm- 
lich, daß er mit seinen eigenen Augen noch würde 
sehen müssen, daß die Hunde sein eigenes Fleisch 
essen würden. 

Auch trug es sich zu (als der Pfarrer oder Pfaffe 
krank lag), daß ein Mann ihn zu besuchen kam, wel- 
cher, als der Pfaffe über sein schweres Elend klagte, 
zu ihm sagte: Es sind die Kohlen des Feuers zu Ryssel 
(nämlich von dem Brande der oben genannten Freun- 
de), was dem Pfaffen nicht wohl gefiel; musste aber 
solchen Spott ebenso wohl ertragen, als auch seine 
Strafe, die ihm Gott zusandte. Auf solche Weise ist er 
endlich sehr elend gestorben, wie man liest, daß es 
vor Zeiten dem Antiochus ergangen (2Makk 9,9) und 
Herodes (Apg 12,23). 

Dirk Lambertz, Christian von Wetteren und 
Antonyn de Wale, 1563. 

Auch sind zu Gent in Flandern um des Glaubens wil- 
len drei Brüder, nämlich Dirk Lambertz, Christian von 
Wetteren und Antonyn de Wale, gefangen genommen 
worden, welche tapfer und ritterlich für ihren Glau- 
ben und die Wahrheit gestritten haben, und durch 
keine Anfechtung, Pein oder Leiden zum Abfalle ge- 
bracht werden konnten, weshalb sie endlich zum Tode 
verurteilt worden sind; sie haben, und zwar zuerst 
Dirk Lambertz, bald darauf aber auch die beiden an- 
dern, um Christo nachzufolgen, durch den Tod zum 
Leben eingehen müssen, und deshalb werden sie mit 
allen Auserwählten Gottes in weiße Seide gekleidet 
werden, auch Palmzweige in die Hände und die Kro- 


ne des Lebens auf ihre Häupter empfangen. 

Joos Janß, 1563. 

In eben demselben Jahre 1563 wurde auch zu Som- 
merdyk ein Bruder, Namens Joos Janß, um der Bele- 
bung der Wahrheit willen gefangen genommen, und 
sofort nach Zierikzee geführt, wo er manche Verhöre 
und Leiden ausgestanden hat; hat sich aber keines- 
wegs bewegen lassen, von dem Worte Gottes und der 
Liebe Christi abzufallen, weshalb er zuletzt verurteilt 
und enthauptet worden ist, und hat so die Wahrheit 
tapfer mit seinem Blute bezeugt. 

Der mehrgemeldete Befehl des Kaisers Carl des 
Fünften, welcher im Jahre 1550 erlassen und in den 
Jahren 1556 und 1560 durch Philipp den Zweiten, Kö- 
nig von Spanien, befestigt wurde (auf welches Jahr 
wir denselben umständlich angeführt haben), wurde 
im Jahre 1564 zum Verderben und Untergange der 
unschuldigen und wehrlosen Christgläubigen zum 
dritten Male erneuert und festgestellt, wie man in dem 
großen Gesetzbuche der Stadt Gent, angeführt von 
Wilhelm dem Ersten, Prinzen von Oranien, in seiner 
Verantwortung wider seine Widersprecher, gedruckt 
1569, Pag 165, sehen kann. 

Darauf ist keine geringe Verfolgung erfolgt, wie 
aus der Beschreibung der nachfolgenden Märtyrer zu 
ersehen ist. 

Daniel Kalvaert. 

Daniel Kalvaert, geboren zu Teilt in Flandern, wur- 
de im Jahre 1564 zu Armentiers um des Zeugnisses 
der Wahrheit willen gefangen genommen, und von 
da nach Ryssel geführt. Aber nachdem er einige Ver- 
höre und Pein ausgestanden hatte, ist er mit vierzig 
Dienern abermals nach Armentiers gebracht und dort 
durch obrigkeitlichen Ausspruch verurteilt worden, 
lebendig zu Asche verbrannt zu werden, welches Op- 
fer er auch unverzagt getan hat; darauf ist seine Asche 
in die Leye (ein dortiger Fluß) geworfen worden. 

Peter von Oosthoven. 

Peter Floeiß, genannt von Oosthoven, und gebürtig 
zu Nipkerken in Flandern, ist um der Wahrheit Got- 
tes willen zu Armentiers im Jahre 1564 gefangen ge- 
nommen worden; er hat sich durch vieles Bitten und 
Leiden, gleichwie auch durch Verheißungen, daß er 
nicht sterben, sondern frei gelassen werden sollte, be- 
wegen lassen von seinem Glauben abzufallen; aber als 
er wieder im Gefängnisse war und zu sich selbst kam, 
hat er bei sich überlegt, wie sehr er sich habe betrügen 



336 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


lassen, und daß, wenn er auch dem zeitlichen Tode für 
eine geringe Zeit entginge, so müsste er doch darum 
den ewigen Tod schmecken; diese Betrachtung hat ei- 
ne solche ängstliche Reue in ihm erzeugt, daß er sich 
zu dem allmächtigen Gott (wie dort Petrus) mit ernst- 
licher Anrufung gewendet, und mit heißen Tränen 
um Vergebung seiner begangenen Missetaten, und 
um ein standhafteres Gemüt, als er zuvor bewiesen, 
gebetet hat. 

Sein Gebet ist auch nicht umsonst und unerhört 
geblieben, denn als er abermals vor die Obrigkeit 
gebracht wurde, hat er seinen Abfall plötzlich wi- 
derrufen, nachher seinen Glauben freimütig bekannt, 
und ist standhaft dabei geblieben, weshalb er zuletzt 
zum Tode verurteilt worden ist, dem er mit fröhlicher 
Standhaftigkeit entgegen gegangen und also erwürgt 
und verbrannt worden ist. 

Stephan de Graet und Syntgen. 

Es sind auch im Jahre 1564 zu Gent in Flandern, um 
der Wahrheit willen, ein Bruder, genannt Stephan de 
Graet und Syntgen, seine alte Mutter, gefangen ge- 
nommen worden; beide waren gestärkt im Glauben 
und sind dabei in allen Versuchungen und Leiden 
bis in den Tod, welchen sie um des Namens Christi 
willen haben öffentlich erleiden müssen, standhaft ge- 
blieben; deshalb werden sie auch öffentlich droben in 
des Himmels Throne den Herrn loben, und zu Ehren 
des Lammes und desjenigen, der auf dem Stuhle sitzt, 
das fröhliche neue Lied singen helfen. 

Pieryntgen Ketels, Leentgen, ihre Mutter, 
Pieryntgen und Martyntgen von Male, 1564. 

In demselben Jahre wurden zu Gent vier Schwestern 
Christi gefangen, nämlich: Pieryntgen Ketels, Leent- 
gen, deren Mutter, und zwei Schwestern Pieryntgen 
und Martyntgen von Male. Diese haben sich nicht 
mit ihrem Fleische und Blute, sondern mit Gott berat- 
schlagt, welcher sie stärken konnte, um dessen Na- 
men willen sie (nach viel Anfechtung und standhafter 
Beharrung) in dem Kloster zu St. Peter bei Gent ihr 
Leben haben lassen müssen. Darum werden sie auch 
von dem Jünglinge auf dem Berge Zion gekrönt und 
von ihrem Bräutigam freudig empfangen werden. 

Peter von der Mühl, 1564. 

Kurz darauf hat auch zu Gent ein Bruder, Namens 
Peter von der Mühl, so tapfer für seinen Glauben in 
Christo gestritten, daß er mit einem festen Glauben 
und Vertrauen auf Gott allen denen bis an seinen Tod 


widerstanden, die ihn davon abfällig zu machen such- 
ten, er ist aus dieser Welt geschieden und in Ruhe 
und Frieden zu Christo gereist, um am jüngsten Ta- 
ge diejenigen richten zu helfen, die ihn hier gerichtet 
haben. 

Maeyken Boosers wird um des Zeugnisses Jesu 
Christi willen in der Stadt Doornik, im Jahre 1564, 
den 18. September, zu Asche verbrannt. 

Ein Bekenntnis und tröstlicher Sendbrief von Maey- 
ken Boosers, gefangen zu Doornik, wo sie ihren Glau- 
ben mit ihrem Tode versiegelt hat, welcher also lautet: 

Die ewige unergründliche Gnade Gottes und die 
Kraft des heiligen Geistes sei mit euch allen, meine 
geliebten Freunde und Brüder. Ich lasse euch wissen, 
daß ich dem Fleische nach gesund bin; aber dem Geis- 
te nach möchte es wohl etwas besser sein, denn ich 
finde Schwachheit in mir; doch steht meine Hoffnung 
auf Gott, der den Schwachen stärkt und den Unter- 
drückten tröstet, wonach mein Herz allezeit verlangt, 
um vor seinen Augen tüchtig zu sein, daß ich zu sei- 
ner Ehre dasjenige vollbringen möchte, was er in mir 
angefangen hat. Darum bitte ich euch, meine geliebten 
Brüder, daß ihr meiner nicht vergesst, wie ich denn 
auch wahrnehme, daß ihr solches nicht tut, wofür ich 
mich sehr bedanke und hoffe, der Herr werde euch in 
seiner heiligen Wahrheit bewahren. Ferner lasse ich 
euch wissen, daß mich die Herren fragten und wissen 
wollten, wer mit mir getauft worden und ob keiner 
von denselben in der Stadt wäre; sie wollten deren 
Vor- und Zunamen wissen; ich erwiderte: Ich wüsste 
es nicht, und könnte es nicht sagen; hiermit waren sie 
nicht zufrieden, denn sie sagten, der Scharfrichter soll- 
te mich entkleiden; ich war sehr beschämt und bat sie 
freundlich, daß sie mir glauben wollten, aber es half 
nichts. Darauf sagte ich: So geschehe denn euer Wille, 
und entkleidete mich. Darauf führten sie mich zur 
Folterbank, und banden mich, um mich aufzuwinden 
und auszuspannen. Hierauf sagte der Bevollmächtig- 
te, ich sollte sie ihnen nennen; ich erwiderte aber: Ich 
könnte solches nicht tun; da banden sie mich wieder 
los, ohne daß ich jemanden genannt hatte, deshalb 
sei der hohe Gott gelobt. Aber den Peter und George, 
haben sie schon vorher gewusst, darum musste ich sie 
auch nennen, wiewohl ich auch ihre Zunamen nicht 
wusste. Hiermit will ich euch dem Herrn befehlen, 
und dem Worte seiner Gnade. Der Herr wolle uns alle 
in der Einigkeit des Glaubens bewahren bis ans Ende 
unsers Lebens, Amen. 



337 


Noch ein Brief von Maeyken Boosers an ihre 
Eltern. 

Aus dem Innersten meines Herzens grüße ich euch, 
mein geliebter Vater und meine sehr geliebte Mutter, 
und alle diejenigen, die in eurem Hause sind. Wol- 
let vernehmen, daß ich gesund und unverändert im 
Gemüte bin; der Herr sei ewiglich gelobt; ich hoffe 
durch Gottes Güte, daß es mit euch ebenso steht; fer- 
ner danke ich euch herzlich für euren freundlichen 
Gruß, den ihr mir geschrieben habt, worüber ich mich 
sehr gefreut habe, als ich hörte, wie euer Gemüt mir 
zugeneigt wäre; deshalb will ich auch euch zum An- 
denken etwas von meiner Gefangenschaft schreiben. 

Zunächst hat mich der Bevollmächtigte gefragt, wie 
alt ich gewesen, als ich getauft worden wäre. Ich er- 
widerte: Ungefähr drei- oder vierundzwanzig Jahre. 
Sie fragten, warum ich das hätte tun lassen. Ich sagte: 
Weil es Gott befohlen hat. Sie fragten, ob ich nicht 
wüsste, daß ich zuvor schon getauft worden wäre. 
Ich antwortete: Davon weiß ich nichts, auch hat Gott 
solches nicht befohlen. Sie fragten, ob ich keine Gevat- 
terleute gehabt hätte. Ich sagte: Es kann wohl sein, sie 
sind vielleicht gestorben. Da sagten sie, man sollte mir 
Gelehrte zusenden. Ich entgegnete: Ihr solltet weise 
genug sein, um gegen mich zu reden; aber sie wollten 
Gelehrte senden. Darauf haben sie den Pfarrherrn von 
der Frauenkirche gesandt, der zu mir sagte, warum 
ich so lange nicht in seiner Kirche gewesen wäre, und 
daß er mich nicht gekannt hätte. Ich erwiderte, ich 
hätte mich zu Hause still gehalten. Sie fragten, wo 
meine Kirche wäre. Ich antwortete: Sie ist euch unbe- 
kannt, denn wenn ihr sie wüsstet, ihr würdet sie nicht 
lange in Ruhe lassen. Wir redeten viel miteinander 
von der Taufe. Ich sagte, Christus hätte seine Apo- 
stel ausgesandt in alle Welt, welche zuerst alle Völker 
lehrten, alles dasjenige zu halten, was er ihnen befoh- 
len hätte, und sie im Namen des Vaters, des Sohnes 
und des heiligen Geistes tauften; es können aber kei- 
ne Kinder lernen; wer aber glaubt und getauft wird, 
soll selig werden. Darauf sagten sie, daß die Apostel 
ganze Häuser getauft hätten. Ich erwiderte: Ja, als- 
dann haben sie sich erfreut, daß sie in Gott gläubig 
geworden waren; solches können die Kinder nicht tun. 
Christus hat die Kinder zu sich gerufen und gesagt, 
daß solcher das Himmelreich sei, aber er befahl nicht, 
sie zu taufen. Da brachten sie Adams Sünde vor, und 
daß sie darin geboren wären. Ich sagte, Christus wäre 
dafür gestorben; ich fragte sie, ob sie mit der Taufe die 
Sünde abtun wollten; die jungen Kinder hätten aber 
keine Sünde, darum könnten sie auch der Sünde nicht 
absterben und durch die Taufe in einem neuen Leben 
auferstehen. Da sagten die Herren: Deine Meinung ist. 


wer da glaubt und getauft wird, soll selig werden, ist 
dem nicht so? Ich erwiderte: Ja. Darauf fragten sie, ob 
Christus nicht von dem Heische Maria wäre. Ich sagte, 
Maria hätte ihn vom heiligen Geiste empfangen, wie 
der Engel zu ihr sagte: Der heilige Geist wird über 
dich kommen, und die Kraft des Allerhöchsten wird 
dich überschatten, weshalb auch das Heilige, das von 
dir geboren werden soll, Gottes Sohn genannt werden 
wird. Sie fragten noch einmal, ob er nichts von ihrem 
Fleische angenommen hätte, weil er dasselbe nicht 
von Oben gebracht hat. Ich entgegnete, daß ich dem 
Zeugnisse des Johannes glaubte, wo er sagt: Das Wort 
ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt. Sie 
fragten, ob ich nicht glaubte, daß er der Sohn Maria 
nach dem Fleische wäre, und Gottes Sohn nach dem 
Geiste. Ich antwortete, daß er Gottes eigener und ein- 
ziggeborener Sohn wäre, der ohne Anfang der Tage 
und ohne Ende des Lebens sei und zuletzt durch die 
Kraft des heiligen Geistes von Maria geboren worden 
sei. Darum ist er nicht von der Erde und irdisch, wie 
Adam, und wird auch nicht zur Erde werden, denn er 
ist der Herr vom Himmel. Hätte er Fleisch von unse- 
rem Fleische, so müsste er auch die Verwesung sehen, 
denn Gott sprach: Du bist Erde und sollst wieder zur 
Erde werden, was sich nicht allein auf Adam, sondern 
auf alle, die von ihm abstammen, bezog. 

Dann fragten sie mich, ob ich nicht glaubte, daß in 
dem Sakramente Christi Fleisch und Blut wäre. Ich er- 
widerte: Nein, er ist aufgefahren und sitzt zur Rechten 
Gottes, seines Vaters. Sie fragten, ob ich nicht glauben 
wollte, daß alle Heiligen im Himmel seien. Ich antwor- 
tete: Was ich nicht gelesen habe, kann ich nicht ver- 
antworten; aber das habe ich gelesen: Der Gerechten 
Seelen sind in Gottes Händen, und keine Todespein 
wird sie anrühren. 

Darauf sagten sie nicht viel, aber sie fragten, was 
ich von der Maria hielte. Ich entgegnete, sie sei ein 
reines und heiliges Gefäß gewesen, gesegnet über alle 
Weiber, denn sie war würdig, den Sohn Gottes zu 
empfangen und zu gebären. 

Sie fragten, ob ich nicht bekennte, daß ein Fegfeuer 
wäre. Ich erwiderte: Ich finde von zwei Wegen ge- 
schrieben, von einem sehr breiten, der zur Verdamm- 
nis, und von einem sehr schmalen, der zum ewigen 
Leben führt. 

Auch fragten sie, was ich von dem Papste hielte. 
Ich antwortete: Den Papst kenne ich nicht, aber ist das 
seine Lehre, die man hier hält, so halte ich ihn seiner 
Lehre gleich. 

Es sind noch mehr Worte gefallen, aber ich habe 
dieses nur aus Zeitvertreib geschrieben. Lebt wohl. 



338 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Noch ein Brief von Maeyken Boosers an die 
Brüder. 

Meine sehr geliebten und werten Brüder im Herrn! 
Ich lasse euch wissen, daß mein Herz getrost und 
wohlgemut ist, dem Herrn sei ewiges Lob, denn er 
bewahrt uns durch seine rechte Hand, und hilft uns 
aus der Mitte unserer Feinde, denn ohne ihn wäre ich 
verloren, weil sie auf mancherlei Weise mich anfech- 
ten, geistlich und weltlich, wie man diesen Sonntag an 
Herrn Massaert, an einem Ratsherrn und noch einem 
weltlich gelehrten Manne hat bemerken können, wel- 
che dafür hielten, daß ich zu der allerschändlichsten 
Sekte gehörte, die jemals unter dem Himmel gewe- 
sen; als ich aber ihnen meinen Glauben erzählte, habe 
ich sie alle weinen gemacht, sodass sie kaum reden 
konnten; sie sind auch endlich freundlich von mir 
geschieden. 

Für dieses Mal nicht mehr, als bleibt dem Herrn al- 
lezeit befohlen; er erhalte und bewahre euch in seiner 
heiligen Wahrheit. Ich hoffe, es wird bald mit mir ge- 
schehen sein, denn mir ist nichts lieber, als dem Herrn 
zu gefallen und selig zu sterben, Amen. 

Ein Testament der Maeyken Boosers an ihre 
Kinder. 

Ein herzlicher und zugeneigter Gruß sei an euch ge- 
schrieben, meine herzlich geliebten Kinder; hört doch 
eure Mutter, die nun um der rechten Wahrheit willen 
in Banden ist; denn es hat Gott so gefallen, daß alle, 
die gottselig leben wollen, Verfolgung leiden müssen. 
Darum bin ich getrost und wohl zufrieden, daß der 
Knecht seinem Herrn nachfolgt. Sein gesegneter Wil- 
le müsse an mir geschehen; hätte es ihm gefallen, er 
hätte mich vor diesen Banden wohl bewahren kön- 
nen. Meine lieben Kinder, es ist von Anfang her so 
gewesen, daß die Gerechten haben leiden müssen, 
und daß die Ungerechten allezeit die Oberhand ge- 
habt; aber es wird ihr Tag bald kommen, wo sie klagen 
und vor Elend rufen werden: Ihr Berge, fallt über uns, 
und ihr Hügel bedeckt uns vor dem Angesichte des 
Herrn. Ach wehe!, wenn die Gerechten wie die Son- 
ne scheinen werden, dann werden die Gottlosen ins 
ewige Feuer gehen. Ach, geliebte Kinder, forscht in 
der Schrift; richtet euch darnach, daß ihr das angeneh- 
me Wort vernehmen mögt. Kommt, ihr Gesegneten, 
ererbt das Reich meines Vaters. Bittet den Herrn um 
Weisheit, und lernt Gott fürchten, so erlangt ihr rech- 
ten Verstand, und stellt euch nicht der Welt gleich, 
in Hoffart, im Tanzen, im Springen und eitlem Ge- 
schwätze, sondern stellt in eurem Wandel ein gott- 
seliges Leben dar; schmückt euch mit den heiligen 


Weibern, schafft euch die Schrift an und lebt darnach, 
damit eure Seelen selig werden, und wir nach die- 
ser Zeit Zusammenkommen mögen. Der allmächtige 
Gott, der König aller Könige, verleihe euch seine Gna- 
de nach dem Reichtum seiner Güte, stark zu werden 
an dem inwendigen Menschen, und gebe euch Chris- 
tum zu wohnen in euren Herzen, welcher euch in 
alle Wahrheit leiten wolle. Ich bitte euch, meine lie- 
ben Kinder, seid doch untereinander friedsam, das ist 
eine Frucht des Geistes; helft einander gerne, ohne 
irgendeinen Widerspruch, und seid allezeit der Ar- 
men eingedenk; seid freigebig in allem, was ihr habt; 
macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon; 
liebt das, was ewig ist, und nicht was zeitlich ist; sucht, 
was himmlisch und nicht was irdisch ist, denn alles 
Fleisch ist wie Gras, und die Herrlichkeit des Men- 
schen wie des Grases Blume, welches heute steht und 
morgen in den Ofen geworfen wird; die Herrlichkeit 
des Menschen vergeht, aber des Herrn Wort bleibt in 
Ewigkeit. Liebt die Welt nicht, noch die Dinge, die 
darinnen sind, nämlich Augenlust und Hoffart des 
Lebens, welche nicht von Gott, sondern von der Welt 
sind, die Welt aber wird vergehen mit allem, was dar- 
innen ist; wer aber den Willen des Vaters tut, bleibt in 
Ewigkeit. 

Meine Kinder, tut nach des Herrn Willen, ich, eure 
Mutter, hoffe, euch den Weg vorzugehen; merkt aber 
darauf, worin und wie ich vorgehe; seht doch nicht 
auf die Ehre der Welt, sondern achtet es für eine Ehre, 
um des Namens unsers Gottes willen zu leiden; denn 
er, welcher der oberste König war, hat sich nicht ge- 
schämt, seine Herrlichkeit zu verlassen, ist in die Welt 
gekommen, und hat den allerschmählichsten Tod für 
uns erlitten, ist auch unschuldig geschlagen und miss- 
handelt worden, daß auch nichts Ganzes an seinem 
gesegneten Leibe war; so lieb hatte er uns, womit er 
uns ein Beispiel hinterlassen hat, daß wir seinen Fuß- 
stapfen nachfolgen sollten. Er ist das Licht, welches 
in die Welt gekommen ist, damit alle, die ihm nach- 
folgen, nicht in der Finsternis wandeln, sondern das 
Licht des Lebens haben möchten; der Herr gebe, daß 
euch dasselbe Licht auch umscheinen möge, und daß 
ihr darin wandeln mögt, Amen. 

Noch ein Brieflein von derselben Mutter an ihre 
Kinder. 

Meine Kinder, ich grüße euch sehr herzlich, und sen- 
de euch eure Schriften wieder zurück, damit ihr eu- 
rem Versprechen, welches ihr mir darin gegeben habt, 
nachkommen mögt. Seid doch allezeit denen unter- 
tänig, die euch zur Gerechtigkeit anhalten und euch 
in eurer Übertretung bestrafen. Lebt wohl, und hier- 



339 


mit auf dieser Welt gute Nacht. Meine lieben Kinder, 
fürchtet Gott, meidet alles Arge. 

Noch ein Brief von Maeyken Boosers an ihre 
Eltern. 

Mein sehr geliebter Vater und meine innigst geliebte 
Mutter, ich befehle mich euch an, aus dem Innersten 
meines Herzens, mit Bitten zu dem Herrn, daß er 
euch und mich mit dem Tröste des heiligen Geistes 
trösten wolle, als das Verheißene des Herrn, welchen 
er verheißen hat, seinen Jüngern zu senden, indem er 
sagt: »Nun abergehe ich zum Vater und ich will euch einen 
andern Tröster senden, welchen die Welt nicht empfangen 
kann, denn sie kennt ihn nicht.« 

Darum, mein lieber Vater und meine liebe Mutter, 
seid getrost und erwartet in Geduld, was der Herr mit 
mir tun will; ich warte auch auf seinen Trost in Ge- 
duld, und was geschehen ist, achte ich nur für etwas 
Leichtes, wovon ich keine Beschwerde fühle. Der Herr 
müsse gelobt sein, auf den ich hoffe, denn er tröstet 
den Demütigen, und stößt den Hoffärtigen vom Stuh- 
le, und obgleich uns hier Jammer vor Augen schwebt, 
so wissen wir doch, daß des Herrn Tag bald kommen 
und daß alles gottlose Wesen vernichtet werden wird, 
und daß Gott ohne Ansehen der Person richten und 
einem jeden nach seinen Werken vergelten wird. Dar- 
um, mein lieber und sehr werter Vater und meine 
teure Mutter, seid doch meinetwegen unbekümmert, 
und lasst den Herrn sein Werk ausführen; ich hoffe, 
er hat mich Arme, Unwürdige zum Opfer verordnet, 
welches Ihm gefällig ist, denn ich habe auf seine Barm- 
herzigkeit gehofft, und daß er nicht mit mir ins Recht 
gehen werde; wollte er mich nach meinem Verdienste 
richten, so wäre ich des ewigen Todes schuldig; aber 
ich hoffe, der Herr werde sich meiner erbarmen. 

Ich berichte euch, daß ich noch einmal vor den Dia- 
kon gebracht worden bin, aber ein jeder behielt das 
Seinige, und beim Abschiede sagte er zu mir: Wenn 
du in diesem Glauben bleibst, so bist du ewig ver- 
dammt. Ich erwiderte: Warum redest du so, da doch 
Gott richten wird? Ja, sagte er, solches darf ich wohl 
sagen, denn es wird so geschehen. Darauf folgte mir 
Meister Claes und fragte: Wo hast du dich so lange 
verweilt? Ich habe dich lange gesucht. Ich antwortete: 
Nun habt ihr mich ja. Ich habe dich nicht, sagte er, 
denn wärest du in unsern Händen, wir würden dich, 
nach meinem Erachten, länger halten, als diese tun 
werden. Hiermit will ich euch, mein lieber Vater und 
meine liebe Mutter, dem Herrn anbefehlen, der euch 
und mich bis ans Ende bewahren wird. Betrübt euch 
nicht um mich, sondern erfreut euch, daß mich der 
Herr würdig achtet; denn diese meine Glieder, die mir 


der Herr gegeben hat, will ich um seinetwillen gern 
verlassen. Lebt wohl allezeit. 

Noch ein Brief von Maeyken Boosers an die 
Brüder und Schwestern. 

O meine herzlich und sehr geliebten Brüder und 
Schwestern in dem Herrn! Ich grüße euch noch einmal 
mit des Herrn Frieden, daß derselbe bis in Ewigkeit 
bei euch bleiben wolle, Amen. 

Ich berichte euch, daß diese meine Feinde mich 
noch allezeit wegen der Taufe quälen; aber von der 
Menschwerdung Christi sagen sie mir nichts mehr. 
Der Diakon erzählte ihnen meinen Glauben, und sie 
fragten mich um nichts weiter, als ob ich glaubte, daß 
Christus Davids Sohn sei. Ich erwiderte, er wäre der 
Sohn des lebendigen Gottes. Ach, ach! sprach der Dia- 
kon. Die Herren fragten: Steht es nicht geschrieben, 
aus dem Samen Davids nach dem Fleische? Der Dia- 
kon antwortete ihnen, denn ich fand kein sonderliches 
Gehör; er warf mir öfters vor, daß ich löge, weil ich 
ihm widersprach, und er mir nicht beweisen konnte, 
daß die Apostel Kinder getauft hätten. Sie überfielen 
mich alle zugleich und sprachen, es könne niemand 
ins Himmelreich kommen, es sei denn, daß er aus 
Wasser und Geist geboren würde. Sie fragten mich 
plötzlich, ob ich solches auch bekennte; worauf ich er- 
widerte: Die Schrift gehört den Kindern nicht, sondern 
den Alten, die Ohren haben zu hören. Da standen sie 
auf und sagten: Du hegst eine Meinung. 

Nim erwarte ich, meine lieben Freunde, morgen 
noch einmal vor sie gebracht zu werden. Darum bit- 
te ich euch, ihr wollt den Herrn für mich bitten, daß 
er meinen Mund zu seinem Preise und zu seiner Eh- 
re regieren wolle. Hiermit will ich euch ewiglich in 
die Hände Gottes befehlen, und bitte freundlich, ihr 
wollt mein einfältiges Schreiben zum Besten deuten, 
denn ich suche sonst nichts, als aus einfältigem Her- 
zen Gott zu gefallen. Ach, möchte ich dem König der 
Könige und dem Herrn aller Herren in meinem Rufe 
so gefallen, dann wäre ich gewiss zu einer seligen Zeit 
geboren. Hiermit Frieden und gute Nacht; nach die- 
ser Zeit nichts mehr. Haltet dieses für einen ewigen 
Abschied. 

Nachher ist Maeyken Boosers zu Doornik zu Asche 
verbrannt worden, und hat ihre Seele in die Hände 
des Herrn übergeben. 



340 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Willeboort Corneliß wird zu Middelburg, in 
Seeland, um der Wahrheit des Evangeliums willen 
im Jahre 1564, den 14. September getötet. 

Ein Brief van Willeboort Coineliß, geschrieben aus 
dem Gefängnisse zu Middelburg, wo er gefangen lag, 
welchen er mit seinem Blute versiegelt hat und wel- 
cher so lautet: 

Die Gnade und der Friede von Gott, dem himmli- 
schen Vater, welche uns durch Jesum Christum, seinen 
einigen Sohn, unsem Herrn, geworden sind, wollen 
dich trösten in allem deinem Jammer, meine herzlich 
geliebte Schwester im Herrn; der heilige Geist wol- 
le dich leiten in alle Wahrheit und Gerechtigkeit bis 
ans Ende, und die starke Hand Gottes wolle dich und 
mich auf der ebenen Bahn erhalten, damit wir recht 
wandeln mögen bis ans Ende, Amen. 

Meine herzlich geliebte und werte Schwester in 
dem Herrn! Wir müssen in dieser elenden und be- 
trübten Welt als jedermanns Raub geachtet sein, wie 
der Prophet uns berichtet; ja, Christus Jesus selbst 
sagt: »Ihr müsst von allen Menschen um meines Namens 
willen gehasst werden ;« ja, wir werden für Verführer 
gehalten; gleichwohl sind wir wahrhaftig; wir sind 
ein Schauspiel geworden, wir haben in allen Dingen 
Trübsal, aber wir ängstigen uns nicht; wir werden ge- 
drängt, aber wir werden nicht verzagt; wir leiden Ver- 
folgung, aber wir werden nicht verlassen; wir werden 
unterdrückt, aber wir vergehen nicht. Wir werden für 
Schlachtschafe gehalten, aber in all' diesem überwin- 
den wir weit um desjenigen willen, der uns geliebt hat; 
denn, mein liebes Schaf, wir wissen, daß wir durch 
viel Trübsal und Leiden in das Himmelreich eingehen 
müssen; ebenso wissen wir auch, daß, solange wir in 
diesem Leibe wohnen, wir als Pilger in der Abwesen- 
heit von dem Herrn wallen. Darum sagt Petrus: »Ich 
ermahne euch als Pilger und Fremdlinge, enthaltet euch 
der fleischlichen Lüste, die wider die Seele streiten.« Dar- 
um mein liebes Schaf, hast du nun auch mit Abraham 
unser Vaterland verlassen, so sei darum nicht träge in 
demjenigen, was du tun sollst, sondern sei brünstig 
im Geiste, schicke dich nach der Zeit, sei fröhlich in 
der Hoffnung, geduldig in Trübsal, halte an im Gebete, 
nimm dich der Heiligen Notdurft an und beherberge 
gern. Darum, mein liebes Schaf, obgleich unser äuße- 
rer Mensch verwest, so wird doch der innere von Tag 
zu Tag erneuert, denn unsere Trübsal, die zeitlich und 
leicht ist, schafft uns, die wir nicht auf das Sichtbare, 
sondern auf das Unsichtbare sehen, eine ewige und 
über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit. 

Darum, meine liebe Schwester, siehe allezeit auf 
den Herzog des Glaubens und den Vollender Jesum, 
welcher, wahrend er wohl hätte Freude haben mögen. 


das Kreuz erduldete und der Schande nicht achtete, 
und zur Rechten auf dem Stuhle Gottes gesessen hat. 
Gedenkt an den, der ein solches Widersprechen von 
den Sündern wider sich erduldet hat, daß ihr nicht 
in eurem Mute matt werdet und ablasst, denn wen 
der Herr lieb hat, den züchtigt er; er stäupt aber einen 
jeden Sohn, den er liebt und aufnimmt; denn unser 
Heiland hat selbst um unsertwillen so viel gelitten, 
daß auch Jesaja wohl sagen durfte, daß er weder Ge- 
stalt noch Schönheit gehabt; wir sahen Ihn, aber da 
war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. Er war der 
Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen 
und Krankheit; er war so verachtet, daß man auch das 
Angesicht vor Ihm verbarg. Darum durfte er durch 
den Propheten wohl sagen: »Sie gaben mir Galle zu 
essen, und Essig zu trinken in meinem großen Durste; al- 
le Menschen spotten mein, sie schüttelten den Kopf, und 
sperrten den Mund auf wider mich.« Ja, wie er durch den 
Propheten sagt: »Ich bin ein Wurm und kein Mensch, ein 
Spott der Leute und eine Verachtung des Volkes.« 

Meine liebe Schwester in dem Herrn! Hat das 
Haupt so gelitten, so müssen die Glieder auch fol- 
gen; laß dich es nicht verdrießen, daß du noch in die- 
ser Welt oder Wüste herumstreifen musst, denn Gott 
ist es, der in euch das Wollen und Vollbringen wirkt, 
nach dem guten Vorsätze deines Gemütes. Mein liebes 
Schaf, laß dein Licht allezeit leuchten unter diesem 
argen und verkehrten Geschlechte, damit diejenigen, 
welche von euch afterreden, wie von Übeltätern, eu- 
re guten Werke sehen und Gott preisen am Tage der 
Untersuchung. 

Meine herzlich geliebte Schwester in dem Herrn, 
erwarte doch die Zeit in Geduld, und harre auf die 
Zukunft unsers Herrn. Sieh, der Ackersmann erwar- 
tet die köstlichen Früchte der Erde in Geduld und 
geduldet sich, bis er den Früh- und Spätregen emp- 
fange. Darum sei geduldig, stärke dein Herz, denn 
des Herrn Zukunft ist nahe. Meine liebe Schwester, 
du hast die Geduld Hiobs gehört, und hast auch das 
Ende des Herrn gehört, daß er barmherzig und ein 
Erbarmer ist. 

Mein liebes Schaf, laß uns dasjenige, was wir ha- 
ben, bis ans Ende festhalten, er ist getreu, der es uns 
verheißen hat, meine liebe Schwester; erniedrige dich 
allezeit, alle deine Sorge wirf auf den Herrn, denn er 
sorgt für dich und für uns alle; wir wissen ja unsem 
Lohn, den wir mit Geduld erwarten, schon im Vor- 
aus, wenn wir seine Gebote nach unserer Schwachheit 
bis ans Ende festhalten. Darum sagt Paulus, daß die 
Liebe das Band der Vollkommenheit sei, und Petrus 
sagt: Habt untereinander eine brünstige Liebe, denn 
die Liebe deckt auch der Sünden Menge. Meine liebe 
Schwester in dem Herrn, müssen wir auch ein Spott 



341 


der Welt sein, und in fremden Ländern herumwan- 
dern, so wird es uns doch kein Hindernis sein, wenn 
der Herr sagen wird: Kommt, ihr Gesegneten meines 
Vaters, ererbt das Reich, welches euch von Anfang 
der Welt bereitet ist; dann wird das Kind geboren sein, 
dann wird man nicht mehr gelästert werden, dann 
werden alle unsere Feinde überwunden sein, dann 
werden unsere Tränen von unsern Augen abgewischt 
werden, dann wird uns kein Leid mehr widerfahren, 
dann werden wir aus dem Brunnen des Lebens um- 
sonst trinken, denn alles, was sie geschrieben ist, das 
ist zu unserer Lehre geschrieben, damit wir durch Ge- 
duld und Trost der Schrift Hoffnung haben möchten. 

Der Gott der Geduld und des Trostes gebe euch, 
daß ihr untereinander gleich gesinnt seid, nach Chri- 
sto Jesu, damit ihr einmütig mit einem Munde Gott, 
den Vater unsers Herrn Jesu Christi, preisen mögt. 
Darum nehmt einander auf, gleichwie uns Christus 
zur Herrlichkeit Gottes, des Vaters unsers Herrn Jesu 
Christi, aufgenommen hat, Amen. 

Von mir, Willeboort Corneliß, in den Banden ge- 
schrieben. 

Pryntgen Maelbouts und Martyntgen, 1564. 

Im Jahre 1564, den 12. November sind Pryntgen Ma- 
elbouts, die Witwe des Jakob de Bäcker, des Pauwels 
von Meenen Bruders, und mit ihr Martyntgen Mael- 
bouts, ihre Schwester, eine junge Tochter, geboren zu 
Tielt, zu Gent in Flandern mit dem Schwerte enthaup- 
tet worden, jedoch nicht wegen irgendeines Gerüchts 
von bösen Werken, sondern allein um des Zeugnis- 
ses unsers Herrn Jesu Christi willen, in einem guten 
Gewissen. Sie hatten sich nämlich (nach der Lehre 
der heiligen Schrift) von der päpstlichen Kirche des 
Antichristen, welche mit vielen Unreinigkeiten der un- 
reinen Werke der Finsternis besudelt ist, und von den 
Lehren und Menschengeboten, welche mit des Herrn 
heiligem Worte streiten, abgesondert, und hatten sich 
mit den wahren Gliedern Christi wieder vereinigt, 
und ( nach ihrem schwachen Vermögen) mit ihnen 
ihres Herrn Gebote und Verordnungen unterhalten. 
Deswegen sind sie von den Verfolgern und Beneidern 
der Wahrheit ihres Lebens beraubt worden, welches 
sie freiwillig verlassen wollten, um ihrem Herrn und 
Erlöser zu gefallen, in einer lebendigen Hoffnung und 
festem Glauben, daß sie diese ihre vergänglichen Glie- 
der (die sie hier um seines Namens willen verlassen) 
in der Auferstehung der Gerechten in großer Herr- 
lichkeit wieder empfangen und mit Gott und seinen 
Heiligen in Ewigkeit regieren werden. 


Mr. Jelis Matthyß wird um des Zeugnisses Jesu 
Christi willen zu Middelburg im Jahre 1564 getötet. 

Ein Brief von Mr. Jelis Matthyß, im Gefängnisse zu 
Middelburg, im Jahre 1564 geschrieben, wo er um des 
Namens des Herrn willen sein Leben gelassen hat. 

Der feste Grund Gottes bleibt ewig. 

Die Gnade, der Friede und die überfließende Liebe 
unsers Gottes, die herzgründliche, unaussprechliche 
Liebe seines Sohnes, unsers Herrn Jesu Christi, und 
die auserwählte Gabe des Glaubens ist uns von Gott, 
dem barmherzigen, lieben Vater, durch Christum Je- 
sum offenbart und seinen Heiligen gegeben, welche 
er durch seine väterliche Liebe dazu erwählt, beru- 
fen und verordnet, ja, dieselben von den Ketten und 
schweren Banden der ewigen Finsternis des Unglau- 
bens erlöst hat, womit diese arge, böse und verkehrte 
Welt gebunden ist. Er hat uns auch nach seiner väter- 
lichen Barmherzigkeit zu einer lebendigen, seligma- 
chenden Hoffnung wiedergeboren, und in das Reich 
seines geliebten Sohnes versetzt, durch welchen wir 
die Vergebung unserer Sünden durch sein Blut erlangt 
haben, damit wir ihm (meine lieben Schafe) fernerhin 
in allem Gehorsam, Gerechtigkeit und Heiligkeit, oh- 
ne Furcht alle Tage unseres Lebens dienen können. 
Hierzu helfe und stärke uns doch der barmherzige 
liebe Vater durch die Kraft seines heiligen Geistes, 
Amen. 

Nachdem ihr an mich durch euer Schreiben und 
auch durch einen Gruß, welchen ich einige Male von 
euch empfangen, das Verlangen an mich gerichtet 
habt, daß ich euch schreiben und ermahnen möchte, 
wie denn auch deine liebe Hausfrau in früheren Zei- 
ten ein Gleiches von mir durch Schreiben begehrt hat, 
so sei euch kund, daß ich mir oft in meinem Herzen 
vorgenommen hatte, solches nach meiner geringen 
Gabe zu tun, und wiewohl ich hoffe, daß ihr dessen 
so eigentlich nicht bedürfet, so hoffe ich doch auch, 
daß es euch desto sicherer und fester machen werde; 
weil ich aber viel zu schreiben gehabt, und auch mit 
andern Dingen beladen gewesen, so habe ich es nicht 
wohl ausrichten können, habe aber doch allezeit eine 
väterliche Sorge für euch getragen, und meinen Gott 
oft mit brünstigem Herzen nach meiner Schwachheit 
gebeten, daß er doch euch beide unter dem Schatten 
seiner Flügel in dieser grausamen, gefährlichen Zeit, 
voll aller Bosheit bewahren und euch mehr und mehr 
mit seinem heiligen Geiste erfüllen, auch euch die Au- 
gen eures Verstandes öffnen wolle, damit ihr, meine 
lieben Schafe, des Teufels Stricke und ausgespannte 
Netze doch recht erkennen lernen mögt, welche er 



342 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


täglich auf mancherlei Weise den Wiedergebornen 
stellt, wiewohl sie euch zum Teil nicht unbekannt 
sind, indem ihr wohl wisst was er im Sinne hat; dar- 
um habt ihr euch auch bis auf diese Zeit wachsam 
gehalten, worüber ich sehr erfreut bin, und auch dar- 
über, daß euer Glaube wächst und in der Erkenntnis 
unsers Herrn Jesu Christi zunimmt, wozu ich auch 
euch sämtlich durch die Kraft des heiligen Geistes in 
meinen Banden unter Tränen geboren habe, sodass ihr 
meine und des Herrn Nachfolger geworden seid, und 
das Wort des Evangeliums vom Kreuze Christi mit 
göttlicher Traurigkeit aufgenommen habt, und seid 
ihm gehorsam geworden von Herzen in der Form der 
Lehre, worin ihr nun steht, sodass ihr allen in Middel- 
burg ein Vorbild geworden seid, die ihr Leben bessern 
und das Kreuz des Herrn aufnehmen wollten; und 
nicht allein diese, sondern es sind auch viele Heilige 
dadurch erfreut worden, als sie euren Gehorsam und 
eure Demut in der Furcht Gottes ansahen, welche, wie 
ich hoffe, sich von Tag zu Tag noch mehr ausbreiten 
und offenbar werden wird, damit es, meine heben 
Schafe, recht klar werden möge, daß ihr von oben 
aus Gott, dem Vater, recht wiedergeboren und erneu- 
ert seid, durch die Erneuerung eures Sinnes. Gedenkt, 
daß euer Wandel himmlisch sein müsse, nämlich nach 
dem neuen Menschen, der nach Gott geschaffen ist 
in aller Gerechtigkeit und Heiligkeit, denn nach dem 
der heilig ist, der euch zu diesem Dienste berufen und 
erwählt hat, so müsst ihr auch einen heiligen, keu- 
schen und gottseligen Wandel, in der Furcht eures 
Gottes, nach eurem Vermögen führen; denn wem wir 
uns übergeben haben, dessen Knecht sind wir, wie 
der Apostel auch sagt, es sei der Sünde zum Tod oder 
dem Gehorsam zum Leben. 

Gott sei ewiglich Preis und Dank, meine heben Scha- 
fe, daß ihr Dienstknechte und Mägde der Sünden ge- 
wesen, nun aber mit mir durch das Bad der Wieder- 
geburt und die Erneuerung des heiligen Geistes abge- 
waschen und gereinigt seid, welchen Gott der Vater 
durch Christum, unsern Heiland, reichlich über uns 
ausgegossen hat, nicht um der Werke unserer Gerech- 
tigkeit willen, die wir getan hatten. Denn wir waren 
Kinder des Zornes von Natur, wie die andern; aber 
Gott, der barmherzige, hebe Vater, der reich an Barm- 
herzigkeit ist durch seine große Liebe, womit er uns 
geliebt hat, als wir tot waren in Sünden und Unge- 
rechtigkeit, hat uns mit Christo, oder durch Christum, 
seinen heben Sohn, durch den Glauben lebendig ge- 
macht. 

Darum, meine herz- und gründlich geliebten Schafe 
in Jesu Christo, deren Seele ich von Herzen hebe, und 
für welche ich eine väterliche und göttliche Fürsorge 
trage, ermahne und bitte ich euch als ein Gefangener 


in dem Herrn, daß ihr doch oft an den Tag gedenken 
wollet, an welchem sich der barmherzige, hebe Vater 
über euch erbarmt und die Decke von euren Augen 
und Herzen hinweggenommen hat, welche noch vor 
den Augen und Herzen so vieler tausend Menschen 
hängt, die so schwere Wege noch wandeln und nicht 
den Weg des Herrn erkennen, weil sie vom Weine 
der Babylonischen Hure, nämlich der falschen Lehre, 
trunken sind, womit die ganze Welt angefüllt ist, ihr 
aber, meine Schafe, seid nüchtern geworden, und seid 
von ihr ausgegangen, wie ich denn hoffe, ihr werdet 
ihre Unreinigkeit nicht mehr anrühren, damit ihr nicht 
in ihrer Plage umkommt. 

Darum haltet doch scharfe Wacht in der Gerechtig- 
keit, damit ihr, meine heben Schafe, nach meinem Ab- 
schiede, in dieser grausamen gefährlichen Zeit nicht 
zu Schanden werdet, denn ihr könnt öffentlich se- 
hen und hören, daß es nun die Zeit ist, vor der uns 
Christus Jesus und seine heiligen Apostel so ernstlich 
gewarnt haben, wie Christus selbst sagt, daß die Liebe 
in vieler Herzen erkalten würde; wer aber standhaft 
bleibt bis ans Ende, soll selig werden. Ach, meine 
werten Schafe, denkt den Worten Christi nach, und 
lasst sie euch zu Herzen gehen; es ist freilich nicht zu 
der Welt geredet, denn in derselben kann die Liebe 
Gottes nicht erkalten; sie hat ja dieselbe nicht empfan- 
gen, und kennt sie auch nicht, sondern es ist von den 
wahren Israeliten geredet; denn ihr seht, daß solches 
unter ihnen im Überflüsse geschieht, welches ja mit 
Jammer zu beklagen ist, daß der Teufel, der Geist der 
alten Schlangen in dieser Zeit solche Kraft und Ge- 
walt erlangt hat, durch die mancherlei listigen Stricke, 
welche er täglich stellt, um die Seelen der Wiederge- 
bornen (die ihm durch die Erkenntnis Gottes entflo- 
hen sind) wieder in seinem Netze des Unglaubens zu 
fangen, welche er auch wieder an sich bringt, meine 
lieben Schafe, einige durch falsche Lehre, nicht durch 
den römischen Antichristen allein; denn es sind jetzt 
viele Antichristen in der Welt; darum hat er nun auch 
eine andere Kappe angezogen, welche nicht mehr der 
römischen gleich ist, denn er weiß wohl, daß damit 
sein Spiel bald zu Ende ist; darum hat er sich nun 
verändert, und nimmt die Gestalt eines Engels des 
Lichtes an, und befleißigt sich, auf solche Weise unter 
die Kinder des Lichtes zu kommen, um daselbst sei- 
ne Ware aufs Neue feilzubieten; denn, meine lieben 
Schafe in dem Herrn, zuvor, oder in den vergangenen 
Zeiten kam er mit Menschensatzungen und Geboten; 
jetzt aber weiß er, daß die Menschen die Schrift hören 
wollen; darum kommt er nun und bringt viel Schrift- 
stellen an den Tag, sodass es die Wahrheit zu sein 
scheint, wie er auch so vermessen mit Christo handel- 
te, und ihm aus dem Propheten David anführte, daß 



343 


nämlich dort geschrieben stände: Er hat seinen Engeln 
befohlen über dir, daß sie dich auf den Händen tragen, 
und du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt. 

Seht, meine werten heben Schafe, er führt ja auch 
die Schrift an, wie geschrieben stand; aber in solchem 
Sinne war es nicht geredet oder geweissagt; so auch 
diese, wenn sie auch viel Schriftstellen Vorbringen, 
und in Aufgeblasenheit sagen: Es steht ja daselbst 
geschrieben, womit er die Wankelmütigen und die, 
deren Ohren, etwas Neues zu hören, gespannt sind, 
leicht in seinem ausgespannten Netze fängt; die an- 
dern fängt er durch den Zufluss der betrüglichen 
Reichtümer, die doch heutzutage die Menschen ins 
Verderben und in die Verdammnis stürzen, denn der 
Geiz ist die Wurzel alles Übels, wiewohl einige ihre 
Lust daran haben, wenn ihre irdischen Güter zuneh- 
men; sie sind auch damit so geschäftig, daß sie bis- 
weilen dabei der Übung der Gottseligkeit vergessen, 
und sich selbst so viel Schmerzen aufbürden. Ach, es 
wird ihnen gehen, meine heben Schafe, wie es einigen 
unter den Israeliten ging; diejenigen, die viel gesam- 
melt hatten, hatten keinen Überfluss, und die wenig 
sammelten, hatten keinen Mangel. Darum, ach könnte 
man sich doch genügen lassen, wenn man Nahrung 
und Decke hat, denn wir haben nichts in diese Welt 
gebracht, und außerdem ist es offenbar, daß wir nichts 
mit uns Hinausnehmen werden, denn wir sehen, he- 
be Schafe, daß die Worte unseres heben Herrn Jesu 
Christi wahr sind, nämlich, daß der betrügliche Reich- 
tum den guten Samen, das Wort Gottes, ersticke und 
unterdrücke, wodurch auch viele wieder zu Schan- 
den werden. Andere durch Verlust und Beraubung 
ihrer Güter, welche nicht einmal einsehen oder recht 
betrachten, daß sie mit dem Kaufmanne die schöns- 
te Perle gefunden haben, welche doch alles dessen 
wohl wert ist, was auch damit nicht zu vergleichen 
ist; andere durch Kreuz und Leiden, nämlich durch 
Verfolgung; noch andere durch das Bitten und Flehen 
des Vaters und der Mutter, der Freunde und Verwand- 
ten; andere durch Weib und Kinder und andere durch 
ihr böses und listiges Fleisch, und die Übrigen da- 
durch, daß sie auf dem Wege der Gerechtigkeit müde 
werden, und sich wieder zurück nach Ägypten und 
Sodoma wenden, um eine geringe Zeit mit der Baby- 
lonischen Hure in Ruhe und Frieden zu leben, und 
nachher mit ihr in ewiger Pein gequält zu werden. 

Seht, meine herzlich geliebten auserwählten Schafe, 
dieses alles wirkt und treibt der einige Geist, die alte 
Schlange, welche weder schläft noch schlummert, son- 
dern allezeit um uns herum geht und sucht, welchen 
sie verschlinge; darum widersteht ihr mit einem tap- 
feren Gemüte und gläubigen Herzen, und lasst euch 
nicht abschrecken, wenn sie auch so leichtfertig die 


Gebote des Herrn verlassen. Ach seht doch nicht auf 
die Faulen, Trägen und Unfrommen, sondern lasst 
alle treulosen Knechte und falschen Jünger von ihrem 
Herrn und Meister weichen; wir hoffen doch bei ihm 
zu bleiben, und ihr mit mir, und seid bereit alles zu 
leiden, was uns von ihm auf erlegt wird. Ach, was 
sollten wir doch tun oder vornehmen, wenn wir sei- 
ne Gebote verließen; wohin sollten wir doch fliehen 
oder gehen, wo er uns nicht finden würde? Ach, Him- 
mel und Erde muss Ihm mit Zittern gehorsam sein; 
Berge und Höhlen müssen vor Ihm erschrecken und 
können nicht vor Ihm bestehen, wie viel weniger die 
Menschenkinder, die in Lehmhäusern wohnen. Ach, 
meine lieben Schafe, womit wollen sie sich rechtferti- 
gen oder entschuldigen, wenn er sie heimsuchen wird, 
die nun so treulos von Ihm weichen. 

Ach! Ach!, man muss es mit Jammer beklagen, daß 
ihnen vor dem edlen Himmelsbrote so sehr ekelt, und 
daß sie wider die einzige Arznei, wodurch alle See- 
len der Wiedergebornen zum Genesen kommen, eine 
solche Todfeindschaft haben. Ja, meine werten Schafe, 
wir mögen wohl mit dem Propheten über das Ver- 
derben Israels und über Jerusalem, die schöne Stadt 
Gottes, seufzen und klagen, und weil so viele Israeli- 
ten in der wilden Wüste dieser argen Welt verfallen, 
und von dem listigen Geiste der Schlangen wieder 
verderbt und umgebracht werden, ach, weil auch ei- 
nige Wächter abgefallen und die Bürger zu Jerusalem 
lau und schläfrig geworden sind, wiewohl der, wel- 
cher um das Heerlager herumgeht, weder ruht noch 
feiert, sondern Tag und Nacht fleißig sucht, ob er je- 
manden müßig oder schlafend finden möge, damit 
alsdann sein Unkraut in die Äcker des Herzens hin- 
einsähen möge, wie er (leider) zu meiner Zeit nicht 
wenig getan hat, und, wie mich dünkt, noch immer 
tun wird; denn je mehr das Volk Gottes wächst und 
zunimmt, desto mehr wird er unter ihnen regieren, 
und wird auch nicht nachlassen, bis er einige dersel- 
ben wieder auf seine Seite gebracht hat, auch wird 
es ihm von Gott zugelassen, die Frommen zu quälen 
und zu versuchen, damit die Übrigen geprüft werden. 
Seht, meine herzlich geliebten und sehr werten Kinder 
in dem Herrn, meine väterliche Bitte und demütiges 
Begehren an euch alle ist auf die ewige Seligkeit eurer 
Seelen gerichtet, damit ihr doch fernerhin rechte Sorge 
tragt, daß ihr auf dem Wege der Gerechtigkeit bleibt; 
seid doch allezeit darauf bedacht, wie euch gebühre, 
fernerhin in dem Hause Gottes zu wandeln, welches 
die Gemeinde Gottes ist, zu welcher ihr zu meiner 
großen Freude gekommen seid; als ich solches hörte, 
dankte und lobte ich Gott für seine große väterliche 
Güte und Gnade, die er an euch erwiesen, und euch 
zu seinem Sohne und seiner Tochter, ja, zu Erben sei- 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


ner himmlischen Güter angenommen hat, weshalb ihr 
euch auch so freiwillig unter das Joch und die Rute 
des Kreuzes begeben und mit dem heiligen Apostel 
Paulus euren Gewinn für Schaden geachtet habt, da- 
mit ihr eure Seele in Christo gewinnen mögt, wie ihr 
auch getan habt. Darum habt doch auf euch selbst 
Acht, und weicht und wankt ja nicht, weder zur rech- 
ten noch zur linken Seite, damit ihr nicht aus eurer 
eigenen Feste fallt, und daß das ewige Feuer nicht 
euer Erbteil werde, sondern gleichwie ihr, meine lie- 
ben Schafe, den Herrn Jesum Christum angezogen 
habt, so wandelt auch ferner in ihm, und bleibt in 
seiner Lehre fest gegründet und gewurzelt, damit ihr 
in der Liebe nicht kalt und lau werdet und dadurch 
zuletzt dasjenige verliert, was ihr empfangen und so 
freiwillig angenommen habt. 

Auch bitte ich euch durch die Barmherzigkeit un- 
sers lieben Herrn Jesu Christi, daß ihr doch nicht ver- 
säumen wollt, Gott, dem barmherzigen lieben Vater, 
durch Christum, seinen lieben Sohn zu danken und zu 
loben. Tag und Nacht, für seine großen, unaussprech- 
lichen Wohltaten, die er an uns armen und elenden 
Kreaturen bewiesen hat, und uns von unserer Mut- 
ter Leib an ersehn und erwählt hat, daß wir seinen 
Namen unter diesem argen und ehebrecherischen Ge- 
schlechte recht beleben und bekennen und so den An- 
fang des christlichen Lebens bis ans Ende festhalten 
möchten; denn obgleich ihr, meine herzlich geliebten 
Schafe und sehr werten Kinder, durch Gehorsam des 
Evangeliums rechte Erben des ewigen Lebens gewor- 
den seid und mit mir und allen Heiligen in dem Buche 
des Lebens aufgeschrieben steht, ja, zu der Menge vie- 
ler tausend Engel gebracht seid, so kann er uns doch, 
o meine werten und lieben Schafe, gar bald wieder 
vertilgen, und unsere abgefallenen Namen in die Er- 
de schreiben, wenn wir in den Geboten Gottes, nach 
unserer Schwachheit, nicht treulich wandeln bis ans 
Ende unsers Lebens; denn wir wissen, daß die herrli- 
chen Verheißungen der Frommen, und die Krone des 
ewigen Lebens, weder im Anfänge noch in der Mit- 
te gefunden werden, sondern wer beharrt und treu 
bleibt bis ans Ende, der wird sie von der Hand des 
Herrn empfangen. So ist es offenbar, daß es dem aus- 
wendigen Israel (von welchem wir ein klares Exempel 
haben) nichts geholfen hat, meine lieben Schafe, daß 
sie durch die starke Hand des Herrn von dem Dienste 
und der Sklaverei Pharaos aus Ägypten erlöst waren, 
ja, alle Wohltaten, die der getreue, barmherzige, liebe 
Vater an ihnen auf dem Wege bewiesen hat, waren 
größtenteils verloren oder vergebens, obgleich er sie 
mit dem Engelbrote speiste, und ihnen alles gab, was 
ihre Seele wünschte; und gleichwohl sind sie auch 
ungeduldig geworden und haben gemurrt, und ihre 


Prüfung nicht in der Furcht Gottes oder in Geduld auf- 
genommen; darum ist auch der Herr über sie zornig 
geworden, und hat zu einer Zeit 23000 getötet. Ach, 
meine werten, auserwählten Schafe! Denkt ihm doch 
nach; es ist ja zu unserer Lehre und Ermahnung ge- 
schehen, wie auch der heilige Apostel erzählt, damit 
wir nicht in dasselbe Exempel des Unglaubens fallen; 
denn was sollte es uns doch wohl nützen, daß wir aus 
dem geistigen Ägypten und Sodoma und aus dem 
Dienste des höllischen Pharao ausgegangen, durch 
das rote Meer des Blutes Jesu Christi erlöst, im Na- 
men des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes 
auf das Bekenntnis unsers Glaubens getauft, und so 
durch Verleugnung unserer selbst, in den wahren Kas- 
ten Noah, als Christi Jesu, eingegangen sind. Ach, 
meine werten, lieben Schafe! Es kann uns alles nichts 
helfen, noch selig machen, wenn wir nicht die Gebote 
unseres Gottes erfüllen, denn der Apostel Johannes 
sagt: »Wer sagt, daß er Gott kenne, und hält seine Ge- 
bote nicht, der ist ein Lügner, und in demselben ist die 
Wahrheit nicht.« Ihr aber, meine Liebsten, seid allezeit 
gehorsam gewesen, nicht allein in meiner Gegenwart, 
sondern auch sogar in meiner Abwesenheit; darum 
schafft, daß ihr selig werdet, mit Furcht, und wandelt 
doch allezeit würdig, nach meinem Abschiede, nach 
dem Evangelium unseres Herrn Jesu Christi, damit 
ihr allezeit eines Geistes und eines Sinnes sein mögt, 
und lasst euch doch keineswegs von allen euren Wi- 
dersachern erschrecken, es sei von innen oder von au- 
ßen, welches ihnen ein Beweis der Verdammnis, euch 
aber der ewigen Seligkeit ist, und das von Gott; denn, 
meine werten, lieben Schafe, es ist nicht genug, daß 
ihr an Christum glaubt, sondern ihr müsst auch um 
seines Namens willen leiden, und geschieht solches 
nicht mit Banden oder Gefängnissen, so geschieht 
es mit täglichem Streite und Anfechtungen, welches 
jetzt auf viele und mancherlei Weise vorkommt, und 
euch noch mehr begegnen dürfte; denn Gott prüft 
und durchforscht seine Auserwählten auf mancherlei 
Weise. Man hält die Bande und das Gefängnis zwar 
für die schwerste Probe des Glaubens, aber, meine 
werten und lieben Schafe, ich schreibe und bekenne 
euch gegenwärtig, daß es mir das Leichteste ist, im 
Vergleich zu den Gefahren und Anfechtungen, die 
ich in der wilden Wüste dieser Welt erfahren und die 
mir zugestoßen sind, oder die ich vor Augen gesehen 
habe, sodass ich oft vor Bangigkeit meines Herzens 
und Geistes nicht wusste wohin; ich seufzte auch zu 
meinem Gott, und weinte wegen der vielerlei subtilen 
und schnellen Stricke, welche jetzt die alte Schlan- 
ge legt, und war besorgt, ich mochte auch noch in 
ihre Stricke der menschlichen Schwachheit und der 
Klugheit meines eigenen Fleisches verwickelt werden. 



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indem ich sah und hörte, daß hohe, starke eingewur- 
zelte Bäume mit den Wurzeln ausgerissen und hohe 
Berge in jämmerliche Täler verwandelt wurden. Da- 
neben fühlte ich, daß in mir nichts Gutes wohnte, und 
dachte dabei, daß an seinem Gerichtstage, wenn er 
die Seinen besehen wird, viel Spreu werde gefunden 
werden; ach, alsdann wird er sie wohl sehen, die kein 
hochzeitliches Kleid an haben; darum stand ich auch 
sehr bekümmert und war besorgt, ich möchte in seiner 
Zukunft um meines täglichen Missgriffes und unrei- 
nen Wandels willen nicht stehen können, weshalb ich 
ihn auch oft mit Tränen gebeten habe, daß er mich 
Armen, Elenden durch seine väterliche Barmherzig- 
keit tüchtig machen wolle, um seines Namens willen 
zu leiden, und um seines heiligen Zeugnisses willen 
nicht allein in Banden und Gefängnis, sondern auch in 
den Tod zu gehen; dann hätte ich Gewissheit von mei- 
ner Seele Seligkeit, und würde am Tage seines Zorns 
nicht zu Schanden werden, wozu er mich nun durch 
seine väterliche Barmherzigkeit erwählt und würdig 
gemacht hat, daß ich sein heiliges Zeugnis vor diesem 
argen ehebrecherischen Geschlechte in meinen Ban- 
den bezeugen soll; hierüber bin ich auch in meiner 
Seele sehr erfreut, und es ist mir von Herzen leid, daß 
ich meinem und unserem barmherzigen lieben Vater 
wegen seiner unaussprechlich großen Wohltaten, wel- 
che er an mir elenden Geschöpfe bewiesen hat und 
noch täglich beweist, nicht genug danken und ihn 
loben kann, denn ich habe das Vertrauen zu seiner 
väterlichen Gnade und Barmherzigkeit, daß er mich 
fernerhin tüchtig und würdig machen wolle, um sei- 
nes heiligen Zeugnisses willen in den Tod zu gehen, 
und er weiß, wie mich schon lange verlangt hat, zu 
Hause zu sein, und das um der vielen Gefahren willen, 
die ich auf dem Wege sehe. Darum, meine herzlich 
geliebten Schafe in dem Herrn, da ich noch eine vä- 
terliche Fürsorge für euch hege, und euch mit einer 
göttlichen Liebe liebe, so kann ich es nicht unterlassen, 
euch, weil ich noch eine kurze Zeit in dieser Hütte 
bin, ein wenig durch mein Schreiben zu ermahnen, 
und euch zu bitten, ihr wollet nicht denken, als wollte 
ich über euch herrschen, sondern daß ich mit aller 
Freundlichkeit euch zum vollkommenen Altar Chris- 
ti aufzubauen suche, damit ihr, meine lieben Schafe, 
doch als ein rechter Brief Christi befunden werden 
mögt, nicht geschrieben mit Tinte oder auf Papier, 
sondern durch den heiligen Geist des lebendigen Got- 
tes, durch welchen ihr auch versiegelt seid auf den 
Tag eurer Erlösung, welcher Gottes Sitten und Rechte 
in euer Herz und Sinne geschrieben hat, wodurch ihr 
nun ein Brief Christi geworden seid, der von allen 
Menschen gesehen und gelesen wird, welche euren 
heiligen keuschen Wandel in der Niedrigkeit eures 


Herzens und Geringachtung eurer selbst ansehen. 

Darum, meine lieben Schafe, bitte ich euch noch ein- 
mal, obgleich ihr demütig seid, so demütigt euch noch 
mehr, und obgleich ihr rein seid, so heiligt euch doch 
mehr und mehr, damit ihr als reine und untadelhaf- 
te Kinder Gottes unter diesem argen und verkehrten 
Geschlechte erfunden werden mögt, unter welchem 
ihr als ein Licht in der Welt leuchtet, damit ihr mir 
zur Freude auf den Tag Christi das Wort des Lebens 
haltet, damit ich auch nicht umsonst an euch gearbei- 
tet haben möge, denn obgleich ich aufgeopfert werde, 
und die Zeit meines Todes nahe ist, so freue ich mich 
doch und bin fröhlich in meinem Gemüte um euret- 
willen und um der andern willen, die ich in meinen 
Banden geboren habe, die früher dem Hause Gottes 
unnütz waren, nun aber demselben förderlich und 
nützlich sind, welche ich auch um der Wahrheit wil- 
len liebe und begehre, daß sie mit hieran Teil haben 
sollen, in der Hoffnung, daß es ihnen im Geiste und 
im Glauben eine Freude erwecken werde, zur Ver- 
sicherung und Stärkung eures Gemüts insgesamt in 
Christo Jesu. Darum ist noch zuletzt meine freund- 
liche Bitte an euch alle, daß ihr doch einander aus 
reinem Herzen herzlich lieben wollt, als solche, die 
nicht aus vergänglichem, sondern aus unvergängli- 
chem Samen, nämlich aus dem lebendigen, kräftigen 
und seligmachenden Worte wiedergeboren sind, und 
gedenkt doch der Worte Paulus, unseres Mitbruders, 
wenn er sagt: Die Hauptsumme der Gebote ist Lie- 
be aus einem reinen Herzen und guten Gewissen, ja, 
sie ist das Band der Vollkommenheit. Ach, wie selig 
ist derjenige, welcher mit diesem Bande recht begür- 
tet ist, denn er lebt sich selbst nicht, sondern seinem 
Herrn, und nimmt in allem die Worte Christi in Acht, 
wenn er sagt: Seid barmherzig, gleichwie euer Vater 
im Himmel barmherzig ist. 

Darum, meine lieben Schafe, ich bitte euch noch- 
mals durch die Barmherzigkeit unseres lieben Herrn 
Jesu Christi, und auch um der ewigen Seligkeit eurer 
Seelen willen, daß ihr nicht vergesst, mitzuteilen und 
Handreichung zu leisten, denn solches ersetzt nicht 
allein den Mangel, sondern verursacht auch, daß man 
Gott darum dankt und ihn lobt, indem man mit der- 
gleichen Opfern Gott gefällt; gedenkt auch der Worte 
des weisen Mannes, indem er sagt: »Wer sich des Ar- 
men erbarmt, der leiht es dem Herrn, lind der wird ihm das 
Gute vergelten.« Ferner sagt er: »Wer den Armen mitteilt, 
der wird keinen Mangel leiden, wer aber seine Augen ab- 
wendet, der wird abnehmen.« Der Gerechte gebraucht 
sein Gut zum Leben, aber der Gottlose braucht es zur 
Sünde. 

Der eine gibt und teilt aus, und hat immer mehr; 
der andere kargt, wo er nicht soll, und wird doch är- 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


mer, sagte er; ferner befiehlt Tobias seinem Sohne, daß 
er der Armen auch gedenken sollte, und sagt: Wende 
dich nicht von den Armen, dann wird dich Gott wie- 
derum gnädiglich ansehen; wo du kannst, da hilf den 
Dürftigen. Hast du viel, sagte er, so gib reichlich; hast 
du wenig, so gib doch das Wenige mit treuem Herzen, 
denn die Almosen erlösen vom Tode und tilgen die 
Sünde, sagt er ferner. Hierüber sagt auch Sirach, daß 
das Almosen die Sünde austilgt und den Geber in der 
ewigen Wohnung verschonen wird. Darum hat auch 
Christus befohlen, daß man sich mit dem ungerech- 
ten Mammon Freunde machen soll, damit, wenn wir 
darben, sie uns in die ewige Hütte aufnehmen. 

Christus hat aber sehr richtig gesagt: Arme habt 
ihr allezeit bei euch, darum wird er auch an seinem 
gerechten Tage sagen: »Alles, ivas ihr diesen meinen Ge- 
ringsten getan habt, das habt ihr mir getan.« Hieraus folgt, 
meine liebwerten Schafe, daß die Worte Pauli auch 
wahr seien, nämlich: »Wer kärglich sät, der wird auch 
kärglich ernten, und wer im Segen sät, der ivird auch ern- 
ten im Segen, denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.« 
Meine herzlich geliebten Schafe in dem Herrn, ob- 
gleich ich dieses euch schreibe, so weiß ich doch auch, 
daß ihr von Gott und seinem heiligen Geiste gelehrt 
seid, und daß ihr mehr tun werdet, als ich euch schrei- 
ben kann; doch schreibe ich euch aus herzlicher und 
christlicher Liebe, damit ihr doch euch der vergange- 
nen Zeit erinnern wollt, in welcher ihr so viel Fleiß auf 
allerlei Ungerechtigkeit verwandt, wie ihr denn auch 
bei köstlichen Banketten oder Mahlzeiten, ja, bei dem 
Gepränge und Prahlen, woran doch Gott einen Gräuel 
hat, keine Kosten gescheut habt. Ach, gedenkt doch 
einmal, meine lieben Schafe, welche Freude hattet ihr 
doch damals; ach, solltet ihr mm nicht in den Dingen 
umso viel mehr Fleiß anwenden, die euch Gott be- 
fohlen hat, nämlich Schätze zu sammeln im Himmel, 
welche weder Motten noch Rost verzehren. Ach, man 
sollte jetzt auch bisweilen ein oder zwei Stücke Geld 
zu finden wissen, um sie den armen Heiligen zu ge- 
ben, ebenso wohl, als man früher ein, zwei oder drei 
Pfund flämisch Geld zu finden wusste, um sie in der 
Ungerechtigkeit zu verschwenden. Ach, meine wer- 
ten, geliebten Kinder, solches schreibe ich euch nicht, 
um dadurch euer Gemüt niederzubeugen, sondern 
um deswillen, daß eure Liebe von Tag zu Tag mehr 
zunehmen möchte, denn ihr wisst doch nicht, wie lan- 
ge ihr noch Zeit habt, oder wann es den Räubern in 
die Hände fallen wird. Ferner, meine treuen Schafe, 
ist noch das meine väterliche Bitte an euch, daß ihr 
in allem Frieden, in Liebe und Eintracht beieinander 
wohnen wollt; der eine helfe des andern Last tragen 
in der Liebe, denn ihr wisst nicht, wie lange ihr beiein- 
ander wohnen werdet, und bedenkt, daß ihr Kinder 


des Friedens genannt seid, denn euer König und Fürst 
ist ein König und Fürst des Friedens, weshalb ihr als 
Kinder des Friedens erfunden werden müsst, wie ich 
denn auch das Vertrauen zu euch habe, daß ihr solche 
seid, wiewohl ich so schreibe. 

Hiermit will ich euch dem großen Hirten der Schafe 
anbefehlen, zu welchem ich ein aufrichtiges Vertrauen 
habe, daß er euch alle unter dem Schatten seiner Flü- 
gel bewahren werde, wenn ihr anders schlechterdings 
bei seinen Sitten und Rechten bleibt, und um keines 
Dinges willen Ihm aus den Händen entweicht; ich bin 
auch versichert, daß euch niemand aus seiner Hand 
reißen werde. Ich bitte euch noch einmal, und das um 
der Wunden unseres lieben Herrn Jesu Christi, und 
auch um der ewigen Seligkeit eurer Seelen willen, daß 
ihr doch mein Schreiben und meine treue Warnung 
jetzt an dem Ende meines Lebens zu Herzen nehmen 
wollt; lasst doch dieselbe nach meinem Tode nicht mü- 
ßig bei euch liegen; haltet sie auch nicht für eine tote 
Geschichte oder Fabel, sondern nehmt sie als ein Testa- 
ment auf, und lasst sie euch zum ewigen Gedächtnisse 
und Andenken sein; gedenkt meiner dabei, wie ich 
euch, nach meiner Schwachheit, ein Vorbild gewesen 
bin, und folgt meinen Fußstapfen nach, der ich euch 
durch die Kraft meines Gottes vorzugehen, nämlich 
bis ans Ende bei der Wahrheit zu bleiben, hoffe, um 
euch und allen, die Gott aus reinem Heizen zu fürch- 
ten suchen, zu bezeugen, daß dieses, wie Petrus sagt, 
die rechte Gnade unsers Gottes, ja der richtige Weg 
und die Heerstraße zum ewigen Leben sei, worauf 
ihr euch nun auch befindet. Darum lasst euch durch 
niemanden aus den Schranken treiben, worin ihr jetzt 
steht, oder euch wankelmütig machen, sondern wen- 
det allezeit um desto mehr Fleiß an, euren Ruf und 
eure Erwählung zu befestigen. Ach, wenn ihr dieses 
tut, meine werten Schafe, so werdet ihr nicht fallen, 
sondern es wird euch der Eingang in das ewige Reich 
unsers Herrn Jesu Christi im Überflüsse zubereitet 
werden. Darum haltet doch während eurer Lebens- 
zeit scharfe Wacht in der Gerechtigkeit, denn es ist 
sehr nötig. Auch ist dieses mein freundliches Begeh- 
ren an euch, ihr wollt diese Vorschrift in der Liebe 
aufnehmen, denn ich habe sie ja aus christlicher Liebe 
gegeben. Hiermit will ich Abschied von euch allen 
nehmen, bis in Ewigkeit, Amen. 

Ferner, meine herzlich geliebten Schafe in dem 
Herrn, darüber, wie es mit mir und meinen Mitstrei- 
tern stehe, diene euch zur Nachricht, daß wir noch auf 
die Beförderung des Evangeliums bedacht sind; auch 
wisst, daß mir der Herr in meinem Streite und mei- 
ner Verantwortung treulich beisteht, und mir Kraft 
gegeben hat, das Feld zu behaupten, mich auch von 
der Höllen Mund und der Löwen Zähne erlöst hat; 



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ich glaube, daß ich wohl zehn- oder zwölfmal gegen 
dieselben im Gewehre gewesen bin, die anderen aber 
haben sie nicht so sehr gequält. Summa, ich hoffe, der 
Streit sei gestritten, der Lauf geendigt und das Leben 
erhalten; für die Zukunft ist mir die Krone der Herr- 
lichkeit beigelegt, welche mir keine Geschöpfe (wie 
ich hoffe) nehmen werden, denn getreu ist derjenige, 
der dieses gute Werk in mir angefangen hat. Er wird 
mir es auch ohne Zweifel, nach dem guten Vorsatze 
meines Gemütes, ausführen helfen, damit ich ohne 
Schaden durch den Jordan gehen möge. Gott gebe uns 
seine Gnade, Amen. 

Teilt dieses einander mit; befehlt es Gott, überdenkt 
es fleißig und versteht es weislich. Ach, wenn ihr die- 
ses tut, so wird man sehen, daß ihr alle eure Seligkeit 
sucht und mein Schreiben wert haltet. 

Vollendet den 6. Oktober, im 23. Monate meiner Ge- 
fangenschaft. Noch eins, meine lieben Kinder, haltet 
euch doch zusammen tapfer zum Kreuze Christi, und 
weicht nicht davon ab. 

Noch ein Brief von Meister Jelis Matthyß, welchen 
er an sein Weib geschrieben hat. 

Die Kraft des Geistes, dazu ein standhaftes Gemüt, 
wünsche ich meinem Fleische und meinem Blute in 
all ihrem Drucke, Streit und schwerer Trübsal, Amen. 

Meine werte, liebe Hausfrau, welche ich vor Gott 
und seiner Gemeinde geehelicht habe! Weil die Zeit 
meines Todes nahe ist, so beliebe zu wissen, daß mein 
Herz und Gemüt mit dir in Bekümmernis steht; ich 
möchte dir daher gerne etwas schreiben, wiewohl ich 
keine gelegene Zeit dazu habe, denn es steht mit uns 
so, daß uns gegenwärtig wohl acht bis zehn Diener 
bewahren und Wache bei uns halten, sodass ich wenig 
Kraft des Geistes bei mir fühle, dir noch ein wenig zu 
schreiben, weil wir so unerwartet überfallen worden 
sind. Wir hatten nämlich kein Wort gehört, auch war 
Willeboort, mein treuer Mitgeselle, fast ganz entklei- 
det, als unser Wirt und unsere Wirtin hinaufkamen 
und sagten: Meister Jelis und Willebort, kommt herun- 
ter! Als wir nun hinabkamen, sahen wir den Statthal- 
ter, dem sich auch noch der Amtmann zugesellte, mit 
welchem ich ein kurzes Gespräch hatte. Summa, mein 
herzlich geliebtes, auserwähltes Fleisch und Blut, ich 
werde nun den Weg aller Propheten und Zeugen un- 
seres lieben Herrn Jesu Christi wandeln, worin ich 
auch bis hierher sehr fröhlich und guten Mutes bin; 
ich finde in mir solche Freude und solchen Trost, daß 
ich es dir nicht Wohl schreiben kann; ich finde auch 
bis jetzt keine Furcht in mir, sondern bin meistens um 
dich bekümmert, wegen der großen Traurigkeit, die 
du hast; ich habe aber das Vertrauen zu deinem und 


meinem Gott, daß er in der Versuchung dir Schutz 
verleihen werde, durch den Trost des heiligen Geistes, 
womit er dich trösten wird. Ach, mein Fleisch, mein 
Blut! Ich bitte dich durch die blutigen Wunden unse- 
res lieben Herrn Jesu Christi, sei doch geduldig in dei- 
ner Trübsal, damit du nicht als eine solche erfunden 
werden mögest, die wider Gott streiten will, sondern 
sage vielmehr mit Maria: Siehe, Herr, mir geschehe 
nach deinem Willen; denn wie damals die Stunde der 
Versammlung, siehe, so stand die Stunde der Schei- 
dung auch, als bekannt, vor des Herrn Augen, und 
er hat dich dazu, durch seine väterliche Barmherzig- 
keit, zuvor ersehen und erwählt, daß du nun auch mit 
um seines Namens willen Trübsal und Schmerzen lei- 
den sollst, und obgleich ich, mein auserwähltes Schaf, 
nunmehr Freude habe, weil meine Wallfahrt ans Ende 
gekommen ist, so bitte ich dich doch, du wollest im 
Herrn getröstet sein, und es mit Geduld und Schmer- 
zen aufnehmen. Drücke dein Herz nieder und leide. 
Ach, ich weiß, daß deine Betrübnis sehr groß ist. Ach, 
wenn es Gottes Wille wäre, und ich für euch in den 
Tod gehen könnte, und wenn ich ihn auch zweimal 
für euch schmecken müsste, so wollte ich mich doch 
nicht vor demselben scheuen, denn er fällt mir nicht 
schwer, ach, dann würde ich ja versichert sein, daß du 
weder von fremden Buhlern betrogen, noch von dem 
Mittagsteufel, oder deinem eigenen Fleische verführt 
werden würdest, wiewohl ich dir aus dem Grunde 
meines Herzens zutraue, daß du den Fußstapfen mei- 
nes Glaubens nachfolgen und bis ans Ende bei der 
Wahrheit bleiben werdest. Ach, ach! Die Veranlassung 
meines Schreibens und mein letztes und großes Begeh- 
ren ist, daß du doch bei demjenigen bleiben wollest, 
was du von Gott empfangen hast und dir aus großer 
Gnade mitgeteilt worden ist. Ach, du wollest wegen 
deiner großen Betrübnis oder wegen eines dir etwa 
zustoßenden Streites, welcher deiner Liebe nicht be- 
kannt ist, weder weichen noch wanken, sondern in 
all' deinem Anliegen bitte mit Vertrauen zu Gott, dem 
barmherzigen lieben Vater; er wird dich nicht ver- 
lassen, dessen bin ich gewiss; und obgleich wir jetzt, 
mein wertes auserwähltes Schaf, auf eine kurze Zeit 
voneinander geschieden werden, so werden wir doch 
dermaleinst in der Auferstehung der Toten einander 
wieder begegnen und ewiglich bei dem Herrn sein. 
Ach, alsdann wird unsere geringe Betrübnis in eine 
ewige unaussprechliche Freude verwandelt und alle 
unsere Tränen werden von unsern Augen abgewischt 
werden, und wir werden hören: »Kommt, ihr Geseg- 
neten, in das Reich meines Vaters, welches von Anbeginn 
der Welt bereitet ist.« Ach, mein wertes, liebes Schaf, 
tröste dich mit diesen Verheißungen und mit den Wor- 
ten des Evangeliums, wo Christus selbst sagt: Selig 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


sind, die nun weinen, denn sie sollen getröstet wer- 
den; wehe aber denen, sagt er, die hier lachen, denn 
sie werden weinen; denn es wird die Zeit kommen, 
daß sie rufen werden: O ihr Berge und Hügel, fallt auf 
uns, und bedeckt uns vor dem Angesichte des Herrn! 

Ach, alsdann wird es aus sein mit allen unsern Ver- 
folgern, Schindern, Henkersknechten und denen, die 
uns verderben; ja, alsdann wird das Wort des Prophe- 
ten Jesaja erfüllt werden, wenn er sagt: O ihr Verstörer, 
meint ihr, daß ihr nicht auch verstört werden sollt? 
Und ihr Verächter, sagt er, meint ihr, daß ihr nicht 
auch verachtet werden sollt? Denn wenn ihr dem Ver- 
derben ein Ende gemacht haben werdet, so wird man 
mit euch auch ein Ende machen; über dir aber, mein 
Fleisch und Blut, und mir, samt allen Heiligen, soll die 
Sonne der Gerechtigkeit aufgehen; Glück und ewige 
Wohlfahrt wird uns umgeben. Ach, mein wertes Schaf, 
wie gern wollte ich dich trösten und dir in deiner Trüb- 
sal zu Hilfe kommen; aber für diese Zeit kann es nicht 
gut geschehen. Doch bitte ich dich herzlich, erinnere 
dich meiner Worte, die ich früher zu dir geredet habe; 
folge denselben nach, um solches bitte ich dich, und 
laß sie dir ein ewiger Grundstein sein. Ferner bitte ich 
dich von Herzen, und das um der ewigen Seligkeit 
deiner Seele willen, du wollest dich in der Stille hal- 
ten, und dein Kind in der Furcht des Herrn auferzie- 
hen, wie ich auch das Vertrauen desfalls zu dir habe. 
Noch einmal, mein herzlich geliebtes auserwähltes 
Schaf, bitte ich dich aus dem Grunde meines Herzens 
und dem Innersten meiner Seele, erinnere dich doch 
dessen oft, was ich früher zu dir geredet, und nun 
auch ein wenig beschrieben habe, nämlich, daß du 
doch alle Tage deines Lebens bei demjenigen bleiben 
wollest, was du aus eigenem Antriebe und freiwil- 
lig angenommen hast, und das ja der rechte Grund, 
das Fundament und der Weg zum ewigen Leben ist. 
Ach, es wird doch in Ewigkeit kein anderer gefun- 
den werden, als dieser Weg des Kreuzes ist, und falls 
es geschähe, daß der barmherzige Vater dich durch 
seine väterliche Rute des Kreuzes mit Banden oder 
Gefängnis noch prüfen wollte, so bitte ich dich um 
der ewigen Seligkeit deiner Seele willen, du wollest 
dich doch vor unsern Feinden nicht fürchten, denn 
man kann es weder schreiben noch aussprechen, wie 
Gott, der barmherzige liebe Vater, diejenigen tröstet, 
die sich selbst dem Herrn ganz übergeben haben; ich 
hätte nicht geglaubt, daß ich ein solches Herz und 
Gemüt haben könnte, darum wunderte es mich sehr, 
wie sie von Gottes Wort abfallen konnten, aber sie 
haben den Trost der zukünftigen Herrlichkeit verges- 
sen und sind unachtsam geworden, deshalb ist auch 
das Öl der Gerechtigkeit und Liebe in ihrem irdischen 
Gefäße ausgegangen. 


Darum, mein treues, herzgeliebtes Fleisch und Blut, 
sei doch gewarnt, damit du nicht mit den törichten 
und unachtsamen Jungfrauen durch Trägheit und 
Sorglosigkeit dich betrogen finden mögest; darum 
sei munter im Geiste, und befleißige dich selbst von 
Tag zu Tag immer mehr und mehr abzulegen, denn, 
mein liebes Schaf, es ist ja recht nötig, daß du wa- 
chest, indem sie nicht alle in das Land der Verheißung 
kommen, die aus dem geistigen Ägypten und Sodo- 
ma ausgegangen sind, in Folge der Kraft und Gewalt 
der alten Schlange, welche weder ruht noch feiert, bei 
Tag und bei Nacht, sondern um das Heerlager geht 
und diejenigen sucht, welche sie schläfrig finden mö- 
ge; ach, derselben widerstehe doch stark im Glauben, 
und sei männlich und gläubig von Herzen. 

Ferner, herzlich geliebtes Schaf, mein Begehren ist, 
du wollest dich selbst doch nach aller Niedrigkeit 
bequemen und dich bemühen in deinen eigenen Au- 
gen klein zu sein; achte nicht, was hoch ist, sondern 
halte dich zu den Geringsten; sei auch allezeit bereit, 
und schicke dich dazu, daß du Gottes Wort hören 
mögest und sei der Worte Christi eingedenk: »Wo 
zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin 
ich mitten unter ihnen.« Ach, mein liebes Schaf, habe 
doch eine brennende Liebe zu der Gemeinde Gottes, 
und vergiss nicht von demjenigen mitzuteilen, was 
dir der barmherzige liebe Vater verliehen hat; geden- 
ke, daß sich die Barmherzigkeit wider das Gericht 
rühme, denn mit dergleichen Opfer gefallt man Gott, 
wiewohl ich weiß, mein herzlich geliebtes Schaf, und 
auch das Vertrauen zu dir habe, du werdest hierin 
der Lehre unseres lieben Herrn Jesu Christi folgen. 
Hiermit, meine Allerliebste, nehme ich Abschied von 
dir, meinem Fleisch und Blut auf dieser Erde, und 
befehle dich in die Hände des allmächtigen Gottes, 
und unseres Erlösers Jesu Christi, der dich mit deinem 
Kinde in aller Not bewahren, aufrichten und stärken 
kann, gleichwie er auch getreu ist, und der dir wohl- 
tun wird, wenn du, mein wertes Schaf, nur bei seinen 
Sitten und Rechten bleibst, und in dem Kreuzwege 
nicht müde wirst, wenn er dir auch hart und sauer 
fällt. Ach, mein wertes Schaf, könntest du nur Mut 
fassen, und deinen Gott loben und Ihm danken, weil 
du würdig erfunden worden bist, um seines Namens 
willen mit zu leiden. Ach, erinnere dich der Worte des 
weisen Mannes, wenn er sagt: »Sie werden ein wenig ge- 
stäupt, aber viel Gutes wird ihnen widerfahren, denn Gott 
versucht sie und findet sie, daß sie sein wert sind, denn 
Gott prüft seine Auserwählten wie Gold im Ofen.« 

Darum, mein wertes und herzlich geliebtes Schaf, 
laß deinen rechtschaffenen Glauben durch Geduld 
wirken, und laß die Geduld ein vollkommenes Werk 
in dir haben; sei auch eingedenk der Worte des weisen 



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Mannes: »Ein Geduldiger ist besser als ein Starker, und 
wer seines Mutes ein Herr ist (ach merke), ist besser, als wer 
Städte gewinnt.« Ferner sagt der Prophet Jeremia: »Es 
ist ein köstliches Ding geduldig zu sein, und einem Verlas- 
senen auf die Hilfe des Herrn zu warten.« Darum besitze 
deine Seele noch eine kleine Zeit in Geduld, solches 
bitte ich von dir aus dem Innersten meines Herzens. 
Ach, mein herzlich geliebtes Schaf, noch eins bitte ich 
von dir, halte dich tapfer. Ach, wenn du mich liebst 
(wie du in vollem Matze tust), so folge den Fußstap- 
fen meines Glaubens nach, denn die Zeit ist erfüllt, 
die Tage sind abgelaufen, meine Jahre, die ich in die- 
ser wilden Wüste mit großer Gefahr gewandelt bin, 
haben ihr Ende erreicht; ich habe nicht für das Unge- 
wisse gestrebt oder gestritten, darum freue ich mich 
auch im Geiste, daß Gott, der barmherzige, liebe Vater, 
mir beigestanden hat, sodass ich den Kampf gekämpft 
und den Lauf vollendet habe; von jetzt an ist mir die 
Krone des ewigen Lebens beigelegt, welche Gott, der 
barmherzige, liebe Vater, mir geben wird, nicht allein 
aber mir, sondern allen, welche seine Erscheinung lieb 
haben, und ich werde in das gelobte Land kommen, 
welches ich im Glauben geschmeckt und gesehen ha- 
be; darum hat mein inwendiger Mensch Lust dazu, 
sodass ich mich vor meinen Leinden nicht fürchte, 
noch vor dem Jordan erschrecke, und obgleich er in 
den Augen einiger schrecklich anzusehen ist, so sind 
wir doch gewiss und versichert, daß unser getreuer 
Gott Israels bei uns sein werde, und uns durch seinen 
starken Arm zubereiten wird, daß wir ihn ohne Scheu 
überschreiten werden, und damit den jungen tapfern 
Israeliten Mut machen. Summa: Allen, die Gott von 
Herzen fürchten wollen, sind wir, durch Gottes Gna- 
de, ein Geruch zum ewigen Leben; denen aber, die 
uns hassen, ein Geruch des Todes. Gute Nacht, mein 
Fleisch und Blut, unter dem Altäre hoffe ich euch alle 
zu erwarten. Lasst euch mein Blut ein ewiges Tes- 
tament und Andenken sein. Gute Nacht bis in die 
Ewigkeit, Amen. 

Ach, haltet euch männlich auf dem Wege der Ge- 
rechtigkeit, darum bitte ich euch, denn ich bezeuge es 
euch vor Gott und seinen Engeln mit meinem Blute, 
daß es der rechte Weg und und Heerstraße, ja, die 
rechte Gnade unseres Gottes sei, auf welcher und in 
welcher ihr besteht. Die Gnade Gottes sei mit euch, 
Amen. Den 24. Oktober, des Morgens um 5 Uhr, im 
Jahre 1564. 

Noch ein Brief von Meister Jelis Mattyß an sein 
Weib. 

Mein herzlich geliebtes, auserwähltes, liebes Weib 
und Schwester in dem Herrn! Ich wünsche dir viel 


Kraft und Trost von Gott, dem barmherzigen, lieben 
Vater, durch den Trost des Heiligen Geistes, womit er 
alle unterdrückten und bekümmerten Heizen tröstet, 
welche um seines Zeugnisses willen beschwert sind, 
wie es denn auch in dieser Zeit mit dir so bestellt ist, 
daß du sehr bedrängt bist, obgleich du so viel durch 
den heiligen Geist erlernt hast, daß du wohl weißt, 
daß solches unsers Herrn und Meisters Wille ist, vor 
dem wir unsere Knie gebeugt haben, um ihm zu die- 
nen, um ihm in aller Not, Trübsal und Anfechtung 
getreu zu sein, denn hierzu hat er uns beide erwählt 
und berufen, damit wir seinen Namen unter Druck 
und Schmerzen bewahren, und uns diese wenigen 
Schläge und väterliche Züchtigung nicht missfällig 
sein möchten, denn dadurch macht er uns zu rechten 
Erben seines himmlischen Reichs, wenn wir dieselben 
in Gehorsam und Geduld aufnehmen und darin geübt 
werden, wozu uns der barmherzige, liebe Vater mit 
der Kraft seines heiligen Geistes stärken wolle, Amen. 
Ferner, mein herzlich geliebtes Weib, da ich vermute, 
daß dein Herz um meinetwillen sehr bekümmert und 
betrübt ist, und du, wie ich wohl denken kann, noch 
gern hören und wissen willst, wie es um mich steht, 
so kann ich es nicht unterlassen, dir mit kurzen Wor- 
ten zu schreiben, wie es uns ergangen ist. Ich habe dir 
zwar in unserer letzten Nacht geschrieben (wie ich 
meinte) und habe den Amtmann gebeten, ob ich noch 
ein wenig an meine arme betrübte Frau schreiben 
könnte, was er mir auch bewilligte; aber wir durften 
nicht wieder hinaufgehen, sondern mussten in der Kü- 
che bleiben; auch wollte mir Huyge zwar erlauben zu 
schreiben, aber er wollte mein Schreiben haben und 
es dem Amtmanne selbst einhändigen, was derselbe, 
wie ich vermute, auch getan hat. Dessen ungeachtet 
hoffe ich, du werdest es noch erhalten. Ferner, mein 
liebes Schaf, wisse zunächst, daß mein Gemüt noch 
unverändert ist, und daß ich bereit bin, in Geduld alles 
zu erwarten, was mir von Gott, dem barmherzigen lie- 
ben Vater, durch die, welche der Wahrheit Feinde sind, 
auferlegt werden wird. Ferner wisse, daß wir noch 
von keiner Beschwerung des Fleisches gehört haben, 
denn abends um neun Uhr kam Huyge mit seinem 
Weib hinauf und sagte: Meister Jelis und Willebort, 
kommt herab, es ist jemand da, der mit euch reden 
will; da fingen unsere Weiber, insbesondere Maeyken, 
an zu schreien und zu weinen. Ich fragte ihn, ob wir 
nicht wieder hinaufkommen würden, worauf er mir 
nicht viel Bescheid erteilte; deshalb zog ich sogleich 
meinen Reiserock aus und zog den alten Oberrock an, 
gab auch meinem Blute, nämlich dem Kinde, einen 
Kuss, und setzte meine Mütze ab, und sprach auch 
mit wenig Worten zu Gott, dem barmherzigen, lieben 
Vater, daß er es die Tage seines Lebens bewahren wol- 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


le, worüber mein Herz ein wenig betrübt war, aber es 
währte nicht lange. Als ich nun hinunter kam, stand 
der Statthalter eine Zeitlang da, bis der Amtmann 
auch kam, welcher mich ansah und sagte: Wohlan, 
Meister Jelis, die Zeit ist hier, oder dergleichen Worte. 
Da trat ich ein wenig näher zu ihm, war in meinem 
Gemüte sehr fröhlich, redete auch freundlich mit ihm 
und sagte: Mein Herr, ich habe dich acht oder zehn 
Jahre für einen redlichen Mann gehalten, wie kommt 
es, daß du uns jetzt überfallen willst? Wir haben ja 
kein Wort davon gehört. 

Da sagte er: Es ist ja noch Zeit genug, es wird noch 
nicht geschehen, aber macht euch fertig auf morgen 
um fünf Uhr; da redete ich noch einige Worte mit ihm 
und sagte: O Mann, Mann, welche große Last bürdest 
du dir auf, ich wünschte von Herzen, du wärest kein 
Richter über uns, nicht um unsers Fleisches willen, 
denn wir sind dazu wohlgemut; ich nahm auch eine 
Kanne, die daselbst stand und trank ihm einmal zu. 
Als er nun fort war, fing ich an etwas zu schreiben und 
schrieb beinahe fünf Stunden lang, da kam er wieder 
und sagte, die Diener sollten uns wieder hinaufbrin- 
gen; wie es aber droben auf dem Stadthause ergangen 
ist, hast du vielleicht gehört. Als wir vom Rathause 
gingen, schloss man uns beide in eine Kammer, und 
weil ich gefesselt war, konnte ich dir nicht schreiben. 
Ferner wisse, daß der Amtmann und der Statthalter 
den andern Tag, als heute Morgen, uns wieder hin- 
unter entboten haben; sie brachten uns beide in ein 
Gewölbe, welches sehr dunkel war, indem sie auch 
das Fenster verstopft hatten, und sagten: Hier müsst 
ihr bleiben, bis es anders werden wird. Der Statthalter 
sagte: Wir sind alle sterblich, wir wissen selbst nicht, 
wann wir sterben müssen. Ich erwiderte: Nicht? Als 
ich im Gewölbe stand, sah der Amtmann auf mich, 
aber ich wandte meine Augen gen Himmel und sagte: 
O Gott, bewahre uns!, oder einige ähnliche Worte. 

Es schien, der Amtmann hätte sagen wollen: Ja, das 
kommt durch euch; doch redete er nicht so viel heraus 
und ging mit den andern hinweg. Es war aber unser 
Gott mit dem Tröste seines heiligen Geistes nicht weit 
von uns entfernt und machte mein Herz fröhlich, daß 
ich anfangen musste ein Lied zu singen. 

Nachmittags erlangten wir ein Lichtstümpflein, da 
fing ich an dieses zu schreiben, hätte es dir auch noch 
vor der Nacht gern zugesandt, aber ich habe dazu 
keine Gelegenheit gehabt, nimm es also in Liebe auf. 

Ach, mein herzlich geliebtes Schaf, ich vermute, 
daß unsere Stunde sehr nahe ist, denn es scheint, es 
werde diese Nacht der Fürst dieser Welt kommen; des- 
halb bitte ich dich durch die blutigen Wunden unsers 
lieben Herrn Jesu Christi und um der ewigen Selig- 
keit deiner Seele willen, du wollest doch mein Bei- 


spiel nimmermehr aus deinem Herzen fahren lassen, 
und wenn mein Kind zu seinem Verstände kommt 
(welches du, wie ich hoffe, in der Furcht Gottes aufer- 
ziehen wirst), so halte ihm solches vor und ermahne 
es darin, und du, meine Geliebteste, vergiss es auch 
nicht, sondern laß dir mein Blut zum ewigen Testa- 
mente und Andenken sein, wie ich dir nach meinem 
schwachen Vermögen ein Vorbild gewesen bin, wie- 
wohl ich wünschte, daß ich heiliger und unsträflicher 
vor dir hätte wandeln können; du weißt aber doch, 
daß ich gesucht habe, nach meinem geringen Vermö- 
gen dem Herrn zu gefallen, bin auch nach meiner 
Schwachheit mit Freimütigkeit auf dem Kreuzwege 
gewandelt, wie ich auch von dir von Herzen begeh- 
re, daß du denselben nicht verlassen wollest. Es ist 
auch meine väterliche Bitte an dich, du wollest noch 
mehr Fleiß anwenden, deinen heiligen Ruf und deine 
Erwählung immer fester zu machen, denn des Herrn 
Tag ist nicht fern, an welchem er einen jeden nach sei- 
nen Werken lohnen wird; dann wird er, mein treues 
Schaf, die Lauen, Trägen und Unachtsamen finden, 
welche nun den Namen haben, daß sie Christen seien, 
jetzt auch die Gefäße tragen, aber das Öl der Liebe 
und Gerechtigkeit mangelt ihnen darin. Darum, mein 
Fleisch, mein Blut, bitte ich dich freundlich, du wollest 
doch ja nicht auf die Lauen, Trägen, Unachtsamen und 
Furchtsamen sehen, sondern prüfe dich selbst und 
durchforsche dich selbst täglich, ob du auch richtig 
im Glauben des Sohnes Gottes wandelst, und wenn 
du dich selbst so erkennst, so kannst du wohl prüfen 
und wissen, was dir noch nötig ist abzulegen. 

Ach, strebe allezeit nach der Demut, ein demütiges 
Herz kann sich selbst am besten prüfen und unter- 
suchen, denn es klagt allezeit vor dem Herrn über 
seine Schwachheit und Kleinheit und ist besorgt, daß 
es nicht zuletzt in dieser gefährlichen, abscheulichen 
Zeit durch die vielen subtilen Stricke und Netze zu 
Schanden werden möchte; darum hat auch ein solches 
wiedergeborenes Kind Gottes ein herzliches Verlan- 
gen nach Hause, und von diesem elenden befleckten 
Rocke des Fleisches erlöst zu sein, weil es wohl weiß, 
daß es in großer Gefahr wandelt; es freut sich auch 
um deswillen, wenn es vom Kreuze Christi hört und 
ist nicht gesinnt, vor den Gottlosen so leicht zu fliehen, 
es sei denn, daß es die Not erfordert; aber die Trägen, 
Lauen, Unachtsamen, die zu Zeiten meinen, sie seien 
reich genug und daß ihnen nichts mangle, sind zu 
Zeiten so erblasst und verzagt (so bald sie nämlich 
etwas davon hören, daß der Gottlose nur einen Bund 
macht, die Gerechten auszurotten), zu Zeiten ist es 
auch damit noch nicht genug, sondern sie kommen 
auch zu ihrem Nächsten (welchem sie ein unverzag- 
tes Herz einsprechen sollten), und machen ihn noch 



351 


verzagt. 

Du aber, mein treues Schaf, sei doch freimütig; um 
solches bitte ich dich von Herzen; sieh' doch ja nicht 
auf die Vorgenannten, noch auf die, welche zu die- 
ser Zeit so treulos vom Herrn weichen, es sei durch 
das Kreuz, oder durch Verfolgung, oder durch falsche 
Lehre. Ach, hätten sie sich selbst zuvor täglich unter- 
sucht und an himmlischen Dingen einen Geschmack 
gehabt, so hätten sie sich nicht so leicht verführen 
lassen, oder vor dem Kreuze sich so sehr gescheut, 
sondern sie würden von Herzen begierig sein, den 
Namen ihres Gottes diesem argen und verkehrten 
Geschlechte zu bekennen und ihren Gott noch von 
Herzen bitten, daß sie Fremdlinge in dem Lande sein 
möchten, zum Preise ihres Gottes und zur Erbauung 
ihres Nächsten. 

Ferner, mein herzlich geliebtes, treues, liebes, aus- 
erwähltes Weib, deren Seele ich so herzlich liebe wie 
meine eigene, meine christliche und väterliche Bitte 
ergeht noch einmal an dich, du wollest doch alle Tage 
deines Lebens Sorge tragen, dahin zu kommen, wo ich 
in wenigen Stunden sein werde, damit wir doch in der 
ewigen Wohnung nicht geschieden sein mögen. Ach, 
ach, möchte es Gottes heiliger und wohlgefälliger Wil- 
le sein, und wäre es möglich, daß ich den Kelch der 
Bitterkeit für dich trinken möchte, mich dünkt, wenn 
es auch dreimal wäre, ich wollte es von Herzen gern 
tun, damit du nur mit erhalten werden möchtest. 

Ach, dann würde ich mit einem viel fröhlicheren 
Herzen meine Reise antreten und wäre nicht besorgt, 
daß du noch von der Einfalt unsers lieben Herrn Je- 
su Christi abgezogen werden möchtest; doch bin ich 
auch unbesorgt, solange du so bleibst, wie ich dich 
jetzt lasse, denn du hast Angst und Furcht vor dem Ur- 
teile der Gottlosen. Darum begehre ich von dir mit Si- 
rach, daß du in all deinem Vorhaben an das gedenkst, 
was er sagt: Mein Sohn, was du auch tust, so bedenke 
das Ende, dann wirst du nimmermehr Sünden tun; 
verstehe, nur solche Sünden, die von dem Reiche Got- 
tes abhalten, denn was deine tägliche Schwachheit 
und Fehltritte vor deinem Gotte betrifft, so werden 
dich dieselben nicht verdammen oder ausschließen; 
darum kommt der heilige Apostel Johannes und sagt: 
Wenn jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher 
bei Gott dem Vater, der für uns bittet, welcher Christus 
Jesus ist, der Hohepriester, der in das Allerheiligste 
eingegangen ist und ein ewiges Opfer und Versöh- 
nung für sein Volk und Geschlecht getan hat, und zur 
rechten Hand Gottes, seines Vaters sitzt, als ein Für- 
sprecher und Fürbitter für unser tägliches Straucheln 
und für unsere Fehltritte, wie der Apostel sagt. Siehe, 
mein treues und herzlich geliebtes Schaf, auf diesen 
Fürsprecher und Advokaten weise ich dich, und nicht 


auf die verstorbenen Heiligen, wie die blinden Führer 
dieser Welt tun; darum nimm zu Ihm deine Zuflucht 
in deiner großen Not, gedenke, daß sein Ohr nicht 
verstopft ist, daß er nicht dich hören sollte, und daß 
seine Hand nicht zu kurz ist, um dir nicht helfen zu 
können; denn er wendet seine Augen auf seine Hei- 
ligen, welche er mit seinem eigenen köstlichen Blute 
so teuer erkauft hat, und merkt auf ihr Schreien, Seuf- 
zen und Rufen, denn er nennt sie ja schon selig, die 
hier weinen und um der Gerechtigkeit willen leiden, 
zu welchen du in dieser Zeit auch gehörst. Darum, o 
mein Fleisch, mein Blut, tröste dich mit diesen Verhei- 
ßungen, darum bitte ich dich, denn diejenigen, welche 
hier mit Tränen säen, werden dermaleinst wieder mit 
großen Freuden ernten. Ach darum gedenke nicht, 
mein weites und liebes Schaf, daß deine Tränen, die 
du jetzt vergießest, umsonst seien, denn sie sind al- 
le vor das Angesicht des Herrn gekommen. Deshalb 
gedulde dich noch eine geringe Zeit; darum bitte ich 
dich auch, denn, ich hoffe, er wird dich nicht lange 
hier lassen, sondern dich auch vor dem Unglücke hin- 
wegnehmen und zur sichern Ruhe in seine Kammer 
bringen wie der Prophet Jesaja sagt, weil du nach 
deinem schwachen Vermögen begehrst, aufrichtig zu 
wandeln bis ans Ende, wozu dir der barmherzige lie- 
be Vater durch die Hilfe und Kraft seines heiligen 
Geistes helfen wolle; getreu ist er, er wird es ohne 
Zweifel wohl tun. Ferner, mein herzlich geliebtes, aus- 
erwähltes Weib und Schwester in dem Herrn, weil ich 
mein väterliches, sorgfältiges Herz noch nicht wohl 
von dir abziehen kann, sondern gerne aus dem In- 
nersten meiner Seele dich deinem Gotte, nach deiner 
Schwachheit, in allem vollkommen und untadelhaft 
darstellen wollte, so ist noch dieses mein demütiges 
freundliches Begehren, du wollest deinen Nächsten 
lieben, und allezeit der armen heiligen Hausgenos- 
sen Gottes eingedenk sein, wie du bisher noch ein 
Herz dazu gehabt hast; hierin laß deine Liebe nicht 
ab-, sondern vielmehr zunehmen; gedenke allezeit 
der Worte Christi, indem er sagt: Arme habt ihr alle- 
zeit bei euch; wie denn auch bekannt ist, daß allezeit 
Arme unter oder in dem Hause Gottes sind. Gedenke, 
daß es ein großes angenehmes Werk des Herrn sei; 
weshalb auch Sirach sagt, daß die Almosen des Man- 
nes seien als ein Beutel mit ihm auf dem Wege, und 
wird seiner schonen im Urteile; ja, es löscht die Sün- 
den aus und bedeckt die Menge derselben, denn die 
Barmherzigkeit rühmt sich wider das Gericht, sagt Ja- 
kobus. Darum spare hierin auch keinen Fleiß, wie ich 
auch zu dir das Vertrauen habe, und wiewohl es nicht 
nötig ist, dir solches zu schreiben, so hoffe ich doch, es 
werde dir zum Besten dienen, damit du nach meinem 
Tode nicht lau werdest. Ferner bitte ich dich noch. 



352 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


mein herzlich geliebtes Schaf, du wollest dich allezeit 
zu den Frommen halten, damit du in Frömmigkeit 
und Bescheidenheit zunehmen mögest; sei begierig 
nach der lauteren unverfälschten Mich, nämlich Got- 
tes Wort zu hören, damit du dadurch aufwachsen und 
in allen guten Werken zunehmen mögest. Halte dich 
selbst in der Stille (du weißt, was ich meine), darum 
bitte ich dich von Herzen, und warte auf den Tag dei- 
ner Erlösung, vielleicht ist er nicht ferne. Hiermit will 
ich meinen Urlaub und ewigen Abschied von dir, mei- 
nem Fleische, meinem Blute, nehmen, und bitte dich 
nochmals demütig um der ewigen Seligkeit deiner 
Seele und der großen Liebe willen, die du immer je zu 
mir gehabt hast, du wollest nach meinem Tode meines 
Schreibens, meiner herzlichen Bitte und Ermahnung, 
die ich schriftlich und mündlich an dich getan habe, 
eingedenk sein, und sie nicht bei dir hinlegen als eine 
tote Geschichte oder Fabel, sondern wollest sie oft als 
eine zu deiner Gesundheit dienliche Arzneivorschrift 
benutzen und in dem Kasten deines Herzens zum 
Andenken bewahren, als einen ewigen Schatz, denn 
sie wird dir mehr Gewinn und Nutzen einb ringen, 
als viele Stücke feinen Goldes und Silbers. Ach, die 
Zeit ist sehr nahe, darum will ich mich des Schrei- 
bens und aller Dinge entschlagen, und bitte dich aus 
dem Grunde meines Herzens, wenn du mich und 
die ewige Seligkeit deiner Seele lieb hast, du wollest 
nach deinem schwachen Vermögen mein Begehren 
erfüllen, und weder zur rechten noch zur linken Sei- 
te weichen, sei es um des Kreuzes, der Banden, um 
Gefängnis, oder etwas anders willen, und wenn dich 
Gott, der barmherzige liebe Vater, würdig macht, um 
seines Namens willen zu leiden, so fürchte dich doch 
nicht, denn ich hätte nie gemeint, daß einem, der sich 
selbst verleugnet, und der ein herzliches Verlangen 
nach Hause hat, die Bande und die Gefangenschaft so 
wenig zu schaffen machen könnten; deshalb fürchte 
sie ja nicht. Nun, mein herzlich geliebtes auserwähltes 
Schaf und liebe Schwester in dem Herrn, meine Zeit 
ist erfüllt, die Tage sind verflossen; die Jahre haben ein 
Ende; ich habe einen guten Kampf gekämpft; ich habe 
den Lauf vollendet; ich habe Glauben gehalten, so- 
dass meine Feinde, die sich gegen mich gesetzt haben, 
beschämt worden sind, denn durch meinen Gott habe 
ich das Feld erhalten, welcher mich von der Löwen 
Rachen und der Höllen Schlund erlöst hat und mich 
von allem Argen erlösen, auch mich in seiner Zukunft 
selig machen, und mir das Land der Verheißung, wel- 
ches ich durch den Glauben gesehen, und von dessen 
Früchten ich gegessen habe, zu Teil geben wird, wes- 
halb ich auch darnach ein herzliches Verlangen trage. 
Ach hilf mir dem barmherzigen lieben Vater danken 
und ihn loben, daß ich durch die wilde Wüste dieser 


argen und verkehrten Welt gekommen bin und jetzt 
vor dem Jordan stehe, durch welchen ich noch gehen 
muss; vor welchem, wiewohl er etwas fürchterlich 
anzusehen ist, ich mich doch nicht fürchte, denn ich 
bin gewiss, daß mir mein Gott beistehen und mich 
zubereiten wird, daß ich ohne Schaden und glücklich 
durchkommen werde, denn der, der es mir verheißen 
hat, ist getreu; er wird mich weder verlassen noch 
versäumen, sodass ich sagen kann: »Der Herr ist mit 
mir, ich fürchte mich nicht, was sollte mir ein Mensch tun.« 
Ich werde abgeholt. 

Jan Gerritß wird in dem Haag um des Zeugnisses 
Jesu Christi willen im Jahre 1564, den 15. 

Dezember, verbrannt. 

Ein Testament, gemacht von Jan Gerritß, als er in Gra- 
fenhaag um des Zeugnisses Christi willen gefangen 
lag, im Dezember 1564. 

Gnade und Friede von Gott, dem himmlischen 
Vater, und seinem Sohne Jesu Christo sei mit euch, 
Amen. 

Meine herzlich und sehr geliebten Brüder und 
Schwestern in dem Herrn, ich lasse euch wissen, daß 
ich euer Schreiben empfangen und mit großer Freude 
durchgelesen habe, denn euer Schreiben dient erst- 
lich zur Standhaftigkeit des Glaubens und zu einem 
vollkommenen Ende, und das durch Jesum Christum, 
weshalb ich auch von ganzem Herzen und Gemüt bei 
dem himmlischen Vater anhalte, daß nicht allein ich, 
sondern alle Gottesfürchtigen das rechte Ziel nach 
dem Willen Gottes erlangen möchten, denn Schläge 
und große Schmerzen habe ich erlitten, und das, nach 
den Worten Johannes, um der Brüder willen; das be- 
gehre nicht allein ich, sondern es ist auch Gottes Wille, 
daß man um seines Namens, Wortes und seiner Wahr- 
heit willen sterbe, es sei auch, welches Todes es wolle; 
aber ich hätte nicht gedacht, daß es so lange währen 
sollte; da mir aber ohne des Herrn Willen nicht ein 
Haar gekrümmt werden kann, so will ich mit ihm, 
wie einem Christen gebührt, das Ende in Geduld und 
Ausdauer erwarten. 

Darum, meine sehr geliebten Brüder und Schwes- 
tern, ist meine herzliche Bitte an euch und alle Gottes- 
fürchtigen, daß ihr doch den Herrn für mich, euren 
schwachen Bruder, bitten wollt, daß ich das Ende mei- 
nes Glaubens erreichen möge, denn das Gebet der 
Gerechten vermag viel und ist kräftig; sie wenden 
auch alle List an, um mich um den schönen Schatz zu 
bringen, welchen ich von Gott empfangen habe, aber 
ich habe das Vertrauen zu dem Herrn, er werde mich 
wohl bewahren. 

Zweitens, liebe Brüder, freue ich mich sehr im 



353 


Herrn, weil ich höre, daß der Weinberg des Herrn 
zunimmt und daß seine Reben sich zu rechtschaffe- 
nen Früchten des höchsten Gottes ausbreiten, wonach 
mich so lange verlangt hat; darum danke ich meinem 
und eurem Gott, daß ich solches aus eurem Schreiben 
vernommen und freue mich auch, daß das Licht in 
allen Orten und Winkeln aufgeht, und über alle Berge 
scheint, wie ich von vielen Freunden höre, die zu mir 
kommen, um mich in meinen Banden zu trösten. Dar- 
um, meine lieben Freunde, seid emsig, ein jeder nach 
seiner Gabe, die er von Gott empfangen hat, und legt 
doch fleißig auf Wucher, damit ihr viel gewinnen und 
das Wort hören mögt, das der Herr sagt: »Du guter und 
getreuer Knecht, über wenig bist du getreu gewesen, ich 
will dich über viel setzen; gehe ein zu des Herrn Hochzeit.« 

Darum baue ein jeder an dem Hause mit lebendi- 
gen Steinen, damit es ein herrliches Priestertum wer- 
de, wo man Gott geistige Opfer opfern möge, die Gott 
angenehm sind durch Jesum Christum. Darum sollen 
wir allezeit getrost sein im Herrn, denn seine Kraft 
ist so groß bei denen, die den Herrn fürchten, daß 
doch alles, Tod, Teufel, Hölle, Feuer und Schwert, vor 
Ihm weichen muss; solches alles kann diejenigen nicht 
hindern, die auf Christum gegründet sind, denn wir 
vermögen alles durch den, der uns tüchtig macht, und 
durch seine Liebe wird alles überwunden; dieselbe 
treibt die Furcht aus, wie ich wohl sagen kann, denn, 
als ich in des Königs Saal gebracht wurde und da- 
selbst fast eine Stunde stand, ehe die Herren kamen, 
und alle Dinge vorbereitet sah, um mich zu peinigen, 
da dachte ich oft in meinem Gemüt: O Herr! Wenn du 
mir nicht beistehst, so ist es um mich geschehen, bat 
Ihn auch, er wolle mir den Mund öffnen, zu seinem 
Lobe und Preise zu reden, und denselben in allem 
zu schließen, was zur Lästerung seines heiligen Na- 
mens und des Nächsten gereichen möchte. Als ich so 
sprach, und sie im Begriffe waren, mich zu peinigen, 
war weder Furcht noch Nachdenken in mir, aber sie 
setzten mir scharf und grausam zu, sodass der Prä- 
sident sprach: Warum willst du die Wahrheit nicht 
sagen? Antwort: Weil Christus nichts anders redete, 
als was die Ehre seines Vaters und seine Gottheit be- 
traf; sonst aber hat er geschwiegen. Solches will ich 
auch tun, denn was seine Ehre und die Lehre seiner 
Gebote betrifft, so begehre ich nicht zu schweigen, we- 
der vor Kaiser noch König, weder vor Herzog noch 
Grafen. Da hieß es sofort: Greift ihn ohne Scheu an, 
ein ertrunkenes Kalb ist gut zu wagen. Seht, meine lie- 
ben Brüder und Schwestern, wie ungnädig sie mit mir 
umgingen, dennoch war der Herr mit mir; er müsse 
gesegnet sein. Ich war nicht meiner selbst, sondern 
der Herr regierte meinen Mund, sodass sie nach ihrem 
Willen nichts von mir erhalten konnten. Seht, meine 


lieben Freunde, wie getreu der Herr ist; er lässt den 
nicht zu Schanden werden, der auf Ihn hofft. 

Darum schreibe ich noch einmal, damit ihr alle- 
zeit in dem Herrn wohlgemut sein mögt und euch 
untereinander stets ermahnt, denn Petrus hält es für 
förderlich und nützlich, daß einer des andern Last tra- 
gen helfe und das in der Liebe, denn, wenn ein Glied 
leidet, so leiden sie alle, und wenn ein Glied herrlich 
ist, so freuen sich alle anderen Glieder. 

Drittens lasse ich euch wissen, daß mein Weib hier 
bei mir gewesen ist und mir euren freundlichen Gruß 
überbracht hat, was mir sehr lieb zu hören war, und 
auch, daß sie dem Besten, nach ihrem schwachen Ver- 
mögen, nachkommen wolle; sie bekennt, daß das Le- 
ben, welches sie bisher geführt hat, böse sei, wie wir 
denn wohl alle bekennen mögen, daß wir in den frühe- 
ren Zeiten auch nichts taugten; darum gelangt meine 
Bitte an euch, meine lieben Brüder, daß ihr doch eine 
Aufsicht über sie führen wollt; ermahnt sie zu einem 
besseren Leben, und das in der Liebe, und wenn ihr 
einen Nutzen an ihr schaffen könntet, so wäre mir 
das eine große Freude, wenn ihr mir solches schrei- 
ben wolltet, und wenn ihr mir etwas schreibt, ehe 
ich mein Opfer Gott darbringe, so schickt dasselbe 
an meine alte Mutter, oder an N., dann werde ich es 
wohl erlangen. Überdies habe ich derselben etwas 
Gewürz gesandt, nämlich eine Muskatnuss und drei 
oder vier Ingwerzehen und etwas Gewürznelken, daß 
sie solches I. C. oder einem andern gebe, damit man 
es in Stücke zerschneide und zu einem ewigen Gruße 
ordentlich austeile, und das in dem Herrn, als hier 
auf Erden zu einem ewigen Abschiede, Adieu und 
Frieden in Christo, bis wir bei Christo Zusammen- 
kommen und daselbst in seiner Herrlichkeit einander 
sehen werden, Amen. 

Meine sehr geliebten Brüder! Ich habe bei euch ge- 
wohnt und freue mich auch, daß ihr so klug seid in 
Auferbauung der Stadt und des Tempels zu Jerusa- 
lem, welche so viele Jahre verdarben und verfallen 
gewesen ist; darum Brüder, lasst den Mut nicht sinken, 
werdet ihr auch verspottet und beschimpft, wie Israel; 
denn merkt, als sie die Mauern wieder aufbauten, 
nahm ihre Stärke und Kraft in der Arbeit zu, obwohl 
die Feinde murrten, damit das Werk nicht vorschrei- 
ten möchte; doch haben sie solches nicht unterlassen, 
sondern haben desto fleißiger Wache gehalten; sie hiel- 
ten in der einen Hand die Spieße oder das Schwert, 
und in der andern die Maurerkelle, und waren wohl- 
gemut, denn Gott war mit ihnen und stritt für sie. Seht, 
meine lieben Freunde, lasst uns ein Exempel an die- 
sen Helden nehmen, wie tapfer und unverzagt sie vor 
ihren Feinden waren; lasst uns ein Gleiches tun, wie 
sehr sie auch rufen oder schreien, ja, schmähen und 



354 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


sagen: Seht, dieses Volk kommt und will einen neuen 
Grund an der Stadt legen, und sie können nicht ein A 
von einem B unterscheiden; woher haben sie dieses? 
Wo haben sie das gelernt? Wir sind auf hohen Schulen 
gewesen und haben unser Geld darüber verzehrt, soll- 
ten nun diese Esel kommen und uns lehren? Der eine 
ist ein Schuhflicker, der andere ein Weber oder Kürsch- 
ner, und diese wollen die Schrift auslegen! Lasst sie 
bei ihrem Handwerke bleiben; solches kommt uns 
zu; wir wollen es auch nicht zugeben, man muss sich 
mit Feuer, Wasser und Schwert dagegen setzen. Wir 
aber wollen uns weder fürchten, noch erschrecken, 
wie sehr auch die Hunde bellen und die Löwen brül- 
len; denn Gott, der mit uns ist, ist ein starker Gott; er 
wird die Seinen wohl bewahren und das Feld erhalten 
helfen. Sie können und dürfen nichts weiter tun, als 
was ihnen der Herr zulässt. Meine lieben Brüder! Hal- 
tet mir dieses einfältige Schreiben zugut, ich habe es 
den folgenden Tag, nach dem Empfange eures Briefes, 
größtenteils in Eile aufgesetzt. Hiermit will ich euch 
nochmals dem Herrn und dem Worte seiner Gnade 
anbefehlen. Entbietet den Freunden in Flieland, daß 
ich sie mit dem Frieden des Herrn herzlich grüße, und 
daß sie für das Gesetz des Herrn tapfer streiten wollen. 
Bittet den Herrn für mich; ich begehre, daß ihr meiner 
wieder eingedenk sein wollet; vergesst meiner nicht 
in eurem Gebete; denkt, als ob ihr auch mit gefangen 
wärt. Lebt wohl. Die Furcht des Herrn bewahre euch 
alle, Amen. 

Ich sende euch hierbei noch ein Schreiben in der 
Voraussetzung, daß dasselbe euch etwa ein wenig 
erquicken möchte in eurer Anfechtung von den Wi- 
dersprechern der Taufe, welche ich von einem lutheri- 
schen Prediger zu erdulden hatte. Das Nachfolgende 
ist die Antwort auf sein Schreiben, welches er an mich 
gesandt hat, nachdem wir oft miteinander geredet 
hatten. Der Herr sei mit eurem Geiste, Amen. 

Ein Brief von Jan Gerrits; an den lutherischen 
Prediger. 

Mein sehr geliebter guter Freund! Hiermit will ich Ab- 
schied von dir nehmen, denn ich hoffe mich von jetzt 
an nicht mehr mit dir oder einem andern Menschen 
aufs Disputieren oder Schreiben einzulassen, indem 
Paulus sagt: »Entschlage dich des Streites oder ungeis- 
tigen Geschwätzes und unnützen Disputierern, denn sie 
fördern sehr das ungöttliche Wesen, indem ihr Wort wie 
der Krebs um sich frisst.« Darum begehre ich auch von 
dir verschont zu bleiben und, meiner Seele nach, vor 
Gott in Ruhe zu leben. Lebe allezeit wohl. 

Siehe, mein guter Freund, hier hast du mein Ge- 
wehr und die Waffen meines Glaubens; ich habe mich 


zum Teile sehr kurz gefasst, aber mit diesen Waf- 
fen, und mit nichts anderem, weder mit Eisen noch 
Stahl, weder mit dem Spieße noch mit dem Schwerte, 
will ich euch, als das Reich des Antichristen, bestür- 
men; denn Geist muss mit geistlichen, und Fleisch mit 
fleischlichen Waffen überwunden werden; darum sa- 
ge ich mit dem Apostel: »Die Waffen unserer Ritterschaft 
sind nicht fleischlich, sondern mächtig vor Gott, um alles 
zu verstören, was sich wider die Wahrheit aufwirft, denn 
wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern 
mit den Fürsten und Gewaltigen, mit den Herren der Welt, 
mit den Geistern der Bosheit unter dem Himmel.« Darum 
müssen alle Christen den Harnisch Gottes anziehen, 
damit sie wider den listigen Anlauf des Teufels ste- 
hen, und in allen Dingen bereit sein mögen; denn es 
sagt auch Petrus: »Seid nüchtern und wacht, denn euer 
Widersacher, der Teufel, geht um euch her, wie ein brüllen- 
der Löwe, und sucht, zueichen er verschlinge; demselben 
widersteht mit festem Glauben.« Das sind unsere Waffen, 
und wir sind mit ihnen zufrieden. 

Erstens weiß ein Christ nichts vom Kriege; denn 
alles, was ihm zustößt, muss er in Geduld und Beharr- 
lichkeit um des Herrn willen ertragen, indem Christus 
die Seinen nichts anderes gelehrt hat, als ihre Feinde 
zu lieben; überdies verbot er es seinen Jüngern, als sie 
Ihn fragten: »Herr, willst Du, daß wir Feuer vom Himmel 
kommen lassen und dieses Volk verderben? Nein, sagte 
er, wisst ihr nicht, welches Geistes Kinder ihr seid? Seid 
barmherzig, zvie euer Vater im Himmel barmherzig ist.« Er 
drohte nicht, als er litt. Diesem Exempel folgen wir 
nach, mit allem Fleiße, nach unserem schwachen Ver- 
mögen, und befehlen also Gott unsere Seelen in seine 
Gnade, als dem treuen Schöpfer. Daraus kannst du 
sehen oder verstehen, was wir für ein Volk sind, und 
welchen Geist wir haben. 

Siehe, mein guter Freund, mit diesen meinen Waf- 
fen und meinem Gewehre will ich dir entgehen gehen, 
als ein kleiner, nicht geachteter David dem großen Go- 
liath und kühnen Helden, welcher das Lager Gottes 
verspottete und beschimpfte, und sich auf seine Kraft 
verließ, wie du dich auf deine Gelehrtheit verlassest, 
und auf den Namen Rabbi trotzest; und weil dein 
Verstand, deine Macht und Kraft hoch geachtet und 
angesehen ist, so fängst du auch an, mit dem Goliath 
zu sagen: »Bin ich ein Hund, daß du mit einem Stocke zu 
mir kommst? Ich kann und zvill dein Fleisch den Vögeln 
des Himmels zu essen geben.« Das sagte der Goliath, 
und du nicht weniger; denn ohne Kraft, sagst du, bin 
ich betrogen und tot. Ja, mein Freund, ich weiß wohl, 
daß ich und meinesgleichen von dir allezeit als klein 
und ungelehrt geachtet werden. 

Siehe, dahin hast du es mit deiner Vermessenheit 
gebracht, daß ich wohl mit Schleuder und Stein oh- 



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ne Scheu auftreten, und zu dir, wie zu Goliath, dem 
Heerführer und Beschützer der Philister, sagen darf: 
Siehe, du bist zu mir herausgekommen, und verlässt 
dich auf deinen Spieß und Schild; aber ich komme 
zu dir im Vertrauen auf Gott, im Namen des Gottes 
Israel, und will heute dein Fleisch den Vögeln des 
Himmels zu essen geben, und dich mit deinem ei- 
genen Schwerte töten, nämlich, mit deiner eigenen 
Schrift oder Disputation, welche mir dienen soll, dich 
zu überwinden, nicht durch den Geist der Univer- 
sitäten, oder hohen Schulen, sondern durch Gottes 
Wort und Kraft, und das in Deutsch, Holländisch und 
meiner Muttersprache, Gott zur großen Ehre, euch 
aber zur Schande. Auch wird das stumme tastbare 
Tier deine Torheit offenbaren, du Bileam hast mich 
armen Esel so lange geschlagen, bis ich durch Gottes 
Kraft redete; so lange hast du Goliath mich und das 
Lager Israels beschimpft und herausgefordert, daß ich 
dich nun mit deinem eigenen Schwerte töte, was ich 
nicht getan hätte, wenn du nicht mit solchen scharfen 
Zähnen zugebissen und deine Feder so scharf gespitzt 
hättest; wie hätte ich es aber nun unterlassen können? 
Sollte ich damit einen Undank verdient haben, wie ich 
wohl vermute, so kannst du dir die Schuld selbst bei- 
messen, denn man kann nicht schweigen und Gottes 
Wort reden. 

O Mann, Mann! Man sollte dir wohl mit Gamaliel 
raten, daß du Gottes Volk in Ruhe ließest, denn ist das 
Werk von den Menschen, so wird es wohl vergehen, 
ist es aber aus Gott, so kannst du es nicht vernichten. 
Darum magst du wohl Zusehen, daß du dich nicht an 
dem Schwerte des Herrn vergreifst, damit du nicht als 
ein solcher erfunden werdest, der wider Gott streitet; 
darum verfolge Jesum von Nazareth nicht länger, und 
lasse Israel zufrieden. 

Um nun auf den Inhalt deines Briefes überzugehen, 
den du an mich gesandt hast, um alle Gründe und die 
Beschaffenheit des Glaubens verstehen zu lernen, so 
finde ich, daß du mich im Namen des Vaters, des Soh- 
nes und des heiligen Geistes grüßest; hierauf antworte 
ich dir: Weil du dich rühmest ein Christ zu sein, und 
mich für einen verworfenen Menschen und Ungläu- 
bigen hältst und mir beilegst, als wäre ich mit einer 
falschen Meinung behaftet, so sage ich, daß du nicht 
recht schreibst, denn Johannes sagt: »Wenn jemand zu 
euch kommt, und bringt diese Lehre nicht mit, den nehmt 
nicht zu Hause auf, grüßt ihn auch nicht; denn wer ihn 
grüßt, der macht sich seiner bösen Werke teilhaftig!« Fer- 
ner sagt Paulus: »Wenn sich jemand einen Bruder nennen 
lässt, und ist ein Ehebrecher und dergleichen, und auch ein 
Ungläubiger, der soll das Reich Gottes nicht besitzen!« Da 
sie nun das Reich Gottes nicht besitzen werden, so 
soll man auch mit ihnen kein Brot essen, zum Verder- 


ben ihres Fleisches, damit sie bedenken, wovon sie 
gefallen sind. 

Zweitens: Du nennst mich deinen Bruder; warum 
bin ich dein Bruder, während wir doch im Glauben 
verschieden sind? Ist es darum, weil wir alle von Gott 
dem Vater geschaffen sind? Ich sage nein dazu, denn 
sollen wir nach dem Geiste und nach der Lehre Christi 
und der Apostel Brüder sein, so müssten wir einerlei 
Glauben und einerlei Ordnung haben, und von einem 
Geiste getrieben werden, worin man aber jetzt eine 
große Verschiedenheit findet, denn die Bruderschaft 
müsste aus der himmlischen Wiedergeburt kommen, 
durch das Gehör des Wortes Gottes, aus dem Irdi- 
schen ins Himmlische; diese Bruderschaft wird den 
Ungläubigen nicht beigelegt, hat auch nicht ihren Ur- 
sprung von der fleischlichen Herkunft, wie Paulus 
den Unterschied klar angibt, indem er sagt: »Zieht 
nicht an einem fremden Joche mit den Ungläubigen, denn 
was hat der Gerechte für Gemeinschaft mit dem Ungerech- 
ten, das Licht mit der Finsternis, und Christus mit Belial; 
der Gläubige mit dem Ungläubigen, oder der Tempel Gottes 
mit dem Götzentempel? « Denn darin besteht die Bru- 
derschaft: »Seid fleißig, die Einigkeit im Geiste zu halten, 
in einerlei Hoffnung eures Berufs zu bleiben; ein Herr, ein 
Glaube, eine Taufe.« Merke, ihr seid mit eurer Taufe 
zufrieden, sie sei durch die Hebamme, Firmung oder 
dergleichen geschehen, und denkt nicht daran, daß 
Gott über alle und in uns allen durch sein Wort einen 
Platz haben will. 

Da du mir aber im Glauben, in der Lehre, im Leben 
und Geiste entgegen bist, und ich auch dir, warum 
nennst du mich denn einen Bruder, frage ich noch 
einmal? Oder bin ich ein Ketzer und Verleumder der 
Wahrheit, warum meidest du mich nicht, wenn ich ein- 
oder zweimal ermahnt worden bin? Denn solches ist 
ein Befehl der Schrift; aber leider, du bist der Schrift, 
die von Gott eingegeben worden ist, nicht untertänig, 
sondern erwählst sie zur Verdammnis. 

Drittens finde ich in deinem betrüglichen Unter- 
richtsbriefe, daß man mich allein wegen Irrtums und 
Missdeutung in der Taufe, ohne einige andere Artikel 
beschuldigt und verschreit; was soll ich hierzu sagen? 
Sind denn alle eure Götter dir ein Gräuel? Ist es denn 
um eure falsche Lehre und Kirchengebräuche gesche- 
hen? Aber ich denke: Nein, der betrügliche Gewinn ist 
dir allzu angenehm, aber ich verstehe deine Absicht 
gar wohl, denn wenn du mir das eine geraubt hast, so 
meinst du, das andere auch zu erlangen nach deinem 
eigenen Worte (in Delft). Ach, was bist du mir für ein 
Bruder, schön in der Verlockung. Aber mein Lehrer 
und Meister Christus Jesus hat mich vor dir gewarnt, 
daß ich klug sein soll, wie die Schlangen, aber einfältig 
wie die Tauben. Ja, ein solcher Bruder bist du mir, wie 



356 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


der alte lügenhafte Prophet war, welcher den Mann 
Gottes durch seine Lügen betrogen hat, denn Gott 
hatte dem Manne Gottes geboten, wider den Altar 
zu weissagen, und an dem Orte weder Brot zu essen, 
noch Wasser zu trinken, bis daß du (sagt er) wieder in 
dein Land kommst. Aber der Schlangensame, der alte 
Prophet, sprach: Iss Brot mit mir und trinke Wasser. 
Der Mann Gottes antwortete: Gott hat mir das verbo- 
ten, aber der Betrüger sagte: Ich bin auch ein Prophet 
des Herrn wie du, und der Herr hat mit mir geredet, 
daß du hier mit mir Brot essen und Wasser trinken 
sollst. Da ging der Mann Gottes mit ihm hinein, und 
brach das Gebot des Herrn; darum ist er zur Strafe 
seines Ungehorsams von dem Löwen auf dem Wege 
getötet worden. 

Vor diesem Exempel erschreckt meine Seele sehr, 
denn wenn ich mit Betrug umgehe und meines Herrn 
Wort übertrete, so sendet er die Löwen, Drachen und 
Bären, daß sie die Herrschaft über meine Seele erlan- 
gen und sie töten, denn wenn mein Glauben krank 
wäre und wankte, so wäre ich ein überwundener und 
gewiss ein toter Mann, aber der Anker meines Glau- 
bens steht fest. 

Viertens: Was deine unverständige und mutwillige 
Grobheit betrifft, indem du deine Kindertaufe mit der 
Beschneidung des Gesetzes, oder mit dem Bundeszei- 
chen der Kinder Israel beweisen willst, so antworte 
ich dir: Die Beschneidung, die du von der Taufe ver- 
stehst (sagt Paulus), geschieht ohne Hände im Geiste 
zur Ablegung des sündlichen Fleisches, dessen Lob 
nicht aus den Menschen ist, wie mit der Hand an Is- 
rael geschah, sondern aus Gott; geschieht denn nun 
eure Kindertaufe im Geiste ohne Hände zur Ablegung 
des sündlichen Fleisches und der Sünde, die sie doch 
niemals begangen haben? Denn das Sündhafte abzu- 
legen ist so viel als, wie Paulus sagt, tötet eure Glieder, 
die auf Erden sind, als Hurerei, Ehebruch, Unreinig- 
keit, Unkeuschheit, böse Lüste, merke, ob dieses von 
euren Kindern verstanden werden möge. 

Und durch diese eure Kindertaufe veranlasst ihr, 
daß man uns Wiedertäufer nennt, wiewohl wir ein- 
mal und nicht zweimal taufen und uns taufen lassen 
nach der Wahrheit und dem Befehle, so wie nach dem 
Gebrauche der Apostel, und damit sind wir wohl zu- 
frieden. 

Fünftens will ich dich unser Bekenntnis und Ord- 
nung hören lassen, daß unsere Taufe nicht von einer 
Meinung, sondern von dem Befehle des allerhöchs- 
ten Gottes herrührt, dann aber hoffe ich weder mit 
dir, noch mit sonst jemandem mich durch Schreiben 
oder Disputieren einzulassen, wie ich dir bereits ge- 
sagt habe, denn hochtrabende Klugheit habe ich doch 
nicht, sondern ein standhaftes Gemüt und festen Glau- 


ben meines Grundes. Höre kurzen Bescheid: Von der 
Beschneidung bekenne ich, daß sie ein Zeichen des 
Bundes Abrahams gewesen sei, ihm und allem seinem 
Samen auch ein Eingang zur Gemeinde des Volkes 
Gottes Israel. Die auswendige Beschneidung Israels ist 
ein Bild auf die zukünftige inwendige Beschneidung 
Christi gewesen, wie man klar aus dem Geiste des 
neuen Testamentes entnehmen kann, wie auch Paulus 
erzählt: Das ist keine Beschneidung, die auswendig 
im Fleische geschieht, sondern die Beschneidung des 
Herzens, das ist die Beschneidung, die im Geiste ge- 
schieht, und nicht im Buchstaben oder Gesetze; deren 
Lob nicht aus den Menschen, sondern aus Gott ist, 
noch ihr, die ihr in Christo auch beschnitten seid mit 
der Beschneidung Christi, die ohne Hände geschieht, 
durch Ablegung des sündlichen Fleisches. Ferner, was 
ist es doch für ein Volk, das mit ihm durch die Taufe 
begraben ist? Hört doch, ihr seid auferstanden; wo- 
durch? durch den Glauben; welchen Glauben? was für 
Glauben haben doch die Gevatterleute, wodurch Gott 
wirkt, nach eurem Verstände? Merke hier wohl, keine 
Kinder, sondern Gläubige und Verständige, und die- 
ses soll doch euer stärkster Beweis sein. Ach Freund, 
locke nicht mutwillig wider den Stachel, oder es wird 
dir hart fallen, mit Gott zu reden, und sein Wort und 
Wahrheit so frech zu vertreiben, denn wenn ihr ja die 
auswendige Beschneidung habt, und für ein Vorbild 
auf die Taufe haltet, wohlan, wer macht denn euch 
Kindertäufer so verwegen, daß ihr sie vor dem achten 
Tage tauft? Und warum tauft ihr die Mägdlein? Denn 
nach dem Gesetze wurden sie nicht beschnitten, und 
hieraus müsste folgen, daß die Mägdlein ohne Tau- 
fe bleiben müssten, denn das wahre Wesen muss ja 
seinen Gang haben. 

Nun bist du mit deinen Vorbildern der Taufe ans 
Ende gekommen; wir aber haben einen bessern Unter- 
richt von den Vorbildern der Taufe, und solche wird 
uns Paulus und Petrus durch ihren Geist und durch 
ihr Zeugnis wohl unterhalten helfen. Petrus sagt: Der 
Eingang durchs Wasser in den Kasten Noahs bedeu- 
tet die Taufe; wer mir das leugnen darf, der mag uns 
auch wohl widersprechen, die wir zwar von ihnen ge- 
ring und ungelehrt, bei Gott aber für gelehrt gehalten 
werden. 

Unser zweiter Zeuge der Vorbilder der Taufe ist der 
hohe Apostel Paulus (welcher den Rat Gottes verkün- 
digte), wenn derselbe von dem Ausgange der Kinder 
Israel aus Ägypten durch das rote Meer redet und 
daß sie durch Mose unter der Wolkensäule getauft 
worden sind; solches war ein Vorbild, und uns zur 
Lehre. Wir aber, die wir von diesem wahren Wesen 
im Geiste und neuen Testamente sind, bekennen eine 
klare Ordnung Gottes, Lehre und Gebot, dann die Re- 



357 


gel, den Gebrauch und das klare Exempel der Apostel, 
die Taufe betreffend, und das ist uns Unterweisung 
genug. 

Christi Gebot ist dieses: »Gehet hin in alle Welt, pre- 
digt des Evangelium allen Kreaturen, lehrt sie alles halten, 
was ich euch geboten habe, und tauft sie im Namen des 
Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes; wer glaubt 
und getauft ivird, soll selig werden ; wer nicht glaidit, soll 
verdammt sein.« Die Taufe ist zunächst ein Grab der 
Sünden, ein Eingang in die Gemeinde Gottes, ein An- 
ziehen Christi und ein Entfliehen dem Zorne Gottes, 
ein Bad der Wiedergeburt, und ein Siegel des guten 
Gewissens, oder eine Versicherung mit Gott; wer die- 
selbe verwirft, der verwirft den Rat Gottes. Der Apo- 
stel Gebrauch war dieser: »Glaubst du von ganzem Her- 
zen, so mag es wohl geschehen.« 

In solcher Weise wurden sie zuerst gefragt; fragt 
dieses die Kinder auch, und wenn sie ja sagen, so 
ist es gut, denn auf den Glauben haben die Apostel 
getauft, und auf keine andere Weise. Denn hätte der 
Kämmerer gesagt: Ich kann nicht glauben, Philippus 
hätte ihn nicht getauft; aber er sagte: Ich glaube, daß 
Jesus Christus der Sohn des lebendigen Gottes ist; 
dieses ist auch mein Glaube und anders nicht. Und 
abermals, als die Menge zu Jerusalem die Ermahnung 
Petri hörte, wurden sie ratlos und fragten: Was sollen 
wir tun? Hört guten Rat: Tut Buße und lasse sich ein 
jeder im Namen Jesu taufen, so werdet ihr die Gabe 
des Heiligen Geistes empfangen, und die das Wort 
gern annahmen, ließen sich taufen. Tun eure Kinder 
ein Gleiches? Dann seid ihr das alte Fundament, denn 
es mag kein anderes Fundament gelegt werden, als 
das gelegt ist, welches Christus Jesus ist, sein Wort 
und Vorbild. Der Stockmeister freute sich mit seinem 
ganzen Hause, daß er gläubig geworden war; sind 
eure Kinder auch gläubig, so ist es gut. Petrus verkün- 
digte es im Hause Cornelius, des Hauptmanns der 
italienischen Schaar, und der heilige Geist fiel sowohl 
auf die Heiden, als die Juden. Waren auch Kinder da- 
selbst, auf welche der heilige Geist fiel? Und dieses 
ist das Wort, warum ich dich fragte, ehe wir vonein- 
ander schieden, als der Knecht die Tafel deckte, und 
du die Worte bezüglich auf die Kindertaufe redetest: 
Was vom Fleische geboren wird, das ist Fleisch. Da 
fragte ich, wo denn der Geist bliebe, aber du gabst mir 
keine Antwort. Johannes sagt: »Der Wind bläst wohin 
er will, und du hörst sein Sausen wohl, aber du weißt nicht, 
von wannen er kommt.« Haben denn die Kinder auch 
ein Gefühl vom heiligen Geiste? Es war ja Nikodemus 
ein fleischlicher Mensch, und schmeckte nicht, was 
den Geist Gottes betraf; darum hat ihn Christus auf 
ein Kind gewiesen, wie Mt 18 auch gemeldet wird. 
Durch das Wasser wiedergeboren zu werden aus der 


fleischlichen Art in den Geist, wie Christus selbst sag- 
te (Joh 3): »Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, es sei denn, 
daß jemand wiedergeboren werde aus Wasser und Geist, 
kann er nicht in das Reich Gottes kommen.« Das jemand, 
was ist das anderes, als wer fleischlich gesinnt ist? Wie 
Nikodemus zuvor erzählte, denn fleischlich gesinnt 
sein, ist der Tod; solches sind keine Kinder, denn sie 
fühlen solches nicht; geistlich aber gesinnt sein, ist 
Leben und Friede, wie Paulus wohl bezeugt. Auch 
sagt er zu den Galatern: »Regiert euch aber der Geist, 
so seid ihr nicht unter dem Gesetze, denn offenbar sind 
die Werke des Fleisches, als da sind: Ehebruch, Hurerei, 
Unreinigkeit, Unzucht, Abgötterei, Zauberei, Feindschaft, 
Hader, Neid, Zorn, Zank, Zwietracht, Rotten, Hass, Mord, 
Saufen, Fressen und dergleichen. Die Frucht des Geistes 
aber ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gü- 
tigkeit, Glaube, Sanftmut, Keuschheit; wider solche ist das 
Gesetz nicht.« Petrus sagt gleichfalls: »So legt nun ab 
alle Bosheit und allen Betrug und Heuchelei und Neid 
und alles Afterreden, und seid begierig nach der unver- 
fälschten, lauteren Milch, wie die neugeborenen Kindlein, 
damit ihr durch dieselbe zunehmt.« Tue ein Gleiches, lege 
deinen großen aufgeblasenen Sinn und die Vermes- 
senheit deines Herzens bei Seite, und baue dich auf 
zu einem lebendigen Steine an dem Hause Gottes, 
und zu einem heiligen Priestertum, um geistige Opfer 
zu verrichten, die Gott angenehm sind durch Jesum 
Christum, welche Opfer sind die Werke der Gerech- 
tigkeit, und nicht Menschengedichte, Vernunft, oder 
Einsetzung der äußerlichen Opfer. Siehe, mit diesem 
Gewissen wandern wir fort; diese Versicherung ist bei 
uns so teuer und wert geachtet, daß wir auf dieselbe 
hin, um Christi willen, Gut und Leben verlassen, wo- 
von ihr weit entfernt seid. In Summa: Wir versiegeln 
den Brief Christi nicht eher, als bis er geschrieben ist; 
wir säen nicht eher, als bis der Acker wohl gepflügt 
ist, mit Gottes Geist und Wort; wir fahren nicht eher 
davon, als bis wir Wind und Wetter haben; ihr aber 
wollt das Kind von der Mutter haben, ehe es Zeit ist; 
wir können und mögen die Zeit wohl erwarten, bis es 
Zeit ist, und das Kind in der Geburt von der Mutter 
gegeben wird; wer kann zu demjenigen schweigen, 
was jedermann sieht? Also bekennen wir die Taufe, 
wie sie in der Schrift ein Gebot des Herrn und ein ge- 
wisser klarer Gebrauch der Apostel ist; daneben sehen 
wir auch scharf ein, was die Taufe für Ursachen habe, 
warum sie geschehe, welchen Nutzen und Gewinn sie 
habe, welchem Volke sie zugehöre, welche Zunamen 
sie in der Schrift habe. Zuerst ein Grab der Sünden, 
ein Eingang in die Kirche oder Gemeinde Gottes, eine 
Anziehung Christi, ein Entfliehen dem Zorne Gottes, 
ein Bad der Wiedergeburt (Tit 3), und ein Siegel des 
guten Gewissens mit Gott. Wer mm dieselbe verwirft. 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


der verlässt und verwirft Gottes Rat und Worte. 

Sechstens: Daß ich dich grob und schmählich ange- 
redet habe, darauf antworte ich dir:. Siehe (sage ich) 
mein Herr und Meister hat mich sonst nichts gelehrt, 
wenn er sagt: »Hütet euch vor den falschen Propheten, 
die in Schafskleidern zu euch kommen, aber von innen rei- 
ßende Wölfe sind.« Du kamst daher mit einem solchen 
schönen Scheine, um meine Seele zu ersticken, wie 
du dich dessen auch gerühmt hast; warum sollte ich 
denn die Wahrheit nicht reden oder schreiben? Denn 
du bist doch derjenige, der mich zu verschlingen oder 
zu zerreißen sucht, ein armes Schaf von der Weide 
Christi zu locken; nein, nein, davor behüte mich Gott, 
der oberste Hirte; niemand wird sie aus seiner Hand 
reißen; wer aber ihr entläuft, das ist eine andere Sa- 
che; dennoch bist du fleißig gewesen, und hast meine 
Seele mit einem scharfen Zahne verwundet, wobei 
du mich noch einen Bruder nennst. Darum nenne ich 
dich einen Wolf im Schafskleide, aber bekehre dich 
jetzt noch und werde ein Lamm. Ach Freund! Warum 
bist du gekommen? 

Siebtens, streutest du vor meine Füße Rosen und 
Federn, machtest die Bank glatt, daß ich glitschen soll- 
te, und sagtest: Denke ja nicht darauf, was diejenigen 
sagen werden, die dich ohne die Schrift betrogen ha- 
ben; siehe doch, ist das ohne die Schrift? Eben, als ob 
ich auf das Wohlreden der Menschen gebaut hätte. 
Nein, nein; wäre es an dem Wohlreden gelegen, du 
hättest mir Stricke genug gelegt; die Werke geben al- 
lezeit Zeugnis. Siehe, mein guter Freund, es kommt 
mir vor, du hättest hiermit genug, nämlich an meinem 
eigenen Glauben und Bekenntnisse, und ich bitte dich, 
du wollest die kleinen Kinder nicht so verdammen 
und richten, und das um der Übertretung Adams wil- 
len, damit du nicht verdammt und gerichtet werdest; 
denn Christus hat uns davon durch seinen Tod er- 
löst, worüber wir geredet haben, als ich bei dir war. 
Darum sagt auch Paulus: »Wie durch eines Menschen 
Sünde die Verdammnis über alle Menschen gekommen ist, 
so ist auch die Rechtfertigung des Lebens über alle Men- 
schen gekommen.« Johannes sagt: »Siehe, das ist Gottes 
Lamm, welches der Welt Sünde trägt;« und an die Gala- 
ter: »Christus hat uns von dem Fluche des Gesetzes erlöst.« 
Ferner an die Epheser, daß er die Feindschaft durch 
sein Fleisch am Kreuze hinweggenommen habe; über- 
dies hat er ihnen sein Reich verheißen, wenn er sagt: 
»Lasst die Kindlein zu mir kommen, denn solcher ist das 
Reich Gottes,« hat sie auch aufgenommen, gesegnet, 
ihnen die Hände aufgelegt und gesagt: »Es sei denn, 
daß ihr das Reich Gottes empfangt als ein Kind, so werdet 
ihr nicht hineinkommen;« denn wenn er sagt solcher, so 
ist da kein Unterschied, wie auch Paulus sagt, daß die 
Juden und Griechen sämtlich unter der Sünde waren. 


Du aber sonderst sie ab und sagst, es sei allein zu 
der Juden Kinder geredet, als ob es der Juden Kinder 
wären. Ich antwortete: Du solltest mir das mit dem 
Evangelisten beweisen, aber du konntest es nicht, und 
gabst mir keine Antwort; denn Christus hat seine gött- 
lichen Wunderwerke eben sowohl an der Heiden und 
Juden Kinder, als an dem heidnischen Weibe und des 
Hauptmanns Knecht erwiesen, welchen er auch das 
Zeugnis gibt, daß er solchen Glauben in Israel nicht 
gefunden habe. Dergleichen Exempel sind mehr und 
genug. 

Zuletzt bitte ich dich, daß du mir mein einfältiges 
Schreiben zu gut halten wollest, denn es ist Bauern- 
arbeit; hätte ich es besser von Gott empfangen, ich 
wollte es besser machen; nun aber danke ich Ihm für 
dasjenige, was er gegeben hat. Gehabe dich wohl. 

Unten stand: Ich, Jan Gerrits Ketelaer von Tessel, 
bekenne nur einen Herrn, einen Glauben, eine Taufe, 
einen Geist und einen Vater unser aller, der über alles 
und durch alles und in uns allen ist. »Ich komme bald; 
halte, was du hast, daß dir niemand deine Krone nehme!« 
(Offb 3) »Ja, komm Herr Jesu!« (Offb 22) 

Noch ein Brief von Jan Gerrits; an seine Bekannten. 

Nebst freundlichem Gruße, liebe Brüder und Schwes- 
tern in dem Herrn; hier ist dasjenige, was ihr von mir 
begehrt, nach eurem Verlangen und meinem schwa- 
chen Vermögen, wofür ich Gott, dem Vater, und sei- 
nem geliebten Sohne Jesu Christo sehr herzlich danke, 
daß er die Seinen nicht verlässt, sondern ihnen allezeit 
das Feld erhalten hilft; denn seine Augen der Gnade 
sehen allezeit auf die Seinen, und seine Ohren mer- 
ken allezeit auf ihr Gebet, indem es geschrieben steht: 
»Wenn du durch's Feuer und Wasser gehst, so zvill ich bei 
dir sein.« Darum gebe ich Ihm allein Preis und Ehre für 
seinen großen Beistand, welchen er mir armen Sün- 
der in Trübsal, Leiden und Pein erwiesen hat, so daß, 
meine lieben Brüder, die Hunde, Löwen und Bären 
mir nichts anhaben konnten, wie sehr sie auch bell- 
ten, brüllten und brummten, denn der Herr errettete 
mich; er wird mich auch, durch seine große Gnade, bis 
ans Ende bewahren, wenn ich die Hoffnung meines 
Glaubens auf Ihn setze; denn, ist Gott mit uns, wer 
mag uns Schaden tun; und wenn der Herr das Haus 
bewahrt (wie David sagt), wer mag es verletzen? Mei- 
ne Freunde, ich wünschte, daß ich euch den Zustand 
meines Herzens und Gemütes schildern könnte, als 
ich um des Zeugnisses unsers Herrn Jesu Christi wil- 
len aufgewunden war und schwere Schläge empfing, 
denn sein Wort und bitteres Leiden, welches er für 
uns arme Sünder ausgestanden hat, beschäftigte mich 
so sehr, daß ich an nichts anderes dachte. Seht, mei- 



359 


ne Brüder und Schwestern, wie der Herr die Seinen, 
die auf Ihn trauen, bewahren und beschützen kann. 
Ferner wisst, meine lieben Brüder und Schwestern, 
daß sie mir zuerst mit Fragen zusetzten, nämlich, wie 
ich hieße, wo ich geboren wäre, wie alt ich wäre, und 
wie lange ich in Tessel gewohnt hätte; dann fragten 
sie mich, wann ich die Taufe empfangen hätte. Ant- 
wort: Vor fünf Jahren. Frage: An welchem Orte ist es 
geschehen? Antwort: Ich werde es euch nicht sagen. 
Dann sagten sie abermals: Man wird es dich wohl 
sagen machen. Sie wiesen dabei auf den Scharfrichter 
und sagten weiter: Wenn man dich nach der Wahrheit 
fragt, so solltest du die Wahrheit sagen. Antwort: Al- 
les, was den Glauben betrifft, will ich euch gern sagen; 
das andere aber hat mir Gott nicht befohlen. Frage: 
Ob mein Weib auch unsern Glauben hätte. Antwort: 
Nein, leider nicht. Frage: Wer mich getauft hatte. Ant- 
wort: Das will ich euch nicht sagen. Frage: Ist es N. 
gewesen? Antwort: Es ist mir von Gott nicht befohlen, 
solches zu sagen, und wenn ich es euch auch sagte, so 
wohnt er nicht in des Königs Lande. Frage: Christus, 
als er vor die Obrigkeit gestellt wurde, hat, als man 
Ihn fragte, Antwort gegeben, warum tust du nicht ein 
Gleiches? Antwort: Als man Ihn um dasjenige fragte, 
was die Ehre seines Vaters und seine Gottheit betraf, 
so hat er geantwortet, sonst aber geschwiegen. Alles 
nun, was ihr mich fragt, das sein Gesetz, Wort, Gebot 
oder Verbot betrifft, das will ich vor Kaisern, Königen, 
Herzogen, Grafen, Prinzen und anderen Herren be- 
kennen, und es nicht verschweigen. Darauf sagte der 
Richter mit kurzen Worten zum Scharfrichter: Greife 
ihn an. Endlich, als man mich antastete, fiel ich nieder 
und bat den Herrn um seinen Beistand; da sagte der 
Richter sofort zu den Henkern: Hebt ihn auf. Darauf 
haben sie mich angefallen und mit mir gehandelt, wie 
man mit dem Herrn, unserm Meister, gehandelt hat, 
als man Ihm seine Kleider auszog; denn sie banden 
mir ohne Gnade meine Hände auf den Rücken, auch 
verbanden sie meine Augen und zogen mich in die 
Höhe; darauf schlugen sie mich, und klopften nicht 
anders zu, als ob es auf einen Baum geschähe, sodass 
die Ruten wie Hanfstoppeln zerbrachen, wobei sie 
sagten: Rede, hast du einen stummen Teufel in dir, 
so wird man ihn wohl austreiben; aber der Herr (ge- 
segnet müsse er sein) schloss meinen Mund, sodass 
ich nicht einmal »o wehe« sagte, noch sonst einen 
Laut hören ließ; denn das Leiden unsers Herrn, wie 
vorgemeldet ist, und sein Zeugnis war so in meinem 
Herzen, daß es nicht auszusprechen ist. Endlich, als 
sie sahen, daß mir alle Glieder matt wurden, sagten 
sie: Lasst ihn nieder, ob der stumme Teufel alsdann 
besser reden möge. Als sie mich nun niederließen, fiel 
ich mit meinem Haupte gegen die Bretter; sie ergrif- 


fen mich aber und setzten mich auf eine Bank, wo ich 
abermals in Ohnmacht gesunken sein würde, wenn 
sie mich nicht gehalten hätten. Sie standen wie Löwen 
und Bären da, und sagten, ich sollte auf ihre Fragen 
antworten; aber der Herr war mein Helfer und meine 
Stärke; Ihm sei Preis und Lob für seine Gnade und 
dafür, daß sie nichts von mir erfuhren. Da sagte der 
Präsident: Hast du keine groben Ruten, um diesen 
stummen Teufel auszutreiben?, worauf der Scharf- 
richter antwortete: Nein, aber ich habe ein Seil; sie 
hätten mir auch wieder die Augen verbunden; aber 
jener sagte: Lasst es ihn sehen; und als er schlug, dach- 
te ich: O Herr, du siehst es wohl; dann schlossen sich 
meine Augen. Ja, meine Freunde, hätten sie so lange 
geschlagen, als sie Atem schöpfen konnten, sie hät- 
ten, nach meinem Erachten, von mir nichts erlangt, 
solche Kraft des Allerhöchsten war mit mir, und als 
sie sahen, daß es nichts helfen wollte, holten sie das 
Zentnergewicht und hingen mir dasselbe an meine 
Füße; da wandte sich mein Herz zu dem Herrn: Be- 
wahre, bewahre meinen Schatz. Summa, wie sehr sie 
auch darnach verlangten, so haben sie doch nichts er- 
langt. Darauf fragten sie, ob ich wohl Latein verstände. 
Ich antwortete: Ja, so viel als es ist. Frage: Verstehst 
du Italienisch? Antwort: Nein. Frage: Wo bist du in 
die Schule gegangen? Antwort: Zu Delft. Frage: Zu 
welcher Zeit? Antwort: Als Delft brannte. Frage: Ob 
ich Menno oder D. P. Bücher gelesen hätte. Ja, sagte 
ich; Boschuysen hätte meine Lehrbücher genommen, 
nämlich die neue Kreatur von Menno und die geist- 
liche Wiederbr. von D. P. Sie fragten, wie ich daran 
gekommen wäre. Der Mund war mir geschlossen. Da 
hieß es: Holt Wasser und Kerzen, der stumme Teufel 
muss heraus. Aber der Herr bewahrte mich, wofür 
ich Ihm nicht genug danken kann. Zuletzt hieß es: 
Bindet ihn los, er muss sich ein wenig erholen, man 
wird ihm wohl besser zusetzen. Als sie nun von mir 
schieden, sagte ich, sie sollten Zusehen, was sie täten; 
der Tag des Herrn würde endlich über sie kommen, 
und somit sind sie von mir geschieden. Meine lieben 
Brüder und Schwestern, hiermit mache ich mit euch 
meinen letzten Abschied in dem Frieden Christi; ich 
hätte etwas mehr geschrieben, aber die Zeit wollte es 
nicht leiden. Wenn es dem Herrn gefällt, so begehre 
ich mit Ihm an einem Pfahle zu stehen. Der Herr sei 
mit euch allen, Amen. 

Adrian den Burry, 1565. 

Nach mancherlei Verfolgung und grausamer Tyrannei 
über die Christenschar ist noch im Jahre 1565 zu Ou- 
denaarde in Flandern ein treuer Bruder, Namens Adri- 
an den Burry, gefangen genommen worden, welcher. 



360 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


nachdem er mancherlei Anfechtungen und schwere 
Kämpfe wider den Teufel und seine Werkzeuge aus- 
gestanden und erduldet hatte, an gemeldetem Orte 
im Jahre 1565 verbrannt worden, und hat den lautern 
wahrhaftigen Glauben der Wahrheit mit seinem Tode 
und Blute befestigt und versiegelt, zur wahren Über- 
zeugung aller blutdürstigen Tyrannen und Verfolger 
und aller fleischlichen Menschen, die, nach ihres Flei- 
sches Lüsten, den breiten Weg zur ewigen Verdamm- 
nis zu wandeln suchen, und zum Tröste und zur Stär- 
kung aller wahren Gläubigen, daß sie diesem Freun- 
de Gottes in wahrem Gehorsam nachfolgen möchten, 
gleichwie er Christo, darum ist sein Name in das Buch 
des Lebens eingeschrieben, und ist auch würdig, zum 
langen Andenken in dieses Buch aufgezeichnet zu 
werden. 

Wilhelm de Duyk, 1565. 

Auch hat im Jahre 1565 zu Gent in Flandern der Bru- 
der Wilhelm de Duyk nach vieler Versuchung und 
standhafter Ausharrung (ohne daß er hätte abfallen 
wollen) den Namen Christi mit seinem Blute bezeugt 
und um deswillen des zeitlichen Todes sterben müs- 
sen; darum wird er auch in der Auferstehung mit allen 
Kindern Gottes die liebliche Stimme hören: »Kommt 
her, ihr Gesegneten meines Vaters, und ererbt das Reich, 
das euch von Anbeginn der Welt bereitet ist!« Dann wird 
er als ein Gerechter in das ewige Leben eingehen. 

Conrad Koch, 1565. 

Als das Licht in der neuesten Zeit sowohl am Rhein- 
strome als auch im Bergischen Lande wieder aufzu- 
gehen und die Wahrheit des heiligen Evangeliums zu 
scheinen anfing, ist auch dieser Conrad Koch durch 
das Licht der Erkenntnis Gottes entzündet worden 
und hat, durch die göttliche Hilfe, die Finsternis zu 
verlassen gesucht, um in dem klarscheinenden Lichte 
zu wandeln; darum hat er das Papsttum und das welt- 
liche ungöttliche Wesen verlassen, sich zur Gemeinde 
des Herrn gewendet, das Wort Gottes gehört und be- 
herzigt, auch an das Evangelium geglaubt und sich 
nachher auf den Glauben an Jesum Christum und das 
Bekenntnis seiner Sünden nach dem Befehle Christi 
taufen lassen; darauf hat er sich brüderlich und christ- 
lich bei der Gemeinde aufgeführt und betragen, und 
sich nach seiner Schwachheit gegen alle Menschen er- 
baulich und ehrbar bewiesen; aber gleichwie derjeni- 
ge, welcher in der Finsternis wandelt, das Licht weder 
ertragen noch leiden kann und mit dem Neide des 
Feindes dessen Nachfolger verfolgt, so ist auch dieser 
Mann von den Papisten beneidet und bei dem Rent- 


meister des Landes (welcher daselbst im Namen des 
Fürsten von Jülich Richter war und herrschte) ange- 
klagt worden. Derselbe sandte seine Diener (die man 
Boten nennt) nach Houf, wo dieser Conrad wohnte; 
diese nahmen ihn gefangen, wobei er sich auch bereit- 
willig zeigte und mit ihnen wie ein Lamm gutwillig 
nach Löwenburg gegangen ist. Löwenburg ist eines 
von den sieben Schlössern, welche man, weil sie sehr 
hoch liegen, von weitem sehen kann. Hier brachten sie 
ihn (Conrad) in einen Turm und legten ihn in schwere 
Gefangenschaft, worin er fast ein halbes Jahr sitzen 
blieb, und reichen Trost von Gott empfing, wiewohl 
er großen Hunger leiden musste. 

Der Rentmeister setzte diesem Manne öfter mit har- 
ten Bedrohungen zu, daß wenn er nicht von seinem 
Glauben abfallen wollte, man ihm das Leben nehmen 
würde; auch versuchten sie ihn sehr hart mit Bitten 
und Flehen, und durch Entziehung der Kost, aber er 
blieb unbeweglich; sein Herz war sehr getrost. 

Als er nun seinen Glauben ohne Scheu bekannt hat- 
te, und ihn keine Pein abschrecken konnte, auch die 
Zeit herannahte, daß er um der Wahrheit willen ster- 
ben und von dieser Welt scheiden sollte, so hat man 
ihn losgeschlossen, und er ist frei und ungebunden 
von dem Turme zu Löwenburg nach dem Dorfe Houf 
gegangen, auf welchem Gange er Bamabam, der ein 
Übeltäter war, zum Begleiter hatte. Diese Flucht gesch- 
ah sehr heimlich, und so ist er zu Houf (welches ein 
Stück Weges von Löwenburg entfernt ist) angekom- 
men; gleichwie aber Christus gekreuzigt, Barnabas 
aber frei wurde, so geschah es auch hier; denn Conrad 
wurde auf das Bürgerhaus zu Houf gebracht; daselbst 
legte man ihm vor, ob er von seinem Glauben abste- 
hen wollte, in welchem Falle er sein junges Leben 
erhalten könnte, indem man ihn der Haft entlassen 
wolle. 

Es wurde mancherlei List mit großer Falschheit bei 
ihm angewandt; die Betrüger schmeichelten und droh- 
ten, und sagten: Gehe doch des Jahres einmal in die 
Kirche, und wenn sie die Wahrheit nicht rein und lau- 
ter predigen, so bleibe nachher zu Hause. Einer von 
diesen Heuchlern sagte zu ihm: Mein lieber Conrad, 
wenn wir auch falsch, listig und böse sind, so kann 
doch solches deiner Seele nicht schädlich sein; fürchte 
du nur Gott und sei mit allen Menschen zufrieden, 
was geht es dich an, daß der Glaube klein bei uns 
ist. Conrad sagte zu der Obrigkeit: O ihr Diener Got- 
tes, das solltet ihr wissen, daß Gott keine Heuchler 
haben will; davon haben wir ein Exempel an dem 
alten Eleazar, der sein Leben lieber dahingab, ehe er 
geheuchelt hatte. Darum hoffe ich eher zu sterben, als 
wieder in eure Versammlung zu gehen; ferner sagt 
er: Christus ist das Haupt der Gemeinde, wer ihm 



361 


gefallen will, der muss sich als ein Glied seines Leibes 
erweisen; man muss sich von Christo, dem Haupte, 
nicht absondern; bei dem Haupte begehre ich zu blei- 
ben, und sollte es mich auch Fleisch und Blut kosten. 
Sie fragten Conrad, was er von der Kindertaufe hielte. 
Er antwortete: Davon kann ich nichts anderes halten, 
als daß es der höchste Gräuel des Papstes sei; könnt 
ihr aber dieselbe mit dem Worte Gottes beweisen, so 
will ich mich von des Herrn Gemeinde unterrichten 
lassen. Ach Gott, setzte er hinzu, es müsse dir geklagt 
sein; o Gott, welche Not ist das, daß sie diejenigen tö- 
ten, welche die Wahrheit sagen; sie können mir nicht 
beweisen, daß ich eine Missetat begangen habe, und 
dennoch suchen sie mich aus Feindschaft umzubrin- 
gen; o Herr vergib es ihnen! Nachdem ihm sodann des 
Fürsten von Jülich Befehl vorgelesen war, fällten die 
Ratsherren das Urteil, der Rentmeister aber brach dar- 
über die Rute. Das Urteil lautete, daß Conrad, wenn er 
nicht abstehen würde, vom Leben zum Tode gebracht 
werden sollte. Als er nun auf solche Weise zweimal 
verurteilt worden war, brachten sie ihn hinaus, wo er, 
als er auf dem Richtplatze anlangte, zu singen anfing: 
O Gott, wie sanft strafst du mich; reiche mir deine 
milde Hand, daß mein Fleisch alle Sünde, Laster und 
Schande meide, daß ich den alten Rock zerreißen und 
mit dir ewige Freude haben möge. Christus ich sage 
dir Lob, o du mein höchster Gott!, daß ich diesen Tag 
und diese Stunde erlebt habe, daß ich mm deinen Na- 
men mit meinem Blute bezeugen kann. Meine lieben 
Brüder und Schwestern, ich befehle euch alle dem 
Herrn, haltet fest in eurem Herzen das Evangelium 
Christi, das hinterlasse ich euch zur Lehre; fürchtet 
Gott und haltet euch fromm; seid meine Nachfolger, 
gleichwie ich willig bin, dem Herrn Christo zu folgen 
und mein Leben dahin zu geben. Also töteten sie die- 
sen frommen Mann mit dem Schwerte in aller Stille, 
sodass solches ein großer Teil des Volkes nicht gewahr 
wurde. Man pflegt zwar Diebe und Mörder daselbst 
mit Vörwissen des ganzen Landes zu verurteilen, die 
Frommen aber ermordet man heimlich, welches für 
die Richter eine Schande ist. Und also ist Conrad, als 
ein treuer Zeuge des Leidens Christi zu Houf, im Ber- 
gischen Lande, welches dem Herzog von Jülich und 
Cleve gehört, im Jahre 1565 mit dem Schwerte (ste- 
hend) enthauptet worden. 

Unter demselben Rentmeister, welcher blutdürstig 
war, waren zuvor auch noch sieben Personen, vier Brü- 
der und drei Schwestern, gefangen genommen; diese 
vier Brüder wurden auch verurteilt, daß sie sterben 
sollten, wenn sie nicht von ihrem Glauben abstehen 
würden; aber der Herr behütete sie und erlöste sie alle 
(unbeschädigt an ihrem Glauben) aus dem Gefängnis- 
se, denn dieser blutdürstige Rentmeister wurde von 


Gott von einem schnellen Tode betroffen, sodass die 
Gefangenen ihre Freiheit erhielten, und unbeschadet 
ihres Glaubens bei der Wahrheit blieben. 

Hier folgen zwei Briefe, welche Conrad Koch aus 
dem Gefängnisse geschrieben hat. 

Der erste Brief. 

Gnade, Friede und Barmherzigkeit von Gott dem 
Vater und dem Herrn Jesu Christo, wünsche ich, Con- 
rad Koch, ein Gefangener in dem Herrn auf Löwen- 
burg, meinen lieben Brüder und Schwestern in dem 
Herrn, Amen. 

Ich will euch hiermit berichtet haben, daß der 
Scharfrichter bei mir gewesen ist; sie haben mir mit 
Worten scharf zugesetzt, doch mich nicht gepeinigt, 
wiewohl mich der Herr bewahrte, daß ich ihnen nicht 
zu Willen wurde. Sie sagten darauf, sie wollten zu- 
vörderst essen und dann wiederkommen, um mich 
zu peinigen, aber noch während des Essens kam der 
Rentmeister abermals zu mir, sagte mir viel von des 
Fürsten Prediger, und daß ich denselben noch ein- 
mal zu mir kommen lassen sollte; derselbe verstände 
den Irrtum, den wir hätten. Darauf antwortete ich: Ich 
begehrte ihn nicht, das Wort des Herrn hat mich unter- 
richtet; ich habe dir ja gesagt, daß ich keinen Pfaffen 
begehre. Er sagte: Das ist wahr, dennoch aber begehre 
ich, du wollest mir den Gefallen tun und sagen, es 
sei dein Begehren, daß er zu dir komme, und wenn 
ihr dann auch nicht einig werdet, so ist daran nichts 
gelegen, wenn wir nur die Menschen los werden. Da 
sagte ich: Ich begehre das Kreuz Christi nicht abzu- 
legen, worauf er antwortete: Dann kann ich es nicht 
ändern, und somit hat er mich verlassen. 

Also hat mich der Herr vor ihnen bewahrt, meine 
lieben Brüder und Schwestern in dem Herrn. Bittet 
doch den Herrn für mich treulich, daß er mich bei 
seinem treuen Worte bis an das Ende meines Lebens 
erhalten möge, denn ich stehe noch in guter Hoffnung, 
und bin durch die Hilfe des Herrn willig, in aller Ge- 
duld zu erwarten, was der Herr um seines Namens 
willen über mich verhängen wird. Der Herr gebe, daß 
mir nichts Schwereres auferlegt werde, als ich ertra- 
gen kann, damit sein Name nicht durch mich gelästert 
werde; darum helft mir den Herrn bitten. Ich hoffe 
weder alle meine lieben Brüder und Schwestern, noch 
alle diejenigen zu vergessen, die den Herrn fürchten. 
Der Herr komme uns zu Hilfe, damit wir nach seinem 
Willen bitten und mit allen Frommen erhört werden 
mögen; dazu helfe uns der Herr durch seine Gnade, 
Amen. Es ist mir auch zu wissen getan worden, daß 



362 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


unsere Mitglieder zu Köln aus dem Gefängnisse be- 
freit worden sind; dem Herrn sei für seine große Liebe, 
die er an uns in diesen letzten Tagen beweist, gedankt, 
und daß er uns so gut vor den falschen Schlangen 
bewahrt, welche so listig mit schönen Worten zu uns 
kommen und uns mit Heuchelei umgarnen, um uns 
damit von dem Bunde des Herrn abzuziehen. Davor 
wolle der Herr alle diejenigen bewahren, die seinen 
Bund angenommen haben, Amen. Hiermit dem Herrn 
befohlen. 

Der zweite Brief an seinen Bruder A. von B. geschrieben. 

Gnade, Friede und ein standhaftes Gemüt im Herrn 
wünsche ich dir, mein lieber Bruder in dem Herrn, 
A. von B. Ich danke dem Herrn für den Brief, wel- 
chen du mir geschrieben hast, auch ist mein Begehren 
an dich, mein lieber Bruder, daß du mir helfen wol- 
lest, den Herrn bitten, daß ich doch dessen würdig 
werden möchte, was du mir gewünscht und von mir 
begehrt hast; aber ich stehe noch in guter Hoffnung, 
dem Herrn sei dafür gedankt; ich bin auch noch willig, 
um des Namens des Herrn willen zu leiden; der Herr 
aber wolle mir Kraft dazu geben, Amen. 

Auch begehre ich von dir, mein lieber Bruder, du 
wollest von meiner Seite unserm Bruder H. K. viel 
Gutes wünschen. Der Herr mache uns alles Guten 
würdig; aber ich kann dir nicht so viel schreiben, als 
ich dir wohl schreiben möchte. Der Herr gebe uns 
nach seiner großen Barmherzigkeit, was uns zur Se- 
ligkeit dienen mag, Amen. Ich begehre auch von dir, 
du wollest allen meinen Brüdern und Schwestern (zu 
welchen dich der Herr bringt) viel Gutes wünschen 
und sie ermahnen, den Herrn treulich zu bitten, daß 
er mich doch bei seinem treuen Worte bis in den Tod 
erhalten wolle; ich hoffe eurer nicht zu vergessen, so 
viel es mir möglich ist. Der Herr komme uns zu Hil- 
fe, damit wir in aufrichtiger Liebe bitten und erhört 
werden und endlich mit allen Frommen in sein Reich 
eingehen; dazu helfe uns der Herr, Amen. 

Ich lasse dich auch wissen, daß auf Allerheiligen 
Abend zwei Pfaffen bei mir gewesen sind, die mich 
gern in die Kirche geführt hätten, als ich aber nicht ein- 
willigen wollte, haben sie mich dem Herrn befohlen; 
dasselbe haben auch drei Ratsherren getan, welche 
allen Fleiß angewandt haben; aber der Herr hat mich 
bewahrt, ihm sei Lob und Dank dafür, er wolle auch 
mich und dich bewahren, solange wir das Leben ha- 
ben, Amen. O meine lieben Brüder und Schwestern, 
bittet doch den Herrn ernstlich für mich, weil er mich 
ungeschickten Knecht ins Gefängnis werfen lässt, daß 
es doch zu seinem Preise und meiner Seligkeit gerei- 
chen möge, das begehre ich von Herzen; der Herr 
komme mir und euch zu Hilfe, Amen. 


Hiermit dem Herrn befohlen und dem Worte seiner 
Gnade, Amen. 

Ich, Conrad Koch, habe diesen Brief auf Löwenburg 
aus dem Gefängnisse im Jahre 1565 geschrieben. 

Mattheiß Servaes von Kottenem, 1565. 

Als dieser Mattheiß Servaes Ältester und Lehrer der 
Gemeinde war, hat es sich im Jahre 1565 zugetragen, 
daß er sich zu Köln an einem Abende mit einigen 
Freunden an einem Platze zusammengefunden hat- 
te, um ihnen mit dem Evangelium zu dienen. Es war 
aber daselbst ein Judas, der solches wusste, dieser 
ging hin und holte die Doppelwache; diese kam so- 
fort mit Gewehr und Waffen, ging durch die Hintertür 
in das Haus, wo die Versammlung war, und zerstreute 
und fing die Herde mit Schlägen, Wut und Zorn; die 
Versammelten aber sind ihnen wie Schafe nach dem 
Beyenturme gefolgt; hier schrieb man ihre Namen auf 
und brachte sie in verschiedene andere Plätze, und als 
man scharf nachfragte, wer ihr Lehrer wäre, hat sich 
Mattheiß Servaes selbst angegeben, daß er der Mann 
wäre. Diesen suchten sie von Christo und seinem hei- 
ligen Worte abzubringen, und setzten ihm mit Betrug 
und List, mit Bitten und Drohen zu, weil er aber alle 
diese Anschläge verwarf, so peinigten sie ihn hart; er 
achtete jedoch weder Pein noch Schmerzen, sondern 
behielt das, was ihm Gott offenbarte, fest in seinem 
Herzen. Sodann führte man ihn des Morgens in die 
Hacht, wo ihm auch mancher Strick gelegt wurde, um 
seine Seele zu fangen. Von der Hacht brachte man ihn 
gebunden nach einem Hochgerichte; hier wurde er, 
nachdem ihm die kaiserlichen Befehle vorgelesen wa- 
ren, dem Scharfrichter übergeben, damit er ihn nach 
dem Inhalte des Befehls hinrichten sollte. 

Mattheiß war fertig und ließ sich so bereitwillig 
hinführen wie ein Lämmlein zur Schlachtbank; er hob 
dann seine Augen gen Himmel, faltete seine Hände 
und sagte: O mein Vater! Ich preise deinen Namen, 
daß ich dessen gewürdigt bin. 

Da sah man eine große Volksmenge herbeiströmen, 
welche der Hinrichtung zusehen wollte; einige hatten 
Mitleiden und sagten: Es ist doch Schade, daß dieser 
gute Mann um solcher Tat willen sterben muss. 

Auf dem Wege nach dem Richtplatze kam eine jun- 
ge Frau an ihn heran, die ihn anreden wollte; diese 
fingen sie auch und stießen sie von ihm. Auch wollte 
ihn noch ein Knecht grüßen, diesen hielten sie fest; 
aber der Graf rief, man sollte ihn gehen lassen. Ehe er 
zum Gerichte kam, sah er um sich und sprach: Ich ha- 
be eine große Volksmenge als Zuschauer, es wäre doch 
ein Jammer, wenn diese alle verloren gehen müssten. 
Als er nun sterben sollte, sagte er überlaut: O Gott! 



363 


Du weißt ja wohl, wonach ich getrachtet und was ich 
in meinem Leben gesucht habe, von Anbeginn, bei 
Tag und Nacht; auch sagte ich zu dem Grafen: Du 
weißt wohl, Herr Graf, wie du mit mir umgegangen 
bist, aber ich habe dir alles vergeben, es ist alles aus 
meinem Herzen. Also ist dieser fromme Mann mit 
dem Schwerte hingerichtet worden, was aber anfäng- 
lich und nachher sein Bekenntnis gewesen, und was 
ihm im Gefängnisse widerfahren sei, auch wie er sei- 
ne Brüder ermahnt, getröstet und gestärkt hat, ist in 
seinen nachfolgenden Briefen zu finden. 

Der erste Brief, den Mattheiß Servaes aus dem 
Gefängnis an H. K., seinen Bruder in dem Herrn, 
und auch seine andern Mitglieder geschrieben hat. 

Die heilsame Gnade Gottes und der Friede unsers 
Herrn und Heilandes Jesu Christi vermehre sich viel- 
fältig bei allen Gläubigen durch die Handreichung 
und Salbung des heiligen Geistes, Amen. 

Hiermit, meine sehr geliebten Brüder in dem Herrn, 
lasse ich euch wissen, wie es noch gut um mich ste- 
he, sowohl nach dem Fleische als nach dem Geiste, 
nach Leib und Seele, ja, nach dem Aus- und Inwen- 
digen; denn ich achte es alles sehr gut zu sein, es sei 
Freude oder Traurigkeit, ja, es sei Leben oder Sterben, 
denn ich lebe nicht mir selbst, sterbe auch nicht mir 
selbst; lebe ich aber, so lebe ich dem Herrn, und sterbe 
ich, so sterbe ich dem Herrn; denn ich bin in seiner 
Hand. Niemand wird mich ihr entreißen, dessen bin 
ich gewiss, ja, ich halte nun Sterben für mein Gewinn. 
Ich habe Lust abzuscheiden und bei Christo, meinem 
Herrn, zu sein, denn es gereicht mir alles zum Tröste, 
was mir begegnet. Ich liege nun hier zur Förderung 
des Evangeliums und meine Bande werden offenbar, 
allein dem Herrn, wie ich hoffe, zum Preise und nicht 
mir, und auch allen Frommen, die in gleicher Züchti- 
gung stehen, zum Tröste und zur Stärkung in ihrem 
Vorhaben. Darum erfreue ich mich in meinem Leiden, 
daß ich dazu von dem Herrn würdig gemacht bin, 
um seines Namens willen Schmach zu leiden (dessen 
ich mich noch unwürdig erkenne), um die Trübsal 
zu erfüllen, die an seinem Leibe noch übergeblieben 
und auf seine Glieder fortgeerbt worden ist. Wenn 
nun des Leidens Christi viel über uns kommt, so fin- 
de ich noch mehr Trost durch Christum, der mich in 
allem meinem Leiden reichlich tröstet; durch seine 
Hilfe wird es mir und auch allen denen gelingen, die 
Ihn für das höchste Gut erkennen und daraus Ursache 
nehmen. Ihn über alles zu lieben, sodass sie um seinet- 
willen alle Dinge gern hassen und verlassen, damit 
sie allein von dem Geliebten geliebt werden. Solches 
alles aus kindlicher Liebe zu vollbringen, wünsche 


ich euch und mir und allen denen, die es von Herzen 
begehren, durch Jesum Christum, unveränderlich bis 
ans Ende, Amen. 

Ferner, mein lieber Bruder H. und alle, die gesetzt 
sind über die Seelen der Menschen zu wachen, nehmt 
doch fleißig eures Amts wahr, damit ihr nicht faul, 
schläfrig oder nachlässig darin erfunden werdet, son- 
dern daß ihr treue Wächter sein mögt, welche die Her- 
de Christi recht und aufrichtig ausführen und weiden, 
und das mit aller Sanftmut und Demut; ja, wie ein Va- 
ter über seine Kinder, der das Unrecht seiner Kinder 
scharf straft; und obgleich er sie nicht dahin bringen 
kann, wohin er sie gern hätte, so kann er doch ihrer 
aus väterlicher Liebe nicht vergessen, daß er sie nicht 
für seine Kinder halten sollte und obgleich er sich oft 
in seinem Herzen um ihres Ungehorsams und ihrer 
Torheit willen betrübt, so lässt er doch nicht nach, sie 
zu züchtigen und zu unterweisen, in der Hoffnung, 
daß sie sich endlich noch in Gehorsam fügen wer- 
den; ja, obgleich es ihm viel Traurigkeit und Kummer 
verursacht, so achtet er doch solches nicht, hört auch 
nicht auf, sie zu ermahnen, zu züchtigen und zu stra- 
fen. Ein Gleiches tut auch ihr, haltet an mit Lesen, 
Ermahnen und Bestrafen, und das in aller Bescheiden- 
heit in der Furcht Gottes; seid nicht zu scharf, damit 
sie dadurch nicht erbittert werden, aber auch nicht 
zu sanft, damit sie dadurch nicht faul und fahrlässig 
werden. Darum braucht (wie der rechte Samariter bei 
dem Verwundeten) Öl und Wein an ihnen; ihr ver- 
steht (wie ich glaube) wohl, was ich meine; darum 
seid weder faul noch unachtsam in der Gabe, die euch 
gegeben ist; seid dem treu, der euch treu geachtet, 
und euch zu seinen Dienern und Haushaltern über 
sein Geheimnis angenommen hat; nun aber erwartet 
man von den Haushaltern nicht mehr, als daß sie treu 
seien. Darum seid auch fleißige Arbeiter des Herrn 
in seinem Ackerwerke und treue Bauleute in seinem 
Hause; seid doch fleißig, mit dem Pfunde zu wuchern, 
das ihr von dem Herrn empfangen habt, und denkt 
an die Strafe des faulen Knechtes, der seines Herrn 
Geld nicht auf Wechsel gelegt, sondern dasselbe in 
seinem Schweißtuche in die Erde vergraben hat. 

Denkt daran (sage ich) meine lieben Brüder, und 
lasst es euch zur Warnung sein, wie Salomo meldet, 
daß ihm des Faulen Acker und des Narren Weinberg 
zur Warnung gedient habe, wenn er Folgendes sagt: 
»Ich ging vor dem Acker des Faulen und vor dem Wein- 
berge des Narren vorüber, und sieh, es waren eitel Nesseln 
darauf, und stand voll Disteln und die Mauer war ein- 
gefallen. Als ich das sah, nahm ich es zu Herzen (sagte 
er) und schaute, und lernte daran.« So auch ihr, meine 
lieben Brüder, seid sorgfältig und durchgrabet flei- 
ßig des Herrn Weinberg mit dem Pfluge, oder der 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Haue, die daß Wort Gottes ist und die harten Steine 
zerschmettert, womit die Nesseln und Dornen den 
guten Samen, der hinein geworfen ist, nicht unter- 
drücken, verderben oder ersticken. Nehmt auch das 
scharfe zweischneidige Schwert, und schneidet damit 
in des Herrn Weingarten die unfruchtbaren, bösen 
und verdorbenen Reben ab, damit die anderen demje- 
nigen desto gesündere und kräftigere Früchte brin- 
gen mögen, der den Weingarten gepflanzt hat. Beseht 
euch die Mauern des Weinbergs wohl, unterbaut sie, 
wo sie etwa anfangen zu weichen, und wenn einige 
Lücken darin wären, so stellt euch davor und macht 
sie zu; sind sie hier oder da niedergefallen, so baut 
sie schnell wieder auf, damit die Füchse nicht in des 
Herrn Weinberg laufen, ihn durchgraben und verder- 
ben. Und, was soll ich mehr sagen? Weidet die Herde 
Christi treulich, und wacht mit aller Sorgfalt über der 
Menschen Seelen. Befleißigt euch auch zu bestrafen; 
handelt und urteilt im Gerichte und Vergeben ohne 
Ansehen der Person, und gedenkt, daß das Urteil des 
Herrn und nicht euer sei. Darum erwägt die Sache 
allezeit wohl auf der Waagschale des Wortrs Gottes, 
damit alles, was ihr straft, urteilt und vergebt, auch 
vor Gottes Gericht recht geurteilt, gestraft und ver- 
geben sei, damit also euer Urteil mit Gottes Urteil, 
eure Strafe mit Gottes Strafe und eure Vergebung mit 
Gottes Vergebung übereinkomme. Hütet euch auch, 
daß ihr es in der Meidung nicht übertreibt, damit sie 
euch nicht zum Falle gereicht. Denn die Meidung ist 
zwar gut, wenn man sie nicht missbraucht, sondern 
sie allein braucht, daß Ärgernis verhütet werde (wo- 
zu sie auch verordnet ist); darum muss man Zusehen, 
daß man damit nicht ein kleines Ärgernis zu verhü- 
ten suche und dadurch ein größeres anrichte. Lasst 
euch das erste Gebot, das Verheißung hat, angelegen 
sein, nämlich: »Ihr Kinder, seid euren Eltern gehorsam 
wie dem Herrn.« Dieses ist ein ausdrückliches Wort; 
darum seid sorgfältig hierin, zeigt aber allen Abgefal- 
lenen ein freundliches Angesicht und ermahnt sie mit 
aller Freundlichkeit wegen desjenigen, was sie über- 
geben und verlassen haben, und wovon sie abgefallen 
sind, ich meine diejenigen, bei welchen die Ermah- 
nung angewandt ist; Lästerer aber und Spötter soll 
man unberücksichtigt lassen. Dieses schreibe ich euch 
nicht, liebe Brüder, als ob ich euch damit etwas Neues 
mitteilen wollte, sondern damit ich euch das Alte zu 
Gemüt führe, denn ich hätte gern, daß man sorgfältig 
wäre, und die eine Schriftstelle nicht so streng und 
scharf hielte, daß man die andere dadurch bräche; es 
fallen bisweilen einige so plötzlich auf die Meidung 
ohne alle Bescheidenheit und Mitleiden mit den Ge- 
fallenen, daß ich dieserhalb besorgt bin, denn wären 
wir gesinnt, wie unser Herr Jesus, so wären wir voll- 


kommen, wie unser Vater im Himmel vollkommen 
ist; darum lasst uns von Herzen an seine Langmut 
denken und daran, was er mit uns erlitten habe, und 
lasst uns auch so gegen unsere Mitknechte uns erwei- 
sen, damit wir niemandem etwa Anstoß und Ärgernis 
geben, weder der Welt, noch der Gemeinde Gottes. 

Seid auch nicht nachlässig der Menschen Seelen zu 
suchen, wo ihr einige Hoffnung habt, dahin begebt 
euch, und sagt nicht: Es wird verlorene Arbeit sein; 
legt zuvor eure Hand an den Pflug in der Furcht des 
Herrn, bittet den Herrn, daß er den Segen gebe, ihr 
aber pflanzt und begießt. Bittet den Herrn, daß er 
das Gedeihen und das Wachstum gebe, will es aber 
ja keinen Fortgang gewinnen, so seid ihr frei, denn 
ich habe mich oft beschuldigt befunden, daß wir (zu 
des Herrn Preis) die Seelen der Menschen nicht mehr 
gesucht haben. O Brüder, hütet euch vor uneinigen 
Zungen! Wohin ihr kommt, da macht Frieden, wenn 
es mit Gottes Gnade geschehen mag. Ach, meine lie- 
ben Brüder, wie geht mir der Handel vom Oberlande 
so sehr zu Herzen, nicht daß ihr meinen sollt, als ob 
ich zweifle, o nein, meine Brüder, denn ich habe noch 
dieselbe Überzeugung, wie sie mein an sie geschrie- 
bener Brief ausspricht, sondern ich bin allein wegen 
der Zwietracht besorgt, wodurch viele verderbt wer- 
den, die unschuldig sind, und es gern gut sehen; ich 
weiß nicht, wie man es vor Gott verantworten wird. 
Ach, möchten diejenigen, die hierin schuldig erfun- 
den werden mit Weinen vor Gott niederfallen, und 
ihre Sünden büßen! Desgleichen liegt mir auch das 
Niederland am Herzen und ich hätte gern, daß ihnen 
geholfen und sie in gute Ordnung gebracht würden, 
denn es mangelt noch viel an ihnen; doch sind sie mir 
von Herzen lieb, aber ich hätte gern, daß die Hoffart 
bei ihnen noch mehr abgelegt würde, und daß sie be- 
denken möchten, was sie für ein Volk sein sollten und 
wozu sie berufen sind, daß sie sich darnach richten, 
und daß die Ältesten, wenn man sich versammelt, 
nicht zu Hause bleiben; ich sage nicht, daß ihm für 
jetzt zu helfen sei, ihr nehmt es auch mit von Herzen 
an. Ach, meine lieben Brüder, haltet euch doch klein 
und niedrig in euren eigenen Augen, und habt keinen 
Wohlgefallen an euch selbst, und denke keiner, ich ha- 
be dieses getan und dergleichen; dem ist nicht so, der 
Herr tut alles allein, und das durch die Menschen, dar- 
um gebt ihm auch allein den Preis. Halte sich niemand 
höher als andere, ja einer achte den andern höher als 
sich selbst, und ein jeder beuge sich unter den andern; 
durch Demut diene einer dem andern; ich fordere 
von allen Brüdern und Schwestern, daß sie sich vor 
allen denen hüten, welche die Gemeinde verlassen. 
Sagt auch, wenn ihr könnt, dem L., daß er sich in der 
Gnadenzeit wohl bedenke; wie wird er sich wohl am 



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Gerichtstage verantworten können? Denn sein eige- 
nes Gewissen (wenn er es recht bedenkt) klagt ihn 
an und beschuldigt ihn. O L., o L., kehre um, denn 
du hast nicht das Beste erwählt! Ach, meine Brüder, 
was habe ich wegen der Verschiedenheit der Leute 
leiden müssen, darum hütet euch vor Spaltung. Su- 
che den Frieden, so viel ihr könnt, und jagt ihm nach. 
O meine lieben Brüder! Welche Lästermäuler habe 
ich vor mir gehabt. Cassander, ein kleiner schwacher 
Mann von Körper, welcher Joachim, den Zuckerbä- 
cker, abgeführt hatte, ist bei mir gewesen, und hat mir 
mit Hinterlist sehr nachgestellt, um meine Gemüt da- 
mit zu fangen; er hat mir ein gedrucktes lateinisches 
Buch vorgelesen, worin enthalten war, daß die Kinder- 
taufe ein klarer Befehl sei, und durch die ganze Welt 
ohne irgendeinen Widerspruch als ein einträchtiger 
Gebrauch beobachtet werde; er bezeugte auch, jedoch 
nicht mit der Kraft der göttlichen Schrift, daß sie sol- 
ches von den Aposteln empfangen hätten. Als ich nun 
seine Behauptung mit dem neuen Testamente vernich- 
tete, sagte er: Wenn ich dieses verneinte und nicht 
glaubte, wie ich dann glauben könnte, daß das neue 
Testament recht wäre, denn, sagte er, wir hätten ja das- 
selbe von denen empfangen, welche die Kindertaufe 
für recht bekennten; es wären auch noch viele Schrif- 
ten gewesen, die man Apostolische Schriften genannt, 
sie wären aber von denselben nicht für gut erkannt, 
sondern verworfen worden; sie aber geben Zeugnis, 
daß alle Lehrer bekannten, daß dieses, nämlich das 
neue Testament, die rechte Apostolische Lehre sei und 
so auch ihre Taufe; er wollte sagen, wenn wir das Eine 
verwerfen wollten, wie wir das Andere behaupten 
wollten; denn, sagte er, du musst es von ihnen her 
glauben, sonst kannst du es nicht wissen. 

Ebenso verhält es sich auch mit der Taufe, fuhr er 
fort, wenn wir Recht hätten, so müsste daraus folgen, 
daß in 1500 Jahren keine Kirche gewesen wäre. Hier- 
von haben fast alle gehandelt, die mit mir gesprochen 
haben, denn es sind viele Menschen bei mir gewesen. 

Es war damals, wie sie sagten, eben einer aus Ägyp- 
ten gekommen, diesen brachten sie auch zu mir; der- 
selbe gab vor, sie hätten die Kindertaufe in Ägypten 
von dem Kämmerlinge empfangen, welcher von Phil- 
ippus getauft worden ist, und daß er von keiner an- 
dern Taufe wüsste; wenn aber ein alter Mensch, der 
nicht getauft wäre, die Taufe begehrte, dem müsste 
man zuerst den Glauben Vorhalten; solches, sagten 
sie, wäre dort der einzige Gebrauch allezeit gewesen, 
und wenn sich jemand dagegen gesetzt hätte, dem 
sei geantwortet worden: Wir haben solchen Gebrauch 
von den Aposteln; aber ich habe alles mit dem neu- 
en Testamente vernichtet, und gesagt, ich wollte das 
gerne annehmen, was damit übereinstimmt, auch das- 


selbe durch die Hilfe Gottes glauben und sonst nichts. 
Da musste ich abermals hören, daß das neue Testa- 
ment von den Lehrern auf uns gebracht worden wäre, 
denn wenn wir es von ihnen nicht hätten, so könn- 
ten wir nicht sagen, ob es recht oder unrecht wäre. 
Dieses wiederholten sie oft. Ich antwortete: Es half 
dem assyrischen Könige nichts, daß ihn Gott zur Be- 
kehrung seines Volkes gebrauchte, weil er sich selbst 
nicht bekehrte; ebenso half es auch Pharao nichts, als 
er böse war, daß die Kraft Gottes an ihm erkenntlich 
und offenbar wurde; ebenso war auch die Weissagung 
des Kaiphas über Christum (wiewohl sie wahr war) 
ihm doch nicht nützlich oder förderlich, weil er selbst 
der Lehre Christi nicht gehorsam war; hiermit gab 
ich Gott allein die Ehre, daß wir sein Wort von ihm 
hätten. Hierauf versuchten sie mich mit Bitten und 
Flehen zu bewegen, als sie aber damit nichts ausrich- 
teten, fingen sie an, mir scharf zu drohen, und als 
sie merkten, daß solches alles nichts helfen wollte, 
sondern verlorene Arbeit wäre, haben sie mich und 
unsem Bruder Hermann am 17. Juli gepeinigt, aber 
doch sei dem guten Gotte Dank gesagt (der die Seinen 
nicht verlässt, sondern sie zur rechten Zeit in Leiden 
und Trübsal tröstet), er hat unsern Mund bewahrt, 
daß sie nicht ein Wort (nach ihrem Willen) von uns 
erlangten, worum sie uns fragten; aber den Hermann 
haben sie nicht stark gepeinigt. Der Hauptgrund zu 
unserer Folter ist der gewesen, daß wir sagen soll- 
ten, wie viel Lehrer wären, wie sie hießen und wo sie 
wohnten, wo ich in der Stadt gelernt hatte, wie viel ich 
getauft hätte, wo mir das Lehramt übertragen worden 
wäre, welche Lehrer dabei gewesen wären, ich sollte 
die Obrigkeit für Christen und die Kindertaufe für 
recht erkennen. Da presste ich meine Lippen zusam- 
men, übergab mich Gott, litt geduldig und dachte an 
des Herrn Wort, wo er sagt: »Niemand hat größere Liebe 
als die, daß er sein Leben flir seine Freunde lässt. Ihr seid 
meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete.« Auch 
dachte ich daran, was Johannes sagt, daß man das 
Leben für die Brüder lassen soll. Es scheint, als hätte 
ich noch viel zu leiden, aber der Herr hat es allein in 
seiner Hand, und ich kann sonst um nichts bitten, als 
daß des Herrn Wille geschehe. 

O meine Brüder! Wissen und Sprechen gilt hier 
nicht, sondern ein lebendiger Glaube, welcher mit der 
Kraft der Liebe, der Geduld, der Hoffnung und mit 
dem Gehorsame geziert ist, und daß man dann aus 
Kraft des Glaubens mit den drei Männern Sadrach, 
Mesach und Abednego sagen möge: »O Nebukadnezar, 
es ist nicht nötig, daß ivir dir darauf antworten! Sieh, un- 
ser Gott, den wir ehren, kann uns wohl erretten aus dem 
glühenden Ofen, und dazu auch uns, o König, von deiner 
Hand erretten, und wenn er es nicht tun will, so sollst 



366 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


du dennoch (o Antichrist) wissen, daß wir weder deine 
Götter ehren, noch das Bild oder die zwei goldenen Kälber, 
die du aufgerichtet hast, anbeten!« Und wenn sie dann 
mit hohen Worten nach menschlicher Weisheit, ja, mit 
sanften und flehenden Worten sich unterstehen wür- 
den, jemanden zu unterweisen, daß man dann auch 
aus des Glaubens Kraft sage: »Gehet von mir, ich will 
von euch nicht unterrichtet sein!« und nachher still- 
schwiege; lässt man sich aber mit ihnen ein (mehr als 
die Not erfordert), so wird man nicht ohne Schaden 
davon kommen. Darum wollte ich, daß hiervon alle 
Gefangenen unterrichtet würden. 

Es sind wenige Tage vorüber gegangen, ohne daß 
wir nicht miteinander Unterredung gehalten haben; 
gleichwohl habe ich mich in dem Bekenntnisse und 
im Reden sehr kurz gefasst, obwohl oft drei oder vier 
Stunden verbraucht worden sind. Ach, warnt doch 
alle Gefangenen (wo ihr könnt), daß sie alle Versu- 
chungen zurückweisen, und gedenkt unserer Tag und 
Nacht mit Bitten zu Gott; ebenso steht auch unser 
Gemüt gegen euch; ich begehre auch, daß ihr alle 
Gläubigen mit dem Kusse der Liebe von uns grüßen 
wollt. 

O wie liegen mir alle Gläubigen in meinem Herzen, 
sodass ich ihrer sehr selten vergesse; ja, ich gedenke 
ihrer vor dem Herrn, so viel mir durch Gottes Gnade 
möglich ist, mit ernstlichem Bitten und Begehren. Ich 
kann euch nicht viel schreiben, denn die Zeit und 
Gelegenheit sind teurer als Gold bei mir. Schreibt uns 
nicht; über die Ursache warum, denkt selber nach. Der 
Gott Israels wolle euch und uns bewahren, Amen. 

Mattheiß Servaes, euer Bruder und Gefangener des 
Herrn um der Wahrheit willen. Wegen den Kindern, 
welche die Gemeinde aufzuziehen hat, bleibe ich bei 
der Ansicht, die ihr von mir gehört habt. Die Gnade 
unsers Herrn Jesu Christi sei mit uns allen, Amen. 

Der zweite Brief, welchen Mattheiß Servaes von 
Kottenem aus dem Gefängnisse an seinen Bruder 
geschrieben hat. 

Die heilsame Gnade Gottes sei mit uns allen, Amen. 
Ich begehre, daß man meinem Weibe (welche damals 
nicht gefangen war) sobald als tunlich ein holländi- 
sches Testament bestelle, denn sie kann den hochdeut- 
schen Druck nicht lesen. 

Ferner, mein lieber Bruder, lasse ich dich wissen, 
daß ich nun allein bin, aber der Herr ist bei mir. Es 
kommt mir auch vor, als ob ich wenig zu unsern Mit- 
gefangenen Brüdern kommen werde, auch könnte es 
wohl geschehen, daß mein Lager fürs Erste nicht das 
Beste sein werde. 

Darum weiß ich Gott nicht genug zu danken, und 


wiewohl ich gern bei meinen Brüdern sein möchte, so 
ist mir doch dies viel lieber, denn weil es Gott so ge- 
fällt, so halte ich es auch für das Beste und zu meiner 
Seligkeit für das Nützlichste, und wiewohl es mich 
nicht wenig schmerzt, so halte ich es doch für kei- 
ne Pein, weil es der Herr mit mir so verordnet hat. 
Als sie mich den folgenden Donnerstag des Morgens 
früh von dem Frankenturme nach unser m Gefäng- 
nisse brachten, sollten unsere Brüder an demselben 
Morgen auch gefoltert werden, denn die Kerzen und 
Lichter standen an der Folterbank, und es war alles 
fertig; als sie mich aber dahin brachten, fingen sie an 
mit mir zu reden und mich zu fragen; darüber aber, 
bis sie mich ausgefragt hatten, und ich meinen Glau- 
ben und alles auf mein Amt Bezügliche vor vielen 
von ihnen bekannte (wobei ich auch viele Fragen an 
sie richtete, wozu sich mir die Veranlassung darbot), 
war fast der halbe Tag vergangen, und nach langem 
und vielem Gespräche, als sie mir nicht weiter ant- 
worten konnten (wovon ich Gott allein und nicht mir 
die Ehre gab), sagte einer zu mir, welcher größtenteils 
fragte und das Wort führte, die Taufe sei unter uns der 
Hauptirrtum. Darauf antwortete ich: Wenn dieses der 
Hauptirrtum unter uns ist, und ihr fangt und foltert 
uns um deswillen, warum stellt ihr denn nicht zuvor 
die grausamen Irrtümer und das gottlose Leben der 
Pfaffen neben das unsrige, und beurteilt dasselbe ge- 
gen einander ohne Ansehen der Personen, als vor den 
Augen und dem Gerichte Gottes? Dann könntet ihr 
gegen die Irrtümer, welche am wichtigsten erfunden 
werden, die Strafe mit Ernst zur Hand nehmen, wenn 
ihr anders einige dagegen habt; aber er achtete mich 
nicht würdig, mir darauf zu antworten. 

Als ich nun das merkte, sagte ich: Wir sind gleich- 
wohl auch Menschen, und ihr seid nicht mehr; ich 
kann euch auch nun um der Furcht Gottes willen 
nicht höher achten als Menschen. Darum bedenkt 
euch wohl in der Sache, und handelt mit uns nicht 
so grausam und tyrannisch, denn der Herr wird alle 
frevelhafte Gewalt heimsuchen und strafen, und er ist 
der Richter über das alles; bedenkt auch, daß ihr uns 
zu seiner Zeit werdet neben euch stehen lassen müs- 
sen, wenn der Herr euch und uns alle richten wird; 
denn wir müssen alle (wie die Schrift sagt) vor den 
Richterstuhl Christi gestellt werden; dann wird ein 
jeder an seinem Leibe empfangen, wonach er getan 
hat, es sei gut oder böse, ja, dann muss auch euer 
Urteil wieder zum Vorschein kommen und daselbst 
vor dem Herrn gesäubert werden. Mein Verlangen ist 
auch an dich, mein L. H., nimm dieses nicht als eine 
trotzige Antwort oder Drohung auf, sondern nehmt 
es zur Warnung an, denn zur Warnung sage ich es 
euch, weil ich euch so wohl, als meiner eigenen Seele 



367 


die ewige Ruhe gönne. So nehmt es nun mit Ernst zu 
Herzen, und seht wohl zu, wie und was ihr mit uns 
handelt. Dabei blieb es, und so wurden damals unsere 
Brüder vor dem Foltern bewahrt, ich aber wurde an 
ihren Platz gestellt. Sie führten mich an die Folterbank 
und wollten mich allein um deswillen peinigen, weil 
ich ihnen nicht sagen wollte, wo ich das letzte Mal bei 
dem Henrich gewesen wäre, wie viele Lehrer daselbst 
wären, und wo sie wohnten. 

Als sie mir diese Fragen wiederholt vorlegten, woll- 
te ich von ihnen den Grund wissen, weshalb sie so 
sehr darnach verlangten, solches zu wissen; da ant- 
wortete mir der Graf: Wenn wir dir den Grund sagen 
würden, so würdest du wohl antworten, du wollest 
niemanden verraten. Darauf erwiderte ich: Du ant- 
wortest dir selbst. Weil sie es aber wissen wollten, und 
es bei ihnen nur auf eine Verräterei abgesehen war, so 
wollte ich ihnen die Sache selbst in die Hand geben, 
ehe ich weiter bekennen wollte; ich sagte deshalb zu 
ihnen, sie sollten in ihr eigenes Herz greifen und die 
Wahrheit vor Gott im Himmel bekennen und sagen, 
ob sie mir dieses raten wollten oder dürften; ich wie- 
derholte die Frage mehrere Male, aber man gab mir 
keine Antwort, sondern sie wandten sich von mir und 
sprachen untereinander: Die Sache wäre wohl genug, 
wenn nur nicht zuletzt ein Aufruhr daraus entstünde. 
- Seid alle Gott befohlen. Ich habe diesmal keine Zeit, 
euch mehr zu schreiben; gedenkt unserer allezeit vor 
dem Herrn, Amen. Mattheiß Servaes von Kottenem. 

Der dritte Brief von Mattheiß Servaes, geschrieben 
an J. R. 

Friede und Freude des Herzens durch die Wirkung 
des heiligen Geistes sei und vermehre sich bei euch 
und allen Gläubigen, die in in Christo Jesu sind, 
Amen; ja, auch bei allen denen, die eines guten Willens 
sind, Gott für das höchste Gut zu erkennen, und die 
allein aus Liebe begehren. Ihm, wie ein gehorsames 
Kind seinem Vater, zu dienen und mit einem rechten 
und festen Vertrauen zu folgen, standhaft und unbe- 
weglich durch den Glauben an Jesum Christum bis 
ans Ende, Amen. 

Wir haben, liebe Brüder, euer Morgenessen empfan- 
gen, wofür Gott gedankt sei; nun sende ich euch wie- 
der ein wenig aus meiner Armut; nehmt es auch mit 
Dank an, und teilt es unsern andern Mitgliedern mit, 
da es zur Auferbauung und Besserung nützlich, und 
da es überdies nötig sein wird, daß es erbaulich zu 
hören sei, und wenn ihr etwas dichtet, schreibt oder re- 
det, so tut solches alles zum Lobe des Herrn, und setzt 
es auf, dem Gott des Himmels durch Christum damit 
zu danken, daß er den Seinen einen solchen Glauben 


gegeben hat, welcher nicht tot ist, sondern sich hierin 
durch die Liebe tätig erweist, daß sie alles verlassen 
und gehasst haben, und bei ihrem Gott aus Liebe (wie 
ein Kind seinem Vater schuldig ist) bis in den Tod 
treu geblieben sind. Übrigens lasst den Graf und alles 
andere, so viel euch möglich ist, aus dem Spiele, denn 
er sagt, man habe ihn in des Druckers Thomas Liede 
geschmäht, was doch in solcher Absicht nicht gesche- 
hen ist, wiewohl es so auf genommen wird; er sagt, er 
hätte darum von vielen einen Verweis hören müssen, 
wiewohl er es gut gemeint hätte. Darum, mein Bruder, 
was du tust mit Worten und Werken, das tue alles zum 
Preise des Herrn, und danke Gott dem Vater durch 
Ihn. 

Ferner, mein lieber Bruder, lasse ich dich wissen, 
daß Henrich Altruysscher, welcher auf dem Egelstein 
wohnt und daselbst roten Wein ausschenkt, bei mir 
gewesen ist; derselbe ließ sich mit mir in ein Gespräch 
ein und wollte wissen, wer mich in mein Amt oder 
meinen Dienst eingesetzt hätte; aber ich erkannte ihn 
und wollte von ihm wissen, wie er hieße; er sagte, daß 
er solches nicht wüsste; ich fragte weiter: Nennen dich 
die Leute nicht Henrich? Er entgegnete einige Mal, er 
wüsste es nicht. Darauf sagte ich zu ihm, er sollte mich 
verlassen und Buße tun, ich wollte nicht mit ihm re- 
den. Da wurde der Graf ungehalten und über mich 
entrüstet, und suchte mich zu überreden, daß ich mich 
mit dem Altruysscher in ein Gespräch einlassen sollte; 
aber ich sagte: Nein, solches tue ich nicht. Dieses habe 
ich dir, mein lieber Bruder, auf das Kürzeste berichten 
wollen, denn ich habe keine Zeit, viel zu schreiben, 
auch werde ich genau bewacht. Ich begehre auch von 
dir, du wollest standhaft in der Furcht Gottes mit aller 
Demut und Sanftmut, mit aller Freundlichkeit und 
Gütigkeit wandeln; habe auch keinen Gefallen an dir 
selbst, sondern trage dich vielmehr so, daß du dei- 
nem Nächsten gefällst im Guten zur Besserung und 
Auferbauung; solches sage auch den andern. Hiermit 
sei der Gnade Gottes befohlen, und gedenke unse- 
rer in deinem Gebete vor dem Herrn, gleichwie auch 
wir geneigt sind, durch Gottes Gnade dasselbe für 
dich und alle Menschen (so viel als uns das Wort des 
Herrn lehrt) zu tun. Der Gott aber des Friedens und 
aller Gnade, der uns zu seiner ewigen Herrlichkeit in 
Christo Jesu berufen hat, mache uns geschickt, in allen 
guten Werken seinen ewigen, unveränderlichen Wil- 
len zu erfüllen, und mache auch, daß unsere Werke 
vor Ihm gefällig sein mögen durch Jesum Christum, 
ja, derselbe wolle auch uns (die wir hier bereit sind, 
wenn es sein soll, durch Ihn um seines Namens wil- 
len Schmach zu leiden) stärken, gründen, kräftig und 
fertig machen. Demselben sei auch Ehre und Macht 
in alle Ewigkeit, Amen. Sonst geht es uns noch wohl 



368 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


an Leid und Seele. Wir stehen in guter Hoffnung, daß 
wir die Zahl derer, die unter dem Altäre liegen, helfen 
erfüllen, und mit ihnen ruhen und auf die herrliche 
Belohnung aller Frommen warten werden. Grüße mir 
die Bruderschaft in Christo Jesu. Die Gnade Gottes sei 
mit uns allen, Amen. Mattheiß Servaes von Kottenem. 

Der vierte Brief, welchen Mattheiß Servaes aus 
dem Gefängnisse an alle Brüder und Schwestern 
im Allgemeinen geschrieben hat. 

Die heilsame Gnade Gottes und der Friede Jesu Chris- 
ti vermehre sich bei allen Gläubigen, die hier und da 
zerstreut sind, nach der Vorsehung Gottes, des Vaters, 
geheiligt und fromm gemacht durch den Glauben 
an Jesum Christum, seinen lieben Sohn, gewaschen 
durch sein eigenes Blut von allen unsern Sünden, da- 
mit wir fernerhin heilig und unsträflich vor ihm wan- 
deln in der Liebe, Ihm zum Preise und zur Ehre, von 
nun an bis in Ewigkeit, Amen. 

O meine im Herzen sehr geliebten Brüder und 
Schwestern in dem Herrn, wir sollen billig ohne Auf- 
hören Tag und Nacht Gott, dem Vater, danken durch 
Jesum Christum, seinen Sohn, für unsere Seligkeit, 
ja, für seine väterliche Gnade, die er uns erwiesen, 
und daß er uns von Anfang, ehe der Welt Grund ge- 
legt war, dazu ersehen und verordnet hat, daß wir 
sollten heilig sein und unsträflich vor Ihm in der Lie- 
be, welche er selbst an uns auch nicht vergessen hat, 
wiewohl wir eine Zeitlang Ihn wenig geachtet haben; 
denn weil er allein gut ist, so hat er auch unserer nach 
seiner Gutheit nicht vergessen. Ja, er hat uns zum 
Leben berufen, als wir im Tode waren durch Gebre- 
chen und Sünden, und das nicht nach unsern Werken 
(denn die waren böse), sondern er hat uns selig ge- 
macht nach seiner großen Barmherzigkeit; auch hat er 
uns, da wir noch Feinde waren, durch den Tod seines 
Geliebten versöhnt, und obgleich wir solches alles in 
den Wind geschlagen und nicht geachtet haben, so 
hat er gleichwohl doch seine Langmut an uns an dem 
Ende der Welt, ja, in diesen bösen Tagen und jämmer- 
lichen Zeiten erwiesen, wo die Bosheit aufs Höchste 
gestiegen ist, und hat weder unsern Tod noch den 
irgendeines Sünders begehrt, sondern daß wir uns 
bekehren und leben und Ihm unsere Seelen als dem 
treuen Schöpfer und Hirten mit guten Werken anbe- 
fehlen sollten. Darum, liebe Brüder und Schwestern, 
will es uns geziemen, daß wir unseres Berufs, worin 
wir berufen sind, mit aller Furcht Gottes wahrnehmen, 
denn wir sind mit einem heiligen Rufe berufen; merkt, 
wozu, nicht zur Unreinigkeit, nicht zur Unkeuschheit, 
nicht zur Hurerei, nicht zum Fressen, nicht zum Sau- 
fen, nicht zum Stolze und Hochmut, daß sich jemand 


selbst gefallen, oder zum Scheine dem andern gefällig 
darstellen sollte, um dadurch Ehre bei den Menschen 
zu suchen, welches Lob nicht aus Gott, sondern ge- 
gen Gott ist, denn alle diese vorgemeldeten Punkte, 
wenn wir sie ausüben, sagen uns das Reich Gottes ab; 
auch sind wir nicht zum Geize berufen (welcher ein 
Götzendienst ist), daß wir uns hier Schätze sammeln 
und reiche Tage suchen, oder ein irdisches Reich in 
dieser Zeit aufrichten, oder auf die Ungewissen Reich- 
tümer hoffen und uns so der Welt gleichstellen sollen 
(merkt, der Welt, sagt er). Wem dient sie? Wer ist ihr 
Herr? Wer ist ihr Fürst? Was sagt Christus hierüber? 
Er nennt den Teufel einen Fürsten dieser Welt. Wem 
ist sie gleich mit all ihrer Herrlichkeit, Augenlust und 
ihrem Hochmute? Sie ist gleich dem Grase mit seinen 
schönen Blumen, welches heute lustig grünt und herr- 
lich anzusehen ist, aber des Morgens, ja, auch wohl 
des Abends ist alle seine schöne Gestalt und Herrlich- 
keit hinweg; ebenso ist es auch mit aller Menschen 
Ansehen, aber wenige kennen sich selbst. Ich rede 
nicht allein von denen, die draußen sind, sondern 
auch von uns selbst, denn wer ist es, der nicht, wenn 
ihm Reichtümer zufallen, sein Herz in etwas daran 
hängen sollte? Oder, wer bittet von Herzen mit dem 
Könige Salomo: »Armut und Reichtum gib mir nicht, laß 
mich aber meinen bescheidenen Teil Speise dahin nehmen.« 
Ach, bedenkt es doch wohl ihr alle, die ihr euch rühmt, 
Christen zu sein; befleißigt euch, mit reinem Gewis- 
sen in der Wahrheit vor Gott zu wandeln, damit ihr 
im Schmelzofen (wenn ihr etwa hineinkommen soll- 
tet) keine Anklage findet, welche euch zum Schaum 
machen, oder zum Umsehen nötigen möchte; denn 
meine lieben Brüder, hier in dieser Probe gilt kein to- 
ter Glaube, wenn er auch herrlich vor den Menschen 
scheint, oder mit vielen Schriftstellen bewiesen und 
mit dem Munde bekannt wird, ja, vor dem strengen 
Gott und seinem gerechten Urteile ist damit noch we- 
niger ausgerichtet; denn was hier und dort bestehen 
soll, muss imverfälscht sein, ja, es muss durch einen 
lebendigen Glauben geschehen, der durch die Liebe 
tätig ist; ein solcher Glaube ist aber nicht in demjeni- 
gen, der Gott nicht so fest ergreift, nicht dafür hält und 
bekennt, daß ihm Himmel und Erde, und alle Kreatu- 
ren, das Meer und alles was darin ist, Preis und Lob, 
Dank und Ehre schuldig sei (denn diesem allein, und 
sonst niemand, sage ich, mag es werden), wie er denn 
auch nicht in demjenigen ist, der solches nicht in sein 
eigenes Herz und seine Gedanken einschreibt, und 
sich selbst erkennen lernt, daß er besonders hoch und 
herrlich erschaffen und gemacht sei, nämlich ein Bild 
Gottes und nach dem Bilde Gottes, zum Besitzer und 
Beherrscher der Dinge, die in dieser Welt um seinet- 
willen erschaffen, ja, mit Verstand und Wissenschaft 



369 


geziert und begabt sind, das Gute vom Bösen zu un- 
terscheiden, und den zu erkennen, der ein Schöpfer 
aller Dinge ist, der uns auch unsern freien Willen ge- 
geben hat, wodurch wir nicht aus Zwang, wie andere 
Kreaturen, sondern aus eigenem Antriebe und aus 
reiner kindlicher Liebe uns Ihm übergeben, dergestalt: 
Herr, hier bin ich, was willst Du, daß ich tun soll? 
Denn ich erkenne, daß ich schuldig bin Dir zu dienen, 
und deinen Willen aus meinem ganzen Vermögen, ja, 
aus aller meiner Kraft zu erfüllen, sodass ich auch 
kein Ding auf dieser Erde, es sei auch, was es wolle, ja, 
auch mein eigenes Leben nicht zurückhalten soll; oder 
daß ich in meinen Gedanken zurückbehalten sollte, 
daß ich Dir die freiwillige Schuld des Gehorsams, den 
ich Dir schuldig bin und abstatten soll, nicht erweisen 
sollte, nicht etwa deshalb, als ob ich von Dir einen 
Lohn dafür erwartete, sondern allein, daß ich damit 
erweise, daß ich Dich liebe, sodass wir alle Dinge, die 
sichtbar sind, um des Liebhabers willen hassen lernen, 
damit wir Ihn über alles allein lieben und auch von 
Ihm geliebt werden mögen. 

Dieses schreibe ich darum, meine Brüder und 
Schwestern, damit wir Gott erkennen lernen, und 
warum er den Menschen erschaffen habe, ja was er 
von ihm begehre, daß er tun oder lassen soll, und 
warum wir Ihm Liebe und Gehorsam erweisen sollen, 
damit wir nicht durch unsere Werke oder durch unser 
Tun oder Lassen gerecht und selig zu werden suchen, 
denn durch des Gesetzes Werke wird kein Fleisch vor 
dem Herrn gerecht, wie Paulus sagt. Auch können 
wir das nicht auszahlen, was wir schuldig sind, son- 
dern wir hoffen allein aus Gottes Gnade durch das 
Verdienst unseres Herrn Jesu Christi gerecht und selig 
zu werden. Darum sehe sich ein jeder wohl vor, daß 
er Gott dergestalt liebe (wie oben gemeldet ist), daß 
er aus solcher Liebe Ihm allein gehorsam sei, ohne 
Hoffnung einer Belohnung, um irgendeines eigenen 
Werkes oder Verdienstes willen, sondern übergebe 
Ihm alles, sodass er uns gebe, was er will, und mit 
uns tue, was Ihm wohlgefällig ist. Und wenn wir so in 
allen Dingen frei und gelassen stehen, so wird es uns 
nicht fehlen, und unsere Hoffnung wird nicht nichtig, 
sondern fest sein; und wenn dieses nicht so (wie ge- 
sagt ist) bei uns befunden wird, wenn wir dann auch 
mit Menschen- und Engelzungen redeten, und einen 
Glauben hätten, daß wir Berge versetzten, all' unser 
Gut den Armen gäben und unsern Leib brennen lie- 
ßen, was ist es, wenn es ein gezwungenes und kein 
freiwilliges Werk der Liebe ist? 

Darum wacht auf, ihr alle, die ihr euch zur Fröm- 
migkeit treiben lasst wie Pferde, die man auf den 
Acker mit Schlägen treiben muss; wenn man mit Schla- 
gen und Treiben aufhört, so wird nicht mehr gear- 


beitet. O untreue Christen und faule Knechte, die in 
ihrem Glauben nicht mehr wirkende Kraft in sich ha- 
ben, als daß sie ein wenig gehen, wenn man ihnen 
sagt: Tue dies und lasse das, und treibt sie so fort. Ich 
sage: Ach arme Christen, die sich nicht selbst treiben! 
Darum sollen sich die auch wohl vorsehen, welche 
Wohltat oder Handreichung beweisen, daß nicht ei- 
ne pharisäische Trompete des Ruhmes vor ihnen her 
geblasen und gehört werde, denn wenn jemand Barm- 
herzigkeit ausübt, der tue es mit Lust und Freude; 
gibt jemand, der gebe einfältig, ohne Ruhm zu su- 
chen, denn es ist ein Werk der Schuldigkeit, welches 
wir dem Nächsten aus Liebe zu erweisen verpflichtet 
sind. Darum sollen wir alle unsere Werke in der Liebe 
geschehen lassen, daß wir solchen Dienst nicht aus 
Hoffnung der Belohnung, sondern aus herzlicher Lie- 
be und Barmherzigkeit verrichten, denn es geschieht 
nicht den Menschen, sondern dem Herrn. Deshalb 
meine ich nun, wenn durch unsere Werke die Recht- 
fertigung käme, so wäre Christus umsonst gestorben, 
aber das sei fern. Also wache auch ein jeder auf, der 
die Wohltat empfängt, weil Christus sagt: »Ihr habt 
mich gespeist und getränkt, mir Kleider lind Herberge ge- 
geben.« Wenn man nun Christum speist oder tränkt, 
so müssen es eingepflanzte Glieder Christi sein, die 
solche Wohltat empfangen. Wie kann der es nun ver- 
antworten, der die Handreichung empfängt und doch 
nicht von den Seinen ist, wenn er vor ihn gestellt wird. 

Darum ihr, die ihr Almosen empfangt, wendet sie 
an mit aller Furcht des Herrn, damit ihr vor Gott be- 
stehen mögt, denn man muss von allem Rede und 
Antwort geben. Tragt auch mit Fleiß für die armen 
und verlassenen Witwen und Waisen Sorge und lasst 
sie in eurem Herzen wie eure eigenen Kinder sein. 

Und gedenkt an des Sirachs Reden, indem er sagt: 
Halte dich gegen die Waisen barmherzig wie ein Va- 
ter, und gegen ihre Mutter wie ein Hausherr, dann 
wirst du wie ein Sohn des Allerhöchsten sein, und er 
wird dich lieber haben, als dich deine Mutter hat. Hü- 
tet euch auch mit allem Fleiße, daß kein Unterschied 
unter euch in dem Mitteilen und den Liebesbezeugun- 
gen gefunden werde; denn viele haben sich hieran 
sehr vergriffen, sodass aus dem Dienste der Liebe 
ein Dienst des Zwanges geworden ist, was Gott nicht 
gefällt. 

Auch begehre ich von den Witwen, daß sie stille sei- 
en, das Ihre tun und sich nicht einbilden, daß sie mehr 
als andere seien, nein, das ist nicht Paulus Sinn oder 
Meinung, sondern es ist so zu verstehen, man soll für 
sie sorgen, ihnen Rat und Unterricht geben, wenn sie 
solchen bedürfen; auch müssen sie brüderlichem Rate 
folgen und sich vor unnützem Geschwätze, Wohlle- 
ben, Fleischeslust und vor Faulheit hüten, auch nicht 



370 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


aus einem Hause ins andere laufen, denn solches ge- 
ziemt sich vor allen Dingen nicht, sondern eine rechte 
Witwe, die einsam ist, wird sich wohl davor hüten; sie 
hat ihre Hoffnung allein auf Gott gesetzt und bleibt im 
Gebet und Flehen zu Gott Tag und Nacht; diejenige 
aber, die in Wollüsten lebt, ist lebendig tot. 

Auch ist das mein herzliches Begehren an alle gläu- 
bigen Brüder, die Weiber haben, über welche sie zum 
Haupt gesetzt sind, wie Christus ein Haupt seiner 
Gemeinde ist, daß ihr über ihnen wacht und eures 
Dienstes mit Fleiß wahmehmt, daß ihr nach solcher 
Weise euer Haus und eure Weiber regiert, wie auch 
Christus seine Gemeinde regiert hat. 

Ebenso auch ihr Weiber, nehmt euch mit aller Sorg- 
falt in Acht, und nehmt auch eures Dienstes wahr, 
worin ihr vom Herrn gesetzt seid, mit bescheidener 
Vorsichtigkeit, daß ihr euren Männern gehorsam seid, 
als dem Herrn, damit ihr vor dem gerechten Gott be- 
stehen mögt, und zieht eure Kinder so auf, daß ihr es 
vor Gott verantworten könnt; hütet euch auch, daß 
ihr ihnen nicht zu gelinde seid, damit ihr mit dem Eli- 
as nicht in gleiche Strafe vor dem Herrn fallen mögt, 
welcher mit seinen Söhnen auch zu gelinde war. 

Ebenso auch ihr Kinder, seid euren Eltern in der 
Furcht Gottes gehorsam in aller Demut, widersetzt 
euch ihnen nicht, damit ihr nicht auch mit den Söh- 
nen Elias, mit Absalom, Esau und andern dergleichen 
mehr, in Gottes Zorn und Ungnade fallt. 

Auf gleiche Weise ist auch mein Begehren an euch 
alle, ihr Knechte und Mägde, daß ihr euren leiblichen 
Herren in allen Dingen gehorsam und nicht Augendie- 
ner sein wollt, um den Menschen zu gefallen, sondern 
daß ihr in Einfalt des Herzens, und der Furcht Gottes 
lebt, und gedenkt, daß ihr dem Herrn und nicht den 
Menschen dient, denn von dem Herrn werdet ihr die 
rechte Belohnung empfangen. 

Also auch ihr Herren, lasst ab von eurem Dräu- 
en; was recht und billig ist, beweist euren Knechten, 
und wisst, daß ihr auch einen Herrn habt im Himmel, 
bei welchem kein Ansehen der Person gilt. Gedenkt, 
wenn ihr Knechte wärt, wie ihr als dann wolltet, daß 
sich eure Herren gegen euch betragen sollten, ebenso 
tut nun auch ihnen. Aber zuletzt, liebe Brüder, richtet 
euer Leben, und befleißigt euch, nur so zu wandeln, 
daß es dem Evangelium unsers Herrn Jesu Christi 
gleichförmig sei. Weil wir nun ein auserwähltes Ge- 
schlecht und heiliges Volk sein sollten, dem Herrn 
angenehm zum Eigentum, um als ein Licht vor Ihm 
zu wandeln, und auch der Welt ein Licht zu sein, so 
ist es uns nötig, Fleiß anzulegen, daß wir in allen 
Stücken vor Ihm heilig und imsträflich erfunden wer- 
den, damit wir die Stadt Gottes sehen mögen, erha- 
ben über alle Berge der Ungerechtigkeit, die gesehen 


werden in der Gerechtigkeit, welche keineswegs ver- 
borgen sein kann. Darum lasst nun auch den heiligen 
Schein der göttlichen Klarheit vor allen offenbar wer- 
den, die noch in den Finsternissen wandeln. Stellt 
euch allen Menschen zum Vörbilde der guten Werke 
dar, und lasst die Gabe, die euch von Gott gegeben 
ist, nicht Stillschweigen oder feiern, sondern legt sie 
mit großem Fleiße auf Wucher. Denn der Herr (von 
welchem ihr dieselbe empfangen habt) wird es mit 
Gewinn und Wucher (wenn er kommen wird) wieder 
von euch fordern. O meine Brüder und alle Mitglie- 
der in Christo, seid sorgfältig und merkt fleißig auf, 
wo doch etwas zu gewinnen sei, und lasst euch um 
deswillen keine Mühe und Arbeit verdrießen, denn 
ihr werdet auch des Gewinnes mit teilhaftig werden, 
ja, ihr werdet, als treue Knechte, zur ewigen Freude 
eingeladen werden. Gleichwohl aber muss ein Knecht 
vorsichtig sein, daß er nicht seines Herrn Geld mit 
Unbesonnenheit, sondern mit aller Vorsichtigkeit, ja, 
mit Furcht und Zittern anwende; er soll allezeit, ehe 
er es anwendet, überlegen und erwägen, ob es Ge- 
winn oder Schaden einbringt, damit man nicht durch 
Leichtsinn zuletzt des Herrn Geld verliere; und weil 
nun der Herr das Seine mit Wucher wieder fordern 
wird, wie könnte man es vor dem Herrn verantwor- 
ten, wenn man die empfangene Summe nicht einmal 
hätte und vor ihn legen könnte. 

O meine lieben Brüder, lasst doch erkannt werden, 
wer der sei, der in euch wohnt; lasst die Liebe und 
euren Glauben vor allen Menschen erkannt werden, 
und habt euch untereinander lieb aus reinem Herzen, 
als Glieder eines Leibes, wovon Christus das Haupt 
ist. Vergebe doch einer dem andern, wenn jemand 
irgendeine Klage gegen den andern hat, und wie euch 
Gott vergeben hat in Christo, so vergebt auch ihr. Ei- 
ner trage des andern Last, dann werdet ihr das Gesetz 
Christi erfüllen. Habt keinen Gefallen an euch selbst; 
ein jeder halte den andern höher als sich selbst. Hü- 
tet euch mit Bedacht vor Üppigkeit. Alle ihr jungen 
Brüder und Schwestern, seid treulich gewarnt vor 
leichtfertigem Schimpfen und Spotten, vor schandba- 
ren Worten und Narrenteidungen, welche euch nicht 
geziemen. 

Ihr Alten aber, lasst euch gesagt sein, lasst weder in 
Worten noch in euren Werken eine Verstellung erfun- 
den werden, denn ich habe bei einigen große Fertig- 
keit oder Klugheit in Worten verspürt, was ich nicht 
loben kann und auch niemals gelobt habe; denn wenn 
wir einfältig sein sollen, so müssen wir ja die Listigkeit 
ablegen; darum merkt, was über ja und nein ist, das 
ist vom Argen. Aber es ist nicht damit gemeint, daß 
man nicht mehr als ja und nein sagen sollte, sondern, 
daß man seine Reden ohne Neid und Verstellung mit 



371 


einem einfältigen Ja oder Nein schließen und befes- 
tigen, Maß halten und das Überflüssige abschneiden 
sollte, das ist, man muss sich der einfältigen Wahr- 
heit bedienen, und damit umgehen. Wenn jemand 
dieses oder jenes fragt, und man gibt keinen Bescheid 
darauf, sondern auf etwas anderes, und will nachher 
sagen, man habe nicht gefehlt, indem, was man zur 
Antwort gegeben, sich in der Tat so verhalte, so ist 
solches nicht fein, meine Brüder. Auch geschieht es zu 
Zeiten, daß wenn man sich in irgendetwas vergangen 
hat, und darauf angeredet wird, man wohl eine Ent- 
schuldigung vorbringt, welche doch im Grunde die 
Ursache nicht ist, damit man dadurch sein Unrecht 
beschönige und dasselbe nicht an den Tag komme. 
Dies ist die Natur und Art des alten Adams (welches 
billig bei den Christen, die durch das Wort der Wahr- 
heit wiedergeboren sind, nicht sein sollte), der seine 
Blöße allezeit gern mit Feigenblättern bedecken woll- 
te; denn, als dieser wegen seiner Übertretung von 
dem Herrn angeredet wurde, so fand sich sofort eine 
Entschuldigung, womit er sich zu bedecken meinte; 
nämlich: »Das Weib, das Du mir gegeben hast, gab es 
mir (sagte er), und ich aß.« Ebenso, als Eva angeredet 
wurde, legte sie die Schuld auf die Schlange; wenn 
sie aber die Hauptursache ihres Vergehens hätte gera- 
de heraus sagen wollen, so hätte es so gelautet: Das 
Vorwissen und der Hochmut hat uns dazu gebracht, 
nämlich, wir hätten gern muntere Augen gehabt, wir 
wären gern klug gewesen, wir hätten gerne Gutes und 
Böses gewusst, wir wären gern Gott gleich gewesen. 
Summa: Wir sahen, daß der Baum gut und lustig war, 
davon zu essen, und lieblich anzusehen, weil es ein 
lustiger Baum war, der klug machte, so haben wir 
uns überreden lassen und davon gegessen. Hätten 
sie dem Herrn so geantwortet, so wäre das eine auf- 
richtige, gründliche Antwort gewesen. Ihre Antwort, 
die sie dem Herrn gaben, war zwar auch wahr, aber 
sie enthielt nicht den rechten Kern oder die Grund- 
ursache ihres Falles und Vergehens; damit ihr aber, 
den rechten Sinn und die Meinung dieses Schreibens 
gründlich verstehen mögt, so wollen wir euch ein 
einfältiges Gleichnis beispielsweise vortragen: Wenn 
ein gläubiger Mann ein ungläubiges Weib hatte, wel- 
che schwanger würde und eine lebendige Frucht zur 
Welt brächte, der Mann aber wollte gern mit seinen 
Nachbaren und der Welt Freundschaft halten, wollte 
gern in seinem Hause und Hofe bleiben, wollte aber 
gleichfalls mit Christo und seinem Volke Frieden hal- 
ten (was, nach Aussage des Wortes Gottes, nicht sein 
kann; denn, wie Christus sagt, kann niemand zwei 
streitigen Herren zugleich dienen), und würde nun zu 
seinem Weibe sagen, er gedächte nicht, seine Einwilli- 
gung zu geben, daß der Gräuel des Antichristen (ihr 


versteht es wohl, was ich meine) an dem Kinde vollzo- 
gen werden sollte, und wiewohl er es anders wenden 
und sein Weib überreden könnte, daß sie ihm folgte, 
und würde es ohne Widerspruch durchschleichen las- 
sen, bei sich denkend: Wenn sie es aber dennoch tut, 
so bleibe in guter Ruhe bei meiner Habe, und werde 
von der Welt nicht verfolgt; werde ich aber von den 
Brüdern darüber angeredet, so kann ich sagen, es sei 
solches ohne meine Zustimmung durch mein Weib 
verrichtet worden, so würde dies, meine Brüder, keine 
aufrichtige und einfältige Antwort sein, wie ihr selbst 
wohl merken könnt. Dergleichen Exempel und Gleich- 
nisse könnte man noch in Menge erzählen, aber der 
Kürze wegen lasse ich es für jetzt dabei bewenden. 
Ich begehre auch von euch, ihr wollt diesem tiefer 
nachdenken, wie ich euch hiervon eine Anweisung 
gegeben habe; darum seid hiermit gewarnt, und hü- 
tet euch vor solcher Verstellung; denn wenn auch ein 
Mensch sich vor dem andern (mit solchen Feigenblät- 
tern, womit er sich eine Schürze macht) bedeckt, daß 
man seine Blöße nicht sieht, so ist doch Gott ein Zeu- 
ge seiner Nieren und kann das Herz durchforschen, 
kennt auch aller Menschen Gedanken und Absichten, 
und wird alle Werke und Ratschläge urteilen, ja, alle 
Heimlichkeiten und verborgene Dinge, sie seien gut 
oder böse. Darum befleißigt euch, daß ihr in allen eu- 
ren Worten und Werken, in all' eurem Handel und 
Wandel mit aufrichtiger Lauterkeit umgeht, wie es 
den Kindern Gottes geziemt und unser Ruf es erfor- 
dert; und wenn jemand unter euch von einem Falle 
übereilt würde, der bekenne es geradezu, ohne Ver- 
stellung, wie es sich verhält, schäme sich auch dessen 
nicht, weil er sich zuvor auch der Tat nicht geschämt 
hat, sonst möchte es ihm nicht zum Besten ausschla- 
gen; denn, wer seine Missetaten leugnet, dem wird's 
nicht gelingen; wer sie aber bekennt und lässt, der 
wird Barmherzigkeit erlangen. Ich habe es zuvor ge- 
sagt und sage es noch einmal: Vor Menschen kann 
man sich wohl bisweilen mit einer schön gesetzten 
Rede verantworten, und mit einem Schurze von Fei- 
genblättern bedecken; wenn es aber auf dem rechten 
Prüfsteine gerieben wird, so kann ein jeder Zusehen, 
ob es dann auch die Probe halten werde. 

Hierin mögen sich diejenigen wohl bedenken, die 
tägliches Gewerbe treiben, welchen ich wohl statt der 
Kaufmannschaft eine ehrliche Arbeit an die Hand 
wünschen wollte, und das nicht ohne Grund; denn 
wie ein Nagel in der Mauer zwischen zwei Steinen 
steckt, so steckt auch die Sünde zwischen Käufer und 
Verkäufer, sagt Sirach. Werdet ihr nicht beständig in 
der Furcht Gottes wandeln, so wird euer Haus bald 
umgeworfen werden; und was immer ich auch selbst 
in allen diesen Dingen gefehlt oder jemanden betrübt 



372 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


haben möchte, so ist mir solches von Grund meines 
Herzens leid; doch sei Gott im Himmel Dank gesagt, 
daß er mir armen schwachen Knecht, der ich mich 
doch dessen unwürdig erkenne, ein unverletztes oder 
unverdammtes Gewissen gegeben hat, denn ich habe 
niemals eine größere Freude auf Erden gehabt (so- 
lange ich mich erinnere), als ich jetzt habe. Der Herr 
bewahre mich, daß ich nichts aus Ruhm rede; ich bin 
aber gewiss, daß der, dem ich unwürdig in meiner 
Schwachheit gedient habe, mich nicht werde zu Schan- 
den weiden lassen. Mich hat herzlich darnach ver- 
langt und ich verlange noch herzlich darnach, daß ich 
von Gott gewürdigt werden möchte, daß ich durch die 
ganze Stadt Köln geführt, mit Ruten gestrichen, und 
dann wieder ins Gefängnis geworfen würde; nicht 
als ob ich damit einiges Verdienst suchte, ach nein, 
sondern damit dasjenige, was der Herr in mich gelegt 
hat, von jedermann (Ihm zum Preise, und nicht mir) 
erkannt und offenbar werden möge; doch wolle der 
Wille des Herrn geschehen; ich wünsche auch nichts 
anderes, das weiß der Herr, es mag kosten, was es will. 
Ich begehre auch von Grund meines Herzens, ja, ich 
gebiete es im Namen unsers Herrn Jesu Christi, daß 
ihr dasjenige bewahrt, was euch von Gott vertraut ist, 
denn es ist die rechte Wahrheit; solches bezeuge ich 
vor Gott und Menschen. Es laufe nun um euch, wer 
da will, gebt ihm keine Ohren; lasst die Hutterischen 
(oder Mährischen) lästern, wie und was sie wollen; 
ich sage: Gott bewahre mich davor, nämlich vor dem 
Treiben der Lehrer; ich bin in meinem Herzen frei in 
allem, was ich mit ihnen gehandelt habe; und wenn 
sie sagen wollten, ich dürfte um des Volkes willen 
nicht abweichen (wie ich vernommen, daß sie von 
unserm Bruder Thomas gesagt haben sollen), so sage 
ich nein dazu, denn ich weiß auf dieser Erde keinen 
Menschen, der mir so lieb wäre, daß ich ohne Glau- 
ben mein Leben für ihn dahingeben sollte; aber dem 
Herrn sei gedankt, das habe ich bei mir befunden, und 
befinde es auch noch kräftig bei mir, daß ich viel lieber 
mein Leben für meine Brüder lassen, als jemanden in 
Ungelegenheit bringen oder bekannt machen will, um 
dadurch mein Leben zu retten. Dieses sage ich (Gott 
weiß es) aus Glauben, und nicht aus Ruhm. So viele 
aber unter ihnen sind, die Gott gefallen, ich mag sie 
gesehen haben oder nicht, diese (gleichwie auch sonst 
andere) urteile ich nicht, denn sie stehen dem Herrn. 

Desgleichen sage ich auch, daß ihr euch mit den 
andern nichts zu schaffen macht, es sei denn, daß sie 
von Herzen in dem Treiben wegen der Ehe und auch 
in andern Artikeln zurückkehren, sich vor Gott demü- 
tigen und sich auch im Leben mehr einschränken, als 
sie bisher getan haben, denn Pracht und Hoffart stinkt 
vor dem Herrn, darum ist es auch meinen Augen nicht 


angenehm oder gefällig. Darum legt es ab, denn es 
ist vor Gott ein Gräuel, und lasst weder Hoffart noch 
Frechheit in euren Worten oder Handlungen einige 
Herrschaft haben, denn in der Hoffart hat alles Ver- 
derben seinen Anfang genommen, wie Tobias seinen 
Sohn lehrt. So demütigt euch nun von Herzen unter 
die starke Hand Gottes, denn den Demütigen gibt er 
Gnade, den Hoffärtigen aber widersteht er. Was im 
Übrigen meine Umstände betrifft, so lasse ich euch 
wissen, daß ich mich dem Herrn ganz in seine Hände 
übergeben habe, was er will, das will ich auch. Ich 
weiß mir nichts zu erwählen, als daß ich Ihm ein ange- 
nehmes Opfer werden und bei Tage draußen vor dem 
Stadttore mein Opfer tun möchte. O wie sehr wollte 
ich Ihm danken! O meine lieben Mitglieder, aus wel- 
cher großen Traurigkeit hat mich der Herr erlöst, die 
ich Tag und Nacht in meinem Herzen getragen habe 
wegen der niederländischen Reise! Aber o welch ein 
treuer Gott! Wiewohl weiß er zu rechter Zeit diejeni- 
gen aus der Versuchung zu erretten, die Ihm solches 
von Herzen Zutrauen können. 

Es ist mir oft vorgekommen, ich würde nicht hin- 
wegkommen, der Herr würde es anders fügen, wie 
auch mein liebes Weib und Schwester in dem Herrn 
wohl weiß, denn ich habe deswegen viele Reden mit 
ihr gehabt, dem Herrn müsse ewig gedankt sein. Ich 
habe von allen Gemeinden Abschied genommen und 
von einem jeden unter ihnen von Herzen begehrt, 
man sollte es mir vergeben, wenn ich jemanden be- 
trübt hätte; ich habe mich auch hin und wieder so 
gegen sie erklärt, und bin damit fortgezogen; aber es 
stand mir eine viel bessere Reise vor, auf welcher ich 
mich nun befinde, der Herr sei dafür gelobt, denn ich 
lebe in guter Hoffnung, sie werde mir durch Gottes 
Gnade zum großen Gewinn dienen. O meine Brüder, 
mein Herz ist voll Freuden, ja, es fließt über von Freu- 
den, es dünkt mich vor Freuden, daß ich den Himmel 
offen sehe. O möchte ich doch durch Schreiben (weil 
ich mit euch zu reden verhindert werde) mein Herz 
gegen euch ausschütten und abkühlen; es fehlt mir 
an Tinte; wie es mit mir steht, so steht es auch mit 
Joosken und Hermann, meinen lieben Mitgefangenen 
Brüdern; wir warten auf unsern Gott und grüßen euch 
alle mit einem heiligen Kusse. Der Gruß mit meiner 
Hand ist dieser: Die Gnade des Herrn Jesu Christi sei 
mit allen Gläubigen in Christo bis ans Ende, Amen. 

Lasst euch meine jungen Waisen und alle andern 
anbefohlen sein, wie wenn ich es selbst wäre, zieht sie 
auf mit Bestrafen und Züchtigung in der Frömmig- 
keit, lehrt sie lesen und wenn es Zeit ist, so haltet sie 
zur Arbeit an; wenn ihr könnt, so lasst Aelken hei- 
len, ich verspreche ihm die drei Stücklein Geld, das 
silberne und die beiden andern, auch einem jeden 



373 


derselben ein Testament, das soll ihr Erbgut sein von 
ihrem Vater. 

Desgleichen lasst euch auch mein Weib befohlen 
sein, solange sie Gott fürchtet, wie ich hoffe, daß sie 
tun wird bis an das Ende, wenn sie anders wieder 
frei wird. Der Herr erkennt, was ich euch gesagt, und 
was ich bei allen Gläubigen gesucht habe, nicht Reich- 
tümer oder Schätze auf dieser Erde, sondern die Se- 
ligkeit der Seelen der Menschen; auch begehre ich, 
daß ihr euch fest zusammenhaltet mit Lehren, mit Er- 
mahnen, mit Bestrafen. Folgt euren Vorgängern und 
unterwerft euch ihnen, denn sie wachen über eure See- 
len, und ihr Diener flieht allen Schein und seid von 
Herzen allen Gläubigen ein Vorbild der guten Werke. 
Lest, wie Paulus seinen Timotheus und Titus ermahnt 
habe; lasst es euch auch zur Warnung dienen, der 
Herr gebe euch Verstand, Amen. Liebe Brüder, von 
unserem Verhöre und Examen habe ich früher, wie 
ihr wisst, auf das Kürzeste geschrieben; aber sollte ich 
euch alle Fragen, die sie an mich getan haben, und 
meine Antworten darauf der Reihe nach aufschrei- 
ben, so müsste ich dazu zuviel Tinte, Papier und Zeit 
haben, insbesondere aber, wenn ich euch schreiben 
wollte, was zwischen mir und dem Grafen den Tag 
über teils in Freundlichkeit und auch wohl mit gesal- 
zenen Reden verhandelt worden ist, denn es ist sehr 
viel. Übrigens aber, wenn wir wären, wo uns der Graf 
hinwünscht, so waren wir frei; sein Gewissen ist nicht 
frei, es klagt ihn an, der Herr wolle ihm rechte Buße 
in sein Herz geben, auch ihm die Augen seines Her- 
zens öffnen, um den Willen Gottes zu erkennen und 
das Licht von der Finsternis zu unterscheiden, damit 
er die Finsternis hassen und ganz verlassen und das 
rechte Licht lieben und demselben von ganzem Her- 
zen anhangen möge, damit er auch an dem Tage mit 
den wahren Kindern des Lichts seinen Teil von der 
Hand des Herrn empfangen möge. Das wünsche ich 
ihm und allen unsem Feinden und Widersprechern 
von Gott (so viel es möglich ist) aus dem Grunde mei- 
nes Herzens; sonst geht es uns noch wohl an Leib und 
Seele. Wir hoffen, daß wir die Zahl der Frommen wer- 
den erfüllen helfen und mit unsern Vätern ruhen und 
auf die herrliche Belohnung aller Frommen warten 
werden. Ich grüße alle Gläubigen mit einem heiligen 
Kusse; grüßt euch untereinander mit dem Kusse der 
Liebe, und vergesst weder unserer noch eines der Ge- 
fangenen, sondern haltet an mit starkem Gebet für 
uns zu Gott; denn es ist sehr nötig, indem (wie mich 
dünkt) es gut war, zu unseres Bruders Thomas Zeit 
gefangen zu sein, denn die Arglist der Menschen ver- 
mehrt sich alle Tage; darum betet fleißig für uns, wir 
hoffen eurer auch nicht zu vergessen; der Herr sei 
mit uns allen, Amen. Von mir. Mattheiß Servaes, eu- 


rem schwachen Bruder, einem unwürdigen Diener 
und Gefangenen Jesu Christi, welchem ich diene am 
Evangelium in meinen Banden, und hoffe, daß meine 
Erlösung nahe sei. 

Ich begehre auch von dir, J. N. B., daß du dieses 
ordentlich abschreibst und dafür sorgst, daß meinem 
Weibe, welche auch gefangen sitzt, eine Abschrift da- 
von eingehändigt werde, und wenn es euch gefällt, so 
kann es auch von den Brüdern gelesen werden; dünkt 
es euch aber nicht dienlich oder zum Lobe Gottes för- 
derlich zu sein, so könnt ihr es unterlassen, denn ich 
suche darin nicht ein Haar breit mein Lob, sondern 
das Lob des Herrn, und den Trost der Freuden der 
Gläubigen. Meine Mutter grüße ich insbesondere und 
will, daß sie ohne Betrug dem Herrn diene; solches 
begehre ich auch von meinem Bruder Johann und mei- 
nen Schwestern. Geschrieben und gelesen mit vielen 
Tränen und das von Herzen. Ihr wisst, meine Brüder, 
daß ich meinen Dienst nicht unbedachtsam aufgenom- 
men habe, sondern mit vielen Tränen, ebenso über- 
gebe ich ihn nun wieder; damals zwar habe ich vor 
Traurigkeit geweint, jetzt aber weine ich aus herzli- 
cher Freude; mit Tränen habe ich den Dienst von euch 
(ich glaube auch von Gott) empfangen, aber mit Freu- 
dentränen übergebe ich ihn dem Herrn, wenn es Ihm 
gefällt, und euch wieder. Der Herr wolle meinen Platz 
wieder vielfältig erfüllen mit treuen Knechten, Amen. 
O, H., wie ist mein Herz in dem deinen! Beweist doch 
gegen alle ein väterliches Herz mit aller Demut, es ge- 
he euch wohl oder übel, so schreibt doch dem Herrn 
den Preis zu, denn er macht es alles und tut es alles 
und nicht wir. Verlasst das Volk im Niederlande nicht, 
macht es so gut als ihr könnt, straft sie scharf wegen 
der Hoffart, das begehre ich; bewahrt es wohl, was 
euch vertraut ist, H. und F., und alle vergesst es nicht. 
Grüßt mir T. W., meinen lieben Bruder, den ich in mei- 
nem Herzen liebe. Lasst euch den Handel droben im 
Lande nach göttlicher Art angelegen sein, verhütet die 
Trennungen des Volkes, wo ihr könnt. Dieses sei allen 
denen geschrieben, die gern ein Schreiben von mir 
hätten, denn ich kann nicht einem jeden besonders 
schreiben, ich suche keinen Ruhm hierin; die Gnade 
Gottes sei mit uns allen, Amen. Gegeben den 9. Juli 
1565. 

Der fünfte Brief, welchen Mattheiß Servaes aus 
dem Gefängnisse an seine Mutter und seinen 
Bruder Johann, an seinen Schwager Leonhard und 
seine zwei Schwestern geschrieben hat. 

Gnade und Friede von Gott dem Vater und das Trei- 
ben des heiligen Geistes in alle Gerechtigkeit wünsche 
ich euch allen, meine Geliebten, durch Jesum Chris- 



374 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


tum, Amen. 

Hiermit lasse ich euch wissen, liebe Mutter und 
Bruder Johann, und Fransken und Barber, meine lie- 
be Schwestern, daß es mit mir, dem Fleische nach 
(ausgenommen die Bande, die ich doch auch für gut 
halte), sehr gut stehe; um die Seele aber steht es noch 
viel besser. Dem ewigen Gott sei Lob und Dank da- 
für gesagt; er hat es so wohl mit mir unwürdigen, 
schwachen Knechte verordnet, denn es war schon 
beschlossen (wie ihr zum Teil selbst wisst), daß ich 
von euch fort ziehen sollte, aber von dieser Reise (auf 
welcher ich nun bin) wussten wir alle nichts; dieses 
war die rechte Reise, die ich tun sollte; ich bin nun 
ein wenig darauf gewandelt (dem Herrn sei Dank da- 
für), bin auch dessen noch unwürdig, wiewohl ich 
bis hierher einen sehr mühsamen und schmerzhaften 
Weg durchwandelt bin und manchen Schweißtropfen 
habe fallen lassen. Ich weiß auch wohl, daß die zarten 
Kinder des Herrn auf bösen Wegen gehen müssen; 
und wiewohl ich von den Räubern, bösen Arbeitern, 
falschen Brüdern und betrüglichen lügenhaften Apo- 
steln viel erlitten habe, und noch täglich leide, so hoffe 
ich doch, ich werde mich nicht umsehen, sondern mit 
Freuden (durch Gottes Hilfe und Beistand) fortgehen, 
bis ich zum seligen Ende gelange, und die schöne 
Stadt einnehme. Derjenige aber, der mit dem Tobias 
einen Geleitsmann sandte, und den Propheten Daniel 
in der Löwengrube bewahrte, und dem Feuer seine 
Kraft nahm, daß es die drei Männer im Ofen nicht 
beschädigen könnte, der, und kein anderer, hat mich 
auch bisher kräftig bewahrt, und ich habe eine gu- 
te Zuversicht, daß er mich auch bis ans Ende wohl 
bewahren werde, Amen. 

Ebenso richte ich an euch, meine liebe Mutter und 
Johann, meinen Bruder, und meine beiden Schwes- 
tern meine vielfältige Bitte, wie auch väterliche und 
brüderliche Ermahnung, daß ihr standhaft in der Gott- 
seligkeit vor Gott wandelt, denn es wird nicht helfen, 
daß man ruft Herr, Herr, wenn man sich nicht beflei- 
ßigt zu tun, was er geboten hat; darum tut von euch 
hinweg eigene Weisheit und Hoffart, und hütet euch 
vor schnellem Zorn und Heftigkeit der Sinne, denn 
es erweckt nichts Gutes, sondern verunreinigt das Ge- 
müt, und befleckt das Gebet. Ein jeder hüte sich, daß 
sein Gewissen nicht mit falschen, boshaften und ver- 
kehrten Gedanken befleckt werde, denn sie scheiden 
von Gott. Ich begehre auch von dir, meine liebe Mut- 
ter, die du mir in meinem Herzen sehr lieb bist, daß 
du mit geringem Essen und Trinken zufrieden sein 
wollest, und daß keine bösen Gedanken in dein Herz 
kommen mögen, sondern danke Gott für alles, und 
denke, daß du dich oft in Kottenem nicht hast satt 
essen können, und wenn du noch jetzt dort wärest. 


und hättest das Gut noch in deinem Besitze, müsstest 
auch Tag und Nacht mit Mühe und Arbeit kämpfen, 
so hattest du kaum die Notdurft davon. Halte mir 
doch dieses zu gute, meine liebe Mutter, denn es ge- 
schieht alles um des Guten willen, damit dein Herz 
rein und ohne böse Gedanken sei und du dadurch 
Gott schauen und die Seligkeit erlangen mögest. Fer- 
ner begehre ich auch von euch allen, was ihr tut, das 
tut alles freiwillig ohne Murren und Zank, damit ihr 
von niemandem angeklagt werdet. Ich hatte drei Kö- 
nigstaler für dich, mein Bruder Johann, und meine 
Mutter zum Abschiede bestimmt, habt ihr sie nun 
nicht, so denke ich doch, ihr werdet sie empfangen; 
haltet Barber zur Arbeit, und ermahnt sie, daß sie 
Gott von Herzen fürchte, solches begehre ich auch 
von euch allen, denn es ist niemand unter euch, von 
welchem ich mehr Mühe und Kummer gehabt habe. 
Desgleichen wünsche ich auch meinem Schwager das 
höchste Gut von Gott. Schließlich begehre ich von dir, 
meine liebe Mutter, du wollest wegen meiner Ban- 
de und Gefangenschaft weder sehr bekümmert, noch 
betrübt sein, sondern danke dem Herrn dafür, der 
mich bewahrt hat, daß ich nicht um Übeltat, sondern 
um seines Namens willen hierher in diese Bande und 
Gefangenschaft gekommen bin; darum brauchen wir 
beide uns auch nicht darüber zu schämen. Bitte auch 
fleißig für mich, daß er mich ferner vor allem Bösen 
bewahren, und mir ein standhaftes Gemüt und eine 
rechtschaffene Geduld geben wolle, damit ich bei sei- 
nem Worte in jeder Versuchung und Betrübnis bis ans 
Ende standhaft verharren möge. Nimm dir auch, mei- 
ne liebe Mutter, die Tapferkeit der Mutter der sieben 
Söhne zum Vorbilde, wovon man im zweiten Buche 
der Makkabäer im siebten Kapitel liest, denn diese 
Mutter mit den sieben Söhnen hat ihr verständiges 
Gemüt in vollkommener Weisheit mit männlichen Ge- 
danken erweckt, und zu ihren Söhnen gesagt: Ich ha- 
be euch weder Atem noch Seele gegeben, auch nicht 
das Leben; ebenso habe ich auch eure Glieder nicht 
zusammengesetzt, sondern der Schöpfer der ganzen 
Welt, der alle Menschen erschaffen hat, wird euch 
den Atem und das Leben wieder aus Gnaden geben, 
gleichwie ihr das nun um seinetwillen dahin waget 
und übergebt. 

Sieh, meine Mutter, welch ein männliches Gemüt 
war dieses; so sei nun auch männlich, und übergib 
mich willig dem Herrn, der mich dir gegeben hat, 
denn wir sind dessen auch gewiss, daß wir das Le- 
ben (welches wir um des Namens Christi willen gern 
verachten und verlassen), an jenem Tage wieder emp- 
fangen und ewiglich besitzen werden. Dieses habe 
ich dir, meine herzlich geliebte Mutter, in der Kürze 
zu Gemüte führen wollen, damit du männlich und 



375 


getrost wegen meiner Banden sein und auch dein Le- 
ben nicht lieben mögest, sondern es willig um des 
Namens Christi willen (wenn es noch dazu kommen 
sollte) dahin geben mögest; und weil dich der Herr 
fast um die elfte Stunde berufen und in seinen Wein- 
berg gesandt hat, so wende doch nun allen möglichen 
Fleiß an, daß du diese Stunde des Herrn Werk treulich 
treibst, und gedenke an des Propheten Wort, wo er 
sagt: Verflucht sei der Knecht, der seines Herrn Werk 
nachlässig treibt. Darum sei getreu, und erwarte den 
Abend in Geduld, dann wirst du auch den Groschen, 
ja, die schöne Krone und das herrliche Reich von der 
Hand des Herrn mit allen Kindern Gottes empfan- 
gen. Der Gott aber, der allein weise ist, mache uns 
alle geschickt, in allen guten Werken seinen Willen zu 
erfüllen, und mache auch, daß unsere Werke vor ihm 
angenehm seien durch Jesum Christum, welchem sei 
Ehre und Macht in alle Ewigkeit, Amen. 

Seid Gott sämtlich befohlen; wir müssen hier von- 
einander scheiden; bittet Gott für mich, wie ich auch 
für euch bitte; ich grüße alle Gläubigen. 

Der sechste Brief, welchen Mattheiß Servaes von 

Kottenem, aus dem Gefängnisse (an sein liebes 

Weib und Mitgefangene Schwester in dem Herrn) 
geschrieben hat. 

Gnade, Friede, Freude im Herzen, durch Jesum Chris- 
tum, sei mit dir, mein herzlich geliebtes Weib, die ich 
in meinem Herzen lieb habe, ja, so lieb, wie meine ei- 
gene Seele, und allen Gefangenen, die in Jesu Christo 
sind, Amen. 

Hiermit, meine liebe Schwester in dem Herrn, ant- 
worte ich dir auf deine erste Äußerung, wodurch du 
deine Betrübnis darüber zu erkennen gabst, daß ich 
allein sei; aber ich bin, liebes Kind, nicht allein, son- 
dern habe den Trost aller Gläubigen bei mir; ich weiß 
nicht, ob ich auch jemals mehr Freude auf Erden ge- 
habt habe, denn ich bin gewiss und fest versichert, 
daß mir der Herr nichts schwerer auflegen werde, als 
ich ertragen kann, und ich begehre von dem Leiden 
(wenn es anders des Herrn Wille ist), nicht befreit zu 
werden, doch so, daß sein heiliger Wille geschehe. Dar- 
um, mein liebes Kind, schlage solchen Kummer aus 
dem Sinne, solches begehre ich. Was du auch ferner 
darüber sagst, daß du mir nicht gehorsamer gewesen 
bist, so beklage ich es auch von Herzen vor meinem 
Gott, daß ich nicht mehr Fleiß angewandt habe, als 
ich bisher getan habe; darum sollen wir uns nicht rüh- 
men, sondern vielmehr es beklagen, denn ich sage 
mit Salomo: »Wer kann sagen, mein Herz ist rein und 
ich bin rein von meinen Sünden?« Hiermit stimmt auch 
die Rede des Esra überein, wenn er sagt: »Der Sünder 


soll nicht sagen, daß er nicht gesündigt habe, denn feu- 
rige Kohlen werden auf dessen Haupte brennen, welcher 
sagt: Ich habe nicht gesündigt vor Gott dem Herrn und 
seiner Herrlichkeit!« Hierüber sagt auch der Apostel Jo- 
hannes in seinem ersten Sendbriefe im ersten Kapitel: 
Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so verfüh- 
ren wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. 
Darum, liebes Weib, mögen wir uns wohl beklagen. 
Und mit David bitten: O Herr! Geh nicht ins Gericht 
mit deinem Knechte, sondern sei uns gnädig nach dei- 
ner Güte, und tilge meine Sünden nach deiner großen 
Barmherzigkeit; ja, wenn wir auch alles getan hätten, 
was wir zu tun schuldig sind, so gebührt uns doch 
noch zu sagen: »Wir sind unnütze Knechte, wir haben 
nichts getan, als was wir zu tun schuldig waren.« Darum 
dürfen wir uns nicht zu denen zählen, die durch ihre 
Werke selig und gerecht sein wollen, sondern viel- 
mehr zu denen, von welchen die Schrift sagt: »Selig 
sind die, welchen ihre Ungerechtigkeiten vergeben sind, 
und denen ihre Sünden bedeckt sind; selig ist der Mann, 
welchem Gott keine Sünden zurechne.« Vielleicht ist auch 
unser Maß und unsere Zeit auf Erden bald erfüllt, 
daß uns der Herr noch vor unserm Ende läutern will, 
oder vielleicht hätten wir unsere Übertretung (um der 
Schwachheit willen) anders nicht recht erkennen kön- 
nen, als auf solche Weise, damit wir recht für dieselbe 
büßen möchten, ehe wir hinweg genommen werden, 
denn man kann oder mag nicht besser Buße wirken 
als in der Züchtigung der Banden. Davon haben wir 
ein klares Exempel an Manasse, dem Könige von Ju- 
da, welcher sich nicht daran kehrte, wie sehr ihn auch 
der Herr durch den Propheten warnte, ja, es half alles 
nichts, bis er von den Feinden ins Gefängnis zu Babel 
geführt wurde; da bekannte er erst seine Sünden, und 
tat Buße. Gewiss hat uns der Herr lieb, weil er uns 
hierher berufen hat. Daran zweifle nicht, mein liebes 
Weib, sondern laß uns unser ganzes Vertrauen auf den 
Herrn setzen, und jeden Zweifel von uns werfen, da- 
mit wir nicht in größere Sünde fallen. Haben wir aber 
gesündigt, so müssen wir es nicht wieder tun, damit 
uns nicht etwas Ärgeres widerfahre; und das ist auch 
die beste Buße, nämlich, nicht wieder zu sündigen. 
Ach, mein liebes Weib, sei guten Muts, und lege deine 
Traurigkeit oder Sorge auf den Herrn, und verzage 
nicht, denn er wird für uns sorgen. Gedenke an die 
freundlichen Worte des Herrn, wenn er sagt: »Kommt 
her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will 
euch Ruhe geben!«, denn der Herr wird unserer geden- 
ken, und uns nicht vergessen, ja, vielweniger will er 
uns vergessen, als eine Mutter ihr Kind, welches sie 
neun Monate getragen hat; und wenn auch eine Mut- 
ter ihres Kindes vergäße, so will er unserer doch nicht 
vergessen, und will uns bewahren, wie seinen Aug- 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


apfel. Daß uns aber der Herr ins Gefängnis hat kom- 
men lassen, geschieht zu unserm Heile, damit wir, so 
gezüchtigt, rechten Gehorsam lernen, denn dadurch 
können wir gereinigt, und dazu recht geprüft werden, 
ob wir auch etwas lieber haben, als unsern Herrn Je- 
sum Christum. Es lässt sich zwar noch ertragen, daß 
man Mann, Weib, Kinder, Vater, Mutter, Schwestern, 
Brüder, Häuser oder Äcker um des Namens Christi 
willen verlässt, wenn es aber dem Menschen an das 
eigenen Leben geht, dann wird es erst recht geprüft 
und geläutert, denn der Mensch gibt Haut um Haut, 
und alles was er hat, lässt er für sein Leben, wie beim 
Hiob steht. Aber Christus hat gesagt, daß man solches 
alles hassen und verlassen müsse, selbst das eigene 
Leben, und daß man das Kreuz aufnehmen und ihm 
nachfolgen müsse. 

Wer nun solches nicht tut, der kann auch (sagt er) 
mein Jünger nicht sein; aber wir können nicht füg- 
licher hassen oder absagen, als wenn wir uns dem 
Herrn ganz übergeben, sodass wir mit der Wahrheit 
sagen mögen: Herr, dein heiliger Wille geschehe!, das 
ist: Herr, es geschehe, was du willst! Sieh, mein liebes 
Weib, das heißt recht absagen. Lerner ist mein Begeh- 
ren an dich und alle Gefangenen, daß ein jeder sich, so 
viel er in seinem Gewissen Anklage findet, um desto 
mehr vor seinem Gott demütige, denn die Zeit der 
Gnade, und der Tag des Heils, ja, die angenehme Zeit 
ist noch vorhanden. Lasst uns nicht aufhören anzu- 
klopfen, bis er sich über uns erbarme, uns auftue, und 
uns, um des imverschämten Rufens willen, gebe, so 
viel wir bedürfen. Denn er ist doch ein gnädiger Gott; 
er vergibt sehr gerne, und gereuet ihn bald des Bö- 
sen, und welche sich von Herzen zu ihm wenden, zu 
denen wendet er sich auch wieder; aber die von ihm 
abweichen, derer Namen werden in die Erde geschrie- 
ben. Darum sollte sich der Mensch wohl bedenken, 
der ihn um Gnade bittet, daß er es auch von Herzen 
meine, denn obschon der Mensch mit dem Munde 
klagt, so kennt doch der Herr das Herz; darum lasse 
es sich ein jeder Ernst sein, denn wenn das nicht ge- 
schieht, so kann er es nicht ausführen. Lasst es nun 
offenbar werden, ob ihr Gott recht liebt, ja, ob ihr ihn 
über alles liebt. 

O welch ein großes Wort ist es, das Petrus sagt: 
»Auf daß unser Glaube viel köstlicher erfunden werde , als 
das vergängliche Gold, das durch Feuer geläutert wird.« 
Beweist nun die rechte Tugend des Glaubens, und 
bezahlt dem Herrn das Gelübde, das ihr ihm zugesagt 
habt, und lasst euch weder zur rechten noch linken 
Hand abführen, sondern bleibt gerade mitten auf der 
Straße, so werdet ihr hinein kommen; denn wer auf 
des Herrn Wege ausharrt bis ans Ende, der und kein 
anderer soll selig werden; hierzu helfe uns allen der 


gnädige Gott durch Jesum Christum, Amen. Ich muss 
mit großer Purcht schreiben. O mein liebes Weib, und 
ihr alle! Ich befehle euch dem treuen Gotte; er wolle 
euch und mich fest bewahren bis ans Ende, Amen. Die 
Gnade unsers Herrn Jesu Christi sei mit euch, Amen. 
Nehmt euch auf mit dem heiligen Kusse der Liebe, 
und gedenkt meiner von Herzen, das hoffe ich auch 
an euch zu tun. Und wenn wir uns auf dieser Erde 
einander nicht Wiedersehen sollten, so gebe der Herr 
Gnade und Kraft, daß wir hier so handeln mögen, daß 
wir einander dermaleinst in der ewigen Preude bei al- 
len Kindern Gottes von Angesicht zu Angesicht sehen 
mögen, Amen. Ach, mein liebes Aeltgen, vergiss doch 
meine Ermahnung nicht, die ich dir oft gegeben habe, 
nämlich, daß du dir Gott stets vor Augen stellen und 
aufrichtig vor ihm wandeln wollest; ich meine euch 
alle zugleich mit diesem Schreiben. O Herr, erhalte 
uns! Amen. Sei nur guten Mutes, mein liebes Weib 
und Schwester in dem Herrn, und lege allen Kummer 
von dir; denn wer ist der Mensch (wie oben gemeldet), 
der sagen kann: Ich habe nicht gesündigt, mein Herz 
ist rein, rein bin ich und von Sünden frei. Ich hätte dir 
auch viel ernstlicher vorwandeln können, als ich wohl 
getan habe, doch wolle Gott alles von uns nehmen, 
was Ihm an uns missfällt, Amen. Hüte dich, meine 
liebe Schwester in dem Herrn, denn der Teufel sucht 
dem Menschen Bekümmernis zu machen. 

Dieses habe ich auf Cunebertsturm geschrieben, 
aber jetzt sind wir in des Grafen Hause, ich. Mattheiß 
und Hermann, meinen jeden Tag, daß wir unsere Op- 
fer tun werden, womit wir auch von Herzen zufrieden 
sind, wenn uns Gott würdig achtet. Bewahret diesen 
Brief wohl, daß er denen nicht unter die Augen kom- 
me, die uns peinlich fragen, damit andere dadurch 
nicht zu Schaden kommen. Der Friede Gottes sei mit 
uns allen, Amen. 

Der siebte Brief von Mattheiß Servaes, aus dem 
Gefängnisse an I. N. und seine Brüder geschrieben. 

Gnade und Friede sei mit dir und allen Gläubigen in 
Christo Jesu, Amen. 

Ferner sollt ihr wissen, liebe Brüder und Schwes- 
tern, daß es mit uns noch sehr wohl stehe, nämlich 
mit mir und Hermann, denn unsere Herzen sind vol- 
ler Freuden, ja, sie fließen über von Freuden. Die Zeit 
wird uns so kurz als wohl jemals. Des Nachts loben 
wir unsern Gott in Einigkeit unseres Mundes; wir 
sitzen jetzt allein. Des Bischofs Kaplan, Eberhard ge- 
nannt, ist abermals bei mir gewesen, den Samstag 
nach Jakobus, und hat von der Kindertaufe und von 
der Auferstehung der Toten sehr freundlich mit mir 
geredet. Der Graf sagte zu mir: Lieber Mattheiß, sage 



377 


uns doch deine gründliche Meinung über diese Arti- 
kel; denn ich habe dir gesagt, daß euer Volk, das auf 
dem andern Turme ist, selber bekannt hat, daß die 
Toten nicht auferstehen werden; von dir aber habe ich 
noch keinen klaren Bericht empfangen. Weil du sie 
nun gelehrt hast, so müssen sie es (sagte er) von dir ha- 
ben. Hierauf erwiderte ich: Es ist wahr, Herr Graf, du 
hast neulich dergleichen Reden mit mir gehabt, und 
ich habe dir damals meine Antwort gegeben, gleich- 
wie auch jetzt, nämlich, daß ich alle Gefangenen zu 
Zeugen nehme, wie ich keine andere Ansicht in mei- 
ner Lehre (die doch nicht mein, sondern Christi ist) 
vorgetragen habe, als daß die Zeit kommen werde, 
daß die Toten aus den Gräbern auferstehen werden, 
die Frommen zum Leben, die Bösen aber zum ewigen 
Tode, und daß wir alle vor dem Richterstuhle Christi 
offenbar werden müssen, damit ein jeder an seinem 
Leibe empfange, je nachdem er getan hat, es sei gut 
oder böse; aber daß dieses Fleisch und Blut, wie wir 
nun gehen, das Reich Gottes ererben sollte, habe ich 
nicht gelehrt, sondern das Gegenteil, nämlich, daß 
Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht ererben möge, 
auch soll das Vergängliche nicht das Unvergängliche 
ererben, IKor 15,50. Darauf sagte Eberhard, der Ka- 
pellan, er glaube auch nicht, daß dieses Fleisch und 
Blut das Reich Gottes ererben werde; auch sagte ich: 
Wir werden verändert werden; wer aber nun wissen 
will, wie das zugehen wird und wie die Toten auferste- 
hen und mit welchen Leibern sie erscheinen werden, 
solchen sagt Paulus: »Du Narr, was du säst, wird nicht le- 
bendiggemacht, es sei denn, daß es sterbe; und was du säst, 
ist nicht der Leib, der da zuerden soll, sondern ein bloßes 
Korn, nämlich Weizen, oder sonst ein anderes; aber Gott 
gibt ihm einen Leib, zvie er will.« Das ist, sagte ich, mein 
Grund. Ach, möchte ich würdig werden, mit den Ge- 
rechten aufzustehen, darum bin ich bekümmert; was 
mir aber der Herr für einen Leib geben wird, das stelle 
ich Ihm anheim; ich bin auch damit wohl zufrieden; 
ich werde weder vor dir, noch vor sonst irgendeinem 
Menschen, mehr bekennen. Darin, sagte er, sind wir 
auch nicht sehr verschiedener Meinung. 

Darauf sagte ich weiter: Man ruft nun über uns: Der 
hat dies, und jener hat das, und ein anderer etwas an- 
deres bekannt; lieber geht doch unter euer Volk und 
fragt jeden Einzelnen um alle Artikel; meint ihr auch 
wohl, daß sie euch etwas Gewisses antworten oder 
bekennen werden? Gewiss gar nichts, oder doch sehr 
wenig. Es ist wahr, sagte er. Wir redeten auch noch 
manches wegen der alten Schreiber in Ansehung der 
Kindertaufe; ich verwarf sie alle, und stellte sie Gott 
anheim; aber er bat, ich sollte mich bedenken. Sol- 
ches begehrte ich auch von ihm und sagte: Ich bin 
in meinem Herzen versichert und versiegelt, daß es 


die lautere Wahrheit sei; ich begehre dabei zu sterben 
und das Leben zu lassen; auch sagte ich ihnen etwas 
von ihrer unreinen und gebrechlichen Gemeinde, von 
dem Hurenhause, Spielhause, der Fechtschule und 
von ihrem täglichen Leben, das sie nach allen heid- 
nischen Weisen führten, desgleichen auch von dem 
Unrechte und der Gewalt, welche sie mit Peinigen an 
uns ausgeübt hatten, nur weil wir keine Verräter sein 
wollten; dies alles gab ich ihm zu bedenken, wenn er 
ein Hirte der Schafe wäre. Darauf sagte er, es wäre 
ihm von Herzen leid. Die Gesichtszüge des Grafen 
(wie mir vorkam) veränderten sich. Sie standen auf; 
darauf gab mir Eberhard die Hand, und befahl mich 
dem Herrn sehr freundlich. 

Also steht es noch sehr wohl mit uns, dem Herrn sei 
Dank gesagt, Amen. Gedenkt unserer Tag und Nacht 
im Gebete, was wir auch wieder für euch zu tun ge- 
sinnt sind; ich wollte auch, daß alle Gefangenen ge- 
warnt und ermahnt werden möchten, alle Gespräche 
abzuschlagen, sie dürfen solche kecklich abschlagen. 
O Brüder! Wie fein und klüglich stellen sie ihre Net- 
ze vor meine Seele, um sie hineinzujagen; aber sie 
werden sie nicht fangen; ich habe dazu eine gute Hoff- 
nung, denn es ist vergeblich das Netz vor den Augen 
der Vögel auszuwerfen. 

Darum ist das mein Begehren an alle Gefangenen, 
daß sie ihren Mund bewahren und ihre Zunge im Zau- 
me halten wollen. Weil der Gottlose (wie David sagt) 
vorhanden ist, so seid nicht schnell im reden; damit 
ihr euer Herz nicht verführt, und wartet in Geduld, 
bis Christus in euch redet, oder sein Geist durch euch 
(nach seiner Verheißung). Schämt euch auch nicht, 
wenn ihr auch nicht auf alle Fragen antwortet, denn 
darum hat sich auch nicht geschämt, der die Weisheit 
Gottes selbst war, nämlich Christus, wovon uns die 
Schrift des alten und neuen Testamentes ein sattsames 
Zeugnis gibt. Und wenn ihr auch wegen anderer ge- 
fragt werdet, die noch draußen oder im Gefängnisse 
sind, ob sie mit uns seien oder nicht, ob sie getauft 
seien oder nicht, so könnt ihr antworten: Ich liege 
hier nicht für einen andern, sondern für mich selbst; 
darum kann ich für mich und nicht für einen andern 
reden; wenn sie euch dann mit Peinigen oder langer 
Gefangenschaft bedrohen, so lasst sie drohen, lasst 
sie peinigen, werft euer Vertrauen fest auf den Herrn, 
dann werden sie wohl nicht mehr tun können, als 
Gott (der des Königs Herz in seiner Hand hat) zulässt. 
Ist es dann des Herrn Wille, daß ihr leidet, so gedenkt, 
daß ihr oft gesagt habt: Herr, dein Wille geschehe; 
und in Wahrheit, wenn ihr dem Herrn fest vertraut, 
so sind auch eure Haare auf eurem Haupt gezahlt, 
deren keines ohne des Vaters Willen abfallen soll. 

Darum fürchtet euch kein Haar breit vor ihrem Dro- 



378 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


hen und erschreckt nicht, sondern haltet dem Herrn 
still mit Langmut und Geduld in allem, was euch um 
der Wahrheit willen begegnet. Vertraut Gott, er wird 
euch nicht verlassen bis in den Tod, Amen. 

Wenn ich aber, meine lieben Mitglieder, vermuten 
könnte, daß es sowohl dem Preise Gottes als auch 
eurer und ihrer Seligkeit förderlich wäre, wenn ihr 
ihnen von allem, um was sie euch fragen, Rede und 
Antwort geben würdet, so wollte ich euch nicht allein 
ermahnen zu warten, bis ihr gefragt werdet, sondern 
ich wollte euch auch noch dazu mit Bitten und Ermah- 
nung bewegen, daß ihr es ihnen willig, ehe ihr von 
ihnen gefragt würdet, vorstellen und bekennen solltet; 
aber wie sie die Ehre Gottes, und eurer, ja, auch ihrer 
eigenen Seelen Heil und Seligkeit hierin suchen, das 
will ich einem jeden gottesfürchtigen Liebhaber der 
Wahrheit, mit einem unparteiischen Urteile selbst zu 
bedenken und zu erwägen geben. 

Darum bewahrt euren Mund, meine Geliebten, wie 
oben gemeldet worden ist. Ich habe ein Lied gemacht, 
jedoch nicht aus Leichtsinn; deshalb wollte ich auch, 
daß es gesungen würde, nicht mir, sondern Gott zum 
Preise. 

Liebe Brüder, lasst mich eurem Gebete treulich an- 
befohlen sein! Ich grüße euch alle mit dem Frieden 
unsers Herrn Jesu Christi; wer den nicht lieb hat, der 
ist Anathema Maharam Motha. Die Gnade unseres 
Herrn Jesu Christi, die Liebe Gottes und die Gemein- 
schaft des heiligen Geistes sei mit uns allen, Amen. 

Der achte Brief von Mattheiß Servaes an Aeltgen, 
sein Weib, aus dem Gefängnisse geschrieben. 

Die Gnade Gottes sei und bleibe bei dir und allen 
Glaubensgenossen in Christo, welche bei dir und an- 
derswo sind, nebst einem rechten Frieden, freundli- 
cher Liebe, standhafter Geduld und beständiger Aus- 
harrung, alles dasjenige bis ans Ende zu ertragen, was 
uns auferlegt wird von dem Leiden, das noch am Lei- 
den Christi übergeblieben ist, Amen. 

Ferner, mein liebes Weib, die ich von unserer ersten 
Zusammenkunft an (dessen der Herr, wie ich hoffe, 
mein Zeuge ist) mehr der Seligkeit als dem Fleische 
nach geliebt habe, gleichwie ich auch für deine Seele 
sowohl, als auch für die meine Sorge getragen, und 
dich dazu ermahnt habe, wozu wir nun gekommen 
sind, dem Herrn sei ewig Lob dafür gesagt. 

Meine liebe Schwester in dem Herrn, du kennst den 
Kummer wohl, welchen ich wegen des Wegziehens 
gehabt habe, und wenn auch etwa jemand denken 
möchte, ich hätte einen Gefallen daran gehabt, so ist 
dem nicht so, denn ich habe von der Zeit an so oft 
begehrt, wenn es mir zur Seligkeit dienen würde, daß 


ich auf irgendeine Weise der Sache entübrigt werden 
möchte, es sei durch Gefängnis oder durch den Tod. 
Nachdem es aber dem Herrn gefallen hat, daß wir 
noch zuvor durch Leiden hier auf Erden Zeugen sei- 
nes Wortes und Namens sein sollen, wie du auch mehr 
als einmal begehrt hast, daß ich dem Herrn durch Lei- 
den heimgeführt werden möchte (nicht weniger hast 
du auch verlangt, daß du mit mir gefangen werden 
möchtest, wie es denn nun geschehen ist), so laß uns 
nun auch geduldig sein, und dem Herrn danken, daß 
er uns erhört und unser Gebet erfüllt hat; darum laß 
uns auch nichts anderes bitten, als was wir bisher ge- 
betet haben, nämlich: Herr, dein Wille geschehe. Ich 
übergebe mich dem Herrn, dem ich gedient habe, wil- 
lig in seine Hand; sei meinetwegen nicht beschwert. 
Wolltest du aber etwa denken, es möchte uns noch viel 
Leiden zustoßen (was doch in des Herrn Hand steht), 
so denke auch: Wenn uns des Leidens viel bereitet 
ist, so ist uns auch dagegen viel mehr Trost zuberei- 
tet, denn gleichwie des Leidens Christi viel über uns 
kommt, so werden wir auch reichlich getröstet durch 
Christum. Ich habe keine Zeit mehr zu schreiben, aber 
halte nur stark an, bis du Hinweggenommen wirst; 
alsdann, und nicht eher, ist die Krone des Lebens be- 
reitet. Dieses sei auch dir, meine liebe Schwester Anna, 
und allen, die bei dir sind, geschrieben. Der Gruß mit 
meiner Hand. Die Gnade unsers Herrn Jesu Christi 
sei mit euch allen, Amen. 

Grüßt euch untereinander mit einem heiligen Kus- 
se. Unsere Brüder grüßen euch alle. Gedenkt unserer, 
und seid guten Mutes, denn dieses ist das erste Erbe, 
das uns hier verheißen ist, welches wir auch besitzen 
müssen, wenn wir das Ewige ererben wollen, wo alle 
Tränen, die nun aus unsern Augen fließen, abgewischt 
werden sollen, und alle Betrübnis in ewige Freude ver- 
wandelt werden soll; denn unsere Trübsal, die zeitlich 
und leicht gegen das Ewige ist, bringt eine ewige und 
über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit uns, die wir 
nicht auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare 
sehen. Darum wendet eure Augen ab von dem allen, 
was sichtbar ist, und seid hiermit der Gnade Gottes 
befohlen, Amen. 

Der neunte Brief von Mattheiß Servaes an F. V. H. 
aus dem Gefängnisse geschrieben. 

Die heilsame Gnade Gottes vermehre sich bei dir und 
allen Frommen durch Jesum Christum in Kraft des 
heiligen Geistes, Amen. 

O meine sehr geliebte Freundin in dem Herrn F., 
ich kann dir aus Liebe nicht verhehlen, daß ich dein 
Begehren gern erfüllen wollte, aber es mangelt mir an 
vielen Dingen, an Papier und Tinte, auch werde ich 



379 


so genau bewacht wie Gold, sodass ich weder Briefe 
empfangen noch aussenden kann. Darum halte mir 
dieses kleine Brieflein zu gut, denn ich habe es um 
des Guten willen geschrieben; es ergeht nun an dich 
mein herzliches Ermahnen und Begehren, du wollest 
für dein Leben von Herzen Sorge tragen und es so 
einrichten, daß es doch dem Worte Gottes und dem 
Vorbilde Jesu Christi gleichförmig sei, und bedenke es 
fleißig, wie du mit mir geredet hast. Liebe Gott über 
alles, und verlasse die Versammlung nicht, wie bisher, 
denn wenn du noch etwas lieber hast als ihn, so bist 
du seiner nicht wert. Wache recht auf, meine Freundin 
in dem Herrn, denn es gilt hier kein Mundglaube, wie 
du selbst wohl weißt, sondern es muss ein lebendiger, 
ja, durch die Liebe tätiger Glaube sein, soll man an- 
ders hier und nachher vor Gott bestehen; aber solchen 
Glauben wirke in dir und in allen, die es von Her- 
zen begehren, der Gott Schaddai, Amen. Wie es sonst 
mit mir steht, kann ich nicht genug beschreiben, denn 
der Herr gibt große Freude in mein Herz, sodass ich 
von Gott (wenn es anders sein Wille wäre) begehrte, 
daß ich gebunden durch Köln geführt, und von der 
einen Straße zur andern mit Ruten gepeitscht würde, 
damit sein Name offenbart, mein Leib aber auf der 
Folterbank geläutert werden möge, Gott allein, und 
nicht mir, zum Preis, welches auch zum Teil gesche- 
hen ist. Dem Herrn sei gedankt, Amen, der meinen 
Mund verschlossen und mich mit Kraft ausgerüstet 
hat, auch dieselbe noch täglich vermehrt, und mich 
bis ans Ende erhalten wird, Amen. 

Hiermit Gott befohlen; gedenkt unserer, gleichwie 
ich auch eurer. Grüße mir auch diejenigen, die bei dir 
sind, denen mein Gruß im Herrn angenehm ist. 

Von mir. Mattheiß Servaes von Kottenem. 

Der zehnte Brief von Mattheiß Servaes aus dem 
Gefängnisse an Mar. West geschrieben. 

Gnade und Friede vermehre sich bei dir und allen 
Gläubigen von Gott, dem Vater, durch Jesum Chris- 
tum mit der Kraft des heiligen Geistes, Amen. Ach, 
meine sehr geliebte Schwester in dem Herrn M. W., 
ich kann dir nicht verhehlen (um der großen Liebe wil- 
len, die wir untereinander haben durch die Erkennt- 
nis Gottes, solange wir miteinander bekannt gewesen 
sind), daß ich oft an dich wie auch an alle Frommen 
denke, denn ich beschäftige mich damit in meinem 
Herzen Tag und Nacht. Desgleichen habe ich auch ver- 
nommen, daß du mit viel Betrübnis an mich denkst 
und wünschest (wenn es hätte sein mögen), daß es 
der Herr anders gefügt hätte, was ich aber nicht bitten 
oder wünschen kann, denn ich weiß es nicht, wie er es 
für mich hätte besser machen können, indem ich eine 


große Traurigkeit auf mir hatte, wie du auch wohl 
weißt; der gute Gott aber hat mich von dieser Last 
erlöst und befreit, und das nicht allein, sondern ich 
bin auch von allem Kummer frei, nicht als ob ich des 
Arbeitens müde wäre, ach nein, denn wie gern hätte 
ich dem Herrn dienen wollen, und wollte noch gern 
dienen, wenn ich ihm nur nützlich sein könnte, aber 
ich achte es so für besser, denn es muss doch einmal 
geschieden sein. Ich hoffe, der Herr werde meinen 
Platz wieder mit treuen Knechten ausfüllen, die mehr 
Gaben von ihm empfangen haben als ich; denn es ist 
dem Herrn bekannt, mit welcher Furcht, Angst und 
Bangigkeit ich euch gedient, und dabei vor Gott und 
euch mich so gering und unwürdig geachtet habe, 
sodass ich auch meine Augen in der Versammlung 
nicht wohl aufschlagen durfte; durch Gottes Gnade 
aber war ich der, der ich war, und Gottes Gnade ist 
auch an mir unter euch nicht ganz umsonst gewesen. 
Ich habe auch meinen Dienst (wie du wohl weißt) mit 
viel Tränen verwaltet; nun aber ist es (dem Herrn sei 
gedankt) lauter Freude, welche Freude ich nicht wohl 
erzählen kann. O meine liebe Schwester, wie ist das 
Joch des Herrn so süß, wie ist seine Last so leicht auf 
meinen Schultern! Ich will meinem Gott still halten, 
durch seine Hilfe; es koste auch, was es will, aber 
ich begehre, was du und alle Gläubigen, den Herrn 
für uns bittest, solches hoffen wir auch für euch zu 
tun; ich bitte nun von Herzen, daß sein Wille gesche- 
hen möge. Ach, meine liebe Schwester, wandle doch 
ernstlich und gottselig in der Stille, damit du bestehen 
mögest! Gnade sei mit euch allen, die unsem Herrn 
Jesum Christum unveränderlich lieben, Amen. 

Von mir. Mattheiß Servaes, deinem B. I. H. 

34 Männer und acht Weiber werden im Berner 
Gebiete vor und um das Jahr 1566 getötet. 

Als wir sehr begierig waren, den Zustand der gegen- 
wärtigen Glaubensgenossen, die sich im Eisass aufhal- 
ten, desgleichen auch, was sich zuvor unter ihnen in 
Ansehung ihrer erlittenen Verfolgung zugetragen hat, 
kennen zu lernen, ist uns eben (durch Vermittlung 
eines unserer guten Freunde, H. Vlaming, der gegen- 
wärtig in Amsterdam wohnt) ein Auszug aus einer 
Schrift eingehändigt worden, welche die Ältesten und 
Lehrer im Eisass hierüber aufgesetzt und hierher ge- 
sandt haben, welcher (aus der hochdeutschen Sprache 
übersetzt) lautet wie folgt: 

Was nun diese Brüder betrifft, die im Berner Gebiete 
um des Glaubens willen hingerichtet worden sind, 
so sind von dem Jahre 1528 an bis ins Jahr 1566 42 
Personen hingerichtet worden, unter welchen acht 
Weibspersonen waren. 



380 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Wir besitzen einen kurzen Auszug von ihren Na- 
men und Geschlecht, desgleichen auch in welchem 
Jahre und auf welchen Tag ein jeder derselben hinge- 
richtet worden ist. 

So weit geht der Auszug dieses Briefes, welcher von 
allen Ältesten und Lehrern im Eisass mit dem Vorna- 
men und Zunamen unterschrieben war, welche wir 
auch hier beigefügt hätten, wenn wir nicht gefürchtet 
hätten, es möchte ihnen solches gegenwärtig zu größe- 
rer Verfolgung gereichen, wovon sie noch nicht ganz 
befreit sind, wie (an seinem Orte) hiervon Anweisung 
getan werden soll. 

Hans Georgen, 1566. 

In diesem Jahre 1566 ist auch der Bruder Hans Geor- 
gen, ein Graf von Großenstein aus Welschland oder 
Italien, als er sich in Deutschland bei der Gemeinde 
(wohin er geflüchtet war) aufgehalten, und sich in sei- 
nem Christentum leutselig und wohl aufgeführt hatte, 
wieder einmal in Welschland gereist, wo er sein Weib 
zurückgelassen hatte; er wurde aber dort angebracht 
und verraten, sodass Leute von Venedig kamen, die 
ihn in Verhaft nahmen; als sie aber mit ihm auf dem 
Wasser waren, um nach Venedig zu reisen, haben sie 
ihn ins Meer geworfen und ertränkt. Sie haben ihn 
um deswillen in aller Stille über die Seite geschafft, 
damit sie nicht so viel Mühe in Venedig mit ihm ha- 
ben möchten, indem er von so hohem Stamme war. 
Also hat er um des Glaubens willen sein zeitliches Le- 
ben verlieren müssen. In Folge seines Glaubens hat er 
allen Adel dieser Welt verlassen, und wollte lieber mit 
dem Volke Gottes Schmach leiden, als unter den Sei- 
nen zeitliche Ehre und Hochachtung genießen; darum 
achtete er auch die Verachtung um des Namens Chris- 
ti willen für einen großen Reichtum, weit über die 
Schätze Ägyptens, oder den Adel dieser Welt; denn 
er sah auf die zukünftige Zeit und ewige Belohnung, 
die da groß sein wird im Himmel, und ihm, als einem 
Zeugen, Nachfolger und frommen Ritter Christi, nicht 
vorenthalten werden wird. 

Hans Mang, 1567. 

Zu Semhoffen im Schwabenlande ist im Jahre 1567 
Hans Mang (seines Handwerks ein Hutmacher) um 
des Glaubens und der Wahrheit Gottes willen gefan- 
gen gesetzt worden, in welcher Gefangenschaft er 
große und bittere Kälte ausgestanden hat, sodass er 
des Nachts die Füße nicht erwärmen konnte; überdies 
hat er auch noch vielen Anlockungen und Streitig- 
keiten der Gottlosen widerstehen müssen. Endlich 
aber ist er in dem Gefängnisse in dem Herrn entschla- 


fen, hat daher Glauben gehalten, und ist bis ans Ende 
darin in Geduld verharrt; darum wird er auch die 
herrliche Krone des Lebens mit allen Auserwählten 
Gottes erben. 

Nicolaus Geyer, 1567. 

In diesem Jahre 1567 ist auch der Bruder Nicolaus 
Geyer, ein Müller, der ein Armendiener war, um des 
Glaubens willen, zu Innsbruck in der Grafschaft Tyrol 
gefangen worden. Hier haben die Jesuiten und andere 
ihm auf viel- und mancherlei Weise zugesetzt, und 
sind im Verhör, nach des Satans Art, grausam mit ihm 
umgegangen; aber er hat sich vom Glauben nicht ab- 
bringen lassen, sondern hat, als ein christlicher Held, 
standhaft ausgehalten, und ist nach großer Standhaf- 
tigkeit von den Kaiphas- und Pilatuskindern zum To- 
de verurteilt worden. Die Pfaffen drangen auch, mit 
Herodias Töchter lein sehr darauf, und wollten sein 
Haupt haben, welches sie auch erlangt haben, denn er 
ist mit dem Schwerte gerichtet und nachher verbrannt 
worden, und hat also in dem edlen Glaubensstreite 
das Feld in Christo Jesu ritterlich erhalten, als ein rech- 
ter Liebhaber Gottes, dem weder Trübsal, Pein oder 
Qual den Mut genommen haben; kein Wasser konn- 
te seine Liebe auslöschen, kein Schwert dieselbe von 
ihm absondern, noch ein Feuer sie verzehren, sondern 
sie ist ihm Gottes Weg zum ewigen Leben gewesen, 
denn durch die Liebe zu Gott kommen wir durch sei- 
ne Gnade ins Paradies, wenn wir uns von der Liebe 
nicht abführen lassen. 

Karl Halling, 1567. 

Karl Halling, geboren in Steinwerk, der von da, um 
des Zeugnisses des Herrn willen, nach Armentiers 
flüchtete, ist daselbst gefangen worden und als er bei 
der Erkenntnis, der Wahrheit und seinem Glaubens- 
bekenntnis standhaft bleiben wollte, wurde er von 
den Herren zum Tode verurteilt, und ist also um des 
Namens Gottes willen lebendig verbrannt worden. 

Adrian du Rieu, 1567. 

Adrian du Rieu, oder Adrian Olieur, geboren zu Ha- 
lewyn, ein Diener des Wortes Gottes und seiner Ge- 
meinde zu Armentiers, wurde daselbst um der Wahr- 
heit willen gefangen; und als er seinen Glauben ohne 
Furcht bekannte, und um keiner Pein willen davon 
abwich, sondern darin stets standhaft blieb, ist er zum 
Tode verurteilt und lebendig verbrannt worden. 



381 


Christian Langedul, Cornelius Claeß, Matthäus de 
Vik und Hans Symonß, 1567. 

Im Jahre 1567 den 10. August an einem Sonntag Mor- 
gen ist Christian Langedul ausgegangen, um einen 
Brief an seinen Bruder R. L. zu bestellen; von da hat 
er sich nach einem Platze, das Schellchen genannt, be- 
geben, wohin er mit einigen Brüdern beschieden war, 
um einen Streit zwischen zwei Personen schlichten zu 
helfen. 

Als diese Versammlung auskundschaftet wurde, so 
ist ein Hauptmann, Lamotte genannt, der zu der Zeit 
in Antwerpen war, unter dem Vorwände dahin ge- 
kommen, um einige von seinen Soldaten zu suchen. 
Als er nun die Versammlung sah, hat er mit seinen 
gewaffneten Soldaten (die darauf warteten) das Haus 
besetzen lassen, und seinen Jungen sofort nach dem 
Markgrafen gesandt. Unterdessen hat Christian mit 
dem Hauptmanne französisch geredet und ihm die 
Ursache ihres Zusammenkommens erzählt; während 
der Zeit aber sind einige von der versammelten Ge- 
sellschaft durch eine Hintertür entronnen. 

Als nun der Markgraf zu Pferde ankam, und sich 
mit seinem Volke ins Haus begab, hat er die Übri- 
gen gefangen genommen und nach dem Steine ge- 
führt; hier brachten sie ihre Zeit in ihrer Trübsal mit 
Geduld bis den andern Tag zu, wo sie wegen ihres 
Glaubens verhört worden sind, welchen sie zu Vie- 
ren (nämlich der vorgemeldete Christian Langedul, 
Cornelius Claeß, Matthäus de Vik und Hans Symonß) 
ohne Furcht bekannt haben. Darauf hat man sie so 
elendig gepeinigt, und ist so jämmerlich mit ihnen 
umgegangen, daß sie auch den Tod nicht so sehr als 
die Folter fürchteten, wie Christian in einem Briefe an 
sein Weib meldet. 

Als sie nun einen Monat lang in der Gefangenschaft 
mit großen Verlangen zugebracht hatten, sind sie zu- 
letzt zum Tode verurteilt worden, sind auch, als sie 
die Nachricht empfangen hatten, daß sie sterben soll- 
ten, ohne Furcht und guten Mutes gewesen; aber der 
Christian hat sein Weib und seine Kinder sehr be- 
klagt(wie auch fortwährend in seiner Gefangenschaft, 
insbesondere aber in der letzten Nacht) und hat ihm 
ihre Betrübnis großes Herzleid verursacht. 

Den 13. September, auf einen Samstag, des Morgens 
früh, hat man diese vier Freunde abgeholt, zwei und 
zwei an einander gebunden, und sie auf den großen 
Markt vor das Stadthaus gebracht, wo die Kriegsleu- 
te einen Kreis geschlossen hatten; in der Mitte aber 
stand ein Häuslein mit vier Pfählen, an welche sie 
gebunden wurden. Hans Symonß und Matthäus gin- 
gen voran, und darauf folgten Cornelius und Chris- 
tian. Unterwegs sagte Christian zum Volke: Hätten 


wir Lügen reden wollen, so wären wir diesem wohl 
entgangen. Matthäus sagte: Ihr Bürger, daß wir hier 
leiden, geschieht um der Wahrheit willen und weil 
wir nach Gottes Wort leben. Hans Symonß ermahnte 
seine Brüder, sie sollten diejenigen nicht fürchten, die 
den Leib töten, sondern den, der die Macht hat, die 
Seele zu verdammen. Unterdessen sind sie an den 
Ort gekommen, wo sie ihr Opfer tun sollten. Da hat 
des Scharfrichters Diener zuerst den Christian genom- 
men und ihn ins Häuslein an einen Pfahl gestellt; hier 
rief er seinen Brüder zu, die noch draußen standen, 
und ermahnte sie, tapfer für die Wahrheit zu streiten, 
worauf sie einander den letzten Kuss des Friedens ga- 
ben. Nachher haben sie Cornelius auch an einen Pfahl 
gestellt, sodann Matthäus und zuletzt Hans Symonß. 
Die Trommeln wurden geschlagen, damit man sie 
nicht reden hören möchte. Endlich hat sie der Scharf- 
richter erwürgt, und Feuer in das Häuslein gesteckt. 
Also haben diese vier Freunde ein seliges Ende ge- 
nommen, nach des Herrn Wort: »Wer beharrt bis ans 
Ende, soll selig zverden.« 

Hier folgen einige Briefe, die Christian Langedul in 
seiner Gefangenschaft geschrieben hat. 

Christian Langeduls erster Brief an sein Weib. 

Christian Langeduls erster Brief an sein Weib, ge- 
schrieben den 11. August, worin er die Freude seines 
Gemütes sowie seine Betrübnis um Weib und Kin- 
der schildert und erzählt, wie die Gefangenen verhört 
wurden: 

Gnade und Friede wünsche ich euch allen euer 
Leben lang von Gott, unserm himmlischen Vater, 
durch Christum Jesum, in Kraft seines heiligen Geis- 
tes, Amen. 

Mein auserkorenes und sehr herzlich geliebtes Weib 
und Schwester im Herrn, in Ansehung des Glaubens, 
wie ich hoffe, durch des Herrn Gnade, und wirst es 
auch bleiben bis in Ewigkeit. 

Hätte ich dir eher schreiben können, ich hätte es 
getan, nämlich von der großen Gnade, von der Freu- 
de und dem Tröste, die ich in dieser kurzen Zeit im 
Gefängnisse gehabt habe, weshalb ich den Herrn bitte, 
daß er sie mir bis an mein Ende zu meiner Seligkeit 
gönnen wolle. Aber große Betrübnis und Tränen habe 
ich um dich, um die Kinder, um die Großmutter und 
alle Freunde gehabt (das weiß der Herr) und werde 
sie noch haben, ehe es zum Scheiden kommt. 

Ich habe mich verwundert, und kann es noch nicht 
begreifen, welch' einen Gott wir haben, denn es ist ein 
Gott allen Trostes, der mich in all' meiner Anfechtung 
tröstet, und ich hoffe, daß er dich auch allezeit trösten 
werde, wenn dir Trost nötig sein wird. 



382 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Meine sehr geliebte Frau! Sei doch getröstet in all' 
deinem Leiden, welches du mit mir hast, denn die- 
ser Zeit Leiden ist der Herrlichkeit nicht wert, die 
an uns offenbart werden soll. Indem wir nun unsere 
Wallfahrt angefangen und allezeit auf diese Unkos- 
ten unsere Rechnung gemacht haben, so tröste dich 
allezeit mit des Herrn Wort, wie ich auch hoffe, daß 
du tun werdest; auch habe ich ein gutes Vertrauen zu 
dir, daß du mich nicht mehr betrüben werdest, als ich 
betrübt bin; ich weiß, daß du hierzu tapfer bist; darum 
hoffe ich, der Herr werde uns bis ans Ende stärken. 
Bitte den Herrn allezeit für uns, weil wir dessen benö- 
tigt sind, denn das Gebet der Gerechten vermag viel, 
wie ich dich denn in meinem Herzen auch für eine 
Gerechte erkenne, und hoffe, dich nach diesem Leben 
in dem ewigen zu sehen, wo wir nimmer voneinan- 
der scheiden werden. Du wollest mir auch, falls ich 
dich jemals betrübt habe, solches um des Herrn willen 
vergeben, denn ich vergebe denen alles gern, die an 
mir übel gehandelt haben, sodass ich auch hoffe, der 
Herr werde mir alles vergeben, meine Sünden und 
Schwachheit. Ich kann mich nicht genug verwundern, 
noch dem Herrn für alles genug danken, was er mir 
tut; er ist ein wunderbarer guter Gott, solches sehe ich 
jetzt recht gut ein. 

Ich berichte dir auch, daß wir heute alle vor dem 
Markgrafen verhört worden sind; von uns sechs ha- 
ben vier ihren Glauben freimütig bekannt; denn es 
konnte nicht anders sein, Seele oder Leib muss daran; 
den Herrn verleugnen oder bekennen, solches musste 
geschehen. 

Also haben Hans Symonß, Cornelius Schuhmacher 
und Matthäus bekannt, gleichwie auch ich Unwür- 
diger, und hoffe dabei, dem Herrn zum Preise, aus- 
zuhalten, doch nicht durch meine eigene Kraft oder 
mein Verdienst, sondern durch Gottes Kraft und Gna- 
de, denn durch Schwachheit werden wir stark, das 
muss ich bekennen. Darum sei guten Mutes in dem 
Herrn, und wende allen Fleiß auf die Kinder, an wel- 
che ich auch nicht denken darf, denn sie fallen mir 
sehr schwer. 

Als der Markgraf mich heute wegen meines Glau- 
bens fragte und verhörte, richtete er nur eine einzige 
Frage wegen der Taufe an mich; ich widersetzte mich 
ihm so lange als ich konnte damit, daß ich sagte, daß 
ich nur eine Taufe nach dem Evangelium und dem 
Befehle und Gebote Christi erkennte; aber es hieß al- 
lezeit: Sage mir nein oder ja, ob du mit deiner Kinder- 
taufe zufrieden seiest, oder eine andere empfangen 
habest? 

Ich erwiderte, ich wüsste von der Kindertaufe 
nichts zu sagen, aber damit war es nicht genug; ich 
musste bekennen, daß ich eine andere empfangen hat- 


te. Solches habe ich bekannt, dem Herrn sei Lob, es 
hat mich auch noch nicht gereut, und ich hoffe es 
wird mich nicht bis ans Ende gereuen, denn es ist die 
lautere Wahrheit. 

Ich muss schließen, weil ich nicht Papier genug ha- 
be. Grüße mir bei Gelegenheit alle Freunde in dem 
Herrn und alle anderen Freunde, dem Fleische nach, 
sehr herzlich, insbesondere grüße das Großmütter- 
chen und tröste sie so gut als du kannst, denn ich 
habe um ihretwillen ebenso große Bangigkeit, wie um 
dich und meine Kinder. Oft denke ich an meinen sü- 
ßen P., aber ich bin froh, wenn er aus meinem Sinne 
ist; tue in allem das Beste; ich grüße dich mit einem 
heiligen Kusse des Friedens. Der Herr will, wie ich 
hoffe, meine Tage verkürzen, weil er mich liebt. Ich 
hoffe noch, der L. E. zu schreiben, wenn ich Zeit ha- 
be; grüße sie herzlich von mir. Hiermit dem Herrn 
befohlen. Geschrieben wie oben. 

Von mir, deinem sehr schwachen Manne, Christian 
Langedul, aus dem Gefängnisse, um des Zeugnisses 
des Herrn willen. 

Der zweite Brief von Christian Langedul. 

Der zweite Brief von Christian Langedul, worin er 
erzählt, wie grausam er gepeinigt worden und wie 
sein Leib nach der Folter zugerichtet gewesen sei, und 
eine Schilderung seiner festen Hoffnung und seines 
Vertrauens auf den Herrn: 

Mein liebes Weib, wisse, daß ich gestern um drei 
Uhr dir einen Brief geschrieben habe, den ich dir 
jetzt sende, weil ich ihn damals nicht bestellen konn- 
te, denn kurz darauf kam der Markgraf hierher, um 
uns zu peinigen; deshalb konnte ich den Brief nicht 
senden, indem wir alle vier damals, einer nach dem 
andern, sehr gefoltert worden sind, sodass wir gegen- 
wärtig wenig Lust zu schreiben haben; doch können 
wir es nicht lassen; wir müssen euch schreiben. 

Cornelius Schuhmacher war der Erste, der gepei- 
nigt wurde; ihm folgte Hans Symonß. Als der Haupt- 
mann mit diesem in das Foltergewölbe ging, dachte 
ich: Nun werden wir rechtschaffen daran müssen, um 
seinen Willen zu tun; unterdessen kam die Reihe an 
mich; du kannst denken, wie mir zu Mute war. Als 
ich nun an die Folter zu den Herren kam, hieß es: Ent- 
kleide dich, oder sage, wo du wohnst. Ich sah betrübt 
aus, wie man wohl denken kann, und sagte: Wollt ihr 
mich denn nachher nichts mehr fragen?, worauf sie 
stille schwiegen. 

Da dachte ich: Ich sehe wohl, was es sein soll, man 
wird meiner nicht schonen; darauf entkleidete ich 
mich und übergab mich dem Herrn zum Tode. Hier- 
nächst haben sie mich jämmerlich ausgespannt und 



383 


gewunden; ich meine, es rissen zwei Stricke an mei- 
nen Schenkeln und Schienbeinen; auch wurde ich aus- 
gespannt, und es wurde mir viel Wasser in meinen 
Leib, in die Nase und auch auf das Herz gegossen; 
dann ließen sie mich los und fragten mich: Willst du 
noch nichts sagen? Sie baten mich auch, und bald 
redeten sie wieder hart mit mir; aber ich tat meinen 
Mund nicht auf, so fest hatte ihn Gott geschlossen. 

Darauf sagten sie: Greift ihn noch einmal rechtschaf- 
fen an, was sie auch taten, und jene riefen: Fort, fort, 
spannt ihn noch um einen Fuß aus. Ich dachte, ihr 
könnt mich nur töten. Als sie nun mein Haupt, das 
Kinn, die Schenkel und Schienbeine bedeutend aus- 
gespannt hatten, ließen sie mich so liegen und sagten: 
Sage, sage. 

Da plauderten sie untereinander wegen meiner 
Rechnung, die I. T. wegen der Leinwand geschrie- 
ben hatte, die auf 655 Pfund gerechnet wurde. Darauf 
sagte der Markgraf: Er versteht gut französisch, ich 
aber lag in der Pein. Da hieß es abermals: Willst du 
nichts sagen? Ich tat meinen Mund nicht auf. Sie sag- 
ten: Sage uns wo du wohnst, dein Weib und Kinder 
sind ja doch nicht mehr dort. Ich redete aber nicht ein 
Wort. Sie sagten: Welch eine schreckliche Sache, so 
sehr hat mir der Herr den Mund bewahrt, daß ich ihn 
nicht auf getan habe; endlich, als sie es lange versucht 
hatten, mich zum Reden zu zwingen, ließen sie mich 
los. 

Darauf trugen mich ihrer zwei, der Scharfrichter 
und sein Knecht, von der Folterbank; gedenkt, wie 
sie mit uns umgegangen seien, auch wie uns zu Mute 
war und noch ist. Hiernächst haben sie mich aus dem 
Foltergewölbe teils getragen, teils geschleppt, bis ich 
hinauf in des Kerkermeisters Kammer kam; dort war 
ein gutes Feuer von Eichenholz; auch gaben sie mir 
ein- oder zweimal Rheinwein zu trinken, und ich kam 
wieder einigermaßen zu mir selbst; als ich mich nun 
etwas erwärmt hatte, schleiften sie mich hinauf über 
des Pförtners Kammer; sie hatten großes Mitleiden 
mit mir; sie schenkten mir abermals Wein ein, gaben 
mir Kraut, und von allem, was du mir gesandt hat- 
test, das mir sehr gute Dienste leistete; sie ließen Wein 
holen, und halfen mir in mein Bett; aber die Leintü- 
cher waren sehr grob und verursachten mir an den 
Schenkeln und Schienbeinen sehr große Schmerzen; 
doch kamen bald nachher die Leintücher und das 
Kopfkissen an, welche du mir sandtest, und wobei 
auch zwei oder drei Schnupftücher waren; dann deck- 
ten sie mich mit den Tüchern zu, welche mir ebenso 
nützlich waren, als das Kraut. Wären die Tücher nicht 
gekommen, ich weiß nicht, wie ich es die Nacht ge- 
macht hätte, so aber habe ich recht gut geschlafen; 
doch kann ich noch nicht gut stehen, denn meine Fü- 


ße sind von dem Ausspannen als ob sie tot wären; 
doch hoffe ich durch des Herrn Gnade, daß es wohl 
sein werde. 

Wir haben einen solchen starken Gott, daß er mich 
nicht über mein Vermögen hat versucht werden las- 
sen; ich hoffe auch, er werde es fernerhin nicht tun, 
solch ein festes Vertrauen habe ich zu ihm, denn ich 
weiß gewiss, daß bis in Ewigkeit kein anderer Weg, 
noch eine andere Wahrheit erfunden werden wird. 
Darum halte an, es sei zur rechten Zeit oder zur Un- 
zeit. 

Deinen Brief habe ich empfangen, und danke dir 
sehr, daß du meiner zum Besten gedenkst, wie du al- 
lezeit getan hast. Ich habe dir in meinem ersten Briefe, 
ehe ich den deinigen empfing, eine rechte Antwort 
auf deinen Brief, den du mir gesandt hast, geschrie- 
ben; ich hätte dir wohl noch viel zu schreiben, aber 
für jetzt kann ich es nicht gut ausführen; es geht zu 
schnell. 

Matthäus ist nach mir gefoltert worden; er hat sein 
Haus angegeben und auch die Straße, auf welcher wir 
wohnen, und gesagt, in einer Winkelgasse, wiewohl 
ich meine, daß keine Winkelgasse mehr in der Straße 
sei; darum zieht von dort weg, wenn ihr noch nicht 
ausgezogen seid, denn ich glaube, der Herr werde 
dahin kommen. Lasst auch niemanden in das Haus 
gehen, der in Gefahr steht, gefangen zu werden, auch 
hat er R. T. Haus genannt, und auch die Straße, auf 
welcher F. V. St. wohnt; eile hierin, das Beste zu tun; 
aber er ist hierüber sehr betrübt. 

Cornelius und Hans haben auch nichts gesagt; ich 
hätte noch viel zu schreiben, aber die Zeit ist zu kurz; 
ich hoffe heute noch zu schreiben, wenn es dem Herrn 
gefällt. Ich hätte es gern, daß H. T. einmal heraus käme. 
Ich grüße euch sämtlich sehr herzlich. Es war gut, daß 
I. T. gestern fortging, denn der Markgraf kam bald 
darauf; aber ich kann dir nicht viel sehr schreiben, 
denn die Zeit ist zu kurz bis an den Tag. 

Hiermit sei dem Herrn anbefohlen und dem Worte 
seiner Gnade. Bitte doch den Herrn ernstlich für uns, 
denn wer bittet, der empfängt. An die Kinder und an 
dich darf ich nicht viel Denken; es fällt mir gar schwer, 
davon zu scheiden. Stelle doch alle Freunde zufrieden, 
so gut als du kannst, denn ich bin auch sehr zufrieden, 
wiewohl ich um ihretwillen sehr betrübt bin, es ist 
jedoch von dem Herrn so verordnet. 

Von mir, deinem schwachen Manne, Christian Lan- 
gedul, im Gefängnisse zu Antwerpen auf dem Steine, 
den 12. August 1567. Ich bin nach dem Foltern noch 
nicht völlig wieder hergestellt, wie man wohl denken 
kann; aber ich hoffe, es wird wohl sein; betrübe dich 
nicht zu sehr darüber. Es wäre mir lieb, wenn I. T. 
mein Rechenbuch mitbringen könnte; ich wollte ihm 



384 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


noch einmal alles zeigen oder aufschreiben; bringe 
uns etwas, um Briefe damit zu verschließen. 

Noch ein Brief von Christian Langedul. 

Noch ein Brief von Christian Langedul, worin er den 
Zustand seines Gemütes und die Nichtigkeit seiner 
selbst beschreibt, auch seine Liebe zu seiner Sohnes- 
Frauen zweiten Mann J. T., endlich die Furcht, die sie 
hätten, noch einmal gepeinigt zu werden, und warum. 

Gnade, Barmherzigkeit und Freude in dem heiligen 
Geiste wünsche ich dir von Gott, unserm himmlischen 
Vater durch Jesum Christum, mein auserwähltes und 
sehr geliebtes Weib in dem Herrn, und allen denen, 
die des Herrn Erscheinung lieb haben. 

Herzlich geliebtes Weib in dem Herrn; ich hoffe, 
es sei dir nun durch zwei Briefe, die ich dir gestern 
geschrieben habe, und welche du, wie ich hoffe, emp- 
fangen hast, zum Teil bekannt, wie es um mich stehe, 
denn ich habe dir darin den Zustand meines Gemütes 
einigermaßen beschrieben, welches noch unveränder- 
lich ist; dem Herrn sei in Ewigkeit Lob gesagt für 
seine Gnade, die er mir armen, unnützen und großen 
Sünder gibt, indem ich mich selbst für unwürdig und 
untüchtig zu dieser Herrlichkeit halte, wozu mich 
jetzt der Herr beruft; durch mich selbst oder durch 
meine eigene Kraft kann ich nicht dazu kommen, dar- 
um hoffe ich, durch seine Gnade bis ans Ende bei 
der rechten Wahrheit und dem Glauben zu bleiben, 
welcher den Heiligen einmal übergeben worden ist, 
denn ich bin gewiss in meinem Herzen, und bin des- 
sen auch gewiss gewesen von der Zeit meiner Wall- 
fahrt an, die nun ungefähr zwölf Jahre gedauert hat 
(welches zwar eine kurze Zeit ist, die ich mit Unvoll- 
kommenheit zugebracht habe), daß bis in Ewigkeit 
keine andere ausgefunden werden wird. Darum hof- 
fe ich allein durch des Herrn Kraft und Gnade und 
nicht durch meine eigene Kraft dabei zu bleiben; ich 
hoffe, durch Gottes Gnade alle diejenigen in meinem 
Sterben zu erfreuen, die ich etwa jemals in meinem 
Leben betrübt habe, hoffe auch, daß alle diejenigen, 
die ich etwa jemals beleidigt habe, mir solches ver- 
geben werden, denn ich bin doch auch allezeit bereit 
gewesen allen, die mich jemals beleidigt haben es mil- 
diglich zu vergeben; darum hoffe ich, daß auch alle 
Menschen und der Herr dasselbe an mir tun werden. 
Ich bin wegen I. T. sehr bekümmert, denn ich bin sei- 
ner Gütigkeit kundig, doch will ich es dahingestellt 
sein lassen, und wünsche ihm, wie ich oft getan ha- 
be, den rechten Glauben; solchen muss ihm der Herr 
geben, aber er muss auch darum bitten und solches 
von Herzen begehren. Ach, möchte ich für ihn und 
alle Freunde einen Tod mehr sterben, damit sie die 


Seligkeit erlangen möchten, wie gern wollte ich es 
tun. Ach I. T,! was hast du um meinetwillen getan? 
Wie ich denn hoffe, daß du auch fernerhin an meiner 
schwachen Frau (deiner Mutter) und meinen Kindern 
tim wirst, an welche ich nicht gern denke; diese deine 
Mutter ist eine Frau, die Gott von ganzem Herzen 
fürchtet; gehe mit ihr um, sie wird nichts suchen, als 
eurer beider Seligkeit. Bei diesem nun will ich's für 
dieses Mal bewenden lassen, denn die Zeit würde 
mir zu kurz fallen, diesen Brief zu bestellen. Gestern 
hatte ich dir geschrieben, daß ich hoffte, dir heute 
noch einmal zu schreiben, aber ich konnte es nicht 
tun; Matthäus und ich lagen bis zwei Uhr im Bette, so 
fürchteten wir uns, weil der Markgraf hierher kam, 
um den Cornelius noch einmal zu foltern, denn wir 
fürchteten auch noch einmal gepeinigt zu werden; wir 
fürchten uns sehr davor, denn es ist eine große Pein; 
den Tod aber fürchten wir nicht so sehr. Sie haben Cor- 
nelius das zweite Mal so sehr gefoltert und gegeißelt, 
daß ihn drei Männer hinauftragen mussten, welche 
sagten, daß er außer der Zunge kaum ein Glied mehr 
regen könne. Er hat uns sagen lassen, es käme ihm 
vor, er müsste, wenn sie noch einmal kämen, darüber 
zu Grunde gehen; gestern aber ist der Markgraf nicht 
gekommen, wiewohl wir ihn heute wieder erwarten; 
der Herr wolle uns helfen, denn es ist eine jämmerli- 
che Pein. Ich habe gestern von I. C. ein Körblein mit 
Essen und auch eine Schlafkappe empfangen, welche 
ich dem Matthäus geliehen habe, ich hätte gern bei 
Gelegenheit noch eine Schlafkappe, einen Kamm und 
ein Testament, oder sonst etwas zu lesen, oder ein 
Liederbuch, um uns mit dem Worte des Herrn ein we- 
nig zu erquicken; einer, der das Gefängnis inwendig 
verschließt, Namens Peter, wird es uns wohl besorgen. 
Ich sende dir hiermit einen Denkzettel und eine Rech- 
nung von W. D. B. Gestern Abends wurde uns gesagt, 
daß I. T. und P. V. D. allen Fleiß angewandt hätten, 
um zu mir zu kommen, aber weil der Markgraf ge- 
sagt hatte, er wolle wiederkommen, so konnte es nicht 
sein, wiewohl er nicht kam, sondern bei Mensfeld auf 
einem großen Schmause war. 

Eben, während ich hier sitze und dieses schreibe, 
wird uns angesagt, daß heute der Markgraf ein pein- 
liches Gericht halten werde; ich hoffe, es werde für 
uns sein. Betet für uns, ich hoffe, unser Gott werde 
uns durch seine Kraft, welche alles übertrifft. Stärke 
verleihen. Ach, möchte es geschehen, daß wir schnell 
erlöst würden, aber ich fürchte das Gegenteil. 

Hiermit sei dem Herrn und dem Worte seiner Gna- 
de anbefohlen, halte dich allezeit zu der Wahrheit, 
wie ich auch zu dir ein solches Vertrauen habe; ich 
lasse dich und alle Gottesfürchtigen mit dem Frieden 
des Herrn herzlich grüßen. Matthäus tut ein Gleiches; 



385 


grüße mir alle Freunde bei Gelegenheit sehr herzlich, 
insbesondere das Mütterchen, wenn es sich tun lassen 
will. Matthäus lässt dir und allen Gottesfürchtigen 
sagen, daß es ihm von Grund seines Herzens leid sei, 
daß er euch dadurch betrübt hat, weil er seinen Mund 
nicht besser bewahrt hat. Geschrieben in den Banden 
zu Antwerpen den 18. August 1567, von mir, deinem 
schwachen Manne, Christian Langedul. Tue das Beste, 
sei wohlgemut und bitte für uns. 

Weiterer Brief von Christian Langedul. 

Noch ein Brief von Christian Langedul, in welchem 
er seinen Bruder N. L. zum Aushalten in der ange- 
fangenen Wallfahrt ermahnt und in seinem Gemüte 
versichert, um das Gebet der Heiligen zum Aushar- 
ren anhält, ihm sein Weib befiehlt und erzählt, daß ein 
Pfaffe sich mit ihm ins Gespräch eingelassen habe. 

Der ewige und allmächtige Gott und Vater der 
Barmherzigkeit, durch seinen Sohn, unsern Herrn und 
Seligmacher, derselbe allmächtige, ewige, ehrwürdige, 
allein weise Gott und barmherzige Vater aller Gnade 
wolle euch mit seinem heiligen Geiste stark und kräf- 
tig machen, mein lieber Bruder und Schwester in dem 
Herrn, auch nach dem Fleische, damit ihr die Krone 
des Lebens, mit allen heiligen und auserwählten Kin- 
dern Gottes, empfangen mögt; hiermit will ich von 
euch in dieser Zeit einen ewigen Abschied nehmen; 
ich grüße euch und alle Brüder und Schwestern in 
dem Herrn, die bei euch wohnen, insbesondere aber 
diejenigen, die meine Person kennen, Amen. 

Mein herzlich geliebter Bruder und meine geliebte 
Schwester, die ich aus Grund meines Herzens liebe, 
ich bin veranlasst worden, an dem Scheidepunkte 
meines Lebens euch ein wenig zum Andenken zu 
schreiben; ich habe das Vertrauen, ihr werdet es mir 
zu gut halten, damit es ein ewiger Denkzettel und 
eine Warnung von diesem deinem zweiten Bruder 
sein möge, der hier in dieser Stadt Antwerpen um des 
Zeugnisses des Herrn willen in Banden gelegen hat; 
ich hoffe auch, daß ich das Leben, durch des Herrn 
Gnade, dafür lassen werde, und daß auch ihr, um die- 
ser unserer Trübsal willen, nicht nachlassen werdet, 
die wir nun um Christi Jesu willen in der Hoffnung 
leiden, daß es zur Beförderung des Evangeliums und 
zur Auferweckung vieler, die vielleicht schon lange 
im Schlummer herumgegangen sind, geschieht (damit 
sie wacker und nüchtern werden). Ich hoffe, durch 
des Herrn Gnade, es werde euch solches nicht zum 
Abweichen, sondern zur größeren Auferbauung gerei- 
chen, hoffe auch, solches werde euch zu einer ewigen 
Aufmerksamkeit in eurer Wallfahrt, die euch noch 
bevorsteht, dienen, da ihr durch eine wilde Wüste 


wandern müsst, in welcher euch noch vieles begeg- 
nen möchte. 

Darum wendet Fleiß an, und lasst euch das Böse 
nicht gelüsten, folgt auch denen nicht nach, die da 
murrten, sondern seht ernstlich zu, daß ihr allezeit 
mit dem frommen Josua und Kaleb nach dem verhei- 
ßenen Lande hinwandert und es mit Gewalt einnehmt; 
seid mit des Herrn Wort zufrieden, und seht auf die 
Verheißungen, denn er ist treu; ebenso wisst ihr auch, 
daß die Israeliten allein um ihres Unglaubens wil- 
len ausgeschlossen worden sind; darum, meine lie- 
ben Freunde, glaubt Gottes Wort, bleibt dabei bis in 
den Tod, dann wird Gott euch den Sieg geben, und 
wiewohl sie wie Riesen erscheinen, so wollen wir sie 
doch wie Brot verschlingen, und das durch unseren 
Glauben, womit wir Teufel, Hölle, Tod und die Welt 
überwinden. Ach geliebteste Freunde, ihr wisst bes- 
ser, als ich es euch schreiben kann, wie alle Frommen 
durch den Glauben überwunden haben; seht doch zu, 
meine Geliebten, daß ihr nicht in der Wüste verfallt, 
wie so mancher hier verfällt, sonst wäre es besser, daß 
wir die Wahrheit niemals erkannt hätten, ja, daß wir 
niemals geboren worden wären, denn wenn wir uns 
unserer ersten Geburt verlustig machen, ach, womit 
wollen wir den Segen wieder erlangen! Es steht ja ge- 
schrieben, daß sie Esau mit Tränen gesucht, aber nicht 
gefunden habe. Darum lasst nicht nach, sondern hal- 
tet an mit Ernst, denn es ist die rechte Gnade Gottes, 
worin ihr steht, was ihr, wie ich hoffe, selbst wisst; 
ich zweifle auch nicht daran, es wird in Ewigkeit kein 
anderer Weg gefunden werden. 

Ach Bruder, wäre ein anderer, als dieser ängstliche, 
enge und schmale Weg zu finden, wie gern wäre da- 
mit das Fleisch zufrieden; aber es muss doch durch 
die enge Pforte, und wie bange ist ihm, denn Fleisch 
und Blut muss an den Pfosten hängen bleiben. Aber, 
lieber und getreuer Bruder, welche große Seligkeit hat 
der barmherzige Vater für mich verordnet, der ich 
doch so ganz untüchtig bin; welchen großen Dank 
soll ich ihm dafür sagen, daß er mich so begnadigt 
und ein solche Seligkeit für mich verordnet hat; bleibt 
doch dabei, meine lieben Brüder und Schwestern, und 
bittet den Herrn für uns, daß er uns in unserer größ- 
ten Not bewahren und uns trösten wolle, wenn wir 
in unserer größten Trübsal sind und uns Hilfe und 
Trost am nötigsten sein wird, wie ich denn hoffe, daß 
er tun wird, denn treu ist, der es verheißen hat; er 
wird es auch tun, und wird bis in den Tod bei uns 
sein, auch uns nicht verlassen. Ist auch wohl jemals 
jemand zu Schanden geworden, der sein Vertrauen 
auf ihn gesetzt hat? Ich hoffe, er werde uns in keiner 
Schmach verlassen, und durch seine grundlose Barm- 
herzigkeit und Gnade das gute Werk ausführen, das er 



386 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


in uns angefangen hat. Hierin helft uns doch streiten 
mit euren Gebeten zu Gott für uns, das ist mein und 
unserer aller Begehren; dadurch könnt ihr uns nun 
am meisten helfen. Meine lieben Brüder, habt ihr um 
meinetwillen einige Betrübnis, so tröstet euch darin, 
denn es ist von dem Herrn ausdrücklich so verord- 
net; er liebt uns, und will uns zur Ruhe bringen, solch 
ein lebendiges Gefühl habe ich von dem Herrn; denn, 
wenn ich eine Zeitlang von keiner Befreiung höre, so 
erlange ich große Freude in meinem Herzen und Er- 
quickung vom Herrn, und wenn dann wieder etwas 
kommt, worauf das Fleisch genau merkt, so entweicht 
die Freude bald, und wir haben viele Arbeit, ehe wir 
sie wieder vom Herrn erlangen können. Darum hoffe 
ich, ihr werdet euch hierin desto leichter zufrieden 
geben, denn er (der Herr) will uns doch von diesem 
Leibe des Todes erlösen und uns aus dieser Angst hel- 
fen; der Herr müsse für seine Liebe, die er mir beweist, 
und wodurch er hilft, ewig gelobt sein; ich hoffe, er 
werde auch euch in seiner Wahrheit bewahren; darum 
seid doch wohlgemut, und tröstet euch mit den schö- 
nen Verheißungen des Herrn, mit welchen auch wir 
uns kräftig trösten. Also, lieber Bruder, will ich hier 
mit meinem Schreiben endigen, und bitte dich freund- 
lich, daß du es aufs Beste aufnehmen wollest, es ist 
aus herzlicher brüderlicher Liebe an dich und dein 
liebes Weib zum ewigen Abschiede und Andenken 
geschrieben; ich will auch hiermit dir für die schwe- 
re Mühe und Arbeit, die du um meinetwillen gehabt 
und auch für die großen Unkosten, die dir durch mich 
erwachsen sind, meinen großen Dank sagen; ich kann 
und mag es dir nimmermehr abverdienen oder ver- 
gelten, hoffe aber, daß es der Herr hier und dort dir 
und den Deinigen wieder vergelten werde, desglei- 
chen auch die andere Sache, die dir wohl bewusst ist. 
Ach Bruder, laß es dich nicht verdrießen, daß es mir 
so ergangen ist! Gott, der alle Herzen kennt, weiß es, 
daß ich es gern für dich und die Deinigen getan hätte. 
Wenn es sich tun lassen will, so sei meinem Weibe 
ein wenig behilflich, wenn sie deiner bedarf, solange 
du hier bist, und tröste sie in ihrer außerordentlich 
großen Betrübnis, worin sie gegenwärtig ist; darum 
bitte ich dich freundlich. 

Hiermit will ich dich dem Herrn und dem Wor- 
te seiner Gnade anbefehlen; er wolle dich in seiner 
Wahrheit bis uns Ende deines Lebens stark und kräf- 
tig machen, zu seinem Preis, auch deiner und unserer 
aller Seligkeit. 

Den Nachmittag war ein kleines mageres Pfäfflein 
bei uns, ich meine, er sei ein Jesuit, welcher bisweilen 
in Koppekens Kirche predigt; es war ein sehr unbe- 
deutender Mensch. Bei ihm war der Schultheiß, auch 
verdammte er uns sehr, sonst richtete er nichts aus; 


ich war etwa einige Stunden bei ihm; es wäre zu weit- 
läufig, alles niederzuschreiben, er konnte nur wenig 
Bescheid geben. Es kommt mir sonderbar vor, daß 
sich die Herren nicht schämen, mit solchen Menschen 
zu kommen, die sich doch keineswegs mit der Heili- 
gen Schrift, sondern mit den Gelehrten von der römi- 
schen Kirche, Ambrosius, Hieronymus und Augusti- 
nus verteidigen wollen, denen wir glauben sollen; ich 
bekannte, daß man es mit den apostolischen Schriften 
nicht beweisen könne, daß die Apostel Kinder getauft 
hätten; auch daß die Taufe den Gläubigen zukomme 
und daß die Kinder keinen Glauben hätten; aber man 
hörte sonst nichts, als: So haben es die alten Gelehr- 
ten aufgezeichnet, auch hält es die römische Kirche 
so, darum müssten wir es auch halten; wahrlich ein 
kurzer Bescheid. Der andere hatte noch etwas, aber 
mit diesem stand es jämmerlich, darum würde es zu 
weitläufig sein, es niederzuschreiben. 

Hiermit bleibe Gott befohlen. Geschrieben zu Ant- 
werpen auf dem Steine, von mir, deinem schwachen 
Bruder in dem Herrn und auch nach dem Fleische, 
Christian Langedul, gefangen um des Zeugnisses des 
Herrn und meines Gewissens willen, den 10. Septem- 
ber 1567. 

Der Urlaub und letzte Abschied Christian 
Langeduls, geschrieben an Maeyken Raeds, sein 

Weib, nachdem er zum Tode verurteilt war. 

Gnade und Frieden von unserm himmlischen Vater 
durch Jesum Christum wünsche ich dir, mein liebes 
und auserwähltes Weib und Schwester in dem Herrn, 
und der Tröster, der Heilige Geist, wolle dich in deiner 
Trübsal trösten, was er auch nach seiner Verheißung 
tun wird; ich hoffe auch, meine Frau, es werde den 
Christen alles zur Seligkeit dienen, es sei Trübsal oder 
Betrübnis, wie ich denn auch hoffe, daß es sowohl dir 
als mir zur Seligkeit dienen werde, wiewohl jede Trüb- 
sal, wenn sie vor Händen ist, nach des Apostels Wort, 
uns nicht als Freude erscheint, nachher aber, meine 
Geliebte, wird sie denen eine friedsame Frucht der Ge- 
rechtigkeit wirken, die mit guten Werken das ewige 
Leben suchen, wie auch wir, wie ich wohl behaupten 
darf, nach unserer Schwachheit getan haben, deshalb 
hoffe ich durch des Herrn Gnade die Seligkeit zu erer- 
ben, und bin hierin guten Mutes, will auch dem Herrn 
in Ewigkeit für seine Liebe danken. Ach Liebste, nun 
muss die Presse getreten sein; ich bin auch dazu bereit, 
dem Herrn sei Lob; er ist wohl recht ein Gott allen 
Trostes, der uns in all' unserer Trübsal tröstet. Ach, 
könnte ich dem Herrn zur Genüge danken für allen 
Trost und alle Kraft, welche er mir Unmündigem gibt. 

Darum, meine Geliebte, tröste dich doch in dem 



387 


Herrn und in seinem Worte, darin wirst du einen sol- 
chen Trost und solche Erquickung finden; und der 
Heilige Geist wohne in dir mit aller Weisheit, wie ich 
denn nicht zweifle, daß der Geist Gottes in dir sei, 
und dich in alle Wahrheit und Gerechtigkeit führen 
werde. 

Deinen Brief habe ich den Mittag empfangen, wofür 
ich mich sehr bedanke; auch war I. bei mir, aber wir 
konnten kaum miteinander reden; ich war nachher, 
als ich von ihm schied, ein wenig betrübt, denn der 
Kerkermeister trennte uns und sagte, daß der Herr 
käme, es kam mir aber vor, als ob dem nicht so wä- 
re, gleichwie es auch nicht geschah, denn der Herr 
kam nicht; ich hätte wohl gewollt, wir wären nicht 
so voneinander geschieden; doch der Herr muss es 
geben. Sage I. T. und seinem Weibe, daß ich ihnen von 
ganzem Herzen die Seligkeit gönne, und daß er und 
sie, ja, alle Menschen die Wahrheit erkennen möchten. 
Habe ich es ihm in Schwachheit verheißen, so hoffe 
ich es morgen in der Kraft zu beweisen, durch des 
Herrn Gnade. I. sagte mir, daß du noch einen Brief an 
mich schreiben wolltest! Ach Liebste, ich fürchte, du 
bemühst dich sehr; sei doch ruhig, denn ich werde es 
nicht lange mehr tun können! 

Hiermit sei dem Herrn und dem reichen Worte sei- 
ner Gnade anbefohlen. Grüße mir alle Freunde sehr 
herzlich mit dem Frieden des Herrn, R. Langedul, 
auch deine Schwester, und wenn es sich tun lassen 
will, grüße auch sehr herzlich alle Freunde, und sage 
ihnen allen gute Nacht. Gute Nacht, mein liebes Schaf, 
gute Nacht. 

Geschrieben von mir, Christian Langedul, deinem 
Manne und schwachen Bruder in dem Herrn, den 12. 
September 1567 gefangen und zum Tode verurteilt, 
um des Zeugnisses Christi und unseres Gewissens wil- 
len. Wir vier lassen dich herzlich grüßen in dem Herrn, 
sind auch getrost und wohlgemut in dem Herrn, wie 
dich dessen Kalleken wohl versichern wird, welche 
bei uns gewesen ist; danke meinetwegen dem R. sehr 
herzlich für seinen Brief; er hat mein Herz erquickt, 
der Herr sei gelobt, Amen. 

Da uns von Hans Symonß, welcher im Jahre 1567 
mit Christian Langedul und zwei andern unserer 
Glaubensgenossen zu Antwerpen verbrannt worden 
ist, ein Brief in die Hände gekommen ist, den er kurz 
vor seinem Tode geschrieben hat, so halten wir es für 
angemessen, denselben hier in Abschrift beizufügen. 


Abschrift eines Briefes von Hans Symonß, den er 
in seinen Banden zu Antwerpen auf dem Steine, 

im September des Jahres 1567 an seine Ehefrau 
geschrieben hat. 

Gnade, Friede, Barmherzigkeit von Gott, dem himm- 
lischen Vater, auch Standhaftigkeit im Glauben, und 
Ausharrung bei Gott in allen Anfechtungen und Trüb- 
salen, durch die Kraft und Wirkung des Heiligen Geis- 
tes, welchem, als dem Gesegneten, Lob und Dank sei 
in Ewigkeit. 

Dieses wünsche ich dir, mein geliebtestes Weib und 
Schwester in dem Herrn, die ich nach göttlicher Art 
wie mein eigenes Fleisch liebe, ja, auch lieber gehabt 
habe als mich selbst in Gunst und bei sonstigen Ereig- 
nissen; dieses ist mein herzlicher Gruß an dich, und 
daß es dir nach Seele und Leib wohl gehen möge, 
Amen. 

Ferner, mein liebes und sehr wertes Weib und 
Schwester in dem Herrn, ich lasse dich wissen, daß ich 
deinen Brief empfangen habe, welcher mir in meinen 
Banden ein Tröster ist, weil ich höre, daß du meiner 
und meiner Mitgefangenen in dem Herrn in deinen 
Gebeten noch eingedenk bist, daß uns der Herr stär- 
ken und trösten wolle, und daß er das gute Werk, 
welches er in uns angefangen, durch seine Hilfe, zu 
seinem Preis und unserer Seelen Seligkeit ausführen 
möge. 

Ach, liebes Lämmlein! Ich bitte Gott im hohen Him- 
mel von Grund meines Herzens, daß er euch vor al- 
lem Irrtume des Unglaubens bewahre, und daß er das 
gute Werk, welches er in euch angefangen, auch zu 
seinem Preis und Ehre, und zu eurer Seelen Seligkeit 
ausführen helfen wolle. 

Lasst uns sämtlich bitten, auch heilige Hände aufhe- 
ben, mit zerbrochenem Herzen, demütigem Gemüte 
und reinem Gewissen, ohne Streit und Zwietracht, 
und Gott mit standhaftem Glauben anrufen, so wird 
unser Gebet ein süßer Geruch und Gott ein angeneh- 
mes Opfer sein, denn alle Gaben kommen von dem 
Vater des Lichtes. 

Ach mein liebes Weib! Nimm die Tugenden zu Her- 
zen, die dir der Herr hat verkündigen lassen, wie der 
Prophet sagt: »Mensch, es ist dir gesagt, was gut ist, und 
was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort haben, 
Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.« 

Gedenke allezeit an deine Vorgänger, die in viel 
Trübsal und Verfolgungen den Weg vorgewandelt 
und allezeit standhaft im Glauben mit einem festen 
Zutrauen geblieben sind. »Wer ist jemals zu Schanden 
geworden, der sein Vertrauen auf den Herrn gesetzt hat?«, 
sagt der Prophet; darum, liebes Weib, achte die große 
Gnade, die dir der Herr offenbart hat, nicht gering; 



388 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


halte allezeit stark an, und habe ein festes Zutrauen 
zu dem Herrn, er wird dich weder verlassen, noch 
ohne Trost lassen, denn in der Not steht er den Seinen 
bei und sagt: »Kann auch eine Mutter ihr Kind vergessen, 
so will ich dich doch nimmermehr vergessen.« 

Ich bitte dich, sei getrost in deiner Prüfung, die dir 
der Herr zusendet, und nimm ein Exempel an dem 
Hiob, wie geduldig er gewesen, und wie ihn der Herr 
gesegnet habe. 

Ich hoffe, der Herr werde die Augen seiner Barm- 
herzigkeit über dich und alle betrübte und beschwerte 
Herzen auftun, um sie mit dem Geiste zu trösten, wo- 
mit er in seinem Leiden getröstet worden ist. 

Ich bin sehr beschwert und betrübt in meinem Ge- 
müte, wenn ich an dich und meine vier armen Schäf- 
lein denke, daß ich diese alle verlassen muss. 

Ich bitte dich, Tanneken, sei ihrer, solange du lebst, 
in deinem Herzen eingedenk. 

Du wollest doch meine Bitte an dich nicht verges- 
sen, das ist, daß du die Tage deines Lebens in dem 
Gesetze des Herrn wandeln und meinen und deinen 
Kindern, die uns der Herr in der Zeit unseres Ehe- 
standes gegeben, ein Vorbild sein, in aller Demut und 
Gehorsam, in Unterweisung der Gerechtigkeit, und 
sei der Mutter der Makkabäer eingedenk, wie sie ihre 
Kinder gestärkt hat, daß sie das Gesetz Gottes nicht 
verlassen sollten. 

Ich befehle sie dir, mein allerliebstes Weib, und dem 
Herrn! Er wird dir auch helfen, seine Hand ist nicht zu 
kurz, daß er uns nicht sollte helfen können, denn ein 
Kind, das Gott fürchtet, ist besser als tausend gottlose 
Kinder; ja, es wäre besser, ohne Kinder zu sterben, als 
gottlose Kinder zu hinterlassen. Ich bitte dich, trage 
gute Fürsorge für sie; ich bürde sie dir auf und dem 
Herrn, denn ich bin dir und ihnen entnommen, was 
mich, dem Fleische nach, sehr beschwert; aber ich 
denke daran, was geschrieben steht: »Wer nicht alles 
verlässt, Vater, Mutter, Schwester, Bruder, Weib, Kind, 
Gut, Land, Stand, ja, sein eigenes Leben, der ist meiner 
nicht wert.« Summa: »Wer etzvas lieber hat, als mich, der 
ist meiner nicht zvert.« Ich weiß nicht, was der Herr 
an mir ersehen hat, wenn ich überlege, daß ich so 
elendig und unwürdig bin, daß ich um seines Namens 
willen leiden soll; dem Herrn müsse Lob und Dank 
für die großen Wohltaten sein, die er mir in meinen 
Banden erwiesen hat; nun finde ich es, daß der Herr 
uns Unwürdigen (insbesondere mir) geholfen hat. 

Dem Geiste nach ist das Herz fröhlich in der Hoff- 
nung der zukünftigen Seligkeit; ich hoffe, daß ich den 
sterblichen Rock bald ablegen und den unsterblichen 
anziehen werde; der Herr wolle unsere Herzen da- 
hin richten, denn Hilfe ist uns nötig vom Herrn der 
Heerschaaren in unserer Trübsal. Siehe, meine liebe 


und sehr werte Frau und Schwester in dem Herrn, 
nimm mit deinen Kindlein dieses als ein Testament 
und zum Andenken von demjenigen an, der mit dir 
in dem Bunde des Ehestandes ungefähr eine Zeit von 
fünf Jahren gelebt hat, und nun um des Bundes willen 
scheiden muss, den wir mit Gott gemacht haben, näm- 
lich in Ewigkeit nicht davon zu weichen. Darum muss 
ich nun um des Bundes willen, den wir mit Gott ge- 
macht haben, von dem ehelichen Bündnisse weichen, 
und gehe nun (unwürdig) den Weg, den die Prophe- 
ten und Christus und seine Apostel gewandelt sind, 
durch viel Trübsal und viele Schmerzen, mit vielen 
Tränen, und muss den Kelch der Bitterkeit trinken, 
den sie alle getrunken haben, wiewohl der Herr selbst 
sagte: »Heiliger Vater, ist es möglich, daß dieser Kelch 
von mir gehe, so laß es geschehen, ist es aber nicht, Heili- 
ger Vater, so geschehe dein Wille.« Also ist uns der Herr 
zum Exempel gesetzt worden, daß wir seinen Fußstap- 
fen in Gehorsam nachfolgen sollen, denn Christus ist 
durch viel Leiden zu seiner Herrlichkeit eingegangen, 
und hat uns damit ein Exempel hinterlassen, daß wir 
seinen Fußstapfen nachfolgen sollen. 

Darum, meine Geliebte in dem Herrn, tröste dich 
mit dem Worte des Herrn, und denke einmal an das 
Schreiben des Johannes, daß der Herr zu seinen Jün- 
gern und zu seinen Freunden sagte: »In dieser Welt 
zverdet ihr Trübsal haben, aber seid getrost, eure Trübsal 
soll in Freude verzvandelt zverden.« Darum, liebe Tan- 
neken, sei fröhlich in der Hoffnung der zukünftigen 
Seligkeit, geduldig in Trübsal, anhaltend im Gebete, 
daß dich der Herr trösten und nicht in Versuchung fal- 
len lasse, sondern daneben einen Ausgang verleihen 
wolle. Befiehl dem Herrn deine Sachen; ich hoffe und 
habe das Vertrauen zu Gott, wenn du anders in seinen 
Gesetzen bleibst und den Herrn allezeit vor Augen 
hast, daß er jemanden erwecken werde, der dir helfen, 
dich trösten und dir beistehen wird; sondere dich ja 
nicht ab von den Gottesfürchtigen, denn wie lieblich 
ist es unter des Herrn Volk zu sein, ich sage mit Mose, 
daß ich lieber mit Gottes Volk Ungemach leiden, als 
die zeitliche Ergötzlichkeit haben will. 

Halte dich allezeit zu den Heiligen des Herrn, denn 
bei den Heiligen wird man heilig, sagt der Apostel, 
und denke an des Herrn Wort, wo geschrieben steht: 
»Wer iiberzvindet, soll alles ererben, und soll mit zveißen 
Kleidern angetan zverden, und Gott wird alle Tränen von 
unsern Augen abwischen.« 

Ach liebe Tanneken! Es scheint, es müssen Tränen 
sein, denn wo keine Tränen sind, da kann man keine 
abwischen. Der Herr gebe (gleichwie ich auch ihm 
vertraue, daß er tun werde), daß wir nach dieser Trüb- 
sal, die um seines Namens willen über uns genommen 
ist (welche mir eine schwere Trübsal im Herzen ist). 



389 


uns dermaleinst in dem Reiche Christi und Gottes 
miteinander erfreuen mögen. 

Denn, mein liebes und sehr wertes Weib und 
Schwester in dem Herrn, die ich aus meines Her- 
zens Grunde samt meinen vier Kindlein liebe, es liegt 
schwer auf mir, wenn ich an deine schwere Last und 
an den Raub unserer Güter denke, und daß der Herr 
dir deinen Versorger genommen hat; ich wollte wohl, 
wenn es dem Herrn so gefallen hätte, daß er uns vor 
solcher Trübsal noch bewahrt hätte; da es aber nicht 
anders sein kann, so wollen wir unsere Trübsal dem 
Herrn anbefehlen. 

Wenn ich, Tanneken, unsere vergangene Zeit über- 
lege, so denke ich, daß es eine väterliche Züchtigung 
sei, denn er sagt: »Die ich lieb habe, die züchtige ich.« 
Ich weiß wohl, daß wir es am Herrn wohl verdient 
haben, und daß wir oft im Leiden, das uns der Herr 
zugesandt hat, ungehorsam gewesen sind, als wir, wie 
es denn auch wahr ist, in der Welt wenig gute Tage 
hatten; wir klagten und murrten wider Gott, weil wir 
keine genügende Nahrung hatten und viel Kinder be- 
kamen, eben als ob die Hand Gottes verkürzt gewesen 
wäre, so daß er uns nicht hätte unsere Speise geben 
können; nun aber verschwindet unser zeitliches Gut 
wie ein Raub, und wir müssen zufrieden sein; doch 
geschieht solches um des Herrn willen, und um sei- 
netwillen leide ich gern; der Herr hat es mir gegeben, 
und um seinetwillen will ich es auch gern verlieren. 

Darum, liebe Tanneken, habe ich dir solches früher 
oft erzählt. Ich schreibe dieses nicht, um dich nieder- 
zudrücken, sondern um dir zu berichten, daß uns 
Gott züchtigt, wodurch er uns beweist, daß er uns 
noch lieb hat; und obgleich uns der Herr züchtigt, so 
laß uns doch diese Züchtigung nicht von uns werfen, 
denn wer die Züchtigung und Unterweisung von sich 
stößt, ist unselig. 

Darum bitte ich den Herrn inbrünstig für dich, mei- 
ne Geliebte, und für meine vier Kinder, die mir Gott 
gegeben, die du getragen und mit Schmerzen geboren 
hast, daß er dich nicht verlassen, sondern trösten, stär- 
ken und dir Kraft geben, auch alle meine vier Waislein 
und die Mutter, nach der Seele und dem Leibe spei- 
sen wolle. Vertraue dem Herrn allezeit, ich hoffe, er 
werde dich nicht verlassen; beratschlage dich mit dem 
Herrn und mit denen, die den Herrn fürchten, und 
nimm dich besser in Acht, daß du in dem Gehorsame 
Christi wandelst; es ist mir von Grund meines Her- 
zens leid, daß ich meine Zeit nicht besser angewendet 
habe; auch bitte ich dich, daß du es mir zu gut halten 
und vergeben wollest, worin ich dich betrübt habe, 
denn es ist mir von Grund meines Herzens leid; und 
worin du mich etwa betrübt hast, solches alles vergebe 
ich dir von Grund meines Herzens; ich bitte auch den 


Herrn, daß er es uns vergeben wolle, und hoffe und 
vertraue zu ihm, daß er es getan hat; ebenso sage ich 
dir für den guten Umgang, den wir während der Zeit 
unseres Ehestandes miteinander hatten, herzlichen 
Dank; auch danke ich allen Brüdern und Schwestern 
in dem Herrn für den Umgang, den ich im Glauben 
mit ihnen allen gehabt habe, denn ihre Angesichter 
sind mir allezeit angenehm gewesen. Der Herr gebe 
uns Gnade, daß wir dermaleinst alle bei Ihm ewig- 
lich in Freuden leben und mit der Krone der Seligkeit 
gekrönt werden mögen, womit alle heiligen Mitgenos- 
sen Gottes werden geziert werden, und das nur aus 
lauter Gnade, Amen. 

Dieses ist mein Testament, meine liebe und sehr 
werte Tanneken; zum Abschiede sollst du noch wis- 
sen, daß das Gemüt noch unverändert in dem Herrn 
steht, um (als ein Unwürdiger) mit meinem Blute 
Zeugnis von Ihm zu geben, zum Zeichen, daß es die 
rechte Wahrheit sei; ich weiß auch keinen andern Weg, 
um selig zu werden, als aus Gnaden, der Welt zum 
Zeugnis, zur Ehre Gottes und zum Heile unserer ar- 
men Seelen, Amen. 

Cornelius, Matthäus und Christian sind mit ihrem 
Gemüte auch so bestellt. Bitte den Herrn für uns alle, 
damit er das gute Werk, das er in uns angefangen hat, 
uns auch zu seiner Ehre und zum Heile unserer Seelen 
ausführen helfen wolle, Amen. 

Bitte den Herrn für uns alle und gedenke der Ge- 
fangenen, wie eine Mitgefangene. Wir alle vier lassen 
dich herzlich grüßen mit des Herrn Friede, und auch 
die Gesellschaft, wo du zu Hause bist. 

Für jetzt nichts mehr; halte mir mein Schreiben zu 
gut, denn die Sinne sind zum Schreiben etwas ver- 
wirrt; sei hiermit Gott befohlen und dem reichen Wor- 
te seiner Gnade, Amen. 

Von mir, Hans Symonß, deinem Manne in dem 
Herrn, zu Antwerpen auf dem Steine. 

Ein Brief von Hans Symonß, den er zu Antwerpen 

im Gefängnisse geschrieben hat, wo er den 13. 

Sept. 1567 mit drei andern verbrannt worden ist. 

Gnade und Friede sei mit dir von Gott unserm Vater 
und unserm Herrn Jesu Christo; gesegnet sei Gott, der 
Vater unsers Herrn Jesu Christi, der ein Vater aller 
Barmherzigkeit und Gott allen Trostes ist, der uns in 
aller Trübsal tröstet, damit wir auch diejenigen trösten 
können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Tröste, 
womit wir von Gott getröstet werden, denn gleich- 
wie wir des Leidens Christi viel haben, so werden wir 
auch durch Christum reichlich getröstet; haben wir 
aber Trübsal oder Trost, so geschieht uns alles zum 
Besten und zur Seligkeit. Dieses wünsche ich euch. 



390 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


meine lieben Brüder und Schwestern in dem Herrn, 
Vincent, Karl, Wilhelm und Hans Symonß, und Tan- 
neken, Vincents Weib, zum herzlichen Gruße in dem 
Herrn. Dieses schreibe ich, Brüder und Schwestern im 
Allgemeinen, damit ihr meiner und der Trübsale und 
der Angst eingedenk sein mögt, die ich in Antwerpen 
um des Zeugnisses unsers Herrn Jesu Christi willen 
erlitten habe, und nun, da es Zeit ist, daß ich von euch 
allen abscheiden soll, Amen. 

Ferner, meine lieben Brüder und Schwestern in dem 
Herrn, wie auch Mithelfer und Nachfolger des Evan- 
geliums, an welchen Gott in dieser Welt große Barm- 
herzigkeit geübt, daß er aus Gnaden seinen Willen 
offenbart hat; darum, liebe Brüder und Schwestern 
in dem Herrn, ich bitte euch aus dem Grunde mei- 
nes Herzens, daß ihr die Gnade Gottes nicht umsonst 
empfangt, denn er sagt: »Ich habe dich zur angenehmen 
Zeit erhört, und dir am Tage des Heils geholfen.« Dar- 
um, liebe Brüder, lasst uns niemandem ein Ärgernis 
geben, damit unser Dienst nicht gelästert werde, son- 
dern lasst uns als Diener Gottes uns zeigen, mit großer 
Geduld, in Not und Ängsten. Deshalb, liebe Brüder, 
nehmt dieses als eine herzliche Bitte von mir auf, da- 
mit ihr eures Rufes wahrnehmen mögt, wodurch ihr 
zur Heiligkeit gerufen seid, denn er sagt: »Ihr sollt hei- 
lig sein, denn ich bin heilig.« Desgleichen bitte ich euch 
auch, erweist doch untereinander die Liebe, solange 
ihr hier lebt, denn Christus sagt: »Daran erkennt man, 
daß ihr meine Jünger seid, wenn ihr euch untereinander 
liebt.« Wenn der eine ein besseres Auskommen hat 
als der andere, so steht einander bei, und entziehe 
sich einer nicht dem andern, damit nicht der eine um 
des andern willen betrübt werde, sondern ermahnt 
euch untereinander, wenn ihr zusammen kommt, mit 
dem Gesetze des Herrn, und erinnert euch allezeit 
der Tage, wo ihr erleuchtet worden seid; wie eifrig 
wir alle waren, als wir zusammenkamen, um von den 
großen Wohltaten zu reden, die Gott an uns erwiesen 
hat, indem er uns von der Macht der Finsternis zu 
seinem wunderbaren Lichte berufen hat, welches in 
unsern Herzen aufgegangen ist, wobei wir uns ganz 
übergeben haben, alle Tage unsers Lebens dem Herrn 
zu dienen, und uns selbst nicht mehr zu leben. 

Ach, liebe Brüder und Schwestern, schreibt das Ge- 
setz des Herrn allezeit in eure Herzen, und stellt euch 
den Herrn allezeit vor Augen, dient Ihm treulich bis 
an das Ende eures Lebens; denn wenn etwas Unrichti- 
ges ist, wodurch das Gewissen beschwert ist, mag es 
auch unbedeutend sein, der Satan sucht alles auf, was 
er Vorbringen kann, damit er uns verführe oder unter- 
drücke, wozu er oft Veranlassung hat, denn Jakobus 
sagt: Wir fehlen alle mannigfaltig. 

Darum, liebe Brüder und Schwestern, wacht auf. 


und wandelt rechtschaffen auf euren Füßen, damit ihr 
allezeit zu dem Evangelium des Friedens, welches uns 
allein zum Frieden einladet, fertig seid, denn lieblich 
sind die Füße derer, die den Herrn fürchten; scheidet 
euch auch nimmermehr von der Gemeinde des Herrn, 
denn sie ist der Leib Christi, und er ist seines Leibes 
Heiland. Und obschon bisweilen einige darunter sind, 
die dem Herrn nicht recht folgen, so denkt dann: Herr! 
Um eines andern Sünde willen will ich nicht sündi- 
gen, denn der Herr hat auch keinen Wohlgefallen an 
der Menge der Sünden, sondern daß sich ein jeder 
bekehre, alsdann soll er leben. Ich bitte euch, und alle 
Brüder und Schwestern in dem Herrn, daß sie es nicht 
gering achten, ihren Nächsten zu betrüben, es sei mit 
Worten, Werken oder Klei der tracht; man tut es doch 
bisweilen, aber man will es nicht tun, und beachtet 
nicht die Unterdrückung seines Nächsten. 

Ach liebe Brüder! Wie wird der Mensch im Gewis- 
sen beschwert, wenn man in Haft oder Bande kommt, 
oder der Herr uns von der Welt nimmt; die Zeit unsers 
Hierseins ist ja sehr kurz, darum macht eure Lampen 
fertig, daß, wenn der Bräutigam kommt, ihr nicht nö- 
tig habt, Öl zu holen, denn die Türen werden alsdann 
zugeschlossen. Was hilft es dem Menschen, wenn er 
die ganze Welt gewinnt, und doch an seiner Seele 
Schaden nimmt? Oder was kann der Mensch geben, 
damit er seine Seele wieder löse. Darum lasst die Sün- 
de in eurem sterblichen Leibe nicht herrschen, son- 
dern heiligt Gott in euren Herzen, und sagt Dank dem 
Vater, der euch würdig gemacht hat zum Erbe seiner 
Heiligen im Lichte. Ach liebe Brüder! Wie gewiss und 
wahrhaftig ist es, was wir täglich finden, daß es die 
Wahrheit sei, um deretwillen wir leiden müssen, und 
wiewohl ich einmal gezweifelt habe, daß es die Wahr- 
heit sein sollte, so werde ich doch täglich mehr und 
mehr versichert. 

Ach, liebe Brüder und Schwestern, bleibt hierbei 
bis ans Ende, dann wird es euch wohl gehen, und 
lasst euch nicht durch die Philosophie oder durch lose 
Verlockung durch eitlen Schein und subtilen Betrug 
verführen, denn die Menschen sind bald von ihrer 
Einfalt abgezogen, die sie in Christo haben, indem es 
eine große Gnade ist, die wir von Gott empfangen 
haben, daß uns die Wahrheit offenbart worden ist, 
die vor so vielen Tausenden verborgen liegt. Darum, 
meine liebe Brüder und Schwestern, denkt jetzt an 
uns, wie viele Marter wir erlitten, wie oft wir geseufzt, 
geweint und zu Gott geschrien haben, und wie viel 
Tränen wir vergossen haben im Gebete zu Gott, daß 
auch ihr denselben Glauben, worin ihr steht, bis ans 
Ende behalten mögt. 

Ach liebe Brüder, es wird uns so sauer, und der 
Kelch ist so bitter, den wir trinken müssen. Ach, wie 



391 


ist mir so bange, bis das Kind geboren ist! Es sind 
so bittere Wehen, liebe Brüder; ich sage die Wahrheit, 
man kann es niemandem begreiflich machen, welche 
Pein es sei, ein Kind zu gebären, als demjenigen, der 
es erfahren hat; wenn es aber geboren ist, so denkt 
man nicht mehr an die Pein. Ebenso ist es auch mit 
mir und meinen Mitgefangenen; wir sind nun in Ge- 
burtsnöten; viele Herzenswehen und Beängstigungen 
des Herzens bemächtigen sich unserer, so daß wir zu 
Gott um Hilfe rufen müssen, welcher uns auch tröstet, 
denn er ist ein Gott des Trostes, der alle bedrückte 
Herzen trösten kann, wie er auch tut; aber ich hoffe, 
daß die Geburt bald vorüber sein werde, dann wer- 
den wir nicht mehr an die Angst und Not denken, 
auch werden dann alle Tränen, die uns jetzt oft über 
die Wangen laufen, sodass wir auch bisweilen, wie 
David, unser Lager mit Tränen netzen, abgewischt 
werden; denn er ist treu, der es uns verheißen hat. Er 
wird es auch halten; wir trösten einander kräftig mit 
des Herrn Verheißungen. 

Darum, liebe Brüder und Schwestern, ermahnt ein- 
ander alle Tage, und seid einander Untertan in der 
Liebe; ich bitte euch, liebe Brüder und Schwäger in 
dem Herrn, ja, ich bitte euch, habt Acht auf meine 
Schwestern, denn ihr seid über sie gesetzt, die Wacht 
ist euch über sie anbefohlen; liebe Brüder, lebt bei 
ihnen mit Verstand, wie ich auch das Vertrauen zu 
euch habe, daß ihr tun werdet! Ich befehle sie euch 
von Herzen an. Desgleichen ihr Schwestern in dem 
Herrn und nach dem Fleische, ich bitte euch aus dem 
Innersten meiner Seele in meinen Banden, die ich um 
Christi willen erleide, daß ihr eure Männer, die euch 
der Herr und seine Gemeinde gegeben, um mit ihnen 
in aller Untertänigkeit und Gehorsam zu leben, in al- 
ler Ehrbarkeit ertragen wollt; es geziemt den Weibern, 
die Männer in Ehren zu halten, denn eine verständige 
Frau ist ihres Mannes Krone, ebenso wird auch die 
Frau durch den Mann geehrt und der Mann durch 
die Frau. Darum bitte ich euch, liebe Schwestern, seid 
euren Männern mit gutem Willen behilflich, damit 
ihr eure Männer nicht kleinmütig macht. Ach, wüsste 
es ein Weib, welche Mühe und Betrübnis sie einem 
Manne in seiner Arbeit verursachen kann, sie wür- 
de sich davor fürchten, wie vor dem Gifte, denn das 
Weib kann einem Manne in seiner Arbeit Leib und 
Seele aufzehren. Muntert einander auf in geistigen 
und zeitlichen Dingen, und hütet euch allezeit vor 
demjenigen, woraus Betrübnis entstehen kann, denn 
der Satan ist listig und hat Mittel genug. Streit zu er- 
regen; er umkreist die Menschen wie ein brüllender 
Löwe, und sucht, welchen er verschlinge. Darum bitte 
ich euch um des Herrn willen, lasst es euch zu Her- 
zen gehen, was ich euch mit Seufzen schreibe; dieses 


tue ich, weil ich euch und alle diejenigen von Her- 
zen liebe, die den Herrn fürchten. Ich sage mit Mose, 
daß ich lieber mit Gottes Kindern Ungemach leiden, 
als die zeitliche Ergötzlichkeit der Sünden haben will. 
Haltet euch allezeit zu denen, die Gott fürchten, und 
bittet, damit euch der Satan nicht überfalle, denn der 
Herr kommt, wenn man am wenigsten Achtung dar- 
auf hat; solches kann ich mit meinen Mitgefangenen 
wohl sagen. Ich hoffe, der Herr habe es mit uns so 
verordnet, wir sind nun im Leiden; der allmächtige 
Gott helfe uns durch, wie ich denn hoffe, daß er tun 
werde; helft den Herrn für uns bitten, denn das Gebet 
des Gerechten vermag viel, wenn es von Herzen geht. 
Ich bitte euch, meine lieben Brüder und Schwestern, 
habt Acht auf euch selbst; die Zeit ist kurz, und es ist 
schrecklich in die Hände des Herrn zu fallen; denkt 
an den Tag, wo ihr erleuchtet worden seid; wie eifrig 
wir damals waren, in dem Gesetze Gottes zu wan- 
deln; ich hoffe, ihr seid in allem besser unterrichtet, 
als ich schreiben kann. Ich bitte euch vor allen Dingen, 
habt den Herrn beständig vor Augen und liebt einan- 
der von Herzen; daran wird man erkennen, daß ihr 
Kinder des Allerhöchsten seid, denn die Liebe bleibt 
in Ewigkeit, sie vergeht nimmermehr. Seid gastfrei, 
gedenkt der Gefangenen, tröstet die Betrübten, seid 
der Armen eingedenk. Ach, wie ruhig macht es das 
Gewissen eines jeden, der nach seinen Verhältnissen 
und Kräften gegeben hat; ich wollte wohl, daß ich 
vielmehr getan hätte. 

Hiermit will euch alle dem ewigen allmächtigen 
Gott anbefehlen; er wolle euch alle, und auch uns ar- 
me verlassene Schafe, die wir von allen Menschen 
ausgesetzt sind, trösten, stärken und kräftig machen, 
bis an das Ende unsers Lebens, denn es ist nicht am 
Anfänge noch an der Mitte gelegen, sondern, wer bis 
ans Ende ausharrt, der wird selig. Seht, liebe Brüder, 
ich gehe voran, und hoffe euch unter dem Altäre zu 
erwarten, wo sie rufen: »Herr, Herr, wie lange richtest 
du, und rächst nicht unser Blut an denen, die auf Erden 
wohnen?« Aber der Herr wird um seiner Auserwähl- 
ten willen die Tage verkürzen; dann wird er sie mit 
weißen Kleidern kleiden und alle Tränen von ihren 
Augen abwischen; alsdann werden sie kein Leid mehr 
sehen, denn es ist in keines Menschen Herz gekom- 
men, was Gott denen bereitet hat, die Ihn lieben. Hier- 
mit nehme ich von euch allen einen ewigen Abschied 
auf dieser Welt, und danke euch allen für den guten 
Umgang, den ich in meinem Leben mit euch gehabt 
habe; vergebt es mir auch, worin ich euch, oder sonst 
jemanden, betrübt habe; es ist mir von Herzen leid; 
ich habe die Hoffnung und das Vertrauen zu Gott, daß 
er es mir vergeben habe, und wenn jemand wäre, der 
auch mich beleidigt hätte, dem vergebe ich auch von 



392 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Grund meines Herzens, er sei, wer er wolle. Wir vier, 
die wir wegen des Zeugnisses Jesu in Banden sind, 
Hans, Cornelius, Matthäus und Christian lassen euch 
und alle diejenigen, die den Herrn fürchten, mit dem 
Frieden des Herrn grüßen, Amen. 

Der allmächtige Gott bewahre euch alle vor dem 
Argen; grüßt meine Mutter, Karl und sein Weib, und 
Maeyken, die mein Weib bewahrt hat. Nim gute Nacht 
euch allen; dieses ist mein Testament für euch alle, 
Vincent, Karl, Neelken, Wilhelm, Hans, und für eure 
Weiber. 

Von mir, Hans Symonß, deinem lieben Bruder, zu 
Antwerpen auf dem Steine um des Zeugnisses Jesu 
willen gefangen, Amen. 

Dieses ist der Brief, den der Schuhmacher 
Cornelius an sein Weib geschrieben hat, 1567. 

Dieses ist der Brief, den der Schuhmacher Cornelius 
an sein Weib geschrieben hat, als er in Banden lag, der- 
selbe ist nachher mit drei andern verbrannt worden, 
und hat dieses zu Antwerpen auf dem großen Markte 
mit seinem Blute versiegelt, den 13. Sept. 1567: 

Die Gnade und Barmherzigkeit Gottes des Vaters, 
und die Liebe des Sohnes, sowie die Gemeinschaft 
und der Friede des Heiligen Geistes, welcher uns vom 
Vater durch den Namen unsers Herrn Jesu Christi, 
zum Tröste und zur Freude aller wahren und getreu- 
en Kinder Gottes gesandt worden ist, der uns auch 
bewegt, lehrt und gesund macht, bewahre dein Herz, 
deinen Verstand und deine Sinne in Christo Jesu, zum 
Lobe und Preise seines himmlischen Vaters, und zum 
Heile deiner betrübten Seele, wie auch zum Schutze 
aller Brüder und Schwestern, die den Herrn fürchten 
und lieben. Dieses wünsche ich dir, mein sehr herzlich 
geliebtes Weib, zum herzlichen Gruße. 

Ich wünsche dir, mein geliebtestes Weib, die ich mir 
vor Gott und seiner Gemeinde vertraut und nach der 
Ordnung des Herrn zu einem Weibe genommen ha- 
be, Trost, Freude und guten Mut in all deiner großen 
Betrübnis, in welche du durch meine Bande und Ge- 
fangenschaft gekommen bist. Ach, mein liebes Weib, 
ich bitte den Herrn ernstlich für dich, daß er dich 
trösten wolle, denn ich weiß wohl, mein liebes Schaf, 
daß du um meinetwillen sehr betrübt bist; aber ich 
bitte dich, lege deine Betrübnis, wenn es möglich ist, 
ein wenig bei Seite; tröste dich mit dem Herzoge des 
Glaubens, und sieh auf den Vollender Jesum; wandle 
fernerhin in aller Gerechtigkeit, nimm der Gnaden- 
zeit wohl wahr, und gedenke allezeit daran, welche 
große Gnade der Herr dir bewiesen hat; sei eingedenk, 
welchem getreuen Gotte du dienst; er wird dich nicht 
verlassen. 


Ach, mein allerliebstes Schaf! Ich kann dem Herrn 
wegen seiner großen Kraft und Stärke, die er mir in 
all meiner Not verleiht, weder genug danken, noch 
Ihn genug loben; solch ein treuer Gott ist er, der mir 
solchen Mut gibt, sodass ich mit Paulus sagen kann: 
»Wer wird uns von der Liebe Gottes scheiden, Angst, Not, 
Verfolgung, oder Hunger, oder Blöße, oder Gefahr, oder 
Schwert? Wie geschrieben steht: Um deinetivillen werden 
wir den ganze Tag getötet; wir werden wie Schlachtschafe 
geachtet, die zum Tode geführt werden; aber in all diesem 
überwinden wir weit um desjenigen willen, der uns geliebt 
hat; denn ich bin gewiss, daß weder Tod noch Leben, weder 
Engel noch Herrschaft, noch Gewalt, weder Gegenwärtiges 
noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes, noch eine an- 
dere Kreatur uns von der Liebe Gottes, die in Jesu Christo, 
unserm Herrn, ist, zu scheiden vermag.« 

Ach, mein liebes, Weib! Ich bitte und ermahne dich, 
sei doch geduldig in deiner Trübsal und standhaft im 
Gebete; denke allezeit an die schönen Verheißungen, 
die uns in der Schrift so reichlich gegeben sind, wenn 
wir bis ans Ende standhaft bleiben (Mt 10,22). 

Ach, laß uns den Schatz, der uns gegeben ist, wohl 
bewahren, damit kein Mensch uns denselben auf ir- 
gendeine Weise nehme; darum sei standhaft und wer- 
de nicht müde; denn wenn auch der auswendige 
Mensch abnimmt, 2Kor 4,16, so wird doch der inwen- 
dige von Tag zu Tag erneuert, denn unsere Trübsal, 
die zeitlich und leicht ist, bringt uns, die wir nicht auf 
das, was sichtbar ist, sondern auf das, was imsichtbar 
ist, sehen, eine über die Maßen große Freude, die ewig 
ist. 

Darum, mein liebes und sehr wertes Weib, lasse 
doch nicht nach, dem Herrn, deinem Gotte von gan- 
zem Herzen zu dienen und seinen Fußstapfen nach- 
zufolgen; denn wir wissen, daß, wenn das irdische 
Haus dieser Wohnung zerbrechen wird, wir einen Bau 
haben, von Gott erbaut; ein Haus, das nicht mit Hän- 
den gemacht ist, das ewig ist im Himmel, und daß 
wir damit überkleidet werden sollen, doch so, daß 
wir bekleidet und nicht bloß erfunden werden; denn 
während wir in dieser Hütte sind, sehnen wir uns, 
und sind beschwert, indem wir lieber nicht entklei- 
det, sondern überkleidet werden wollten, damit das 
Sterbliche von dem Leben verschlungen würde, der 
uns aber dazu bereitet, das ist Gott, der uns das Pfand, 
den Geist, gegeben hat. 

Ach, mein liebes Weib! Weil wir denn eine solche 
Wohnung ererben sollen, wenn wir das Fleisch able- 
gen, so laß uns ohne Furcht in dem Glauben vor Gott 
und seiner Gemeinde wandeln; laß dieses unsern Vor- 
satz sein, daß wir von dem Herrn nicht abweichen, 
noch von seiner Liebe, die er durch den Heiligen Geist 
in unsere Herzen ausgegossen hat, und uns weder we- 



393 


gen Trübsal, nach wegen Verfolgung von Ihm schei- 
den, dann wird er dir in deinem Verlangen (wenn du 
aller Menschen Hilfe und Trost beraubt sein wirst) bei- 
stehen und dich trösten, denn er kommt demjenigen 
zu Hilfe, der aus Schwachheit sich gering achtet, und 
dem Verzagten, denn er allein wohnt und will in dem 
Herzen der Menschen wohnen, und will nicht, daß 
wir jemanden außer Ihm dienen sollen. 

Darum, mein liebes Schaf, sei fest in Ihm auferbaut 
und gegründet, wie du auch unterrichtet bist, und 
laß die Liebe wachsen und zunehmen in aller Ge- 
rechtigkeit und Heiligkeit, die vor Gott gilt und Ihm 
angenehm ist; befleißige dich allezeit in den Tugen- 
den voran zu sein, und habe nicht Achtung auf den 
trägen und unachtsamen Wandel, sondern sieh auf 
diejenigen, die nach der Lehre Christi leben; habe mit 
denselben allezeit deinen Umgang, damit du weder 
links noch rechts, weder zu hoch noch zu tief dich ver- 
läufst, denn viele verlaufen sich dadurch, daß einer 
auf den andern sieht, wodurch sie bisweilen erkalten. 

Darum, mein liebes und sehr wertes Weib, suche 
allezeit das, was droben ist, und trachte allezeit mit 
deinem Gemüte nach dem, was unsichtbar ist; ziehe 
den alten Menschen aus, und ziehe den neuen an; ver- 
leugne das ungöttliche Wesen und die weltlichen Lüs- 
te; verändere dich durch die Erneuerung deiner Sinne, 
dann wirst du der Auferstehung teilhaftig werden 
(Lk 20,35). Darum wisse, daß du den alten Menschen 
zuvor gekreuzigt haben musst, damit der Leib der 
Sünden aufhöre; laß es dich nicht verdrießen, Gutes 
zu tun; denn deine Arbeit in dem Herrn wird nicht 
vergeblich sein (IKor 15,58); denn wir sind Christi teil- 
haftig geworden, wenn wir den Anfang seines Wesens 
bis ans Ende festhalten. 

So lasse dich denn, mein liebes Weib, in deinem 
Sinne oder Glauben nicht bewegen, denn es ist die 
rechte Gnade Gottes, worin wir stehen, und wenn 
auch ein Engel käme, sagt Paulus, der euch das Evan- 
gelium anders predigen würde, als euch gepredigt ist, 
so sei er verflucht; fürchte auch nicht die Menschen, 
die dich von dieser Lehre abziehen wollen, denn sie 
werden wie Heu vergehen (Jes 51,12); denn sie kön- 
nen auch nichts tun ohne Gottes Zulassung. Darum 
fürchte Gott, und demütige dich unter Ihn, denn er 
wird von den Niedrigen geehrt; halte dich allezeit zu 
den Kleinsten, dann wirst du in den Augen Gottes 
groß sein; laß dich selbst nicht dünken, du seist et- 
was, damit du dich nicht betrügst; gehe allezeit von 
dir selbst aus, und achte nicht, was dir auch die Men- 
schen zufügen, wenn man dir auch Unrecht tut, denn 
es ist Gnade bei Gott, wenn man um des Gewissens 
willen in Trübsal gerät und das Unrecht leidet. Darum 
sei geduldig in allem dem, was um des Herrn wil- 


len über dich kommt, damit du des Leidens Christi 
teilhaftig werden und so seine Verheißungen ererben 
mögest, denn die Zeit, während welcher man hier 
Schmach leidet, ist kurz gegen die Freude, die an uns 
zur letzten Zeit offenbar werden soll, denn wiewohl 
wir hier ein elendiges Leben haben, so werden wir 
doch dort viel Gutes haben; hier werden wir geachtet, 
als stürben wir, aber wir gehen ein zur sichern Ruhe 
und zum Frieden. Der Leib wird hier in Krankheit 
gesät, aber in Kraft wird er auferstehen (IKor 15,43). 
Es wird ein natürlicher Leib gesät, und ein geistiger 
Leib wird auferstehen; nun muss unser Haus dieser 
Wohnung zerbrochen werden, wenn wir anders das 
Haus, das uns von Gott erbaut ist, erlangen sollen. 
Darum fürchte nicht diejenigen, die den Leib töten, 
denn sie können der Seele nicht schaden, und laß uns 
um das Werk des Herrn nicht betrübt sein, sondern 
(wie Christus sagt, Mt 5,12) uns darüber erfreuen und 
fröhlich sein, denn wir werden im Himmel dafür be- 
lohnt werden; und laß uns, wie Petrus sagt, den Herrn 
in solchem Falle loben und preisen. 

Ach, mein liebes Schaf! Das ist nicht gesagt, daß wir 
uns betrüben sollen. Darum sei doch geduldig in dei- 
ner Trübsal und leidsam in deinem Leiden, denn Pau- 
lus sagt, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum 
Besten dienen müssen, darum vertraue ich auch dem 
Herrn, daß es dir zum Besten dienen werde. Nimm 
das Leiden und die Widerwärtigkeit, die er dir zu- 
schickt, geduldig an von seiner Hand, denn er wird 
dich nicht über dein Vermögen versucht werden las- 
sen. Sei nun geduldig im Leiden um Christi willen, 
denn alle, die ohne Züchtigung sind, sind Bastarde 
und keine Kinder. Jakobus sagt: »Selig ist der Mann, 
der die Anfechtung erduldet, denn nachdem er bewährt ist, 
wird er die Krone des Lebens empfangen, welche Gott denen 
verheißen hat, die ihn lieb haben.« 

So folge denn Christo nach, mein liebes Weib, nimm 
dein Kreuz auf mit Geduld und Freude, und folge Ihm 
nach die ganze Zeit deines Lebens; er hat so vieles um 
unsertwillen leiden müssen, um uns selig zu machen; 
darum laß uns auch um seinetwillen leiden, denn es 
ist unsere Stunde. So laß uns nun um die Krone des 
Lebens, die uns und denen bereitet ist, die den Herrn 
fürchten und lieben, mit Freuden streiten. Darum laß 
uns in Ihm zufrieden sein, unser Kreuz mit Freude 
und Geduld auf uns nehmen, und mit einem festen 
Vertrauen auf die Verheißungen warten, die er uns 
gegeben hat, damit wir auf dem Berge Zion gekrönt 
und mit Palmen geziert werden mögen und also dem 
Lamme nachfolgen. 

Deshalb stärke dich selbst und erwarte die Barm- 
herzigkeit unsers Herrn Jesu Christi in dem ewigen 
Leben. Dem aber, der dich ohne Anstoß erhalten und 



394 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


dich vor das Angesicht seiner Herrlichkeit mit Freu- 
den stellen kann, Gott, der allein weise ist, unserm 
Seligmacher, sei Ehre, Macht, das Reich und die Kraft, 
nun und in Ewigkeit, Amen. 

Sieh, mein liebes Weib und Schwester in dem Herrn, 
weil ich dir mit meiner Gegenwart nicht länger die- 
nen kann, so habe ich dir ein wenig geschrieben, um 
dich zu trösten; du erhältst dieses als ein Andenken 
und Testament, daß du meiner dabei eingedenk seiest, 
wie ich dir vorgewandelt bin, denn ich hoffe, diesen 
Brief mit meinem Blute zu versiegeln, daß es nämlich 
die rechte Wahrheit sei; dafür begehre ich auch mein 
Leben zu lassen, zum Preise des Herrn und zur Erbau- 
ung aller derer, die den Herrn von Herzen fürchten. 
Ich empfehle dich dem Herrn und dem Worte sei- 
ner Gnade; er wolle dich in aller Gerechtigkeit und 
Wahrheit bewahren, und obgleich wir voneinander 
scheiden müssen, so weiß ich doch, und habe das fes- 
te Vertrauen zu dem Herrn, daß wir in dem ewigen 
Leben wieder beieinander sein werden; eine solche 
Hoffnung habe ich zu dir, daß du deine ganze Le- 
benszeit dich darnach richten und bequemen werdest, 
damit du die Seligkeit erlangen mögest. 

Hiermit sage ich dir gute Nacht, mein liebes Schaf; 
gute Nacht bis in die Ewigkeit. Gute Nacht zum Ab- 
schiede an alle, die den Herrn fürchten. Bittet den 
Herrn für uns alle vier, daß wir dem Herrn ein gefäl- 
liges Opfer tun mögen, damit unsere Seele ewiglich 
erhalten werde, dazu wolle Gott, der Herr, seine Gna- 
de geben, Amen. 

Geschrieben von mir, dem Schuhmacher Cornelius, 
gefangen um des Zeugnisses unsers Herrn Christi 
willen. 

Jaques Mesdag, Wilhelm Aertß, Jons Kasteei, Karl, 
im Jahre 1567. 

Dieser Jaques Mesdag ist den ersten März 1566 (wie er 
selbst schreibt) mit noch dreien gefangen genommen 
und nachher den achten November im Jahre 1567, 
mit jenen zu Kortryck in Flandern um des Wortes 
Gottes willen, auf dem Markte, vor dem Stadthause, 
verbrannt worden, nachdem er über zwanzig Monat 
mit eisernen Banden an den Füßen gesessen hatte. 
Er war von Capelle te Poele, anderthalb Meilen von 
Ypern; mit ihm starb auch ein Junggesell, genannt 
Wilhelm Aertß, und zwei Männer, der eine genannt 
Joos Kasteei, bei Kortryck, der andere hieß Karl; diese 
vier waren sehr wohlgemut, haben auch die Wahrheit 
tapfer bezeugt, und mit ihrem Tode befestigt. 


Ein Brief von Jaques Mesdag. 

Ich, Jaques Mesdag, gefangen zu Kortryck um des 
Wortes Gottes und des Zeugnisses unsers Herrn Jesu 
Christi willen, der ich im Jahre 1566 den ersten März 
eingesetzt worden bin, wünsche dir, meiner herzlich 
geliebten, sehr werten auserwählten Schwester aus 
dem Grunde meines Herzens und dem Innersten mei- 
ner Seele, daß es dir allezeit wohl ergehen möge und 
daß du an Leib und Seele gesund seiest. Die Gnade, 
Barmherzigkeit, der Friede, die Freude und Liebe mit 
einer lebendigen geistigen Hoffnung und einem recht 
evangelischen Sinne und Zutrauen, auch einem unge- 
färbten Glauben, der durch die Liebe wirkt und die 
Erleuchtung samt dem Tröste und der Gemeinschaft 
des Heiligen Geistes sei dir zur Gnade von Gott, dem 
himmlischen Vater, geschenkt, durch unsern Herrn 
Jesum Christum, durch welchen uns die Gnade ge- 
schehen ist, denn Paulus sagt, Tit 2: »Die Gnade Gottes 
ist allen Menschen erschienen, lind lehrt uns, daß ivir das 
ungöttliche Wesen und die weltlichen Lüste verleugnen 
und mäßig, gerecht und gottselig in dieser Welt leben sol- 
len, als solche, die die selige Hoffnung und Offenbarung 
der Herrlichkeit des großen Gottes und unsers Seligma- 
chers Jesu Christi erwarten, der sich für uns dahin gegeben 
hat, damit er uns von aller Ungerechtigkeit erlöse, und 
sich selbst ein Volk des Eigentums reinige, das zu guten 
Werken fleißig wäre.« Denn er ist gekommen und hat 
im Evangelium den Frieden verkündigt, uns, die fern 
waren, und denen, die nahe waren; darum sind wir 
nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Bürger 
mit den Heiligen und Hausgenossen Gottes, gebaut 
auf den Grund der Apostel und Propheten, wovon 
Jesus Christus der Eckstein ist, welchen die Bauleute 
verworfen haben; derselbe hat selbst unsere Sünden 
geopfert an seinem Leibe auf dem Holze, damit wir, 
die wir der Sünde abgestorben sind, der Gerechtigkeit 
leben möchten, durch dessen Wunden wir gesund ge- 
worden sind, denn wir waren wie verirrte Schafe, aber 
nun sind wir bekehrt zu dem Hirten und Bischöfe un- 
serer Seelen, zu dem Könige der Könige und Herrn 
der Herren, der uns geliebt hat, und uns von unsern 
Sünden mit seinem Blute gewaschen, und uns zu Kö- 
nigen und Priestern gemacht hat vor Gott, seinem 
Vater, welchem sei Lob, Preis, das Reich und Dank, 
von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen. 

Dieses wünsche ich dir, meine allerliebste auser- 
wählte Schwester in Christo Jesu, unserm Seligma- 
cher, den ich von Grund meines Herzens und aus 
dem Innersten meiner Seele liebe, zum herzlichen 
und freundlichen Gruße und zum ewigen Andenken. 

Mein liebes Schaf, es kann sich wohl zutragen, daß 
wir hier bald voneinander scheiden müssen, denn 



395 


es scheint, daß das grausame Tier unserm Blute sehr 
nachstellt; aber ich hoffe, daß, obgleich wir hier um 
des Herrn Namen willen voneinander scheiden müs- 
sen, wir doch dort in dem ewigen Leben zusammen 
kommen werden, wo nichts als Freude und Fröhlich- 
keit sein wird, welche von Ewigkeit zu Ewigkeit wäh- 
ren wird; dann werden uns die Tyrannen nicht schei- 
den, noch uns irgendein Leid zufügen können, denn 
nachdem sie den Leib getötet, haben sie keine Macht 
mehr etwas zu tun, wie Christus selbst sagt. 

Darum, meine herzlich geliebte und sehr werte 
Schwester, fürchte du dich nicht vor ihren Drohun- 
gen und erschrick nicht (IPt 3,14). Wie auch der Herr 
durch den Propheten Jesaja in dem 51. Kapitel im 7. 
Verse gesagt hat: »Hört mir zu, die ihr die Gerechtigkeit 
kennt, du Volk, in deren Herzen mein Gesetz ist. Fürchtet 
euch nicht, wenn euch die Leute schmähen, und entsetzet 
euch nicht, wenn sie euch verzagt machen, denn die Motten 
werden siefressen, wie ein Kleid, und Würmer werden sie 
fressen, wie ein Wollentuch, aber meine Gerechtigkeit bleibt 
ewiglich, und mein Heil für und für, denn ich bin euer 
Tröster. Wer seid ihr denn, daß ihr euch vor den Menschen 
fürchtet, die doch sterben müssen, und vor Menschenkin- 
dern, die wie Heu vergehen.« »Denn sieh, es kommt der 
Tag, der wie ein Ofen brennen soll, da werden alle Stol- 
zen, die Gewalt und Unrecht tun, mit den Gottlosen wie 
Stroh sein, spricht der Herr, und es wird von ihnen weder 
Zweig noch Wurzel übrig bleiben; euch aber, die ihr meinen 
Namen fürchtet, soll die Sonne der Gerechtigkeit aufge- 
hen. «Mal 3,19-20 »Ewige Freude wird auf ihrem Haupte 
sein. Wonne und Freude werden sie ergreifen, aber Trauer 
und Seufzen wird von ihnen fliehen. «Jes 51,11 »Ja, die 
Gerechten werden leuchten wie die Sonne in ihres Vaters 
Reiche.« Mt 13,43 »Sie wird nicht mehr hungern noch dürs- 
ten; es wird auch nicht die Sonne, noch irgendeine Hitze 
auf sie fallen, denn das Lamm mitten im Stidile wird sie 
weiden, und wird sie zu dem lebendigen Wasserbrunnen lei- 
ten, und Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen 
und der Tod wird nicht mehr sein, auch wird weder Leid, 
noch Geschrei, noch Schmerzen mehr sein. «Offb 7,16-17 
»Denn wer überwindet, dem wird kein Leid mehr geschehen 
von dem zweiten Tode, und er wird alles besitzen, und die 
Krone des Lebens empfangen.« 

Darum, o meine liebe auserwählte Schwester Su- 
sanneken! Laß uns doch Christo, unserm Bräutigam, 
allezeit treulich anhängen bis in den Tod, damit wir 
doch dermaleinst alle die Krone des Lebens empfan- 
gen und an dem großen Tage des Herrn die schöne 
und liebliche Stimme hören mögen: »Kommt her, ihr 
Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch von 
Anbeginn der Welt bereitet ist! «Mt 25,34 Wogegen er 
aber zu den andern sagen wird: »Geht von mir, ihr Ver- 
fluchten, in das ewige Feuer, das dem Teufel und seinen 


Engeln bereitet ist!« Mt 25,41 

Ach, welch ein großer Unterschied wird alsdann 
zwischen denen sein, die dem Herrn gehorsam gewe- 
sen sind und ihn gefürchtet haben, und denen, die 
ihm nicht gehorsam gewesen sind, und ihn nicht ge- 
fürchtet haben! Das Los der einen wird der feurige 
Pfuhl sein, der von Feuer und Schwefel brennen wird, 
welches der zweite Tod ist (Offb 21,8); das Los der 
andern aber wird das ewige Leben sein (Joh 3,16); 
denn wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird 
es zum ewigen Leben erhalten (Joh 12,25); auch hat 
Christus ferner gesagt (Mt 16,25), wer sein Leben um 
meinetwillen verliert, der wird es finden oder erhal- 
ten. Darum, meine herzlich geliebte und sehr werte 
Schwester, die ich ja von ganzem Herzen wert und 
lieb habe, laß uns doch hierin guten Mutes und getrost 
sein in dem Herrn, wenn uns auch die Tyrannen unser 
zeitliches Leben nehmen um des Herrn Namens wil- 
len (Mt 10,28), und uns voneinander scheiden, denn 
wir wissen, sagt Paulus (2Kor 5,1 ), daß, wenn unser ir- 
disches Haus dieser Hütte zerbrochen wird, wir einen 
Bau von Gott erbaut haben, ein Haus nicht mit Hän- 
den gemacht, sondern das ewig ist im Himmel, dessen 
Baumeister und Schöpfer Gott ist (Hebr 11,10). 

Ach, meine liebe und sehr werte Schwester! Hät- 
ten wir diesen Leib unseres irdischen Hauses hier 
abgelegt in Jesu Christo, daß wir daheim bei ihm 
wären, der unsern verworfenen Leib verklären wird, 
daß er ihn dem Leibe seiner Klarheit gleich mache 
(Phil 3,21 ); denn wir haben hier keine bleibende Stätte 
(Hebr 13,14), sondern wir suchen die zukünftige, wie 
der Apostel sagt. 

Ach, daß wir daselbst wären in der schönen ange- 
nehmen Stadt, die aller Güter voll ist, welche weder 
der Sonne noch des Mondes, oder des Lichtes der Ker- 
zen zu ihrer Leuchte bedarf, denn des Herrn Klarheit 
erleuchtet sie, und das Lamm ist ihr Licht, und sie wer- 
den von Ewigkeit zu Ewigkeit regieren (Ojfb 21). Aber 
hier müssen wir zuvor auf dem schmalen Wege wan- 
deln, gleichwie Christus selbst gesagt hat (Mt 7,14), 
ehe man dahin gelangen oder kommen kann, denn 
die Pforte ist weit und der Weg ist breit, der zur Ver- 
dammnis führt, und viele sind, die darauf wandeln; 
aber die Pforte ist eng und der Weg schmal, der zu 
dem ewigen Leben führt, und wenige sind, die ihn 
finden, und (leider) noch wenigere, die darauf zu wan- 
deln begehren, weil es dem Fleische bisweilen etwas 
schwer fällt; denn es ist denen hier in dieser bösen 
Welt sonst nicht viel verheißen als Trübsal und Lei- 
den, die den schmalen Weg in der Nachfolge Christi 
zu gehen begehren und, nach ihrem schwachen Ver- 
mögen, gottselig wandeln wollen (in dem Tränentale), 
denn Paulus sagt ja, 2Tim 3,16: »Alle, die gottselig le- 



396 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


ben wollen in Christo Jesu, müssen Verfolgung leiden.« 
Denn die Wahrheit fällt auf der Gasse, und das Recht 
kann nicht einhergehen, und die Wahrheit ist dahin, 
und wer vom Bösen abweicht, muss jedermanns Raub 
sein. 

Ach, meine auserwählte und in Gott geliebte 
Schwester! Es hat uns der Herr so viel Gnade gege- 
ben, daß wir den Weg der Gnade gefunden haben, das 
ist die rechte Gnade Gottes, worin ihr steht, sagt Pe- 
trus. Ach, laß uns doch allezeit treulich darin wandeln 
bis ans Ende, nach unserm kranken und schwachen 
Vermögen, wenn wir auch hier eine kurze Zeit um 
des Namens Christi willen Trübsal und Leiden haben, 
denn durch viel Leiden müssen wir ja in das Reich 
Gottes eingehen. So sagt auch Christus selbst: »In der 
Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt 
überwunden!« Ferner sagt er auch: »Wahrlich, wahrlich, 
ich sage euch, ihr werdet weinen und heulen, aber die Welt 
wird sich freuen; doch wenn ihr auch betrübt seid, so soll 
doch eure Traurigkeit in Freude verwandelt werden, denn 
ein Weib, wenn sie gebärt, hat Traurigkeit, weil ihre Stunde 
gekommen ist; wenn sie aber das Kind geboren hat, so denkt 
sie nicht mehr an die Angst, um der Freude willen, weil 
ein Mensch zur Welt geboren ist. Also habt ihr nun auch 
Traurigkeit, aber ich will euch wieder sehen, und euer Herz 
soll sich freuen, und niemand soll eure Freude von euch 
nehmen.« Ebenso sind wir nun auch schwanger und 
in Kindesnöten, daß wir kaum Atem holen können, 
wie auch bei dem Propheten Jesaja steht; aber, wenn 
wir alle Angst und Trübsal ausgeboren und unsern 
Leib in dem Herrn abgelegt haben werden, so werden 
wir uns auch endlich mit unaussprechlichen Zungen 
erfreuen, wenn wir auch hier in den Wehen sind, mei- 
ne liebe und sehr werte Schwester, um des Namens 
willen, nämlich eine kurze Zeit in Angst und Leiden, 
und von allen Menschen gehasst sein müssen, denn 
Christus sagt selbst, Mt 10,22: »Ihr werdet um meines 
Namens willen von allen Menschen gehasst werden; wer 
aber standhaft bleibt bis aus Ende soll selig werden.« So 
sagt auch Paulus, Phil 1,29: »Denn euch ist gegeben, um 
Christi willen zu tun, daß ihr nicht allein an ihn glaubt, 
sondern auch um seinetwillen leidet.« 

Aber meine sehr liebe und auserwählte Schwester 
in dem Herrn, die ich mit rechter ungeheuchelter, gött- 
licher und brüderlicher Liebe liebe, es wird uns der- 
maleinst dort doch alles nichts schaden, was wir hier 
um des Namens Christi willen erlitten haben, indem 
er uns reichlich und mit Freuden belohnen wird; denn 
gleichwie des Leidens Christi viel über uns kommt, so 
werden wir auch durch Christum reichlich getröstet. 
»Das ist ja genüsslich wahr, sagt Paulus ferner, sterben wir 
mit Ihm, so werden wir auch mit Ihm herrschen, verleugnen 
wir Ihn, so wird er, uns auch verleugnen.« 2Tim 2,11-12 


Wenn wir aber Ihn vor den Menschen bekennen, so 
wird er uns auch vor seinem Vater bekennen, der im 
Himmel ist, wie Christus selbst sagt. 

Darum, mein liebes Schaf, laß uns doch allezeit 
ernstlich Zusehen und uns hüten, daß wir Christum, 
unsern Bräutigam, hier keineswegs verleugnen, die 
Menschen mögen uns auch Leiden zufügen so viel 
sie wollen, denn die Zeit, die man hier ist, ist doch 
kurz in Vergleichung mit der Ewigkeit, und wenn wir 
auch lebenslänglich um des Herrn Namen willen in 
einem dunklen Loche liegen müssten, so kann man es 
doch nicht mit der Ewigkeit und Herrlichkeit, die an 
uns offenbar werden soll, vergleichen, denn Paulus 
sagt, Rom 8,18: »Ich halte, daß dieser Zeit Leiden mit der 
Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll, nicht zu ver- 
gleichen sei.« »Denn unsere Trübsal, die zeitlich und leicht 
ist, bringt eine ewige und über die Maßen gewichtige Herr- 
lichkeit uns, die wir nicht auf das Sichtbare, sondern auf das 
Unsichtbare sehen, denn zvas sichtbar ist, das ist zeitlich, 
was aber unsichtbar ist, das ist ewig.« 2Kor 4,17-18 

So laß uns denn, ach, meine liebste Schwester, nicht 
auf das, was zeitlich und vergänglich ist, sehen, son- 
dern laß uns doch allezeit uns selbst gänzlich verleug- 
nen und täglich unser Kreuz auf uns nehmen, und 
Christo treulich und willig in allem nachfolgen, was 
uns Vorkommen mag, um seines heiligen und herrli- 
chen Namens willen; laß uns auf die Belohnung und 
die schönen Verheißungen sehen, die ewig währen sol- 
len. Laß uns doch uns selbst allezeit mit den schönen 
Verheißungen des Herrn trösten, die er den Seinen 
gegeben hat, die Ihn fürchten und lieben, und Ihm in 
allem gehorsam sind bis ans Ende. 

Darum, meine liebe und sehr werte Schwester Su- 
sanneken, laß uns doch allezeit in allen Dingen Ihm 
gehorsam sein, um seinen göttlichen Willen nach un- 
serm schwachen Vermögen bis ans Ende zu erfüllen, 
und allezeit mit großer Geduld und Leidsamkeit sei- 
ne schönen Verheißungen erwarten, gleichwie alle 
frommen Männer getan haben, die im Glauben ge- 
storben sind, und die Verheißungen nicht erlangt, son- 
dern sie von weitem gesehen, sich ihrer getröstet und 
denselben angehangen, auch bekannt haben, daß sie 
Gäste und Fremdlinge auf Erden wären; diese haben 
Spott und Geißel, Bande und Gefängnisse erduldet, 
sind auch gesteinigt, zerhackt, durchstochen und mit 
dem Schwerte getötet worden; sie sind in Pelzen und 
Ziegenfellen umhergegangen und haben mit Mangel, 
Druck und Ungemach, deren die Welt nicht wert war, 
gekämpft; sie sind flüchtig geworden und haben in 
Wüsten und Höhlen zugebracht, sind aber nichtsde- 
stoweniger ihrem Gott gehorsam gewesen. Durch den 
Glauben wurde Abraham gehorsam, als er gerufen 
wurde um auszugehen in das Land, das er zum Erbe 



397 


empfangen sollte; er ging aus, und wusste nicht, wo er 
hinkommen würde. Durch den Glauben ist er in dem 
Lande der Verheißung ein Fremdling gewesen und 
wohnte wie in einem fremden Lande, mit Isaak und 
Jakob, den Miterben derselben Verheißung, in Hütten, 
denn er erwartete eine Stadt, die einen Grund hatte, 
deren Baumeister und Schöpfer Gott ist. Durch den 
Glauben wollte auch Mose, als er groß ward, nicht 
ein Sohn der Tochter Pharaos genannt werden, und 
wählte lieber, mit dem Volke Gottes Ungemach zu 
leiden, als die zeitliche Ergötzlichkeit der Sünden zu 
haben, und achtete die Schmach Christi für größeren 
Reichtum, als die Schätze Ägyptens, denn er sah auf 
die Belohnung. 

So laß uns denn, meine herzlich geliebte und sehr 
werte Schwester, Gott, unserm himmlischen Vater, al- 
lezeit gehorsam sein bis in den Tod, und auch, wie 
Mose tat, lieber wählen, mit dem Volke Gottes hier 
in diesem Tränentale eine geringe Zeit Ungemach zu 
leiden, und auf die schöne Belohnung, die endlich 
dort kommen soll, zu sehen, denn es hat kein Auge 
gesehen und kein Ohr gehört, und ist auch in keines 
Menschen Herz gekommen, was Gott denen bereitet 
hat, die ihn lieben (IKor 2,9). Ach sieh, meine liebe 
Schwester, wie reichlich werden diejenigen belohnt, 
die Gott lieben und fürchten. Ach sollten wir denn den 
Herrn nicht fürchten und von ganzem Herzen lieben, 
der uns doch so reichlich lohnen wird; es wird nicht 
ein einziges Wort von seinen Verheißungen fehlschla- 
gen, denn er ist so treu, der sie uns gegeben hat, wenn 
wir auch hier eine kurze Zeit um des Namens Christi, 
unsers Herrn, willen Trübsal und Verfolgung leiden 
müssen. Denn haben die heiligen Männer, Prophe- 
ten und Apostel, ja, Christus selbst, der unser Haupt 
und Meister ist, leiden müssen, um wie viel mehr ge- 
bührt uns, die wir doch arme, sündhafte, gebrechliche 
Menschen sind, zu leiden, wollen wir anders, als ein 
kleines Glied an seinem Leibe erfunden werden; denn 
es sind ja die Glieder nicht besser als das Haupt; eben- 
so ist auch der Knecht nicht mehr als sein Herr, wie 
Christus selbst sagt: »Haben sie mich verfolgt, so werden 
sie euch auch verfolgen, haben sie mein Wort gehalten, so 
werden sie das eure auch halten, und wenn euch die Welt 
hasst, so wisst, daß sie mich vor euch gehasst hat. Wärt 
ihr von der Welt, so hätte die Welt das Ihre lieb, weil ihr 
aber nicht von der Welt seid, sondern ich euch von der 
Welt erwählt habe, so hasst euch die Welt.« Ferner sagt 
Johannes in seinem Sendbriefe: » Verwundert euch nicht, 
meine Brüder, daß euch die Welt hasst, wir wissen, daß wir 
von dem Tode zum Leben übergegangen sind.« 

Sieh, mein liebes Schaf, wie es uns vorausgesagt 
worden ist, daß wir von der Welt gehasst und ge- 
schmäht werden müssen, so verwundere dich denn 


nicht, daß uns solches auch in dieser bösen, argen, 
verkehrten und blinden Welt um des Namens Chris- 
ti willen widerfährt, sondern laß uns darüber uns 
freuen, daß wir des Leidens Christi teilhaftig gewor- 
den sind, damit wir auch in der Zeit der Offenba- 
rung seiner Herrlichkeit große Freude und Wonne 
haben mögen, wie der Apostel Petrus sagt: »Selig seid 
ihr, wenn ihr geschmäht werdet über den Namen Chris- 
ti. «IPt 4,14 Auch sagt Christus: »Selig seid ihr, wenn 
euch die Menschen schmähen und verfolgen, und um mei- 
netwillen allerlei Übles nachreden, wenn sie daran lügen, 
seid fröhlich und getrost, denn euer Lohn wird groß sein 
im Himmel.« Ferner sagt er: »Selig sind, die hier wei- 
nen, denn sie werden lachen. «Lk 6,21 Ach siehe, meine 
herzliebe auserwählte Schwester, welche tröstlichen 
Worte sind es abermals für diejenigen, die hier um des 
Namens Christi willen verschmäht und verfolgt wer- 
den, und Trübsal und Leiden haben. Ach wie sollten 
wir uns über das betrüben, oder matt und schwach 
werden können, was uns um des Namens Christi wil- 
len widerfährt, weil nachher ein so großer Trost und 
Lohn allen denen dafür verheißen ist, die Ihm treu 
sind bis in den Tod, wie Ojfb 2,10 geschrieben steht: 
»Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des 
Lebens geben.« Ach, mein liebes Schaf, tröste und er- 
freue dich doch über die trostreichen Schriften, die 
uns zur Erquickung unseres Gemüts und Glaubens 
hinterlassen sind, selbst wenn du von einer Stadt in 
die andere verfolgt und verjagt wirst, und sie dir um 
des Namens Christi willen Drangsal und Leiden an- 
tun, wie solches leicht geschehen kann, wie ich denn 
höre, daß das grimmige und grausame Tier wieder- 
um anfängt, sich über das kleine Häuflein des Herrn 
bedeutend zu erheben und empor zu schwingen, aber 
sie haben doch nicht mehr Macht, als ihnen der Herr 
zulässt, wenn sie sich auch noch so sehr erheben und 
rasen, als ob sie das kleine Häuflein gänzlich vertilgen 
wollten, wie solches aus ihrem Vorhaben zu ersehen 
ist; aber der Herr hat alles in seiner Hand; derjenige, 
der den Rat der Gottlosen vernichten kann, der wird 
es, wie ich hoffe, nach seinem göttlichen Willen wohl 
verordnen; laß uns nur allezeit ein festes Vertrauen zu 
Ihm haben, auf Ihn hoffen und unsere Sorge ganz auf 
Ihn werfen, denn er ist es, der für uns sorgt, sagt der 
Apostel Petrus; denn welchen von denen hat der Herr 
jemals verlassen, die Ihm fest vertraut haben? Wer 
ist jemals zu Schanden geworden, der auf den Herrn 
gehofft hat? Und wer ist jemals verlassen worden, der 
in der Furcht Gottes geblieben ist? Oder wer ist jemals 
von Ihm verschmäht worden, der Ihn angerufen hat? 
Kann auch ein Weib ihres Kindes vergessen, daß sie 
sich nicht über den Sohn ihres Leibes erbarme? Und 
wenn sie desselben vergessen wird, so will ich doch 



398 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


deiner nicht vergessen, spricht der Herr durch den 
Propheten; so sagt auch Christus, Joh 14,18: »Ich will 
euch nicht als Waisen lassen.« 

So laß uns denn, meine Geliebteste, allezeit ver- 
gnügt und mit demjenigen wohl zufrieden sein, was 
vorhanden ist, denn er hat gesagt: »Ich will dich we- 
der verlassen noch versäumen, darum dürfen wir sagen: 
Der Herr ist mein Helfer, ich will mich nicht fürchten; was 
sollte mir ein Mensch tun, denn wer an Ihn glaubt, soll 
nicht zu Schanden werden; und ist Gott für uns, wer mag 
wider uns sein? Der seines eigenen Sohnes nicht verschont, 
sondern Ihn für uns alle dahingegeben hat, wie sollte er uns 
mit Ihm nicht alles schenken?«, sagt Paulus. »Wer will 
die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der 
gerecht macht, wer will verdammen? Christus ist hier, der 
gestorben ist, ja, viel mehr, der auch auferweckt ist, und zur 
rechten Hand Gottes sitzt und für uns bittet. Wer will uns 
denn scheiden von der Liebe Gottes? Trübsal, oder Angst, 
oder Verfolgung, oder Hunger, oder Blöße, oder Gefahr, 
oder Schzvert? Wie denn geschrieben steht: Lim deinetwil- 
len werden wir den ganzen Tag getötet; wir sind geachtet 
wie Schlachtschafe, aber in all diesem überwinden wir weit 
um seinetwillen, der uns geliebt hat, denn keine Kreatur 
mag uns von der Liebe Gottes scheiden, die in Christo Jesu 
ist, unserm Herrn.« Darum nun, ach meine herzlich 
geliebte und werte Schwester, wenn du nach dem Gu- 
ten trachtest, wer ist es, der dich daran verhindern 
kann? Fürchte dich doch nicht vor ihrem Dräuen, und 
erschrick nicht, wenn sie dich auch verfolgen und dir 
Leiden und Trübsal zufügen; denn es ist besser, daß 
du, wenn es Gottes Wille ist, um des Wohltuns willen 
leidest, als um Übeltat willen; denn das ist Gnade, 
wenn jemand um des Gewissens willen zu Gott das 
Arge erträgt und das Unrecht leidet; denn was ist das 
für ein Ruhm, sagt ferner Petrus, wenn ihr um Misse- 
tat willen Streiche leidet; aber wenn ihr um Wohltat 
willen leidet, das ist Gnade bei Gott. Dazu seid ihr 
berufen, indem auch Christus einmal für uns gelitten 
und uns ein Vorbild gelassen hat, daß ihr seinen Fuß- 
stapfen nachfolgen sollt, welcher keine Sünde getan 
hat; es ist auch kein Betrug in seinem Munde erfun- 
den; er schalt nicht, als er gescholten ward, er dräute 
nicht, als er litt. Er stellte es aber dem anheim, der 
recht richtet. Darum, meine liebe Schwester, laß uns 
doch immer Fleiß anwenden, daß wir allezeit Ach- 
tung auf uns geben, und Christi Fußstapfen bis ans 
Ende nach unserm geringen und schwachen Vermö- 
gen nachfolgen, und wenn sie uns um der Wahrheit 
willen verfolgen und Leiden antun, so laß uns auch 
die Rache dem anheimstellen, der recht richten wird, 
vor welchem alle Dinge entdeckt und offenbar find, 
und laß uns für diejenigen bitten, wie uns Christus 
selbst lehrt, die uns verfolgen und uns Leiden zufü- 


gen, damit sie sich bessern und von aller ihrer Bosheit 
zur rechten Wahrheit bekehren möchten, damit sie 
auch alle selig werden und ruhig und still in aller 
Gottseligkeit und Ehrbarkeit leben möchten, denn das 
ist gut und auch angenehm bei Gott, unserm Seligma- 
cher, der es will, daß alle Menschen selig werden und 
zur Erkenntnis der Wahrheit kommen, sagt Paulus 
lTim 2,3-4; denn er ist langmütig, und will nicht, daß 
jemand verloren werde, sondern daß sich jedermann 
bekehre (2 Pt 3,9). Aber sie wollen sich nun nicht bes- 
sern, noch von allem Bösen zu der Erkenntnis der 
Wahrheit bekehren, denn sie haben noch Lust daran, 
daß sie das Völklein des Herrn verfolgen, und haben 
Lust, unschuldiges Blut zu vergießen, wie der Prophet 
sagt Jes 59,7-8: »Ihre Füße laufen zum Bösen, und sind 
schnell, unschuldiges Blut zu vergießen; ihre Gedanken 
sind Mühe; ihr Weg ist eitel Verderben und Schaden; sie 
kennen den Weg des Friedens nicht, und ist kein Recht 
in ihren Gängen, sie sind verkehrt auf ihren Straßen; wer 
darauf geht, hat nimmer Frieden.« So sagt auch Paulus 
Röm 3,13-18: »Ihr Schlund ist ein offenes Grab, mit ihren 
Jungen handeln sie triiglich, Otterngift ist unter ihren Lip- 
pen; ihr Mund ist voll Fluchens und Bitterkeit; ihre Füße 
sind schnell, Blut zu vergießen; in ihren Wegen ist eitel 
Unfall und Herzleid, und den Weg des Friedens wissen sie 
nicht; es ist keine Furcht Gottes vor ihren Augen.« Sol- 
ches kann man an allen Ecken und Enden sehen und 
hören, daß es zu beklagen ist, daß so viele verführt 
sind, und so jämmerlich auf dem breiten Wege laufen, 
und haben sich von dem rechten Wege der Wahrheit, 
der zu dem ewigen Leben führt, verloren, und was 
noch mehr ist, sie wollten auch noch gern diejenigen 
verhindern, wenn sie könnten, die sich zu dem Wege 
der Wahrheit bekehren wollen, aber sie werden es der- 
maleinst sehr beklagen, wenn sie sich nicht bekehren, 
wiewohl es leider dann zu spät sein wird, wenn sie zu 
den Bergen und Steinfelsen sagen werden: »Fallt auf 
uns und bedeckt uns vor dem Angesichte dessen, der auf 
dem Stuhle sitzt, und vor dem Zorne des Lammes, denn 
es ist der große Tag seines Zorns gekommen, und wer mag 
bestehen? «O ffb 6,16-17 Dann wird man (sagt Jes 2,19) 
in der Felsen Höhlen gehen und in der Erde Klüfte, 
vor der Furcht des Herrn und vor seiner herrlichen 
Majestät, wenn er sich aufmachen wird, das Erdreich 
zu schrecken; auch steht in der Offenbarung Johannes: 
»In denselben Tagen werden die Menschen den Tod suchen 
und nicht finden, und werden begehren zu sterben, und 
der Tod wird von ihnen fliehen. «O ffb 9,6 »und werden 
mit Feuer und Schwefel gequält werden, vor den heiligen 
Engeln und dem Lamme, und der Rauch ihrer Qual wird 
aufsteigen von Ewigkeit zu Ewigkeit; sie haben auch keine 
Ruhe, weder Tag noch Nacht, die das Tier und sein Bild 
angebetet haben, und wenn jemand das Malzeichen seines 



399 


Namens angenommen hat; und wer nicht in dem Buche des 
Lebens aufgezeichnet steht, der wird in den feurigen Pfuhl 
geworfen. «Offb 14,11 Dann werden sie dafür belohnt 
werden, weil sie hier so sehr über das kleine Häuflein 
geherrscht und nach ihres bösen Herzens Gedanken 
gelebt, und das Volk gequält, verfolgt und getötet 
haben, welches nach seinem geringen Vermögen ge- 
sucht hat, nach des Herrn Wort und Lehre zu leben. 
Denen aber, die um der Wahrheit und des Wortes Got- 
tes willen gelitten haben, wird es alsdann besser und 
glücklicher ergehen, als denen, die sie verfolgt und 
ihnen Drangsal und Leiden zugefügt und in Bosheit 
und Übeltat gelebt haben; denn der Herr wird zu ih- 
nen sagen: »Ich weif nicht , von wannen ihr seid, geht von 
mir, alle ihr Übeltäter, wo Heiden und Zähneklappern sein 
wird!« »Denn nicht alle (sagt Christus ferner, Mt 7,21), 
die zu mir sagen: Herr, Herr, werden ins Himmelreich kom- 
men, sondern die den Willen meines Vaters tun, der im 
Himmel ist.« 

Ach, meine herzlich geliebte und sehr werte 
Schwester, laß uns allezeit Sorge tragen, und unser 
selbst wahrnehmen, daß wir des Vaters Willen bis ans 
Ende nach unserem geringen Vermögen erfüllen, da- 
mit wir nicht mit den andern hören mögen: »Gehet von 
mir, all' ihr Übeltäter!«, und nicht ihres Lohns in dem 
feurigen Pfuhle teilhaftig werden, der von Feuer und 
Schwefel brennen wird, welches der andere Tod ist 
(Offb 21,8), sondern daß wir mit allen auserwählten 
Kindern Gottes in das Reich der Himmel kommen 
mögen, welches von Ewigkeit zu Ewigkeit wahren 
wird. Ach, alsdann wird es uns allen nichts schaden, 
daß wir hier um des Herrn Namen willen Verfolgung, 
Trübsal oder Leiden auf eine kleine Zeit erlitten haben. 

Ach, meine Geliebteste, sei doch allezeit standhaft 
und geduldig in allen Trübsalen und Leiden, die da 
um des Namens Christi willen über dich kommen 
möchten, und laß uns allezeit fleißig wachen und be- 
ten, und uns auf die Zukunft Christi zubereiten; laß 
uns stets ablegen, was uns beschwert, und die Sünde, 
die uns immer anklebt und träge macht, und laß uns 
mit Geduld in dem Kampfe laufen, der uns verord- 
net ist, und auf Jesum, den Anfänger und Vollender 
des Glaubens, sehen, welcher, obwohl er hätte Freude 
haben können, das Kreuz erduldete und der Schande 
nicht achtete und zur Rechten auf dem Stuhle Gottes 
gesessen hat. Gedenke an den, der ein solches Wider- 
sprechen von den Sündern wider sich erduldet hat, 
daß du nicht in deinem Mute matt werdest (Hebr 12,1- 
3), und von dem Wege der Wahrheit und von der 
Liebe Christi ablassest, die Menschen mögen auch mit 
dir umgehen, wie sie wollen, sondern gedenke alle- 
zeit an die große Liebe Christi gegen uns, wie viel er 
für uns arme sündhafte Menschen an dem Holze des 


Kreuzes erlitten, und wie er sein Blut für uns vergos- 
sen habe, um uns zu erlösen und selig zu machen, wie 
uns die vier Evangelisten bezeugen; denn er trug un- 
sere Krankheiten und lud auf sich unsere Schmerzen, 
damit wir Frieden hätten, und durch seine Wunden 
sind wir geheilt (Jes 53,5). 

Ach, meine liebe und sehr werte Schwester! Hat 
uns Christus so geliebt, daß er für uns im Fleische 
gelitten hat, so laß uns auch mit demselben Sinne uns 
wappnen, wie Petrus sagt; dasselbe sagt auch Pau- 
lus, Phil 2,5-8: »Ein jeder sei gesinnt, wie Jesus Christus 
gesinnt war, welcher, obzvohl er in göttlicher Gestalt war, 
es für keinen Raub hielt, Gott gleich zu sein, sondern er 
hat sich erniedrigt und Knechtsgestalt angenommen, und 
ist wie ein anderer Mensch geworden und an Gebärden 
als ein Mensch erfunden; er hat sich selbst erniedrigt und 
ward gehorsam bis zum Tode, ja, zum Tode am Kreuze.« 
Und obgleich er der Sohn des lebendigen Gottes war, 
Mt 16,16 und Joh 6,69, so hat er doch in dem, das er litt, 
Gehorsam erlernt, Hebr 5,8, denn er hat selbst gesagt, 
Joh 6,38: »Ich bin vom Himmel gekommen, nicht, daß ich 
meinen Willen tue, sondern den Willen dessen, der mich 
gesandt hat.« Gleichwie auch Christus sagt, als er sei- 
nen himmlischen Vater bat, daß er den bitten Kelch 
von Ihm nehmen wolle: »Nicht mein, sondern dein Wille 
geschehe!« 

Ach sieh, mein liebes Schaf, wie Christus, unser 
Haupt, sich gedemütigt und erniedrigt und wie er 
sich selbst verlassen habe und seinem himmlischen 
Vater gehorsam gewesen sei bis zum Kreuzestode, wie 
er um unsertwillen arm geworden sei, damit er in al- 
len Dingen uns ein Beispiel sein möchte, er (IPt 2,21), 
der uns auch mit dem Leibe seines Fleisches durch 
den Tod erlöst oder versöhnt hat (Kol 1,21-22), und 
wir haben die Vergebung der Sünden durch sein Blut 
nach dem Reichtum seiner Gnade. So laß uns denn, 
meine liebe Schwester, Christum wieder lieben bis in 
den Tod, und allezeit in der Liebe wandeln, gleichwie 
uns auch Christus geliebt und sich selbst für uns zum 
Opfer und zur Gabe, Gott zum süßen Gerüche, dahin- 
gegeben hat (Eph 5,2). Darum lasst uns auch uns selbst 
willig dahingeben für seinen heiligen Namen, und 
uns selbst allezeit durchaus verleugnen, auch unserm 
eigenen Willen und Sinne entsagen, und uns selbst 
unter die starke Hand Gottes erniedrigen und demü- 
tigen, sodass wir uns nicht mehr leben, sondern dem, 
der für uns gestorben und auferstanden ist (2Kor 5,15). 
Laß uns ihm allezeit gehorsam sein, ihn stets fürch- 
ten und ihm dienen unsere ganze Lebenszeit in aller 
Gerechtigkeit und Heiligkeit (Lk 1,69), als gehorsame 
Kinder, und nicht zu den vorigen Wollüsten wieder 
zurückkehren, worin wir waren, ehe wir Christum er- 
kannten, wie Petrus sagt, »sondern nachdem der, welcher 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


euch berufen hat, heilig ist, so seid auch ihr heilig in all 
eurem Wandel, denn es steht geschrieben: Ihr sollt heilig 
sein, denn ich bin heilig!« »Denn fleischlich gesinnt sein 
ist der Tod, und geistig gesinnt sein, ist das Leben und 
Friede,« sagt Paulus. »Denn ivisst ihr nicht, welchem ihr 
euch begebt zu Knechten in Gehorsam, dessen Knechte seid 
ihr, dem ihr gehorsam seid; es sei der Sünde zum Tode, oder 
dem Gehorsam zur Gerechtigkeit? Darum, gleichwie ihr 
eure Glieder begeben habt zum Dienste der Unreinigkeit 
und von einer Ungerechtigkeit zur andern, so begebt nun 
auch eure Glieder zum Dienste der Gerechtigkeit und Hei- 
ligung; welche Frucht hattet ihr damals von den Dingen, 
deren ihr euch jetzt schämt, denn das Ende aller solcher 
Dinge ist der Tod, sagt Paulus, und der Sünden Sold ist 
der Tod; denn, wenn ihr nach dem Fleische lebt, so werdet 
ihr sterben, wenn ihr aber durch den Geist die Werke des 
Fleisches tötet, so werdet ihr leben; denn alle, die von dem 
Geiste Gottes getrieben weiden, sind Gottes Kinder, und ihr 
seid der Tempel des lebendigen Gottes, wie Gott spricht: Ich 
will in ihnen wohnen und wandeln, und ich werde ihr Gott 
sein, und sie sollen mein Volk sein. Darum geht aus von 
ihr, und sondert euch ab, und rührt nichts Unreines an, 
so will ich euch aufnehmen und euer Vater sein, und ihr 
sollt meine Söhne und Töchter sein, spricht der allmächtige 
Herr.« 

Darum, ach meine geliebteste Schwester in Christo 
Jesu, laß uns doch stets von allen weltlichen Lüsten 
und Begierden uns absondem und nichts Unreines 
anrühren, sondern uns selbst allezeit von aller Befle- 
ckung des Fleisches und des Geistes reinigen, und 
mit der Heiligung in der Furcht Gottes fortfahren, 
nach dem Geiste, damit wir allezeit dem Herrn die- 
nen und ihn ehren alle Tage unseres Lebens, damit wir 
von seinen Söhnen und Töchtern sein mögen; denn 
wenn wir seine Söhne und Töchter sind, so werden 
wir auch Miterben seines ewigen Reiches sein. So laß 
uns denn allezeit Sorge tragen, daß wir Ihn allein stets 
fürchten und Ihm dienen bis ans Ende nach unserm 
schwachen Vermögen, denn wir können nicht zweien 
Herren zugleich dienen, Gott und der Welt. Wisst ihr 
nicht, sagt Jakobus, daß der Welt Freundschaft Got- 
tes Feindschaft sei; darum, wer der Welt Freund sein 
will, der wird Gottes Feind sein. Auch sagt Johannes: 
»Wenn jemand die Welt lieb hat, in dem ist nicht die Liebe 
des Vaters, denn alles, was in der Welt ist, nämlich Flei- 
scheslust, Augenlust und hoffärtiges Leben, ist nicht von 
dem Vater, sondern von der Welt, und die Welt vergeht 
mit ihren Lüsten; wer aber den Willen Gottes tut, bleibt 
in Einigkeit.« Auch lehrt uns Paulus: »Stellt euch nicht 
dieser Welt gleich, sondern verändert euch durch die Er- 
neuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen mögt, was der 
gute, wohlgefällige und vollkommene Wille Gottes sei.« 

Darum, meine herzlich geliebte Schwester, laß uns 


doch diese Welt weder lieb haben noch achten, uns 
auch der Welt nicht gleichstellen, noch auch nach die- 
ser bösen Welt ein Gelüste haben, um mit ihr in das- 
selbe unordentliche Leben zu laufen, damit wir mit 
ihr nicht zu Grunde gehen mögen, sondern laß uns 
stets fortwandeln den rechten Weg der Wahrheit, in 
einem neuen Wesen des Lebens dem lebendigen Gott 
unsere Lebenszeit zu dienen, ohne uns nach Sodoma 
umzusehen. Laß uns doch stets Acht auf uns haben, 
und tun, was die heilige Schrift lehrt und ermahnt, 
damit wir uns ewiglich erfreuen mögen bei Gott, un- 
serm himmlischen Vater, und mit dem Lamme auf 
dem Berge Zion. Denn alle Schrift, von Gott eingege- 
ben, ist nützlich zur Lehre, zur Besserung, zur Züch- 
tigung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit, daß 
ein Mensch Gottes vollkommen sei, zu allen guten 
Werken geschickt. So laß uns denn allezeit wohl auf 
die Heilige Schrift sehen, und dieselbe zur Lehre, Stra- 
fe und Besserung annehmen, daß wir uns dadurch 
zu allen guten Werken zubereiten lassen, und einan- 
der stets damit ermahnen, und Zusehen, wie uns der 
Apostel lehrt, wenn er sagt: »Seht zu, liebe Brüder, daß 
nicht jemand unter euch ein arges ungläubiges Herz ha- 
be, das von dem lebendigen Gott abfalle, sondern ermahnt 
euch selbst alle Tage, solange es heute heißt, daß nicht je- 
mand unter euch durch Betrug der Sünde verstockt werde; 
denn wir sind Christi teilhaftig geworden, wenn wir an- 
ders das angefangene Wesen bis ans Ende fest behalten.« 
Ach, meine geliebte Schwester, sei doch allezeit stand- 
haft, unbeweglich und überfließend in dem Werke des 
Herrn, und denke stets daran, daß deine Arbeit nicht 
vergebens ist in dem Herrn, wie Paulus sagt. Auch 
sagt Johannes: »Seht euch vor, daß ihr nicht verliert, was 
ihr erarbeitet habt, sondern vollen Lohn empfangt, denn 
wer Übertritt und nicht in der Lehre Christi bleibt, der hat 
keinen Gott; wer aber in der Lehre Christi bleibt, der hat 
beides, den Vater und den Sohn.« Ach halte doch, was du 
hast, daß dir niemand deine Krone nehme! Und sei 
doch allezeit Christo, deinem Bräutigam, bis in den 
Tod getreu, darum bitte ich dich, mein liebes Schaf, 
sei allezeit geduldig in all deiner Trübsal und Leiden, 
und stärke dein Herz, denn des Herrn Zukunft ist 
nahe; siehe, der Richter steht vor der Türe, und wir 
preisen selig, die erduldet haben, sagt Jakobus. Darum 
sei geduldig, und tröste dich mit den Worten Gottes, 
denn es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf 
die Hilfe des Herrn hoffen. Der Friede Gottes, welcher 
uns geliebt und uns einen ewigen Trost gegeben hat 
durch die Gnade, behalte die Oberhand in deinem 
Herzen; diese Gnade tröste eure Herzen und stärke 
euch in allerlei Wort und gutem Werke; sie mache 
euch ganz heilig, damit eure Seele und euer Leib bis 
auf die Zukunft unseres Herrn Jesu Christi unsträflich 



401 


behalten werden möge; er ist getreu, der euch geru- 
fen hat; er wolle es auch tun, und wolle euch Kraft 
geben nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark 
zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen 
Menschen, und daß Christus durch den Glauben in 
euren Herzen wohne, und daß ihr durch die Liebe ein- 
gewurzelt und gegründet werden mögt (Eph 3,16). Ich 
bitte den allmächtigen Gott aus dem Grund meines 
Herzens, daß er dir das gebe und auch mir, und allen, 
die Ihn fürchten und lieben. 

Ach meine liebe auserwählte Schwester, die ich ja 
von ganzem Herzen wert und lieb habe, ich glaube, 
ich kann dir es nicht beschreiben, mit welcher unge- 
heuchelten göttlichen und brüderlichen Liebe ich dich 
liebe. Ach, halte doch allezeit Stand bei der rechten 
lauteren Wahrheit und Lehre Christi, wie ich denn 
durch des Herrn Gnade solche Hoffnung zu dir habe, 
obgleich ich dir schreibe, daß du es tun sollst. 

Ach meine allerliebste Schwester, ich hoffe ja auch, 
durch die große Gnade und Barmherzigkeit des 
Herrn, alles dasjenige nach meinem schwachen Ver- 
mögen selbst zu tun, was ich dir geschrieben habe, 
denn mein Gemüt und meine Grundsätze sind darin 
noch unverändert, nämlich lieber mein Leben als die 
Wahrheit zu lassen, und sollte es auch morgen sein, 
denn mein Gemüt ist noch bereitwillig, mein Leben 
für den zu lassen, der es mir gegeben hat, wenn es sich 
auch ereignen mag, und wenn es auch sein göttlicher 
Wille ist, daß ich noch lange in eisernen Banden sitzen 
soll, so will ich es auch um seines heiligen Namens 
willen gern leiden, denn er hat ja so viel für uns gelit- 
ten, und ich kann dem Herrn nicht genug danken und 
ihn nicht genug loben für seine große Gnade, Barm- 
herzigkeit und Wohltat der Geduld, die er an mir im 
Gefängnisse erwiesen hat, indem das Liegen in den 
Banden mich so wenig gehindert hat; ich halte dafür, 
du werdest es schwerlich glauben, wie wenig es mich 
gehindert habe. Ich weiß nicht (wie mich dünkt), daß 
ich Gefangener bin, oder daß es zu lange gewährt, 
oder daß ich während der Gefangenschaft Leiden aus- 
gestanden; dem Herrn müsse ewig Lob, Preis und 
Dank sein für seine überfließende Gnade und Barm- 
herzigkeit; aber ich habe wohl bisweilen gewünscht 
(wenn es hätte sein mögen), bei euch zu sein, wenn 
es meiner Seele heilsam gewesen wäre, und es der 
Herr zugelassen hätte, und das größtenteils um der 
Liebe willen, die ich zu dir habe, und du zu mir, mein 
liebes Schaf (dem Herrn sei Lob); ich habe mich auch 
niemals sehr darüber betrübt, weil es um des Herrn 
Namens willen geschehen ist, und weil ich weiß, daß 
wir doch einmal hier scheiden müssen, und wenn wir 
auch hier noch hundert Jahre beisammen waren, so 
muss doch endlich die Zeit des Abschiedes kommen. 


und es ist auch besser, ehrlich sterben, als das Gesetz 
Gottes übertreten und mit Schanden leben, wie in dem 
zweiten Buche der Makkabäer geschrieben steht; so 
hat auch Christus gesagt: »Wer sein Leben zu erhalten 
sucht, der wird es verlieren, und wer sein Leben um meinet- 
willen und um des Evangeliums willen verliert, der wird 
es erhalten; wer aber Vater und Mutter, oder Bruder, oder 
Schwester, oder Weib, oder Kind mehr liebt als mich, der 
ist meiner nicht wert.« 

Darum, meine Geliebteste, es muss alles verlassen 
sein um seines heiligen Willens und Namens willen, 
wenn es so weit kommt, daß wir gefangen werden 
und in Bande geraten, wenn wir anders zu seiner Zahl 
gehören wollen, denn wer nicht allem absagt, was er 
hat, der kann sein Jünger nicht sein. 

Wenn man nun diese Worte überlegt und sie wohl 
betrachtet, meine herzlich geliebte und sehr werte 
Schwester, warum sollten wir nicht gern alles verlas- 
sen, was wir haben, um des Namens Christi willen? 
Und warum sollten wir auch betrübt, belästigt oder 
beschwert sein, wenn uns solches um des Namens 
Christi, unsers Herrn, willen widerfährt, indem es 
doch Christus selbst gesagt hat? Ich kann Ihm nicht 
genugsam danken und Ihn loben für seine große un- 
aussprechliche Gnade und Barmherzigkeit, die er mir 
täglich erweist, daß mein Gemüt in seinen Vorsätzen 
so freudig, so fröhlich und ruhig ist in dem Herrn; 
es steht jetzt so gut mit mir nach dem Geiste, als es 
jemals gestanden hat (wie mich dünkt); dem ewigen, 
allmächtigen, barmherzigen Gott müsse ewiges Lob, 
Preis, Ehre und Dank gesagt sein für seine große Gna- 
de und Güte, daß er mich armen, einfältigen, schwa- 
chen, gebrechlichen Knecht durch seinen Heiligen 
Geist in meinem Gemüte und meinen Vorsätzen so 
sehr stärkt und tröstet; ich bitte Gott, daß er mich stets 
stark und kräftig machen und mich durch seinen Hei- 
ligen Geist bis ans Ende trösten wolle, so wie auch 
alle, die Ihn fürchten, und daß er dasjenige geben wol- 
le, was uns allen zu unserer Seelen Heil am nötigsten 
ist. 

Hiermit will ich dich dem Herrn anbefehlen, und 
für jetzt einen herzlichen Abschied von dir nehmen, 
mit dem tröstlichen und lieblichen Worte seiner Gna- 
de. Ach, meine geliebteste S. I. H., halte mir doch mein 
einfaches Schreiben und meine geringe Gabe, die ich 
von dem Herrn empfangen habe, zu gut; ich habe es 
aus ungeheuchelter, göttlicher und brüderlicher Liebe 
getan, die ich zu dir habe, meine liebe auserwählte 
Schwester, dessen ist der Herr meine Zeuge, der al- 
ler Herzen und Nieren kennt und durchforscht, vor 
welchem alles bloß und entdeckt ist. Ebenso wünsche 
ich auch alles, was ich hier an dich geschrieben habe, 
mein liebes Schaf, meinem herzlich geliebten und sehr 



402 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


werten Vater und Bruder aus Grund meines Herzens 
zu einem herzlichen und freundlichen Gruße und ewi- 
gen Andenken, indem ich beide auch herzlich liebe. 
Bittet alle den Herrn für mich, daß ich es doch aus- 
führen und vollenden möge, was ich zu meiner Seele 
Heil und zu seinem Preise und Ehre, wie auch zur 
Erbauung meines Nächsten begonnen habe; ich hoffe, 
ich werde auch den Herrn (nach meinem schwachen 
Vermögen) ernstlich für euch bitten; grüßt euch un- 
tereinander mit einem Kusse der Liebe; der Friede sei 
mit euch allen, die in Christo Jesu sind, Amen. 

Dieses letzte ist geschrieben im Jahre 1567, den 9. 
Sept., von mir, Jaques Mesdag, nachdem ich achtzehn 
Monate um des Zeugnisses Jesu Christi, unsers Herrn, 
und um des Wortes Gottes und der rechten Wahrheit 
willen in eisernen Banden in Gefangenschaft gewesen 
bin. Hiermit nehme ich herzlichen Abschied von euch. 
Gute Nacht, liebe Freunde. 

Adrian Willemß, 1568. 

Im Jahre 1568 ist die Tyrannei und Verfolgung der 
Christen sehr hart und schwer geworden, sodass in 
diesem Jahre viele gefangen genommen und getötet 
worden sind. 

Den 4. April im oben gemeldeten Jahre, des Mor- 
gens ungefähr zwischen ein und zwei Uhr, ist mein 
Vater, Adrian Willemß, von Stephan de Wit, dem Amt- 
mann zu Vianen, gefangen, und auf das Haus Vat- 
testein gebracht worden, wo er fünfzig Wochen und 
einen Tag verwahrt wurde. 

Den 8. Mai 1568 ist der Amtmann mit einem Teile 
der Gerichtspersonen von Vianen gekommen, um ihn 
wegen seines Glaubens zu verhören, welchen er ihnen 
auch freimütig bekannt hat. Als er aber nachher nach 
seinen Glaubensgenossen gefragt wurde, hat er ihnen 
solches nicht sagen wollen; da drohte ihm der Amt- 
mann öfters mit der Folter, ließ auch am fünften Juni 
den Scharfrichter kommen, welcher ihm die Hände 
auf den Rücken band und ihn eine Leiter hinaufstei- 
gen ließ, mit dem Bedrohen, er wollte entweder alle 
seine Glieder auseinanderziehen, oder wissen, wer 
seine Glaubens- oder Bundesgenossen wären; als er 
aber sah, daß er ihm solches nicht abgewinnen konn- 
te, ließ er ihn herunterkommen, ohne ihm irgendeine 
Pein anzutun. 

Auch hat jener Amtmann einen grauen Mönch kom- 
men lassen, um ihn seines Glaubens zu berauben; es 
ist aber der Mönch nach viel Reden und Wortstreit 
wieder von ihm geschieden, ohne etwas auszurich- 
ten. Nachher sind ihrer zu verschiedenen Zeiten noch 
andere, als Pfaffen und Mönche, gekommen, um ihn 
von seinem Glauben abzubringen; aber sie sind alle. 


wie der zuerst Gedachte, von ihm geschieden. 

Die Briefe von den Reden mit den Pfaffen und Mön- 
chen, und von seinem Bekenntnisse, nebst andern 
Briefen, die wir empfangen hatten und die aus dem 
Gefängnisse geschrieben waren, lagen beieinander 
hinter der Bettstelle unter dem Dache, wohin ich sie 
aus großer Bangigkeit vor der Verfolgung und großen 
Tyrannei, die damals herrschte, gesteckt hatte. Nach- 
her aber hat es sich im Jahre unsers Herrn Jesu Christi 
1571, im Februar, ereignet, daß das Wasser an dem 
Diebsteiche so hoch und stark anwuchs, daß viele 
Häuser weggetrieben wurden, an einigen aber wur- 
den die Mauern weggespült; bei dieser Gelegenheit 
sind jene Briefe auch ins Wasser geraten und verloren 
gegangen, worüber ich mich sehr betrübt habe, weil 
unsere Kinder daraus hätten wahrnehmen können, 
wie tapfer und getrost ihr Großvater gewesen sei, das 
Evangelium zu bekennen und dafür zu sterben, und 
wie fröhlich er gewesen, als man ihn im Gefängnis 
verhörte, denn ich bin mit großer Gefahr selbst gegen- 
wärtig gewesen. 

Den 29. Juni des Jahres 1568 hat der vorerwähnte 
Amtmann bekannt gemacht, daß er den andern Tag, 
als den dreißigsten desselben Monats einen Gerichts- 
tag halten wollte; auf diesem Gerichtstage hat er, der 
Amtmann, seine Klage vorgebracht, und begehrt, daß 
er an einem Pfahle verbrannt und auf solche Weise 
getötet werden sollte, und daß seine Güter, zum Nut- 
zen des Königs, der Schatzkammer heimgeschlagen 
werden möchten. Als aber nachher viele Gerichtstage 
gehalten wurden und die Parteien von beiden Seiten 
ihre Schriften einbrachten, hat der Amtmann nicht 
nachgelassen, um das Urteil anzuhalten; darauf ha- 
ben die Herren des Gerichtes 32 Gulden verlangt, um 
das Urteil abzuholen. Als dieses geschehen, sind sie 
aus dem Gerichte nach dem holländischen Hofe gezo- 
gen, und haben bei ihrer Wiederkunft das Todesurteil 
mitgebracht. 

Sodann ist ihm den 21. März des Jahres 1569 das 
Recht gesprochen worden, sodass er Tags darauf sein 
Urteil empfangen sollte. Weil er aber wohl wusste, 
daß ihm das Urteil nicht zum Leben, sondern zum 
Tode gereichen würde (nach Ausweisung der Zeit), 
so hat er den letzten Abschiedsbrief an sein Weib und 
Kinder schreiben wollen; als er aber anfing zu schrei- 
ben, ist ein Mönch zu ihm gekommen, um ihn zu 
quälen und ihm in seinem Glauben hinderlich zu sein; 
er hat demselben jedoch widerstanden, und hat den 
Mönch darauf des Abends gehen heißen, weil er noch 
ein wenig ruhen wollte. Den andern Tag, des Morgens 
um vier Uhr, ist der Mönch abermals zu ihm gekom- 
men, um ihn zu quälen, so viel er konnte. Darauf ist 
er an demselben Tage, ungefähr um acht Uhr, von 



403 


der Kammer abgeholt worden, in welcher er während 
der Zeit seiner Gefangenschaft mit schweren eisernen 
Banden verwahrt wurde, die er Tag und Nacht zu 
schleppen hatte, und die ihm nur des Abends und 
Morgens, wenn er zu Bette ging und resp. auf stand, 
abgenommen wurden, damit er im Stande war, seine 
Hosen und Strümpfe aus- und anzuziehen; darauf 
brachten sie ihn in eine Küche, wo eine mit Speisen 
besetzte Tafel stand, wovon er ein wenig aß, und dar- 
auf von Stephan de Wit einen Trunk empfing, den er 
freundlich annahm, um ihm jeden Verdacht zu beneh- 
men, als ob er ein arges Herz wider ihn hätte, wiewohl 
er ihn dem Tode überantwortet hatte. Der Mönch hat 
(wie oben gemeldet) sich immer bemüht, um ihn von 
seinem Glauben abzubringen, hat aber seine Absicht 
nicht erreichen können. Von dort haben sie ihn mit 
gebunden Händen auf das Stadthaus gebracht, um 
sein Urteil zu empfangen; zu beiden Seiten ging ein 
Mönch und der Scharfrichter; hinter und vor ihm aber 
zwei Stadtdiener, mit Gewehr wohl versehen, und so 
haben sie ihn wie ein wehrloses Schäflein zur Schlacht- 
bank geführt. Als sie mm in dem Stadthause ankamen, 
ist sofort Gericht gehalten worden, wo der Amtmann 
selbst das Urteil begehrt hat. 

Darauf haben die Herren des Gerichts gefragt: Adri- 
an Willemß, willst du noch etwas auf dieses sagen? 
Er antwortete denselben: Ich weiß euch sonst nichts 
zu sagen, als daß ihr bedenken sollt, daß ihr auch vor 
dem Richterstuhle Christi erscheinen müsst, welcher 
ein rechtes Urteil über Gute und Böse, über Tote und 
Lebendige fällen wird. Hiernach sind sie auf gestan- 
den. Als sie nun wieder aus der Ratskammer kamen, 
haben sie das Urteil gefällt und zu Recht erkannt, 
daß Adrian Willemß mit dem Schwerte gerichtet, der 
Leichnam aber in eine Lade gelegt und unter dem 
Galgen begraben werden solle. Hierauf sind sie wie- 
der aufgestanden; sie sahen aber betrübt und blass 
aus, wiewohl sie das Gericht nicht endigten, sondern 
ihn in den Händen grausamer Menschen ließen; die- 
se entblößten ihn und brachten ihn mit verbundenen 
Augen von dem Stadthause; denn sie eilten, das Urteil 
zu vollziehen, was sie auch ausgeführt haben. Also 
hat vorgemeldeter Adrian Willemß sich selbst mit frei- 
willigem Herzen dem Tode übergeben, und hat lieber 
seinen Glauben behalten, als hier das Leben eine ge- 
ringe Zeit mit Verfügung seines Glaubens erhalten 
wollen, hat auch seine Seele Gott, dem treuen Schöp- 
fer, anbefohlen, und ist aus diesem Leben geschieden, 
als er mit seinem Blute dem Evangelium Zeugnis ge- 
geben und seinen ungefärbten Glauben befestigt hatte, 
Amen. 


Lukas de Groot, 1568. 

Im Jahre 1568 ist ein Bruder, Lukas de Groot genannt 
und zu Ostende in Llandern geboren, daselbst, um 
des Zeugnisses der Wahrheit willen, gefangen wor- 
den. Als er nun seinen Glauben ohne Scheu bekannt 
hatte, und ohne Abweichen dabei verharren wollte, ist 
er gerichtlich verurteilt worden, daß er erwürgt und 
verbrannt werden sollte; als aber nachher die Richter 
ihren Sinn änderten, wurde er den Gläubigen zum 
Spott an einen Galgen gehängt. 

Jan Portier, 1568. 

Auch ist in demselben Jahre ein Bruder, genannt Jan 
Portier, geboren zu Komene in Llandern und seines 
Handwerks ein Walker, welcher unter der Lrau von 
Meessen Pförtner zu Meessen gewesen, gefangen ge- 
nommen und, als er seinen Glauben bekannt hatte, 
sehr gepeinigt worden; das erste Mal mit Schraub- 
eisen, das zweite Mal aber zogen sie ihn an seinen 
Daumen in die Höhe und hängten ihm schwere Eisen 
an die Lüße, wobei sie ihn scharf geißelten; weil er 
aber einen Bruch hatte, wurde er nicht auf die Bank ge- 
bracht. Als er mm durch alle diese Pein und andere Be- 
drohungen nicht dahin gebracht werden konnte, daß 
er von der angenommenen bekannten Wahrheit abge- 
wichen wäre, so wurde er zuletzt zum Teuer verurteilt, 
und ist um des Zeugnisses unseres Herrn Jesu Christi 
willen mit solch einem kleinen Teuer verbrannt wor- 
den, daß ihn der Rauch erstickte, welches außerhalb 
Meessen, bei dem Springgalgen, im November 1568 
geschehen ist. 

Jan von Paris, Peter von Cleev, Henrich 
Maelschalck und Lorenz Pieters, 1568. 

Jan von Paris, Peter von Cleev, Henrich Maelschalck 
und Lorenz Pieters, welche noch nicht mit der Ge- 
meinde vereinigt, sondern angehende Preunde waren, 
die bereit waren, sich mit der Gemeinde zu vereini- 
gen, sind zu Gent in Llandern, als sie ausgingen, um 
die Predigt des Wortes Gottes zu hören, im Jahre 1568 
gefangen genommen und auf den Grafenstein gesetzt 
worden. Nachdem sie nun ihren Glauben ohne Scheu 
bekannt haben und dabei standhaft geblieben sind, 
sind sie in der Palmwoche verurteilt worden, erwürgt 
und verbrannt zu werden; als sie aber mm auf die 
Schaubühne gebracht wurden, und eben damals 19 
Pähnlein Spanier in Gent lagen, so hat der spanische 
Henker, als er sah, daß man sie erwürgen wollte, den 
Scharfrichter gezwungen, andere Werkzeuge herbei- 
zubringen; der Scharfrichter hat deshalb den Leid- 



404 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


hauptmann angeredet, welcher ihm jedoch (gegen 
das gerichtliche Urteil) befohlen hat, sie lebendig zu 
verbrennen; auch hat der Henker unter der Zeit, als 
der Scharfrichter einen Korb voll Ketten geholt, die 
Brüder sehr gestoßen und geschlagen. Als nun die 
Brüder hörten, daß sie lebendig verbrannt werden 
sollten, erhoben sie sämtlich ihre Stimmen und san- 
gen: »Dich ruf' ich, himmlischer Vater, an;« da haben 
die Spanier so entsetzlich mit Stöcken zugeschlagen, 
daß dem einen das Auge ausgeschlagen wurde; sie 
wurden sodann lebendig verbrannt, wobei die Spa- 
nier laut riefen und viele Stöcke ins Feuer warfen, als 
ob sie auch an solcher Raserei hätten Teil haben wol- 
len und gemeint hätten, Gott einen Dienst damit zu 
tun. 

Dieser Henrich Maelschalck hat einen Brief aus 

dem Gefängnisse zu Gent geschrieben, den 26. 

Januar 1568, welcher lautet, wie folgt: 

Die überschwängliche Gnade, Freude, Friede, Barm- 
herzigkeit und das ewige Heil, wünschen wir euch 
von Gott, unserm himmlischen Vater, und unserm 
Herrn Jesu Christo, der sich selbst für unsere Sünden 
dahingegeben hat, damit er uns von dieser gegen- 
wärtigen argen Welt erlöste, nach dem Willen Gottes, 
unsers Vaters, welchem sei Lob, Preis und Ehre, Kraft 
und Dank, von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen. 

Nach Anwünschung aller Gnade und alles Heils 
wollen wir euch berichten, nämlich Goelken, unserer 
lieben Freundin in dem Herrn, und allen lieben Freun- 
den, die den Herrn fürchten, daß wir vier Gefangene 
zu Gent um des Zeugnisses unseres Herrn Jesu Chris- 
ti willen, dem Fleische nach, noch wohlauf sind; dem 
Geiste nach aber danken wir dem Herrn, und loben 
ihn, daß er uns durch seine Gnade in solcher Weise 
so stärkt, denn unser Gemüt und unser Vorsatz ist 
noch dahin gerichtet, daß wir allezeit bei dem Herrn 
bleiben und durch seine Gnade und Barmherzigkeit 
nicht von ihm abweichen, weder um des Lebens noch 
um des Todes willen. Lob und Dank sei dem Herrn 
gesagt, der uns durch seine Gnade auf solche Weise 
stärkt, wenn wir schwach und elendig sind. Aber bis 
hierher haben wir das Vermögen gehabt, durch des 
Herrn Hilfe, und hoffen noch durch seine Hilfe bis 
ans Ende auszuhallen, denn worin er selbst versucht 
worden ist, kann er auch helfen und diejenigen erlö- 
sen, die versucht werden, indem er gesagt hat: Ich will 
dich weder verlassen noch versäumen; darum dürfen 
wir getrost sagen: Der Herr ist mein Helfer, wie der 
Apostel sagt. 

Nun, herzlich geliebten Brüder, ist Gott mit uns, 
wer mag wider uns sein, denn alle Menschen sind 


nur Werke seiner Hände; er hat alles geschaffen, und 
hat auch Macht wieder zu vernichten, wenn es ihm 
gefallen wird; warum sollten wir uns vor sterblichen 
Menschen fürchten? Billig sollten wir diesen Gott viel- 
mehr fürchten, denn er ist es allein, der selig machen 
oder verdammen kann, und wenn wir auch der Men- 
schen Hände entliefen, so können wir doch Ihm nicht 
entlaufen. Darum wollen wir lieber mit Susanna sa- 
gen: »Es ist besser in der Menschen Hände Zufällen, als 
vor des Herrn Angesicht zu sündigen.« 

Darum, meine lieben Freunde, hoffen wir, den 
Herrn keineswegs zu verlassen, sondern allezeit nach 
dem verheißenen Lande fort zu wandeln, welches al- 
ler Güter voll ist, um es einzunehmen; dazu wolle der 
Herr uns und alle, die Ihn fürchten und aufnehmen, 
durch seine Gnade und Barmherzigkeit stark, kräftig 
und tüchtig machen. 

Ich, Henrich, habe euch allen, ihr lieben Freunde, 
ein wenig von unserm Gemüte geschrieben. Ferner ist 
es meine freundliche Bitte an euch, daß ihr doch alle- 
zeit in der Furcht des Herrn standhaft sein wollt, denn, 
die den Herrn fürchten, werden Gutes tun, und die 
Ihn lieben, werden sich befleißigen. Ihm zu gefallen 
und sich vor Ihm demütigen. Fürchtet ihr Gott, sagt 
der Prophet, so weicht nicht von Ihm, sondern geht 
zur ewigen Freude und Wonne ein. Die den Herrn 
fürchten, werden in der äußersten Not wohl sein, und 
auf den Tag ihres Sterbens gesegnet werden. Darum, 
liebe Freunde, lasst uns den Herrn stets von ganzem 
Herzen und Gemüte fürchten, lasst uns Ihm gehor- 
sam sein und sein Wort halten, denn selig sind, die 
Gottes Wort hören und dasselbe bewahren; das sind 
auch diejenigen, die Ihn lieben und sein Wort halten, 
und wer Ihn liebt, der ist von Ihm erkannt; wer aber 
sagt: Ich kenne Ihn, und hält Gottes Gebote nicht, der 
ist ein Lügner, und in ihm ist die Liebe Gottes nicht 
vollkommen. Darum, meine lieben Freunde, lasst uns 
Ihn lieben, denn er hat uns zuerst geliebt, gleichwie 
Paulus bezeugt, daß er arm geworden sei, während er 
reich war, damit wir durch seine Armut reich würden; 
ja, er hat den, welcher von keiner Sünde wusste, für 
uns zur Sünde gemacht, daß wir in Ihm die Gerechtig- 
keit würden, die vor Gott gilt. Da wir nun aber wissen, 
daß uns der Herr so geliebt, daß er auch seine Gnade 
so überschwänglich für uns ausgegossen hat, so lasst 
uns alle wohl Zusehen, daß seine Gnade an uns nicht 
vergebens sei, denn wir sind seiner teilhaftig gewor- 
den, wenn wir anders den Anfang seines Wesens bis 
ans Ende festhalten. 

Darum, liebe Freunde, gleichwie ihr den Herrn Je- 
sum Christum angenommen habt, so wandelt auch in 
Ihm, und seid gewurzelt und erbaut in Ihm, und seid 
fest im Glauben, wie euch gelehrt ist, sagt der Apostel, 



405 


die ihr wohl wisst, daß es die rechte Gnade Gottes 
sei, worin ihr steht. Darum wendet allezeit Fleiß an, 
euern Beruf und eure Erwählung zu befestigen, wenn 
ihr das tut, werdet ihr nicht fallen, sagt Petrus, und 
dadurch wird euch der Eingang in das Reich unseres 
Herrn und Heilandes Jesu Christi reichlich zuberei- 
tet werden. So lasst uns denn an dem Bekenntnis der 
Hoffnung fest und unverändert halten, und lasst uns 
allezeit ernstlich wachen, und auf den Herrn warten, 
als ein guter und getreuer Knecht, damit er uns nicht 
zur ungelegenen Zeit komme, sondern daß wir alle- 
zeit, wie die fünf klugen Jungfrauen, die ihre Lampen 
gerüstet hatten, und zur Hochzeit eingingen, bereit 
sein mögen; aber die fünf törichten Jungfrauen muss- 
ten draußen bleiben. Darum, liebe Freunde, lasst uns 
nicht den Törichten gleich sein, sondern den Weisen. 
Hiermit befehlen wir euch unserm lieben Herrn, und 
dem tröstlichen Worte seiner Gnade; er wolle euch 
und auch uns alle in aller Wahrheit und Gerechtigkeit 
stark und kräftig machen, Amen. 

Ferner, herzlich geliebte Freundin Goelken, und 
alle ihr andern Freunde, die ihr dieses lest, nehmt 
mir doch diese meine Schwachheit zum Besten auf, 
denn ich fühle mich unwürdig, euch zu ermahnen, 
indem ich wohl weiß, daß ihr von Gott zur Genüge 
unterrichtet seid, aber ich habe dieses aus Liebe getan, 
weil ich gehört hatte, daß ihr gerne etwas von uns 
haben wolltet, deshalb nehmt denn dieses mit Dank 
hin. Wenn ihr etwas von unserer Gefangenschaft zu 
wissen verlangt, ob es nicht bald mit uns ein Ende 
nehmen werde, so lassen wir euch wissen, daß wir ge- 
genwärtig nicht viel davon hören. Wir meinten unser 
Opfer noch vor Christmeß zu tun, denn solches hör- 
ten wir plötzlich sagen; jetzt aber wissen oder hören 
wir nichts davon, sondern sind dessen stets gewärtig, 
durch des Herrn Gnade. Herzlich geliebte Freunde in 
dem Herrn, bittet doch für uns, damit wir bis ans Ende 
standhaft bleiben und dem Herrn ein tüchtiges Opfer 
verrichten mögen; wir hoffen, nach unserer Schwach- 
heit, auch ein Gleiches für euch zu tun. Ferner senden 
wir euch auch drei neue Lieder zum herzlichen und 
freundlichen Gruße, und wenn sie auch einfältig sind, 
so nehmt sie doch mit Dank auf, denn es ist aus Liebe 
geschehen. Gehabt euch wohl bis in Ewigkeit, Amen. 
Grüße uns deinen Mann sehr herzlich, auch deine 
Schwester Grietchen und Bet. und Cor. Versw. und 
Anna von L., auch lässt Susanneken euch alle sehr 
grüßen; wir grüßen euch alle, die den Herrn fürchten. 

Geschrieben von mir, Henrich Maelschalck, gefan- 
gen zu Gent um des Zeugnisses unseres Herrn Jesu 
Christi willen, den 26. Januar, im Jahre 1568. 

Herzlich geliebte und sehr werte Freunde; der Herr 
hat recht gesagt, daß er wie ein Dieb in der Nacht 


kommen werde, denn gestern hatte ich diesen Brief 
geendigt und zugesiegelt, in der Absicht, ihn euch zu- 
zusenden; es ist aber geschehen, daß wir alle vier Tags 
darauf des Morgens verhört worden sind, wovon wir 
wenig wussten, als wir unser vorgemeldetes Schrei- 
ben endigten. Darum sage ich, daß der Herr mit Recht 
gesagt habe, daß er wie ein Dieb in der Nacht kom- 
men werde; wir sind alle vier, einer nach dem andern, 
in Gegenwart zweier Verordneten verhört worden; sie 
taten viele schlechte Fragen an uns, die ich der Kürze 
wegen übergehen will; nach unserem Glauben aber 
haben sie nicht weiter gefragt, als ob wir nicht getauft 
oder wiedergetauft wären. Jan von Paris sagte, daß 
er getauft wäre; Lorenz, daß er nicht nach der Schrift 
getauft wäre; Pierken sagte, daß er nicht getauft wäre, 
und ich sagte, daß wir keine Wiedertäufer wären, und 
daß ich nicht getauft wäre; sie fragten Pierken, ob er 
sich taufen lassen wollte, wenn er frei würde; er erwi- 
derte: Ja, wenn ich dazu tüchtig wäre. Auch fragten 
sie ihn, ob er von seiner Meinung ablassen wollte; er 
antwortete: Ich halte es für keine Meinung, sondern 
für den rechten Glauben. Darauf fragten sie mich, ob 
ich von meinem Glauben oder meiner Meinung nicht 
abstehen wollte; ich entgegnete: Ich wäre von den 
Lügen abgestanden, und wäre der Wahrheit nachge- 
folgt; sollte ich nun abstehen, so müsste ich von der 
Wahrheit abweichen, wobei ich aber, durch des Herrn 
Gnade zu bleiben hoffe. Dergleichen Fragen taten sie 
mehr, doch will ich sie auf sich beruhen lassen. Zum 
Jan von Paris sagten sie, daß wir bald abgefertigt wer- 
den würden, wir sollten noch neun oder zehn Tage 
Geduld haben; sie sagten auch, sie wollten uns Män- 
ner zusenden, die uns unterrichten sollten; wollten 
wir, sagten sie, dieselben anhören, so könnten wir es 
tun; wir sind also nun der Pfaffen gewärtig, aber wir 
hoffen uns vorzusehen, denn wir wissen wohl, was 
sie suchen. Dem Herrn sei ewig Lob und Dank, wir 
sind alle wohlgemut, liebe Freunde, und hoffen den 
Glauben zu erhalten, es sei im Leben oder im Sterben, 
durch die Gnade des Herrn. Wir hoffen auch, liebe 
Freunde, nicht lange mehr zu sitzen, denn es scheint, 
daß wir den Herrn des Rates schon übergeben sei- 
en, und daß sie von dem Herzoge von Alba Befehl 
haben, uns das Urteil zu fällen, und daß sowohl der 
Amtmann, als die Herren des Gerichtes nichts mehr 
mit uns zu tun haben; darum nehmen wir unsern Ab- 
schied von euch allen, liebe Freunde und bitten euch, 
allezeit Fleiß anzuwenden. Wir hoffen voranzugehen; 
der Herr wolle uns darin stärken, und uns tüchtig ma- 
chen, durch seine Gnade und Barmherzigkeit, Amen. 
Geschrieben den 27. Januar 1568. Von mir, Henrich 
Maelschalck. 

Fürchtet nicht diejenigen, die den Leib töten, son- 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


dern den, der Macht hat beides, Seele und Leib in die 
ewige Finsternis zu werfen. 

Karl de Raet und sein Weib Grietgen, Hansken in 

dem Schaek, Wilhelm, ein Schneider, mit seinem 
Weib Christintgen, 1568. 

Auf den dritten Mai 1568 sind zu Tillegem bei Brügge 
in Flandern einige Brüder versammelt gewesen, um 
die Predigt des Wortes Gottes zu hören; dort sind sie 
von einigen überfallen worden, die hinausgegangen 
waren, um Maibäume zu holen; es wurden ihrer Fünf 
gefangen genommen, nämlich: Karl de Raet, ein Schä- 
fer, geboren zu Wingen, und Hansken in dem Schaek, 
genannt Hansken Seiler aus dem Schaek zu Kortryck, 
Wilhelm der Schneider, von Honschote und zwei an- 
dere, welche, weil sie nicht tapfer für die Wahrheit 
gestritten, nicht wert sind, daß ihre Namen hierher ge- 
setzt werden; Karl de Raets, wie auch des Schneiders 
Wilhelm Weib, sind nicht mit gefangen genommen 
worden; auch war des Karls Weib noch nicht mit der 
Gemeinde vereinigt, wiewohl sie dazu bereit war. Als 
diese Männer gefangen genommen waren, hat es sich 
zugetragen, daß Martin Lern, ein Bürgermeister von 
Brügge, des Nachts, ungefähr um zwölf Uhr mit den 
Nachtwächtern ausgegangen ist, und zuerst Christint- 
gen, Wilhelm Schneiders Weib, gefangen genommen 
hat. Als nun einer von den Nachtwächtern, Martin 
Lern, mit den anderen nach dem Hause gehen woll- 
ten, worin Grietgen, Karl de Raets Weib, zu finden 
war, und sie hart an der Festung zwischen der Esels- 
pforte und Jerusalem ihren Weg nahmen, ist Grietgen 
mit zweien ihrer Kinder ihnen unvermutet begegnet, 
weshalb Martin Lern sagte: Seht, Gott gibt uns diese 
Hure hier in unsere Hände, und fragte sie: Wo gehst 
du hin? Sie antwortete ganz erblasst: Nach der Kir- 
che. Darauf sagte er: Es ist jetzt keine Zeit nach der 
Kirche zu gehen, wo ist dein Mann? Sie antwortete: 
Das weißt du wohl. Er fragte, ob die beiden Kinder 
getauft wären. Sie antwortete: Nein. Haben sie denn 
keinen Namen?, fragte er; sie antwortete: Ja. Ei, sagte 
er, woher haben sie denn einen Namen, ehe sie ge- 
tauft sind? Sie antwortete: Man gibt ja den Hunden 
und andern Tieren einen Namen, um wie viel mehr 
den Kindern, die nach dem Bilde Gottes erschaffen 
sind; ich wusste nicht, daß meine Herren von Brügge 
noch so blind sind. Redest du so, sagte Martin Lern, 
so sollst du verbrannt werden. Das weiß ich, sagte 
sie, aber dann wird mir die Krone des Lebens zube- 
reitet. Hierauf wurden diese beiden Weiber mit nach 
dem Gefängnisse geführt, hier wurde ihnen, wie auch 
den drei vorgemeldeten Männern viel Qual, Mühe, 
Pein und Leiden zugefügt, um sie vom Glauben abzu- 


bringen, aber es war alles vergebens; deshalb wurden 
zunächst die Männern verurteilt, auf dem Hillige bei 
Brügge verbrannt zu werden, wo sie auch ihr Opfer 
ohne Furcht getan haben. Einige Tage darauf wurden 
auch die beiden Frauen, weil sie standhaft bei Gott 
und seiner Wahrheit blieben, zum Tode verurteilt und 
auf dem Bürgt in Brügge verbrannt, und erwarten 
nun alle die Zukunft dessen, der da kommen wird, 
um all ihr Leid zu rächen. 

Jan, ein Schmied, Daniel de Paeu, Daniel von 
Vooren und Paßchier Weyns, im Jahre 1568. 

Auch wurden im Jahre 1568 zu Gent in Flandern vier 
Brüder, genannt Jan, ein Schmied, Daniel de Paeu, 
Daniel von Vooren und Paßchier Weyns, gefangen ge- 
nommen, welche ihren Glauben und alle Artikel, wor- 
über sie verhört wurden, freimütig bekannt, und sich 
Gottes und seines Wortes nicht geschämt, sondern 
tapfer und unverzagt für die angenommene, bekann- 
te Wahrheit wider alle diejenigen gestritten haben, die 
ihnen widerstanden, sodass sie auch bis in den Tod 
nicht abgewichen sind, welchen sie als tapfere Rit- 
ter erlitten haben; zuerst Jan, ein Schmied, und bald 
darauf die drei anderen. Aber dadurch haben sie das 
ewige Leben erlangt, wo man ihnen in ihres Vaters 
Reiche den neuen Wein einschenken wird. 

Jakob Dirkß und seine beiden Söhne, Andreas 
Jakobß und Jan Jakobß, im Jahre 1568. 

In dieser blutigen und gefährlichen Zeit der Verfol- 
gung ist auch der fromme Jakob Dirkß und Andreas 
Jakobß und Jan Jakobß, seine beiden Söhne, in der 
Tyrannen Hände gefallen. Dieser Jakob Dirkß (sei- 
nes Handwerks ein Schneider) wohnte mit seinem 
Weib zu Utrecht; als er aber ausgekundschaftet wur- 
de, daß er der Partei der Mennoniten zugetan wäre, 
und die Herren ihn fangen wollten, so ist er aus Furcht 
vor den Tyrannen nach Antwerpen geflüchtet. Sein 
Weib, welche nicht seines Sinnes war, ist noch eine 
Zeit lang dort geblieben, worauf die Büttel ihre Güter 
angegriffen, und ihnen ungefähr die Hälfte derselben 
genommen haben. Als nun Jakob Dirkß mit seinem 
Hausgesinde zu Antwerpen wohnte, ist sein Weib da- 
selbst gestorben, er aber, Jakob Dirkß, ist mit seinen 
beiden Söhnen, obgleich sie zu Utrecht den Händen 
der Tyrannen entronnen sind, doch nachher zu Ant- 
werpen den Wölfen in die Klauen gefallen, wo die 
Bewährung ihres Glaubens viel köstlicher erfunden 
worden ist, als das vergängliche Gold, das durch das 
Feuer geläutert wird. Deshalb sind sie alle, lediglich 
um der göttlichen Wahrheit willen, weil sie dieselbe 



407 


belebten, und nicht wegen irgendeiner begangenen 
Missetat dazu verurteilt worden, daß ein jeder dersel- 
ben an einem Pfahle verbrannt werden sollte. Als sie 
zum Tode hinausgeführt wurden, ist ihnen des Jakob 
Dirkß jüngstes Söhnlein, genannt Pieter Jakobß, begeg- 
net. Als dieser nun in größter Wehmut und tiefstem 
Schmerze seinen Vater umarmte, wurde er sofort von 
dem Büttel sehr grausam angepackt und dem nachei- 
lenden Volke unter die Füße geworfen. Es ist leicht zu 
denken, mit welchen betrübten Augen der Vater und 
die Brüder dieses angesehen haben werden. Als nun 
der Vater und seine beiden Söhne an den Pfahl gestellt 
wurden, sagte er: Wie geht es, meine lieben Söhne? Sie 
antworteten: Sehr wohl, mein lieber Vater. Andreas 
Jakobß war damals Bräutigam, und seine Braut sowie 
seine Schwester standen in einiger Entfernung und 
sahen mit betrübtem Herzen und weinenden Augen 
zu, wie ihr Bräutigam und Bruder die irdische Ver- 
lobung und Freundschaft verlassen und den ewigen 
Bräutigam Jesum Christum vor allen sichtbaren Din- 
gen erwählt hatte. Also sind diese Frommen den 17. 
März 1568 an Pfählen erwürgt und nachher verbrannt 
worden, und haben so die Wahrheit mit ihrem Tode 
und Blute versiegelt. Darum werden sie auch, für ihre 
schwere Arbeit, die freundliche und liebliche Stimme 
Christi hören: »Du guter und getreuer Knecht, über we- 
nig bist du getreu gewesen, über viel will ich dich setzen, 
gehe ein zu deines Herrn Freude.« Auch wird der König 
sagen: »Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt 
das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt.« 

Diese Geschichte ist aus glaubwürdiger Leute Mun- 
de aufgezeichnet worden, welche diese Aufopferung 
selbst angesehen haben. 

Valerius, der Schulmeister, im Jahre 1568. 

Im Jahre 1568 ist ein frommer gottesfürchtiger Bruder, 
genannt Valerius, Schulmeister zu Brouwershaven in 
Seeland, um des Zeugnisses Jesu willen gefangen wor- 
den, welcher zu seiner Zeit das Schulmeisteramt zu 
Hoorn in Holland und Middelburg in Seeland bedient 
hat. Derselbe ist ein eifriger Nachfolger Christi gewe- 
sen, und hat sein empfangenes Pfund nicht in die Erde 
verbergen, sondern es mit großem Ernst auf Wucher 
legen wollen, so daß er auf Wegen und Straßen (wo er 
bequeme Gelegenheit fand) die Leute aus Gottes Wort 
ermahnt und den Sündern mit schrecklicher Strafe 
und Rache gedroht hat, welche in der schnellen Zu- 
kunft Christi vom Himmel über alles gottlose Wesen 
ergehen wird, wogegen er aber den Bußfertigen mit 
den großen und herrlichen Verheißungen und Beloh- 
nungen, welche Gott allen Gläubigen am Ende der 
Welt austeilen wird, getröstet hat. Deshalb ist er bei 


den verfinsterten Menschen (welche das Licht des 
Evangeliums nicht leiden mögen) in Ungnade gefal- 
len, sodass er zu Goes in Seeland einmal darüber in 
Bande geraten, jedoch (unverletzt an seinem Glauben) 
wieder befreit worden ist, bis er endlich zu Brouwers- 
haven, im Lande Zierikzee, gefangen worden ist, wo 
er viel Anfechtung und langwierige Gefangenschaft 
erlitten hat. Aber durch des Herrn Gnade hat er alles 
überwunden, und hat den Glauben der Wahrheit mit 
seinem Tode und Blute bezeugt und versiegelt, sodass 
er auch die Krone des ewigen Lebens aus Gnaden 
erlangt hat. 

Er ist auch in der Zeit seiner Gefangenschaft nicht 
müßig gewesen, sondern hat zwei schöne Büchlein 
geschrieben, die lesenswert sind, und welche er aus 
seiner Gefangenschaft gesandt hat. Das erste handelt 
von dem Abnehmen und dem Verfalle der apostoli- 
schen Gemeine und dem Aufkommen des Antichris- 
ten, und wie durch denselben das Licht des Evange- 
liums verdunkelt worden sei. Dieses Buch ist in der 
sechzigsten Woche seiner Gefangenschaft geschrie- 
ben, und enthält außerdem eine herzliche Ermahnung 
an die, welche von Gottes Wort abgefallen waren, da- 
mit sie bei Zeiten die Gnade des Allmächtigen suchen 
möchten, weil er noch zu finden ist. 

Das andere Büchlein wird Die Probe des Glaubens ge- 
nannt; in demselben lehrt er mit großem Fleiße, diese 
Welt mit allen sichtbaren Dingen für nichts, für Scha- 
den und Dreck zu achten, damit man nur Christum 
gewinne; außerdem ermahnt er alle Gläubigen, um 
Christi willen arm zu werden, und den Reichtum der- 
maleinst in dem Himmel bei Gott zu erwarten. Darum 
rühmt er auch sehr an Menno Simons S. G. die hinter- 
lassene Armut und Gottesfurcht, und daß er in diesem 
Punkte manche andere beschämt habe. Wir haben ihm 
hier zum Andenken den ersten Teil (des gemeldeten 
Büchleins) mit beigefügt, damit der Leser aus diesem 
wenigen auf das andere schließen möge, was wir der 
Kürze wegen nicht mitteilen können; er hat das Büch- 
lein in der vierzehnten Woche seiner Gefangenschaft 
geschrieben; lest es mit Aufmerksamkeit. 

O du natürlicher, unparteiischer Leser oder Hörer, 
der du einigen Verstand hast, du kannst wohl wissen 
und denken, daß ein Mensch, der so böse und verdor- 
ben ist (und so viel Böses getan hat, daß er sterben 
müsste, wenn er gefangen wäre), sich billig fürchten 
sollte, mehr Böses zu tun, damit er nicht zuletzt gefan- 
gen oder getötet werden möchte. Lässt er aber nicht 
ab von dem Bösen, so kann er endlich wohl um seiner 
Missetat willen gefangen genommen werden; wenn 
er dann gefangen ist, so wird er sich Tag und Nacht 
damit beschäftigen, wie er frei werden möchte, es sei 
mit List, Gewalt oder Ausbrechen; nur damit er sein 



408 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


unsicheres Leben eine geringe Zeit verlängern möch- 
te, welches er doch zuletzt (wenn er auch ausbräche) 
verlassen muss. Wenn mm ein armer Gefangener sich 
selbst nicht helfen kann, so soll er bedenken, ob ihm 
von einem guten Freunde geholfen werden möchte, 
und wenn es ihm bei seinem Freunde fehlschlüge, 
so muss er bei sich bedenken, ob etwa die Richter 
ihm nicht gnädig sein möchten, welchen er zu Füßen 
fallen und sie sehr bitten muss, daß sie seiner aus Gna- 
den schonen wollten; dabei muss er große Besserung 
verheißen, daß er solche und dergleichen Missetaten 
während seines Lebens nicht mehr tun wolle. Wenn 
nun der Gefangene so viel, ja, alles, was er zu tun 
weiß, getan hat, und doch weder seine Ratschläge 
noch sonst etwas ihm helfen mag, so kann er wohl in 
der Verzweiflung den Mut ganz sinken lassen. Und 
wenn er den Mönch kommen sieht, so mag er sich 
wohl fürchten und denken, daß sein Beichtvater (der 
ihm mit Lügen und eitlem Tröste das ewige Leben Zu- 
sagen und ihn davon bei seiner Seele versichern wird) 
ein Vorbote seines Todes sei. Wenn mm der Verurteilte 
seine Sentenz oder sein Todesurteil vor Gericht aus- 
sprechen hört, so mag er sich noch mehr verändern 
und erblassen; zuletzt aber, wenn er zum Tode geführt 
wird, und die Werkzeuge seines Todes, Galgen, Rad, 
Pfahl oder Wasser sieht, dann hat er erst die größte 
Ursache zu erschrecken und sich zu fürchten, auch so 
bange zu werden und zu erstarren, als ob er lebendig 
tot wäre, es sei denn, daß er von den Pfaffen oder 
andern Lügnern in seinen Sünden der Seligkeit versi- 
chert würde, worauf er in seinem Tode sich verlassen 
möchte, der eine auf diese, der andere auf eine an- 
dere Weise. Und wenn es nun geschehe, daß jemand 
diesem verurteilten Missetäter unter dem Schwerte 
oder an dem Pfahle eine gute Nachricht brächte, und 
ihn des Lebens versicherte, den Missetäter aufstehen 
hieße, und selbst niederkniete, um statt des Missetä- 
ters zu sterben, wie würde er so froh sein, und sein 
vergängliches Leben mit Dank annehmen. Aber Chris- 
tum, welcher durch seinen Tod die Erlösung und das 
ewige Leben gibt, wollen nur wenige Menschen recht 
zu ihrer Besserung mit Dank annehmen. 

Gesetzt nun, daß der Missetäter eine stinkende, un- 
reine und grindige Hure wäre, die aber um einer Miss- 
etat oder um allerlei Bosheiten und Sünden willen, 
deren sie so viele begangen hätte (wenn es möglich 
wäre), als die ganze Welt jemals getan hat, um de- 
retwillen sie zu dem allerschändlichsten Tode, der 
erdacht werden kann, verurteilt wäre, der König aber 
würde statt dieser Hure seinen einzigen lieben Sohn 
aus seinem Königreiche in große Armut, zur Gefan- 
genschaft, zum Leiden und zum unschuldigen Tode 
senden, obgleich jene durch allerlei Schändlichkeiten 


und Missetat den König erzürnt, und den Tod dar- 
über tausendmal verdient hätte, gleichwohl aber aus 
Gnade durch den Tod des Königssohnes (unter dem 
Beding sich zu bessern) mit dem Könige versöhnt, 
befreit, aus dem Gefängnisse oder vom Tode errettet 
und am Leben erhalten, ja, noch überdies aller Güter 
des Königs teilhaftig und ein Erbe derselben gewor- 
den wäre, sollte sie dann diese große Liebe und Gnade 
nicht annehmen, den König lieben, sich bessern und 
sich sehr fürchten, um den König ihr Leben lang nicht 
mehr zu erzürnen, der sie gereinigt, ihr alle Missetaten 
vergeben, alle ihre Schulden bezahlt, sie als ein liebe 
Königin geehelicht, sie in seine Herrlichkeit erhoben, 
und sie wie sich selbst vor allen Feinden beschützt? 
Wenn sie sich aber nicht bessern (nach ihrem Verspre- 
chen), sondern den König wieder erzürnen würde, 
und es ärger machen wollte als zuvor, wäre das nicht 
eine große Undankbarkeit, wodurch sie ärgere Strafe 
verdient hätte, als früher? Hierbei können wir uns 
selbst prüfen, ob wir auch, durch Gottes Gnade erlöst, 
im Glauben sind, und die Verheißung der Besserung 
auch halten. Und gesetzt, daß dieses so zu geschehen 
pflegte (welches man niemals so gehört und gesehen 
hat), weil es nur zeitlich und kurz wäre, so kann man 
es doch nicht vollkommen mit demjenigen verglei- 
chen, das ewig und unvergänglich ist, nämlich mit 
der Liebe Gottes, die uns durch Christum, seinen ge- 
liebten Sohn, geworden ist. 

Denn Gott hat die verdammte Welt, seinen Feind, 
die in Sünden verdorben ist und in der Bosheit steckt, 
so sehr geliebt, daß er seines einigen Sohnes nicht ver- 
schont hat, sondern Ihn aus seiner Herrlichkeit vom 
Himmel gesandt und dem schändlichen und verfluch- 
ten Kreuzestod übergeben hat, damit alle, die glauben, 
nicht verloren und verbannt bleiben, sondern durch 
seine Liebe, Barmherzigkeit und Gnade, die durch 
Christum geschehen ist, befreit, gesegnet, erlöst, von 
ihren Sünden gereinigt, vor dem zukünftigen Zorne 
beschützt, auch von Ihm gefreit, mit Ihm getrauet und 
zu seiner auserwählten Braut, zu seinem gehorsamen 
Weibe und herrlichen Königin, in sein ewiges unver- 
gängliches Reich und Leben erhoben werden sollten, 
mit unaussprechlicher Freude, als wir so unrein in 
unsern Sünden und in unserm Blute ganz hässlich 
und unbeschnitten waren, daß auch niemand Acht 
auf uns hatte, Hes 16, und dabei vom Teufel gefangen 
waren, zu seinem Willen, und von Gott, nach seiner 
Gerechtigkeit, zum ewigen Tode und zur Verdammnis 
verurteilt waren. 

Nun lasst uns die Sache wohl überlegen, und uns 
selbst bedenken, nach dem Gleichnisse der Missetäte- 
rin, der gefangenen Hure, unter dem Schwerte oder 
an dem Pfahle. Lasst uns selbst wohl prüfen, ob wir 



409 


von unsern Sünden abgelassen und ob wir uns gebes- 
sert haben, und alle Tage uns noch mehr bessern, ob 
wir dieselbe Liebe, Gnade und Erlösung Gottes, ge- 
schehen durch Christum, durch den Glauben, welcher 
durch die Liebe tätig ist, recht angenommen haben, 
und ob wir auch hinwiederum Gott lieben, seine Ge- 
bote halten, und uns fürchten. Ihn zu erzürnen. 

Die Welt war von Natur durch die Sünde verdorben, 
gerichtet oder zur Verdammnis verurteilt; deshalb ist 
Christus nicht gekommen, um zu richten oder zu ver- 
dammen, das gerichtet war, sondern alle diejenigen 
von dem Gerichte und der Verdammnis zu erlösen, 
die seine Gnade (Tit 2,11), durch den Glauben recht 
annehmen; das sind diejenigen, die ihrem sündhaften 
Leben absterben und es verlassen, Buße tun und sich 
bekehren. Summa, es sind diejenigen, die widergebo- 
ren sind und und nach dem Geiste leben (Joh 3; Rom 8), 
wie die Schrift im Überflüsse an vielen Orten bezeugt. 

Die anderen aber, die nicht recht nach des Herrn 
Worte, die Liebe, Gnade und Erlösung, durch den 
Glauben zur Besserung ihres ganzen Lebens anneh- 
men, bleiben gleichwohl noch in ihren Sünden ge- 
fangen in der Verdammnis und dem Zorne Gottes, 
und werden weder das Reich Gottes sehen, noch das 
ewige Leben um ihres Unglaubens, ihrer Unbußfer- 
tigkeit und Ungerechtigkeit willen ererben, und weil 
sie in Sünden noch fortfahren, so können sie die Er- 
lösung und Vergebung der Sünden nicht annehmen. 
Und wenn sie dieselbe auch einmal angenommen 
hätten, so widerfährt ihnen doch, wenn ihre neuen 
Sünden die alten übersteigen, etwas ärgeres als zu- 
vor, weil sie so undankbar sind, und ihrer verspro- 
chenen Besserung nicht nachkommen; denn Christus 
hat unsere Sünden an seinem eigenen Leibe an das 
Holz des Kreuzes getragen (mit dem Beding unserer 
Besserung), damit wir, die wir glauben und der Sün- 
de abgestorben sind, der Gerechtigkeit leben mögen, 
durch dessen Wunden sind wir gesund geworden, 
denn wir waren vor Zeiten verirrte Schafe, nun aber 
sind wir bekehrt zu dem Bischöfe und Hirten unserer 
Seelen (IPt 2). Hieraus kann man klar merken, daß 
diejenigen, die ihren Sünden nicht absterben, noch 
nach der Gerechtigkeit leben, durch die Wunden und 
durch den Tod Christi noch nicht geheilt oder erlöst 
sind, denn sie sind noch nicht durch den Glauben 
zu Gott von ihren Sünden, worin sie noch leben, be- 
kehrt; darum getrosten sie sich des ewigen Lebens 
durch den Tod Christi und ihrer Erlösung umsonst, 
weil sie noch an ihre Sünden gebunden sind, oder 
sie müssten sich von ihren Sünden zu Gott bekehren, 
und ihm ihre ganze Lebenszeit in Gehorsam dienen 
in aller Heiligkeit und Gerechtigkeit des Glaubens, 
die vor ihm gefällig ist, sonst bleiben sie noch gefan- 


gen, ungläubig und verdammt, wie solches die Schrift 
ausführlicher anzeigt, als ich es angeben kann, denn 
ich habe noch niemals eine Bibel in dem Gefängnisse 
gehabt. Ein jeder prüfe sich selbst. 

Merkt einmal darauf, wie die armen Menschen die 
Erlösung und Seligkeit annehmen nach ihrer Mei- 
nung. Es ist ja zur Genüge offenbar, wie man hört und 
sieht, daß fast alle Menschen in ganz Europa gläubige 
Christen heißen, obgleich sie mit ihren bösen Werken 
es kaum beweisen, daß sie natürliche Menschen sind, 
weil sie der Natur mehr zuwider leben als die unver- 
nünftigen Tiere. Dessen ungeachtet sind sie von ihren 
Lehrern so unterrichtet, daß sie Kinder und Erben 
Gottes heißen, und es auch sein wollen; sie sind auch 
dazu angehalten worden und darin so fest gegründet, 
daß man nur wenige von ihren bekehren, oder ihnen 
raten und helfen, oder sie aus dem Gefängnisse, aus 
dem Wasser und Feuer der Verdammnis ziehen kann, 
denn sie selbst sind schon allzuweise; es ist ihnen 
schon geholfen; sie sind schon von dem Tode erlöst, 
wie sie meinen und sagen, wiewohl sie bei solchem 
ihrem sündhaften Leben und gottlosen Wesen im Ver- 
derben versunken sind, und sind mit einem schönen 
Namen bekleidet, indem sie Christen und Gottes Kin- 
der heißen, obgleich sie ärger leben wie Juden, Türken 
oder Sarazenen, die sich nicht für Christen ausgeben, 
gleichwie diese, die so öffentlich und unverschämt 
Christum verleugnen durch die Abgötterei mit Holz 
und Steinen, was sie auch einen schönen Gottesdienst 
nennen, durch den Geiz, dem sie den Namen Emsig- 
keit geben, durch Hoffart, die bei ihnen nur Säuber- 
lichkeit heißt; durch Unkeuschheit und Ehebruch, den 
sie nur Freundschaft nennen, durch Trunkenheit, wel- 
che sie Freude, Ergötzung, Lustbarkeit, Gutherzigkeit 
oder eine Erfreuung nennen, wie sie denn alle Bosheit 
und Sünden zu beschönigen und ihnen gute Namen 
zu geben wissen, als ob es nichts als Tugenden und 
Gerechtigkeit wäre; dabei wollen sie noch imsträflich 
sein, wie sich denn viele derselben wegen der Wollüs- 
te ihres Fleisches, im Würfeln, Spielen, Singen, Sprin- 
gen, Tanzen, Stolzieren, Prahlen nicht strafen lassen 
wollen, um nirgends der Geringste, sondern überall 
der Vornehmste zu sein, auch wenn es ihnen möglich 
ist, in eitlen, falschen und berühmten Künsten der 
irdischen, weltlichen und fleischlichen Weisheit, in 
Rechten, Prozessen, Schwören, in listigem Erdichten, 
bösen Erfindungen und Kaufmannschaften, in Lügen, 
Betrügen, Zanken, Fluchen, Fechten und Töten; ge- 
schieht es nicht mit der Tat, so geschieht es doch mit 
dem Herzen, durch Hass und Neid, Verleumdung, Af- 
terreden, Narrenspossen, Scherzen, Lügen, unnützen 
und ungeziemenden Dingen, in allerlei Begierden und 
Leichtfertigkeit. Dieses ist fast überall so allgemein 



410 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


als das tägliche Brot. Hierin und hiermit vertreiben, 
verschwenden, missbrauchen und verderben sie (zu 
ihrer Seelen Verdammnis) die köstliche Gnadenzeit, 
ihr Leben, und alle guten Gaben Gottes, welche gute 
Gaben Gottes wir von seiner Gnade empfangen ha- 
ben, um damit unserm Gott und Schöpfer, welcher in 
Ewigkeit gesegnet sein müsse, in Gehorsam zu die- 
nen, zu Gottes Ehre, zu unserer Seelen Seligkeit, wie 
auch zur Erbauung und Liebe unseres Nächsten; denn 
Gott will nicht, daß jemand verloren gehe, auch hat 
er keine Lust an dem Tode der Sünder, sondern er ist 
langmütig, und wartet auf eines jeden Besserung, will 
auch, daß alle Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit 
kommen und selig werden. 

Was sollte unser Herr Gott den Menschen mehr tun, 
als er getan hat? Kommt denn nicht die Verdammnis 
der Menschen von ihrem eigenen Unglauben, Unge- 
horsam, Versäumung, Missbrauch, Missetat, Sünden, 
Verstockung und Undankbarkeit, weil sie diese Gnade 
und unbegreifliche Liebe Gottes durch den Glauben 
zur Besserung nicht annehmen wollen? Aber sie ver- 
werfen diese Besserung und wollen diese Gnade und 
Seligkeit noch in ihrem sündhaften Leben genießen, 
von welchem sie sich nicht bekehren. Wenn nun die 
Menschen auch Freiheit haben, sich selbst oder ihr 
eigenes Leben zu missbrauchen (wie wohl es nicht 
der Wille Gottes ist, sondern seine Zulassung), so le- 
ben die Menschen nach ihrer ersten Geburt, gegen 
Gottes Wort und Willen, unnatürlich, ungehorsam, 
undankbar, unverständig, und achtsam, nach des Teu- 
fels Willen, teuflisch und fleischlich gesinnt, nach Gut 
und Ehre begierig und unmanierlich, grob, treulos, 
meineidig, voll Hasses und Neides, unbarmherzig, 
ohne Mitleiden, ungeduldig, grimmig, grausam, rach- 
gierig. Summa, hätten die Menschen die Güter und 
ihr Leben in der Hand, und wäre keine menschliche 
Obrigkeit, die sie mehr fürchten und scheuen als Gott, 
sie würden sich so unmenschlich zeigen, daß man 
fast die Hölle auf Erden haben würde; denn wiewohl 
man jetzt die Menschen mehr als Gott fürchtet, so ist 
doch der Bosheit noch ein Ziel gesteckt. Viele arme 
Menschen verlassen die Trunkenheit, weil sie weder 
Geld noch Pfand haben, die Reichen aber meiden sie 
vielleicht um ihrer Ehre und ihres Ansehens willen, 
oder weil sie keine Gesellschaft nach ihrem Sinne ha- 
ben, oder um ihrer Gesundheit und den Sinnen kei- 
nen Schaden zu tun; um dergleichen Ursachen willen 
lässt man auch die Hurerei; das Stehlen lässt man oft 
um des Galgens, und das Morden um des Rades wil- 
len. Summa, alle Sünden werden gewöhnlich mehr 
aus Zwang, Scham und Furcht der Menschen vermie- 
den, als aus freiwilliger Gutheit um des Herrn willen. 
Und obgleich die Menschen so unverschämt und dem 


Bösen so ganz ergeben sind, daß sie öffentliche Hu- 
renhäuser halten und viel abscheulicher als die Tiere 
leben, so lassen sie sich doch gleichwohl Christen 
nennen, und wollen aus Gnaden Kinder und Erben 
Gottes sein; um wie viel mehr nun diejenigen, die es 
ein wenig säuberlicher und heimlicher treiben, wie sie 
meinen, wiewohl sie es oft viel ärger machen (kann 
man es auch wohl ärger machen?); sie leben unver- 
schämt in Ehebruch und andern heimlichen Sünden, 
wiewohl Gott der Herr alle Verborgenheiten der Her- 
zen kennt. Ach, ständen der Menschen Sünden an 
ihren Stirnen geschrieben, wie würden sie sich bestän- 
dig zu Hause halten und sich in Winkel und Höhlen 
verbergen, damit sie von den Menschen nicht gesehen 
würden; aber vor Gott scheuen, schämen und fürchten 
sie sich nicht, vor welchem sie sich doch nicht verber- 
gen können, und der den Leib töten und Seele und 
Leib in das höllische Feuer werfen kann. Prüft es, ihr 
verständigen und unparteiischen Leser oder Zuhörer, 
ob diese falschen Christen bei solchem ungebührli- 
chen und unchristlichen Leben durch die Barmherzig- 
keit Gottes und den Tod Christi selig werden können 
oder nicht; man hört sie auch solche frevelhafte Re- 
den führen: Das Himmelreich sei für sie und nicht für 
die Tiere, wie sie sich denn überhaupt so betragen, 
daß sich ein rechter Christi schämen und fürchten 
sollte, ihre Unsinnigkeit und ungerechten Werke zu 
sehen oder zu hören. O verdorbene und mutwillige 
Menschen! Als die Juden Gottes Kinder sein woll- 
ten, weil sie Abrahams Samen hießen und waren, so 
lehrte sie Christus, daß ein Dieb, Lügner und Mörder 
von Anfang, nämlich der Teufel, ihr Vater sei, weil 
ihre Werke böse waren (Joh 8); solches mochte ihnen 
fremd Vorkommen; wie es denn auch denen, die dem 
Evangelium Christi ungehorsam sind, fremd Vorkom- 
men mag, daß sie, nach dem Zeugnisse der Heiligen 
Schrift, Knechte der Sünden genannt werden, ferner, 
ein arges und verkehrtes Geschlecht der Schlangen 
und Ottern, ein Samen des Teufels, Kinder und Erben 
des Zornes, des Fluches und der ewigen Verdammnis, 
Kains Same, Ismaeliten, stinkende Schweine, reißende 
Hunde, und Wölfe in Schafskleidern, das ist, unter der 
Decke der Heiligkeit, Unbeschnittene, Heiden, Gäste 
und Fremdlinge in den Testamenten der Verheißung 
des ewigen Lebens, die keinen Teil am Reiche Gottes 
haben, wiewohl sie sich davon eine leere Hoffnung 
machen, ohne Gott, ohne Christo, gottlos und abgöt- 
tisch in der Welt. Diese bösen Werke sind die Netze, 
Stricke, Fesseln, Blöcke, Ketten, Bande und Gefängnis- 
se, womit der Oberste dieser Welt, der Teufel, der sein 
Werk in den Kindern des Unglaubens hat, die Men- 
schen gefangen und sie verblendet und gebunden hält 
nach seinem Willen (2 Tim 2). 



411 


Solange nun die falschen Christen mit ihren Sün- 
den gebunden und in ihrer Ungerechtigkeit verstrickt 
gehen oder kriechen, so rühmen sie sich umsonst, und 
lügen gröblich einer auf den andern, wenn sie sich 
rühmen, daß sie durch Christum von ihren Sünden 
erlöst und befreit seien, worin sie doch noch als gebun- 
den leben, und, um ihres Unglaubens und Ungehor- 
sams willen, zur ewigen Verdammnis verordnet sind, 
es sei denn, daß sie sich von ihren Sünden zu Gott be- 
kehren, und seine Gnade durch den Glauben recht an- 
nehmen zu ihrer Besserung; alsdann bleiben sie nicht 
verloren, sondern werden zum ewigen Leben verord- 
net, und als Gefäße der Ehren zur Herrlichkeit zube- 
reitet, nach meinem schlechten Begriffe (Rom 9,23). 
Merkt einmal darauf, welche Christen sie seien, nur 
weil sie sagen, daß Gott gnädig sei, welches der Teu- 
fel auch glaubt und dennoch zittert; überdies sagen 
sie, daß ihnen ihre Sünden leid seien, und gleichwohl 
gehen sie darin fort, je länger je mehr, je älter desto 
ärger, und treiben allerlei Sünden unter der Decke der 
Gnade Gottes, der eine auf diese, der andere auf eine 
andere Weise, sodass kein Böses ungetan bleibt. Ein 
jeder durchsuche die Verborgenheit seines Herzens, 
dann wird er am besten verstehen und finden, was 
ich Gefangener hier schreibe. Ein Mensch allein kann 
alle diese Sünden nicht vollbringen, denn sein Leben 
ist zu kurz und unvermögend; man sieht gewöhnlich, 
daß die Sünden die Menschen um Krankheit oder 
Alters willen verlassen, was ihnen doch nicht zur Bu- 
ße, Besserung oder Seligkeit gereicht, wiewohl viele 
Menschen, die frisch und gesund sind, sich selbst ver- 
wahrlosen und betrügen, und sagen: Ich will mich 
bessern, wenn ich alt bin und krank auf meinem To- 
tenbette liege, oder wenn mich nicht mehr gelüstet, 
der Welt zu dienen; wenn man dann nur einmal über 
seine Sünden seufzt und das Ende gut ist, so ist alles 
gut. Ach, das ist ein nichtiger Trost, denn was wird 
das für eine Besserung sein, wenn man die Sünde und 
Bosheit nicht mehr ausüben kann? Das heißt nichts 
anders als mit dem Herrn gespottet, mutwillig gesün- 
digt, und seine Gnade verworfen. Ach, daß alle Men- 
schen, die in Sünden gefangen sind, nach des Teufels 
Willen (2 Tim 2,26), dieses allezeit überlegen, und um- 
so mehr Fleiß anwenden möchten, damit, durch die 
Gnade, ihre Seelen aus des Teufels Stricken oder Sün- 
den frei werden möchten, gleichwie einer, der dem 
Leibe nach gefangen ist, Fleiß anwendet, daß er befreit 
werden möchte, um dem leiblichen Tode noch eine 
kleine und ungewisse Zeit zu entgehen, dem er doch 
zuletzt nicht entgehen kann. Glaubten die Menschen, 
daß Gott gerecht wäre, und daß er an den imbuß- 
fertigen Sündern kein Übel ungestraft lassen würde, 
sie würden erschrecken und aus Furcht vor dem ge- 


rechten Gerichte Gottes ihre Sünden lassen; aber mm 
werden sie in ihrem Unglücke von ihren Predigern 
mit schmeichelnden Worten und süßen Predigten, mit 
Gnade, Frieden, Barmherzigkeit und Seligkeit getrös- 
tet, während man ihnen doch wegen ihren Sünden, 
mit Zorn, Grimm, Ungnade Gottes und ewiger Ver- 
dammnis drohen sollte, damit sie sich doch bessern 
möchten, weil die Gnadentür noch eine kurze Zeit 
offen ist. 

Ich weiß kein Ding, das die Menschen so sicher und 
fest in dem Sündenschlafe erhält, bis der Herr wie ein 
Dieb in der Nacht kommt, als wenn man das Gute 
böse nennt, und das Evangelium eine Sekte, welcher 
man alles Üble nachlügt und nachsagt, und so die 
Wahrheit in Lügen verwandelt; die Christen nennt 
man Ketzer und Verführer; allen guten Werken, Tu- 
genden, Gerechtigkeiten wird ein böser Name gege- 
ben; man kehrt sie um, malt sie abscheulich ab und 
deutet sie zum Ärgsten, daß sich die Menschen davor 
entsetzen, als ob sie von Gott und der Wahrheit abge- 
zogen werden sollten. Kommt aber der Teufel, nicht 
halb so hässlich, als man ihn abmalt und ich hier be- 
schrieben habe, doch mit einem schönen Scheine der 
Liebe überkleidet, verändert, und in einen Engel des 
Lichtes verwandelt, als ob er von Gott gesandt und 
Gott selbst wäre, so werden seine Lügen gewiss für 
lauter Evangelium und Wahrheit ausgegeben; Babel 
wird eine Gemeinde Gottes genannt; die Götzendiener 
nennt man Herren; Lügen und Betrügen heißt Klug- 
heit und Geschwindigkeit; Fechten heißt Tapferkeit, 
Todschlag nur Unfall, und viele dergleichen schändli- 
che Dinge, denen man Ehre beilegt, sodass man das 
Böse gut nennt. Wehe aber solchen, wie Jesaja sagt, 
und wenn so des Teufels Diener und Kinder alle ihre 
bösen Werke, Untugenden, Sünden und allerlei Un- 
gerechtigkeiten zu verändern, zu beschönigen, ihnen 
gute Namen beizulegen, auch wohl zum besten zu 
deuten, und für gute Werke auszugeben wissen, ins- 
besondere für Tugenden und allerlei Gerechtigkeiten, 
als Geiz für Emsigkeit, Hoffart für Reinigkeit; wer will 
sie dann hierüber bestrafen? Auf solche Weise verblen- 
det sie der Teufel sehr listig ihm zum Dienste, sodass 
sie fromme Christen zu sein glauben, und nicht von 
der Wahrheit um ihrer Sünden willen bestraft sein 
wollen, sondern sie wollen unsträfliche Kinder Gottes 
sein, deshalb sagen sie wie die Jünger Christi: »Unser 
Vater « Aber ein jeder prüfe sich selbst, ob er aus Gott 
geboren sei, indem er doch seine Sünden auf solche 
Weise beschönigen kann, und ob er den Namen Got- 
tes heilige und schmücke, und den Willen Gottes tue, 
ob er auch vor Gott wandle wie ein gehorsames Kind 
vor seinem Vater; sonst häuft er Lügen auf Lügen in 
seinem Gebete, welches doch vor Gott ein Fluch oder 



412 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Gräuel ist. Summa, wer Sünden tut, der ist vom Teufel 
geboren, und kennt Gott nicht (Joh 8,44; ljoh 3). Denn, 
die fleischlich gesinnt sind, mögen Gott nicht gefallen; 
darum merke darauf, wen die unbußfertigen Sünder 
zum Vater anrufen. Der mag wohl verblendet sein, 
der dieses nicht einsehen kann, und recht verhärtet, 
der sich nicht bessern will. 

Ach, lieber Leser, oder Zuhörer! Wenn ich bitten 
darf, so ist mein herzliches Begehren an dich, du wol- 
lest allezeit überlegen, und dich darnach richten, daß 
die Menschen von jedem unnützen Worte, das sie 
geredet haben, Rechenschaft geben müssen, um wie 
viel mehr von den Werken. Alsdann wird ein jeder 
vor dem gerechten Gerichte Gottes an seinem eige- 
nen Leibe empfangen, je nachdem er getan hat, es sei 
gut oder böse; alsdann wird Zorn, Hass, Neid, nicht 
Lieben in der Tat und Wahrheit, frech und spitzig re- 
den; Raka, du Narr, zu seinem Bruder sagen, oder ihn 
ärgern, für Todschlag, und als des Rates, Gerichtes 
und höllischen Feuers schuldig gehalten und verur- 
teilt werden (Mt 5,22; ljoh 3). Desgleichen wird auch 
Ungehorsam für Zaubereisünde, ein Weib ansehen, 
sie zu begehren für Ehebruch, oder sonstiges Böses, 
das man von Herzen begehrt, oder worin man wil- 
ligt (obgleich es um des Unvermögens willen nicht 
bewerkstelligt wird) als ein vollkommen böses Werk 
gerichtet und gestraft werden. Sein Wort nicht halten, 
wird als Lüge und Meineid geachtet und ein so ge- 
nannter guter Eid ebenso schwer gestraft werden als 
Meineid, denn Christus hat jeden Eidschwur verbo- 
ten (Mt 5); ebenso auch seine Feinde zu hassen, wird 
dieselbe Strafe nach sich ziehen, als wie seine Freunde 
nicht zu lieben, und was dergleichen mehr. Nun merkt 
aber einmal, wie im Gesetze der Ehebruch von den 
Richtern gestraft wird! Diejenigen die im Ehebruch 
ergriffen waren, wurden zu Tode gesteinigt. Man sieht 
auch täglich, wie Zauberei und Todschlag, oder Mord, 
von den weltlichen Herren mit Feuer oder Schwert bis 
zum Tode gestraft werden. Merkt, da es uns bekannt 
ist, daß Adam um einer Sünde willen, desgleichen 
Kain, nachher die ganze Welt mit der Sündflut, So- 
dom und Gomorrha, mit den umliegenden Städten 
mit Feuer und Schwefel, Ägypten, dann die Götzen- 
diener in Israel, und die wider Mose murrten, nach 
der Gerechtigkeit Gottes uns zum Vorbilde und Ex- 
empel gestraft worden seien, so ist einleuchtend, um 
wie viel mehr Strafe diejenigen verdient haben, die 
wider Christum murren, seine Wahrheit in Lügen ver- 
wandeln, die seine Gnade und Erlösung durch den 
Glauben zur Besserung ihres Lebens nicht annehmen, 
sondern verwerfen, und mutwillig in ihren Sünden 
leben, Gott, welcher der Engel nicht geschont hat, die 
gesündigt haben, wird auch der ungerechten Men- 


schen und falschen Christen nicht schonen um ihres 
Unglaubens willen, sondern sie mit einer ärgeren Stra- 
fe heimsuchen, als Sodom und Gomorrha, welche in 
Asche gelegt, zerstört und verdammt worden und 
allen denen zum Beispiele gesetzt find, die ungött- 
liche Dinge treiben (2 Pt 2), und sich nicht bekehren 
(2 Pt 3). Sollen wir nun durch Gottes Barmherzigkeit 
selig werden, so müssen wir uns bessern, aus Gott 
wiedergeboren und gehorsame Kinder Gottes sein, 
auch Christo in der Wiedergeburt und den Fußstap- 
fen des Glaubens, auf der schmalen Bahn zum ewigen 
Leben nachfolgen, selbst dann werden wir nicht se- 
lig aus Verdienst der guten Werke, sondern durch 
die Gnade, die durch Christum geschehen ist; denn 
wenn wir auch heilig, unsträflich und vollkommen 
lebten in aller Gerechtigkeit (wie die Schrift erfordert), 
und um der Wahrheit willen einen bittereren Tod als 
Christus litten, was doch uns Menschen unmöglich 
ist, so könnten wir durch unsere eigenen guten Werke 
doch nicht selig werden, sondern allein durch Got- 
tes Barmherzigkeit und die Gnade unsers Herrn Jesu 
Christi, wodurch unser Heil allein ausgewirkt wurden 
ist. Und wenn wir unsere Seligkeit auf unsere guten 
Werke oder Leiden zu gründen suchten, so würden 
wir Abgötterei treiben, und wären ein Götze unserer 
selbst, insofern wir auf uns selbst vertrauten. 

Aber nun ist unsere Seligkeit allein auf Gottes Er- 
barmen gegründet, und nicht auf unser Laufen und 
Jagen, und wenn wir auch so ernstlich darnach jag- 
ten und liefen (wozu wir doch verpflichtet sind), daß 
wir die Vollkommenheit, wozu wir von Christo be- 
stimmt sind, erreicht, und das bereits erlangt hätten, 
was uns befohlen ist und wir schuldig sind zu tun, 
so wären wir gleichwohl nur unnütze Knechte; um 
wie viel unnützer sind wir denn nun bei so vielen 
Gebrechen, wenn wir auch mit einem guten Willen 
nach dem Guten streben, auch solches gern vollbrin- 
gen wollten, und es uns leid tut, daß wir nicht voll- 
kommen sind? Darum haben wir Ursache, und sind 
schuldig, uns sehr tief unter die überschwängliche 
Gnade Gottes zu demütigen; denn das ewige Leben 
ist eine Gabe Gottes, und keine Schuld, kein Lohn, 
noch fließt es aus unserer Arbeit, unserem Verdienste, 
oder aus guten Werken; denn wir sind Gottes Werk, 
geschaffen in Christo zu guten Werken, die Gott zu- 
bereitet hat, daß wir darin wandeln sollen, wie wir 
auch schuldig sind, sowohl in dem Kleinsten als in 
dem Größten zu tun. Aber der Sünden Lohn ist der 
Tod; deshalb müssen wir denn die Sünde hassen und 
uns fürchten, damit wir derselben weder folgen, noch 
sie vollbringen, wenn wir anders durch die Gnade 
und Gabe Gottes selig werden wollen. Also sind wir 
durch Christum von des Teufels Banden oder Sünden 



413 


erlöst; darum soll niemand sagen, oder hoffen, daß 
er durch seine guten Werke selig werde, welche doch 
zu gering sind. Auch soll niemand sagen: Sollten wir 
nicht sorgen, sollten wir uns nicht ernähren, woher 
sollten wir denn unsere Nahrung nehmen? Außer zu 
solchen, die da sagen, daß man sich nicht mit seiner 
Hände Arbeit nähren, sondern müßig gehen soll; des- 
gleichen soll auch niemand sagen: Es weiß niemand 
die Stunde und den Tag des Herrn, außer zu denen, 
welche Tag und Stunde bestimmt haben, wovor mich 
der Herr bewahren wolle. Hütet euch doch vor leicht- 
fertigen Schwätzern, denn es wird mit den Spöttern 
bald aus sein. Wenn du deine Meinung aussprichst, 
oder mit Sanftmut bestrafst, was dir nicht ansteht, es 
widersteht dir aber jemand in dem Guten, so schwei- 
ge sofort, damit du den Frieden und die Ruhe deines 
Gewissens erhalten mögest; verdrießt es dich, so laß 
dich deshalb in keinen Streit ein, damit du im Frie- 
den erfunden werden mögest, wenn der Herr kommt; 
denn wir müssen doch hier Gewalt und Unrecht lei- 
den; aber es wird nicht lange währen; darum sollen 
wir unsere Seelen in Geduld fassen. 

In der vierzehnten Woche meiner Gefangenschaft, 
den ersten Tag des sogenannten Januars, im Jahre 1568 
geschrieben. 

Ich habe das Vertrauen, es werde dieses gegenwär- 
tige Jahr nicht wie die vergangenen vorübergehen. 
Wacht und betet, weil ihr weder Stunde noch Tag 
wisst, denn die Gottesfürchtigen mögen sich beden- 
ken, ob dieses das Jahr sei, in welchem der Herr seine 
Auserwählten und Gläubigen erlösen will; ein jeder 
sei gewarnt. 

Jan Thielemanß und Job Janß werden um des 
Zeugnisses Jesu Christi willen in Grafenhaag in 
Holland im Jahre 1568 verbrannt. 

Auch legte man damals in Grafenhaag die Hände 
an die lieben Freunde des Herrn, sodass man sich 
nicht gescheut hat, dieselben durch Feuerflammen 
des Febens zu berauben. 

Dieses hat sich an zwei sehr frommen und gottes- 
fürchtigen Männern erwiesen, von denen der eine Jan 
Thielemanß, der andere aber Job Janß genannt wurde; 
beiden wurde an dem genannten Orte ihr Todesurteil 
(weil sie treulich bei dem Herrn, ihrem Gotte, blieben, 
und durch keinerlei Marter von der Standhaftigkeit 
ihres Glaubens abwendig gemacht werden konnten) 
vor Gericht vorgelesen, nämlich, daß sie als Ketzer 
(nach den Befehlen des Kaisers und des Königs in 
Spanien, der sich einen Grafen von Holland nannte) 
mit Feuer getötet werden sollten, welches Urteil den 
18. Dezember im Jahre 1568 an ihnen beiden vollzo- 


gen worden ist, nachdem sie ihre Seelen in die Hände 
Gottes befohlen haben. 

Nacherinnerung von den Todesurteilen 
vorgemeldeter Märtyrer. 

Wir haben in diesem Jahre 1650 durch einige unserer 
Freunde in Grafenhaag bei Gelegenheit darum nach- 
gesucht, uns aus dem Protokolle des Blutgerichtes 
vom Jahre 1568 die Gerichtsverhandlungen und insbe- 
sondere die Todesurteile der vorgenannten Märtyrer 
(wie sie von den Papisten aufgezeichnet worden sind) 
in einer gültigen Abschrift mitzuteilen, um sie durch 
den Druck hier beizufügen (wovon, wie es scheint, 
die eigenhändige Schrift noch vorhanden ist); da aber 
im Jahre 1648 mit Spanien unter der Bedingung Frie- 
de gemacht worden ist, einander alle vorhergegan- 
genen Misshandlungen zu vergeben und dieselben 
zu bemänteln, so fürchtete sich der Notar, diese Ak- 
tenstücke und so auch die Verhandlungen anderer 
unserer Glaubensgenossen, die gleichfalls während 
der päpstlichen Regierung getötet worden sind, aus- 
zuziehen, damit ihm solches nicht verwiesen werden 
könnte, oder ein Hindernis in dem aufgerichteten Frie- 
den abgeben möchte. 

Diese Absicht des Notars ist zwar nicht zu tadeln, 
weil es aus Sorgfalt wegen einer wichtigen Sache ge- 
schehen ist, inzwischen müssen diese heiligen Märty- 
rer hierunter leiden, deren Geschichte, die doch vor 
jedermann, selbst aus dem Munde ihrer Widersacher, 
offenbar werden sollten, dadurch verborgen bleiben. 
Dieses dient zur Nachricht. 

Der erste Brief von Jan Thielemanß, den er im 
Gefängnisse geschrieben hat. 

Gnade und Friede von Gott, dem himmlischen Vater, 
durch Jesum Christum, seinen lieben Sohn, unsern 
Herrn, wünsche ich euch, meine lieben Freunde, zum 
freundlichen Gruße, Amen. 

Nebst allen guten und gebührlichen Grüßen, die 
da christlich sind, bin ich, nach meiner Unwürdig- 
keit, in meinem Geiste sehr angetrieben worden, euch 
noch etwas zu schreiben, weil ich nicht mündlich mit 
euch allen reden kann, indem ich ja den ersten Grund 
an einigen unter euch gelegt, und euch, nach meiner 
geringen Gabe, nichts enthalten habe, und obgleich 
ich euch entnommen bin, so habe ich doch, um der 
großen Fiebe willen, die wir in großer Gemeinschaft 
und Frieden miteinander gehabt haben, euch zum 
letzten Abschiede noch einen kleinen Trunk aus mei- 
nem kleinen Büchlein zugedacht, woraus ich euch 
eingeschenkt habe; zwar nicht ich, sondern die Gnade 



414 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Gottes durch mich, denn es steht IMo 17,1 geschrie- 
ben, daß Gott mit unserm Vater Abraham geredet 
habe, wenn er sagt: »Ich bin der allmächtige Gott, wandle 
vor mir und sei fromm, so will ich meinen Bund mit dir 
machen, und dich sehr vermehren und ausbreiten, sodass 
Könige von dir kommen sollen, und deinem Samen will 
ich das Land Kanaan zum Erbe geben, und dieses ist mein 
Bund, den ich mit dir machen will; alles, was männlich 
ist, sollst du beschneiden.« Also hat nun Abraham Gott 
geglaubt, und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet 
und er ist ein Freund Gottes genannt worden. So hat 
nun also Gott Abraham einen Sohn gegeben, welcher 
Isaak hieß, und Isaak hat Jakob gezeugt, Jakob aber 
die zwölf Erzväter, und die Erzväter beneideten Jo- 
seph, und verkauften ihn den Ismaeliten um zwanzig 
Silberlinge; die Ismaeliten verkauften ihn in Ägypten, 
und Gott war mit ihm, und er fand Gnade vor dem 
Könige Pharao, und ward ein Fürst über das ganze 
Ägyptenland. Es hat sich aber zugetragen, daß eine 
teure Zeit in Ägypten entstanden ist, sodass Jakob und 
seine Söhne keine Speise fanden, und daß sie sagen 
hörten, daß man in Ägypten Getreide verkaufte; des- 
halb hat Jakob seine Söhne ausgesandt, wodurch sie 
mit Joseph bekannt geworden sind, ebenso ist auch Jo- 
sephs Geschlecht vor Pharao bekannt geworden, und 
Joseph hat seinem Vater Jakob Botschaft zugesandt; 
Jakob aber ist mit 75 Seelen nach Ägypten gezogen 
und hat dort gewohnt, ist auch daselbst, samt seinen 
Söhnen, gestorben. 

Als nun das Volk anfing, sich zu mehren, so ist ein 
anderer König aufgestanden, der unterdrückte das 
Geschlecht Israels, und gebot, daß man die jungen 
Kinder töten sollte. Merkt wohl meine guten Freunde, 
wie kamen die Kinder Israel in diese Not, in dieses 
große Elend und in diese Schmerzen, worüber sie 
klagten und zu Gott seufzten, wer hatte sie in diese 
Not gebracht? Solches hatte ihr Vater Jakob getan; bei 
Gott dem Allmächtigen aber stand die Verheißung 
fest, die er unserm Vater Abraham gegeben hatte, 
nämlich, daß sein Geschlecht das Land Kanaan er- 
erben sollte, wiewohl sie damals in großem Elende 
saßen. Alle diejenigen nun, die daselbst geboren wur- 
den, was erbten sie? Das gute, fruchtbare Land der 
Verheißung? Nein, sondern sie erbten den Dienst un- 
ter dem grausamen Könige Pharao, und waren noch 
in Ägypten, das ist ja die Wahrheit. Nun merkt auf 
jene Zeit der Welt, und die nun heutigen Tages in 
dieser Welt geboren werden, ob sie es wohl mit der 
Schrift abmessen, wer sie in die Welt gebracht hat? 
Ihr Vater Adam. So befinden sie sich denn nun doch 
in diesem geistigen finstern Ägypten unter Pharao, 
dem Teufel; merkt nun, meine guten Freunde, was sie 
erben, und wie sie sich vergeblich rühmen; sie erben 


zwar einen nackenden Leib, wenn sie geboren wer- 
den, ohne Kleider und Speise, denn wenn sie Kleider 
und Speise erben würden, so würden nicht so viele 
Leute nackend gehen und Hunger leiden; nun aber 
hat der Herr schöne Versprechungen gegeben, wofür 
man danken soll. Wenn man nun diese schönen Hilfs- 
mittel nicht nach der Regel oder der Wahrheit Christi 
gebrauchen will, um zu diesem geistigen Lande der 
Verheißung zu kommen, so muss man draußen blei- 
ben, wie denn viele die Hilfsmittel nicht gebrauchen, 
um Speise und Kleider zu erlangen; darum müssen sie 
auch darben, und Kälte und Hunger leiden. So wird 
es auch allen denen ergehen, meine guten Freunde, 
welche sich vergeblich des Reiches Gottes rühmen. 

Nun will ich wieder zu meiner vorigen Rede zu- 
rückkehren. So merkt denn auf die Israeliten, die in 
Ägypten saßen; sie fingen an, sich sehr zu vermehren 
und groß zu werden, und waren 600 000 Mann stark. 
Diese große Macht wurde noch von dem Könige Pha- 
rao mit Zwang und Schlägen zur Arbeit genötigt; sie 
seufzten und klagten, und obgleich sie so zahlreich 
waren, so war es ihnen doch nicht möglich, aus dem 
Lande zu ziehen und in dasjenige zu kommen, das sie 
ererben sollten, wie Gott Abraham verheißen hatte. 
Ebenso auch, meine Freunde, ist es dem Menschen 
unmöglich, aus dem geistigen Ägypten zu kommen, 
und von dem Könige Pharao, nämlich dem Teufel, 
erlöst zu werden und wieder in das geistige Land, 
nämlich das Reich Gottes, zu kommen; denn die Men- 
schen ererben im Allgemeinen eine verdorbene Art, 
welche sie belebt, sodass sie nach dem Fleische le- 
ben, und daher sterben, ohne daß sie das Reich Gottes 
erben. Nun, meine lieben Freunde, als sie, wie an- 
gegeben, in Ägypten saßen, und darin an 430 Jahre 
gewohnt, und dabei geklagt, geweint und geseufzt 
hatten, kam solches vor den Herrn, und der Herr, der 
allmächtige Gott, gedachte an seinen Bund, den er mit 
unserm Vater Abraham befestigt hatte, und Gott hat 
einen Mann erweckt und auserkoren, genannt Mose. 
Seht, meine guten Freunde, durch diesen Mann woll- 
te Gott alles Volk erlösen, und tat viele wunderbare 
Zeichen und Kräfte vor dem Könige in Ägypten, wie 
man lesen kann. Zuletzt hat dieser Mose sie durch 
die kräftige Hand Gottes ausgeführt; aber ehe sie das 
Land verließen, ging Mose oft zu Pharao und sprach: 
So sagt der Herr, der Gott Israel, laß mein Volk ge- 
hen, damit sie mir dienen; aber Pharao sagte: Wer ist 
der Herr, daß ich das Volk ziehen lassen sollte? Ich 
will das Volk nicht ziehen lassen. Wie nun aber das 
Volk, welches dort in Ägypten wohnte, dem Herrn 
nicht dienen konnte, ohne Ägypten zu verlassen und 
nach dem Lande der Verheißung zu reisen, so kön- 
nen diejenigen nun auch dem Herrn nicht dienen, die 



415 


noch in dem geistigen Ägypten wohnen, denn man 
kann nicht zugleich zweien Herren dienen; man muss 
Pharao und Ägypten verlassen, denn Pharao wohnte 
in Ägypten; aber Gott der Herr wohnt in dem geis- 
tigen verheißenen Lande. Nun können meine guten 
Freunde wohl merken, daß es die Wahrheit sei, was 
ich schreibe, daß man das geistige Ägypten verlassen 
müsse, gleichwie Mose durch die kräftige Hand Got- 
tes das Volk aus Ägypten erlöst hat, welches sie auf 
einen und denselben Tag verlassen haben, und vor 
das rote Meer gekommen sind, wohin ihnen Pharao 
mit seinen Knechten in der Meinung nachgefolgt ist, 
daß sie nicht aus dem Lande kommen könnten. Aber 
sie wussten wenig davon, daß der Herr mit den Kin- 
dern Israel war, denn Pharao gedachte sie zu schlagen; 
aber der Herr teilte das Meer voneinander, daß es wie 
eine Mauer stand; und auf solche Weise ist Mose mit 
dem Volke Gottes hindurch gegangen, Pharao aber ist 
mit all seinen Knechten im Meere geblieben, sodass 
nicht einer entkam, der es den Ägypten hätte erzäh- 
len können. Also auch, meine Geliebtesten, wenn die 
Menschen begehren, Gott zu dienen, so verlassen sie 
Ägypten und den Pharao; Pharao aber, wenn er das 
sieht, macht sich mit seinen Knechten auf die Füße; 
aber der geistige Mose ist den Seinen vorgegangen 
und hilft ihnen durch das Meer, nämlich durch die 
wilde wüste Welt, Pharao aber mit seinen Knechten 
verfolgt sie beständig, bis sie ihr Ende erreichen, wel- 
ches der Tod ist. 

Ferner nun, meine Freunde, als es Mose so weit ge- 
bracht hatte, daß sie durch das Meer waren, so sahen 
sie ihre Verfolger vor ihren Augen ertrinken; darüber 
haben sie sich sehr gefreut, und Gott, der ihnen sol- 
chen kräftigen Beistand geleistet hatte, mit Gesängen 
gedankt; nun aber waren sie noch nicht in dem Lande 
der Verheißung, sondern auf dem Wege dahin; Mose 
aber, ihr Führer, ist ihnen vorgegangen, und hat sie 
an den Berg Sinai gebracht; da ist Mose, der treue 
Knecht des Herrn, auf den Berg gegangen, und hat 
daselbst das Gesetz des Herrn empfangen, welches 
durch den Finger Gottes in zwei steinerne Tafeln ge- 
schrieben war. Als nun Mose diese beiden steinernen 
Tafeln von der Hand des Herrn empfangen hatte, um 
sie dem Volke vorzulegen, daß sie darnach tun sollten 
(denn nun sollte der Gottesdienst unter ihnen anfan- 
gen, indem sie, außer der Beschneidung, noch keine 
Ordnungen Gottes empfangen hatten; sollten sie aber 
nun Gott dienen, so mussten sie auch die Gebote ha- 
ben), so sagte der Herr zu Mose: »Steige herab vom 
Berge, denn das Volk hat es übel verderbt.« Als nun Mo- 
se vom Berge herabstieg, und das Volk um das Kalb 
tanzen und sich über ihrer Hände Werk freuen sah, 
nahm er die beiden steinernen Tafeln, warf sie unten 


am Berge entzwei und redete Aaron mit betrübtem 
Herzen in den folgenden Worten an: »Was hast du ge- 
tan, daß du das Volk zu solcher großen Sünde gebracht 
hast?« Aaron entschuldigte sich vor Mose und sagte: 
»Mein Herr, du weißt, daß dies Volk ein hartnäckiges Volk 
ist, denn sie haben mich überfallen, und ich habe von ihnen 
ihre goldenen Ohrringe und anderes Gold gefordert, und 
ich habe es von ihrer Hand empfangen und mit einem Grif- 
fel entworfen, daraus ist dieses Kalb entstanden.« Mose 
nahm das Kalb, zermalmte es zu Staub und warf es 
ins Wasser, und gab es den Kindern Israel zu trinken. 
Und er redete die Leviten an und sagte zu ihnen: »Ein 
jeder gürte sein Schwert an seine Seite und gehe durch's 
Lager hin und her, und erschlage seinen Bruder, Freund 
und Nächsten; da sind 3000 Mann umgekommen.« Seht 
nun, meine werten guten Freunde, diese 3000 hatten 
Ägypten und den Pharao verlassen, und waren ausge- 
zogen, um das gute Land einzunehmen; wenn sie sich 
nun des guten Landes (das dem Abraham und seinem 
Samen von Gott verheißen war) gerühmt hatten, wäre 
das nicht ein eitler Ruhm gewesen? Sicherlich, ja; so 
sind auch Korah, Dathan und Abiram, mit noch 250, 
die das Rauchwerk vor dem Herrn opferten, unter 
der Menge zu Grunde gegangen, nebst 14 700 Aufrüh- 
rerischen, die wider Mose murrten und sagten: »Du 
hast des Herrn Volk getötet.« Seht, meine guten Freunde, 
sie mussten das Volk des Herrn heißen, wiewohl sie 
es nicht waren; ebenso musste das auch Mose, der 
treue Knecht des Herrn, tun, wiewohl es sich nicht so 
verhielt, sondern ihre eigenen Sünden hatten es getan. 
Und wenn man es nach der Wahrheit recht nennen 
wollte, so hätte man es so nennen müssen, aber heuti- 
gen Tages wird es auch oft verkehrt gesagt, und muss 
auch wahr sein, wenn es auch nicht wahr ist. Wäre 
das gleichfalls nicht auch eitler Ruhm gewesen, wenn 
die 24 000 Hurer, nebst noch 3000 und viel mehr, die 
alle in der Wüste um ihrer Sünde und Übertretung 
willen umgekommen sind, sich alle trefflich des guten 
Landes gerühmt hätten? Gewisslich ja. So ist es denn 
also vergeblich, sich so zu rühmen, denn nach der 
Wahrheit sich rühmen, solches ist recht, indem Mose 
zu ihnen gesagt hat: »Höre Israel, du sollst den Herrn, 
deinen Gott, von ganzem Heizen und aus allem Vermögen 
lieben; diese Worte, die ich euch heute gebiete, sollt ihr zu 
Herzen nehmen; schreibt sie an eure Türpfosten; redet da- 
von, wenn ihr mit euren Kindern auf dem Wege wandelt; 
lasst sie euch zur Warnung dienen.« So hat Mose das 
Volk scharf ermahnt, und ihnen das Gesetz des Herrn 
ernstlich vorgehalten, wozu das Volk zwar ja sagte, 
aber solches gleichwohl nicht tat. 

Darum, meine guten Freunde, seht doch zu, daß 
niemand unter euch ein arges und ungläubiges Herz 
habe, sondern ermahnt euch untereinander alle Tage, 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


solange es heute heißt, damit niemand durch Betrug 
der Sünde ein verstocktes ungläubiges Herz empfan- 
ge, denn ihr seid Christi teilhaftig geworden, wenn ihr 
den Anfang seines Wesens bis ans Ende festhaltet; dar- 
um heute, wenn ihr seine Stimme hört, so verstockt 
eure Herzen nicht, gleichwie in der Erbitterung ge- 
schah, als er wohl 40 Jahre über dieses Geschlecht 
missvergnügt war, und in seinem Zorne schwur, es 
sollte nicht zu seiner Ruhe kommen. Darum, meine 
guten Freunde, lasst uns dasjenige, das uns gesagt 
worden ist, desto ernstlicher wahrnehmen, damit wir 
nicht zu irgendeiner Zeit es wieder verlieren, denn 
wenn das Wort fest geworden ist, das durch die Engel 
geredet worden ist, und eine jede Übertretung und 
Ungehorsam ihren rechten Lohn empfangen hat, wie 
wollen wir dann entfliehen, wenn wir solche Seligkeit 
nicht achten? Darum lasst uns den Herrn fürchten, 
damit wir zu seiner Ruhe kommen mögen, und nie- 
mand unter uns draußen bleibe, denn es ist uns nun 
auch verkündigt, gleichwie jenen. Aber das Wort der 
Predigt half jenen nichts, weil sie denselben nicht ge- 
glaubt haben. Also auch, meine guten Freunde, hilft 
es nichts, ob man die Worte Gottes hört, wenn man 
den Glauben nicht hinzugefügt, denn den Gläubigen, 
wie die Schrift sagt, ist das Reich Gottes aus Jesu Mun- 
de zugesagt; darum lasst uns die Gnade Gottes nicht 
versäumen, die uns sagt: »Ich habe dich in der angeneh- 
men Zeit erhört, und dir am Tage des Heils geholfen; seht, 
jetzt ist die angenehme Zeit, jetzt ist der Tag des Heils,« 
welcher von vielen Menschen versäumt wird. Darum 
lasst uns in allen Dingen als Diener Gottes uns erwei- 
sen, ihm zu dienen unser Leben lang in Heiligkeit und 
Gerechtigkeit, welches vor ihm gefällig ist. Darum sa- 
ge ich mit Paulus: »Richtet wieder auf die lässigen Hände 
und müden Knie, daß ihr nicht strauchelt, wie ein Lahmer, 
sondern lauft rechtschaffen mit euren Füßen,« denn ich 
befürchte, es möchten jetzt viele Lahme und lässige 
Hände erfunden werden; darum jagt nach dem Frie- 
den und der Heiligung, ohne welche niemand den 
Herrn sehen wird. 

Also ermahne ich euch, meine guten Freunde, 
durch die Barmherzigkeit Gottes, daß ihr eure Lei- 
ber zu einem lebendigen und heiligen Opfer begebt, 
das Gott gefällig ist, welches euer vernünftiger Got- 
tesdienst ist, und stellt euch nicht dieser Welt gleich, 
sondern verändert euch durch die Erneuerung eures 
Geistes, damit ihr prüfen mögt, welches der gute und 
wohlgefällige Wille Gottes sei. Darum denkt doch an 
die Worte, die vor Zeiten in dem Namen des Herrn zu 
euch geredet worden sind, und bleibt bei dem, was 
ihr von Anfang gehört habt; wenn ihr bei demjenigen 
bleibt, was ihr von Anfang gehört habt, so werdet ihr 
bei dem Vater und dem Sohne bleiben, und das sind 


seine Verheißungen, das ewige Leben; denn wir ha- 
ben ein festes prophetisches Wort, und ihr tut wohl 
daran, daß ihr darauf achtet, wie auf ein Licht, das an 
einem dunkeln Orte scheint, bis der Morgenstern in 
euren Herzen aufgehe. Meine lieben Freunde, welch 
ein dunkler Ort ist wohl ehemals in euch gewesen, als 
euch das Licht verborgen war? Und welche dunkle Or- 
ter sind noch jetzt? Aber euch ist Barmherzigkeit wi- 
derfahren. Darum sagte auch Jesus Christus im Evan- 
gelium: »Ich bin ein Licht, in diese Welt gekommen, damit 
alle, die an mich glauben, nicht in der Finsternis bleiben; 
aber, wer mein Wort hört und nicht glaubt, den werde ich 
nicht richten, denn ich bin nicht gekommen, daß ich die 
Welt richte, sondern daß ich sie selig mache. Wer nun mich 
verachtet, und meine Worte nicht annimmt, der ist schon 
gerichtet, denn das Wort, das ich geredet habe, wird ihn 
richten am jüngsten Tage, denn ich habe solches nicht von 
mir selbst geredet, sondern der Vater hat mir ein Gebot ge- 
geben, was ich reden soll, und ich weiß, daß sein Gebot das 
ewige Leben ist.« Darum ist es uns auch zu tun, daß wir 
durch die herzliche Gnade unsers Herrn Jesu Chris- 
ti solches von seiner Hand empfangen mögen, denn 
auch dem Herrn ist es um ein Volk zu tun, das Ihn 
fürchtet und liebt; und das ist die Liebe Gottes, daß 
wir seine Gebote halten, und seine Gebote sind denen 
nicht schwer, die ihn lieben. Darum ist das Gesetz 
der Gebote gut, welches in Ewigkeit bestehen wird; 
wer sie annimmt, der wird das Leben erlangen, wer 
sie aber nicht annimmt, der wird des Todes sterben. 
So habt denn, meine Freunde, Gott allezeit vor Au- 
gen, folgt nicht der Sünde nach und verlasst nicht die 
Gebote des Herrn unseres Gottes, denn er hat dem 
zukünftigen Volke geboten und verordnet, wenn sie 
kämen, was sie tun sollten, daß sie leben möchten, 
und was sie halten sollten, damit sie nicht gepeinigt 
würden. Aber sie haben seine Gesetze verschmäht; 
darum werden diejenigen auch in großes Elend gera- 
ten, die seine Wege missbraucht haben; denn wiewohl 
er ihnen Zeit und Stunde gegeben hat, so haben sie es 
doch nicht verstanden, daß sie Reue erwiesen hätten, 
diese müssen es nach dem Tode in der Pein bekennen; 
darum ist auch den Toten das Evangelium verkündigt, 
damit sie nach dem Menschen am Fleische gerichtet 
werden, aber im Geiste Gott leben. Denn es ist die 
Stunde gekommen, daß die Toten die Stimme des 
Sohnes Gottes hören werden, und die sie hören, die 
werden leben. Und es wird die Stunde kommen, daß 
die Toten, die in den Gräbern sind, die Stimme des 
Sohnes Gottes hören werden und die da Gutes getan 
haben, werden zum ewigen Leben auferstehen, die 
aber, welche Böses getan haben, werden auch aufer- 
stehen, doch nicht zum ewigen Leben, sondern zur 
Verdammnis. Darum, meine guten Freunde, seht doch 



417 


zu, daß ihr nicht verliert, was ihr erarbeitet habt, son- 
dern daß ihr vollen Lohn empfangen mögt, denn wer 
Übertritt, und bleibt nicht in der Lehre Christi, der hat 
keinen Gott; wer aber in der Lehre Christi bleibt, der 
hat beides, den Vater und den Sohn. Kindlein, ihr seid 
von Gott, denn der in euch ist, ist größer, als der in 
der Welt ist. Sie sind von der Welt, darum reden sie 
auch von der Welt, und die Welt hört sie; wir sind von 
Gott, und wer Gott bekennt, hört uns, und wer Gott 
nicht bekennt, der hört uns nicht. 

Also, meine lieben Freunde, habe ich euch ein we- 
nig geschrieben, und will nun mein Schreiben abkür- 
zen, denn wir haben wenig Zeit zum Schreiben, indem 
der Überlauf zu groß ist; auch darf ich nicht öffentlich 
schreiben, ja, ich kann oft kaum eine Zeile in meiner 
Einsamkeit schreiben. Darum haltet mir es zu gut, 
wenn hier und da in etwas gefehlt sein sollte; ich habe 
euch, meine lieben Freunde, ein wenig geschrieben, 
weil ich keine Ruhe hatte, sondern in meinem Gemüte 
dazu angetrieben wurde. 

Hiermit will ich euch dem Herrn und dem Worte 
seiner Gnade anbefehlen, welcher mächtig ist, euch 
aufzubauen, und euch das Erbe unter allen zu geben, 
die geheiligt sind; seid auch meiner in eurem Gebe- 
te eingedenk, als eures armen unwürdigen Bruders, 
daß ich doch dieses dem Herrn zum Lobe und euch 
zur Stärkung vollende, damit meine Seele bei dem 
Herrn Ruhe finden möge, wie ich denn auch eurer 
hier in meiner geringen Unwürdigkeit nicht vergesse, 
indem ich gleichfalls zum Herrn für euch bitte. Fer- 
ner lasse ich euch alle mit dem Gruße unseres lieben 
Herrn Jesu Christi herzlich grüßen, welcher, als er sei- 
nen Jüngern (durch die bösen Menschen) auf kurze 
Zeit entzogen worden war und wieder zu ihnen kam 
(als sie bei verschlossenen Türen saßen) sagte: »Friede 
sei mit euch allen.« Ein Gleiches sage ich auch, habt 
Frieden untereinander; dann ist der Herr mit euch. 

Noch ein Brief, welchen Jan Thielemanß aus dem 
Gefängnisse geschrieben hat. 

Die Gnade unsers Herrn Jesu Christi und die Gemein- 
schaft des Heiligen Geistes wünsche ich meinen sehr 
geliebten Brüdern und Schwestern in dem Herrn zu 
einem freundlichen und würdigen Gruße, und allen 
denen, welche meine Schriften sehen, lesen oder hö- 
ren werden; nehmt es in Liebe an, Amen. 

Nebst gutem und geziemendem Gruße habe ich un- 
ternommen, ein wenig an euch zu schreiben, meine 
werten und geliebten Freunde; ich bitte euch alle, um 
der Barmherzigkeit unseres lieben Herrn Jesu Christi 
willen, daß ihr eurer selbst in allerlei Liebe, Frieden 
und Wahrheit, nach den Worten des Evangeliums flei- 


ßig wahrnehmen wollt, indem ihr werten und lieben 
Kinder noch Zeit habt vor dem Herrn, durch seine 
große Liebe, die er an euch bewiesen hat, denn die 
Zeit ist köstlich; wenn sie aber einmal vorbei ist, und 
man hat nicht wohl zugesehen, so wird es mit Betrüb- 
nis beklagt. Darum sagt Paulus: »Lasst uns unser selbst 
wohl wahmehmen zur Aufmunterung in der Liebe in guten 
Werken.« Darum lasst uns die Geringsten, Kleinsten 
und Demütigsten sein, um alles zu ertragen, was mit 
der Wahrheit und Liebe bestehen kann. Als Christus 
Jesus, die ewige Wahrheit selbst, von den Jüngern ge- 
fragt wurde, wer unter ihnen der Größte wäre, nahm 
derselbe ein Kind, setzte es mitten unter sie und sagte: 
»Wenn ihr nicht wie die Kinder werdet , so werdet ihr nicht 
in das Himmelreich kommen.« Aus diesen Worten Chris- 
ti ist wohl zu merken, daß wir ein zubereitetes Volk 
sein sollen und sein müssen, sonst sind wir solche 
nicht, wofür wir uns halten oder wofür uns die Leute 
ansehen. 

Darum, meine sehr geliebten Freunde, sollen wir 
uns in allen Dingen als Diener Gottes erweisen. Nun 
aber wird ihnen nichts mehr abgefordert, als daß sie 
treu erfunden werden, denn Gott ist nicht ungerecht, 
daß er eurer Liebe, und eurer guten und holdseligen 
Werke vergessen sollte. Darum seid standhaft und un- 
beweglich in dem Werke des Herrn, und wisst allezeit, 
daß eure Arbeit nicht vergeblich sei in dem Herrn, in- 
dem ihr der Hoffnung lebt, daß es, durch die Gnade 
unsers Herrn Jesu Christi, euch noch reichlich belohnt 
werden wird, wenn er sagen wird: »Kommt her, ihr 
Gesegneten, ererbt das Reich meines Vaters; dann werden 
die Gerechten leuchten wie die Sonne in ihres Vaters Rei- 
che; dann wird man sehen, welch ein Unterschied zwischen 
dem Gerechten und Ungerechten sein wird, und zwischen 
denen, die Gott gedient haben und denen, die Ihm nicht 
gedient haben.« 

Darum, meine sehr Geliebten in dem Herrn, nehmet 
doch eurer selbst ernstlich wahr, leidet lieber von ei- 
nem andern, wäre es auch ein Freund, wenn es anders 
mit der Wahrheit bestehen kann, ehe ein Freund von 
euch leiden sollte. Darum steht geschrieben: »Willst 
du ein Diener Gottes sein, so schicke deine Seele zu viel An- 
fechtung,« denn es wird noch wohl zu nutz kommen, 
daß man sich an den geringsten Ort gestellt hat. 

Deshalb, geliebte Freunde in dem Herrn, bleibt bei 
demjenigen, was ihr von Anfang gehört habt; werdet 
ihr dabei bleiben, so werdet ihr auch bei dem Vater 
und dem Sohne bleiben, und das sind seine Verhei- 
ßungen: Das ewige Leben. Was fragen wir doch nach 
der Welt, oder nach dem, was darin ist? Denn die 
Welt mit ihren Lüsten wird vergehen; wer aber den 
Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit. Es ist uns ja 
allen daran gelegen, daß wir selig werden, wie Petrus, 



418 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Apg 15,11 sagt: »Wir glauben durch die Gnade unseres 
Herrn Jesu Christi selig zu werden;« und wie er auch an 
einem andern Orte sagt: »Ich habe euch durch unsern 
Bruder Silvanus ein wenig geschrieben, dajj das die rechte 
Gnade Gottes sei, worin ihr gegenwärtig stellt;« darum 
haltet was ihr habt, damit niemand eure Kronen neh- 
me, denn wenn ihr überwindet, so werdet ihr alles 
ererben. »Darum beweist nun aus eurem Glauben Tugend, 
in der Tugend Bescheidenheit, in der Bescheidenheit Mä- 
ßigkeit, und in der Mäßigkeit Geduld, und in der Geduld 
Gottseligkeit, und in der Gottseligkeit brüderliche Liebe, 
und in der brüderlichen Liebe gemeine Liebe; denn wenn 
solches reichlich bei euch ist, wird es euch in der Erkenntnis 
unseres Herrn Jesu Christi weder faul, noch unfruchtbar 
sein lassen; wer aber solches nicht hat, der ist blind, und 
tappt mit der Hand, und vergisst der Reinigung seiner 
vorigen Sünden.« 

Darum, meine lieben Brüder, wendet desto mehr 
Fleiß an, euren Beruf und eure Erwählung fest zu ma- 
chen; wenn ihr das tut, so werdet ihr nicht fallen, und 
dann wird euch der Eingang zu dem ewigen Reiche 
unseres Flerrn und Heilandes Jesu Christi, vollständig 
verwilligt werden. Weil wir denn nun solche große 
und herrliche Verheißungen haben, meine Geliebtes- 
ten, so wollen wir uns von aller Befleckung des Flei- 
sches und des Geistes reinigen und in der Heiligung 
fortfahren, wie auch Johannes bezeugt, wenn er sagt: 
»Ein jeder reinige sich von der Sünde, gleichwie auch er 
rein ist, denn wer Sünde tut, der tut auch Unrecht, und die 
Sünde ist das Unrecht; darum ist er in diese Welt gekom- 
men, damit er die Sünde hinwegnehme, denn es ist keine 
Sünde in Ihm; wer sündigt, der hat Ihn weder gesehen noch 
erkannt.« Ferner sagt Johannes: »Kindlein, ihr seid von 
Gott, denn der in euch ist, ist größer, als der in der Welt 
ist. Sie sind von der Welt und reden von der Welt, und die 
Welt hört sie. Wir sind von Gott, und wer Gott erkennt, der 
hört uns; wer aber Gott nicht erkennt, der hört uns auch 
nicht; daran erkennen wir den Geist der Wahrheit und den 
Geist des Irrtums;« damit stimmt auch Christus über- 
ein, indem er sagt: »Die Welt kann euch nicht hassen, 
mich aber hasst sie, denn ich zeuge, daß ihre Werke böse 
sind.« Desgleichen sagt er auch an einem andern Orte: 
»Vater, bewahre sie in deinem Namen, die du mir gegeben 
hast, sie waren dein und du hast sie mir gegeben; ich bitte 
nicht, Vater, daß du sie von der Welt nehmest, sondern daß 
du sie vor dem Argen bewahrst.« An einem andern Orte 
sagt Christus: »Wer Arges tut, der hasst das Licht, und 
kommt nicht ans Licht, damit seine Werke nicht gestraft 
werden.« 

Darum, meine sehr geliebten Freunde, weil wir 
noch in dieser betrübten Welt sind, und uns von dem 
Herrn Zeit vergönnt wird, so müssen wir ernstlich 
auf das Wort des Herrn achten und unser Äußerstes 


daran wenden, um demselben nachzukommen; sol- 
ches lehrt uns Paulus, indem er sagt: »Die nach dieser 
Regel einhergehen, über die sei Friede und Barmherzigkeit;« 
auch steht an einem andern Orte geschrieben: »Dieses 
Volk versteht es nicht, und sie nehmen es auch nicht zu 
Herzen, daß Gottes Gnade und Barmherzigkeit über seine 
Auserwählten und Heiligen kommt,« wie auch Mose sagt, 
daß er an vielen Tausenden Barmherzigkeit tue, die 
ihn lieb haben und seine Gebote halten. Es sind zwar 
viele in der Welt, welche sagen, daß sie den Herrn 
lieben, aber sie beweisen es nicht mit ihren Werken, 
denn ihre Werke zeigen ja an, wen sie lieben. Christus 
aber sagt: »Wer mich liebt, wird mein Wort halten, oder 
meinen Geboten gehorsam sein.« Das sind diejenigen, 
die vor Ihm bestehen werden, denn ebenso sagte auch 
Christus: »Wer meine Gebote hat und hält sie; diese sind 
es, die mich lieben.« Wer aber seine Gebote nicht hält, 
der hat Ihn auch nicht lieb; ebenso bezeugt Johannes 
in seinem Briefe: »Das ist die Liebe Gottes, daß wir seine 
Gebote halten, und seine Gebote sind nicht schwer, denn 
wer aus Gott geboren ist, überwindet die Welt, und unser 
Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat; wer ist 
es aber, der die Welt überwindet, ohne der da glaubt, daß 
Jesus Christus der Sohn Gottes ist.« »Darum habt die Welt 
nicht lieb, noch was in der Welt ist, denn wenn jemand 
diese Welt lieb hat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters, 
indem alles, was in der Welt ist, nämlich Augenlust und 
Hoffart des Lebens, nicht vom Vater, sondern von der Welt 
ist, und die Welt mit ihren Lüsten vergeht; wer aber den 
Willen Gottes tut, zvird leben in Ezvigkeit.« 

Darum, meine sehr geliebten Freunde, stellt euch 
nicht dieser Welt gleich, sondern verändert euch 
durch die Erneuerung eurer Sinne, damit ihr prüfen 
mögt, welches der gute und wohlgefällige Wille Got- 
tes sei, wie denn auch Paulus an einem andern Orte 
sagt: »Gnade sei mit euch, und Friede von Gott dem Vater 
und dem Herrn Jesu Christo, der sich selbst für unsere 
Sünde dahingegeben hat, damit er uns von dieser gegen- 
wärtigen argen Welt erlöse.« Da euch denn nun, meine 
lieben Freunde, diese Gnade gegeben ist, nämlich daß 
ihr geschmeckt habt, daß der Herr freundlich ist, zu 
welchem ihr gekommen seid, als zu dem lebendigen 
Steine, der von Menschen verworfen worden, aber 
vor Gott herrlich und auch köstlich war, so baut euch 
auch auf zu einem geistigen Hause und zum heili- 
gen Priestertume, um geistige Opfer zu opfern, die 
Gott angenehm sind durch unsern Herrn Jesum Chris- 
tum, damit ihr heilige Hände zu dem Herrn aufheben 
mögt, ohne Zorn und Zweifel, und Gebet, Fürbitte 
und Danksagung abzustatten für alle Menschen; dann 
wird der Herr des Friedens mit euch sein; wenn er 
aber mit euch ist, wer wird wider euch sein, der sei- 
nes eigenen Sohnes nicht verschont, sondern Ihn für 



419 


uns alle dahingegeben hat? Wer will die Auserwähl- 
ten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht 
macht; wer will sie verdammen? Christus ist hier, der 
gestorben und auch auferstanden ist, welcher auch 
zur rechten Hand Gottes sitzt und für uns bittet. Dar- 
um sagt Paulus: »Was kann uns scheiden von der Liebe 
Gottes, Druck oder Verfolgung, oder Tod?« 

So will ich denn nun, meine sehr geliebten Brüder 
und Schwestern in dem Herrn, mein einfaches Schrei- 
ben abkürzen, welches ich in den Banden geschrieben 
habe, in welchen wir alle Tage die Erlösung unseres 
Leibes erwarten; darum nehmt doch dieses Schreiben 
zum Besten auf, und seid dessen eingedenk, was wohl 
ehemals aus meinem unwürdigen Munde gegangen 
ist (nicht ich, sondern Gottes Gnade durch mich). 

Hiermit nehme ich einen ewigen christlichen Ab- 
schied, und erwarte euch alle in der zweiten Auferste- 
hung, daß wir Ihm alsdann in der Luft entgegenkom- 
men und allezeit bei dem Herrn sein mögen; tröstet 
euch untereinander mit diesen Worten. Noch einmal 
sage ich gute Nacht, meine lieben Freunde; hiermit 
befehle ich euch dem Herrn und dem Worte seiner 
Gnade, welcher stark genug ist, euch aufzubauen, und 
euch das Erbe zu geben unter allen, die geheiligt sind, 
Amen. 

Geschrieben in den Banden von mir, Jan Thiele- 
manß, eurem schwachen Bruder in Christo. 

Henrich Arentß, 1568. 

Unter vielen andern Rechtgläubigen und nach dem 
Befehle Christi Getauften, die überall verfolgt, verjagt 
und getötet worden sind, ist auch Henrich Arentß 
von Briel um das Jahr 1568 diesen Verfolgern in die 
Hände geraten. Die Veranlassung zu seiner Gefan- 
gennehmung hat nachfolgender Umstand gegeben. 
Es ist vor Briel ein Schiff ans Land gekommen, wel- 
ches leck geworden war. Da nun gemeldeter Henrich 
Arentß in Briel Schiffszimmermann gewesen, so ha- 
ben die Schiffsleute ihn ersucht, das Schiff auszubes- 
sem. Als er nun bei ihnen war, haben unterdessen 
die Herren von Rotterdam vernommen, daß gemel- 
detes Schiff ein Piratenschiff sei, und haben eine An- 
zahl Kriegsknechte dahin gesandt; diese haben das 
Schiff weggenommen und den gemeldeten Henrich 
Arentß nebst den Seeräubern gefänglich nach Delft 
gebracht. Als aber die von Delft sie nicht aufnehmen 
wollten, sind sie sofort nach Rotterdam gebracht wor- 
den. Daselbst sind sie bald um ihrer Missetat willen 
zum Strange verurteilt worden. Als solches Henrich 
Arentß hörte, hat er gefragt, ob er in eine Stadt des 
Rechts oder der Gewalt gekommen wäre; warum sie 
den Unschuldigen mit dem Schuldigen verdammen 


wollten; daß er nicht wegen einer Sünde oder Misse- 
tat gefangen genommen wäre, würden sie erfahren, 
wenn sie wegen seiner Person und seines Glaubens 
Nachfrage halten wollten. Als der Gouverneur dieses 
hörte, fragte er: Was sagt er? Was ist dieses für ein 
Ketzer? Ist er einer von den Wiedertäufern, dann soll 
er nicht gehängt, sondern verbrannt werden. So ist er 
demnach seines Glaubens wegen untersucht worden 
und hat ohne Scheu bekannt, daß er nach dem Be- 
fehle Christi auf seinen Glauben getauft sei; dagegen 
hat er die Kindertaufe und alle päpstlichen Irrtümer 
verworfen, aber die Ordnung Christi und seiner Apo- 
stel, welche er und seine Mitgenossen beobachteten, 
hat er bekannt; deshalb haben sie ihn verurteilt, und 
nachdem er vierzehn Tage gefangen gesessen, ist er in 
großer Standhaftigkeit an gemeldetem Orte verbrannt 
worden, und hat den wahrhaften Glauben mit seinem 
Tode und Blute befestigt. 

Claudine le Vettre, und mit ihr ein Bruder, 1568. 

Meenen ist ein schönes Städtchen in Flandern, wel- 
ches drei Meilen von Ryssel auf dem Wege nach Brüg- 
ge an der Leye liegt. In diesem Städtchen wohnte 
ein gottesfürchtiger Mann, Piersom des Muliers, mit 
seinem Weib, Claudine le Vettre, welcher durch Leon- 
hard Bouwenß Predigt und durch das Lesen und den 
Gebrauch des Wortes Gottes von der päpstlichen Ab- 
götterei abgezogen worden ist. Als solches Tittelman- 
nus, Diakon zu Ronse und Untersucher des Glaubens, 
in Erfahrung brachte, so ist er mit den Häschern und 
Bütteln dahin gekommen, in der Absicht, den vorge- 
meldeten Piersom in seinem Wohnhause zu verhaf- 
ten; aber ein frommer Mann aus dem Rate zu Meenen 
hatte Piersom gewarnt, daß er dem Ketzermeister aus- 
weichen möchte, weshalb er sich in einen nahen Wald 
begab; aber sein Weib Claudine mit ihren vier Kin- 
dern (wovon das eine noch am Leben ist) verspätete 
sich in Folge häuslicher Geschäfte, und war eben, mit 
einem ihrer Kinder auf dem Arme, aus dem Hause 
gegangen, als die Häscher eintraten, und im Tumul- 
te die Kinder und Nachbaren fragten, wo der Mann 
wäre; als sie es aber nicht erfahren konnten, schick- 
ten sie sich an, das Haus wieder zu verlassen. Als 
dies einer der Nachbaren bemerkte, welcher durch 
einen bösen und verkehrten Eifer erbittert war, sagte 
er: Ihr Männer, dort geht die Frau mit einem Kindlein 
auf dem Arme. Diese Mitteilung benutzend, holten 
sie dieselbe auf frischer Tat ein, und überlieferten sie 
den Händen des vorgemeldeten Ketzermeisters. Die- 
ses ist im Jahre 1567, einige Monate vor der Ankunft 
des Herzogs von Alba in den Niederlanden gesche- 
hen. Von Meenen wurde sie nach Ypern geführt, wo 



420 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


viele um des Glaubens willen gefangen lagen, weil 
sie nicht verstehen konnten, daß ein anderer Mitt- 
ler und Seligmacher wäre, als Jesus Christus, der für 
unsere Sünden am Stamme des Kreuzes geopfert wor- 
den ist, und weil sie nicht glauben konnten, daß Gott 
einen Gefallen an Bildern, von Holz und Stein oder 
Silber und Gold gemacht, hätte, sondern glaubten, 
daß solcher Götzendienst in Gottes Worte verboten 
wäre; weil sie ferner nicht glaubten, daß tote Men- 
schen unsere Gebete erhören und uns helfen könnten, 
sondern weil sie glaubten, daß wir Gott allein anrufen 
müssen, welcher allein unsere Herzen und Gedanken 
kennt, und weiß, was wir bitten sollen, ehe wir unser 
Gebet vor Ihm ausgeschüttet haben, und welcher mit 
lauter Stimme ausgerufen hat: »Kommt her zu mir alle, 
die ihr beladen seid, ich will euch trösten ;« auf welchen 
uns alle Propheten und Apostel weisen, nicht aber auf 
einen verstorbenen Heiligen. 

Alle nun, die solchen Glauben hatten, wurden von 
Tittelmannus für Ketzer erklärt und der weltlichen 
Obrigkeit überantwortet, um mit ihnen nach den Be- 
fehlen zu Verfahren, nämlich die Männer lebendig zu 
verbrennen, die Weiber aber lebendig in die Erde zu 
vergraben; dieser schwere Tod hat einigen unter ih- 
nen einen großen Schrecken eingejagt, sodass sie, um 
ihr Leben zu retten, abgefallen sind; ebenso sind auch 
viele aus dem Gefängnisse gebrochen und entlaufen, 
weshalb Claudine auch wohl hätte entfliehen können, 
wenn sie ihr Kind und einen frommen Bruder hätte 
verlassen wollen, welcher bei ihr im Gefängnisse bis 
ans Ende geblieben ist und sie nicht verlassen woll- 
te; derselbe ist auch mit ihr an demselben Orte um 
der Wahrheit willen gestorben. Claudine aber woll- 
te, der vielen Anfechtungen ungeachtet, welche ein 
Jahr anhielten, nicht abf allen, sondern ist im Glauben 
standhaft geblieben, und hat alles dasjenige aus Got- 
tes Wort widerlegt, was die Pfaffen und Mönche wi- 
der sie vorzubringen wussten, wie aus verschiedenen 
Briefen zu ersehen ist, welche sie aus dem Gefäng- 
nisse an ihren Mann geschrieben hat. Zuletzt, als sie 
ihr nichts abgewinnen konnten, hat man versucht, sie 
durch die mütterliche Liebe zu ihrem Kinde zum Ab- 
falle zu bringen; man entriss ihr nämlich ihren Säug- 
ling, welchen sie im Gefängnisse gesäugt hatte, und 
übergab ihn einer Amme; dies ist ihr größter Kummer 
gewesen, den sie während der Zeit ihrer Gefangen- 
schaft erlitten hat. Darüber hat sie auch manche Träne 
vergossen, und Gott beständig um Kraft und Stärke 
gegen solche Versuchung und Anfechtung des Flei- 
sches angefleht, damit sie nicht abfallen möchte, wie 
so viele ihrer Glaubensgenossen in ihrer Gegenwart 
abgefallen sind; es hat auch der allmächtige Gott ihr 
Gebet erhört, denn, als unterdessen der Herzog von 


Alba ins Land kam, und alle Gefängnisse von Ketzern 
zu reinigen gebot, so ist sie auch draußen vor Ypern, 
im Jahre unsers Herrn 1568, mit der Krone der Gott- 
seligen gekrönt worden, und mit ihr ein Bruder, der 
auch um der Wahrheit willen dort verbrannt worden 
ist. 

Ihr Mann Piersom hat oft von seiner Frau gesagt, 
daß sie eine bewundernswürdige Festigkeit in der 
Schrift erlangt habe, denn wenn er eine Stelle in der 
Heiligen Schrift nicht finden konnte, so fragte er sein 
Weib Claudine, welche ihm sichern Bescheid darüber 
erteilte, was er suchte. 

So viel man weiß, ist das Kind, welches ihr im Ge- 
fängnisse abgenommen worden ist, verschwunden, 
sodass der Vater und die Freunde niemals erfahren 
haben, wo es hingekommen ist. 

Früher hatte Piersom mit seinem Weib Claudine 
in Brügge gewohnt, wo er mit ihr durch die wohl- 
meinende Warnung einer Ratsperson aus der Stadt 
dem Ketzermeister entgangen ist; doch musste er al- 
les, was er hatte, im Stiche lassen, wie auch zu Meenen 
geschehen ist; aber dieser fromme Mann von Meenen, 
der ihn gewarnt hatte, verbarg Piersoms Bücher und 
einen Teil seines Hausgerätes; ließ sie aber zurück und 
an den Ort bringen, wo die Bücher hingehörten. Der 
böse Nachbar aber, der die Claudine verraten hatte, 
ist in solchen Hass bei der Bürgerschaft gefallen, daß 
er die Stadt räumen musste, weil ihm das gemeine 
Volk seinen Laden erbrochen und zerstört hatte, ihm 
auch nachrief: Judas, Judas, der Verräter! 

Zu derselben Zeit war Meenen eine offene Stadt, 
ohne Wälle und Tore; darum durfte Tittelmannus der- 
selben seine Gefangenen nicht anvertrauen; es wäre 
ihnen sonst ergangen, wie in einer andern kleinen 
Stadt in Flandern, wo die Einwohner in großer An- 
zahl auf einen verabredeten Tag kamen, das Gefäng- 
nis erbrachen und ungefähr vierhundert Personen, die 
um eben derselben Ursachen willen gefangen waren, 
erlösten. 

Die Freunde ließen Piersoms Kinder bei dem Pfar- 
rer zu Meenen taufen, wie solches das älteste unter 
den Kindern, Margaretha genannt, zu erzählen pfleg- 
te, welche nachher, als sie 16 Jahre alt gewesen, in 
Calais gestorben ist. 

Die andern drei waren Söhne, Peter, Nicolaus und 
Jan, welcher Letztere von der Mutter im Gefängnisse 
gesäugt worden war, der Peter aber ist bei seiner Mut- 
ter Lebzeiten, als sie im Gefängnisse saß, gestorben. 

Piersom hat sich mit einer Frau verehelicht, genannt 
Peronne Hennebo, welche im Jahre 1589 zu Leyden 
starb, und zwei Töchter hinter lassen hat, Maria und 
Martha, welche beide zu Hoorn geboren sind. Diese 
Martha ist des Doktor Dirk Volkertß Velius Weib ge- 



421 


wesen, der die Jahrbücher von Hoorn geschrieben hat, 
und die Mutter des Peter Velius zu Hoorn. 

Des Piersoms drittes Weib ist Habeo de la Motte 
gewesen die Mutter der Margaretha des Muliers, die 
zu Gouda wohnte. 

Piersom ist in Leyden im Jahre 1591 im Herrn ent- 
schlafen, und hat einen Sohn von seiner ersten Frau 
Claudine, zwei Töchter von der zweiten Frau Peron- 
ne und eine Tochter von der letzten Frau, wie gesagt 
worden ist, hinterlassen. 

Claudine war schön von Person, und konnte herr- 
lich singen, sodass sie die Umstehenden mit ihrem 
Gesang sehr ergriff; insbesondere standen die Leute 
den letzten Tag ihres Lebens vor dem Gefängnisse, 
damit sie dieselbe aus fröhlichem Herzen singen hö- 
ren möchten, nachdem ihr der Tod angekündigt war. 
Derjenige, der mir dieses erzählt hat, hat sie mit lauter 
und erhabener Stimme den 27. Psalm Davids singen 
gehört: »Der Herr ist mein Licht, vor wem soll ich mich 
fürchten?« Die Leute hielten für gewiss, sie wäre, wenn 
man ihr den Mund nicht zugestopft hätte, als man sie 
zum Gerichtsplatze brachte, singend und Gott prei- 
send gestorben. Diese Geschichte haben wir von D. N. 
M., des Piersom und der Claudine Sohn, durch Hilfe 
des Schwagers der Claudine, D. D. V., empfangen. 

Nachbericht von der vorgemeldeten Claudine le 
Vettre. 

Die Nachkömmlinge des Piersoms, der Claudine le 
Vettre Mann, sagen, daß sie von ihren Voreltern ge- 
hört hätten, daß dieser Piersom zur Zeit, als sein vor- 
gemeldete Weib im Gefängnisse gelegen, sich bei ei- 
nem Müller aufgehalten habe, welcher auf oder neben 
seiner Mühle wohnte, die nahe bei Ypern stand, um 
täglich Nachricht von seinem geliebten Weib zu erlan- 
gen, welche Nachricht des Müllers Weib, so oft sie in 
die Stadt kam, aus der Volksstimme aufgefangen und 
ihm hinterbracht hat, wiewohl sie nicht wusste, daß 
dieselbe sein Weib und er ein Taufgesinnter wäre; sie 
hielt auch dafür, es müsste Claudine nicht recht bei 
Sinnen sein, weil sie sich wiedertaufen lassen und um 
deswillen sich so viel Leiden zugezogen hatte, weil sie 
auch lieber sterben als das tun wollte, was die Pfaffen 
sagten. Dergleichen Gespräche gingen dem Piersom 
allemal wie ein Todesstich durch das Herz, und nötig- 
ten ihn oft, auf die Seite zu gehen, um sein gerührtes 
Gemüt zu erleichtern. 

Als der Tag herankam, daß diese Claudine aufge- 
opfert werden sollte, hatte des Müllers Weib Lust zu 
sehen, wie sie umgebracht wurde, und fragte Piersom, 
ob er nicht mitgehen wollte, um zuzuschauen, was er 
aber mit dem Ersuchen abschlug, sie sollte auf alles 


genau Achtung geben, und ihm davon Bericht abstat- 
ten. Als sie nun wieder nach Hause kam, hat sie dem 
Piersom erzählt, wie tapfer und getrost Claudine zum 
Tode gegangen wäre, was sie gesagt und wie sie sich 
betragen hätte; doch alles in dem Sinne, daß Claudine 
nicht verständig gehandelt hätte. Hierüber ist Piersom 
in Eifer geraten, und hat keinen Anstand genommen, 
sich dem Müller und seinem Weibe zu offenbaren, 
und hat gesagt, er wäre auch derselben Meinung zu- 
getan; die Umgebrachte sei sein liebes Weib und sei 
sehr verständig; hat ihnen auch auseinandergesetzt, 
auf welchen Grund der Wahrheit sie ihre Lehre und 
Leben gebaut hätten, was den Müller und sein Weib 
so tief ergriff, daß sie auch den Entschluss fassten, ihr 
Leben zu bessern; dieselben haben sich auch auf ihren 
Glauben taufen lassen, so daß sie darauf beide die 
Wahrheit mit ihrem Blute versiegelt haben. 

Pieter Pieterß Bekjen wird um des Zeugnisses Jesu 
Christi willen zu Amsterdam, den 26. Februar im 
Jahre 1569, lebendig verbrannt. 

Das schreckliche Morden, Brennen und Töten der un- 
schuldigen und treuen Nachfolger Jesu Christi zu der 
Zeit konnte auch einen frommen Bruder und treu- 
en Zeugen des Herrn, genannt Pieter Pieterß Bekjen, 
seiner Hantierung nach ein Schiffer auf der Amstel, 
von dem wahren Bekenntnisse und der Belebung des 
christlichen Glaubens, nicht abschrecken, welcher so 
eifrig war, daß er zu verschiedenen Malen das kleine 
Häuflein der unterdrückten Frommen, die um Ams- 
terdam wohnten, in seinem Schiffe versammelte, um 
sich miteinander aus dem Worte Gottes zu erbauen 
und in dem angenommenen Glauben zu stärken. 

Als ihm sein liebes Weib ein Kindlein geboren hatte, 
nahm er dasselbe aus christlicher Sorgfalt mit an einen 
Orte wo es vor dem Aberglauben der Papisten und 
der Taufe gesichert war. 

Um uns kurz zu fassen, er hat seinen Eifer trotz der 
Grausamkeit, welche die Herren der Finsternis ausüb- 
ten, in allen Stücken gezeigt, und das in einem guten 
Sinne, bis er endlich darüber bei der Obrigkeit der 
Stadt Amsterdam angeklagt, gefangen genommen, 
grausam gepeinigt, und endlich, als er nicht abfallen 
wollte, zum Tode verurteilt und lebendig mit Feuer 
verbrannt worden ist, wie aus dem Todesurteilt zu 
ersehen ist, welches uns zur Konstatierung der ge- 
meldeten Sache durch die Hand des Stadtschreibers 
daselbst getreulich zugesandt worden ist; worin man 
auf der einen Seite aber ersehen kann, wie entsetzlich 
die Herren der Finsternis diese Sache verdreht, und in 
einem bösen, schändlichen und schrecklichen Sinne 
ausgelegt haben. 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Todesurteil des Pieter Pieterß Bekjen. 

Nachdem Pieter Pieterß, sonst Bekjen (genannt), ein 
Schiffer, gefänglich eingezogen worden ist, weil er 
seiner Seele und Seligkeit, um des Gehorsams, dem 
er Gott dem Herrn und seiner kaiserlichen Majestät 
schuldig war, nicht eingedenk gewesen ist, auch weil 
er unsere Mutter, die heilige Kirche, verlassen hat, 
und deshalb auch von der Zeit an, als er Verstand 
erlangt hat, bis jetzt nicht hat zum heiligen würdi- 
gen Sakramente gehen wollen, sondern dasselbe ver- 
achtet, davon nichts gehalten und in 20 Jahren nur 
einmal zur Beichte gegangen, welches den Satzun- 
gen unserer Mutter, der heiligen Kirche, zuwider ist, 
und überdies sich in der verdammten und verbote- 
nen Versammlung oder heimlichen Zusammenkunft 
der Mennoniten eingefunden hat , gleichwie er denn 
auch selbst in seinem Schiffe zu zwei verschiedenen 
Malen heimliche Zusammenkünfte der gemeldeten 
Mennoniten gehalten hat, in welcher verdammten 
und abscheulichen Sekte er so verhärtet ist, daß er 
auch nicht lange vor seiner Verhaftung, als sein Weib 
eines Kindes genesen ist, dieses Kind genommen und 
fortgebracht, ohne daß er gelitten oder zugegeben 
hätte, daß dieses Kind nach dem Gebrauche der al- 
ten römisch-katholischen und apostolischen Kirche 
getauft worden wäre, wobei er auch selbst in seiner 
Gefangenschaft verharrt, ohne daß er zu unserer Mut- 
ter, der heiligen Kirche zurückgekehrt wäre, wiewohl 
er von verschiedenen geistlichen Personen, auch von 
den Gerichtsherren dieser Stadt zu wiederholten Ma- 
len ermahnt und ersucht worden ist, umzukehren und 
diese vermaledeite Sekte zu verlassen, welches alles 
Taten der beleidigten göttlichen und weltlichen Maje- 
stät sind, wodurch die Ruhe und gemeine Wohlfahrt 
gestört wird, und daher andern zum Beispiele nicht 
ungestraft bleiben dürfen - so ist es geschehen, daß 
die Herren des Gerichts, als sie die Anklage des Herrn 
Schultheißen und dessen Nachweisungen, wie auch 
das Bekenntnis des Gefangenen und die bescheidene 
Verteidigung des gemeldeten Gefangenen vernom- 
men, und alles in reife Erwägung gezogen, den vor- 
gemeldeten Gefangenen dahin verurteilt haben, und 
ihn kraft dieses verurteilen, daß er, laut ihrer Majestät 
Befehlen, mit Feuer hingerichtet werden soll, erklären 
auch alle seine Güter als verfallen, zum Nutzen ihrer 
Majestät, jedoch den Freiheiten dieser Stadt und aller 
anderer Sachen unbeschadet. 

Gegeben vor Gericht den 26. Februar 1569, in Ge- 
genwart aller Gerichtsherren und mit Rat aller Bür- 
germeister. 


Wie diese Person zur Folter verurteilt worden sei 
und wann solches stattgefunden habe. 

Dieser ist den 17. Januar 1569 zur Folter verurteilt und 
auch denselben Tag daselbst auf der Folter verhört 
und bedroht worden, wie solches aus dem Protokolle 
des Bekenntnisses zu ersehen ist. 

Abgeschrieben aus dem Buche der Blutgerichte, 
welches in der Kanzlei der Stadt Amsterdam nieder- 
gelegt ist. N. N. 

Lorenz Berkamer, 1569. 

Im Jahre 1569 ist zu Herzogenbusch in Brabant ein 
frommer Nachfolger Christi, Lorenz Berkamer ge- 
nannt, lediglich um deswillen gefangen worden, weil 
er den römischen Pfaffen und Mönchen in ihrem 
selbst erdichteten Götzendienste nicht nachfolgen 
konnte, sondern sich davon trennte, und sich mit den 
wahren Gliedern unseres Herrn Jesu vereinigte, und 
seine heiligen Gebote in wahrem Gehorsam mit den- 
selben zu beachten und zu beleben suchte. Deshalb 
ist er auch von den Päpstlich- (und nicht Christlich-) 
Gesinnten sehr feindselig verfolgt worden, aus wel- 
chem Grunde er im Anfang des Januar, nebst vielen 
andern, aus Antwerpen gezogen ist, in der Absicht, 
sich zu Nimmägen niederzulassen. Die anderen zwar 
sind nach Holland gezogen, er aber ist auf der Reise 
nach Nimmägen von dem Schultheißen von Herzo- 
genbusch gefangen genommen und den 5. Januar in 
den Busch gefänglich eingeführt worden, hat auch 
sehr schwere tyrannische Gefangenschaft erduldet, 
sodass niemand von seinen guten Freunden hat zu 
ihm kommen dürfen, wie er denn auch niemand sei- 
ne Not und schwere Gefangenschaft durch Briefe zu 
erkennen geben durfte, so ungnädig und feindselig 
ist er verwahrt worden; denn, weil er ein Mann von 
hoher Geburt und großem Vermögen war, und vie- 
le Bücher über seine weltlichen Angelegenheiten bei 
sich hatte, woraus diese Blutdürstigen aller seiner Um- 
stände kundig werden konnten, so hat solches seine 
Sache nur noch mehr verschlimmert. Aber seine feste 
unerschütterliche Standhaftigkeit in dem wahrhaften 
seligmachenden Glauben hat sich an ihm erwiesen, 
denn er ist im Jahre 1569 Ungefähr im Ausgange des 
Juni von den Feinden der Wahrheit in großer Stand- 
haftigkeit verbrannt worden, und hat den Glauben 
der ewigen Wahrheit mit seinem Tode und Blute ver- 
siegelt, auch diesen sterblichen Rock des Fleisches in 
wahrem Gehorsam abgelegt, wogegen er am jüngs- 
ten Tage von dem wahren Bräutigam Christo Jesu 
mit dem unsterblichen Rocke bekleidet und mit einer 
Krone der ewigen Herrlichkeit belohnt werden wird. 



423 


Dirk Willemß, 1569. 

Im Jahre 1569 ist zu Asperen in Holland ein frommer 
getreuer Bruder und Nachfolger Jesu Christi, genannt 
Dirk Willemß, gefangen genommen worden, und hat 
von den römischen Päpstlich-Gesinnten schwere Ty- 
rannei ertragen müssen. Weil er aber seinen Glauben 
und sein Vertrauen nicht auf trügerischen Sand der 
Menschengebote, sondern auf den festen Grundstein 
Christum Jesum gegründet hatte, so ist er trotz aller 
bösen Winde der Menschenlehre und der Platzregen 
der tyrannischen und schweren Verfolgungen bis ans 
Ende unbeweglich stehen geblieben. Darum wird er 
auch, wenn der Erzhirte erscheinen wird, um in den 
Wolken des Himmels seine Auserwählten von allen 
Enden der Erde zu versammeln, aus Gnaden hören: 
»Ei, du guter und getreuer Knecht, über wenig bist du treu 
gewesen, über viel will ich dich setzen, gehe ein zu deines 
Herrn Freude.« 

Von seiner Gefangennehmung haben glaubwürdige 
Leute folgenden Bericht abgestattet, daß er entflohen 
und von einem Büttel eilig verfolgt worden sei; weil 
es aber etwas gefroren hatte, so ist Dirk Willemß über 
das Eis gelaufen, und nicht ohne Gefahr hinüberge- 
kommen, der Büttel aber, welcher ihm folgte, ist, weil 
das Eis unter seinen Füßen gebrochen, ins Wasser ge- 
fallen. Als nun Dirk Willemß bemerkte, daß derselbe 
in Lebensgefahr war, ist er schnell wieder umgekehrt, 
hat diesem Büttel geholfen und sein Leben gerettet. 
Der Büttel wollte ihn nicht verhaften, aber der Bürger- 
meister hat ihm ernstlich zugerufen, daß er seinen Eid 
bedenken sollte; er ist daher von dem Büttel wieder ge- 
fangen genommen und an gemeldetem Orte nach ei- 
ner schweren Gefangenschaft und großer Anfechtung 
(der verführenden Papisten) von diesen blutdürstigen, 
zerreißenden Wölfen in großer Standhaftigkeit durch 
einen langwierigen Brand getötet worden, und hat 
den lautem Glauben der Wahrheit mit seinem Tode 
und Blute befestigt, allen frommen Christen dieser 
Zeit zum lehrreichen Exempel und den tyrannischen 
Papisten zur ewigen Schande. 

Es wird auch dabei, aus glaubwürdigen Nachrich- 
ten derer, die den Tod dieses frommen Zeugen Jesu 
Christi angesehen haben, als Tatsache erzählt, daß der 
Platz, wo diese Aufopferung geschehen ist, bei Aspe- 
ren an der Seite gegen Leerdam zu gelegen sei, und 
daß, weil an jenem Tage der Wind stark aus Osten 
geweht, das angezündete Feuer von dem obern Teile 
seines Leibes, als er an dem Pfahle stand, weggetrie- 
ben worden sei, woher es gekommen, daß dieser gute 
Mann einen langwierigen und schmerzhaften Tod ge- 
habt hat, sodass man ihn in der Stadt Leerdam, nach 
welcher Richtung der Wind wehte, über siebzig Mal 


hat rufen hören: O mein Herr, mein Gott!, weshalb 
auch der Richter oder Landvogt, welcher während 
der Exekution zu Pferde saß und mit Jammer und 
Reue über des Mannes Leiden erfüllt war, sein Pferd 
umwandte und dem Richtplatze den Rücken kehr- 
te, auch zu dem Scharfrichter sagte: Tue dem Manne 
einen kurzen Tod an. Wie aber und auf welche Weise 
derselbe damals mit diesem frommen Zeugen Christi 
gehandelt habe, habe ich nicht vernehmen können 
und nur das in Erfahrung gebracht, daß er sein Le- 
ben, welches endlich durch den Brand überwunden 
worden ist, geendigt, und daß er mit großer Standhaf- 
tigkeit durchgekämpft habe, nachdem er seine Seele 
in die Hände Gottes übergeben. 

Nachdem uns das Urteil, welches die Herren der 
Finsternis über diesen gemeldeten Freund Gottes aus- 
gesprochen haben, zu Händen gekommen ist, so ha- 
ben wir für gut befunden, den Lesern zum Dienste 
dasselbe hier beizufügen, damit, wenn sie dieses lesen, 
sie der Wahrheit dieser Sache kundig werden können. 

Abschrift. 

Nachdem Dirk Willemß, geboren zu Asperen, gegen- 
wärtig gefangen, ohne Pein und eiserne Bande (oder 
dergleichen) vor dem Schultheißen und uns Gerichts- 
herren bekannt hat, daß er in Rotterdam ungefähr 
im fünfzehnten, achtzehnten oder zwanzigsten Jahre 
seines Alters, in eines Mannes Hause, genannt Pieter 
Willemß, wiedergetauft worden sei, und überdies in 
Asperen, in seinem Hause bisweilen heimliche Zusam- 
menkünfte und verbotene Lehren unterhalten und zu- 
gelassen habe, daß er auch Erlaubnis gegeben, daß ei- 
nige Personen in seinem Hause wiedergetauft worden 
seien, unserem heiligen christlichen Glauben und den 
Befehlen der königlichen Majestät zuwider, was man 
keineswegs dulden, sondern andern zum Exempel 
scharf strafen soll, so ist es geschehen, daß wir, als die 
vorgemeldeten Gerichtsherren mit reifer Überlegung 
und Rat alles betrachtet und überlegt, was hierin zu 
betrachten vorkommt als im Namen und von wegen 
der königlichen Majestät, als Grafen von Holland, den 
gemeldeten gefangenen Dirk Willemß, als er in seiner 
Meinung hartnäckig geblieben, verurteilt haben und 
ihn Kraft dieses hiermit verurteilen, daß er mit Feuer 
hingerichtet und getötet werden soll, und daß dabei 
alle seine Güter zum Nutzen der königlichen Majestät 
verfallen sein sollen. So geschehen den 16. Mai vor 
den Gerichtsherren Cornelius Govertß, Jan van Stege 
Janß, Adrian Gerritß, Adrian Janß, Lukas Rutgerß, Jan 
Janß, Jan Roeloffz, 1569. 

Abgeschrieben aus dem Stadtbuche von Asperen, 
und nach Vergleichung dieser Abschrift mit ihrem 



424 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Originale, ist sie damit übereinstimmend befunden 
worden, den 15. Oktober 1600; solches bekenne ich, 
Stadtschreiber zu Asperen. Von Scheerenberg. 

Styntgen Vercoilgen, 1569. 

Gleichwie zu den Zeiten Ismaels und Isaaks der, wel- 
cher nach dem Fleische geboren war, denjenigen ver- 
folgte, der nach dem Geiste geboren war, so pflegt 
es auch noch in den neuesten Zeiten zu geschehen, 
denn die Diener des römischen Antichristen haben 
zu Kortryck in Flandern ein gottesfürchtiges Schäf- 
lein Christi, Styntgen Vercoilgen genannt, die Mut- 
ter des Jan Vercoilgen, gefänglich eingezogen, welche 
auch, nach vieler Anfechtung, an gemeldetem Orte in 
großer Standhaftigkeit um des Zeugnisses Jesu Chris- 
ti willen, im Jahre 1569, den 9. März getötet worden 
ist. Also hat sie ihre weibliche Schwachheit ausgezo- 
gen, und statt dessen (durch Gottes Gnade und durch 
die Erleuchtung ihres Herzens durch den Heiligen 
Geist) ein männliches Gemüt empfangen, und so den 
Glauben der Wahrheit mit ihrem Tode und Blute be- 
zeugt und versiegelt, allen Nachfolgern Christi zum 
denkwürdigen Beispiele. 

Lippyntgen Stayerts, 1569. 

Zu Gent in Flandern, ist im Jahre 1569 eine Frauens- 
person, um der rechten Wahrheit willen, welcher sie 
nachfolgte, von den Vorstehern des römischen Anti- 
christen ums Leben gebracht worden, deren Name 
Lippyntgen Stayerts war, des Pieter Stayert Weib; sol- 
ches ist um St. Pieter geschehen, und das zwar nicht 
wegen irgendeiner Übeltat, sondern allein um der un- 
beweglichen Wahrheit willen, nachdem sie der Welt 
und allen ihren falschen erdichteten Lügen abgesagt 
und sich unter den Fürsten der Wahrheit, Christum 
Jesum gebeugt, auch die gesegnete Stimme der Wahr- 
heit von ihm mit gehorsamen Ohren gehört und alle 
fremden Stimmen, die dagegen streiten, gemieden hat- 
te; deshalb wird sie auch mit allen gehorsamen Schäf- 
lein, die diese Stimme gehört haben und ihr nach- 
gefolgt sind, in der Offenbarung seiner Herrlichkeit, 
hören: »Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt 
das Reich, welches euch von Anbeginn bereitet ist.« 

Martin Pieterß und Grietgen Jans, 1569. 

Im Jahre 1569, den 25. Juni, sind in Briel auf holländi- 
scher Seite an der Mase um des Zeugnisses der Wahr- 
heit willen Martin Pieterß von Maesland, einem Dorfe 
bei Delft in Holland gelegen, und mit ihm Grietchen 
Jans, das Weib des Adrian Heynsen, eines Webers 


von Swartewaal getötet worden; Martin Pieterß ist 
mit dem Schwerte enthauptet, Grietgen Jans aber in 
der Stadt an einem Pfahle verbrannt worden; nach- 
her hat man ihre Leichname außerhalb der Stadt auf 
den Richtlatz, der neue Nord genannt, gebracht; hier 
ist Martin Pieterß auf ein Rad gelegt und sein Haupt 
auf einen Pfahl gesteckt worden; Grietgen Jans aber 
wurde abermals an einen Pfahl gebunden, und auf 
solche Weise sind sie den Vögeln des Himmels zur 
Speise gegeben worden. Dieses alles haben sie um 
des Zeugnisses der Wahrheit willen erlitten, ohne daß 
man sie einiger bösen Werke beschuldigen konnte, 
sondern sie sind allein um deswillen angeklagt wor- 
den, weil sie sich zu denen gehalten, die man Men- 
noniten nennt, und sich (nach der Lehre Christi) auf 
ihren Glauben hatten taufen lassen und dadurch ih- 
rem Schöpfer, nach allem Vermögen, zu gefallen such- 
ten; weshalb sie auch von Gott eine sichere und feste 
Verheißung haben, daß alle diejenigen, die um des 
Zeugnisses Jesu willen von Menschen zum Tode ge- 
bracht worden sind, diese ihre Glieder, die hier in Un- 
ehre gesät worden sind, mit großer Herrlichkeit in der 
Auferstehung der Toten wieder empfangen werden, 
wo sie dem herrlichen Leibe Christi gleich sein und 
mit ihm in unaussprechlicher Freude von Ewigkeit zu 
Ewigkeit leben werden. 

Diese Geschichte von der Aufopferung dieser from- 
men Zeugen Gottes ist aus dem Buche des Halsgerich- 
tes der Stadt Briel genommen, welches auf St. Bavonis 
Tag im Jahre 1564 seinen Anfang nimmt und von dem 
Stadtschreiber dieser Stadt aus jenem Buche den 3. 
Juni 1616 ausgezogen worden ist. 

Henrich Alewynß, Hans Marynß von Oosten, 
Gerhard Duynherder, 1569. 

Im Jahre 1569 sind zu Middelburg in Seeland um 
des Zeugnisses Jesu willen nachfolgende fromme 
Schäflein und Nachfolger Christi verhaftet worden, 
als: Henrich Alewynß, seines Handwerks eines Ta- 
schenmacher, Hans Marynß von Oosten, und Ger- 
hard Duynherder, welche von den Dienern des Anti- 
christen mancherlei Anfechtungen und dem Fleische 
schreckliche Bedrohungen und Peinigungen erlitten 
haben, welchem allem sie geduldig und tapfer durch 
den Glauben und die Kraft Gottes, die in ihnen war, 
widerstanden haben. Als sie dieses alles, um Christi 
willen, erlitten, sind sie den 9. Februar des Jahres 1569 
an gemeldetem Orte lebendig verbrannt worden, und 
haben den Glauben der ewigbleibenden Wahrheit mit 
ihrem Tode und Blute befestigt; also sind sie nun al- 
len wahren Gläubigen zu einem Zeichen gesetzt, um 
ihrem unverfälschten Glauben nachzufolgen. 



425 


Dieser hier gemeldete Henrich Alewynß ist zu sei- 
ner Zeit ein sehr eifriger Nachfolger Christi gewesen, 
und von den Brüdern dazu bestimmt und erwählt 
worden, die Gemeinde Gottes mit dem Worte des hei- 
ligen Evangeliums zu bedienen, worin er auch sehr 
fleißig gewesen ist, und obgleich er im Amte noch 
jung war, so hat er doch in dem Werke Gottes außer- 
ordentlich geblüht und zugenommen; und obgleich 
er weder Gold noch Silber, oder zeitliche Mittel hatte, 
so haben ihm doch seine Hände zu seiner und seines 
Weibes und Kinder Notdurft gedient; er hat auch ge- 
sucht, den Schafen Jesu Christi zu dienen, nicht um 
der Milch und Wolle, sondern dieser Held ist dem 
guten, aufrichtigen und getreuen Hirten Jesu nach- 
gefolgt, und hat das Werk Gottes freiwillig und aus 
einem zugeneigten Gemüte bedient. Darum wird er 
auch in der Zukunft von dem obersten Hirten die 
unvergängliche Krone der Ehren empfangen. Desglei- 
chen hat er auch in der Zeit seiner Haft seiner sehr 
geliebten Brüder und Schwestern nicht vergessen, son- 
dern hat schöne, lesenswürdige Briefe, Tafeln und Lie- 
der an sie, wie auch an seine drei Waisen, geschrieben, 
von denen einige schon gedruckt sind; ich bitte den 
Leser, daß er das hier Beigefügte mit Aufmerksam- 
keit lesen wolle; der nachstehende Sendbrief ist an die 
lieben Kinder Gottes in Seeland gesandt, und lautet: 

Ein Sendbrief von Henrich Alewynß, 1569. 

Ein Sendbrief von Henrich Alewynß, welchen er an 
die lieben Kinder Gottes in Seeland gesandt und in 
seiner Gefangenschaft zu Middelburg geschrieben, 
wo er die Wahrheit Gottes mit seinem Tode standhaft 
bezeugt hat, den 9. Februar im Jahre 1569: 

Einen ganz christlichen Gruß und Andacht in dem 
Herrn, Henrich Alewynß, unwürdig, ein schwacher 
Bruder und einfältiger Mitgenosse des Glaubens an 
Gott, und teilhaftig seines Leidens, gleichwie auch 
der Geduld und der Hoffnung des ewigen Lebens, 
mit allen Heiligen, und das alles aus der unverdien- 
ten Gnade Gottes. Gnade, Frieden, Barmherzigkeit 
Gottes, Seligkeit, Wohlfahrt und alles Gute von oben, 
durch Christum Jesum, in beständiger Auferweckung 
zu unterhalten, samt dem brünstigen Treiben des Hei- 
ligen Geistes bis an ein seliges Ende wünsche ich euch 
allen, meine lieben Freunde, Brüder, Schwestern und 
Mitgenossen von Gott dem Vater, durch Jesum Chris- 
tum, unsern lieben Herrn, Erlöser und Seligmacher, 
Amen. Dieses sei zum Gruße gesandt, in guter Ab- 
sicht, aus dem tiefsten Grunde meiner Liebe an euch, 
als meine Freundschaft, die ich sonderlich kenne, zur 
guten Andacht, worin ich euch in meiner Abwesen- 
heit untereinander ermahne und aufmuntere, jedoch 


in derselben Hoffnung auf das Reich und die Herr- 
lichkeit Gottes, wiewohl ich von euch entfernt hier 
sitze. 

Meine sehr und großgünstigen, insonderheit fried- 
samen und allezeit zugeneigten Freunde! Weil ich den 
Ausgang meines Lebens vor mir sehe, und die Zeit 
zu schreiben habe, so neige ich mich mit Freuden ein 
wenig zu eurer Liebe, damit ich euch Nachricht und 
freudige Zeitung geben möge, gleichwie ihr solches, 
wie ich vermute, von mir verlangt und begehrt. Seht, 
euch allen wird verkündigt, daß es mir, eurem Freun- 
de, noch in dem Herrn beiderseits, das ist, an Leib und 
Seele, wohl gehe, in einem unveränderten Sinne, um 
mit einem guten Vorsatze zu trachten, Leib und Seele, 
als an Gott übergeben, zu bewahren, welches euch 
lieb ist zu hören, mir aber zu Seligkeit dienlich; dieses 
muss ja Gott geben zu meinem seligen Glaubensende, 
o lieber Herr! Amen. 

Eine fernere Veranlassung meines Schreibens an 
euch und eure Liebe ist die, daß ihr mir helft für mich 
zu beten, damit ich in der Wahrheit Gottes standhaft 
bleiben und in seiner Gnade und dem treuen Beistän- 
de Gottes leben möge; auch lasse ich euch wissen, daß 
ich hier in meinem Gefängnisse, trotz Druckes und 
Unrechts, trotz Schmach und Leiden um der Gerech- 
tigkeit willen wohlgemut bin, auch mit allen Heiligen 
in meiner Trübsal die besten Aussichten habe und 
die Hoffnung und den Trost des Geistes und die rei- 
chen Verheißungen Gottes, daß er uns in dieser Zeit 
beistehen und uns dermaleinst des ewigen Lebens 
versichern werde, wovon in der Schrift so viel die 
Rede ist. 

Zunächst bekenne, bezeuge und glaube ich auch 
fest mit vielen Heiligen, nach den vielen Zeugnissen 
der Schrift, daß Gott getreu ist und seine Verheißun- 
gen halten werde. Lest 5Mo 32,5; 4Mo 23,10; IKor 10,13; 
ITh 5,24; 2Tim 2,13; der uns nicht über unser Vermö- 
gen versucht werden lässt, sondern der Versuchung 
alsbald ein Ende schafft. Er lässt die Seinen nicht als 
Waisen; er wird uns mit seinem Geiste vor Königen 
und Fürsten vertreten, so viel es nämlich in dieser Zeit 
nötig sein wird; er wird und weiß die Gottseligen aus 
der Versuchung zu erlösen; auch hat er gesagt: »Ich 
will dich nicht verlassen, noch versäumen. Darum will ich 
mich auf den Herrn verlassen, und will mich nicht fürch- 
ten; was sollte mir ein Mensch tun ? Was kann doch das 
Fleisch tun?« sagt Paulus. 

Ferner: Ist Gott mit uns, wer mag wider uns sein; es 
ist aber Gott mit uns, wenn wir mit Ihm sind, merket 
es. Ferner: Wir haben zwar überall Trübsal, aber wir 
ängstigen uns nicht; uns ist zwar bange, aber wir ver- 
zagen nicht; wir leiden Verfolgung, aber wir werden 
nicht verlassen; o ja, wir werden unterdrückt, aber wir 



426 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


kommen nicht um. 

Dann: Gott sei gedankt, der uns allezeit den Sieg 
erhalten hilft in Christo Jesu. Ferner: Alles, was von 
Gott geboren ist, überwindet die Welt. Darum, seht, 
werden wir nicht müde (weil uns Gott tröstet), ob- 
schon unser auswendiger Mensch vergeht, so wird 
doch der inwendige von Tag zu Tag erneuert; ferner: 
Ich vermag alles durch Christum, der mich mächtig 
macht. O wie selig ist der Mann, der die Anfechtung 
ertragen kann; denn nachdem er bewährt ist, wird er 
die Krone des Lebens empfangen, welche Gott denen 
verheißen hat, die Ihn lieben. 

Und weil Gott in allen seinen Verheißungen so treu 
ist, wie gemeldet worden, so gehen wir gerade durch 
mit der Gerechtigkeit, als ob wir Gott allein sähen 
und als ob wir keine Feinde sähen, als ob wir keinen 
Befehl, kein Feuer, Wasser, noch Schwert sähen; denn 
wer ist es, der uns schaden kann, wenn wir dem Gu- 
ten nachkommen?, wie Petrus sagt. Desgleichen auch 
Paulus: Wer will uns scheiden von der Liebe Gottes? 
Ferner: Wer will unserm Hirten seine Schafe aus seiner 
Hand reißen? Niemand; aber es kann wohl jemand 
sich selbst aus seiner Hand verirren. Ferner: Also ge- 
schieht dem kein Leid, der Gott fürchtet, denn so steht 
geschrieben: Und wenn er angefochten ist, so soll er 
wieder erlöst werden. Merkt, Johannes sagt: Furcht 
ist nicht in der Liebe (nämlich Furcht, die aus dem 
Wege des Rechtes weicht). Ja, solche, die ohne Furcht 
sind, laufen durch Geduld (merkt: durch) nicht aus, 
sondern in dem Streite, der uns verordnet ist; darum 
seht nicht auf die abscheuliche Tyrannei, sondern auf 
den Herzog des Glaubens und auf unsern Anfänger 
und Vollender Jesum. 

Und diese tröstlichen Verheißungen Gottes, die hier 
zum Teile erwähnt und berührt worden sind, seht, die 
kommen doch nur meistens her von Gottes treuem 
Beistände, Stärkung und Fürsorge für uns in dieser 
Zeit des Leidens. 

Aber, Freunde, muss nicht der Trost die Belohnung 
und die Krone des ewigen Lebens noch größer und 
würdiger sein? Wovon an andern Orten so vieles ge- 
sagt wird, daß Gott das ewige Leben, das Reich und 
die Herrlichkeit den Überwindern und Geduldigen 
zugesagt habe, wie zum Teil nachher gezeigt werden 
soll. 

Zuförderst merkt in dem Buche der Weisheit von 
dem Gerichtstage und der Herrlichkeit der Auser- 
wählten Gottes, wo es heißt: Alsdann werden die Ge- 
rechten mit großer Freudigkeit stehen wider die, wel- 
che sie geängstigt und ihre Arbeit verworfen haben. 
Ferner: Die Gerechten werden ewiglich leben, und der 
Herr ist ihr Lohn, und der Höchste sorgt für sie. Dar- 
um werden sie ein herrliches Reich und eine schöne 


Krone von der Hand des Herrn empfangen. Merkt 
wohl, einen ewigen Lohn. Ferner: Der Gerechten See- 
len sind in der Hand Gottes, und keine Qual rührt sie 
an. Von den Unverständigen werden sie angesehen, 
als stürben sie, und ihr Abschied wird für eine Pein 
gerechnet, und ihre Hinfahrt für ein Verderben; aber 
sie sind im Frieden; und obgleich sie von den Men- 
schen viel Leiden haben (er sagt: viel Leiden haben), 
so sind sie doch gewisser Hoffnung, daß sie nimmer- 
mehr sterben; sie werden ein wenig gestäupt, aber viel 
Gutes wird ihnen widerfahren, denn Gott versucht 
sie und findet, daß sie seiner wert sind. Ja, hier wer- 
den sie Angst leiden, aber Überfluss hoffen; aber, die 
gottlos gelebt und gleichwohl Angst erlitten haben, 
die werden den Überfluss nicht sehen, o leider! 

Ferner bei den Makkabäern steht: Meine Brüder, 
die eine kleine Zeit sich haben martern lassen, die 
warten jetzt des ewigen Lebens nach der Verheißung 
Gottes (er sagt, des ewigen Lebens nach der Verhei- 
ßung Gottes). Ferner auch die Verheißungen unsers 
Herrn Jesu Christi selbst, daß alle diejenigen, die Ihm 
in der Wiedergeburt nachgefolgt sind (Er sagt, in der 
Wiedergeburt), und alles verlassen haben, was ihnen 
lieb ist, Haus, Hof, Weib, Kind, und ihr eigenes Leben, 
sollen es in dieser Zeit hundertfältig empfangen, und 
nach dieser Zeit das ewige Leben, werden auch mit 
Ihm auf Stühlen sitzen und die zwölf Geschlechter 
Israels richten helfen. Ferner: Selig seid ihr, die ihr 
hier weint, denn ihr werdet noch lachen; selig seid ihr, 
wenn euch die Menschen hassen, und euch absondern, 
und euch um meinetwillen schelten, und verwerfen 
euren Namen als eines Boshaften, um des Menschen 
Sohnes willen. Freut euch alsdann und hüpft; denn 
siehe, euer Lohn ist groß im Himmel (Er sagt, im Him- 
mel) merkt, Himmelstrost. Ferner in Paulus: Gelobt 
sei Gott, und der Vater unsers Herrn Jesu Christi, der 
Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der 
uns in all unserer Trübsal tröstet, sodass wir auch trös- 
ten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Tröste, 
womit wir von Gott getröstet werden, denn gleich wie 
des Leidens Christi viel über uns kommt, so werden 
wir auch reichlich getröstet durch Christum. 

Ferner: Wer auf den Geist sät, der wird von dem 
Geiste das Leben ernten und den Frieden. O darum, 
Freunde, lasst uns Gutes tun, und nicht müde wer- 
den, denn zu seiner Zeit werden wir auch ernten ohne 
Aufhören (Er sagt, ohne Aufhören). Ach Freunde, be- 
trachtet doch dieses mit Freude und Andacht, denn 
alle Züchtigung, wenn sie da ist, dünkt sie uns nicht 
Freude, sondern Traurigkeit zu sein, aber darnach (Er 
sagt, darnach) wird sie denen eine friedsame Frucht 
der Gerechtigkeit geben (Er sagt, denen), die dadurch 
geübt sind. Ferner Paulus: Das ist gewisslich wahr 



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(Er sagt, gewisslich wahr), sind wir mit gestorben, so 
werden wir auch mit leben, wenn wir mit Ihm leiden, 
so werden wir auch mit Ihm herrschen, verleugnen 
wir aber Ihn, so wird er uns auch verleugnen. Ferner 
bei Petrus: Meine Liebsten, verwundert euch nicht, 
wenn ihr durchs Feuer geläutert werdet, als wider- 
führe euch etwas neues (er sagt, als widerführe euch 
etwas neues), sondern werdet des Leidens Christi teil- 
haftig, damit ihr auch in der Zeit seiner Offenbarung 
große Freude und Wonne haben mögt. 

Seht, solche und dergleichen schöne Verheißungen 
und solcher Himmelstrost auf die zukünftige Zeit 
macht ja die Trübsal stets süßer, lieblicher und leichter, 
denn unsere Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft 
eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlich- 
keit uns, die wir nicht auf das Sichtbare, sondern auf 
das Unsichtbare sehen, was ja auch wahr ist. Darum 
ist es auch unmöglich, daß sie aus der Hand unsers 
Hirten gerissen werden sollten. Ja, Gott ist getreu, und 
nicht ungerecht, daß er eures Werkes und eurer Arbeit 
der Liebe vergesse, da ihr den Heiligen dientet und 
auch noch dient. 

Nun merkt wohl auf diese schönen Verheißungen 
Gottes, die hier angeführt sind, und andere mehr; sie 
zielen und erstrecken sich doch weiter als auf die Hil- 
fe Gottes in der Not dieser Zeit; die Verheißungen, 
die sich auf diese Zeit beziehen, sind ganz anderer 
Art, wie oben gemeldet worden ist. Aber dieses sind 
doch volle Verheißungen und eine Belohnung auf die 
zukünftige Zeit, ins Ewige und Unvergängliche, ja, 
unaussprechliche Herrlichkeiten, wie auch Petrus von 
dergleichen unaussprechlichen Herrlichkeiten spricht: 
Gelobt sei Gott und der Vater unsers Herrn Jesu Chris- 
ti, der uns durch seine große Barmherzigkeit zu einer 
lebendigen Hoffnung wiedergeboren hat, durch die 
Auferstehung Jesu Christi von den Toten, zu einem 
unvergänglichen, unbefleckten und unverwelklichen 
Erbe, das euch im Himmel behalten wird, die ihr aus 
Gottes Macht durch den Glauben bewahrt werdet zur 
Seligkeit, welche bereitet ist, daß sie offenbar werde 
zur letzten Zeit (merkt, zur letzten Zeit), in welcher ihr 
euch mit unaussprechlicher (merkt, mit unaussprech- 
licher) und herrlicher Freude freuen und das Ende 
eures Glaubens davon bringen werdet, nämlich eu- 
rer Seelen Seligkeit, (merkt) er sagt: Die ihr jetzt eine 
kleine Zeit (wo es sein soll) traurig seid in mancherlei 
Anfechtungen, damit euer Glaube rechtschaffen und 
viel köstlicher erfunden werde, als das vergängliche 
Gold, das durchs Feuer bewahrt wird zu Lob, Preis 
und Ehre, wenn nun offenbart wird Jesus Christus, 
welchen ihr nicht gesehen und doch lieb habt, und 
nun an Ihn glaubt, wiewohl ihr Ihn nicht seht, und 
um des Glaubens willen werdet ihr euch freuen, mit 


unaussprechlicher Freude, wie oben angegeben ist. O 
es sagt Esra mit Recht von dieser unbegreiflichen und 
unaussprechlichen Belohnung Gottes: Ihr könnt mein 
Urteil nicht erforschen, noch das Ende der Liebe, die 
ich meinem Volke verheißen habe. 

O wohl den Waghälsen, die da nun in alle Wege 
mildreich im Geiste aussäen ohne Verdruss, denn sie 
werden nicht zu kurz kommen, noch verderben, noch 
faul, noch rostig und mottenfräßig werden. 

Merkt und lest Mt 6,19; Lk 12,33; lTim 6,19. Denn, 
o Brüder, unser getreuer Gott ist doch getreu; er be- 
wahrt des Frommen Wohltat wie einen Siegelring, 
und die guten Werke wie einen Augapfel; zuletzt wird 
er sich aufmachen, und einem jeden auf sein Haupt 
vergelten, wie er es verdient haben wird. 

Darum mögen wir wohl mit Sirach sagen: Wir ha- 
ben eine kleine Zeit Mühe gehabt, und haben großen 
Trost gefunden. 

Ach Freunde, lasst uns ausstreuen und Gutes tun 
ohne Verdruss, denn unsere Belohnung, nach Gottes 
Verheißung, ist doch groß in der zukünftigen Zeit, wie 
ihr gehört habt, und ist unergründlich, unbegreiflich 
und unaussprechlich, wiewohl es jetzt durch seinen 
Geist seinen Heiligen offenbart worden ist, es ist eine 
ewige und über die Maßen gewichtige Herrlichkeit. 

Nun, jeder Andächtige, der dieses von ganzem Her- 
zen und Seele gründlich und fest glaubt, bekennt und 
hofft, versteht es denn auch, unter welcher Bedingung 
und welchen dieses herrliche Reich verheißen und ge- 
wiss sei, und welchen nicht. 

Ein solcher Verständiger und umsichtiger Christ 
hat aber so viel Vertrauen zu Gott, und ist so ankertest 
in seiner Seele, daß er sich auch dem treuen Schöpfer 
in Demut mit Leib und Seele ganz übergibt, jedoch in 
guten Werken, ohne Ruhm. 

Ja, wird bekennen und gestehen mit allen hoff- 
nungsvollen Heiligen, daß diese Zeit kurz und das 
Leiden dieser Zeit um die Gerechtigkeit gering und 
nicht mit der Herrlichkeit zu vergleichen sei, die an 
uns offenbar werden soll. 

Die Gläubigen achten gering dieser Zeit Leiden, um 
der Hoffnung der Verheißung und des Lohnes willen. 

Zunächst hat der jüngste Bruder von den sieben 
im Buche der Makkabäer aus seiner freudenreichen 
Hoffnung die Worte gesagt: Meine Brüder, die sich 
hier eine geringe Zeit haben martern lassen, erwarten 
nun das ewige Leben, nach den Verheißungen Gottes; 
ferner bei dem Salomo: Sie werden ein wenig gestäupt 
(merkt, ein wenig), aber viel Gutes wird ihnen wider- 
fahren; ferner auch bei Petrus: Ihr, die ihr nun eine 
kleine Zeit (er sagt, eine kleine Zeit), wo es sein soll, 
traurig seid in mancherlei Anfechtung Ferner: Der 
Gott aller Gnade, der uns zu seiner ewigen Herrlich- 



428 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


keit berufen hat durch Jesum Christum, wird euch, 
die ihr eine kleine Zeit (er sagt, kleine Zeit) leidet, 
vollbereiten, stärken, kräftigen und gründen. 

Um dieser und mehr dergleichen Gründe willen 
achten wir dieser Zeit Leiden kurz, klein und leicht, 
und die Schmach Christi für viel großem Reichtum, 
als dieser Welt Schatz. So hat nun dieses ge ängstigte 
und gebärende Weib, wovon Christus sagt, Pein in 
der Geburtsstunde, aber nachher hat sie Freude und 
vergisst der Pein. Und diese, die also stark in Gott 
sind (wiewohl sie schwach und nicht durch sich selbst 
sind), die also Glaubensgewissheit, Hoffnung und 
Liebe Gottes haben, diese (sage ich) sagen auch mit 
Paulus: Wer will uns von der Liebe Gottes scheiden? 
Ja, er sagt: Ich bin gewiss, daß weder Tod noch Leben 
uns von der Liebe Gottes scheiden kann, die in Christo 
Jesu, unserm Herrn ist, denn ist Gott mit ihnen, wer 
mag wider sie sein? 

Es wäre aber schrecklich, so vermessen sich zu rüh- 
men, zu sagen und zu denken, außer Gott und dem 
guten Gewissen in ihm, als ob wir durch uns selbst 
etwas vermöchten; solche Vermessenheit, Großspre- 
cher und eigene Kraft (wie dort des unbedachtsamen 
Petrus) ist nichtig, gleichwie die Weinrebe, wenn sie 
sich absondert und nicht an ihrem Weinstocke bleibt, 
nichts vermag; und gleichwie jene Unvermögenden 
sich unterstanden, den Satan auszutreiben in dem 
Namen Jesu, den Paulus predigte. Also mag sich nie- 
mand rühmen, ohne Kraft und außer Gott; er muss 
zuvor überschlagen, ob er wohl mit zehntausend ge- 
gen zwanzigtausend ausziehen darf, nach Christi Rat 
und Rede. Darum, wenn sich denn ja jemand rühmen 
will, der soll sich billig im Herrn rühmen, so Gott will, 
und wir leben. Ist nun derselbe mit ihnen, so kann 
niemand wider sie sein; es ist aber Gott mit ihnen, 
wenn sie mit Ihm sind; dann vermögen sie alles durch 
Christum, der sie stark macht. Sie können mit ihrem 
Gott über die Mauern springen, Kriegsvolk in Stücke 
zerschlagen, die Welt überwinden; der Hölle Pforte 
vermögen nichts wider sie, denn die Liebe mit ihrer 
geduldigen Hoffnung und ihrem festen Glauben ver- 
mag es alles durch die Gnade Gottes. Merkt wohl, die 
sich so nahe, so fest und so freimütig an Gott halten, 
die werden stärker im Streite, wie Sirach sagt. So hal- 
tet euch denn fest an Gott, weicht und wankt nicht, 
weder zur linken noch zur rechten Seite, damit ihr 
immer stärker werdet. 

Merkt, und Gott sprach zu Josua, den er an Mose 
Dienst und Stelle setzte: Ich will dich nicht verlassen, 
noch von dir weichen, sei getrost, sei unverzagt, habe 
nur guten Mut; ferner: sei guten Muts und unverzagt, 
fürchte dich nicht, und laß dir nicht grauen vor ih- 
nen, denn der Herr selbst will mit dir wandeln, und 


wird die Hand nicht abziehen noch dich verlassen. 
Merkt auf den Nutzen in dem freimütigen Vertrauen 
auf Gottes Verheißung. Darum sagt solches fromme 
Volk in seinem Herzen: O Herr Gott Israels! Es ist 
nicht deinesgleichen, weder droben im Himmel noch 
hier unten auf Erden, der du hältst Bund und Barm- 
herzigkeit deinen Knechten, die vor dir wandeln von 
ganzem Herzen; merkt wohl, welche es sind, er sagt: 
Von ganzem Herzen. Deren Fels und Burg der Herr 
ist, deren Gott ein Erlöser, Trost und Schild ist; das 
Horn ihres Heils, Schutz und Zuflucht; der Heiland, 
welcher erlöst von allem Drang. Diese sind es auch, 
die den Herrn allezeit vor Augen haben, darum ist 
er ihnen zur Rechten, und sie werden wohl bleiben, 
sagt David. Daraus merkt ihre Freimütigkeit und ihre 
Kraft. Aber Menschen scheuen bringt zu Fall: (merkt) 
Doch wer sich auf den Herrn verlässt, wird beschützt. 
Merkt, wer mit Gott ist, und mit wem Gott ist, wie 
David sagt: Der Herr hilft den Gerechten, der ist ihre 
Stärke in der Not. 

Aber, liebe Freunde, wer nun nicht fromm und rei- 
nes Herzens und zur Anfechtung bereit ist, als ein 
Diener Gottes, wenn ihn diese Anfechtung überfällt, 
und erschreckt, oder er hat kein reines Gewissen, kei- 
ne lautere Liebe zu Gott und dem Nächsten in einem 
frommen Leben, festen Glauben, Nüchternheit und 
Wachsamkeit, und ist nicht geharnischt wider allen 
Anlauf, sondern ein ohnmächtiger Nachfolger, Geizi- 
ger, Schläfer oder Heuchler; o Freunde! von dem wird 
Gott weichen, denn David sagt: Wenn ich Unrecht 
vorhätte in meinem Herzen, so würde der Herr nicht 
hören; der Herr ist fern von den Gottlosen, aber der 
Gerechten Gebet erhört er. Ja, solches ist gewiss, denn 
Gott erhört die Sünder nicht, merkt, die in Sünden 
bleiben; wer aber Gott fürchtet, und seinen Willen tut 
(es heißt, tut) den erhört er. 

Darum beschließe und rate ich mit dem weisen 
Jesus Sirach also: Mein Kind, willst du Gottes Diener 
sein, so schicke dich zur Anfechtung (er sagt, schicke 
dich zur Anfechtung), desgleichen mit Christo: Ringt 
darnach, daß ihr durch die enge Pforte eingeht, ja, 
seht euch vor, daß eure Gottesfurcht nicht Heuchelei 
sei, damit Gott euer Verborgenes nicht aufdecke, und 
euch damit mitten in der Gemeinde darnieder stoße, 
weil ihr unrichtig dem Herrn dientet, und euer Herz 
voll Betrug und Falschheit war. Seht, solche mögen 
nicht überwinden, sondern allein diejenigen, die mit 
ihrem Gott wohl stehen, wie gemeldet ist, Judith 5. 

Auch muss man ferner ihre Geduld betrachten, die 
den Frommen in vielen Trübsalen nötig ist; und welch 
ein großer Vorteil, Nutzen und Gewinn durch Trüb- 
sal in Geduld erworben wird, und noch erworben 
werden soll; diesem folgt nun zum Teil, und denkt 



429 


nach. 

Auch die Reden Judiths, die zur Freimütigkeit auf- 
muntern, wenn sie sagt: Abraham, Isaak, Jakob, Mose 
und alle, die Gott lieb gewesen sind, sind standhaft 
geblieben, und haben viel Trübsal (sie sagt, viel Trüb- 
sal) überwinden müssen; aber die Übrigen, die die 
Trübsal mit der Furcht Gottes nicht haben annehmen 
wollen, sondern mit Ungeduld wider Gott gelästert 
und gemurrt haben, sind durch den Verderber und 
die Schlangen umgekommen. Darum lasst uns in die- 
sem Leiden nicht ungeduldig sein, sondern erkennen, 
daß es eine Strafe Gottes sei, welche viel geringer als 
unsere Sünde ist, und lasst uns glauben, daß wir ge- 
züchtigt werden, als seine Knechte, zur Besserung, 
und nicht zum Verderben. O wie weislich redet davon 
Salomo: Wer geduldig ist, der ist ein kluger Mensch, 
und ist ihm ehrlich, daß er Untugend überhören kann, 
und abermals: Wer geduldig ist, der ist weise; wer 
aber ungeduldig ist, der offenbart seine Torheit. Fer- 
ner: Ein Geduldiger ist besser als ein Starker, und wer 
seines Mutes Herr ist, ist besser, als der Städte ge- 
winnt. Merkt, wie lieblich, preiswürdig und nützlich 
die gottselige Geduld sei, wie Jeremia bezeugt: Es ist 
ein köstlich Ding geduldig sein, und auf die Hilfe des 
Herrn warten; daß ein Verlassener geduldig sei, wenn 
ihn etwas überfällt, und seinen Mund in den Staub 
stecke und die Hoffnung erwarte, und lasse sich auf 
die Backen schlagen, und ihm viel Schmach anlegen, 
denn der Herr verstößt nicht ewiglich. 

Sirach sagt: Ein demütiger Mensch erwartet die Zeit, 
die ihn trösten wird, denn wiewohl seine Sache eine 
Zeitlang unterdrückt wird, so werden doch die From- 
men seine Weisheit preisen. Davon ist Hiob ein Ex- 
empel, und das Ende des Herrn; auch Tobias, denn 
Gott ließ Trübsal über ihn kommen, warum? Daß die 
Nachkömmlinge an ihm ein Exempel der Geduld ha- 
ben möchten, wie an dem heiligen Hiob, sagt er. Ein 
Engel sagte zu diesem Tobias (als er klagte, daß er das 
Licht des Himmels nicht sehen könnte), habe Geduld, 
Gott wird dir bald helfen, wie auch geschehen ist. Es 
sagt wohl Paulus mit Recht, daß alles, was zuvor ge- 
schrieben ist, uns zur Lehre geschrieben sei, damit wir 
durch Geduld und Trost der Schrift Hoffnung hätten. 
Aber merkt wohl, Freunde, wo weder Verheißung, 
noch gottselige Trübsal ist, da ist ja auch keine Ge- 
duld nötig; wo aber das Angeführte sich findet, o, da 
ist Geduld nötig, denn wir wissen (sagt Paulus), daß 
Trübsal Geduld bringt, Geduld aber bringt Erfahrung, 
Erfahrung aber bringt Hoffnung, Hoffnung aber lässt 
nicht zu Schanden werden; ferner auch die Reden 
Christi selbst von der Geduld: Ihr werdet von allen 
Menschen um meines Namens willen gehasst wer- 
den; es soll kein Haar von eurem Haupte umkommen. 


fasst eure Seelen in Geduld; ferner, Paulus ermahnt 
uns zu aller Geduld in all unserer Not, daß wir uns 
darin als Diener Gottes erweisen, mit großer Geduld 
in Trübsal, in Not, in Schlägen, in Gefängnissen (ja 
wohl Gefängnissen), in Aufruhr, in Arbeit, in Wachen, 
in Fasten, in Keuschheit, in Erkenntnis, in Langmut, in 
Freundlichkeit, in dem Heiligen Geiste, in imgefärbter 
Liebe, in dem Worte der Wahrheit, ja, in der Kraft Got- 
tes, durch Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und 
zur Linken, durch Ehre und Schande (merkt auf alles, 
worin ein geduldiger Diener Gottes geprüft wird), ja, 
durch böse Gerüchte und durch gute Gerüchte; als 
die Verführer, und dennoch wahrhaftig, wie solches 
zu finden ist 2Kor 6,4. Merkt: Ein Diener Gottes, und 
womit man beweisen könne, daß er einer sei; ferner Ja- 
kobus will, daß wir es für lauter Freude halten sollen, 
wenn wir in mancherlei Anfechtung fallen, und wisst, 
sagt er, daß euer Glaube, wenn er rechtschaffen ist, 
Geduld wirkt, die Geduld aber, sagt er, soll standhaft 
sein bis ans Ende. 

Seht, so muss man durch die Geduld (durch Ge- 
duld, sagt Paulus) in dem Streite laufen, der uns ver- 
ordnet oder vorgestellt ist, und nur auf den Herzog 
unseres Glaubens sehen, auf den Jüngling, der uns auf 
dem Berge Zion die Krone der Belohnung aufsetzen 
wird. 

Seht, alles dieses erwirbt der Nutzen und Lohn der 
Geduld mit Christo und allen heiligen Märtyrern, al- 
les solches muss, im Glauben gesehen und in Geduld 
erwartet werden, wie auch Jakobus ermahnt, wenn 
er sagt: So seid nun geduldig, liebe Brüder, bis auf 
die Zukunft des Herrn, und lasst uns, gleichwie ein 
Sämann, unsere Ernte und fröhliche Zeit des Mähens 
erwarten. O dann werden die milden Säleute, die auf 
den Geist gesät haben, wieder einernten ohne Aufhö- 
ren. 

Liebe Freunde, lasst uns nun auch zur rechten Zeit 
mildreich auf den Geist in Hoffnung aussäen, und 
das ohne Verdruss und mit Freuden, denn zu seiner 
Zeit wird es wieder mit großen Garben unsere Scheu- 
er füllen, wie Gal 6,8-9 steht; denn Gott wind nicht 
vergessen unsers Werks und unserer Arbeit, wie oben 
gemeldet. 

Um solches aufs Kürzeste zusammenzufassen: Se- 
lig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet, denn 
nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Le- 
bens empfangen, welche Gott denen verheißen hat, 
die ihn lieb haben. Zwar zu dieser Verheißung, zu 
diesem Erbe, Lohne und zu dieser Krone hat ein jeder 
Lust, aber die dabei angemerkten Bedingungen, wor- 
auf und wodurch solches verheißen wird, seht, solche 
stehen wenigen Menschen an, das ist, Unterwerfung 
an das Wort Gottes, uns selbst gänzlich verleugnen. 



430 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


und unser Kreuz freiwillig und getrost auf uns neh- 
men, denn Paulus sagt: Uns ist es gegeben, daß wir 
nicht allein an seinen Namen glauben, sondern auch 
um seinetwillen leiden. 

Merkt doch, Freunde, daß es gewiss sein Wohlgefal- 
len sei, daß der Knecht seinem Herrn gleich sein soll; 
darum hat Christus seinen Knechten und Jüngern so 
viel Leid, Druck, Schmach, Leiden und den Tod um 
seines Namens willen zu seiner Zeit zugesagt und 
verheißen, und das mit gewisser Belohnung. 

Er hat ihnen solches nicht als einen Wahn verhei- 
ßen, nicht als einen Zufall und von ungefähr, sondern 
als etwas Sicheres und Gewisses, daß solches euch 
begegnen werde, wie nachher folgt, und auch zum 
Teil angewiesen wird. 

Zunächst die Rede Christi selbst: Seht, ich sende 
euch als Schafe mitten unter die Wölfe; darum seid 
klug und vorsichtig wie die Schlangen, aber ohne 
Falsch, wie die Tauben; hütet euch vor den Menschen, 
denn sie werden euch (er sagt, sie werden euch) über- 
antworten in ihre Rathäuser, und werden euch geißeln 
in ihren Schulen, und man wird euch vor Fürsten und 
Könige führen, zum Zeugnis über sie und über die 
Heiden. 

Ferner: Ein Bruder wird (er sagt, wird) den andern 
dem Tode überantworten, der Vater den Sohn, die Kin- 
der werden sich wider ihre Eltern erheben, und ihnen 
zum Tode helfen, und ihr müsst (er sagt, müsst) von 
allen Menschen um meines Namens willen gehasst 
werden. 

Ferner: Denkt an mein Wort, das ich euch gesagt 
habe: Der Knecht ist nicht größer als sein Herr, noch 
der Jünger über seinen Meister; haben sie mich ver- 
folgt, so werden sie (er sagt, sie werden) euch auch 
verfolgen; haben sie mein Wort gehalten, so werden 
sie das eure auch halten; aber solches alles werden sie 
euch tun um meines Namens willen. 

Und abermals: Solches habe ich zu euch geredet, 
damit ihr euch nicht ärgert; sie werden (er sagt, sie 
werden) euch in den Bann tun; ja, die Zeit kommt, daß, 
wer euch tötet, wird meinen, er tue Gott einen Dienst 
daran; und das werden sie euch darum tun, weil sie 
weder mich noch meinen Vater kennen; solches aber 
habe ich zu euch gesagt, damit, wenn die Zeit kommt 
(merkt wohl), daß ihr dann daran denkt, daß ich es 
euch gesagt habe. Paulus sagt auch, daß wir durch viel 
Trübsal müssen (er sagt, durch viel Trübsal müssen) in 
das Reich Gottes eingehen, und daß alle (er sagt, alle) 
die gottselig leben wollen, Verfolgung leiden müssen. 

So merkt denn nun darauf, liebe Freunde, muss und 
wird es denn so geschehen, wie zum Teil gemeldet 
worden und auch gewiss ist, wohlan denn in Gottes 
Namen, so soll es freiwillig geschehen. Darum lasst 


uns nicht auf die fürchterliche Trübsal und Not, son- 
dern durch dieselbe hindurchsehen, wie vorgemeldet 
ist, und lasst uns alle des Trostes eingedenk sein, der 
darauf folgt, auch dass diese zeitliche Trübsal nicht 
mit der ewigen Herrlichkeit zu vergleichen sei. Lasst 
uns auch bedenken, daß diese böse und ungerech- 
te Welt des seligen Kranzes, für die Gerechtigkeit zu 
leiden, untüchtig und unwürdig sei. 

Aber diejenigen sind dazu tüchtig, die Christo in 
der Wiedergeburt nachgefolgt sind, und alles, was 
ihnen hier lieb war, verlassen haben. Gedenkt auch, 
Brüder, dass diejenigen Bastarde seien und keine Kin- 
der, welche ohne diese Züchtigung sind. Also ist uns 
Gläubigen Trübsal als gewiss verheißen, wie wir ge- 
hört haben. 

So wäre denn dieses hierin mein Rat und Nachricht 
mit Sirach und vielen andern: Wenn wir Gott dienen 
wollen, so lasst es uns mit Emst tun, damit wir ihn 
nicht versuchen, denn wer Gottes Diener sein will, 
der muss sich zur Anfechtung schicken (merkt, schi- 
cken) und allezeit in des Herrn Werk sich üben, damit, 
wir seien daheim bei Ihm, oder wallen von Ihm, wir 
allezeit Gott wohl gefallen, und muss sich ein jeder 
dessen bestreben, dass er der Vornehmste sei (nicht 
sich dünken lassen, oder rühmen, sondern sein) in gu- 
ten Werken, wie auch Petrus sagt: Weil ihr auf seine 
Zukunft warten sollt. Allerliebste, so tut Fleiß, daß ihr 
vor Ihm unbefleckt und unsträflich im Frieden erfun- 
den werdet. Ach, wie muss man dann zubereitet sein 
mit einem heiligen Wandel und Gottseligen Wesen! 
Wer nun diese Hoffnung in sich hat, der reinige sich 
selbst, gleichwie der (den wir erwarten) auch rein ist: 
Der Heilige muss noch heiliger und der Reine noch 
reiner werden. Heilig und heiliger werden kommt 
uns zu, weil wir so einen Heiligen zum Vater anrufen, 
der ohne Ansehen der Person richtet, wie Petrus sagt, 
und das nach eines jeden Werke: Darum führt euren 
Wandel in der Zeit eurer Wallfahrt mit Furcht, so wer- 
den wir dann bestehen, wie Petrus sagt: Die da leiden 
nach dem Willen Gottes, die sollen Ihm ihre Seelen 
befehlen, als dem treuen Schöpfer in guten Werken 
(merkt, guten Werken). Niemand verstehe hier eine 
Seligkeit durch gute Werke, sondern eine Seligkeit 
mit guten Werken; gute Werke, ohne daß sie die Selig- 
keit verdienen; (merket wohl) sondern die Seligkeit 
ist aus Gnaden zur Dankbarkeit gegen unsern Herrn 
Jesum Christum, Gal 2,16, noch klarer Eph 2,8-9. Die- 
ses, sage ich, ist mein Rat, daß wir unsere Seelen auch 
so zubereiten, und sie Ihm (als einem Getreuen) in 
die Hände befehlen, und das mit guten Werken oh- 
ne Ruhm (ohne Ruhm) als seine unnützen Knechte, 
die doch so gern vollkommen wären. Darum, liebe 
Freunde, suchen wir unser Leben nicht zu erhalten. 



431 


das wir doch verlieren; aber wir bitten unsem Gott 
allezeit um Leidenskraft, um es tapfer und unverzagt 
zu endigen. Amen, lieber Herr, Amen. 

Nun wollen wir die frommen Leute in den vorigen 
Zeiten zum Exempel anführen. 

Merkt auf die verfolgten, sehr gehassten und getö- 
teten frommen Leute, von wem und warum solches 
allezeit geschehen sei, damit, wenn auch wir solcher 
Leiden und eines solchen Todes teilhaftig werden, wir 
uns darüber (als über etwas Neues) nicht verwun- 
dern. 

Zuerst ist der fromme, gute Abel von Kain um sei- 
ner Frömmigkeit willen aus Hass getötet worden; Lot 
wurde von den wollüstigen Sodomiten um seiner Tu- 
gend und Gerechtigkeit willen sehr gequält; David 
wurde von Saul, Simei und von Absalom, seinem Soh- 
ne, um seiner Ehre und seines eigenen Reiches wil- 
len verfolgt; der Mann Gottes aus Juda, um seiner 
Weissagung willen wider die Götter und den Altar 
Jerobeams, ward von ihm bedroht; der heilige groß- 
mächtige Prophet Gottes Elia ward flüchtig und von 
Isebel um seiner prophetischen Wunder willen, die er 
durch Gott wirkte, verfolgt, wie auch viele andere, die 
zu seiner Zeit getötet worden sind. Micha wurde von 
dem Könige gefangen, der ihn mit Wasser und Brot 
der Trübsal speiste, weil er mit Gottes Geist und hei- 
ligem Worte vierhundert falschen Propheten der Ise- 
bel widersprach. Uria, ein Prophet, wurde gleichfalls 
flüchtig, aber wieder ergriffen, und von dem Könige 
Jojakim mit dem Schwerte getötet, um seiner Botschaft 
von Gott, nämlich der Weissagung willen wider Jeru- 
salem und das Land Juda. Jeremia, den Propheten Got- 
tes, haben die Fürsten in die Schlammgrube versenkt, 
um ihn zu töten, weil er nicht aufhörte, im Namen des 
Herrn zu predigen und zu weissagen. Zacharias, ei- 
nes Priesters Sohn, ein Prophet des Herrn, wurde auf 
Befehl und Gebot des Königs gesteinigt, denn er weis- 
sagte ihnen alles Unglück, weil sie das Gute verlassen 
und Gottes Wort übertreten hatten, merkt, um wel- 
cher Ursache willen sie alle getötet worden sind. Die 
drei Jünglinge, Sadrach, Mesach und Abednego wur- 
den von dem Könige Nebukadnezar in einen Ofen 
gesteckt, der siebenmal heißer gemacht war als zu- 
vor, worin sie jedoch Gott um ihres Vertrauens willen 
bewahrte, weil sie des Königs selbst gemachtes Bild, 
seinen Abgott und sein Narrenspiel weder ehren noch 
anbeten wollten. Daniel, ein hochgeachteter, heiliger 
Prophet Gottes, wurde von denen, die den Drachen 
anbeteten, wider des Königs Willen und Macht aus 
Hass und Neid, in die Löwengrube geworfen, wur- 
de aber doch von Gott bewahrt und noch erlöst; sol- 
ches ist geschehen, weil er, ohne sich vor jemand zu 
scheuen, selbst vor des Königs ausdrücklichem Befeh- 


le nicht, allein seinen Gott öffentlich und frei geehrt, 
angebetet und bei offenen Fenstern gegen Jerusalem 
bekannt hat. Merkt: Hat es nicht fein die Frommen 
gesucht? Ja, gesucht und gefunden. O Herr, alle Stand- 
haften und Frommen in Israel wurden zerstreut, und 
von Antiochus ermordet. Warum? Merkt, weil sie ihre 
Kinder, nach Gottes Befehl, beschnitten, kein Schwei- 
nefleisch essen wollten, welches nach dem Gesetze 
verboten war, auch sich der heidnischen Weisen ent- 
schlugen, weil sie unrein und wider das Gesetz waren; 
desgleichen wurden noch einmal alle Juden überall 
wie wilde Tiere gefangen, gebunden, gejagt, fortge- 
schleppt, zu Schiffe hinweggeführt, um miteinander 
getötet zu werden, und doch durch die Hand Got- 
tes wunderbar erlöst. Diese wurden von dem Könige 
Ptolmäus so geplagt, weil sie sich von dem Könige 
nicht zwingen lassen wollten, von dem Gesetze Got- 
tes abzufallen, den Götzen zu opfern, und heidnische 
Weisen anzunehmen. Keine feine Ursache, Freunde, 
doch so geht es noch jetzt; desgleichen ist auch im 
zweiten Buche der Makkabäer, ein grausames Gebot 
von demselben Könige Ptolämäus erlassen worden, 
daß der auf der Stelle erstochen werden sollte, wer 
solches nicht halten würde. 

Einige wurden verbrannt; zwei Frauen wurden ih- 
re Kinder an ihre Brüste gebunden, welche so zum 
Spott in der Stadt herumgeführt und zuletzt über die 
Mauern geworfen wurden; merkt: Warum? Weil sie 
standhaft blieben bei dem Gesetze Gottes, und ihre 
Kinder beschnitten hatten. Ebenso wurde auch der al- 
te neunzigjährige Eleazar von Antiochus umgebracht. 
Warum? Um seiner ungeheuchelten Standhaftigkeit 
willen, weil er kein Schweinefleisch essen, oder nicht 
das Ansehen haben wollte, als hätte er gegessen; auf 
gleiche Weise wurde auch eine fromme Mutter mit sie- 
ben standhaften Söhnen von dem Könige Antiochus 
in glühenden Pfannen gebraten, ihnen außerdem auch 
die Kopfhaut abgezogen, und die Zungen abgeschnit- 
ten. Warum? Merkt, weil sie keineswegs wider das 
Gesetz Schweinefleisch essen wollten. Dergleichen 
findet man mehr im alten Testamente. 

Ebenso findet man auch hiervon im Neuen Testa- 
mente Beispiele. 

Zunächst der heilige Vorläufer Christi, Johannes 
der Täufer, wurde von Herodes enthauptet. Ei, der 
gute Mann, warum hat er ihn getötet? Merkt, weil er 
Herodes wegen eines ungeziemenden und schändli- 
chen Hurenhandels bestrafte. Der gute Christus Jesus 
wurde auch von der Welt gehasst, weil er wider ihre 
bösen Werke zeugte; ja, der Richter Pontius Pilatus, 
der durch der Juden Hass angetrieben wurde, hat ihn 
ohne Schuld oder irgendeine Ursache, die den Tod 
verdient, überantwortet und getötet. Auch wurden 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


die heiligen Apostel oft von dem Rate der Priester 
gefangen, gegeißelt und ihnen das Predigen in Jesu 
Namen verboten. Warum? Damit Jesu Name, Lehre 
und Kirche sich weder ausbreiten, noch zunehmen 
sollte. 

Stephanus, ein Diener der Armen und ein frommer 
Zeuge Jesu, wurde von den Halsstarrigen gesteinigt. 
Warum? Weil sie seinem Geiste, seiner Weisheit und 
Lehre nicht widerstehen konnten. Die Gemeinde der 
ersten Zeit zu Jerusalem wurde von den Juden ver- 
stört und durch das ganze jüdische Land zerstreut; 
ebenso zog auch der Verfolger Saulus mit Briefen und 
Vollmachten hin und her, um alle diejenigen zu fan- 
gen und zu peinigen, die er dieses Weges und Sinnes 
finden würde, um dadurch Christi Lehre, Glauben 
und Weg zu verhindern. Summa: Es wurden noch ei- 
nige von Herodes gepeinigt: Jakobus wurde mit dem 
Schwerte getötet, und als Herodes sah, daß solches 
dem Volke wohlgefiel, fing er auch Petrus und be- 
wahrte ihn mit sechzehn Dienern, gebunden mit zwei 
Ketten, bei verschlossenen Türen, und das darum, 
weil die Juden ihn hassten; aber der Engel erlöste ihn. 
So lasst uns denn darüber uns nicht verwundern, als 
über etwas Neues. 

Zum Beschlüsse empfangt meinen ewigen Ab- 
schied und brüderlichen Gruß. 

Seht, dieses habe ich meinen lieben Freunden, Brü- 
dern und Schwestern in dem Herrn in meiner Demut 
und guten Meinung, aus drei besonderen Gründen 
liebreich zugeschrieben; die erste Ursache ist die, um 
euch etwas bekannt zu machen, was angenehm zu hö- 
ren, und auch eine Nachricht von meiner Wohlfahrt, 
Gesundheit und meinem guten Mute, nach Seele und 
Leib zu erteilen, damit ihr dadurch erweckt werdet, 
mit mir Gott zu loben. Ihm zu danken und Ihn zu 
bitten, wegen all seiner Gnade und Trost, den er an 
mir Unwürdigen und so auch an uns allen erwiesen 
hat. Von diesem Tröste, womit ich von Gott getröstet 
werde, habe ich euch hiermit auch mitteilen wollen, 
was nach eurem Verlangen und Begehren geschehen 
ist, nämlich süßen Honigseim, Rosengeruch, Balsam, 
Weihrauch und Myrrhen, als aus Edens Lustgarten 
der himmlischen paradiesischen Früchte, euch zu ei- 
ner Frucht, Probe, Geruch und Ergötzung, inwendig 
mit gründlicher Andacht zu betrachten, ja, euch zu 
einem besonderen Kennzeichen meiner Freude und 
meines Friedens, welche ich fühle mit Gott zu haben, 
in der Eintracht und in einem Geiste. O ich unwürdi- 
ger und unnützer Knecht meines Herrn! Der ich Frie- 
den mit meinem Christo und die Gemeinschaft seines 
Geistes genieße, wie Rom 8,15 ; IKor 6,17 ; Gal 3,26 Ihm 
zum Danke gesagt wird; es ist alles durch seine er- 
barmende Treue und große unverdiente Gnade. Ich 


rühme mich des Herrn und seiner Macht, wir haben 
von Ihm solch einen köstlichen Schatz empfangen in 
unsere schwachen irdenen Gefäße, wenn nun dersel- 
be erhalten bleibt, so ist die Herrlichkeit der Kraft aus 
Gott und nicht aus uns, o, nicht aus uns, sondern aus 
Gnade sind wir, was wir sind. 

Die zweite Ursache ist die, weil ihr einer Hoffnung, 
eines Trostes und Lohnes mit mir teilhaftig geworden 
seid, und damit ich durch die Anweisung unseres 
Trostes, in Lehre und Exempeln der Schrift, wie zum 
Teil hier gemeldet ist, eine Erquickung, Andacht und 
inwendige Freude in euch erwecken, auch das Anden- 
ken der Verheißungen erneuern möchte, wodurch ich 
meine Gunst, Liebe und mein geneigtes Herz gegen 
euch alle an den Tag lege, der ich eurer in dem Herrn 
eingedenk bin. 

Die dritte und letzte Ursache ist die, daß ich da- 
durch viele von euch verpflichten möge, auch derglei- 
chen zu tun, und uns wieder einen Brief zu senden 
(zum Zeichen und Beweise eurer standhaften Tapfer- 
keit in der Liebe), worüber wir uns trösten, freuen und 
eure Aufrichtigkeit gegen uns erkennen mögen, ver- 
möge der Lehre und Schuld, womit man den Gefange- 
nen verpflichtet ist, als Mt 25,37; Apg 12,5; 2Tim 1,16; 
Hehr 13,3, welches wir drei Gefangene hier von euch 
sehr gut aufnehmen würden, ja so liebreich, als den 
Geruch von jungen Rosen, Weihrauch und Myrrhen 
aus dem Lusthause Zions, als unseres Gottes Wein- 
und Lustgarten, was uns bisher noch wenig zu Teil 
geworden ist, ja, so wenig, daß es scheint, als ob die 
Liebe zu uns in euch fast erloschen wäre; doch, o daß 
ich weder euch noch sonst jemanden in Worten der 
Falschheit verletzte, denn solches verstehe ich nicht 
von der Notdurft, o nein! Wir danken Gott und den 
Sorgfältigen deshalb aufs Beste. Nehmt doch alles Gu- 
te von mir in Gutem auf, und deutet mir alle Liebe 
der Liebe nach; darum bitte ich sehr um des Herrn 
willen. Niemand vergreife sich an meinem liebreichen 
Tun, deute und denke mir nicht nach, als ob dies oder 
dergleichen von mir aus Ehre und Ruhmsuche gesche- 
hen sei, oder um dadurch jemanden zu Geschenken 
zu bewegen, oder um fleischlicher und irdischer Ge- 
meinschaft willen, denn hierzu hat mich diese Liebe 
aus reiner Meinung bestimmt; o Herr, dir ist es alles 
bekannt! 

Ei, meine lieben Freunde, die reine Liebe denkt 
nichts Arges, doch sie sieht, merkt und bestraft wohl 
das Arge. Hiervon liefern Ananias, Simon der Zaube- 
rer und der Hurer zu Korinth klare Beispiele. 

So befehle ich euch nun, liebe Freunde, Brüder und 
Schwestern, wie zuvor, Gott und dem Worte seiner 
Gnade (als der Gruß Paulus), welcher mächtig ist euch 
aufzubauen und euch das Erbe unter allen zu geben. 



433 


die geheiligt sind. Seid gegrüßt, gestärkt, getröstet 
und sehr getrost in dem Herrn. Gehabt euch wohl. 

Wacht und betet. Von mir, Henrich Alewynß 
und meinen Mitgefangenen, sämtlich wohlgemut im 
Herrn. 

Gegeben im Jahre 1568 im November. 

Ja, liebe Freunde, ehe dieser Brief aus meiner Hand 
kam, sind wir beide vor Gericht gebracht worden, 
nämlich der liebe Gerhard Janß Duynherder, unser 
frommer Bruder, und ich. Seht, wir sind in Haft ge- 
blieben und wirklich verurteilt, und erwarten nun 
beide binnen Kurzem den Tod. O Herr, o Herr, in dei- 
ne Hände, o treuer Schöpfer, befehlen wir unsere Seele 
und unsern Geist! Amen. 

O liebe Gemeinde Gottes, habe Acht auf meine ar- 
men lieben drei Waisen, welche weder Eltern, noch 
Gut, noch Erbe haben. 

Gute Nacht, meine lieben Kinder; gute Nacht, alle 
meine Freunde. Dieses dient euch allen zum Vorgang 
und meinem Herrn Christo zur Nachfolge in seinen 
Fußstapfen. Herr, stehe deinen Knechten bis ans Ende 
bei, obgleich sie unwürdig und unnütz sind. 

Das Nachfolgende enthält, was Henrich Alewynß 
den Herren an der Folterbank übergeben hat. 

Sehr werte Beamte, Rechtsverwalter und alle meine 
Herren, die ihr, in des Königs Namen und Gewalt, 
meine Richter, Gerichtsherren, Verhörer hier zuge- 
gen seid, hört mich verurteilten Henrich Alewynß, 
welcher hier gegenwärtig bereit ist, sich, nach eurem 
Urteile, foltern zu lassen; seht, ich finde mich dazu 
gedrungen, und werde dazu angetrieben, es nicht zu 
versäumen, euch Nachricht und Botschaft von allem 
zu geben, worin ihr euch an mir und meinesgleichen 
vergriffen habt, die wir böser Taten unschuldig sind, 
und keine Strafe verdient haben. 

Zunächst sei euch klar, heilig und schriftmäßig be- 
wiesen, angekündigt und erklärt, daß unsere oder 
meine Sachen weder Missetat noch strafbare Dinge 
sind, sondern ein Recht Gottes und Sachen des Glau- 
bens und des Geistes; darum müssen sie auch allein 
geistig und im Geiste verhört und beurteilt werden, 
denn ein natürlicher Mensch kann es nicht begreifen, 
es ist ihm eine Torheit. Diesem denkt frei und gründ- 
lich nach. 

Ferner lasse ich euch wissen, daß ein Christ mit den 
Stücken des Glaubens und der Schrift ausgerüstet sein 
muss; darum soll er weder wegen Aufruhrs, noch we- 
gen fleischlicher Werke berüchtigt sein, wie ich denn 
auch nicht bin; darum sei Gott gelobt, daß ich nicht 
unter der Strafe der Gerechtigkeit, sondern unter ih- 
rem Schuhe, Schirme und Preise stehe; auch sei euch 


gesagt, daß der Mensch Gottes, der so einfältig nach 
Gottes Reiche, Ehre und Lobe strebt, eurer Gerechtig- 
keit nicht unterworfen ist in Sachen, welche die Lehre 
und den Gottesdienst betreffen; hiervon habt ihr Un- 
terricht und Beispiele genug, aber in guten Werken 
muss die Obrigkeit bereit stehen. Den Richtern ist die 
Macht von Gott gegeben, allein den Bösen zur Strafe, 
zum Lobe den Guten, und zum Schutze denen, die 
Gutes tun; den Unschuldigen und Frommen sollst du 
nicht töten, spricht Gott. 

Endlich sei euch kund und zu wissen getan, mit 
dem Zeugnisse der heiligen Schrift, und das in Lie- 
be und sanftmütigem Geiste, die große Missetat der 
Tyrannen, die sich in diesem Stücke an den Unschuldi- 
gen Gottes in seinem Volke vergreifen, in Gottes Aug- 
apfel tasten, ja wider Gott streiten, und wider den Sta- 
chel Gottes locken; desgleichen euer gewisses Wehe, 
und welche Beschwernis euch in der zukünftigen Zeit 
treffen wird, wenn unser Herr und gerechter Fürst zu 
Gericht sitzen und alle eure Gewalt von euch nehmen 
wird, wie Judith geschrieben steht: Wehe den Heiden, 
die mein Volk verfolgen, denn der allmächtige Herr 
rächt sie, und sucht sie heim zur Zeit der Rache. Er 
wird ihren Leib plagen mit Feuer und Würmern, und 
sie werden brennen und heulen in Ewigkeit; sie wer- 
den nicht auferstehen zum ewigen Leben; Gott wird 
ihrer nicht schonen. Sie werden seufzen, erschrecken 
und sich verwundern über die Kinder Gottes, wenn 
sie in ihrer Herrlichkeit erscheinen und sagen weiden: 
Diese sind es, die wir geängstigt, unterdrückt, und 
als rasende Irrgeister ihrer Ehre, Güter und Lebens 
beraubt haben; und ferner: Der Gottlose drängt den 
Gerechten; er zieht sein Schwert aus, er spannt seinen 
Bogen; aber der Herr lacht sein, denn er sieht, daß 
sein Tag kommt; er hilft dem Elenden und Armen. Er 
schlägt den Frommen; aber sein Schwert wird in sein 
Herz gehen und sein Bogen wird zerbrechen. 

Christus selbst bedroht, straft und verdammt sol- 
che, die sich am Blute verschuldet haben, und sagt: 
Wie werdet ihr der höllischen Verdammnis entfliehen? 

Desgleichen straft sie auch der heilige Jakobus und 
wehklagt jämmerlich, daß sie den Gerechten verurteilt 
und getötet haben, der ihnen doch nicht widerstand. 
Es steht im Jesaja nicht umsonst geschrieben: Wehe 
aber dir, du Zerstörer! Meinst du, du werdest nicht 
verstört werden? Und du, Verächter! Meinst du, man 
werde dich nicht verachten? Wenn du des Verstörens 
und Verachtens ein Ende gemacht hast, dann wirst du 
auch verstört und verachtet werden, spricht der Herr. 
Darum, meine Herren, denkt der Sache gründlich im 
Herzen nach (denn ich habe es nicht geschrieben). 
Seid mit Gamaliel freundlich gewarnt, von mir schwa- 
chem Menschen, wiewohl ich doch ein Zeuge bin von 



434 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Gottes Wort und Wahrheit. Diese Rache Gottes hat 
der grausame König und großmächtige Tyrann ver- 
standen und gefühlt, daß es schwer sei, dem Volke 
Gottes beizukommen, um der Hilfe ihres Gottes wil- 
len, dessen Rache niemand entgehen kann oder mag, 
der seinem Volke irgendein Unrecht antut. Diesen 
Sinn ließ er eilend allen seinen Landvögten kundtun: 
Lasst ab von diesem Volke. Diesen Unterricht und 
diese Warnung des weisen Achior wollte Holofernes 
weder verstehen, noch glauben. 

Meine Herren haltet mir diese meine Zugeneigtheit 
zu euch zu gut; ich habe euch dies nicht geschrieben, 
um mich dadurch von dem gefällten Urteile zu be- 
freien, was bei euch nicht gebräuchlich ist, auch nicht 
in eurer Macht steht, solange ihr der Welt und des 
Königs Freunde bleibt, die ihr doch bleiben wollt; ich 
bitte demnach, gnädig mit mir zu Verfahren, doch so, 
daß euer Urteil seinen vollen Lauf haben möge, und 
ihr es bei Hofe verantworten könnt; es ist doch besser, 
daß ich leide, als ihr; denn ich weiß, warum ich lei- 
de, ich leide um des guten Gewissens willen zu Gott, 
und bin gewiss, daß ich Gnade bei Gott finde, und 
bin des Leidens Christi teilhaftig; man peinigt mich, 
daß ich wider das hohe Gebot der Liebe reden soll; 
aber die Liebe tut nichts Arges; die Liebe leidet alles, 
sie erträgt alles, sie lässt sich nichts verdrießen. Ach, 
meine Herren! Überlegt, ob dem nicht so sei. Der Böse 
kann und mag euch wohl was weismachen mit Lügen 
und nein sagen, wenn es ja ist, oder ja sagen, wenn 
es nein ist; wir aber sagen im Leiden und mit wah- 
ren Worten: Erbarmt euch über diese, wie ihr wollt, 
daß auch euch geschehe, wenn mein Richter kommen 
wird, da es euch dann bange werden und Hilfe nö- 
tig sein wird. Gott vergebe euch alles Leid, das ihr 
mir angetan habt, wie ich es euch vergebe, und wie 
ich will, daß mir geschehe, um aller meiner Sünden 
willen, Amen. 

O du weiser Rat Gamaliels! Wo hört man dich jetzt? 
Daran erkennt man, welches die Kinder Gottes und 
welche des Teufels sind; wer nicht recht tut, ist nicht 
von Gott. Die Pforte ist weit, und der Weg ist breit, 
der zur Verdammnis führt, und viele sind, die darauf 
wandeln. 

Ein väterlicher Abschied, Testament und sehr 
sorgfältiger schriftlicher Unterricht von Henrich 
Alewynß an seine Kinder. 

Der erste Grund der Tugenden, oder Anweisung von dem 
Anfänge der Weisheit in den Kinderjahren. 

Hört mich, euern Vater, o meine leibeigenen, zugeneig- 
ten, lieben und sehr betrübt gemachten Waisen! Meine 


drei mutterlosen und auch bald vaterlosen Kindlein 
von zehn, acht und sechs Jahren alt, die ihr meiner 
beraubt und dabei ohne Güter seid! Ach Gott! Noch 
einmal sage ich euch: Ach meine lieben Kinder! Von 
einer lieben Mutter habe ich euch alle erlangt und er- 
halten; dieselbe hat auch euch mir treulich anbefohlen 
in ihrer letzten Stunde, gleichwie mich auch die heili- 
ge Schrift lehrt und mir befiehlt, wie ich euch in gött- 
licher Unterweisung zu guten, geschickten Kindern 
und Menschen Gottes väterlich auferziehen soll, was 
ich mit guter Sorgfalt, wie mir gebührt, angefangen, 
bisher mit Emst nachgestrebt und auch noch nicht 
geendigt habe; seht aber, nun ist mir meine Arbeit 
abgenommen, und ich kann unter diesen Umständen 
euch fernerhin meine väterliche Liebe und schuldige 
Zucht nicht länger erweisen; darum habe ich euch 
nun für die Folge dem Gott des Himmels und meinen 
Glaubensgenossen und Freunden treulich anbefoh- 
len; ja, ich bin auch versichert, daß euch aus Liebe 
um Gottes und meinetwillen sehr wohl getan werden 
wird. 

Unterwerft euch doch den Freunden in Gehorsam, 
als liebe Kinder, dann werdet ihr unter allen Freunden 
lieb und angenehm werden. Ich habe ihnen die Auf- 
sicht über euch anbefohlen, als ob sie euer Vater und 
Mutter wären; so seid denn recht gehorsam, fürchtet 
euch vor Worten, so bedürft ihr keiner Schläge, sonst 
aber müsstet ihr sehr geschlagen und gezüchtigt wer- 
den, wie solches die heilige Schrift will und lehrt, wie 
ich nachher für euch abschreiben und anführen will. 

Meine lieben Kindlein, es ist wahr, sage ich, ihr seid 
noch zu kindisch, das älteste sowohl, als das jüngste, 
um die heilige Bibel und auch dasjenige zu verstehen, 
was ich hier lehren werde, wiewohl ich hoffe, ihr wer- 
det Lust haben oft hierin zu lesen und dem Verstände 
gemäß zu leben wie ich denn auch hoffe, daß euer Ver- 
stand von Tag zu Tag zunehmen wird, daß ihr selbst 
Gutes und Böses verstehen, und klüglich unterschei- 
den lernen werdet, welche die rechten Gläubigen, und 
welche die Ungläubigen sind, welche Kinder Gottes 
und welche Kinder des Teufels und der Welt sind, wer 
den Namen Christi mit Recht, und wer ihn mit Un- 
recht trägt. Darum schreibe ich in solcher Hoffnung, 
damit ich durch solche Unterweisung meine väterli- 
che Pflicht erfülle, welche euch noch mangelt, denn 
ich werde euch zu früh entnommen, und kann eure Er- 
ziehung nicht vollenden, und gleichwohl kann ich es 
nicht versäumen, euch, meine lieben Kinder, aus Lie- 
be dieses aus der Feme darzureichen und zu senden; 
müsste ich etwa, mit David, in Kurzem den Weg der 
ganzen sterblichen Welt gehen, so unterrichte, gebiete 
und rate ich euch, nach meinem Abschiede, wie viele 
Patriarchen und heilige Väter ihren Kindern geraten 



435 


haben, daß ihr wohlgemut und getrost sein wollt, in 
Geduld, daß ihr den Weg des Herrn, seinen Geboten, 
Rechten, Sitten und dem ganzen Willen Gottes nach- 
folgt und alles haltet und tut, was recht und gut ist; 
liebt Ehrbarkeit, Sittsamkeit, Bescheidenheit, Scham- 
haftigkeit, Tugend und Lob; und alles, was christlich 
ist und wohl lautet, das tut, und dem denkt nach; 
dann werdet ihr heilig und christlich sein; dann wer- 
det ihr das ewige Leben und den schönen Himmel 
haben, und werdet bei Gott und seinen himmlischen 
Scharen sein, mit allen Auserwählten Gottes in ewiger 
Ruhe und Freude eurer Seelen; dann werdet ihr euch 
auch nicht vor dem zweiten Tode, feurigen Pfuhle, 
ewigen Feuer, Lohn der Sünden, vor der Enterbung 
aus dem Reiche Christi oder Ausschließung Christi 
zu fürchten haben. 

Meine lieben Kinder, nehmt dieses zu Herzen; so- 
bald als es euer geringer Verstand begreifen kann, seid 
darauf bedacht, wie ihr aus dem alten widerspensti- 
gen Menschen in den neuen wieder umkehren mögt, 
damit ihr die himmlische Wiedergeburt aus Wasser 
und Geist, die Gnade Gottes und rechte Wahrneh- 
mung der Zeit, und den Frieden mit allen Menschen 
erlangt, wenn ihr solches mit Recht vermögt, gleich- 
wie auch die Heiligung, ohne welche niemand den 
Herrn sehen, oder in das Reich Christi kommen wird. 

Das ist mein sorgfältiger Rat und Befehl an euch, 
nach meinem Leben, meine lieben Kinder. 

Der zweite Punkt, die Kinderzucht. 

Seht, meine lieben Kinder, weil ihr noch kindisch an 
Verstand und jung an Jahren seid, und zur Erkennt- 
nis Gottes noch wenig Fähigkeit habt, so gebe ich 
euch vorläufig eine Anweisung, wie ihr zum Grunde 
der Tugend und der Weisheit Anfang gelangen mögt, 
das ist: Seid fein gehorsam, wenn ihr anders mit Ernst 
nach der Weisheit ruft und darum bittet, und wenn ihr 
allen guten Unterricht von denen mit Lust annehmt, 
die euch das Beste raten; denn seht, Sirach lehrt: Hal- 
te dich allein zu gottesfürchtigen Leuten, von denen 
du weißt, daß sie Gottes Gebote halten, die gesinnt 
sind wie du, die Mitleiden mit dir haben, wenn du 
strauchelst; bleibe bei ihrem Rate (er sagt, bleibe bei 
ihrem Rate), denn du wirst keinen treueren Rat fin- 
den, und ein solcher kann oft etwas besser sehen, als 
sieben Wächter, die oben auf der Warte stehen. Ferner: 
Wer sich gern unterweisen lässt, bei dem ist gewiss 
der Weisheit Anfang; ferner: Wer sich gern strafen 
lässt, der wird verständig werden; wer aber ungestraft 
sein will, der bleibt ein Narr; ferner: Das Ohr, das die 
Bestrafung des Lebens hört, wird unter den Weisen 
wohnen. Wer sich nicht züchtigen lässt, der macht 


sich selbst zunichte; wer aber die Bestrafung hört, der 
wird klug; und ferner: Zucht halten ist der Weg zum 
Leben; wer aber die Strafe verlässt, der bleibt irrig; 
ferner: Schelten schreckt mehr an dem Verständigen, 
als hundert Schlage an dem Narren. Seht, meine lie- 
ben Kinder, öffnet eure Ohren und nehmt Lehre an, 
so werdet ihr weise und ehrbar werden, wenn nicht, 
so werdet ihr unverständig, gottlos, weltlich und im 
Irrtume bleiben, wie gleich folgt: Wer Zucht oder Leh- 
re fahren lässt, der hat Armut und Schande; wer sich 
aber gern unterweisen und bestrafen lässt, der wird 
zu Ehren kommen. 

Ferner: Wer sich nichts sagen lässt, der ist schon auf 
der Bahn der Gottlosen; denn ein Gottloser lässt sich 
nicht bestrafen, sondern weiß sich mit anderer Leute 
Exempel zu behelfen in seinem Vornehmen. 

Seht, meine lieben Kinder, welche schöne Lehren 
sind dieses; hier hört ihr den guten Rat, wie ihr zu Tu- 
genden gelangen mögt; solches könnt ihr wohl tun oh- 
ne viele Rutenschläge, wenn ihr nur auf Worte achtet, 
und euer Volk in allem fürchtet, was sie euch gebieten. 
Seid denen sehr gehorsam, bei welchen ihr wohnt; 
hütet euch vor eurer bösen angebornen und wilden 
Art, vor eurer Torheit und Kinderei; unterlasst das, 
worüber ihr gestraft werdet, sonst müsst ihr immer 
hart geschlagen werden, denn das gebührt den törich- 
ten, stolzen und ungehorsamen Kindern, wie gleich 
folgt: 

Torheit steckt den Knaben im Herzen, aber die Rute 
der Zucht wird sie von ihm treiben. Ferner: Rute und 
Strafe gibt Weisheit, aber ein Knabe, sich selbst über- 
lassen, schändet seine Mutter; dann: Wie man einen 
Knaben gewöhnt, so lasst er nicht davon, wenn er alt 
wird. Ferner: Laß nicht ab, den Knaben zu züchtigen, 
denn, wenn du ihn mit Ruten hauest, so darf man ihn 
nicht töten; du haust ihn mit der Rute, aber du erret- 
test seine Seele von der Hölle; ferner: Hast du Kinder, 
so ziehe sie, und beuge ihren Hals von Jugend auf. 
Hast du Töchter, so bewahre ihren Leib, und verwöh- 
ne sie nicht. Ferner: Wer sein Kind lieb hat, der hält es 
beständig unter der Rute, damit er nachher Freude an 
ihm erlebe. Wer sein Kind in der Zucht hält, der wird 
sich seiner freuen, und darf sich seiner nicht schämen 
bei den Bekannten. 

Seht, meine Kinder, solche Bewandnis hat es mit 
ungehorsamen Kindern, auf solche Weise müssen sie 
von gottesfürchtigen Eltern auferzogen und unterrich- 
tet werden, die Guten mit Worten, die Bösen mit der 
Rute; ebenso hat Tobias an seinem Sohne gehandelt; 
auf gleiche Weise ist Susanna von Jugend auf in der 
Furcht Gottes auferzogen worden; Abraham wurde 
es als eine Frömmigkeit zugeschrieben, daß er seine 
Kinder nach ihm zur Furcht Gottes ermahnen würde. 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Summa, dies ist der Schluss: Ihr Kinder, seid euren 
Eltern in allen Dingen gehorsam, denn das ist dem 
Herrn gefällig; auch, ihr Eltern, seid nicht bitter gegen 
sie, damit sie nicht missmutig, scheu oder kleinmütig 
werden. 

Seht, meine lieben Kinder, lernt hieraus, was euch 
geziemt; seht dabei, welche schwere Last und Schuld 
der Unterweisung und Züchtigung christliche Eltern 
wegen ihrer Kinder auf sich haben. 

Diejenigen aber, die ihre Kinder in dieser Zucht ver- 
säumen und zu gelinde sind, können sich des schreck- 
lichen Exempels und des bösen Lohnes an dem Pries- 
ter Eli erinnern, der um deswillen durch die Hand 
Gottes von seinem Stuhle zurückfiel und den Hals 
brach. Deshalb ist es eine schwere Sache, die Kinder, 
die stolz von Natur sind, übelartig aufzuziehen, wo- 
von auch Sirach sagt: Wer seinem Kinde zu weich 
ist, der klagt seine Striemen, und erschreckt, so oft 
es weint. Ein verwöhntes Kind wird mutwillig, wie 
ein wildes Pferd; zärtle mit deinem Kinde, so musst 
du dich nachher vor ihm fürchten; spiele mit ihm, so 
wird es dich nachher betrüben; scherze nicht mit ihm, 
damit du nachher nicht mit ihm trauern müssest, und 
zuletzt deine Zähne kirren müssen. Laß ihm seinen 
Willen nicht in der Jugend, und verschone oder ent- 
schuldige seine Torheiten nicht. Beuge ihm den Hals, 
weil es noch jung ist; bläue ihm den Rücken, weil es 
noch klein ist (er sagt: Bläue ihm den Rücken), da- 
mit es nicht halsstarrig und dir ungehorsam werde. 
Ziehe dein Kind und laß es nicht müßig gehen, daß 
du nicht durch dasselbe zu Schanden werdest. Seht, 
welch einen wichtigen Befehl hat der Gläubige über 
seine Kinder, und auch über die, die ihm wie seine 
eigenen Kinder unbefohlen sind. Darum, liebe Schäf- 
lein, erduldet die gute Züchtigung, und fürchtet euch 
vor den Worten, so braucht ihr die harte Grausamkeit 
nicht auszustehen, sonst müsst ihr sie aber ausstehen, 
wie ihr gehört habt. 

Seht hierin, meine Kinder, in dieser angeführten, 
heiligen Zuchtlehre habe ich mich meiner Pflicht ge- 
gen euch entledigt, ich ermahne euch überhaupt hier- 
in, daß ihr nicht allein in eurer Jugend, sondern auch 
fernerhin in euren verständigen Jahren dem Rate der 
Weisen und Frommen gehorchen wollt, und allezeit 
die Christen liebet, die lieben Kinder Gottes, die heili- 
ge Gemeinde, die von allen Völkern für eine Sekte ge- 
halten werden, weil sie so fest auf den lebendigen Gott 
hoffen. Diesen lebendigen Gott der Gläubigen lernt 
früh kennen in der Schrift, denn wer zu Gott kommen 
will (sagt der Apostel Paulus), der muss glauben, daß 
er sei, und daß er auch ein Vergelter derer sei, die ihn 
durch die enge Pforte auf dem schmalen Trübsalswe- 
ge so sauer suchen. 


Kurze Anweisung von Gott, um Ihn an seinen 
beschriebenen Namen, seiner Herrlichkeit, seiner Hände 
Werk, seinen Wundertaten, seiner Stimme, Allmacht, 
Allwissenheit kennen zu lernen, daß er ein schrecklicher 
Feind seiner Feinde, aber auch eine treue Nothilfe der 
Frommen ist, und dergleichen mehr. 

Merkt doch, meine einfältigen Kinder, dieser ist eures 
Vaters Gott, der Gott aller Gläubigen von Anfang der 
Welt bis hierher gewesen, der Gott Abels, der Gott 
Noahs, der Gott Abrahams, Isaaks, Jakobs, Israels, der 
Gott Jesu Christi und aller Heiligen. Dieser ist der 
Gott, der nicht von jemandem oder von irgendeines 
Menschen Händen gemacht oder geehrt worden ist, 
sondern der Gott, der von Ewigkeit und vor allen 
Dingen war, und ewig sein wird, der Gott, von wel- 
chem und durch welchen alle Dinge geschaffen und 
gemacht sind; ja, Himmel, Erde, Meer, und alle Wer- 
ke, welche darin sind, durch sein Wort, seinen Geist 
und seine Allmacht. Dieser unser Gott ist gut den 
Guten und sehr erschrecklich seinen Feinden. Der- 
selbe ist gewaltig über alle Reiche und Königreiche, 
und ist ein Herr aller Herren. Dem Herrn ist niemand 
gleich. Du bist groß, und groß ist dein Name, und 
du kannst es mit der Tat beweisen. Wer sollte dich 
nicht fürchten, du König der Heiden? Man sollte dir 
ja gehorsam sein. Sein Name ist Herrscher, Herr, Herr 
Zebaoth, Abrahams, Isaaks, Jakobs, und der Väter 
Gott, das ist sein Name. Sein Name ist: Wunderbar, 
Rat, Kraft, Held, ewiger Vater und Friedensfürst; sei- 
ne Herrschaft ist auf Ihm ewiglich. Sein Name heißt 
Immanuel, das ist, Gott mit uns. Man kann seinen Na- 
men unmöglich ganz aussprechen, und darum wird 
er auch genannt: Jehova, Schaddai, Adonai, und auf 
andere Weise, damit sein unmöglicher, ungenannter 
und unaussprechlicher hoher Name desto vollkom- 
mener sei; außerdem wird er noch genannt: Gerecht, 
barmherzig guter Gott, Wahrheit, Licht, rechte Hand, 
heiliges verzehrendes Feuer. 

Seht, meine lieben Kinder, hier habt ihr von eures 
Vaters Gott gehört, von seiner Ewigkeit, der ohne An- 
fang und Ende ist, von seinen herrlichen hohen Na- 
men in der heiligen Schrift; so wollen wir denn nun 
ferner reden von seiner herrlichen, unbegreiflichen, 
unermesslichen Größe, Herrlichkeit und Unsichtbar- 
keit, von seiner göttlichen Gestalt, Form und seinem 
Bilde, denn Gott ist ein Geist. Denkt, wie groß der 
sein müsse, dessen Stuhl der Himmel, die Erde aber 
sein Fußschemel ist. Er sieht, er hört, und ist über- 
all, denn so spricht er durch Jeremia, bin ich nicht 
ein Gott, der nahe ist, und auch fern? Meint ihr, daß 
sich jemand so heimlich verbergen könne, daß ich ihn 
nicht sehen sollte? Bin ich es nicht, der alles erfüllt. 



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den Himmel und die Erde, spricht der Herr. Und an 
einem andern Orte bezeugt die Schrift: Er umfasst die 
Himmel mit der Spanne. Als er wandelte, so regten 
sich die Berge und die Grundfesten der Erde bebten. 
Wenn er sich zeigt oder hören lässt, so erregt er Furcht 
und Schrecken unter allen Menschen, wie man 2Mo 3 
liest, daß der Dornbusch wie eine Feuerflamme zu 
brennen schien, als er Mose zu sich rief, und ihn zum 
Fürsten über Israel machte, um sie aus Ägypten zu 
führen. Und abermals: Als Mose auf dem Berge Sinai 
mit Gott redete, wo er das Gesetz empfing, so rauchte 
der Berg, denn der Herr war hemiedergefahren auf 
den Berg mit Feuer, und sein Rauch ging auf, wie der 
Rauch von einem Ofen, daß der ganze Berg sehr beb- 
te, und der Posaunenklang wurde immer stärker mit 
Donner und Blitz, wovor das Volk erschrak. Selbst 
Mose erschrak und bebte; niemand durfte den Berg 
anrühren. Niemand konnte seine Stimme ertragen, 
ausgenommen Mose, und das doch mit Schrecken. In 
solcher Weise zeigt sich Gott (sagt Mose), damit ihr 
seine Furcht vor Augen haben und nicht sündigen 
mögt. So sagt denn Mose mit Recht: Der Herr euer 
Gott ist ein Gott aller Götter, ein Herr über alle Herren, 
ein großer Gott, mächtig und schrecklich, der keine 
Person ansieht, noch Geschenke annimmt. 

Seht, meine lieben Kinder, dieser große Gott ist wür- 
dig, daß man ihn allein fürchte, der Feib und Seele 
töten kann. Sirach sagt: Sieh, der ganze Himmel al- 
lenthalben, das Meer und die Erde beben, Berg und 
Tal zittern, wenn er sie heimsucht; sollte er denn in 
dein Herz nicht sehen? Ferner: Gott ist ein Zeuge über 
alle Gedanken, und erkennt alle Herzen gewiss, und 
hört alle Worte, denn der Weltkreis ist voll von dem 
Geiste des Herrn (er sagt, der Weltkreis ist voll von 
dem Geiste des Herrn), und der die Rede kennt, ist al- 
lenthalben; darum kann der nicht verborgen bleiben, 
der Unrecht redet. Ja, meine lieben Kinder, er weiß, 
wer Ihm zum Scheine und vor den Augen, oder mit 
aufrichtigem Herzen dient, denn die Weisheit Gottes 
ist groß, und er ist mächtig (sagt Sirach) und sieht alle 
Dinge, und seine Augen sehen auf diejenigen, die Ihn 
fürchten, und er weiß auch wohl, was Recht getan 
oder Heuchelei sei; ich sage: Er ist würdig, daß man 
Ihn fürchte, sein Gesetz wohl bewahre, seine Fiebe 
ausübe, und vor Ihm sehr klein und demütig sei. Das 
ist es auch, was er von seinem Volke fordert; lest Mi 6, 
auch in Moses Gesetze und dem Evangelium Christi. 
Denn er will Gehorsam und nicht Pracht und Augen- 
betrug der Opfer, wie wir an Saul ein Exempel haben. 
Wollt ihr mich denn nicht fürchten (sagt der Herr), 
der ich dem Meere den Sand zum Ufer setze, davor 
es bleiben muss? 

Ach, ach, liebe Kinder! Wie gut ist diese Furcht des 


Herrn, denn sie ist der Weisheit Anfang; sie ist die 
Wurzel der Weisheit, und ihre Zweige grünen ewig- 
lich. 

Diese Furcht des Herrn treibt die Sünde aus, denn 
wer ohne Furcht ist, der kann nicht gerechtfertigt wer- 
den; denn durch die Furcht des Herrn meidet man 
das Böse. Den Herrn fürchten ist eine Quelle des Fe- 
bens, dadurch meidet man die Stricke des Todes, denn 
die den Herrn fürchten, meine Kinder, gehen auf der 
rechten Bahn; wer sich aber nicht fürchtet, oder Ihn 
verachtet, der weicht von seinem Wege. 

Hieran, und so auch an dem eitlen Ruhme und 
Wahne der Furcht Gottes, könnt ihr die Furcht Gottes 
erkennen und wahrnehmen, und welche gottesfürch- 
tig seien oder nicht. 

Fest, welche die wahren Gottesfürchtigen sind: Ps 1; 
2; 119; 120; Sir 2,18; 15,1; 16,1; 32,24. Darum ist die 
Furcht Gottes die Hauptsumme und der Inhalt aller 
Bücher. Fest Fred 12,13. Gleichwie ihr nun etwas von 
der hohen Herrlichkeit Gottes gehört habt, welche 
wohl wert ist, daß man sich davor fürchtet, so will 
ich nun auch darüber euch etwas mitteilen, daß er 
auch ein unsichtbarer, schrecklicher und unerbittli- 
cher strenger Rächer und Feind seiner Feinde, dage- 
gen aber auch ein treuer Nothelfer seinen bedrängten 
Freunden sei, wie geschrieben steht im 2Mo: Ich bin 
der Herr dein Gott, ein eifriger Gott, der der Väter 
Missetat an ihren Kindern heimsucht bis ins dritte 
und vierte Glied derer, die mich hassen; und aber- 
mals: Ich tue Barmherzigkeit an vielen Tausenden, 
die mich lieb haben und meine Gebote halten, sagt er. 
Seht auch Gottes Wunderwerk in Ägypten an Pharao, 
der den Kindern Israel Feid antat, wie ihnen Gott, um 
deswillen auch wieder Feid zufügte, und ihr Fand 
mit vielem Missgeschick plagte, wie Gott zuletzt sei- 
nem Volke daraus geholfen, ihnen einen trockenen 
Durchgang durchs rote Meer verschafft, und mit ei- 
ner dunkeln Wolkensäule sie von Pharao unterschie- 
den und beschützt habe, den Pharao aber mit seiner 
Menge durch ein himmlisches Geräusch in der Fuft 
erschreckt, und sie alle im roten Meere ertränkt habe, 
als ein Gott von großer Macht. 

Als nun Israel durch das rote Meer und in der Wüs- 
te war, kam der König Amalek, ihnen Feid anzutun, 
dem widerstand Gott selbst, doch durch Josua, so- 
dass der Feind mit den Seinigen geschlagen und zu 
Grunde gerichtet wurde. Desgleichen stritt Gott noch 
einmal zu Josuas Zeiten mit Hagelsteinen; Israel aber 
mit dem Schwerte, Sonne und Mond standen still zum 
Dienste den ganzen Tag; der Streit währte lange; ja, 
Gott hat auch vom Himmel wider Sifera gestritten, 
und die Sterne stritten in ihrem Taufe. Auch zu ei- 
ner andern Zeit, als Samaria von den Syrern belagert 



438 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


wurde, stritt Gott für Samaria, und erschreckte die 
Feinde durch ein Geräusch in der Luft während der 
Nacht, wie von Degen, Reitern und Scharen, sodass 
sie flohen und alles zurückließen. 

Ebenso liest man auch von Serach, dem Mohren 
und den tausend mal tausenden seines Volks, von 
denen nicht einer davon gekommen ist; ebenso auch 
die Kinder Ammon und Moab aus Syrien, die Israel 
verfolgten; Gott stritt für Israel, Israel aber stand still, 
und Gott bewirkte, daß sich die Feinde untereinander 
zu Grunde richteten. 

Ebenso liest man auch von Gideon, Gott bewirkte, 
daß der Feinde, der Midianiten, Schwerter gegenein- 
ander stritten, wodurch sie sich, durch Gottes Schi- 
ckung, selbst zu Grunde richteten. 

Seht, meine lieben Kinder, welch ein unsichtba- 
rer schrecklicher Feind seiner Feinde, und ein treuer 
siegreicher Verteidiger seiner Freunde er sei, denn, 
wenn sein Volk in den Streit zog, mit Gottes Verwilli- 
gung, selbst wenn sie weder Bogen, Pfeil, Schild noch 
Schwert hatten, so stritt Gott für sie und erhielt das 
Feld. 

Niemand konnte diesem Volke Schaden tun, ausge- 
nommen, wenn sie von den Geboten des Herrn, ihres 
Gottes abwichen; alsdann übergab sie Gott den Hän- 
den des Feindes. Wir haben einen Gott der hilft, und 
einen Herrn Zebaoth, der von dem Tode erlöst; auf sol- 
che Weise rühmen die Heiligen die Hilfe Gottes. Als 
das Volk Gottes vormals von bösen Völkern und Kö- 
nigen mit Krieg überzogen wurde, und mit Vertrauen 
diesen ihren Gott um Beistand anrief, sieh, da sandte 
ihnen Gott nur einen Engel zu Hilfe, derselbe konnte 
alles bewirken, und wich nicht vor Tausenden. Lest 
2Kön 19,35; Jes 37,36. Ferner lest 2Makk 11,10. Auch 
liest man von den fünf Engeln Gottes, die mit golde- 
nen Zäumen zu Pferde stritten, und welches große 
Werk sie ausrichteten, lest 2 Makk 10,29. Nach Sodom 
sandte Gott zwei Engel, die Bösen zu verderben und 
die Guten zu bewahren. Hiervon lest 2Makk 12; Ri 7 ,22; 
lSam 14,20; 17,52; 2Chr 20,23. 

Seht, meine lieben Kinder, die Treue Gottes für sein 
Volk und seine Rache an den Bösen, wie ihr gehört 
habt, findet man in unzähligen Beispielen; auch findet 
man eine Menge Beispiele in der heiligen Schrift, wel- 
che uns zur Stärkung hinterlassen sind, damit wir auf 
denselben Gott hoffen, um seinetwillen leiden und 
ihm gehorsam sein möchten. Doch muss man solches 
mit Berücksichtigung der Zeiten von den früheren 
Kriegshändeln Israels verstehen, denn die Rache wi- 
der die Feinde, das Kriegen und Töten zur Zeit des 
Gesetzes, und auch früher, ist damals im alten Tes- 
tamente mit Gottes Willen, Gebote, Erlaubnis und 
auch mit seiner Hilfe geschehen; aber jetzt, unter dem 


Evangelium im neuen Testamente, muss es nicht so 
sein, und ist von Christo klar mit Worten und Exem- 
peln verboten, welcher Gott und Gottes Sohn selbst 
ist, dessen Wort man hören soll. Verboten ist es, sage 
ich, klar und deutlich genug, und zwar ist es nicht 
von Menschen verboten, sondern von Gott selbst; je- 
de Rache ist den Seinen versagt und verboten; darum 
müssen sie Gott alle Rache übergeben und anbefehlen, 
und dem Bösen nicht widerstehen, sondern müssen 
demjenigen, der ihnen den Mantel nimmt, auch den 
Rock geben, und dem, der sie auf den einen Backen 
schlägt, den andern auch darbieten, und dergleichen; 
ja, die Feinde lieben, für ihre Verfolger bitten, vor ih- 
nen weichen, aus der einen Stadt in die andere fliehen. 
Solche nun, welche so bedrängt werden, sollen selig 
sein und von Gott reichen Trost des ewigen Lebens 
empfangen. Summa, gar nicht streiten, und doch noch 
streiten, aber nicht mit Eisen, Stahl, Stein, Holz oder 
mit irgend körperlichen Handgewehren oder Waffen, 
sondern mit geistigen Waffen, die mächtig vor Gott 
sind. Lest, meine Kinder, ausdrücklich und klar Eph 6, 
welche Waffen und Krieg die Christen jetzt führen; 
jetzt haben die Christen einen andern Krieg, denn, 
merkt, die Weissagung, die von dieser Zeit redete, ist 
nun erfüllt, daß nämlich solche Leute ihre Schwerter 
zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln gemacht 
haben, von ihren Werken ruhen, den geistigen Sabbat 
recht feiern; darum sollen die Christen jetzt nicht krie- 
gen; ich weise euch nur an die früheren Kriege und 
die Nothilfe Gottes, euch damit die erschrecklichen 
Taten Gottes vorzustellen und zu erkennen zu geben, 
damit ihr Ihn erkennen, fürchten und Ihm gehorsam 
zu sein lernt. Ihm, vor welchem die Erde bebt und 
die Berge zittern, denn es werden diejenigen, welche 
Worte, Willen und Gebote ungehorsam sind, vor sei- 
nem Angesichte keinen Schlupfwinkel finden können, 
wenn Er mit seinen Engeln und seiner Feuerflamme 
erscheinen wird, um an allen Ungehorsamen Rache 
auszuüben. 

Darum, meine Kinder, lernt doch die Sünde erken- 
nen und meiden, denn um der Sünde willen müssen 
die Seelen in Ewigkeit verdammt werden. 

Was die Sünde sei, lind wodurch die Sünde sündig 
geworden sei, was der Sünden Lohn vor Gott sei und sein 
werde, oder wie Gott die Sünder dermaleinst strafen werde. 

Was die Sünde sei, solches weist die heilige Schrift klar 
nach. Der Prophet Samuel sprach zu Saul, als er des 
Herrn Gebot gebrochen hatte: Ungehorsam ist eine 
Zaubereisünde (merkt, Sünde); Johannes sagt: Alle 
Ungerechtigkeit ist Sünde; Jakobus sagt: Wer Gutes 
zu tun weiß, und tut es nicht, dem ist es Sünde (merkt. 



439 


was Sünde sei); Paulus sagt: Was nicht aus Glauben 
geschieht, ist Sünde. 

Aus diesem und dergleichen, meine Kinder, lernt 
die Sünde erkennen, wie Paulus sagt: Das Gesetz lehrt 
Erkenntnis der Sünden; ohne das Gesetz erkannte ich 
die Sünde nicht, das Gesetz macht, daß die Sünde 
über die Maßen sündig sei, denn wenn es sagt, laß 
dich nicht gelüsten, so nimmt daraus die Sünde ih- 
re Entstehung, und erweckt in uns allerlei Begierde. 
Daraus erkennt man denn, wodurch die Sünde sün- 
dig geworden sei, nämlich durch Gottes Gebot und 
Verbot. 

Wer nun die Dinge Übertritt, die er geboten hat, der 
tut Sünde; solches wird auch Sünde genannt und in 
beiden Testamenten als Sünde genugsam gestraft. Der 
Baum der Erkenntnis war Adam nicht unrein, ohne 
durch das Gebot, die Übertretung ward ihm zur Sün- 
de gerechnet. Von der Strafe der Sünden lest IMo 3,14. 
Die heidnischen Jungfrauen und Weiber waren den 
Juden nicht unrein, als durch Gottes Gebot, welches 
das nicht haben wollte. Von der Strafe lest Ri 3; 4Mo 25. 
Das Heiligtum oder die Arche Gottes, die doch rein 
war; dazu war kein Geschlecht unrein, sie anzurühren 
oder zu tragen, als durch das Gebot Gottes. Die Göt- 
ter der Heiden waren Israel nicht unrein, als durch 
das Verbot und das Verbannen Gottes und durch die 
Strafe, wie auch durch das Gebot und die Strafe. 

Seht, so könnt ihr wahrnehmen, wodurch die Sün- 
de, zuerst zur Sünde geworden sei, nämlich durch 
das Gebot und die Übertretung des Gebotes. Worüber 
man kein Gebot hat, daran kann man nicht sündigen, 
denn ohne das Gesetz war die Sünde tot. Die Sünde 
oder das sündliche Treiben war wohl in der Welt, aber 
wo kein Gesetz ist, da achtet man der Sünde nicht. 
Nun, liebe Kinder, lerne die Sünde meiden wie das 
Feuer, sobald ihr sie erkennt, denn wenn ihr zur Sün- 
de geht, so wird sie euch aufnehmen; aber ihre Bisse 
und Wunden sind böse und unheilbar. 

So lernt denn ferner verstehen, was von der Sünde 
kommt und was ihr Lohn sei, nämlich die Verdamm- 
nis und der Tod. Sie ist eine Feindschaft wider Gott, 
weil sie dem Gesetze Gottes nicht Untertan ist. Darum 
hört ferner die schreckliche und ungnädige, grausa- 
me Strafe Gottes über die Sünden und Sünder, welche 
geschehen ist und noch geschehen wird. Habt Acht 
darauf, meine lieben Kinder, habt doch Acht, rate ich 
euch, so lieb euch eure Seelen sind, auf diese sonder- 
bare, ewige Strafe der Sünde und Sünder. Also spricht 
der Herr: Ich schweige wohl eine Zeitlang und bin 
still, und enthalte mich, aber nun will ich wie eine 
Gebärerin schreien; ich will sie verwüsten und alle 
verschlingen. Wer ist unter euch, sagt er, der es zu 
Ohren nehme, der aufmerke und höre, was nachher 


kommt? Des Herrn Tag kommt grausam, zornig, grim- 
mig, das Land zu zerstören und die Sünder daraus 
zu vertilgen, denn es ist der Tag der Rache des Herrn, 
und das Jahr der Vergeltung, um Zion zu rächen; da 
werden ihre Bäche zu Pech werden und ihre Erde 
zu Schwefel, ja, ihr Land wird zu brennendem Pech 
werden, das weder Tag noch Nacht erlöschen wird. 
Dieses zukünftige Unglück, Gottes Strafe und gerech- 
tes Urteil ist auch vor sehr langer Zeit vorhergesagt 
und verkündigt worden, denn Enoch, welcher der 
Siebte von Adam auf Erden war, hat gesagt: Siehe der 
Herr kommt mit vielen tausend Heiligen, um über 
alle Gericht zu halten, und alle ihre Gottlosen zu stra- 
fen, um alle Werke ihres gottlosen Wandels, wodurch 
sie gottlos gewesen sind, und um alles das Harte, das 
die gottlosen Sünder wider Ihn geredet haben. 

Merkt, daß Gott droht, und zuvor genug warnt, wie 
Assur geschehen: Wehe dir, Assur, der du die Unge- 
rechten bei dir verbirgst; o arges Volk, sei eingedenk, 
was ich Sodom und Gomorrha getan habe, deren Land 
in Pech und Aschenhaufen liegt; ebenso will ich auch 
die strafen, welche mir nicht gehorcht haben, spricht 
der Herr, der allmächtig ist. Des Menschen Sohn wird 
seine Engel senden, und sie werden sammeln aus sei- 
nem Reiche alle Ärgernisse und die da Unrecht tun, 
und werden sie in den Feuerofen werfen. Dann wird 
der Herr zu denen zur Linken sagen: Geht von mir, 
ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist 
dem Teufel und seinen Engeln, denn ich bin hungrig 
gewesen, und ihr habt mich nicht gespeist; ich bin 
durstig gewesen, und ihr habt mich nicht getränkt. 
Seht, meine lieben Kinder, so wird es dort denen er- 
gehen, die solches hier nicht zeitlich achten, weil sie 
reich, satt und fröhlich sind, denn Christus sagt: Wehe 
euch Reichen, denn ihr habt euren Trost dahin, wehe 
euch, die ihr voll seid, denn euch wird hungern, wehe 
euch, die ihr hier lacht, denn ihr werdet noch weinen 
und heulen; wehe euch, wenn euch jedermann wohl 
redet. Als sie lebten, sagt Esra, und Gottes Wohltaten 
empfingen, erkannten sie dieselben nicht; sie verach- 
teten seinen Rat, und nahmen der Buße nicht wahr, als 
sie Zeit dazu hatten; darum müssen sie es nach dem 
Tode in der Pein erkennen; und als wir lebten, bedach- 
ten wir nicht, wenn wir Unrecht taten, daß wir nach 
dem Tode dafür leiden müssten, denn der Tod ist der 
Sünden Sold. Du aber, nach deinem verstockten und 
unbußfertigen Herzen, häufst dir selbst den Zorn auf 
den Tag des Zorns und der Offenbarung des gerech- 
ten Gerichts Gottes, welcher einem jeden nach seinen 
Werken geben wird, nämlich Preis und Ehre und un- 
vergängliches Wesen denen, die mit Geduld in guten 
Werken nach dem ewigen Leben trachten; aber denen, 
die zänkisch sind, und nicht der Wahrheit, sondern 



440 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


der Ungerechtigkeit gehorchen, Ungnade und Zorn, 
Trübsal und Angst über alle Seelen der Menschen, die 
Böses tun. 

Merkt noch einmal darauf, meine lieben Kinder, in 
welche Gefahr unser böses Fleisch uns hier stürzt und 
die Seele tötet; von der Lust und den Fleischeswerken 
kommt ewiges Trauern und Verlust des Himmels, wie 
Paulus Gal 5,16 sagt: Wandelt in dem Geiste, so werdet 
ihr die Lüste des Fleisches nicht vollbringen, denn das 
Fleisch gelüstet wider den Geist, und den Geist wider 
das Fleisch, diese sind wider einander, damit ihr nicht 
tut, was ihr wollt. Die Werke des Fleisches aber sind 
diese: Ehebruch, Unkeuschheit, Unreinigkeit, Wollust, 
böse Begierden; er führt deren noch mehrere an und 
setzt hinzu, daß diejenigen, die solches tun, das Reich 
Gottes nicht besitzen noch ererben werden. Alsdann 
wird niemand frei ausgehen vor der Rache Gottes, 
er erkenne Gott, oder kenne Gott nicht; ist er dem 
Evangelium ungehorsam gewesen, so muss er Gottes 
Strenge ertragen; denn Paulus sagt: Wenn der Herr 
Jesus sich samt den Engeln seiner Kraft und mit Feu- 
erflammen vom Himmel offenbaren wird, um Rache 
an denen zu üben, die Gott nicht erkennen und dem 
Evangelium unsers Herrn Jesu Christi nicht gehor- 
sam sind, (merkt) welche Pein leiden werden und 
das ewige Verderben, vor dem Angesichte des Herrn 
und vor seiner herrlichen Macht, wenn er kommen 
wird, daß er herrlich erscheine mit seinen Heiligen 
und wunderbar mit allen Gläubigen. 

Dem Evangelium ungehorsam zu sein, verdient kei- 
ne geringe Strafe; denn wer das Gesetz Moses übertrat, 
welches doch in seiner seligmachenden Wirkung ge- 
ringer ist als das Evangelium, der musste ohne Barm- 
herzigkeit durch zwei oder drei Zeugen sterben, wie 
Paulus sagt; aber um wie viel ärgere Strafe wird wohl 
der verdienen, der den Sohn Gottes mit Füßen tritt, 
und das Blut des Testaments unrein achtet, durch 
welches er geheiligt ist, und den Geist der Gnaden 
schmäht; diese erwartet ein erschreckliches Gericht 
und der Feuereifer, der die Widerwärtigen verzehren 
wird. Schrecklich ist es, in die Hände des lebendigen 
Gottes zu fallen, denn Gott ist ein verzehrendes Feuer. 
Wir kennen den, der sagt: Die Rache ist mein, ich will 
vergelten. Seht, weil nun das Evangelium so groß an 
Würde und reich in seiner seligmachenden Kraft ist, 
so verdient auch der eine größere Strafe wegen seiner 
Missetat und Undankbarkeit, der sich dessen weigert, 
es missbraucht und Übertritt, wie Paulus von Christo 
sagt: Seht zu, daß ihr euch dessen nicht weigert, der 
da redet; denn wenn jene nicht entflohen sind, die sich 
weigerten, als er auf Erden redete, wie viel weniger 
wir, wenn wir uns dessen weigern, der vom Himmel 
redet, dessen Stimme zu der Zeit die Erde bewegte. 


O meine Kinder, diese evangelische Zeit, worin wir 
jetzt sind, ist eine sehr teure, werte und angenehme 
Zeit, wie auch der Herr oft im Evangelium selbst be- 
zeugt, als: Wären zu Tyrus und Sidon solche Taten 
geschehen, warum urteilt ihr denn die angenehme 
Zeit nicht über euch? Selig sind die Augen, die da se- 
hen, was ihr seht. Jesus sagt: Jerusalem soll verwüstet 
werden (um der Sünde willen), weil es die Zeit seiner 
Heimsuchung nicht erkannt hat. 

O meine guten Kinder! Lernt doch Gutes und Bö- 
ses voneinander unterscheiden; lernt doch die böse 
Welt kennen, die da meinen, daß sie heilige Menschen, 
Christen und Gläubige Gottes seien, und doch des 
Teufels Schule sind, davon gibt ihr ganzer Geist, Le- 
ben und ihre Bosheit Zeugnis und Beweis, welche um 
ihrer Bosheit willen den Glanz der Frommen nicht 
ertragen, noch an ihnen leiden können; aber der Herr 
weiß die Gottseligen aus der Versuchung zu erlösen, 
die Bösen aber und Ungerechten zu behalten, um sie 
auf den Tag des Gerichtes zu peinigen, vorzüglich 
aber die, welche nach dem Fleische in der unreinen 
Lust wandeln. Was nun Gott mit solchen im Sinne ha- 
be, hat er uns an den Sündern aus den früheren Zeiten 
bewiesen, indem Gott die Engel, die gesündigt haben, 
nicht verschont, sondern sie mit Ketten der Finster- 
nis zur Hölle verstoßen und übergeben hat, damit sie 
zum Gerichte behalten würden, und der Vorwelt nicht 
verschont, sondern Noah, den Prediger der Gerech- 
tigkeit mit sieben andern bewahrte, und die Sündflut 
über die Welt der Ungerechten führte, indem er die 
Stadt Sodom und Gomorrha zu Asche gemacht, um- 
gekehrt und verdammt, und dadurch den Gottlosen, 
die nachher kommen würden, ein Exempel gegeben 
hat. 

Hieraus könnt ihr wahrnehmen, daß Gott weder 
der Engel noch der ganzen Welt schont, obschon ih- 
rer so viele und sie hochgeachtet und erwählt waren; 
so ist es oft dem großen Haufen ergangen, denn die 
Gottlosen sind darum nicht besser, wenn ihrer auch 
viele sind, wie auch Sirach sagt: Verlass dich nicht 
darauf, daß der Haufe groß ist, mit denen du übel 
tust, sondern denke, daß dir die Strafe nicht fern sei. 
Darum demütige dich von Heizen, denn Feuer und 
Würmer ist die Rache über die Gottlosen; denn gleich- 
wie einer, der mit wilden Tieren umgeht, von ihnen 
gerissen wird, so geht es auch dem, der den Gottlosen 
anhängt, und sich in ihre Sünden mengt. Ein Kind, 
das den Herrn fürchtet, gefällt ihm besser als tausend 
Gottlose; darum verlasse sich niemand darauf, daß er 
viele seinesgleichen hat im Bösen, rühme dich auch 
nicht der Barmherzigkeit Gottes vor deiner Bekeh- 
rung, denn wenn Gottes Feuer und Strafe anbrennt, 
so verzehrt es alle Bösen, Groß und Klein. Seht, das 



441 


Feuer verbrannte den ganzen Haufen der Gottlosen, 
und der Zorn ging an über die Ungläubigen. Er ver- 
schonte der Riesen nicht, die mit ihrer Stärke zu Boden 
fielen; er verschonte auch nicht derer, bei welchen Lot 
ein Fremdling war, sondern verdammte sie um ihres 
Hochmutes willen, und verderbte das ganze Land oh- 
ne alle Barmherzigkeit, die es mit Sünden überzogen 
hatten. Auf solche Weise hat er wohl 600 000 hinweg- 
gerafft, weil sie ungehorsam waren; wie sollte also 
ein einziger Ungehorsamer ungestraft bleiben? Denn 
er ist wohl barmherzig, aber er ist auch zornig, und 
lässt sich versöhnen, und straft auch gräulich. So groß 
seine Barmherzigkeit ist, so groß ist auch seine Strafe, 
und richtet einen jeden, wie er es verdient. Der Gott- 
lose wird mit seinem Unrecht nicht entgehen, und 
des Lrommen Hoffnung wird nicht ausbleiben. Seht, 
vor Gott gilt ein großer Haufe wenig; wer sündigt, 
muss sterben, denn ein stolzes Herze ist dem Herrn 
ein Gräuel, und wird nicht ungestraft bleiben, wenn 
sie sich auch alle aneinander hängen. Ferner: Die Rot- 
te der Gottlosen ist wie ein Haufen Wergs, das durch 
Feuer verzehrt wird. Die Gottlosen gehen zwar auf 
einem feinen Pflaster, dessen Ende aber der Höllen 
Abgrund ist. Deshalb hat die Hölle ihren Rachen weit 
aufgesperrt, daß Groß und Klein, ihre Herrlichen und 
ihr Pöbel hinunterfahre. Viele sind berufen, aber we- 
nige auserwählt. Die Pforte ist weit und der Weg breit, 
der zur Verdammnis führt, und viele sind ihrer, die 
darauf wandeln. Dennoch sage ich: Der größte Haufe 
wird verdammt und verloren sein, dies ist klar und 
nicht zu leugnen. 

Liebe Kinder, wer Gott weder fürchtet, noch an ihn 
glaubt, der achtet auch solche gewisse Zusage und 
grausame Bedrohung nicht; wie auch die Schrift sagt: 
Solch Drohen ist von den Augen zu sehr entfernt, und 
wenn ein ruchloser Mensch solches hört, so bleibt er 
doch bei seiner Torheit und seinem Irrtume. Deshalb 
sagt auch Salomo ganz richtig: Weil über die bösen 
Werke nicht sofort ein Urteil gefällt wird, so wird das 
Herz der Menschen voll Böses zu tun, und wenn ein 
Mensch hundert Mal Böses tut, und doch lange lebt, 
so weiß ich doch, daß es denen wohl gehen wird, die 
Gott fürchten. Ich schweige wohl eine Zeitlang, sagt 
der Herr, und bin still, und enthalte mich; nun aber 
will ich wie eine Gebärerin schreien; ich will sie ver- 
wüsten und alle verschlingen. Wenn das Kind zur 
Geburt kommt, dann werden die Schmerzen keinen 
Augenblick feiern; ebenso wird kein Unglück verzie- 
hen, auf Erden zu kommen, und die Welt wird seuf- 
zen, und Leid wird sie umfangen. 

Ach, ach, wohl dem, der sich allezeit fürchtet; wer 
aber eines harten Herzens ist, wird in Unglück fal- 
len, wie zur Genüge gehört worden ist. Merkt hier 


auf die Langmut Gottes gegen die Sünder, doch hat 
er sie endlich noch gestraft. Paulus sagt ganz rich- 
tig: Gott lässt nicht mit sich spotten. Meinst du, daß 
ich allewege schweigen werde, spricht der Herr, daß 
du mich so gar nicht fürchtest. Ich will aber deine 
Gerechtigkeit anzeigen und deine Werke, daß sie dir 
kein nütze sein sollen. Wenn du rufen wirst, so laß 
dir deine Haufen helfen; aber der Wind wird sie hin- 
wegführen, und Eitelkeit wird sie wegnehmen. Die 
heilige Schrift sagt mit Recht, daß unser Gott ein ver- 
zehrendes Feuer sei; was aber Feuer sei, davon lest 
Jes 10,16, Joel 3,3; Nah 3,15; Sach 11,1. Manasse sagt 
mit Recht: Gott, dein Zorn ist unerträglich, womit du 
den Sündern drohst. Ebenso sagt auch Nahum von 
dem erschrecklichen Zorne Gottes: Die Berge zittern 
vor Ihm, und die Hügel zergehen; das Erdreich bebt 
vor Ihm, dazu der Weltkreis und alle, die darin woh- 
nen. Wer kann vor seinem Zorne bestehen (und wer 
kann vor seinem Grimme bleiben), sein Zorn brennt 
wie Feuer, und die Felsen zerspringen vor Ihm. Micha 
sagt: Der Herr wird ausgehen aus seinem Orte, und 
herabfahren, und auf die Höhen im Lande treten, daß 
die Berge unter ihm schmelzen und die Täler zerrei- 
ßen werden, gleichwie Wachs vor dem Feuer schmilzt, 
wie die Wasser, die unterwärts fließen. Das alles um 
der Übertretung willen Jakobs und um der Sünden 
willen des Hauses Israel. O wer könnte genug von sol- 
chen Schriftermahnungen schreiben. Wahrlich, meine 
lieben Kinder, seht, wer die heilige Schrift, die Bibel, 
für das gewisse Zeugnis, Wort und den Ausspruch 
Gottes erkennt, und alles dasjenige glaubwürdig ach- 
tet, was darin von Gott steht, und insbesondere von 
seiner treuen Warnung vor allen Sünden, von dem ver- 
heißenen Lohne der Übertretung, von den Exempeln 
seiner Sündenstrafe, die viele betroffen hat, und von 
allen strengen und feuern Eiden, worin er den Unbuß- 
fertigen sein Reich abgesagt hat, wie zuvor zum Teile 
gemeldet worden ist, und worüber im weiteren Ver- 
laufe ein kurzer Bericht gegeben werden soll, der, sag 
ich, mag sich wohl vor Gott entsetzen. Haut und Haar 
seines Hauptes mag ihm wohl schaudern mit David; 
sein Lachen mag und wird sich wohl in Weinen ver- 
wandeln, bis daß er Frieden mit Gott erlangt, wenn 
anders nur ein Tropfen von der Furcht Gottes und 
dem Glauben an sein Wort in dem Innersten seines 
Herzens ist. Zunächst werde ich von Gottes Warnung 
vor den Sünden reden. 

Doch ja, meine lieben Schäflein, die Zeit wird mir 
nun benommen, um dieses ferner nach dem Vorsätze 
und Entwürfe auszuführen, wiewohl es fast am En- 
de ist; aber ich dachte, dieses zu verbessern und mit 
trefflichen Buchstaben besser abzuschreiben; doch ist 
es nun getan; ich muss und will mich nun von allem 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


scheiden, und zum sterben bereit machen, da mein 
Tod (wie mich dünkt) nach vier Tagen erfolgen wird. 
Seht, meine lieben Kinder, ich bin darüber fröhlich 
und guten Muts in dem Herrn, und hoffe meines Lei- 
bes um der Wahrheit willen nicht zu schonen, sondern 
denselben zu einem Opfer zu geben, das lebendig, hei- 
lig und Gott zum Gottesdienste wohlgefällig ist, auch 
hoffe ich, durch Gottes Gnade, daß ich euch, meine lie- 
ben Kinder, als ein Vater, sowohl in meinem Leben als 
im Sterben, mit einem guten Beispiele vorangegangen 
sei; wenn ihr zu Verstände kommt, so nehmt es wohl 
zu Herzen, und folgt also Christo nach mit mir, wie er 
uns in allem Leiden und aller Helligkeit vorgegangen 
ist, dann werden wir wieder Zusammenkommen, und 
das immer und ewiglich im Himmelreiche, in den 
ewigen Freuden. 

Meine lieben Kinder, wenn ihr auch nicht zusam- 
men wohnt, so habt doch einander um desto lie- 
ber und erweist eure Liebe untereinander, worin ihr 
könnt; es sei durch Grüße oder lehrreiche Briefe; 
schreibt auch dieses Büchlein dreimal ab; für jedes 
von euch eins. 

Zunächst sende ich es dir, mein lieber Sohn Alewyn 
Henrich, weil du der Älteste bist. Überlege es, was 
ich dir zur Lehre geschrieben habe; teile es auch dei- 
nen Schwestern mit. Nun, gute Nacht, zum ewigen 
Abschiede, meine drei Waislein. 

Geschrieben von mir, Henrich Alewynß, eurem lie- 
ben Vater. 

Hier folgt ein Brief von Hans Marynß geschrieben, 
den er aus seiner Gefangenschaft an seine lieben 
Brüder und Schwestern gesandt hat. 

Habt Gott vor Augen alle Zeit. 

Gnade, Friede, Freuden von Gott, unserm himmli- 
schen Vater, Weisheit, Gerechtigkeit und Wahrheit 
durch Christum Jesum, seinen lieben Sohn, unsern 
Herrn und Heiland, und den Trost und die Erleuch- 
tung des Heiligen Geistes, wünsche ich euch (sehr 
geliebten Brüder und Schwestern in dem Herrn) zum 
freundlichen Gruße und ewigen Abschiede aus dieser 
betrübten Welt, wo doch nichts zu finden ist, als Be- 
trübnis des Herzens, und hoffe dermaleinst mit allen 
auserwählten Heiligen Gottes unter dem Altäre zu 
ruhen, wo ich euch zu erwarten hoffe; dazu wolle uns 
der Herr seine Gnade gönnen, und mich elenden Sün- 
der bis ans Ende bewahren, wie ich auch zu ihm die 
Hoffnung und das Vertrauen habe, daß er tun werde, 
Amen. 

Wisset, sehr geliebte Brüder und Schwestern in dem 
Herrn, daß wir alle noch wohlauf sind; der Herr sei 


gelobt; wir sind auch alle gesonnen, unsre ganze Le- 
benszeit bei des Herrn heiliger Wahrheit zu bleiben, 
wofür wir dem Herrn nimmer genugsam danken kön- 
nen oder mögen. Ach, liebe Brüder und Schwestern, 
wie sollten wir Ihm zur Genüge danken können, daß 
er mich Unwürdigen so liebt, daß ich um seines hei- 
ligen Namens willen leiden soll, wie ich durch seine 
Gnade hoffe; wie ich denn auch hoffe, mit allen lieben 
Heiligen Gottes zu hören: Kommt her, ihr Gesegneten 
meines Vaters, und ererbt das Reich, das euch von An- 
beginn bereitet ist. Ach, liebe Brüder und Schwestern, 
welche schöne Verheißungen sind den Überwindern 
gegeben, daß sie, wie die Sonne, in ihres Vaters Reiche 
leuchten sollen, als Hausgenossen Gottes, und von 
dem verborgenen Himmelsbrote und von dem Hol- 
ze des Lebens essen sollen, das mitten im Paradiese 
Gottes steht! Ach, was sollte ich euch viel schreiben! 
Ich habe die Hoffnung und das Vertrauen, daß ihr alle 
von Gott selbst unterrichtet sein werdet; darum weiß 
ich euch auch, liebe Brüder und Schwestern, nichts Be- 
sonderes zu schreiben, als daß wir allezeit uns beflei- 
ßigen, das zu bewahren, was uns anvertraut ist, damit 
niemand unsere Krone nehme, denn Petrus sagt: Der 
Teufel geht um uns her, wie ein brüllender Löwe, und 
sucht, welchen er verschlinge; dem widersteht fest 
im Glauben. Ach, es soll uns wohl gelohnt werden, 
wenn wir den Anfang seines Wesens bis ans Ende fest 
behalten. Hiermit gedenke ich euch alle dem Herrn 
anzubefehlen und dem reichen Worte seiner Gnade, 
welches mächtig genug ist, uns alle aufzubauen zu 
seinem himmlischen Königreiche, Amen. Desgleichen 
bitte ich euch freundlich, gebt doch Achtung auf mein 
Kind, so viel in eurem Vermögen ist; auch habe ich 
die Schwester zu Flissingen dieserhalb gebeten, und 
so auch Christian; ihr könnt euch darüber beraten, 
was das Beste sei, denn ich muss nun davon scheiden, 
sodass ich es nicht versorgen kann, wiewohl ich von 
Herzen damit zufrieden bin, und nicht nur bereit bin, 
Weib und Kinder zu verlassen, sondern auch Leib und 
Leben, wenn mich anders der Herr bewahrt, wie er 
mich bewahrt hat und fernerhin tun wird. Ach liebe 
Brüder und Schwestern, wir sind alle so wohlgemut; 
und ich Henrich, wie auch Gerhard, lassen euch al- 
le herzlich grüßen; grüßt mir Henrich und Maeyken, 
wie auch Adrian und Gerhard, Coelemey und deinen 
Mitgesellen Lieven, desgleichen Huybert, ferner Ade 
mit ihrem Manne, auch Jakob Wit und die andern Brü- 
der, wie es sich fügt, und sagt ihnen allen gute Nacht. 
Geschrieben den 3. Februar im Jahre 1569, nachdem 
ich zum Tode verurteilt war. Gute Nacht, alle zusam- 
men; haltet euch stets tapfer. Ich hoffe, wir werden 
einander Wiedersehen. Teilet der Geertchen bisweilen 
von dem Gewinne etwas mit, wie es euch am bes- 



443 


ten dünkt, und begegnet ihr, wie es ihr am besten ist; 
darum bitte ich euch sehr. 

Von mir, Hans Marynß, eurem unwürdigen Bruder 
in dem Herrn, was ich für dieses Mal zu eurem Besten 
vermag. 

Anpleunis von dem Berge, im Jahre 1566. 

Dieser Anpleunis von dem Berge musste, weil mit 
seiner Bewilligung im Jahre 1569 die rechte Predigt 
des Wortes Gottes auf seinem Lande öffentlich ge- 
halten wurde und er einige Brüder beherbergt hatte, 
sein eigenes Haus und Gut verlassen, sich verbergen, 
und bei andern guten Freunden sich aufhalten (so 
scharf wurden damals die Christen verfolgt), bis er 
endlich, als er einst unterwegs war, gefangen wurde, 
weil nämlich jemand, der ihn gehen sah, sagte: Da 
geht der Mann, der auf seinem Lande hat predigen 
lassen, und wiewohl er dem Diener, der ihn fing, sei- 
nen Beutel mit fünfzig Pfund Flämisch anbot, wenn er 
ihn frei lassen wollte, so ist er doch nach Kortryck ins 
Gefängnis gebracht worden, wo er, nach freimütigem 
Bekenntnisse seines Glaubens, sowohl mit Geißeln 
als auf andere Weise scharf gepeinigt worden ist. Als 
er aber keineswegs von seinem Glauben abweichen, 
oder jemanden von seinen Mitgliedern verraten woll- 
te, so ist er endlich zum Tode verurteilt und im Jahre 
1569 mit Feuer verbrannt worden, wodurch er ein 
Haus und Erbe erlangt hat, das in Ewigkeit nicht von 
ihm genommen werden soll. 

Jasper, ein Taschringmacher, im Jahre 1569. 

Auch ist um das Jahr 1569 zu Antwerpen ein Bru- 
der, genannt Jasper, ein Taschringmacher, zur Haft 
gebracht worden, welcher, als er wegen seines Glau- 
bens untersucht wurde, denselben freimütig bekannt, 
und um keines Flehens, Drohens oder Peinigens wil- 
len davon hat abfallen wollen; darum ist er, um seiner 
Standhaftigkeit willen, als ein Ketzer zum Tode ver- 
urteilt worden, und hat durch das Feuer sein Opfer 
vollbracht. Darum wird das ewige Feuer dasjenige 
nicht verderben, was er auf den Grund Jesum Chris- 
tum gebaut hat. 

Dirck Anoot, und Wilhelm, ein Säger, im Jahre 
1569. 

Als der Herzog von Alba wider das Evangelium ge- 
waltig wütete, gleichwie Antiochus wider das Ge- 
setz, IMakk 7, so sind im Jahre 1569 Dirck Anoot, von 
Westvleteren, und Wilhelm, ein Holzsäger, nach Ypern 
in Flandern gebracht worden, welche, weil sie keines- 


wegs durch Druck, Angst, oder irgendein angetanes 
Leid von der Wahrheit abgebracht werden konnten, 
zuletzt zum Feuer verurteilt worden sind; darauf hat 
man einem jeden derselben einen Stock in den Mund 
gebunden, damit sie nicht reden möchten, und sie auf 
den Markt vor das Besant oder Stadthaus gebracht; 
dort hat man sie an Pfähle gestellt und verbrannt. Al- 
so haben sie, als solche, die ihr Leben nicht geliebt, 
sondern es für das Evangelium hingegeben haben, 
ihre Leiber Gott, ihrem Herrn, zum Brandopfer aufge- 
opfert. 

Tanneken von der Mühlen, Jaecxken von Hussele 
und Jaecxken Teerlings, 1569. 

Auch sind zu Gent in Flandern drei Schwestern um 
des Glaubens willen gefangen worden; nämlich Tan- 
neken von der Mühlen, Jaecxken von Hussele und 
Jaecxken Teerlings, welche um des Herrn willen fünf 
Kindlein hat verlassen müssen, die sie, weil sie mit 
ihren beiden andern gefangenen Mitschwestern für 
seinen Namen streiten helfen musste. Ihm, als einem 
treuen Beschützer und Versorger, anbefohlen hat; in 
diesem Streite haben sie alle drei solch ein männliches 
Gemüt bis in den Tod bewiesen, daß auch selbst die 
Tyrannen sich darüber verwundern mussten, welche 
sich noch mehr verwundern werden, wenn sie der 
Posaunen Schall hören, und sehen werden, daß diesel- 
ben mit allen Kindern Gottes in die ewige Freude und 
Wonne werden aufgenommen, sie aber, als zur Linken 
stehende, in die ewige Qual verwiesen werden, wo 
ihnen die Zeit der Buße benommen sein wird. 

Joost Geothals, Roelandt und Pieter Stayert, 
Janneken Roelands und Janneken de Jonkheere, 
1569. 

Im Jahre 1569 sind zu Gent in Flandern um des Glau- 
bens willen drei Brüder und zwei Schwestern, mit 
Namen Joost Goethals, Roeland und Pieter Stayert, 
Janneken Roelands und Janneken de Jonkheere, ge- 
fangen genommen worden. Diese haben vieler Un- 
tersuchung, Prüfung und Anfechtung widerstehen 
müssen, haben sich aber doch in diesem allem bis an 
den Tod tapfer gehalten, sodass sie wie Gold im Feu- 
er probiert worden sind, worin auch dasjenige, was 
sie auf den Grundstein Christus gebaut hatten, nicht 
vergangen ist; darum werden sie auch, weil sie hier 
in wenigem getreu gewesen sind, mit dem guten und 
treuen Knechte über viel gesetzt werden, und in den 
Himmel zu ihres Herrn Freude eingehen. 



444 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Christoffel Buyze, Lorentz von Rentergem, Joost 
Meerßenier und Grietgen Baets. 

Nicht lange darauf wurden ferner drei Brüder und 
eine Schwester, mit Namen Christoffel Buyze, Lorentz 
von Rentergem, Joost Meerßenier und Grietgen Baets 
zu Gent gefangen genommen. Diese haben freiwillig 
das Kreuz Christi aufgenommen, um Ihm nachzufol- 
gen, und haben auf dem engen Pfade viel Anfechtung, 
Schmach und Pein leiden müssen; aber in all diesem 
haben sie sich tapfer gehalten, und konnten keines- 
wegs zum Abfalle bewogen werden, sodass sie end- 
lich um des Namens Christi willen ihr Leben haben 
lassen und mit Ihm durch die enge Pforte eindringen 
müssen, damit sie das Reich Gottes mit Gewalt ein- 
nehmen möchten, wo sie Ihn im neuen Jerusalem zum 
ewigen Lichte haben und mit allen denen, die tapfer 
für die Wahrheit gestritten, in ewigwährender und 
unvergänglicher Freude leben werden. 

Brief von Nelleken Jaspers Tochter aus dem 
Gefängnis zu Antwerpen geschrieben. 

Abschrift eines Briefes, welchen eine Jungfrau, jung 
von Jahren, genannt Nelleken Jaspers Tochter, von 
Blyenberg, aus dem Gefängnisse zu Antwerpen ge- 
schrieben, welche auch daselbst um des Zeugnisses 
Jesu Christi und seines göttlichen Wortes willen ihr 
Leben gelassen hat: 

Gnade und Friede sei von Gott, dem ewigen all- 
mächtigen Vater durch Jesum Christum, der sich 
selbst für uns in die Hände der Feinde um unserer 
Sünden willen dahingegeben, auch viel von den Sün- 
dern erlitten hat, damit er uns von der argen verkehr- 
ten Welt, nach dem Willen seines Vaters, erlösen möch- 
te; demselben sei Preis und Ehre von Ewigkeit zu 
Ewigkeit, Amen. 

Diesen blutigen und gekreuzigten Jesum Christum 
wünsche ich zum herzlichen Gruße und Geschenke 
eures Gemüts allen heben Brüdern und Schwestern 
in dem Herrn, und allen denen, die Gott von Herzen 
fürchten. Ferner tue ich euch, meinen herzlich gelieb- 
ten und werten Freunden und Auserwählten in dem 
Herrn, kund, daß mein Gemüt noch unverändert sei, 
und daß ich bei der ewigen Wahrheit mein ganzes Le- 
ben hindurch und solange ein Atem in meinem Leibe 
ist, zu stehen begehre; ich bin guten Muts, dem Herrn 
sei ewiges Lob, Preis und Dank für seine große Gnade, 
die er an mir erweist, denn ich bin von Anfang her 
wohlgemut gewesen, ja, er gibt mir solche Freude in 
mein Herz, daß ich es nicht aussprechen kann; eben- 
so kann ich auch dem Herrn nicht genug für seine 
großen Wohltaten danken, die er an mir erweist. 


Desgleichen lasse ich euch auch wissen, meine he- 
ben Brüder und Schwestern in dem Herrn, daß ich 
vor den Herren gewesen bin; es waren aber ihrer vier, 
der Markgraf, zwei Gerichtsherren und der Schreiber 
des Blutgerichts. Als ich in die Kammer kam, grüßte 
ich sie; da sagte der Markgraf: Wohlan, Tochter, wie 
geht es dir? Ich antwortete: Sehr wohl, meine Her- 
ren. Der Markgraf sagte: Ob ich mich im Gefängnisse 
nicht müde gesessen hätte; ich erwiderte: Ja, meine 
Herren, es wäre mir sehr heb, wenn es euch gefiele, 
mich ans Ende zu bringen. Der Markgraf sagte: Wie, 
o Tochter? Du musst nicht so reden, du musst deine 
Meinung fahren lassen, dann wird dir der König Gna- 
de erweisen; ich entgegnete: Ihr habt meinen Vater 
und meine Mutter ans Ende gebracht, und so auch 
die beiden andern Jünglinge; mich aber habt ihr sit- 
zen lassen, was mich sehr betrübt hat. Der Markgraf 
sagte: Wieso, Tochter? Sollte ich dir mit deinem Vater 
und deiner Mutter zum Ende geholfen haben, so wäre 
dies, meiner Meinung nach, nicht gut gewesen, bist 
du doch noch nicht getauft; der König wird dir Gna- 
de erzeigen. Die Gerichtsherren sagten: Ist sie noch 
nicht getauft? Der Markgraf erwiderte: Nein; ich sag- 
te: Nein, das ist wahr, ich bin noch nicht getauft; aber, 
wenn ich des Abends frei würde, so wollte ich es des 
Morgens, wenn es möglich wäre, geschehen lassen; 
da seufzten sie über mich, und ich sagte: Die beiden 
Jünglinge waren auch noch nicht getauft; hierauf er- 
widerten sie: Das ist wahr, sie wollten nicht von ihrer 
Meinung weichen; man hat Mühe genug angewandt; 
ich sagte: Ich will auch nicht von meinem Glauben 
weichen, worauf sie entgegneten: So wird es dir auch 
nicht besser ergehen; ich sagte, ich wäre wohl damit 
zufrieden, denn wenn sie mich auch auf einem Roste 
braten oder in Öl sieden würden, so hoffte ich doch, 
durch die Gnade des Herrn, von der Wahrheit nicht 
abzufallen, solange als ein Atem in mir wäre; dazu 
bin ich, sagte ich, wohlgemut, lieber heute als mor- 
gen; ich habe die Hoffnung und das feste Zutrauen 
zum Herrn, daß er mir helfen werde; ich habe mein 
Vertrauen fest auf das Wort des Herrn gesetzt, wenn 
er sagt: Verzagt nicht, ihr Auserwählten, ich will euch 
im Feuer und Wasser bewahren, auch will ich euch 
nicht über euer Vermögen versucht werden lassen. Da 
sagten sie: Tochter, du bist verführt; dein Vater und 
deine Mutter haben dich verführt; sie haben dich dazu 
gezwungen; du warst unter ihrer Botmäßigkeit und 
hast es wider deinen Willen getan; jetzt aber bist du 
frei davon und hast deinen freien Willen; darum laß 
es fahren; der König wird dir Gnade erzeigen; du bist 
noch jung und dergleichen Worte mehr; ich erwider- 
te, daß ich bei dem bleiben wollte, was ich hätte; sie 
sagten, ich sollte mich bedenken; ich antwortete, ich 



445 


hätte mich schon bedacht und genug besonnen. 

Sie sagten, ich sollte bedenken, daß sie auch eine 
Seele hätten, und auch gern selig werden wollten; ich 
erwiderte, daß viele Menschen wären, die sich gern 
mit Christo freuen, wenige aber, die mit ihm leiden 
wollten; sie sagten, es wäre mit dem Leiden nicht aus- 
gemacht; ich entgegnete, Christus selbst hätte leiden 
müssen, um wie viel mehr wir? Darauf erwiderten 
sie nichts und sagten: Laß ab von deiner Meinung, 
wir wollen dir Gelehrte bestellen, mit denen du allein 
sein sollst, und wir überlassen dir die Wahl, welche 
gelehrte und geistliche Männer du begehrst; darauf er- 
widerte ich, daß ich keine verlange, sondern bei dem 
bleiben wolle, was ich hätte. Sie sagten, wenn ich in 
solchen Ansichten stürbe, so müsste ich in Ewigkeit 
verdammt sein, und daß mein Vater, meine Mutter 
und meine Brüder wollten, daß sie wieder hier wären 
und sich bekehren könnten; ich erwiderte, ich wüsste 
es besser. Wir redeten noch viel miteinander, was ich 
der Kürze wegen nicht anführen will und wovon ich 
auch einen Teil vergessen habe. So ist demnach, meine 
herzlich geliebten Brüder und Schwestern, die ich aus 
dem Innersten meines Herzens lieb und wert habe, 
meine herzgründliche Bitte und Begehren an euch, 
daß ihr den Herrn für mich bitten wollet, daß ich es 
ausführen möge dem Herrn zum Preise und mir zur 
ewigen Seligkeit, Amen. 

Denn ich muss noch, liebe Freunde, eine große Wüs- 
te durchwandern, indem es hier wüst und gefährlich 
ist, ja, ich muss noch auf Disteln und Dornen treten, 
bis mir die Krone des Lebens zubereitet ist. Dieses ist 
die rechte Wahrheit; es wird in Ewigkeit keine andere 
gefunden werden. Ach, meine lieben Schäflein, weicht 
doch nicht von dem Herrn! Er wird nicht zugeben, 
daß ihr über Vermögen versucht werdet, denn er ist 
ein treuer Nothelfer, eine Stärke in der Schwachheit, 
und denen ein Tröster in Betrübnis, die von Herzen 
betrübt sind. Lasst uns mit Ernst uns Ihm in die Arme 
geben und alle unsere Sorge auf Ihn werfen, denn er 
sorgt für uns und will selbst unserer wohl wahrneh- 
men, damit wir mit allen Heiligen das Abendmahl 
im himmlischen Wesen halten mögen, wo Christus 
sich selbst auf schürzen und an der Tafel dienen wird. 
Hiermit gedenke ich euch dem Herrn und dem kräf- 
tigen Worte seiner Gnade anzubefehlen; der Friede 
Gottes erhalte in eurem Herzen die Oberhand; ich las- 
se alle unsere lieben Brüder und Schwestern, und alle, 
die Gott von Herzen fürchten, mit dem Friedens des 
Herrn herzlich grüßen. 

Von mir, Nelleken Jaspers Tochter von Blyenberg, 
eurer unwürdigen Schwester in dem Herrn im Jah- 
re 1569, den 12. Dezember; sendet mir bisweilen ein 
Brieflein, denn es ist mir sehr angenehm. 


Pieter der Alte, Jan Watier, Jan von Raes, Wouter 
Denys, Francois, ein Zimmermann, und Kalleken, 
des Anpleunis von dem Berge Witwe. 

Auf dieselbe Weise wie die Juden mit dem Hirten um- 
gegangen sind, so gehen ihre Nachfolger noch mit 
seinen Schafen um. Ein solcher Fall hat sich auch im 
Jahre 1569 zugetragen, wo nämlich die von Kortryck 
nach Meenen gekommen sind, und dort einen Bruder, 
Pieter der Alte genannt, gefangen genommen haben. 
Als sie aber damit noch nicht zufrieden waren, sind 
sie des Freitags Nachts vor Ostern wieder gekommen 
und haben Jan Watier, Jan von Raes, Wouter Denys, 
Francois, einen Zimmermann, und Kalleken, Witwe 
des Anpleunis von dem Berge (welcher zuvor auch 
aufgeopfert worden war) gefangen genommen. Die- 
se wurden so fest gebunden, daß es einen jammerte 
es anzusehen. Jan Watier sagte: Ist hier jemand von 
Körnen, der grüße mir mein Weib, und sage ihr, daß 
sie Gott fürchte. Darnach wurden sie nach Kortryck 
geführt; dort lagen sie drei Wochen lang und wurden 
so genau verwahrt, daß niemand zu ihnen kommen 
konnte, welcher sie getröstet oder ihnen zugespro- 
chen hätte; auch wurden sie scharf gepeinigt, daß sie 
andere ihrer Glaubensgenossen angeben sollten, aber 
Gott bewahrte ihren Mund, Der alte Mann, Jan von 
Raes, musste zweimal auf die Folterbank; gleichwohl 
hat er niemanden in Ungelegenheit gebracht. Als Jan 
Watier wieder nach dem Gefängnisse geführt wurde, 
war es jämmerlich anzusehen, wie er gemartert war; 
alle seine Glieder schienen zerbrochen zu sein. 

Als man sie vor Gericht führte, sagten sie: Nun ist 
die Wahrheit auf der Gasse gefallen, denn, was lau- 
ter und klar ist, mag nicht zum Vorschein gebracht 
werden. Es haben sich auch die fünf Brüder und eine 
Schwester einander mit dem Worte Gottes getröstet 
und mutig gemacht. Sie wurden unschuldig zum Feu- 
er verurteilt und dem Scharfrichter übergeben, traten 
auch freudig vor, als solche, die sich nach ihrem Va- 
terlande sehnten, um daselbst ewiglich im Frieden zu 
sein. Zuerst hat Petrus seine Augen aufgeschlagen, 
geseufzt und gesagt: O Herr! Steh' deinem Knechte 
bei, und stärke ihn in seiner letzten Not, rechne ihnen 
auch dieses nicht zur Missetat, sondern bekehre sie, 
denn sie wissen nicht was sie tun. Jan Watier sprach 
zu den Herren: Wenn wir euch etwa beleidigt haben, 
so vergebt es uns; wir vergeben euch auch gern al- 
les, was ihr an uns verschuldet habt; aber lasst euch 
an diesem unschuldigen Blute genug sein, und ver- 
gießt nicht mehr. Pieter sagte zum Volke: Wollt ihr 
zum Leben eingehen, so sucht zuerst das Reich Gottes 
und seine Gerechtigkeit, und alles, was euch ferner 
nötig ist, soll euch zugeworfen werden. Ferner sagte 



446 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


er: Dies ist die enge Pforte, wodurch wir eingehen; 
hier gehen wir nach Hause, wo wir des Abends sein 
werden. Wouter Denys sagte: O Herr! Strafe sie mit 
dem Hammer deines göttlichen Wortes, damit sie er- 
kennen lernen, in wen sie gestochen haben, und sich 
bekehren. Pieter sagte abermals: Diese Glieder, die 
mir Gott gegeben hat, will ich gern zu seiner Ehre 
übergeben, denn er wird mir sie dermaleinst wenn 
ich auferstehen werde, wiedergeben. 

Nachdem sie nun alle ihr Gebet getan hatten und an 
den Pfählen gebunden standen, riefen sie offenherzig: 
O himmlischer Vater! In deine Hände befehle ich mei- 
nen Geist. Also haben sich diese sechs Freunde, als 
treue, wiedergeborne Kinder Gottes und auserwählte 
Schafe Christi durchgekämpft, die bis ans Ende stand- 
haft geblieben sind und mit ihrer Aufopferung hier 
einen seligen Abschied genommen haben. 

Wouter Denys hat auch einige Briefe aus dem Ge- 
fängnisse geschrieben, von denen drei die hier folgen, 
in unsere Hände gekommen sind. 

Des Wouter Denys erster Brief an sein Weib. 

Einen herzlichen Gruß an dich, mein geliebtes Weib 
und Kinder, wie auch an den Vater, Bruder, Schwes- 
tern und alle meine Freunde nach dem Fleische, auch 
an alle, die mir bekannt sind, und die Gott von reinem 
Herzen fürchten. Diese Furcht aus reinem Herzen ver- 
leihe euch der allmächtige Gott durch seinen Sohn 
Jesum Christum. 

Mein geliebtes Weib und meine Kinder, die ich 
nebst Gott liebe, nehmt doch dieses zu Herzen, denn 
ich habe es mit großem Fleiße geschrieben. Seht, ich 
denke (und weiß auch nicht anders), daß ihr nichts 
weiter von mir empfangen werdet; darum lasst meine 
Reden in euren Ohren bleiben, wollt ihr anders selig 
werden. Vor allen Dingen bitte ich dich aus meines 
Herzens Grunde durch Jesum Christum, du wollest 
deine und meine Kinder allezeit mit großem Fleiße in 
der Furcht Gottes unterrichten und ermahnen, solan- 
ge euch der Herr beieinander lassen wird; auch bitte 
ich dich, du wollest sie allezeit im Zaume halten, da- 
mit sie nicht über dich herrschen; du hast ja an einigen 
einen schönen Spiegel; aus Bescheidenheit aber will 
ich darüber schweigen und es auf sich beruhen las- 
sen, denn ein jeder muss für sich selbst Rechenschaft 
geben. Darum, meine Liebe und Werte, bitte ich dich 
um Christi willen, daß du in der Furcht des Herrn 
wandeln wollest, und suche deine Seligkeit mit mehr 
Fleiß, als du bisher getan hast; schäme dich auch nicht, 
um das zu fragen, was die Seligkeit betrifft, sondern 
laß uns beschämt sein vor dem Herrn um unseres 
Elendes und unserer Blöße willen, denn wenn uns 


der Herr besucht, so wird wohl ein jeder begehren, 
herrlich, unbefleckt und unsträflich erfunden zu wer- 
den in der Schwachheit, indem es sehr gut ist, wenn 
man in Bande gerät, oder auf das Totenbette kommt, 
daß man ein ruhiges Gewissen habe. Darum ermahnt 
uns auch der Apostel Petrus, daß alle, die nach dem 
Willen Gottes leiden, ihre Seelen dem treuen Schöpfer 
mit guten Werken anbefehlen sollen. Ebenso ermahnt 
uns auch der Apostel, daß ein jeder sich bemühen 
sollte, der Vornehmste in guten Werken zu werden, 
und Christus spricht in seinem Evangelium: Wer nicht 
Acker, Haus, Vater, Mutter, Weib, Kinder, ja, sein eige- 
nes Leben verlässt, der ist nicht tüchtig, mein Jünger 
zu sein. 

Darum muss ein jeder, der selig werden will, sei- 
nem Heilande gehorsam sein, wie an allen Stellen 
das Wort des Herrn bezeugt. Deshalb befleißige dich, 
dem Worte des Herrn zu gehorchen und nachzufol- 
gen, denn außer dem Worte Gottes ist keine Seligkeit 
zu finden, obschon die falschen Propheten viel Rüh- 
mens von sich machen, denn von Anfang der Welt her 
hat der Gerechte von dem Ungerechten leiden und 
verfolgt sein müssen. Der Herzog unserer Seligkeit 
hat es ja selbst gelitten, und ist uns ein Exempel und 
Vorbild gewesen, daß man ihm nachfolge, und sehen 
möge, daß der Knecht nicht besser sei als der Herr. 
Darum bitte jeder, der selig werden will, den Herrn 
ohne Aufhören aus seines Herzens Grunde und mit 
Tränen; ich bitte dich auch, mein liebes Weib, du wol- 
lest unsere Kinder, wenn es dir möglich ist, lesen und 
schreiben lehren, damit sie Verstand haben, etwas zu 
untersuchen. 

Darum, mein liebes und sehr wertes Weib, die ich 
nächst in Gott mehr als alle Menschen liebe, nimm 
dieses zu Herzen, und ein Gleiches mögen alle tun, 
die solches sehen oder lesen hören werden. Auch bitte 
ich euch, Brüder und Schwestern, und alle, die Chris- 
tum recht erkennen und seine Zukunft lieben, daß ihr 
nicht nur für die Meinigen, wenn sie zum Verstände 
kommen, sondern für alle, die sich in gleicher Lage 
befinden, gute Fürsorge tragen mögt; desgleichen be- 
fehlt dem Hansken te Proenktens, daß er den Pieter 
zu Zeiten ermahnen, und dabei untersuchen wolle, 
wozu wir berufen sind, und um welches Zeugnisses 
willen sein Vater zu Werwyk, in Flandern, verbrannt 
worden sei. 

Ich bitte auch jeden, der selig werden will, daß er 
die Gnade Gottes nicht versäume. Seht, nun ist die 
angenehme Zeit; seht, nun ist der Tag des Heils; ein 
jeder mag sich vorsehen. Ich habe auch hier den zwan- 
zigsten Tag im April, ungefähr um elf Uhr einen Brief 
empfangen, der mir angenehm war; ich will es aber 
dabei lassen und fortfahren; so wisst denn ferner, daß 



447 


wir noch immer tapfer sind; ich hätte wohl euch et- 
was senden wollen, wenn ich gekonnt hätte; dieses 
aber sende ich euch allen zum Gruße und meinen 
Kindlein zum Andenken. Auch ist mein Begehren an 
euch, die ihr dort bleibt, daß ihr dieses bewahrt, bis 
sie zu Verstände kommen, wenn es euch anders mög- 
lich ist, daß vielleicht der Herr Gnade und Erkenntnis 
der Wahrheit gebe, wie ich auch hoffe, daß er tun 
werde. Ich bitte einen jeden von euch aus meines Her- 
zens Grunde und mit Tränen vor Gott, daß er meine 
Schwachheit zum Besten in der Liebe aufnehmen wol- 
le, und beklage es vor Gott und Menschen, daß ich 
nicht mehr geleuchtet habe, und daß das Pfund, das 
ich empfangen, nicht mehr Gewinn gebracht hat. 

Darum mag ein jeder Wohl Zusehen und allezeit wa- 
chen, denn ich bezeuge vor Gott und den Menschen, 
daß ich nicht auf eine leichtfertige Weise hierher ge- 
kommen bin. 

Darum sehe ein jeder zu (dieses bitte ich euch), daß 
ihr dieses nicht leichtfertig aufnehmt, denn wisst, daß 
ich es auch nicht leichtfertig geschrieben habe; ich 
sage mich mit dieser Warnung von jeder Verantwort- 
lichkeit los. Ein jeder sehe zu. 

Geschrieben nun mir, deinem Manne und lieben 
Freunde, Wouter Denys. 

Der zweite Brief von Wouter Denys und seinen 
Mitgefangenen an seine Brüder und Schwestern in 
dem Herrn. 

Die unergründliche Gnade des Herrn Jesu Christi sei 
mit allen lieben Brüdern und Schwestern und allen lie- 
ben Freunden, die in der rechten angenehmen Furcht 
des Herrn zu wandeln begehren; und den Vorstehern 
der rechten Braut Christi wünschen wir Brüder und 
Schwestern, die zu Kortryck um des Zeugnisses Jesu 
Christi willen in Banden sind, dieselben zum herzli- 
chen Gruße, nämlich wir: Jan von Raes, Francois, ein 
Zimmermann, Jan Watier von Körnen, Peter, der Alte, 
Wouter Denys und Kalleken von dem Berge. 

Wir lassen euch demnach, liebe Freunde, in Bezie- 
hung auf unsere erste Untersuchung wissen, daß man 
uns nach unsern Brüdern, Verordneten und Lehrern 
scharf und streng ausgefragt hat, wer sie seien, wo sie 
wohnen und wie sie heißen. 

Darum bitten wir, lieben Freunde, daß ihr unterein- 
ander nicht leicht nach Namen noch Wohnung fragt, 
denn wenn man in Bande kommt, muss man große 
Angst deshalb leiden; doch sei dem Herrn ewiges Lob, 
der unsern Mund bisher bewahrt hat, wiewohl man 
gedroht hat, uns zu peinigen. Deswegen bitten wir 
euch freundlich, daß ihr den Herrn ernstlich für uns 
bitten wollt, auch für alle unsere Brüder, die zu Gent, 


Antwerpen und an andern Orten gefangen liegen, 
daß sie der Herr stärken wolle; desgleichen bitten wir 
euch von Grund des Herzens, daß ihr euch unserer 
Weiber und Kinder annehmen, und sie in der Furcht 
des Herrn ermahnen wollt, gleichwie ihr auch wolltet, 
daß man den eurigen täte; sorgt auch, daß ihr ihre Gü- 
ter beschützt, so gut als ihr könnt, und wisst, daß wir 
noch so gesinnt sind, um mit des Herrn Gnade durch- 
zustreiten. Kalleken, Styntgen und Jaentgen, welche 
beide Töchter beisammen liegen, lassen euch sehr grü- 
ßen; ihr Gemüt ist noch ziemlich wohl bestellt. Auch 
bitten wir euch, liebe Freunde in dem Herrn, daß ihr 
das Wort des Herrn fleißig untersuchen, und euch 
untereinander ermahnen wollet, weil ihr noch außer 
den Banden seid. Mir kommt es so vor, als ob sie die 
Gemeinde noch sehr zerstreuen werden, indem sie 
noch sehr nach Blut dürsten, und noch begieriger als 
der Richter sind, denn eben so wie Jannes und Jam- 
bres Mose kräftig widerstanden, so widerstehen diese 
auch mit Gewalt der Wahrheit; sie beabsichtigen, die 
ganze Herde zu Meenen zu zerstreuen. Darum halte 
sich ein jeder so stille, als er kann, und wenn ihr ir- 
gendeine Warnung empfangt, es sei mündlich oder 
auf andere Weise, so nehmt ihrer wahr, denn hätte 
ich es beobachtet, ich, Wouter Denys, drei oder vier 
Nächte, ich wäre vielleicht nicht gefangen, wiewohl 
ich dem Herrn für seine Gnade danke; ich meinte, es 
würde mich viel mehr betrüben; aber nun erfahre ich 
wohl, daß der Herr in seinen Werken wunderbar und 
kräftig ist, welcher die Seinen nicht als Waisen lässt, 
wofür ich den Herrn nimmermehr genug loben, noch 
ihm danken kann; auch bittet der Pieter die Gemeinde 
herzlich, daß man ihm vergeben wolle; denn was er 
gesagt hat, ist in großer Bestürzung geschehen, wor- 
über auch der Mann außerordentlich betrübt ist und 
viele Tränen darum geweint hat, daß es so gekommen 
ist. 

Wir bitten euch freundlich, daß ihr uns als Mitge- 
fangene in euer Gebet einschließen wollt, denn das 
Gebet der Heiligen ist uns jetzt sehr nötig. Nehmt 
auch unser Schreiben nicht leichtfertig auf, denn wir 
sind genötigt, dieses zu schreiben; wir sind auch jetzt 
inbrünstiger, unserer Mitgefangenen zu gedenken, als 
wir waren, ehe wir in Haft kamen. Wie es mit diesem 
Schreiben zugegangen, davon berichte ich euch, daß 
dasselbe mittelst eines Stückes von einem Rechnen- 
pfennig und mit Tinte von Rötel gemacht zu Stande 
gebracht ist. Ferner, liebe Freunde, bitte ich euch herz- 
lich, daß ihr Ariaenken, mein Weib, ermahnen wollt, 
denn obgleich es mit ihr so bestellt ist, so hoffe ich 
doch in dem Herrn, daß sie auf euer Ansuchen mit ih- 
ren fleischlichen Freunden nicht in der Dienstbarkeit 
Ägyptens bleiben soll; ich hoffe das Beste. 



448 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Mehr nicht; gehabt euch wohl und bleibt Gott be- 
fohlen und dem Worte seiner Gnade. 

Geschrieben von mir, Wouter Denys; angefangen 
den 19. und geendigt den 20., durch des Herrn Gnade, 
welchem sei Preis und Ehre in Ewigkeit, Amen. 

Der dritte Brief von Wouter Denys und seinen 
Mitgefangenen. 

Ein jeder sehe zu; zwar werdet ihr in meinen Briefen 
keine große Gelehrsamkeit finden, allein ich hoffe, daß 
ihr mir solches zu gut halten werdet. Diesen Gruß und 
diese Warnung sende ich euch, wie er aus der Feder 
geflossen auch denen, mit welchen ich näher bekannt 
bin, und allen, welche in der Furcht Gottes wandeln, 
seine Zukunft lieben, und diesem nachzukommen be- 
gehren, und ermahne jeden, daß er fleißig sei, das 
Wort Gottes zu untersuchen. Ermahnt einander in der 
Liebe, schreibt auch dieses für mein liebes Weib ab, 
und bewahrt diese drei Stücke; darum bitte ich euch 
von Herzen; tragt ferner für eure Seligkeit Sorge, und 
lasst es euch bisweilen vorlesen; betrübt euch nicht 
um meinetwillen, sondern betrübt euch vor Gott um 
eurer Sünden willen. Denkt nicht bei euch selbst, daß 
ihr ohne Sünde seid, sondern achtet euch stets gering 
vor dem Herrn, denn Jakobus sagt: Wenn sich jemand 
unter euch dünken lässt, er diene Gott, und hält seine 
Zunge nicht im Zaume, dessen Gottesdienst ist eitel. 
Darum, meine Geliebten, tröstet euch in dem Herrn, 
und denkt, daß mich der Herr hierzu berufen habe; 
ich hoffe auch, durch die Kraft und Hilfe des Herrn, 
um keiner Pein willen davon zu weichen, der mich 
hierzu tüchtig erachtet hat; ich habe auch das feste 
Vertrauen zu dem Herrn, daß er mich hierzu tüchtig 
hält und auch machen werde; und daß ich fest auf 
Ihn bauen werde, in reinem Herzen, bis ans Ende, 
denn ich kann noch immer sagen, daß der Herr so 
überschwängliche Gnade (mir und nebst mir noch 
fünf oder sechs andern) erweist, daß ich es mit der 
Feder nicht wohl beschreiben kann, sodass wir auch 
fast nichts von Banden wissen, denn wir sind brünstig 
beieinander. So ermahne ich nun euch alle, daß ihr 
fleißiger für die Gefangenen bittet, als ich bisweilen 
getan habe; wie uns der Apostel ermahnt. Darum sei 
ein jeder fleißig, in der Liebe zu bitten, denn die Ge- 
fangenen bitten viel eifriger für diejenigen, die außer 
Banden sind, wie wir solches finden. 

So will ich nun mein Schreiben beendigen; ein jeder 
sehe scharf darauf, wie die Lehre und das Leben der 
Gelehrten und Weltweisen mit dem Leben des Herrn 
Christi Jesu, unsers Heilandes, übereinstimme. 

Hiermit befehle ich euch dem treuen Schöpfer und 
dem Worte seiner Gnade. 


Geschrieben von mir, Wouter Denys, und meinen 
Mitgefangenen. 

Bericht an den christlichen Leser von folgenden 
Todesurteilen. 

Es ist denen bekannt, welche die holländische Ge- 
schichte von den Jahren 1533, 1534, 1535 und einiger 
folgenden Jahre mit Aufmerksamkeit gelesen haben, 
daß der äußere Zustand der sogenannten wehrlosen 
Taufgesinnten sehr betrübt und durchaus verwirrt 
gewesen sei, nicht allein um der schweren Verfolgun- 
gen willen, die sie in alle Länder zerstreuten, sondern 
auch insbesondere wegen der Empörung derjenigen, 
welche, obgleich sie nicht wehrlos waren, dennoch die 
Taufe der Bejahrten lehrten, und daher, als sie sich ab- 
scheulich aufführten, auch Veranlassung gaben, daß 
alle, die der Kindertaufe widersprachen, von den Ob- 
rigkeiten dafür angesehen wurden, als ob sie an sol- 
chem ungebührlichen und abscheulichen Aufruhr Teil 
und Schuld hätten. Deshalb wurden alle diejenigen, 
welche die Taufe der Bejahrten lehrten, sowohl die 
einen als die anderen ohne Unterschied, Anabaptis- 
ten und Widertäufer genannt, und wurden also zu- 
gleich miteinander unter diesem Namen verfolgt. So 
ist es auch bisweilen denen, welche ihr Leben durch 
die Flucht noch retteten, fast nicht möglich gewesen, 
wenn einige gefangen oder getötet wurden, zu wissen, 
ob sie von ihren wehrlosen Brüdern und Schwestern 
gewesen seien oder nicht, desgleichen, wie viel ihrer 
an der Zahl und wie sie genannt worden seien. 

Daher ist es sowohl in diesen Jahren (wie aus den 
Geschichten ersehen werden kann), als auch noch in 
den spätem Zeiten vorgekommen, daß an verschie- 
denen Plätzen viele fromme Zeugen getötet worden 
sind, von deren Zahl und Namen man nicht so viel 
Nachricht hat erlangen können, daß man sie in die 
Reihe ihrer Mitstreiter in dieses Buch hätte setzen kön- 
nen, um als Vorbilder einer rühmlichen Treue in dem 
Bekenntnisse der Wahrheit den Nachkömmlingen zu 
dienen. 

Hierzu haben auch noch verschiedene Manns- und 
Weibspersonen gehört, die bisher zu Amsterdam getö- 
tet worden sind, deren Todesurteil uns aus dem Buche 
des Blutgerichts der Stadt Amsterdam, welches da- 
selbst in der Kanzlei verwahrt wird, in der Zeit, als 
dieser blutige Schauplatz eine neue Auflage erhielt, 
zu Händen bekommen sind. Aus diesen Todesurteilen 
erhellt, daß sie nicht um des Aufruhrs oder anderer 
Missetaten willen getötet worden sind, sondern nur, 
weil sie von den römischen Satzungen abgegangen 
sind, der Kindertaufe widersprochen und die Taufe 
angenommen haben, welche auf das Bekenntnis der 



449 


Sünden und den Glauben an unsern Herrn Christum 
geschieht. 

Deshalb haben wir uns für verpflichtet gehalten, 
auch diese Personen hier anzuführen und denen zu- 
zugesellen, mit welchen sie in ihrem Leben unter ei- 
nem Paniere Christi Jesu, unsers Herrn, ritterlich bis 
ans Ende gestritten haben, mit welchen sie auch von 
ihrer Arbeit ruhen, bis sie alle in der Auferstehung 
der unverwelklichen Krone der Herrlichkeit werden 
teilhaftig werden. 

Wir hätten von Herzen gewünscht, daß wir auch 
einen Bericht von ihren frommen Taten, vollständi- 
gen Reden, von ihrem Betragen, von ihrer Geduld 
und Gelassenheit und von allem dem, was sich in ih- 
rem Leiden und bei ihrem Sterben zugetragen, hätten 
mitteilen können, doch haben wir von all diesem kei- 
nen Bericht erlangt, weil solches durch das Unglück 
der damaligen Zeit, wie es wahrscheinlich ist, denen 
keineswegs bekannt geworden ist, die es den Nach- 
kömmlingen oder denen, die der Sache unkundig ge- 
wesen, hätten veröffentlichen oder bekannt machen 
können und wollen, wie denn auch die betrübten Zei- 
ten bei vielen Blutzeugen die Veranlassung gegeben 
haben, daß man von einigen derselben kaum die An- 
zahl und den Ort der Aufopferung hat erfahren und 
aufschreiben können. 

Auszug aus dem Buche des Blutgerichts der Stadt 

Amsterdam, Blatt 48 vers., welches in der Kanzlei 
daselbst niedergelegt ist. 

Nachdem Grietgen Arents Limmens Tochter sich hat 
wiedertaufen lassen, auch eine arge Lehre von den 
Sakramenten der heiligen Kirche hegt, was doch so- 
wohl dem Glauben und den Ordnungen dieser Kir- 
che, als auch den geschriebenen Rechten und Befehlen 
des Kaisers, unsers gnädigen Herrn, zuwider ist, und 
überdies um gemeldeter Ursachen willen von dem 
Hofgerichte in Holland aus den Landschaften Hol- 
land, Seeland und Friesland bei Verlust ihres Lebens 
verbannt worden ist, ohne daß sie bis jetzt hat Reue 
zeigen wollen, sondern die Zeit der Gnade, welche die 
kaiserliche Majestät gegeben hat, Vorbeigehen lassen; 
so haben die Herren des Gerichts, nachdem sie die An- 
klage gehört, welche der Schultheiß von wegen ihrer 
kaiserlichen Majestät wider sie erhoben hat, wie auch 
die Antwort und das Bekenntnis der vorgemeldeten 
Grietgen, und dabei die Umstände dieser Sache in 
genaue Erwägung gezogen, diese Grietgen dahin ver- 
urteilt, daß sie ertränkt werden soll, wie solches auch 
vom Scharfrichter geschehen ist. So geschehen den 
letzten Tag im Dezember im Jahre 1534, in Gegenwart 
des ganzen Rates. 


Diese Grietgen Arents ist, laut des Urteils, zuvor 
gefangen gewesen, aber, wie deutlich zu ersehen, um 
keiner andern Ursache willen, als, weil sie nicht wie 
die römische Kirche glaubte, weshalb sie auch, weil 
sie darin verharrte, getötet worden ist. Warum sie 
aber nach dem Orte zurückkehrte, aus welchem sie 
verbannt worden war, ist unbekannt, doch ist vor- 
auszusetzen, weil ihr in diesem Urteile keine andere 
Beschuldigung aufgebürdet worden ist, daß sie hierzu 
durch Glaubens- und Gewissenssachen bewogen sein 
müsse. 

Auszug wie oben, Blatt 49. 

Nachdem Jan Pauw Blockmacher, Arent Janßen von 
Gorckum, Krämer, Barent Cläßen von Swol, Walker, 
Jan von Kink, Henrich Biesman von Mastricht, Corne- 
lis Willemße von Harlem, Kistemnacher, Arent Jakob- 
ßen, Kaiser von Monnickendam, und Willem Janßen 
von Zutphen sich wiedertaufen lassen und der Wie- 
dertäufer Bund angenommen, auch eine verkehrte 
Lehre von den Sakramenten der heiligen Kirche, und 
dem Glauben, wie auch den Satzungen dieser Kir- 
che hegen, den geschriebenen Rechten und Befehlen 
der kaiserlichen Majestät unsers gnädigen Herrn zu- 
wider, so haben die Herren des Gerichts, nachdem 
sie die Anklage, welche der Herr Aufseher wider sie 
erhoben, gleichwie auch ihre Verteidigung und Be- 
kenntnis gehört, und alle Umstände genau erwogen, 
diese vorgemeldeten Personen dazu verurteilt, daß 
sie auf einer auf dem Markte dieser Stadt aufgerichte- 
ten Schaubühne vom Leben zum Tode gebracht und 
mit dem Schwerte hingerichtet, ihre Häupter aber auf 
Pfähle und ihre Leiber auf Räder gelegt werden sollen, 
andern zum Exempel, wie auch nachher geschehen 
ist. So geschehen, den sechsten Tag im März im Jahre 
1535, in Gegenwart des ganzen Rates. 

Uber Jan Pauw findet sich noch ein Urteil, daß er 
den 29. Dezember 1534 (laut des Urteils der Gerichts- 
herren) gefoltert worden ist, um von ihm zu verneh- 
men, welche Personen in seinem Hause getauft hätten 
und getauft worden wären; weil aber dieses Urteil 
nichts weiter enthält, als den Ausspruch zu peinigen, 
so haben wir es unnötig erachtet, dasselbe wörtlich 
anzugeben. 

Auszug wie oben, Blatt 31. 

Nachdem Jan Jakobßen aus der Normandie, Einwoh- 
ner dieser Stadt, Adrian Cornelißen von Sparrendam, 
und Gerrit Claeßen von Oudenyerop sich mit den Wie- 
dertäufern in ein Bündnis eingelassen und sich haben 
wiedertaufen lassen, auch von den Sakramenten der 



450 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


heiligen Kirche, dem heiligen christlichen Glauben 
und den Satzungen dieser Kirche verkehrte Lehren 
ausbreiten, den geschriebenen Rechten und Befehlen 
der kaiserlichen Majestät unsers gnädigen Herrn zu- 
wider, so haben die Herren des Gerichtes, nachdem 
sie die Anklage, welche der Herr Schultheiß im Na- 
men der kaiserlichen Majestät wider vorgemeldete 
Personen hat eingebracht, gleichwie auch ihre Ver- 
teidigung und Bekenntnis gehört, auch auf die Be- 
schaffenheit ihrer Missetat genau Achtung gegeben, 
vorgemeldete Personen dahin verurteilt, daß sie auf 
einer vor dem Stadthause aufgerichteten Schaubühne 
durch den Scharfrichter mit dem Schwerte vom Leben 
zum Tode hingerichtet, ihre Häupter aber auf Pfähle 
und ihre Leiber auf Räder, andern zum Beispiele ge- 
setzt werden sollen, wie auch von dem Scharfrichter 
geschehen ist. 

Wobei sie ferner erklären, daß ihre Güter zum Nut- 
zen der kaiserlichen Majestät, als Grafen von Holland, 
verfallen sein sollen, insofern sie nicht Bürger dieser 
Stadt sind, daß dagegen von den Bürgern die Summa 
von hundert Pfund, nach den Freiheiten dieser Stadt, 
einzuzahlen sind. Geschehen den fünfzehnten Mai, 
im Jahre 1535, in Gegenwart des Schultheißen Ruysch 
Janßen, und Gooßen Janßen Rekalf, Bürgermeister, 
und aller Gerichtsherren. 

In den öffentlichen Geschichten der damaligen Zeit 
wird von drei Männern geredet, die auf jenen Tag 
enthauptet worden sind, ohne daß etwas Böses zu 
ihrer Beschuldigung gesagt wäre, als daß sie unter 
die Wiedertäufer gezählt worden seien. Und weil die- 
ses Urteil sie keiner Untugend, keines Aufruhrs oder 
einer sonstigen Missetat beschuldigt, welches doch 
in jener unruhigen Zeit, wo erst kurz zuvor der Auf- 
lauf zu Amsterdam stattgefunden, sehr leicht hätte 
geschehen können, so kann leicht daraus geschlossen 
werden, daß diese Männer fromme Menschen gewe- 
sen seien, die würdig sind, daß sie zu den andern 
treuen Rittern unsers Herrn Christi gestellt werden. 

Auszug wie oben, Blatt 51. 

Nachdem Baef, Claes Tochter, Grietgen Maes, Ger- 
rits Witwe, Barbara, Jakobs Tochter von Haferwoude, 
Breght, Elberts Tochter, Adrianna, Ysbrants Tochter, 
Tryn Jans von Munikendam, und Lisbeth, Jans Toch- 
ter aus Benskope, sich haben wiedertaufen lassen und 
eine verkehrte Lehre von den Sakramenten der hei- 
ligen Kirche, dem heiligen christlichen Glauben und 
den Ordnungen dieser Kirche führen, den geschriebe- 
nen Rechten und Befehlen der kaiserlichen Majestät 
unsers gnädigen Herrn zuwider, ohne daß sie bis- 
her dieserhalb haben Reue erweisen wollen, so haben 


die Herren des Gerichtes, nachdem sie die Anklage, 
welche der Schultheiß im Namen der kaiserlichen Ma- 
jestät wider sie hat eingebracht, sowie ihre Antwort 
und Bekenntnis gehört, auch auf alle Umstände dieser 
Sache genau hat Achtung gegeben, diese vorgemel- 
deten Personen dahin verurteilt, daß sie durch den 
Scharfrichter vom Leben zum Tode gebracht und im 
Wasser ertränkt werden sollen, wie solches auch vom 
Scharfrichter geschehen ist; wobei sie ferner erklären, 
daß ihre Güter zum Nutzen der kaiserlichen Majestät, 
als Grafen von Holland, verfallen sein sollen, wenn 
sie dieser Stadt Bürger nicht sind, und in Folge der 
Freiheiten dieser Stadt von den Bürgern die Summe 
von hundert Pfund einzuzahlen ist. 

Geschehen den 15. Mai im Jahre 1535, in Gegenwart 
des Schultheißen Ruys Janß, und Gooßen Janß Rekalf, 
Bürgermeister, und aller Gerichtsherren. 

Diese sieben Weibspersonen sind, laut dieses Ur- 
teils, mit den neun folgenden, auf einen und den- 
selben Tag hingerichtet worden; gleichwohl melden 
die öffentlichen Geschichten nichts von diesen sieben 
Weibspersonen, worüber man sich um desto weni- 
ger zu verwundern hat, weil diejenigen, die um des 
Gottesdienstes willen verurteilt worden sind, bei der 
Nacht auf die Weise ertränkt worden sind, daß man 
ihnen Steine an den Hals gebunden, und sie von dem 
Häringspackerturm (damals der heilige Kreuzesturm 
genannt) ins Wasser geworfen hat, wie solches aus D. 
Dappers Beschreibung von Amsterdam, Fol. 403, zu 
ersehen ist. 

Auszug wie oben, Blatt 52. 

Nachdem Leentgen, Jan von Rheenens Weib, Adri- 
anna, Jans Tochter von Benskop, Goechgen Jans von 
Lubik bei Goude geboren, Leentgen, Hendrix Toch- 
ter von Herzogenbusch, Griet, Peters Mollen Tochter, 
Marritge, Nadminx Tochter von Alkmaar, Aeltje, Gil- 
lis Tochter von Benskop, Jannetje, Jans Tochter von 
Utrecht, Aeltje Wouters, zu Asperen geboren, sich ha- 
ben wiedertaufen lassen und sich unter die Sekte und 
Ketzerei der Wiedertäufer begeben, auch eine verkeh- 
re Lehre von den Sakramenten der heiligen Kirche, 
dem heiligen christlichen Glauben und den Satzun- 
gen dieser Kirche haben, den geschriebenen Rechten 
und Befehlen der kaiserlichen Majestät unsers gnä- 
digen Herrn zuwider, ohne daß sie hierüber haben 
Reue tragen wollen, so haben die Herren des Gerich- 
tes, nachdem sie die Anklage des Schulzen von wegen 
Ihrer kaiserlichen Majestät wider sie, gleich wie auch 
ihre Antwort und Bekenntnis gehört, und dabei die 
Umstände dieser Sache genau erwogen, vorgemeldete 
Personen dahin verurteilt, daß sie durch den Scharf- 



451 


richter vom Leben zum Tode gebracht und im Wasser 
ertränkt werden sollen, wie solches durch den Scharf- 
richter vollzogen worden ist, wobei sie ferner erklären, 
daß ihre Güter zum Nutzen des Kaisers, als Grafen 
von Holland, verfallen sein sollen, nämlich derer, die 
dieser Stadt Bürgerrecht nicht haben; von denen aber, 
die Bürger sind, die Summa von hundert Pfund, laut 
dieser Stadt Freiheiten. 

So geschehen den 15. Mai im Jahre 1530, in Ge- 
genwart des Schultheißen Gooßen Janßen Relais, der 
Bürgermeister und aller Gerichtsverwandten. 

Von diesen Frauen ist auch bei den öffentlichen 
Schreibern der damaligen Zeit die Rede, jedoch ge- 
ben sie nichts Näheres an, als ihre Zahl, und daß sie 
ertränkt worden seien; es lässt sich übrigens aus die- 
sen Todesurteilen nicht allein ihr Name, sondern auch 
ihre Unschuld erkennen. 

Auszug wie oben, Blatt 59. 

Nachdem Pieter Pietersen, sonst Borrekiek, zu Leyden 
geboren, sich mit den Wiedertäufern in ein Bündnis 
eingelassen, auch sich hat wiedertaufen lassen, und 
dabei eine verkehrte Lehre von den Sakramenten der 
heiligen Kirche, dem heiligen christlichen Glauben 
und den Satzungen dieser Kirche führt, den geschrie- 
benen Rechten und Befehlen der kaiserlichen Majestät 
unsers gnädigen Herrn zuwider, und überdies von 
der Zusammenkunft, welche die Leute der vorgemel- 
deten Sekte eine Zeit zuvor zu Leyden verabredet, 
zuvor Kunde gehabt, ohne daß er davon der Obrig- 
keit dieser Stadt Nachricht gegeben, so haben die Her- 
ren des Gerichtes, nachdem sie die Klage des Herrn 
Schultheißen gehört, auch die Umstände seiner Misse- 
tat wohl erwogen, gemeldeten Missetäter dazu verur- 
teilt, daß er durch den Scharfrichter auf der Schaubüh- 
ne mit dem Schwerte vom Leben zum Tode gebracht, 
dann sein Haupt auf einen Pfahl gesteckt, sein Leib 
aber gevierteilt und andern zum Exempel auf ein Rad 
geflochten werden soll, wie von dem Scharfrichter ge- 
schehen ist; wobei sie ferner seine Güter zum Nutzen 
des Kaisers, als Grafen von Holland, verfallen zu sein 
erklären. So geschehen, in Gegenwart wie oben, oder 
wie in dem vorhergehenden Urteile steht. 

Auszug wie oben, Blatt 70. 

Nachdem Henrich von Maastricht zur Zeit, als die 
Schiffe mit den Leuten von der Wiedertäufersekte be- 
laden, nach Seelmüyden fahren wollten, sich unter die 
Sekte der Wiedertäufer begeben, und sich durch Claes 
Enkhuyken die Hände hat auflegen lassen, auch sich 
nachher zum Bunde und zur Brüderschaft dieser Leu- 


te bekannt und gehalten, mit denselben an verschie- 
denen Orten Umgang gehabt, auch einigen anderen 
zur gemeldeten Sekte geraten und sie dazu bewogen 
hat, welches den Befehlen, die von der kaiserlichen 
Majestät unserm gnädigen Herrn wider die Leute von 
der vorgemeldeten Sekte und ihre Anhänger aufge- 
setzt und bekannt gemacht worden sind, zuwider ist, 
ohne daß vorgemeldeter Henrich die Zeit der Gna- 
de beobachtet und dieselbe wahrgenommen hat, so 
haben die Herren des Gerichts, nachdem sie die An- 
klage des Schultheißen im Namen ihrer kaiserlichen 
Majestät wider vorgenannten Henrich, so wie seine 
Antwort und Bekenntnis vernommen, auch dabei die 
Umstände dieser Sache in genaue Erwägung gezogen, 
den vorgenannten Henrich von Maastricht verurteilt, 
daß er von dem Scharfrichter mit dem Schwerte vom 
Leben zum Tode gebracht, sein Leib aber auf ein Rad 
gelegt, und das Haupt auf einen Pfahl gesteckt wer- 
den soll, es sei denn, daß die Herren ihn aus Gunst auf 
dem Kirchhofe begraben lassen wollten; welches Ur- 
teil nachher durch den Scharfrichter an ihm vollzogen 
worden ist. 

So geschehen, den 10. Juni 1536, in Gegenwart des 
Schultheißen, aller Bürgermeister: Cornelis Buyk, Sy- 
verts, Claes Gerritsse, Matthäus Claes Doeden, Jan 
Kyser Janssen, Pieter Willemsse Kantert und Symon 
Morttensse Direx, Gerichtsherren. 

Auszug wie oben, Blatt 77. 

Nachdem Albert Reyers, sonst Olde Knecht genannt, 
geboren zu Bolswaert in Friesland, sich vor einigen 
Jahren in Gesellschaft, Umgang und Handel mit sol- 
chen Personen eingelassen, die mit Ketzerei und bö- 
sen Lehren besudelt sind, auch ihren heimlichen Zu- 
sammenkünften zu verschiedenen Malen beigewohnt, 
und in seinem eigenen Hause dergleichen gehabt, wo 
von der Schrift, Sakramenten, von der heiligen Kirche 
und den Artikeln des heiligen christlichen Glaubens 
ungebührlich disputiert, gelehrt und gehandelt wor- 
den ist, sodass vorgemeldeter Albert, der dadurch 
verunreinigt worden ist, von den heiligen Sakramen- 
ten des Altars und andern Sakramenten, auch von den 
Satzungen und Gebrauchen der heiligen Kirche sehr 
nachteilig geredet und gelehrt hat, zum Anstoße ande- 
rer guter Christenmenschen, was doch dem heiligen 
christlichen Glauben, auch den Befehlen und Gebo- 
ten der kaiserlichen Majestät unsers gnädigen Herrn 
zuwider ist, so haben die Herren des Gerichts, nach- 
dem sie die Anklage des Herrn Schultheißen wider 
vorgemeldeten Albert Reyers, sowie seine Antwort 
und Bekenntnis angehört, und auf die Umstände der 
Sache genau Achtung gegeben, gedachten Albert, laut 



452 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


der vorgeschriebenen Befehle, dazu verurteilt, daß 
er von dem Scharfrichter mit dem Schwerte vom Le- 
ben zum Tode gebracht, daß nachher sein Leib auf 
ein Rad gelegt, sein Haupt aber auf einen Pfahl ge- 
steckt werden soll, wobei sie ferner erklären, daß laut 
der Privilegien dieser Stadt, von seinen Gütern die 
Summe von hundert Pfund verfallen sein soll. 

So geschehen den 12. April 1537, in Gegenwart 
des Schultheißen Claes Gerisse, Deymans und Gerrit 
Meeuweß, Bürgermeister, und aller Herren des Ge- 
richts. 

Auszug wie oben, Blatt 77. 

Nachdem Andries Harmans von Gelre sich unterstan- 
den, zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen 
Orten von der Schrift zu disputieren und heimliche 
Zusammenkünfte zu halten, bei welcher Gelegenheit 
von der Schrift, von den Sakramenten der heiligen 
Kirche und den Satzungen derselben ungebührlich 
gehandelt und gelehrt worden ist, wodurch vorge- 
meldeter Andries nicht allein selbst in Irrtum und 
Ketzereien geraten ist, sondern auch andere Men- 
schen unterrichtet und damit besudelt hat, wie er 
denn auch schon eine lange Zeit, sowohl von dem 
heiligen Sakramente des Altars, als auch von andern 
Sakramenten der heiligen Kirche auf anstößige Weise 
und ketzerisch geredet und geglaubt hat, auch derglei- 
chen noch glaubt, dem heiligen christlichen Glauben 
und den Befehlen der kaiserlichen Majestät, unsers 
gnädigen Herrn, zuwider, so haben die Herren des 
Gerichts, nachdem sie die Anklage des Herrn Schult- 
heißen wider den vorgemeldeten Andries Harmans, 
sowie seine Antwort und Bekenntnis gehört, auch auf 
die Umstände seiner Irrtümer genau Achtung gege- 
ben, denselben Andries, laut der vorgeschriebenen 
Befehle, dazu verurteilt, daß er von dem Scharfrich- 
ter vom Leben zum Tode mit dem Schwerte gebracht, 
sodann aber sein Leib auf ein Rad, sein Haupt aber 
auf einen Pfahl, andern zum Exempel, gesetzt werden 
soll, wobei sie ferner erklären, daß von seinen Gütern 
hundert Pfund, nach den Freiheiten dieser Stadt, zum 
Nutzen des Herrn, verfallen sein sollten. 

So geschehen den 12. April 1537, in Gegenwart des 
Schultheißen, Claes Gerrit Deymans und Gerrit An- 
dries, Bürgermeister, und aller Herren des Gerichts. 

Es ist auch derselbe sofort nach dem Urteile von 
dem Scharfrichter hingerichtet worden. 

Auszug wie oben, Blatt 78. 

Nachdem Thymon Hendrix von Campen sich unge- 
fähr vor drei Jahren hat wieder taufen lassen und sich 


unter den Bund und die Ketzerei der Wiedertäufer 
begeben, auch von dem heiligen christlichen Glauben, 
den Sakramenten und Ordnungen der heiligen Kir- 
che eine arge Lehre hegt, der Wahrheit des heiligen 
Glaubens zuwider, wie auch dem, was die kaiserli- 
che Majestät, unser gnädiger Herr, deshalb bekannt 
gemacht hat, so ist es geschehen, daß die Ratsherren, 
nachdem sie die Anklage, welche der Schultheiß die- 
ser Stadt von wegen der kaiserlichen Majestät wider 
den vorgemeldeten Thymon Hendrix, eingebracht hat, 
so wie seine Antwort und Bekenntnis gehört, auch 
die Umstände der gemeldeten Sache reiflich erwogen, 
denselben Thymon, nach den vorgemeldeten Befeh- 
len, dahin verurteilt, daß er von dem Scharfrichter mit 
dem Schwerte vom Leben zum Tode gebracht, und 
daß sodann sein Leib auf das Rad, das Haupt aber auf 
einen Pfahl, andern zum Beispiele, gesetzt werden 
soll; ferner erklären sie, daß seine Güter zum Nutzen 
des Herrn verfallen sein sollen. 

So geschehen den 12. April 1537, in Gegenwart des 
Schultheißen, Claes Gerrit Deymans und Gerrit An- 
dries, Bürgermeister, und aller Gerichtsherren. 

Dieses Urteil ist sofort nach der Publikation durch 
den Scharfrichter vollzogen worden. 

Auszug wie oben, Blatt 93. 

Nachdem Jan Janssen von dem Berge, aus dem cle- 
vischen Lande, vor ungefähr einem Jahre sich in der 
Stadt Delft von Claes mit der lahmen Hand hat wie- 
dertaufen lassen, und sich unter den Bund und die 
Ketzereien der Wiedertäufer begeben, welche von 
dem heiligen christlichen Glauben, wie auch von den 
Sakramenten und Satzungen der heiligen Kirche eine 
ärgerliche Lehre führen, der Wahrheit des heiligen 
Glaubens, und den Befehlen, welche die kaiserliche 
Majestät, unser gnädiger Herr, verkündigt hat, zuwi- 
der, so haben die Herren des Gerichts, nachdem sie 
die Anklage, welche der Schultheiß dieser Stadt von 
wegen kaiserlicher Majestät wider den vorgenannten 
Janssen eingebracht, wie auch dessen Antwort und 
Bekenntnis gehört und dabei auf die Umstände vor- 
gemeldeter Sache genau Achtung gegeben, denselben 
Janssen, laut vorgeschriebener Befehle, dazu verur- 
teilt, daß er von dem Scharfrichter mit dem Schwerte 
vom Leben zum Tode gebracht, dann aber sein Leib 
aufs Rad gelegt und sein Haupt, andern zum Exempel, 
auf einen Pfahl gesetzt werden soll, wobei sie ferner 
erklären, daß seine Güter zum Nutzen des Herrn ver- 
fallen sein sollen. 

Geschehen den 7. Juli des Jahres 1539, in Gegenwart 
aller Bürgermeister, Joost Buyk Sybrant, an Willems, 
Albert Dirksen, Willem Stichel und Floris Floriß. 



453 


Elf Brüder und eine Schwester zu Antwerpen, 
Hermann Zimmermann, Jan von Hasebroeck, Peter 
Verlonge, Gerrit von Mandel, Jan von Mandel, Jan 
Schäfer, Jan Wiljoot, Jan von Doornik, Willem von 
Poperinge, Maeyken sein Weib, Jan Kaufmann 
und Hans, sein Knecht, 1569. 

Im Jahre 1569 sind zu Antwerpen zwölf fromme Chris- 
ten, weil sie nach dem Worte Gottes und dem Zeugnis- 
se der Wahrheit lebten, nämlich: Hermann Zimmer- 
mann, Jan von Hasebroeck, Peter Verlange, Gerrit von 
Mandel, Jan von Mandel, Jan Schäfer, Jan Wiljoot, Jan 
von Doornik, Willem von Poperinge, Maeyken, sein 
Weib, Jan Kaufmann und Hans, sein Knecht, gefangen 
genommen, untersucht, gepeinigt und zuletzt zum To- 
de verurteilt worden. Unter diesen ist eine Person im 
Gefängnisse in Folge der Pein gestorben; sieben sind 
vor Ostern lebendig verbrannt worden, deren Mund 
man mit Schraubeisen zugeschraubt hat; auf eine glei- 
che Weise sind auch die vier letzten den zwanzigsten 
Mai des vorgemeldeten Jahres getötet worden. 

Hier folgt ein kurzes, doch gründliches und christ- 
liches Glaubensbekenntnis über den einwesigen Gott 
Vater, Sohn und heiligen Geist, und von der ewigen 
Gottheit Christi, des Sohnes Gottes, ebenso auch von 
der Menschwerdung, sichtbaren Gestalt, vom Leiden 
und Sterben des ewigen und eingebornen Sohnes des 
lebendigen Gottes, unsers Herrn und Heilandes Je- 
su Christi, welches von dem hiergemeldeten Helden 
und Zeugen Jesu, Hermann Zimmermann, als eine 
Antwort auf einen an ihn gesandten Brief geschrieben 
und demselben entgegengestellt worden ist, welches 
er mit seinem Blute und Tode trefflich bezeugt und 
befestigt hat. Darum haben wir es auch für den Le- 
ser hier beigefügt, und bitten denselben, daß er das- 
selbe mit christlicher Andacht und Aufmerksamkeit 
durchlese; wir hoffen, er soll daraus Unterricht und 
Besserung empfangen; dasselbe lautet wie folgt: 
Zunächst begehrst du, Freund, daß ich dir schreiben 
soll, ob wir bekennen, daß der Vater und der Mensch 
Jesus Christus mit dem heiligen Geiste eines Wesens 
sei. Unsere Antwort ist, daß wir bekennen, daß ein 
Vater sei, und ein Sohn, und ein heiliger Geist, und 
daß mit den Worten: Vater, Sohn und Heiliger Geist, 
der einige, allmächtige Gott von Christo selbst aus- 
gedrückt worden ist, Mt 28. So ist denn das unser 
Glaube, daß wir nämlich bekennen, daß, da der Vater 
war, der Sohn auch gewesen sei, denn es ist niemals 
ein Vater ohne Sohn gewesen. Wie nun die Schrift von 
dem Vater bezeugt, daß er ewig, und alle Dinge durch 
Ihn seien, so bezeugt sie auch von dem Sohne, daß 
sein Ausgang von Anfang sei und von den Tagen der 
Ewigkeit, und daß alle Dinge durch Ihn geschaffen 


worden seien; desgleichen auch durch den Heiligen 
Geist, denn durch Ihn sind alle Dinge gemacht wor- 
den, der einen Willen und ein Werk mit dem Vater und 
dem Sohne hat, wie man aus diesen Worten wohl ver- 
stehen kann, wo die Schrift bezeugt, daß der Heilige 
Geist gesagt habe: Sondert mir Barnabas und Saulus 
ab zu dem Werke, wozu ich sie berufen habe. Siehe, 
Freund, hier sagt der Heilige Geist, daß er sie zu sol- 
chem Werke rufe; nun spricht Paulus, daß Jesus Chris- 
tus Ihn gerufen und gesandt habe. An die Galater 
aber steht, daß Gott Ihn gerufen und von seiner Mut- 
ter Leib abgesondert habe, damit sein Sohn durch Ihn 
bekannt gemacht würde, aus welchen Worten man 
die Einigkeit wohl verstehen kann. Es sind noch mehr 
andere Stellen, die vom Heiligen Geiste zeugen, daß 
er die Diener oder Bischöfe in der Gemeinde Gottes 
einsetzt, die er durch sein eigenes Blut erkauft hat, 
und auch die Gaben austeilt. Aus diesen Worten kann 
man wohl verstehen, daß der Heilige Geist mit dem 
Vater und dem Sohne einig sei in der Wirkung, sodass 
man weder Ihn noch den Sohn von dieser Einigkeit 
ausschließen kann, denn er spricht: Ich und der Vater 
sind eins, welche Einigkeit und Sohn Gottes er sowohl 
nach der Person als nach dem Geiste ist, denn er wird 
oft nach seiner Menschheit Gottes Sohn genannt, wie 
man lesen kann, daß der Hauptmann sagte: Wahrlich, 
dieser Mensch ist Gottes Sohn. Und Paulus sagt, daß 
wir mit Gott durch den Tod seines Sohnes versöhnt 
seien; ferner, daß Gott seines Sohnes nicht geschont 
habe; und Johannes sagt: Daß das Blut Jesu Christi, 
seines Sohnes, uns von allen Sünden reinigt ebenso 
auch Lukas: Das aus dir geboren werden soll, wird 
Gottes Sohn genannt werden; und an die Galater: Da 
Gott seinen Sohn sandte, geboren von einem Weibe. 
Nun ist er ja von Maria in einer menschlichen Person 
geboren worden, welche Gottes Sohn ist, den er für 
uns zur Versöhnung dahingegeben hat; und Jesaja: 
Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns gegeben, 
und heißt Wunderbar, Rat, Kraft, Gott, ewiger Vater, 
und gibt Ihm mehrere andere Namen, die Gott sich 
selbst beilegt, welche aber Johannes der Täufer auf 
Christum (ja er selbst auf sich) deutet. Lies im Jesa- 
ja, da steht geschrieben: Seht, das ist euer Gott; denn 
seht, der Herr Zebaoth kommt, er wird seine Her- 
de weiden wie ein Hirt. Und beim Ezechiel spricht 
Gott: Ich will mich meiner Herde selbst annehmen. 
Nim sagt Christus, daß er der Hirt der Schafe sei, und 
daß die Schafe sein eigen seien; und Sacharja: Schla- 
ge den Hirten, auf daß die Schafe zerstreut werden; 
und bei Johannes liest man, daß Christus der Bräuti- 
gam sei, der die Braut hat; und an die Epheser, daß 
er sich selbst für uns dahingegeben habe, daß er sich 
selbst eine herrliche Gemeinde zubereite. So ist auch 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Christus das Lamm Gottes; nun aber liest man in der 
Offenbarung, daß die Hochzeit des Lammes gekom- 
men sei, und daß sich sein Weib bereitet habe. So kann 
man nun klar aus diesen Worten verstehen, daß Jesus 
Christus der Bräutigam und Mann seiner Gemeinde 
sei, welcher Mann von dem Propheten Jesaja Gott ge- 
nannt wird: Denn der dich gemacht hat, ist dein Mann 
(sagt er), Herr Zebaoth ist sein Name, und dein Erlö- 
ser, der Heilige in Israel, der aller Welt Gott genannt 
wird. Siehe, Freund, aus allen diesen Worten ist klar 
zu verstehen, daß man Christum von der Einigkeit 
oder von Gott nicht ausschließen könne, denn Gott 
wird oft in heiliger Schrift mit dem Wörtlein Chris- 
tus ausgedrückt, wie man an Timotheus lesen kann, 
wo Paulus Christum und auch Gott unsem Heiland 
nennt, und an mehreren andern Stellen, wo Gott un- 
ser Heiland genannt wird. Lies lTim 1. Auch sagt Gott 
durch Jesaja: Ich bin der Herr, und außer mir ist kein 
Heiland. Nun bezeugt die Schrift, daß des Menschen 
Seligkeit in der Aufopferung des Leibes unsers lie- 
ben Herrn Jesu Christi bestehe, wie wir oben einige 
Sprüche angeführt haben; dahin gehören: Daß wir mit 
Gott versöhnt seien, durch den Tod seines Sohnes: Der 
Leib ist gestorben; und Petrus: Durch seine Wunden 
sind wir heil geworden: Der Leib ist verwundet; und 
Jesaja sagt auch: durch seine Wunden sind wir geheilt. 
Siehe, Freund, so ist es klar aus diesen Worten, daß 
man Christum, dem Leibe und Geiste nach, von Gott 
nicht ausschließen könne, denn Gott schreibt sich das 
zu, was Christus getan hat, wie wir oben von dem Hir- 
ten der Schafe berichtet haben; und Christus schreibt 
sich auch das zu, was Gott Tut, wie man oft aus der 
Schrift verstehen kann; woraus man klar entnehmen 
kann, daß sie einen Willen und ein Werk haben: Denn 
was der Vater tut, das tut auch der Sohn; und gleich- 
wie der Vater die Toten auferweckt und sie lebendig 
macht, so macht der Sohn auch lebendig, wen er will. 
So kann man also die Werke des Sohnes Gottes sonst 
niemand zuschreiben als Gott, sodass man den Sohn 
von Gott nicht ausschließen kann. Wenn man nun das 
Wörtlein Gott nennt, so wird damit Vater, Sohn und 
Heiliger Geist ausgesprochen. Also bekennen wir den 
einigen Gott. 

Ferner verlangst du Antwort auf die Sprüche, die 
von dem einigen Gott zeugen, ob damit weiter jemand 
verstanden werde, als der Vater; ich verstehe deine 
Frage so, ob Christus, der gestorben ist, auch mit unter 
dem Wörtlein Einiger Gott begriffen sei? 

Antwort: Zunächst führst du den Spruch 5Mo 6 an, 
wo Mose sagt: Höre, Israel, der Herr unser Gott ist ein 
einiger Gott, und in demselben Kapitel fortfährt: Ihr 
sollt den Herrn, euren Gott, nicht versuchen wie ihr 
Ihn zu Massa versuchtet. Siehe Freund, diesen eini- 


gen Gott haben sie versucht, welchen Paulus Christus 
nennt, indem er sagt: Lasst uns auch Christum nicht 
versuchen, wie Ihn einige versucht haben. Nun aber 
verstehe ich aus deinem Briefe, und zwar aus dem 
Spruche, den du anführst, daß du Christus von Gott 
ausschließen willst, Joli 17, womit du beweisen willst, 
daß Christus kein Gott wäre. Unsere Antwort rück- 
sichtlich des Spruches ist: Die Jesum Christum in der 
Wahrheit bekennen, die bekennen Ihn auch als Gott, 
denn Gott wird mit dem Wörtlein Christus ausge- 
drückt, wie wir oben aus Paulus Worten bewiesen 
haben. Ferner führst du den Spruch Hiskia an, wenn 
er sagt: Herr Gott Israel, du bist allein Gott, und hast 
Himmel und Erde gemacht. Mit diesen Worten willst 
du beweisen, daß Christus außer dem einigen Gott 
sei. Du schreibst auch in deinem Briefe, daß der ei- 
nige Gott, wovon Hiskia redete, Himmel und Erde 
gemacht habe; nun aber schließest du Christum von 
dem einigen Gotte aus, also musst du Ihn auch von 
der Schöpfung des Himmels und der Erde ausschlie- 
ßen, und zuvor alle diese Zeugen widerlegen, die von 
Christo Jesu zeugen, daß alles, was gemacht worden 
ist, durch Ihn gemacht worden sei; lies Joh 1, Kol 1, 
Eph 3, Hebr 1, Ps 33. Wenn du nun alle diese Zeugen 
vernichtet und Christum von allen Werken Gottes aus- 
geschlossen haben wirst, dann will ich dir zugestehen, 
daß Christus unter dem Wörtlein Einiger Gott nicht 
begriffen sei. 

Auch hast du eingewandt, daß Gott unsichtbar sei 
und in Ewigkeit lebe, und daß man Christus gese- 
hen habe, daß er gestorben sei und ein unwissendes 
Kind gewesen, und daß er an Weisheit zugenommen 
habe, davon sollst du im Nachfolgenden unsere Mei- 
nung aus unserm Glaubensbekenntnisse vernehmen, 
welches wir aus der Schrift beweisen, der wir doch 
glauben müssen. Ferner wendest du ein, daß Gott die 
Zeiten wisse, der Sohn aber nicht. Unsere Antwort ist, 
daß Christus solches nach seiner Erniedrigung rede, 
denn es gibt noch andere Sprüche, die von Ihm be- 
zeugen, daß er alle Dinge wisse, wie denn Petrus sagt: 
Herr, du weißt alle Dinge; und Christus hat nicht zu 
ihm gesagt: Nein, Petrus, ich weiß den jüngsten Tag 
nicht; er hat nicht darauf geantwortet. Ferner, als die 
Jünger zu ihm sagten: Nun wissen wir, daß du alle 
Dinge weißt; desgleichen bringst du bei, daß Gott al- 
ler Menschenkinder Herzen kenne. Wir sagen, daß sie 
Christus auch kennt, denn er wusste ja, was im Men- 
schen war, und hatte nicht nötig, daß Ihm jemand ein 
Zeugnis gab von irgendeinem Menschen; und Chris- 
tus sprach: Ich kenne dich, daß du die Liebe Gottes 
nicht in dir hast. So liest man auch Joh 6, daß Chris- 
tus bei sich selbst wusste, daß seine Jünger darum 
murrten. Daß du aber von der Offenbarung Johan- 



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nes schreibst, daß ihm Gott dieselbe gegeben habe, 
damit wird nicht gesagt, daß er nichts wüsste. Auch 
hast du gemeldet, daß Gott allmächtig sei, und alle 
Dinge tue ohne jemandes Hilfe. Antwort: Wir haben 
oben erwiesen, daß Christus Jesus und der Heilige 
Geist unter dem Wörtlein Gott begriffen sei, oder du 
müsstest beweisen, daß der Vater ohne den Sohn oder 
den Heiligen Geist etwas tue, was den Worten Christi 
widerspricht, wo er sagt: Alles, was der Vater tut, das 
tut auch der Sohn. Mein Vater wirkt bisher, und ich 
wirke auch. Und gleichwie der Vater die Toten auf- 
erweckt und sie lebendig macht, so macht der Sohn 
auch lebendig wen er will. Soll man auch den Sohn 
ehren, wie den Vater, gleichwie der Vater begehrt, so 
muss man ja bekennen, daß er Gott sei, denn man ehrt 
den Vater als Gott. Wenn wir also den Sohn leugnen, 
so haben wir weder den Vater noch den Sohn, und 
sind auch der Geist des Antichristen. Und gleichwie 
Gott die Zeichen durch Ihn getan hat, so hat er sie 
hinwiederum durch den Vater getan, und hat zu zwei 
blinden Männern gesagt: Glaubt ihr, daß ich euch sol- 
ches tun kann; und als sie glaubten, ist ihnen geholfen 
worden. Dieses erzähle ich darum, damit du erkennst, 
daß er oft die Werke, die er tut. Ihm selbst zuschreibt, 
und bisweilen seinem Vater, damit du auch erkennen 
mögest, daß sie ein Gott seien, der alle Dinge wirkt. 
Du berichtest, daß Gott den Heiligen Geist verheißen 
habe, welches auch recht ist. Nun sollst du merken, 
daß eine Sache bisweilen Gott dem Vater zugeschrie- 
ben werde, bisweilen dem Sohne, denn man liest Joh 3, 
daß Gott die Welt so geliebt habe, daß er seinen einge- 
borenen Sohn gab. Und Joh 10 liest man, daß Christus 
sagt, daß er sein Leben dahin gebe. Niemand neh- 
me es von Ihm, sondern er lasse es von Ihm selbst; 
ferner, daß er sein Fleisch dahin gebe für der Welt Le- 
ben; daß er auch den Heiligen Geist gebe, und seinen 
Jüngern gesandt habe. Auch führt du den Spruch an 
IKor 15. Unsere Antwort ist, wie oben, nämlich: Daß 
bisweilen ein Werk dem Vater zugeschrieben werde, 
bisweilen aber dem Sohne, damit alle Menschen er- 
kennen möchten, daß sie eins seien; denn man liest, 
daß Gott der Vater Jesum Christum zu seiner Rechten 
ins himmlische Wesen gesetzt habe. Ebenso liest man 
auch, daß der Herr sich selbst zur rechten Hand der 
Majestät in der Höhe gesetzt habe. Darum, Freund, 
magst du wohl Zusehen, ehe du in einer so schweren 
Sache fortfährst, daß du es zuvor nach dem Worte 
Christi und seiner Apostel wohl prüfst, und nicht mit 
einem Worte davon läufst, ehe du es wohl geprüft 
hast ob es auch mit dem ganzen Worte Gottes wohl 
übereinkomme. Lebe wohl, und lies es mit Verstand. 

Unser Glaube und Grund von der Menschwerdung 
Jesu Christi ist, daß wir bekennen und glauben, daß 


der eingeborene Sohn Gottes (der bei dem Vater war, 
ehe der Welt Grund gelegt war, Joh 17, und in gött- 
licher Gestalt war Phil 2) vor Grundlegung der Welt 
erwählt worden sei, IPt 1, dessen Ausgang ist von 
Anfang, Mi 5, durch welchen die Welt gemacht ist, 
Joh 1, Kol 1, Hehr 1, und daß er, der reich war, um 
unsertwillen arm geworden sei, 2Kor 8, welcher vom 
Vater ausgegangen, und in diese Welt gekommen ist, 
Joh 16, vom Himmel herabgekommen, Joh 6, ist durch 
die Kraft des Allerhöchsten in Maria empfangen und 
Mensch geworden, denn das Wort ward Fleisch, so- 
dass man es mit Augen gesehen und mit Händen 
betastet hat vom Worte des Lebens, 1 Joh 1; aus Maria 
geboren, Lk 2; Gal 4, uns zum Sohne gegeben, Jes 9, 
und ist für uns gekreuzigt, gestorben und begraben 
worden, Mt 27, auf erweckt vom Tode, denn Gott hat 
sein Kind Jesum auferweckt, Apg 3; ITh 1, und er ist 
aufgefahren, wo er zuvor war, Joh 6, denn der da her- 
abgefahren ist, ist eben derselbe, der auch aufgefahren 
ist, Eph 4. Auch glauben wir, daß der Sohn Gottes, als 
die Zeit erfüllt war, Abrahams Sohn, Davids Sohn, 
Abrahams Samen, des Menschen Sohn, Maria Sohn 
und Frucht durch seine Menschwerdung geworden 
sei, nicht als ob der Sohn Gottes seinen Ursprung oder 
Anfang von Abraham, oder David, oder Maria gehabt 
hätte, denn wir haben oben mit der Schrift erwiesen, 
daß er bei dem Vater war, ehe der Welt Grund gelegt 
war, und er war, ehe Abraham war. Darum glauben 
wir, daß Jesus Christus ohne irgendeine Zertrennung 
sichtbar und unsichtbar, sterblich und unsterblich, 
ganz und gar der erstgeborene, selbständige, wahre 
Sohn Gottes sei, gleichwie alle Gläubige ihn bekannt 
haben, wie man solches in der heiligen Schrift lesen 
kann, Petrus hat ihn für den lebendigen Sohn Gottes 
bekannt; ebenso hat ihn Johannes der Täufer bekannt, 
denn er sagt: Ich habe es gesehen und bezeugt, daß 
dieser Gottes Sohn ist. Nathanael sprach: Rabbi, du 
bist Gottes Sohn. Ebenso hat auch Martha bekannt, 
daß er Christus, der Sohn des lebendigen Gottes sei, 
der in die Welt gekommen ist. Dieses ist unser Be- 
kenntnis von der Menschwerdung unsers Herrn Jesu 
Christi. Wollte uns aber mm jemand fragen, ob wir 
nicht glaubten, daß der Sohn Gottes Fleisch und Blut 
angenommen habe, worin er gewohnt hat, und daß 
der Sohn Gottes geblieben sei, wie er war, unsichtbar, 
unsterblich, unveränderlich, wie der Vater, so ist die- 
ses unsere Antwort: Wenn dem so ist, daß der Sohn 
Gottes imsichtbar, unsterblich und unveränderlich ge- 
blieben wäre, wie der Vater, und Fleisch und Blut von 
Maria angenommen hätte, worin er gewohnt, so könn- 
te man nicht mit Wahrheit sagen, daß der Sohn Gottes 
ein Mensch geworden sei. Man könnte nur mit Wahr- 
heit sagen, daß der Sohn Gottes einen Menschen an- 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


genommen hätte, worin er gewohnt; denn Annehmen 
ist Annehmen, und Werden ist Werden, und Anneh- 
men kann man kein Werden nennen. Ferner folgt auch 
hieraus, wenn der Sohn Gottes unsichtbar geblieben 
ist, wie der Vater, so hat man ihn nicht kreuzigen kön- 
nen; folglich wäre auch derjenige nicht Gottes Sohn, 
der am Kreuze gehangen hat, denn denselben hat man 
gesehen; Gott aber hat nur einen Sohn. Ferner folgt 
noch daraus, wenn der Sohn unsichtbar geblieben ist, 
so hat Gott seines Sohnes verschont, wider Paulus 
Reden; da er sagt, daß Gott seines Sohnes nicht ver- 
schont habe, sondern ihn für uns alle dahin gegeben 
hat. Ebenso hätte uns Gott alsdann seinen Sohn auch 
nicht gegeben, wider Johannes Lehre, da er spricht: 
Also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingebor- 
nen Sohn gab. Ferner, wenn er unsterblich geblieben 
ist, so kann man nicht sagen, daß wir mit Gott durch 
den Tod seines Sohnes versöhnt seien; dies wäre Pau- 
lus zuwider, welcher sagt, daß wir mit Gott durch 
den Tod seines Sohnes versöhnt seien. Man kann auch 
nicht sagen, daß das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, 
uns von allen Sünden reinigt, sondern man kann nur 
sagen, daß das Fleisch und Blut von Maria uns von 
allen Sünden reinigt, was Johannes Lehre zuwider ist, 
da er die Worte spricht, daß das Blut Jesu Christi, sei- 
nes Sohnes, uns von allen Sünden reinigt; auch kann 
man nicht sagen, daß Gott sein Kind Jesum erweckt 
habe, denn wenn er nicht gestorben ist, so hat er ihn 
auch nicht auferweckt, was mit Paulus Lehre streitet, 
lTh 1; Apg 3. Wenn uns nun jemand fragen wollte, ob 
wir glaubten, daß der Sohn Gottes verändert wäre, 
so ist dieses unsere Antwort: Daß wir glauben, daß 
der Sohn Gottes um unsertwillen so viel verändert sei, 
daß er das geworden ist, was er nicht war, nämlich 
der, welcher zuvor reich war, ist um unsertwillen arm 
geworden, denn das Wort ward Fleisch, sodass man 
es mit den Augen gesehen und mit den Händen be- 
tastet hat, und der zuvor unsichtbar war, ist sichtbar 
geworden, ist vom Tode auferstanden und dahin auf- 
gefahren, wo er zuvor war, denn der herabgefahren 
ist, ist derselbe, der aufgefahren ist, und sitzt zur Rech- 
ten der Majestät in der Höhe, ist unser Fürsprecher 
und Mittler, und lebt allezeit, um uns zu versöhnen. 

Sieh, Freund, dadurch erkennen wir die Liebe, die 
Gott an uns erwiesen hat, daß Jesus Christus sich 
selbst um unsertwillen erniedrigt hat, geringer gewor- 
den ist, als die Engel, und an Gestalt wie ein anderer 
Mensch erfunden worden ist. Sieh, Freund, das ist die 
Antwort auf das Wort, daß das Kind an Weisheit zu- 
genommen habe, denn, als er wie ein anderer Mensch 
geworden ist, wie Paulus lehrt, so ist er in allen Din- 
gen seinen Brüdern gleich geworden. Nun wächst ein 
anderer Mensch in der Weisheit auf; so erniedrigte 


sich auch der Sohn Gottes, ist an unserer Statt bei Gott 
seinem Vater Bürge geworden, hat unsere Sünden auf 
sich genommen, und statt unserer für dieselben be- 
zahlt, sodass er statt unserer Gebet und Flehen mit 
starkem Geschrei und Tränen hat zu Gott geopfert, 
der ihn von den Toten erretten konnte, nicht etwa, 
Freund, als hätte er das Seligmachen für seine Person 
nötig gehabt. Wollte uns nun jemand fragen, ob er 
durch solche Menschwerdung, wie du hier bekannt 
hast, seine Sohnschaft und die Einigkeit mit Gott nicht 
verloren habe, so ist dieses unsere Antwort: Wir ha- 
ben oben mit der Schrift erwiesen, daß Jesus Christus 
vor allen Kreaturen Gottes Sohn gewesen sei, und daß 
er bei dem Vater gewesen, ehe der Welt Grund gelegt 
war, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit 
ist; folglich hat er durch seine Menschwerdung die 
Sohnschaft nicht verloren, denn der Vater hat Ihn, als 
er Mensch war, noch für seinen Sohn erkannt, auch 
hat Christus selbst gesagt, daß er Gottes Sohn sei; des- 
gleichen auch Petrus, Mt 16, Johannes der Täufer, Na- 
thanael, Martha, Thomas, haben ihn für ihren Herrn 
und Gott erkannt; auch sagte Christus: Ich und der 
Vater sind eins. Aus diesen Worten kann man wohl 
verstehen, daß er durch seine Menschwerdung seine 
erste Eigenschaft und Einigkeit nicht verloren habe, 
denn der Sohn Gottes hat wohl Mensch werden kön- 
nen, sodass er gestorben ist und gleichwohl Gott und 
Gottes Sohn bleiben konnte. 

Man liest von dem ersten Menschen Adam, welcher 
ein Vorbild auf Christum war, daß ihn Gott von der 
Erde gemacht habe, und daß Adam eine lebendige 
Seele, Fleisch und Blut geworden ist, daß er leiden 
und sterben konnte, und dennoch ist er Erde geblie- 
ben, denn Gott sprach: Erde bist du, und zu Erde 
sollst du werden. Abraham hat auch bekannt, daß er 
Erde sei. Wenn man nun das Wörtlein Erde nennt, 
so begreift man darunter alles, was Erde ist, und sei- 
nen Ursprung von der Erde hat. Nun sind Adam und 
Abraham, die da Erde waren, gestorben, und alle Men- 
schen, die von der Erde sind, können auch sterben; 
die Erde aber, worauf man geht, kann nicht sterben. 
Gleichwohl sind sie beide Erde, und werden auch alle 
unter dem Wörtlein Erde begriffen. Wenn man nun 
das Wörtlein Gott nennt, so begreift man damit alles, 
was Gott ist und alles, was seinen Ursprung aus Gott 
und mit Gott hat, nämlich, mit dem Wörtlein Gott 
wird Vater, Sohn und Heiliger Geist ausgedrückt. Nun 
bezeugt die Schrift (wie wir oben weitläufig auseinan- 
dergesetzt haben), daß der Sohn Gottes ein Mensch 
geworden sei, sodass man Ihn gesehen hat, und er 
gestorben ist, aber der Vater und der Heilige Geist 
sind nicht gestorben; gleichwohl hat Gott die Welt 
versöhnt, und hat seine Gemeinde durch sein Blut 



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erkauft, denn Gott ist offenbar im Fleisch. Lies Baruch 
3; denn Gott ist des Menschen Heiland, lies Jes 43; 
lTim 1; Tit 1. Wenn nun der Leib Christi von der Erde 
wäre, worin unsere Versöhnung liegt, wie Petrus lehrt, 
daß wir durch seine Wunden heil geworden seien, 
und Jesaja, daß wir durch seine Wunden geheilt seien, 
und Paulus, daß wir durch seinen Tod versöhnt sei- 
en, so müsste dann die Erde unser Seligmacher sein 
und nicht Gott; dann müsste Johannes nicht recht ge- 
sagt haben, wenn er spricht, daß das Wort (welches er 
Gott nennt) Fleisch geworden sei. Ehe wir aber dieses 
glauben wollen, daß der Leib Christi von Maria Blut 
sei, so wollen wir erst diese Worte in der Schrift von 
Wort zu Wort klar bewiesen haben; erst dann wollen 
wir nicht widersprechen, denn, wie die Schrift sagt, 
so müssen wir glauben. Wenn aber jemand begehrt, 
unsern Glauben anzunehmen, so wollen wir ihm von 
Wort zu Wort beweisen, wo das geschrieben steht, das 
ist, daß das Wort Fleisch geworden sei. Lebe wohl. 
Lies es mit Verstand. Hermann Zimmermann. 

Von Jan von Hasebroeck sind uns drei Briefe zu 
Händen gekommen, welche wir auch zum Dienste 
und Nutzen des Lesers hier beigefügt haben. 

Der erste Brief von Jan von Hasebroeck an sein 
Weib. 

Die überfließende Gnade, Friede und Barmherzigkeit 
Gottes, des himmlischen Vaters, samt der Liebe un- 
sere lieben Herrn Jesu Christi, die er an uns durch 
die Ausgießung seines heiligen und feuern Blutes an 
dem Kreuzesholze bewiesen hat, wolle dich stark und 
kräftig machen an dem inwendigen Menschen mit 
seinem Worte und der Kraft seines Heiligen Geistes; 
derselbe wolle dir viel Weisheit und Verstand geben, 
damit du bestehen mögest zum Preise des Herrn und 
zu deiner Seele Heil; das wünsche ich dir, mein liebes 
und sehr wertes Weib und Schwester in Christo Jesu, 
zum herzlichen Gruße, wie auch allen, die den Herrn 
von Herzen fürchten, Amen. 

Nebst herzlichem Gruße lasse ich dich wissen, mein 
liebes und sehr wertes Weib, daß ich inwendig und 
auswendig noch wohlauf sei, dem Herrn sei ewiges 
Lob für seine große Gnade und Barmherzigkeit, wie 
ich denn auch, durch des Herrn Gnade, das Vertrauen 
habe, daß es mit dir, dem Auswendigen und Inwen- 
digen nach, so bestellt sei wie es dem Herrn gefällt; 
denn, meine Geliebteste, hätte es dem Herrn anders 
gefallen, er hätte es bald so verordnet; darum laß uns 
mit demjenigen zufrieden sein, was der Herr über uns 
beschlossen hat, indem er weiß, was dir zur Seligkeit 
dient. Ach, meine allerliebste Liebe! Ich berichte dir, 
daß du meinem Herzen eine Arznei gewesen bist, als 


ich dich neulich an dem Gitter sah; denn, gleichwie 
ein Durstiger nach frischem Wasser sich sehnt, so war 
mein Herz begierig, einmal dein Angesicht zu sehen. 
Ach, mein liebes Weib! Könnte ich dich noch einmal 
sehen, mit dir reden und Abschied von dir nehmen! 
Aber, meine Geliebteste, der Herr hat mir nicht be- 
fohlen, Abschied von meinen Freunden zu nehmen, 
sondern daß ich ihm in Gehorsam der Wahrheit nach- 
folgen soll. Ach, meine geliebtes Weib, die ich vor 
Christo und seiner Gemeinde zur Gehilfin auf mei- 
ner Wallfahrt geehelicht habe, über welche der Herr 
mich zum Haupte und Schutzherrn gesetzt hat, dich 
zu verpflegen und zu ernähren, wie meinen eigenen 
Leib. Nun, meine Geliebteste, wenn ich meines Be- 
rufes während der Zeit, daß wir beieinander waren, 
nun nicht gut wahrgenommen und dich vielleicht in 
einer Sache betrübt habe, so bitte ich dich freundlich 
aus meines Herzens Grunde, du wollest es mir ver- 
geben; ich habe den Herrn mit Tränen gebeten, daß 
er es mir vergeben wolle. Ach, mein liebes Weib, al- 
les, was du mir etwa zuwider getan hast, vergebe ich 
dir von Herzen. Ach, mein liebes Weib, du hast mich 
nicht beleidigt; aber ich habe mich selbst betrübt; dar- 
um habe ich auch den Herrn gebeten, daß er es mir 
vergeben wolle, und auch du, mein liebes Weib, bitte 
den Herrn für mich, daß ich ein angenehmes Opfer 
des Herrn werden möge, denn durch des Herrn Gna- 
de hoffe ich mit unsern Mitbrüdern dir vorzugehen, 
und dich unter dem Altäre zu erwarten. Ach, meine 
Geliebteste, meine Herzensbitte an dich ist, daß du 
allezeit würdig vor Gott und seiner Gemeinde wan- 
deln wollest, wie du auch bisher getan hast, damit wir 
am jüngsten Tage stehen und seine Stimme hören mö- 
gen: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt 
das Reich, das euch von Anbeginn der Welt bereitet 
ist. Auch sagte Christus: Fürchte dich nicht, du kleine 
Herde, denn es ist meines Vaters Wohlgefallen, dir 
sein Reich zu geben; desgleichen sagt Christus: Fürch- 
tet euch nicht, denn die Haare eures Hauptes sind alle 
gezählt. Meine Geliebteste, tröste dich mit dem Worte 
des Herrn und den schönen Verheißungen Gottes, da- 
mit du auf dem Wege des Herrn nicht matt werdest, 
um der großen Verfolgung und Pein willen, die man 
seinem Volke um seines Namens willen antut, denn er 
sagt selbst: Fürchtet euch nicht vor denen die den Leib 
töten, und nachher nichts mehr tun können, sondern 
fürchtet euch vielmehr vor dem, der, wenn er getötet 
hat, Macht hat, die Seele in die Hölle zu werfen; wie 
auch der Prophet Jesaja gesagt hat: Fürchtet euch nicht 
vor den Menschen oder den Menschenkindern, die 
wie Heu vergehen. Darum, meine Geliebteste, fürch- 
te dich nicht vor dieser Pein, denn Paulus sagt, daß 
dieser Zeit Leiden nicht mit der Herrlichkeit zu ver- 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


gleichen sei, die an uns offenbar werden soll; auch 
sagt Paulus an einem andern Orte: Wenn auch unser 
äußerlicher Mensch verwest, so wird doch der inner- 
liche von Tag zu Tag erneuert, denn unsere Trübsal, 
die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über 
alle Maßen gewichtige Herrlichkeit uns, die wir nicht 
auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare sehen, 
denn was sichtbar ist, das ist vergänglich, was aber 
unsichtbar ist, das ist ewig. 

Ach, mein geliebtes Weib, meines Herzens Bitte 
und Begehren ist, daß du dich allezeit zu denen hal- 
ten wollest, die den Herrn fürchten, was ich auch zu 
tun hoffe, damit wir dermaleinst Zusammenkommen 
mögen, wo uns die Menschen nicht mehr scheiden 
werden, und wo wir uns ewiglich bei dem Vater und 
seinem Sohne erfreuen werden; wenn wir nur stand- 
haft bleiben, so werden wir die Seligkeit erlangen. 

Ach, mein liebes Weib, der Prophet Maleachi sagt, 
daß ein Tag kommen werde, der wie ein Ofen brennen 
soll; dann werden alle gottlosen Verächter wie Stroh 
sein, und der Tag wird sie anstecken, und ihnen weder 
Wurzel noch Zweig übrig lassen; euch aber, die ihr 
meinen Namen fürchtet (sagt er), soll die Sonne der 
Gerechtigkeit aufgehen, und Heil unter ihren Flügeln; 
ihr werdet aus- und eingehen und Weide finden. 

Siehe doch, mein liebes Weib, welch ein Unter- 
schied zwischen denen sei, die Gott fürchten, und 
denen die Gott nicht fürchten, denn der Apostel Pau- 
lus an die Thessalonicher, im ersten Kapitel des zwei- 
ten Briefes, sagt: Wenn der Herr Jesus sich offenbaren 
wird, samt den Engeln seiner Kraft, und mit Feuer- 
flammen, um Rache an denen auszuüben, die Gott 
nicht erkannt haben und dem Evangelium unsers 
Herrn Jesu Christi nicht gehorsam gewesen sind, wel- 
che Pein leiden werden und das ewige Verderben vor 
dem Angesichte seiner Kraft, da ihr Feuer nicht ver- 
löschen, noch ihr Wurm sterben wird; sondern ihr 
Rauch wird aufgehen von Ewigkeit zu Ewigkeit. 

Siehe, das wird ihr Lohn sein. Aber die Gott fürch- 
ten, ihn lieben und seine Gebote halten (nach ihrer 
Schwachheit), deren Lohn wird Leben und Friede 
sein, gleichwie die Schrift hiervon genugsam Nach- 
richt gibt; so sagt auch Paulus, daß niemals ein Auge 
gesehen, noch ein Ohr gehört habe, oder in eines Men- 
schen Herz gekommen sei, was Gott denen bereitet 
hat, die ihn lieben. 

Hiermit will ich meine Rede abkürzen, und dich 
dem allmächtigen Herrn, dem Gotte Abrahams, dem 
Gotte Isaaks und dem Gotte Jakobs anbefehlen, wel- 
cher mich dir gegeben hat und (wie zuvor gemeldet 
worden ist) mich dir zum Haupte gesetzt hatte, um 
dich zu ernähren und zu versorgen, wie mein eige- 
nes Fleisch, was ich auch während der Zeit, daß ich 


bei euch war, nach meinem geringen Vermögen getan 
habe; da ich aber nun dir entnommen bin, so befehle 
ich dich, mein geliebtes Weib und Schwester in dem 
Herrn, dem Gotte des Friedens, der dich mir gegeben 
hat, und bitte ihn demütig, durch Jesum Christum, 
seinen lieben und werten Sohn, daß er dich allezeit 
mit meinen zwei kleinen Schäflein bis ans Ende in sei- 
ner Wahrheit bewahren wolle. Ebenso bitte ich auch 
dich, mein liebes Weib, aus meines Herzens Grunde, 
daß du an meinen beiden Kindern das Beste tun wol- 
lest, wie ich hoffe, daß du tun werdest. Ach, wie gern 
wollte ich noch mein Bestes daran wenden, wenn es 
dem Herrn gefiele! Meine Geliebteste, ich habe ver- 
nommen, daß du mir einen Brief gesandt hast, aber 
ich habe ihn nicht empfangen; darum, wenn du mir 
etwas entbieten willst, so rede mit N. und frage sie, 
ob sie nicht jemand wüsste, der nach dem gemeinen 
Stein gehen, und nach dem Schwager in der Walkers 
Hause fragen wollte, denn wenn du ihm das mir Mit- 
zuteilende vorsichtig in die Hände geben kannst, so 
hoffen wir, solches wohl zu erlangen, darum gehe da- 
mit vorsichtig zu Werke, und sende nichts, ohne mit 
andern zu reden, damit es zu passender Zeit gesche- 
hen möge und desto weniger Aufsehen mache, denn 
wir haben um eines Briefes willen, der von Außen 
kam, große Not ausgestanden, worin uns mitgeteilt 
war, sie hätten zwei von unsern Briefen empfangen; 
dieser Brief ist in des Kerkermeisters Hände geraten, 
welcher ganz wütend über uns war, das wir geschrie- 
ben hätten. Darum, meine liebste Liebe, wenn du mir 
etwas schreiben willst, so melde nicht, daß du einen 
Brief von mir empfangen habest, wenn du aber diesen 
Brief von mir empfangen hast, und mir einen anderen 
sendest, so setze das Zeichen unter deinen Brief, das 
unter diesem steht; daran werde ich erkennen, daß 
du meinen Brief empfangen hast, und wenn du mit 
meinem Bruder redest, so grüße ihn sehr, und sage 
ihm, daß er mit Noah in den Kasten gehe, damit ihn 
die Sündflut, der Zorn Gottes, nicht überfalle, und 
daß er mit Lot aus Sodom gehe, ohne zurückzuse- 
hen, wie Lots Weib, welche denen, die in späteren 
Zeiten ungöttlich wandeln würden, ein Beispiel gege- 
ben worden ist; denn Christus sagt: Wer seine Hand 
an den Pflug legt, und sieht zurück, der ist nicht tüch- 
tig zum Reiche Gottes. Hiermit sollst du ihn auch von 
mir sehr grüßen; ich grüße auch alle, die nach mir fra- 
gen, insbesondere meinen gewesenen Meister, auch 
meinen Landsmann und seine Frau, und die Frau, 
welche den vorigen Tag bei uns war, und ferner auch 
dich, meine Geliebteste, die ich auf Erden weiß, ja, 
die ich wie mein eigenes Leben liebe, denn der Herr, 
der reich ist von Barmherzigkeit, weiß es, daß mir das 
irdische Leben nicht so am Herzen liegt. 



459 


Ach, meine Geliebteste, bleibe dem Herrn und dem 
Worte seiner Gnade anbefohlen, samt allen, die Gott 
fürchten, Amen. 

Geschrieben von mir, Jan von Hasebroeck, deinem 
Manne und schwachen Bruder in Christo. 

Der zweite Brief von Jan Hasebroeck. 

Die überfließende Gnade und Friede sei mit dir von 
Gott dem himmlischen Vater, durch Jesum Christum, 
seinen vielgeliebten und werten Sohn, unsern Herrn, 
durch welchen wir unsere Seligkeit erwarten; er wol- 
le dich durch seinen Geist kräftig und stark machen, 
und dich in all deiner auswendigen und inwendi- 
gen Trübsal und deinen Anfechtungen trösten, damit 
du fest und unbeweglich in seiner Wahrheit stehen 
bleiben mögest, zu seinem Preise und deiner Seelen 
Seligkeit, bis an das Ende deines Lebens; solches wün- 
sche ich dir, mein vielgeliebtes und wertes Weib und 
Schwester in dem Herrn, zum freundlichen Gruße 
und Abschiede in Christo Jesu, Amen. 

Nebst herzlichem Gruße, mein vielgeliebtes und 
wertes Weib, lasse ich dich wissen, daß ich, dem Flei- 
sche nach, noch ziemlich wohlauf bin, dem Herrn sei 
ewiges Lob gesagt für seine Gnade; auch ist das Ge- 
müt noch immer bereit, bei demjenigen zu beharren, 
was ich bezeugt und vor den Herren der Finsternis 
dieser Welt bekannt habe, hoffe auch durch des Herrn 
Gnade solches mit meinem Blute und Tode zu ver- 
siegeln, damit ich Unwürdiger die Verheißung erlan- 
gen möge, wenn er sagt: Wer sein Leben verliert um 
meinet- und des Evangeliums willen, der wird es er- 
halten, und wer mich vor den Menschen bekennt, den 
will ich auch vor meinem himmlischen Vater beken- 
nen. 

Darum, meine allerliebste Liebe, sei wohlgemut, 
tröste dich allezeit, und laß dich trösten mit des Herrn 
Worten, und betrübe dich nicht so sehr über das, was 
doch des Herrn Werk und Wille ist, denn er wirkt 
alle Dinge nach dem Rate seines Willens, und nie- 
mand ist jemals des Herrn Ratgeber gewesen. Mein 
sehr geliebtes und wertes Weib und Schwester in dem 
Herrn, wir, die wir in der ganzen Zeit, seit uns der 
Herr zusammengefügt, eine geringe Freude mitein- 
ander hatten, müssen nun mit Betrübnis voneinander 
scheiden, aber wir wissen ja, daß uns der Herr hier 
nichts anderes zugesagt hat, als Verfolgung und Trüb- 
sal, wie auch Christus zu seinen Jüngern gesagt hat, 
indem er spricht: Ihr werdet heulen und weinen, aber 
die Welt wird sich freuen, ihr aber werdet traurig sein, 
doch eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt wer- 
den; auch sagt Christus: In der Welt habt ihr Angst, 
aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden; des- 


gleichen sagt er auch: Selig seid ihr, die ihr hier weint, 
denn ihr werdet lachen, wehe aber denen, die jetzt 
lachen, denn sie werden noch weinen; ferner sagt er 
an einem andern Orte: Selig sind die Traurigen, denn 
sie sollen getröstet werden. 

So tröste dich denn nun, mein sehr geliebtes und 
wertes Weib und Schwester in dem Herrn, mit diesen 
schönen Worten und Verheißungen Christi, welche 
zum Teile dir auch zukommen, denn daß du betrübt 
worden bist, darum bist du göttlich betrübt worden; 
auch sagt Paulus: Die göttliche Traurigkeit wirkt zur 
Seligkeit eine Reue, die niemand gereut; aber die Trau- 
rigkeit dieser Welt wirkt den Tod. 

Ach, mein liebes Weib! Paulus sagt an einem andern 
Orte, daß unsere Trübsal, die zeitlich und leicht ist, 
uns eine ewige, über die Maßen wichtige Herrlichkeit 
schafft, die wir nicht auf das, was sichtbar ist, sondern 
auf das, was imsichtbar ist, unser Augenmerk richten; 
denn was sichtbar ist, das ist vergänglich, was aber 
unsichtbar ist, das ist ewig; dieser Zeit Leiden ist der 
Herrlichkeit nicht wert, die an uns offenbart werden 
soll, wie denn der Apostel sagt, daß kein Auge gese- 
hen, kein Ohr gehört habe, noch in eines Menschen 
Herz gekommen sei, was Gott denen bereitet hat, die 
ihn lieben. Darum, mein sehr geliebtes und wertes 
Weib und Schwester in dem Herrn, sei doch wohlge- 
mut, weil wir für dieses geringe und zeitliche Leiden 
solche schönen Verheißungen haben, erweise dich in 
deiner Trübsal und zeitlichen Leiden geduldig, anhal- 
tend im Gebete, leidsam in der Hoffnung und warte 
mit Geduld auf die Zeit deiner Erlösung, wovon ich 
dir durch des Herrn Gnade ein Beispiel und Vorbild 
zu sein und mit meinem Gott über die Mauern zu 
springen hoffe, gleichwie ich Christo, meinem Bräuti- 
gam, entgegen gehen möge, gleichwie er mich dazu 
eingeladen hat; ich will dich unter dem Altäre des 
Herrn erwarten, wo alle Auserwählten Gottes ruhen 
werden, bis die Zahl ihrer Mitbrüder erfüllt sein wird, 
die noch um des Zeugnisses Jesu willen, gleichwie 
wir, getötet werden sollen. 

Darum, mein sehr geliebtes und wertes Weib und 
Schwester in dem Herrn, erwarte doch allezeit den 
Herrn, deinen Gott in Geduld, wie die klugen Jung- 
frauen taten, welche Ol in ihren Gefäßen hatten und 
bereit waren, mit ihrem Bräutigam einzugehen, wo- 
zu wir alle, die wir an Christum glauben, berufen 
sind, damit wir mit ihm das Abendmahl halten; denn 
Christus sagt selbst, Mt 24,46: Selig sind die Knech- 
te, welche ihr Herr, wenn er kommt, wachend findet; 
wahrlich, ich sage euch, er wird sich aufschürzen, und 
wird sie zu Tische setzen, und ihnen dienen. 

Darum, mein liebes Weib und Schwester in dem 
Herrn, sei doch allezeit wohlgemut, tröste dich mit 



460 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


des Herrn Worten, sei leidsam und geduldig in dem, 
das der Herr über dich beschlossen hat, obgleich er 
dich jetzt mit Trübsal, Leiden oder Armut heimsucht: 
bedenke, daß Christus (als er reich war) um unseret- 
willen arm geworden sei, damit er uns, die wir arm 
waren, durch seine Armut reich machte; auch sagt 
Jakobus, daß Gott die Armen auf dieser Welt erwählt 
habe, die am Glauben reich und Erben des Reiches 
sind, welches er denen verheißen hat, die ihn lieb 
haben. 

Ach, mein liebes Weib, denke an den alten Tobi- 
as; denn als er aller seiner Güter beraubt war, und 
mit seinem Weibe und Sohne fliehen musste, sagte 
er: Fürchte dich nur nicht, mein Sohn; wir sind zwar 
arm, aber wir werden viele Güter haben, wenn wir 
den Herrn fürchten, seine Gebote halten, die Sünde 
meiden und Gutes tun. 

Darum, mein sehr geliebtes und wertes Weib und 
Schwester in dem Herrn, sagt auch Christus im Evan- 
gelium: Fürchtet nicht, die den Leib töten, und nach- 
her nichts mehr tun können; aber ich will euch zeigen, 
wen ihr fürchten sollt; fürchtet den, der, nachdem er 
getötet hat, auch Macht hat, Leib und Seele in die 
Hölle zu werfen; und an einem andern Orte: Fürchte 
dich nicht, du kleine Herde, denn es ist eures Vaters 
Wohlgefallen, euch das Reich zu geben; so sagt auch 
der Prophet Jesaja: Fürchtet euch nicht vor den Men- 
schen oder Menschenkindern, die wie Heu vergehen 
müssen, denn alles Fleisch ist wie Gras, und seine 
Herrlichkeit wie eine Blume auf dem Felde; das Gras 
ist verdorrt, und die Blume ist abgefallen, aber das 
Wort des Herrn bleibt in Ewigkeit. 

Ferner, mein sehr geliebtes und wertes Weib und 
Schwester in dem Herrn, laß ich dich wissen, daß 
es mir eine große Freude war, zu vernehmen, daß 
du in deiner Trübsal so wohlgemut bist, und daß 
du uns vier dem Herrn übergeben hast, worüber ich 
mich freue und den Herrn von Herzen bitte, daß er 
dich stark und kräftig machen und dir seinen göttli- 
chen Geist zum Tröster und Geleitsmann geben wol- 
le, denn es ist jetzt die Zeit, von der Christus gesagt 
hat, Mt 24,24 , daß viele falsche Propheten und falsche 
Christi aufstehen werden, daß, wenn es möglich wäre, 
auch die Auserwählten verführt würden. 

So sieh dich denn wohl vor, meine sehr geliebte und 
werte Hausfrau, daß dich niemand durch die Philo- 
sophie und lose Verführung nach der Menschenlehre, 
und nach der Welt Satzungen beraube, damit du nicht 
umsonst gearbeitet, sondern deinen Lohn empfangen 
mögest, und dir niemand deine Krone nehme. So füh- 
re denn allezeit deinen Wandel im Himmel, von wo 
wir unsem Heiland, Christum Jesum, unsem Herrn 
erwarten, welcher unsere nichtigen Leiber verklären 


wird, damit er sie dem Leibe seiner Klarheit gleiche 
mache. Hiermit will ich dich, meine sehr geliebte und 
werte Frau, und meine beiden Kinder, dem Herrn an- 
befehlen, und dir gute Nacht sagen, bis wir endlich 
wieder Zusammenkommen, wo uns Menschen nicht 
mehr scheiden werden. 

Der Apostel sagt, daß der Herr selbst mit einem 
Feldgeschrei und der Stimme des Erzengels vom Him- 
mel kommen werde, und die Toten in Christo werden 
zuerst auferstehen; darnach wir, die wir leben und 
überbleiben, werden zuerst mit denselben hingerückt 
werden, in den Wolken, dem Herrn entgegen, und 
werden also bei dem Herrn sein allezeit; dann wer- 
den uns die Menschen nicht mehr trennen. Ach, mein 
geliebtes Weib und Schwester in dem Herrn, hiermit 
sage ich gute Nacht und befehle dich dem Herrn und 
dem Worte seiner Gnade; der Friede Gottes, welcher 
höher ist als alle Vernunft, bewahre dein Herz. Gu- 
te Nacht, mein liebes Weib, grüße mir sehr, die nach 
mir fragen, insbesondere meinen Bruder, und sage 
ihm gute Nacht, gute Nacht. Ach, gute Nacht, mein 
liebes und sehr wertes Weib; Jan Kaufmann und Hans- 
ken lassen dich herzlich grüßen, und sagen auch gute 
Nacht, Amen. 

Der dritte Brief von Jan Hasebroeck. 

Die überfließende Gnade, Friede und Barmherzigkeit 
Gottes, des himmlischen Vaters, durch Jesum Chris- 
tum, seinen vielgeliebten und werten Sohn, unsem 
Herrn, müsse sich bei dir vermehren, samt der Kraft 
und Gemeinschaft des Heiligen Geistes; er wolle dich 
stärken, trösten und kräftig machen an dem inwendi- 
gen Menschen, damit du zu deinem Preise und deiner 
Seelen Heil in seiner Wahrheit fest und unbeweglich 
stehen bleiben mögest, bis an das Ende deines Lebens; 
das wünsche ich dir, meine sehr geliebte und werte 
Hausfrau und Schwester in dem Herrn, zum herzli- 
chen und freundlichen Gruße, Amen. 

Nebst einem herzlichen Gruße, meine vielgeliebte 
und werte Hausfrau, lasse ich dich wissen, daß ich 
dem Fleische nach noch wohl auf sei; der Herr müsse 
für seine Gnade ewig gelobt sein, und daß mein Ge- 
müt noch unverändert sei, in demjenigen zu beharren, 
was ich (Unwürdiger) in seinem Namen bezeugt und 
bekannt habe; ich hoffe solches mit meinem Blute zu 
versiegeln, habe auch das Vertrauen zum Herrn, daß 
er mir in meiner letzten Not helfen werde, denn Pau- 
lus sagt, Hebr 2, worin er gelitten hat, kann er helfen 
denen, die darin versucht werden. Ach, habe auch das 
Vertrauen zum Herrn, daß er mir in meiner mein sehr 
geliebtes und wertes Weib! Wisse, daß ich mich zum 
Teil erfreut, zum Teil aber betrübt habe, als ich gehört. 



461 


wie es um dich steht, denn um deiner Krankheit wil- 
len war ich betrübt, und als ich wieder vernahm, daß 
du in deiner Trübsal und Leiden so wohlgemut wärest, 
freute ich mich wieder sehr und dankte dem Herrn 
für seine große Gnade und Barmherzigkeit, bitte ihn 
auch aus meines Herzens Grunde demütig durch Je- 
sum Christum, seinen lieben Sohn, daß er dich trösten, 
stärken und kräftig machen und dich allezeit in seiner 
Wahrheit bis an das Ende deines Lebens leiten wolle. 
Ach, mein vielgeliebtes und wertes Weib! Sei allezeit 
guten Muts und denke, daß wir durch viel Leiden und 
Trübsal ins Reich Gottes eingehen müssen, wie alle 
frommen, gottesfürchtigen Männer, die vor unsern 
Zeiten gewesen sind, wie denn auch Paulus, Hehr 11, 
erzählt, daß sie Verspottung, Geißel, Steinigung, ja, 
Bande und Gefängnis erlitten haben, und durch das 
Schwert getötet worden sind, daß sie Trübsal und Un- 
gemach erlitten und in Pelzen und Ziegenfellen in der 
Wüste umhergegangen sind, und daß sie sich in die 
Höhlen der Erde haben verbergen müssen. Darum, 
mein liebes Schaf, erfreue dich nun mit allen From- 
men, von welchen Paulus sagt, daß sie den Raub ih- 
rer Güter mit Freuden erduldet haben, und daß alle, 
die gottselig leben wollen in Christo Jesu, Verfolgung 
leiden müssen. Christus sagt selbst: Haben sie mich 
verfolgt, so werden sie euch auch verfolgen, haben sie 
mein Wort gehalten, so werden sie das eure auch hal- 
ten, ja, haben sie den Hausvater Beelzebub geheißen, 
um wie viel mehr denn seine Hausgenossen. 

Ach, mein geliebtes und wertes Weib in dem Herrn! 
Es hat uns zwar der Herr mit Trübsal und Leiden 
heimgesucht, dennoch ist es uns, wie Paulus sagt, 
nicht allein gegeben an seinen Namen zu glauben, son- 
dern auch um seines Namens willen zu leiden, und 
gleichwie des Leidens Christi viel über uns kommt, so 
werden wir auch reichlich getröstet durch Christum. 
Ach, meine vielgeliebte und werte Hausfrau! Nimm 
doch des Herrn Züchtigung gutwillig auf, denn er 
züchtigt einen jeden, den er lieb hat und stäupt einen 
jeden Sohn, den er aufnimmt; alle Züchtigung aber, 
wenn sie da ist, dünkt uns nicht Freude, sondern Trau- 
rigkeit zu sein; aber nachher wirkt sie denen eine fried- 
same Frucht der Gerechtigkeit, die dadurch geübt 
sind. 

Ach, mein geliebtes und wertes Weib! Hiermit will 
ich dich dem Herrn anbefehlen, bitte dich freundlich 
aus meines Herzens Grunde, daß du an meinen zwei 
Schäflein keinen Fleiß sparen wollest, denn ich habe 
das Vertrauen zu dir, daß du tun werdest, wie du 
mir versprochen hast; ich bitte dich auch freundlich, 
wenn dir der Herr das Leben so lange fristet, bis sie zu 
ihrem Verstände kommen, daß du sie im Gehorsam 
der Wahrheit unterweisest, und daß ihr euch allezeit 


zu denen halten wolltet, die Gott fürchten, damit wir 
und sie alle am jüngsten Tage zur rechten Hand des 
Herrn stehen und seine Stimme hören mögen: Kommt 
her, ihr Gesegneten meines Vaters, und ererbt das 
Reich, welches euch von Anfang der Welt bereitet ist. 

Ach, mein vielgeliebtes und wertes Weib und 
Schwester in dem Herrn! Hiermit befehle ich dich 
dem allmächtigen Herrn und dem Worte seiner Gna- 
de, und sage gute Nacht, mein liebes Weib! Gute 
Nacht; der Friede des Herrn sei mit dir, und allen, 
die den Herrn fürchten. Jan Kaufmann und Hansken 
lassen dich sehr grüßen, auch lässt Jan Kaufmann 
sein Weib sehr grüßen; er und der Hansken sind noch 
wohlgemut, Amen. 

Geschrieben von mir, Jan von Hasebroeck, deinem 
Manne und schwachen Bruder in dem Herrn. 

Dirk Andrieß, 1569. 

Dirk Andrieß, ein frommer und gottesfürchtiger Bru- 
der, wurde zu Zierikzee im Jahre unsers Herrn 1569 
verhaftet. Alls er nun in allen Anfechtungen und Lei- 
den standhaft bei der Liebe Christi blieb, ist er endlich 
als ein Ketzer zum Tode verurteilt worden, und hat so 
in der Nachfolge Christi, der für ihn des bittern Todes 
gestorben war, auch um des Herrn willen gern sein 
zeitliches Leben in den Tod übergeben, um mit Ihm 
das ewige Leben zu erlangen. 

Jakob de Roore, oder der Kerzengießer, und 

Hermann von Blekwyk werden beide, um des 
Zeugnisses Jesu Christi willen, zu Brügge in 
Flandern an Pfählen lebendig verbrannt, den 10. 

Juni des Jahres 1569. 

Die liebliche und gesegnete Landschaft Flandern war 
in und um das Jahr 1569 wie eine grausame Mord- 
grube, worin man sich nicht scheute, die auserwähl- 
ten Freunde und Nachfolger Jesu Christi vom Leben 
zum Tode zu bringen, ja, auf die allergrausamste und 
schrecklichste Weise, nämlich mit Feuer und Flam- 
men, ihres Lebens zu berauben, und das zum Jammer 
und Herzeleid vieler, die damals lebten und solches 
mit weinenden Augen angesehen haben. 

Dieses ist unter vielen andern an zwei tapferen Hel- 
den und Kämpfern Jesu Christi zu ersehen, von denen 
der eine Jakob de Roore, oder der Kerzenmacher ge- 
nannt wurde; derselbe war Lehrer unter der Gemein- 
de, ein sehr gottesfürchtiger, verständiger freundli- 
cher und wohlberedter Mann, der sich nicht gefürch- 
tet hat, die Herde Jesu mit Gefahr seines Lebens auf 
die grüne Weide der wahren evangelischen Lehre, 
wiewohl in Büschen und Wildnissen, zu leiten und 



462 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


zu weiden; der andere wurde Hermann von Blekwyk 
genannt, welcher zwar nur ein Mitglied, doch gleich- 
wohl von keinen geringen oder schlechten Gaben ge- 
wesen. 

Diese wurden zu Brügge, welches eine von den 
Städten in Flandern ist, gefänglich eingebracht, wo 
sie viele harte und schwere Marter und Anfechtun- 
gen von den Papisten ausgestanden haben, welche sie 
vom Glauben abzubringen suchten. 

Weil sie aber auf den unbeweglichen Eckstein Chris- 
tum Jesum gegründet waren, so ist ihr Glaubensge- 
bäude auch unerschütterlich geblieben, sodass sie kei- 
neswegs bewegt oder davon abfällig gemacht werden 
konnten. 

Deshalb hat die Obrigkeit dieses Ortes, durch die 
römischgenannten Geistlichen angetrieben, ihnen das 
Urteil gefällt, und sie beide zum Tode verurteilt, daß 
sie nämlich mit brennendem Feuer hingerichtet und 
an Pfählen zu Asche verbrannt werden sollten, wel- 
ches Urteil auch an ihnen den 10. Juni 1569 vollzogen 
ist. Darüber ist dieser Vers gemacht: 

Den 10. Juni 1569, 

Hat beides, Jakob und Hermann, sein Leben einträchtig 
Zu Brügge gegeben zum Opfer im Brand, 

Da sie der Welt Gottes Wort freudig bekannt. 

Von diesen beiden aufgeopferten Kindern Gottes 
sind noch zwei Disputationen vorhanden, welche ein 
Mönch, Bruder Cornelius genannt, an jenem Orte mit 
ihnen gehalten hat, welche wegen der klugen, ver- 
ständigen und vorsichtigen Antworten dieser zwei 
Freunde wohl wert sind, hier beigefügt zu werden. 

Disputation zwischen Jacob Kerzengießer und M. 

Bruder Cornelius, Predigermönch von den grauen 

Brüdern, in Gegenwart des M. Jan von Damme, 
Notarius, und M. Michael Houwaart, Schreiber des 
Blutgerichts, den 9. Mai 1569. 

Bruder Cornelius: Wohlan, ich komme hierher, um zu 
sehen, ob ich dich (ist nicht dein Name Jacob) von dei- 
nem falschen, bösen Glauben belehren könne, worin 
du verirrt bist, und ob ich dich zu dem katholischen 
Glauben, unserer Mutter, der heiligen römischen Kir- 
che, wovon du zu der verdammten Wiedertaufe ab- 
gefallen bist, zurückführen könne; was sagst du denn 
nun hierzu? 

Jacob: Mit Erlaubnis; daß ich einen bösen, falschen 
Glauben haben soll, dazu sage ich nein; daß ich aber 
durch Gottes Gnade von eurer babylonischen Mutter, 
der römischen Kirche, abgefallen und zu den Glie- 
dern oder der wahren Gemeine Christi übergetreten 


bin, das erkenne ich und danke Gott dafür, der ge- 
sagt hat: Geht aus von ihr, mein Volk, damit ihr ihrer 
Sünden nicht teilhaftig werdet, und ihre Plagen nicht 
empfangt, Offb 18. 

Bruder Cornelius: Ja, ist das wahr? Ei, ei, nennst 
du denn unsere Mutter, die heilige römische Kirche, 
die babylonische Hure? Ja, nennst du die höllische, 
teuflische Sekte der Wiedertäufer die Glieder, oder die 
wahre Gemeine Christi? Ei, hört doch einmal diesen 
braven Gesellen. Ei, welcher Teufel hat dich dieses 
gelehrt? Dein verdammter Menno Simon, denke ich; 
ja, laufe und betrüge dich selbst. Ei, seht doch. 

Jacob: Mit Erlaubnis, du redest sehr verkehrt; es war 
ja dem Menno Simon nicht nötig, zu lehren, daß die 
babylonische Hure deine Mutter, die römische Kirche, 
bedeute, denn Johannes in seiner Apokalypsis oder 
Offenbarung lehrt uns das zur Genüge im 14., 16., 17. 
und 18. Kapitel. 

Bruder Cornelius: Ei, welche Begriffe hast du denn 
von St. Joh. Offenbarung, auf welcher hohen Schu- 
le hast du denn wohl studiert? Auf dem Webstuhle, 
denk ich wohl, denn wie ich höre, so bist du ja nur ein 
armer Weber und Kerzengießer gewesen, ehe du so 
umhergelaufen bist, draußen im Grützhausbusche zu 
predigen und wiederzutaufen; ich aber bin so lange 
zu Leuven in der Schule gewesen, und habe so lange 
die Gottesgelehrtheit studiert, und gleichwohl verste- 
he ich die Offenbarung Johannes ganz und gar nicht, 
das ist wahr. 

Jacob: Darum hat Christus seinem himmlischen Va- 
ter gedankt, weil er es den Einfältigen offenbart und 
zu erkennen gegeben, vor den Klugen dieser Welt es 
aber verborgen gehalten hat, wie bei Mt 11 steht. 

Bruder Cornelius: Ei, ja wohl, Gott hat solches den 
Webern auf dem Webstuhle, den Schuhflickern auf 
ihrem Schuhflickerstuhle, den Blasbalgflickern, den 
Laternenflickem, Scherenschleifern, Besenmachern, 
Strohdeckern und allerlei Lumpenpack und armen 
lausigem Heckengesindel offenbart, aber uns geistli- 
chen Klosterleuten, die von Jugend auf Tag und Nacht 
studiert haben, hat er es verborgen; seht doch einmal, 
wie man uns quält; ja, ihr Wiedertäufer seid gewiss 
die rechten Gesellen, die Heilige Schrift zu verstehen, 
denn ehe ihr euch wiedertaufen lasst, kennt ihr kein 
A vor einem B, sobald ihr aber getauft seid, könnt ihr 
lesen und schreiben; ei, hat nicht der Teufel und seine 
Mutter sein Spiel mit euch, so verstehe ich solches 
nicht. 

Jacob: Ich höre wohl, daß du unsere Art und Weise 
nicht verstehst, denn die Gnade, die Gott der Herr 
unsern einfältigen Neugetauften verleiht, wenn wir 
sie mit allem Fleiße lesen lehren, schreibst du dem 
Teufel zu. 



463 


Bruder Cornelius: Ei, seht doch einmal, diese Ket- 
zer sind so verwegen, daß sie sich die Gnade Gottes 
zuschreiben; unsere Mutter aber, die heilige katholi- 
sche römische Kirche, halten sie für die babylonische 
Hure; ist das nicht eine seltsame Gnade Gottes? Ei ja, 
ihr habt die Gnade von dem leibhaftigen höllischen 
Teufel; aber was soll ich hiervon sagen? Hältst du un- 
sere Mutter, die heilige katholische römische Kirche 
für die babylonische Hure, so kann ich wohl denken, 
was ihr von unserm heiligen Vater, dem Papste, als 
Gottes Statthalter haltet; wohlan, laß es uns einmal 
hören. 

Jacob: Ich halte den Papst für Gottes Statthalter, 
denn er hat Gottes Stätte inne, gleichwie Paulus von 
ihm im zweiten Brief an die Thessalonicher, Kap 2, 
schreibt: Lasst euch von niemand verführen in keiner- 
lei Weise, denn er kommt nicht, es sei denn, daß zuvor 
der Abfall komme, und offenbar werde der Mensch 
der Sünde, und das Kind des Verderbens, der da ist 
ein Widerwärtiger, und sich erhebt über alles, was 
Gott oder Gottesdienst heißt, sodass er sich selbst in 
den Tempel Gottes setzt als ein Gott, und vorgibt, er 
sei Gott. Gedenkt ihr nicht daran, daß ich euch solches 
sagte, als ich noch bei euch war? 

Bruder Cornelius: Still, still, es ist genug gepredigt, 
du bist hier nicht in dem Grützhausbusche, auch sitze 
ich nicht hier, eine Predigt anzuhören; ei du verma- 
ledeiter Wiedertäufer! Willst du so die Weissagung 
St. Paulus auf unsern heiligen Vater, den Papst, bezie- 
hen; ja, einen Dreck in dein Maul, ei, hört doch diesen 
verfluchten Ketzer einmal, wie er St. Paulus versteht; 
darunter versteht St. Paulus den Antichrist, das ist 
wahr. 

Jacob: Ich glaube es auch, daß Paulus den Antichrist 
darunter versteht; aber tut nicht der Papst zu Rom in 
der Tat die Werke des Antichristen? Gebeut er euch 
nicht, daß ihr nicht heiraten sollt? Gebeut er nicht, die 
Speise zu meiden, die Gott erschaffen hat, damit sie 
die Gläubigen mit Danksagung nehmen, wie Paulus 
1 Tim 4 schreibt? 

Bruder Cornelius: Ei, der Teufel sitzt dir im Hal- 
se, ja, der Teufel und seine Mutter spielt mit deinem 
Maule, der du alle heilige Schriften so auf deinen ket- 
zerischen Sinn zu beziehen und auf deinem Daumen 
zu drehen weißt; aber warte nur eine Weile, ich will 
dir wohl beweisen, daß unser heiliger Vater, der Papst, 
Gottes Statthalter sei, denn sagt nicht Christus zu St. 
Peter: Nähre, weide oder speise meine Schafe, und 
daß er auf ihn seine Kirche bauen wolle? Gab er nicht 
auch St. Peter den Schlüssel des Himmels, und alle 
priesterliche Macht, die Sünden zu lösen, zu binden, 
oder zu vergeben und zu behalten? Ei, sitzen nun 
nicht auf dem selben Stuhle die heiligen Päpste, als St. 


Peters Nachfolger oder Nachkömmlinge, und haben 
auch den selben Befehl und die priesterliche Macht 
der Schlüssel des Himmels, die Sünde durch die Erlas- 
sung nach der Beichte zu vergeben oder zu behalten? 
Laß hören. 

Jacob: Christus sagt, daß er auf diesen Stein (das ist 
gesagt, auf denselben Glauben, den Petrus bekannt 
hat) jene Gemeinde bauen wolle; auch sagt er nichts 
von einem Stuhle oder Statthalter, oder von Nach- 
folgern oder Päpsten, oder von ihrer priesterlichen 
Macht. 

Bruder Cornelius: Sagt er denn nichts von den 
Schlüsseln des Himmels und von dem Lösen und Bin- 
den? Ei, wäre nun kein Papst, oder Hohepriester, oder 
Unterpriester, wer sollte denn wohl die Vollmacht ha- 
ben, Beichte zu hören, zu absolvieren oder die Sünde 
zu vergeben? Ich gedenke Bierhändler, Straßenfeger 
oder Dreckkarrner. 

Jacob: Christus ist unser eigener, wahrer Hohepries- 
ter, wie Paulus an die Hebräer im 2., 3., 5., 6., 7., 8. 
Und 9. Kapitel schreibt. 

Bruder Cornelius: Ei, ja, da kommst du mir eben 
recht, denn wenn das St. Paulus Meinung gewesen 
wäre, daß nach Christo kein anderer hoher noch ge- 
meiner Priester sein sollte, ei, warum sagt er denn im 
ersten Briefe an die Korinther, Kap. 4: Ich will, daß ein 
jeder uns für Christi Priester über Gottes Sakramente 
halte? Das ist, das Sakrament des Altars zu bedienen, 
gleichwie auch das Sakrament der Taufe, das Sakra- 
ment der Firmung, das Sakrament der Ölung, das Sa- 
krament des Ehestandes, das Sakrament der Beichte, 
Absolution und Buße, und das Sakrament der Pries- 
terweihe, der Salbung und Heiligung. Wohlan, was 
hältst du nun von dem Priesterorden oder von dem 
Sakramente des Priesterstandes? Laß es uns hören. 

Jacob: Nebst Christo sind wir Gläubige in Christo 
sämtlich Priester, nach den Worten Petrus, ersten Brief, 
Kap 2, wo er zu den Gläubigen in Christo sagt: Ihr 
aber seid das auserwählte Geschlecht, das königliche 
Priestertum, das heilige Volk. Ferner, Offb 1, Christus 
der uns geliebt und uns von den Sünden mit seinem 
Blute gewaschen hat, hat uns zu Königen und Pries- 
tern gemacht, vor Gott, seinem Vater. Ferner, Offb 5, 
denn du bist erwürgt, und hast uns Gott mit deinem 
Blute erkauft aus allerlei Geschlechte und Zungen 
und Volk und Heiden, und hast uns unserm Gott zu 
Königen und Priestern gemacht. 

Bruder Cornelius: Ei, halt, halt! Nun fängst du 
wieder an zu predigen, tust du nicht? Ja, schweige, 
oder antworte auf dasjenige, was St. Paulus, IKor 4, 
schreibt: So will ich nun, daß jedermann uns für Pries- 
ter Christi über Gottes Sakramente halte. Ei, ja, ant- 
worte mir nun einmal darauf und betrüge dich selbst; 



464 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


ei, sehe doch. 

Jacob: Mit Erlaubnis, Paulus schreibt solches nicht 
so, wie du sagst, deshalb kann man auch nicht darauf 
antworten. 

Bruder Cornelius: O du verdammter und vermale- 
deiter Wiedertäufer, der du bist, ich sollte ja wohl bei 
den Heiligen schwören dürfen, daß St. Paulus solches 
so schreibt, wie ich sage; ei, wohlan, was sagt ihr mir 
nun von diesem verfluchten höllischen, teuflischen 
Ketzer? 

Jacob: Gott der Herr vergebe dir solch Richten und 
Verfluchen, und rechne dir solches nicht zu zu deinem 
eigenen Gerichte. Auch sagt Christus, Mt 5: Du sollst 
durchaus nicht schwören, sondern deine Worte sollen 
sein: Ja, ja, nein, nein. 

Bruder Cornelius. Ei, das ist so zu verstehen, daß 
man keinen falschen Eid schwören soll; dasjenige, 
worüber ich schwören wollte, ist wahr; aber ihr Wie- 
dertäufer habt auch solchen Wahn, wie ich höre, daß 
ihr unter keinen Umständen einen Eid schwören wollt. 
Ei, welch ein lausiger Wahn ist das? Ich wollte ja gern 
hören, warum man keinen guten Eid sollte schwören 
dürfen? 

Jacob: Weil Christus, Mt 5, sagt: »Ihr habt gehört, daß 
zu den Alten gesagt ist, du sollst keinen falschen Eid tun, 
und sollst Gott deinen Eid halten ; ich aber sage euch, daß 
ihr allerdings nicht schwören sollt; weder bei dem Himmel, 
denn er ist Gottes Stuhl, noch bei der Erde, denn sie ist 
seiner Füße Schemel; eure Rede aber sei: Ja, ja, nein, nein, 
was darüber ist, das ist vom Bösen;« desgleichen sagt 
auch Jakobus, Kap 5: »Vor allen Dingen schwört nicht, 
meine Brüder, weder bei dem Himmel, noch bei der Erde, 
noch mit einem andern Eide; es sei aber euer Wort ja, das 
ja ist, und nein, das nein ist, damit ihr nicht ins Gericht 
fallt.« 

Bruder Cornelius: Ist das wahr? So willst du denn 
hierin St. Jakobus folgen? Aber was er in demselben 
Kapitel von dem Sakrament der Ölung sagt, wenn er 
spricht: Ist jemand krank, der rufe zu sich die Ältesten 
der Gemeinde, und lasse sich salben; und ferner, was 
er in demselben Kapitel von dem Sakramente der 
Beichte sagt, darin wollt ihr Ketzer ihm nicht folgen. 
Ich habe dich ja ein oder zweimal gefragt, was du von 
der Beichte und von der Macht der Absolution oder 
dem Vergeben und Behalten der Sünden hältst, aber 
du antwortest mir nichts darauf. 

Jacob: Du antwortest dir selbst, wenn du sagst: Wer 
sollte denn die Macht haben, Beichte zu hören, zu 
absolvieren und die Sünde zu vergeben? Ich denke die 
Straßenfeger und Dreckkärrner, denn weil du solches 
dachtest, ließ ich es dich beantworten. 

Bruder Cornelius: Wohlan so antworte mir nun, was 
du von dem Sakramente der Beichte und Sündenver- 


gebung hältst? 

Jacob: Meine Antwort ist, wenn du die Beichte (wie 
sie gegenwärtig unter euch Papisten gebräuchlich ist) 
aus dem fünften Kapitel Jakobus herleiten willst, da 
musst du dann auch dem deine Sünden beichten, der 
seine Sünden dir beichtet, denn Jakobus sagt: Bekenne 
einer dem andern seine Sünden. Wenn ich denn nun 
alle meine Sünden dir beichten würde, wolltest du mir 
dann auch deine Sünden beichten? Mich dünkt, nein, 
du würdest viel lieber leugnen und sagen: Jakobus 
hätte dergleichen Beichte nicht gemeint, wie sie bei 
euch Papisten nun im Gebrauche ist. 

Bruder Cornelius: Papiste deinen Glauben und be- 
trüge dich, du verfluchter Widertäufer, der du bist. 
Du suchst ja nichts als Verwirrung in allem, das man 
dir vorbringt; der Teufel spielt, ja, der Teufel spielt 
mit deinem Maule, aber laß hören, was du darauf ant- 
worten kannst, wenn Christus spricht: Gehe hin und 
zeige dich den Priestern. 

Jacob: Das hat Christus zu denen gesagt, welche 
er gesund gemacht und von dem Aussatze gereinigt 
hatte, daß sie ihre Leiber den Priestern zeigen und 
sehen lassen sollten, daß sie nun wieder rein und sau- 
ber wären, damit sie wieder unter das Volk gehen 
dürften (von welchem sie um des Aussatzes willen 
abgesondert waren). 

Bruder Cornelius: Ja, einen Dreck in dein Maul, es 
ist ja rund herausgesagt: Geht hin und beichtet dem 
Priester, denn so versteht es unsere Mutter, die heilige 
katholische römische Kirche. Darum hat ja Christus 
seinem Statthalter St. Petrus die Schlüssel gegeben, 
damit er auch die Macht haben möchte, die Sünden 
zu binden und zu lösen, oder zu vergeben und zu 
behalten, je nach der Beichte, wie ich gesagt habe; 
darum antworte mir einmal darauf mit kurzen Worten 
ohne eine lange Predigt, ei, seht doch. 

Jacob: Aus dieser Macht der Schlüssel, die Christus 
Petrus gegeben hatte, kann man nicht folgern, daß ihr 
Priester in dem Papsttume Gewalt habt, die Sünden 
zu vergeben, oder zu behalten. 

Bruder Cornelius: Ei, ei, ist das wahr? So willst du 
vermaledeiter Ketzer denn sagen, daß die Macht, die 
Christus seinem Nachfolger, oder Statthalter St. Peter 
gegeben, uns Priester nichts angehe; jawohl, haben 
denn die Päpste als St. Peters Nachfolger, oder Nach- 
kömmlinge, die auf seinem Stuhl sitzen, gleich wie 
auch wir Priester jetzt noch, nicht eben so gut die 
Macht, als dort die Pharisäer und Schriftgelehrten, als 
Moses Nachfolger oder Nachkömmlinge, welche zu 
Christi Zeit noch auf Moses Stuhl saßen, von welchen 
Christus, Mt 23, sagt: Auf Moses Stuhle sitzen die 
Schriftgelehrten und Pharisäer; was sie euch nun ge- 
bieten, das ihr halten sollt, das haltet und tut es. Was 



465 


sagst du nun dazu? He, ei, laß hören! 

Jacob: Mit Erlaubnis, blähe dich nur nicht auf; denn 
ich fürchtete deine wüsten übelartigen Reden, wenn 
ich euch mit den Schriftgelehrten und Pharisäern hät- 
te vergleichen sollen, aber weil du es nun selbst tust, 
so will ich dir darauf antworten; die Meinung Christi 
ist die: Alles, was sie euch gebieten, nach dem Geset- 
ze Moses zu tun, das tut; aber nachher, Mt 16, hat er 
seinen Jüngern befohlen, daß sie sich vor dem Sau- 
erteige der Pharisäer hüten sollten, und wenn nun 
auch die Pharisäer und Schriftgelehrten sich hätten 
rühmen wollen, die Gewalt zu haben, die Mose hatte 
(gleichwie ihr Pfaffen euch rühmt, die Macht zu ha- 
ben, die Petrus von Christo empfangen hatte, nämlich 
die Sünde zu vergeben), wer hätte wohl denselben 
geglaubt? Über welche doch Christus so oft das Wehe 
ausruft, Mt 23: Wehe, euch Schriftgelehrten und Phari- 
säern, ihr Heuchler, die ihr das Himmelreich vor den 
Menschen zuschließt; ihr kommt nicht hinein, und die, 
die hinein wollen, lasst ihr nicht hineingehen. Wehe 
euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler, 
die ihr der Witwen Häuser fresst, und lange Gebete 
vorwendet. Wehe euch, ihr. . . 

Bruder Cornelius: Pfui, still, still, hört doch, was 
hier zu predigen ist; ich weiß es ja schon selbst, daß 
Christus wehe, wehe daselbst ruft; aber meinst du, 
daß ich hierher gekommen sei, um eine Predigt zu 
hören, ich kann ja selbst wohl predigen; ja, das kann 
ich. 

Jacob: Gleichwohl hast du begehrt, daß ich dir ein- 
mal auf das Gleichnis zwischen euch Pharisäern und 
eurer priesterlichen Macht antworten sollte. 

Bruder Cornelius: Ei, meinst du mir denn mit sol- 
cher kahlen Antwort etwas weiß zu machen? Gewiss 
keineswegs. Wir Priester fragen nichts darnach, und 
obschon an den Schriftgelehrten und Pharisäern we- 
nig Gutes war, so war doch darum ihre Macht nicht 
geringer, und ebenso verhält es sich auch mit unserer 
priesterlichen Macht, nämlich, nach der Beichte, die 
Sünden zu absolvieren und zu vergeben, oder sie zu 
behalten. 

Jacob: Welche Gewalt hat ein Mensch, einem andern 
in den Himmel zu helfen, wovon er doch selbst aus- 
geschlossen ist, denn Christus sagt, Mt 5: Es sei denn, 
daß eure Gerechtigkeit besser sei, als der Schriftgelehr- 
ten und Pharisäer, so könnt ihr nicht ins Himmelreich 
kommen. Wie kann denn ein ungerechter Mensch ei- 
nem andern, der doch mehr Gerechtigkeit hat, als er 
selbst, die Sünde vergeben? 

Bruder Cornelius: Ja, mein Herr, der Ketzermeister 
wusste mir dieses wohl von Kortryck zu schreiben, 
wo du geboren bist, daß du so ein gutes Mundstück 
hättest, und daß es eine verlorene Arbeit sei, sich mit 


dir in einen Wortstreit einzulassen. Aber wahrlich, 
wenn du alle priesterliche Macht so hässlich herunter 
machst, und sagst, daß alle Menschen, die glauben, 
selbst Weiber und Kinder, Priester seien, warum hast 
du denn mehr von bischöflicher Macht in Händen, als 
die andern Wiedertäufer? Denn du bist ihr Bischof, 
Lehrer und Prediger, ja, du taufst sie wieder, legst 
ihnen die Hände aufs Haupt, und teilst ihnen zugleich 
den Heiligen Geist mit, wie sie meinen. 

So laß uns denn hören, was du selbst von deiner 
bischöflichen Macht hältst, denn niemand darf das 
Sakrament der Firmung bedienen, er sei denn ein 
Bischof oder wenigstens ein Weihbischof. Darum laß 
hören, wie es bei dem Sakramente der Firmung unter 
euch zugeht und was du davon hältst. 

Jacob: Ich weiß nichts, weder von einer bischöfli- 
chen Macht, noch von einer Firmung zu reden, wie 
sollte ich also damit umgehen, oder was sollte ich da- 
von halten, denn die Firmung ist ein Gespenst, das 
ich nicht kenne. 

Bruder Cornelius: Ist das wahr, nennt ihr Wieder- 
täufer also das Sakrament der Firmung einen Spuk? 
Du verfluchter Ketzer, daß dich der Teufel ins hölli- 
sche Feuer hole, um dich ewig zu brennen. 

Jacob: Ergrimme und entrüste dich nicht so sehr; ich 
nenne es ein fremdes Gespenst, weil es mir unbekannt 
ist; aber sage mir, was es ist, und was du davon hältst, 
so kann ich dir dann desto besser antworten, was ich 
davon halte. 

Bruder Cornelius: Ei, dieses ungeschliffene Maul 
will ein Bischof der Wiedertäufer sein, und weiß noch 
nicht einmal, was das Sakrament der Firmung sei. Bist 
du ein Bischof, so kommt dir ja das Firmen zu. Aber 
seht doch einmal, meine Herren, welch einen braven 
Bischof die Wiedertäufer draußen in dem Grützhaus- 
busche gehabt haben, der so viele Predigten gehalten 
hat; ist er nicht ein braver Bischof, Lehrer und Pre- 
diger? Seht doch einmal, womit wir so gequält und 
geplagt worden sind, davon weiß der nichts. 

Jacob: Ich bin kein Bischof, auch halte ich mich für 
keinen Lehrer; aber ich habe den Brüdern und Schwes- 
tern, wie auch den Ankömmlingen unserer Gemein- 
de, bisweilen nach meinem geringen Vermögen mit 
Ermahnen aus dem Worte Gottes und der Heiligen 
Schrift gedient. 

Bruder Cornelius: Du magst wohl ein rechter Leh- 
rer sein, der du doch nicht einmal weißt, was das 
Sakrament der Firmung ist; die Firmung ist nichts 
anderes, als wenn der Bischof oder die Weihbischöfe 
die erwachsenen Kinder, bisweilen auch wohl große 
und alte Leute, die noch nie gefirmt waren, an ihren 
Stirnen mit der heiligen Salbe bestreicht, und ihnen 
dabei einen Backenstreich gibt, zum Zeichen, daß sie 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


ihrer Firmung gedenken sollen, welche die Bestäti- 
gung der Taufe bedeutet. Nun denke ich, du wirst es 
wohl wissen und verstehen. 

Jacob: Ebenso wenig wie zuvor, zumal ich auch 
nicht einmal weiß, was die Salbung und Bestätigung 
der Taufe sei. 

Bruder Cornelius: Es scheint ja, daß du gar nichts 
von dem weißt, was die christliche Religion betrifft; 
also hat dich der Teufel bei der Gurgel; gleichwohl 
bist du unter den Wiedertäufern ein Lehrer und Pre- 
diger gewesen; ei sieh, ist das nicht Schande, daß man 
dich noch selbst lehren muss, wie man die Kinder 
firmt, und wie die Grisem eine vermengte Sache sei 
von heiligen geweihten Dingen, die man dir nicht nen- 
nen darf? Ei, pfui, ja, daß man dich auch noch lehren 
muss, daß die Bestätigung die Auflegung der Hän- 
de des Priesters bedeute, gleichwie die Apostel die 
Hände auf diejenigen gelegt hatten, die getauft waren. 
Verstehst du es denn noch nicht, du Lumpenflegel, 
der du bist. 

Jacob: Apg 19 steht, daß, als Paulus zu Ephesus 
einige gläubige Christen getauft und nachher seine 
Hände auf sie gelegt hatte, der Heilige Geist auf sie 
gekommen sei, sodass sie mit Zungen redeten und 
weissagten; aber ich glaube nicht, daß eure Firmung 
oder Grisem eine Bestätigung sei, und daß euer Ba- 
ckenstreich eine Ähnlichkeit mit der Weise habe, wie 
die Apostel die Hände auflegten. 

Bruder Cornelius: Ist das wahr, so platt heraus? Du 
verdammter, vermaledeiter Wiedertäufer, denn ob- 
gleich du es nicht glaubst, so ist doch das Sakrament 
der Firmung um deswillen nicht ein Haar schlimmer, 
denn wir Katholischen glauben es um desto mehr. 
Was sagt ihr aber, meine Herren, von diesem verfluch- 
ten Wiedertäufer, denn er glaubt ja gar nichts. 

Der Notarius: Laß dich doch unterrichten, Jacob, 
und glaube, wie einem Christenmenschen zu glauben 
zukommt, und mache doch nicht so viel Einwürfe. 

Jacob: Mit Erlaubnis, meine Herren, ich antworte 
nur auf alle seine Fragen, und glaube dem allein, was 
in der Heiligen Schrift steht. 

Bruder Cornelius: Ei, tust du? Das mag deiner Mut- 
ter Hemd (glauben), denn du tust doch nicht, was 
St. Paulus in seinem ersten Briefe an die Korinther 
im Anfang des 4. Kapitels schreibt: So will ich nun, 
daß ein jeder uns dafür halte, daß wir Priester Christi 
über Gottes Sakramente sind; und wie ich gesagt habe, 
schreibt auch St. Jakob im 5. Kap.: Wenn jemand krank 
ist, so hole man die Priester der Kirche, und lasse sie 
über ihn beten und ihn mit Öl im Namen des Herrn 
salben. Ei, sind wir Priester denn nicht Austeiler oder 
Diener der Sakramente Gottes? Nun aber sagst du, 
daß du allem dem glaubst, was in der Heiligen Schrift 


geschrieben steht; deshalb muss man nun hören und 
betrachten, was du von dem Sakramente der heiligen 
Ölung glaubst, von welcher Jakobus schreibt, wie ich 
dir sage; wohlan, laß hören. 

Jacob: Ich glaube nicht, daß die Ölsalbung, von der 
Jakobus schreibt, dem Öle ähnlich sei, womit ihr eure 
Kranken salbt, denn das Öl, wovon Jakobus schreibt, 
machte die Kranken gesund, wie auch solches das Öl 
tat, wovon Markus Kap. 6 schreibt, daß die Apostel 
viele Kranke gesalbt und gesund gemacht hätten; aber, 
wiewohl ihr Paffen euer Öl beschwört und bezaubert, 
so kann es doch die Kranken nicht gesund machen; 
deshalb ist denn auch dasselbe ein anderes Öl gewe- 
sen als das eurige, das ihr ein Sakrament nennt. 

Bruder Cornelius: Ei, was tausend Teufel (Gott seg- 
ne uns) macht nun dieser höllische Ketzer, daß er 
aus unserer Beschwörung, Weihung, Segnung und 
Heiligsprechung des Sakramentes des Öles Zauberei 
macht. Ei du bezauberter, verteufelter und besessener 
Wiedertäufer, hast mich einmal bestraft, weil ich dich 
verflucht und gerichtet habe; aber ich sollte wohl noch 
anders mit dir zu Werke gehen, um dich zu verflu- 
chen, verdammen und zu vermaledeien; doch bist du 
nicht so viel wert, daß mich über dich erzürne und 
beunruhige. Darum sage ich dir ja, wir Katholischen 
nennen die heilige Ölung ein Sakrament und halten 
es für ein Sakrament, denn es ist auch ein Sakrament, 
trotz deines Mauls, verstehst du das wohl, du bezau- 
berter und vermaledeiter Wiedertäufer, der du bist? 

Jacob: Wollt ihr denn alle Dinge nachmachen, wel- 
che die Apostel getan haben, und sie alle für Sakra- 
mente halten, warum haltet ihr eure Schweiß- oder 
Schnupftücher nicht auch für ein Sakrament, und legt 
sie auf die Kranken, wie Paulus tat? Denn worin war 
das Öl heiliger, wovon Jakobus schreibt, als in Paulus 
Schweißtüchem, womit er auch die Kranken gesund 
machte, wie Apg 19 geschrieben steht? 

Br. Cornelius: Ei, spielt der Teufel nicht mit deinem 
Maule, so verstehe ich es nicht; ja, ihr vermaledei- 
ten Wiedertäufer mögt wohl aus euren schmutzigen 
Schnupf- oder Schweißtüchern ein Sakrament ma- 
chen, denn ihr habt kein Sakrament; aber wir Katho- 
lischen haben wohl sieben Sakramente, ist das nicht 
genug? 

Jacob: Ja, in der Tat, denn weil der Name Sakrament 
in der heiligen Schrift nicht einmal genannt wird, so 
sind euch auch sieben zu viel. 

Bruder Cornelius: Ei, nennt St. Paulus den Ehestand 
nicht ein Sakrament? Ja, damit tut er demselben kei- 
neswegs zu viel Ehre an, weil er Eph 5 sagt: Das Sa- 
krament ist groß. Willst du denn diese Ehre noch ver- 
schmähen, dieselbe von dir treiben oder mit Füßen 
von dir stoßen, frage ich? 



467 


Jacob: Paulus sagt: Zwei werden ein Fleisch sein; 
dieses Geheimnis ist groß. Willst du nun aus allen 
Geheimnissen Sakramente machen, so wundert es 
mich sehr, daß ihr nur sieben Sakramente habt. 

Bruder Cornelius: Ei, da kann man wohl hören, 
daß ihr Wiedertäufer den Ehestand nicht hoch achtet, 
denn wenn wir Priester sagen würden, das Priester- 
amt sei mir ein Sakrament, der Ehestand aber nicht, 
so würdest du wohl antworten, wie ich denke: Bewei- 
se uns, wo das Priesteramt ein Sakrament genannt 
wird, wie man vom Ehestand findet; aber wenn ich 
der Sache genau nachdenke, so haltet ihr Wiedertäu- 
fer nichts vom Ehestande, weil ihr die Weiber und 
Jungfrauen gemein macht, und untereinander wie die 
Hunde und Zaupen lauft; der Vater mit seiner Tochter, 
die Mutter mit ihrem Sohne, der Bruder mit seiner 
Schwester, wie das Vieh, ist das nicht hübsch? 

Jacob: Mit Erlaubnis, erzürne dich nicht; hierin wird 
fälschlich über uns gelogen. 

Bruder Cornelius: Ei, willst du denn das leugnen; 
wie darfst du das tun? 

Jacob: Wenn es wahr wäre, ich wollte es nicht leug- 
nen, aber man wird das nimmermehr mit Wahrheit 
bei uns sagen können. 

Bruder Cornelius: Jawohl, das ist ja das trotzigste 
Gespenst von allem; ich dachte, du würdest mir nun 
das alles mit der Heiligen Schrift bezeugen und dar- 
tun, daß man die Weiber allgemein haben möge; ei, 
willst du es nun leugnen? 

Jacob: Ja, sollte ich das nicht leugnen, was doch 
Lügen sind? 

Br. Cornelius: Ja, dieser elende Wiedertäufer will 
mich über die Nase hauen, denke ich; solltest du glau- 
ben, mir eine Sache aus dem Kopfe zu reden, von 
welcher ich doch so gewiss weiß, daß sie wahr ist? Ei, 
was willst du noch leugnen, denn du hast ja bereits 
die fünf Sakramente geradezu verleugnet, was hun- 
derttausendmal ärger und verdammlicher ist, als alle 
Weiber und Jungfrauen in der ganzen Welt allgemein 
zu machen; das ist wahr. 

Jacob: Du tust großes Unrecht, daß du uns dessen 
beschuldigst; denn es ist eine Sache, woran wir un- 
schuldig sind. 

Bruder Cornelius: Ei, du treibst ja gar Narrenwerk 
mit diesem Leugnen; ich sollte wohl vor Wut und 
Zorn aus meiner Haut fahren, weil dieser verfluchte 
Wiedertäufer nun hier eine bekannte Sache leugnen 
will, welche doch aller Welt bekannt ist. Gewiss, ich 
setze meinen Hals zum Pfände, daß ich selbst wohl 
mehr als hundertmal gepredigt habe, daß ihr Wieder- 
täufer die Weiber und Jungfrauen allgemein macht, 
daß ihr auch das Ehelichen meidet, und daß ihr ei- 
nem Manne, wenn er seines Weibes müde geworden 


ist, eines andern Mannes Weib gebt, und ebenso auch 
einem Weibe, wenn sie ihres Mannes müde ist, eines 
andern Weibes Mann; sollte ich denn hiervon nicht 
Bescheid wissen? 

Jacob: Ich habe bisweilen sagen gehört, daß hier 
Bruder Cornelius oft dergleichen Dinge von uns pre- 
digt; mit Erlaubnis, bist du es? 

Bruder Cornelius: Ja, ich bin Br. Cornelius, der sol- 
che Dinge von euch predigt; besieh mich recht; ich 
weiß es wohl, daß ich es bin; ich will es dir auch klar 
beweisen, daß ich die Wahrheit predige; denn wa- 
ren es keine Wiedertäufer, die zu Amsterdam und an 
andern Orten in Holland mutternackend auf den Stra- 
ßen umherliefen, Männer und Weiber, junge Mägd- 
lein und junge Knaben, und zueinander sagten: Mein 
Geist begehrt dein Fleisch, he? 

Jacob: Diese waren nicht von unsem Brüdern; ich 
weiß, daß es früher dergleichen schlechte Brüder ge- 
geben; wie z. B. David Joris und Henrich Niclaus; die- 
se lehrten solches heimlich und sagten, es gebühre 
niemandem, etwas eigenes zu haben, darum sei es 
auch niemanden erlaubt, für sich selbst ein Weib zu 
ehelichen, sondern man müsse die Weiber gemein- 
schaftlich halten. Andere wollten auch aus der Schrift 
beweisen, daß man die Weiber, die imgeschickt und 
unehrlich sind, wohl verlassen möchte. 

Bruder Cornelius: Ist das möglich?! Wie willst du 
doch das leugnen, daß ihr Wiedertäufer die Weiber 
gemeinschaftlich habt? Waren es denn nicht Wieder- 
täufer, die zu Amsterdam das Stadthaus mit Gewalt 
einnahmen, auch die Stadt Münster überwältigten 
und einnahmen, nachher aber belagert, beschossen, 
bestürmt, überwunden, gefangen und getötet wurden, 
und unter ihnen ihr König, Jan Beukelß, ein Schneider 
von Leiden? Hatten denn diese nicht auch die Wei- 
bergemeinschaft, ja, nicht allein die Weiber, sondern 
auch die Güter? Haben sie nicht Kirchen und Klöster 
in Holland, Friesland und Gelderland beraubt? Willst 
du nun auch sagen, diese wären nicht von deinen Brü- 
dern gewesen? Ich denke ja, du wirst nicht so töricht 
sein. 

Jacob: Diese alle waren von denselben (fremden) 
falschen Brüdern, denn wie sie lehrten, daß man die 
Weiber nicht ausschließlich haben sollte, so lehrten 
sie auch, daß man die Güter nicht eigentlich besitzen 
sollte, sondern eine Gemeinschaft derselben eintreten 
lassen sollte, und daß der Papisten Güter den Christen 
zugehören; daß sie dieselben wegnehmen möchten, 
wo sie könnten, um sie zur Ausrottung der Gottlosen 
mit dem auswendigen Schwerte, und um alle Obrig- 
keit aus dem Wege zu räumen, anzuwenden, damit 
auf solche Weise ein neues Reich Christi in dieser Welt 
aufgerichtet werde. Durch solche sind wir mit Unrecht 



468 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


in solch ein unchristliches Geschrei gekommen. 

Bruder Cornelius: Ist das wahr? Das wäre allerdings 
zu berücksichtigen, ob ihr mit Unrecht in ein solch 
böses Geschrei gekommen wäret. Hättet ihr Wieder- 
täufer auch ein Haupt, wie die Calvinischen, ich be- 
schwöre dir, ihr würdet uns Katholische ebenso verfol- 
gen, quälen, peinigen und martern, wie sie tun. Doch 
genug hiervon; aber daß du leugnen willst, daß ihr 
Wiedertäufer die Weiber nicht gemeinschaftlich habt, 
kann ich weder verschlucken noch verdauen; aber du 
magst Ausflucht suchen, wie du willst, du wirst mir 
das nicht aus dem Kopfe schwatzen. 

Jacob: Wir müssen nicht allein solches von dir lei- 
den, denn wie ich höre, so predigst du auch oft, daß 
die Calvinischen die Weiber gemeinschaftlich haben. 

Bruder Cornelius: Das haben sie auch, denn darin, 
daß sie die Weiber in Gemeinschaft haben, sind sie mit 
den Wiedertäufern einig. Es ist mir wohl bewusst, was 
die Calvinischen beiderlei Geschlechts treiben, wenn 
sie die Kerzen ausblasen, nachdem sie ihr verfluchtes, 
teuflisches Nachtmahl gehalten haben; ja, siehe doch 
nun, solltest du mich wohl predigen lehren wollen! 

Jacob: Wenn solches wahr wäre, so wäre es ja aller 
Welt bekannt; denn die Calvinischen haben doch öf- 
fentliche Kirche gehabt, darin sie gepredigt und das 
Nachtmahl gehalten haben. Hätten sie nun derglei- 
chen Dinge, wie die Gemeinschaft der Weiber, gehand- 
habt, wie du sagst, was würde dieser fremde Handel 
für ein Geschrei durch alle Länder gemacht haben! 

Bruder Cornelius: Ei, du verdammter Wiedertäufer! 
Willst du es mir nun beweisen, als ob ich über die 
verfluchten Kälberschwänze (Calvinischen) gelogen 
hätte? Sage ich nicht, daß sie solches miteinander trei- 
ben, wenn sie ihr teuflisches Nachtmahl miteinander 
gehalten haben und die Lichter ausgeblasen sind, wie 
soll man denn von einer Sache etwas Seltsames sagen, 
die niemand sehen kann? Aber, ihr Wiedertäufer, sagt 
uns einmal etwas von eurem Nachtmahle; ich denke 
ihr haltet keines, weil ihr von keinem Sakramente et- 
was zu sagen wisst. Darum sage und lass uns hören, 
was du von dem Sakramente des Altars hältst? 

Jacob: Ich kann davon nichts sagen, denn ich habe 
diesen Namen in der Heiligen Schrift weder gesehen 
noch gelesen. 

Bruder Cornelius: Da ist der Teufel und seine Mut- 
ter schon wieder zu Kaufe! Wie willst du denn das 
Nachtmahl genannt haben? Ich denke, wie die Refor- 
mierten? 

Jacob: Ich habe zwar in der Heiligen Schrift von 
dem Brotbrechen und Gedächtnisse des gebrochenen 
Leibes Christi viel gelesen, Mt 26, Mk 14, Lk 22, Apg 2, 
IKor 11, aber von dem Sakramente des Altars habe ich 
nichts gelesen. 


Bruder Cornelius: Du hast ja die Schrift immer auf 
dem Daumen; denn weil ihr Wiedertäufer nichts lesen 
wollt, als nur die Heilige Schrift, so folgt daraus, daß 
ihr nichts von einem Sakramente des Altars lest. Wie 
ich von meinem Herrn, dem Oberaufseher der Augus- 
tiner, höre, wollt ihr durchaus nichts zur Ermahnung 
aufnehmen, was die Altväter, oder die Lehrer der hei- 
ligen katholischen Kirche schreiben, wie St. Ambro- 
sius, St. Hieronymus, St. Augustinus, St. Gregorius, 
St. Chrysostomos, St. Bernhardus, St. Anshelmus, St. 
Beda, die heiligen Lehrer, und sehr viele andere, ja, 
die noch älter sind, wie Irenäus, Cyprianus, Basilius, 
Cyrillus, Tertullianus. Wenn du diese lesen würdest, 
so würdest du finden, daß das Sakrament des Altars 
oft unter verschiedenen Namen, wie z. B. Eucharis- 
tia, Holocaustum, Sacrificium, Oblatio usw. angeführt 
wird; aber ihr Wiedertäufer wollt lieber zweifeln und 
in den verfluchten und verdammten Büchern eures 
Erzketzers Menno Simon grübeln. Darum wisst ihr 
auch nichts von einem Sakramente des Altars; ist das 
nicht was Schönes? 

Jacob: Uns genügt einfältig an der heiligen Schrift, 
denn wir finden alles darin, was uns zur Seligkeit zu 
wissen nötig ist, und haben nicht nötig, der Menschen 
Lehren zu durchforschen. 

Bruder Cornelius: So, so! Aber sage mir und laß 
hören, ob du auch glaubst, daß Christus mit seinem 
natürlichen Fleische und Blute wahrhaftig in der ge- 
weihten Hostie sei, wenn du doch alles besser ver- 
stehst! 

Jacob. Dies verstehe ich ebenso wenig, weil die Hei- 
lige Schrift nichts von einer geweihten Hostie sagt; 
deshalb bemühen wir uns auch nicht mit dergleichen 
Dingen, sondern wir bedienen uns in unserer Gemein- 
de der Gedenkzeichen von des Herrn Leibe, wie ich 
gesagt habe. 

Bruder Cornelius: Was sind denn diese Gedenk- 
zeichen wohl für Gespenster? Das fängt ja an, recht 
zwinglianisch und calvinisch zu lauten! Ich denke, ihr 
Wiedertäufer werdet doch keine Sakramentierer sein? 
Aber laß doch uns einmal hören, wie es mit diesen 
Gedenkzeichen bestellt sei. 

Jacob: Diese Gedenkzeichen sind Brot und Wein, 
deren wir uns zum Andenken des Leibes und Blutes 
Christi bedienen, weil uns Christus in seinem letzten 
Abendmahle befohlen hat, daß wir zum Gedächtnisse 
seines Leibes, der am Kreuze zerbrochen wurde, das 
Brot brechen und essen, und daß wir den Kelch mit 
Wein austeilen und alle daraus trinken sollen zum Ge- 
dächtnisse seines Blutes, das für viele, zur Vergebung 
der Sünden, vergossen wurde. 

Bruder Cornelius: Ist das wahr? Ihr seid wohl brave 
Gesellen mit euren Gedenkzeichen! Ja, meine Herren, 



469 


was haltet ihr von diesem verfluchten, höllischen Teu- 
felspackvolke? Sie sind Wiedertäufer und Sakramen- 
tierer. Ja, Jesus! Jesus! Werte Mutter Gottes, beschütze 
uns! Das ist eine abscheuliche Sache. Ei, ei, ei! Ach, 
ach, ach! Nun hört ihr ja, meine Herren, welch Teu- 
felsgeschmeiß und höllische Brut ihr hier in Flandern 
und in der Stadt Brügge habt, und dennoch habt ihr 
bisweilen euer Gespötte mit meinen Predigten, wenn 
ich wider diese verdammten Ketzer predige und sagt: 
Das lausige Närrchen, der wahnsinnige Bruder Cor- 
nelius hat immer auf der Kanzel mit den Ketzern zu 
schaffen. Nun hört ihr ja selbst, ob ich hierzu billige 
Veranlassung habe! Nun aber höre zu, du Sakramen- 
tierer! Warum sagt denn Christus nicht: Nehmt und 
esst, dies Brot ist ein Gedenkzeichen meines Leibes, 
und dieser Wein ist ein Gedenkzeichen meines Blutes, 
sondern er sagte rund heraus: Nehmt, esst, das ist 
mein Leib; ferner: Trinkt alle aus diesem Kelche, dies 
ist mein Blut? Nun antworte mir einmal darauf und 
benarre dich selbst. 

Jacob: Es ist mir von Herzen leid, daß du dich über 
meine Antwort so sehr erzürnst und ereiferst, und 
nicht bedenkst, was Paulus, Tit 1, sagt, daß ein Bischof 
nicht zornig, beißig oder zänkisch sein soll. 

Bruder Cornelius: Ei, ei, halte das Maul, und ant- 
worte mir ohne viel Geschwätz und Geschnatter. 

Jacob: Es ist nicht Christi Meinung gewesen, daß die 
Apostel seinen Leib essen sollten, der den folgenden 
Tag gekreuzigt wurde, oder daß sie sein Blut trinken 
sollten, das den andern Tag vergossen wurde, sondern 
seine Meinung war, daß sein Leib eine Seelenspeise 
und sein Blut ein Seelentrank sei, gleichwie Brot und 
Wein die Speise und der Trank des Leibes ist, darum 
sagt er: Nehmt und esst, das ist mein Leib, oder mein 
Leib ist das, was das Brot ist, nämlich Speise. 

Bruder Cornelius: Ei, was eine tolle Raserei ist die- 
ses; nun sollte ich wohl vor Zorn aus der Haut fahren, 
ja, sollte ich nicht? Denn Christus sagte nicht: Mein 
Leib ist das, oder mein Leib ist solches; wie verkehrt 
und verdreht nicht ihr Ketzer die nackenden, platten 
Worte (dies ist mein Leib)! 

Jacob: Die Worte haben dieselbe Bedeutung: Das ist 
mein Leib, oder mein Leib ist das, wenn man anders 
auf den rechten Sinn Christi Achtung geben will, denn 
weil sein Leib eine Speise war, darum nahm er Brot, 
und sagte: Mein Leib ist dies, oder dies ist mein Leib, 
nämlich eine Speise. 

Bruder Cornelius: Ei, sollte einen dieses nicht un- 
sinnig und rasend machen! Ja, Gott segne uns noch 
einmal und die werte Mutter Gottes. Sagt denn Chris- 
tus nicht: Nehmt und esst, dies ist mein Leib, der für 
euch gegeben wird; war es nun derselbe Leib, der für 
sie gegeben wurde, ei, so war es kein Brot, was er 


seinen Aposteln zu essen gab. Nun, laß hören, was 
willst du darauf antworten? 

Jacob: Wie ich geantwortet habe, daß Christus sagt, 
daß derselbe Leib, der für uns dahin gegeben wur- 
de, eine Speise der Seele sei, gleichwie das Brot eine 
Speise für den Leib des Menschen ist. 

Bruder Cornelius: Ei, was ein Unglück ist das; soll- 
te ich denn nichts Vorbringen können, um dir dein 
verfluchtes Maul einmal zu stopfen? Ei, sagte nicht 
St. Paulus im ersten Briefe an die Korinther, Kap 11: 
Wer dies Brot isst, oder den Kelch des Herrn unwür- 
dig trinkt, der ist an dem Leibe und Blute des Herrn 
schuldig. Sollte denn das nur ein bisschen gemeines 
schlechtes Brot und ein Schluck saurer Wein sein? 
Warum macht denn Paulus eine so außerordentlich 
große Sache daraus, und sagt: Der Mensch aber prüfe 
sich selbst, und esse würdig von diesem Brote und 
trinke würdig aus diesem Kelche, denn, wer unwür- 
dig isst und trinkt, der isst und trinkt sich selbst das 
Gericht, weil er den Leib des Herrn nicht unterschei- 
det; aber sollte das nun, du verdammter Sakramen- 
tierer, nicht mehr sein, als ein bisschen gemeines Brot 
oder ein Gedenkzeichen? 

Jacob: Das imwürdige Essen des Brotes und das un- 
würdige Trinken des Kelches, wovon Paulus schreibt, 
findet sich in unserm Gewissen, denn wenn ich mich 
in dem Leibe Christi vereinigen, und ein Brot mit 
vielen Brüdern werden will, bin dabei aber uneins, 
oder mit einigen Brüdern im Streite, so esse ich un- 
würdig von diesem Brote, und trinke unwürdig aus 
dem Kelche des Herrn, und dadurch werde ich an 
dem Leibe und Blute des Herrn schuldig. Darum prü- 
fe sich der Mensch selbst, wie er mit seinem Bruder 
steht, denn wer in Heuchelei kommt, und hat in sei- 
nem Gewissen Anklage oder Unruhe, isst und trinkt 
aber gleichwohl unwürdig, der isst und trinkt sich 
selbst das Gericht, weil er nicht unterscheidet, daß 
der Leib des Herrn (in der Brechung des Brotes das 
wir brechen) sich uns gemeinschaftlich mitteilt, und 
der Kelch der Danksagung (welchen wir segnen) mit 
uns eine Gemeinschaft oder Mitteilung in dem Blute 
Christi wird, gleichwie Paulus im ersten Briefe an die 
Korinther, Kap 10, schreibt. 

Bruder Cornelius: Ei, nun bist du in der Schlinge, 
denn wenn es eine Gemeinschaft oder Mitteilung des 
Leibes und Blutes Christi ist, so ist es ja nicht mehr 
Brot und Wein, wie ich dafür halte. 

Jacob: Kannst du es nicht verstehen, daß wir durch 
die Mitteilung des gebrochenen Brotes nur zu ver- 
stehen geben und uns erinnern, daß wir durch das 
Brechen des Leibes Christi an dem Kreuze und durch 
die Mitteilung des Kelches seines Blutes teilhaftig ge- 
worden sind, und dadurch mit seinem Leibe Gemein- 



470 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Schaft erlangt haben? Gleichwie wir alle Gemeinschaft 
an einem Brote empfangen, das wir brechen und es- 
sen, und dessen teilhaftig werden, so sind wir auch 
viele ein Leib mit dem Leibe Christi, weil wir alle mit 
seinem Leibe Gemeinschaft erlangen, und dessen teil- 
haftig geworden sind, was wir dadurch zu erkennen 
geben, wenn wir uns mit einem Brote in Gemeinschaft 
bringen und dessen teilhaftig werden. Dies ist die Mei- 
nung Paulus im 1. Briefe an die Korinther, Kap 10. 

Bruder Cornelius: Ei, so nun merke ich ja recht, 
daß ihr Wiedertäufer kurzum eben so arge, falsche, 
schnöde und durchtriebene Sakramentierer seid, als 
wohl die besudelten und dreckigen Kälberschwänze 
sein mögen, denn bei euch ist das Sakrament nichts 
anderes, als nur eine Bedeutung, Vorstellung und Ge- 
dächtnis des Leibes und Blutes Christi, und also nur 
ein bisschen Brot und ein Kelch mit Wein; aber ich 
lache über euer Bisschen Brot und euren Kelch, womit 
ihr eine Bedeutung und Gedächtnis des Leibes Christi 
vorstellen wollt. 

Jacob: Mit Erlaubnis, das ist ja wunderlich von der 
Einsetzung Christi geredet, denn er hat uns gleich- 
wohl das Brechen des Brotes und das Trinken des 
Kelches zu seinem Gedächtnis eingesetzt. Wenn aber 
das Brot Christus selbst ist (wie du sagst), wie soll uns 
denn dasselbe ein Gedächtnis Christi sein, der doch 
selbst (wie du sagst) gegenwärtig ist? Und weil du 
dich so sehr über mich erzürnst, der ich die Mittei- 
lung nur Brot und den Kelch nenne, so solltest du dich 
auch über Paulus erzürnen, weil er im ersten Briefe 
an die Korinther schreibt, Kap 11,26: So oft ihr von 
diesem Brote esst und von diesem Kelche trink. . . 

Bruder Cornelius: Schweige, halt das Maul, und laß 
das Gewäsch, denn obschon St. Paulus das Sakrament 
des Altars so nennt, so war es doch Christus selbst, 
wie er von seiner gesegneten Mutter geboren und am 
Kreuze gestorben ist. 

Jacob: Das ist eine irrige Ansicht von dir, denn wenn 
es Christus selbst ist, wie er am Kreuze gestorben 
ist, so muss es auch Christus selbst sein, wie er von 
den Toten auferstanden und aufwärts gen Himmel 
gefahren ist. 

Bruder Cornelius: Ja, in Wahrheit, und auch so, wie 
er zur Rechten seines Vaters sitzt. 

Jacob: Warum sagt denn Paulus an die Korinther: So 
oft ihr von diesem Brote esst und von diesem Kelche 
trinkt, sollt ihr des Herrn Tod verkündigen, bis daß er 
kommt. Wäre das Brot aber Christus selbst gewesen, 
so hätten die Korinther damals wohl sagen können: Es 
ist nicht mehr nötig, des Herrn Tod zu verkündigen, 
denn er ist schon gekommen; er ist hier, das Brot, das 
wir brechen und essen, ist Christus selbst. 

Bruder Cornelius: Ja schwätze und plaudere, wie 


du willst; ich sage rund heraus, daß die Korinther 
Christum mit Haut und Haar gegessen haben, wie 
wir Katholischen auch tun. 

Jacob: Gleichwohl sagt Christus, Joh 16: Ich verlasse 
die Welt und gehe zum Vater; ferner, in demselben 
Kapitel: Nun aber gehe ich hin zu dem, der mich ge- 
sandt hat; ferner, in demselben Kapitel sagt Christus 
weiter: Aber ich sage die Wahrheit, es ist euch gut, daß 
ich hingehe, denn wenn ich nicht hingehe, so kommt 
der Tröster nicht zu euch; wenn ich aber hingehe, will 
ich ihn zu euch senden. Ferner, in eben demselben 
Kapitel: daß ich zum Vater gehe, und ihr mich fortan 
nicht seht; endlich, Joh 12, sagt Christus: Mich werdet 
ihr nicht allezeit haben. 

Br. Cornelius: So fängst du wieder an zu predigen, 
tust du nicht? Und meinst du mir alles zu verwirren, 
zu verkehren und zu verdrehen; aber warte eine Weile, 
ich will dir wohl anders begegnen; es ist nichts bei dir, 
als Johannes hier, Johannes da; aber warum sagst du 
nichts von dem, was Johannes Kapitel 6 schreibt, wo 
Christus sagt: Das Brot, das ich geben will, ist mein 
Fleisch. 

Jacob: Christus sagt in demselben Kapitel, daß er 
das Brot sei, das vom Himmel gekommen ist; damit 
meint er kein Brot, das aus der Erde wächst. 

Bruder Cornelius: Ist das nicht ein arger, schnöder, 
durchtriebener und schalkhafter Ketzer? Hört doch 
nur, wie der Teufel mit seinem verfluchten Maule 
spielt; ei, ei, ei. 

Jacob: Ich sage doch nichts anderes, als was Chris- 
tus selbst sagt und meint, denn dies sind seine eigenen 
Worte durch das ganze Kapitel: Wahrlich, wahrlich, 
ich sage euch: Mose hat euch kein Brot vom Himmel 
gegeben; aber mein Vater gibt euch das rechte Brot 
vom Himmel, denn das ist das Brot Gottes, das vom 
Himmel kommt, und der Welt das Leben gibt; ferner: 
Ich bin das Brot des Lebens; ferner: Eure Väter haben 
in der Wüste Manna gegessen und sind gestorben; 
dies ist das Brot, das vom Himmel kommt, auf daß, 
wer davon isst, nicht sterbe. Ich bin das lebendige Brot, 
das vom Himmel gekommen ist, wer von diesem Brot 
essen wird, wird leben in Ewigkeit. Und das Brot, das 
ich geben werde, ist mein Fleisch, welches ich für das 
Leben der Welt dahingebe; ferner: Wahrlich, wahrlich, 
ich sage euch, wenn ihr das Fleisch des Menschen Soh- 
nes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, so habt ihr 
kein Leben in euch. Wer mein Fleisch isst und mein 
Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm; ferner, als 
Jesus bei sich selbst merkte, daß seine Jünger hierüber 
murrten, sprach er zu ihnen: Ärgert euch das? Wie, 
wenn ihr dann sehen werdet des Menschen Sohn auf- 
fahren, wo er zuvor war? Der Geist ist's der lebendig 
macht, das Fleisch ist nichts nütze. Die Worte, die ich 



471 


rede, sind Geist und Leben. 

Aus all diesen Worten Christi kann man verstehen, 
daß er mit diesem seinem Fleischessen anders nichts 
meinte, als sein Wort oder seine Lehre, wodurch wir 
im zum Glauben kommen, ohne welchen Glauben 
an ihn wir nicht selig werden und nicht ewig leben 
können. 

Bruder Cornelius: Hast du nun ausgepredigt? Kam 
es dir nicht vor, als ob du in dem Grützhausbusche 
ständest und predigst? Aber, du verwegener Ketzer, 
beweise mir das umständlicher, daß Christus mit die- 
sem Fleisch essen nichts anderes verstehe, als sein 
Wort oder seine Lehre. Ei, wie ich denke, so willst du 
dich wider das heilige Konsilium zu Trident aufwer- 
fen, denn dort haben doch alle Kardinäle, Bischöfe 
und Väter diese Worte Christi auf das würdige Sakra- 
ment des Altars bezogen; darum laß dich nun hören, 
wie du es anders beweisen willst, du verfluchter Wie- 
dertäufer und Sakramentierer, der du bist. 

Jacob: Du hast gehört, daß Christus in seiner Rede 
an die Juden gesagt hat: Dies ist das Brot Gottes, das 
vom Himmel kommt, und der Welt das Leben gibt. 
Ich bin das Brot des Lebens, wer von diesem Brote 
isst, wird leben in Ewigkeit; wer mein Fleisch isst und 
mein Blut trinkt, der bleibt in mir, und ich in ihm. 
Nun magst du wissen, wenn Christus mit diesem Bro- 
te oder mit diesem Fleische seinen natürlichen Leib 
verstände, wie du sagst, so würden alle Menschen, 
denen ihr das (nach deinen Worten) zu essen gebt, 
ewiglich leben, und keiner verdammt werden; denn 
wenn sie einmal gegessen hätten, so würden sie in 
Christo bleiben, und Christus würde in ihnen bleiben. 

Br. Cornelius: Ei, hört doch einmal, meine Herren, 
soll man sich nicht wundern, wie dieser lumpige We- 
ber, dieser Kerzengießer, zu solcher großen Weisheit 
gekommen sei? Ja, dieser unreine und schmutzige 
Bischof Jacob will weiser sein, als unsere heiligen Kar- 
dinäle, Bischöfe und Gottesgelehrten oder Doktores 
in der Gottesgelehrtheit, die in der heiligen Versamm- 
lung zu Trident durch des Heiligen Geistes Eingeben 
einstimmig beschlossen haben, daß alle Worte Christi 
(St. Joh., Kap. 6), sich auf das heilige, würdige Sakra- 
ment des Altars bezogen; jetzt aber will uns dieser 
garstige Bischof, der Weber Jacob, gern weis machen, 
daß Christus mit seinem Blute nichts anderes als sein 
Wort und predigen verstanden habe, ist das nicht was 
Eigenes? 

Der Blutschreiber: Laß dich doch unterweisen, Ja- 
cob, und disputiere nicht so viel. 

Der Notarius: Das begehre ich auch von dir, Jacob, 
und steife dich nicht so sehr auf deine eigene Weisheit. 

Jacob: Mit Erlaubnis, meine Herren, ich steife mich 
nicht auf meine eigene Weisheit, sondern auf die Wor- 


te Christi. 

Bruder Cornelius: Ei, tust du? Ich mag nicht sagen, 
was du tust, du schalkhafter, loser, durchtriebener 
Ketzer, du hast ja in der Erzählung der Worte Christi 
so schalkhaft ausgelassen und verschwiegen, daß er 
in demselben Kapitel sagt: Mein Fleisch ist die rechte 
Speise, und mein Blut ist der rechte Trank; ja, meinst 
du uns so mit Schalkheit zu betrügen? 

Jacob: Die Worte Christi habe ich nicht loser und 
schalkhafter Weise verschwiegen, sondern sie kamen 
mir nicht in meinen Sinn; es ist auch nicht nötig solche 
Worte zu verschweigen, denn sie dienen nur dazu, die 
Antwort zu bestätigen, die ich dir gegeben habe, näm- 
lich, wenn Christus mit dem Essen und Trinken sein 
natürliches Fleisch und Blut versteht (wie du sagst), 
so werden sie alle ewig leben und nicht sterben, oder 
nicht verdammt sein, die in eurer Kirche einmal da- 
von gegessen und getrunken haben, es mögen auch 
Missetäter sein, wie sie wollen, denn ihr versagt nie- 
mandem euer Sakrament des Altars; wer dazu kommt, 
der genießt es mit; es kommen dazu auch Trunkenbol- 
de, Prasser, Geizhälse, Tauscher, Flucher, Zänkische, 
Neidische und ungerechte Menschen, Huren und Bu- 
ben, Ehebrecher, Mörder und viele böse Menschen, 
von welchen Paulus im ersten Brief an die Korinther, 
Kap. 6, und im fünften Kapitel an die Galater sagt, 
daß sie das Himmelreich nicht ererben werden. 

Bruder Cornelius: Ja, diejenigen, die zuerst beichten 
und von den Priestern freigesprochen werden, emp- 
fangen dann darauf das heilige Sakrament würdig 
und werden ewig leben. 

Jacob: Christus sagt hier nicht von würdig oder 
unwürdig Essen oder Trinken, sondern er sagt, sie 
sollen alle leben, die von diesem Fleische essen, oder 
von diesem Blute trinken. 

Bruder Cornelius: Aber St. Paulus sagt, IKor 11, von 
einem unwürdigen Essen und Trinken des Leibes und 
Blutes Christi; sieh es doch einmal an. 

Jacob: Darum ist das Brotbrechen, wovon Paulus 
schreibt, auch eine andere Einsetzung als dieses. 

Bruder Cornelius: Ei, du lumpiger Bischof! Christus 
setzt ja hier mit diesen Worten, Joh 6, das Sakrament 
des Altars noch nicht ein, sondern er verheißt es einzu- 
setzen, indem er sagt: Das Brot, das ich geben werde 
(das ist zu verstehen, das er geben würde, als er die 
Messe in seinem letzten Abendmahle einsetzte), ist 
mein Fleisch, und der Kelch mit dem Weine, den ich 
geben werde, ist mein Blut, kein Wein, noch etwas, 
das zum Weine gehört; also ist das Brot auch kein we- 
sentliches Brot, sondern mein Fleisch, welche ich für 
das Leben der Welt geben werde. Wo willst du nun 
hiermit bleiben, was kannst du nun hierauf antwor- 
ten? 



472 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Jacob: Hierauf antworte ich noch einmal: Wenn 
Christus solches Fleisch meint, wie ihr (nach deiner 
Aussage) den Menschen zu essen gebt, so wird auch, 
nach Anweisung der Worte Christi, niemand von de- 
nen sterben noch verdammt werden, sondern sie wer- 
den alle ewig leben. 

Bruder Cornelius: Ja, darum frage ich auch noch ein- 
mal, für wen denn die Beichte und die Lossprechung 
eingesetzt sei, ich denke doch nicht für die Ferkel oder 
Schweine? 

Jacob: Das magst du freilich wohl denken; das 
Blut Christi ist für die Menschen zur Vergebung der 
Sünden ausgegossen, wie er auch in seinem letzten 
Abendmahle sagt, welches ihr nun eine Einsetzung 
der Messe nennt. 

Bruder Cornelius: Ja, das Abendmahl war die Ein- 
setzung der Messe, trotz deines Mauls; aber laß ein- 
mal hören, was du von der Messe hältst. 

Jacob: Ist eure Messe denn noch etwas anderes, als 
euer Sakrament des Altars? 

Bruder Cornelius: Ja, du bist ein Prädikant, ein Leh- 
rer, ja, ein Bischof der Wiedertäufer, wiewohl du sol- 
ches leugnest, und gleichwohl weißt du nicht, daß die 
Messe etwas anderes sei, als das Sakrament des Al- 
tars. Ei, pfui, schäme dich doch bis ins Innerste deiner 
Seele. 

Jacob: Ja, freilich, weil es lauter Sachen sind, die in 
der Heiligen Schrift nicht bekannt sind oder genannt 
werden, so verstehe ich mich auch nicht darauf. 

Bruder Cornelius: Ja, einen Dreck in dein Maul. 
Sind es auch Dinge, die in der Heiligen Schrift nicht 
so genannt werden, so sind sie doch in der Heiligen 
Schrift so bekannt, denn die Messe ist ein Sacrificium 
oder ein Opfer, worin der Priester das wahre Fleisch 
und Blut Christi für Lebendige und Tote, oder für die 
Seelen aufopfert, die im Fegfeuer liegen, verstehst du 
es nun, was die Messe sei? 

Jacob: Ich glaube nicht, daß ihr Christum noch ein- 
mal aufopfern könnt, sondern ich glaube, daß Chris- 
tum selbst ein Opfer am Kreuze für die Lebendigen 
und Toten gewesen sei, denn Paulus schreibt an die 
Hebräer, Kap 9, daß Christus durch sein eigenes Blut 
einmal in das Heilige eingegangen sei und eine ewige 
Erlösung gefunden habe, denn, wenn der Ochsen und 
Böcke Blut die Unreinigen zur Reinigung des Lebens 
heilt, um wie viel mehr wird das Blut Christi, der 
sich selbst unbefleckt durch den Heiligen Geist Gott 
geopfert hat, unser Gewissen von den toten Werken 
reinigen, dem lebendigen Gotte zu dienen. 

Bruder Cornelius: Ei, nun ist es genug gepredigt, 
denn der Kopf tut mir weh davon; darum laß uns 
jetzt etwas von der Wiedertaufe und der Kindertaufe 
disputieren und dann genug. Sag an und laß hören. 


warum das Sakrament der Taufe den Kindern zur 
Seligkeit nicht nötig sei, wie ihr Wiedertäufer predigt 
und lehrt, und solltet ihr dadurch in Gefahr laufen. 

Jacob: Christus sagt, Mk 16: Wer glaubt und getauft 
wird, soll selig werden, wer aber nicht glaubt, soll 
verdammt werden. Wenn nun eins von beiden den 
Kindern zur Seligkeit nötig wäre, so ist ihnen der 
Glaube nötiger als die Taufe. 

Bruder Cornelius: Ist das wahr? Aber, ei, willst du 
denn alle armen unschuldigen Kindlein, die in der 
Erbsünde ohne Taufe sterben, dadurch vom Himmel 
ausschließen, und eine Menge von vielen hundert- 
tausend Millionen zur Hölle jagen, in die ewige Ver- 
dammnis? 

Jacob: Nein, das wollen wir nicht, denn unser Glau- 
be ist, daß die Kindlein gleichwohl selig sind, wenn 
sie auch ohne Taufe sterben, denn sie sind in dem 
Blute Jesu Christi getauft und gereinigt, wie Johan- 
nes in dem ersten Briefe, Kap 1, sagt: Das Blut Jesu 
Christi, seines Sohnes, macht uns rein von allen Sün- 
den; auch sagt Christus, Mt 19: Denn solcher ist das 
Himmelreich. 

Br. Cornelius: Ja, wenn sie erst durch die Taufe ge- 
waschen und von der Erbsünde, die sie von Adam 
geerbt haben, gereinigt sind, denn sonst fahren sie alle 
zum Teufel in die Verdammnis. 

Jacob: Paulus schreibt, IKor 15: Gleichwie sie alle 
in Adam sterben, so werden sie in Christo lebendig 
gemacht werden; ferner Rom 5: Gleichwie durch einen 
Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist, und 
der Tod durch die Sünde, so ist die Gnade vielen reich- 
lich widerfahren durch Christum. 

Bruder Cornelius: Still, still, still, viel Geschwätz 
und wenig Antwort. Das sind lauter Dinge, die die 
ungetauften und unbeschnittenen Kinder nichts an- 
gehen; darum sage ich rund heraus, daß alle Kinder, 
die im alten Testamente ohne Beschneidung und nun 
im neuen Testament ohne Taufe gestorben sind und 
noch sterben, verdammt sind, und wer eine ande- 
re Behauptung aufstellt, der ist ein Ketzer. Aber ihr 
Wiedertäufer achtet die Taufe so gering, daß ihr die 
Kinder ohne Taufe sterben lasst, in der Meinung, daß 
sie gleichwohl selig seien; warum lasst ihr euch denn, 
die ihr schon einmal getauft seid, wiedertaufen und 
lehrt andere Leute, daß sie sich auch wiedertaufen las- 
sen müssen, wenn sie selig werden wollen? Ei, ei, seid 
ihr denn nicht von einer höllischen und teuflischen 
Raserei, Unsinnigkeit und Bezauberung besessen? Ei, 
laufe und betrüge dich mit deiner Wiedertäuferei. 

Jacob: Wir taufen die Gläubigen nach Christi Befehl 
und ihr tauft die Ungläubigen wider seinen Befehl. 

Bruder Cornelius: Ist das wahr, Wiedertäufer? Aber 
obgleich die Kinder ungläubig sind, so müssen sie 



473 


dennoch getauft werden, wenn sie die Seligkeit erlan- 
gen sollen, denn im Evangelium St. Johannes, Kap 3, 
steht, daß Christus zu Nikodemus gesagt hat: Wahr- 
lich, wahrlich, es sei denn, daß jemand wiedergeboren 
werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das 
Reich Gottes kommen. Ist nun das nicht geradezu ge- 
sagt, daß man die Kinder taufen müsse, obgleich sie 
noch ungläubig sind? Was wollt ihr Wiedertäufer es 
uns Katholischen denn vorwerfen, daß wir die Un- 
gläubigen taufen und daß ihr die Gläubigen tauft? Du 
vermaledeiter Ketzer, der du bist. Wohlan, antworte 
mir darauf, und betrüge dich selbst. 

Jacob: Die Wassertaufe stellt das Bad der Wieder- 
geburt vor, welche Christus in dem Geiste tauft, wie 
Johannes der Täufer, Mk 1: Ich habe euch mit Wasser 
getauft, der aber nach mir kommt, wird euch mit dem 
Heiligen Geiste taufen. Mt 3 und Lk 3 steht: Der wird 
euch mit dem Heiligen Geiste und mit Feuer taufen; 
ferner Joh 1: Aber der mich gesandt hat, in daß Wasser 
zu taufen, der hat zu mir gesagt: Auf welchen du den 
Geist herabfahren und auf ihm bleiben sehen wirst, 
der ist es, der in dem Heiligen Geiste tauft, woraus 
sich mit Sicherheit schliefen lässt, daß die Wassertau- 
fe nichts dazu beiträgt, ins Reich Gottes zu kommen, 
sondern allein die Taufe durch den Heiligen Geist, 
womit Christus tauft. 

Br. Cornelius: Daran lügst du, Wiedertäufer, mit 
deinem vermaledeiten Maule, denn Christus sagte: 
Aus Wasser und Geist; so schafft denn die Taufe des 
heiligen Geistes nicht allein den Eingang ins Reich 
Gottes, sondern das Wasser und der Geist. 

Jacob: In dieser Beziehung muss ich dir die Frage 
stellen, ob niemals einige von Gott und Christo in den 
Heiligen Geist ohne Wasser getauft worden seien? 

Br. Cornelius: Welche teuflische Frage ist doch das, 
wer sollte dir auf solche verfluchte Frage antworten 
können? Ja, seht doch nun einmal, womit uns dieser 
elende Dreckbischof, Jacob der Weber, zu quälen und 
zu plagen sucht. Antworte du dir selbst darauf. 

Jacob: Wohlan denn, als Christus sah und hörte, daß 
sich Nikodemus so sehr über die Worte verwunder- 
te, die er zu ihm redete, und daß Nikodemus seine 
Worte nicht verstehen konnte und fragte, wie solches 
zugehen möchte, so hat ihm Christus geantwortet: 
Bist du ein Meister in Israel, und weißt dieses nicht? 
Aus diesen Worten Christi kann man verstehen, daß 
Christus nicht von der Taufe redete, sondern er redete 
mit ihm von Dingen, die in dem Gesetze der Israeli- 
ten enthalten waren, nämlich von der Wiedergeburt 
oder Wiederherstellung durch den Heiligen Geist, in 
welchem alle heiligen Väter und alle Auserwählten 
Gottes vor der Zukunft Christi wiedergeboren oder 
getauft worden sind; denn hätte Christus von der 


Wassertaufe geredet, wie ihr Papisten meint, so hätte 
ja Nikodemus zu Christo sagen können: Ich habe in 
allen Gesetzen niemals etwas von einer Wassertaufe 
gelesen; aber nun hat Christus zu ihm von Dingen 
geredet, die im Gesetze oder in der Heiligen Schrift 
des alten Testaments geschrieben standen, obgleich 
er sie anders nannte, nämlich eine Wiedergeburt aus 
Wasser und Geist, wiewohl freilich darin der Heilige 
Geist und das Wasser genannt wird; aber Christus 
wollte Nikodemus damit prüfen, um ihn über eine 
Sache in Verwunderung zu setzen, die er sehr wohl 
wissen und verstehen musste, weil er ein Meister in 
Israel war. Siehe, darum wird die Wiedergeburt, wo 
Christus in den Heiligen Geist tauft, nur mit der aus- 
wendigen Wassertaufe vorgestellt. 

Bruder Cornelius: Ei, Jesus, Jesus, wie kannst du 
plaudern, wie ist dir die Zunge gelöst; so wunderlich 
habe ich niemals die Schrift auslegen gehört; ganz 
wider den Sinn unserer Mutter, der heiligen katholi- 
schen römischen Kirche, wie auch der alten Lehrer 
und Väter; ich wundere mich nicht, daß dich die Wie- 
dertäufer zu ihrem Lehrer, Prädikanten und Bischof 
gemacht haben, denn um dergleichen Reden oder Pre- 
digten zu hören, ist das Volk zu Brügge so abscheulich 
nach dem Grützhausbusche gelaufen; aber ich muss 
noch eine Frage an dich richten: Wenn ihr Wiedertäu- 
fer Kinder habt, welche einfältig, simpel oder töricht 
bleiben, und in solcher Weise zwanzig, dreißig, vier- 
zig, ja, achtzig oder neunzig Jahre alt werden, lasst ihr 
dann diese ohne Taufe sterben, weil sie euren Glau- 
ben und eure Lehre nicht begreifen können? Denn 
einen Einfältigen, der lebenslang einfältig oder töricht 
bleibt, kann man ja nicht lehren. Ei, wie macht ihr es 
doch mit ihnen; laß es mich doch mit kurzen Worten 
hören, denn dein langes Geschwätz wird diesen gu- 
ten Herren so unangenehm wie mir; überdies wird es 
auch spät, und ich bin müde, das kann ich sagen. 

Jacob: Solchen unschuldigen, einfältigen, kindi- 
schen Menschen gehört das Himmelreich, wie Chris- 
tus sagt, Mt 19. 

Bruder Cornelius: Ei, sacht, sacht, eben recht, so 
sage ich denn, daß es nicht nötig ist, daß man die 
Menschen ihr Glaubensbekenntnis lehre, ehe man sie 
tauft, wie ihr Wiedertäufer lehrt und tut, wenn ihr 
tauft oder wiedertauft, denn obschon die Kinderlein 
im christlichen Glauben nicht unterrichtet sind, so 
taufen wir Katholischen sie doch auf den Glauben der 
heiligen Kirche, und weil sie gläubige Eltern haben; ei, 
darum ist es ja nicht nötig, daß man sie zuvor lehre. 

Jacob: Gleichwohl sagt Christus, Mk 16: Geht hin in 
alle Welt, und predigt das Evangelium allen Kreatu- 
ren, wer glaubt und getauft wird, soll selig werden; 
da steht ja, daß Lehre und Glaube der Taufe vorange- 



474 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


hen sollen; ferner, Mt 28, sagt Christus: Gehet hin und 
lehret alle Völker und taufet sie; hier wird das Lehren 
vor das Taufen gesetzt. 

Bruder Cornelius: Still, still, fängst du wieder an 
zu predigen, tust du nicht? Darum noch eine Frage 
und damit hallo. Wenn denn nun ein Ungetaufter un- 
ter eurer Wiedertäufergemeinde in eurem teuflischen 
Glauben genug unterrichtet wäre, um sich taufen las- 
sen, und sich zur Taufe anmeldete, aber so schwach 
und krank wäre, daß er von sich selbst nichts wüsste, 
und deshalb seinen Glauben vor oder während der 
Taufe nicht bekennen könnte, ei, solltet ihr ihn denn 
auch ohne Taufe sterben lassen? Darum soll man ja 
deine Märlein und Spötterei weder achten noch anse- 
hen. 

Jacob: Und wenn er auch in seiner Schwachheit 
ohne Taufe stürbe, so würde er doch durch seinen 
Glauben selig werden, denn Christus sagt, Mk 1 6: Wer 
nicht glaubt, wird verdammt werden. 

Bruder Cornelius: Nun wohl, es gelüstet mich nicht 
länger mit dir zu disputieren, sondern ich will meines 
Weges gehen, und den Schinder wider dich disputie- 
ren lassen mit brennenden Reisern unter deine Blößen, 
dann aber den leibhaftigen Teufel aus der Hölle mit 
brennendem Pech, Schwefel und Teer, ei, seht doch. 

Jacob: Mitnichten, denn Paulus schreibt, 2 Kor 5: 
Wenn unser irdisches Haus dieser Hütte zerbrochen 
wird, so wissen wir, daß wir einen Bau haben, von 
Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, 
sondern das ewig ist im Himmel. 

Bruder Cornelius: Ei, fort in die Hölle, in die Hölle, 
und erwarte nichts anderes, als durch dies zeitliche 
Feuer ins ewige Feuer zu fahren; ja, die Hölle gafft 
und schnappt nach deiner Seele, du vermaledeiter 
und verdammter Widertäufer, der du bist. 

Disputation zwischen Hermann Blekwyk, 
gefangen von den Herren des Landes von der Brye 
in Brügge, und dem Bruder Cornelius, in 
Gegenwart Mr. Jan vDam, den 10. Mai 1569. 

Bruder Cornelius: Ich sollte wohl sagen, guten Tag 
Hermann; aber ich bin noch gestern über euren ver- 
fluchten und vermaledeiten Heckenprediger oder 
Lehrer erzürnt und entrüstet, der dich und die andern 
Wiedertäufer draußen in dem schändlichen Grützh- 
ausbusche durch seine verdammlichen, höllischen, 
wiedertäuferischen Ketzereien so feindselig verführt, 
betrogen, rasend und teuflisch gemacht und bezau- 
bert hat. 

Darum muss ich mm hierherkommen, zu versu- 
chen, ob ich dich von deiner Wiedertäuferei wieder 
abziehen und zu unserm katholischen christlichen 


Glauben bekehren könne. Wohlan, hast du Lust dazu 
oder nicht; so laß hören. 

Hermann: Es kommt mir aus deinen Reden so vor, 
als ob du zornig seiest, und wenn du mir es nicht 
selbst gesagt hättest, so hätte ich gemeint, du hättest 
mich erschrecken wollen; aber warum bist du doch 
über den freundlichen und liebreichen Mann, von 
welchem ich glaube, daß er dir kein böses Wort gesagt 
hat, so entrüstet und ergrimmt? 

Bruder Cornelius: Er papistete mich gleichwohl ein- 
oder zweimal; zwar gebe ich darum nicht einen Deut, 
aber ich bin sehr entrüstet, weil er sich von seiner 
verdammten Wiedertäuferei und allen andern ver- 
fluchten Ketzereien keineswegs hat bekehren lassen 
wollen, während ich doch so viele vergebliche Mühe 
angewandt habe; ja, das Verdrießlichste von allem ist, 
daß ich ihm seinen bösen, argen, falschen und ket- 
zerischen Glauben so klar erwiesen und ihn davon 
überzeugt habe, wie die guten Herren gehört, und 
dennoch hat alles nichts geholfen, wiewohl er sich ins 
Unglück stürzt. 

Hermann: Ich denke, daß er dir doch mit der Heili- 
gen Schrift bewiesen hat, daß er an Jesum Christum, 
den Sohn des lebendigen Gottes, glaube; womit hast 
du es ihm dartun können, daß sein Glaube gottlos, 
böse, falsch und ketzerisch sei, wie du sagst? 

Bruder Cornelius: Pfui, ei leider! So höre ich denn 
schon an deiner Antwort, daß ich mit deiner Bekeh- 
rung auch keine Ehre erjagen werde. Aber dünkt es 
dich denn genug zu sein, allein an Jesum Christum zu 
glauben, denn alle Teufel aus der Hölle glauben auch 
an Jesum Christum; ei, sieh doch einmal, womit man 
uns quält. Du musst ja auch, bei Verlust deiner See- 
le, an alle anderen Artikel des christlichen Glaubens 
und die guten, heiligen Satzungen unserer Mutter, 
der heiligen römischen Kirche, glauben, welche un- 
sere heiligen Väter, die Päpste, in allen allgemeinen 
heiligen Konsilien beschlossen und verordnet haben, 
daß man daran glauben und sie beobachten soll; aber 
ihr Wiedertäufer glaubt und haltet doch nichts, es sei 
denn, daß es klar in der Heiligen Schrift steht, denn 
wenn einige Dinge in Heiliger Schrift etwas dunkel 
euch Vorkommen, so wollt ihr dieselben keineswegs 
glauben, z. B. wenn in Heiliger Schrift von dem Ge- 
bete zur Erquickung und Erlösung der Seelen, die im 
Fegfeuer sind, die Rede ist, oder was von den sieben 
Sakramenten, von der Priestermacht, von der Trans- 
substantiation oder Veränderung des Brotes und Wei- 
nes in das wahre Fleisch und Blut Jesu Christi in dem 
Sakrament des Altars gesagt wird, oder was darin von 
der ewigen jungfräulichen Reinigung Maria, der ge- 
benedeiten Mutter Gottes verhandelt wird; nein, und 
noch sehr viele andere heiligen Artikel willst du nicht 



475 


glauben; ja, was noch abscheulicher ist, die würdige 
und gebenedeite Mutter Gottes, die du verpflichtet 
und schuldig bist zu ehren, ihr zu dienen, sie anzu- 
rufen und zu bitten, daß sie ihren lieben Sohn für 
dich bitte, ja, die achtet ihr Wiedertäufer nicht besser 
als eure unflätigen und besudelten sündhaften Wei- 
ber. Auf solche Weise verachtet und verschmäht ihr 
auch alle Heiligen beiderlei Geschlechtes, die ihr doch 
ehren, ihnen fasten, sie feiern, sie anrufen und anbe- 
ten solltet, daß sie das Advokaten- oder Mittleramt 
zwischen euch und Gott vertreten und für euch bit- 
tet wollen; ei, ist das nicht brav? Aber du schweigst; 
antworte mir, warum ihr Sektierer wider die werte, 
gebenedeite Mutter Gottes und die Heiligen Gottes 
solche Feindschaft hegt; wohlan, laß hören! 

Hermann: Daß wir Maria, der Mutter Jesu Christi, 
und die Heiligen Gottes hassen sollten, das sei ferne 
von uns; daß wir aber sie nicht anrufen und bitten, 
daß sie zwischen Gott und uns das Mittler- oder Advo- 
katenamt vertreten wolle, das geschieht darum, weil 
Johannes in seinem zweiten Briefe, Kap 2 sagt: Und 
wenn jemand sündigt, so haben wir einen Fürspre- 
cher bei dem Vater, Jesum Christum, der gerecht ist, 
und derselbe ist die Versöhnung für unsere Sünden, 
und nicht allein für unsere, sondern auch für der gan- 
zen Welt Sünden. Dergleichen schreibt auch Paulus 
an Timotheus, Brief 1, Kap 2: Es ist ein Gott und ein 
Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich 
der Mensch Jesus Christus, der sich selbst gegeben 
hat für alle zur Erlösung; ebendasselbe führt er auch 
an, Hebr 9. Aber wir hassen unsere Feinde nicht, wie 
sollten wir denn die Heiligen Gottes hassen, die doch 
unsere Mitbrüder und Schwestern in dem Herrn sind? 

Bruder Cornelius: Ei, ist das wahr? Sind sie eure 
Mitbrüder und Schwestern in dem Herrn! Warum seid 
ihr ihnen denn so feind und aussätzig, daß ihr ihre Re- 
liquien oder Gebeine habt verbrennen und vernichten 
helfen, und ihre Bilder in Stücke zerschlagen habt, wo 
ihr sie habt bekommen oder erwischen können; ist das 
nicht eine schöne Bruderschaft und Schwesternschaft. 
Ihr vermaledeiten Wiedertäufer, die ihr seid! 

Hermann: Wir haben mit euren Sachen nichts zu 
schaffen; würdet ihr uns in unserem Glauben und 
Handel und Wandel in Ruhe lassen, wie wir euch in 
eurer Religion, und wie wir auch eure Bilder, Reliqui- 
en oder Totenbeine zufrieden lassen, ihr würdet euch 
an unserem Blute nicht verunreinigen, noch euch des- 
sen schuldig machen; aber ihr Kainsgeschlecht tötet 
zuerst die Heiligen Gottes, dann erhebt und verehrt 
ihr sie mit Fasten und Feiern, und richtet ihnen ab- 
göttische Bilder auf, welche sie doch selbst verachtet, 
verschmäht und verworfen haben; verehrt auch ihre 
Gebeine, wie Christus sagt, Lk 11: Wehe euch, denn ihr 


baut der Propheten Gräber; eure Väter aber haben sie 
getötet; so bezeugt ihr zwar und bewilligt in eurer Vä- 
ter Werk, denn sie töteten sie, so baut ihr ihre Gräber. 
Darum spricht die Weisheit Gottes: Ich will Propheten 
und Apostel zu ihnen senden, und sie werden einige 
derselben töten und verfolgen, damit von diesem Ge- 
schlechte aller Propheten Blut gefordert werde, das 
vergossen ist, von Abels Blut an Mt 23. 

Bruder Cornelius: Ei, ei! Ihr verdammten, vermale- 
deiten Wiedertäufer! Wollt ihr euch mit den Prophe- 
ten, Aposteln und Gottes heiligen Märtyrern, Päpsten 
und Priestern vergleichen, deren Blut um des katholi- 
schen christlichen Glaubens willen vergossen worden 
ist, gegen welche ihr Wiedertäufer doch eine solche 
Feindschaft tragt, daß ihr auch dadurch das Sakra- 
ment des Priesteramts schändet, und nicht allein die 
sechs übrigen Sakramente und alle unsere christli- 
chen Zeremonien und Gottesdienste verwerft, son- 
dern auch alle Artikel des christlichen katholischen 
Glaubens, wie ich gesagt habe; und darum werdet ihr 
getötet, versteht du das wohl, du grober, unverständi- 
ger, plumper Wiedertäufer, der du bist? 

Hermann: Wie grob, plump und unverständig ich 
auch bin, so weiß ich doch wohl, daß ihr uns um des- 
willen tötet, weil wir solche päpstlichen, römischen 
Kirchenartikel, von denen du einen Teil genannt hast, 
weder glauben, noch halten, ihr aber meint Gott da- 
mit einen Dienst zu tun, daß ihr uns darum tötet, wie 
Christus, Joh 16, sagt: Sie werden euch in den Bann 
tun, aber die Zeit kommt, daß, wer euch tötet, meinen 
wird, er tue Gott einen Dienst daran, und solches wer- 
den sie euch darum tun, weil sie weder meinen Vater, 
noch mich kennen. 

Bruder Cornelius: Ei, du bezauberter und von dem 
Teufel besessener Wiedertäufer! Willst du dieses auf 
euch beziehen? Solltest du uns Priestern und den Ka- 
tholischen solche Dinge vorwerfen und weisen? Viel- 
leicht möchtest du auch sagen, daß wir Priester weder 
Gott, noch seinen Sohn Jesum Christum kennen? Aber 
ei, wer kennt doch Gott und Jesum Christum besser, 
als wir katholischen Priester? Darum ist dieses von 
den jüdischen Priestern, wie auch von den Wiedertäu- 
fern, Calvinischen, Lutheranern und von allen andern 
Ketzern geredet, die uns Priester in Frankreich, Spa- 
nien, in diesen Landen und anderswo so tyrannisch 
verfolgen, ängstigen und martern, weil wir die rechte 
Erkenntnis Gottes und Christi haben. 

Hermann: Es ist zu befürchten, daß euch Christus 
nicht kennen wird, obgleich ihr meint, ihn sehr wohl 
zu kennen, indem ihr ja so mancherlei verschiede- 
ne Orden und Regeln unter euch habt. Du bist ein 
Franziskaner, ein anderer ein Augustiner, dritter ein 
Karmelit, ein vierter ein Benediktiner, Jakobiner oder 



476 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Dominikaner, und so seid ihr in unzählbare Orden 
und Sekten zerteilt, worunter eine jede ihre besonde- 
ren Regeln und Zeremonien hat, wonach sie leben 
muss, von welchem allem man nicht ein Wort in der 
Lehre Christi findet; wie sollte er euch nun kennen? 

Bruder Cornelius: Ei, ist das wahr, du höllischer 
und teuflischer Wiedertäufer? Obgleich wir solch ver- 
schiedene Orden, Regeln und Zeremonien unter uns 
haben, so sind wir Ordensleute doch alle unter einem 
Sakramente des Priesteramtes begriffen. 

Hermann: Dein Sakrament und Priesteramt ist ein 
bloßer Artikel, wie alle eure anderen Glaubensartikel, 
von denen man in Heiliger Schrift nichts geschrieben 
findet; darum habe ich weder Kenntnis davon, noch 
Glauben daran. 

Bruder Cornelius: Ei, du verfluchter Wiedertäufer! 
So antworte mir denn, warum Gott der Vater uns, die 
wir seine Priester sind, nicht sollte kennen wollen, 
denn wir opfern ihm doch täglich in der Messe seinen 
Sohn Jesum Christum in Fleisch und Blut auf. Wen 
sollten sie beide doch besser kennen, als uns, ihre 
Priester? Was willst du nun hierüber sagen? 

Hermann: Wie soll ich dir das Geheimnis der Messe 
offenbaren, da ich doch das Geheimnis der Messe 
selbst nicht kenne; aber du kennst es sehr gut. 

Bruder Cornelius: Ist es wahr, daß ihr das Geheim- 
nis der Messe nicht versteht, woher kommt es denn, 
daß ihr Ketzer euch unterwindet, ein solches vermale- 
deites Buch über das Todbette der Messe zu schreiben, 
worin steht, daß die Messe gleichsam an einem faulen, 
eiternden Geschwüre krank darniederliege, das sie 
an ihrem Kanon hat, woran sie sterben muss? Weißt 
du, verfluchter Ketzer, noch nicht das Geheimnis der 
Messe, wie du es nennst? Aber daß dich der Teufel 
schände samt dem Todbette der Messe, du verdamm- 
ter Wiedertäufer, der du bist. 

Hermann: Wir haben das Büchlein von dem Todbet- 
te der Messe nicht geschrieben, und warum nimmst 
du es so übel auf, daß ich von dem Geheimnisse der 
Messe rede; es ist doch auch unter den Papisten ein 
allgemeiner Gebrauch, daß sie, wenn man nach etwas 
fragt, das sie verschweigen wollen, darauf antworten: 
Ich darf das Geheimnis der Messe nicht verraten. 

Bruder Cornelius: Ei, der Teufel und seine Mutter 
haben dies Sprichwort unter die Weltleute gebracht; 
ei, ich wollte, daß alle, die so sprechen, durch die Erde 
in den Abgrund der Hölle versinken müssten; ja, das 
wollte ich. 

Notarius: Ei, Pater Cornelius, das Volk meint nichts 
Arges mit diesen Reden; ich habe es auch bisweilen 
Priester sagen hören, und daß ich die Wahrheit sa- 
ge, ich habe es oft selbst ohne Arg und Nachdenken 
gesagt. 


Bruder Cornelius: Nun, wohlan, hiervon ist genug; 
aber, du Wiedertäufer, antworte mir, ob du glaubst, 
daß das wahre Fleisch und Blut Christi Jesu in der 
Messe von uns Priestern aufgeopfert werde; wohlan, 
laß hören. 

Hermann: Du solltest mich allerdings nach Sachen 
fragen, die in der Heiligen Schrift stehen, denn ich 
habe in eurem Glauben und eurer Religion nicht stu- 
diert. 

Bruder Cornelius: Ja, ist das wahr, du unsinniger 
verteufelter Wiedertäufer? Willst du nur nach Sachen 
gefragt sein, die klar in der Heiligen Schrift stehen? 
Aber nun will ich dich auch rechtschaffen nach Sa- 
chen fragen, die klar und ausdrücklich in der Heiligen 
Schrift stehen. Ich habe ja gehört, daß ihr große Kin- 
der im Hause herumlaufen habt, die noch ungetauft 
sind, während doch Christus zu Nikodemus, Joli 3, 
sagt: Wahrlich, wahrlich, es sei denn, daß jemand wie- 
dergeboren werde, aus Wasser und Geist, so kann er 
nicht in das Reich Gottes kommen; ist nun das nicht 
eine Sache, die in der Heiligen Schrift vorkommt? 

Hermann: Als die Apostel nach Christi Befehl, 
Mt 28, hingingen und lehrten alle Völker an Jesum 
Christum glauben, ehe sie dieselben tauften, liefen 
denn damals, die im Glauben unterrichtet wurden, 
nicht auch zu der Zeit, wo sie nicht gelehrt wurden, 
im Hause ungetauft herum? 

Bruder Cornelius: Wenn aber eure Kinder inzwi- 
schen sterben sollten, ich denke, sollten sie nicht zum 
Teufel in die Hölle fahren? 

Hermann: Mitnichten. Ebenso wenig als die Kinder, 
oder diejenigen, die zur Zeit der Apostel im Glauben 
unterrichtet wurden. 

Bruder Cornelius: Ei, das war ja eine andere Sache; 
die Kinder waren beschnitten, und dadurch waren sie 
selig, wenn sie auch ohne Taufe starben; jetzt bist du 
in die Enge getrieben und wirst in Gefahr laufen; ja, 
ja, ja. 

Hermann: Die Kinder waren nicht alle beschnit- 
ten, denn der Glaube an Jesum Christum wurde auch 
unter den unbeschnittenen Heiden gelehrt und gepre- 
digt; nun bin ich wieder entwischt. 

Bruder Cornelius: Ei, ist das wahr? Aber ich will 
dich doch wieder fangen, denn wie die Kinder der 
unbeschnittenen Heiden, die ohne Taufe starben, zum 
Teufel fuhren, so fahren eure Kinder, die ohne Taufe 
sterben, auch in die ewige Verdammnis, verstehst du 
das wohl? 

Hermann: Unsere Kinder, die vor der Taufe sterben, 
fahren ebenso wenig in die ewige Verdammnis als 
die Kinder des alten Testamentes, die vor dem achten 
Tage unbeschnitten starben. 



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Bruder Cornelius: Ei, meinst du denn, daß die Kin- 
der des alten Testamentes, die vor dem achten Tage 
unbeschnitten starben, selig seien? Ei, das wäre ja et- 
was braves. 

Hermann: Ja, so halten wir dafür, ohne daran zu 
zweifeln, und ich wundere mich, daß ich dich daran 
zweifeln höre. 

Bruder Cornelius: Wo bleibt ihr denn mit der Erb- 
sünde, welche die Kinder von Adam und Eva erer- 
ben? 

Hermann: Wo bleibt ihr denn mit dem Tode Christi? 
Denn Johannes der Täufer sagte: Siehe, das ist Gottes 
Lamm, welches der Welt Sünde trägt, Joh 1 . 

Bruder Cornelius: Trägt Christus alle Sünden der 
Welt hinweg, wie ihr Wiedertäufer versteht, meint 
und glaubt, wer sollte dann wohl verdammt sein, nie- 
mand, denke ich? 

Hermann: Christus sagt, Mk 16: Wer nicht glaubt, 
wird verdammt werden, aber er sagt an keiner Stel- 
le: Wer nicht getauft ist, wird verdammt werden; ich 
meine in der Kindheit. 

Bruder Cornelius: Daran lügst du mit deinem 
falschen, schändlichen und lügenhaften Maule; denn 
habe ich dir nicht gesagt, daß Joh 3 steht, daß Christus 
zu Nikodemus gesagt hat: Wahrlich, wahrlich, es sei 
denn, daß jemand wiedergeboren werde aus Wasser 
und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kom- 
men. Nun da habe ich dich ja in die Enge getrieben, 
ist dem nicht so? 

Hermann: Mitnichten. Denn Christus redet dort 
von keiner auswendigen Taufe, auch meint er die Tau- 
fe nicht, sondern er redet von der Wiedergeburt, wel- 
che durch den Geist Gottes geschieht, welcher auch 
bisweilen in der Heiligen Schrift ein Wasser genannt 
wird, denn so spricht der Herr durch den Propheten 
Jes 44: Ich will Wasser auf die Durstigen gießen und 
Ströme auf die Dürre; ich will meinen Geist auf deinen 
Samen gießen; ferner, durch den Propheten Hesekiel, 
Kap 36: Ich will reines Wasser über euch sprengen, 
daß ihr von aller eurer Unreinigkeit rein werdet und 
von allen euren Götzen will ich euch reinigen, und ich 
will euch ein neues Herz und einen neuen Geist geben. 
Ferner, Kap 39, spricht der Herr durch Hesekiel: Ich 
habe meinen Geist über das Haus Israel ausgegossen; 
ferner durch den Propheten Joel 3: Alsdann will ich 
meinen Geist über alles Fleisch ausgießen. 

Bruder Cornelius: Ja, das alles geschieht durch das 
Sakrament der Taufe, wenn man die Kinder tauft, 
denn da wird der Teufel durch des Priesters Beschwö- 
rungen ausgetrieben, und sie werden von der Erbsün- 
de gereinigt, die sie von Adam und Eva empfangen 
haben, dann erlangen sie ein neues Herz und einen 
neuen Geist. Also gießt Gott seinen Geist über alles 


Fleisch aus; das wirst du mir nicht aus der Hand spie- 
len, nun habe ich dich erwischt, du wirst auch wohl 
in der Enge bleiben. 

Hermann: Ich sage dir noch einmal, daß Christus 
solche Wiedergeburt versteht, als er zu Nikodemus 
redete, welche weder die auswendige Taufe, noch die 
Kinder etwas angeht, sondern die Rechtgläubigen in 
Christo, die nach dem Willen Gottes durch das Wort 
der Wahrheit geboren sind, wie Jakobus, Kap 1, sagt; 
ferner, Petrus, Brief 1, Kap 1: Habt euch unter einander 
brünstig lieb aus reinem Herzen, als die da wieder- 
geboren sind, nicht aus vergänglichem, sondern aus 
unvergänglichem Samen, nämlich aus dem lebendi- 
gen Worte Gottes. Dergleichen Schriftstellen finden 
sich noch mehr, welche weder die unverständigen 
Kinder, noch die auswendige Taufe betreffen. 

Bruder Cornelius: Wenn denn nun die Wiederge- 
burt aus dem Wasser und Geiste die Kinder nicht be- 
trifft, so müssen sie ja geradeswegs zum Teufel fahren, 
denn ihr bekennt ja selbst, daß wer nicht glaubt, soll 
verdammt werden; nun aber glauben die Kinder ja 
nicht, wie du auch sagst. Wenn sie nun noch überdies 
ungetauft bleiben und in diesem Zustande sterben, so 
müssen sie ja verdammt sein, denn wodurch sollten 
sie denn anders zur Seligkeit gelangen? 

Hermann: Durch den Tod Christi, wie ich dir gesagt 
habe; überdies sagt auch Christus, Mt 5; 18 und 19, 
daß solcher das Himmelreich sei. 

Bruder Cornelius: Ja, das sind eben dieselben 
Schlussreden, womit mir gestern euer Heckenpredi- 
ger auch die Blase brach. 

Was nützt doch alles Disputieren und Nachgrübeln? 
Willst du dich bekehren lassen, so musst du dir sagen 
und dich unterweisen lassen und zu dem katholischen 
christlichen Glauben unserer Mutter, der heiligen rö- 
mischen Kirche, und zu ihrer Taufe und Religion brin- 
gen lassen. Was willst du dich nun so sehr auf die Ket- 
zereien des verdammten Hauptketzers Menno Simon 
verlassen und an diesem bezauberten Heckenpredi- 
ger so fest halten? Ei, warum glaubst du mir nicht 
ebenso gut, als diesem Menno Simon? Ich bin ebenso 
gelehrt und habe ebenso viel gelesen, als er, und ge- 
wiss viel mehr, als dieser lumpige Dreckbischof Jakob 
der Weber, und als Dierik Philipps oder Ubo Frisius, 
und was dergleichen Teufelsbrut mehr ist. 

Hermann: Ich verlasse mich (oder baue) weder auf 
Menno Simon, noch auf irgendeinen Menschen, denn 
der Prophet Jeremia sagt: So spricht der Herr: Ver- 
flucht ist der Mann, der sich auf Menschen verlässt. 

Bruder Cornelius: Das ist wahr, du hast sehr gut ge- 
redet. Wenn du anfängst, so zu sprechen, so habe ich 
gute Hoffnung, dich mit der Hilfe Gottes von dieser 
schändlichen Wiedertäuferei zu bekehren. So will ich 



478 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


dich denn zunächst dazu bringen, daß du von dersel- 
ben abfallest, und deine ungetauften Kinder in der 
katholischen Kirche von einem Priester taufen lassest, 
wie einem guten Christenmanne zukommt. Da hast 
du es denn; ei, Hermann, was denkst du davon? 

Hermann: Mich dünkt nicht, daß du der Mann sei- 
est, der mich zu deiner Mutter, der römischen Kirche, 
bekehren, oder dazu bringen wird, daß ich meine un- 
getauften Kinder in der papistischen Kirche taufen 
lasse. 

Bruder Cornelius: Ei, ei, wie redest du nun wieder 
so; was tausend Teufel (Gott segne uns) treibt dich da- 
zu. Es scheint, daß er weder auf Menno Simon, noch 
auf irgendeinen andern Menschen mehr vertrauen 
will, denn wenn ich ihn mit Güte und Freundlichkeit 
ermahne, von der Wiedertäuferei abzustehen, und 
seine ungetauften Kinder in der katholischen Kirche 
taufen zu lassen, so dreht er sogleich den Rücken um, 
ist das nicht schön? Wirst du dich nicht bekehren, und 
deine ungetauften Kinder nach katholischer Weise in 
unserer Kirche taufen lassen, so kann man dich auch 
wohl lebendig an einem Pfahle verbrennen; ja, sieh 
doch. 

Hermann: Das könntet ihr Papisten dennoch tun, 
wenn ich auch von meinem Glauben abfiele und mei- 
ne ungetauften Kinder in eurer Kirche taufen ließe. 

Bruder Cornelius: Ja wohl, wir könnten, aber man 
würde dir alsdann das Schwert geben; willst du dich 
nun gutwillig bekehren lassen, so will ich dir des 
Schwertes wegen Versicherung geben. 

Hermann: Warum sollte man mir ein Schwert ge- 
ben? Es wäre mir ja nichts nütze, denn wir brauchen 
keine Schwerter. 

Bruder Cornelius: Ei, ei, du verstehst mich wohl, 
was ich damit meine; du sollst alsdann nur mit dem 
Schwerte enthauptet werden. 

Hermann: Wenn ich nun wahrhaftig und ohne Heu- 
chelei bekannt, daß ich im Glauben geirrt hätte, und 
meine ungetauften Kinder in eurer Kirche taufen lie- 
ße, würde ich dann nicht, nach deiner Meinung, ein 
guter, aufrichtiger Christenmensch sein? 

Bruder Cornelius: Ach, Jesus! Ja Hermann, warum 
nicht? Ja, gewiss, Hermann, solch ein guter Christ, als 
jemand sein kann. Das höre ich gern. 

Hermann: Solltet ihr Papisten aber euch keine Sün- 
de daraus machen, eines solchen guten aufrichtigen 
Christenmensch Blut zu vergießen? 

Bruder Cornelius: Ei, ei, ist es nichts anderes als 
dieses? Du müsstest ja doch sterben, weil du von dem 
katholischen christlichen Glauben abgefallen bist und 
dich hast wiedertaufen lassen; prüfe es einmal. 

Hermann: Der Hirt von den hundert Schafen, wo- 
von Christus, Lk 15, sagt, stach doch dem verlorenen 


oder verirrten Schafe die Kehle nicht ab, als er es wie- 
derfand, sondern er legte es auf seine Schultern und 
trug es mit Freuden nachhause. 

Bruder Cornelius: Was nützt doch alles dies Rasen 
und Schwatzen, willst du dich bekehren, so bekehre 
dich und komme. Ei, was soll ich hierzu sagen? Ich 
sollte je eher den Teufel aus der Hölle und seine Mut- 
ter bekehren, als einen von diesen verstockten und 
verhärteten Wiedertäufern, das schwöre ich. 

Hermann: Darum habe ich gesagt, daß du der Mann 
nicht seiest, der mir aus der Heiligen Schrift beweisen 
kann, daß mein Glaube und meine Taufe, die ich auf 
mein Glaubensbekenntnis an Jesum Christum emp- 
fangen habe, böse sei; wie sollte ich mich denn davon 
bekehren können? 

Bruder Cornelius: Ja, ist es wahr? Aber welcher Teu- 
fel aus der Hölle macht dich so frech, daß du dich 
wiedertaufen lässt, der du doch einmal getauft wor- 
den bist; aber beweise mir einmal aus der Heiligen 
Schrift, daß sich ein Christenmensch, der einmal ge- 
tauft worden ist, wiedertaufen lassen soll; ich will 
meinen Hals zum Pfände setzen, daß du mir solches 
mit der Heiligen Schrift nicht beweisen kannst; ja sieh. 

Hermann: Armer Bruder Cornelius, du hast bereits 
deinen Hals verspielt, denn im 19. Kapitel der Apo- 
stelgeschichte steht: Es geschah, als Apollo zu Korinth 
war, daß Paulus die oberen Länder durchwanderte 
und nach Ephesus kam, wo er einige Jünger fand, zu 
denen er sprach: Habt ihr den Heiligen Geist empfan- 
gen, als ihr gläubig geworden seid? Sie antworteten: 
Wir haben noch nicht gehört, ob ein Heiliger Geist sei. 
Paulus sprach zu ihnen: Worauf seid ihr denn getauft? 
Sie antworteten: Auf Johannes Taufe. Paulus sprach: 
Johannes hat mit der Taufe zur Buße getauft und sagte 
zum Volke, daß sie an den glauben sollten, der nach 
ihm kommen würde, das ist, an Jesum, daß er der 
Christ sei. Da sie das hörten, ließen sie sich auf den 
Namen des Herrn Jesu taufen; nun, wohlan, du armer 
Bruder Cornelius, gib deinen Hals her. 

Bruder Cornelius: Ja, holla, wären sie recht getauft 
gewesen, Paulus hätte sie nicht wiedertaufen lassen. 
Ich habe meinen Hals noch nicht verspielt. 

Hermann: Wohlan denn, eben dasselbe antworte 
ich auch; wäre ich recht getauft gewesen, ich hätte 
mich nicht wieder taufen lassen; aber nun hörst du 
es, daß du mich so oft mit Unrecht einen verfluchten 
vermaledeiten Wiedertäufer gescholten hast. 

Bruder Cornelius: Aber du warst ja sehr wohl ge- 
tauft, denn der Priester hatte dich im Namen des Va- 
ters, des Sohnes und des Heiligen Geistes getauft. Dar- 
auf hast du dich nachher innerhalb sechs oder sieben 
Jahren noch einmal taufen lassen, bist du nicht ein 
verfluchter, verdammter und vermaledeiter Wieder- 



479 


täufer? 

Herman: Ich war nicht auf meinen Glauben an Je- 
sum Christum, sondern in meinem Unglauben ge- 
tauft; als ich das hörte und verstand, ließ ich mich auf 
meinen Glauben taufen, wie Christus selbst, Mk 16, 
gesagt hat: Wer glaubt und getauft wird, soll selig 
werden; bin ich denn darum ein verdammter, verma- 
ledeiter und verfluchter Wiedertäufer? 

Bruder Cornelius: Ja, du bist und bleibst ein ver- 
dammter, vermaledeiter Wiedertäufer, wenn du dich 
nicht bekehrst, denn St. Paulus sagt ja, es sei nur ein 
Gott, ein Glaube, eine Taufe; ist es nun keine Wieder- 
täuferei, sich wiedertaufen zu lassen? 

Hermann: Darum werdet ihr Papisten nach euren 
eigenen Worten mit Recht von den Calvinischen be- 
schuldigt, daß ihr Wiedertäufer seid, weil ihr die Kin- 
der in euren Kirchen wiedergetauft habt, die draußen 
in ihrer Predigt einmal getauft waren. 

Bruder Cornelius: Ei, du plumper unverständiger 
Wiedertäufer! Die Kinder waren ja nicht recht getauft; 
so weißt du auch selbst aus den Geschichten der Apo- 
stel, Kap 19, daß Paulus diejenigen hat wiedertaufen 
lassen, die auf Johannes Taufe verkehrt getauft wa- 
ren. Sollten wir Katholischen denn nun Wiedertäufer 
sein? Einen Dreck in dein Maul. Aber was soll ich 
sagen? Macht man jetzt nicht ein rechtes Narrenwerk 
aus dem Sakramente der Taufe? Ei, seht doch, wo- 
mit wir geplagt und gequält sein müssen! Willst du 
verfluchter Wiedertäufer nun auch uns Katholische 
Wiedertäufer schelten? Nun laufe in die Hölle. 

Hermann: Ich mache dich nicht zum Wiedertäufer, 
sondern ich sage nur, daß die Calvinischen euch Wie- 
dertäufer schelten, weil ihr ihre Kinder wiedertauft, 
die sie schon einmal haben taufen lassen. 

Bruder Cornelius: Ei, ich frage ja den Teufel nach 
der Calvinischen Taufe und nach eurer Wiedertäufe- 
rei. 

Hermann: Unsere Taufe geschieht gleichwohl nach 
der Einsetzung Christi, denn in unserer Gemeinschaft 
tauft man die Gläubigen, aber ihr tauft die Ungläubi- 
gen. 

Bruder Cornelius: Ja, die Paten und Dötchen glau- 
ben statt der Kinder, bis sie groß genug sind, selbst zu 
glauben; verstehst du das wohl? 

Hermann: Nein, denn von diesen Paten und Döt- 
chen finde ich in der Heiligen Schrift nichts, auch das 
nicht, daß ein Mensch um eines andern willen glaubt. 

Bruder Cornelius: Ei, jetzt habe ich dich recht in 
die Enge getrieben, denn St. Lukas sagt ja, Kap 5, daß 
Christus den Glauben der Träger angesehen, die den 
gichtbrüchigen Menschen von oben durchs Dach mit 
dem Bette hinabließen, und daß er ihn um deswillen 
gesund gemacht und ihm seine Sünden vergeben ha- 


be. Ei, da habe ich dich wieder erwischt; nun suche 
abermals einen Ausweg; da hast du eine Brille auf die 
Nase erhalten; hast du nicht. 

Hermann: Mitnichten; denn daraus mag man nicht 
schließen, daß der gichtbrüchige Mensch selbst nicht 
geglaubt habe, oder ohne Glauben gewesen sei, wie 
die Kinder sind, die ihr tauft. 

Bruder Cornelius: Ja die Altväter oder Lehrer unse- 
rer Mutter, der heiligen römisch-katholischen Kirche, 
lehren gleichwohl, daß die Träger des gichtbrüchigen 
Menschen die Paten und Dötchen bedeuten, welche 
die Kinder über die Taufe heben, und statt der Kinder 
glauben, bis sie ihrer vorgerückten Jahre wegen selbst 
glauben können; denn darum ist auch das Sakrament 
der Firmung eingeführt worden, um die Kinder, wenn 
sie in Folge ihres Alters selbst glauben können, an ihre 
Taufe zu erinnern. Ich könnte dir zwar solches aus den 
Altvätern zur Genüge beweisen, aber ihr Wiedertäu- 
fer wollt so fest allein auf der Heiligen Schrift stehen, 
daß ihr von den Altvätem oder Lehrern der heiligen 
Kirche nichts hören wollt, denn wie mir der Oberauf- 
seher der Augustiner gesagt hat, so kommt es euch so 
abscheulich und hässlich vor, wenn man euch etwas 
von St. Hieronymus, St. Ambrosius, St. Augustinus, 
St. Gregorius und einigen andern Altvätern sagt, als 
ob man euch etwas von dem leibhaftigen Teufel sagte; 
ei, das ist was Schönes. 

Hermann: Weil wir nun Christen sein wollen, so 
wollen wir nicht auf der Altväter Lehre achten, denn 
ihre Beschreibung handelt nur von der Papisterei, als 
von Paten, Dötchen, von dem Sakramente der Fir- 
mung und dem ganzen Papistenkram, welchem ihr 
folgt und unterhaltet. 

Bruder Cornelius: Ei, du verdammter und verfluch- 
ter Wiedertäufer! Nennst du das Sakrament der Fir- 
mung Papisterei? 

Hermann: Was ist es denn anderes? Denn ich habe 
in heiliger Schrift niemals etwas von dem Sakramente 
der Firmung gelesen. 

Br. Cornelius: Solltest du denn so unverständig, 
plump und grob sein, daß du es nicht verständest, 
wenn du davon liest, denn firmen ist so viel als Hän- 
de auflegen. Ei, sieh doch. 

Herman: Ei, will es so viel sagen, so vergib mir, 
daß ich um meines groben und dummen Verstandes 
willen solches schöne und hohe Latein nicht verstehe. 

Bruder Cornelius: Ei, hört doch nun! Sage ich denn, 
daß es Latein sei? 

Hermann: So wollte ich denn gerne wissen, aus 
welcher Sprache es wäre. 

Bruder Cornelius: Das weiß ich selbst nicht; aber 
wir Katholischen verstehen unter dem Worte Firmung 
das Sakrament der Bestätigung oder die Auflegung 



480 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


der Hände des Bischofs, wenn nämlich unsere Bischö- 
fe, oder Weihbischöfe, Erwachsene oder Kinder fir- 
men, wie auch die Apostel taten; aber das ist es, was 
ich sage, daß ihr Sektierer von vielen heiligen sakra- 
mentalischen Sachen in der Heiligen Schrift lest, die 
ihr doch nicht versteht, und darum versteht ihr auch 
unser Sakrament der Firmung nicht. 

Hermann: Wenn eure Bischöfe oder Weihbischofe 
mit solcher Firmung oder Auflegung der Hände den 
Kindern oder Erwachsenen den Heiligen Geist und 
die Gabe der Sprache und Weissagung geben könnten, 
wie es die Apostel taten, so würde ich eure Firmung 
sehr wohl verstehen und kennen. 

Bruder Cornelius: Ei, diese Wunderwerke muss- 
ten damals geschehen, damit die heute den Aposteln 
glauben möchten, denn sie waren doch ungläubig; 
verstehst du das nicht, du unverständiger Wiedertäu- 
fer? 

Hermann: Hätte euch Christus befohlen, solche Auf- 
legung der Hände nachzumachen, so würde er auch 
die Wunderwerke durch euch wirken. Wenn nun eure 
Bischöfe solche Wunder mit ihrer Firmung und durch 
Auflegung der Hände bewirken, so will ich euch auch 
glauben. 

Bruder Cornelius: Still, still, still! Das sind eben 
dieselben Schlüsse und Zänkereien, die euer verma- 
ledeiter Heckenprediger gestern auch wider das Sa- 
krament der Firmung und das Sakrament der Ölung 
vorgebracht hat, und obgleich Christus uns nicht be- 
fohlen hat, es nachzumachen, so haben es doch die 
Apostel uns befohlen; denn befiehlt nicht St. Jakob im 
5. Kap., daß, wenn jemand schwach oder krank wäre, 
man die Priester der Kirche holen lassen solle, damit 
sie über ihn bitten und ihn mit Öl salben. 

Hermann: Das Öl, wovon Jakobus schreibt, mag 
wohl ein anderes Öl sein, als euer Öl ist, denn mit 
jenem wurden die Kranken gesalbt, daß sie von ihrer 
Krankheit genesen möchten, worauf sie auch gesund 
wurden; aber ihr Papisten tut ja das Gegenteil, denn 
wenn ihr zuvor wüsstet, daß die Kranken gesund wer- 
den und nicht sterben würden, ihr würdet sie nicht 
mit Öl salben; aber ihr salbt nur solche Kranke mit Öl, 
von denen ihr meint, daß sie sterben werden. 

Bruder Cornelius: Wusste ich es nicht, meine Her- 
ren, daß er dergleichen auch Vorbringen würde, wie 
gestern euer Heckenprediger; ich wollte mit euch wet- 
ten, daß wenn ich ihm aus dem 5. Kap. St. Jakobus 
das Sakrament der Beichte beweisen wollte, er sagen 
würde, wie auch gestern sein Heckenprediger sagte, 
ich sollte meine Sünden auch vor ihm beichten. Ei, 
seht doch, womit wir gequält und geplagt sind! 

Hermann: Schien dir denn dies eine unerwartete 
Antwort von ihm zu sein? Gleichwohl steht geschrie- 


ben: Bekenne einer dem andern seine Sünden; aber 
wenn ihr Pfaffen alles von den Feuten wisst, was ihr 
zu wissen verlangt, so lasst ihr sie gehen, und beichtet 
denen nicht, die doch ihre Sünden euch bekannt, oder, 
wie ihr es nennt, gebeichtet haben. 

Bruder Cornelius: Ja, wir nennen es Beichte; es ist 
auch eine Beichte und wird trotz deines Maules eine 
Beichte bleiben. Wie fremd würde es aber aussehen, 
wenn wir Priester auch niederknien und den Welt- 
leuten beichten würden. Sollten sie auch wohl Macht 
haben, uns von den Sünden freizusprechen? Ei, wel- 
che fremde Freisprechung würde das sein; und wenn 
ich dir hier beichten würde, solltest du dich auch wohl 
der Macht anmaßen, mich von den Sünden zu entbin- 
den oder mir sie zu vergeben? 

Hermann: Eine solche Macht wie du hast, und al- 
le Pfaffen, die Sünden zu vergeben, haben alle Men- 
schen; denn Christus sagt, Mk 11: Vergebt, wenn ihr 
etwas wider jemanden habt, damit euer Vater im Him- 
mel euch eure Fehler vergebe; ferner Lk 6: Vergebt, 
dann wird euch vergeben. 

Bruder Cornelius: Ei, du verfluchter Widertäufer! 
Habt denn ihr Weltleute priesterliche Macht, die Sün- 
den in der Beichte zu vergeben? Diese Vergebung der 
Sünden, wovon Christus Mk 1 1 und Lk 6 sagt, geht we- 
der die Beichte noch den Ablass einen Dreck an; aber 
wir Priester haben in dem Sakramente der Beichte und 
des Ablasses noch eine besondere priesterliche Macht 
die Sünden zu vergeben und sie büßen zu machen. 

Hermann: Woher habt ihr Pfaffen mehr Macht, die 
Sünden zu vergeben, als wir, die ihr Weltleute nennt? 

Bruder Cornelius: Diese besondere Macht hat Chris- 
tus seinem Statthalter St. Peter übergeben; St. Peter 
aber hat sie seinen Statthaltern, den Päpsten, hinter- 
lassen; so teilen denn nun die Papste uns Priestern 
solche Macht mit, weil sie selbst nicht überall persön- 
lich Beichte hören und Ablass geben können. 

Hermann: Daß die Päpste, wie auch ihr Pfaffen, 
eine besondere Macht haben sollten, die Sünden zu 
vergeben und zu behalten, welche Christus Petrus 
gegeben hat, könnt ihr mit der heiligen Schrift nicht 
beweisen. 

Bruder Cornelius: Ist es wahr, du verfluchter Wie- 
dertäufer? Der Schinder wird es dir gut machen und 
ein gutes Feuer unter deinen Feib anzünden; ebenso 
werden es dir die leibhaftigen Teufel aus der Hölle 
noch wohl mit brennendem Pech, Schwefel und Teer 
im höllischen Feuer beweisen; das soll dir geschworen 
sein. 

Hermann: Ihr Papisten könnt euren Glauben, eure 
Fehre und Religion mit nichts besser beweisen, als 
mit dem Henker, Schwerte, Feuer, Stricke und Galgen, 
denn das sind die besten Zeugnisse oder Beweisgrün- 



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de, die ihr habt, und auf gleiche Weise haben eure 
Vorväter auch ihren Glauben und ihre Lehre an den 
Propheten Gottes, an Christo, seinen Aposteln und 
an den Heiligen Gottes von Abels Blut an bis hierher 
bezeugt und bewiesen. 

Bruder Cornelius: Ei, du höllischer, teuflischer, ver- 
dummter und vermaledeiter Wiedertäufer! Für was 
hältst du denn unsere heiligen Väter, die Päpste, und 
unsere Priester? Daß dich der Donner und Blitz er- 
schlage, verbrenne und zermalme! Ei, daß ich mich 
um solches verfluchten Wiedertäufers willen so erzür- 
ne, entrüste und beunruhige. 

Der Blutschreiber: Sachte, sachte, Vater Cornelius 
und Hermann; redet doch sanftmütiger miteinander. 

Bruder Cornelius: Jawohl! Seid sanftmütig gegen 
solche verteufelten und bezauberten Ketzer, die nichts 
hochachten. Aber lauft ihr Wiedertäufer denn ohne 
Beichte und Ablass zu eurem Nachtmahle? Ich denke 
wohl; denn ihr haltet es doch nur für einen Bissen 
schlechtes und gemeines Brot, und für ein Schlück- 
lein gemeinen und sauren Wein; aber wenn die we- 
sentliche Verwandlung in dem Sakramente des Altars 
bei dir Papisterei und Zauberei ist, so werden wir 
Priester alle von dir für Zauberer gehalten, weil wir 
das wahre Fleisch und Blut Christi in der Hostie und 
in dem Kelche beschwören und bezaubern, wie ihr 
Sakramentierer sagt, obgleich ihr euch dadurch ins 
Unglück stürzt. 

Hermann: Dergleichen Beichte, Ablass und Sakra- 
ment des Altares gebrauchen wir nicht in unserer Ge- 
meinde, sondern wir halten es mit solcher Vergebung 
der Sünden, die uns Christus befiehlt, Mk 11 und Lk 6, 
und mit solcher Brechung des Brotes und Austeilung 
des Kelches, wie er uns in seinem letzten Abendmahle 
zu seinem Gedächtnis zu tun befohlen hat. 

Bruder Cornelius: Ei, durch solche Vergebung der 
Sünden versteht Christus nichts anderes, als wenn 
dein Nächster an dir sich vergangen hat; aber ich frage 
nach solchen Sünden, die ihr wider Gott begangen 
habt, ob ihr mit diesen ohne Beichte und Ablass zu 
eurem Teufelsnachtmahle lauft? 

Hermann: Wir bitten, wie uns Christus, Mt 6, ge- 
lehrt hat: Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben 
unsern Schuldigem. So gebrauchen wir auch kein Teu- 
felsnachtmahl. 

Bruder Cornelius: Ei, euer Brotbrechen und eure 
Austeilung des Kelches ist des Teufels Nachtmahl, wo- 
von St. Paulus im 1. Briefe an die Korinther, Kap. 10, 
schreibt: Ihr könnt nicht des Herrn Kelch trinken und 
des Teufels Kelch; ihr könnt nicht teilhaftig werden 
des Herrn Tisches und des Teufels Tisches; aber der 
Kelch der Danksagung, womit wir danksagen (das 
ist zu verstehen: wir Katholischen), ist der nicht ei- 


ne Mitteilung des Blutes Christi? Das Brot, das wir 
brechen, ist das nicht eine Mitteilung des Leibes des 
Herrn? Aber ist euer Bissen Brot und euer Kelch mit 
einem Schlücklein versauerten Weins nicht ein Teu- 
felsnachtmahl? Denn ihr Sakramentierer segnet euren 
Kelch nicht, auch weiht ihr euer bisschen Brot nicht, 
sondern es ist Wein und Brot und bleibt Wein und 
Brot. Laß nun hören, ob du darauf etwas antworten 
kannst, was Gewicht hat. 

Hermann: Hierauf muss ich dich fragen, ob ihr 
selbst denn auch wohl glaubt, daß Christus in seinem 
letzten Abendmahle keinen andern Leib oder kein 
Fleisch und kein anderes Blut verstanden habe, als 
dasjenige, das zur Vergebung der Sünden am Kreuze 
zerbrochen und vergossen werden sollte. 

Bruder Cornelius: Ei, warum sollte ich das nicht 
glauben? Das ist ja ganz katholisch. 

Hermann: Wohlan, ich denke, du wirst nun selbst 
bekennen, daß das Brot, welches die Apostel in dem 
Abendmahl aßen, nicht gekreuzigt worden sei. 

Br. Cornelius: Ei, welche höllisch teuflische und 
ketzerische Frage ist das! Solche tiefe Frage habe ich 
niemals gehört; aber ich glaube und weiß wohl, daß 
die Apostel den Leib oder das Fleisch Jesu gegessen 
haben, welcher den folgenden Tag nach dem Abend- 
mahle gekreuzigt werden sollte. 

Hermann: Darum verstehst du armer Mensch nicht 
den Sinn und die Meinung Christi, welchen Paulus 
gleichwohl, IKor 10, sehr gut auslegt, indem er sagt: 
Seht an den Israel nach dem Fleische, welche die Op- 
fer essen, sind sie nicht in der Gemeinschaft des Al- 
tars? Also wenn wir das Brot essen und den Wein trin- 
ken, so werden wir des Leibes und des Blutes Christi 
teilhaftig. 

Br. Cornelius: Ei, du verfluchter Sakramentierer! 
Willst du nun Gottes Fleisch mit dem unsaubern 
Ochsen- oder schlechten Schaffleische und mit den 
garstigen stinkenden Böcken, auch anderen Tieren 
und Schindfleische vergleichen? Ja, einen Dreck in 
dein Maul, ei, pfui! Welche abscheuliche und schreck- 
liche Ketzerei ist dieses. 

Hermann: Du verstehst weder Paulus noch mich, 
denn meine Rede will so viel sagen, daß Paulus mit 
diesem Gleichnisse von den Opfern des Altars (wel- 
ches die Juden aßen und dabei der Vergebung der 
Sünden teilhaftig wurden), die Gemeinschaft oder 
Mitteilung des gebrochenen Brotes und des Kelches 
des Weines (welches wir zum Gedächtnisse des Lei- 
bes und Blutes Christi essen und trinken) vorstelle 
und auslege, daß wir auch durch den Leib und das 
Blut Christi, das er für der Welt Sünden aufgeopfert, 
der Abwaschung von Sünden teilhaftig werden. 

Bruder Cornelius: Ei, sieh doch, nun verstehe ich 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


deinen ketzerischen sakramentierischen Sinn klar ge- 
nug, daß du daraus nicht mehr machst, als ein Gleich- 
nis und Gedächtnis des Fleisches und Blutes Chris- 
ti. O verfluchter und vermaledeiter Wiedertäufer! Ei, 
warum sagt denn St. Paulus im 11. Kap. seines 1. Brie- 
fes an die Korinther: Welcher unwürdig von diesem 
Brote isst, oder von dem Kelche des Herrn trinkt, der 
ist an dem Leibe und Blute des Herrn schuldig; der 
Mensch prüfe sich aber selbst, und also esse er von 
diesem Brote und trinke von diesem Kelche, denn 
welcher unwürdig isst und trinkt, der isst und trinkt 
sich selbst das Gericht, darum, daß er den Leib des 
Herrn nicht unterscheidet. Antworte mir nun einmal 
darauf, du verdammter Sakramentierer, der du bist. 

Hermann: Im 10. Kapitel des 1. Briefes an die Ko- 
rinther schreibt Paulus: So sind wir viele ein Brot und 
ein Leib, weil wir alle eines Brotes teilhaftig sind; fer- 
ner im 12. Kap.: Wir sind alle Glieder eines Leibes. 
Sind wir nun Glieder eines Leibes, welche Christus 
durch seine Taufe und durch seinen Geist miteinan- 
der vereinigt hat, so kann auch kein auswendiges 
Zeichen passender sein, die Vereinigung in einen Leib 
vorzustellen und zu bedeuten, als daß wir in dem 
Brotbrechen alle eines Brotes teilhaftig werden, zum 
Zeichen, daß wir viele ein Leib und ein Brot seien. 
So verhält es sich auch mit dem Weine, denn gleich- 
wie viel Körnlein zusammen gemahlen, und zu einem 
Brote gemacht werden, so wird auch von viel Wein- 
trauben ein Trank gemacht. Darum prüfe ein jeder 
sich selbst, ob er auch der Gemeinschaft des Brotes 
und des Kelches des Herrn würdig sei, ob er seine 
Mitbrüder auch aus reinem Herzen liebe, denn wenn 
er seinen Bruder hasst und nicht liebt, und will sich 
gleichwohl des Brotes und des Kelches des Herrn teil- 
haftig machen, als ob er ein Glied Christi wäre, so 
wird er des Leibes und Blutes des Herrn schuldig 
sein, und wird sich selbst das Gericht essen, weil er 
nicht unterscheidet, daß der Leib des Herrn durch die 
Gemeinschaft oder Mitteilung vorgestellt und ange- 
wiesen wird, und daß wir Glieder eines Leibes sind, 
worin uns Christus vereinigt hat. 

Bruder Cornelius: Ja, still, still! Es scheint, als ob du 
auch eine Predigt im Grützhausbusche halten könn- 
test; ei, dies Volk weiß nichts anderes zu tun als zu pre- 
digen; aber ei. Lieber! Du solltest mir lange predigen 
müssen, ehe ich glauben würde, daß ein Mensch an 
einem bisschen gemeinen Brotes und einem Schlück- 
lein Wein, womit ihr Sakramentierer den Leib und das 
Blut Christi nur vorstellen wollt, sich selbst das Ge- 
richt essen und trinken sollte; eher wollte ich glauben, 
daß Gott Henrich hieße. 

Hermann: War denn auch wohl mehr an den Op- 
fern der Juden von Schafen und Tauben gelegen, als 


an Brot und Wein, welche Zeichen des wahren Opfers 
sind, das Christus an seinem eigenen Fleische und 
Blute am Kreuze getan hat? Wenn nun die Juden nach 
Christi Befehl ihr Opfer vor dem Altäre niederlegen, 
und sich, ehe sie opferten, mit ihrem Bruder versöh- 
nen mussten, so sollte sich ein Christenmensch wohl 
prüfen, ehe er sich des Brotes und des Kelches des 
Herrn teilhaftig macht. 

Bruder Cornelius: Ei, was tausend Teufel! Gott seg- 
ne uns; sind denn Brot und Wein nur Zeichen des 
wahren Opfers des Fleisches und Blutes Christi am 
Kreuze? Warum sagt er denn Joli 6: Das Brot, das ich 
geben werde, ist mein Fleisch; ferner: Mein Fleisch ist 
die wahre Speise und mein Blut ist der wahre Trank; 
wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der wird 
in Ewigkeit leben? 

Hermann: Dieser Beweisgrund ist wider dich selbst; 
denn du willst sagen, daß das Brot und der Wein 
um deswillen der Leib und das Blut Christi seien, 
weil Paulus sagt, daß, wer unwürdig davon isst und 
trinkt, sich selbst das Gericht esse und trinke. Hier 
aber sagt Christus: Wer mein Fleisch isst und mein 
Blut trinkt, der wird in Ewigkeit leben. Wäre nun 
das Brot und der Wein (wovon Paulus schreibt) das 
Fleisch und Blut Christi, so könnte sich niemand das 
Gericht daran essen. 

Bruder Cornelius: Ei, dieser verdammte Sakramen- 
tierer wird uns jetzt plagen und über die Nase hauen, 
denke ich, mit allen diesen abscheulichen Gottesläs- 
terungen wider Gottes wahren Leib und Blut; aber 
der leibhaftige Teufel aus der Hölle sitzt in seinem 
verfluchten Maule. 

Hermann: Ich habe nicht ein Wort von Gottes Leib 
und Blut angeführt, wie sollte ich denn Gottesläste- 
rung dagegen geredet haben? 

Bruder Cornelius: Ei, du vermaledeiter Wiedertäu- 
fer und Sakramentierer! Ist nicht Christi Leib und Blut 
auch Gottes Leib und Blut; sind nicht Gott der Vater 
und Gottes Sohn ein Gott? Oder willst du zwei Göt- 
ter daraus machen? Bist du etwa auch ein Trinitarius, 
denke ich? 

Hermann: Gleichwohl hast du gesagt, als du von 
der Messe disputieren wolltest, daß ihr Priester Gott 
seinen Sohn Jesum Christum täglich in der Messe auf- 
opfert, folglich machst du einen Unterschied zwischen 
Gott und seines Sohnes Leib, welchen du nun Gottes 
Fleisch und Leib nennen willst. 

Bruder Cornelius: Ei, der Teufel und seine Mutter 
spielen mit deinem Munde. Du solltest mir nun gern 
in mein Netz beißen, solltest du nicht? Ei, du arger, 
schändlicher, falscher durchtriebener Wiedertäufer 
und Sakramentierer, ja, auch Trinitarius, weil du so 
schändlich von der heiligen Dreieinigkeit redest; aber 



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glaubst du denn nicht, daß Christus die zweite Person 
in der Gottheit und heiligen Dreifaltigkeit sei, wie- 
wohl man aus deinen Reden das Gegenteil schließen 
sollte. 

Hermann: Wir wissen nur von Dingen zu reden, die 
in der Heiligen Schrift genannt werden. 

Bruder Cornelius: O du Trinitarius! Ei, steht nicht 
in der Heiligen Schrift, von Gott dem Vater und von 
Gott dem Sohne und von Gott dem Heiligen Geiste? 

Hermann: Gleichwohl redet die Heilige Schrift nur 
von einem Gott und von dem lebendigen Sohne Got- 
tes, und von dem Heiligen Geiste. 

Bruder Cornelius: Ja, ist das wahr, du verfluchter 
Trinitarius? Aber, wenn du das Symbolum Athanasius 
liest, so wirst du wohl von Gott dem Vater, und Gott 
dem Sohne und von Gott dem Heiligen Geiste darin 
finden, daß diese drei Personen ein wahrhaftiger Gott 
genannt werden, unter welchen der Vater die erste 
Person, der Sohn die zweite Person und der Heilige 
Geist die dritte Person in der Gottheit ist, und diese 
drei Personen machen die heilige Dreifaltigkeit aus; 
verstehst du es nun, du Trinitarius? 

Hermann: In dem Symbolum Athanasius habe ich 
nicht studiert, denn mir genügt, daß ich an den le- 
bendigen Gott glaube und daß Christus der Sohn des 
lebendigen Gottes sei, wie Petrus, Mt 16, glaubt, und 
an den Heiligen Geist, welchen der Vater durch Je- 
sum Christum, unsern Heiland, im Überflüsse in uns 
ausgießt, wie Paulus, Tit 3, schreibt. 

Bruder Cornelius: Ist das wahr? Aber ihr seid in 
Wahrheit schöne Gesellen, daß Gott seinen Heiligen 
Geist in euch ausgießen sollte, die ihr doch nicht glau- 
ben wollt, daß der Heilige Geist auch selbst Gott sei. 
Diese Ketzerei erhebt ihr; auch studiert ihr in den 
teuflischen Büchern des verdammten Erasmus Rotte- 
rodami, der in seiner Vorrede über St. Hilarius Bücher 
schreibt, daß St. Hilarius am Ende des 12. Buches 
sagt, daß nirgends in der Heiligen Schrift der Heilige 
Geist Gott genannt werde, daß wir aber so vermessen 
geworden seien, daß wir den Heiligen Geist Gott nen- 
nen dürfen, was die alten Kirchenlehrer nicht gedurft; 
ebenso ist dieser böse Erasmus ein großer Feind der 
Gottheit Christi gewesen. Ei, ei! Willst du denn nun 
diesem verdammten Trinitarius folgen? 

Hermann: Wir folgen weder Erasmus noch Hilarius, 
sondern der Heiligen Schrift, wie auch Hilarius und 
Erasmus tun. 

Bruder Cornelius: Wenn nun auch die Schrift den 
Heiligen Geist an keiner Stelle Gott nennt, was ist 
daran gelegen? Denn der Heilige Geist hat es unse- 
rer Mutter, der heiligen römisch-katholischen Kirche 
selbst eingegeben, daß man ihn Gott nennen soll- 
te, wie solches aus Athanasius Symbolum zu erse- 


hen; wenn ihr nun aber an die Heilige Schrift glaubt, 
warum wollt ihr denn nicht an die Gottheit Christi 
glauben? 

Hermann: Das sei ferne von uns, daß wir nicht an 
die Gottheit Christi glauben sollten; wir glauben, daß 
er göttlich und himmlisch, nicht aber irdisch sei, wie 
ihr glaubt; denn darum werden wir von euch getötet. 

Bruder Cornelius: Ei, einen Dreck in dein Maul; wir 
töten euch, weil ihr nicht glauben wollt, daß Chris- 
tus den Samen von Maria, seiner gesegneten Mutter, 
angenommen habe; ei, seht doch nur. 

Hermann: Wir glauben, daß das Wort Fleisch gewor- 
den sei, wie Johannes in seinem Evangelium, Kap. 1, 
schreibt. 

Bruder Cornelius: Ei, nun habe ich dich recht ins 
Netz getrieben, denn Gott war das Wort; ist mm Gott 
Fleisch geworden, warum willst du denn in mein Netz 
beißen, weil ich sage Gottes Fleisch, Gottes Leib und 
Gottes Blut? 

Hermann: Wir glauben auch, daß Gott das Wort sei; 
wolltest du aber daraus schließen, daß der lebendige 
Gott (dessen Sohn Christus ist), selbst Fleisch werde, 
das widerspräche ja der ganzen Heiligen Schrift gar 
sehr. 

Bruder Cornelius: Gleichwohl sagt Christus, Joh 10: 
Ich und der Vater sind eins; ferner Joh 14: Wer mich 
sieht, der sieht den Vater. Wo bleibst du denn nun? 

Hermann: Christus sagt auch, Joh 17: Auf daß sie 
alle eins seien, gleichwie du Vater in mir, und ich 
in dir; daß auch sie in uns seien, auf daß die Welt 
glaube, du habest mich gesandt; und ich habe ihnen 
die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, 
daß sie eins seien, gleichwie wir eins sind, ich in ihnen 
und du in mir, auf daß sie vollkommen seien in eins; 
ferner Apg 4: Die Menge der Gläubigen war ein Herz 
und eine Seele, ferner Paulus, Gal 8: Denn ihr seid alle 
zusammen einer in Christo Jesu; ferner an die Eph 5: 
Darum wird ein Mensch Vater und Mutter verlassen 
und seinem Weibe anhangen, und diese zwei werden 
ein Fleisch sein. 

Bruder Cornelius: Still, still, es ist genug gepredigt, 
dieses alles hast du aus Erasmus giftigen Brüsten ge- 
sogen; aber nun antworte mir darauf, warum denn 
Christus sagt: Wer mich sieht, der sieht den Vater. 

Hermann: Christus sagt auch, Joh 6: Nicht daß je- 
mand den Vater gesehen hat, als der vom Vater ist, der 
hat den Vater gesehen; ferner Joh 1: Niemand hat je 
Gott gesehen; ferner Joh 14: Denn der Vater ist größer 
als ich; ferner Mk 13: Von dem Tage aber und der Stun- 
de weiß niemand, auch nicht die Engel im Himmel, ja, 
der Sohn auch nicht, sondern allein der Vater, woraus 
zur Genüge bewiesen wird, daß der Vater selbst nicht 
Fleisch geworden sei. 



484 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Bruder Cornelius: Ei, das darfst du mich nicht leh- 
ren, denn ich sage selbst, daß Christus die zweite 
Person der Gottheit oder der heiligen Dreieinigkeit, 
Mensch geworden sei, welchen ihr nicht Gott nennen 
wollt; verstehst du das wohl, verfluchter Trinitarius, 
der du bist? 

Hermann: Ich nenne ihn Sohn des lebendigen Got- 
tes, wie ihn auch Petrus, Mt 16, nannte, und den 
Herrn, wie ihn die Apostel nennen. 

Bruder Cornelius: Ei, du vermaledeiter Trinitarius! 
Ich sollte wohl vor Unwillen aus der Haut fahren; ja, 
das sollte ich. 

Hermann: So musst du denn gewiss aus der Haut 
fahren, wenn du im 2. Kapitel der Apostelgeschichte 
liest, daß Petrus ihn nur einen Mann Gottes nannte, 
indem er sagt: Jesum von Nazareth, den Mann von 
Gott unter euch mit Taten und Wunder und Zeichen 
beweiset, welche Gott durch ihn tat; ferner in demsel- 
ben Kapitel: Diesen Jesum hat Gott auferweckt; ferner 
Kap. 3: Denselben hat Gott von den Toten auferweckt, 
ferner Kap. 4: Jesus Christus von Nazareth, welchen 
ihr gekreuzigt habt, und welchen Gott von den Toten 
auf erweckt hat; ferner Paulus, Apg 17: Darum, daß er 
einen Tag gesetzt hat, auf den er den Kreis des Erd- 
bodens mit Gerechtigkeit richten wird, durch einen 
Mann, in welchem er es beschlossen hat, und jeder- 
mann den Glauben vorhält, nachdem er ihn von den 
Toten auferweckt hat. 

Br. Cornelius: Ja, ja, still, still, das sind eben die- 
selben Gründe, die der verdammte Erasmus in dem 
Büchlein von der Weise zu beten und in seiner Schutz- 
schrift an den Bischof von Hispala, Alphonsus Mau- 
ricus, anführt. Ei, du Trinitarius! Willst du Christum 
nur einen Sohn Gottes nennen, so hältst du ihn nicht 
höher als Adam, denn Lukas sagt in seinem 3. Kap., 
daß Adam auch ein Sohn Gottes war. Da sieh nun, 
womit wir geplagt werden. 

Hermann: Das sei ferne von uns; daß wir Chris- 
tum nicht höher achten sollten, als Adam; denn wir 
werden ja von euch um deswillen getötet, weil wir 
glauben, daß Christi Leib nicht irdisch und von der Er- 
de sei, wie Adam, der erste Mensch war, sondern daß 
er ein himmlischer Mensch sei, wie Paulus, IKor 15, 
schreibt, aber ihr selbst achtet ihn nicht höher als 
Adam. 

Bruder Cornelius: Ei, du verfluchter Trinitarius! Wie 
spielt der Teufel mit deinem Maule; du willst nicht 
glauben, daß Christus wahrer Mensch sei, und willst 
auch nicht glauben, daß er wahrer Gott sei, was Teufel 
ist er denn? 

Hermann: Ei, rede doch nicht so imordentlich, denn 
Christus ist kein Teufel, sondern der wahre Sohn Got- 
tes, wie Johannes in seinem 1. Briefe, Kap. 5, schreibt; 


ebenso ist er aber auch ein wahrer Mensch, wie Pau- 
lus, Rom 5, sagt. 

Bruder Cornelius: Aber sagt Johannes nicht in dem- 
selben Kapitel von dem Sohne: Dieser ist der wahre 
Gott? 

Hermann: Nein, denn Johannes sagt: Wir wissen 
aber, daß der Sohn Gottes gekommen ist und uns 
einen Sinn gegeben hat, daß wir den Wahrhaftigen 
erkennen und in dem Wahrhaftigen, in seinem Soh- 
ne Jesu Christo, sind. Dieser ist der wahrhaftige Gott 
und das ewige Leben. Hiermit versteht Johannes den 
wahrhaftigen Gott, der uns den Sohn hat kennen ge- 
lehrt. 

Bruder Cornelius: Ei, du Trinitarius! Nun fällt mir 
eben ein, was St. Johannes in demselben Kapitel sagt: 
Drei sind, die im Himmel zeugen: Der Vater, das Wort 
und Heilige Geist, und diese drei sind eins; hier bist 
du ja rechtschaffen gefangen; ei, armer Trinitarius, der 
du bist! 

Hermann: Ich habe oft sagen gehört, daß Erasmus 
es euch in seinen Anmerkungen verweist, daß ihr 
Papisten diese Worte daran geflickt habt, und daß sie 
in dem griechischen Texte nicht stehen, wie ihr denn 
noch mehrere andere Dinge in der Heiligen Schrift 
hinzugefügt und ausgelassen habt. 

Bruder Cornelius: Ei, daß dich das höllische Feuer 
mit deinem teuflischen, verdammten und vermale- 
deiten Hauptketzer Erasmus ewiglich brennen und 
tormentieren müsse! Ei, nun sollte ich meine Kappe 
wohl vor Bosheit zerreißen; ja, das sollte ich! 

Hermann: Warum zerreißt du denn deine Kappe 
nicht, wenn du den griechischen Text selbst liest und 
siehst, daß solches nicht darin steht? 

Bruder Cornelius: Ja, meine Herren, was dünkt 
euch hiervon; habe ich denn Unrecht, daß ich mit 
diesem verdammten Ketzer, diesem bösen Trinitari- 
us Erasmus, in meinen Predigten so abscheulich zu 
Werke gehe? Es ist in der Tat wahr, solches schreibt er, 
ja, was noch ärger ist, so hat er auch in seinen Anmer- 
kungen über das vierte Kapitel St. Lukas geschrieben, 
daß eine sehr große wunderliche Konfusion in der 
Heiligen Schrift entstanden sei, sowohl in den griechi- 
schen, als in den lateinischen Büchern, weil hin und 
wieder etwas hinzugefügt und angeflickt, bisweilen 
aber, um der Ketzer willen, etwas davon getan, ausge- 
lassen und ausgekratzt worden sei, ja, daß dasjenige, 
was hin und wieder von dem einen oder dem andern 
an den Rand geschrieben worden, in den Text geflickt 
worden sei. Ei, meine Herren, ist das nicht schön? 

Notarius: Ei, Pater Cornelius, wir sind keine Gottes- 
gelehrte, wir verstehen uns nicht auf solche Dinge. 

Bruder Cornelius: Ist das wahr? Ich glaube es wohl, 
aber der Trinitarius will sich ja sehr gut darauf ver- 



485 


stehen, wie ihr hört, daß er uns solches verweist. Ja, 
er sollte uns Katholische wohl mit seinem Hauptket- 
zer, dem bösen Erasmus, verweisen dürfen, daß wir 
im 9. Kapitel an die Römer, wo Paulus sagt: Welcher 
auch sind die Väter, aus welchen Christus her kommt 
nach dem Fleische, die Worte daran geflickt hätten: 
Der da ist Gott, über alles gelobt in Ewigkeit, Amen; 
denn dieser verfluchte Erasmus schreibt, daß er an die- 
sem Schlüsse sehr zweifle: Der da in Ewigkeit gelobt, 
Amen, oder man müsste die Worte, als Gott dem Vater 
zur Danksagung, so erklären und verstehen. Christus 
, der über alles ist. Gott sei gelobt in Ewigkeit, Amen. 
Demnach zweifle ich nicht, daß (schreibt er) dieser 
Schluss angeflickt sei, wie ich auch in einigen andern 
Texten finde, daß sie dergleichen Schlüsse zum Be- 
schlüsse ihrer Reden angehängt haben, als: Du aber 
Herr , Ehre sei dem Vater, und dem Sohne ; ebenso 
sind ihre Reden und Gebete mit dergleichen Schlüssen 
beschlossen worden, aber in Beziehung auf die Worte 
St. Thomas im 20. Kapitel des Evangeliums Johannes 
hast du keine Ausflucht, denn hier sagt St. Thomas 
zu Christo: Mein Herr und mein Gott. Ei, darauf ist er 
stumm, ja, damit ist er recht ins Netz getrieben: Dieses 
ist das erste und letzte Mal in der Schrift, wo Christus 
Gott genannt wird, aber, laß hören, du Trinitarius, was 
du darauf zu sagen hast? 

Hermann: Ich sage darauf, daß Thomas dort sehr 
wohl geredet habe, denn David sagt Ps 82: Ich ha- 
be gesagt, ihr seid Götter und allzumal Kinder des 
Höchsten; auch führt Christus die Worte selbst an, 
Joli 10: Als die Juden Steine aufhoben und ihn stei- 
nigten, weil er gesagt hatte: Ich und der Vater sind 
eins. Jesus antwortete ihnen: Viel gute Werke habe 
ich euch von meinem Vater erzeigt; um welches Werk 
unter denselben steinigt ihr mich? Die Juden antwor- 
tete ihm: Um das gute Werk steinigen wir dich nicht, 
sondern um der Gotteslästerung willen, daß du, der 
du ein Mensch bist, dich selbst zu einem Gotte machst. 
Jesus antwortete ihnen: Steht nicht in eurem Gesetze 
geschrieben: Ich habe gesagt, ihr seid Götter? Da er 
nun die Götter nennt, zu welchen das Wort Gottes 
geschehen ist, und die Schrift kann doch nicht gebro- 
chen werden, wie sagt ihr denn zu dem, den der Vater 
geheiligt und in die Welt gesandt hat: Du lästerst Gott, 
darum, weil ich sage: Ich bin Gottes Sohn? Ferner 
2 Mo 22: Findet man aber den Dieb nicht, so soll man 
den Hauswirt vor die Götter bringen , so soll beider 
Sache vor die Götter kommen, welchen die Götter 
verdammen, der soll es zweifältig seinem Nächsten 
wiedergeben. 

Bruder Cornelius: So antworte mir nun darauf, je- 
doch ohne viele Worte, warum Christus zu St. Thomas 
nicht gesagt: Ei, holla, ich bin nicht dein Gott; wohlan. 


laß hören. 

Hermann: Darauf dient meine vorhergehende Ant- 
wort, Joh 10, David im 82. Ps.; aber antworte du mir, 
warum Christus auf des Thomas Worte nicht gesagt 
habe: Auf diesen Stein will ich meine Gemeinde bau- 
en, wie er Mt 16 sagte, als ihm Petrus antwortete: Du 
bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes; auch 
sagte er nicht zu Thomas: Fleisch und Blut hat dir 
dies nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel. 
Warum sagt denn auch Christus, Joh 20, zu den Apo- 
steln: Ich fahre auf zu meinem und eurem Vater, zu 
meinem und zu eurem Gott; ferner, Mt 27: Mein Gott, 
mein Gott, warum hast du mich verlassen? 

Bruder Cornelius: Still, still, du Trinitarius; hieraus 
sollten wohl teuflische Beweisgründe folgen, welche 
über allen menschlichen Verstand gehen. Ei, wäre 
Christus nicht wahrer Gott, warum nennen wir denn 
seine gebenedeite Mutter die Mutter Gottes? 

Hermann: Weil ihr in keinem Dinge der Heiligen 
Schrift folgen wollt, sondern allen Dingen fremde und 
andere Namen gebt, denn die Heilige Schrift nennt sie 
die Mutter Jesu, Apg 1; Joh 19, und an vielen andern 
Stellen in Heiliger Schrift, wo sie nicht einmal die 
Mutter Gottes genannt wird. 

Bruder Cornelius: Ei, ist es wahr? Aber meinst du 
denn, daß wir Katholischen so viel auf die nacken- 
de, bloße und magere Schrift sehen und achten? O 
nein, das würdige Konsilium von Nicäa hat ja verord- 
net und beschlossen, daß man sie die Mutter Gottes 
nennen sollte; ist dem nicht so? 

Hermann: Glaubt ihr denn nicht, daß das letzte 
Konsilium zu Trident von solcher Wahrheit, Würde 
und Heiligkeit sei, als das Konsilium zu Nicäa? 

Bruder Cornelius: Ja, in Wahrheit, warum sollten 
wir nicht? Der Heilige Geist hat ja durch die Väter 
in dem würdigen Konsilium zu Trident eben so gut 
gelehrt und geredet, als durch die Väter in dem Kon- 
silium zu Nicäa; aber warum fragst du danach, weißt 
du sonst nichts zu fragen? Ich merke wohl, du willst 
von der Sache abgehen und nicht von der Mutter Got- 
tes reden. 

Hermann: Solches musste ich fragen, damit ich dein 
Bekenntnis vernehmen möchte, denn nun kenne ich 
an dem Konsilium zu Trident alle andern Konsilien, 
weil ich zu meiner Zeit gehört und gesehen habe, wie 
man dabei zu Werke gegangen ist, welches alle vorher- 
gehenden Konsilien zu Spott und Schanden macht. 

Bruder Cornelius: O du höllischer teuflischer ver- 
maledeiter Trinitarius, du lästerst den Heiligen Geist; 
es ist ein Wunder, daß wir nicht miteinander durch 
die Erde sinken; aber, meine Herren, ich fürchte mich 
sehr, mit diesem beelzebübischen Wiedertäufer, Sa- 
kramentierer und Feind der Mutter Gottes länger zu 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


reden. 

Schreiber: Kannst du denn, Hermann, von derglei- 
chen Dingen nicht schweigen, warum wir dich doch 
gebeten haben? 

Hermann: Ich lästere den Heiligen Geist nicht, bin 
auch kein Feind der Mutter Christi. 

Bruder Cornelius: Ei, du lästerst den Heiligen Geist 
nicht, wenn du mit dem würdigen Konsilium zu Tri- 
dent und mit allen vorhergehenden heiligen Konsilien 
nur Narrheit, Schimpf und Spott treibst, und die wer- 
te, heilige und gebenedeite Jungfrau Maria nicht die 
Mutter Gottes nennen willst, wie uns das heilige Kon- 
silium Nicenum lehrt und zu tun befiehlt? Bist du also 
nicht ein Lästerer des Heiligen Geistes und Feind der 
Mutter Gottes? 

Hermann: So verwegen seid ihr Papisten in eurem 
Konsilium zu Nicäa gewesen, daß ihr die Mutter Jesu 
Christi die Mutter Gottes habt nennen dürfen, welche 
weder die Apostel noch Evangelisten die Mutter des 
Sohnes Gottes haben nennen dürfen. 

Bruder Cornelius: Ei du verdammter teuflischer 
Wiedertäufer, du höllischer Trinitarius, Sakramentie- 
rer und geschworener Todfeind der gebenedeiten 
Mutter Gottes, wir wollen sie doch, trotz deines Mau- 
les, die Mutter Gottes nennen, und sie ist auch die 
Mutter Gottes; ja, Gottes Mutter ist sie, das ist wahr. 

Hermann: Du hast selbst gesagt, daß drei Personen 
in der heiligen Dreifaltigkeit seien, der Vater, der Sohn 
und der Heilige Geist, und daß diese drei Personen 
nur ein wahrhaftiger Gott seien. Ist nun Maria die 
Mutter dieses wahren Gottes, so ist sie sowohl des 
Vaters und des Heiligen Geistes, als auch des Sohnes 
Mutter. 

Bruder Cornelius: O du teuflischer Ketzer! Ich habe 
aus des Athanasius Glaubensbekenntnis bewiesen, 
daß der Vater Gott sei, und daß der Sohn Gott sei, und 
daß der Heilige Geist Gott sei, und daß dennoch keine 
drei Götter seien, sondern daß diese drei ein wahrer 
(ohn) unterschiedener Gott seien. 

Hermann: Ist denn ein jeder unter ihnen ein be- 
sonderer unterschiedener Gott, oder sind diese drei 
ungeschieden ein wahrer Gott? Und wenn nun Maria 
die Mutter Gottes ist, so muss sie entweder die Mutter 
von allen dreien sein, oder es muss ein jeder unter 
diesen dreien ein besonderer Gott sein. Wo bleibst du 
nun mit deinem Konsilium zu Nicäa? 

Bruder Cornelius: Ei, daß dich das höllische Feuer 
verzehre, du arger, böser, loser, falscher, durchtriebe- 
ner Trinitarius; der Teufel redet aus deinem vermale- 
deiten Munde. Ei, du solltest wohl hunderttausend 
Gottesgelehrte töricht, unsinnig und rasend machen. 
Ach Jesu, Jesus, werte Mutter Gottes! Wie wirst du 
gelästert, verschmäht und verachtet von dieser höl- 


lischen Teufelsbrut! Aber, ei, wie willst du sie denn 
genannt haben? Maria Zimmermännin, wie ihr sie in 
euren höllischen teuflischen Predigten in dem Grütz- 
hausbusche nennt? 

Hermann: Wir nennen sie die Mutter Jesu, wie sie 
auch in der Heiligen Schrift genannt wird. Wie kannst 
du denn nun sagen, daß wir sie lästern, schmähen 
und verachten? 

Bruder Cornelius: Ei, du verfluchter Wiedertäufer! 
Ich will jetzt nicht weiter davon reden, daß ihr sie 
nicht die Mutter Gottes nennen wollt; aber lästert, ver- 
achtet und schmäht euer Hauptketzer Menno Simon 
nicht schändlich, wenn er schreibt, daß Christus den 
sündlichen, irdischen Samen von Maria nicht ange- 
nommen habe, sondern, daß er mit Fleisch und Blut, 
mit Haut und Haar aus dem Himmel in Maria gekom- 
men und so Mensch geworden, und daß er nur durch 
ihren Leib gegangen sei, wie das Wasser durch ein 
Sieb. Heißt denn das nicht Gott gelästert, verachtet 
und geschmäht? 

Hermann: Du verstehst Menno Simons Schriften 
nicht; denn wie du es anführst, so wird man es in 
seinen Schriften nicht finden, sondern er beweist mit 
vielen Schriftstellen, daß das Wort und nicht der Sa- 
me Marias Fleisch geworden sei, wie auch Johannes, 
Kap. 1, schreibt. 

Bruder Cornelius: Ei, ist denn Christus nicht von 
dem Samen Davids, nach der Verheißung, geboren, 
welchen Samen er in der gebenedeiten Jungfrau Ma- 
ria von ihrem allerreinsten Blute angenommen, und 
davon Fleisch und Mensch geworden ist? 

Hermann: Daß Christus von dem Samen Davids 
geboren worden sei, glauben wir wohl, in Ansehung 
des Geschlechtes, wovon er geboren worden ist; aber 
der Engel sagte zu Joseph: Das in ihr geboren ist, das 
ist von dem Heiligen Geiste, Mt 1. Joh 16 sagt Christus 
selbst: Ich bin ausgegangen vom Vater, und in die 
Welt gekommen. 

Bruder Cornelius: Ei, das redet Christus von seiner 
Gottheit, daß dieselbe vom Vater ausgegangen und 
in diese Welt gekommen sei, und nicht von seiner 
Menschheit, du unverständiger Wiedertäufer. 

Hermann: Warum sagt denn Christus, Joh 6: Wie, 
wenn ihr denn sehen werdet des Menschen Sohn auf- 
fahren, wo er zuvor war; ferner, Joh 8: Niemand fährt 
gen Himmel, als der vom Himmel gekommen ist, 
nämlich des Menschen Sohn; ferner Paulus, Eph 4: 
Daß er aber aufgefahren ist, was ist es, als daß er zu- 
vor hinunter gefahren ist in die untersten Örter der 
Erde? Der hinuntergefahren ist, das ist derselbe, der 
aufgefahren ist über alle Himmel. 

Bruder Cornelius: Ei, du unverständiger Wiedertäu- 
fer! Ist Christus denn mit Fleisch und Blut, mit Haut 



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und Haar, mit Eingeweiden aus dem Himmel in Ma- 
ria gekommen, wie er gen Himmel aufwärts gefahren 
ist? 

Hermann: Das sage ich nicht, sondern ich sage, 
daß das Wort vom Himmel gekommen und in Maria 
Fleisch geworden sei, wie Johannes, Kap. 1, schreibt. 

Bruder Cornelius: Wir Katholiken sagen, trotz dei- 
nes schändlichen Maules, daß das allerreinste Blut der 
Maria Fleisch geworden sei. 

Hermann: Dieser Trotz meines Maules ist eine ge- 
ringe Sache; aber dieser Trotz wider die Heilige Schrift 
ist eine große Fästerung. 

Br. Cornelius: Ei, du verdammter Wiedertäufer! Ich 
lästere die Heilige Schrift nicht, sondern du lästerst 
die heilige, gebenedeite, saubere, reine Jungfrau Ma- 
ria. Ei, ich verwundere mich, daß du nicht sagst, sie 
habe ihren Sohn Christum von ihrem Manne Joseph 
empfangen, wie eure Heckenprediger in dem Grützh- 
ausbusche predigen; ist das nicht schön? 

Hermann: Du tust uns großes Unrecht, daß du sol- 
ches von uns sagst, denn wir glauben, wie Matthäus 
im ersten Kapitel schreibt: Und Joseph nahm sein Ge- 
mahl zu sich, und erkannte sie nicht, bis sie ihren 
ersten Sohn gebar. 

Br. Cornelius: Ei, hat sie denn Joseph nachher er- 
kannt? 

Hermann: Daran ist mir nichts gelegen, ob er sie 
nachher erkannt habe oder nicht. 

Bruder Cornelius: Ist das wahr? Aber glaubst du 
denn nicht an die ewige jungfräuliche Reinigkeit der 
gebenedeiten Jungfrau Maria? Wohlan, sage! 

Hermann: Wir finden in Heiliger Schrift nichts von 
ihrer ewigen jungfräulichen Reinigkeit. 

Bruder Cornelius: Ei, dieser verfluchte Wiedertäu- 
fer wird mich wohl mit der Schrift über die Nase 
hauen! Aber willst du durchaus nichts anderes glau- 
ben, als was in Heiligen Schrift steht? Daher kommt 
es auch, daß ihr die werte Mutter Gottes so verachtet, 
schmäht und lästert, auch dafür haltet, ja, lehrt und 
glaubt, daß sie die fleischlichen Werke des Ehestandes 
mit ihrem Manne Joseph ebenso wohl getrieben habe, 
als eure unflätigen, sündhaften Weiber mit euch tun, 
auch daß sie von ihrem Manne Joseph viele Kinder 
gehabt habe; ist das nicht etwas Schönes. 

Hermann: Nun wenn sie sich ehelich zu ihrem Man- 
ne Joseph gehalten, und mehrere Kinder geboren hätte 
(was doch IMo 1 von Gott eingesetzt und ein Segen 
ist), sollte sie wohl daran gesündigt haben? 

Bruder Cornelius: Gott segnete Adam und Eva und 
sagte: Seid fruchtbar und mehret euch, und erfüllt die 
Erde - ehe sie das Gebot übertraten; aber sie blieben 
nicht in dem Segen, sondern übertraten Gottes Ge- 
bot; dadurch ist das eheliche Werk ihnen zur Sünde 


geworden. Ei, nun habe ich dich gefangen! 

Hermann: Du bist selbst gefangen, denn IMo 9 
steht: Gott segnete Noah und seine Söhne und sprach: 
Seid fruchtbar und mehret euch, und erfüllt die Er- 
de; ferner, der Prophet Jeremia, Kap. 29: So sagt der 
Herr Zebaoth, der Gott Israels, nehmt Weiber und 
zeugt Söhne und Töchter, nehmt euren Söhnen Wei- 
bern und gebt euren Töchtern Männer, daß sie Söhne 
und Töchter zeugen, mehret euch daselbst. 

Bruder Cornelius: Ei, still, still, es ist genug ge- 
schwatzt! Hört doch nur, was dieser verachtete Wie- 
dertäufer für ein Geschwätz macht. Ei ja, nun glau- 
be ich es wohl, nachdem ich es von dir gehört habe, 
daß ihr Wiedertäufer draußen im Grützhausbusche 
geradezu und verwegen predigt, daß Maria Zimmer- 
männin, was das eheliche Werk betrifft, nicht ein Haar 
besser gewesen sei, als eure unfläten, unkeuschen und 
fleischlichen Weiber; ja, ihr dürft auch wohl predigen 
und lehren, daß Maria von verschiedenen Männern 
Kinder gehabt habe, ebenso wie eure Weiber, die ihr 
gemeinschaftlich habt, womit ihr das eheliche Band 
ganz auflöst und beweist, daß die Weiber wohl ver- 
schiedene Männer haben mögen; ist das nicht was 
Schönes? 

Hermann: Von dergleichen Dingen, wovon du hier 
redest, habe ich unsere Lehrer niemals lehren gehört, 
als sie das Wort redeten; aber es mag wohl bisweilen 
unter uns gefragt worden sein, ob die Brüder und 
Schwestern Christi (wovon die Heilige Schrift, Mt 13; 
Mk 6, redet) auch Josephs oder Marias natürliche Kin- 
der gewesen seien. 

Bruder Cornelius: O ihr verfluchten Wiedertäufer! 
Die Heilige Schrift nennt einige Apostel, als St. Jakob, 
St. Simon, St. Judas, des Herrn Brüder, die doch nur 
seine Vettern waren; ei, du plumper Wiedertäufer, der 
du bist! 

Hermann: Gleichwohl steht Apg 1 (nachdem zuerst 
die elf Apostel genannt waren): Alle diese waren stets 
beieinander einmütig mit Beten und Flehen, samt den 
Weibern und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brü- 
dern. Gleichwohl will ich es nicht behaupten oder 
festsetzen, daß Maria, die Mutter Jesu, noch mehrere 
Kinder geboren habe. 

Bruder Cornelius: Aber wenn ihr Wiedertäufer im 
Grützhausbusche versammelt seid, da könnt ihr es 
wohl beweisen und behaupten, und noch mehrere 
andere Sachen, die noch viel ärgerlicher und abscheu- 
licher sind, denn ich habe von all diesem gute Nach- 
richt. 

Hermann: Es wird sehr über uns gelogen, wie denn 
auch du oft auf deiner Kanzel stehst und von uns alles 
predigst, was dir gefällt. 

Bruder Cornelius: Ei, ist das wahr? Kommen denn 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


bisweilen einige Wiedertäufer, um meine Predigt zu 
hören? 

Hermann: Obgleich wir deine Predigten selbst nicht 
hören, so wird uns doch gesagt, daß du auf deiner 
Kanzel predigst, daß die Calvinischen und Wieder- 
täufer lehren und predigen, daß Maria, die Mutter 
Christi, eine unflätige Hure gewesen sei, was dir ja 
auch von gelehrten Männern in Briefen, die sie an 
dich schreiben, verwiesen wird, indem du hierin über 
uns lügst. 

Bruder Cornelius: Ei, einen Dreck in dein Maul, du 
schändlicher Wiedertäufer! Geh und versauere samt 
den unflätigen, dreckigen, stinkenden Kälberschwän- 
zen! Solche Dreckbriefe kümmern mich ganz und gar 
nicht, verstehst du das? Aber weißt du sonst nichts 
zu sagen? Ei, du antwortest mir ja nicht auf die Ge- 
meinschaft der Weiber; ja, ihr Wiedertäufer habt das 
trefflich getrieben, daß ihr die Weiber und Jungfrauen 
allgemein gemacht habt, denn dadurch bekommt ihr 
solchen Anhang von Wiedertäufern; aber beweise mir 
einmal aus der Schrift, daß man die Weiber und Jung- 
frauen allgemein machen müsse, wie ihr Wiedertäufer 
in eurem Teufelsnachtmahle tut. Nun, laß hören, ob 
du mir das beweisen kannst! 

Hermann: Mitnichten; denn das könnte ich eben- 
so wenig beweisen, als daß du mir aus der Heiligen 
Schrift beweisen kannst, daß man die Weiber und 
Jungfrauen geißeln müsse, gleichwie ihr in eurer pein- 
lichen Bußzucht tut. Aber ihr habt ja diese heimliche 
Bußzucht oder dieses Geißeln der Jungfrauen und 
Weiber trefflich getrieben; dadurch erlangt ihr solchen 
großen Anhang von Beichttöchtern. 

Bruder Cornelius: Ich wollte lieber, du wärest schon 
im Höllenpfuhle, als daß ich dir auf all dein Ge- 
schwätz antworten sollte. Aber antworte mir auf mei- 
ne Frage, und bringe dich selbst ins Pech. 

Hermann: Ei, ich halte es nicht der Mühe wert, auf 
alle solche offenbaren Lügen zu antworten, wohin 
gehört, daß wir die Weiber und Jungfrauen gemein- 
schaftlich hätten. 

Bruder Cornelius: Ei, ist es eine offenbare Lüge, daß 
ihr Wiedertäufer die Weiber allgemein macht; wie 
weiß es denn die ganze Welt? Und warum druckt 
man es denn in so viele Bücher, die von uns Katho- 
lischen wider euch geschrieben werden, und welche 
ich täglich lese? Ei, pfui, ihr Ehebrecher! Pfui, ihr Ehe- 
schänder! 

Hermann: Alle diejenigen, die von der Welt sind, 
sind lügenhaft; darum darf man auch dir und deinen 
Katholischen nicht glauben. 

Bruder Cornelius: Ei, bin ich denn die Welt? Ja, ich 
bin, einen Dreck in dein Maul, du verfluchter, bezau- 
berter, vermaledeiter Wiedertäufer, der du bist! Ei du 


unverständiges Tier! Siehst du nicht, daß ich geistlich 
bin? Aber ihr gebt weltliche Werke an den Tag, wenn 
ihr alle Weiber allgemein macht; ich aber habe Reinig- 
keit angelobt, verstehst du das wohl, du Eheschänder, 
der du bist? 

Hermann: Wir schänden den Ehestand nicht; aber 
du bist geistlich, und hast Reinigkeit angelobt, so 
muss man sich billig verwundern, daß du an der 
fleischlichen, unreinen und heimlichen Bußzucht oder 
Geißelung der Frauenspersonen Wohlgefallen hast. 

Bruder Cornelius: Ei du teuflischer Wiedertäufer 
und Eheschänder! Ich sollte dir schier in die Augen 
und das Maul fahren; welchen Begriff hast du wohl 
von meiner heimlichen Bußzucht, die ich bei meinen 
Beichttöchtern gebrauche? Aber ihr seid unflätige, 
fleischliche, unkeusche, wollüstige Bösewichte, weil 
ihr die Weiber gemeinschaftlich gebraucht, wie die 
Hunde; ja, ihr verdammten Eheschänder seid nur ein 
unflätiges, stinkendes Hundsaas, denn ihr geht damit 
zu Werke, wie die Hunde und Zaupen, wiewohl du 
es vor uns leugnen willst. Ei, pfui, pfui, schäme dich 
doch, du schlechter und verstockter Mensch! Wenn 
ich dir mit der Güte nichts abgewinnen kann, so muß 
ich versuchen, ob ich dir durch Böses etwas abgewin- 
nen kann. 

Der Blutschreiber: Ei, Vater Cornelius, sei doch sitt- 
sam und mäßig. 

Der Notarius: Ja, redet doch miteinander mit guten, 
sanftmütigen Worten; denn es scheint, als wolltet ihr 
hier zanken und gleich den Huren nagen. 

Bruder Cornelius: Ja, meine Herren, sollte ich denn 
ihm das hier nicht verweisen, was doch wahr ist? Ihr 
habt ja gestern beide wohl gehört, daß es jener unge- 
waschene Dreckbischof der Wiedertäufer zuerst auch 
hat leugnen wollen; aber als er merkte, daß ich da- 
von so guten Bescheid wusste, bekannte er, daß einige 
unter ihnen wären, die solches heimlich lehrten und 
trieben, weshalb er es denn, nachdem ich ihn endlich 
mit guten, nachdrücklichen Gründen rechtschaffen 
überwiesen hatte, es nicht mehr leugnete. Ei, warum 
sollte ich es nun auch diesem nicht verweisen und 
ihn um deswillen strafen? Bin ich denn nicht hierher 
gekommen, um ihn zu unterrichten und zu bekehren? 
Seht doch, womit wir geplagt werden! Warum leug- 
net er eine Sache, die wahr ist? Ja, den Teufel über ihn, 
sollte man hier wohl sagen, denke ich. 

Hermann: So mag ich mich denn auch wider dich 
verantworten, daß solche Sache erlogen sei, weil es 
Lügen sind, und ich denke, daß mein Mitbruder Jacob 
sich dagegen auch wohl verantwortet haben wird. 

Bruder Cornelius: Ja, bis ich ihm zu sagen wusste, 
daß die Wiedertäufer zu Amsterdam und an anderen 
Orten Hollands mutternackend über die Straße liefen. 



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Männer, Weiber, Knaben und Mägdlein, und sagten 
zueinander: Mein Geist gelüstet nach deinem Fleische; 
war denn das nicht eine hübsche Sache? 

Hermann: Nein, das war nichts Hübsches; darum 
haben wir solche auch niemals für unsere Brüder ge- 
halten. 

Bruder Cornelius: Warum willst du es aber so steif 
und abscheulich leugnen; man weiß doch wohl, daß 
ihr Wiedertäufer auf das Sakrament des Ehestandes 
gar nichts haltet, weil ihr um eines geringen Märleins 
willen das Band des Ehestandes auflöst und scheidet. 

Hermann: Daß du uns so viele Lügen von unserm 
Ehestande vorwirfst, so muss ich dich auch etwas 
vom Ehestand fragen, das euch betrifft, und gewiss 
keine Lügen sind, denn Paulus schreibt deutlich im 1 . 
Briefe an den Timotheus, Kap. 4: Der Geist aber sagt 
deutlich, daß in den letzten Zeiten einige vom Glau- 
ben abtreten, und den verführerischen Geistern, und 
Lehren der Teufel anhangen werden, durch die, wel- 
che in Gleisnerei Lügenreimer sind, und Brandmahl 
in ihrem Gewissen haben, und verbieten ehelich zu 
werden, und die Speise zu meiden, die Gott geschaf- 
fen hat, um sie mit Danksagung zu nehmen. 

Br. Cornelius: Still, still, halt dein Maul, denn wir 
verlangen hier keine Predigt mehr, sondern packe 
dich deines Wegs. 

Hermann: Könnte ich mich ohne weiteres packen, 
ich wollte deine Gotteslästerung und Lügen nicht län- 
ger anhören. 

Br. Cornelius: Ei, du vermaledeiter, verstockter und 
verhärteter Wiedertäufer, wie werden dir die leibhafti- 
gen Teufel aus der Hölle (wohin du bald fahren wirst) 
mit brennendem Pech, Schwefel, Teer und griechi- 
schem Feuer in deinem verfluchten Maule sitzen; ja, 
warte nur ein wenig. 

Hermann: Mitnichten, sondern ich werde unter den 
Altar fahren, den Johannes in seiner Offenbarung sah, 
wie im 6. Kapitel steht, zu den Seelen, die erwürgt 
waren, um des Wortes Gottes willen, und um des 
Zeugnisses willen, das sie hatten und die mit großer 
Stimme schrien: Herr, du Heiliger und Wahrhaftiger, 
wie lange richtest du, und rächst nicht unser Blut an 
denen, die auf Erden wohnen. 

Bruder Cornelius: Ja, des Teufels Märtyrer sollst du 
werden; in seine Hölle sollst du fahren; ei, ja, dieses 
Predigen sollte wohl die ganze Nacht währen; aber 
ich gehe nun nach meinem Kloster, und lasse dich 
predigen, solange du willst, du verdammter, vermale- 
deiter Wiedertäufer, Sakramentierer, Trinitarius und 
Eheschänder, der du bist. 

Unterdessen hat einer von den beiden vorgemel- 
deten Märtyrern, nämlich Jacob de Roore, oder Ker- 
zenmacher, in seiner Gefangenschaft einige Briefe ge- 


schrieben, voll von heiligen und göttlichen Sachen, 
welche wir dem Leser nun auch nachstehend mittei- 
len wollen. 

Der erste Brief des Jacob Kerzengießer, 
geschrieben an sein Weib. 

Die ewige unvergängliche Weisheit Gottes, unsers 
himmlischen Vaters, die große Liebe seines Sohnes, 
unsers Herrn Jesu Christi, und die Kraft seines Heili- 
gen Geistes wünsche ich dir, mein liebes und wertes 
Weib, zum Tröste deines Gemütes, als einen herzli- 
chen Gruß von Gott, durch Christum, unsern Herrn 
und Seligmacher, Amen. 

Mein herzlich geliebtes und auserwähltes Weib, ich 
lasse dich wissen, daß es mit meinem Gemüte sehr 
wohl steht, dem Herrn sei ewiges Lob für seine Gnade, 
nur daß ich um deinet und der Kinder willen sehr be- 
trübt bin, denn ich liebe dich und sie von Herzen; ich 
weiß auch nichts unter dem Himmel, was mich ver- 
mögen konnte, dich zu verlassen; aber um des Herrn 
und seiner unsichtbaren Güter willen müssen wir al- 
les verlassen, durch die Liebe Gottes, die in unsere 
Herzen durch den Heiligen Geist ausgegossen ist. 

Darum sagt Christus: Wer Vater oder Mutter mehr 
liebt als mich, der ist meiner nicht wert, und wer Sohn 
oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht 
wert, und wer sein Kreuz nicht aufnimmt, und folgt 
mir nach, der ist meiner nicht wert; ferner sagt er: Wer 
zu mir kommen will, und hasst nicht seinen Vater 
und seine Mutter, der kann nicht mein Jünger sein; 
ja, Brüder und Schwestern, Weib und Kinder, dazu 
sein eigenes Leben, und alles, was wir besitzen, sollen 
wir um seinetwillen verlassen, oder wir können nicht 
Christi Jünger sein, denn obschon sich dieser Hass 
nicht weiter erstreckt, als soweit uns diese Dinge an- 
kleben, um uns von Christo abzuziehen, so müssen 
wir doch dieselben durch die Liebe Gottes überwin- 
den und verlassen, denn damit beweisen wir, daß wir 
Gott über alles lieben, aus aller Kraft, und all unserm 
Vermögen, welches das größte Gebot im Gesetze ist 
und von Paulus so genannt wird: Die Hauptsumme 
des Gebots ist Liebe aus reinem Herzen, gutem Gewis- 
sen und imgefärbtem Glauben. Durch diese Liebe und 
durch diesen Glauben muss man Christum ungeheu- 
chelt bekennen, und ihn auch um Vater oder Mutter, 
um Weib oder Kinder, ja seines eigenen Lebens wil- 
len nicht verlassen. Darum schreibt Salomo: Liebe ist 
stark wie der Tod und Eifer ist fest wie die Hölle, ih- 
re Glut ist feurig und eine Flamme des Herrn, daß 
auch viele Wasser die Liebe nicht auslöschen, noch 
die Ströme sie ersäufen mögen. Wenn einer alles Gut 
in seinem Hause um die Liebe geben wollte, so würde 



490 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


es alles nichts gelten, denn man kann sie mit keinem 
Gute kaufen, sondern sie wird denen von Gott durch 
den Heiligen Geist umsonst gegeben, die ihn in der 
Wahrheit suchen. 

Darum bitte ich dich, mein liebes Weib, du wollest 
deine Seele in Geduld fassen, und dich in dieser mei- 
ner Versuchung, welche durch Gottes Zulassung mir 
widerfährt, nicht gar zu sehr betrüben, denn ich mein- 
te, ich wollte meinen Abschied machen, und dich mit 
H. oder mit sonst jemandem fortschicken; der Herr 
aber hat es mir nicht zugelassen. Er weiß es, warum 
es geschieht; gleichwohl bin ich sehr betrübt um dei- 
netwillen, denn ich lasse dich in großer Last zurück; 
aber ich hoffe, daß der Herr, der mich dir entnommen 
hat, dir helfen und dich versorgen werde, nach seiner 
Verheißung, denn er speist ja die Raben und kleinen 
Tierlein, weil sie seine Geschöpfe sind, um wie viel 
mehr wird er für seine Auserwählten sorgen, die Tag 
und Nacht zu ihm schreien. 

Darum sagt Petrus: Alle eure Sorge werft auf den 
Herrn, denn er sorgt für euch; wie auch David sagt: 
Aller Augen warten auf dich, du gibst ihnen ihre Spei- 
se zur rechten Zeit. 

So vertraue denn dem Herrn, meine liebe Hausfrau, 
solches bitte ich von dir, denn der dem Sämann Samen 
gibt, der wird dir auch Brot zur Speise geben. Ziehe 
nach dem Lande C., dort geht es sehr friedsam zu. Die 
Brüder sagten, sie wollten uns behilflich sein, wo sie 
könnten; ich hatte alles sehr gut angeordnet, sodass 
ich hoffte, es würde dir sehr wohl gefallen, was ich 
dich noch habe wissen lassen wollen. 

Lerner bitte ich dich, mein liebes und sehr wertes 
Weib, daß du an meinen Kindern allen Lleiß anwen- 
dest, und sie in der Furcht Gottes mit guter Unterwei- 
sung und Züchtigung auferziehst, weil sie noch jung 
sind, denn durch die Rute beugt man ihren Rücken, 
und bringt sie unter ihrer Eltern Gehorsam; darum 
steht geschrieben: Wer sein Kind lieb hat, der gibt ihm 
bisweilen die Rute, und wer seine Rute spart, der hasst 
seinen Sohn; aber, wer ihn lieb hat, unterweist ihn, 
denn die Unterweisung muss bei der Züchtigung sein, 
indem die Züchtigung Gehorsam erfordert; soll aber 
jemand gehorsam sein, muss er zuvor unterrichtet 
worden sein; diese Unterweisung besteht aber nicht 
in harten Worten, oder lautem Rufen, denn solches 
lernen die Kindlein nachmachen; führt man sich aber 
in ihrer Gegenwart ehrbar auf, so haben sie ein gutes 
Beispiel, und lernen Ehrbarkeit, denn an den Kindern 
erkennt man die Eltern. Auch müssen die Eltern ihre 
Kinder nicht zum Zorne reizen, damit sie nicht klein- 
mütig werden, sondern müssen sie mit Ermahnung 
und gutem Unterrichte auferziehen. 

So tue denn dein Bestes an ihnen, mein liebes und 


wertes Weib, darum bitte ich dich, und nimm auch 
deiner selbst wahr, damit du das Ende deines Glau- 
bens, zu deiner Seele Seligkeit, davon tragen mögest. 
Laß nicht nach, um der Trübsal willen, die wir lei- 
den müssen, sondern bedenke, wie das unschuldige 
Lamm Christus Jesus von Anfang der Welt her in den 
Gläubigen habe leiden müssen; darum sagt der Herr: 
Wer euch antastet, der tastet meinen Augapfel an, zu 
Paulus sagt er: Saul, Saul, was verfolgst du mich? 
Aber Saul sagte: Herr, wer bist du? Er sagte: Ich bin 
Jesus von Nazareth, den du verfolgst. Nicht als hätte 
er Christum dem Fleisch nach verfolgt, denn dersel- 
be war schon gestorben (ehe er verfolgte), sondern 
er verfolgte die Christen, in welchen Christus dem 
Geiste nach lebte; denn sie leben sich selbst nicht, son- 
dern Christus lebt in ihnen; darum, wenn sie leiden, 
so leiden sie nicht um ihretwillen, sondern um des 
Namens Christi willen, denn wenn sie sich selbst lit- 
ten, so hätten sie keine Not, indem die Welt sie lieben 
würde, aber, weil sie nicht von der Welt sind, und weil 
Christus sie von der Welt erwählt hat, darum hasst sie 
die Welt. Darum sagt auch Petrus: Wenn ihr um des 
Namens Christi willen leidet, so seid ihr selig, denn 
der Geist Gottes, der ein Geist der Herrlichkeit ist, 
ruht auf euch, bei ihnen wird er gelästert, aber bei 
euch wird er gepriesen; denn durch denselben Geist 
werden sie getröstet, sodass sie wissen, daß, gleich- 
wie des Leidens Christi viel über sie kommt, werden 
sie auch reichlich durch Christum getröstet, nämlich, 
wenn sie mit ihm leiden, so sollen sie sich auch mit 
ihm freuen, denn ihre Trübsal, die zeitlich und leicht 
ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige 
Herrlichkeit, weil sie nicht auf das sehen, was sicht- 
bar, sondern auf das, was unsichtbar ist, denn was 
sichtbar ist, das ist zeitlich, was aber unsichtbar ist, 
das ist ewig. Darum sagt Paulus: Ich halte dafür, daß 
dieser Zeit Leiden nicht zu vergleichen sei mit der 
Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll, denn 
wir wissen, wenn das irdische Haus dieser Wohnung 
zerbrechen wird, daß wir einen Bau haben von Gott 
erbaut, ein Haus, das nicht mit Händen gemacht, das 
ewig ist im Himmel; dann wird das Sterbliche von 
dem Leben verschlungen werden, denn da wird kein 
Tod mehr sein, noch Leid, noch einige Hitze, denn 
Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen. 

Dann werden sie wie Mastkälber springen, dann 
werden sie auf dem Berge Zion triumphieren, mit Pal- 
menzweigen in ihren Händen, und werden die Kro- 
nen der Ehren empfangen, welche Gott allen denen 
zubereitet hat, die ihn und seine Zukunft lieb haben. 

So tröste dich denn, mein liebes Weib, mit diesen 
Worten, und sei in deiner Trübsal geduldig; solches 
bitte ich von dir, denn bin ich dir schon entnommen. 



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so denke, daß keines des andern versichert sein kann, 
weil wir alle sterben müssen; auch hat uns der Herr 
lange genug beisammen gelassen, in so mancher Ge- 
fahr, worin wir gewandelt sind. 

Es hat ja in unseren Zeiten so viele gegeben, die 
einander verlassen mussten, einige durch Gefangen- 
schaft, andere durch Krankheit, woran sie gestorben 
sind. So kann man auch keines herrlicheren Todes 
sterben, als um des Namens Christi willen, indem sie 
von Gott nicht alle tüchtig gemacht werden, um sei- 
nes Namens willen zu leiden, denn das ist Gnade bei 
Gott, sagt Petrus. 

Darum ging er und so auch Johannes fröhlich seines 
Weges, weil sie würdig waren, um seines Namens 
willen Schmach zu leiden. 

Ach, mein liebes und wertes Weib! Es wäre mir 
eine große Freude, wenn ich hören würde, daß du 
wohlgemut wärest, denn so oft ich deinen oder der 
Kinder Namen geschrieben habe, konnte ich mich 
des Weinens nicht enthalten; dennoch bin ich, was 
meine Person betrifft, wohlgemut, dem Herrn sei Lob 
für seine Gnade, was ich nicht gedacht hätte, ehe ich 
in Haft kam, so schwach befand ich mich damals. 
Darum hat Christus mit Recht gesagt: Ich will euch 
nicht als Waisen lassen, sondern zu euch kommen. 
Hiermit will ich dich, mein liebes und wertes Weib, 
dem Herrn anbefehlen, der mächtig ist, deinen Schatz 
zu bewahren, und dir und allen denen das Erbe zu 
geben, die durch den Glauben an Jesum Christum 
geheiligt werden. Der allmächtige Herr wolle dich 
stärken durch seine Geist, Amen. 

Geschrieben den 24. April von mir, Jacob, deinem 
Manne. Laß dieses abschreiben und bewahre es zum 
Andenken an mich, denn ich weiß nicht, ob ich dir 
noch mehr schreiben werde. Grüße mir sehr alle Brü- 
der und Schwestern und alle, die Gott fürchten, meine 
Kinder, B. und sein Weib, deinen Bruder T. und sein 
Weib, I. und F. T. und F., seinen Bruder, I. de L. mit 
seinem Weibe, sowie meine Freunde in Kortryck. 

Die leiden hier nach Gottes Sinn, die wollen darauf 
merken: 

Siegeben ihre Seelen hin, dem Schöpfer guter Werken. 

Jacob Kerzengießers zweiter Brief an die 
Gemeinde. 

Herzlich geliebte Brüder! Es sei mit euch viel Gnade 
und Barmherzigkeit von Gott unserm himmlischen 
Vater, durch Christum Jesum, seinen eingeborenen 
Sohn, unsern Herrn und Heiland, durch welchen uns 
der Heilige Geist gegeben worden ist, damit wir durch 
den getrieben und in alle Wahrheit geführt würden. 


damit wir ein Licht in dieser Welt wären, und unsern 
Vater, der im Himmel ist, mit gutem Gewissen loben 
möchten; dazu gebe der Herr seine Gnade, daß es mit 
mir, und allen meinen lieben Brüdern und Schwes- 
tern lebenslang so bleiben möge; solches wünsche ich 
ihnen zum freundlichen Gruße und herzlichen Ab- 
schiede. 

Ferner wisst, liebe Brüder, daß, als ich in dem Lande 
C. war, ich ein großes Verlangen hatte, noch einmal bei 
euch zu sein, damit wir uns noch einmal miteinander 
erquicken möchten; aber der Herr hat es durch meine 
Gefangenschaft verhindert, dennoch habe ich nicht 
unterlassen können, euch sowohl zur Ermahnung als 
auch zur Erquickung eurer Gemüter ein wenig zu 
schreiben, damit, gleichwie ihr den Herrn Jesum an- 
genommen habt, ihr auch in ihm wandeln mögt, und 
gewurzelt und erbaut in ihm seid, und auch in demsel- 
ben reichlich dankbar seid, denn, meine lieben Brüder 
und Schwestern, wenn wir nicht in ihm bleiben, so ist 
alle Arbeit verloren; dann können wir auch nicht sei- 
ner überfließenden Reichtümer teilhaftig werden, die 
er uns im himmlischen Wesen zubereitet hat; wir sind 
aber Christi teilhaftig geworden, wenn wir anders 
den Anfang seines Wesens bis ans Ende fest behalten 
werden; wenn wir aber weichen, so hat seine Seele 
kein Wohlgefallen an uns. Ja, liebe Freunde, wenn 
wir nicht in ihm bleiben, so werden wir einer Wein- 
rebe gleich, die nicht an dem Weinstocke bleibt und 
sogleich verdorrt; darum wird sie vom Weinstocke 
abgeschnitten und ins Feuer geworfen, denn sie ist 
dem Menschen zu nichts anderem nütze, wie der Pro- 
phet sagt: Man kann keinen Holznagel daraus machen. 
Darum werden auch nach Christi Worten alle solche 
Christen, die in Christo nicht bleiben, abgeschnitten 
und ins höllische Feuer geworfen, denn sie sind Chri- 
sto im himmlischen Wesen nichts nütze. Darum soll 
nichts Gemeines oder Unreines hineinkommen, oder 
das irgend Gräuel tut, sondern nur diejenigen, die in 
das Buch des Lebens des Lammes geschrieben sind. 
So ermahne ich nun euch, meine lieben Brüder, mit 
dem Apostel Johannes: Bleibt in ihm, damit, wenn 
er offenbar werden wird, wir Freudigkeit haben und 
nicht zu Schanden werden vor ihm in seiner Zukunft, 
damit wir nicht den törichten Jungfrauen gleich wer- 
den, welche schamrot draußen bleiben mussten, weil 
sie ihre Lampen ohne Öl mitgenommen hatten. Was 
sollte es uns aber wohl nützen, wenn wir uns nur 
hätten taufen lassen, und vom Papsttume ausgegan- 
gen wären, als ob wir Jungfrauen sein wollten, die 
nicht begehrten, in solcher geistlichen Hurerei zu sit- 
zen, und hätten gleichwohl die Liebe Gottes nicht in 
uns, wodurch wir unserm Bräutigam zu Ehren einen 
reinen und keuschen Lebenswandel führen könnten. 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


dann wären wir doch töricht, indem wir meinten, bei 
solcher Weise Christo zu gefallen, denn David sagt: 
Man führt des Königs Tochter in gestickten Kleidern 
zum Könige. Darum ist die Liebe das Band der Voll- 
kommenheit, denn wer in der Liebe bleibt, der bleibt 
in Gott, indem Gott die Liebe ist, durch welche Liebe 
wir seine Gebote halten, und seine Gebote sind nicht 
schwer. 

So lasst denn, meine lieben Brüder und Schwestern, 
eure Lenden umgürtet sein, lasst euer Licht leuchten, 
und seid den Menschen gleich, die auf ihren Herrn 
warten, damit, wenn er kommt und anklopft, sie ihm 
sofort auftun mögen. Selig sind die Knechte, die der 
Herr wachend findet, denn das sind die klugen Jung- 
frauen, die den Bräutigam kennen gelernt haben, die 
wissen, daß er ein Wohlgefallen an ihrer Schönheit hat, 
welche Schönheit nicht im auswendigen Haarflechten, 
noch im Kleiderschmucke besteht, sondern inwendig 
in einem keuschen Wandel, in einem stillen Wesen, 
das man vor allen Menschen sehen lässt. Diese Jung- 
frauen sind nicht nur mit Wasser getauft, sondern 
auch mit dem Heiligen Geiste und Feuer, denn sie 
hüten sich nicht nur vor auswendiger Abgötterei, son- 
dern wollen auch der Sünde keineswegs Raum geben; 
auch lieben sie die Welt nicht, noch die Dinge, die dar- 
in sind, denn darin besteht nicht die Liebe des Vaters, 
indem, was in der Welt ist, als Augenlust, Hoffart des 
Lebens, und die Lust des Fleisches, nicht vom Vater, 
sondern von der Welt ist, wodurch so viele Christen 
verführt werden, wie denn auch manche Jungfrau, 
wenn sie anfängt hochmütig zu werden, sich ins Ver- 
derben stürzt; dann wird sie nach schönen Kleidern 
lüstern, bekommt Zuspruch von Junggesellen, welche 
sie nicht sogleich um die Buhlerei anreden, denn das 
wäre zu grob gegen eine ehrbare Jungfrau, sondern 
sie suchen ihr Herz zur Liebe zu reizen, worauf sie 
dann die Buhlerei leicht zugestehen wird. 

In eben der Weise auch, meine lieben Brüder, geht 
der Satan mit manchen Christen um; er versucht sie 
zuerst nicht zur Abgötterei, denn sie ließen sich lieber 
verbrennen, ehe sie sich zur Abgötterei bewegen lie- 
ßen; weil sie rein im Gewissen sind, sondern er schießt 
solche Pfeile auf sie, daß sie irdisch gesinnt werden 
sollen, das Ihre mehr suchen, als das, was Christi und 
ihres Nächsten ist, die Sinne tief in weltliche Geschäf- 
te versenken und dadurch ergreift man die Liebe der 
Welt und liebt das zeitliche Gut mehr als das ewige. 
Überlegt es nun, meine Brüder und Schwestern, wenn 
es der Satan dahin gebracht hat, wie leicht man nach- 
her zustimmt, den Abgöttern zu dienen, sich mit der 
Welt verehelicht, und so macht man dem Satan die Tü- 
re weit auf, denn das Licht ist Finsternis und der Tag 
Nacht geworden, weil man seine Schande oder Nackt- 


heit nicht sieht, denn sie sind von dem Leben, das aus 
Gott ist, durch die Blindheit des Herzens entfremdet. 

Darum, liebe Brüder, seht zu, daß niemals einer un- 
ter euch ein arges, ungläubiges Herz habe, sondern 
ermahnt euch untereinander alle Tage, solange als es 
heute heißt, damit niemand durch Betrug der Sün- 
de verstockt werde. Seht zu, daß nicht jemand Got- 
tes Gnade versäume, damit nicht eine bittere Wurzel 
aufwachse, und viele dadurch verunreinigt werden. 
Darum seid fleißig, die Einigkeit im Geiste durch das 
Band des Friedens zu halten, daß ihr gleiche Liebe un- 
tereinander habt, damit ihr einander keinen Anstoß 
und kein Ärgernis gebt; seht ihr aber einen Bruder 
oder eine Schwester von der Wahrheit abirren, so geht 
ihnen nach, unterweist, ermahnt sie mit sanftmütigem 
Geiste, solange bis sie Christen werden, und sich nicht 
ganz in Werken des Fleisches verlaufen, damit ihr wie 
Christus geartet und gesinnt seid, und seine Ordnung 
nicht missbraucht, denn man kann im Bestrafen eben 
sowohl zu hart als zu gelinde sein. Darum, meine lie- 
ben Brüder, gebt fleißig Achtung auf einander, und 
nehme jeder seiner selbst wahr, denn es ist eine ge- 
fährliche Zeit, man sieht die Liebe in vielen erkalten. 
Darum richtet die lässigen Hände und die müden 
Knie wieder auf, und tut gewisse Tritte mit euren Fü- 
ßen, damit niemand strauchle wie ein Lahmer, und 
seid nicht träge in eurem Vornehmen, sondern seid 
brünstig im Geiste und schickt euch in die Zeit, denn 
vielleicht wird eure Zeit hier kurz sein, indem der 
Teufel im Zorne ergrimmt ist; vielleicht weiß er, daß 
er wenig Zeit mehr hat. 

Darum, meine lieben Brüder, seid überall wacker, 
und lasst nicht nach um der Trübsal willen, die man 
nun vor Augen sieht, sondern vertraut allein auf den 
Herrn, denn er hat gesagt: Ich will dich nicht verlassen 
noch versäumen, darum dürfen wir sagen: Der Herr 
ist mein Helfer, ich will mich nicht fürchten, was soll- 
te mir ein Mensch tun, denn das Leiden, das uns die 
Menschen antun, ist vergänglich; darum sagt Chris- 
tus: Fürchtet nicht, die den Leib töten, und nachher 
keine Macht mehr haben, sondern fürchtet den, der, 
nachdem er getötet hat, auch Macht hat, Leib und 
Seele in die Hölle zu werfen, denn wenn wir mit ihm 
leiden, so werden wir uns auch mit ihm freuen. 

Darum, meine lieben Brüder, seid getreu bis in den 
Tod, dann sollt ihr die Krone des Lebens empfangen. 
Bedenkt es, liebe Brüder, wenn den Kindern dieser 
Welt verheißen wäre, die Krone von Spanien auf ir- 
gendeine Weise zu erlangen, wie emsig würden sie 
darum arbeiten, wie fröhlich würden sie laufen, um 
dieselbe zu bekommen; um wie viel mehr aber sollten 
wir fröhlich sein in unserer Trübsal, und mit Geduld 
in dem Streite laufen, der uns verordnet worden, weil 



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uns die Krone des Lebens zugesagt ist, mit welcher 
die Krone Spaniens nicht zu vergleichen ist, denn das 
ist eine vergängliche Krone, und ihre Herrlichkeit ist 
nicht mit der Herrlichkeit zu vergleichen, die an uns 
offenbar werden soll. Darum hat auch Mose viel lieber 
erwählt, mit dem Volke Gottes Ungemach zu leiden, 
als die zeitliche Ergötzung der Sünden zu haben, denn 
er achtete die Schmach Christi für höheren Reichtum, 
als die Schätze Ägyptens, weil er auf die Belohnung 
sah. Meine lieben Brüdern und Schwestern, der Herr 
gebe euch ein solches Herz und Gesicht durch den 
Glauben, daß ihr mit Mose und allen Heiligen Gottes 
erkennen mögt, was Gott für diejenigen bereitet hat, 
die ihn lieb haben, denn die Gerechten sollen ewig 
leben, und der Herr ist ihr Lohn; ja der Höchste sorgt 
für sie, darum werden sie ein herrliches Reich und ei- 
ne schöne Krone von der Hand des Herrn empfangen, 
ja, sie werden wie die Sonne in des Himmels Throne 
leuchten. 

So schreibt auch der Apostel: Wenn das irdische 
Haus dieser Wohnung zerbrochen wird, so haben wir 
einen Bau von Gott erbaut, ein Haus, das nicht mit 
Händen gemacht, das ewig ist im Himmel. Damit gibt 
der Apostel zu erkennen, daß, obschon unser irdischer 
Leib hier getötet wird, er dennoch wieder auferstehen 
und mit der himmlischen Klarheit umleuchtet wer- 
den wird. Darum schreibt Paulus: Unser Wandel ist 
im Himmel, von dannen wir auch warten des Hei- 
landes Jesus Christi, welcher unsern nichtigen Leib 
verklären wird, daß er seinem verklärten Leibe ähn- 
lich werde, womit er abermals zu erkennen gibt, wie 
herrlich der Leib nach der Auferstehung verändert 
werden soll; hier ist er krank, dort wird er stark wer- 
den, hier natürlich, dort geistig, hier sterblich, dort 
aber unsterblich werden; denn das Vergängliche muss 
das Unvergängliche, und das Sterbliche die Unsterb- 
lichkeit anziehen; dann wird der erschreckliche Tod 
zum Sieg verschlungen; dann wird auch der letzte 
Feind aufgehoben werden, welches ist der Tod; dann 
wird weder Tod, noch Leid, oder einige Hitze sein; 
dann werden die Tränen von ihren Augen abgewischt 
werden; sie werden mit Christo alles ererben, weil 
sie überwunden haben; dann wird er sie zum Brun- 
nen des lebendigen Wassers führen und sie mit dem 
verborgenen Himmelsbrote speisen, sodass sie nicht 
mehr hungern oder dürsten wird; dann wird der geis- 
tige Salomo mit dem geistigen Israel in gutem voll- 
kommenen Frieden wohnen, denn alle seine Feinde 
werden zum Schemel seiner Füße gelegt. 

Darum, meine lieben Brüder und Schwestern, seid 
standhaft und unbeweglich, und allezeit überfließend 
in den Werken des Herrn, da ihr wisst, daß eure Arbeit 
nicht vergeblich ist in dem Herrn. 


Hiermit befehle ich euch, meine lieben Brüdern und 
Schwestern, dem Herrn, der mächtig ist, euren Schatz 
zu bewahren, und euch das Erbe zu geben, unter de- 
nen, die geheiligt sind. Bittet den Herrn für mich, daß 
ich standhaft streiten und in derselben Hoffnung blei- 
ben möge, worin ich (dem Herrn sei ewig Lob) noch 
jetzt stehe; ich bitte euch, liebe Brüder, daß ihr an mei- 
nem Weibe und meinen Kindern das beste tun wollt. 

Geschrieben von mir, Jacob Kerzengießer, eurem 
schwachen Bruder und Diener, den 18. April. 

Die leiden hier nach Gottes Sinn, die wollen darauf 
merken: 

Sie geben ihre Seelen hin, dem Schöpfer guter Werken. 

Des Jacob Kerzengießers dritter Brief an seine 
Kinder. 

Derselbe Gott, der Abraham, Isaak und Jakob geseg- 
net hat, der wolle auch euch, meine Kinder, mit allerlei 
geistigem Segen im himmlischen Wesen segnen, da- 
mit ihr von Jugend auf den Herrn erkennen und ihn 
fürchten lernt, und ihm eure ganze Lebenszeit gehor- 
sam seid; dieses ist es insbesondere, was ich von Gott 
begehre, daß ihr ewig selig werden mögt und des 
Herrn Name durch euch gepriesen werde, welchem 
Namen sei Lob und Preis von nun an bis in Ewigkeit, 
Amen. 

Meine Kinder, hört die Unterweisung eures Vaters 
und verlasst nicht das Gesetz eurer Mutter; seid al- 
lezeit fertig, zu tun, was euch von Gott befohlen ist, 
nämlich, daß ihr ihn von Jugend auf erkennen, fürch- 
ten und ihm gehorchen lernt, denn der gehorsam 
kommt von der Furcht Gottes, und die Furcht Got- 
tes kommt von der Erkenntnis Gottes. 

Darum schreibt Salomo: Die Furcht des Herrn ist 
der Weisheit Anfang. Die Kinder, die ihren Vater ken- 
nen, daß er so ehrlich und gerecht ist, daß er es nicht 
zugibt, daß seine Kinder mit den Kindern auf den 
Gassen laufen, sich raufen, zanken, übel reden, ge- 
stohlenes Gut nach Hause bringen, die Kinder, sage 
ich, die ihren Vater von dieser Seite kennen, fürchten 
sich, solches zu tun, denn sie wissen, daß sie geschla- 
gen werden, wenn sie solches tun. Ebenso auch, meine 
lieben Kinder, ist der Herr ein gerechter Gott, der die 
Sünden nicht dulden, sondern diejenigen strafen will, 
die sie begehen. Darum muss man ihn fürchten, und 
die Sünde nicht vollbringen, denn die Furcht Gottes 
treibt die Sünde aus, und wer Gott fürchtet, wird Gu- 
tes tun, gleichwie Salomo sagt: Die Furcht des Herrn 
ist eine Quelle der Weisheit, daß man die Stricke des 
Todes meide, denn, meine lieben Kinder, der Tod ist 
der Sünden Sold. Deshalb weil die Furcht Gottes die 



494 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Sünde austreibt, so meidet man auch durch die Furcht 
Gottes die Ursache, die uns in den Tod stürzt, das ist 
die Sünde. So lernt denn, meine lieben Kinder, von Ju- 
gend auf in der Furcht des Flerrn wandeln, damit ihr 
der Sünde zu keiner Zeit zugeneigt werdet, und die 
Gebote des Herrn, eures Gottes, nicht vergesst, son- 
dern den Herrn fürchtet, weil er zu fürchten ist, denn 
die den Herrn fürchten, gehen auf der rechten Bahn, 
indem die Furcht des Herrn der Weisheit Anfang, und 
das Böse lassen, Verstand ist. 

Darum, meine Kinder, fürchtet den Herrn, und lasst 
ab vom Bösen, denn der Prophet Jeremia sagt: Es ist 
ein köstliches Ding für einen Mann, daß er das Joch 
in seiner Jugend trage, daß ein Verlassener geduldig 
sei, wenn ihn etwas überfallt, auch sagt Sirach: Liebes 
Kind, laß dich die Weisheit ziehen von Jugend auf, so 
wird ein weiser Mann aus dir; so wirst du die Weisheit 
finden, denn das lehrt die Weisheit Gottes, daß man 
die Lehre Gottes aufnehmen und sich darin unterrich- 
ten lassen soll, wie man das Böse verlassen müsse; 
denn die Weisheit verkündigt draußen, und lässt sich 
hören auf den Gassen, und sagt: Wie lange habt ihr 
kleinen Kinder das Alberne so lieb, und wie lange 
wollen die Toren Dinge begehren, die ihnen schädlich 
sind, und die Unweisen die Erkenntnis hassen? Die 
Kinder aber von solcher Art; sie laufen gern auf der 
Gasse um zu spielen; dort lernen sie allerlei Böses, 
haben es aber nicht gern, wenn man sie darum züch- 
tigt und zu Hause hält; daran erkennt man, daß sie 
Kinder sind, denn sie wissen es nicht, wie schädlich 
es ihnen sei, indem sie dadurch sich der Erkenntnis 
Gottes entfremden, und in der Bosheit so sehr auf- 
wachsen, daß sie sich bisweilen schwerlich mehr zur 
Wahrheit begeben können. 

Darum nennt die Weisheit die Leute oder Volk Is- 
rael kleine Kinder, weil sie bisweilen so böse sind, 
daß sie sich selbst leben wollen und die Züchtigung 
des Herrn hassen, welche gleichwohl aus Liebe zu ih- 
nen geschieht, damit sie mit der Welt nicht verdammt 
werden. Darum hütet euch, meine lieben Kinder, vor 
jeder bösen Gesellschaft, die euch verführen und in 
die Welt verflechten kann, denn die Welt ist voller 
Bosheit und wird mit ihren Wollüsten vergehen. Dar- 
um liebt die Welt nicht, meine Kinder, noch was darin 
ist, denn alles, was in der Welt ist, nämlich Augen- 
lust, Fleischeslust und hoffärtiges Leben kommt nicht 
vom Vater, sondern von der Welt. Darum enthaltet 
euch der fleischlichen Lüste, die wider die Seele strei- 
ten. Auch sagt Paulus: Flieht die Lüste der Jugend, 
denn die Lüste der Jugend haben viele ins Verderben 
gestürzt, in Unkeuschheit, Hurerei und viele unge- 
bührliche Dinge; darum meine Kinder, hütet euch vor 
der Hurerei und vor allen unerbaulichen Umgängen, 


woraus die Hurerei oft ihren Ursprung genommen 
hat, dahin gehört: Tanzen, Springen, auch daß die 
Jünglinge mit den Töchtern auf der Bierbank sitzen, 
sich trunken trinken, ungebührliche Worte reden, und 
was oft heimlich geschieht, ist schändlich zu sagen. 
Ach, meine Kinder, hütet euch vor dergleichen, denn 
der Apostel sagt: Alle, die solches tun, haben keinen 
Teil im Reiche Gottes. Wenn ihr aber erwachsen seid, 
und die Gabe der Enthaltung nicht habt, so greift zur 
Ehe in der Furcht Gottes; bittet Gott, daß er euch ei- 
ne treue Gehilfin geben wolle, damit ihr mit einem 
zerbrochenen, erniedrigten und demütigen Herzen in 
der Furcht Gottes wandelt. 

Meine Kinder! Lasst Hoffart nicht über euch herr- 
schen, weder in euren Worten, noch in Gedanken, 
gleichwie Tobias seinen Sohn ermahnt: Denn der 
Herr verstößt, welche hoffärtigen Herzens sind; aber 
die Demütigen hat er erhoben. Darum sagt David: 
Ich danke dir, Herr, daß du mich gedemütigt hast, 
denn ehe ich gedemütigt war, irrte ich. Darum, meine 
Kinder, erhebt euch niemals in eurem Herzen, son- 
dern macht euch den Niedrigen gleich, denn ehe der 
Mensch zu Grunde geht, wird er stolz und hoffärtig; 
ein trotziges Gemüt kommt vor dem Falle; denn sie 
werden so trotzig, daß sie des Herrn Wort verachten, 
und ihres Herzens Begierden leben; darum wird sie 
der Herr auch nicht achten. 

Meine Kinder! Merkt auf eures Vaters Unterwei- 
sung, und vergesst dieselbe nicht; bewahrt eure Zun- 
ge vor Verleumdung und hütet euch vor Lügen; denn 
der Mund, welcher lügt, tötet die Seele; ebenso haben 
die Lügner auch keinen Teil im neuen Jerusalem, son- 
dern ihr Teil ist im feurigen Pfuhle, der mit Feuer und 
Schwefel brennen wird, welches der andere Tod ist. 
Ein Verleumder aber richtet viel Streit und Uneinig- 
keit an, und erweckt Zank und Neid, und scheidet 
gute Freunde voneinander. Darum sagt Salomo: Wenn 
kein Holz da ist, so verlöscht das Feuer, und wenn 
der Verleumder weg ist, so hört der Hader auf; auch 
schreibt er: Tue von dir den verkehrten Mund, und 
laß verleumderische Lippen fern von dir sein; gleich- 
wie auch Mose schreibt: Du sollst keinen Verleumder, 
noch Ohrenschänder unter dir sein lassen. So hütet 
euch denn, meine Kinder, vor Verleumdungen, und 
wo ihr in einem Hause wohnt, da seid still und ver- 
schwiegen, und schwatzt nichts außerhalb des Hau- 
ses, das im Hause geschieht; was man verschweigen 
soll, das verschweigt; dadurch werdet ihr euch beliebt 
machen, und seid den Leuten allezeit getreu. Hütet 
euch vor dem Stehlen, denn es ist große Sünde; die 
Diebe haben keinen Teil am Reiche Gottes; ebenso ist 
auch niemand, der einem Diebe günstig ist, oder ihm 
traut, und beneidet einander nicht, denn aus Neid 



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hat Kain seinen Bruder totgeschlagen; und die Patri- 
archen ihren Bruder Joseph verkauft; der Neid bricht 
alle Freundschaft und macht jede Wohltat vergessen, 
und ist allein darauf bedacht, Schaden zu tun; ein Nei- 
discher freut sich nicht, wenn er seinen Bruder oder 
seine Schwester sieht, sondern er wendet das Haupt 
anderswo hin; er betrübt sich auch nicht über seines 
Bruders Unglück, sondern freut sich, wenn ihm etwas 
Widriges begegnet. Darum sagt Jakobus mit Recht: 
Habt ihr aber bittem Neid und Zank in eurem Her- 
zen, so rühmt euch nicht und lügt nicht wider die 
Wahrheit, denn wo Streit und Zank ist, da ist Unord- 
nung und eitel böses Ding. Darum, meine lieben Kin- 
der, beneidet einander nicht, auch sonst niemanden; 
sondern habt einander lieb aus reinem Herzen, wie 
Brüdern und Schwestern zukommt, nicht wie Kain, 
der vom Argen war und seinen Bruder tötete, sondern 
wie Christus uns ein Beispiel hinterlassen, der sein Le- 
ben für uns dahingegeben hat; darum müsst ihr auch 
einander lieben, nicht mit Worten oder mit der Zunge, 
sondern mit der Tat und Wahrheit, damit ihr nicht nur 
dem Fleische nach, sondern durch den Glauben an 
den Sohn Gottes Brüder und Schwestern seid, denn er 
sagt: Daran wird man erkennen, daß ihr meine Jünger 
seid, wenn ihr Liebe untereinander habt; Johannes 
sagt: Ihr Liebsten, lasst uns untereinander lieb haben, 
denn die Liebe ist von Gott; wer nicht lieb hat, der 
kennt Gott nicht, denn Gott ist die Liebe. Darum will 
er, daß sich die Kinder untereinander lieben sollen 
mit rechter ungefärbter brüderlicher Liebe, aus rei- 
nem Herzen, als die da wiederum geboren sind, nicht 
aus dem natürlichen Samen, welcher vergänglich ist, 
sondern aus dem unvergänglichen Samen geboren 
sind, nämlich aus dem Worte Gottes, das ewig bleibt. 

So bitte und ermahne ich euch nun, meine lieben 
Kinder, habt einander lieb, und vertragt euch mit- 
einander, und sei einer dem andern Untertan; das 
Kleinste soll dem Ältesten untertänig sein, damit we- 
der Streit noch Zwietracht unter euch sei; und ihr 
Katelyntgen und Kopken, ihr seid die Ältesten, wenn 
ihr erwachsen seid, so tragt für die andern Kindlein 
Sorge, und helft ihnen mit eurer Hände Arbeit; seid 
barmherzig gegen sie, damit ihr Kinder eures Vaters 
seid, der im Himmel ist, denn ihr werdet vielleicht 
eure Mutter nicht lange behalten; deshalb seid ihr 
schuldig, das Beste aneinander zu tun. 

Darum, meine Kinder, nehmt eures Vaters Ermah- 
nung zu Herzen! Vergeßt sie nicht, und seid eurer 
Mutter gehorsam, denn es steht den Kindern wohl 
an, daß sie ihren Eltern Untertan sind, gleichwie im 
Sirach steht: Der Herr will den Vater von den Kin- 
dern geehrt haben, denn das ist das erste Gebot im 
Gesetz, das Verheißung hat: Ehre Vater und Mutter, 


damit du lange leben mögest auf Erden; das ist aber 
die größte Ehre, welche die Kinder ihren Eltern er- 
weisen, wenn sie ihnen in allem, was der Ehre Gottes 
nicht zuwider ist, gehorsam sind; was aber die Ehre 
Gottes betrifft, darin haben die Eltern keine Macht 
über die Kinder zu herrschen, sondern sind verpflich- 
tet, ihre Kinder selbst dazu zu ermahnen, dem Herrn 
gehorsam zu sein, denn sie mussten ihren Kindern 
das Gesetz lehren, wenn sie sich schlafen legten und 
wieder aufstanden, in welchem Gesetze geschrieben 
stand, daß man Gott über alles lieben müsse. Darum 
sind die Kinder nicht schuldig, ihre Eltern mehr als 
Gott zu lieben; es sollen auch fromme Eltern solches 
nicht begehren, sondern ihre Kinder dazu ermahnen, 
daß sie sich in der Liebe Gottes üben, nämlich: Sei- 
ne Gebote zu halten, und demütig zu sein vor ihrem 
Gott; wie ich denn auch hoffe, meine Kinder, daß eure 
Mutter tun wird. Deshalb seid ihr untertänig in der 
Liebe, und seid ihr nicht ungehorsam, denn im Ge- 
setze stand geschrieben, daß, wer Vater oder Mutter 
fluchte, schlug, oder ungehorsam war, des Todes ster- 
ben musste; solch eine große Sünde ist es vor dem 
Herrn. 

Darum, meine lieben Kinder, obgleich ihr mich ver- 
liert, seid doch darum nicht trotzig gegen eure Mutter, 
sondern seid ihr um desto mehr gehorsam, denn ihr 
ist nun die Sorge allein anbefohlen. Deshalb, meine 
Kinder, betrübt sie nicht mit eurem Leben, denn im 
Sirach steht: Wer seinen Vater verlässt, der wird ge- 
schändet, und wer seine Mutter betrübt, der ist ver- 
flucht vom Herrn. Darum habt sie lieb und denkt, wie 
viel Schmerzen sie um euretwillen erlitten und euch 
neun Monate unter ihrem Herzen getragen habe, auch 
noch viel leiden muss, um euch das Brot zu verdie- 
nen. Darum, liebe Kinder, wenn ihr groß werdet, so 
arbeitet fleißig, damit ihr eurer Mutter das Brot zu 
verdienen helfen mögt. Seid nicht der Faulheit erge- 
ben, denn vom Müßiggang kommt viel Böses, und 
Faulheit macht die Kinder diebisch, die Töchter aber 
zu Huren, und sie nehmen zuletzt ein böses Ende. 
Darum, meine lieben Kinder, lasst euch dessen nicht 
gelüsten, sondern arbeitet und wirkt gern mit euren 
Händen etwas Redliches, damit ihr dem Dürftigen 
zu geben habt. Sollte auch eure Mutter einen andern 
Mann nehmen, so seid ihm Untertan wie eurem eige- 
nen Vater, und haltet ihn in Ehren, denn er wird für 
euch Sorge tragen und euch unterweisen und lehren, 
als ob ihr seine Kinder wärt. Darum müsst ihr, als ge- 
horsame Kinder, seine Unterweisung annehmen und 
nicht verachten. 

Ach, meine lieben Kinder! Ich, Jakob, euer Vater, ha- 
be euch dieses als ein Testament hinterlassen, damit 
ihr desto mehr an mich denken mögt und wisst, was 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


ich geglaubt habe und warum ich gestorben bin, des- 
sen ihr euch nicht schämen sollt, denn es ist um des 
Namens Christi willen geschehen, indem ich ja euch 
um des Herrn willen verlasse. Ich habe unter dem 
Himmel nichts so lieb wie euch, aber um des Herrn 
willen muss man alles verlassen, Vater und Mutter, 
Weib und Kinder, selbst sein eigenes Leben, sonst kön- 
nen wir nicht seine Jünger sein. Wer aber um seinet- 
willen dieses alles verlässt, der wird es hundertfältig 
wieder empfangen, und nachher das ewige Leben. 
Deshalb, meine lieben Kinder, verlasse ich euch mit 
einem solchen Vertrauen; Der Herr gebe euch seine 
Gnade, daß ich euch im ewigen Leben finden möge; 
ich gehe nun voraus den Weg, den Christus Jesus uns 
vorgewandelt ist samt allen Heiligen Gottes; ich weiß, 
daß alle, die gottselig leben wollen in Christo Jesu, 
Verfolgung leiden müssen; auch sagt Paulus: Euch ist 
es gegeben zu tun, daß ihr nicht allein an Christum 
glaubt, sondern auch um seinetwillen leidet, denn daß 
wir leiden, solches leiden wir nicht um unseretwillen, 
sondern um des Herrn willen, weil wir an ihn glau- 
ben, und durch den Glauben ihm nachfolgen und ihm 
gehorsam sind, was die Welt nicht ertragen kann; der 
denn Prophet sagt: Die Wahrheit fällt auf die Gasse; 
die Wahrheit liegt gefangen, und das Recht kann nicht 
einhergehen; wer vom Bösen weicht und Gutes tut, 
muss jedermanns Raub sein; gleichwie Christus sagt: 
Wärt ihr von der Welt, so hätte die Welt das Ihre lieb; 
dieweil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich 
euch von der Welt erwählt habe, darum hasst euch 
die Welt; deshalb sagt Jakobus, daß der Welt Freund- 
schaft Gottes Feindschaft sei; wollt ihr also der Welt 
Freunde sein, so werdet ihr Gottes Feinde sein; denn 
wenn ihr, meine lieben Kinder, der Welt Freunde sein 
wollt, so müsst ihr auch der Welt in ihrer ungebührli- 
chen Weise und ihrem falschen Gottesdienste folgen; 
darum schreibt Paulus: Wenn ich noch den Menschen 
wohlgefällig wäre, dann wäre ich Christi Knecht nicht; 
denn solche Liebe hat uns der Vater bewiesen, daß 
wir seine Kinder heißen sollen; darum kennt uns die 
Welt nicht, denn sie kennt auch ihn nicht. Haben sie 
nun den Hausvater Beelzebub genannt, so ist es kein 
Wunder, daß sie seine Hausgenossen auch so nennen, 
denn der Knecht ist nicht besser, als sein Herr, noch 
der Jünger über seinem Meister. 

Hiermit will ich euch, meine lieben Kinder, und eu- 
re Mutter dem Herrn anbefehlen, um dessentwillen 
ich sie zu verlassen hoffe, der mächtig ist, euch zu ver- 
sorgen und vor allem Argen zu bewahren. Der Herr 
gebe euch seine Gnade, daß ihr in der Erkenntnis Got- 
tes aufwachsen mögt durch den Heiligen Geist, damit 
ihr, nach dem Ausspruche des gerechten Gerichtes 
Gottes, gerecht erfunden werden mögt zu seinem Rei- 


che, durch Jesum Christum, unsem Herrn und Hei- 
land, welchem sei Lob und Preis, von Ewigkeit zu 
Ewigkeit, Amen. 

Geschrieben den 2. und 3. Mai 1569, im Gefängnisse 
zu Brügge, wo ich um des Zeugnisses Jesu willen 
unter dem Hause van de Brye gefangen lag. Von mir 
Jacob Kerzengießer. 

Dieses sende ich meinen lieben Kindern als ein kur- 
zes Testament; ich hoffe ihnen auch meinen Glauben 
aufzuschreiben, was hier wohl dienlich sein kann, da- 
mit sie wissen, auf welchen Glauben ihr Vater gestor- 
ben sei. 

Die leiden hier nach Gottes Sinn, die wollen darauf 
merken: 

Sie geben ihre Seelen hin, dem Schöpfer guter Werken. 

Der vierte Brief von Jacob Kerzengießer, 

geschrieben an seine Kinder, welcher eigentlich 
ein Bekenntnis seines Glaubens enthält. 

Meine auserwählten lieben Kinder! Ich hoffe, euch 
meinen Glauben in der Kürze zu schreiben, damit 
ihr wissen mögt, daß ich nicht als ein Verführer oder 
Ketzer, sondern um des rechten Glaubens willen ge- 
storben sei, der vor Gott gilt. 

1 . Zunächst glaube und bekenne ich, daß ein wahrer 
Gott sei, welcher Himmel und Erde, das Meer, und al- 
les was darin ist, durch sein ewiges, allmächtiges und 
unbegreifliches Wort erschaffen hat, das im Anfänge 
bei Gott war, und auch Gott war, samt dem Vater. 

2. Und Gott hat am sechsten Tage den Menschen 
gemacht, nach seinem Bilde oder Gleichnis, nämlich, 
nach seiner Art; der Mensch aber ist durch List der 
Schlange in seiner Schöpfung nicht geblieben, in wel- 
cher der Teufel gewirkt hat, sodass er Adam mit sei- 
nem ganzen Samen in den Tod gestürzt hat, wie ge- 
schrieben steht. 

Gott schuf den Menschen unsterblich, und machte 
ihn zum Bilde nach seiner Gleichheit; aber durch des 
Teufels Neid ist der Tod in die Welt gekommen, und 
alle, die seines Teils sind, folgen ihm nach, wie auch 
Esra schreibt: Der erste Adam, weil er ein arges Herz 
hatte, hat übertreten, und ist überwunden worden, so 
wie auch alle, die von ihm geboren sind; ferner sagt er: 
Ach, Adam! Was hast du getan? Denn weil du gesün- 
digt hast, ist nicht dein Fall über dich allein geraten, 
sondern auch über uns, die wir von dir hergekommen 
sind. 

3. Als nun der Mensch Adam, mit seinem ganzen 
Geschlechte, in den Tod gefallen war, hat der barm- 
herzige Vater aus Gnade seinen Sohn oft verheißen, 
welcher als ein unbeflecktes Lamm, das vor Grund- 



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legung der Welt ersehen war, uns durch seinen Tod 
und durch sein Blut vom Tode erlöst hat, welcher 
auch in der Fülle der Zeit ein Mensch geworden ist, 
geboren von der Jungfrau Maria, wie von ihm ge- 
weissagt worden ist, wenn es heißt: Ein Kind ist uns 
geboren, ein Sohn ist uns gegeben; und abermals: Ei- 
ne Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn 
gebären. Also ist er durch die Kraft des Höchsten 
von dem Heiligen Geiste in Maria empfangen wor- 
den, wie der Engel zu ihr sagte: Der Heilige Geist 
wird über dich kommen, und die Kraft des Höchs- 
ten wird dich überschatten. Zu Joseph sagte er, das 
in ihr geboren ist, ist vom Heiligen Geiste, weshalb 
das Heilige, das von ihr geboren wird, Gottes Sohn 
genannt werden soll, denn das Wort, das im Anfänge 
bei Gott war, ist Fleisch geworden, und hat unter den 
Menschen gewohnt sichtbar und begreiflich, sodass 
man auch seine Herrlichkeit gesehen hat, eine Herr- 
lichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller 
Gnade und Wahrheit. Dieser hat sich selbst erniedrigt, 
und Knechtsgestalt angenommen, ist wie ein anderer 
Mensch geworden und an Gestalt als ein Mensch er- 
funden worden; alles nun, was er von seinem Vater 
gehört hat und gesehen hat, das hat er uns gelehrt und 
zu erkennen gegeben, und ist seinem Vater gehorsam 
gewesen bis zum Tode. Er ist aber unschuldig von 
Pilatus zum Tode verurteilt worden, und am dritten 
Tage wieder auferstanden von den Toten, und nach 
seiner Auferstehung hat er seinen Jüngern befohlen, 
allen Kreaturen das Evangelium zu predigen und die 
Gläubigen im Namen des Vaters, des Sohnes und des 
Heiligen Geistes zu taufen, auch ist er gen Himmel 
aufgefahren, und sitzt zur rechten Hand des Vaters, 
von dannen er wiederkommen wird vom Himmel 
in der Herrlichkeit seines Vaters, und in den Wolken 
des Himmels, um die Lebendigen und die Toten zu 
richten. 

4. Ferner glaube und bekenne ich, daß ein Heiliger 
Geist sei, der vom Vater ausgeht, und durch Christum 
Jesum auf die Gläubigen und wiedergeborenen Kin- 
der ausgegossen wird, wie Tit 3 und Eph 1 geschrieben 
steht, als ein Unterpfand des Geistes und zur Versi- 
cherung des Gemütes, durch welchen Geist sie rufen: 
Abba, lieber Vater! Durch denselben Geist werden sie 
auch in alle Wahrheit geleitet, denn er ist ihr Lehr- 
meister; durch denselben Geist haben die Propheten 
geweissagt, denn Gott teilt ihn durch die geistigen 
Gaben den Gläubigen mit zum allgemeinen Nutzen. 
Darum schreibt der Apostel: Es sind mancherlei Ga- 
ben, aber es ist ein Geist, und es sind mancherlei Äm- 
ter, aber es ist ein Herr, und es sind mancherlei Kräfte, 
aber es ist ein Gott, der alles in allem wirkt. Diese drei 
Namen sind ein wahrer Gott; der Vater ist der Schöp- 


fer, der alle Dinge durch den Sohn oder sein Wort, 
und durch seinen Geist erschaffen hat; auch hat er 
alle Dinge wieder erneuert, und die Gläubigen durch 
den Sohn und durch den Heiligen Geist gereinigt, in 
welchen drei Namen den Aposteln befohlen war, die 
Gläubigen zu taufen; denn drei sind, die im Himmel 
zeugen: der Vater, das Wort und der Heilige Geist, 
und diese drei sind eins. 

5. Auch glaube und bekenne ich, daß eine heilige 
christliche Kirche sei, welche die Gemeinschaft der 
Heiligen und die Versammlung der Gläubigen und 
Gerechten ist; diese ist ein Tempel des lebendigen Got- 
tes, eine Säule und ein fester Grund der Wahrheit und 
eine Wohnung Gottes im Geiste. In diesem Tempel 
ist der Heilige Geist Lehrmeister; die Apostel sind 
Bauleute, die diesen Tempel zuerst auferbaut haben. 
Ebenso wie Salomo seine Knechte auf einen Berg ge- 
sandt hat, die Steine zu behauen, als er seinen Tempel 
bauen wollte, und als nun Steine zubereitet waren 
und zur Arbeit gebracht wurden, fügten sie dieselben 
zusammen, sodass man im Bauen weder Hammer 
noch Beil oder sonst ein eisernes Werkzeug hörte; so 
hat auch Christus seine Apostel ausgesandt, um die 
Menschen zu lehren, und in seinem Namen Buße zu 
verkündigen, ehe sie sich taufen ließen; denn sollten 
sie lebendige Steine an dem Tempel Gottes sein, so 
mussten sie wiedergeboren sein mit dem Hammer 
des Wortes Gottes, und durch den unvergänglichen 
Samen Gottes des Vaters, der ein Berg und ein Fels 
ist ewiglich. Also haben die Apostel anfänglich den 
Tempel gebaut, und, als weise Bauleute, den Grund 
gelegt. 

Darum sägt Paulus, daß Gott in der Gemeinde zu- 
nächst die Apostel, darauf die Propheten und endlich 
die Lehrer verordnet habe; an einem andern Orte sagt 
er: Er hat einige zu Aposteln, andere zu Propheten, 
einige zu Evangelisten, andere zu Hirten und Lehrern 
gesetzt, daß die Heiligen zum Werke des Amtes zuge- 
richtet werden, wodurch der Leib Christi erbaut wird, 
bis daß wir alle hinan kommen zu einerlei Glauben 
und Erkenntnis des Sohnes Gottes und ein vollkom- 
mener Mann werden, der da sei in dem Maße des voll- 
kommenen Alters Christi, denn ebenso wie ein Leib 
viele Glieder hat, und doch nur ein Leib ist, so sind 
auch die Gläubigen, ihrer großen Anzahl ungeach- 
tet, dennoch nur ein Leib, dessen Haupt Christus ist; 
denn Paulus schreibt: Wir sind durch einen Geist alle 
zu einem Leibe getauft, und sind alle zu einem Geiste 
getränkt. Alle nun, die in diesem Tempel oder dieser 
Stadt sind, haben Christum zu einem Herrn und Kö- 
nig. Ihm müssen sie gehorsam sein; von ihm müssen 
sie sich regieren und ihn mit seines Reiches Zepter, 
nämlich mit seinem Geiste und Wort herrschen las- 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


sen; denn Ihm ist alle Macht gegeben im Himmel und 
auf Erden. Der Vater richtet niemanden, sondern hat 
dem Sohne alles Gericht übergeben, damit sie alle den 
Sohn ehren sollen, gleichwie sie den Vater ehren; wer 
den Sohn nicht ehrt, der ehrt auch den Vater nicht, 
der Ihn gesandt hat. Und wie der Vater das Leben 
hat, in Ihm selbst, so hat er dem Sohne gegeben, das 
Leben in ihm selbst zu haben. Wer den Sohn Gottes 
hat, der hat das ewige Leben, wer den Sohn Gottes 
nicht hat, der hat das Leben nicht. Durch ihn hat die 
Kirche Vergebung der Sünden, denn sie glauben an 
ihn und suchen allein ihre Seligkeit in ihm, denn es 
ist ihnen kein anderer Name unter dem Himmel ge- 
geben, wodurch sie selig werden sollen, als der Name 
Christi, indem er ihnen von Gott zur Weisheit, zur 
Gerechtigkeit, zur Heiligung und Erlösung gemacht 
ist; auch hat er sich selbst für sie dahingegeben, damit 
er sie von aller Ungerechtigkeit erlöse, und sich ein ei- 
genes Volk reinigte, das zu allen guten Werken fleißig 
wäre. 

Diese haben einen Herrn, einen Glauben, eine Taufe; 
diese haben Gott zum Vater, einen Heiligen Geist, auf 
welchen und durch welchen der Tempel erbaut und 
gegründet ist. 

6. Lerner glaube und bekenne ich eine christliche 
Taufe, nach Inhalt des Wortes Gottes, wie Christus sei- 
nen Aposteln befohlen hat, wenn er sagt: Geht hin und 
lehrt alle Völler und tauft sie im Namen des Vaters, 
des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie 
halten alles, was ich euch befohlen habe; und Mk 16: 
Geht hin und lehrt alle Welt und predigt das Evan- 
gelium allen Kreaturen; wer da glaubt und getauft 
wird, soll selig werden; wer aber nicht glaubt, wird 
verdammt werden. Also haben die Apostel nach ihres 
Herrn Befehl getan, denn Petrus hat auf dem Pfingst- 
feste seinen Mund aufgetan, das Volk von Jerusalem 
gelehrt und sie wegen ihrer Sünden bestraft, sodass 
sie sagten: Ihr Männer, liebe Brüder, was sollen wir 
tun? Petrus sagte: Tut Buße und lasse ein jeder sich 
taufen, so werdet ihr die Gabe des Heiligen Geistes 
empfangen, die euch und euren Kindern verheißen 
ist, und allen, die fern sind, welche Gott, unser Herr, 
herzurufen wird. 

Hiermit beweist der Apostel, daß die Gaben des 
Heiligen Geistes nicht allein an Juden und ihren Kin- 
dern, sondern auch den Heiden gegeben werden soll- 
ten, die von dem Reiche Gottes entfernt waren, wel- 
che Gott auch herzurufen wird; gleichwie der Prophet 
Joel zuvor gesagt hatte, daß Gott in den letzten Ta- 
gen seinen Geist über alles Pleisch ausgießen würde. 
Darum hat auch Gott den Heiligen Geist über den 
heidnischen Cornelius und sein Hausgesinde ausge- 
gossen, um Petrus und seinen Aposteln zu zeigen, daß 


er allen Menschen Macht gegeben hatte, durch den 
Glauben Gottes Kinder zu werden, und mit solchen 
wollte er seinen Bund aufrichten; deshalb gedachte 
Petrus, daß man sie im Namen des Herrn taufen sollte, 
denn sie waren von Christo mit dem Heiligen Geiste 
und Teuer getauft, durch welchen Geist er ihr Herz 
von den toten Werken reinigte, um dem lebendigen 
Gotte zu dienen. Darum sagte Petrus zu denen von Je- 
rusalem: Tut Buße und lasse sich ein jeder im Namen 
des Herrn zur Vergebung der Sünden taufen, nicht 
als ob durch die Taufe die Sünde vergeben werden 
könnte, wie man an Simon dem Zauberer sehen kann; 
dieser war auch von Philippus getauft, aber Petrus 
sagte, er sollte weder Teil noch Anfall an dem Wor- 
te haben, sondern sie werden durch den Glauben an 
Jesum von den Sünden gereinigt, in dessen Namen 
sie die Taufe empfangen; darum ist die Taufe ein Zei- 
chen, wodurch etwas Besseres vorgebildet wird, und 
muss folglich auf oder durch den Glauben empfan- 
gen werden, denn Petrus sagt: Welches uns nun auch 
selig macht in der Taufe, die durch jenes bedeutet ist, 
nicht das Abtun des Unflats am Pleische, sondern der 
Bund eines guten Gewissens mit Gott, durch die Auf- 
erstehung Jesu Christi, welcher zur Rechten Gottes 
in den Himmel gefahren ist. Deshalb hat auch Philip- 
pus, nach dem Befehle Christi, die Samariter gelehrt, 
ehe sie die Taufe empfingen; auch viele Korinther, die 
zuhörten, wurden gläubig und ließen sich taufen. So 
muss denn die Taufe auf den Glauben empfangen 
werden, zu einem Bunde des christlichen Lebens, zu 
einem Anziehen des Leibes Christi, zu einer Einpfrop- 
fung in den rechten Ölbaum und Weinstock Christum, 
zu einem Eingänge in die geistliche Arche Noah, wo- 
von Christus der rechte Hausvater ist, wie von ihm 
geschrieben steht; Siehe, hier bin ich, und die Kin- 
der, die mir Gott gegeben hat; und Jesaja nennt ihn 
den starken Gott, den einigen Vater, den Friedensfürst. 
Also werden sie von Christo getauft, inwendig mit 
dem Heiligen Geiste und Teuer, auswendig aber mit 
Wasser, wie der Kämmerer sagte: Hier ist Wasser, was 
hindert es, daß ich mich nicht taufen lasse? Philip- 
pus sagte: Glaubst du von ganzem Herzen, so mag 
es wohl sein; er antwortete: Ich glaube, dass Jesus 
Christus Gottes Sohn ist. 

Darum muss man die rechte christliche Taufe nach 
dem Befehle Christi und dem Gebrauche der Apostel 
empfangen, im Namen des Vaters, des Sohnes und des 
Heiligen Geistes, damit die Sünden begraben werden 
und wir mit Christo in einem neuen Leben wandeln, 
auch der Sünde fernerhin nicht mehr dienen. 

7. Lerner bekenne ich ein rechtes Nachtmahl oder 
Brotbrechen, welches Christus selbst eingesetzt und 
mit seinen Aposteln gebraucht hat, und das zwar mit 



499 


Brot und Wein; denn in der Nacht als er verraten ward, 
nahm er das Brot, dankte, brach es und sprach: Nehmt 
und esst, das ist mein Leib, der für euch gebrochen 
wird; solches tut zu meinem Gedächtnisse; und nach 
dem Abendmahle nahm er den Kelch und sprach: Die- 
ser Kelch ist das neue Testament in meinem Blute, so 
oft ihr davon trinkt, so tut es zu meinem Gedächt- 
nisse. Daraus aber kann niemand schließen, daß das 
Brot der Leib Christi selbst sei, weil er es seinen Leib 
nannte; sonst müsste auch folgen, daß der Kelch sein 
Testament sei, denn er hat den Kelch sein Testament 
genannt; aber es sind Gedenkzeichen, wobei man sich 
seines Todes und des Testamentes (das mit seinem 
Blute besprengt ist) erinnern soll; denn wo ein Testa- 
ment ist, da muss der Tod dessen, der das Testament 
gemacht, erfolgt sein, denn solange derjenige lebt, 
der das Testament gemacht hat, ist dasselbe ungültig. 
Darum hat Christus sein Testament, das er mit dem 
Hause Israel gemacht hat, mit seinem Tode befestigt, 
und sein Blut zur Vergebung vieler Menschen Sün- 
den vergießen lassen; also bricht man das Brot dessen 
zum Andenken, und trinkt den Wein in der Gemeinde, 
gleichwie Christus gesagt hat: Tut dieses zu meinem 
Gedächtnisse, denn gleichwie das Brot in der Gemein- 
de gebrochen wird, so wurde auch der Leib Christi 
am Kreuzesholze zerbrochen, und gleichwie von die- 
sem Brote niemand gespeist wird, als diejenigen, die 
davon essen, so wird niemand von Christo, der das 
Brot des Lebens ist, nach der Seele gespeist, der nicht 
an ihn glaubt. 

Darum konnte Judas Christum nicht empfangen, 
obgleich er von dem Brote aß, denn es gehört nie- 
mandem das Brotbrechen, als denen, die durch den 
Glauben Christi teilhaftig sind, und mit Ihm ein Brot 
geworden sind; auch gebührt es niemandem, aus dem 
Kelche zu trinken, als demjenigen, der ein Kind des 
Neuen Testamentes (welches mit dem Blute Christi 
besprengt ist) geworden ist; derselbe muss das Gesetz 
des Herrn in sein Herz geschrieben haben; der Herr 
muss also sein Gott geworden sein, der seiner Sünden 
nicht mehr gedenken will, denn soll man ein Gedenk- 
zeichen gebrauchen, so muss man dasjenige haben, 
dessen man sich dabei erinnern soll. Darum sagt der 
Apostel: Ein jeder prüfe sich selbst, und so esse er 
von diesem Brote und trinke von dem Kelche, denn 
wer unwürdig isst oder trinkt, der isst und trinkt sich 
selber das Gericht, weil er den Leib des Herrn nicht 
unterscheidet, indem man einen Unterschied darin 
machen muss, für wen der Herr seinen Leib dahin- 
gegeben hat. Darum müssen die Christen, oder die 
sich so nennen lassen, sich selbst prüfen, ob ihnen 
auch das Brot zukomme; solches stellt ihnen viel vor, 
indem es ihnen gleichsam ein Spiegel ist, denn es ist 


Brot, welches aus vielen Körnlein gebacken ist, wel- 
che durch das Mahlen untereinander gemengt, mit 
Wasser angemacht, durch das Feuer gebacken, und 
auf solche Weise ein Brot werden, daß man nicht mehr 
unterscheiden kann, welches das größte oder kleins- 
te Körnlein gewesen; ebenso muss auch unser Herz 
durch den Hammer des Wortes Gottes zerbrochen 
werden, durch die Gemeinschaft des Heiligen Geis- 
tes untereinander; wir müssen in feuriger Liebe einig 
und zufrieden untereinander sein und nichts durch 
Zank oder eitle Ehre tun, sondern der eine halte den 
andern höher als sich selbst. Diejenigen, die in sol- 
cher Weise mit Christo ein Brot geworden sind, denen 
kommt das Brotbrechen zu; die sollen es zu seinem 
Gedächtnisse empfangen, denn für ein solches Volk 
hat er seinen Leib dahin gegeben; diese sollen aus 
dem Kelche trinken, denn sie sind mit seinem Blu- 
te gereinigt, und haben das, was der Wein bedeutet, 
durch den Glauben erlangt. 

Darum schreibt Paulus: Der Kelch der Danksagung, 
womit wir danken, ist der nicht die Gemeinschaft des 
Blutes Christi? Das Brot, welches wir brechen, ist das 
nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi? So sind 
wir viele ein Brot und ein Leib, weil wir alle eines 
Brotes teilhaftig sind. Seht an den Israel nach dem 
Fleische, die das Opfer essen, sind sie nicht alle in 
der Gemeinschaft des Altars? Denn gleichwie Aaron 
und seine Kinder die Opfer aßen, und kein Fremdling 
davon essen durfte, so kommt das Brechen des Brotes 
und das Trinken des Kelches niemandem zu, als nur 
den rechten, wiedergeborenen Kindern Gottes, die 
von innen von Christo mit dem Heiligen Geiste und 
Feuer getauft sind, von außen aber mit Wasser auf 
ihren Glauben, und also mit Christo ein Brot und ein 
Leib geworden sind. Und wie die Kinder Israel das 
Osterlamm mit ungesäuertem Brote essen mussten, 
so soll auch das Abendmahl des Herrn von einem un- 
gesäuerten Volke gehalten werden, welches den alten 
Sauerteig ausgefegt hat, und ein neuer Teig geworden 
ist, oder sie halten solches zu ihrem Gerichte. 

So ist denn das Brot nicht sein Leib, obgleich es 
Christus so nennt, sondern es ist das Gedenkzeichen 
seines Leibes, den er für uns dahingegeben hat, denn 
Christus sagt zu seinen Jüngern: Wer euch aufnimmt, 
der nimmt mich auf; ferner sagt er: Wer ein solches 
Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich 
auf. Diese Wort soll man nicht so verstehen, als ob sie 
Christum leiblich empfingen, sondern diejenigen, die 
solches Kind oder seine Jünger aufnehmen, die tun 
in der Kraft eben soviel, als ob sie Christum aufge- 
nommen hätten, denn sie waren seine Boten, welche 
sie in seinem Namen aufnahmen; auch sagt Paulus, 
daß die Kinder Israel von dem geistigen Felsen ge- 



500 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


trunken haben, der ihnen nachfolgte, welcher Jesus 
Christus war; gleichwohl hat Mose mit seinem Stabe 
nicht Christum geschlagen, sondern den Felsen, wel- 
cher Christum vorstellte, denn gleichwie Wasser aus 
dem Felsen floss, als ihn Mose mit dem Stabe schlug, 
welches die Kinder Israel tranken, so hat Gott der Va- 
ter durch seine Kraft das Wasser des ewigen Lebens 
fließen lassen, um die geistigen Israeliten zu tränken; 
darum sagt er auch: Welcher Felsen Christus war. Sie 
haben auch (sagt er) einerlei geistige Speise gegessen, 
obgleich sie nur, gleichsam im Vorbilde, das Himmels- 
brot in der Wüste aßen; aber Gott hat uns das wahre 
Brot vom Himmel gegeben, welches Christus ist, wo- 
von das Brot, welches die Israeliten aßen, ein Vorbild 
war. Darum schreibt Paulus: Sie haben einerlei geisti- 
ge Speise gegessen. Solcher Art und Weise zu reden, 
hat sich nun Paulus und seine Apostel bedient, indem 
sie die Zeichen und Vorbilder so nannten, als ob es das 
Wesen selbst gewesen wäre, wie an den beiden Wei- 
bern zu ersehen ist; die Worte bedeuten etwas, denn 
es sind die beiden Testamente, wiewohl die Weiber 
die Testamente nicht selbst waren, sondern sie stellen 
die Testamente vor. 

Ebenso muss man auch nicht meinen, daß das Brot 
der Leib Christi wäre, sonst müsste auch der Kelch 
das Testament und der Wein sein Blut sein; dem ist 
aber nicht so, sondern es sind nur Gedenkzeichen, wo- 
bei man sich seines Leibes und seines Blutes erinnern 
soll, das am Stamme des Kreuzes vergossen worden 
ist; darum sagt Christus: Solches tut zu meinem Ge- 
dächtnisse. 

8. Ferner bekenne ich einen christlichen Bann oder 
eine Absonderung von der Gemeinschaft, welche 
Christus und seine Apostel selbst verordnet und ein- 
gesetzt haben, und das auf zweierlei Weise; erstlich 
hat Christus zu Petrus und seinen andern Aposteln 
gesprochen: Was ihr auf Erden binden werdet, das 
soll auch im Himmel gebunden sein, und was ihr auf 
Erden lösen werdet, das soll auch im Himmel gelöst 
sein. Zuvor aber hat er gesagt: Ich will dir des Him- 
melreichs Schlüssel geben; und ferner zu seinen Jün- 
gern: Friede sei mit euch; gleichwie mich mein Vater 
gesandt hat, so sende ich euch, und als er dies sagte, 
blies er sie an mit den Worten: Nehmt hin den Heili- 
gen Geist; welchen ihr die Sünde vergebt, denen sind 
sie vergeben, welchen ihr sie aber behaltet, denen sind 
sie behalten. Hieraus darf aber niemand schließen, als 
ob Christus den Aposteln solche Macht gegeben habe, 
daß sie das Reich nach ihrem Willen regieren durften; 
das sei fern, sondern er hat ihnen das Reich beschie- 
den, wie es ihm sein Vater beschieden hat, damit sie 
es nach seinem Willen regieren sollten; ebenso hat er 
sie auch zu Statthaltern verordnet, weil er nicht bei 


ihnen bleiben konnte; ebenso, wie der König von Spa- 
nien, als er aus dem Lande reisen wollte, Statthalter 
statt seiner verordnete, welche die Leute nach seinem 
Willen regieren sollten; aber er hat sie nicht zu Herren 
darüber gesetzt, sondern übergab ihnen seine Rechte, 
Gebote und Befehle; weshalb denn nun alles, was sie 
hier in diesen Landen gebunden oder gelöst, nämlich, 
was sie hier geurteilt und gerichtet haben, vor dem 
Könige bestehen muss, wenn sie es anders nach sei- 
nen Rechten und Gebräuchen gerichtet haben, oder 
aber er müsste kein rechter König sein. 

Ebenso hat Christus seinen Aposteln auch eine 
Richtschnur gegeben, wonach sie sich richten sollten, 
und hat ihnen überdies seinen Geist mitgeteilt, damit 
sie solches der Gemeinde vollkommen erklären könn- 
ten; auch hat Christus zu ihnen gesagt: Ärgert dich 
deine Hand, so haue sie ab, und wirf sie von dir; es ist 
dir besser, nur eine Hand zu haben, und in das ewige 
Leben einzugehen, als zwei Hände zu haben, und in 
das höllische Feuer geworfen zu werden; ein Gleiches 
sagt er auch von den Füßen und Augen ,Mt 18. Weil 
nun unter den Korinthern solch ein ärgerliches Glied 
war, das nämlich seines Vaters Weib hatte, so hat Pau- 
lus beschlossen, mit seinem Geiste und mit der Kraft 
Christi in ihrer Versammlung es dem Satan zum Ver- 
derben des Fleisches zu übergeben, damit der Geist 
selig werden möchte. Was nun Paulus auf Erden band, 
das war im Himmel gebunden, denn er tat es durch 
die Kraft Christi, und darin bestand die Macht, die 
sie empfangen hatten, daß sie alle ärgerlichen Glieder 
absonderten, und diesen Sauerteig ausfegten, damit 
sie ein neuer Teig sein möchten. Darum schrieb er den 
Thessalonichern: Wir gebieten euch, liebe Brüder, im 
Namen unsers Herrn Jesu Christi, daß ihr euch aller 
Brüder entzieht, die unordentlich wandeln, und nicht 
nach der Einsetzung, die ihr empfangen habt, denn 
die Toten können nicht bei den Lebendigen bleiben, 
damit dadurch nicht ein Gestank entstehe, und diesel- 
ben ebenfalls unrein weiden; darum muss man sich 
aller unreinen Brüder und Schwestern entziehen; auch 
schreibt der Apostel: Einen ketzerischen Menschen, 
wenn er ein- oder zweimal ermahnt worden ist, mei- 
de, und wisse, daß ein solcher verkehrt ist, und als ein 
solcher sündigt, der sich selbst verurteilt hat; man soll 
sie meiden, denn sie richten Zank und Ärgernis an, 
damit die Gemeine durch ihre falsche Lehre nicht ver- 
dorben werde. Darum soll man auch nichts mit denen 
zu tun haben, die aus der Gemeinde gebannt wor- 
den sind, damit wir uns an ihnen nicht verunreinigen; 
ferner, damit sie beschämt werden, und sich bessern, 
denn es ist eine Strafe zur Besserung, und nicht zum 
Verderben; nicht wie Israel zu bannen pflegte, was 
gewöhnlich mit dem Tode geschah, sondern man soll 



501 


sich, ohne Ansehen der Personen, aller Brüder und 
Schwestern entziehen, denn ebenso wenig wie Mo- 
se in seinem strengen, tödlichen Banne einen Unter- 
schied der Personen machte, so macht auch Christus 
in seinem Banne, der zur Besserung dient, keinen Un- 
terschied. Darum schreibt der Apostel: Ich habe euch 
geschrieben, daß ihr mit diesen nichts zu schaffen ha- 
ben sollt; wenn sich jemand einen Bruder nennen lässt 
und ist ein Ehebrecher, oder ein Geiziger, oder Göt- 
zendiener, oder ein Lästerer, oder ein Trunkenbold, 
oder ein Räuber, mit solchem sollt ihr auch nicht essen. 
Zweitens sagt Mt 18, wo ihnen Christus den Schlüssel 
gibt: Wenn dein Bruder an dir sündigt; hier redet er 
nicht von ärgerlichen Gliedern, welche er abgeschnit- 
ten haben will, wie in demselben Kapitel geschrieben 
steht, denn er sagt: Strafe ihn zwischen dir und ihm 
allein; hört er dich, so hast du ihn gewonnen; das ist: 
Bekennt er seine Schuld, so sollst du ihm vergeben, 
denn es ist keine Todsache, weshalb ihn Gott verbannt 
hat; darum sollst du es ihm vergeben, wie dir Gott täg- 
lich vergibt durch Christum; hört er dich aber nicht, 
so nimm noch einen oder zwei zu dir, damit in zweier 
oder dreier Zeugen Mund alles Ding bestehe; hört er 
die nicht, so sage es der Gemeinde; hört er die Gemein- 
de nicht, so halte ihn für einen Heiden und Zöllner; 
welche Heiden und Zöllner außer Bunde des Herrn 
standen. Hieran kann man wahmehmen, daß er von 
Sünden rede, die zwischen Brüdern geschlichtet wer- 
den können, in welcher Beziehung die Apostel den 
Bindeschlüssel erst nach der dritten Ermahnung ge- 
brauchen durften, und dann wird er nicht um seiner 
Sünde (obschon die Sünde die Ursache war), sondern 
um seines Ungehorsams willen gestraft. Da sagte Pe- 
trus: Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, 
wenn er an mir sündigt, ist siebenmal genug? Chris- 
tus antwortete: Ich sage dir, nicht siebenmal, sondern 
siebzigmal siebenmal, so oft als Brüder wider einan- 
der sündigen, es sei in Worten oder Werken, sollen 
sie einander vergeben, wenn die Schrift keinen Bann 
darauf gelegt hat, denn dieselbe ist der Schlüssel, wo- 
mit alles zugeschlossen und aufgelöst, gebunden und 
entbunden werden muss, oder es wird im Himmel 
nicht bestehen. Ach, meine lieben Brüder! Seht wohl 
zu, daß sie allezeit recht gebraucht werde, dann wird 
es euch zu großem Frieden dienen. 

9. Endlich glaube und bekenne ich eine Auferste- 
hung der Toten, sowohl der Gerechten als auch der 
Ungerechten, denn gleichwie der Tod durch einen 
Menschen über alle Menschen gekommen ist, so 
kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung 
von den Toten über alle Menschen; gleichwie, wir in 
Adam alle sterben, so werden wir in Christo alle le- 
bendig gemacht, ein jeder in seiner Ordnung, denn 


viele, die unter der Erde liegen und schlafen, werden 
erwachen, einige zum ewigen Leben, andere zur ewi- 
gen Schmach und Schande. Und die Toten, die in den 
Gräbern sind, werden die Stimme Christi hören, und 
werden hervorgehen, diejenigen, welche Gutes getan 
haben, zur Auferstehung des ewigen Lebens, diejeni- 
gen aber, die Übles getan haben, zur Auferstehung des 
Gerichtes; dann werden ihre Angesichter schwarzer 
sein als die Finsternis, und sie werden sehr erschre- 
cken, und vor Angst des Geistes seufzen, wenn sie vor 
den Richterstuhl gestellt und nach ihren Werken be- 
lohnt werden; dann werden sie zu den Bergen sagen: 
Kommt und bedeckt uns, damit wir das Angesicht 
dessen nicht sehen, der auf dem Stuhle sitzt; dann 
werden sie in die Höhlen der Fledermäuse kriechen 
und sich in den Steinklüften vor der schrecklichen 
Majestät des Herrn verbergen; aber es wird nicht sein 
können, denn er wird kommen in den Wolken, und 
alle Augen werden ihn sehen, und werden alsdann er- 
kennen, in wen sie gestochen haben, denn sie werden 
die Gerechten in großer Freudigkeit stehen sehen, und 
werden sagen: Diese sind es, die wir etwa zu einem 
Spotte hatten; wir Narren hielten ihr Leben für unsin- 
nig; wie sind sie nun unter die Kinder Gottes gezählt, 
und ihr Erbe ist unter den Heiligen; dann werden sie 
das schreckliche Urteil hören müssen, wenn Christus 
sagen wird: Geht hin, ihr Verfluchten, in das ewige 
Feuer, welches dem Teufel und seinen Engeln bereitet 
ist; die Gerechten aber werden mehr als die Sterne, 
ja, wie die Sonne leuchten auf ihres Vaters Throne, 
und werden mit weißen Kleidern angetan und mit 
dem ewigen Himmelsbrote gespeist werden, und wer- 
den von dem Baume essen, der mitten im Paradiese 
Gottes steht; dann werden sie nicht mehr hungern 
oder dürsten, denn das Lamm wird sie zur Quelle 
des lebendigen Wassers leiten; dann werden sie alles 
besitzen, denn sie haben überwunden. 

Sieh, wie herrlich werden diejenigen sein, die zur 
Auferstehung der Gerechten werden würdig erfun- 
den werden, denn dies Sterbliche muss das Unsterb- 
liche anziehen, und dies Verwesliche muss das Un- 
verwesliche anziehen; nun wird es gesät verweslich 
und es wird auferstehen unverweslich; es wird gesät 
in Unehre und wird auferstehen in Herrlichkeit; er 
wird gesät in Schwachheit, und wird auferstehen in 
Kraft; es wird gesät ein natürlicher Leib, und wird auf- 
erstehen ein geistiger Leib; und Jesaja sagt: Aber Herr, 
deine Toten werden leben und mit dem Leibe aufer- 
stehen; Hiob sagt: Ich weiß, daß mein Erlöser lebt, der 
wird mich nachher aus der Erde auferwecken, und 
ich werde mit dieser meiner Haut umgeben werden, 
und werde in meinem Fleische Gott sehen; meine Au- 
gen werden ihn sehen und kein Fremder; dann wird 



502 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


der sterbliche Rock abgelegt sein, und ein unsterbli- 
cher angezogen; dann werden sie Palmzweige in der 
Hand haben, und eine Krone auf dem Haupte und 
werden leben ewiglich; dann werden sie mit Christo 
auf zwölf Stühlen sitzen, und die zwölf Geschlechter 
Israels richten; dann werden sie in großer Freudigkeit 
wider diejenigen stehen, die sie hier geängstigt haben; 
dann wird die Braut ihren Bräutigam Jesum Christum 
haben; dann wird sie seine angenehme Stimme hören: 
Kommt her, ihr Gesegneten, ererbt das Reich eures Va- 
ters, welches euch bereitet ist von Anbeginn der Wert. 
Also bekenne ich eine Auferstehung des Fleisches, 
ein gerechtes Gericht und ewiges Leben, Amen. 

Seht, meine heben Kinder, hier habe ich euch in 
der Kürze eine Erklärung meines Glaubens gegeben, 
damit ihr wisst, in welchem Glauben euer Vater ge- 
storben sei, und hoffe, es werde euch zum Unterrichte 
dienen, und euch desto mehr anreizen, dem Gesalb- 
ten nachzufolgen. Der Herr gebe euch seine Gnade, 
daß es so geschehen möge. 

Hiermit gedenke ich mein liebes Weib und meine 
Kinder dem Herrn anzubefehlen; er wolle euch helfen 
und euch segnen durch seinen Geist, daß ihr sämtlich 
in Weisheit, Heiligkeit und Gerechtigkeit aufwachsen 
möget; das wünsche ich euch von ganzem Herzen. 
Wann wir werden sterben müssen, weiß ich nicht. 

Geschrieben im Mai des Jahres 1569 im Gefängnisse 
zu Brügge, von mir, Jacob de Roore, oder Kerzengie- 
ßer. 

Die leiden hier nach Gottes Sinn, die wollen darauf 
merken: 

Sie geben ihre Seelen hin, dem Schöpfer guter Werken. 

Noch ein Brief von Jacob Kerzengießer, im 
Gefängnisse geschrieben und an Pouwel von 
Meenen gesandt, welcher einer seiner Amtsbrüder 

an dem Evangelium Christi war, als Antwort auf 
einem Brief, den er von ihm empfangen hat. 

Der ewige, unbegreifliche Gott, der allein weise ist, 
gebe dir seine Gnade, Barmherzigkeit und seinen Frie- 
den, durch unsern Herrn Jesum Christum, und erfülle 
dich mit allerlei Weisheit, Erkenntnis und Verstand, 
durch den Heiligen Geist, damit du vor Gott wür- 
dig wandeln und seinen Willen vollbringen mögest, 
zum Preise seines heiligen Namens, zur Auferbauung 
seiner Gemeinde, und zum Heile deiner Seele; das 
wünsche ich dir, mein werter und herzlich geliebter 
Bruder Pouwel zum freundlichen Gruße und Abschie- 
de. 

Nebst gebührlichem Gruße, lasse ich dich, mein 
lieber Bruder, wissen, daß ich aus deinem Briefe ver- 


standen habe, daß du von mir begehrst, ich sollte 
dir zum Andenken etwas über alle Glaubensartikel 
schreiben, was ich um deinetwillen gerne tun wollte; 
aber ich glaube, daß es mir an Zeit gebrechen wird; 
ferner habe ich vernommen, daß du, nachdem der ers- 
te Brief geschrieben war, die Glaubensartikel gesehen 
hast, die ich vor Kurzem an meine Kinder geschrieben 
habe; endlich vernehme ich aus dem kleinen Brieflein, 
das du nachher geschrieben hast, daß du insbesondere 
meine Meinung darüber zu wissen begehrst, was man 
mit den Menschen tun soll, welche sich von denen 
nicht scheiden, welche die Gemeinde, nach der Schrift, 
in die Meidung getan hat, und sich doch nicht schul- 
dig erkennen wollen. Hierüber verwundere ich mich 
sehr, daß dieser Geist auch zum Vorschein kommt; 
aber ich bin besorgt, daß dieser Geist im Grunde ein 
anderer sei, als er sich von außen darstellt, denn die 
Meidung steht dem Satan sehr im Wege, gleichwohl 
hat der Apostel gelehrt, daß es ein gutes Mittel sei, 
um den, der hinaus gebannt worden ist, schamrot zu 
machen, das ist so viel gesagt, ihn zur Demut oder 
Besserung zu bringen; nun aber höre ich nicht, daß 
der Mangel dieser Meidung größtenteils in denen lie- 
ge, die gemieden werden sollten, sondern in denen, 
die meiden sollten, woraus zu ersehen ist, daß die 
Ursache, warum sie sich von ihnen nicht absondem 
wollen, in ihnen liegt, und nicht in denen, die in der 
Meidung sind, was ich daher mutmaße, weil ich ge- 
merkt und auch befürchtet habe, es möchte bei vielen 
ein geiziger, eigennütziger Geist gewesen sein, so- 
dass man seine Sinne mehr in zeitlicher Nahrung, in 
Kaufmannschaft und dergleichen geübt hat, als in der 
Gottseligkeit, oder mehr gesucht hat, den Schatz auf 
Erden zu sammeln, als im Himmel. So steht nun diese 
Meidung diesem Geiste öfters im Wege, denn es scha- 
det ihm bisweilen in seinem Geschäfte; deshalb denkt 
man der Sache nach, ob man dieselbe (Meidung) nicht 
mit der Schrift aus dem Wege räumen könnte, denn 
der Geist ist von solcher Art, daß er sich nicht gern 
zu erkennen gibt, wer er ist, sondern er sucht sich 
mit dem Mantel der Gerechtigkeit zuzudecken, wird 
auch in der Gemeinde nicht viel gestraft, oder, wenn 
man ihn strafen wollte, müsste man ihn mit einem 
andern Namen nennen, denn bisweilen wird er als 
Ketzer, bisweilen als Gaukler, bisweilen aber als Göt- 
zendiener bestraft. Dies ist die Ursache, daß er sich 
so heimlich zu verbergen weiß, und doch gleichwohl 
seine Art auf solche Weise an den Tag gibt; denn wo 
er hinkommt, da ist er nicht müßig. Darum schreibt 
der Apostel, daß der Geiz eine Wurzel allen Übels sei; 
ferner schreibt der Apostel: Wir gebieten euch aber, 
liebe Brüder, im Namen unseres Herrn Jesu Christi, 
daß ihr euch aller Brüder entzieht, die unordentlich 



503 


wandeln, und nicht nach den Satzungen leben, die ihr 
von uns empfangen habt; ferner schreibt er: Wenn je- 
mand unsern Worten nicht gehorsam ist, den zeigt an 
durch einen Brief, und habt mit ihm nichts zu schaf- 
fen, damit er beschämt werde; gleichwohl haltet ihn 
nicht wie einen Feind, sondern ermahnt ihn wie einen 
Bruder. 

Hiermit gibt der Apostel zu verstehen, daß die Ge- 
meinde ebenso wohl verbunden sei, mit den Ungehor- 
samen nichts zu schaffen zu haben, als sich solcher zu 
entziehen, die unordentlich wandeln, und wollte man 
auch das Wort entziehen allein von dem Banne ver- 
stehen; denn gleichwie sich die Gemeinde entziehen 
muss, damit sie durch solche Leute nicht versauert 
oder veruneinigt werde, so darf sie auch nichts von 
ihnen zu schaffen haben, damit sie beschämt werden, 
auch verunreinigt sich die Gemeinde, wenn sie die 
Meldung nicht beobachtet, denn solche hat der Apo- 
stel befohlen und gelehrt, und der Grund, weshalb 
solches der Apostel gelehrt, ist in seinem Briefe an die 
Korinther enthalten, wo er schreibt: Ich habe euch ge- 
schrieben, daß ihr nichts mit den Hurern zu schaffen 
haben sollt. Hieraus geht hervor, daß er dergleichen 
schon früher an sie geschrieben hatte, weil sie es aber 
nicht beobachteten, so hat er es ihnen noch deutli- 
cher erklärt, indem er sagt: Das meine ich gar nicht 
von den Hurern dieser Welt, oder von den Geizigen, 
oder von den Räubern, oder von den Abgöttischen, 
sonst müsstet ihr die Welt räumen; mm aber habe ich 
euch geschrieben, ihr sollt nichts mit ihnen zu schaf- 
fen haben. Siehe, er sagt abermals: Ich habe euch ge- 
schrieben. Daraus kann man ersehen, daß er es noch 
einmal zu dem Ende anführt, damit sie es besser be- 
obachten möchten, als sie zuvor getan hatten, denn 
sie unterhielten auch den Bann nicht, weil sie die Mel- 
dung nicht halten konnten, indem ohne Bann keine 
Meidung sein kann, denn die Meidung kommt von 
dem Banne. Darum hat er sie auch gestraft als Aufge- 
blasene, die keine Reue hatten, weil solche schändli- 
che Werke unter ihnen geschahen, und hat über den, 
der solches Werk getan hatte, beschlossen, ihn im Na- 
men des Herrn Jesu Christi in ihrer Versammlung, mit 
seinem Geiste und mit der Kraft unseres Herrn Jesu 
Christi, dem Satan zum Verderben des Fleisches zu 
übergeben, damit der Geist am Tage unseres Herrn 
Jesu Christi selig werde. So ist nun hieraus offenbar, 
daß Bann und Meidung gleichen Nutzen haben; sie 
dienen zu gleichem Zwecke, denn der Apostel sagt, 
daß er ihn dem Satan zum Verderben des Fleisches 
übergebe; das ist so viel gesagt: Zum Ersterben des 
Fleisches; von der Meidung aber sagt er: Habt mit ihm 
nichts zu schaffen, auf daß er schamrot werde. Merkt 
doch, wozu die Beschämung dient; einer Frau dient 


sie dazu, daß sie sich wäscht, wenn man ihr sagt, daß 
sie besudelt und befleckt sei; auch wird ein nacken- 
der Mensch nicht gern in seiner Nacktheit gesehen, 
sondern er schämt sich, und wenn jemand kommt, 
so zieht er seine Kleider an, damit er in seiner Nackt- 
heit nicht gesehen werde. Adam, als er seine Nackt- 
heit erkannte, suchte sich sofort zu bedecken, denn 
er schämte sich und machte einen Schurz von Feigen- 
blättern, seine Schande damit zu bedecken. Nun muss 
man aber, nach des Apostel Worten, die Gebannten 
meiden, damit sie beschämt werden, denn wenn man 
sich ihnen entzieht und sie meidet, so haben sie Ursa- 
che nachzudenken, warum solches geschieht; durch 
dieses Nachdenken erkennen sie ihre Nacktheit und 
schämen sich vor dem Herrn, ihrem Gott, an welchem 
sie gesündigt haben, und werden dadurch in ihrem 
Gewissen geschlagen, daß sie in solchem Zustande 
vor dem Herrn nicht erscheinen dürfen; darum su- 
chen sie ein Mittel, ihre Nacktheit zu bedecken, aber 
nicht mit Feigenblättern, wie Adam tat, sondern mit 
dem Lammsfell Christi Jesu, welchen man durch den 
Glauben mit einem zerbrochenen und zerschlagenen 
Herzen annehmen muss, wie denn auch Gott dem 
Adam, als er sich demütigte, Kleider von Fellen an- 
zog, um seine Blöße zu bedecken. So hat denn, liebe 
Brüder, der Bann und die Meidung gleichen Zweck, 
und streiten nicht wider einander; darum sagt auch 
der Apostel: Haltet ihn nicht wie einen Feind, sondern 
ermahnt ihn wie einen Bruder. Die Ermahnung ist 
nicht wider die Meidung, denn die Ermahnung dient 
zur Besserung, gleichwie der Bann und die Meidung 
auch zur Besserung dienen. Darum wird es von den 
Aposteln nicht verboten, sondern gelehrt, daß man sie 
wie Brüder ermahnen soll; denn alles, was ihnen nicht 
zuwider ist, nämlich dem Bann und der Meidung, 
das verbieten sie nicht; aber wo der Bann ist, da muss 
auch die Meidung sein, denn sie kommt von dem 
Banne her. Darum, als er an die Korinther geschrieben 
hatte, daß sie den Hurer dem Satan übergeben und 
diesen Sauerteig ausfegen sollten, hat er ihnen auch 
gemeldet: Aber ich habe euch geschrieben, daß ihr mit 
solchen nichts zu schaffen haben sollt; nämlich, wenn 
sich jemand einen Bruder heißen oder nennen lässt, 
und ist ein Ehebrecher, oder ein Geiziger, oder ein Göt- 
zendiener, oder ein Lästerer, oder ein Trunkenbold, 
oder ein Räuber, mit solchem sollt ihr auch nicht essen. 
Denn was gehen mich die an, die draußen sind, daß 
ich sie richten sollte? Merkt, er sagt richten. Gleich- 
wohl hat er kein Wort geschrieben, woraus sie hätten 
schließen können, daß man die Welt in den Bann tun 
sollte, sondern er hat geschrieben, daß sie mit den Hu- 
rern nichts zu schaffen haben sollten. Damit sie es aber 
nicht von den Hurern in der Welt verstehen möchten. 



504 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


als ob man mit ihnen nichts zu schaffen haben sollte, 
so sagt er: Solches verstehe ich nicht von den Hurern 
dieser Welt, oder von den Geizigen, sonst müsstet ihr 
die Welt räumen; denn was gehen mich die an, die 
draußen sind, daß ich sie richten sollte? Siehe, unter 
diesem Richten versteht er, daß man mit ihnen nichts 
zu schaffen haben soll, obwohl die Meidung nicht der 
Bann oder das Gericht selbst ist, sondern es befestigt 
das Gericht; denn wenn ich sage, du sollst mit die- 
sem Manne nichts zu schaffen haben, so bezeuge ich 
damit, daß er im Banne sei, und alle, die ihn in der 
Meidung halten, zeigen damit an, daß er gerichtet sei. 
Darum sagt er: Richtet ihr nicht, die darin sind; die 
draußen sind, wird Gott richten; tut von euch selbst 
hinaus, der böse ist. Hieraus kann man wohl wahr- 
nehmen, daß die Meidung in der Heiligen Schrift so 
viel Grund habe, als der Bann. Diejenigen nun, die 
die Meidung verwerfen, verwerfen auch die Schrift, 
weil sie ihren Grund in der Schrift hat, und diejeni- 
gen also, die die Meidung nicht beobachten wollen, 
sündigen nicht wider die Menschen, sondern wider 
den Herrn; darum soll die Gemeinde solches nicht 
dulden, daß sie sich so an dem Herrn versündigen, 
und nicht bekennen wollen, daß sie schuldig seien; 
denn sie sind Knechte des Herrn, um allen Ungehor- 
sam zu strafen. Nun merken wir zunächst aus Christi 
Worten, daß, wenn jemand an seinem Nächsten durch 
irgendein Vergehen sündigt, er sich mit seinem Nächs- 
ten versöhnen müsse, oder er kann, nach gehöriger 
Ermahnung, kein Bruder bleiben, sondern man muss 
ihn für einen Heiden oder Zöllner halten, welche nicht 
in dem Bunde des Herrn waren, mit welchen auch die 
Juden keine Gemeinschaft haben wollten; und weil 
man sie nun für Menschen halten muss, die außer 
dem Bunde des Herrn stehen, weil sie sich nur aus 
Schwachheit an ihrem Nächsten vergangen haben, 
und sich nicht schuldig geben wollen, was soll man 
dann aber von denen halten, die wider den Herrn 
sündigen und seine Lehre übertreten, was oft aus Un- 
achtsamkeit oder aus Eigennutz, oder um Freunde 
und Verwandte willen geschieht, und sich doch mit 
dem Herrn nicht versöhnen wollen? Sodann schreibt 
Mose: Wenn jemand einen Toten anrührte, und wollte 
sich am dritten oder siebten Tage nicht waschen, der 
musste ausgerottet werden, und gleichwohl musste 
man die Toten anrühren, denn man musste ihnen zum 
Grabe helfen; aber wenn sie sich nicht waschen woll- 
ten, mussten sie ausgerottet werden, ja der Priester 
durfte sich nicht an allen Toten verunreinigen, durfte 
auch nicht zu allen Toten gehen, denn er hatte das 
Salböl auf seinem Haupte. Wenn nun unter dem Vol- 
ke Israel diejenigen so gestraft werden mussten, die 
sich nicht mit Wasser reinigen wollten, von einer Un- 


reinigkeit, die auf Notwendigkeit beruhte, wie sollte 
man nun diejenigen in der Gemeinde dulden, die oh- 
ne Not, ja, oft um des Gewinnes oder um des Treibens 
des Fleisches und Blutes willen an diesen Toten sich 
verunreinigen, die aus der Gemeinde gestoßen wor- 
den sind, und sich nicht waschen, das ist, ihre Schuld 
tragen oder bekennen wollen? Man soll diese Leute 
nicht tragen, wie ich solches aus der Heiligen Schrift 
erkannt habe, und wenn man die Leute dulden will, so 
lässt es sich nicht billigen, denn dann dürfte morgen 
ein anderer aufstehen und den Bann ganz aufheben 
wollen, und euch beweisen, daß ihr ebenso wohl ver- 
bunden wärt, die Meidung zu halten, als auch den 
Bann; dann aber würdet ihr mit eurem eigenen Stocke 
geschlagen werden; dann würde auch der Zaun ganz 
niedergerissen werden, und die Schweine würden in 
des Herrn Weinberg laufen und ihn zerwühlen. Ach, 
liebe Brüder; nehmt euch doch in Acht, blast mit der 
Posaune auf dem Berge Zion, lasst Israel das Wort des 
Herrn hören; straft, droht, ermahnt mit aller Langmut. 
Mit den Einfältigen, die im Verstände verführt sind, 
handelt väterlich und langmütig, ob sie Gott durch 
seinen Geist noch erleuchten wolle. Die Verwundeten 
bindet, die Verirrten sucht, das zerstoßene Rohr und 
den glimmenden Docht löscht nicht aus; habt allezeit 
gute Acht auf euch selbst und auf die Herde, in wel- 
che der Heilige Geist gesetzt hat, die Gemeinde Gottes 
zu weiden, die er mit seinem Blute erkauft hat; darum 
weidet die Herde Christi nicht gezwungen, sondern 
freiwillig, und gedenkt daran, was der Apostel gesagt: 
Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predige! 
Tue ich es gern, so wird es mir belohnt; tue ich es aber 
ungern, so ist mir das Amt doch befohlen. Darum sagt 
er auch: Obgleich wir als Christi Apostel euch hätten 
schwer sein mögen, so sind wir doch mütterlich ge- 
wesen bei euch, gleichwie eine Amme ihrer Kinder 
pflegt; ebenso hatten wir Herzenslust an euch, und 
waren willig, euch nicht allein das Evangelium Got- 
tes, sondern auch unser Leben mitzuteilen, weil wir 
euch liebgewonnen hatten; auch sagte er, gleichwie 
ein Vater seine Kinder ermahne, so habe er sie auch 
ermahnt, getröstet, und bezeugt, daß sie vor Gott wür- 
dig wandeln sollten. 

So habe denn Acht, mein lieber Bruder, auf deine 
Schafe, und nimm dich deiner Herde mit einem zu- 
geneigten Gemüte an, dann wirst du (wenn sich der 
Erzhirt offenbaren wird) die unvergängliche Krone 
der Ehren empfangen. Darum, mein lieber Bruder, sei 
munter, und verrichte das Werk eines rechtschaffenen 
Predigers; führe deinen Dienst redlich aus und sage 
mit dem Propheten: Um Zion willen will ich nicht 
schweigen, noch um Jerusalem willen inne halten, bis 
daß ihre Gerechtigkeit aufgehe wie ein Glanz, und ihr 



505 


Heil entbrenne wie eine Fackel. Halte gute Wache und 
wache über ihre Seelen, der du Rechenschaft davon 
geben musst. Siehst du das Schwert kommen, so blase 
das Horn, und warne das Volk im Namen des Herrn, 
damit die Schläfrigen aufwachen, und die straucheln- 
den Knie recht gehen, und die lässigen Hände wieder 
aufgerichtet werden mögen, und du so an ihrem Blu- 
te unschuldig sein mögest. Der Herr gebe dir dazu 
Gnade; er wolle dich stärken durch seinen Geist, da- 
mit du das Ende deines Glaubens erreichen mögest, 
zum Heile deiner Seele, Amen. Ich bitte dich, lieber 
Bruder, nimm meine kurze Ermahnung zum Besten 
auf, denn sie ist aus Liebe geschehen; jetzt hast du 
meine einfache Meinung von der Meidung, und in 
der Kürze dasjenige, was man mit denen tun soll, die 
nicht meiden und keine Schuld bekennen wollen. Ich 
hätte wohl ausführlicher davon geschrieben, aber die 
Umstände ließen es nicht zu. Hiermit will ich meinen 
lieben und sehr werten Bruder, den ich von ganzem 
Herzen liebe, und sein liebes Weib, dem Herrn anbe- 
fehlen und dem Worte seiner Gnade. Bitte den Herrn 
für uns; ich danke dir herzlich für dasjenige, was du 
mir gesandt hast; ich bitte dich, danke auch dem Pie- 
ter sehr herzlich für mich. Geschrieben den 17. und 18. 
Mai von mir, Jacob de Roore; ich wünsche, daß du eine 
Abschrift dieses Briefe an einen von den Dienern zu 
Armentiers oder an mein Weib senden wollest. Lieber 
Bruder Pouwel, wenn du noch etwas begehrst, und 
ich Zeit habe, so bin ich zu deinen Diensten, obwohl 
bei mir wenig zu erlangen ist. Grüße mir eure Diener 
sehr herzlich, auch alle, die Gott fürchten und lieben, 
wenn du Gelegenheit findest. 

Die leiden hier nach Gottes Sinn, die wollen darauf 
merken: Sie geben ihre Seelen hin, dem Schöpfer guter 
Werken. 

Noch ein Brief von Jacob Kerzengießer, im 
Gefängnisse geschrieben. 

Ich, Jacob, ein Gefangener um des Herrn willen, wün- 
sche meinem lieben Bruder viel Gnade, Barmherzig- 
keit und Frieden von Gott, unserm Vater, und dem 
Herrn Jesu Christo, daß er dich durch seinen Geist 
stärken und erleuchten wolle, nach seinem Wohlge- 
fallen, zur Offenbarung seiner Erkenntnis, damit du 
seinen Willen tun mögest, und nach dem Ausspruche 
des rechten Gerichtes Gottes, zu seinem Reiche wür- 
dig erfunden werdest, durch Jesum Christum, wel- 
chem sei Preis von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen. 

Herzlich geliebter und in Gott werter Bruder! Da 
ich im Schreiben vieler Gottesfürchtigen eingedenk 
gewesen bin, so kann ich zuletzt nicht unterlassen, 
ein wenig an dich zu schreiben. Zum Beweise der gu- 


ten Gemeinschaft, die wir in Christo Jesu durch den 
Glauben einige Zeit hindurch miteinander gehabt ha- 
ben, was nun um des Herrn willen zerbrochen und 
geschieden werden muss, denn gleichwie ein Weib 
alle gute Kundschaft und Gemeinschaft, die sie neben 
ihrem Manne hat, um des Mannes willen verlassen 
und mit ihm ziehen muss, wohin es ihm gefällt, so 
müssen auch wir alle gute Bekanntschaft und Gemein- 
schaft, die wir neben dem Herrn mit irgendeinem 
Menschen haben, um seinetwillen verlassen, und das 
durch den Glauben und die Liebe an Jesum Christum, 
denn wir haben ihn mit leiblichen Augen nicht gese- 
hen; deshalb ist es offenbar, daß es durch den Glauben 
geschehen müsse, denn wenn man etwas liebt, weil 
man es sieht, so geschieht solches nicht durch den 
Glauben, indem die Liebe daher entsteht, weil man 
es sieht; wenn man aber eine Sache liebt, weil man 
von derselben hört, so kommt die Liebe daher, weil 
man dasjenige glaubt, was man davon hört. Ebenso 
hat auch Rebekka, wiewohl sie Isaak nicht gesehen, 
ihn dennoch um der Reden des Knechtes Abrahams 
willen so lieb gehabt, daß sie seinetwegen alles, was 
sie in Syrien hatte, verließ, und ihm entgegen zog. 
So müssen wir auch um des Herrn willen durch den 
Glauben und nicht durch das Sehen alles verlassen, 
was wir in dieser Welt haben, nicht allein im Geis- 
te, wie solches eine Zeitlang von uns geschehen sein 
mag, das ist das Geringste, sondern es muss auch 
jetzt von mir Unwürdigem alles in der Kraft verlassen 
sein in der Hoffnung, daß ich ihm in der Luft entge- 
genkommen und allezeit bei dem Herrn sein werde. 
Darum schreibt Petrus: Wenn nun Christus Jesus of- 
fenbart wird, den ihr nicht gesehen und doch lieb 
habt, und nun an ihn glaubt, wiewohl ihr ihn nicht 
seht, so werdet ihr euch freuen mit unaussprechlicher 
Freude, und das Ende eures Glaubens davontragen, 
nämlich der Seelen Seligkeit. Seht, liebe Brüder, dann 
werden wir nicht mehr im Glauben wandeln, als in 
der Fremde vom Herrn, sondern im Schauen; dann 
wird die Wallfahrt ein Ende haben; dann wird die 
Hoffnung aufhören; dann werden wir empfangen, 
was wir hier in der Hoffnung haben, nämlich wir wer- 
den alles besitzen; dann wird die Hochzeit ein Ende 
haben; denn der Bräutigam wird um seiner Braut wil- 
len kommen, welche seine Gemeinde ist; dann wird 
das Gesicht, wovon Johannes schreibt, in Erfüllung 
gehen: Und ich sah einen neuen Himmel und eine 
neue Erde, denn der erste Himmel und die erste Erde 
verging und das Meer war nicht mehr. Merkt, liebe 
Brüder, er sagt: Das Meer ist nicht mehr; viele zwar 
verstehen es von dieser Zeit; aber wir haben noch ein 
Meer vor uns, es sei nachher natürlich oder geistig, 
wie man es auch verstehen will, denn im 4. Kapi- 



506 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


tel steht von einem gläsernen Meere; wie ich es aber 
verstehe, so redet Johannes von einem natürlichen 
Meere, von dem natürlichen Himmel und der Erde 
und von dem jüngsten Tage, während nach Petrus 
Worten Himmel und Erde vom Feuer vergehen und 
erneuert werden sollen; hier finden wir nichts vom 
natürlichen Meere, sondern es heißt: Wir warten aber 
eines neuen Himmels und einer neuen Erde, nach 
seiner Verheißung, in welcher Gerechtigkeit wohnt, 
denn Gott hält seine Verheißungen treulich; alsdann 
wird seine Gerechtigkeit offenbart. Gott wird einem 
jeden an seinem Leibe vergelten, je nachdem er getan 
hat; es sei gut oder böse: So wird Gottes Gerechtig- 
keit offenbar werden, sowohl in der Gerechtigkeit als 
Ungerechtigkeit, nachdem er einem jeden sein Ver- 
sprechen getreulich halten wird. So schreibt auch Jo- 
hannes: Und ich, Johannes, sah die heilige Stadt, das 
neue Jerusalem, vom Himmel herniederfahren, von 
Gott zubereitet wie eine geschmückte Braut ihrem 
Manne, und hörte eine große Stimme vom Himmel 
sagen: Sieh da, eine Hütte Gottes unter den Menschen, 
und er wird bei ihnen wohnen und sie werden sein 
Volk sein, und er selbst Gott mit ihnen wird ihr Gott 
sein und Gott wird alle Tränen von ihren Augen ab- 
wischen, was, liebe Brüder, jetzt noch nicht geschehen 
ist, denn hier laufen die Tränen noch aus den Augen 
derer, die durch Christum erneuert sind: Wenn aber 
die Gerechten in großer Standhaftigkeit wider dieje- 
nigen stehen werden, die sie geängstigt haben, dann 
werden die Tränen von den Augen gewischt werden, 
denn der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch 
Geschrei, noch Schmerzen werden mehr sein, denn 
das Erste ist vergangen. Und der auf dem Throne saß, 
sagte: Sieh, ich mache alles neu. Darum schreibt auch 
Petrus: Wenn nun das alles zergehen soll, wie sollt ihr 
denn geschickt sein mit heiligem Wandel und gottse- 
ligem Wesen, daß ihr wartet und eilt zu der Zukunft 
des Herrn. Wenn wir aber das Neue besitzen sollen, so 
müssen wir hier im Geiste erneuert werden, sonst kön- 
nen wir zu dem ewigen Leben nicht auferstehen, denn 
diejenigen, die Böses getan haben, werden zur Auf- 
erstehung der Verdammnis hervorkommen; deshalb 
schreibt auch Petrus: Meine Liebsten, weil ihr darauf 
warten sollt, daß ihr, nach Gottes Verheißungen, einen 
neuen Himmel und eine neue Erde besitzen werdet, 
so gebraucht Fleiß, daß ihr vor ihm unbefleckt und 
imsträflich im Frieden erfunden werdet, und achtet 
die Geduld unsers Herrn Jesus Christi für eure Se- 
ligkeit, denn Gott ist langmütig, und will nicht, daß 
jemand verloren werde, sondern daß sie sich zur Buße 
und Besserung begeben. Wäre der Herr vor achtzehn 
oder zwanzig Jahren gekommen, wir wären (wie zu 
besorgen) noch unbereitet gewesen; darum wird sei- 


ne Langmut gegen uns uns zur Seligkeit gereichen, 
wenn wir anders unsträflich und unbefleckt in dem 
Frieden Gottes erfunden werden. So nehmt denn, mei- 
ne lieben Brüder, eurer selbst wahr und bereitet euch 
dem Herrn, denn vielleicht steht unser lieber Herr 
auch vor eurer Tür, und hat den Ring in der Hand, 
um anzuklopfen. 

Darum, liebe Brüder, bereitet dem Herrn eure Her- 
zen, damit, wenn er kommt und anklopft, ihr bereitet 
sein mögt, ihm aufzutun, denn er kommt, wenn wir 
ihn am wenigsten erwarten. So seid denn nüchtern 
und wacht, und umgürtet die Lenden eures Gemütes 
und handelt allezeit männlich in der Wahrheit, als ein 
tapferer Held, um unserm armen Häuflein vorzuste- 
hen, und führt sie auf die rechte Weide des Wortes 
Gottes, damit sie gespeist werden mögen, denn der 
Mensch lebt nicht allein vom Brote, sondern von ei- 
nem jeden Worte, das aus dem Munde Gottes kommt. 
Darum sagt David: Der Herr ist mein Hirte; mir wird 
nichts mangeln; er weidet mich auf grüner Aue, und 
führt mich zum frischen Wasser. Obgleich nun Chris- 
tus der rechte Hirt ist, so hat er doch in der Gemein- 
de manche Dienste verordnet, um die Schafe zu re- 
gieren und auf die Weide zu führen, denn wenn die 
Kinder auch Brot haben, so muss es ihnen doch von 
jemandem vorgeschnitten werden. Darum, liebe Brü- 
der, tut doch euer Bestes, um der Not willen; bleibt 
bei ihnen, dann werdet ihr (wenn der Erzhirte sich 
offenbaren wird) die unvergängliche Krone der Ehren 
empfangen; und gebt allezeit fleißig Achtung, daß die 
Gemeinde nicht bloß sei, sondern mit voller Handfül- 
lung bedient werde; lasst die übermäßigen Spitzfin- 
digkeiten und menschliches Gutdünken fahren; und 
legt es dem Volke vor, daß sie nach der Wahrheit Got- 
tes handeln, in der Weise, wie ich unserer Gemeinde 
ein wenig geschrieben habe, und noch mehr getan 
hätte, wenn das Papier nicht zu klein gewesen wä- 
re. Darum, mein lieber Bruder, handle stets weise, 
und halte dich allezeit rein; hüte dich vor anderer 
Leute Streit; prüfe die Sache wohl, ehe du dich hinein- 
mischst, denn wer sich in anderer Leute Streit mengt, 
der tut geradeso, als ob er einen Hund bei den Ohren 
ergriffe; was du aber zum Frieden reden kannst, das 
tue, nicht aber zur Trennung, denn es ist dann nicht 
die rechte Zeit dazu; wenn aber ein falscher Grund ne- 
ben den bewährten und reinen Artikeln der Wahrheit 
sich erhebt, so handle als Mann, doch mit Freundlich- 
keit und Langmut. Stehe der Wahrheit vor und treibe 
die Füchse aus des Herrn Weinberge, damit die zar- 
ten Ranken von dem Weinstocke Jesu Christo nicht 
abgebissen oder abgerissen werden, sondern dersel- 
be gesegnet und fruchtbar sein möge in dem Herrn. 
Darum, lieber Bruder, übe dich selbst in der Schrift 



507 


und lasse etwas von deiner zeitlichen Nahrung fah- 
ren, damit du durch Gewohnheit zum Unterscheiden 
des Guten und des Bösen geübte Sinne habest, denn 
die zeitliche Nahrung ist eine große Verhinderung in 
den geistigen Gaben; denn dadurch werden die Sinne 
mit Bekümmernis angefüllt und sehr zerstreut. 

Darum, lieber Bruder, denke darum, was der Apo- 
stel sagt, daß die leibliche Übung wenig nütze ist, 
denn sie nützt dem Leibe, aber nicht dem Geiste; über- 
dies hat dir auch der Herr dem Fleische nach viel 
Segen gegeben, sodass dich die Not nicht treibt; aber 
die Übung der Gottseligkeit ist zu allen Dingen nütz- 
lich, sie ist dem Geiste und dem Leibe nützlich, denn 
sie sorgt für beide; sie bedenkt den inwendigen Men- 
schen, und hilft ihm in allem, was ihm zur Seligkeit 
dient; von solcher Art ist die Gottseligkeit; auch ver- 
gisst sie des Leibes nicht, sondern weiß die leiblichen 
Dinge mit Maß zu gebrauchen; sie wirft ihr Anliegen 
auf den Herrn, und weiß, daß er für sie sorgt; darum 
sagt der Apostel: Sie hat die Verheißung dieses und 
des zukünftigen Lebens. Darum, lieber Bruder, bist 
du mit Christo auferstanden, so suche, was droben ist, 
wo Christus ist, zur rechten Hand Gottes sitzend; su- 
che das, was himmlisch, und nicht, was irdisch ist; sei 
nicht einem Maulwurfe gleich, der allezeit mit dem 
Maule in der Erde liegt und wühlt und dabei so blind 
ist, daß er nicht nach dem Himmel sieht; ich sage nicht, 
lieber Bruder, daß du so wärest; das sei ferne, denn 
ich habe ein besseres Vertrauen zu dir, aber wenn wir 
uns selbst im Grunde untersuchen, so finden wir uns 
von solcher Art, daß wir irdisch gesinnt und blind 
in göttlichen Dingen sind, und wenn wir auch durch 
Jesum Christum erleuchtet sind, sodass wir in gött- 
lichen Sachen ein Gesicht erlangt haben, und durch 
ihn erneuert worden sind, so folgen wir gleichwohl 
bisweilen allzu sehr unserer angeborenen Art, welche 
die Veranlassung ist, daß der Glaube bisweilen sich 
beugen und den Rücken herhalten muss, denn er wird 
durch die angeborene Art unterdrückt, welche durch 
Unglauben und ein schlechtes Vertrauen zu Gott noch 
ihre Früchte ausgebiert. Daher kommt es denn, daß 
die Menschen Schiffbruch im Glauben leiden, denn 
wenn auf dem Meere zwei feindliche Schiffe einander 
begegnen, so sieht man, wie eins das andere überwin- 
det; ebenso werden auch der Glaube und Unglaube 
durch des Menschen Art Feinde gegeneinander, und 
überwindet eins das andere. 

Darum, wenn wir mit dem inwendigen Mensch 
durch den Glauben nicht starken Widerstand leisten, 
so werden wir mit der Zeit überwunden, denn der 
Unglaube hat großen Beistand; zunächst von dem Sa- 
tan, der sein Werk in den Kindern des Unglaubens hat, 
und ferner von unserem eigenen Fleische, darum über- 


lege es doch, lieber Bruder, wie starken Widerstand 
es kostet, wenn eine belagerte Stadt Verräter in ihren 
Mauern hat, daß man die Feinde unterdrücke und 
die Stadt in Freiheit setze; ebenso müssen wir auch 
großen Fleiß anwenden, bis wir alle diese Feinde über- 
winden. Zu diesen gehört insbesondere unser eigenes 
Fleisch, das zu allem Bösen geneigt ist, denn es gelüs- 
tet wider den Geist. Darum muss man betrachten, wie 
vorsichtig die Könige dieser Welt sind, wenn sie mer- 
ken, daß sich ihre Feinde erheben! Dann sehen sie sich 
vor, und sammeln alle ihre Kräfte, um den Feinden 
zu widerstehen. Wir aber, die als Könige und Männer 
in dem Guten vorsichtig sein sollten, und als Kinder 
einfältig in dem Bösen, wenn wir bemerken, daß sich 
unsere Feinde erheben, gehen ihnen zwar entgegen, 
aber es geschieht nicht aus dem Glauben, sondern aus 
Unglauben, wenn wir fühlen, daß unsere eigene Art, 
die aufs Irdische erpicht ist, sich nicht damit vergnü- 
gen lässt, daß wir guten Gewinn haben, sondern sie 
hätte lieber noch mehr, denn sie liebt das Geld; dar- 
um wird sie nicht bald Geldes satt; auf solche Weise 
begegnen wir dann derselben, setzen noch zwei oder 
drei Handwerker auf, und überlegen nicht recht, wie 
schädlich es unserem Glauben sei, und wie sehr unse- 
re Sinne dadurch zerstreut werden; auf solche Weise 
sind wir mehr um das Zeitliche, als um das Geistige 
bekümmert, und es verlieren sich dadurch die geisti- 
gen Gaben, während sie doch zunehmen sollten; man 
hat auch keine Lust, der Herde Christi die Hand zu 
bieten und sie mit demjenigen zu weiden, was man 
von dem Herrn empfangen hat. Wohl mit Recht sagt 
der Apostel: Es ist ein großer Gewinn, gottselig zu 
sein und sich vergnügen zu lassen, denn wir haben 
nichts in diese Welt gebracht, und es ist offenbar, daß 
wir nichts mitnehmen werden. Und nun, lieber Bru- 
der, wenn wir auch denken, ich suche keinen Schatz 
zu sammeln, ich begehre den Gewinn für mich allein 
nicht zu behalten, so überlege doch daneben, daß wir 
uns nicht selbst leben, sondern wir sind Knechte eines 
großen Königs. Wenn du aber nun ein König wärest, 
und hättest Knechte, unter welchen du den einen zu 
deinem Kämmerer, den andern zu deiner Leibwacht 
verordnen würdest, der erstere aber verließe seinen 
Dienst, worin du von ihm hattest bedient werden sol- 
len, und wollte den Dienst der Leibwacht annehmen, 
so überlege es doch, ob du mit diesem Knechte wohl 
zufrieden sein könntest. Ebenso auch, lieber Bruder, 
hat dich der Herr zu seinem Knechte gesetzt, daß du 
ihm mit der geistigen Gabe dienen solltest, die du von 
ihm empfangen hast; wenn du nun diese verlassen, 
und dich im Zeitlichen üben willst, um ihm darin 
zu dienen, so überlege es, ob du damit dem Herrn 
gefallen werdest, und wolltest du etwa als Ursache 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


vorwenden, das sei nicht dein Amt, so sollst du wis- 
sen, daß es nicht alle Lehrer sein müssen, welche die 
Gemeinde erbauen; das ist keine Vorschrift der Schrift. 
Darum mein lieber und sehr werter Bruder, nimm dei- 
ner selbst wahr, und übergib dich dem Herrn, bleibe 
bei der Gemeinde; ich bitte dich darum von ganzem 
Herzen, damit die Herde nicht zerstreut werden mö- 
ge; ich hoffe, der Herr werde dir helfen und dich zur 
gelegenen Zeit bewahren, wenn du von ganzem Her- 
zen den Herrn suchst; ich bitte dich, nimm es doch 
zu Herzen. Ich hätte dir wohl hiervon mehr schrei- 
ben sollen, aber ich habe jetzt keine Gelegenheit dazu; 
ich hoffe, noch einen Brief zu schreiben, wenn der 
Herr Zeit gibt; denselben wollest du auch zu Herzen 
nehmen. Hiermit befehle ich dich, mein lieber Bruder, 
dem Herrn, und nehme von dir einen herzlichen Ab- 
schied. Nimm mein Schreiben zum Besten auf, denn 
es ist allein um deinetwillen geschehen; ich wünsch- 
te, daß es von M. oder bei M. auch gelesen werden 
möchte, wie auch von allen unsern Lehrern (Dienern). 

Geschrieben in meinem Gefängnisse an den lieben 
Bruder D. B., von mir, Jacob Kerzengießer, den 29. und 
30. Mai im Jahre 1569. 

Die leiden hier nach Gottes Sinn, die wollen darauf 
merken: 

Sie geben ihre Seelen hin, dem Schöpfer guter Werken. 

Noch ein Brief von Jacob Kerzengießer, worin er 
seine Amtsbrüder ermahnt. 

Noch ein Brief von Jacob Kerzengießer, geschrieben im Ge- 
fängnisse, worin er seine Amtsbrüder ermahnt, daß sie 
nicht als Mietlinge flüchten und die Schafe Christi, um des 
Mangels der Lehre willen, im Irrtume lassen, sondern daß 
sie ihr anbefohlenes Amt treulich ausführen sollten, und 
weil er selbst in Friesland gewesen ist, und die entstandene 
Schwierigkeit unter dem Volke Gottes aus der Widersacher 
Munde gehört hat, und es ihm deutlich geworden, daß sie 
sich Gott und ihrem Nächsten versündigt und schuldig ge- 
macht hatten, so hat er von diesem Handel um deswillen in 
diesem Briefe so viele Nachricht gegeben, als der günstige 
Leser hier aufgezeichnet findet: 

Ich, Jacob Kerzengießer, gefangen um des Herrn 
willen, wünsche allen Ältesten und Dienern der Ge- 
meinden in Flandern, welche der Herde Christi vor- 
stehen, samt L. V. oder A. D. Weisheit, Erkenntnis 
und eine rechte Liebe von Gott, dem himmlischen Va- 
ter, Gnade, Barmherzigkeit und Frieden durch unsern 
Herrn Jesum Christum, und einen rechten Trost, Stär- 
ke und Kraft durch den Heiligen Geist, damit sie die 
Gemeinde recht bedienen, ihr vorstehen, väterlich bei 
ihr seien, und ihr in aller Not treulich beistehen zur 


Auferbauung der Gemeinde, zum Preise des Herrn 
und eurer Seelen Heil. Dieses wünsche ich euch meine 
lieben und werten Brüder, zum freundlichen Gruße 
und herzlichen Abschiede. 

Nebst gebührlichem und christlichem Gruße bitte 
ich alle meine lieben Brüder, daß sie mein Schreiben 
in der Liebe aufnehmen wollen, wie ich denn vor dem 
Herrn und allen Gottesfürchtigen bezeuge, daß es von 
mir aus Liebe geschehen sei. Nachdem ich gehört ha- 
be, daß viele, die der Gemeinde vorstehen und sie 
bedienen, sich ihres Amtes zu entledigen suchen, um 
aus dem Lande zu ziehen, so hat mich die Liebe zum 
Volke bewogen, euch ein wenig zu schreiben und euch 
zu ermahnen, daß ihr doch einmal die armen Kinder 
recht bedenken wollt, die ihr in großem Elende zu- 
rücklassen werdet, die ihr doch durch den unvergäng- 
lichen Samen wiedergeboren und auf die rechte Bahn 
gebracht habt, und welche Folgen es haben werde, 
wenn ihr diejenigen, die noch in der Geburt stehen, 
und keinen rechten Unterschied zwischen dem Guten 
und Bösen zu machen wissen, verlassen werdet; denn, 
wenn ihr jetzt davonzieht, und die armen Kinder ver- 
lasst, so stehen sie in großer Gefahr zu Grunde zu ge- 
hen, und sich wieder in der Welt zu verirren. Darum, 
liebe Brüder, bedenkt doch, wie wenig Freude ihr dar- 
an haben werdet, wenn ihr solches von ihnen hören 
werdet, denn wir sollten nicht gerne unsere Kinder 
in irgendeiner Not lassen, wenn wir ihnen mit gutem 
Gewissen helfen können. Ihr könnt zwar wohl bei 
euch selbst denken: Ich habe die Gemeinde eine lange 
Zeit bedient, ein anderer mag sie nun auch bedienen; 
darauf antwortete ich mit David: Seid nicht wie Rosse 
und Maultiere, die keinen Verstand haben, welchen 
man den Zaum und das Gebiss in den Mund legen 
muss, wenn sie nicht zu dir wollen; wir müssen in 
unserem Dienst nicht knechtisch sein, da oft Unwille 
vorkommt, und nicht aufeinander sehen, denn solche 
dienen um den Lohn, und sehen nicht auf des Hauses 
Nutzen; sondern wir müssen einen kindlichen Dienst 
erweisen, welcher aus der Liebe geschieht, denn sie 
leben ihrem Vater, und nicht sich selbst, gleichwie 
auch Christus sich nicht selbst, sondern demjenigen 
gelebt hat, der ihn gesandt hat, daß er ein Diener des 
Reiches sein sollte. Derselbe hat sich auch unter ihnen 
wie ein Diener gezeigt, welcher Dienst aus Liebe ge- 
schehen ist, nicht ein Jahr oder zwei Jahre, sondern 
während seines ganzen Lebens; denn er ist gehorsam 
gewesen bis zum Tode und hat seinen Aposteln das 
Reich beschieden, wie es ihm von seinem Vater be- 
schieden war, sodass diejenigen, die in diesem Reiche 
die meisten Gaben hatten, ihre Diener und Knechte 
sein mussten. So haben nun auch die Apostel der Hilfe 
sich bedient, und in der Gemeinde Hirten, Lehrer, Die- 



509 


ner, Helfer, Regierer und dergleichen verordnet; den- 
selben haben sie das Reich beschieden, wie es ihnen 
von Christo beschieden war, nämlich, das Reich aus 
Liebe zu bedienen, und darin dem Herrn und ihrem 
Nächsten, nicht aber sich selbst zu leben. Darum klagt 
der Apostel über einige und sagt: Sie suchen alle das 
Ihre und nicht, was Jesu Christi ist. Also müssen alle, 
die in diesem Reiche dienen, und nach der Vorschrift 
und Ordnung der Schrift zum Dienste der Gemeinde 
erwählt sind, sich aus Liebe der Gemeinde übergeben; 
doch, meine lieben Brüder, unter der Bedingung, daß 
die Gemeinde verbunden ist, euch Beistand zu leis- 
ten, wenn ihr von derselben in zeitlichen Geschäften 
erwählt werdet. Darum, meine lieben Brüder, nehme 
ein jeder seiner wahr, denn wir glauben ja, daß die 
Wahl der Gemeinde von Gott sei; also lasst uns dann 
auch bedenken, hat uns der Herr dazu erwählt, daß 
wir ihm auf solche Weise dienen sollen, so müssen 
wir uns dann auch selbst zu jeder Zeit dem Herrn 
übergeben, wozu wir auch wichtige Ursache haben, 
weil wir dadurch der Gemeinde uns nützlich machen 
können, wenn wir auch sagen möchten: Es sind an- 
dere, denen es besser zukommt als mir, das ist kein 
Grund, der vor dem Herrn gilt, und womit man sich 
entschuldigen könne. Jona hätte auch wohl solche Ent- 
schuldigung finden können; weil er sich weigerte, den 
Niniviten des Herrn Willen zu verkündigen, so muss- 
te er in den Bauch des Walfisches, wie ich Unwürdiger 
zu meiner Zeit welche gesehen habe, die sich allzu 
sehr weigerten, aber es ist ihnen nicht gut bekommen. 
Desgleichen hat auch Mose, nebst vielen andern, Aus- 
flüchte gesucht, aber es hat ihnen nichts geholfen; der 
Herr sagte: Weiß ich nicht, welchen ich senden will? 
Er bedarf keiner Ratsleute; er weiß wohl, wozu er sich 
unserer bedienen will. Gleichwohl wird dem Exempel 
Moses in den Gemeinden sehr nachgefolgt, und es 
wird für eine ehrliche Sache gehalten, wenn sich ein 
Mann weigert, wiewohl es dem Herrn nicht gefällt, 
denn er ward zornig auf Mose. Der Prophet Jesaja 
aber handelte nicht so, sondern er sagte: Sende mich, 
Herr; solches hat auch dem Herrn nicht übel gefallen; 
ebenso begehrte auch Elisa, daß Elias Geist zweifältig 
bei ihm sein möchte, worauf Elias antwortete: Du hast 
ein Hartes gebeten, aber es soll geschehen; in dieser 
Beziehung sagt auch Paulus: Wer ein bischöfliches 
Amt begehrt, der begehrt ein köstliches Werk. Seht, 
liebe Brüder, so müssen wir dem folgen, was wohl 
lautet und rühmlich ist vor dem Herrn, und geden- 
ken, daß diejenigen, die wohl dienen, sich selbst eine 
gute Stufe und eine große Freudigkeit im Glauben 
erwerben. Gleichwie die Kinder dieser Welt, wenn sie 
bei einem Herrn Dienst erlangen können, sich beflei- 
ßigen, treulich zu dienen, um dadurch ein wichtigeres 


Amt zu erlangen, so müssen wir auch Fleiß anwen- 
den, dem Herrn in demjenigen zu dienen, wozu wir 
berufen sind, damit wir Macht erlangen, die Heiden 
mit einer eisernen Rute zu regieren. Darum, meine 
lieben Brüder, bleibt beieinander, solange als es euch 
möglich ist; dann könnet ihr euch einander Mut ma- 
chen; wenn ihr euch aber voneinander absondert, so 
macht ihr einander schwach; darum steht einander 
treulich bei, und wartet eures Amts. Ihr, die ihr die 
Armen versorgt, seid hieran nicht nachlässig, sondern 
besucht sie oft und seht, was sie machen; vermahnt 
sie mit väterlichem Herzen zur Arbeit, und tröstet sie 
in ihrer Trübsal; denn ein tröstliches Wort hilft dem 
Elenden mehr als eine Gabe. Haltet euch fest mit dem 
Herzen in der Liebe an eure Diener des Wortes; denn 
ihr müsst mit ihnen ein Herz sein, weil ihr dann das 
Volk desto besser im Frieden erhalten könnt; denn 
wenn diejenigen, die das Land regieren, untereinan- 
der nicht Frieden halten, so kann nicht wohl Frieden 
im Lande sein; ebenso ist es auch in den Gemeinden; 
wenn die Diener untereinander uneinig sind, so kann 
unter den Brüdern nicht viel Friede sein. Darum, lie- 
be Brüder, bleibt untereinander im Frieden, und ihr, 
Diakone, dient den Dienern des Wortes zur Stütze, 
nehmt euch derselben an, denn sie müssen das Horn 
blasen, damit die Schläfrigen erwachen, wiewohl ei- 
nige schläfrige Menschen von solcher Art sind, daß 
sie sich nicht gern aufwecken lassen; ebenso haben es 
auch einige, die in Sünden schläfrig geworden sind, 
nicht gern, daß man sie aufwecke. So wird denn über 
solche oft vieles geschwatzt und hinter dem Rücken 
geklatscht; darum müsst ihr und alle frommen Brüder 
den Dienern eifrig beistehen, die Verleumder anre- 
den und ermahnen, dann werdet ihr denselben Mut 
machen. Und ihr, liebe Brüder, die ihr der Gemeinde 
mit dem Worte des Herrn vorsteht, bleibt bei der Ge- 
meinde solange, als es euch möglich ist, denn wenn 
ihr fortziehen wollt, so macht ihr die andern Dienern 
kleinmütig, vermehrt ihre Arbeit und zerstreut die 
Herde. Darum bitte ich euch, um des Volkes willen, 
das ich aus reinem Herzen liebe, verlasst sie nicht, son- 
dern bleibt bei ihnen, und seht auf diejenigen, denen 
Christus das Reich beschieden hat, gleichwie wie es 
Ihm von seinem Vater beschieden war, wie ernstlich 
sie das Reich gebaut und die Herde geweidet haben; 
denn sie hielten es für nützlich, sie zu ermahnen, zu 
stärken, und ihren reinen Sinn zu erwecken, solange 
als sie in diesem Leibe waren, damit sie, nach ihrem 
Abschiede, dessen eingedenk sein möchten; denn der 
Apostel hatte sie drei Jahre lang Tag und Nacht mit 
Tränen ermahnt, auch hat er die Bischöfe zu Ephesus 
unterrichtet, daß sie auf sich selbst und auf die Herde 
Acht haben sollten. Nun könnt ihr leicht sagen: Wir 



510 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


sind keine Bischöfe; darauf antworte ich: Es brauchen 
nicht alle Bischöfe zu sein, die die Gemeinde erbauen, 
oder des Herrn Wort verkündigen, sondern ein jeder 
muss in seinem Dienste treu sein, denn es gibt man- 
cherlei Ämter; hat jemand ein Amt, so warte er seines 
Amtes; lehrt jemand, so warte er der Lehre; ermahnt 
jemand, so warte er des Ermahnens, und weidet daher 
die Herde Christi nicht aus Zwang, sondern freiwillig; 
denn der Herr will, daß man ihm aus Liebe diene, 
gleichwie er aus Liebe gedient hat. Darum schreibt 
der Apostel: Tue ich es gerne, so wird mir gelohnt, 
tue ich es aber ungern, so ist mir das Amt doch befoh- 
len. Darum, liebe Brüder, nehmt sie auf mit Lust, und 
zieht sie auf mit verständiger, unverfälschter Milch, 
wie eine gute Säugamme, welche ihr Kind, das sie 
säugt, so lieb hat (wiewohl sie es nicht geboren hat), 
daß sie es ohne Tränen nicht lassen kann, wenn es der 
Vater wieder nach Hause holt, wiewohl es ihr dem 
Fleische nach fremd ist; um wie viel mehr solltet ihr 
eure Kinder lieben und sie nicht verlassen, solange 
ihr bei ihnen bleiben könnt; denn ihr seid nicht allein 
ihre Säugamme, sondern habt vielleicht einen guten 
Teil von ihnen geboren; überdies sind sie eure Brüder 
und Schwestern in dem Herrn, was euch umso mehr 
verpflichtet, ihnen zu dienen und vorzustehen. Wie 
eins Henne ihre Kücklein unter ihren Flügeln vor den 
bösen Raubvögeln bewahrt, so bewahrt sie auch vor 
den wilden Tieren, die Zwietracht und Ärgernis ne- 
ben der Lehre Christi erwecken; denn ihr Wort frisst 
um sich wie der Krebs, und richtet Verderben an wie 
die Pest; darum steht ihnen hierin vor und scheidet 
euch von allen solchen Leuten; erhaltet die Herde im 
Frieden, so viel es euch möglich ist, und meidet alle 
Zwietracht; mengt euch auch nicht darunter, insoweit 
ihr euch davon geschieden halten könnt; denn wer 
sich in fremden Hader mengt, der ist wie einer, der 
den Hund bei den Ohren zwackt; es werden auch 
durch Streit viele Herzen verunreinigt. 

Redet allezeit zum Frieden, soviel ihr könnt, und 
nicht zur Trennung, denn es ist hierzu nicht die gelege- 
ne Zeit; es ist bald zertrennt, was nachher schwerlich 
wieder geheilt werden kann; dadurch wird so manche 
einfältige Seele zu Grunde gerichtet; es ist auch, nach 
meiner Erkenntnis, in der Schrift nicht gebräuchlich, 
daß man in misslichen Zeiten mit dem Banne schlich- 
ten soll, und wenn es auch im Eifer geschieht, denn 
Eifern im Ernst ist gut, wenn es um das Gute geschieht. 
So haben wir auch zuvorderst im alten Testamente 
Exempel, daß sie auch den Bann gehabt, um die Bösen 
mit dem Tode zu strafen, denn wer das Gesetz Mo- 
ses brach, musste ohne Barmherzigkeit sterben durch 
zwei oder drei Zeugen; gleichwohl hat der Herr nicht 
gewollt, daß dieser Bann ausgeführt würde, hat auch 


den Propheten keinen Befehl gegeben, daß man sich 
des Bannes bedienen sollte, sondern er hat ihnen zu- 
gerufen, daß sie sich bessern und bekehren sollten, 
dann wolle er ihnen gnädig sein, und ihren Schaum 
auf das Reinste ausfegen; solches aber kann er tun, 
liebe Brüder, ohne dem Golde oder Silber zu schaden. 
Sodann haben wir auch das Exempel im neuen Tes- 
tamente, und zwar zunächst an Johannes und den 
Gemeinden in Asien, denn obgleich sie jämmerlich 
verfallen waren, so hat sich Johannes doch keines Ban- 
nes bei ihnen bedient; auch finden wir nicht, daß ihn 
der Herr einmal darauf angeredet, warum er solches 
nicht getan hätte, sondern er hat sie durch Johannes 
zur Buße gerufen, wenn sie das nicht tun wollten, so 
wollte er ihren Leuchter von seinem Orte stoßen. Daß 
aber der Apostel an die Korinther im zweiten Briefe 
gegen den Hurer den Bann ausgesprochen hat, dar- 
über mag jeder nachdenken, denn die Apostel haben 
allezeit eine göttliche Fürsorge für die Einfältigen ge- 
habt, und haben jede Trennung zu verhindern gesucht, 
so viel in ihrem Vermögen war; darum haben sie auch 
alle Mittel hervorgesucht, den Hader niederzulegen, 
wie man in der Apostelgeschichte wahrnehmen kann, 
denn als die Brüder aus dem Judentum die Gläubi- 
gen aus den Heiden beunruhigten und sagten: Wenn 
ihr euch nicht nach dem Gesetze Moses beschneiden 
lasst, so könnt ihr nicht selig werden, entstand dar- 
über eine große Unruhe unter dem Volke; auch zu 
Jerusalem standen einige aus der Pharisäer Sekte auf, 
die gläubig geworden waren, und sagten: Man muss 
sich beschneiden lassen und gebieten, das Gebot Mo- 
ses zu halten - was doch ein großer Unverstand war; 
und gleichwohl haben die Ältesten und Apostel ih- 
nen ihren Unverstand nicht vorgehalten, aus Furcht, 
es möchte eine Trennung entstehen, sondern sie sind 
den Brüdern aus dem Judentume näher getreten, um 
der Trennung vorzubeugen, und haben einige Artikel 
aus dem Gesetze genommen, welche nicht wider die 
evangelische Wahrheit waren, und haben beschlos- 
sen, daß man diejenigen, die sich aus den Heiden 
bekehrten, weder beunruhigen, noch ihnen irgendei- 
ne Last aufbürden sollte, daß sie sich jedoch vor dem 
Götzenopfer und der Hurerei, vor dem Essen erstick- 
ten Viehes und vor dem Blute der Tiere hüten sollten. 
Hierdurch wurden die Juden beruhigt, denn sie konn- 
ten leicht denken, daß sie noch in etwas recht hätten, 
weil man den Heiden noch einige Artikel aus dem 
Gesetze auflegte; auf gleiche Weise haben sie auch 
im 21. Kapitel gehandelt, als sie den Streit oder das 
Ärgernis niederlegten, das zwischen den Juden und 
Paulus herrschte; sie hatten gehört, daß Paulus lehr- 
te, von Moses abzufallen; darum gaben die Ältesten 
den Rat, daß Paulus vier Männer zu sich nehmen, mit 



511 


denselben im Tempel sich reinigen, und das Haupt 
sich scheren lassen sollte. Dem Gewissen nach wa- 
ren sie nicht verbunden, solches zu tun, aber um der 
Brüder aus dem Judentume willen haben sie es ge- 
tan, denn sie sagten: Damit sie alle vernehmen, daß 
es unwahr sei, was sie wider dich gehört haben. Da 
ging er nun in den Tempel und ließ sich sehen, wie 
er die Tage der Reinigung aushielte; denn als sie zum 
Schweigen gebracht waren, konnte man es ihnen bes- 
ser beibringen, daß das Gesetz in Christo sein Ende 
erreicht habe; aber sie haben nicht beschlossen, daß 
Paulus in seinem Amte aufhören möchte, bis er sie 
beruhigt hätte; denn sonst hätte solches oft geschehen 
müssen, weil man oft etwas über ihn zu sagen hatte, 
wie man an den Korinthern wahrnehmen kann. Aber 
das war ihm das Geringste, von ihnen oder von ei- 
nem menschlichen Tage gerichtet zu werden, denn 
ich richte mich selbst nicht, waren seine Worte; sol- 
ches dient auch nicht zum Frieden, sondern erregt 
nur mehr Streit; denn es ist einer Gemeinde nicht da- 
mit gedient, daß sie ihren Mann verlieren muss, weil 
Menschen sind, welche auf ihn etwas zu sagen haben, 
und wissen doch nicht, was die Sache ist, oder ob man 
mit Recht oder Unrecht ihn beschuldigt. Darum muss 
der Ankläger vor seine Gemeinde kommen, und hier 
seine Beschuldigungen wider ihn anbringen, wenn es 
Sachen sind, die sie miteinander nicht ausmachen kön- 
nen; dann kann die Gemeinde den Handel anhören, 
und ihn, wenn er der schuldige Teil ist, strafen helfen; 
auf solche Weise wird sie von ihm befreit, und er kann 
sie nicht mehr beschweren; es muss aber zuerst die 
Sache erwiesen sein, ehe gestraft und der Gemeinde 
geholfen werden kann. Darum schreibt Paulus an Ti- 
motheus: Nimm keine Klage wider einen Ältesten an, 
wenn nicht zwei oder drei Zeugen da sind; denn er 
wusste es wohl, daß oft vieles über sie gelästert wird. 
Darum, liebe Brüder, haltet standhaft an; darum bitte 
ich euch, um der Wahrheit Gottes willen, und verlasst 
eure Männer nicht, ehe sie von dem Herrn verlassen 
sind; sondern sucht euch allezeit zu erbauen, damit 
die Gemeinde versorgt und die Herde geweidet wer- 
de, und Wächter auf den Mauern Jerusalems seien, die 
weder Tag noch Nacht schlafen oder schweigen, son- 
dern des Herrn und ihrer Gemeinde eingedenk seien 
und sagen: Um Zion willen will ich nicht schweigen, 
und um Jerusalem willen will ich nicht innehalten, 
bis daß ihre Gerechtigkeit aufgehe wie ein Glanz und 
ihr Heil entbrenne wie eine Fackel. Darum, meine 
lieben Brüder, wendet doch allen Fleiß an, bei den 
armen Schaflein; steht ihnen treulich bei und verlasst 
sie nicht in dieser großen Not, sondern ermahnt und 
tröstet sie damit, daß unsere Väter auf mancherlei 
Weise versucht und endlich Gottes Freunde gewor- 


den seien, nachdem sie durch viel Trübsal haben den 
Sieg erhalten müssen; ebenso sind auch Isaak, Jacob 
und die Propheten, und alle, die Gott lieben, stand- 
haft geblieben, gleichwie der Engel zu Tobias sagte: 
Weil du Gott angenehm warst, so konnte es nicht sein, 
daß du ohne Anfechtung bliebest. Solltet ihr auch um 
ihretwillen leiden müssen, so denkt an dasjenige, was 
der Apostel schreibt: Darum leide ich alles um der 
Auserwählten willen, damit sie auch die Herrlichkeit 
ererben möchten, gleichwie mir Unwürdigem auch 
zuteil geworden ist; denn, wenn die Gemeinde Gottes 
nicht gewesen wäre, ich glaube, daß ich im Clevischen 
Lande geblieben wäre; aber ich kann mit David zum 
Herrn sagen: Meine Zeit steht in deinen Händen. So 
hat er denn meine Zeit ans Ende bringen wollen, wie 
es der Erfolg bewiesen hat; aber der Apostel sagt: Nun 
aber freue ich mich in meinem Leiden, welches ich 
um euretwillen leide, und erstatte an meinem Fleische, 
was noch mangelt an Trübsal in Christo, für seinen 
Leib, welcher die Gemeinde ist, und wenn ihr um der 
Gemeinde willen leidet, so habt ihr nach der Liebe 
Christi gehandelt, und euer Leben für die Brüder und 
Schafe gelassen. Darum, meine lieben Brüder, wacht, 
seid standhaft im Glauben, und männlich, und lasst 
alles in der Liebe geschehen. Endlich will ich mich 
ein wenig zu meinen lieben Schwestern, nämlich zu 
euren Weibern, wenden, um sie zu ermahnen und 
zu bitten, daß sie mit ihren Männern verträglich sein 
und sie nicht verlassen wollen, sie aus dem Lande zu 
bringen, sondern erkennt, Schwestern, die große Not; 
bejammert das Volk, und habt Mitleiden mit ihnen, 
und denkt, daß wir das mittragen müssen, was der 
Herr unsern Männern zur Probe auflegt, und daß wir 
unsere Seelen durch den Glauben in Geduld fassen 
müssen denn als Gott den Abraham versuchte, daß 
er seinen Sohn opfern sollte, so musste es Sarah mit 
ertragen, denn sie hätte ihren eigenen Sohn eingebüßt, 
wenn der Herr an Abraham den Sohn nicht wieder- 
gegeben hätte; und doch kann man nicht bemerken, 
daß Sarah dem Abraham Widerstand geleistet habe; 
sie ist Abraham, ihrem Herrn, untertänig gewesen, 
und hat ihn in allem demjenigen seines Glaubens le- 
ben lassen, worin ihn der Herr auf die Probe gesetzt 
hat, und ihn ermahnt, daß er die Magd mit ihrem 
Sohne hinausstoßen sollte. Ebenso auch ihr, meine lie- 
ben Schwestern, seid euren Männern Untertan, und 
lasst sie ihrem Glaubens leben in allem, worin es dem 
Herrn gefällt, sie auf die Probe zu setzen; macht sie 
nicht kleinmütig, sondern erquickt vielmehr ihr Ge- 
müt, wenn ihr seht, daß sie durch die Mühe gedrückt 
sind, die sie mit dem Volke haben, und denkt, daß ihr 
Sarahs Töchter seid, wenn ihr Gutes tut, und euch die 
Furcht nicht erschrecken lasst. 



512 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Darum, liebe Schwestern, seid wohlgemut und ver- 
traut eurem Gotte; er wird euch nicht über euer Ver- 
mögen versucht werden lassen, sondern euch neben 
der Versuchung einen Ausweg verschaffen, daß ihr 
es ertragen könnt, denn Gott kennt unser Vermögen, 
daß es nur schwach sei; darum sorgt er für uns, denn 
er hat gesagt: Ich will dich nicht verlassen noch ver- 
säumen, sodass wir sagen dürfen: Der Herr ist mein 
Helfer, ich will mich nicht fürchten, was sollte mir ein 
Mensch tun? sondern wir müssen sie im Namen des 
Herrn schlagen und überwinden, denn sie sind nur 
Staub und Asche, und werden wie Heu vergehen; ja, 
Motten werden sie fressen wie ein Kleid, wie >Jesaja 
sagt; ferner sagt er: Ich bin euer Tröster, wer bist du 
denn, der du dich vor Menschen fürchtest, die doch 
sterben, und vor Menschenkindern, die wie Heu ver- 
zehrt werden? Bei ihnen ist nur ein fleischlicher Arm, 
aber bei uns ist der Herr selbst; er wird uns helfen und 
unsern Streit ausführen, und wenn sie auch jetzt sehr 
toben und niemanden verschonen, sondern diejeni- 
gen berauben und vernichten, die den Herrn fürchten, 
sich auch so hoch setzen, daß fast jeder vor ihnen 
zittert und bebt, so wird sie der Herr doch erniedri- 
gen und zerstören, wenn sie ihre Zerstörung geendigt 
haben werden. Aber nun, liebe Schwestern, müssen 
wir geprüft werden wie Gold im Feuer, daß die Be- 
währung des Glaubens Geduld wirke, die Geduld 
aber fest bleibe, denn wenn wir in unserer Trübsal 
geduldig sind, so überwinden wir und werden weder 
müde noch matt, und obgleich unser auswendiger 
Mensch vergeht, so wird doch der inwendige von Tag 
zu Tag erneuert; wir wollen lieber mit dem Volke Got- 
tes Ungemach leiden, als die zeitliche Ergötzlichkeit 
der Sünden haben, und achten die Schmach Christi 
für großem Reichtum, als die Schätze Ägyptens, denn 
wir sehen auf die Belohnung. Seht, liebe Schwestern, 
fasst Mut, und zieht mit der Witwe Judit wider den 
hochmütigen Holofernes aus, der vom Könige Nebu- 
kadnezar ausgesandt war, um alle Länder unter seine 
Botmäßigkeit zu bringen, denn er gab vor, daß er Gott 
sei, und dennoch ist sein Knecht Holofernes von Judit 
überwunden worden; ebenso hat nun auch das Kind 
des Verderbens, das sich Gott auf Erden nennen lässt, 
einen hochmütigen Boten ausgesandt, und meint, da- 
durch alles unter seine Gewalt zu bringen; aber wie 
ich höre, so ist er zu Kortryck von einer armen einfa- 
chen Witwe überwunden worden, gleichwie Christus 
die Schriftgelehrten und Pilatus überwunden hat; ihr 
müsst daher auch ausziehen, liebe Schwestern, um 
ihn durch den Glauben zu überwinden. Nehmt auch 
ein Beispiel an dem Weibe Jael, wie sie Sissera, den 
Widersacher und Feind des Hauses Israel, überwun- 
den hat; sie nahm einen Hammer und schlug ihm 


einen Nagel durch das Haupt, sodass er des Todes 
ward; ebenso müsst ihr auch, liebe Schwestern, wider 
den Feind und Widersacher des Hauses Israel, näm- 
lich den Teufel und Satan, im Glauben ausziehen, der 
durch seine Kinder und Knechte so viel Rasen und 
Tumult verursacht, und ihm mit dem Hammer des 
Wortes Gottes den Nagel Christum Jesum durch das 
Haupt schlagen und mit dem Apostel sagen: Gott sei 
gedankt, der uns durch unsern Herrn Jesum Christum 
den Sieg gegeben hat, und Gott sei gedankt, der uns 
allezeit das Feld erhalten hilft durch Christo. Darum, 
meine lieben Schwestern, seid allezeit tapfer, und er- 
mahnt eure Männer, bei der Herde zu bleiben, und 
wisst, was ein jeder Gutes tut, das wird er von dem 
Herrn empfangen. So seid denn nun standhaft und un- 
beweglich und unerschöpft in den Werken des Herrn, 
und wisst allezeit, daß eure Arbeit nicht vergeblich 
sei, in dem Herrn. Hiermit will ich euch, meine lieben 
und sehr werten Brüder und Schwestern, dem großen 
und allmächtigen Gotte anbefehlen, der allein weise 
ist, und bitte, daß er euch ins Herz geben wolle, das- 
jenige zu tun, was vor ihm gefällig ist. Ich bitte euch, 
daß ihr mein Schreiben, welches aus Liebe geschehen 
ist, mir zu gut halten wollet; ist etwa seine Ansicht 
darin ausgesprochen, die der eurigen nicht gleich ist, 
so lasst dieselbe aus Liebe in ihrem Werte, denn wir 
stehen, wie ich hoffe, in einem Glauben; so viel ich 
weiß, ist bei mir keine Veränderung vorgegangen; was 
ich der Gemeinde unwürdig vorgetragen habe, darin 
stehe ich noch unverändert; der Herr sei gelobt für 
seine Gnade, daß er mich an achtzehn Jahre darin be- 
wahrt hat. Grüßt mir sehr herzlich alle Brüder und 
Schwestern, die bei euch wohnen. Hiermit will ich 
nun meinen Abschied von euch nehmen; gute Nacht, 
meine lieben Brüder mit euren Weibern, bis wir einan- 
der in der ewigen Freude sehen; der Herr gebe euch 
seine Gnade, daß wir einander daselbst antreffen mö- 
gen. Haltet zu jeder Zeit fest am Glauben, und bleibt 
bei der Wahrheit und helft euren Mitmenschen, wo 
ihr nur immer könnt, dann wird die ewige Herrlich- 
keit euch in ihren goldenen Schoß aufnehmen. Gute 
Nacht! Gute Nacht! 

Geschrieben den 13. Mai und den 1. Juni, von mir, 
Jacob de Roore, in meiner Gefangenschaft. 

Die leiden hier nach Gottes Sinn, die wollen darauf 
merken: Sie geben ihre Seelen hin, dem Schöpfer guter 
Werken. 

Adrian Ol, 1569. 

Um das Jahr 1569 ist zu Armentiers in Flandern ein 
Bruder, namens Adrian Ol, um des Wortes Gottes 
und des Zeugnisses Jesu willen gefangen genommen. 



513 


welchen die blutdürstigen Papisten zum Tode verur- 
teilt haben, nachdem er durch keine Versuchung oder 
Bedrohung von ihnen zum Abfall gebracht werden 
konnte, sondern seinem Gotte getreu geblieben ist. 
Deshalb ist er an jenem Orte um des Zeugnisses Jesu 
willen getötet worden, hat seinen vergänglichen Leib 
in großer Standhaftigkeit Gott zu einem angenehmen 
Gerüche aufgeopfert. 

An diesen Adrian Ol hat Jacob Kerzengießer seinen 
neunzehnten Briefe zum Tröste in seiner Gefangen- 
schaft geschrieben. 

Abraham Picolet, Henrich von Etten und Maeyken 
von der Goes, 1569. 

Zu jener Zeit lebte zu Antwerpen Abraham Picolet, 
der mit Henrich von Etten, geboren bei Breda, und 
mit Herman N. vertrauten Umgang hatte. Als nun 
der genannte Henrich im Begriffe stand, eine Reise in 
seine Heimat zu unternehmen, so hat er seine Mitge- 
sellen ersucht, daß sie sich vor seiner Abreise mit ihm 
noch einmal (im Spazieren) mit Reden und Singen 
von dem Worte des Herrn ergötzen und erlustigen 
wollten, was zum guten Abschiede der guten Gemein- 
schaft, die sie in dem Herrn miteinander gepflogen 
hatten, geschehen sollte. Weil aber zu der Zeit unter 
der Regierung des Herzogs von Alba die Verfolgung 
sehr heftig war, so sind auch diese beiden Junggesel- 
len, als sie im Walde bei Wilryk, nahe bei Antwerpen, 
wandelten, von dem Landrichter zu Borgerhout ver- 
haftet worden. Derselbe visitierte sie, und als er unter 
andern Büchern auch ein neues Testament bei ihnen 
fand, so hat er sie scharf untersucht und nachgefragt, 
wo sie zuletzt zur Beichte und zum Sakramente ge- 
gangen wären. Darauf antwortete Abraham, daß es 
in Welschland geschehen sei. Er fragte weiter, wie lan- 
ge es her sei, worauf er antwortete, vier Jahre. Als 
er solche und mehrere andere Worte von ihnen ver- 
nahm, hat er sie den zweiten Pfingsttag gefänglich 
nach Antwerpen gebracht. Aber weil der vorgemel- 
dete Hermann nicht fest auf den Eckstein Christum 
gegründet war, so hat sein Gebäude nicht Stand gehal- 
ten, denn sein sandiger Grund hat diese Stürme nicht 
ertragen können. Als er verhört wurde, bekannte er, 
vergangene Ostern sei er zur Beichte und zum Sakra- 
mente gegangen, wiewohl es erlogen war, und um 
dieses zu bekräftigen, hat der Pfarrer oder Pastor von 
St. Joriskirche solches bezeugt; durch dieses Mittel ist 
er aus dem Gefängnisse entlassen. Die beiden andern 
aber, die bei ihrem Glauben treu blieben, haben in ih- 
rer langen Gefangenschaft mit den blinden Betrügern 
viel Streit und Disputieren gehabt, die auch viel Mü- 
he und Arbeit anwandten, um sie von der Wahrheit 


abzuziehen; weil sie aber ihre Zuflucht zu dem Herzo- 
ge des Glaubens nahmen, so sind sie nicht verlassen, 
sondern um desto mehr getröstet worden, sodass sie 
sich stets nach dem Tage ihrer Erlösung sehnten; auch 
haben sie viel Fleiß angewandt, den Nächsten allezeit 
mit Schreiben und Ermahnen zu erbauen, sodass sie 
durch ihre Schreiben und durch ihre Beständigkeit 
im Glauben auch in Banden einige gewonnen haben. 
Als sie nun eine Zeitlang gefangen lagen, sind die Ty- 
rannen, weil sie keine Hoffnung hatten, sie von der 
Wahrheit abzubringen, darüber aus gewesen, sie ihres 
Lebens zu berauben; und als der Landrichter bei der 
Kronenburgpforte sein Gericht hielt, hat er sie zwei- 
mal dahin vor seine Gerichtsherren bringen lassen; 
da er aber mit ihnen nichts ausrichtete, sind sie zum 
dritten Male auf einen Wagen gesetzt und abermals 
vor die blinden Richter gebracht worden; sie waren 
aber wohlgemut und stark im Glauben; darum sagte 
Abraham, als er nach dem Wagen ging: Niemand, sag- 
te Petrus, unter euch leide als ein Mörder oder Dieb, 
oder Übeltäter, oder als ein solcher, der in ein fremdes 
Amt greift, leidet er aber als ein Christ, so schäme er 
sich nicht; er ehre aber Gott in solchem Falle. 

Henrich redete sehr wenig, aber man konnte nichts 
als Freimütigkeit an ihm bemerken. Als sie vor den 
Richtern standen, wurde ihnen das Urteil vorgelesen, 
daß sie lebendig verbrannt werden sollten. Nach vor- 
gelesenem Urteile sagte Abraham, daß er den Her- 
ren danke, weil sie mit ihm so viel Mühe gehabt 
hätten, und daß er Gott um ihre Erleuchtung bäte. 
Darauf hat man sie abermals auf den Wagen gesetzt, 
und sie nach dem Steine (dem Gefängnisse) gebracht, 
wo noch mehr gottesfürchtige Gefangene saßen, von 
welchen der Markgraf noch eine Frau zu gleichem 
Tode hat verurteilen lassen, welche Maeyken von 
der Goes genannt wurde, und ihrem Manne Jasper, 
ein Taschringmacher, der zuvor aufgeopfert worden 
war, ohne Furcht nachgefolgt ist. So haben die Tyran- 
nen ihre Lust an diesen drei Schlachtschafen gebüßt, 
und sie des andern Tages lebendig verbrennen las- 
sen, nachdem sie ihnen die Zungen mit Schrauben 
festgeschraubt hatten, um ihnen das Reden zu beneh- 
men. Sie haben aber in allem diesem durch Christum, 
der ihre Stärke war, tapfer überwunden, und sind mit 
Josua und Kaleb beherzt auf getreten, das Land der 
Verheißung einzunehmen, vielen Zeugen, die solches 
ansahen, zum Tröste und zur Stärke. Als sie verbrannt 
waren, wurden die Überbleibsel der Körper der bei- 
den Männer auf dem Wege von Wilryk den Vögeln 
zur Speise gegeben, weil sie unter dieser Herrschaft 
gefangen worden sind. 

Diese beiden frommen Helden und Kämpfer, wie- 
wohl sie die Wassertaufe auf ihr Glaubensbekenntnis 



514 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


noch nicht empfangen hatten, haben es gleichwohl 
bezeugt, daß sie dennoch die Geistes- und Feuertaufe 
von Christo empfangen hatten. 

Sie haben viele Briefe, voller Trost und ernstlicher 
Ermahnungen geschrieben; insbesondere hat Henrich, 
welcher zuvor Soldat gewesen, die Brüder sehr er- 
mahnt, in dem geistigen Kriege tapfer zu streiten, gu- 
te Wacht zu halten, und bis ans Ende auszuhalten, 
um von dem geistigen Hauptmanne Jesu Christo die 
Krone des ewigen Lebens zum Solde und Lohne zu 
empfangen; aber alle diese Briefe sind in Folge der 
scharfen Verfolgung verloren gegangen; nur ist uns 
einer von Abraham Picolet in die Hände gekommen, 
den wir zum Vergnügen des Lesers hier beigefügt 
haben. 

Ein Brief von Abraham Picolet, geschrieben an 
seine Schwestern. 

Liebt Gott über alles, merkt doch auf des Herrn Wort, 
und habt eure Lust daran. 

Die überschwänglich große Gnade und der ewige 
Friede von Gott, unserm himmlischen Vater, und dem 
Herrn Jesu Christo, der Vater der Barmherzigkeit und 
Gott allen Trostes ist, wolle euch christliche Weisheit, 
einen standhaften Glauben, ein beständiges Gemüt 
und den wahren Verstand des Wortes Gottes in der 
Wahrheit verleihen; dieses wünsche ich euch, meinen 
geliebten Schwestern, von ganzem Herzen, Amen. 

Wisset, meine Schwestern, daß ich, Abraham, euer 
Bruder, um des Wortes Gottes willen gefangen ge- 
nommen, B. L. wissen lasse, daß ich solche Kraft und 
solchen Mut von dem Herrn erlange, daß ich von Ihm 
nicht zu weichen hoffe, und weil er mich nicht ver- 
lässt, so hoffe ich, sein göttliches Wort vor den blinden 
Menschen mit des Herrn Hilfe zu bekennen, solange 
ein Atem in mir ist, denn er schenkt uns merklichen 
Beistand, sodass ich es sehe und fühle; Ihm müsse für 
die Gnade gedankt sein, die er an mir armem Sünder 
erweist, wofür ich ihn nicht genug loben kann. Nebst 
freundlichem und geziemendem Gruße wisset, meine 
Schwestern, daß es mir oft eine Freude gewesen, von 
euch zu hören, daß ihr auch dem Herrn nachzufol- 
gen hofft, euer Leben lang bei der ewigen Wahrheit 
zu bleiben, und Christo zu dienen und Ihn zu fürch- 
ten, denn er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben; 
wer ihm gehorsam ist, wird ewige Freude besitzen, 
denn er sagt denen die ewige Freude zu, die ihn lie- 
ben und seine Gebote halten; seine Gebote sind nicht 
schwer, und seine Verheißungen wahrhaftig. Darum, 
meine geliebten Schwestern, nachdem ihr seinen Wil- 
len wisst, und die große Gnade, die er eurer Liebe 
gegeben hat, so seht doch zu, daß ihr seine Gebote 


nach eurem schwachen Vermögen haltet, denn wenn 
ihr tut, was ihr könnt, so fordert er euch nicht mehr 
ab. Ach, liebe Schafe! Glaubt doch dem Evangelium; 
begebt euch auf den engen Weg, der nur einen Fuß 
breit ist, und zum ewigen Leben führt, denn viele 
werden darnach trachten, aber dazu nicht gelangen 
können. Diejenigen, die da rufen: Herr, Herr! werden 
nicht daselbst eingehen, sondern nur diejenigen, die 
den Willen des Vaters erfüllen, der im Himmel ist. 
Meine geliebten Schwestern, trachtet nach der Pforte, 
die eng ist, nämlich nach dem ewigen Leben, und da 
ihr des Herrn Stimme hört, so seht zu, daß ihr seinen 
Worten gehorsam seid, und legt alles ab von dem vo- 
rigen Wandel, nämlich den alten Menschen, denn das 
sind die Werke des Fluches: Unreinigkeit, böse Begier- 
den, Hoffart, stolze Aufgeblasenheit, Lügen, Betrug, 
Pracht und Prahlen, Verleumdung, Schalkheit, Hass, 
Neid und dergleichen mehr; denn liebe Schafe, das 
ist Abgötterei, und über alle solche Menschen kommt 
der Grimm und Zorn Gottes; sie werden nicht in das 
Himmelreich eingehen, noch dasselbe besitzen son- 
dern ewiges Verderben und ewige Verdammnis ist ihr 
Teil (wenn sie sich nicht bekehren), in dem Pfuhle, der 
mit Feuer und Schwefel brennt, welches der zweite 
Tod ist; da wird Heulen und Zähneklappern sein und 
ihr Wurm wird nicht sterben, sondern sie werden von 
Ewigkeit zu Ewigkeit gepeinigt. 

Ach, meine lieben Schafe und Schwestern! Lasst 
darum von dem Bösen ab, denn Gott wird über alle 
ungläubigen und ungehorsamen Menschen, die dem 
Worte des Herrn nicht gehorsam gewesen sind, son- 
dern dasselbe verschmäht und verachtet, ja, verfolgt 
und getötet und die den Herrn nicht zu fürchten ge- 
sucht haben, ein unbarmherziges Gericht ergehen las- 
sen, denn, meine Geliebten, Gott hat der Engel nicht 
geschont, die gesündigt hatten, sondern hat sie mit 
Ketten der Finsternis zur Hölle verstoßen, und sie 
übergeben, daß sie zum Gerichte behalten würden, 
und hat der vorigen Welt nicht geschont, noch auch 
Sodom und Gomorrha, sondern hat sie zu Asche ge- 
macht, umgekehrt und verdammt und denen zum 
Exempel gestellt, die Gottlosigkeit treiben. 

Darum, meine lieben Schwestern, lasst uns Gutes 
tun und nicht müde werden, wenn wir auch ein wenig 
um des Namens des Herrn willen leiden müssen; selig 
seid ihr, und freut euch (sagt Christus), wenn ihr um 
der Gerechtigkeit willen leidet, denn euer Lohn ist 
groß im Himmel. 

In solcher Weise, meine lieben Schwestern, sind sie 
mit den Propheten verfahren, die vor uns gewesen 
sind. Leiden und Widerwärtigkeit im Fleische ist al- 
len Gottesfürchtigen zugesagt, gleichwie der Apostel 
Paulus sagt: Alle, die gottselig leben wollen in Christo 



515 


Jesu, müssen Verfolgung leiden. Nehmt wahr, mei- 
ne Geliebten, wie es Christo ergangen ist, der keine 
Sünde getan hat, und in dessen Munde kein Betrug 
erfunden worden ist, wie er gelitten hat, und das al- 
les um unseretwillen, während er doch ein Herr aller 
Herren und ein König aller Könige war. Ach, liebe 
Schwestern! Denkt an den, der ein solches Widerspre- 
chen von den Sündern erduldet hat; er drohte nicht, 
als er geschlagen war, sondern überließ Gott die Ra- 
che, der da recht richtet. Der, welcher arm war, ist um 
unseretwillen arm geworden, ja, er hat seine göttli- 
che Wohnung verlassen und eine Knechtsgestalt ange- 
nommen, und ist bis zum Tode gehorsam geworden, 
ja, bis zum Tode am Kreuze, und war einem Wurme 
ähnlicher, als einem Menschen. Darum hat ihm auch 
Gott einen Namen gegeben, der über alle Namen ist, 
damit im Namen Jesu sich aller derer Knie beugen 
sollten, die im Himmel und auf Erden sind; auch sagt 
der Apostel Petrus: Liebe Brüder, weil nun Christus 
für uns gelitten hat, so waffnet euch mit demselben 
Sinne, denn dazu sind wir berufen, daß wir seinen 
Fußstapfen nachfolgen sollen, gleichwie auch Chris- 
tus sagt: Haben sie den Hausvater Beelzebub genannt, 
um wie viel mehr werden sie seine Hausgenossen so 
nennen; haben sie mich verfolgt, so werden sie euch 
auch verfolgen. Merkt doch, meine lieben Schwestern, 
ob uns mehr widerfährt, als uns zugesagt ist; aber das 
alles werden sie tun, sagt Christus, um meines Na- 
mens willen; und ferner: Die Zeit wird kommen, daß 
wer euch tötet, wird meinen, er tue Gott einen Dienst 
daran; aber das werden sie euch tun, weil sie weder 
mich, noch meinen Vater kennen; auch sagte der Herr: 
Ich habe es euch zuvor gesagt, damit wenn die Zeit 
kommt, ihr daran denkt, daß ich es euch gesagt habe. 

Seht, meine lieben Schwestern, es widerfährt uns 
nichts, als was uns zuvor gesagt und Christo selbst 
begegnet ist. Darum müssen wir alles ablegen, was 
an unserer Seelen Seligkeit hinderlich ist, nämlich alle 
Lüste des Fleisches, alle Werke der Finsternis, und 
unserm Heiland, dem gekreuzigten Jesu Christo, in 
Gehorsam nachfolgen; denn wer sagt, er kenne Gott, 
hält aber seine Gebote nicht, der ist ein Lügner, und 
die Wahrheit ist nicht in ihm; wer sagt, daß er in ihm 
bleibe, der muss auch wandeln, gleichwie Christus 
gewandelt ist. Merkt darauf, meine Schwestern, und 
fürchtet den Herrn, fasst Mut in dem Worte des Herrn, 
forschet fleißig in der Heiligen Schrift und bittet Gott, 
den Herrn, ja, hängt euch an ihn Tag und Nacht mit 
Bitten und Flehen, er wird euch wohl geben, um dasje- 
nige zu verstehen und zu tun, was euch zur Seligkeit 
nötig ist; Christus sagt, daß sein Geist uns lehren wer- 
de, und daß wir vom Herrn gelehrt sein werden, denn 
von uns selbst haben wir doch nichts als nur Schwach- 


heit. 

Darum, meine Schwestern, bittet doch den Herrn, 
welcher sagt: Bittet, so werdet ihr nehmen; klopft an, 
so wird euch aufgetan; suchet, so werdet ihr finden; 
suchet das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, so 
wird euch alles, was ihr nötig habt, zugeworfen wer- 
den; suchet den Herrn, weil er zu finden ist; ruft ihn 
an, weil er so nahe ist; der Herr ist doch barmherzig 
über alle, die ihn zu fürchten suchen. Meine Schwes- 
tern, er sagt selbst: Kommt her zu mir alle, die ihr 
mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken; 
nehmt auf euch mein Joch, und lernt von mir, denn 
ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, dann 
werdet ihr Ruhe finden für eure Seele, denn mein Joch 
ist sanft und meine Last ist leicht, und seine Gebote 
sind nicht schwer. 

Seht, meine Geliebten, wie uns der Herr zur Bes- 
serung ruft; darum folgt ihm doch nach, denn wenn 
man tut, was man kann, so ist der Herr zufrieden; 
er kann diejenigen wohl bewahren, die auf ihn ver- 
trauen; darum bereut eure Sünden, die ihr in eurer 
Unwissenheit getan habt, ehe ihr den Herrn erkanntet; 
schreit und weint zum Herrn, er wird sich eurer erbar- 
men; denn es ist genug, daß ihr die vergangene Zeit 
eures Lebens nach heidnischem Willen zugebracht 
habt, als ihr Gott nicht erkanntet, und von ihm sehr 
entfremdet wart, und in euren Wollüsten, in Unzucht, 
Trunkenheit, Fresserei, in Pracht und Übermut wan- 
deltet. 

Deshalb, meine Schwestern, nachdem euch der 
Herr seine Wahrheit offenbart hat, so seht zu, daß 
ihr ihm treulich dient, und fürchtet nicht die Men- 
schen, die den Leib töten, denn nachher haben sie 
keine Macht mehr; überdies besteht auch alles Übel, 
das sie uns antun können, darin, daß sie uns zur Ruhe 
helfen, durch die große Gnade des Herrn; bekennt 
Christum vor den Menschen, dann wird er euch auch 
vor seinem himmlischen Vater bekennen und sagen: 
Kommt her, ihr Gesegneten, ererbt das Reich, das euch 
zubereitet ist, von Anfang der Welt. Darum erneuert 
euch im Geiste eures Gemüts, und zieht den neuen 
Menschen an, der nach Gott geschaffen ist. Legt die 
Lügen ab, und redet die Wahrheit; seid Gottes Nach- 
folger, als seine auserwählten Kinder, und wandelt 
in der Liebe, in der Stille, in der Freundlichkeit, in 
der Sanftmut; flieht die Lüste der Jugend, und jagt 
nach der Gerechtigkeit, der Liebe, dem Frieden, mit 
allen, die den Herrn aus reinem Herzen anrufen, denn 
die Knechte des Herrn müssen keine Haderer, noch 
Zänker sein, sondern freundlich gegen jedermann. 

Schmückt euch, meine Schwestern, mit einem keu- 
schen Wandel; seid freundlich gegen alle Menschen; 
seid eurem Herrn untertänig, er wird euch herrlich 



516 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


dafür lohnen; erwählt lieber, mit Gottes Kindern ein 
wenig Ungemach zu leiden, als ein wenig zeitliche 
und vergängliche Ergötzlichkeit dieser Welt zu haben, 
denn das Ende alles dessen ist die ewige Verdammnis. 
So lasst uns denn dem Herrn seine Schmach tragen 
helfen; es wird uns durch des Herrn große Gnade 
trefflich gelohnt werden, wenn er sagen wird: Ei, du 
guter und getreuer Knecht, über wenig bist du getreu 
gewesen, über viel will ich dich setzen, gehe ein zu 
deines Herrn Freude. 

Merkt darauf, meine lieben Schwestern, wie treff- 
lich wir alsdann belohnt werden sollen; darum eilt, 
den Herrn zu fürchten, denn wir leben heute, und 
wissen nicht, ob wir morgen leben werden; darum 
seid munter in der Furcht des Herrn, fasset Mut; rich- 
tet die müden Knie und lässigen Hände wieder auf; 
wendet doch Fleiß an, denn wir wissen nicht, wann 
der Herr kommt; der Tag des Herrn naht herbei; er 
kommt wie ein Dieb in der Nacht, wenn man es nicht 
meint. Seht auch nicht auf einen Menschen, denn we- 
nige sind, die den Herrn fürchten; denkt, wie viel ihrer 
gewesen sind, als die ganze Welt unterging; da waren 
ihrer nur acht, die den Herrn fürchteten; auch wie viel 
ihrer erhalten worden seien, als Sodom und Gomor- 
rha unterging. Ach, denkt! Wie wenige ins Land der 
Verheißung gekommen seien; niemand weiter als Jo- 
sua und Kaleb, die andern sind alle um ihrer Bosheit 
willen umgekommen (gleichwie es auch jetzt durch 
Bosheit oft geschieht), und weil sie nicht dem Wor- 
te Gottes glauben wollten, sondern sie widerstanden 
den Gerechten, quälten und verfolgten sie; und wenn 
sich diese nicht auch bekehrten, so werden sie eben- 
falls alle umkommen, denn sie sind alle ein Beispiel 
für uns. 

Darum, meine lieben Schwestern, seht doch zu, daß 
solches uns nicht auch widerfahre, denn um der Sün- 
de willen wird man gestraft, wie der Prophet sagt: 
Eure Sünde scheiden euch und euren Gott voneinan- 
der. Seht, so wird man um seiner Bosheit und seines 
Unglaubens willen verdammt. 

Ach, meine lieben Schwestern, es ist zwar wahr, es 
ist uns ein wenig Leiden zugestoßen, um des Herrn 
Namens willen, aber, gleichwie des Leidens Christi 
viel über uns kommt, so werden wir auch reichlich 
getröstet durch Jesum Christum; das wenige Leiden 
ist nicht zu vergleichen mit der Herrlichkeit, die an 
uns offenbart werden soll. Ach, liebe Freunde, wie 
angenehm wird es dann sein, wenn die Berge voll 
süßen Weines triefen und voll Lilien und Rosen stehen 
werden! Mit solcher Freude will der Herr seine Kinder 
erfüllen. Darum lasst uns doch den Herrn fürchten 
und lieben ohne Verdruss, denn wer Gott liebt, der 
wird auch das Gute tun und das Böse hassen. 


Ach, liebe Schafe, kein Auge hat gesehen und kein 
Ohr gehört, auch kann es kein menschliches Herz be- 
denken, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben 
und seine Gebote halten. Ach, überlegt es einmal, wel- 
che große Freude alsdann bei denen sein wird, die 
Gott geliebt und in der Welt bekannt haben. Ach, wür- 
de man die Freude bedenken, ich glaube, man würde 
mehr Fleiß anwenden, den Herrn zu fürchten, und die 
Menschen nicht zu scheuen, die den Leib töten. Ach, 
wie viele würden sich derer finden, die den Fußstap- 
fen unseres Herrn nachfolgen würden, denn der Herr 
will nicht, daß jemand verloren gehe, sondern er will, 
daß sie sich bekehren und er sie selig machen könne. 
Aber, meine lieben Schwestern, es geht hier, wie der 
Prophet sagt: Mit sehenden Augen sehen sie nicht, 
mit hörenden Ohren hören sie nicht, und verstehen es 
nicht; denn dieses Volkes Herz ist verstockt, und ihre 
Ohren hören schlecht, und ihren Augen schlummern, 
damit sie nicht dermaleinst mit den Augen sehen, und 
mit den Ohren hören, und mit den Herzen verstehen. 
Ach, merkt darauf, meine lieben Schafe, ob dem jetzt 
nicht auch so sei; sie wollen lieber fechten, stolzieren, 
prahlen, prassen, saufen und allerlei Gräuel tun, als 
sich bekehren, daß sie der Herr selig machen könne. 
Das sind verfluchte Leute, sagt der Apostel; sie verlas- 
sen den rechten Weg, und, was sie natürlich erkennen, 
darin verderben sie sich als unvernünftige Tiere; sie 
verführen und werden verführt. 

Ach, liebe Schafe, wendet euch doch von allen welt- 
lichen Lüsten, denn ihre Verdammnis schläft nicht; 
seid doch darauf bedacht, weil euch der Herr seine 
Wahrheit zu erkennen gegeben hat, daß ihr ihm ge- 
horsam seid, und wandelt, als gehorsame Kinder des 
Lichts, in der Liebe und in Frieden; habt einander 
lieb, und ermahnt einander allezeit mit dem Worte 
des Herrn; was geht doch über die Liebe? Kann man 
wohl eine größere Freude haben, als einander allezeit 
lieben? Ertrage allezeit einer den andern; nehmt ein- 
ander alle Dinge zum Besten auf, dann wird euch der 
Herr auch lieben; seid freundlich untereinander und 
ernstlich in der Furcht des Herrn und der Untersu- 
chung seines göttlichen Wortes; hängt dem Herrn an 
mit Flehen und Bitten, und fürchtet nicht die Men- 
schen, die heute Herren sind, morgen aber von den 
Würmern verzehrt werden. Der Herr wird euch nicht 
verlassen, wie ihr an mir seht, und auch an allen 
denen, die den Herrn von ganzem Herzen gefürch- 
tet haben, der Herr bewahrt die Seinen, wie er sagt: 
Kann auch eine Mutter ihres Kindleins vergessen? 
Und wenn sie auch dessen vergäße, so will er doch 
unserer nicht vergessen; ja, wer kann die aus seiner 
Hand reißen, die ihm sein Vater gegeben hat? 

Ach, liebe Schwestern, schmückt euch doch und 



517 


zieht die Waffen an; hängt das Schwert des Geistes 
an eure Seite, welches das Wort Gottes ist, und seid 
recht gestiefelt und gewaffnet mit den Waffen der Ge- 
rechtigkeit; setzt den Helm des Heils auf euer Haupt, 
damit ihr den listigen Anläufen des Teufels widerste- 
hen mögt, denn er geht herum. Tag und Nacht, wie ein 
brüllender Löwe, und sucht, welchen er verschlinge; 
darum seid Gottes Nachfolgerinnen; der Herr wird 
euch wohl bewahren. 

Wisst, meine Schwestern, daß ich den sechsten Tag 
dieses Monats nachmittags von N. N. abgeholt wor- 
den bin (wie ich denn gehört habe, daß er im Namen 
des Oberanwalts oder seiner Bedienten genannt wor- 
den sei), und daß man mich vor den Kerkermeister 
und einen andern Mann geführt hat, die am Tische sa- 
ßen und Wein tranken. Als ich nun vorkam, sagte der 
Kerkermeister zu mir in Gegenwart aller: Abraham, 
den Dienstag musst du vor Gericht gehen; seine Frau 
war auch unter denen, die an der Tafel aufwartete; sie 
sagte: Sie haben drei Wochen Aufschub, worauf der 
Kerkermeister entgegnete: Weil der Herzog von Alba 
hierher kommt, so muss es doch geschehen; er führte 
fast ausschließlich das Wort. Ich sagte, ich wäre wohl 
zufrieden damit; er fragte, ob ich in der Tat damit zu- 
frieden wäre; ich sagte: Ja, wenn es des Herrn Wille 
ist, so bin ich damit sehr wohl zufrieden. Sie fragten, 
ob ich das so gering achtete, wovor Christus so sehr 
gezittert und gesagt: Ist es möglich, Vater, so nimm 
diesen Kelch von mir. Ferner fragten sie mich, ob ich 
nicht frei sein möchte, und wenn die Türen offen stän- 
den, ob ich nicht hinausgehen werde; ich erwiderte: 
Ja, wenn sie die Türen öffnen würden, so wollte ich 
hinausgehen; weil dem aber nicht so wäre, so dankte 
ich dem Herrn für alles, was er mir zusendete; auch 
sagte ich, sie hätten die Macht nicht, mich ohne Er- 
laubnis des Herzogs von Alba in Freiheit zu setzen. 
Sie fragten, ob ich nicht die Absicht hätte auszubre- 
chen; ich entgegnete, wenn ich wüsste, daß er dadurch 
in Ungelegenheit kommen würde, so möchte ich nicht 
draußen sein oder ausbrechen. Als er hierauf meinte, 
solches würde ihn seinen Hals kosten, erwiderte ich, 
daß mich dann nicht hinaus verlangte. 

Wir kamen weiter ins Gespräch und sie fragten, ob 
sie denn nicht selig werden könnten. Ich antwortete: 
Der Apostel Johannes sagt: Wer da sagt, er kenne Gott, 
und hält seine Gebote nicht, der ist ein Lügner. Ich 
konnte mich jedoch hierüber nicht weiter aussprechen, 
denn sie fielen mir in die Rede; jedoch weiß ich selbst 
nicht, was sie mir zur Antwort gaben; auch sagte ich, 
daß der Apostel gesagt habe, weder die Hurer noch 
die Trunkenbolde, noch die Mörder, noch die Lügner, 
noch die Hoffärtigen, noch die Schlemmer, noch die 
Prasser, noch dergleichen werden das Reich Gottes 


ererben, und daß sie keinen Gott haben. Da fielen sie 
mir abermals in die Rede, denn der Herr öffnete mir 
den Mund zur Rede in dem Maße, daß sie es nicht 
alles ertragen konnten. Sie sagten, meine Reden seien 
zwar wohl wahr, wenn die Menschen in solchen Din- 
gen umkamen, aber sie gedächten, sie könnten doch 
noch selig werden, wenn sie nur noch Zeit hätten, 
den Herrn um Vergebung anzurufen; ich antwortete, 
es sei allzu gefährlich, sich auf solches Anrufen zu 
verlassen, denn eben diejenigen, die um Vergebung 
bitten, gingen oft, wenn sie wieder aufkommen, ihre 
alten Wege, und ich dächte, sie möchten auch zu die- 
sen gehören. Darauf fielen sie mir abermals in meine 
Rede; ich ermahnte sie, daß sie Buße tun und sich von 
ihren Sünden bekehren sollten, ehe sie die Todesstun- 
de merkten. Sie fragten, ob wir alle selig werden; ich 
sagte, daß der Herr denen die Seligkeit verheiße, die 
seinen Willen tun, und ihn nicht verleugnen, wenn sie 
auch hier um seines Namens willen leiden müssen; 
von solchen sagt der Apostel: Aus Gnaden seid ihr 
selig geworden, denn wenn wir auch alles tun, was 
wir können, so sind wir doch unnütze Knechte, und 
müssen auf Gottes Gnade vertrauen. Ich hätte hier 
gern noch einige Sprüche anführen mögen, aber sie 
fielen mir allzu sehr in die Rede; ich sagte ihnen, sie 
hätten eine eitle Hoffnung oder dergleichen Worte, 
und das um ihrer Sünden willen, gleichwie der Pro- 
phet sagt: Eure Sünden scheiden euch und euren Gott 
voneinander. Darüber entrüsteten sie sich; ich aber 
dachte, sie hätten nicht nötig, zornig zu werden, ins- 
besondere der Kerkermeister; ferner sagte ich, daß es 
jetzt zu gehen pflege, wie der Prophet sagt: Wer vom 
Bösen abweicht, muss jedermanns Raub sein, und wie 
Christus sagt, daß uns jedermann hassen werde. Da 
fielen sie alle mir wieder in die Rede, und sagten end- 
lich, daß man mich fortbringen sollte. Es war aber ein 
Mann unter ihnen, der zum Kerkermeister sagte, er 
wollte mir zuvor zu trinken bringen; darüber gerieten 
wir aufs Neue ins Gespräch; aber ich konnte mit mei- 
nen Reden nicht recht ankommen, obgleich ich mich 
gern um eines redlichen Mannes willen ausgespro- 
chen hätte, der dabei war und den Stockmeister selbst 
strafte, weil er so zornig war. Da brachte mir der Stock- 
meister ein Glas Wein, wofür ich ihm mit den Worten 
dankte: Wohl bekomme es dir! Er fragte, warum ich 
nicht sagte: Gott segne dich! Ich erwiderte: Wir sol- 
len den Namen des Herrn nicht missbrauchen wie 
die Trunkenbolde und Hurer zu tun pflegen. Darüber 
entrüsteten sie sich sehr, daß sie mich fortbrachten, 
ohne mir einen Trunk zu geben. Gott sei gelobt und 
gedankt für seine große Gnade, weil er den Seinen 
alles gibt, was ihnen zur Seligkeit nötig ist. Es ist mir 
gesagt worden, meine Schwestern, daß sie mir die- 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


ses nur getan hätten, um zu sehen, ob ich nicht von 
dem Herrn abweichen sollte; gleichwohl haben sie, 
soviel ich weiß, mich nicht einmal ermahnt von mei- 
nem Glauben abzufallen. Haltet mir mein einfaches 
Schreiben zugut; mich verlangt sehr nach dem Tage 
unserer Erlösung. In dieser Nacht war ich so freudig, 
weil ich gehört hatte, daß unsere Erlösung so nahe 
wäre, daß mir vor Freuden die Tränen aus den Augen 
fielen. Dem Herrn sei für seine große Gnade gedankt; 
wir hoffen, die Zeit in Geduld zu erwarten; vielleicht 
dachten sie mich damit zu erschrecken, aber ich bin 
darüber erfreut; Gott sei gelobt, der mir solche Kraft 
gibt. Ach, meine Schwestern! Sollte man sich nicht 
freuen, daß man so bald von jeder Widerwärtigkeit 
durch des Herrn Gnade erlöst werden soll? Ach, wä- 
ren wir hierzu tüchtig, welch eine große Freude wäre 
das für mich! Doch hoffe ich darauf, durch die große 
Gnade des Herrn, wiewohl ich dessen unwürdig bin, 
ach, wäre es einmal soweit, daß mir der glühende 
Ofen zubereitetet wäre! Ach, wäre es soweit, daß ich 
in der engen Pforte stände, wo man Fleisch und Blut 
zurücklassen muss; dann würde es bald geschehen 
sein. Ach, meine lieben Schwestern! Ich bin so wohlge- 
mut und erlange solche Kraft von dem Herrn, daß ich 
es nicht aussprechen kann; er müsse ewiglich gelobt 
sein für seine große Gnade, die er an mir erweist; ich 
erfahre nun wohl, daß derjenige, der in seinen beiden 
auf den Herrn allein vertraut, solche Herzensfreude 
hat, die niemand wissen kann, als der sie empfindet. 

Lebt wohl, und seid Gott in Gnaden befohlen; bittet 
Gott den Herrn für mich; ich will ein Gleiches für euch 
tun. 

Geschrieben von mir, eurem schwachen Bruder, 
Abraham Picolet. 

Thys Jeuriaenß und Jan Claes, im Jahre 1569. 

Unter dieser dunklen und blutigen Regierung des 
Antichristen sind noch zwei fromme Brüder in der 
Tyrannen Hände gefallen, von welchen der eine ein 
Diener des Wortes war, Thys Jeuriaenß hieß, und in 
Nordholland, zu Harop im Wasserlande, wohnhaft 
war; der andere aber hieß Jan Claes, war bei Wesop 
geboren und in dieser Stadt wohnhaft; derselbe war 
noch ein junger Geselle und ungefähr 25 Jahre alt. Als 
nun der gemeldete Thys Jeuriaenß nach Muyen bei 
Amsterdam zog, um die Gemeinde Gottes mit dem 
Worte zu bedienen, so ist gemeldeter Jan Claes nebst 
einer Gesellschaft auch nach Muyen gezogen, um der 
Ermahnung mit beizuwohnen. Man hat ihn aber dort 
nebst Thys Jeuriaenß verhaftet und zu Muyen auf 
das Schloss gebracht, wo sie ungefähr ein halbes Jahr 
gefangen saßen. Von da sind sie nach Grafenhaag 


geschickt worden, wo sie auch ungefähr ein halbes 
Jahr in Haft waren, bis man sie endlich wieder nach 
Muyen geschickt hat. An gemeldetem Orte sind sie 
ungefähr nach drei Monaten verurteilt worden, daß 
sie an Pfählen erwürgt und verbrannt werden soll- 
ten. Solches ist auch geschehen, und nachdem man 
sie erwürgt und ihnen das Gesicht schwarz gebrannt 
hatte, hat man sie außerhalb des Dammes bei Muyen 
den Vögeln preisgegeben. Weil nun diese frommen 
Zeugen Gottes dieses aller erlitten haben (nicht um 
irgendeiner begangenen Missetat, als worüber sich 
die Strafe der weltlichen Macht allein erstreckt), son- 
dern allein um der Wahrheit des Wortes Gottes und 
des guten Gewissens willen, so stehen sie auch unter 
der seligen Verheißung Gottes, der gesagt hat: Selig 
sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, 
denn das Himmelreich ist ihr. Und gleichwie sie ihre 
Leiber hier zur Befestigung der Wahrheit um Christi 
willen übergeben haben bis in den Tod zu einem le- 
bendigen, heiligen und Gott wohlgefälligen Opfer, so 
werden sie auch diese ihre sterblichen und vergäng- 
lichen Leiber in der Auferstehung der Gerechten in 
einer ewigen herrlichen Unsterblichkeit wieder emp- 
fangen und mit Christo, den sie hier bekannt haben, 
in Ewigkeit leben. 

Das obige Zeugnis von dieser Aufopferung haben 
wir aus Symon Fytß Munde empfangen, der ein Leh- 
rer der Gemeinde Gottes auf dem Texel war, und der, 
als dieser Gemeldete verhaftet wurde, in einer Neben- 
kammer sich befunden, auch im Gefängnisse besucht 
und mit seinen Augen den standhaften Ausgang aus 
dieser Welt angesehen hat. 

Dieser Thys Jeuriaenß ist ein sehr eifriger Nachfol- 
ger Christi gewesen, welcher auch aus dieser seiner 
langwierigen Gefangenschaft viele schöne Briefe zum 
Tröste der Gottesfürchtigen geschrieben hat, von de- 
nen einige in einem besonderen Büchlein vorlängst 
durch den Druck veröffentlich worden sind. Diesel- 
ben handeln unter anderem von der Zukunft Jesu 
Christi und seiner Menschwerdung und von seinem 
Ausgange; desgleichen auch vom freien Willen des 
Menschen. Von diesen Briefen wollen wir dem Leser 
(um Weitläufigkeiten zu vermeiden) hier zwei mittei- 
len; sie lauten wie folgt: 

Die mannigfaltige Gnade unsers Gottes, und die 
überfließende, tiefe Liebe seines Sohnes Jesu Christi, 
samt der unergründlich reichen Barmherzigkeit un- 
sers lieben Herrn Jesu Christi, der uns in das Reich 
seiner Liebe versetzt und uns von dieser argen, bösen 
Welt nach dem Willen Gottes, unseres himmlischen 
Vaters, erlöst hat, die Gemeinschaft, Liebe, Freude, 
den Trost, samt der starken Kraft seines Heiligen Geis- 
tes, wünschen wir allen lieben Brüdern und Schwes- 



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tern, und allen unsern Glaubensgenossen, sowie viele 
Weisheit, Geduld, einen tapferen Glauben, unbewegli- 
che Hoffnung, wie auch den Panzer, Helm und Har- 
nisch unseres Gottes, samt dem festen Siege und dem 
triumphierenden, zweischneidigen Schwerte des Geis- 
tes und der Kraft Gottes, durch das Blut des Lammes. 
Diesem hohen Gott und Herrscher, und seinem gebe- 
nedeiten Sohn sei Kraft, Stärke, Gewalt, Preis, Ehre 
und Herrlichkeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen. 

Ich begehre aus reinem Herzen mit dem Propheten 
Daniel, der in Babel gefangen war, aus reiner Liebe die 
Fenster meines Herzens gegen Jerusalem, die ange- 
nehme Stadt meines Gottes, zu öffnen, um sie einmal 
liebreich anzuschauen mit fröhlichem Herzen, und ihr 
ein fröhliches Angesicht aus reiner Liebe zu zeigen, 
um ihr die Augen der angenehmen Begierden zuzu- 
kehren, und ihr, aus reiner Liebe, einen liebreichen, 
fröhlichen und freudigen Anblick, und einen erfreu- 
lichen Schall zu geben; denn Jerusalem heißt so viel 
als ein Gesicht des Friedens. Diese geschmückte und 
angenehme Stadt Jerusalem hat der Engel Gottes dem 
Apostel Johannes gewiesen und gezeigt; im Geiste hat 
er sie in einem Gesichte gesehen, mit einem fröhlichen 
Herzen und bekannt, daß Jerusalem ein Angesicht 
des Friedens sei; darum kann man sie nur durch das 
Gesicht des Friedens anschauen; Johannes hat sie im 
Gesichte gesehen und mit dem Geiste der Wahrheit 
erkannt; darum kann sie auch jetzt niemandem an- 
ders als durch das Gesicht des Geistes und durch den 
Geist der Wahrheit bekannt werden. Diese Stadt hat 
die Herrlichkeit Gottes, ihre Straßen sind von laute- 
rem Golde; hier ist der Strom des Lebens klar wie ein 
Kristall. In Summa, hier ist der angenehme Baum, der 
jeden Monat seine Früchte hervorbringt; seine Blätter 
dienen zur Gesundheit, denn es sind Früchte des Le- 
bens. Diese Stadt hat hohe Mauern, zwölf Gründe und 
zwölf Tore, auch hat sie zwölf Wächter, die zwölf Po- 
saunen oder Trompeten haben, deren liebliches Getön 
und angenehmer Klang meine Seele erfreut; dieses 
ist das fröhliche, liebliche und süße Getön, das Jo- 
hannes erfreute, denn es war, als ob man auf Harfen 
spielte. Der Klang und das Getön von mancherlei, mu- 
sikalischen Spielen in Babel war eine Veranlassung, 
daß die Babylonier niederfielen und das hohe Bild 
anbeteten; aber dieses Getön erfreut meine Seele mit 
der Freude des heiligen Geistes; diese Stadt ist viel 
herrlicher als alle Städte; denn Gott ist ihr Schöpfer 
und Baumeister; diese Stadt fährt vom Himmel herab, 
zubereitet als eine geschmückte Braut ihrem Manne, 
und ich hörte eine Stimme sagen: Sieh da, eine Hütte 
Gottes; denn Gott selbst wird mit ihnen sein und al- 
le Tränen von ihren Augen abwaschen; seht, hier ist 
der geistige Salomo dieses geistigen Tabernakels oder 


Tempels; hier ist das geistige Meer, das von zwölf Rin- 
dern oder zwölf Ochsen getragen wird. In Summe: 
Hier ist alles geistig, hier sind, nach Petri Begehren, 
lauter lebendige Steine an diesem lebendigen oder 
geistigen Tempel oder Hause. Hier bringt man die 
goldenen Gefäße voll Rauchwerks zum Altäre des 
Herrn; diese goldenen Rauchfässer voll Rauchwerks 
schüttet man aus vor dem Herrn, denn es sind die Ge- 
bete der Heiligen. Also werden alle Dinge im Geiste 
und in der Wahrheit erneuert, denn hier ist das geisti- 
ge Paradies, welches von Gott selbst gepflanzt oder 
gegründet ist; hier isst man vom Baume des Lebens; 
hier ist der geistige Adam, von welchem der wirkliche 
ein Vorbild war, welchem Bilde alle Christen nachja- 
gen, bis sie ihm in der Schwachheit gleich sind; denn 
sie müssen dem Bilde seines Sohnes gleich weiden; 
hier ist auch die geistige Eva und die Braut, die von 
diesem geistigen Manne durch den geistigen Schlaf 
hergekommen, und also Fleisch von seinem Fleische, 
und Bein von seinem Beine ist; hier hat auch Johannes 
die geistige Arche im Geiste und in der Wahrheit bese- 
hen; hier geht man geistiger Weise in die Arche Gottes 
durch die Taufe Jesu Christi ein, sodass man inwendig 
durch Feuer und den Heiligen Geist dazu angetrieben 
worden ist, und auswendig sind alle bösen fleischli- 
chen Lüste mit demselben Wasser ertränkt und wir 
in seinem Tode getauft; denn gleichwie in der Sünd- 
flut alles Fleisch unterging, so muss nun auch durch 
die Taufe alle Lust des Fleisches untergehen, und au- 
ßer der Arche sterben, was durch das Vorhergehende 
abgebildet worden ist. Da ist die geistige Taube, die 
den geistigen Ölzweig in die Arche des Herrn brachte; 
denn gleich wie die Taube in die Arche Noah einen 
Ölzweig in ihrem Mund brachte, zum Beweise, daß 
sich das Wasser der Sündflut verlief, so ist auch der 
Heilige Geist in Gestalt einer Taube auf Christum her- 
abgefahren, zum Beweise, daß er Gottes Sohn sei, wie 
zum Johannes dem Täufer gesagt worden ist: Auf wel- 
chen du wirst sehen den Geist herabfahren, der ist 
es, und seiner zum Beweise, daß die Sündflut oder 
die Strafe gewichen, die Freude aber und fröhliche 
Botschaft angekommen sei. 

Seht, das ist die geistige Taube, wie Esra sagt: Aus 
allen Vögeln hast du dir eine Taube erwählt; auch 
sagt Christus zu den Jüngern: Seid unschuldig wie 
die Tauben. Diese Tauben bringen denen den ange- 
nehmen Ölzweig (welcher Christus ist) die ihn mit 
Noah begehren und im Glauben aufnehmen. Mich 
verlangt noch einmal mit den Augen der Liebe und 
dem Angesichte des Friedens mein Herz und Gemüt 
mit Johannes nach dem herrlichen Weibe zu wenden, 
nach dem der Herr sie mir durch den Glauben und 
das Gesicht seines Wortes bewiesen und gezeigt hat; 



520 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


denn ihre Schönheit hat mich angezogen, und ihr Lieb- 
reiz hat mich entflammt, ich bin ihr zugeneigt; sie hat 
mit ihrem süßen Gesang mein Herz überwunden. Sie 
hat mich mit ihren angenehmen Augen gefangen; sie 
hat mich mit himmlischen Banden gebunden, denn 
ihr Band ist der Gürtel der Wahrheit, das Band des 
Friedens und der Liebe. 

Durch sie habe ich meines Vaters Haus vergessen; 
wie angenehm und lieblich ist dieses Weib, wie herr- 
lich sind ihre Kleider! Dieses Weib hat eine Krone von 
zwölf Sternen auf ihrem Haupte; sie ist auch mit der 
Sonne bekleidet, und der Mond ist unter ihren Fü- 
ßen; auch werden ihr zwei Flügel gegeben, um dem 
Drachen zu entfliehen; dieses Weib ist geistig, darum 
müssen wir es auch mit geistigen Augen anschauen; 
alle Hoffärtigen und Ruhmredigen mögen ihre Schön- 
heit nicht anschauen; sie ist mit der Sonne bekleidet, 
mit der klaren Sonne des Verstandes und der Wahr- 
heit, sagt die Schrift. 

Ich freue mich mit Johannes, denn er sagt: Lasst uns 
freuen und fröhlich sein, denn die Hochzeit des Lam- 
mes ist gekommen und seine Braut hat sich bereitet. 
Und es ward ihr gegeben, sich mit glänzender weißer 
Seide zu kleiden; die Seide aber ist die Gerechtigkeit 
der Heiligen. 

Wer nun dieses Weib hört, der gewinnt sie lieb, und 
wer seine Augen und sein Angesicht liebreich zu ihr 
wendet, und ihre Schönheit ansieht, der wird von ih- 
rer Schönheit gefangen, denn sie ist die Königin des 
Sohnes des allerhöchsten Gottes. Dieses Weib schenkt 
von dem unverfälschten süßen Weine ein, der aus 
dem reinen Weinstocke kommt. Über dieses Weib, 
oder diese Stadt Jerusalem, will ich mich mit David 
erfreuen und sagen: Ich will lieber der Türe hüten in 
dem Hause meines Gottes, als lange wohnen in der 
Gottlosen Hütten. O Jerusalem! Du Stadt Gottes, herr- 
liche Dinge werden in dir gepredigt, denn der Herr 
liebt die Pforten Zions über alle Wohnungen Jakobs. 
O Jerusalem! Du schönste, lieblichste und herrlichste 
Stadt, über alle königlichen Städte! O Jerusalem! Du 
liebliche Stadt, du Angesicht des Friedens, über dir ist 
der König des Friedens, der starke Gott; Herr ist sein 
Name; sieh, das ist das angenehme Gesicht meiner 
Augen, das ich zu dir kehre; das sind die Fenster der 
Freuden, daß ich dich anschaue. Noch einmal muss 
ich durch die Fenster der göttlichen Wahrheit deine 
Herrlichkeit anschauen; meine Augen und mein An- 
gesicht sind so fest auf dich gerichtet, daß mir die Trä- 
nen über die Wangen laufen; ich kann meine Augen 
und mein Angesicht nicht von dir wenden; obschon 
die Winde mir ins Gesicht wehen, und die Augen 
voller Tränen fließen, so will ich gleichwohl mit dem 
schönen, angenehmen, reinen und weißen Schnupftu- 


che, das mir meine Allerliebste geschenkt hat, meine 
Augen abtrocknen, damit ich sie mit desto mehr Klar- 
heit anschauen möge. Sieh, so will ich denn nun mit 
dem lieben Propheten David meine Herzenslust zu 
dir wenden, und will dir meinen Herzenswunsch mit- 
teilen und sagen: Jerusalem ist gebaut, daß es eine 
Stadt sei, wo man Zusammenkommen soll, um dem 
Volke Israel zu predigen und dem Namen des Herrn 
zu danken, denn dort stehen die Stühle, die Gerichts- 
stühle des Hauses Davids. Wünscht Jerusalem Glück, 
es müsse denen wohlgehen, die dich lieben; es müsse 
Friede sein inwendig in dir, in deinen Mauern, und 
Glück in deinen Palästen. Um meiner Brüder und 
Freunde willen will ich dir das Beste wünschen. Frie- 
de sei mit euch allen. Bewahret euren Fuß, wenn ihr 
zum Hause des Herrn geht. Von diesem Hause leset 
Jes 2; Mi 4. 

Wir arme Gefangene in dem Herrn und Gebun- 
dene Jesu Christi um des Zeugnisses unseres Gottes 
und der unwidersprechlichen Wahrheit unseres lieben 
Herrn und Heilandes Jesu Christi willen, auch mit ab- 
gesondert und ausgebannt um der Wahrheit und des 
Zeugnisses willen, welches wir fest halten, wünschen 
Heil, Freude, Wonne, Liebe, Trost und Kraft, samt der 
Gemeinschaft, Wirkung und Kraft des Heiligen Geis- 
tes allen unsern Brüdern und Schwestern, die um der 
wahren Erkenntnis Jesu Christi und der Furcht Gottes 
willen von den Stolzen verstoßen und unterdrückt 
sind, zum Beweise sowohl ihrer tiefen Blindheit und 
Vermessenheit, als auch eurer aller Geduld und reinen 
Furcht Gottes. Summa, zum Beweise, daß ihr durch 
Kraft unseres Gottes im Glauben bewahrt werdet, und 
daß das Wort unseres Gottes fest sei, daß euch nämlich 
die Pforten der höllischen Feinde nicht überwältigen 
werden. Der starke Gott mit seiner mächtigen Stärke 
und seinem Worte müsse fernerhin uns alle durch den 
überschwänglichen Reichtum seiner Gnade bewah- 
ren; ihm sei dafür Preis, Ehre, Glorie, Gewalt, Kraft 
und Stärke in der Herrlichkeit von Ewigkeit, zu Ewig- 
keit, Amen. 

Aus reiner brüderlicher, unverfälschter Liebe und 
aus dem Innersten unserer Seele und der Tiefe unseres 
Herzens mit einem reinen Gewissen, an alle gebun- 
denen, unterdrückten, beschwerten und geängstigten 
Seelen; an euch ist dies mein einfaches und schlechtes 
Schreiben aus reinem Herzen gerichtet, als ein Tröpf- 
lein vom Morgentau, welches herabtrieft zur Labung, 
Abkühlung, Trost und Erquickung eurer Herzen. Des- 
halb bitte ich euch alle, aus meinem ganzen Vermögen, 
ja, aus meinem innersten Herzensgründe, auch durch 
das Kreuz und Leiden unseres Herrn Jesu Christi, und 
durch seinen bittern Tod und sein teures Blut, das für 
uns alle vergossen ist, erkennt doch und begreift mit 



521 


reinen, sauberen Augen, Ohren und Herzen. Ach, Brü- 
der und Schwestern! Schaut doch fleißig an und seht 
mit Ernst, wovon euch des Herrn starke Kraft, sein 
Geist und Wort befreit und erlöst habe; des Herrn 
Hand hat euch mit Macht freigemacht, damit ihr nicht 
mit der schweren Finsternis und Blindheit gestraft 
werdet, worin viele gefallen sind. Auch hat euch Gott 
vor allen Plagen und Zauberkünsten in Ägypten wohl 
bewahrt, worüber jetzt so viele ihre erste Geburt ver- 
lieren. 

Ach, Brüder und Schwestern! Seid darauf bedacht, 
weil eure Hoffnung auf den lebendigen Gott fest und 
gewiss ist; darum hat das verzehrende und verschlin- 
gende Feuer (das alles verschlingt) euch weder ver- 
schlingen, noch verzehren können, und obgleich man 
in den heißen Ofen zu Babel allen Zorn, alle Klugheit 
und Fist angewandt hat, ja, meine Freunde, obgleich 
die Löwen in Babel mit ihren Zähnen knirschen, so 
haben sie euch mit Daniel doch nicht verwundet, Gott 
sei ewig dafür gelobt. Darum, meine geliebten Brüder 
und Schwestern, die ich von ganzem Herzen liebe, 
die Kraft des Herrn hat euch vor diesen und andern 
Dingen bewahrt, denn durch seinen Sieg habt ihr das 
Feld erhalten, und werdet es fernerhin behalten, so- 
dass ihr das Ende eures Glaubens zu eurer Seligkeit 
davonbringt, Amen. 

Ich bitte euch alle mit ungefärbtem Glauben, tut 
doch einmal eure Herzen auf; bedenkt und beherzigt 
im Geiste und in der Wahrheit den Spruch des Pro- 
pheten: Eure Brüder, die euch hassen und euch um 
meines Namens willen absondern, sprechen: Lasst se- 
hen, wie herrlich der Herr sei; lasst ihn erscheinen zu 
eurer Freude; die sollen zu Schanden werden, spricht 
der Herr. 

Feiner, an einem andern Orte, sagt der Prophet: Wir 
gesellen uns nicht zu den Spöttern, noch freuen wir 
uns mit ihnen, sondern bleiben allein vor deiner Hand, 
denn du zürnest sehr mit uns; auch seid mit aufmerk- 
samem Herzen des Wortes des Propheten eingedenk: 
Ich will in dir (sagt der Herr) ein armes, geringes Volk 
erhalten, das auf des Herrn Namen trauen wird. Die 
Übergebliebenen in Israel werden keine Bosheit tun, 
noch Lügen reden; auch wird man in ihrem Munde 
keine betrügliche Zunge finden, sondern sie werden 
ohne alle Furcht weiden und ruhen. 

Jauchze, du Tochter Zion, rufe, o Israel! Freue dich, 
und sei fröhlich von ganzem Herzen, du Tochter Je- 
rusalem, denn der Herr hat deine Strafe hinwegge- 
nommen und deine Feinde abgewandt; der Herr, der 
König Israel, ist bei dir, sodass du dich vor keinem 
Unglücke fürchten darfst. Alsdann wird man zu Je- 
rusalem sagen: Fürchte dich nicht, und zu Zion: Laß 
deine Hände nicht träge werden, denn der Herr, dein 


Gott, ist bei dir, ein starker Helfer; er wird sich über 
dich erfreuen und dir freundlich sein, und es dir ver- 
geben, und wird über dir mit Schall fröhlich sein. 

Diejenigen, die durch Aussätze geplagt waren, will 
ich hinweg nehmen, daß sie von euch kommen, wel- 
che Aussätze ihnen zur Last waren, darüber sie ver- 
schmäht wurden: Seht, ich will mit all denselben ein 
Ende machen zur selben Zeit, die euch plagen. 

Auch sagt der Prophet Hesekiel: Darum, daß ihr 
das Herz der Gerechten fälschlich betrübt, die ich 
nicht betrübet habe, und die Hände der Gottlosen 
gestärkt habt, daß sie sich von ihren bösen Wegen 
nicht bekehren, damit sie lebendig bleiben möchten. 

Seht, meine werten und auserwählten Brüder und 
Schwestern, an solchen und dergleichen Sprüchen 
habt ihr Trost und Freude, welche Freude und Wonne 
ihr darin mit den Betrübten in Israel finden könnt; dar- 
um kommen euch diese Sprüche zu; es ist in rechter 
Gottesfurcht geschehen, denn mit einem geängstigten 
Gewissen haben wir ihr (Gott sei gelobt) abgesagt, 
nach dem Worte des Propheten und der Lehre des 
Apostels. Ja, ich bezeuge vor dem Herrn, vor seinen 
Engeln und Heerscharen, daß mich verlangt, durch 
des Herrn Hilfe und Gnade, dies mit meinem Flei- 
sche, Blute und Tode zu bezeugen, und daß ich von 
ganzem Herzen dazu bereit stehe. Dieses ist der feste 
Grund der Wahrheit, fest und unwidersprechlich; ich 
zweifle nicht daran, daß sie Unrecht, wir aber durch 
Gottes Gnade Recht haben. Darum warte ich darauf 
mit Verlangen, ihr Unrecht mit fröhlichem Gemüte 
bis in den Tod zu bezeugen, und meinen Glauben 
nebst meiner geringen Gabe zu befestigen. Der Herr 
wolle mich und meine Mitgefangenen stärken, aber 
wir müssen zuvor den bittern Kelch mit Furcht und 
Beten trinken. Möchten wir ihn nur schmecken, denn 
ich habe mich dem hingegeben, der zuerst für mich 
dahingegeben worden ist. Deshalb bitte ich noch um 
die Gemeinschaft und Einigkeit des Geistes willen, 
daß doch jeder die Bruderschaft liebe. Ach, Brüder 
und Schwestern in einem reinen Heizen und treuer 
Liebe, habt doch darauf Achtung, denn wir sind alle 
mit einem Geiste getränkt und zu einem Leibe getauft; 
darum befleißige sich jeder, einer dem andern in der 
Liebe zu dienen; haltet euch fest an den Leib Christi, 
bleibt bei euren Gliedern; trennt und sondert euch 
nicht ab von ihnen. Ein jeder achte den andern höher 
als sich selbst; dann könnt ihr getrost und im Frie- 
den beieinander bleiben, das gebe euch und uns der 
allmächtige Gott, Amen. 

Drittens bitte ich durch die Kraft des Geistes und 
durch den Überwinder Jesum Christum, ja, ich bit- 
te euch durch die Liebe des Vaters zu uns, denn voll 
Freude, Geist und Wonne ist das Wort; gleichwie mich 



522 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


mein himmlischer Vater liebt, ebenso liebe ich euch; 
bleibt in meiner Liebe. Ach, Brüder und Freunde, gebt 
darauf Achtung, die Liebe soll, nach dem Vorbilde 
Christi, fest und gewiss sein, denn darin hat sich die 
Liebe an uns offenbart, bekannt gemacht und erwie- 
sen, ja, darin steht die Liebe fest, welche sein Sohn 
durch seinen Tod, durch sein Blut und Bekenntnis be- 
zeugt hat. Ach, meine geliebtesten Freunde! Dieses ist, 
wie Johannes schreibt, die rechte Messschnur. Denkt 
demselben nach mit Aufmerksamkeit des Flerzens. 

Viertens bitte ich ferner E. L„ überlegt es mit gründ- 
lichem Herzen, prüft und durchforscht euch selbst, 
auswendig und inwendig, nach dem Worte Gottes 
mit lebendigen und nüchternen Sinnen, bestraft euch 
selbst damit, folgt ihm nach, und haltet es fest. Ach, 
haltet euch fest an das Wort Gottes, dann werdet ihr 
nimmermehr betrogen! 

Fünftens bitte ich meine Brüder und Schwestern, 
der ich euch von ganzem Herzen liebe; wollt ihr eure 
Seelen erhalten, so nehmt die Warnung des Heiligen 
Geistes an, daß in den neuesten Zeiten viele vom Glau- 
ben abfallen und den verführerischen Geistern anhän- 
gen werden. Ach, Brüder und außerwählte Schwes- 
tern! Überlegt es und lernt die Geister kennen, die, die 
nur Lügenredner sind. Ach, prüft die Geister mit Fleiß 
durch den Glauben und der Erkenntnis des Wortes 
Gottes; macht einen Unterschied zwischen den guten 
und bösen Gewissen der Menschen! Ach, erkennt mit 
Fleiß, und lernt diejenigen kennen, welche zerrütte- 
te Sinne und einen Schein eines gottseligen Lebens 
haben, aber die Kraft des Geistes verleugnen. Diese 
Punkte und mehrere andere haltet nicht verächtlich, 
und lasst sie niemals aus eurem Herzen weichen, son- 
dern haltet sie fest nach dem Worte Gottes; prüft alle 
Geister und wägt sie darnach ab, dann werdet ihr er- 
kennen, in welcher Form und Gestalt sie stehen. Ach, 
Brüder! Hütet euch durch die reine Furcht Gottes, hü- 
tet euch allenthalben, daß niemand seinen Verstand 
oder sein Gewissen zu einem Haupte aufwerfe, und 
wieder ins Wilde laufe, sondern lasst Herz und Gewis- 
sen wachsen und zunehmen, nach dem Worte Gottes. 
Lasst euren Verstand von der unverfälschten Milch 
und vom Weine aus dem reinen Weinstocke Christo 
sein; erquickt eure Herzen mit den quellenden Was- 
sern. Haltet euch fest an die Quelle und den Stein bis 
in den Tod. 

Endlich bitte ich eure Liebe nochmals durch das 
Schreien Jesu Christi und das Weinen des Apostels 
Paulus, und die vielen Tränen des Propheten Jeremia, 
ihr wollet doch mit Fleiß und Ernst darauf bedacht 
sein, und mit einem lebendig wirkenden Glauben 
nachdenken, daß ihr euch fest haltet an den festen 
und unbeweglichen Grund in Zion, und davon nicht 


abweicht. Meine Brüder, wir erwarten mit Sehnsucht 
unsern Abschied von hier, darum helft uns für den 
Glauben streiten und denselben bis in den Tod ver- 
teidigen; wir hoffen durch seine Kraft, starke Gnade, 
Hilfe und Trost euch voranzugehen, wenn es sein gött- 
licher Wille ist. Unsere Leiber haben wir dem überge- 
ben, der unsere Seelen mit seinem teuren Blute erkauft 
hat. 

So wollen wir denn, meine lieben Brüder und 
Schwestern, euch hiermit gute Nacht sagen, und für 
dieses Mal Abschied von euch nehmen; wenn es des 
Herrn Wille wäre, so wollte ich wohl von Herzen, daß 
es unser ewiger Abschied bis ins ewige Leben sein 
möchte; es geschehe an uns sein göttlicher Wille. 

Wir lassen alle Brüder und Schwestern, die uns im 
Glauben lieb haben, insbesondere die Vertriebenen, 
grüßen, aus reiner brüderlicher und unverfälschter, 
heilsamer Liebe, durch die starke Kraft, durch das 
Wort und den Frieden unseres lieben Herrn Jesu Chris- 
ti bis in seine ewige Glorie und Herrlichkeit, Amen. 

Ferner bitte ich, ihr wollet uns arme, elende und 
schwache Glieder nicht vergessen; haltet unser Schrei- 
ben zu gut; es ist aus Liebe geschehen; wir hätten 
mehr geschrieben, aber es ist jetzt nicht mehr nötig; 
auch kann es uns bald benommen werden, denn wir 
sind mit einer Kette wie Pferde aneinander geschlos- 
sen; wir erwarten Nachricht von dem Statthalter, wie 
der Amtmann mit uns verfahren soll. 

Der Geist des Friedens, Liebe, Freude, Friede, Trost 
und Gnade sei über alle Gottesfürchtigen; insbeson- 
dere wünschen wir den Vertriebenen viel Gutes, die, 
um des Zeugnisses der Wahrheit willen, durch ihren 
Glauben den Gottlosen überwunden haben und noch 
überwinden in Christo. Der Geist des Friedens sei mit 
eurem Geiste, Amen. 

Geschrieben den 15. Tag unserer Gefangenschaft; 
ich hoffe, daß wir, durch Gottes Gnade, mit einer star- 
ken Kette der Liebe gebunden seien; die Liebe bleibe 
fest bis in den Tod. Von mir, Thys Jeuriaenß. 

Ich bitte euch alle, meine Brüder, Schwestern und 
dich, als ein Gefangener in dem Herrn, durch die 
Barmherzigkeit Gottes und die Zukunft unseres 
Herrn Jesu Christi, und durch unsere Versammlung 
zu ihm, daß ihr euch nicht erschrecken lasst, weder 
durch Geist, noch durch Wort, noch durch Brief, als 
von uns gesandt. Dieses ist des Paulus treue Warnung 
an seine Freunde. 

Noch ein Brief von Thys Jeuriaenß, im Gefängnis 
an die Freunde in Edam geschrieben, im Jahre 1569. 

Meine lieben Brüder und Schwestern, die ihr der Art 
unseres allerheiligsten und christlichen Glaubens teil- 



523 


haftig seid, ich wünsche euch die Waffen des Lich- 
tes, um wider die Werke der Finsternis zu streiten, ja, 
aus meines Herzens Grunde und dem Innersten mei- 
ner Seele, wünsche ich euch eine neue Zeitung, eine 
fröhliche Botschaft, einen evangelischen Gruß, Gna- 
de, Barmherzigkeit, Frieden, Langmut, Liebe, Trost, 
Weisheit und Standhaftigkeit; ja, von Gott, unserm 
himmlischen Vater, alle seine himmlischen Schätze 
und Reichtümer, durch Jesum Christum, unsern Ge- 
ber, der sie uns ausgeteilt, unsern Propheten, hohen 
Apostel und obersten Priester, unsern Grund, unser 
Fundament und unsern Eckstein in Zion, unsere Po- 
saune und unser Horn des Heils in dem Hause Davids 
und Lager Israels, unsern Weg, unsere Türe, unsere 
Wahrheit und Leben, unsern Versöhner, Mittler und 
unsere Fürsprache, unsern Frieden, unsere Genugtu- 
ung und Gerechtigkeit, unsere Opfertaube und unser 
Osterlamm, unsere Sonne, unser Licht und Morgens- 
tern, unsern angenehmen Emanuel, unsern Frieden, 
Trost und Herzog des Glaubens, unsern Hirten, Da- 
vid und Salomo dem Geiste nach, unsern Tröster, der 
uns fröhlich macht, unsere Freude, Wonne, Kraft und 
Stärke, unsere Burg, unser Schloss, unsere Mauer und 
Festung, unsern Helden, Streiter und Überwinder, der 
das Gefängnis gefangen geführt, der dem Tode seine 
Macht, Kraft und Stärke genommen hat, das ist, dem 
der des Todes Gewalt hatte, und das Leben und unver- 
gängliche Wesen ans Licht gebracht, die Fürstentümer 
und Gewaltigen ausgezogen, und einen Triumph aus 
ihnen gemacht durch sich selbst, den Zaun zerbro- 
chen, die Handschrift zerrissen und ans Kreuz gehef- 
tet, die Verheißungen erfüllt, dem Gesetze Genüge 
getan, das Testament mit seinem Tode befestigt, mit 
seinem Blute versiegelt, alle Dinge erneuert und unter 
seine Füße gelegt hat, und ist zum Gnadenstuhle auf 
die Arche Gottes über die Cherubim ins Allerheiligste 
gesetzt, das ist, zu einem Haupte seiner Gemeinde, in 
Ewigkeit, Amen. 

Weil ihr oft in unserm Herzen seid, werte und in 
Gott geliebte, geheiligte Brüder und Schwestern, so 
können wir nicht unterlassen, eure Liebe mit unserm 
unwürdigen Schreiben, und im Geiste durch die Liebe 
zu besuchen, denn obgleich wir, dem Fleische nach, 
nicht beisammen sind, so sind wir doch im Geiste 
beieinander, sind fröhlich und erfreuen uns in unsern 
Banden; im Fleische zwar sind wir betrübt, aber im 
Geiste fröhlich und erfreut, wenn wir eure liebe Fröm- 
migkeit, brüderliche Liebe, Gottseligkeit, eures Glau- 
bens Festigkeit und die Gewissheit und Beständigkeit 
des Gemütes, die Standhaftigkeit in dem Gehorsam 
des Evangeliums, die Freimütigkeit Jesu Christi und 
Stärkung unseres Gottes durch die Kraft seines Heili- 
gen Geistes betrachten. Darum bleibt auch das Wort 


Gottes bei euch, und ihr habt den bösen Feind über- 
wunden; solches kann niemand tun, als wer in Gott, 
durch Jesum Christum gegründet, eingewurzelt und 
befestigt bleibt; ebenso muss auch Gott durch Chris- 
tum in ihm wohnen, wandeln und ruhen, das ist, es 
muß das Wort Gottes und die heilsame Erkenntnis, 
eine unüberwindliche Liebe, Glaube und Hoffnung, 
und das noch in des Geistes Kraft, eine Widerlegung, 
und das unüberwindlich, in dem festen Grundsteine 
in Zion, welcher den Ungläubigen ein harter Prüf- 
stein des Anstoßes und der Ärgernis ist, vorhanden 
sein. Darum, wer auf ihn fällt, der wird zerbrechen 
und zerschellen; auf welchen er aber fällt, den wird er 
zermalmen, das ist vernichten. 

So ist demnach unser unwürdiges Schreiben nicht 
insbesondere an eure Liebe gerichtet, auch nicht eure 
Liebe zu lehren, oder zu vermahnen geschrieben, ach 
nein! Ihr habt die Salbung von dem, der heilig ist; dar- 
um seid ihr alle in Gott gelehrt und erleuchtet durch 
Jesum Christum und durch den Heiligen Geist. Dane- 
ben habt und kennt ihr die Heilige Schrift, die euch 
unterweisen und zur Seligkeit ermahnen kann, son- 
dern wir Unwürdige bitten und wünschen Tag und 
Nacht, von dem heiligen Gott, dem König der Ewig- 
keiten, dem Vater der Lichter und der Barmherzigkeit, 
daß er uns und euch in seine grundlose Gnade und 
durch seinen Heiligen Geist stark und kräftig machen 
wolle, in dem Geiste des Gemütes, nach dem inwen- 
digen Wesen des Herzens, damit Christus Jesus durch 
den Glauben nach dem inwendigen Menschen in uns 
wohne, gegründet und gebaut, fest und unbeweglich 
durch die Hoffnung des Evangeliums, damit wir mit 
allen Heiligen Gottes und mit allen christgläubigen, 
auserwählten Kindern Gottes erkennen und begrei- 
fen mögen, was seine überschwängliche Kraft und 
Stärke sei, der Reichtum seiner Herrlichkeit, und sei- 
ne grundlose Gnade, ja, die Höhe, Tiefe, Breite und 
Länge, und die Liebe Gottes und Christi zu erkennen, 
die alle Erkenntnis, Weisheit und Verstand übertrifft, 
daß er euch hierin und hiermit mit aller Gottesfülle 
erfüllen wolle. 

Seht, meine herzlich erwünschten, geheiligten Brü- 
der und Schwestern, die ihr der Art, Natur und 
des Wesens unseres allgemeinen, allerheiligsten und 
christlichen Glaubens teilhaftig seid, ich rede von der 
Art und Natur Gottes, durch die Wiedergeburt aus 
Gott, dem himmlischen Vater und seinem unvergäng- 
lichen Samen und Worte, durch die Auferstehung Jesu 
Christi in dasselbe himmlische Wesen, in der Erleuch- 
tung und Verklärung der himmlischen Klarheit, in 
das neue Wesen des Geistes und den Sinn Jesu Christi, 
durch die Besprengung des Blutes Jesu Christi, zum 
Gehorsam in der Heiligung des Geistes. Darum sind 



524 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


wir auch alle mit einem Geiste getränkt, und zu ei- 
nem Leibe getauft, und durch einen Geist versiegelt 
auf den Tag unserer Erlösung. Wo nun dieses sich 
befindet, da ist in Wahrheit die Art des christlichen 
Glaubens und die Natur Gottes, ohne welche weder 
Glaube noch Wiedergeburt geschehen, heißen, noch 
bestehen kann; wo es aber geschieht und sich so in 
voller Kraft des Geistes findet, wie gemeldet worden 
ist, da ist sicherlich der Segen Gottes, der Tau des 
Heiligen Geistes, die himmlische Benedeiung, der Re- 
gen der Gerechtigkeit in allerlei Fruchtbarkeit, und 
das Wachsen und Zunehmen in der Erkenntnis Gottes 
und der Lehre Jesu Christi. Ach, dort ist Abrahams 
heiliger Same des Friedens; dort sind die Kinder der 
Verheißung, nicht des Fleisches oder des Gesetzes, 
sondern des Geistes, die in Isaak geheiligt, gerechtfer- 
tigt und gesegnet sind, mit allerlei geistigem Segen in 
dem himmlischen neuen Wesen Jesu Christi; darum 
haben sie und gebührt ihnen auch die Kundschaft, 
das Gesetz, die Herrlichkeit und der Bund und der 
Gottesdienst, und die Verheißungen, die den Vätern 
gemacht sind, welche Israel zukamen, ihrer ersten 
Geburt, das ist dem Fleische nach, welche aber um 
ihres Unglaubens willen ausgestoßen worden und zu 
kurz gekommen sind; aber das geistige Israel Gottes, 
nämlich der Same Abrahams, die Kinder der Verhei- 
ßungen, haben es durch ihren Glauben erlangt, und 
sind aus Gnaden dazu gekommen, als die dazu be- 
rufen und erwählt waren; sie sind gegen die Natur 
in den guten Ölbaum eingepfropft und der Wurzel 
mit dem Safte aus Gnaden teilhaftig geworden, und 
das ist nun das große Geheimnis Gottes und die un- 
begreifliche Gnade Jesu Christi, das Geheimnis des 
Heiligen Geistes, welches die Weisheit der Juden und 
den Verstand der Griechen übertrifft, wie Paulus sol- 
ches erzählt und vorstellt. 

Ja, meine auserwählten Freunde und Geheiligten 
Gottes, welch eine große Wohltat, Liebe und Barm- 
herzigkeit Gottes, unsers Herrn, und Heilandes Jesu 
Christi, ist dieses, daß wir, die wir zuvor kein Volk wa- 
ren, nun Gottes Volk sind und wir in den Testamenten 
der Verheißung keine Hoffnung hatten, nun aus Gna- 
de durch den Glauben an Jesum Christum einverleibt, 
teilhaftig und Miterben seiner Verheißung sind. Seht, 
so handelt und wirkt der allein weise und ewige Gott, 
der in seiner Weisheit, mit seiner Weisheit und durch 
seine Weisheit alle Dinge gemessen, durchgründet, 
und in einem Augenblicke von Ewigkeit zu Ewigkeit 
übersehen und gewusst hat; ich sage, daß er durch 
die Augen seiner Weisheit alle Dinge von Ewigkeit zu 
Ewigkeit in einem Augenblicke durchschaut und in 
Ewigkeit erkannt habe. Ach, wie unergründlich und 
unerforschlich sind seine Wege, denn wer hat jemals 


des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber 
gewesen? Aus Ihm, durch Ihn und Ihm bestehen alle 
Dinge; Ihm sei der Preis, in Ewigkeit, Amen. 

Dieser heilige, unerforschliche, allein weise Gott hat 
alle Dinge nach seiner Weisheit, nach seinem Vorsatze 
und vorbedachten Rate zuerst in Bildern, Verheißun- 
gen und Figuren vorgestellt und in Schatten gewirkt 
als Hinleitung auf eine bessere Hoffnung, durch wel- 
che wir uns Gott nahen, denn die Figuren, Schatten 
und himmlischen Bilder weisen uns auf das wahre 
Wesen und die vollkommene Wahrheit in Christo Jesu 
selbst und zeugen von demselben, wie solches ins- 
besondere der Brief an die Hebräer meldet, welcher 
sowohl von dem Eingänge Christi, oder seiner Ein- 
führung, als auch von seinem Ausgange und seiner 
Vollendung eine vortreffliche Erzählung mitteilt, daß 
man solches sehr gründlich in großer Kraft und Herr- 
lichkeit sehen kann, was auch sehr angenehm und 
liebreich zu lesen, reiflich zu überlegen und zu be- 
herzigen ist. Wohl dem, der darin seine Freude, Lust 
und Ergötzung hat, der es gründlich überlegt und von 
Herzen bewahrt. 

Weil nun Gott alle Dinge in seiner Weisheit und 
Umsicht erschaffen und zum Nutzen und Heil des 
Menschen verordnet hatte, und daß sie etwas ande- 
res darstellen und beweisen möchten, merkt wohl, so 
sind auch die Priester im Gesetze ohne Eid Priester ge- 
worden, um der Schwachheit und Unvollkommenheit 
willen, weil der Tod ihnen nicht zu bleiben gestattete, 
das ist, das Gesetz hat nicht vollkommen gemacht, hat 
uns auch mit allen seinen Gottesdiensten und Opfern 
nicht einige Vollkommenheit, Seligkeit und Gerech- 
tigkeit bringen oder geben mögen, denn sie konnten 
nicht vollkommen machen, noch konnten diejenigen 
nach dem Gewissen vollkommen werden, welche die 
Gottesdienste verrichteten, denn wenn ein Gesetz ge- 
geben worden wäre, das vollkommen machen könnte, 
so käme die Gerechtigkeit vom Gesetze; dann hätte 
auch kein Mittel für ein besseres Gesetz gesucht und 
gebracht werden können; daher hat das Gesetz ein En- 
de um der Unvollkommenheit willen, und hört auf in 
Christo. Das Wort des Eides, das nach dem Gesetze ge- 
sprochen und gegeben worden ist, setzt den Sohn zu 
unserm Hohenpriester, der vollkommen ist in Ewig- 
keit, welcher allezeit lebt und für unsere Sünde bittet; 
denn er ist ohne Anfang der Tage und ohne Ende des 
Lebens; er stirbt nicht mehr; der Tod wird fernerhin 
nicht mehr über ihn herrschen, denn daß er gestorben 
ist, das ist er der Sünde zu einem Male gestorben; das 
ist: Er ist eine Versöhnung und ein Opfer für die Sün- 
de geworden, das vollkommen, beständig und ewig 
an Würde wäre. Da aber die Priester mit denen, die 
sündigten und unwissend irrten, Mitleid haben muss- 



525 


ten, weil sie selbst mit Schwachheit umgeben waren, 
so ist unser Hohepriester ein armer, leidender und 
sterblicher Mensch geworden, damit er mit unsern 
Sünden und unserer Schwachheit Mitleiden haben 
mochte; er ist uns selbst in allen Dingen gleich, aus- 
genommen die Sünde und ist auch versucht worden, 
wie man überall im neuen Testamente sehen kann. 

Weil aber Adam in seiner Natur unrein war und, 
samt seinem Samen und Geschlechte, in der Sünde 
stand und durch die Übertretung im Tode lag, das Ge- 
setz Gottes aber ein reines, unbeflecktes, heiliges und 
unsträfliches Opfer für die Sünde und Übertretung 
erforderte, das ist, zur Bezahlung für die Übertretung 
und Versöhnung für die Sünden, um den Menschen 
wieder zu helfen und sie zu erretten, so musste das rei- 
ne, unbefleckte, saubere Wort des himmlischen Vaters, 
welches aus großer Liebe und Barmherzigkeit, nach 
den Verheißungen der Propheten und dem Worte des 
Engels, von dem hohen Himmel herunter in Maria 
durch den Heiligen Geist empfangen und durch die 
Kraft des Allerhöchsten aus der heiligen Jungfrau ge- 
boren worden ist, heilig, unschuldig, unbefleckt und 
von den Sünden abgesondert sein, sollte es anders 
nach dem Gesetze ein reines, heiliges, unbeflecktes 
und unsträfliches Opfer für die Sünde sein, dabei das 
Gesetz erfüllt, die Sünden versöhnt, das Opfer getan, 
und unser Hohepriester durch den Eid ewig und voll- 
kommen gesetzt worden. Derselbe lebt nun allezeit 
und bittet für unsere Sünde, denn uns gebührt einen 
solchen Hohepriester zu haben. 

Deshalb ist das die größte Freude auf Erden gewe- 
sen, die man jemals gehört, gesehen und empfangen 
hat, daß Gott ins Fleisch gekommen, gesehen und of- 
fenbart worden ist. Das Lamm Gottes, welches der 
Welt Sünde trägt und hinwegnimmt, ist in der Form 
des Menschen und der Gestalt des sündlichen Flei- 
sches auf Erden gekommen, hat das Reich Gottes ge- 
lehrt, das Evangelium seines Friedens und das Wort 
seiner Versöhnung gepredigt, gleichwie auch das Le- 
ben, und seine Gnade, und bezeugt eine gute evan- 
gelische Botschaft, hat sich mit dem Posaunenschalle 
hören lassen, um Israel aus allen Landen zu versam- 
meln hinauf nach Jerusalem, um das Oster-, Pfingst- 
und Laubhüttenfest, und einen Neumond und Sab- 
bat nach dem andern zu halten, wie der Prophet sagt: 
So hört nun zu, ihr auserwählten Jungfrauen von Zi- 
on, und ihr heiligen Bürger von Jerusalem, welch ein 
fröhliches Getön und Geschrei hört man auf euren 
Gassen! Ach, welch eine fröhliche und gute Botschaft 
und frohe Zeitung ist in dem Lager Israel, daß man 
das herrliche Manna sammeln soll, welches daselbst 
liegt und süß und angenehm zu essen ist; aber es erfor- 
dert ein goldenes Gefäß, worin das Heiligtum Gottes 


bewahrt wird, desgleichen erfordert es eine reine Fla- 
sche und Krüglein, worin man die geistlichen Wasser 
des ewigen Lebens sammeln muss; wer nun von die- 
sem Himmelsbrote isst und von diesem Wasser des 
Lebens trinkt, der wird in Ewigkeit leben und nicht 
mehr hungern noch dürsten, denn es wird in ihm zur 
Quelle des lebendigen Wassers werden, welches in 
das ewige Leben quillt. 

Seht nun, meine lieben und in Gott erwünschten 
und geheiligten Brüder und Schwestern, die ihr Mit- 
genossen seiner Verheißungen, Bürger und Hausge- 
nossen Gottes seid, erbaut auf den Grund der Pro- 
pheten und Apostel, zur Wohnung Gottes im Geiste, 
ja, zum geistigen Hause, zum heiligen Tempel und 
zu lebendigen Steinen, als ein königliches Geschlecht 
und heiliges Priestertum; ich sage, heilige Bürger von 
Jerusalem, die ihr einen freien, offenen Born wider 
die Sünde und Unreinigkeit habt, die alle ihre Hoff- 
nung allein auf die Gnade Gottes setzen, die durch 
das Evangelium euch angeboten worden ist, als vom 
Himmel gesandt, welches die Engel Gottes gelüstet 
anzuschauen, der über alle Throne und Himmel auf- 
gefahren und über alle Macht, Gewalt und Herrschaft 
in dieser und der zukünftigen Welt erhöht worden ist; 
aber viele verstehen und achten dieses Leben nicht, 
nehmen auch dieser großen Liebe und Gnade Gottes 
nicht wahr; darum werden sie in ihrem Herzen durch 
ihren Unglauben nur ärger, und durch den Betrug der 
Sünden verhärtet, und es wächst so eine bittere Wur- 
zel auf, wodurch viele verunreinigt werden, wie man 
jetzt an so vielen Menschen gesehen hat, welche so 
bitter und verunreinigt sind, daß alle Arznei, ja, das 
fließende Wasser, das von dem Heiligtume Gottes her- 
abfließt und alle Dinge versüßen und gesund machen 
kann, gleichwohl diese Pfützen und Moräste weder 
gesund noch süß machen kann; sondern sie bleiben 
salzig, wie der Prophet sagt, als ein ungesundes und 
unfruchtbares Wasser, das durch die Kraft des Salzes 
aus der neuen Schale und durch die Kraft des Wortes 
des heiligen Propheten nicht gesund noch fruchtbar 
werden kann. 

Ach, diese bittem Wasser mögen durch den ange- 
nehmen Baum nicht süß gemacht werden; denn wer 
davon trinkt, muss des Todes sterben, wie Johannes in 
seiner Offenbarung sagt: Und es fiel ein großer, bren- 
nender Stern vom Himmel, als eine Fackel, und fiel 
auf den dritten Teil der Wasserströme und in die Was- 
serbrunnen, und der Name des Sterns hieß Wermut, 
und der dritte Teil ward Wermut und viele Menschen 
starben von den Wassern, denn sie waren bitter ge- 
worden; und der vierte Engel posaunte, und der dritte 
Teil der Sonne wurde geschlagen, und der dritte Teil 
des Mondes, und der dritte Teil der Sterne, sodass 



526 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


der dritte Teil von ihnen verfinstert wurde, und der 
dritte Teil von ihnen so wenig bei Tage als des Nachts 
schien; ferner sagt er: Und es ging auf ein Rauch aus 
dem Brunnen, wie der Rauch eines großen Ofens, und 
die Sonne und die Luft wurden von dem Rauche des 
Brunnens verfinstert. 

Darum, meine in Gott geliebtesten, werten, heiligen 
Brüder und Schwestern, lasst uns mit den Waffen des 
Lichtes uns waffnen, um wider die Werke der Fins- 
ternis zu streiten, das ist, im Geiste wandeln, dann 
werdet ihr die Werke des Fleisches nicht vollbringen. 
In solchem Sinne sagt Petrus: Wir bitten euch, liebe 
Brüder, als Fremdlinge und Pilger, daß ihr euch der 
fleischlichen Lüste enthaltet, die wider die Seele strei- 
ten. Darum müssen wir uns in der Schwachheit mit 
dem Sinne Christi waffnen, mit dem Heiligen Geiste, 
mit dem Worte der Wahrheit, durch die Waffen des 
Lichtes und mit der Kraft Gottes zur Rechten und 
Linken; das ist, wir müssen uns Gott übergeben und 
in Gott leben, als solche, die von den Toten lebendig 
geworden sind und unsere Glieder Gott zu Waffen 
der Gerechtigkeit übergeben; dann werden die Bö- 
sen keine Herrschaft über uns haben können, wie 
Petrus lehrt. Wo nun dieses in der Kraft des Geistes 
triumphiert, wirkt und die Oberhand hat, da findet 
man nicht allein Streit, Absterbung der Sünden, des 
Fleisches, des alten Adams samt seiner Lüste und Be- 
gierden, sondern man findet auch hier die göttliche 
Erkenntnis und den Sinn Jesu Christi, samt einem 
unüberwindlich festen Glauben, ein standhaftes und 
gesetztes Gemüt in des Herrn Wort und Wahrheit, 
einen Streit wider die Herren, Fürsten und weltlichen 
Regenten der Finsternis und Geister der Bosheit; dazu 
nehmen wir auch allen Verstand, und alles, was erha- 
ben ist, und sich über die Wahrheit erhebt, gefangen 
unter den Gehorsam Christi und das, wie gesagt ist, 
durch eine reine, heilsame, gewisse und feste Erkennt- 
nis Gottes, und ein standhaftes und gewisses Gemüt, 
mit einem unüberwindlichen Schilde des Glaubens, 
womit alle feurigen Pfeile des Bösewichts ausgelöscht 
werden; wo nun dieses so geschieht und besteht, wie 
oben gemeldet, da sind die Waffen des Lichtes, aber 
nicht die des Fleisches; da hat man die Kraft und den 
Harnisch Gottes angezogen; da ist der Sinn Christi 
und des Geistes, aber nicht des Fleisches; da strei- 
tet man im Glauben, durch den Glauben, mit dem 
Glauben, wodurch alles überwunden und niederge- 
legt wird, durch eine gewaltige Kraft und Stärke des 
Geistes, wie gesagt worden ist. 

Ach, meine erwünschten Freunde, und wiederge- 
borenen Kinder der Auferstehung und des Lebens, 
des Lichtes und des Tages, Kinder Gottes, Brüder und 
Schwestern Jesu Christi, seine Mitgesellen und Ge- 


salbte, Glieder seines Leibes, lebendige Steine, Tempel 
des Heiligen Geistes, Könige und Priester Gottes, ich 
sage Bürger Jerusalems, und Mitgenossen seiner Ver- 
heißungen, ja meine geheiligten Brüder und Schwes- 
tern in der Natur unsers allgemeinen, allerheiligsten 
und christlichen Glaubens, auch Gäste, Fremdlinge 
und Pilger mit Abraham, Isaak und Jakob in dieser 
Welt, ach welche Kraft, Wirkung, Eigenschaft und wel- 
chen Beweis haben und sollten diese und dergleichen 
Namen haben, ja, welchen Trost, welche Freude und 
Wonne ist darin zu finden, gehört diesen Namen und 
folgt daraus, das ist ein Beweis des Gehorsams, ja, 
ein Beweis, daß man das zukünftige Land der Ver- 
heißung sucht, an Gottes Verheißungen fest glaubt, 
das Irdische verschmäht, das Himmlische liebt; ja, 
diese Namen bezeugen und befestigen Gottes Verhei- 
ßungen, das ist, daß niemand diese Namen besitzen, 
haben, tragen, behalten, in Geisteskraft beleben und 
denselben nachkommen kann, wenn er nicht in den 
getreuen Erzvätern eine feste Gewissheit des Glau- 
bens hat, und den getreu achtet, der es verheißen hat, 
der auch mächtig ist, es zu halten. Darum haben sie 
auch eine freiwillige Wallfahrt unternommen, und 
durch diesen festen Glauben das Zukünftige gesehen 
und sich daran gehalten, und haben also in der Kraft 
und Tat ihre Namen bewiesen, uns zur Lehre, zum 
Tröste, Beispiele und zur Nachfolge. 

Darum erfreut euch hierin mit uns, o ihr heiligen 
Brüder und Schwestern in dem Heiligen Geiste der 
Wahrheit, in der unüberwindlichen Erkenntnis Gottes 
und des Glaubens, welche zur Hoffnung des ewigen 
Lebens führt, meine Geliebtesten in dem Sinne Jesu 
Christi und der Eigenschaft Gottes, ja, meine unbe- 
weglichen, heiligen Brüder und Schwestern, wie ich 
hoffe, Brüder dem Geiste und nicht dem Fleische nach, 
nach dem Evangelium und nicht nach dem Buchsta- 
ben; ja, ich sage noch einmal, meine heiligen Brüder 
und Schwestern, die von den Toten durch die Aufer- 
stehung Jesu Christi in das himmlische Wesen wieder- 
geboren sind, hier im Heiligen Geiste, dereinst aber 
in der Vollkommenheit; dann werdet ihr euch freuen 
mit unaussprechlicher Freude, daß ihr ewiglich leben 
und ewiglich selig sein werdet; dann wird euch der 
feurige Pfuhl und der zweite Tod nicht erschrecken, 
dann wird euer Leib, eure Seele und euer Geist zusam- 
men behalten werden und ewiglich selig sein, dann 
werdet ihr mit dem Heiligen Geiste in Ewigkeit ge- 
salbt und erfüllt werden, dann werdet ihr mit weißen 
Kleidern angetan und mit der Krone des Lebens und 
der ewigen Freude und Wonne und Ergötzlichkeit 
gekrönt und belohnt werden, dann werdet ihr zur 
ewigen Freude und Ruhe eingehen und werdet aufge- 
nommen und hingerückt dem Herrn entgegen in der 



527 


Luft, und also ewiglich bei ihm sein; dann werdet ihr 
in einem Augenblicke verändert und euer Leib und 
Angesicht wird mit himmlischer Klarheit verklärt wer- 
den; dann werdet ihr leuchten, wie die Sonne in eures 
Vaters Reiche; dann werdet ihr lachen und fröhlich 
sein; dann werdet ihr euch ewiglich in seinem Ange- 
sichte, in seiner Klarheit und Herrlichkeit bespiegeln 
und den anschauen, der euch so geliebt, daß er seinen 
eingeborenen Sohn für euch dahingegeben, welcher 
euch auch so geliebt, wie ihn sein lieber himmlischer 
Vater von Ewigkeit her geliebt und ewiglich geseg- 
net hat; ja, dann werdet ihr, in der Vollkommenheit 
mit Seele, Leib und Geist, inwendig und auswendig 
mit dem Feuer seiner Liebe brennen, ewig in seiner 
fließenden Gnade entzündet werden, an seiner Tafel 
sitzen, das Brot der Engel, des Lebens und der Selig- 
keit essen und trunken werden von den Wassern der 
Weisheit, des Lebens, der ewigen Seligkeit und ewigen 
Freude; dann wird er in ihm selbst mit seinen Engeln 
und heiligen Heerscharen sich erfreuen und mit dem 
Schalle seiner Menge über euch fröhlich sein; dann 
werdet ihr die unvergänglichen Güter empfangen, 
erben und besitzen, die ewiglich sein werden; dann 
werdet ihr reich sein an Leib, Seele und Geist; dann 
werdet ihr singen springen und rufen: Heilig, heilig, 
heilig ist Gott, der Herr, Halleluja; dann werden euch 
tausend Jahre wie ein Tag sein; dann wird euch die 
Ewigkeit wie ein Augenblick sein; dann werden eure 
Jahre und Tage nicht veralten oder ihr Ende erreichen; 
dann werdet ihr ohne Anfang der Tage und Ende des 
Lebens sein; dann werdet ihr die Ewigkeit als einen 
Augenblick zubringen; dann werdet ihr ewig ohne 
Veränderung sein, welches jetzt kein Herz begreifen, 
noch eine Zunge oder ein Mund aussprechen oder 
ergründen kann. Seht, dieses soll man als einen klaren 
Spiegel vor die Augen unserer Herzen hängen; es sind 
Früchte des gelobten Landes, das süße Wort Gottes 
und unsterbliche Früchte; die Kräfte der zukünftigen 
Welt. 

Seht hiermit, meine herzallerliebsten heiligen Brü- 
der und Schwestern, in der Wiedergeburt und Aufer- 
stehung Jesu Christi von dem Tode in das himmlische 
Wesen, das ist, durch die Erneuerung in dem Geiste 
des Gemütes, durch den Sinn Jesu Christi, die ihr eine 
feste Mauer und Pfeiler in der Wahrheit Gottes seid. 
Meine lieben Freunde, mein Augapfel, meine rechte 
Hand und Fuß, haltet euch fest an dem unbewegli- 
chen Grund der Wahrheit und seid dabei standhaft, in- 
dem ihr darauf gebaut und gegründet seid, wozu wir 
auch von Ewigkeit her ersehen, gerufen und von Gott 
erschaffen sind, nämlich nach dem Bilde Gottes, und 
zum ewigen Leben, durch Jesum Christum. Ich be- 
fehle euch dem heiligen und unüberwindlichen Gott, 


dem Vater, dem Sohne und dem Heiligen Geiste, samt 
seinem heiligen Worte und ewigen Frieden, in eurer 
Versammlung, zum Lobe seines heiligen Namens und 
unserer Seligkeit. Wir geben und befehlen euch und 
uns alle noch einmal, zu einem ewigen Abschiede, in 
die unüberwindlichen Arme seiner Kräfte, und in die 
unüberwindlichen Hände seiner Stärke; des Himmels 
Kräfte und der Treue Festigkeit sei unser Fundament 
und Stärke, um durch den Tod zum Leben hinüber 
zu gehen in die Ewigkeit. Wir Unwürdigen lassen 
eure Liebe aus reiner unverfälschter herzgründender 
brüderlicher Liebe grüßen, ja, wir grüßen alle unsere 
Brüder und Schwestern, die da in der Auferstehung 
Jesu Christi wiedergeboren sind, in das himmlische 
Wesen, in der Gesinntheit Christi, des neuen Bildes, 
und in dem Glanze seiner Herrlichkeit, in der unbe- 
fleckten, reinen Erkenntnis Gottes, die zur Hoffnung 
des ewigen Lebens führt, durch diesen festen Glauben 
und durch die Kraft und Gemeinschaft des Heiligen 
Geistes, in Ewigkeit, Amen. 

Dieses haben wir Unwürdigen euch in Eile aus un- 
sern Banden geschrieben, damit wir, nach dem Wohl- 
gefallen Gottes, würdig sein möchten, daß ihr unserer 
in euren heiligen Gebeten, eurem Harfengetöne und 
Halleluja, gedenken wollt, damit wir also uns mit 
euch und ihr euch mit uns in der Ewigkeit erfreuen 
möchten. Darum grüßt uns nun alle Heiligen Gottes, 
und euch untereinander in reinen Herzen, heiligen 
Händen, gebeugten Knien, entblößtem Haupte, im 
heiligen Namen unsers Gottes, mit einem angeneh- 
men Kusse des Friedens; umarmt und segnet einander 
herzgründlich in brünstiger Liebe. Noch einmal befeh- 
le ich euch den Glauben der Auserwählten Gottes, die 
Gesundheit Jesu Christi, die Erkenntnis Gottes, die 
zur Gottseligkeit und zur Hoffnung des ewigen Le- 
bens führt, und bleibt unüberwindlich bis in Ewigkeit. 
Dem Herrn sei Preis in Ewigkeit, Amen. 

Von mir, Thys Jeuriaenß, eurem schwachen, armen 
und elenden Bruder, aus unsern Banden geschrieben, 
im Jahre 1569, den 5. Februar, im Haag, um des Zeug- 
nisses der Wahrheit willen gefangen genommen. 

Jan Quirynß von Utrecht, ein Schiffer, wird zu 
Amsterdam um des Zeugnisses Jesu Christi willen, 
nachdem er zweimal gefoltert worden, am 12. 

März 1569 mit Feuer hingerichtet, oder lebendig 
verbrannt. 

Auf eben denselben Tag, als der vorgenannte Freund 
Gottes, Willem Janß, aus Wasserland, mit Feuer hinge- 
richtet wurde, ist gleichfalls in der Stadt Amsterdam 
von denselben Gerichtsherren und in demselben Ge- 
richte, auch aus gleicher Ursache, ein frommer Bruder, 



528 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


genannt Jan Quirynß, geboren in Utrecht, und seiner 
Hantierung nach ein Schiffer, zum Feuertode verur- 
teilt worden, welcher, obgleich er ein Bürger der Stadt 
Amsterdam war, dennoch sein Bürgerrecht in der neu- 
en und himmlischen Stadt Jerusalem hatte, welches 
zu erlangen er durch die enge Pforte eingedrungen ist, 
sodass sein Fleisch an den Pfosten hängen geblieben 
ist; alles dieses erhellt aus nachfolgendem Todesurtei- 
le, das eine Stunde vor seinem Tode bekannt gemacht 
worden ist, welches, wiewohl von einer papistischen 
Obrigkeit, die damals zu Amsterdam herrschte, sehr 
schmählich aufgesetzt worden ist, dennoch (wenn 
man es mit unparteiischen Augen ansieht) die Wahr- 
heit dessen, wovon wir geredet haben, genügend zu 
erkennen gibt. 

Der Inhalt desselben (den Titel ausgenommen) lau- 
tet von Wort zu Wort, wie folgt: 

Todesurteil des Jan Quirynß, eines Schiffers von Utrecht. 

Nachdem Jan Quirynß, ein Schiffer, geboren zu Ut- 
recht, Bürger dieser Stadt, gegenwärtig gefangen, sei- 
ner Seelen Seligkeit und des Gehorsams, den er unse- 
rer Mutter, der heiligen Kirche, und seiner königlichen 
Majestät, als seinem natürlichen Herrn und Prinzen 
schuldig war, nicht eingedenk gewesen ist, sondern 
sich unterstanden hat, wider die Verordnungen der 
heiligen Kirche und zur großen Schmach der heiligen 
Taufe, die er in seiner Kindheit empfangen, sich von 
den Lehrern der verworfenen und verfluchten Sekte 
der Mennoniten vor ungefähr sieben Jahren wieder- 
taufen zu lassen, und nachher zweimal, nach der Wei- 
se dieser Sekte, das Brotbrechen zu empfangen (auch) 
oftmals in der Versammlung dieser Sekte sich finden 
(lassen) und das noch in diesem Jahre, wobei er auch 
überdies die Satzungen der heiligen Kirche allezeit 
verachtet hat und dieselben noch verachtet, sodass er 
weder zur Beichte, noch zum heiligen würdigen Sakra- 
mente gegangen, als nur ein einziges Mal vor zwölf 
Jahren, bei welcher verworfenen und verfluchten Sek- 
te er, der Gefangene, noch jetzt beharrt, und nicht 
willens ist, zu unserer Mutter, der heiligen Kirche, 
zurückzukehren, wiewohl er einige Mal von verschie- 
denen geistlichen Personen, wie auch von dem Rate 
dieser Stadt, dazu aufgefordert worden und unterrich- 
tet ist, sodass der Gefangene, wie gemeldet, das Ver- 
brechen der beleidigten göttlichen und menschlichen 
Majestät begangen, indem seine Sekte die allgemeine 
Ruhe und die Wohlfahrt der Länder zerstört, so ist es 
geschehen, daß die Herren des Gerichts, nachdem sie 
die Anklage des Herrn Schultheißen angehört, und 
dabei des Gefangenen Bekenntnis, auch seine, des 
Gefangenen, große Hartnäckigkeit und Verstockung 


berücksichtigt, denselben dahin verurteilt haben, und 
ihn hiermit auch dahin verurteilen, daß er, nach ihrer 
Majestät Befehlen, mit Feuer hingerichtet werden soll; 
wobei auch alle seine Güter zu ihrer Majestät Nutzen 
verfallen zu sein erklären, doch in allen andern Sa- 
chen dieser Stadt Freiheiten ohne Nachteil. Gegeben 
vor Gericht, in Gegenwart, wie oben. 

Wie dieser Märtyrer nach dem Berichte des Schrei- 
bers gemeldeten Ortes zweimal gefoltert worden sei: 

Diese vorgemeldete Person ist zweimal gefoltert 
worden, nämlich den 4. und 5. März im Jahre 1569, 
und das nach der Gerichtsherren Urteile, wie solches 
aus dem Protokolle des Bekenntnisses zu ersehen ist. 

Abgeschrieben aus dem Buche des Blutgerichts der 
Stadt Amsterdam, welches in der Kanzlei daselbst 
niedergelegt ist. N. N. 

Willem Janß aus Wasserland wird um des 
Zeugnisses Jesu Christi willen den 12. März 1569 
zu Amsterdam (nach schrecklicher Pein) lebendig 
verbrannt. 

Vierzehn Tage nach dem Tode des vorgenannten Hel- 
den Gottes Pieter Pieterß Bekjen ist auch (allerdings 
um seinetwillen) ein anderer tapferer Streiter und Rit- 
ter Christi, der die Wahrheit lieber hatte als sein eige- 
nes Leben, namens Willem Janß, geboren in Wasser- 
land und wohnhaft zu Dornickendam in Amsterdam 
vom Leben zum Tode gebracht worden; die Umstän- 
de aber, die seinem Tode vorhergegangen sind, sind 
nachfolgende gewesen: 

Als dieser Willem Janß gehört hatte, daß sein lieber 
Mitbruder Pieter Pieterß Bekjen sein Opfer tun und 
seinen Leib um der Wahrheit willen zu Amsterdam 
dem Feuer übergeben sollte, so hat er sehr geeilt, um 
zu der Zeit zu Amsterdam auf dem Richtplatze zu er- 
scheinen, daß er seines Bruders Ende ansehen möchte, 
und wenn es möglich wäre, ihn in der letzten Not 
noch im Glauben zu stärken. 

Als er aber in die Stadt kam, war es schon zu spät, 
denn der Schlagbaum war (um des Gerichtes willen) 
schon geschlossen; sein Eifer aber war so groß, daß er 
keine Ruhe hatte, bis er seinen geliebten Freund, es sei 
lebendig oder tot, sehen würde; darum gab er Geld 
und ließ den Schlagbaum aufschließen, und beeilte 
sich, um bei vorgemeldetem Opfer zu sein. 

Als man nun Pieter Pieterß Betjen vorführte, um ihn 
hinzurichten, so hat dieser tapfere Held und Freund 
Gottes sich auf dem Gerichtsplatz auf die Treppe von 
der Waag gestellt und ihm mit lauter Stimme zugeru- 
fen: Streite tapfer, lieber Bruder! 

Darauf haben die Verfolger sofort Hand an ihn ge- 
legt, ihn ins Gefängnis geworfen, ihn zweimal schwer 



529 


und abscheulich gepeinigt, und als er nicht abfallen 
wollte, vierzehn Tage nach dem Tode seines lieben 
Bruders zum Feuer verurteilt, welches Urteil auch 
an ihm vollzogen ist, nachdem er seine Seele in die 
Hände Gottes befohlen hat. 

Dieses alles haben glaubwürdige Zeugen in frühe- 
ren Zeiten aufgezeichnet, wiewohl die Zeit, wann es 
geschehen ist, nicht recht angegeben ist, welchen Irr- 
tum wir nach dem Inhalte des nachfolgenden Urteils, 
das auf den Tag seines Todes vor Gericht zu Amster- 
dam wider ihn gefällt worden ist, verbessert haben; 
in diesem Urteile sind alle Umstände, worauf zu jener 
Zeit die Herren der Finsternis seinen Tod gegründet 
haben, angeführt; dasselbe lautet, wie unten folgt: 

Nota - Die Alten haben die Zeit des Todes des Wil- 
lem Janß, wie auch des Pieter Pieterß Betjen auf das 
Jahr 1567 gesetzt, aber es war zwei Jahre zu früh, wie 
solches aus dem nachfolgenden Urteile zu ersehen ist. 

Des Willem Janß aus Wasserland Todesurteil. 

Nachdem Willem Janß aus Wasserland, wohnhaft zu 
Dornickendam, gegenwärtig hier gefangen, auf sei- 
ner Seele Seligkeit und den Gehorsam, den er unserer 
Mutter, der heiligen Kirche, und seiner königlichen 
Majestät, als seinem natürlichen Herrn und Prinzen, 
schuldig war, nicht bedacht gewesen ist, auch die hei- 
ligen Kirchengebräuche verachtet, nicht zur Beichte 
gegangen, und sein ganzes Leben hindurch nur ein- 
mal das heilige hochwürdige Sakrament genossen, 
welches vor ungefähr acht Jahren geschehen, ferner 
sich auch unterstanden hat, verschiedene Male in die 
Versammlung der verdammten und verfluchten Sekte 
der Mennoniten oder Wiedertäufer zu gehen, desglei- 
chen auch vor ungefähr 6 oder 7 Jahren die Taufe, die 
er in den Tagen seiner Kindheit von der heiligen Kir- 
che empfangen hat, verachtet, und sich wieder taufen 
lassen, darauf auch das Brotbrechen nach der Weise 
dieser Sekte drei- oder viermal empfangen, und als 
ein Lehrer dieser Sekte ermahnt, nicht weniger als 
den vergangenen 26. Februar ein Schiffer, namens Pie- 
ter Pieterß Bekjen, der zu dieser Sekte gehörte, hier 
hingerichtet werden sollte, der Gefangene sich auch 
unterstanden, sich unter das Volk zu stellen, den vor- 
genannten Pieter Pieterß in seiner Halsstarrigkeit zu 
stärken, und diese oder dergleichen Worte mit lau- 
ter Stimme auszurufen: Streite tapfer, lieber Bruder! 
welcher Gefangene auch, obgleich sowohl die Rats- 
herren, als verschiedene geistliche Personen ihm zu- 
geredet und öfters vermahnt haben, die vorgemeldete 
verdammte Sekte zu verlassen und sich wieder zu 
unserer Mutter, der heiligen Kirche zu halten, sich 
gleichwohl geweigert hat, solches zu tun, und in sei- 


ner Hartnäckigkeit und Verstocktheit verharrt, sodass 
er, der Gefangene, laut dessen, was oben gemeldet, 
ein Verbrechen der beleidigten göttlichen und mensch- 
lichen Majestät begangen, indem durch diese Sekte 
die allgemeine Ruhe und Wohlfahrt der Länder ge- 
stört wird, nach Inhalt der Befehle seiner Majestät, 
die davon handeln. Weil nun solche Missetaten, an- 
dern zum Beispiele, nicht ungestraft bleiben sollen, 
so ist es geschehen, daß meine Herren des Gerichts, 
nachdem sie die Anklage des Herrn Schultheißen ge- 
hört, und dabei das Bekenntnis des Gefangenen ge- 
sehen, auch seine Hartnäckigkeit und Halsstarrigkeit 
in Erwägung genommen, den Gefangenen verurteilt 
haben, und ihn hiermit verurteilen, daß er, nach den 
Befehlen seiner Majestät, mit Feuer hingerichtet wer- 
den soll, erklären auch alle seine Güter zum Nutzen 
seiner Majestät verfallen zu sein. Geschehen vor Ge- 
richt, den 12. März im Jahre 1569, in Gegenwart aller 
Gerichtsherren, mit Zustimmung aller Bürgermeister. 

Von der zweifachen Folter des vorgemeldeten Mär- 
tyrers nach dem Berichte desselben Schreibers: 

Dieser Missetäter ist, laut des Urteils der Gerichts- 
herren, zweimal gefoltert worden, wie bei dem letzten 
Februar und bei dem 26. dieses, im Jahre 1569, im Pro- 
tokolle des Bekenntnisses zu finden ist. 

Abgeschrieben aus dem Buche des Blutgerichtes 
der Stadt Amsterdam, welches in der Kanzlei dieser 
Stadt niedergelegt ist. N. N. 

Cornelius Janß von Harlem, ein Schiffsknecht, 
wird um des Zeugnisses Jesu Christi willen den 12. 

März 1569 zu Amsterdam verbrannt. 

Zu derselben Zeit und in demselben Gerichte hat auch 
Cornelius Janß, ein Schiffsknecht, aus Harlem gebür- 
tig, dem Leibe nach, aber aus Gott und vom Himmel 
wiedergeboren der Seele nach, sein Todesurteil emp- 
fangen; er hatte aber die Taufe auf seinen rechtsinni- 
gen Glauben noch nicht empfangen, worüber er sich 
noch in seiner Todesstunde beklagt hat (wiewohl er 
dazu nicht viel Gelegenheit hat finden können); denn 
der Herr hat gesagt: Also gebührt uns, alle Gerechtig- 
keit zu erfüllen, Mt 315 . 

Um uns kurz zu fassen, sein Urteil wurde gefällt, 
daß er auch, wie die beiden vorhergehenden Män- 
ner, Willem Janß und Jan Quirynß, mit Feuer getötet 
werden sollte. Wir haben eine treue Abschrift sowohl 
seines Todesurteils, als auch darüber, daß er zweimal 
auf der Folterbank verhört worden ist, desgleichen 
wann dieses alles geschehen sei, aus dem Buche des 
Blutgerichts der Stadt Amsterdam erlangt, welches 
wir auch in aller Treue, zu mehrerer Versicherung die- 
ser Sache, hier anhängen wollen; dasselbe lautet wie 



530 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


folgt: 

Des Cornelius Janß von Harlem, eines 
Schiffsknechts, Todesurteil. 

Nachdem Cornelius Janß, ein Schiffsknecht, geboren 
zu Harlem, ein Bürger dieser Stadt, und gegenwär- 
tig hier gefangen, weder seiner Seele Seligkeit, noch 
den Gehorsam, den er unserer Mutter, der heiligen 
Kirche, und der kaiserlichen Majestät, als seinem na- 
türlichen Herrn und Prinzen schuldig war, bedacht 
hat, sondern von der heiligen Kirche abgewichen ist, 
sodass er die Gebräuche derselben verachtet hat, auch 
sein Leben lang nicht zur Beichte oder zum heiligen 
hochwürdigen Sakramente gegangen ist, sondern sich 
verschiedene Male in der Versammlung der verdamm- 
ten und verfluchten Sekte der Mennoniten eingefun- 
den, sowohl in dieser Stadt, als auch unlängst in der 
Stadt Middelburg in Seeland vor dem letzten Froste, 
in welcher Sekte er so verhärtet ist, daß er auch, als er 
gefangen war, erklärt hat, daß es ihm leid sei, daß er 
nicht wiedergetauft worden sei, noch das Brotbrechen 
empfangen habe, welcher Erklärung er noch hinzuge- 
fügt, daß er solches getan haben würde, wenn er dazu 
eine passende Zeit hätte finden können, bei welcher 
verdammten und verfluchten Sekte er, der Gefangene, 
noch verharrt, ohne zu unserer Mutter, der heiligen 
Kirche, zurückzukehren, obgleich ihm von verschiede- 
nen geistlichen Personen, und auch von dem Gerichte 
dieser Stadt, einige Male zugeredet und er ermahnt 
worden ist, sodass er, der Gefangene, laut dessen, wie 
oben gemeldet, das Verbrechen der verletzten göttli- 
chen und menschlichen Majestät begangen hat, indem 
er die allgemeine Ruhe und Wohlfahrt gestört, so ist 
es geschehen, daß meine Herren des Gerichtes, nach- 
dem sie die Anklage meines Herrn, des Schultheißen, 
gehört, gleichwie das Bekenntnis des Gefangenen ge- 
sehen, und seine große Hartnäckigkeit und Halsstar- 
rigkeit in Betracht genommen, den Gefangenen dahin 
verurteilt haben, und ihn kraft dieses verurteilen, daß 
er, nach ihrer Majestät Befehl, mit Feuer hingerichtet 
werden soll, erklären auch, seine Güter verfallen zu 
sein, doch ohne Nachteil der Freiheiten dieser Stadt, 
in allen andern Sachen. 

Geschehen vor Gericht, in Gegenwart, wie oben 
gemeldet. 

Von des vorgenannten Märtyrers Folter, welche 
zweimal nach dem Berichte des Blutgerichtsbuches 
der Stadt Amsterdam angewandt worden ist. 

Diese vorgemeldete Person ist, nach dem Urteile 
der Ratsherren, zweimal gefoltert worden, nämlich 
den 4. und 6. März im Jahre 1569, was aus dem Proto- 
kolle des Bekenntnisses zu ersehen ist. 


Abgeschrieben aus dem Buche des Blutgerichts der 
Stadt Amsterdam, welches daselbst in der Kanzlei 
niedergelegt ist. 

Clemens Hendrikß, ein Segelmacher, wird um des 
Zeugnisses Jesu Christi willen den 12. März 1569 
zu Amsterdam verbrannt. 

Der grausame Zorn und Blutdurst der papistischen 
Obrigkeit in der Stadt Amsterdam hört nicht auf, denn 
diese hat an demselben Tage noch ein Todesurteil über 
die vierte Person von der Religion der Taufgesinnten 
gefällt; er hieß Clemens Hendrikß, und war seines 
Handwerks ein Segelmacher. 

Dieser, obgleich er einen lebendigen, kräftigen und 
heiligen Glauben hatte, hat doch, weil keine Gelegen- 
heit da war, oder um eines andern Zufalles willen, 
die Taufe auf seinen Glauben, wie der vorhergehen- 
de Märtyrer Cornelius Janß, noch nicht empfangen, 
was ihn auch in seiner Gefangenschaft nicht wenig 
betrübt hat; gleichwohl hat er seine Hoffnung auf Got- 
tes Gnade nicht fahren lassen, weil solches nicht aus 
Geringachtung dieser heiligen Ordnung Christi unter- 
blieben ist, sondern weil um der schweren Verfolgung 
willen die Gelegenheit ihm benommen wurde. 

Solches hat die Obrigkeit der vorgemeldeten Stadt 
auch so aufgenommen und hat ihn, als ob er bereits 
die Taufe auf seinen Glauben empfangen hätte (weil 
er bekannte, daß er dazu geneigt gewesen sei), nach 
des Kaisers Befehle zum Feuer verurteilt, welche har- 
te Todesstrafe er tapfer und standhaft ertragen hat, 
und deshalb von den Frommen unter die Zahl der 
treuen Blutzeugen Jesu Christi gerechnet worden ist, 
wiewohl er, nach dem Urteile der Papisten, als ein 
Ketzer gestorben ist, wie solches aus nachfolgendem 
Urteile, welches ihm öffentlich vor Gericht von den 
Herren der Finsternis kurz vor seinem Tode vorgele- 
sen wurde, zu ersehen ist; dasselbe lautet wie folgt: 

Des Clemens Hendriks, Segelmachers, Todesurteil. 

Nachdem Clemens Hendrikß, Segelmacher und Bür- 
ger dieser Stadt, gegenwärtig gefangen, auf seiner 
Seele Heil und den Gehorsam, den er unserer Mut- 
ter, der heiligen Kirche und der kaiserlichen Majestät, 
als seinem natürlichen Herrn und Prinzen, schuldig 
war, nicht bedacht gewesen, sondern von der heili- 
gen Kirche abgewichen ist, sodass er ihre Ordnun- 
gen verachtet hat, in Zeit von fünf Jahren und länger 
weder zur Beichte noch zum heiligen Sakramente ge- 
gangen, auch sich dreimal in der Versammlung der 
verdammten und verfluchten Sekte der Mennoniten 
eingefunden hat, was zuletzt vor einem Jahre gesche- 



531 


hen ist, und überdies in dieser Sekte so verhärtet ist, 
daß er, als er gefangen war, erklärt hat, daß es ihm 
leid sei, daß er weder die Wiedertaufe noch das Brot- 
brechen empfangen habe, daß derselbe auch bei der 
vorgemeldeten verdammten Sekte der Mennoniten 
noch Stand hält, ohne daß er davon zu unserer Mut- 
ter, der heiligen Kirche, abweichen will, wiewohl er 
verschiedene Male, sowohl von verschiedenen geistli- 
chen Personen, als auch von dem Rate dieser Stadt, da- 
zu angemahnt und unterrichtet worden ist, sodass der 
Gefangene, nach dem Vorbeschriebenen, sich des Ver- 
brechens der verletzten göttlichen und menschlichen 
Majestät schuldig gemacht hat, weil nämlich seine 
Sekte die gemeine Ruhe und Wohlfahrt stört, so ist es 
geschehen, daß die Herren des Gerichtes, nachdem sie 
die Anklage meines Herrn, des Schultheißen, gehört, 
und des Gefangenen Bekenntnis gesehen, auch seine 
große Halsstarrigkeit und Hartnäckigkeit in Betracht 
genommen, und alles genau erwogen, den Gefange- 
nen verurteilt haben und ihn kraft dieses verurteilen, 
daß er, nach den Befehlen seiner Majestät, mit Feuer 
verbrannt werden soll, erklären auch alle seine Güter 
zum Nutzen seiner Majestät verfallen zu sein, doch 
ohne Nachteil dieser Stadt Freiheiten in allen andern 
Sachen. 

So geschehen vor Gericht, in Gegenwart, wie oben. 

Von der Folter des vorgenannten Clemens Hendrikß, und 
wann solches geschehen sei: 

Diese vorgemeldete Person ist, laut des vorhergehen- 
den Todesurteils der Gerichtsherren, den 4. März im 
Jahre 1567 gefoltert worden, wie solches aus dem Pro- 
tokolle des Bekenntnisses zu ersehen ist. 

Abgeschrieben aus dem Buche des Blutgerichts der 
Stadt Amsterdam, welches in der Kanzlei daselbst 
niedergelegt ist. N. N. 

Hier folgen einige Briefe der vorgemeldeten Mär- 
tyrer; zuerst einige des Jan Quirynß und dann einige 
des Clemens Hendrikß. 

Ein Brief von Jan Quirynß, welcher nebst 
Cornelius Janß und Clemens Hendrikß zu 
Amsterdam in Gefangenschaft gewesen, wo sie 
alle drei um des Zeugnisses Jesu Christi willen 
verbrannt worden sind. 

Der ewige, allmächtige und barmherzige Vater, der 
seine Auserwählten mit starkem Arme aus dem 
Diensthause Pharaos geführt hat, wolle dich, meine 
geliebte Schwester in dem Herrn, bewahren, und mit 
der Kraft seines Heiligen Geistes stärken, um auf sol- 
che Weise seinen Willen zu tun, damit du unbefleckt 


und unsträflich erfunden werden mögest in allem 
Frieden, und in aller Gerechtigkeit, und in aller Wahr- 
heit, Inbrunst und Liebe bis ans Ende; das gebe dir 
der allmächtige und starke Herr, der allein weise und 
gerecht ist; dem sei Preis, Ehre, Lob und Dank, von 
nun an bis in Ewigkeit, Amen. 

Herzlich geliebte und sehr werte Schwester in dem 
Herrn, die ich dem Geiste nach sehr liebe, ich habe 
mir vorgenommen, dir ein wenig zu schreiben, durch 
die heilsame Gnade Gottes, wie du von mir armen 
Knechte begehrt hast, denn ich halte mich selbst für 
unwürdig, einem andern zu schreiben; es wäre wohl 
nötiger, daß man mir schreibe, denn liebe Schwester, 
ich finde nicht so viel in mir, daß ich auch fürchte, 
wenn ich den Vater anrufe, daß ich nicht sein Kind 
sei, denn ich erfülle seinen Willen nicht zur Hälfte; 
aber, liebe Schwester, obgleich wir in dem schnöden 
Fleische stecken, so wollen wir doch darum den Mut 
nicht sinken lassen, sondern allezeit steif anhalten im 
Gebete, ihm den Preis geben, und ihm allezeit für 
seine unaussprechliche Güte danken, die er an uns 
schlechten Kindern bewiesen hat. O welch eine Lie- 
be ist uns zuteil geworden! O welch ein Licht ist uns 
aufgegangen! O welch ein schöner, köstlicher, verbor- 
gener Schatz ist in unsere irdischen Gefäße gegeben; 
was den Weisen und Verständigen verborgen ist, das 
hat er uns armen schlichten Kindern nun offenbart; 
die helle und klare Wahrheit ist uns nun zu erkennen 
gegeben worden; das schöne glänzende Licht hat in 
einen dunklen Winkel geschienen, der klare Schein ist 
in unsere Herzen gegeben worden, wodurch wir mit 
dem bloßen und klaren Lichte durch Christum Jesum, 
den gnädigen Herrn aller Herren, erleuchtet worden 
sind; er hat die große Finsternis aus unsern dunklen 
Herzen vertrieben, und sich selbst dazu übergeben, 
der barmherzige Jesus Christus, um uns ein scheinend 
Licht zu sein, wie Johannes sagt: Das ist die Verhei- 
ßung, die wir von ihm gehört haben, und euch ver- 
kündigen, daß Gott ein Licht ist, und in ihm ist keine 
Finsternis. Wenn wir sagen, daß wir Gemeinschaft mit 
ihm haben, und wandeln in Finsternis, so lügen wir, 
und tun nicht die Wahrheit. Darum, liebe Schwester, 
gib doch Acht auf das Licht, und laß es deiner Füße 
Leuchte sein, und ein Licht auf deinem Pfade, wie 
David sagt; damit du dich des Tages nicht stößt, son- 
dern allezeit vor dich sehen mögest, wo du wandelst, 
denn das Dunkle ist vergangen; jetzt scheint das wah- 
re Licht; er hat uns von der Gewalt der Finsternis zu 
seinem wunderbaren Lichte erlöst, die wir zuvor kein 
Volk waren, aber nun Gottes Volk sind, wie Petrus 
sagt. Darum müssen wir uns wohl von Herzen freuen 
und fröhlich sein, und mit David sagen: Der Strick ist 
zerrissen und wir sind frei; wir sind aus des Löwen 



532 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Rachen erlöst, wo wir gefangen lagen, das ist, in dieser 
wüsten, garstigen, listigen und argen Welt, die mit der 
Bosheit ganz überschwemmt ist. Der Gott dieser Welt, 
der in den Kindern des Unglaubens herrscht, hat der 
Ungläubigen Sinne so verblendet, und ihre Herzen 
so verstockt, daß sie nicht ein Stäublein sehen kön- 
nen noch merken, daß sie nicht schmecken können, 
daß der Herr freundlich sei. Hier hatten wir mit den 
Lüsten unseres Fleisches Gemeinschaft, unseren Um- 
gang und Wandel gehabt, und taten den Willen des 
Fleisches und der Vernunft, und waren von Natur Kin- 
der des Zorns, gleichwie auch die anderen, aber der 
reiche, barmherzige und gütige Gott hat mit seinen 
freundlichen Augen auf uns arme Sünder gesehen, 
und seine gesegnete Hand ausgestreckt, er hat sie uns 
dargereicht, und hat uns aus des Todes Grube erlöst 
und herausgezogen; unsere Wunden verbunden und 
geheilt, unsere hungrigen und durstigen Seelen hat 
er mit dem Blute des Lebens gesättigt, und mit dem 
Wasser des Heiligen Geistes gelabt; er hat uns nicht in 
unserem Blute liegen lassen; er wollte nicht vor uns 
Vorbeigehen; er hat uns nicht vor Hunger verschmach- 
ten lassen; als wir um Brot baten, hat er uns keinen 
Stein gegeben; er hat uns auch keinen Durst leiden 
lassen, sondern unsere ausgedörrten Seelen aus dem 
klaren Brunnen des lebendigen Wassers erquickt. Ach, 
hätten wir niemals Geld für Dinge ausgegeben, die 
uns nicht sättigen, wir haben unser Geld verschwen- 
det um bittere Galle und Essig, und um den falschen, 
stinkenden Sauerteig. Ach, hätten wir doch an diesen 
milden Wirt gedacht, der es allen umsonst gibt, die 
es von ihm begehren; er wird sie nicht hinausstoßen, 
die zu ihm kommen. Darum, meine liebe Schwester, 
laß uns doch nach der lauteren, unverfälschten Milch 
begierig sein, als neu geborene Kinder, die aufs Neue 
von oben aus Gott geboren sind durch Jesum Chris- 
tum; laß uns doch unserer neuen Geburt wohl wahr- 
nehmen, darauf Achtung geben und dieselbe wohl 
verwahren, denn Johannes sagt: Wer aus Gott geboren 
ist, sündigt nicht, denn sein Samen bleibt in ihm, und 
er kann nicht sündigen, denn er ist aus Gott geboren. 

Ach, daß wir ein Exempel an Esau nähmen, der sei- 
ne erste Geburt um eine Schüssel Mus verkauft hat; 
ach, wie gering achtete er seine Seligkeit; aber er ist 
nachher, als er sie mit Tränen suchte, verworfen wor- 
den, denn er fand keinen Raum zur Buße. Aber, liebe 
Schwester, laß uns doch Fleiß anwenden, dasjenige 
zu behalten, was wir haben, und was uns von oben 
herab von demjenigen gegeben ist, der alles Guten 
Geber ist, denn er hört uns in allem, was wir von ihm 
bitten, so wissen wir auch, daß wir die Bitte haben, die 
wir von ihm gebeten haben. Ist das nicht ein milder 
Herr? Ja, gewiss, er ist ein Herr, reich über alle, die ihn 


anrufen; setze nur dein Vertrauen fest auf ihn allein, 
übergib deinen Willen in Gottes Willen, dann wird es 
dir wohlgehen. 

Darum, meine liebe Schwester in dem Herrn, sei 
fest und unbeweglich in dem Werke des Herrn, und 
wisse allezeit, daß deine Arbeit nicht vergeblich sei, 
in dem Herrn, denn du wirst dafür belohnt werden; 
wenn du anders auf den Geist säst, so wirst du auch 
von dem Geiste das ewige Leben ernten; wenn wir 
mit Tränen säen, so sollen wir auch mit Freuden ern- 
ten; wir werden für unsere Schmach Ehre erlangen; 
statt der Schande sollen wir fröhlich sein, sagt der Pro- 
phet; so laß uns denn zufrieden sein, denn solch ein 
herrliches Volk werden wir sein; wir sollen in Geduld 
darauf warten und an die herrlichen Verheißungen 
denken; der sie uns gegeben hat, wird es auch tun; 
er wird seine Verheißungen nicht zurückziehen; laß 
uns nur tapfer anhalten, fröhlich sein in der Hoffnung, 
geduldig in Trübsal, anhaltend im Gebete, nicht träge 
in unserm Vornehmen, sondern brünstig im Geiste, 
samt einer brennenden Liebe in unsem Herzen, daß 
der Herr durch die Liebe in uns gegründet und ge- 
wurzelt werde, dann wird uns nichts von der Liebe 
Gottes scheiden, was uns auch um des Namens Jesu 
Christi und seines Zeugnisses willen begegnet. Laß 
uns niemanden das Ziel verrücken, sondern laß uns in 
unserm Glauben Tugend beweisen, und unsere Sanft- 
mut allen Menschen kund werden lassen; der Herr 
ist nahe, sorge nicht, denn es ist bald getan. Liebe 
Schwester, wir haben eine kurze Zeit, wenn wir es 
überlegen; darum laß uns unsere kurze Zeit in der 
Furcht Gottes zubringen, und sei nüchtern und wach- 
sam, denn unser Widersacher, der Teufel, geht um uns 
herum, wie ein grimmiger Löwe, und sucht, welchen 
er verschlinge; dem widersteht fest im Glauben, wie 
Jakobus sagt: Widersteht dem Teufel, so flieht er von 
euch; ja, er geht sehr listig um uns her, liebe Schwes- 
ter, bald mit diesem, bald mit jenem, es sei auswendig 
oder inwendig mit unserm bösen Fleische, welches 
unser größter Feind ist, womit wir am meisten zu tun 
haben; der Geist wider das Fleisch, das Fleisch wider 
den Geist, diese sind gegeneinander, daß wir nicht 
tun, was wir wollen. Aber Paulus gibt uns einen Trost, 
wenn er sagt: Wandelt im Geiste, so werdet ihr die 
Lüste des Fleisches nicht vollbringen. Ach, daß wir 
doch so brünstig im Geiste wären, so fleißig in guten 
Werken, das ewige Leben zu suchen, statt der Schät- 
ze und das Weltliche, welche dennoch vergehen und 
hier bleiben müssen, und Gottes Gebote über Gold 
und Edelsteine zu lieben, dann würden wir so selige 
Kinder sein; wir würden des Streites immer weniger 
haben; aber leider, es geht bisweilen so zu, daß mehr 
Fleiß um dieses Vergängliche angewandt wird, als um 



533 


das ewig bleibende Gut, das im Himmel ist, und ewig 
währen wird. Dieses schreibe ich nicht um deswillen, 
weil es bei dir so zugeht, denn ich weiß von dir, daß 
du den Herrn von ganzem Herzen suchst. Darum, 
meine werte Schwester, laß uns die Worte des Apo- 
stels zu Herzen nehmen, der uns vor dem Versucher 
warnt, damit wir nicht auch vom Satan betrogen wer- 
den, denn uns ist nicht unbekannt, was er im Sinne 
hat, das ist, daß er darauf ausgeht, die Kinder Gottes 
durch Lügen und Neid in sein Netz zu bringen, wie 
er denn von Anfang her ein Vater der Lügen gewesen 
ist, und solches an dem ersten Menschen bewiesen 
hat, wie im Buche der Weisheit steht: Gott schuf den 
Menschen zum ewigen Leben; aber durch des Teu- 
fels Neid ist der Tod in die Welt gekommen, und die 
seines Teils sind, helfen auch dazu. 

Desgleichen setzt er uns auch mit Sendboten zu, 
mit denen wir übel daran sind, und die von uns aus- 
gegangen sind, hindern uns am meisten, sodass wir es 
wohl finden, daß die Schrift erfüllt wird, nämlich, daß 
es in den letzten Tagen so zugehen sollte, wie Johan- 
nes sagt: Kindlein, es ist die letzte Stunde, gleichwie 
ihr gehört habt, daß der Widerchrist kommt; und ge- 
genwärtig sind viele Widerchristen geworden; daran 
erkennen wir, daß es die letzte Stunde sei; sie sind 
von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns, 
denn wären sie von uns gewesen, sie wären bei uns 
geblieben, aber, damit sie offenbar würden, daß sie 
nicht alle von uns sind. Sieh, liebe Schwester, in sol- 
cher Weise warnt uns der Apostel, denn es sind nicht 
alle Abrahams Kinder, die Abrahams Samen sind. 

Darum, liebe Schwester, sieh auf die Frommen und 
nicht auf den Schwachen; sieh auf den Herzog des 
Glaubens, und den Vollender Jesum Christum, und 
laß dich nicht von einigen unnützen Schwätzern irre 
machen, die es versuchen, dich abfällig zu machen, 
wie Paulus sagt. Christus sagt, daß in den letzten Zei- 
ten viele falsche Propheten unter seinem Namen auf- 
stehen werden; ach, merke, unter seinem Namen, ja, 
daß auch die Auserwählten, wenn es möglich wäre, 
verführt würden; aber wer bis ans Ende beharrt, der 
wird selig werden; die Auserwählten können nicht 
verführt werden. 

Sei doch tapfer in deinem Gemüte, und bete allezeit 
ohne Unterlass mit Bitten und Flehen in dem Geiste; 
wende deine Gedanken Tag und Nacht auf das Gesetz 
des Herrn, damit du ein Baum sein mögest, der an 
den Wasserbächen steht, der zu seiner Zeit seine rei- 
che Frucht bringt, dessen Blätter nicht verwelken, und 
eine fruchtbare Rebe an dem Weinstocke Christo Jesu 
sein werden, denn David sagt: Die Gerechten wer- 
den nimmermehr Umfallen, sondern ewiglich stehen 
bleiben, wie der Berg Zion, ja, die Gerechten werden 


nimmermehr bewegt werden, sagt Salomo. Darum 
laß uns ja unsern Lauf mit Freuden vollenden, und 
gesetzmäßig kämpfen, denn niemand wird gekrönt, 
er kämpfe denn recht, wie die tapfem Voreltern ge- 
tan haben, die ihre Hoffnung auf Gott gesetzt haben, 
dem sie treulich dienten; diese hat er nicht verlassen, 
und sie haben ihn auch nicht verlassen, sie haben ihre 
Nacken unter dem Zepter Christi Jesu gebeugt, wie 
sich die fromme Esther niederbeugte. 

Ach, habt doch Acht darauf, denn obschon die Ge- 
rechten hier viel leiden müssen und aller menschli- 
chen Hilfe und Trostes beraubt sind, so laß uns doch 
unsere Augen zu dem Nothelfer Christo Jesu aufschla- 
gen, der uns nicht verlassen wird. Kann auch eine 
Mutter ihr Kind verlassen? Und wenn sie es auch täte, 
so will ich doch dich nicht verlassen, sagt er. Wer uns 
antastet, der tastet seinen Augapfel an. Wer sollte nun 
solch einen Gott nicht fürchten, der sein armes Volk al- 
lezeit bewahrt und beschützt? Denn die Freude, die er 
uns verheißen hat, versüßt alles. Wer überwindet, soll 
alles ererben; sie werden mit Christo auf dem Throne 
sitzen, gleichwie er mit seinem Vater auf dem Throne 
gesessen hat, ja, er wird sich selbst aufschürzen, vor 
uns hergehen und zur Tafel dienen. Wie werden dann 
die Gerechten in seiner Vaters Reiche glänzen; wie 
werden sie dann auf springen, wie gemästete Kälber! 
Wie werden die Gerechten dann glänzen wie Flam- 
men in den Stoppeln! Wie werden sie dann triumphie- 
ren, die ihr Leben nicht geliebt haben bis in den Tod, 
und den Gesang singen, und geziert mit Palmenzwei- 
gen in ihren Händen und Kronen auf ihren Häuptern, 
dem Namen des Herrn danken, ihn loben und groß 
machen? Endlich werden sie Freuden genießen, die 
kein Auge gehört hat, oder ein Herz begreifen kann, 
was Gott allen denen bereitet hat, die ihn lieb haben. 

Darum, ein jeder, der diese Hoffnung in sich hat, 
reinige sich selbst, gleichwie er rein ist; der Gott aber 
aller Gnade, der uns durch seine Herrlichkeit und 
Kraft berufen hat, wolle dich, meine liebe und werte 
Schwester in dem Herrn, stark und kräftig machen mit 
der Kraft des Heiligen Geistes bis ans Ende, Amen. 

Hiermit will ich dich, meine geliebte Schwester in 
dem Herrn, dem Herrn, und dem Worte seiner großen 
Gnade anbefehlen. Nimm dies, mein geringes und 
schlechtes Schreiben zum Besten auf, denn ich habe es 
aus rechter ungefärbter brüderlicher Liebe aufgesetzt, 
das weiß der allmächtige Herr; darum bitte ich dich 
nochmals, nimm mir dieses zum Besten auf, denn wer 
Gott fürchtet, der nimmt alles zum Besten auf; halte 
allezeit die erste Liebe bis ans Ende, und die brünstige 
Liebe zu Gott und den Brüdern; das verleihe dir der 
allmächtige, ewige und starke Gott, Amen. 

Grüße mir alle meine Freunde, insbesondere M. S. 



534 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Tochter, G. R. W. und ferner alle, die mich kennen. 
Auch lassen dich einige grüßen, die bei mir waren, 
als ich dies schrieb. Cornelius Janß lässt dich auch 
grüßen, die Gnade des Herrn Jesu Christi sei mit dir, 
Amen. 

Fünf Briefe von Clemens Hendriks, aus dem Ge- 
fängnisse in Amsterdam gesandt, wo er, wie oben ge- 
meldet, um der Erkenntnis der Wahrheit willen, nebst 
Jan Kryntz und Cornelius Janß, sein Leben gelassen 
hat: 

Der erste Brief an eine seiner Bekannten gesandt, 
genannt Grietgen Dirks. 

Wisse, liebe Grietgen Dirks, daß ich noch tapfer im 
Fleische bin, daß das Gemüt noch auf die Furcht des 
Herrn gerichtet und auch, dem Herrn sei gedankt, 
noch unverändert ist, wofür ich ihm auch nicht genug 
danken kann; ich betrübe mich bisweilen sehr dar- 
über, daß ich Unwürdiger eure Liebe so sehr betrübt 
habe; ich kann wohl denken, daß viele über mich be- 
trübt sind, wie ich gehört habe, daß ich von meinem 
Glauben abgefallen sein soll, woran jedoch nichts ist, 
der Herr sei gelobt. Sie haben mich nur oberflächlich 
gefragt; ich wollte nur, sie fragten mich nicht tiefer, als 
sie bisher getan haben; aber ich fürchte, daß ich werde 
bleiben müssen, wo ich bin; der Herr verleihe mir, was 
mir heilsam ist; ich habe zu ihm das Vertrauen, daß 
er mir wohl Stärke geben kann, zu seinem Preise und 
meiner Seelen Seligkeit auszuhalten. Es haben sich 
ja unsere drei andern Brüder durchgekämpft, darum 
kann mich der Herr auch nach Hause holen, wenn es 
sein geliebter Wille ist; ich wusste den Freitag nicht 
anders, als daß ich mein Opfer tun würde; es war auch 
mein Gemüt dazu bereit, dem Herrn sei gedankt, wie 
ich ihm denn nicht genug danken kann, daß er mir so 
treulich beisteht; ich traue in allem auf ihn, und, wer 
auf ihn traut, soll nicht zu Schanden werden, denn 
er verlässt die Seinen nicht, die auf ihn trauen. Tue 
so viel, und grüße mir alle Brüder herzlich, sage ih- 
nen auch, daß sie für mich bitten, daß mich der Herr 
bis in die letzte Not stärken wolle, denn das Gebet 
der Gläubigen und Gerechten vermag viel; solches ist 
auch meine herzgründliche Bitte. 

Hiermit will ich dich dem Herrn anbefehlen; wenn 
wir einander mit fleischlichen Augen nicht mehr se- 
hen sollten, so halte mir dieses zu gut, und sage mei- 
ner Schwester, daß ich dir geschrieben habe, denn sie 
weiß nicht anders, als daß ich von meinem Glauben 
abgefallen sei; der Herr erkennt alle Herzen. 

Von mir, Clemens Hendriks, unwürdig gefangen in 
dem Herrn. 


Der zweite Brief von Clemens Hendriks. 

Gnade, Friede und Barmherzigkeit von Gott, unserm 
himmlischen Vater, durch Jesum Christum, seinen ei- 
nigen, geliebten Sohn, der sich selbst aus großer Liebe 
dahingegeben hat, um uns von dem Bande des Todes 
zu erlösen. Diese brünstige Liebe und die Kraft und 
Stärke des Heiligen Geistes wünsche ich dir, meine 
sehr liebe und werte N. zur Danksagung, zum Tröste 
und zur Stärke, von nun an bis in Ewigkeit, Amen. 

Ferner, meine sehr Liebe und Werte (von Gott, dem 
himmlischen Vater, und von dem Herrn Jesu Christo 
Geliebte), aus recht christbrüderlicher Liebe kann ich 
nicht wohl unterlassen, an deine Liebe ein wenig zu 
schreiben, wie es mir noch in meinen Banden ergeht; 
ich kann dem Herrn nicht genug danken, und ihn 
nicht genug loben, daß er mich in meiner Trübsal so 
tröstet, und mein Gemüt noch dahin gerichtet ist, den 
Herrn alle Tage meines Lebens, nach meinem schwa- 
chen Vermögen, von ganzem Herzen zu fürchten. So 
habe ich (Armer und Unwürdiger) mir vorgenommen, 
an dich, meine sehr Liebe und Werte, ein wenig zu 
schreiben, wiewohl ich zum Schreiben nicht gestimmt 
bin; dennoch geschieht es aus einer recht christlichen 
und brüderlichen Liebe; deshalb nimm es zum Besten 
auf, und halte es mir zu gut. 

Ach, meine sehr Geliebte und Werte, welch ein schö- 
ner Trost ist es für uns, daß Christus spricht: Selig sind, 
die um der Gerechtigkeit willen Verfolgung leiden, 
denn das Himmelreich ist ihnen; auch sagt Christus: 
Wer sein Kreuz nicht aufnimmt und mir nachfolgt, 
der ist meiner nicht wert, und wer sein Leben um 
meinetwillen verliert, der wird es finden; ferner sagt 
Paulus: Alle, die gottselig leben wollen in Christo Je- 
su, müssen Verfolgung leiden; die Gerechten müssen 
viel leiden, der Herr hilft ihnen aus all ihrem Leiden. 
Darum, meine sehr Liebe und Werte, haben die Pro- 
pheten, ja, Christus selbst gelitten und so auch alle 
frommen Zeugen Jesu Christi bis auf den heutigen 
Tag. Darum laß deine Lenden umgürtet sein und dein 
Licht leuchten, und sei den Menschen gleich, die auf 
ihren Herrn warten, wenn er von der Hochzeit aufbre- 
chen wird, damit, wenn er kommt und anklopft, sie 
ihm sofort auftun mögen. Selig sind die Knechte, die 
der Herr (wenn er anklopft) wachend findet: Wahr- 
lich, ich sage euch, er wird sich aufschürzen, sie zu 
Tische setzen und vor ihnen gehen und ihnen dienen. 
Darum, meine Geliebte und sehr Werte, ist uns dieses 
nicht ein schöner Trost? Denn es steht geschrieben, 
daß kein Auge gesehen, noch ein Ohr gehört habe, 
daß es auch in keines Menschen Herz gekommen sei, 
was Gott denen bereitet hat die ihn lieben. Wer bis ans 
Ende beharrt, soll selig werden. Auch sah Esra auf 



535 


dem Berge Zion eine große Schar, die niemand zählen 
konnte, und alle lobten den Herrn mit Lobgesängen, 
und mitten unter ihnen war ein Jüngling, der mit sei- 
ner Länge alle überragte, und einem jeden eine Krone 
aufs Haupte setzte und immer größer ward; ich aber 
verwunderte mich sehr, fragte den Engel und sprach: 
Lieber Herr, wer sind diese? Er antwortete: Diese sind 
es, die das sterbliche Kleid abgelegt und das unsterb- 
liche angetan, und den Namen ihres Gottes bekannt 
haben; nun werden sie gekrönt und empfangen die 
Belohnung. Weiter fragte ich den Engel: Wer ist aber 
der Jüngling, der ihnen die Krone aufsetzt und ihnen 
Palmzweige in die Hände gibt? Und er antwortete mir: 
Er ist Gottes Sohn, welchen sie in der Welt bekannt 
haben. 

Siehe, meine Liebe und sehr Werte in dem Herrn, 
was ist unser Leben? Es ist ein Dampf, oder ein Rauch, 
der vom Winde dahin getrieben wird, und nicht weiß, 
woher er kommt, welcher eine kurze Zeit währt, aber 
nachher verschwindet; aber unser Sterben ist nichts 
anderes, als ein Eingang in das ewige Leben, um mit 
Gott und Christo zu herrschen. Christus sagt: Wer an 
mich glaubt, ist durch den Tod zum Leben eingegan- 
gen. Sterben wir durch ihn, so leben wir in ihm; denn 
Gott ist kein Gott der Toten, sondern Abraham hat an 
ihn geglaubt, und alle Gläubigen leben in Gott; ob- 
gleich sie den Tod erlitten haben, so waren sie doch 
Gottes Freunde, weshalb er sagte: Wer euch antastet, 
der tastet meinen Augapfel an. Siehe, solche Liebe hat 
uns Gott der Vater gegeben, daß wir Gottes Kinder hei- 
ßen sollen; darum kennt euch die Welt nicht, denn sie 
kennt ihn nicht. Darum, meine Liebe und sehr Werte, 
sind wir nun Gottes Kinder; aber es ist noch nicht er- 
schienen, was wir sein werden; doch wissen wir, daß, 
wenn er sich offenbaren wird, wir ihm gleich sein wer- 
den, denn wir werden ihn sehen, gleichwie er ist, und 
ein jeder, der diese Hoffnung in sich hat, reinige sich 
selbst, gleichwie er auch rein ist. Wir wissen, wenn 
unser irdisches Haus dieser Hütte zerbrochen wird, 
wir einen Bau haben, von Gott erbaut, ein Haus, das 
nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel, 
daß wir damit überkleidet werden. Ja, sagt Paulus, 
gleichwie des Leidens Christi viel über uns kommt, so 
werden wir auch reichlich getröstet durch Christum; 
ist es nun Trost oder Trübsal, so geschieht es alles zu 
unserer Seligkeit, wenn wir sonst leiden, wie die Hei- 
ligen gelitten haben, das ist, um des Zeugnisses des 
Wortes Gottes willen; auch sagt Paulus: Wenn wir mit 
ihm leiden, so werden wir auch mit ihm herrschen; 
sterben wir in Christo, so werden wir auch mit ihm 
leben; weiter sagt Paulus, Rom 8, daß wir um nichts 
anderes besorgt seien, als um die Offenbarung der 
Kinder Gottes, das ist: Wir sehnen uns und verlangen 


nach der Offenbarung unsers Herrn in den Wolken, 
damit wir, hingerückt in den Wolken zu ihm, ihm 
gleich werden möchten. Während wir in dieser Hütte 
sind, sind wir beschwert, denn wir wollten lieber mit 
der unsterblichen und himmlischen Klarheit beklei- 
det werden, womit uns Christus verklären wird; der 
uns aber dazu bereitet, ist Gott, der uns das Pfand des 
Glaubens gegeben hat, durch den Glauben und das 
Vertrauen an seinen Sohn. 

Darum, meine Geliebte und sehr Werte, steht auch 
geschrieben: Wenngleich unser äußerlicher Mensch 
verwest, so wird doch der innerliche von Tag zu Tag 
erneuert, denn unsere Trübsal, die zeitlich und leicht 
ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichti- 
ge Herrlichkeit uns, die wir nicht auf das Sichtbare, 
sondern auf das Unsichtbare sehen. Hiermit sei dem 
Herrn befohlen; er segne, benedeie und behüte dich; 
der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und 
uns allen und wolle uns gnädig sein. Grüße mir auch 
die Brüder, wenn du Gelegenheit hast, sehr herzlich; 
ich will auch euch alle dem Herrn anbefehlen bis zur 
Wiederkunft des Herrn. Der Friede des Herrn sei mit 
dir, von nun an bis in Ewigkeit, Amen. Geschrieben 
in meinen Banden, auf Christmontag. 

Von mir, Clemens Hendriks, unwürdig gefangen in 
dem Herrn. 

Der dritte Brief von Clemens Hendriks an seinen 
Vater und seine Mutter. 

Ich wünsche dir, mein geliebter und werter Vater, und 
meiner geliebten und sehr werten Mutter, den Geist 
der Wahrheit und Erkenntnis des Glaubens, nach der 
Lehre Jesu Christi, und ein klares Gesicht und ein 
offenes Herz in allen göttlichen Sachen und in Gottes 
Wort, damit ihr einen rechten Unterschied machen 
und abwägen mögt, was Licht oder Finsternis, was 
Lüge oder Wahrheit, ja Fleisch oder Geist sei, damit 
euch niemand betrüge, sondern ihr euch an Gottes 
Wort fest halten, vollen Lohn empfangen, und nichts 
von alledem verlieren mögt, was ihr bisher aus eurem 
Glauben gewirkt habt. 

Ferner, meine lieben und sehr werten Eltern, ich bin 
eurer eingedenk und bitte auch jeden Morgen und 
Abend für euch, daß der Herr euch in eurer Trübsal, 
die ihr um mich armen, unwürdigen Menschen habt, 
trösten wolle, der ich doch nicht wert bin, daß ihr 
euch um mich betrübt. Ferner, meine lieben und sehr 
werten Eltern, lasse ich eure Liebe wissen, daß ich mir 
vorgenommen habe, eurer Liebe ein wenig zu schrei- 
ben, wie es noch mit mir bestellt ist, und daß mein 
Gemüt noch dahin gerichtet ist, den Herrn von gan- 
zem Herzen, von ganzer Seele und aus allen Kräften 



536 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


zu fürchten, solange ich noch im Fleische bin, wofür 
ich dem allmächtigen, großen und allein weisen Gott 
nimmermehr genug danken, noch ihn loben, oder zur 
Genüge preisen kann. Daß er mir seine unaussprech- 
liche, ja, unbegreifliche Gnade in Jesu Christo durch 
die Handreichung seines Geistes bisher mitgeteilt hat 
und noch täglich mitteilt, dafür danke ich dem all- 
mächtigen Gott, und beuge die Knie meines Heizens 
vor dem Vater, der reich an Gnade und ein wahrer, ge- 
rechter und barmherziger Gott ist, der uns alle mit sei- 
nem heiligen Worte tröstet. Darum, meine lieben und 
sehr werten Eltern, bitte ich euch, daß ihr ja nicht um 
mich armen, unwürdigen Menschen betrübt seid, son- 
dern euch vielmehr darüber freuen, und den Herrn 
dafür loben wollt, daß er euren Sohn dazu berufen 
und tüchtig gemacht hat, um seines heiligen Wortes 
und Evangeliums willen zu leiden; denn man findet 
ja, daß die Apostel und Propheten, ja, auch Christus 
selbst, von den bösen und verkehrten Menschen, dem 
Fleische nach, haben leiden müssen. Darum, mein ge- 
liebter Vater und meine sehr werte Mutter, seid doch 
nicht betrübt und gebt euch hierüber zufrieden, so viel 
es euch möglich ist; solches bitte ich sehr freundlich 
um des Namens des Herrn willen; und tröstet euch 
allezeit mit den Worten Christi, wenn er sagt: Wer 
etwas lieber hat als mich, der ist meiner nicht wert, 
und wer Haus, Hof, Land, Stand, Vater und Mutter 
verlässt, der soll es hundertfältig wieder empfangen. 
Aber, meine sehr lieben und sehr werten Eltern, was 
erlebt man doch hier anders als große Armut? Und 
was ist doch eines Menschen Leben? Nichts anderes 
als eine Blume, die auf dem Felde steht; das Gras ist 
verdorrt, und die Blume ist abgefallen, und wie ein 
Dampf, der eine kurze Zeit währt, und in sich selbst 
verschwindet. Ferner, mein lieber und sehr werter Va- 
ter, ich bin sehr wohlgemut, mein Opfer zu tun, und 
um des Namens des Herrn willen zu leiden; denn 
Christus sagt: Wer mich vor den Menschen bekennt, 
den will ich vor meinem himmlischen Vater wieder 
bekennen; desgleichen sagt er auch: Lasst euer Licht 
vor den Menschen leuchten. Ich möchte wohl wün- 
schen, daß, wenn ich mein Opfer tun soll, sie mich auf 
einen Wagen setzen, um die Stadt herum führen und 
viermal geißeln möchten, damit ich mein Licht vor 
diesem argen, blinden und verkehrten Geschlechte 
leuchten lassen könnte; denn ich schäme mich nicht, 
um des Evangeliums willen zu leiden, weil ich nicht 
als Dieb, oder Schelm, oder Räuber, oder Übeltäter, 
sondern als ein Christenmensch leiden werde; denn 
wenn wir um Übeltat willen leiden, was nützt uns 
das? Wenn wir aber um des Wohltuns willen leiden, 
das ist Gnade bei dem himmlischen Vater. Ferner, mei- 
ne lieben und sehr werten Eltern, laß ich eurer Liebe 


wissen, daß sie mir angekündigt haben, ich sollte mich 
den Händen der Geistlichen übergeben; sie gedach- 
ten, ich würde hier wohl durchkommen. Hierauf ließ 
ich sie abermals wissen, sie sollten sich deshalb nicht 
bemühen, denn ich wäre nicht gesonnen, solches zu 
tun. 

Darum, meine lieben und sehr werten Eltern, er- 
schreckt nicht hierüber, solches bitte ich demütig, um 
des Namens des Herrn willen, denn über dergleichen 
Dinge sollte sich ein Christ nicht schämen; ebenso 
ist auch Joseph, als das ägyptische Weib ihn versuch- 
te, ihn bei seinem Rocke oder Mantel ergriff und ihn 
nicht gehen lassen, sondern Hurerei mit ihm treiben 
wollte, ihr entronnen, und hat lieber ihr den Rock oder 
Mantel gelassen, als Hurerei mit ihr treiben wollen. 
Darum, meine lieben und sehr werten Eltern, wenn 
wir von der babylonischen Hure bei unserem Rocke 
oder Mantel ergriffen werden, um mit ihr Hurerei zu 
treiben, so lasst lieber, durch des Herrn Gnade, euern 
Rock oder Mantel fahren, als mit ihr Hurerei treiben, 
nämlich, gebt lieber euer irdisches Leben auf. 

Ferner, meine lieben und sehr werten Eltern, bitte 
ich euch sehr demütig mit weinenden Augen hin- 
sichtlich dessen um Vergebung, was ich an euch mit 
Worten ober Werken, oder Gedanken verschuldet ha- 
be; es scheint, daß die Stunde vor der Tür sei, wo ich 
mein Opfer tun soll; darum, meine lieben und sehr 
werten Eltern, will ich euch dem Herrn anbefehlen, 
und euch beiden bis zur Wiederkunft unseres Herrn 
Jesu Christi gute Nacht sagen. Der Friede des Herrn 
sei mit euch, von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen. 

Von mir, Clemens Hendriks, eurem geliebten Soh- 
ne, unwürdig gefangen in dem Herrn; geschrieben in 
Banden. 

Der vierte Brief des Clemens Hendriks an seinen 
Vater und seine Mutter. 

Ein sehr freundlicher Gruß geschrieben an euch, mei- 
ne geliebten Eltern; ich lasse euch wissen, daß ich 
noch wohlgemut und gesund bin, und hoffe, daß die- 
ses auch bei euch der Fall sein werde. 

Ferner, meine lieben und sehr werten Eltern, lasse 
ich eurer Liebe wissen, wie es in meinen Banden mit 
meinem Leibe bestellt sei; ich kann den Herrn nicht 
genug loben, und ihm nicht genug danken, daß er 
mich in meiner Trübsal so tröstet und daß mein Ge- 
müt noch dahin gerichtet ist, den Herrn zu fürchten, 
solange ich hier bin, und sollte auch Fleisch und Blut 
darum leiden. 

Nicht weniger, meine lieben und werten Eltern, las- 
se ich eure Liebe wissen, wie sie mit mir gehandelt 
haben, als ich zuerst gefangen wurde; ich bin an ei- 



537 


nem Mittwoch Abend zu Gaste gewesen, und wir 
befanden uns auf dem Heimwege; da begegnete uns 
die Wacht, und weil wir kein Licht mit uns hatten, 
wurden wir von der Wacht hinaufgebracht; dort saß 
Floris der Bral, der uns fragte, wo wir herkämen, ob 
wir nicht in einer Versammlung der neuen Religion ge- 
wesen wären; wir antworteten: Nein; er fragte weiter, 
ob wir das mit unserem Eide bezeugen könnten. Ich 
erwiderte ihm: Willst du meinen Worten nicht glau- 
ben? Ich will dir die Wahrheit sagen; er bestand aber 
auf dem Eid, und wir wollten nicht schwören. Da sag- 
te er: Bringe sie hinab. Hierauf wurden wir hinunter 
ins Gefängnis gebracht, als ob wir Diebe oder Schelme 
gewesen wären; am Morgen des andern Tages wur- 
den wir hinaufgeholt; sie brachten mich zuerst vor die 
Herren, und hatten mir die Hände auf den Rücken 
gebunden, als ob ich ein Dieb gewesen wäre; da fragte 
mich der Schultheiß: Clemens, wie oft bist du wohl 
in der Versammlung der Mennoniten gewesen? Ich 
schwieg darauf still und gab ihm keine Antwort; er 
setzte mir aber hart zu, um es zu wissen; und als ich 
nichts erwiderte, wurde ich in eine Kammer allein ein- 
gesperrt. Sodann wurden die andern vor die Herren 
gebracht, und wegen ihres Glaubens verhört, welchen 
sie bekannten; darauf wurde ich abermals vor den 
Herrn gebracht, welcher mich abermals fragte, wie oft 
ich in der Versammlung gewesen, und ob ich wohl 
zehnmal darin gewesen wäre; ich erwiderte: Nein. 
Wohl acht Mal? Nein. Wohl sieben Mal? Nein. Wohl 
sechs Mal? Nein. Wohl drei Mal? Ja. Hierauf fragte er 
mich um des Predigers Namen; ich sagte: Ich bin nicht 
Willens, solches zu nennen; er wollte auch haben, ich 
sollte sagen, in welchem Hause ich gewesen und was 
für Leute dort gewesen wären; ich sagte ihm, ich wäre 
noch nicht willens, es zu sagen, worauf er erwiderte, 
er wollte es mich wohl sagen machen; hiernach wurde 
ich wieder ins Gefängnis gebracht, und den Tag dar- 
auf wieder vor die Herren geführt; hier fragte mich 
der Schultheiß, ob ich ihm noch nicht sagen wollte, 
wer der Prediger gewesen, und wo er gewesen wä- 
re, und was für Leute dort gewesen wären; ich sagte, 
daß ich noch nicht gesonnen wäre, solches zu sagen, 
und setzte hinzu: Ich bin im Leiden und begehre nie- 
manden in Leid zu bringen; ihr habt mich hier, ihr 
mögt mit mir umgehen, wie es euch gefällt. Da sagte 
der Schultheiß zu den Gerichtsherren: Ich fordere ihn 
zur Folter, um solches auf das Genaueste zu wissen, 
und sich an die Knechte wendend, befahl er ihnen, 
mich sofort zur Folterbank zu bringen, hier wurde ich 
entkleidet und mit verbundenen Augen auf die Folter- 
bank gesetzt, hiernächst fragte mich der Schultheiß, 
ob ich es noch nicht sagen wollte; ich erwiderte, ich 
wäre noch nicht willens es zu sagen. Sodann wurde 


ich auf die Bank gelegt, und wohl mit sieben Stricken 
darauf gebunden; an meinem Kopfe hatten sie zwei 
Knöpfe angebracht, die mir auf der Stirn lagen, und 
die sie mit einem Stricke mit meinen beiden großen 
Zehen in Verbindung brachten, die andern wurden 
um meinen Leib gebunden; sodann wurden die Stri- 
cke vermittelst hölzerner Knebel zugedreht, sodass 
ich nicht anders dachte, als daß sie die Rippen in mei- 
nem Leibe in Stücke gedreht hätten, wobei sie mir 
Urin in den Mund gossen. Als ich nun so in der Pein 
lag, wurde ich noch auf meine Brust gegeißelt; der 
Herr weiß es, wie sie mit mir umgegangen sind. Um 
der Pein willen nannte ich vier Brüder, aber ich hoffte, 
daß sie nicht mehr in der Stadt waren; solches währ- 
te ungefähr eine halbe Stunde; ich sagte ihnen, sie 
sollten mir auch einen Strick um die Kehle tun, und 
mir auf einmal davon helfen. Als sie die Stricke los- 
machten, konnte ich nicht auf meine Füße kommen; 
die Diener mussten mir aufhelfen. Darauf wurde ich 
wieder ins Gefängnis gebracht, Tags darauf aber wie- 
der hinauf vor die Herren geholt; wiewohl ich kaum 
gehen konnte, wäre ich nochmals gepeinigt worden, 
wenn es Joost Buik nicht verhindert hatte. Der Schult- 
heiß fragte mich, ob ich nicht einen Mönch zu sehen 
wünsche; ich erwiderte, er könnte wohl wegbleiben; 
er sagte darauf: Du musst ja einen Hund bellen hö- 
ren, willst du denn nicht einen Mann reden hören? 
Sodann wurde ich abermals ins Gefängnis gebracht, 
und bald kam ein Priester in Begleitung eines Mön- 
ches zu mir, um mit mir zu disputieren; sie fingen an, 
bald von diesem, bald von jenem zu reden und brach- 
ten viele Lügen vor, ich aber schwieg still, und ließ sie 
genug reden; sie wurden böse darüber, daß ich ihnen 
nicht mehr antwortete, und der eine sagte, daß ich 
den Teufel hätte. Vier Tage darauf wurde ich wieder 
hinaufgebracht und mir gesagt, ich sollte mich gegen 
den Samstag fertig halten; ich erwiderte: Wenn es dem 
Herrn gefällt, so bin ich fertig. Da wurde ich abermals 
ins Gefängnis gebracht, und ich wusste nicht anders, 
als daß ich mein Opfer tun müsste; statt dessen aber 
kam ein Priester zu mir, der von mir verlangte, daß ich 
ihm beichten sollte; ich sagte ihm, daß ich ihm nicht 
beichten wollte, denn er könnte mir meine Sünden 
nicht vergeben; meinem Herrn und Gott zu beichten, 
ist die beste Beichte. Hiernächst kam der Schultheiß 
mit zwei Gerichtsherren zu mir, welche sich dahin 
aussprachen, sie wollten mit mir noch vierzehn Tage 
warten; ich war aber so wohlgemut, mein Opfer zu 
tim, als ob ich von keinem Sterben gewusst hätte; bin 
auch noch jetzt so wohlgemut, als ob ich von keinem 
Gefängnisse wüsste. Es verdross mich, daß es so lange 
aufgeschoben wurde, denn mich verlangt, außer dem 
Fleische zu sein, ich bin auch sehr wohlgemut mein 



538 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Opfer zu tun; der Herr verlässt die Seinen nicht, die 
ihm vertrauen. Ferner, mein lieber und sehr werter 
Vater, berichte ich dir, daß ich deinen Brief empfangen 
habe, worüber ich mich freute, weil ich vernahm, daß 
du hierin so wohl zufrieden seiest. 

So will ich denn, meine lieben Eltern, euch gute 
Nacht sagen, wenn es dem Herrn gefällt, bis zur Wie- 
derkunft unseres Herrn. Der Friede des Herrn sei mit 
euch bis in Ewigkeit, Amen. 

Von mir, Clemens Hendriks, unwürdig gefangen in 
dem Herrn. 

Der fünfte Brief von Clemens Hendriks. 

Ich wünsche euch, meine Lieben und Werten in dem 
Geiste und nach der Wahrheit (wie ich solches hoffe), 
und in einer Erkenntnis des Glaubens, und in der Leh- 
re Christi Jesu, ein klares Gesicht und offenes Herz in 
allen göttlichen Sachen und in Gottes Wort, um darin 
einen rechten Unterschied zu machen und abzumes- 
sen, was Licht oder Finsternis, Lügen oder Wahrheit, 
ja, Fleisch ober Geist sei, damit ihr nicht betrogen wer- 
den mögt, sondern euch an das Wort Gottes festhalten, 
damit ihr vollen Lohn empfangen mögt. 

Ferner, meine Lieben und sehr Werten, ich kann 
nicht wohl unterlassen, euch ein wenig zu schreiben, 
wie es mit mir in meinen Banden jetzt steht, und wie 
mein Gemüt fortwährend noch dahin gerichtet ist, 
den Herrn von ganzem Herzen, ganzer Seele und mit 
allen Kräften zu fürchten, weshalb ich dem allmächti- 
gen, großen und allweisen Gott niemals genug dan- 
ken, noch ihn preisen kann; für seine unaussprechli- 
che, ja, unergründliche Gnade, die er mir bisher durch 
Jesum Christum mit Handreichung bewiesen hat und 
noch täglich beweist; dafür danke ich dem allmäch- 
tigen Gott, und beuge die Knie meines Herzens vor 
dem Vater, der reich an Gnade und Wahrheit, und 
der rechte Vater voller Gnade ist, und ein Gott allen 
Trostes, der uns trösten kann, wenn wir in Angst und 
Trübsal sind. Darum, meine Lieben und Getreuen, be- 
wahrt diesen guten Schatz, der euch anvertraut und 
von Gott aus Gnaden geschenkt worden ist, denn der 
Glaube ist eine Gabe Gottes, wodurch die Alten ein 
gutes Zeugnis und eine Versicherung in ihrem Herzen 
erlangt haben, durch das alte Wort des Geistes Chris- 
ti, die zuvor mit ihrem Geiste Zeugnis gegeben, daß 
sie Gottes Kinder und auch Miterben aller herrlichen 
Verheißungen seien; darum haben sie auch freiwillig 
alles verleugnet, und haben es für viel großem Reich- 
tum geachtet, mit den Kindern Gottes Ungemach zu 
leiden, als die zeitliche Ergötzung dieser Welt zu ge- 
nießen, denn sie sahen auf die Belohnung und auf 
dasjenige, was ewig und nicht zeitlich ist, denn der 


Glaube richtet sich nach dem, was hier nicht zum Vor- 
schein kommt und mit fleischlichen Augen hier nicht 
gesehen wird, was aber die Augen des Herzens sehen 
und der verborgene inwendige Mensch, und es dar- 
um so fest halten, als ob sie es vor dem Angesichte 
sehen und mit der Hand greifen könnten, denn sie 
achten und halten den für getreu, der es verheißen 
hat, daß er es auch tun werde, denn er kann sich selbst 
nicht verleugnen. 

Darum, meine Lieben und Getreuen, seht doch 
nicht auf das Sichtbare, denn was sichtbar ist, ist ver- 
gänglich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig; auch 
sagt Christus: Wer etwas lieber hat, als mich, der ist 
meiner nicht wert; und an einem andern Orte sagt 
er: Wer Haus, Hof, Land, Stand, Vater und Mutter, 
ja, auch sein eigenes Leben verlässt, der wird es hun- 
dertfältig wieder empfangen. Darum müssen wir hier 
allem absagen, und nichts Lieberes haben als den le- 
bendigen Gott, und es mit den Werken und in der Tat 
beweisen, daß wir Kinder Gottes und keine Bastarde 
sind. Die Gerechten müssen durch viele Leiden in das 
Himmelreich eingehen, aber der Herr hilft ihnen in 
allen ihren Leiden; er lässt die Seinen nicht über ihr 
Vermögen versucht werden, sondern schafft neben 
der Versuchung einen Ausgang; aber die Gottlosen 
verspart er, um sie am Tage des Gerichts zu peinigen. 

Darum, meine Lieben und sehr Werten, gedenkt 
an Joseph, der von dem ägyptischen Weibe versucht 
wurde, um mit ihr Hurerei zu treiben, welchen sie 
auch bei seinem Rocke oder Mantel gefasst hatte, und 
nicht gehen lassen wollte; derselbe ist ihr entronnen, 
und hat ihr den Rock oder den Mantel lieber zurück- 
gelassen, als mit ihr Hurerei getrieben. 

So lasst uns denn, meine Lieben und sehr Werten, 
wenn wir von der Hure zu Babel bei unserm Rocke 
oder Mantel ergriffen werden, durch des Herrn Hilfe 
lieber den irdischen Rock fahren lassen, als mit ihr 
Hurerei treiben, nämlich das irdische Leben verlieren, 
weil ihr wisst, daß unser sterblicher Rock ausgezogen 
werden müsse, ehe man den unsterblichen Rock an- 
ziehen kann. Und wenn unser irdisches Haus dieser 
Wohnung zerbricht, so haben wir einen Bau im Him- 
mel, ein Haus, das nicht mit Händen gemacht, das 
ewig im Himmel ist. 

Ferner, meine Lieben und sehr Werten, ich habe mir 
vorgenommen, euch noch ein wenig von den Worten 
Christi zu schreiben, wo er sagt: Liebt ihr mich, so 
haltet meine Gebote, und ich will den Vater für euch 
bitten, daß er euch einen andern Tröster gebe, den 
Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen 
kann. Es ist noch eine kleine Zeit, dann wird mich die 
Welt nicht mehr sehen; aber ihr werdet mich sehen, 
denn ihr kennt mich, sagt der Herr. Auch warnt uns 



539 


Christus an einem andern Orte, wenn er sagt: Hütet 
euch vor den falschen Propheten, die in Schafsklei- 
dern zu euch kommen, inwendig aber reißende Wölfe 
sind; an ihren Früchten soll ihr sie erkennen. Kann 
man auch Trauben lesen von den Dornen, oder Feigen 
von den Disteln? Ein guter Baum bringt gute Früch- 
te hervor, und ein böser Baum bringt böse Früchte 
hervor; ein jeder Baum, der keine guten Früchte her- 
vorbringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. 

Hiermit sage ich euch gute Nacht bis zur Wieder- 
kunft mit dem untrüglichen Worte seiner Gnade. Des 
Herrn Friede sei mit euch, von Ewigkeit zu Ewigkeit, 
Amen. 

Haltet mir dieses kurze Schreiben zu gut. Geschrie- 
ben von mir, Clemens Hendriks, unwürdig gefangen 
in dem Herrn, in meinen Banden geschrieben aus Lie- 
be. 

Veyt Greyenburger, 1570. 

Zu Wald in Finschau ist im Jahre 1570 ein Bruder, Veyt 
Greyenburger, auf seiner Durchreise gefangen wor- 
den. Man hat ihn ausgekundschaftet und Geld auf 
ihn gesetzt; als er nun in die Herberge kam, und das 
Landvolk ihn gesehen, aber nicht recht gekannt hat, 
so sind sie des Nachts ins Wirtshaus gekommen, und 
als sie ihn vor dem Essen beten sahen, steckten sie die 
Köpfe zusammen und sagten: Er ist der rechte Mann, 
oder er ist ihm ähnlich, und äußerten sich dahin, daß 
das Beten unrecht wäre; so grob ließ sich der Teufel an 
ihnen merken. Auf solche Weise haben sie ihn in der 
Herberge erkannt und dem Richter auf dem Schlosse 
zu Niedersol Botschaft gesandt; derselbe ist mit vie- 
len Leibknechten und Dienern gekommen, hat ihm 
die Hände auf den Rücken gebunden, und ihn auf 
das Schloss zu Niedersol ins Gefängnis geführt; bald 
darauf wurde er verhört, und abermals ins Gefängnis 
abgeführt. Fünf Wochen darauf ist der Landschreiber 
von Salzburg gekommen, der ihn mit zwei Dienern 
und zwei Leibknechten auf das Schloss zu Salzburg 
geführt, und ins Gefängnis an eine Kette gelegt hat. 
Nach Verlauf von drittehalb Jahren sind die Pfaffen, 
der Domprediger zu Salzburg, wie auch der Pfaffen- 
richter und mehrere andere Buben zu ihm gekommen, 
welche Tinte und Papier bei sich führten; sie haben 
dem Bruder Veyt zugesetzt und ihn zur Verantwor- 
tung ermahnt. Der Bruder sprach: Was soll ich sagen? 
Ihr seid Ankläger und Richter, und was ihr nicht aus- 
führen könnt, das muss der Richter, die Diener und 
der Scharfrichter statt eurer ausführen; ihr sagt es 
dem Fürsten, der Fürst dem Richter, der Richter den 
Dienern, und die Diener dem Scharfrichter, derselbe 
muss es ans Ende bringen, das ist euer Hohepriester, 


der hilft euch, das Feld erhalten. Unter anderem sagte 
der Bruder auch zu ihnen: Der Geist sagt öffentlich, 
wer ihr seid, denn Paulus schreibt: Daß in den letzten 
Tagen einige vom Glauben abfallen und den verfüh- 
rerischen Geistern und Lehren der Teufel anhangen 
werden, die durch Heuchelei Lügenredner sind, und 
ein Brandmal in ihrem Gewissen haben, verbieten ehe- 
lich zu werden, und die Speise, die Gott geschaffen 
hat, mit Danksagung zu genießen. Da sagte einer von 
den Pfaffen zu ihm: Wir verbieten die Ehe nicht, auch 
habe ich heute noch Fleisch gegessen; aber der Bruder 
erwiderte: Ei, man weiß wohl, daß ihr die Ehe verbie- 
tet und die Hurerei zulasst. Als mm der Pfaffe sich 
recht bedacht hatte, sagte er: Weißt du, was Christus 
sagt: Auf Moses Stuhl sitzen die Schriftgelehrten; alles 
nun, was sie euch sagen, das tut. 

Darauf hat der Bruder Veyt ihn gefragt: Meint ihr, 
daß ihr diese seid? Sie erwiderten: Ja, wir sind diese, 
wenn Gott will. Der Bruder sagte: Ihr seid solche, wie 
ihr bekennt, aber Christus ruft manches Wehe über 
sie aus, und nennt sie Schlangen und Ottergezüchte, 
Törichte und blinde Leiter so seid ihr nun eben diesel- 
ben, wie selbst euer eigener Mund bezeugt. Da wurde 
er ein Wiedertäufer und dergleichen gescholten. Dar- 
auf hat sie der Bruder Veyt gefragt, ob sie Paulus auch 
für einen Wiedertäufer hielten, sie antworteten: Nein; 
er fragte: Warum hat er denn diejenigen noch einmal 
getauft, die schon zuvor mit der Taufe Johannes ge- 
tauft waren, welche vom Himmel, und dennoch zur 
Seligkeit nicht zulänglich war? Um wie viel weniger 
kann aber nun die Kindertaufe zulänglich sein, wel- 
che von Menschen erschaffen ist? Darauf schwiegen 
sie. Der Bruder Veyt sagte: Ihr lasst den Hebammen 
das Taufen zu, wo steht das geschrieben? Sie wussten 
es aber nicht, und saßen da, so stumm wie ein Bild. 
Danach haben sie ihn gefragt, ob er von der Huete- 
rischen Gesellschaft wäre; er antwortete: Der Hueter 
war ein Lehrer. Sie fragten, ist er denn euer Messi- 
as? Er antwortete: Der Hueter ist ein frommer Mann 
gewesen, der um seines Glaubens und der Wahrheit 
Gottes willen zu Innsbruck verbrannt worden ist, aber 
unser Messias ist Christus; aber was habt ihr für einen 
Messias und Vater zu Rom und auch hier in der Stadt? 
Da sagten sie: Der Papst ginge sie nichts an. Der Bru- 
der sagte: So habt ihr einen Obersten hier in der Stadt. 
Die Pfaffen sagten: Der wäre ihr Vater nicht. Der Bru- 
der sagte: Du hast ja selbst zuvor bekannt, daß euch 
euer Vater ausgesandt habe. Sie wussten nicht, was sie 
hierauf sagten sollten. Auf solche Weise ist er einige 
Mal verhört worden. Darum hat Christus zu seinen 
Jüngern nicht umsonst gesagt: Wenn sie euch in ihre 
Schulen, Rathäuser, und vor ihre Obrigkeit, Gewalti- 
gen und Gelehrten bringen, so sorgt nicht, wie oder 



540 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


was ihr reden sollt, denn ich will euch einen Mund 
und Weisheit geben, welcher sie nicht werden wider- 
sprechen noch widerstehen können. 

Als nun der Bruder Veyt bis ins siebte Jahr in Salz- 
burg in vielem Elend und Trübsal gefangen gelegen 
hatte, ist er im Jahre 1570, mit Gottes Hilfe, durch ein 
Fenster aus seiner Gefangenschaft entsprungen; das 
Volk auf dem Schlosse sagte, es wäre übermenschli- 
ches Vermögen da herauszukommen; aber bei Gott 
sind alle Dinge möglich. Auf solche Weise ist er den 
neunten Tag des Monats August des genannten Jah- 
res wieder zu seinen Brüdern und zu der Gemeinde 
gekommen. 

Vier Freunde werden in Maastricht aufgeopfert, 
Arent von Essen, Ursel, sein Weib, Neeltgen, eine 
alte Frau, und Tryntgen, ihre Tochter, im Jahre 1570. 

Als die Freiheit in Maastricht durchbrach, und die 
Bilder bestürmt waren, ist die Gemeinde gewachsen, 
hat gegrünt, und sich in der Zahl vermehrt; als aber 
nachher der Herzog von Alba ins Fand kam, sind vie- 
le der Brüder aus der Stadt geflüchtet, wenn immer 
sie Gelegenheit finden konnten; einige derselben aber 
blieben dort wohnhaft, unter welchen auch ein Bruder 
war, ein Ältester und Schulmeister, namens Arent von 
Essen, der ein Weib hatte, namens Ursel; bei ihnen 
wohnten noch einige im Hause, nämlich eine Frau 
Tryntgen und ihre Mutter, namens Neeltgen, eine al- 
te Frau von ungefähr 75 Jahren. Als nun diese heute 
verraten und bei der Obrigkeit angegeben waren, hat 
es sich zugetragen, daß einer von den Bürgermeistern 
der Stadt, welcher einen wütenden Sinn hatte, mit sei- 
nen Dienern, die man Boten nannte, des Nachts um 
12 Uhr in des Schulmeisters Haus eingedrungen ist, 
und diesen Mann Arent mit vielem Tumulte gefangen 
genommen hat; worauf man ihn in der Nacht auf das 
Ratshaus führte, welches man die Fandskrone nannte, 
ungefähr eine Stunde später ging der Bürgermeister 
mit seinen Boten abermals nach des gemeldeten Schul- 
meisters Hause, um noch zwei Frauenspersonen zu 
fangen, welche er zuvor nicht beobachtet hatte. Als 
er dahin kam, fand er dort auch Neeltgen, die alte 
Frau, denn diese war gekommen, um zu sehen, wie 
es ihrer Tochter Tryntgen und den andern ergangen 
sei, indem sie gehört hatte, daß Arent gefangen und 
abgeholt worden sei. Diese mm nahm er auch alle drei 
gefangen und brachte sie ebenfalls auf die Fandskro- 
ne zu dem Arent. Also waren sie bis morgens alle vier 
beieinander, erfreuten sich zusammen in Gott und 
trösteten einander. 

Als sie nun vor die Herren gebracht wurden, so hat 
ein jedes derselben seinen Glauben freimütig bekannt. 


und daß sie auf ihrem Glauben die Taufe empfangen 
hätten; und was sonst die gottselige Fehre betrifft, so 
war darin die Ursel, wiewohl sie dem Fleische nach 
schwach war, wie es scheint, nicht die Furchtsamste, 
denn sie haben dieselbe von den andern abgesondert 
und den Herren überliefert (das ist, dem Schulthei- 
ßen und den Ratsherren), welche das Blutgericht hiel- 
ten. Man brachte sie auf das sogenannte Dinghaus, 
wo man sie mit vielen Bedrohungen sehr ängstigte, 
was sie aber alles mit sanftem Gemüte ertragen und 
erlitten hat. Ebenso ist es auch ihrem Manne Arent 
ergangen. Diesen überantworteten sie auch den Her- 
ren, und brachten ihn auf die Pforte der Gefangenen, 
welches das höchste Gefängnis ist; daselbst hat man 
auch versucht, ihn zum Abfalle zu bringen. 

Als die alte Frau Neeltgen mit ihrer Tochter Trynt- 
gen den Herren auch überantwortet und aufs Ding- 
haus geführt wurden, sind sie auf der Straße fröhlich 
und guten Mutes gewesen, sodass Tryntgen vor Freu- 
de zu singen anfing, so sehr war sie in dem Herrn 
entzündet. 

Während sie nun auf dem Dinghause gefangen sa- 
ßen, wurden sie auf mancherlei Weise von den Herren, 
wie auch von den Mönchen und Pfaffen, angefochten, 
um sie von ihrem Glauben abfällig zu machen; aber 
Gott bewahrte seine Schafe vor dem gräulichen Wü- 
ten der Wölfe. Danach setzten sie zuerst dem Arent 
mit Peinigen und Foltern zu, ja man sagt, daß er sie- 
benmal scharf gepeinigt worden sei, sodass er durch 
alle solche Marter in eine Gemütsschwachheit verfiel; 
aber der Herr reichte ihm die Hand, stärkte ihn, und 
gab ihm wieder Mut, sodass er sich noch tapfer durch- 
gestritten hat, wie man hören wird. Sein Weib Ursel 
wurde auch aus dem Dinghause auf die Pforte der 
Gefangenen gebracht, wo sie ihren Mann nicht we- 
nig zur Stärkung seines Gemütes ermahnt hat; hier 
ist auch Ursel zweimal auf der Folterbank gepeinigt 
worden, hat aber gleichwohl bei der Wahrheit treulich 
Stand gehalten; aber es ist mit ihr bei diesem Peinigen 
nicht geblieben, denn der Scharfrichter band ihre Hän- 
de zusammen, wand sie in die Höhe, und als sie da 
hing, schnitt er ihr mit einem Messer das Hemd von- 
einander, und entblößte ihren Rücken, den er scharf 
mit Ruten geißelte; dieses ist an einem und demsel- 
ben Tage zweimal geschehen. Man sagt, ein Jesuit 
habe den Rat zu diesem Geißeln gegeben. Dieses alles 
hat Ursel geduldig ertragen, obgleich sie, wie oben 
gemeldet worden ist, von sehr zarter Körperbeschaf- 
fenheit war, sodass, als sie noch ihre Freiheit hatte, 
sie ihre Strümpfe umwenden und so anziehen und 
tragen musste, weil sie die Naht derselben an ihren 
Beinen nicht ertragen konnte; gleichwohl konnte die- 
selbe nun mit Gottes Hilfe das Geißeln und Peinigen 



541 


ertragen. Die alte Frau Neeltgen wurde auch herbei- 
gebracht, um gepeinigt zu werden, und als sie zur 
Folterbank oder Leiter kam, hat sie sich aus freiem 
Willen darauf gelegt; die Flerren aber, als sie ihr Alter 
und ihre Schwachheit betrachteten, haben sie nicht 
peinigen lassen; sie sagten zu ihr: Es ist nicht das erste 
Mal, daß du auf der Folterbank liegst, denn sie wuss- 
ten, daß sie in ihrer Jugend schon um der Wahrheit 
willen gefangen und gepeinigt worden war, aus wel- 
cher Gefangenschaft sie damals auf eine sonderbare 
Weise erlöst worden ist; aber ihre Tochter Tryntgen 
wurde viel härter traktiert, denn man peinigte sie sehr 
scharf. Als sie fast ohnmächtig von der Folterbank ge- 
nommen wurde, legte man sie in ein Bett; aber sobald 
sie sich wieder erholt hatte, musste sie abermals auf 
die Folterbank, und als sie scharf gepeinigt wurde, 
rief sie laut: O Herr, steh mir bei und bewahre mei- 
nen Mund; denn weil sie nach mehr Blut dürsteten, 
peinigte man sie hart, damit sie andere nennen sollte; 
Gott aber hat ihr Gebet erhört und ihren Mund be- 
wahrt, sodass sie nichts zum Nachteile ihres Nächsten 
aussagte. Als Tryntgen das letzte Mal gefoltert wur- 
de, sagte sie: Ich danke dem Herrn und lobe ihn. Die 
Mutter Neeltgen, welche in der Nähe stand, fragte, 
als sie ihre Tochter reden hörte: Ist das mein Kind? 
Als Tryntgen dieses hörte, antwortete sie: Ja, meine 
Mutter, wobei sie ihr um den Hals fiel und sie küsste. 

Den 9. Januar des Jahres 1570 empfing Arent und 
Ursel, sein Weib, die Botschaft im Namen des Herrn, 
daß sie an einen Pfahl gestellt und verbrannt werden 
sollten, über welche Botschaft sie sich sehr freuten, 
weil sie würdig geachtet waren, um des Namen Chris- 
ti willen zu sterben; sie waren auch den Tag und die 
Nacht voll Freuden, dankten und lobten Gott, und 
erwarteten den Tag ihrer Erlösung. 

Des Morgens ist ein Staatsbote zu der Ursel gekom- 
men und hat ihr im Namen seiner Herren anbefohlen, 
nicht zu reden, wenn sie über die Straße zum Tode gin- 
ge; solches sagte der Bote in der Herren Gegenwart. 
Ursel sagte zu den Herren: Sollte mir nicht erlaubt 
sein, ein wenig zu singen und bisweilen etwas zu 
reden? Aber solches wollte man ihr nicht erlauben, 
sondern sie sagten untereinander: Nun hören wir es 
ja, was sie im Sinne hat. Sie sagten ferner zum Scharf- 
richter: Halte dich an deinen Befehl und verstopfe 
ihr den Mund. Da nahm der Scharfrichter ein Holz, 
steckte es ihr in den Mund und band denselben mit 
einem Tuche zu; dann brachte man sie von der Ge- 
fangenenpforte, wo sie gepeinigt wurden, wieder auf 
das Dinghaus; von hier sollten sie nämlich zum To- 
de geführt werden, wo auch Neeltgen und Tryntgen 
gefangen saßen. 

Als nun Ursel vom Dinghause geführt wurde, stell- 


te sich Tryntgen oben in ein Fenster, und als sie Ur- 
sel zum Tode hinausführen sah, rief sie laut unter 
das Volk derselben zu: Liebe Schwester, streite tapfer, 
denn die Krone des Lebens ist dir zubereitet. Also 
ist Ursel mit verstopftem Munde nach dem Vrythofe, 
dem Orte, wo sie ihr Opfer tun sollte, gegangen; das 
gemeine Volk aber hat sehr darüber geklagt, daß man 
ihr den Mund so verstopft hätten, sodass sie nicht ein 
Wort reden könnte. 

Als Ursel nun zu der aufgerichteten Schaubühne 
kam, ist sie stillschweigend, wie ein Lamm, hinein- 
gestiegen und in das Häuslein gegangen, worauf der 
Scharfrichter dasselbe sofort angesteckt hat, sodass 
sie zu Pulver verbrannt und ein Brandopfer des Herrn 
geworden ist. 

Bald darauf hat man auch dem Arent, der Ursel 
Mann, angekündigt, sich zum Tode bereit zu machen, 
was er auch gutwillig aufgenommen und sich dazu 
fertig gemacht hat. Ehe man ihn zum Tode hinaus- 
führte, haben sie ihm auch den Mund verstopft und 
zugebunden, was jämmerlich aussah. Sie hatten an 
einem andern Orte, als wo Ursel umgebracht wurde, 
eine Schaubühne errichtet, nämlich an dem Freitag 
auf dem Viehmarkt, bei dem Pfuhle. Was die Herren 
darunter suchten, daß sie die Gefangenen an verschie- 
denen Orten so umgebracht haben, konnte man nicht 
eigentlich wissen, doch das allgemeine Gespräch ging 
dahin, die Herren hatten es um deswillen getan, da- 
mit Arent und Ursel keinen Trost aneinander haben 
möchten. Als nun Arent mit verstopftem Munde nach 
diesem Platze geführt wurde, bemerkte man an ihm 
ein fröhliches und unerschrockenes Gemüt. Als er 
auf die Schaubühne kam, fiel er auf seine Knie und 
verrichtete inbrünstig sein Gebet. 

Dann stand er auf und ging in das Häuslein, wo er 
seine Kleider auszog; weil aber einige Zeit darüber 
verlief, so rief der Schultheiß (der in der Nähe zu Pfer- 
de hielt) dem Scharfrichter zu: Fahre fort mit deinem 
Werke! was der Scharfrichter auch sofort tat, das Feuer 
anzündete, und so diesen Märtyrer, als einen Zeugen 
Jesu Christi, zu Pulver verbrannte. 

Wir haben bereits gemeldet, daß die alte Frau Neelt- 
gen und Tryntgen, ihre Tochter, noch auf dem Ding- 
hause gefangen blieben; diesen beiden wurde auch 
den 23. Dezember desselben Jahres von den Herren 
die Botschaft gesandt, daß sie, gleich den andern, ster- 
ben müssten, welche Botschaft sie so freudig empfin- 
gen, daß ihnen die Zeit lang wurde, bis der Tag kam, 
denn sie suchten die Ruhe oben im Himmel, bei ihrem 
lieben, himmlischen Vater, der zwar die Seinen hier 
versucht werden lässt, aber mit seiner Barmherzigkeit 
nimmermehr von ihnen weicht, sondern ihnen aus 
aller ihrer Not hilft; darum waren sie auch über die 



542 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Maßen in dem Herrn erfreut, dankten dem Herrn und 
lobten ihn die ganze Nacht, und warteten so mit Ver- 
langen auf den Tag ihrer Erlösung. Des Morgens, als 
man sie zum Tode führen wollte, hat der Scharfrichter 
ihnen einen Knebel in den Mund getan, und ihnen 
denselben mit einem Tuche zugebunden; dann gingen 
sie, guten Mutes, nach dem Vrythofe. Unterwegs lüs- 
tete Tryntgen das Tuch, womit ihr Mund zugebunden 
war und rief, weshalb sie stürben. Dieses wollte man 
ihr keineswegs zugestehen, darum lief der Scharfrich- 
ter sofort auf sie zu, legte seine Hand auf ihren Mund, 
und befahl ihr, ins Häuslein zu gehen; dieses alles 
ist größtenteils auf der Schaubühne geschehen. Also 
hat man denn Tryntgen und ihre liebe Mutter in das 
Häuslein geführt, wo sie beide zu Pulver verbrannt 
worden sind, nachdem sie ihre Seele in die Hände 
Gottes befohlen haben, was im Jahre unsers Herrn 
1569, den 24. Januar, geschehen ist. 

Anneken Ogierß, Jan Ogierß Tochter und Adrian 

Boogaarts Weib, wurde um des Zeugnisses Jesu 

Christi willen im Jahre 1576 zu Harlem ertränkt. 

Der Jammer und die Trübsal hielten an, sodass fast 
nirgends Freiheit für eine rechtschaffene, christgläu- 
bige Seele gefunden werden konnte. Daran hat sich 
Harlem, in Holland, auch mitschuldig gemacht, was 
sich im Jahre unsers Herrn 1570 erwiesen hat, denn 
damals legten sie ihre Hände (die sie zuvor oft in der 
Heiligen Blute gefärbt hatten) an eine gottesfürchti- 
ge Frau, genannt Anneken, des Jan Ogierß Tochter 
und eine Hausfrau des Adrian Boogaart, die sich vor 
dreizehn Jahren von dem finsteren Papsttume zu dem 
wahren Fichte des Evangeliums gewandt und sich auf 
ihren Glauben hat taufen lassen, um den Beweis zu 
geben, daß sie begehrte, eine Jüngerin Jesu zu sein; 
sie hat auch dabei den Papst und die römische Kirche 
verlassen und verleugnet, und dagegen Jesum Chris- 
tum angenommen und für den Sohn Gottes bekannt, 
seine Gemeinde aber (nämlich die Kreuzeskirche der 
Taufgesinnten) für seine liebe Braut, Weib und sei- 
nen eigenen Feib, woran sie damals ein Glied zu sein 
erkannt wurde. 

Weil sie nun in ihrer Gefangenschaft durch kein 
Mittel von ihrem Glauben abwendig gemacht werden 
konnte, so hat die Obrigkeit der Stadt Harlem ihr 
den Prozess gemacht, und das Todesurteil öffentlich 
vor Gericht, den 17. Juni des Jahres 1570, über sie 
ausgesprochen, nämlich, daß sie ertränkt und unter 
den Galgen begraben werden sollte, welches Urteil 
von Wort zu Wort (den Titel ausgenommen) lautet 
wie folgt: 


Das Todesurteil der Anneken, Jan Ogierß Tochter. 

Nachdem Anneken, Jan Ogierß Tochter, des Adrian 
Boogaarts, Porzellanmacher, Weib, gefangen, außer 
Folter und Eisenbanden bekannt und gestanden hat, 
daß sie ungefähr vor dreizehn Jahren die christliche 
Taufe, die sie in ihrer Kindheit empfangen hat, ver- 
worfen, und sich zu Amsterdam habe wiedertaufen 
lassen, was doch unserm katholischen Glauben und 
der Eintracht der heiligen römischen Kirche zuwider 
ist, überdies auch zur Verachtung der Befehle ihrer kö- 
niglichen Majestät, unsers gnädigen Herrn, gereicht; 
und was noch ärger ist, auf ihrem Irrtume und ihrer 
Ketzerei halsstarrig besteht, wiewohl sie in dieser Be- 
ziehung sorgfältig unterrichtet worden ist, so haben 
die Herren des Gerichtes, nachdem sie die Anklage 
gehört, welche Jacob Foppens, Schultheiß der Stadt 
Harlem, im Namen seiner Majestät als Grafen von 
Holland, wider vorgemeldete Gefangene eingebracht 
und begehrt hat, daß dieselbe dahin verurteilt werden 
sollte, hier auf die Schaubühne geführt und mit Feuer 
hingerichtet zu werden, mit der Klausel, daß alle ih- 
re Güter nach den königlichen Befehlen zum Nutzen 
seiner königlichen Majestät verfallen sein sollten, so 
haben (sage ich) Vorgemeldete die zuvor genannte 
Anneken, des Jan Ogierß Tochter, die um vorgemelde- 
ter Ursache willen gefangen ist, dahin verurteilt, und 
verurteilen sie hiermit, daß sie hier auf dem Stadthau- 
se im Wasser ertränkt werden soll, sodass der Tod 
darauf erfolge; ihr Feib aber soll unter den Galgen be- 
graben werden, erklären auch ferner, daß ihre Güter 
zum Nutzen ihrer Majestät verfallen sein sollen. 

Abgelesen unter Glockengeläute auf dem Stadthau- 
se den 17. Juni im Jahre 1570, in Gegenwart Jacob 
Foppe, Schultheiß, Mr. Gerrit von Ravensberg, Mr. 
Lambrecht von Roosfeld, Mr. Huge Bol von Zanen, 
Albrecht von Schagen, Mr. Gysbrecht von Nesse, Wu- 
uter von Rolland und Franz Janß Teyng, Ratsherren. 

Dieses vorstehende Urteil haben wir nach großer 
Mühe von dem Schreiber der Bürgerlichen- und 
Halsgericht-Sachen, oder von dem Blutschreiber der 
Stadt Harlem, durch Vermittlung eines unserer gu- 
ten Freunde H. V. empfangen, wie solches der vorge- 
meldeten Frau in der Stunde ihres Todes vor Gericht 
abgelesen worden und noch heutzutage in dem Stadt- 
buche daselbst zu finden ist, aus welchen Umständen 
wir die gemeldete Beschreibung, die dem Urteile her- 
vorgeht, aufgezeichnet haben. 

Barber Jans, 1570. 

Zu Harlem, in Holland, ist im Jahre 1570 eine Frau, ge- 
nannt Barber Jans, verhaftet worden, weil sie von der 



543 


römischen Kirche abgefallen war und sich befleißigte, 
eine Nachfolgerin Christi zu sein, welche, nachdem 
sie ihren Glauben freimütig bekannt hatte, und darin 
standhaft blieb, den 13. Februar zum Tode verurteilt, 
um des Evangeliums willen heimlich ertränkt und zu 
Asche verbrannt worden ist. 

Allert Janß, 1570. 

In demselben Jahre 1570, den 13. April, ist auch zu 
Harlem ein frommer Bruder, genannt Allert Janß, ver- 
haftet worden, welcher, nachdem sie ihm mit vielen 
Versuchen und Anfechtungen zugesetzt, den 6. Tag im 
Mai, nach vorgelesenem Urteile, um seiner Standhaf- 
tigkeit in der göttlichen Wahrheit willen, freimütig an 
den Pfahl getreten und lebendig zu Asche verbrannt 
worden. Also hat er ein Opfer getan, das Gott wohlge- 
fällig ist, und steht nun allen Gottesfürchtigen als ein 
Vorbild da. 

Andraes N. mit seinem Vater und Bruder, 1570. 

Auch ist in eben demselben Jahre ein Bruder, genannt 
Andraes N. (weil er der Welt abgestorben war und 
sich zum Dienste Christi begeben hatte), mit seinem 
Vater und Bruder um eben diese Zeit zu Antwerpen 
gefangen genommen, welche, als sie beisammen wa- 
ren, sich in dem Herrn erfreut haben, daß sie gewür- 
digt waren, um seines Namens willen zu leiden, was 
sie auch freimütig vor den weltlichen Herren bekannt 
und ein gutes Bekenntnis ihres Glaubens abgelegt, 
wobei sie auch standhaft blieben, ungeachtet, welche 
Leiden oder Qual (durch List, Verheißungen und Be- 
drohungen) man ihnen um deswillen angetan hat, 
sondern sie sind in der Wahrheit, im rechten Glauben 
und in der Liebe zu Gott standhaft geblieben bis ans 
Ende. Darauf wurden sie alle drei zum Tode verurteilt 
und verbrannt, und haben also durch ihre Aufopfe- 
rung (welche Gott ein angenehmes Rauchwerk war), 
die Zahl ihrer Brüder, die vorangegangen waren, er- 
füllen helfen. 

Andreas N., 1570. 

In eben demselben Jahre 1570 ist auch in Harlem um 
seines Glaubens und der Wahrheit willen ein Bruder, 
genannt Andreas N., gefangen genommen, welcher 
drei Stunden lang grausam gepeinigt worden ist, und 
gleichwohl hierin sowohl als in andern Prüfungen 
und Leiden allezeit in seinem Glauben standhaft ge- 
blieben ist. Zuletzt ist er zum Tode verurteilt und ver- 
brannt worden, und hat also, als ein tapferer Kämpfer 
des Herrn, einen guten Kampf gekämpft, wodurch er 


nicht nur gewürdigt worden ist, daß seiner, als eines 
Vorbildes, zum ewigen Andenken hier gedacht wird, 
sondern auch das Reich seines himmlischen Vaters zu 
ererben, das allen Frommen bereitet ist. 

Joris von Meesch und Jacob Lowys, ungefähr 1570. 

Christus sagte zu seinen Jüngern: Es wird ein Bruder 
den andern dem Tode überantworten; der Vater den 
Sohn, und die Kinder werden sich wider ihre Eltern 
empören und ihnen zum Tode helfen, und ihr müsst 
gehasst werden um meines Namens willen von je- 
dermann; aber wer bis ans Ende beharrt, der wird 
selig. Solches hat sich auch um das Jahr 1570 (denn 
wir wissen die Zeit so genau nicht) zu Gent in Flan- 
dern erwiesen, wo zwei tapfere Nachfolger Christi, 
mit Namen Joris von Meesch und Jacob Lowys, ge- 
fangen und nach vielen Anfechtungen und schweren 
Bedrohungen der Papisten getötet worden sind und 
den Glauben der ewigen Wahrheit mit ihrem Blute 
bezeugt und befestigt haben. Darum werden sie auch 
am jüngsten Tage bei Gott in Gnaden aufgenommen 
werden, und die Krone der ewigen Herrlichkeit von 
der Hand des Herrn empfangen. 

Jan, der Bandweber, Joost, der Wagner, mit seinem 
Weibe, Martin von Wyke mit seinem Weibe 
Lysken, Jelis, der Maurer, 1570. 

Im Jahre 1570 sind nachfolgende gottesfürchtige Per- 
sonen zu Antwerpen gefangen genommen, und an 
gemeldetem Orte um des Zeugnisses Jesu willen ge- 
tötet worden: Jan, der Bandweber, Joost, der Wagner, 
mit seinem Weibe, Martin von Wyke mit Lysken, sei- 
nem Weibe, und Jelis, ein Maurer; aber Lysken, des 
Martin von Wyke Ehegattin, hielten sie ein Jahr lang 
gefangen, wonach sie den 2. Mai 1571 an gemeldetem 
Orte lebendig verbrannt worden ist. 

Also sind diese sechs frommen, gottseligen Perso- 
nen nicht wegen irgendeiner Missetat, vielweniger 
wegen irgendeiner Ketzerei, sondern allein, weil sie 
dem rechtschaffenen Glauben der Wahrheit nachfolg- 
ten, von den Tyrannen und Blutdürstigen gemartert 
worden, die hierin den Fußstapfen ihrer Voreltern, 
der falschen Propheten nachgefolgt sind, welche die 
aufrichtigen Nachfolger der Wahrheit von Anfang 
her verfolgt und getötet haben, weshalb zu fürchten 
ist, daß sie auch deren Lohn (mit allzu später Reue) 
einernten werden, indem sie deren Werken hier nach- 
gefolgt sind; diejenigen aber, die dem wahren Pro- 
pheten Christo Jesu in wahrem Gehorsam in dem 
rechtschaffenen Glauben nachgefolgt sind, werden 
auf dem Berge Zion von ihrem Bräutigam Christo Je- 



544 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


su, um dessentwillen sie dieses erlitten haben, mit 
weißen Kleidern angetan, und ihnen Palmen in die 
Hände gegeben werden, sowie die Krone der ewigen 
Herrlichkeit, welche ihnen von niemanden genom- 
men werden kann. 

Faes Dirkß und zwei andere, im Jahre 1570. 

Im Jahre 1570, den 7. April, ist um des Wortes Gottes 
und des Zeugnisses Jesu Christi genannt Faes Dirkß, 
seines Handwerks ein Stuhldreher, gefangen genom- 
men worden. Darauf ist er den 27. Mai von des blut- 
dürstigen Antichristen Dienern sehr ungnädig und 
tyrannisch gepeinigt und unter den blauen Himmel 
gelegt, und nachher den 30. Mai desselben Jahres um 
des wahrhaften Glaubens der Wahrheit willen getötet 
und verbrannt worden, worin er den Fußstapfen sei- 
nes Herrn und Meisters Jesu Christi nachgefolgt ist. 
Auch sind zu Goude kurz zuvor zwei fromme Nach- 
folger Christi um des Zeugnisses Jesu willen getötet 
worden, von welchen der eine noch nicht (nach dem 
Rate Gottes) auf seinen Glauben getauft war; aber der 
Gott aller Gnade, der aller Menschen Herzen, Gesin- 
nungen und Gedanken kennt, hat dessen Willen für 
die Tat selbst angenommen. Also haben nun diese mit 
Christo gelitten, und werden mit ihm in die ewige 
Herrlichkeit aufgenommen werden, zur Zeit, wenn 
jedes irdische und fleischliche Geschlecht der Men- 
schen ewiglich über sich selbst weinen und heulen 
müssen. 

Später aber, als Goude von des Prinzen von Oranien 
Volke eingenommen worden ist, haben sie einen Rat 
gehalten, um den Priester wieder auszugraben, der zu 
des gemeldeten Faes Dirkß Gefangenschaft und Tode, 
wie auch zu der Landesverweisung und Verfolgung 
so vieler Gottesfürchtigen, die Veranlassung gegeben 
hat. Sie haben aber nachher ihren Entschluss hierin 
geändert, und einen für ungefähr vier Gulden gedun- 
gen, welcher des Faes Dirkß Gebeine von dem Ge- 
richte herabgenommen, dann aber des verstorbenen 
Pfaffen Grab, der bereits gestorben und in der Fran- 
ziskanerkirche bei dem hohen Altäre begraben war, 
wieder geöffnet hat; darauf haben sie des Faes Dirkß 
Gebeine auf den Pfaffen gelegt, und haben auf solche 
Weise diesen Verräter verspottet, weil er die Gottes- 
fürchtigen für unwürdig gehalten, dieselben bei sich 
in der Stadt wohnen zu lassen, und weil er nach ihrem 
Tode ihren Leichnam das Begräbnis vorenthalten hat, 
sodass sie den Vögeln des Himmels zur Speise dienen 
mussten; dieser abgöttische Pfaffe wird aber in der 
baldigen Wiederkunft Christi (mit allzu später Reue) 
erfahren, wer von ihnen beiden bei dem Erzhirten für 
ein angenehmes Schaf oder als ein verworfener Bock 


erkannt und angenommen werden wird. In dieser Be- 
ziehung auf den Märtyrer Faes Dirkß haben wir drei 
Verhöre erlangt, nämlich zwei außer der Pein, und 
eins an der Folterbank, wie solche der Stadtschreiber 
aus dem Stadtbuche zu Goude ausgeschrieben hat, 
welche wir auch unsem Glaubensgenossen zur grö- 
ßeren Beglaubigung der vorgemeldeten Beschreibung 
haben mitteilen wollen; sie lauten: 

Copie des Bekenntnisses, getan von Faes Dirkß, 

welcher hier auf Thiendewegspforte gefangen 
liegt. 

Erstes Verhör. 

Den 11. Mai 1570 hat der Schultheiß von Goude nach- 
folgende Personen zum Verhöre gebracht, in Gegen- 
wart Gysbert Jan Maertenß und Gerrit Huygen, Bür- 
germeister, Dirk Andrieß, Mr. Hendrik Jacobß und Mr. 
Cornelius Hendrikß, Ratsherren. 

Faes Dirkß, Stuhldreher, ungefähr 31 Jahre alt, sagt, 
daß er von Goude gebürtig und dort Bürger sei, daß er 
vergangenen Ostertag den Prediger der Stadt Goude 
predigen gehört habe, daß diejenigen, die zur Tafel 
des Herrn gehen, weder gebratenes, noch gesottenes 
oder rohes Fleisch empfingen, sondern daß sie das 
Fleisch unseres Herrn empfingen, welches auf den 
Karfreitag am Kreuzesholze gebraten worden sei. 

Als er solches gehört, hat er sich dabei nicht wohl 
befunden, ist deshalb aus der Kirche gegangen und 
hat sich nicht an der Tafel des Herrn eingefunden, 
denn er hielt sich dessen unwürdig. 

Sagt und bekennt, daß er das Sakrament des Altars 
nicht für wahrhaftiges Fleisch und Blut halte, und das 
darum, weil nur ein Gott ist. 

Bekennt ferner, daß er ungefähr vor einem Jahre zu 
Rotterdam getauft worden sei, daß er denjenigen nicht 
kenne, der ihn getauft habe, und daß derselbe eine 
Ermahnung gehalten und gesagt hat, daß der Herr 
gesprochen habe, daß alle diejenigen selig werden 
sollten, die glauben und getauft werden. 

Ferner sagt er, daß derjenige, der ihn getauft habe, 
solches im Namen des Herrn, des Vaters, des Sohnes 
und des Heiligen Geistes getan habe, und daß ihm das 
Wasser aus einer Schüssel über das Haupt gegossen 
worden sei, daß solches in Gegenwart von zehn oder 
zwölf Personen stattgefunden, unter welchen auch 
Wiert Claes von Goude gewesen. 

Auf die Frage, ob Euwout, der Barbier, und Dirks 
Jacobs, der Schuhmacher, oder andere von Goude, 
nicht mit in Rotterdam gewesen seien, antwortete er: 
Nein, sondern Wiert Claes sei dabei gewesen, aber so 
viel er wüsste, sei Wiert damals nicht getauft worden. 



545 


Hierauf folgen noch einige Fragen und Antworten, 
von welchen in dem nachfolgenden Verhöre gehan- 
delt worden ist, weshalb wir dieselben hier nicht be- 
rührt haben. Darauf hat der Stadtschreiber endlich 
niedergeschrieben: Geschehen am Tage und in Gegen- 
wart, wie oben gemeldet, auf der Thiendewegspforte, 
in Gegenwart meiner, als Stadtschreiber von Goude, 
Joris Jacobß. 

Zweites Verhör. 

Den 19. Mai 1570 hat der Schultheiß zum zweiten Ma- 
le Faes Dirkß zum Verhör gebracht in Gegenwart und 
Beisein des Predigers von Goude, Mr. Joost Boor Goos, 
Gysbert Jan Maertenß, an Gerritß, Dirk Andrieß, Mr. 
Hendrik Jacobß, Floris Gysbertß und Mr. Cornelius 
Heindrikß, Ratsherren. 

Dieser vorgemeldete Faes Dirkß hat auf die Frage, 
ob er noch bei demjenigen beharre, was er den elften 
dieses gesagt und bekannt habe, geantwortet, daß er 
noch dabei bliebe. 

Sagt, daß er an den allmächtigen Gott und an Je- 
sum Christum glaube, geboren von der Jungfrau Ma- 
ria; sagt ferner, daß die Kinder nicht wiedergeboren 
werden könnten, weil sie keinen Verstand hätten zu 
glauben, und daß sie das Wasser nicht selig machen 
könne. 

Auf die Frage, ob er nicht glaube, daß Jesus Christus 
in dem heiligen Sakramente sei, antwortete er, nein, 
weil nicht mehr als ein Gott sei, und zwar im Himmel, 
nicht aber im Sakramente. 

Sagt, daß er sich selbst für ein Schäflein Christi halte 
und Christum für seinen Hirten, und daß er sonst 
keinen Hirten erkenne. 

Auf die Frage, wer ihn getauft habe, antwortete er, 
daß er solches nicht wüsste, und daß er den, der ihn 
getauft habe, weder zuvor noch nachher gesehen; es 
sei auch niemand weiter von Goude dabei gewesen, 
als Wiert Claeß, der ihn dahin gebracht habe, und daß 
er auf einen Abend dahingekommen und die ganze 
Nacht und auch den folgenden Tag bis gegen Abend, 
wo er getauft worden sei, dageblieben sei; solches 
sei zu Rotterdam in einem Hause auf einem großen 
Speicher geschehen. 

Hier folgen abermals einige Fragen und Antwor- 
ten, die im dritten und letzten Verhöre ausführlicher 
erklärt worden sind, die wir gleichfalls nicht haben 
hierher setzen wollen, um eine Sache nicht zweimal 
oder öfters zu erzählen, worauf der Stadtschreiber 
(nachdem er zuvor die Zeit, den Ort und die Perso- 
nen, in deren Gegenwart es geschehen, angehört hat) 
unter dem Namen Joris Jacobß, Stadtschreiber von 
Goude, unterschrieben hat. 


Drittes Verhör, geschehen auf der Folterbank. 

Den 27. Mai 1570 hat Johann Pieterß, Schultheiß von 
Goude, von wegen Junker Cornelius Milo, Schloss- 
vogt und Amtmann von Goude, zur Folter gebracht 
Faes Dirkß, in Gegenwart und Beisein des Gysbert Jan 
Maertenß, Gerrit Hugge, Hopfenhändler, Bürgermeis- 
ter, Gerret Gerrit Bouwenß, Dirk Andrieß, Dirk Janß 
Lonk und Mr. Cornelius Heindrikß, Ratsherren. 

Auf die Frage, ob er noch bei dem Bekenntnisse, das 
er am 19. dieses Monats getan hätte, beharre, sagte 
Faes Dirkß, daß er noch dabei bliebe. 

Als er auf die Folter gebracht und gefragt wurde, in 
welchem Hause er getauft worden sei, antwortete er, 
daß er es nicht gewusst, aber nachher erfahren hätte, 
daß es in dem Hause eines Schuhmachers, genannt 
Michael, geschehen sei, welcher zu Rotterdam bei der 
Ostpforte wohnte. 

Sagt, es seien ungefähr acht oder neun Personen 
mit ihm getauft worden, unter anderem sei auch Dirk 
Jacobs, ein Schuhmacher, und ein Gerber, genannt 
Jan Andriaenß, mitgetauft worden; es seien auch des 
Schuhmacher Michaels Weib, und Wiert Claeß gegen- 
wärtig gewesen, als die Taufe stattgehabt; Wiert aber 
sei nicht getauft worden. 

Auf die Frage, ob Euwout, der Feldscherer, Jan Aer- 
tß, Weber, und Jan de Bagyn zugegen gewesen seien, 
als er getauft worden sei, antwortete er: Nein. Sagt, 
daß Dirk Jacobs mit dem Gerber des Morgens früh im 
Dunkeln in das Haus gekommen sei, in welchem sie 
getauft worden wären. 

Sagt, daß derjenige, der ihn taufte, eine fremde Spra- 
che und Hoch (deutsch) redete. 

Sagt, daß eine Frau, genannt Maertjen Philips, 
wohnhaft auf dem Zwingei, seines Glaubens sei, des- 
gleichen auch Willem Janß, Messerschmied, Wiert 
Claeß und Jan Aertß, ein Weber. 

Auf die Frage, ob Euwout, der Feldscherer, mit ihm 
gleichgesinnt und eines Glaubens sei, antwortete er, 
daß er solches nicht wüsste, und daß er in Glaubens- 
sachen mit ihm noch kein Gespräch gehabt habe, wie- 
wohl er in seinem Hause gewesen sei. Sagt, daß er 
es nicht wüsste, ob Jan de Bagyn des Glaubens sei. 
Hiernach ist dem vorgemeldeten Faes Dirkß das oben 
beschriebene Bekenntnis unter freiem Himmel, frei 
von Folter und Fesseln vorgelesen und er gefragt, ob 
er noch dabei beharre, worauf er zur Antwort gab, 
daß er dabei bliebe, und daß er Gnade und kein Recht 
begehre. Geschehen in Gegenwart des ganzen Rates. 
Joris Jacobß. 

Nachdem uns nicht allein die drei oben gemeldeten 
Verhöre, sondern auch das Todesurteil des mehrge- 
meldeten Freundes Gottes durch den gegenwärtigen 



546 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Stadtschreiber der Stadt Goude zugesandt worden 
ist, so wollen wir nun auch solches, wie es im Ori- 
ginale lautet, hier beifügen, damit niemand an dem 
Vorgemeldeten irgendeinen Zweifel habe. 

Auszug aus dem Buche des Halsgerichtes der Stadt 
Goude. 

Faes DirkjJ mit Feuer hingerichtet. 

Nachdem Faes Dirkß, gebürtig zu Goude, und ein 
Bürger dieser Stadt, gegenwärtig gefangen, frei von 
Folter und Fesseln, unter freiem Himmel vor meinen 
Herren des Gerichts bekannt hat, daß er sich vor et- 
was länger als einem Jahre zu Rotterdam von einer 
Mannsperson, die er nicht kenne, habe wiedertaufen 
lassen, daß er auch seit zwei Jahren her sich von un- 
serer Mutter, der heiligen Kirche, abgesondert habe 
und nicht an das heilige, ehrwürdige Sakrament des 
Altars glaube, worin doch des Menschen Seligkeit 
besteht, noch solches achte, wobei auch der vorge- 
nannte Faes Dirkß nicht hat Buße tun oder bessern 
Unterricht empfangen wollen, sondern demjenigen, 
der ihn unterrichten wollte, um ihn von seinem Irr- 
tume und von seiner Ketzerei abwendig zu machen, 
kein Gehör hat geben wollen, was den geschriebenen 
Rechten und Befehlen der königlichen Majestät zuwi- 
der ist, welche mehrmals in diesen Ländern bekannt 
gemacht worden sind, so ist es geschehen, daß die 
Herren des Gerichts mit reifer Beratschlagung alles 
betrachtet und erwogen haben, was zu diesen Um- 
ständen gehört, von wegen und im Namen des Kö- 
nigs von Spanien, als Grafen von Holland, Seeland 
und Friesland, unser aller P. H. und den vorgenann- 
ten Faes Dirkß, gegenwärtig gefangen, dazu verurteilt 
haben, und ihn kraft dieses verurteilen, daß er auf den 
Gerichtsplatz außerhalb der Stadt gebracht und dort 
mit Feuer hingerichtet weiden soll, erklären auch, daß 
alle seine Güter zum Nutzen der königlichen Majestät 
verfallen sein sollen, es wäre denn, daß vorgemeldeter 
Faes Dirkß öffentlich vor der Gemeinde von seiner 
vorgemeldeten Ketzerei abließe und erklärte, daß er 
verführt und betrogen worden sei; in solchem Falle 
behalten sie sich vor, mit der Strafe der begangenen 
Missetat zu verfahren, wie sie recht und billig zu sein 
finden werden, nach den Befehlen der vorgemeldeten 
Majestät. 

Gegeben von Jan Claeß Diert und Simon Pieters, ge- 
genwärtig Bürgermeister, bestätigt Gysbert Jan Maer- 
tenß und G. Huygens, Bürgermeister, Dirk Ottes von 
Schlingerland, Ratsherren, bestätigt Gerret Gerrit Bou- 
wenß, Dirk Andrieß und Mr. Hendrik Jacobß, Dirk 
Janß Lonk, Mr. Cornelius Heindrikß, Ratsherren, und 


Dirk von Necq, Ratsherrn, bestätigt; bekannt gemacht 
den letzten Mai im Jahre 1570. 

Unterschrieben war: Joris Jacobß, Stadtschreiber zu 
Goude im Jahre 1570. 

Adrian Pieterß, Barber Joosten, im Jahre 1570. 

Im Jahre 1570 ist zu Harlem, in Holland, ein Bruder, 
namens Adrian Pieterß, mit seiner Schwester, Barber 
Joosten, nicht um irgendeiner Missetat oder Ketzerei 
willen, sondern allein, weil sie Christo in der Wieder- 
geburt nachzufolgen suchten, gefänglich eingezogen 
worden. Dieses haben die Diener des Antichristen an 
ihnen beneidet; deshalb suchten sie dieselben durch 
viel tyrannische Mittel von Christo abzuziehen, und 
wieder zu ihrem selbstgeschaffenen (und wider Gott 
streitenden) Götzendienste zu bringen. Aber diese, als 
Glaubensriesen, haben den Stricken des Satans (durch 
Gottes Gnade) tapfern Widerstand geleistet, weshalb 
sie von den Herren der Finsternis verdammt und zum 
Tode verurteilt worden sind; Adrian Pieterß wurde 
verbrannt, Barber Joosten aber in großer Standhaftig- 
keit ertränkt; beide sind dem Herrn, ihrem Gotte, treu 
geblieben bis in den Tod, und haben auf solche Weise 
die Krone des ewigen Lebens aus Gnaden erlangt. 

Martin Karretier, 1570. 

Martin Karretier von Busbeke, der auch lieber mit 
Gottes Kindern Ungemach leiden, als die zeitliche 
Ergötzlichkeit der Sünden haben und mit der Welt in 
Freuden leben wollte, ist auch um seines Glaubens 
willen zu Ryssel verhaftet worden, und hat davon ein 
gutes Bekenntnis abgelegt, auch große Standhaftigkeit 
bewiesen, weshalb er auch endlich als ein frommer 
Zeuge Gottes den Tod hat schmecken müssen. 

Lyntgen Kemels, 1570. 

Desgleichen hat man auch zu Luyk eine Schwester, 
genannt Lyntgen Kemels, verhaftet, welche, nachdem 
sie ein gutes und standhaftes Bekenntnis ihres Glau- 
bens abgelegt hat, dort verbrannt worden ist; sie ist 
auf solche Weise mit ihrer brennenden Lampe ihrem 
Bräutigam freimütig entgegengegangen, der sie auch 
als eine kluge Jungfrau zu seinen Füßen freudig auf- 
genommen hat. 



547 


Joost Verkindert und Lorenz Andreas werden 
beide um des Zeugnisses Jesus Christi willen den 
13. September im Jahre 1370 zu Antwerpen getötet. 

Ein Brief von Joost Verkindert, geschrieben den 7. Juni, 
welches der neunte Tag seiner Gefangenschaft war, an 
sein Weib, Mutter, an seinen Bruder und seine Schwes- 
ter. 

Gnade, Barmherzigkeit von Gott, dem himmlischen 
Vater, das Verdienst unseres lieben Herrn Jesu Christi, 
der uns am Stamme des Kreuzes durch sein teures 
Blutvergießen erlöst hat, als wir noch seine Feinde 
waren, und den Trost des Heiligen Geistes, der al- 
le betrübten Herzen tröstet, wünsche ich euch allen 
zum freundlichen und herzlichen Gruße; ich empfeh- 
le mich euch und sage euch auch Dank für die Liebe, 
die ihr an mir bewiesen habt, und für die Ermahnung 
und den Trost in meiner gegenwärtigen großen Trüb- 
sal, von welcher ich annehmen muss, daß es von dem 
Herrn zugelassen und über mich verordnet sei, denn 
Christus sagt: Die Haare eures Hauptes sind alle ge- 
zählt. Gleichwohl fürchtete ich, als wir hinausgingen, 
wir möchten dem Offiziere begegnen, wie es dann 
auch geschehen ist, und der Plan, den wir damals 
wegen unseren Zusammenkünften gemacht hatten, 
gelang nicht aufs Beste; doch müssen alle Dinge eine 
Ursache haben. Nun will ich euch auch etwas von un- 
serer Gefangenschaft erzählen, wie der Schultheiß mit 
einigen seiner Diener mir und Lorenz begegnet sind 
und gefragt haben: Woher kommt ihr? Und wohin 
geht ihr? Als wir solches hörten, erschraken wir bei- 
de sehr, deshalb sie bald merkten, was wir für Leute 
waren. Sie banden uns sofort und führten uns hinauf; 
unterwegs fingen sie an zu fluchen und uns Schelme 
zu nennen, und haben auch, als sie mit uns auf dem 
Steine angekommen waren, den Bruder Lorenz sofort 
allein verhört. Darauf wurde ich auch vor sie gestellt 
und sie fragten mich, ob ich eine andere Taufe als die 
in meiner Kindheit erhaltene empfangen hätte? Ich 
fragte ihn, was er auf mich zu sagen hatte; er sagte: Du 
bist wiedergetauft, dein Knecht hat es mir gesagt; ich 
antwortete: Laß mich zufrieden; ich werde morgen 
vor dem Markgrafen meinen Glauben wohl beken- 
nen; aber er war damit nicht zufrieden, und hatte ei- 
ne Schreibtafel, um meine Antworten aufzuzeichnen; 
als er aber keinen andern Bescheid von mir erlangen 
konnte, wurde er zornig und sagte: Ich will dich wohl 
veranlassen, ja oder nein zu sagen; ich antwortete: 
Mein Herr, sei doch für dieses Mal zufrieden. Als er 
nun sah, daß er mich nicht weiter bringen konnte, so 
setzte er mich in des Kaisers Stuhl; sie gingen auch 
davon, und ich meinte, sie seien nach dem Scharf- 
richter gegangen. Als ich nun allein lag, wurde ich 


mit mancherlei Gedanken beschwert; überdies quäl- 
te mich der Satan auch sehr mit Weib, Kindern und 
Nahrung, und dergleichen Versuchungen mehr, wor- 
über ich von Herzen weinte und Gott um Hilfe anrief; 
ich beschäftigte mich auch damit, mein Leben und 
meinen Wandel nach Gottes Wort von dem Anfänge 
meines christlichen Lebens an bis auf diesen Tag zu 
prüfen, und ich fand keine Sache gerecht genug, um 
deretwillen alle die schwere Arbeit, die ich getan hat- 
te, aufzugeben gewesen, denn obgleich ich oft Gottes 
Gebote übertreten hatte, so ist es doch nicht mutwillig 
geschehen; also fand ich Gnade bei Gott. Tags darauf 
wurden wir beide auf den Turm geführt, wo Lorenz 
gepeinigt wurde. Ferner haben sie mich nach meinem 
Alter und Glauben gefragt, was ich ihnen freimütig 
und ohne Scheu bekannt habe; sie fragten, ob ich kein 
Weib hätte; als ich nun ja sagte, fragten sie, ob ich auch 
Kinder hätte; ich antwortete: Zwei. Sie fragten mich, 
wie sie hießen und ob sie auch getauft wären; ich ant- 
wortete: Sie sind nicht getauft, denn ich erkenne keine 
Kindertaufe an; es gibt uns die Schrift nur von einer 
Taufe auf den Glauben Nachricht, welche uns Chris- 
tus hinterlassen hat und die seine Apostel gebraucht 
haben. Als ich nun der Kinder Namen nannte, lachten 
sie, weil die Kinder Namen hatten, ohne daß sie zu 
Christen gemacht waren. Was wir sonst noch mit ein- 
ander redeten, will ich der Kürze wegen übergehen. 
Ich schreibe euch dieses nur aufs Kürzeste, denn ich 
werde so genau bewacht, daß niemand mit mir spre- 
chen kann; auch habe ich mit Lorenz noch nicht allein 
gesprochen. Darum haltet es geheim, denn ich fürchte 
noch mehr gepeinigt zu werden, was mich, dem Flei- 
sche nach, nicht wenig erschreckt hat, denn sie haben 
hier aller Folterwerkzeuge, Ketten um aufzuhängen, 
Zugrollen, Stricke und Folterbänke, auf welchen ich 
gepeinigt worden bin, wie euch wohl bewusst ist. 

Ach, Freunde, wollt doch den Herrn sämtlich für 
mich herzlich bitten und bitten lassen. Ach, ich bitte 
den Herrn mit Tränen, ja, ich netze mein Lager mit 
Tränen vor dem Herrn, damit er mich Sünder durch 
seine Gnade würdig machen wolle. Hiermit bleibt 
dem Herrn befohlen; ich sage allen gute Nacht. 

Geschrieben von mir, Joost Verkindert, unwürdig 
gefangen in dem Herrn, in meinen Banden. 

Noch ein erbaulicher Brief und eine Ermahnung 
von Joost Verkindert, geschrieben aus dem 
Gefängnisse, den 20. Juni an die G. G. zu A. 

Gnade, Barmherzigkeit, Friede von Gott, dem himm- 
lischen Vater und unserm Herrn Jesu Christo, der uns 
geliebt und uns durch sein Blut von unsern Sünden 
gewaschen hat, und den Trost des Heiligen Geistes, 



548 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


der vom Vater und Sohne ausgeht, um alle diejeni- 
gen zu trösten, die um seines heiligen Namens willen 
in mancherlei Drang und Trübsal sind, welchem sei 
Preis, Ehre, Glorie, das Reich, Kraft und Majestät von 
Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen. Dieses wünschen wir 
euch allen zu einem herzlichen Gruße, meine gelieb- 
ten Brüder und Schwestern in dem Herrn. Wir Gefan- 
genen um des Zeugnisses unsers lieben Herrn Jesu 
Christi willen lassen euch wissen, daß wir dem Flei- 
sche nach noch ziemlich wohl sind, und dem Geiste 
nach wollten wir, daß es noch besser um uns stän- 
de, denn wir sind noch mit dem unreinen und bösen 
Fleische umgeben, welches allezeit wider den Willen 
Gottes gelüstet und sich sehr vor dem Leiden fürch- 
tet; und gleichwohl muss man leiden und streiten, 
soll man überwinden. Denn meine lieben Brüder und 
Schwestern, die Krone liegt nicht im Anfänge, oder in 
der Mitte, sondern am Ende, dort kommt der höchste 
Streit vor; alsdann wird das Gold durch das Feuer der 
Trübsal geprüft, welches niemand besser weiß, als die, 
welche darin versucht worden sind. 

Hierher gehört, was der Apostel sagt: Alle Züchti- 
gung aber, wenn sie da ist, dünkt uns nicht Freude, 
sondern Traurigkeit zu sein; aber hernach wird sie 
denen, die dadurch geübt sind, eine friedsame Furcht 
der Gerechtigkeit geben. 

Ferner, meine lieben Freunde, Brüder und Schwes- 
tern, bitten wir euch um der großen Liebe unsers 
Herrn Jesu Christi willen, daß ihr alle eins gesinnt sein 
wollt, und weder Zwietracht noch Streit um irgendei- 
nes Dinges willen unter euch herrschen lasst, sondern 
ein jeder suche weise und vorsichtig im Guten und 
einfältig im Bösen zu sein, und denke an die Worte 
des Apostels, wenn er sagt: Ist nun bei euch Ermah- 
nung in Christo, ist Trost der Liebe, ist Gemeinschaft 
des Geistes, ist herzliche Liebe und Barmherzigkeit, 
so erfüllt meine Freude, daß ihr eines Sinnes seid, glei- 
che Liebe habt, nichts tut durch Zank oder eitle Ehre, 
sondern durch Demut; achtet euch untereinander ei- 
ner den andern höher als sich selbst; und ein jeder 
sehe nicht auf das Seine, sondern auf das, was des 
andern ist; ja, ein jeder sei gesinnt, wie Jesus Christus 
auch war, denn als er reich war, ist er um unseretwil- 
len arm geworden, damit er uns durch seine Armut 
reich machte, und sich selbst eine heilige Gemeinde 
reinigte, die keine Flecken oder Runzeln, oder etwas 
dergleichen habe, welche er auch durch sein eigenes 
Blut erkauft hat, damit sie heilig und unsträflich sein 
und in der Liebe wandeln sollte; welche Gemeinde 
nun eine Zeitlang viel Trübsal erlitten hat, das müsse 
dem barmherzigen Vater im Himmel geklagt sein, we- 
gen des Elends und der Traurigkeit über Zion; aber 
der Gott aller Gnade müsse für seine große Barmher- 


zigkeit gepriesen sein, welche er der Gemeinde in 
Antwerpen erwiesen hat, daß sie noch in gutem Frie- 
den und Einigkeit steht (wie ich denke), denn obgleich 
sie dem Fleische nach sehr beängstigt ist, so ist doch 
daselbst dem Geiste nach große Freude und Wonne, 
denn der Herr versucht sein Volk mit Angst und Trüb- 
sal, wie Christus sagt: Sie werden euch in den Bann 
tun. Seht, die Zeit wird kommen, daß, wer euch tö- 
tet, meinen wird, er tue Gott einen Dienst daran, und 
dies werden sie euch daran tun, weil sie weder mich, 
noch meinen Vater gekannt haben, denn hätten sie 
ihn gekannt, sie hätten den Herrn der Herrlichkeit 
nicht gekreuzigt. Und obschon an einigen Orten die 
Verfolgung nicht so heftig ist, so kann doch der Herr 
die Menschen durch andere Mittel wohl versuchen, 
als mit Streit, Uneinigkeit, Stolz, Pracht, Saufen, Pras- 
sen, überhaupt mit Werken des Fleisches, was jedoch 
nicht nach unserm Rufe geschieht. Nicht, liebe Freun- 
de, als ob ich hierin jemanden beschuldigen wollte, 
sondern wir ermahnen einen jeden aus brüderlicher 
Liebe, denn vor Gott kann man sich nicht verbergen, 
sondern er wird alles, was heimlich geschieht, ans 
Licht bringen. Darum, meine lieben Freunde, lasst 
uns den Herrn nicht betrügen, denn seine Augen sind 
wie Feuerflammen; er ist ein gewaltiger, starker und 
mächtiger Gott, und sieht aller Orten, was heimlich 
und offenbar ist; darum soll man ihn fürchten, denn 
er hat nicht umsonst ein Wort geredet, wie er durch 
den Propheten sagt: Es soll das Wort, das aus meinem 
Munde geht, nicht leer wieder zu mir kehren, sondern 
tun, was mir gefällt. 

Meine herzlich geliebten Brüder und Schwestern 
in dem Herrn, nehmt doch eures armen, schwachen 
Bruders Schreiben zum Besten auf, denn es ist auf Be- 
gehren einiger Brüder aufgesetzt, damit ihr vielleicht 
durch unser einfaches Schreiben ein wenig getröstet 
und erquickt werden mögt, denn wir haben dieses 
Wenige aus einer herzlichen Geneigtheit geschrieben, 
weil wir ja einander ermahnen sollen, solange es heute 
heißt, denn wir hoffen durch des Herrn Gnade, unser 
Fleisch hier bald abzulegen. 

Ach, Freunde! Der Weg ist so eng und schmal, der 
zum Leben einführt; aber der Weg, der zur Hölle führt, 
so breit und gemächlich für das Fleisch! Wohl recht 
sagt der Prophet Jesaja, daß die Hölle ihren Rachen 
weit aufgetan habe, und daß sowohl die Fürsten als 
auch der Pöbel da hinein gehen; ja, sie gehen zur Höl- 
le, wie Schafe zum Tode. 

Darum, meine lieben Freunde, lasst uns Sorge tra- 
gen, daß wir die Gnade Gottes nicht umsonst emp- 
fangen haben möchten, sondern lasst uns allezeit der 
Tage unserer Erleuchtung eingedenk sein, und wie 
klein wir damals in unsern eigenen Augen gewesen 



549 


seien, als wir uns selbst unter die gewaltige Hand Got- 
tes demütigten, und uns selbst gänzlich übergaben, 
um dem Herrn in Heiligkeit und Gerechtigkeit zu 
dienen, die vor ihm gefällig ist; denn damals waren 
wir alle dem Saul gleich, welcher, als er zum König 
gesalbt wurde, gering in seinen eigenen Augen war, 
denn er war aus dem geringsten Stamme Israels; als 
er aber stolz wurde, hat ihn der Herr verworfen. Der 
Herr sprach zu Samuel: Gehe hin und sage Saul, daß 
er mir den Amalek von der Erde ausrotte, Menschen 
sowohl als Vieh; aber Saul hat aus Gutdünken den Kö- 
nig, samt den besten Rindern und Schafen, am Leben 
erhalten, um damit dem Herrn ein Opfer zu tun, wo- 
durch er des Herrn Gebot übertreten hat und seiner 
Stimme ungehorsam geworden ist, indem der Herr 
Gehorsam und nicht Opfer fordert. 

Seht, liebe Freunde, um welch einer geringen Ur- 
sache willen Saul verworfen worden ist! Darum lasst 
uns wohl Zusehen, denn er ist noch derselbe Gott. 
Es geht vielen unter uns ebenso, daß wir uns allzu 
große Freiheit in unserm Glauben nehmen, deshalb 
wir auch verworfen werden, und selbst nicht wissen, 
wo es fehlt oder mangelt; jetzt kommt uns ein streiti- 
ger Geist an, wodurch Trennungen und Spaltungen in 
der Gemeinde Gottes entstehen, worüber alle From- 
men seufzen und trauern müssen; dieser Fall tritt be- 
sonders ein, wo die Christen große Freiheit haben. Es 
geht jetzt, wie zu den Zeiten der Kinder Israel, denn 
als sie in Ruhe waren, haben sie Kriege wider ein- 
ander geführt, wie denn viele Tausend fielen, als sie 
wider den Stamm Benjamin stritten. Darum, meine lie- 
ben Brüder und Schwestern, nehmt Christum Jesum 
euch zum Exempel, der uns im Frieden berufen hat, 
denn die Frucht des Geistes ist allerlei Gütigkeit, Ge- 
rechtigkeit und Freude in dem Heiligen Geiste. Lasst 
uns wohl Zusehen, daß wir nicht der Gemeinde zu 
Laodicea gleich werden, die weder kalt noch warm 
war, und sich einbildete, daß sie reich wäre, genug 
hätte, und keines Dinges bedürfe; aber der Geist ant- 
wortete ihr: Ich rate dir, daß du Gold von mir kaufest, 
das mit Feuer durchläutert ist, daß du reich werdest, 
und weiße Kleider, daß du dich antuest, damit die 
Schande deiner Nacktheit nicht offenbar werde, und 
deine Augen mit Augensalbe salben mögest, daß du 
sehen mögest. 

Darum ist es täglich nötig, einander mit dem Worte 
des Herrn zu ermahnen, welches ein rechter Spiegel 
und die wahre Richtschnur ist, um unser Leben und 
unsern Wandel, nach unserm geringen Vermögen, da- 
nach zu prüfen; ich sage: nach unserm geringen Ver- 
mögen, denn wenn Gott nach dem Rechte mit uns 
handeln würde, so könnte niemand vor ihm bestehen. 
Darum kann sich vor Gott kein Mensch rechtfertigen. 


sondern wir müssen allezeit Schuldner bleiben, und 
bedenken, daß wir in vielem zu kurz kommen. 

Darum lasst uns allezeit Sorge tragen, und unsere 
Vorgänger immer vor Augen haben, nämlich Abra- 
ham, Isaak, Jakob, Moses und alle Propheten, welche 
Gäste und Fremdlinge auf Erden gewesen sind, und 
ein Vaterland gesucht haben, eine Stadt, die einen 
Grund hatte, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist, 
und mit Trübsal und Ungemach, Schlägen und Ge- 
fängnis gekämpft haben, deren die Welt nicht wert 
war. 

Ebenso hatte auch Christus Jesus selbst nicht so 
viel in der Welt, worauf er sein gesegnetes Haupt zur 
Ruhe gelegt hätte, wenn er sagt: Die Füchse haben 
Höhlen und die Vögel des Himmels Nester, aber des 
Menschen Sohn hat nicht, wohin er sein Haupt lege, 
sondern er musste aller Orten flüchtig sein, gleich- 
wie noch heutzutage seine Glieder tun müssen, denn 
wer Christum Jesum in der Kraft bekennt, der muss 
jedermanns Raub sein, und als ein Aufrührer und 
Ketzer verflucht und verbannt werden, ja, er muss 
zum schwersten Tode, denn sie erdenken können, ver- 
dammt werden. Gott im hohen Himmel müsse über 
die große erbärmliche Blindheit geklagt sein, denn 
sie rufen alle: Der Befehl muss beobachtet sein; und 
denken nicht daran, ob er gerecht oder ungerecht sei, 
wiewohl doch einige sagen, man müsse niemanden 
um des Glaubens willen töten. 

So müssen wir denn, meine lieben Brüder und 
Schwestern, unsere Sache mit Jeremia dem Herrn be- 
fehlen, und für die Blindheit unserer Feinde bitten, 
daß sie der Herr doch erleuchten wolle, damit sie 
sehen möchten, in welchen sie stechen, und daß sie 
wider das Lamm streiten, welches sie dennoch über- 
winden wird. 

Ferner, liebe Brüder und Schwestern, bitten wir 
euch alle, die ihr doch der Gefangenen, als Mitge- 
fangene, und derjenigen, die in Ungemach sind, ein- 
gedenk sein wollt, die ihr auch noch im Leibe seid; 
desgleichen, dass wir unser Fleisch hier auf Erden mit 
Freuden ablegen mögen, zum Preise des Höchsten 
und zur Erbauung unsers Nächsten, damit der Name 
des Herrn durch uns nicht gelästert werde; ich, Joost 
Verkindert, Lorenz Andrieß und Nelleken Jaspers grü- 
ßen euch (die mit uns in der Einigkeit des Glaubens 
stehen) mit dem Frieden des Herrn, und befehlen 
euch dem gekreuzigten Jesum Christum an, welcher 
in eurem Herzen die Oberhand behalten müsse; ihm 
sei Preis, Glorie, das Reich, die Kraft und Majestät, 
von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen. 

Haltet uns unser einfaches Schreiben und unsere 
Ermahnung zu gut, denn es ist aus rechter brüderli- 
cher Liebe geschehen, obgleich ihr selbst zur Genüge 



550 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


von Gott gelehrt seid, und es sich mehr geziemte, daß 
wir von euch gelehrt und ermahnt würden, indem wir 
finden, allzu viel Gebrechen und Unvollkommenhei- 
ten an uns zu haben, als daß wir andere unterrichten 
sollten; aber, liebe Freunde, wir ermahnen uns selbst 
auch hiermit, und bitten den Herrn beständig, daß 
wir würdig erfunden werden mögen, um ihm in der 
Auferstehung der Toten entgegen zu kommen. 

Ach Freunde! Wacht und betet, denn ihr wisst we- 
der Stunde noch Zeit. Lebt wohl. 

Geschrieben von mir, Joost Verkindert, unwürdig 
gefangen in dem Herrn, in meinen Banden. 

Noch ein Brief von Joost Verkindert, geschrieben 
den 26. Juni, aus dem Gefängnisse an seinen 
vorgenannten Bruder W. 

Gnade, Friede, Freude von Gott, dem himmlischen 
Vater, und unserm lieben Herrn Jesu Christo, der uns 
geliebt und uns in seinem Blute von unsern Sünden 
gewaschen hat, und der Trost des Heiligen Geistes, 
der ein Tröster aller derer ist, die in mancherlei Jam- 
mer und Trübsal sind; demselben sei Preis, Ehre, Herr- 
lichkeit, das Reich und die Kraft und die Majestät, von 
Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen. 

Dieses wünsche ich dir zum freundlichen und herz- 
lichen Gruße, mein sehr lieber und werter Bruder W. 
und deinem Weibe I. 

Ferner lasse ich euch wissen, daß es mit mir, dem 
Fleische nach, noch ziemlich wohl steht; ebenso hoffe 
ich auch, dem Geiste nach, diesen großen und schwe- 
ren Streit durch die große und unaussprechliche Gna- 
de Gottes und die Hilfe des Höchsten auszuführen, 
von welchem wir Hilfe und Trost erwarten müssen, 
zum Preise seines heiligen Namens, unseres Nächsten 
Erbauung und unserer Seelen Seligkeit, welche Selig- 
keit man nicht mit Gold und Silber, oder mit etwas, 
das in der Welt ist, kaufen und erlangen kann, sondern 
nur durch den wirkenden und tätigen Glauben an Je- 
sum Christum, Ich habe auch von euch einen Gruß 
empfangen, sowie dasjenige, was an uns gesandt wor- 
den ist; dies hat uns sehr aufgemuntert, und ist in 
unserer Trübsal ein großer Trost gewesen, denn wir 
freuten uns, lobten und dankten Gott, daß noch sol- 
che gutherzige Brüder sind, die noch an uns arme, 
schwache Gefangene denken. 

Ach, liebe Brüder und Schwestern! Seid doch al- 
lezeit unserer in eurem Gebete eingedenk, daß uns 
der Herr stärken wolle, daß wir unser Fleisch hier auf 
Erden mit Freuden ablegen mögen, denn bisweilen 
fürchtet es sich sehr davor, daß ihm ein Gebiss in den 
Mund gelegt und es lebendig verbrannt werden möch- 
te, was gleichwohl bald geschehen ist; aber, wenn ich 


an das Feuer denke, das ewiglich brennen und wäh- 
ren wird, so danke ich dem Herrn, daß er mich würdig 
gemacht hat, seinen heiligen Namen unter diesem ar- 
gen und verkehrten Geschlechte zu bekennen, deren 
Herzen der Gott dieser Welt die Augen verblendet 
hat. 

Ach, am jüngsten Tage werden sie es noch beklagen, 
daß sie das unschuldige Blut vergossen haben, wel- 
ches von Anbeginn bis hierher so ergangen ist, und 
(wie ich denke) bis ans Ende währen wird, denn die 
Heilige Schrift gibt vollständiges Zeugnis von dem 
Leiden der Heiligen Väter, wie sie alle Gäste und 
Fremdlinge hier auf Erden gewesen seien, und nach 
vielen Leiden und Trübsal in dem Herrn entschlafen 
sind, denn sie hatten ein festes Vertrauen, daß Gottes 
Verheißungen ihnen nicht fehlen würden, gleichwie 
auch Christus sagt: Himmel und Erde werden verge- 
hen, aber meine Worte werden nicht vergehen. 

Ach, lieber Bruder, den ich von Grund meines Her- 
zens liebe, lasse doch nicht nach (um meiner Trübsal 
willen, welche groß ist), dem Herrn zu dienen, denn 
die Wahrheit ist auf unserer Seite, wovon der Heilige 
Geist in meinem Gewissen Zeugnis gibt; aber man 
muss sich wohl in Acht nehmen, denn der Satan sucht 
alles hervor, was man denken kann, und macht es so 
groß und schwer, daß ich oft den Herrn mit Tränen 
bitte und anrufe, daß er mir helfen und mich erlö- 
sen wolle. Und bin auch der Tage meiner Erlösung 
eingedenk, wie klein ich damals in meinen eigenen 
Augen gewesen sei, wie mir dann weder Fleisch noch 
Blut, oder sonst jemand unter dem Himmel geraten 
hat, solches zu tun; sondern die große Furcht und 
der Schrecken des ewigen Todes und des höllischen 
Feuers Pein, welche (wie ich las) über den ganzen Erd- 
kreis kommen sollte, denn ich befand mich damals, 
gleichwie andere in allerlei weltlichen Lüsten, ja ganz 
irdisch und fleischlich gesinnt, über welche der Zorn 
Gottes kommt, desgleichen, weil kein anderer Weg ist, 
als dadurch zur Seligkeit zu gelangen, so hab ich mich 
auch dem Herrn gänzlich übergeben, und bin mit viel 
Seufzen und Trauern die Wüste dieser Welt durch- 
wandert, mit einem bösen Fleische umgeben, welches 
mir niemals etwas Gutes geraten hat; ja, wenn ich 
des Herrn Wort nicht zu meiner Zuflucht genommen 
hätte, ich wäre in dieser Welt Wüste überwunden wor- 
den, denn Fleisch und Blut hatten große Geneigtheit, 
sich mit der Welt zu vereinigen; es fürchtet sich al- 
lezeit vor dem Leiden. Aber ich ging mit David in 
Gottes Heiligtum, und sah daselbst der Welt Lohn, 
wie bald sie ausgerottet werden, und wie sie Schand- 
flecken und keine Kinder sind; ich dachte auch dabei, 
daß geschrieben stände: Verflucht ist der Mensch, der 
sich auf Menschen verlässt, und hält Fleisch für sei- 



551 


nen Arm, ja verflucht sei ihr Ausgang und Eingang; 
denn wenn man sich auch einen schönen Hauptmann 
erwählt, um der Welt wieder sich zuzuwenden, so 
ist doch alles Fleisch und Blut, was endlich darin ge- 
sucht wird; solches hat die Erfahrung mich gelehrt, 
worüber ich mich auch nicht verwundere, denn die 
Menschen sind jetzt von keiner andern Art, als früher 
die Kinder Israels waren; wie oft hat der Herr über 
sie geseufzt, und welche große Mühe hat er mit ihnen 
gehabt! Darum mögen wir täglich wohl Zusehen, und 
uns tapfer auf den Füßen halten, damit uns niemand 
unsere Krone nehme. 

Darum, meine lieben Brüder und Schwester, be- 
kümmert euch nicht darum, daß Fra., Ha., Jo., Ta. nach 
Ägypten zurückgekehrt sind; ich wundere mich nicht 
darüber, sondern lasst euch dieses ein Beispiel sein, 
daß sie in der Welt Wüste überwunden worden sind; 
fasst bessern Mut (wie ich das Vertrauen habe) und 
stellt euch allezeit die Frommen vor Augen, die vor 
uns gewesen sind, denn wer aus dem Streite weicht, 
der erlangt die Krone nicht; es wird ja in der Heiligen 
Schrift nur von einem Siege Meldung getan, welcher 
uns die Krone des Febens verschafft. 

Ach, liebe Brüder und Schwestern! Wir haben jetzt 
eine andere Einsicht davon, woran die Seligkeit hängt, 
als da wir noch außer Banden waren, denn, als ich 
noch frei war, habe ich niemals so nachdrücklich zu 
Gott bitten können, als ich jetzt bisweilen tue. 

Ferner, mein lieber Bruder, befehle ich dir mein 
Weib, welche ich von Herzen liebe; es ist meine Bitte 
und mein Begehren an dich, daß du eine christliche 
Fürsorge für sie haben wollest, umso mehr, weil es ihr 
Vorsatz ist, Witwe zu bleiben; denn die Heilige Schrift 
gebietet uns, Witwen und Waisen in ihrer Trübsal zu 
besuchen. Darum sei desto fleißiger ihr in allem zu 
helfen, worin sie deines Rates bedarf, um die Kost für 
ihre und meine Kinder zu verdienen, damit sie nicht 
kleinmütig werde. 

Ach, meine lieben Brüder, diese Ermahnung gebe 
ich euch mit Tränen, denn, wenn mich der Herr nicht 
von ihr genommen hätte, so hätte ich derselben nach 
meinem geringen Vermögen vorgestanden; aber nun 
hat es der Herr anders mit mir beschlossen; aber er 
weiß am besten, was uns nötig ist und zum Vorteile 
dient; darum will ich sie um des Herrn willen verlas- 
sen. Lieber Bruder R., mein Weib ist bei mir gewesen; 
wir haben zusammen die Abschiedsmahlzeit gehal- 
ten, und dabei einen ewigen Abschied voneinander 
genommen. Überlege bei dir selbst, welch ein bitteres 
Scheiden es gewesen sei; denn ich weiß, daß sie mich 
auch von Herzen liebt. 

Deshalb wäre es nicht möglich, solches zu ertragen 
und zu überwinden, wenn der allmächtige Herr nicht 


Stärke und Kraft dazu verleihen würde, aber durch 
ihn vermögen wir alles. Darum übergebe ich jetzt, wie 
zuvor, dem Herrn meine Sache, und bezeuge, daß es 
nicht wegen irgendeiner Missetat geschieht; Himmel 
und Erde sind davon meine Zeugen; ebenso weiß 
auch Gott, der Herzen und Nieren untersucht, am 
besten, was ich hierin suche. 

Ferner, lieber W., ich hätte von Herzen gern münd- 
lich mit dir geredet, wenn es möglich gewesen wäre 
und du in der Stadt wärest, was (wie mich dünkt) sehr 
leicht durch ein Stück Geld hätte bewerkstelligt wer- 
den können; weil du aber jetzt entfernt bist, so dünkt 
mich, es könne nicht wohl geschehen, weil es dir nicht 
gelegen ist; in diesem Falle hoffe ich geduldig zu sein, 
denn wir wissen und hören noch von keinem Sterben; 
auch haben uns hier noch keine Pfaffen bestürmt, nur 
daß ein weltlicher Mann bei uns gewesen ist, welcher 
uns angefochten hat. Auch hat die Obrigkeit, seitdem 
wir das erste Mal gepeinigt worden sind, sich nicht 
mehr in ein Gespräch mit uns eingelassen, denn wie 
wir hören, hat der Markgraf einen Beinschaden ge- 
habt. So wissen wir denn nicht, ob wir mehr werden 
gepeinigt werden oder nicht. Sie wollten vieles von 
uns wissen; aber ich hoffe, der Höchste werde unsern 
Mund bewahren; denn wenn man ihnen auch etwas 
sagt, so sind sie doch damit nicht zufrieden, sondern 
wollen immer mehr wissen. 

Darum bitten wir, liebe Brüder und Schwestern, in 
dem Herrn, und alle diejenigen, die nach uns fragen, 
daß ihr doch der Gefangenen, als Mitgefangene, ein- 
gedenk sein wollt, sowie auch derer, die in Ungemach 
sind, als die ihr auch noch im Leibe lebt, und bittet den 
Herrn für uns von ganzem Herzen; wir wollen auch 
für euch bitten; Lorenz, mein Mitgefangener, und ich 
lassen euch und alle Bekannten in dem Herrn, die 
von uns zu euch gezogen, herzlich grüßen mit dem 
Frieden des Herrn. Seid alle eins gesinnt, dann wird 
der Gott des Friedens mit euch sein, und lasst nicht 
Streit unter euch sein. Seid meiner eingedenk, lieber 
Bruder und liebe Schwester; ich hoffe euch unter dem 
Altäre zu erwarten, wo alle Tränen von unsern Au- 
gen werden abgewischt werden. Hiermit will ich euch 
dem gekreuzigten Christo Jesu anbefehlen, der unse- 
re Herzen und Sinne stärken und uns in allem leiten 
wolle, was vor ihm gefällig ist. Hiermit sage ich euch 
gute Nacht. Gute Nacht, geliebter Bruder und geliebte 
Schwester. 

Noch ein Brief von Joost Verkindert, den 2. Juli aus 
dem Gefängnisse an sein Weib geschrieben. 

Gnade, Freude, Friede, von Gott dem Vater und un- 
serm Herrn Jesu Christo, samt dem Tröster, dem Hei- 



552 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


ligen Geiste, der von dem Vater und Sohne ausgeht, 
um alle diejenigen zu trösten, die in mancherlei Druck 
und Trübsal sind, wolle sich bei dir vermehren; wel- 
chem sei Preis, Ehre, Herrlichkeit, das Reich, Kraft 
und die Majestät, von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen. 

Dieses wünsche ich zum herzlichen und freundli- 
chen Gruße meinem lieben und werten Weibe und 
Schwester in dem Herrn, welche ich nebst meinen 
Kindern aus meines Herzens Grunde liebe und de- 
ren Abwesenheit nur in meinen Banden eine so große 
Trübsal ist, daß ich den Herrn oft mit weinenden Au- 
gen bitte, er wolle mir das abnehmen, was nur zu 
schwer ist. Aber ich gedenke der Worte des Apostels, 
wo er sagt: Laß dir an meiner Gnade genügen, ich will 
dich nicht verlassen noch über Vermögen versucht 
werden lassen; denn ich weiß, daß der Mensch nicht 
ohne Streit sein kann, solange er im Leben ist. 

Ferner, meine Geliebte, habe ich gehört, daß wir un- 
ser Opfer bald tun werden; aber wir wissen die Zeit 
nicht; ich habe den Herrn oft mit Tränen gebeten, daß 
er den Strick des Todes von mir nehmen wolle, da- 
mit ich meine Seele mit Freuden ihm aufopfern möge; 
ich hoffe, durch die große unaussprechliche Gnade 
Gottes, daß meine Seele zu treuer Hand werde auf- 
genommen werden, nicht durch mein Verdienst, son- 
dern aus Gnaden, in der Hoffnung, weil Christus mit 
seinem wahrhaften Munde spricht: Wer sein Leben 
um meinet- oder um des Evangeliums willen verliert, 
der wird es dereinst wieder finden, und wer mich vor 
den Menschen bekennt, den will ich euch vor meinem 
himmlischen Vater und vor seinen heiligen Engeln be- 
kennen; wer mich aber vor den Menschen verleugnet, 
den will ich auch in der Herrlichkeit meines himmli- 
schen Vaters verleugnen. Darum, meine Geliebteste, 
ist kein besserer Rat, als uns zur Wahrheit halten, da- 
mit wir endlich die ewige Krone von der Hand des 
Herrn erlangen mögen. 

Ferner lasse ich dich wissen, daß ich mich sehr dar- 
über verwundert habe, daß W. und B. keinen Brief 
schreibt, denn wenn er, oder sonst jemand, etwas an 
uns schreiben wollte, so könntet ihr es uns wohl zu- 
senden, wie ihr auch tut, denn es geht ja heimlich zu. 
Auch höre ich, daß die Mutter, mit welcher wir gern 
noch einmal gesprochen hätten, in H. sei, denn man 
kann ungehindert zu uns kommen, wenn man das 
Geld nicht schonen will; denn wenn der Herr auf den 
Stein kommt, so bekümmert er sich um weiter nichts, 
als weshalb er gekommen ist. Ferner, meine Geliebte, 
hat mir J. von B. gesagt, daß er bei dir gewesen sei, 
und daß du über mich sehr geweint habest, was mir 
auch, als ich es hörte, nicht wenig Betrübnis verur- 
sachte; aber, meine Auserwählte, tröste dich in dem 
Herrn, und laß uns ihm die Sache befehlen und für 


diejenigen bitten, die uns dieses Leiden antun; denn 
die Rache ist mein, spricht der Herr, ich will vergelten. 
Ach, meine Geliebte, ich fühle wohl, daß ich dich, so- 
lange ich lebe, in meinem Herzen tragen müsse, aber 
gleichwohl ist Gott über alles, denn er ist ein eifri- 
ger Gott, ihn Preise ich auch für seine Güte, die er an 
mir armen und schwachen Knechte erwiesen hat, und 
noch täglich erweist. 

Hiermit will ich dich dem gekreuzigten Christo Je- 
su und dem Worte seiner Gnade anbefehlen. Lorenz, 
mein Mitgefangener, und ich lassen dich und alle un- 
sere Bekannten in dem Herrn sehr herzlich grüßen 
mit dem Frieden des Herrn. Schreibe bisweilen etwas 
an mich, denn dein Schreiben ist mir angenehmer als 
Gold und Silber. Sollte uns die Zeit überfallen, so sage 
ich gute Nacht, gute Nacht, meine Geliebte, und sei 
allezeit fest anhaltend. 

Von mir, Joost Verkindert, deinem lieben Manne, 
geschrieben in meinen Banden. 

Noch ein Brief von Joost Verkindert, geschrieben 
an seine Mutter aus dem Gefängnisse, den 12. Juli. 

Gnade, Freude, Friede von Gott, dem himmlischen 
Vater und unserm Herrn Jesu Christo, der uns geliebt 
und uns in seinem Blute von unsern Sünden gewa- 
schen hat, samt dem Tröster, dem Heiligen Geiste, der 
von dem Vater und Sohne ausgeht um alle diejenigen 
zu trösten, welche um seines heiligen Namens willen 
in Druck und Trübsal sind, wolle sich in dir vermeh- 
ren, welchem (Gott) sei Preis, Ehre, das Reich, die 
Kraft und Majestät, von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen. 

Dieses, nebst allen Tugenden Gottes, wünsche ich 
zum herzlichen und freundlichen Gruße meiner lie- 
ben und werten Mutter und Schwester in dem Herrn, 
wobei ich dir berichte, daß es mir gegenwärtig noch 
ziemlich gut geht, wie ich dann auch hoffe, daß du 
noch gesund seiest. Auch ist mein Gemüt noch des 
Vorhabens, bei der ewigen Wahrheit zu bleiben und 
dieselbe nicht zu verlassen; es sei um des Lebens oder 
Sterbens willen, denn Petrus sagt, es sei den Men- 
schen kein anderer Name gegeben unter dem Him- 
mel, um selig zu werden, als allein in dem Namen Jesu 
Christi. Darum, meine liebe Mutter, ist es nötig, daß 
wir allezeit nach unserem geringen Vermögen den 
Fußstapfen Jesu Christi nachzufolgen suchen, denn 
Johannes sagt: Wer Übertritt und in der Lehre Christi 
nicht bleibt, der hat keinen Gott; wer aber in der Lehre 
Christi bleibt, der hat beides, den Vater und den Sohn. 

Darum, meine Geliebte, laß uns wohl Zusehen, daß 
wir allezeit unter dem kleinen Häuflein erfunden wer- 
den mögen, damit unsere Garben mit allen auserwähl- 
ten Heiligen Gottes in die Scheuer gesammelt werden 



553 


möchten, denn es ist ein großes Ungewitter vorhan- 
den. Ach, wären wir alle würdig vor dem Herrn, dann 
wären wir gewiss zur seligen Stunde geboren! Ach, 
ich bitte den Herrn, herzlich für euch, daß er euch 
in seiner heiligen Wahrheit bewahren wolle, damit 
wir endlich mit Preis und Ehre gekrönt werden mö- 
gen. Ach, meine Geliebte, das Gebären fällt mir so 
schwer! Christus sagt mit Recht: In der Welt habt ihr 
Angst, aber sei getrost, ich habe die Welt überwunden; 
und ferner: Ihr werdet weinen und heulen, und die 
Welt wird sich freuen, ihr aber werdet traurig und 
betrübt sein, aber doch soll eure Traurigkeit in Freude 
verwandelt werden, denn ein Weib, wenn sie gebiert, 
hat Traurigkeit; wenn aber ihre Stunde vorüber ist, 
so denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude 
willen, weil ein Mensch zur Welt geboren ist. Wir sind 
jetzt auch wohl recht betrübt; die Welt aber ist freu- 
dig und fröhlich, und denkt nicht einmal daran, wie 
jämmerlich sie im Zorne Gottes steht, solange sie sich 
nicht bekehrt und rechtschaffene Buße vor dem Herrn 
tut. Da trifft ein, was der Prophet Jesaja sagt: Die Hölle 
hat ihren Rachen weit aufgetan, damit da hineinfahre 
beides, ihre Fürsten und ihr Pöbel, ja, sie gehen zur 
Hölle, wie Schafe zum Tode. Dem Herrn des Himmels 
müsse es geklagt sein, daß die falschen Propheten das 
arme, blinde Volk so jämmerlich verführen, ja, was 
noch mehr ist, daß sie diejenigen, die ihr Leben zu bes- 
sern suchen, so jämmerlich unterdrücken, verfolgen, 
berauben und zu jedermanns Raub machen. Darum 
sagt Jesaja wohl mit Recht: Heilige und fromme Leute 
werden hingerafft; aber niemand nimmt es zu Herzen. 
Darum, meine Geliebte, laß uns die Menschen nicht 
fürchten, die doch wie Heu vergehen müssen, denn 
Würmer werden sie verzehren wie ein Kleid, und die 
Motten wie ein Wollentuch. Ach, liebe Mutter! Sie 
verbieten, die Heilige Schrift zu lesen, während uns 
doch Christus ermahnt: Forschet in der Schrift, denn 
ihr meinet das Leben darin zu haben, und sie ist es, 
die von mir zeugt; ebenso sagt auch Paulus: Alles, 
was geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrie- 
ben. Ach, wie hart wird es denen fallen, welche die 
Schrift so gering achten; sie sind diejenigen, die Böses 
gut und Gutes böse heißen. Ach, möchten sie einmal 
nachdenken, wie hart sie im Zorne Gottes gefangen 
liegen; ich bitte den Herrn von Herzen, daß er ihnen 
die Augen des Verstandes öffnen wolle, damit sie se- 
hen mögen, wider wen sie streiten, daß es wider Gott 
und das Lamm sei; aber das Lamm wird sie überwin- 
den. Jesaja sagt: Wenn auch eine Mutter ihr Kindlein 
vergäße, und den Sohn ihres Leibes verließe, den sie 
selbst geboren hat, so will ich dich doch nicht verlas- 
sen; der Herr spricht auch durch Zacharias: Wer euch 
antastet, der tastet meinen Augapfel an; und abermals 


spricht Jesaja: Fürchte dich nicht, o Jakob, wenn du 
ins Feuer gehst, will ich dich bewahren, und wenn 
du im Wasser bist, daß es dir nicht schaden soll, denn 
ich, der Herr, will dich bewahren. Meine Geliebte, sei- 
ne Hand ist noch nicht zu kurz; er ist noch derselbe 
Gott, der Israel aus Ägypten und der Hand Pharaos 
erlöst hat, der das Rote Meer zur Bahn machte, so- 
dass die Erlösten des Herrn dadurch gingen; er ist 
auch noch derselbe Gott der ihnen vierzig Jahre lang 
Brot vom Himmel zu essen gegeben hat, gleichwie ge- 
schrieben steht: Himmelsbrot und Engelsspeise hat er 
ihnen zu essen gegeben; er ist noch derselbe Gott, der 
Sadrach, Mesach und Abednego in dem glühenden 
Ofen bewahrt und Daniel aus der Löwengrube erlöst 
hat, wie auch viele heilige Väter, von welchen man in 
der Heiligen Schrift ausführliche Nachricht findet. 

Darum, meine werte und herzlich geliebte Schwes- 
ter in dem Herrn, mein Herz war geneigt, dich noch 
einmal mit dem Worte des Herrn ein wenig zu ermah- 
nen, wiewohl du von dem Herrn reichlich unterrichtet 
bist, denn Paulus sagt: Ermahnt euch untereinander, 
solange es heute heißt, denn der Herr kommt wie ein 
Dieb in der Nacht, wie du an uns abnehmen kannst. 

Ferner, liebe Mutter, danke ich dir für die gute 
Gunst und Liebe, die du mir zu allen Zeiten erwiesen 
hast; ja, du bist mir zu allen Zeiten günstig gewesen, 
auch ehe ich deine liebe Tochter zum Weibe genom- 
men habe; auch sage ich dir für den guten Umgang 
Dank, den wir allezeit miteinander im Frieden (der 
Herr sei dafür gelobt!) gehabt haben, denn meine See- 
le hat sich oft mit dir erfreut. Und nun, meine Geliebte, 
befehle ich dir mein liebes Weib und ihre beiden Wais- 
lein, und begehre, daß du für sie christliche Fürsorge 
tragen und an den Kindern die Rute nicht sparen wol- 
lest; leiste R. auch Gesellschaft, so viel dir möglich ist, 
damit sie nicht kleinmütig werde; denn ich weiß, daß 
ich ihrem Herzen gleich bin, und daß sie darüber lan- 
ge Leiden tragen wird. Darum ermahne ich sie, daß 
sie in ihrer Trübsal geduldig sein wolle, denn ich hof- 
fe, daß alles, was Gott an uns tut, zu unserer Seligkeit 
gereichen werde, denn der Herr weiß, was uns nö- 
tig ist. Meine Geliebte, nimm diese geringe Mahnung 
zum Besten auf, betrachte es als ein Testament, denn 
es ist mit einem zerschlagenen Herzen und Gemüte 
geschrieben. Hiermit will ich dich dem gekreuzigten, 
blutigen Christo Jesu und dem Worte seiner reichen 
Gnade anbefohlen haben, Amen. Gute Nacht, mei- 
ne liebe Mutter, bis auf eine andere Zeit, wenn wir 
einander hier nicht mehr sehen sollten. Lorenz, mein 
Mitgefangener, und ich lassen dich und unsere Be- 
kannten in dem Herrn sehr herzlich grüßen mit dem 
Frieden des Herrn. 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Noch ein Brief von Joost Verkindert, geschrieben 
aus dem Gefängnisse an sein Weib, den 23. Juni. 

Die Gnade, Freude, Friede von Gott, dem himmli- 
schen Vater, und unserm lieben Herrn Jesu Christo, 
der uns geliebt und uns in seinem Blute von unsern 
Sünden gewaschen hat, samt dem Tröste und der Ge- 
meinschaft des Heiligen Geistes, wolle sich, nach mei- 
nem Wunsche, allezeit bei dir vermehren, zum freund- 
lichen Gruße. 

Meine geliebte H. und S. I. H. ich berichte euch, daß 
es mit mir, dem Fleische nach, noch ziemlich wohl 
stehe; dem Geiste nach aber ist mein Gemüt noch des 
Vorhabens, mit Hilfe des Höchsten bei der ewigen 
Wahrheit zu bleiben, von welcher wir Trost erwarten 
müssen, denn von uns selbst haben wir nicht einen 
guten Gedanken, sondern vielmehr eine Hinneigung 
zum Bösen, indem das Fleisch das Leben liebt, weil 
es von der Erde ist und nichts anderes sucht, als was 
irdisch ist; doch habe ich das Vertrauen zu der Gü- 
te und Langmut Gottes, daß er mich nicht verlassen, 
sondern nach seiner Verheißung wie seinen Augapfel 
bewahren werde. Meine Geliebte, wir sind nun recht 
auf die Probe gesetzt, denn es ist für uns bisher noch 
nie eine so große Hoffnung auf Befreiung gewesen, 
als gerade jetzt. Es sind einige in Freiheit gesetzt, die 
nach drei Wochen hätten sterben sollen, weil aber der 
eine krank zu Bette lag, so wurde der Tag ihres Todes 
aufgeschoben; unterdessen aber hat man ihnen das 
Leben geschenkt und sie freigelassen. Dieselbe Gnade 
ist uns auch so schön vorgestellt worden, als es nur 
immer möglich war; ebenso hat man uns auch verhei- 
ßen, uns die geraubten Güter zu ersetzen, und uns in 
Freiheit zu setzen, wenn wir nur unsere zweite Taufe 
widerrufen wollten, was wir ihnen aber abschlugen, 
und lieber mit dem alten Eleazar ehrlich sterben, als 
mit Schande leben wollten. Wir bitten den allmächti- 
gen Vater durch Jesum Christum, daß er uns in diesem 
Sinne erhalten und vor dem Bösen bewahren wolle; 
auch kann ich dir das nicht verschweigen, was mir 
begegnet ist. Verwichenen Freitagabend wurde ich 
allein heruntergeholt, um mit einem von des Bischofs 
Untergebenen zu reden; ich grüßte denselben und bot 
ihm einen guten Abend; er tat ein Gleiches und sagte: 
Guten Abend, Joost; ich blieb mit entblößtem Haupte 
stehen, worauf er auch seine Kappe abnahm; dann 
brachte er ein langes Geschwätz vor, und fing an, den 
Namen Gottes sehr zu preisen, als denjenigen, der sei- 
nen Heiligen hinterlassen hat, daß er bei seiner Kirche 
bleiben wolle, bis ans Ende. Darauf fragte ich ihn, ob 
die Apostel die Kirche in solche Gestalt und Ordnung 
gebracht hätten, wie sie jetzt ist; er antwortete: Ja, was 
den Glauben betrifft; was aber die Ordnungen betrifft. 


so haben die Herren Doktoren durch Konsilien und 
Ratsbeschlüsse solche eingesetzt, aus Gründen, die 
solches nötig machten, gleichwie (sagte er) bei den 
Aposteln auch geschehen ist, daß nämlich alle Ältes- 
ten zusammen gekommen sind, wenn ein Streit in 
der Gemeinde entstand. Darauf sagte ich ihm, daß 
der Herr den Kindern Israel scharf verboten habe, 
irgendetwas von dem Gesetze ab- oder demselben 
irgendetwas hinzuzutun, und wie scharf Saul von 
dem Herrn gestraft worden sei, weil er aus eigenem 
Gutdünken, wider den Befehl Gottes, den König der 
Amalekiter, samt den besten Rindern und Schafen 
am Leben erhalten hatte. Darauf sagte er, der Herr 
habe ihm befohlen, alles zu töten und nichts zu ver- 
schonen, und darum sei er gestraft worden; wir aber 
fügen nichts zu dem Glauben hinzu, noch nehmen 
wir irgendetwas davon hinweg; ich sagte abermals, es 
wären nichts als Menschenpflanzen, und daß Chris- 
tus sagte: Jede Pflanze, die mein himmlischer Vater 
nicht gepflanzt hat, soll ausgerottet werden; lasst sie 
fahren, sie sind blind und Blindenleiter, und wenn ein 
Blinder den andern leitet, so fallen beide in die Grube. 
Darauf wollte er behaupten, daß Pflanzen keine Leh- 
ren wären, sondern Bäume seien, welche Menschen 
genannt werden; ich antwortete abermals, das Chris- 
tus, Mt 15, nicht von Bäumen rede; er sagte: Ja; ich 
entgegnete Nein; zuletzt aber sagte er: Ich will dich 
dabei lassen. Darauf fragte er mich, wo ich die Schrift 
gelernt hätte, oder von wem ich unterrichtet worden 
wäre; ich antwortete: Ich habe meinen Grund aus der 
Schrift genommen, wie uns Christus lehrt, wenn er 
sagt: Forscht in der Schrift, denn ihr meint das Le- 
ben darin zu haben, und sie ist es, die von mir zeugt; 
auf solche Weise habe ich nachgeforscht, und dabei 
den Herrn um rechten Verstand und Weisheit gebeten. 
Darauf sagte er: Man muss sich unterrichten lassen; 
ich erwiderte, wir hätten auch Lehrer; er fragte, woher 
unsere Lehrer den Verstand erlangt hätten; ich fragte 
ihn abermals, woher die Propheten und Apostel den 
Verstand erlangt hätten; er antwortete: Wir sind die 
alte Kirche; von den Zeiten Christi an auf die Apostel, 
welche die heilige Kirche zuerst gegründet und mit 
vielen Zeichen und Wundern befestigt haben; von den 
Aposteln aber auf Timotheus und Titus und auf alle 
heiligen Lehrer, und von da auf alle heiligen Päpste 
und Doktoren bis auf den heutigen Tag. Wir redeten 
noch mancherlei von der Taufe, was ich der Kürze 
wegen nicht berühren will, aber wir konnten nicht ei- 
nig werden. Zuletzt bei dem Abschiede erwies er mir 
große Freundlichkeit und sagte: Lieber Joost, du irrst, 
und verstehst die Schrift nicht; ich erwiderte: Mein 
Herr, wie dich dünkt, daß ich irre, so dünkt mich, daß 
du irrst; er sagte: Bitte den Herrn um Verstand; ich 



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entgegnete, solches täte ich. Gilleame, der Büttel, war 
auch zugegen; wie ich merken konnte, waren beide 
sehr bewegt; er erzählte viel von der großen Gnade, 
die von dem König Philipp und dem Papste gekom- 
men wäre. Beim Abschiede fragte ich ihn, ob man 
wohl jemanden um des Glaubens willen töten möge; 
er antwortete: Wozu ist sonst die Obrigkeit? Ich sag- 
te: Zum Schutze der Guten und zur Bestrafung der 
Bösen; er sagte abermals: Petrus tötete Ananias und 
Saphira. Unterdessen kam das Volk hinein, sodass 
diese Worte unbeantwortet blieben. Hiermit sei dem 
Herrn befohlen und dem Worte seiner Gnade; grüße 
mir W. B. und alle Bekannte in dem Herrn, mit dem 
Frieden des Herrn. Lorenz, mein Mitgefangener, lässt 
dich auch grüßen mit dem Frieden des Herrn. 

Noch ein Brief von Joost Verkindert, geschrieben 

aus dem Gefängnisse an seinen Bruder W. und I., 
sein Weib, den 10. August. 

Gnade, Freude, Friede sei von Gott, dem himmlischen 
Vater, und unserm lieben Herrn Jesu Christo, der uns 
geliebt und dem Tröster, dem heiligen Geiste, der vom 
Vater und dem Sohne ausgeht, um alle diejenigen 
zu trösten, die um seines heiligen Namens willen in 
Druck und Trübsal sind; welchem sei Preis, Ehre, Herr- 
lichkeit, das Reich, Kraft und Majestät, von Ewigkeit 
zu Ewigkeit, Amen. 

Dieses nebst allen Tugenden Gottes, wünsche ich 
dir zu einem freundlichen Gruße, mein sehr lieber 
und werter Bruder W., sowie auch deinem lieben Wei- 
be I. Ich lasse euch wissen, daß es mit mir gegenwärtig 
noch ziemlich wohl steht, dafür lobe ich den Herrn, 
und danke ihm für seine große Gnade, die er an mir 
armem, schwachen und zarten Knechte beweist, wie 
ich denn auch hoffe, daß ihr noch gesund seid. Fer- 
ner lasse ich euch wissen, daß ich in meinen Banden 
Nachricht empfangen habe, daß Fra. dem Jo. Ca. habe 
sagen lassen, er solle auf seinen Nutzen bedacht sein; 
sie wollten auch desgleichen sein. Als Jo. diese Nach- 
richt empfangen, ist er sofort krank geworden, sodass 
ihm die eine Seite gelähmt und er wahnsinnig gewor- 
den ist; weshalb er denn den Abgott eingenommen 
und empfangen hat; ebenso hat er auch als ein gutes 
Kind der römischen Kirche die letzte Ölung erhalten, 
worauf er den 9. August gestorben ist, uns und allen 
Gottesfürchtigen zur ewigen Warnung. Ach, meine 
Seele war sehr betrübt, als ich solches hörte; hier geht 
es, wie Christus spricht: Wer sein Leben zu erhalten 
sucht, der wird es verlieren. Darum, lieber Bruder 
und liebe Schwester, laß uns Sorge tragen, daß wir 
die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangen haben, 
denn jetzt ist die angenehme Zeit; jetzt ist der Tag 


des Heils; darum laß uns niemandem ein Ärgernis 
geben, sondern in allen Dingen uns als Diener Got- 
tes beweisen. Ein jeder suche den andern in guten 
Dingen zu übertreffen, denn, was der Mensch Gu- 
tes getan hat, das wird er zwiefältig von dem Herrn 
wieder empfangen. Darum laß uns allezeit die Wor- 
te Christi wahrnehmen und ihnen nachfolgen, wenn 
er sagt: Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib 
töten, sondern fürchtet vielmehr den, welcher, nach- 
dem er getötet hat, auch Macht hat, Leib und Seele 
in die Hölle zu verdammen. Diesen lasst uns (sage 
ich) scheuen und fürchten; denn vor ihm kann kein 
gottloses Wesen bestehen, aber es sind ihrer wenige, 
die es zu Herzen nehmen, gleichwie es von Anfang 
her gewesen ist, nämlich in den Zeiten des Noah, in 
welchen nur acht Gerechte waren; desgleichen zu den 
Zeiten Sodoms, wo nur drei waren, die vor dem Herrn 
bestehen konnten. So hat auch Gott der Kinder Israel, 
die doch sein Eigentum waren, nicht geschont, son- 
dern hat sie in der Wüste getötet, sodass von sechsmal 
hunderttausend nur zwei in das gelobte Land einge- 
gangen sind, nämlich: Josua und Kaleb. Ach, mein 
lieber Bruder und meine liebe Schwester, wie viele 
bleiben ihrer nun auch in dieser Weltwüste, wiewohl 
sie alle durch das Rote Meer erlöst worden sind, näm- 
lich durch das Blut Christi, und darüber müssen wir 
uns nicht verwundern, denn die Schrift bezeugt, daß 
diese gegenwärtige Welt um vieler Menschen willen 
erschaffen worden sei, aber die zukünftige um weni- 
ger willen; denn es ist hier eben, wie der Engel dem 
Esra erzählt, nämlich: Es ist eine Stadt gebaut und 
gesetzt auf einem ebenen Felde, voll aller Güter; ihr 
Eingang aber ist enge und an einem jähen Orte, so- 
dass zur rechten Hand ein Feuer ist, zur Linken aber 
ein tiefes Wasser, es ist aber zwischen dem Feuer und 
Wasser ein enger Fußsteig, so schmal, daß auf dem- 
selben nichts als nur ein einziger Mensch gehen kann; 
diese Stadt kann auch niemand einnehmen, oder er 
muss zuvor diese Enge durchwandern. 

Ach, mein Bruder, nun sind wir auf dem rechten We- 
ge, der sehr eng ist, welches niemand besser weiß, als 
derjenige, der darauf versucht worden ist, denn jetzt 
stehen wir in der Probe; der allmächtige Gott gebe uns 
seine Gnade, daß wir nicht als Heu, Stroh oder Stop- 
peln, sondern als Gold, Silber und Edelsteine erfun- 
den werden mögen. Ach, meine lieben Freunde, dem 
Fleische wird zwar bange, wenn wir aber die schönen 
Verheißungen, die den Überwindern und Standhaf- 
ten gegeben sind, betrachten, so wird uns jede Pein 
versüßt, denn jede Züchtigung, sagt Paulus, wenn sie 
da ist, dünkt uns nicht Freude, sondern Traurigkeit 
zu sein; nachher aber wird sie denen eine friedsame 
Frucht der Gerechtigkeit geben, die dadurch geübt 



556 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


sind. So müssen wir denn nun unsere Trauertage zu 
Ende bringen, denn wir sind bisweilen wie ein Weib 
in den Geburtswehen; es kommt so manches harte 
Wehe über uns, daß wir beinahe unterzugehen schei- 
nen. Darum bittet den Herrn für uns arme schwache 
Gefangene; wir tun solches auch für euch und alle, 
die Gott fürchten. Hiermit will ich euch dem gekreu- 
zigten Jesu Christo anbefohlen haben, und dem Worte 
seiner Gnade, und sage hiermit gute Nacht, meine 
lieben Brüdern und Schwestern. Grüßt mir alle meine 
Bekannten mit dem Frieden des Herrn, und auch die 
Unbekannten, dem Ansehen nach, die doch vor dem 
Herrn bekannt sind, und seid allezeit der Gefangenen, 
als Mitgefangene, eingedenk, und haltet allezeit ernst- 
lich an, damit wir einander unter dem Altäre finden 
mögen, Amen. 

Noch ein Brief von Joost Verkindert, in welchem 
einige Streitworte erzählt werden, die er mit des 
Bischofs Bevollmächtigten über den Glauben 
gehalten hat, geschrieben an seine liebe Hausfrau 
und überhaupt an alle Brüder und Schwestern in 
dem Herrn. 

Gnade, Freude, Friede sei von Gott, dem himmlischen 
Vater, und unserm Herrn Jesu Christo, der uns geliebt 
und uns in seinem Blute von unsem Sünden gewa- 
schen und uns einen hellen Strahl in unser Herz gege- 
ben, und uns in das Reich seines geliebten Sohnes ver- 
setzt hat, samt dem Tröster, dem Heiligen Geist, der 
von dem Vater und dem Sohne ausgeht, um alle dieje- 
nigen zu trösten, die in Druck und Trübsal sind, dem- 
selben sei Preis, Ehre, Herrlichkeit, das Reich, Kraft, 
Majestät, von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen. 

Dieses alles wünsche ich euch zum freundlichen 
Gruße, mein lieber und werter H. und S. in dem 
Herrn, und allen Mitgenossen unsers allerheiligsten 
Glaubens. Ich berichte euch, daß unser Gemüt noch 
entschlossen sei, bei der ewigen Wahrheit zu bleiben 
und bei dem Glauben, welcher den Heiligen einmal 
übergeben worden ist; ich hoffe durch denselben das 
ewige Leben zu erlangen, nicht aus unsem Verdiens- 
ten, sondern aus reiner Gnade und um der Hoffnung 
willen, weil Christus mit seinem wahrhaften Munde 
spricht: Wer sein Leben um meinet- und des Evange- 
liums willen verliert, der wird es endlich im ewigen 
Leben wieder finden. Ach, meine lieben Brüder und 
Schwestern, ein jeder folge dem Rate Christi, und un- 
tersuche die Heilige Schrift, denn diese ist es, die von 
ihm zeugt; auch sagt Paulus: Alles, was zuvor ge- 
schrieben ist, das ist zur Lehre geschrieben. Lasst uns 
doch nicht die Menschen fürchten, die wie Heu verge- 
hen müssen, sondern lasst uns den fürchten, welcher. 


nachdem er getötet hat, auch Macht hat, Leib und 
Seele in die Hölle zu verdammen; denn Himmel und 
Erde werden vergehen, aber sein Wort wird bleiben 
in Ewigkeit. Ferner berichte ich euch, daß wir beide 
den 17. August hinuntergerufen worden sind, um mit 
des Bischofs Verordneten zu reden; als wir hinunter 
kamen, haben wir ihn höflich gegrüßt und ihm einen 
guten Abend geboten; ein Gleiches hat er auch ge- 
tan und gefragt: Joost, wie hast du dich bedacht? Ich 
antwortete: Ich bitte den Herrn Tag und Nacht, daß 
er mir verleihen wolle, was mir am Seligsten ist; je 
mehr ich mm bitte, desto gewisser werde ich, daß ich 
die Wahrheit habe; er sagte, ich suchte wohl die Se- 
ligkeit, aber mit Unverstand, gleichwie die Juden, die 
durch das Gesetz gerecht werden wollten. Dabei hielt 
er ein langes Geschwätz mit gefalteten Händen, dank- 
te und pries den Namen Gottes und Christi Jesu aufs 
Höchste, daß er alles so wohl gemacht, der heiligen 
Kirche so viele gute Ordnungen mitgeteilt und ver- 
heißen habe, bei derselben zu bleiben, bis an der Welt 
Ende. Da fragte Lorenz, wo seine Kirche Verfolgung 
litte; er antwortete: Das hat man wohl vor drei Jahren 
gesehen, wo einige von den Unsrigen von den Geu- 
sen getötet worden sind; ich sagte: Mein Herr, würde 
nicht die Obrigkeit eure Kirche mit dem Schwerte be- 
schützen, sie würde bald zu Grunde gehen, denn sie 
hat keine Kraft; er erwiderte, daß sie von Gott wäre, 
und von den Zeiten der Apostel an auf Timotheus 
und Titus und ferner auf alle heiligen Lehrer bis auf 
diesen Tag gewährt hätte; ich fragte, ob sie denn so 
von den Aposteln eingesetzt und unterhalten worden 
wäre, wie man sie jetzt bei ihnen gebrauche; er er- 
widerte: Ja, was den Glauben betrifft; ich sagte, daß 
sie weit von dem rechten Wege abgeirrt wären, denn 
ich hätte ihm zuvor bewiesen, daß ihre Ordnungen 
nur Menschengebote wären, Christus aber sage: Jede 
Pflanze, die mein himmlischer Vater nicht gepflanzt 
hat, soll ausgerottet werden; denn sie sind blind und 
Blindenleiter; wenn aber ein Blinder den andern leitet, 
so fallen beide in die Grube; auch bewies ich ihm, daß 
es den Kindern Israel verboten gewesen sei, ihrem 
eigenen Gutdünken zu folgen, sondern sich allein an 
dasjenige zu halten, was der Herr geboten hat, und 
erzählte ihm dabei, wie hart Saul von dem Herrn ge- 
straft worden sei, weil er nach eigenem Gutdünken 
den König der Amalekiter und die besten Rinder und 
Schafe am Leben erhalten habe; er antwortete, daß 
Saul solches wider den Befehl des Herrn getan habe; 
aber bei ihnen verhielte es sich anders, denn es sei, 
sagte er, alles verordnet worden wegen einiger Miss- 
bräuche, die in der Kirche aufkamen, wie es denn 
auch zu dem Zeiten der Apostel geschah, daß eine 
Zusammenkunft und ein Konsilium gehalten wurde. 



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als einige Streit erregten; desgleichen, daß Paulus Ti- 
tus geboten hat, es vollends auszurichten, wie er es 
gelassen hätte, und andere Reden mehr. 

Darauf erzählte ich ihm von dem frommen Köni- 
ge Josia, welcher nicht auf die langen Gewohnheiten 
und Zeremonien seiner Voreltern sah, sondern alles 
ausrottete, was wider das Gesetz eingeführt worden 
war, und den Befehl gab, das Gesetz recht zu halten. 
Darauf wusste er nicht viel zu antworten; ich sagte 
ihm auch: Mein Herr, es verwundert mich sehr von 
euch, daß ihr uns nicht ausbannet, gleichwie man in 
Deutschland, an der Ostsee und in England tut; er 
erwiderte: Wohin wollt ihr gehen? Denn wo ihr hin- 
kommt, da verderbt und verführt ihr das Volk; ich 
sagte ihm, daß der Glaube eine Gabe Gottes sei, und 
daß derselbe nicht jedermanns Ding wäre; er antwor- 
tete: Ihr habt den Glauben gehabt, nun aber habt ihr 
einen andern angenommen, wobei er ein Gleichnis 
anführte, nämlich, daß wir den Kriegsknechten gleich 
seien, die ihren Herrn ohne Pass entlaufen wären, 
und mm nirgends Freiheit hätten; ich fragte ihn, ob 
die Kindertaufe eine Annehmung in seine Kirche sei? 
Er antwortete: Ja; ich fragte abermals, warum sie nicht 
auch in die Türkei gingen, um die Kinder anzuneh- 
men; er antwortete: Nein, das kommt ihnen nicht zu, 
denn sie sind ein verworfenes Volk. Ferner sagte ich, 
mit welcher Schrift sie uns beweisen könnten, daß 
man uns töten möge; solches wollte er mit dem Ge- 
setze beweisen, aber ich sagte, daß wir unter dem 
Gesetze der Gnade wären, nämlich unter dem Evan- 
gelium, und daß auch Christus sagte, daß man das 
Unkraut mit dem Weizen bis zur Ernte aufwachsen 
lassen sollte; er sagte: Wir haben auch Schriftstellen, 
daß die Obrigkeit das Schwert nicht umsonst emp- 
fangen habe; ich bewies es ihm, daß die Obrigkeit 
das Schwert zur Strafe der Bösen und zum Schutze 
der Guten gegeben, und daß ich auch der Obrigkeit 
nicht ungehorsam, sondern ihr nach der Macht, die 
sie von Gott empfangen hat, zu Willen gewesen sei. 
Als er gefragt wurde, ob er keine andere Schriftstel- 
le anzuführen hätte, sagte er: Petrus schlug Ananias 
und Saphira tot; ich fragte: Womit und warum? Er ant- 
wortete: Weil sie Lügen redeten. Das ist wahr, sagte 
ich, denn sie logen dem Heiligen Geiste und hatten 
von dem Gelde des gekauften Ackers etwas zurückbe- 
halten und verschwiegen; er sagte: Gleichwohl hat er 
sie mit dem Schwerte seines Mundes getötet. Was ich 
ihm nun sagte, daß es um ihrer Übeltat willen ohne 
Schwert geschehen sei, das half alles nichts; er wollte 
seine Behauptung damit beweisen, daß man uns tö- 
ten möge, wobei er noch hinzufügte, was Paulus sagt: 
Wollte Gott, daß sie ausgerottet würden, die euch ver- 
stören; ich sagte: Paulus hätte damit nicht ein solches 


Ausrotten verstanden, wie sie es jetzt ausrichteten; er 
antwortete: Paulus hatte damals noch keine Obrigkeit 
zur Seite. Nachher haben wir auch von der Kinder- 
taufe geredet, von welcher er beweisen wollte, daß es 
ein Befehl Christi sei, indem er sagte: Es sei denn, daß 
jemand geboren werde aus Wasser und Geist, kann er 
nicht in das Reich Gottes kommen. In diesem Spruche 
wollte er auch die Kinder mit einschließen, nämlich 
in das Wörtlein jemand. Da las ich ihm das Kapitel 
aus der Bibel vor, die ich dort fand, wo es heißt: Es 
war aber ein Mensch unter den Pharisäern, namens 
Nikodemus, ein Oberster unter den Juden, der kam 
zu Jesu bei Nacht und sprach zu ihm: Meister, wir 
wissen, daß du ein Lehrer bist, von Gott gekommen, 
denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es 
sei denn Gott mit ihm. Jesus antwortete: Wahrlich, 
wahrlich, ich sage dir, es sei denn, daß jemand von 
neuem geboren werde, kann er das Reich Gottes nicht 
sehen. 

Da fragte ich ihn, ob er wohl wüsste und verstände, 
was es sei, von neuem geboren werden, und sagte ihm, 
daß ein Kind nicht von neuem geboren werden könne, 
denn Christus verstünde darunter Menschen, die Ver- 
stand hätten; ja, sagte er, und auch die Kinder; kam 
also auf seine frühere Behauptung zurück und beharr- 
te dabei, nämlich: Es sei denn, daß jemand aus Wasser 
und Geist geboren werde. Er führte auch Paulus und 
Titus an, daß Christus seine Gemeinde durch das Was- 
serbad im Worte gereinigt habe; darauf antwortete ich, 
daß Paulus damit keine Kinder gemeint hätte. Auch 
wollte er mit dem Briefe Johannes beweisen, daß drei 
seien, die da zeugen im Himmel: Der Vater, das Wort 
und der Heilige Geist, und diese Drei sind eins; und 
drei sind, die da zeugen auf Erden, der Geist, das Was- 
ser und das Blut, und diese Drei sind eins, wobei er 
sagte, daß die Kinder von der Erbsünde durch die Tau- 
fe gereinigt werden müssten; ich erwiderte ihm, daß 
die Kinder durch das Blut unseres Herrn Jesu Christi 
von ihrer Erbsünde gereinigt würden, denn Paulus 
sagt: Wie durch eines Menschen Ungerechtigkeit der 
Tod in die Welt gekommen ist, so ist die Gnade noch 
reichlicher durch Jesum Christum geworden, und wie 
sie in Adam alle sterben, so werden sie auch durch 
Christum wieder lebendig gemacht; desgleichen, daß 
der Prophet sagt: Der Sohn soll die Missetat seines Va- 
ters nicht tragen; er erwiderte: Es ist wahr, diese Gna- 
de ist allen Menschen widerfahren; gleichwohl muss 
man die Kinder taufen, wenn sie anders selig wer- 
den sollen, wobei er vieles redete, was einen schönen 
Anstrich hatte. Darauf fragte ich ihn, ob die Kinder 
durch das Wasser selig würden; er antwortete: Wenn 
man sie mit Wasser tauft, so empfangen sie den Hei- 
ligen Geist, und werden dann durch das Blut Christi 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


erlöst; was er mit drei Zeugen auf Erden zu beweisen 
suchte, nämlich: Geist, Wasser und Blut, und wobei er 
fest stehen blieb; ich sagte ihm, daß er mit seiner Kin- 
dertaufe das Blut Christi verwerfe und gering mache, 
womit er nicht zufrieden war. Darauf fragte ich ihn, 
ob die Taufe nicht eine Begrabung der Sünden sei; er 
antwortet: Ja; ich sage weiter, daß die Kinder keine 
Sünden begangen hätten, und daß sie einfältig und 
unschuldig wären, aber es half alles nichts; er meinte, 
die Kinder müssten getauft sein, es sei solches von 
der Apostel Zeit her im Gebrauch gewesen; ich fragte 
ihn abermals, ob die Apostel Kinder getauft hätten; er 
antwortete, daß sie ganze Häuser getauft hätten, wor- 
unter auch wohl Kinder gewesen sein möchten; ich 
sagte, daß sich das Hausgesinde zum Dienste der Hei- 
ligen begeben hatte, was die Kinder nicht tun könnten, 
sondern bedürften, daß man ihnen diene; aber gleich- 
wohl bestand er auf seiner Meinung; ich fragte ihn, 
wenn ein Weib zwei Kinder hätte, von denen das ei- 
ne getauft wäre, das andere aber ohne Taufe stürbe, 
was er davon hielte; er antwortete, das getaufte wäre 
selig, das ungetaufte aber nicht; ich entgegnete, das 
Blut Christi wäre kräftiger als ihre Taufe, überdies 
taufen sie auch diejenigen, denen es nicht zukäme, 
denn Christus hat befohlen, die Gläubigen, nicht aber 
die Kinder zu taufen, und hat auch den Getauften 
befohlen, seine Gebote zu halten; desgleichen, daß sie 
viel aus der Taufe machten, aber ohne Kraft. Darüber 
machte er viele Worte, denn er wollte die Kindertaufe 
mit der Beschneidung befestigen; aber ich bewies ihm, 
daß das Vorbild sich hierauf nicht anwenden lasse, 
auch daß allein die Knäblein und nicht die Mägdlein 
beschnitten worden seien. Aber es half alles nichts, 
es musste ein Vorbild der Taufe sein, und gleichwie 
die Seele eines Unbeschnittenen aus dem Volke Israel 
ausgerottet werden musste, so, sagte er, wären auch 
die Ungetauften verdammt. Solches widerlegte ich 
ihm mit verschiedenen Schriftstellen, er aber sagte: 
Joost, mich dünkt, du verstehst es besser, als du es an 
den Tag gibst, denn ich habe es ja klar genug bewie- 
sen, daß man die Kinder taufen müsse; ich antwortete: 
Mein Herr, glaube das nicht, daß ich wider besser Wis- 
sen und Gewissen widersprechen sollte, da ich doch 
hart gefangen liege; überdies wären wir ja auch ar- 
me und elende Menschen; wir redeten über die Taufe 
noch manches hin und her, konnten jedoch nicht einig 
werden. Nach einem kurzen Stillschweigen sagte er: 
Joost, du hast dich jämmerlich verführen lassen; ich 
erwiderte ihm, ich hätte mich nicht verführen lassen, 
sondern hätte die Wahrheit auf meiner Seite, fragte 
ihn auch, ob das nicht seine Meinung wäre, daß wir 
aus diesem Feuer in das ewige Feuer kommen wür- 
den. Ach, sagte er, daran ist kein Zweifel; ich habe. 


sagte ich, eine bessere Hoffnung, und wollte dir auch 
wohl gönnen, daß du eine bessere Erkenntnis erlan- 
gen mögest. Als er das hörte, war er eine Weile still, 
als wäre er erschrocken und furchtsam gewesen; er 
bejammerte uns auch sehr, so daß ich wohl merkte, 
daß er es von Herzen meinte. Auch hatten wir ein 
Gespräch von der Menschwerdung Christi, von der 
er behauptete, daß er sie von Maria Fleisch und Blut 
angenommen habe. Als ich ihn zum Beweise dieser 
Behauptung aufforderte, führte er Rom 1 an, daß er 
Davids Sohn nach dem Fleische sei; ich sagte, das 
bekenne ich auch; er brachte bei, was Paulus an die 
Hebräer sagte: Er nimmt nicht die Engel an, sondern 
den Samen Abrahams nimmt er an; auch brachte er 
Mt 1, von dem Geschlechtsregister bei. Darauf fragte 
ich ihn, ob er nicht glaubte, daß das Wort Fleisch ge- 
worden wäre; er antwortete, ja, denn Christus hätte 
Fleisch und Blut von Maria angenommen; ich brachte 
ihm Lk 1 bei, daß der Engel zu Maria gekommen sei, 
sie gegrüßt und gesagt habe, daß sie schwanger wer- 
den und einen Sohn gebären sollte, der Jesus und ein 
Sohn der Allerhöchsten genannt werden sollte. Maria 
sprach zu dem Engel: Wie soll das zugehen, indem ich 
von keinem Manne weiß; der Engel antwortete: Der 
Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft 
des Allerhöchsten wird dich überschatten, weshalb 
auch das Heilige, das geboren werden soll, Gottes 
Sohn genannt werden wird; außerdem führte ich Mt 1 
an, was der Engel Joseph im Traume offenbarte, wenn 
er sagt: Joseph, Davids Sohn, fürchte dich nicht, Maria, 
dein Weib, zu dir zu nehmen, denn was in ihr empfan- 
gen ist, das ist vom Heiligen Geiste; ich führte auch 
Paulus an, wo er sagt: Der erste Mensch ist von der 
Erde und irdisch, der Zweite Mensch ist der Herr vom 
Himmel; auch daß Fleisch und Blut das Reich Gottes 
nicht ererben möge. Aber was ich ihm auch beibrachte, 
er blieb dabei, daß Christus von der Natur Maria sei; 
wir konnten deshalb nicht einig werden, wiewohl wir 
noch viel über die Menschwerdung Christi miteinan- 
der redeten. Darauf wandte er sich zum Nachtmahle 
und sagte, daß es wahres Fleisch und Blut wäre, was 
er damit beweisen wollte, weil Christus sagt: Wenn 
ihr nicht esst das Fleisch des Menschen Sohnes, und 
trinkt sein Blut, so habt ihr kein Leben in euch; denn 
wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das 
ewige Leben; ich antwortete ihm, daß Christus die- 
ses nicht auf das Nachtmahl bezogen habe. Er sagte 
abermals, steht dort nicht: Nehmt, esst, das ist mein 
Leib? Ich sagte, daß es seinen Leib bedeute, denn es 
steht auch: Ich bin ein rechter Weinstock, wiewohl 
er doch kein wirklicher Weinstock war; auch erzählt 
und bezeugt es Paulus klar, wenn er sagt: Ich habe 
es von dem Herrn empfangen, das ich euch gegeben 



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habe, denn der Herr Jesus Christus in der Nacht, in 
welcher er verraten ward, nahm er das Brot, dankte, 
brach es und sagte: Nehmt, esst, das ist mein Leib, der 
für euch gegeben wird; solches tut, zu meinem Ge- 
dächtnisse. So oft ihr von diesem Brote esst, und von 
diesem Kelche trinkt, sollt ihr des Herrn Tod verkün- 
digen, bis daß er kommt (merkt, bis daß er kommt). 
So ist er denn, sagte ich, mein Herr, nicht leiblicher 
Weise dort, wie du sagst. Ich führte ihm auch das Os- 
terlamm an und bewies, daß es ein rechtes Vorbild 
auf das Nachtmahl wäre; aber wir konnten in keinem 
Punkte einig werden. Ferner wurde auch der Klöster 
erwähnt, welche ich Sekten nannte, und ihn fragte, 
ob Gottes Kinder alle geistlich sein müssten; er ant- 
wortete: Ja; ich fragte ihn abermals, warum sie denn 
nicht einstimmig wären, denn es gäbe ja viele Klöster, 
die in Kappen und Zeremonien verschieden wären; er 
antwortete, daß der Heilige Geist verschiedene Gaben 
wirke, und damit wollte er die Klöster verteidigen; 
auch fragte ich ihn, ob er nicht den Propheten Baruch 
gelesen hätte; es kann wohl sein, sagte er. Da erzähl- 
te ich ihm, daß der Prophet dort die Kinder Israel 
warnt, als sie in Babel waren, daß sie in ihren Herzen 
denken sollten, wenn sie die Götzen auf den Achseln 
tragen sehen würden und viel Volk vor- und nachlau- 
fen würde. Ach, Herr, dich allein soll man ehren. Ich 
fragte ihn, ob man denn solches auf den Sonntag nicht 
auch tun möchte; er antwortete, das wäre ja nur ein 
Bild; ich sagte, daß diejenigen, welche Bilder machen, 
verflucht seien; er erwiderte, es sind die Bücher der 
Einfältigen, und er hielt dafür, daß sie, die Bilder, dem 
Buchstaben gleich seien; wollte auch beweisen, daß 
man wohl Bilder machen möchte, und das zwar mit 
den Cherubim, die auf der Arche waren. Auch redeten 
wir viel miteinander von der Anbetung der Heiligen, 
aber wir konnten nicht eins werden; ich bin gewiss 
drei Stunden vor ihm gewesen. Ach, liebe Brüder und 
Schwestern, halte ein jeder stark an, und bittet den 
Herrn für uns herzlich, daß wir wider alle Pforten der 
Höllen bestehen mögen, denn unser Streit ist nicht 
gering, wir sind mitten unter unsem Feinden. Lebt 
sämtlich wohl zum Abschiede, bis auf eine bessere 
Zeit. 

Geschrieben von mir, Joost Verkindert, unwürdig 
gefangen in dem Herrn, in meinen Banden. 

Noch ein Brief von Joost Verkindert, geschrieben 
in den Banden an sein Weib, den 20. August. 

Die unaussprechliche Gnade Gottes, des Vaters, die 
Liebe seines geliebten Sohnes, unsers Herrn Jesu 
Christi, samt dem Tröste, der Freude und Wonne des 
Heiligen Geistes, wünsche ich dir zu einem herzlichen 


und freundlichen Gruß, mein sehr liebes und wertes 
Weib und Schwester in dem Herrn. Ich berichte dir, 
daß es mit mir gegenwärtig noch ziemlich wohlbe- 
stellt sei, wofür ich dem Herrn danke, und ihn für 
seine große Gnade lobe, in der Hoffnung, daß ich sol- 
ches auch von dir hören werde. Ferner berichte ich 
dir, daß in den Briefen, in denen von dem Wortstreite 
mit dem Pfaffen gehandelt wird, nicht alle Worte und 
Reden angegeben sind, die wir miteinander hatten, 
denn er führte auch an: Wer den Sünder von dem Irr- 
tume seines Weges bekehrt, der hat einer Seele zum 
Leben geholfen, wobei er uns auch anbot, wenn wir 
uns bekehren wollten, so sollte man uns auf freien 
Fuß stellen und uns gehen lassen, wohin es uns ge- 
fiele; er redete mit einem heiligen Scheine, wobei er 
oft die Hände ineinander schlug, und noch sagte, er 
wollte uns bei seiner Seligkeit versichern, das wir die 
Wahrheit nicht hätten. Daher dünkt mich, es müs- 
se ein Mensch zugrunde gehen, wenn er nicht einen 
festen Grund auf Jesum gelegt hat; aber dem allmäch- 
tigen Gott sei Lob und Dank gesagt, daß alle seine 
scharfen Pfeile, die er abschoss, mir nicht schädlich 
gewesen sind, denn Gott war mit mir. Auch erzählte 
er, daß Christo nicht viel Reiche nachgefolgt seien, 
sondern arme und schlichte Leute, aber durch die 
Apostel seien viel Zeichen und Wunder geschehen, 
sagte er, wodurch die Reichen, auch Könige und Prin- 
zen, zum Glauben gekommen seien; auch führte er 
noch andere gebrochene Schriftstellen an, denn er ist 
sehr reich an Worten und dabei schlecht von Ansehen; 
überhaupt, er brachte wohl schöne Worte vor, aber 
er verkaufte nichts, denn er stellte uns das zeitliche 
Leben schön vor, wenn wir es gesucht hätten; dem 
allmächtigen Gott aber sei Lob und Dank für seine 
große Gnade gesagt, denn mein Gemüt ist noch heut- 
zutage so gesinnt, daß es lieber ehrlich sterben, als 
mit Schanden leben will. Es ist unter dem Himmel 
den Menschen kein anderer Name gegeben, worin sie 
selig werden können, als allein durch den Namen Jesu 
Christi; denn er ist allein der Weg und der Eingang 
zum ewigen Leben. Ach, meine Geliebte, dieser Weg 
hat keine Seitenwege, sondern diejenigen, die davon 
abweichen, fallen dem Tode anheim. Fleisch und Blut 
wollten zwar gerne noch leben, aber der Geist wollte 
lieber entbunden und bei Christo sein, denn solange 
wir leben, sind wir in großer Gefahr; wir können in 
kurzer Zeit wieder verlieren, woran wir eine lange 
Zeit gearbeitet haben. 

Darum mögen wir wohl immer zu Gott rufen, daß 
er uns arme Pilger in dieser Welt Wüste bewahren wol- 
le, wo die Schlangen Feuer spritzen, und die Wölfe bis 
an den Abend nach unschuldigem Blute laufen; aber, 
meine Geliebte, der, welcher mit uns ist, ist viel stär- 



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ker, als derjenige, der mit der Welt ist; denn Gott ist 
mit uns, mit der Welt aber ein fleischlicher Arm. Ach, 
möchten wir unter denen erfunden werden, von wel- 
chen Johannes schreibt: Diese sind es, die aus großen 
Trübsalen kommen, und ihre Kleider gewaschen und 
sie durch das Blut des Lammes weiß gemacht haben; 
darum sind sie vor dem Throne Gottes und dienen 
ihm Tag und Nacht in seinem Tempel, und der auf 
dem Throne sitzt, wird über ihnen wohnen. Sie wird 
nicht mehr hungern noch dürsten; es wird auch nicht 
die Sonne oder irgendeine Hitze auf sie fallen, denn 
das Lamm mitten im Stuhle wird sie weiden und sie 
zu dem lebendigen Wasserbrunnen leiten, und Gott 
wird alle Tränen von ihren Augen abwischen; und 
ferner: Diese sind es, die mit Weibern nicht befleckt 
sind, denn sie sind Jungfrauen und folgen dem Lam- 
me nach, wo es hingeht; und abermals: Diese sind 
aus den Menschen erkauft, zu Erstlingen, Gott und 
dem Lamme; ferner: Weil du das Wort meiner Geduld 
behalten hast, so will ich dich auch vor der Stunde der 
Versuchung behalten, die über den ganzen Weltkreis 
kommen wird, um alle diejenigen zu versuchen, die 
auf Erden wohnen. Ach, meine Geliebte, das wäre 
eine glückliche Reise, wenn wir dort wären; nichts de- 
sto weniger habe ich eine lebendige Hoffnung, denn 
Gott will unsern Tod nicht. Darum lasst uns allezeit 
freimütig sein und uns mit den Worten Christi trösten, 
wenn er sagt: Die Zeit wird kommen, daß sie euch 
in den Bann tun werden, und wer euch tötet, wird 
meinen, er tue Gott einen Dienst daran; und das wer- 
den sie euch darum tun, weil sie weder mich noch 
meinen Vater kennen, denn hätten sie ihn erkannt, sie 
hätten den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. 
Lasst uns alle heiligen Väter zum Vorbilde nehmen, 
welchen alles Kreuz und Leiden begegnet ist, und er- 
wiesen haben, daß sie denen ein guter Geruch Christi 
seien, die da selig werden, denen aber, die verloren 
werden, ein Geruch zum Tode seien, denn der Herr 
hat einen Tag gesetzt, an welchem er einen jeden nach 
seinen Werken lohnen wird und wie mich dünkt, ist 
der Tag des Herrn vor der Tür; darum laß uns unsere 
Seelen in Geduld besitzen, damit wir an diesem Tage 
vor ihm bestehen mögen. 

Hiermit will ich dich (meine Geliebte) dem gekreu- 
zigten blutigen Christo Jesu und dem reichen Worte 
seiner Gnade anbefehlen. Lorenz, mein Mitgefange- 
ner, sowie auch ich, lassen dich und alle unsere Be- 
kannte sehr herzlich grüßen, mit dem Frieden des 
Herrn. Tue doch das Beste an meinen Waisen. 


Noch ein Brief von Joost Verkindert, geschrieben 
in den Banden an sein Weib, den 2. September. 

Die Gnade und der Friede von Gott, dem himmlischen 
Vater, die Liebe seines geliebten Sohnes, samt dem 
Tröste, der Freude und Wonne des Heiligen Geistes 
wünsche ich dir zum freundlichen Gruße, mein sehr 
liebes und wertes Weib und Schwester in dem Herrn. 
Ich lasse dich wissen, daß es mit mir gegenwärtig 
noch ziemlich wohl steht; darum sage ich dem Herrn 
für seine große Güte und Gnade Lob und Dank, und 
hoffe, dasselbe auch von dir zu hören. Ferner berichte 
ich dir, daß ich dein Brieflein empfangen habe, und sa- 
ge dir für deine gute Ermahnung und christliche Sorge 
für mich in diesen meinen Banden meinen Dank. Ach, 
meine Geliebte, das mag wohl mit Recht der enge Weg 
genannt werden; denn wir werden von allen Seiten 
angefochten, nämlich, von Fleisch und Blut; auch ist 
der Satan Tag und Nacht geschäftig, uns auf allerlei 
Art und Weise in Irrtum oder Unglauben zu bringen, 
denn die Feinde des Kreuzes Christi fallen uns sehr 
listig an; bald haben sie Mitleiden mit uns und sagen: 
Ich will an eurem Blute unschuldig sein; bald sagen 
sie: Wenn ihr in eurem Glauben sterbt, so müsst ihr 
aus diesem Feuer in das ewige Feuer gehen; ich ant- 
wortete ihm hierauf, daß wir eine bessere Hoffnung 
hätten, und denen nicht gleich wären, die Streiche in 
die Luft tun; er sagte, daß wir den Teufel hätten, und 
von ihm so fest gebunden und gehalten würden, daß 
wir uns nicht bewegen ließen; wir erwiderten, daß die 
Juden auch zu Christo gesagt hatten, daß er den Teufel 
hätte. Es sollte mich Wunder nehmen, sagte er, ob es 
nicht helfen würde, wenn man euch beschwören wür- 
de, und was dergleichen lästerliche Worte mehr sind. 
Wir sagten, er sollte die Seelen suchen, und Huren, 
Buben und Trunkenbolde und das ungöttliche We- 
sen unter dem Volke bestrafen, denn solchen sei das 
Himmelreich abgesagt; er antwortete, daß er solche 
zur Besserung ermahnte. Lorenz sagte ihm, daß alle 
ihre Dinge und Zeremonien nichts als Heuchelei und 
ein Gräuel wären, und daß sie dem Volke die Messen 
bei Dutzenden verkauften; er antwortete dem Lorenz: 
Wenn du ein weiser Mann wärest, so würde ich dir 
solches übel aufnehmen; ich fragte ihn, wo man von 
einer Messe geschrieben fände; er sagte, sie wäre ein 
Opfer, und redete sehr viel von dieser Materie, sodass 
man sich verwundern musste, wo er alles herzuholen 
wusste; er brachte auch vieles unter einem glänzen- 
den Scheine vor und sagte, unter anderem, er wollte 
sein Blut für uns vergießen, wenn er unsere Seelen 
gewinnen könnte; ich erwiderte, daß er gleichwohl 
nicht würde für uns sterben, und uns frei ausgehen 
lassen wollen; er sagte, es wäre schädlich, daß wir 



561 


lebten; ich entgegnete: Mein Herr, es wundert mich 
sehr (weil du sagst, das wir verdammt seien, wenn 
wir in diesem Glauben sterben), daß ihr uns nicht lie- 
ber leben lasst, denn solange der Mensch lebt, hat er 
Gelegenheit und Zeit zur Besserung und Bekehrung; 
aber hierzu hatte er wenig Lust und sagte, wir hätten 
die ärgste Lehre auf Erden; denn die Calvinisten und 
Martinisten, sagte er, ließen sich besser bedeuten als 
wir; wir konnten daher nicht einig werden; übrigens 
sagte er, daß er täglich für uns betete, und noch heute 
unserer in seiner Messe gedacht habe. Wir sagten, daß 
wir den Herrn auch Tag und Nacht um dasjenige bä- 
ten, was uns am seligsten wäre. Wir suchten, sagte er, 
die Seligkeit wohl, aber mit Unverstand; auch woll- 
te er in dem Brote oder Nachtmahle Christi Fleisch 
und Blut wesentlich haben; hierüber sprachen wir nur 
wenig; ich sagte ihm nur, gleichwie die Kinder Israel 
ein goldenes Kalb machten, um demselben als einem 
Abgotte zu dienen, und zu demselben sagten, daß es 
ihre Götter wären, die sie aus Ägypten erlöst hätten, 
so verhält es sich auch mit eurem Volke, denn sie sa- 
gen: Dies ist unser Gott, der uns an dem Kreuzesholze 
erlöst hat. Er sagte, es wäre Abgötterei, wenn er nicht 
im Brote wäre; aber wenn der Priester die Worte dar- 
über gesprochen hat, so kommt er sakramentalisch 
hinein; darum ist es auch keine Abgötterei, sagte er. 
Als er uns aber mit keinen Schriftstellen überzeugen 
konnte, so hielt er uns die Befreiung und den Pardon 
vor, um uns dadurch zu locken; dadurch wurde mir 
der Streit um desto schwerer gemacht; doch hoffe ich, 
der Herr werde uns das Feld erhalten helfen, denn es 
wäre unmöglich, ohne Gottes Hilfe zu bestehen. 

Darum, meine Geliebten, helft mir doch den Herrn 
herzlich bitten, daß er mich durch seine große Güte 
und Langmut wie seinen Augapfel bewahren wolle, 
damit ich nicht durch Weltweisheit oder fleischlichen 
Überfluss verführt werde, oder von meinem Gott ab- 
weiche, wovor ich mich sehr entsetze, sondern daß er 
mich in meinem guten Vorhaben trösten und stärken 
wolle, zum Preise seines heiligen Namens und meiner 
Seele Seligkeit. 

Hiermit will ich dich dem gekreuzigten, blutigen 
Christo Jesu anbefohlen haben, und dem reichen Wor- 
te seiner Gnade, der in seinen Verheißungen treu ist. 
Ich grüße dich, meine Geliebte, mit dem Kusse des 
Friedens; ebenso grüßen auch Lorenz und ich alle 
unsere Bekannten sehr herzlich mit dem Frieden des 
Herrn, Amen. 

Geschrieben von mir, Joost Verkindert, unwürdig 
gefangen in dem Herrn, in meinen Banden. 


Noch ein Brief von Joost Verkindert, geschrieben 
an seine Brüder, Michael und Pleun, auf den 
hundertsten Tag seiner Gefangenschaft, den 7. 

September. 

Gott der Vater und unser lieber Herr Jesus Christus 
wolle euch ein Herz und Gemüt geben, damit ihr eu- 
er Leben lang in seiner heiligen Wahrheit wandeln 
mögt, zum Heile eurer armen nackenden Seelen, da- 
mit sie erhalten werden mögen, wenn sie der Herr am 
jüngsten Tage heimsuchen wird, wenn wir alle vor 
den Richterstuhl Christi werden gestellt werden, wo 
ein jeder nach seinen Werken belohnt werden wird, 
sie seien gut oder böse. Gott, dem Vater, sei Preis und 
Ehre durch Jesum Christum; er wolle uns seinen Hei- 
ligen Geist zum Tröster in aller unserer Trübsal geben, 
in welche wir nun um Christo und des Evangeliums 
willen uns übergeben haben, dem Herrn sei Preis, Eh- 
re und Dank, von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen. 

Dieses wünsche ich euch, meine geliebten und wer- 
ten Brüder, Michael und Pleun, zum herzlichen und 
freundlichen Gruße aus dem Innersten meiner See- 
le. Ich lasse euch wissen, daß ich dem Fleische nach 
noch ziemlich wohl bin, dem Geiste nach aber ist mein 
Gemüt noch fest gesonnen, mit der Hilfe des Aller- 
höchsten, bei der einigen Wahrheit zu bleiben, von 
welchem ich Trost und Hilfe erwarten muss, denn von 
mir selbst habe ich nicht einen guten Gedanken, son- 
dern nur Verlockung, denn das Fleisch fürchtet sich 
allezeit vor dem Leiden, und dennoch, meine lieben 
Brüder, muss es gelitten sein, hier oder dereinst, denn 
Christus sagt, daß das Himmelreich Gewalt leide, und 
die ihm Gewalt antun, reißen es zu sich. Ach, liebe 
Brüder, ich bitte euch herzlich, daß ihr eurer selbst 
wahmehmen und der Stimme des Herrn gehorsam 
sein wollt, damit ihr nicht unter denen erfunden wer- 
det, die ihr Pfund in die Erde vergraben hatten, und 
einen neuen Lappen auf das alte Kleid setzen, oder 
neuen Wein in die alten Schläuche sammeln wollten. 
Ach, meine lieben Brüder; wenn ihr eurer selbst nicht 
wahrnehmt, so müsst ihr Gott dafür schwere Rechen- 
schaft geben, denn Christus sagt: Bringt alle her, die 
nicht wollen, daß ich über sie herrsche; tötet sie vor 
meinen Augen und werft sie in die äußerste Finster- 
nis, wo Heulen und Zähneklappern sein wird; auch 
sagt Christus, Lk 13: Der Knecht, der des Herrn Willen 
weiß, und sich nicht bereitet, oder nach seinem Wil- 
len getan hat, wird viele Streiche leiden müssen. Ach, 
liebe Brüder! Haltet mir diese Warnung zugut, denn 
sie ist aus aufrichtiger, brüderlicher Liebe geschehen, 
und das darum, weil ich wohl weiß, daß außer Christo 
und seinem Worte keine Seligkeit ist; ich habe auch 
einige Jahre lang es besser verstanden, als ich gehan- 



562 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


delt habe; der Herr wolle es mir vergeben, denn hätte 
ich dem Herrn und der Welt zugleich dienen können, 
ich wäre nicht in Banden. Ach, liebe Brüder, hierzu 
hat mich Fleisch und Blut nicht gebracht, sondern 
das Wort des Herrn, welches schärfer ist als ein zwei- 
schneidiges Schwert. Niemand aber kann zugleich 
zweien Herren dienen; er muss den einen verachten, 
und dem anderen anhängen; ebenso könnt ihr auch 
nicht Gott und dem Mammon zugleich dienen. Ja, 
so ruft auch Elias den Kindern Israel zu: Wie lange 
wollt ihr auf beiden Seiten hinken? Ist der Herr Gott, 
so folgt ihm nach; ist es aber Baal, so folgt ihm nach. 
Ach, liebe Brüder, mit dergleichen Sprüchen, und mit 
mehreren andern, musste ich meinen eigenen Willen 
verleugnen lernen, damit ich der großen Sündflut und 
großen Strafe entgehen möchte, welche über diejeni- 
gen kommen wird, die dem Evangelium unsers lieben 
Herrn Jesu Christi nicht gehorsam gewesen sind; die- 
se werden Pein leiden und das ewige Verderben, vor 
dem Angesichte des Herrn und vor der Herrlichkeit 
seiner Macht. Ach, liebe Brüder, erschreckt doch vor 
dem Tage, der wie ein Ofen brennen wird, wo alle 
vermessenen Verächter und Gottlosen wie Stroh sein 
werden; aber die ihres Gottes Gesetze bewahrt ha- 
ben, werden alsdann wie die Mastkälber wachsen, 
und sie werden aus- und eingehen und die Gottlo- 
sen wie Asche unter ihren Füßen zertreten. Ach, liebe 
Brüder, möchten wir alle würdig erfunden werden, 
die angenehme Stimme Christi zu hören, welche sagt; 
Kommt her, ihr Gesegneten, ererbt das Reich meines 
Vaters, das euch bereitet ist von Anfang der Welt her; 
ach, dann wären wir zu einer seligen Stunde geboren; 
denn derer sind wenige, die von ganzem und aufrich- 
tigem Herzen dem Herrn nachzufolgen suchen, denn 
es will sich jeder entschuldigen; der eine sagt: Ich ha- 
be fünf Joch Ochsen gekauft; der andere, ich habe 
ein Weib genommen; der dritte, ich habe einen Acker 
gekauft; ich bitte dich, entschuldige mich. Ach, liebe 
Brüder, vor dem Herrn kann keine Entschuldigung 
bestehen; darum lasst uns wohl Zusehen, wenn wir 
seine Stimme gehört haben, daß unsere Herzen nicht 
verhärtet noch verstockt werden, denn wir haben vie- 
le Exempel in Heiligen Schrift, daß die Gottlosen vor 
dem Herrn nicht bestehen mögen; ebenso lesen wir 
auch, daß Gott die Welt um ihrer Sünde willen mit der 
Sündflut gestraft habe, aber er bewahrte den Prediger 
Noah nebst sieben anderen, und brachte die Sünd- 
flut über die Welt der ungerechten Menschen, und 
hat die Städte Sodom und Gomorrha umgekehrt und 
verdammt um ihrer Sünde willen; aber den gerechten 
Lot mit seinen beiden Töchtern, welcher von ihrem 
ungebührlichen und unkeuschen Wandel überfallen 
wurde, bewahrte er. Darum, liebe Brüder, wenn euch 


auch der Herr nicht äußerlich tötet, wie er damals tat, 
so wird er dennoch die Sünde nicht ungestraft lassen, 
denn der Herr ist ein gerechter Richter, welcher Sin- 
ne und Gedanken richten wird. Ach, ja, der Mensch 
wird von jedem unnützen Worte, das er geredet hat, 
Rechenschaft geben müssen! Ach, liebe und werten 
Brüder! Geht doch aus von diesem geistigen Ägyp- 
ten, von der Macht des höllischen Pharaos und aus 
diesem geistigen Sodom, da sie unsern Herrn gekreu- 
zigt haben, und aus diesem geistigen Babel, damit 
ihr in Zion leben, und daselbst den schönen Gottes- 
dienst anschauen mögt; ich warne euch im Namen des 
Herrn und auf Veranlassung meines Gewissens, weil 
ihr es am jüngsten Tage finden werdet, wie ich es euch 
hier geschrieben habe. Ach, liebe Brüder, Michael und 
Pleun, ich ermahne euch auch mit, denn wenn ich in 
diesem Streite nicht Stand halte, so ist alles umsonst, 
was ich erlitten habe, denn die Unseligen werden in 
der Erde aufgeschrieben. Ach, ich empfinde so viel 
Schrecken vor dem Abweichen, weil ich so gewiss 
und versichert bin, daß ich auf dem rechten Wege bin. 
Liebe Brüder! Ihr wisst wohl, daß niemand in diese 
Welt kommen kann, er sei denn geboren; ebenso kann 
auch niemand in die zukünftige Welt kommen, er sei 
denn wiedergeboren, wie Petrus klar bezeugt; nicht 
aus vergänglichem, sondern aus unvergänglichem Sa- 
men, nämlich, aus dem lebendigen Worte Gottes, das 
ewig bleibt. Ach, Brüder, liebe Brüder! Wohl dem, der 
hieraus geboren wird, denn diese Wiedergeborenen 
halten die rechte Taufe und das rechte Abendmahl; 
sie sondern sich ab von allen falschen Lehrern, führen 
auch einen rechten Bann und eine rechte Meidung, 
damit sie die Gemeinde rein erhalten; sonst würde 
sie bald zum Babel werden. Liebe Brüder, ich bin vier 
Mal vor einem Pfaffen gewesen, aber wir konnten in 
keinem Punkte einig werden: O wie viel Fleiß wandte 
er an, um uns zu seiner Kirche zu bringen, und da 
wir seine Ware nicht kaufen wollten und dieselbe mit 
gutem Gewissen nicht annehmen konnten, sagte er, 
wir hätten den Teufel, und wären verdammt, wenn 
wir so in unserm Glauben dahin stürben. Aber seine 
Drohung hat mir keinen Schrecken eingejagt, sondern 
ich bitte den Herrn, daß er ihnen die Augen des Ver- 
standes öffnen wolle, damit sie sehen mögen, wider 
wen sie streiten, nämlich, nicht wider Menschen, son- 
dern wider Gott und das Lamm, denn Christus sagt: 
Wärt ihr von der Welt, so hatte die Welt das Ihre lieb, 
nun ihr aber nicht von der Welt seid, so hasst euch 
die Welt; ferner sagt Christus; Haben sie den Haus- 
vater Beelzebub genannt, um wie viel mehr werden 
sie seine Hausgenossen so nennen. Ach, ja, es ist jetzt 
auch die Zeit, wo unser Leben für unsinnig und un- 
ser Ende für Schande gehalten wird. Ach, wie wird 



563 


Christi Wort erfüllt, wenn er sagt: Sie werden euch 
in den Bann tun, und die Zeit wird kommen, daß, 
wer euch tötet, meinen wird, er tue Gott einen Dienst 
daran; und das werden sie euch tun, weil sie weder 
mich, nach meinen Vater kennen; ebenso sagt auch 
Paulus: Hätten sie ihn erkannt, sie hätten den Herrn 
der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. 

Ach, meine lieben Brüder, weicht mit eurem Fuße 
von den Wegen der Gottlosen, denn sie gehen zur 
Hölle wie Schafe zum Tode, und seht nicht auf den 
großen Haufen; denn Esra schreibt: Gleichwie man 
viel Erde findet, um irdene Gefäße, wenig aber, um 
goldene zu machen, so sind auch die Gottlosen gegen 
die Gerechten; ferner spricht er: Was nützt es dem 
Menschen, daß eine Stadt voll alles Guten verheißen 
ist, wenn wir Werke des Todes wirken? Darum kön- 
nen wir wohl mit Esra sagen: Ach, Adam, Adam, was 
hast du getan? Denn dadurch, daß du gesündigt hast, 
ist nicht dein Fall über dich allein geraten, sondern 
auch über uns, die wir von dir hergekommen sind. 
Ach, meine lieben Brüder, schafft doch, daß ihr rechte 
Schafe von der Herde Christi werdet, und rechte Re- 
ben am Weinstocke Christi sein mögt; sucht das, was 
droben ist, wo Christus ist, zur rechten Hand Gottes 
sitzend; schmeckt das, was himmlisch ist, und nicht, 
was irdisch ist, und tötet eure Glieder, die auf Erden 
sind: Hurerei, Unreinigkeit, schändliche Brunst, böse 
Lust, und Geiz, welcher Abgötterei ist, um deretwil- 
len der Zorn Gottes über die Kinder des Unglaubens 
kommt. 

Darum, meine lieben Brüder, wenn euch nach der 
Wahrheit verlangt, und ihr der zu künftigen Strafe ent- 
fliehen wollt, so sucht euer Leben nach dem Evange- 
lium einzurichten, und verleugnet euch selbst, denn 
Christus sagt im Evangelium: Wer mir nachfolgen 
will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz täg- 
lich auf sich und folge mir nach; denn wer sein Le- 
ben erhalten will, der wird es verlieren, und wer sein 
Leben um meinet- und des Evangeliums willen ver- 
liert, der wird es erhalten. Was hilft es dem Menschen, 
wenn er die ganze Welt gewinnt und nimmt doch 
Schaden an seiner Seele? Oder was kann der Mensch 
geben, daß er seine Seele damit erlöse? Wer sich aber 
meiner oder meiner Worte schämt unter diesem ehe- 
brecherischen und sündhaften Geschlechte, dessen 
wird sich des Menschen Sohn auch schämen, wenn er 
kommen wird in seines Vaters Herrlichkeit samt den 
heiligen Engeln. Ach, liebe Brüder! Denkt doch diesen 
Schriftstellen recht nach und behaltet dieselben wohl, 
denn Christus Jesus hat sie aus dem hohen Himmel 
mit auf diese Erde gebracht, hat nach denselben ge- 
lebt und gelehrt, und sie mit seinem Blute versiegelt, 
und ist um unseretwillen arm geworden, damit er uns 


durch seine Armut reich machte. Ach, denkt doch ein- 
mal der Sache recht nach, wie verachtet Christus um 
unseretwillen gewesen sei, sodass der Prophet Jesaja 
klagte und sagte: Es war keine Gestalt an ihm, die uns 
gefallen hätte; ja, er klagt, daß er ein Wurm wäre und 
kein Mensch. Ach, liebe Brüder! Lasst uns an ihm ein 
Beispiel nehmen, wie liebreich er uns vorangegangen 
ist; denn wer Christum nicht annimmt, wird durch 
ihn nicht erlöst; ebenso sagt auch Christus im Evange- 
lium: Warum nennt ihr mich Herr! Herr! und tut doch 
nicht, was ich euch sage? Denn wer von mir diese Wor- 
te hört und tut, den will ich mit einem weisen Manne 
vergleichen, der sein Haus auf einen Stein gebaut hat; 
dann als die Winde wehten und die Wasserfluten ge- 
gen das Haus angingen, so fiel es doch nicht, denn es 
war auf den Eckstein gegründet; und wer diese Worte 
von mir hört, und tut sie nicht, den will ich mit einem 
törichten Manne vergleichen, der sein Haus auf den 
Sand gebaut hat, und als die Winde wehten, und die 
Fluten kamen und der Platzregen daran schlug, so fiel 
es, und sein Fall war sehr groß; ferner sagt Christus 
von dem Sämann, Mt 13, daß einiges auf den Weg 
gefallen sei, einiges auf das Steinige, einiges unter 
die Dornen und einiges in gute Erde, welches nach- 
her Frucht gebracht habe. Ach, denkt diesem Spruche 
wohl nach, wie der betrügliche Reichtum in so vielen 
Menschen das Wort Gottes unterdrücke, daß es keine 
Frucht hervorbringt! Darum, meine lieben und werten 
Brüder, habe ich euch zu einer ewigen Warnung aus 
meinen Banden geschrieben. Ach, daß Gott Gnade 
gäbe, daß sein Wort in eurem Herzen wohnen möchte, 
gleichwie ich es im Herzen trage; ihr würdet der Welt 
bald gute Nacht gesagt haben; gleichwohl hat mein 
Fleisch eine wunderbare Furcht vor dem Leiden, so- 
dass es mir bisweilen so bange ist, wie einem Weibe in 
Kindesnöten; gleichwohl hat sich Christus Jesus auch 
vor dem Leiden gefürchtet, Lk 22. 

Hiermit will ich euch dem gekreuzigten Christo 
Jesu anbefehlen und dem reichen Worte seiner Gna- 
de, zu einem ewigen Abschiede auf Erden, wenn wir 
etwa einander hier nicht mehr sehen würden. Mein 
Gemüt ist noch gegenwärtig so gesinnt, diesen Brief 
mit meinem Blute zu versiegeln und mit dem alten 
Eleazar lieber ehrlich zu sterben, als mit Schanden zu 
leben; ich grüße auch Michael, deines Weibes Tanne- 
ken Schwester sehr herzlich zum ewigen Abschiede. 
Meine Brüder, tut allezeit Gutes, und sagt dem Herrn 
Lob und Dank, daß ihr einen Bruder habt, der würdig 
ist, um Christi und des Evangeliums willen sein Le- 
ben zu lassen. Geschrieben an euch mit Tränen, um 
der Freundschaft willen; seid Christian und den Kin- 
dern behilflich, wenn euch möglich ist, und bewahrt 
diesen Brief als ein Testament. 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Von mir, eurem lieben Bruder, Joost Verkindert. 

Der letzte Brief von Joost Verkindert, geschrieben 
an sein Weib, nachdem er sein Todesurteil 
empfangen hatte, welches den 18. September 

geschah, wo er auf den gemeinen Stein geführt 
wurde. 

Gott, der ein Gott allen Trostes ist der uns in all unse- 
rer Trübsal tröstet, damit wir auch diejenigen trösten 
mögen, die in mancherlei Trübsal sind, mit dem Trös- 
te, womit wir von Gott getröstet werden durch Jesum 
Christum; demselben sei Preis, Ehre, Glorie, das Reich, 
Kraft und Majestät, von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen. 

Dieses wünsche ich dir zum herzlichen und freund- 
lichen Gruße, mein liebes und wertes Weib und 
Schwester in dem Herrn, zum ewigen Abschiede auf 
Erden. Ich berichte dir, daß es gegenwärtig mit mir 
noch ziemlich wohl bestellt sei; darum gebe ich Gott, 
dem allmächtigen Vater, meinem und deinem Gotte, 
Lob und Dank, daß er mich dazu auserwählt hat. 

Darum, meine Geliebteste, sei doch um meinetwil- 
len nicht allzu sehr betrübt, sondern gebe dem Herrn 
Lob und Dank, daß du einen Mann gehabt hast, der 
würdig geachtet worden ist, sein Leben für die Wahr- 
heit zu lassen. 

Ach, meine Geliebte! Ich bitte und ermahne dich 
noch einmal, halte dich still in der Furcht Gottes, da- 
mit wir beide der schönen Verheißungen teilhaftig 
werden mögen, wo weder Kälte noch Hitze, weder 
Hunger noch Durst mehr sein wird, sondern solche 
Freude, die kein Auge gesehen, kein Ohr gehört und 
in keines Menschen Herz gekommen ist, nämlich die 
große Freude und Wonne, die Gott denen bereitet hat, 
die ihn lieb haben. 

Ach, meine Geliebte, das ist mir begegnet, als wir es 
am wenigsten erwartet; aber dem allmächtigen Gott 
müsse Lob und Dank gesagt sein durch Jesum Chris- 
tum, daß er mir Unwürdigem in der Not noch so 
beisteht und zur Hilfe kommt. 

Hiermit sei Christo Jesu anbefohlen (denselben be- 
fehle ich dir an zum Manne), samt meinen beiden 
Kindern. Ach, meine Geliebte, verlasse doch niemals 
diesen Mann und Bräutigam, denn er ist ein Vater der 
Witwen und Waisen. Gute Nacht, meine Geliebteste, 
für dich und die Mutter und alle unsere Freunde, die 
ich auf Erden dem gekreuzigten Christo Jesu anbefeh- 
le. Gute Nacht, gute Nacht euch allen. 

Darunter steht geschrieben: Von mir, Joost Verkin- 
dert, deinem lieben Manne, geschrieben in meinen 
Banden. 


Ein Brief von Lorenz Andrieß Joost, Verkinderts 

Mitgefangenen, gesandt an R., des Joosts Weib, 
den 9. September. 

Die ewige, überschwängliche und reiche Gnade und 
Barmherzigkeit von Gott, dem himmlischen Vater, die 
reine Liebe, Freude und den Frieden des Sohnes, samt 
dem Tröste des Heiligen Geistes, welcher vom Vater 
und Sohne ausgeht, um diejenigen zu trösten, die in 
mancherlei Trübsal sind, wünsche ich dir, meine wer- 
te und von Gott geliebte Schwester in dem Herrn, 
als einen freundlichen Gruß zur Stärkung in deiner 
großen Trübsal, in welche du nun auch um des Herrn 
heiligen Namens und des Evangeliums willen gera- 
ten bist; dieses Evangelium hat er uns hinterlassen 
und mit seinem kostbaren Blut versiegelt, damit er 
dadurch uns von aller unserer Unreinigkeit reinige 
und wasche, und uns vor ihm heilig und unsträflich, 
ohne Flecken und Runzeln, darstelle, ja, damit er sich 
dadurch ein heiliges Volk zubereiten möge, das flei- 
ßig zu guten Werken wäre; demselben sei Lob, Dank, 
Preis, Ehre, Kraft und Majestät, von Ewigkeit zu Ewig- 
keit, Amen. 

Nebst gebührlichem Gruße, meine liebe und wer- 
te Schwester in dem Herrn, die ich in Folge unserer 
Wiedergeburt aus meines Herzens Grunde liebe, lasse 
ich dich wissen, daß es mir und deinem lieben Manne 
dem Fleische nach sehr wohl gehe; dem Geiste nach 
aber ist unser beider Gemüt, durch die große Hilfe 
des Herrn, noch entschlossen, bei der ewigen Wahr- 
heit zu bleiben, ohne welche wir nichts tun können, 
von welchem wir auch allezeit Hilfe und Trost erwar- 
ten müssen; er lässt uns nicht über unser Vermögen 
versucht werden, wie er verheißen hat, sondern wird 
neben der Versuchung einen Ausweg verschaffen; ja, 
er ist ein treuer Nothelfer, der die Seinen nie verlas- 
sen hat, die in seiner Furcht geblieben sind, und ein 
festes Vertrauen zu seinem Worte haben, denn er teilt 
mit einem jeden, der ihn anruft, und will nicht, daß 
jemand verloren werde, sondern daß sich ein jeder be- 
kehre, damit wir etwas sein mögen, zum Lobe seiner 
Herrlichkeit. Seid ihr nun mit Christo auferstanden, 
so sucht, was droben ist, wo Christus ist, zur Rech- 
ten Gottes sitzend. Trachtet nach dem, das droben ist, 
nicht nach dem, das auf Erden ist; denn euer Leben 
ist verborgen mit Christo in Gott; wenn aber Chris- 
tus, euer Leben, sich offenbaren wird, dann werden 
wir auch mit ihm offenbar werden in der Herrlichkeit. 
Darum tötet eure Glieder, die auf Erden sind, Hure- 
rei, Unreinigkeit, schändliche Brunst, böse Lust und 
den Geiz (welcher Abgötterei ist), um deretwillen der 
Zorn Gottes über die Kinder des Unglaubens kommt. 
Darum sei jede Bitterkeit, Grimm, Zorn, Geschrei und 



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Lästerung fern von euch, sondern seid untereinander 
freundlich, und vergebe einer dem andern, gleichwie 
Gott euch vergeben hat, in Christo. 

So seid nun Gottes Nachfolger, als die lieben Kinder, 
und wandelt in der Liebe, gleichwie Christus uns ge- 
liebt und sich selbst für uns hingegeben hat; auch sagt 
Christus: Ein neues Gebot gebe ich euch, daß ihr euch 
untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit 
ihr euch auch untereinander lieb habt; daran wird je- 
dermann erkennen, daß ihr meine Jünger seid. Ebenso 
sagt Petrus: Habt untereinander eine brünstige Lie- 
be, denn die Liebe bedeckt auch der Sünden Menge; 
ebenso ist auch die Liebe des Gesetzes Erfüllung; aber 
wir müssen Gott über alles lieben, wie geschrieben 
steht: Wer zu mir kommt, und Vater, Mutter, Schwes- 
ter, Bruder, Weib, Kind, ja, dazu sein eigenes Leben 
nicht hasst, der kann nicht mein Jünger sein; und aber- 
mals: Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der 
ist meiner nicht wert, und wer Sohn oder Tochter 
mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert. Des- 
halb müssen wir ihn über alles lieben, und um seines 
Namens willen alles verlassen, und uns selbst gänz- 
lich verleugnen. Darum, meine liebe Schwester, sei 
doch wohl zufrieden, und betrübe dich nicht hierüber 
allzu sehr, denn es ist doch des Herrn Wille, welcher 
allerdings geschehen muss; es muss hier doch geschie- 
den sein. Darum eile, damit wir zusammen kommen 
mögen, wo uns keine Menschen mehr werden schei- 
den können. Hierzu möge dich und uns der gute und 
allmächtige Herr voller Gnade und Wahrheit tüchtig 
machen, Amen. 

Gehabe dich wohl, halte mir dieses zu gut. 

Hans vom Wege, Janneken von Hülle und 
Janneken von Rentegem, im Jahre 1570. 

Hans von dem Wege ist, als er früh morgens aufstand 
und ungefähr um sieben Uhr mit seinem Vetter nach 
dem Markte ging, zu Gent in Flandern, bei dem Fisch- 
markte, von Meister Klaes (der mit dem Diakon von 
Ronse auszureiten pflegte, um diejenigen, die man 
Ketzer nannte, gefänglich einzuziehen) und zwei an- 
dern Offizieren, verhaftet worden, und auf den Sau- 
celet (welches das Stadtgefängnis ist) gebracht. Hier 
angelangt, fragte ihn Meister Klaes nach seiner Woh- 
nung, aber er wollte nichts sagen; darauf haben sie 
ihn visitiert, bei ihm nichts gefunden, als ein Liedlein; 
darum sind sie von ihm geschieden und haben ihn, 
fest geschlossen, im Gefängnisse zurückgelassen. Als 
er nun nach mancherlei Untersuchung und Drangsal 
seinen Glauben gleichwohl freimütig bekannt hatte, 
und davon nicht abweichen wollte, so ist er den 7. 
November 1570 mit zwei Jungfrauen, genannt Janne- 


ken von Hülle und Janneken von Rentegem, um des 
lebendigen Wortes Gottes willen, zum Tode verurteilt 
worden. Als sie nun, fast ganz entkleidet, vorgeführt 
wurden, steckte der Scharfrichter ihnen Kugeln in 
den Mund, damit sie nicht reden möchten. So sind sie 
stillschweigend wie Schafe zur Schlachtbank hinge- 
gangen, und haben die Brüder durch Neigung ihres 
Hauptes gegrüßt. Da hörte man einen Bruder zu ihnen 
sagen: Halte dich tapfer; auch sagte eine Schwester: 
Streitet tapfer für die Wahrheit. In ihrem Todesurteile 
hieß es, sie seien wider des Königs Befehle wiederge- 
tauft worden, auch daß sie von dem rechten Glauben 
abgeirrt seien, und mit den Ketzern sich vereinigt hät- 
ten, und daß sie darauf zum Feuer verurteilt worden 
seien. Hiernach hat der Scharfrichter sie an Pfähle ge- 
stellt, hat sie erwürgt und sie so verbrannt. So haben 
sie ihren Lauf vollendet und liegen nun unter dem 
Altäre und erwarten in der Hoffnung die Vergeltung 
für ihr Leiden. 

Der erste Brief von Hansken von dem Wege. 

Ich wünsche dir, meine herzlich geliebte und auser- 
wählte Schwester, die ich aus dem innersten Grun- 
de meines Herzens liebe, die unergründliche, über- 
schwängliche und große Gnade und Barmherzigkeit 
von dem ewigen und allmächtigen Gotte, dem himm- 
lischen Vater, wie auch die große Sanftmut und Demut 
und den großen Frieden unseres Herrn Jesu Christi, 
des einigen, wahren und lebendigen Sohnes Gottes, 
und endlich auch die große Kraft, den Trost und die 
volle Freude des Heiligen Geistes. Dieses ist mein ewi- 
ger und seliger Wunsch und heiliger Gruß zum ewi- 
gen Andenken an dich, meine liebe und auserwählte 
Schwester, und auch an alle Menschen, die den Herrn 
fürchten, lieben und ihn aus reinem Herzen anrufen. 
Dieses ist mein beständiger, seliger Wunsch und heili- 
ger Gruß, zu eurer Seelen ewigen Seligkeit, und zum 
Preise des ewigen, höchsten und allmächtigen Gottes 
des Himmels und der Erden; seinem Namen sei ewig 
Lob, Dank, Preis und Ehre, von nun an bis in Ewigkeit, 
Amen. 

Ach sieh, meine herzlich geliebte und sehr werte 
und auserwählte Schwester, was soll ich dir mehr 
wünschen? oder was soll ich dir mehr schreiben, als 
was ich geschrieben habe? aber ich sage noch einmal 
mit dem heiligen auserwählten Apostel Petrus, aus 
großer, reiner, brünstiger Liebe zu Gott, wenn er an 
dich und uns und alle Menschen die nachstehenden 
Worte richtet: Macht eure Seelen keusch im Gehorsam 
der Wahrheit durch den Geist zu ungefärbter Bruder- 
liebe, und habt euch untereinander brünstig lieb aus 
reinem Herzen, als die da wiedergeboren sind, nicht 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


aus vergänglichem, sondern aus unvergänglichem Sa- 
men, nämlich aus dem lebendigen Worte Gottes, das 
ewig bleibt, denn alles Fleisch ist wie Gras, und alle 
Herrlichkeit der Menschen wie des Grases Blume; die 
Sonne ist aufgegangen und hat das Gras dürr gemacht, 
und seine Schöne ist abgefallen, aber des Herrn Wort 
bleibt in Ewigkeit. Ach, hebe Schwester; welch eine 
gute Salbe und selige Lehre ist es, die uns Petrus hier 
durch den Heiligen Geist gelehrt hat. Ach, ja, welch ei- 
ne köstliche Arznei ist dieses, die uns der Herr durch 
seinen Apostel hinterlassen hat, womit man die See- 
len reinigen und gesund machen kann? Darum laß 
uns unsere Ohren öffnen und unsere Herzen aufschlie- 
ßen, damit wir es mit unsern Ohren hören und mit 
unseren Herzen verstehen, was uns der Gehorsam der 
Wahrheit lehrt; denn Christus Jesus ist die wahrhaf- 
tige Wahrheit, auch die köstliche Arznei der Gnade 
und Barmherzigkeit und ein wohlriechendes Ol der 
Liebe, durch welchen wir, und durch keinen andern, 
unsere Seelen reinigen. 

Darum, ach, hebe Schwester, laß uns doch diese 
Wahrheit hören, und ihr gehorsam sein, denn er ist 
von dem Vater ausgegangen, ja, ausgegangen und 
gesandt worden, als ein Lehrer von dem Himmel, 
um uns den Weg der Wahrheit zu lehren, und das 
Leben, welches er selbst war; derselbe hat auch alles, 
was er von seinem Vater gehört und gesehen hat, uns 
gelehrt, um unsere Seelen zu reinigen und ewig selig 
zu machen, denn er lehrt uns: Wahrlich, wahrlich, ich 
sage euch, es sei denn, daß jemand geboren werde aus 
Wasser und Geist, kann er nicht in das Reich Gottes 
kommen. 

Ach, liebe Schwester, bitte doch den Herrn ernstlich 
um den richtigen Begriff dieser Wiedergeburt, die von 
oben aus Wasser und Geist geschehen muss, denn 
sonst können wir nicht eingehen in das Himmelreich. 
Darum lasst uns zu Gott, dem Allerhöchsten, mit fes- 
ten Vertrauen und starkem Glauben, ja, mit standhaf- 
tem Gemüte im Geiste und der Wahrheit bitten, dann 
wird uns gegeben werden, wie er selbst sagt; denn 
wer bittet, der empfängt, sagt der Herr Jesus Chris- 
tus. Darum laß uns zu Ihm bitten, damit uns gegeben 
werde, die Wiedergeburt zu verstehen und uns nach 
ihr zu richten, und so bis ans Ende, ja, ewig in der 
Wiedergeburt zu verharren. 

Ach, ja! So von oben geboren, daß, wo zuvor nichts 
war, nun etwas sei, und, wo man zuvor nichts als lü- 
gen und betrügen konnte, und nur prachtliebenden 
Hochmut, stolzes Fluchen, Schlagen, Schwören, Übel- 
reden kannte, und dabei in großer Wollust des Flei- 
sches lebte, wir nun die Wahrheit von Herzen reden, 
in der Wahrheit wandeln, als Kinder, die aus Wahrheit 
geboren sind, und dabei in der Furcht unseres Gottes 


leben, in der Erniedrigung des Herzens, in der De- 
mut, Freundlichkeit und großen Freude des Geistes, 
auch nicht mehr nach den stummen Götzen gehen, 
um sie anzubeten oder zu verehren, oder in ihre Baals- 
winkel, wo man nichts anderes als Menschengebote 
lehrt, welche Lehren der Menschen Seelen verderben, 
womit auch der Teufel die ganze Welt verdorben hat, 
denn sein Name ist Verderber. Ach, ja, liebe Schwester, 
wenn wir dahin gingen, so sähen wir sie Messe und 
gräuliche Abgötterei verrichten, was doch nur Erfin- 
dungen und Menschengebote sind, welche durch den 
Teufel eingeführt worden sind, und wenn sie nun ihre 
große Abgötterei anfangen, so muss jedermann vor 
ihm niederfallen, ihn anbeten und ihm Ehre erweisen. 
O welche grausame Abgötterei und welch ein Got- 
tesdienst ist das! Das Urteil ist vor langer Zeit über 
sie gesprochen, denn Paulus sagt: Die Götzendiener 
haben keinen Teil an dem Reiche Gottes, sondern ihr 
Teil ist, sagt Johannes, in dem Pfuhl, der mit Schwefel 
und Feuer brennt, welches der zweite Tod ist. Darum, 
ach, liebe Schwester, hüte dich vor den Abgöttern und 
rühre nichts Unreines an, und laß uns von den Abgöt- 
tern zu dem Dienste des lebendigen Gottes bekehrt 
werden, um ihm zu dienen, denn ihn allein soll man 
hören, preisen, ehren, anbeten, ihm dienen, und ihn 
lieb haben, ewiglich; ja, liebe Schwester, laß uns so 
in der Erkenntnis Christi uns üben, daß wir uns von 
der Macht dieser Welt abwenden, in welcher nichts 
als Finsternis ist, nämlich von der Nacht der Sünden 
zu dem Tage der Gnaden, wo die schöne Sonne der 
Gerechtigkeit, Jesus Christus, mit allen seinen Verhei- 
ßungen und seiner Gnade scheint, und von den Lügen 
zur Wahrheit, von der Ungerechtigkeit und Bosheit 
zur Gerechtigkeit und zu guten Werken, und laß uns 
so in der Kraft beweisen, daß wir wiedergeboren sei- 
en, und uns untereinander in der Demut des Herzens 
und Geistes mit brüderlicher Liebe aus reinem Herzen 
lieb haben, und mit allen Menschen Frieden haben, 
wenn es möglich ist. Ja, was du willst, das dir die Men- 
schen tun sollen, das tue du ihnen, denn das ist das 
Gesetz und die Propheten, sagt Christus, welches die 
untrügliche Wahrheit ist. Darum laß uns doch dieses 
wohl bedenken, damit wir nicht einen Fehlschuss tim, 
wir wollen ja, daß man uns viel Gnade und Barm- 
herzigkeit erweise, viel Liebe bezeuge, und mit uns 
allezeit in gutem Frieden lebe; so laß uns denn auch al- 
lezeit allen Menschen viel Gnade und Barmherzigkeit 
erweisen, viele Tugenden an ihnen ausüben, und auf 
solche Weise ihnen viel Liebe bezeugen, und uns be- 
mühen, untereinander und gegen alle Menschen fried- 
sam und liebreich zu sein. Ja, liebe Schwester, laß uns 
doch unsere Seelen reinigen, wie Petrus sagt: Macht 
eure Seelen keusch durch den Gehorsam der Wahr- 



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heit im Geiste zur ungefärbten Bruderliebe, und habt 
einander lieb aus reinem Herzen, als die da wiederge- 
boren sind, nicht aus vergänglichem, sondern aus un- 
vergänglichem Samen, nämlich aus dem lebendigen 
Worte Gottes, das ewig bleibt. Ach ja, liebe Schwes- 
ter, laß uns Petrus Rate nachfolgen, und der Wahrheit 
Christi gehorsam sein, und unsere Seele durch den 
Gehorsam recht keusch machen, und von oben wie- 
dergeboren werden aus Wasser und Geist, was doch 
von oben herab vom Himmel geschehen muss, sodass 
wir wiedergeboren werden müssen, nämlich aus dem 
Wasser, wie Christus sagt: Wer an mich glaubt, aus 
dessen Leibe werden Ströme des lebendigen Wassers 
fließen; das sagt er von dem Geiste, welchen diejeni- 
gen empfangen sollten, die an ihn glauben würden, 
und dann durch die Worte der Wahrheit, gleichwie 
Christus selbst sagt: Die Worte, die ich rede, sind Geist 
und Leben. Ach ja, liebe Schwester, dieses ist das rech- 
te Wasser und der wahrhafte Geist, wodurch wir von 
oben herab wiedergeboren werden müssen, wenn wir 
anders das Himmelreich sehen sollen, denn Christus 
gibt und sendet den Heiligen Geist von oben herab 
auf einen jeden, den er bereit findet; so hat er auch 
sein Wort von oben mitgebracht; darum geschieht die 
Wiedergeburt von oben her. 

Deshalb, liebe Schwester, laß uns Sorge tragen, daß 
wir diese Wiedergeburt wohl bewahren, und allezeit 
vor den Augen des Herrn in Heiligkeit wandeln unser 
Leben lang, als rechte wiedergeborene Kinder Gottes, 
die nicht aus vergänglichem, sondern aus unvergäng- 
lichem Samen (nämlich aus dem lebendigem Worte 
Gottes, das ewig bleibt) wiedergeboren sind. Darum, 
meine liebe und sehr werte Schwester, wenn du recht 
stehst in dieser Wiedergeburt, die auf solche Weise 
von oben in dir geschehen ist, so zeige dann die Art 
dessen, von welchem du geboren bist, sodass du all 
deinen Wandel im Himmel habest, und nicht gesinnt 
seiest nach Fleisch und Blut, noch auf etwas, das sicht- 
bar ist, wie Paulus sagt; sondern nach demjenigen, 
was unsichtbar ist, denn Paulus sagt: Unsere Trübsal, 
die zeitlich und leicht ist, schafft für uns eine ewi- 
ge und über die Maßen gewichtige Herrlichkeit uns, 
die wir nicht auf das Sichtbare, sondern auf das Un- 
sichtbare sehen, denn was sichtbar ist, das ist zeitlich, 
was aber unsichtbar ist, das ist ewig. Darum lasst 
uns doch Stand halten, und allein auf dasjenige sehen 
und glauben, was imsichtbar ist, denn Petrus sagt: 
Wenn nun Jesus Christus offenbar wird, welchen ihr 
nicht gesehen und doch lieb habt, und nun an ihn 
glaubt, wiewohl ihr ihn nicht seht, so werdet ihr euch 
freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude, 
und das Ende eures Glaubens davon bringen, nämlich 
der Seelen Seligkeit. Ach ja, liebe Schwester, laß uns 


doch so handeln nach der Lehre, die uns von oben 
herab durch den Heiligen Geist gebracht worden ist, 
daß wir unsere Seelen keusch machen und von oben 
wiedergeboren werden aus Wasser und Geist, damit 
wir das Himmelreich sehen und solches durch des 
Herrn große Gnade ewig besitzen mögen. Laß uns 
allezeit ein festes Vertrauen und einen festen Glauben 
an den unsichtbaren Gott und den Herrn Jesum Chris- 
tum, unsem Erlöser und der Welt Heiland, haben, 
damit unsere Seelen ewig selig sein mögen; ach, ja, 
daß wir mit allen auserwählten und wiedergeborenen 
Kindern Gottes, und mit allen Heiligen des höchsten 
Gottes des Himmels und der Erde, und der himmli- 
schen, großen, schönen Schar der heiligen Engel Got- 
tes in unaussprechlicher großer Glorie und Freude 
und schöner unvergänglicher Klarheit sein mögen, 
und mit dem Herrn aller Herren und mit dem Könige 
aller Könige in großer schöner Herrlichkeit und in 
über die Maßen großer Freude ewig herrschen, und 
ferner mit allen großen, himmlischen, heiligen Scha- 
ren des Herrn hohen Namen vor großer Freude des 
Herzens loben, preisen, ehren und mit großer Ehre 
ewig heiligen mögen; denn Ehre müsse Gott sein in 
der Höhe, Friede auf Erden, und den Menschen ein 
Wohlgefallen. Hiermit, meine liebe Schwester, bleibe 
dem Herrn befohlen und dem Worte seiner ewigen 
Gnade, Amen. 

Geschrieben aus großer, brünstiger, brüderlicher 
Liebe an dich, Cyntgen, meine liebe und sehr werte 
auserwählte Schwester, zum ewigen und seligen An- 
denken in dem Herrn, von Hansken, deinem elenden, 
armen und schwachen Bruder, der zu Gent auf dem 
Saucelet, um des rechten Wortes des Herrn willen, 
gefangen liegt. Sei meiner in deinem Gebete zu Gott 
eingedenk, damit durch mich armen, elenden Men- 
schen, der ich doch schwach bin, des Herrn hoher und 
heiliger Name ewig gelobt und geehrt werden möge, 
denn unsern Gott loben ist ein köstliches Ding, Amen. 

Der zweite Brief von Hansken von dem Wege. 

Die ewige, überschwängliche, grundlose, große Gna- 
de und Barmherzigkeit Gottes, des himmlischen Va- 
ters, welche uns durch Jesum Christum, den einigen 
und wahren Sohn Gottes, widerfahren ist, wie auch 
die große Demut und Sanftmut, Heiligkeit und Frie- 
den unseres Herrn Jesu Christi, des Heilandes der 
Welt, samt der großen Kraft, dem Tröste, und vollen 
Freude des Heiligen Geistes, wünsche ich euch aus 
dem tiefen Grunde meines Herzens und aus dem In- 
nersten meiner Seele, meinem lieben und sehr werten 
Freunde Jacob Kesy und Martyntgen Moer; dieses ist 
mein ewiger und seliger Wunsch und heiliger Gruß 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


an euch und alle Menschen, die den Herrn fürchten, 
lieben und aus reinem Herzen anrufen, ja, der Herr 
der ewigen Gnade wolle euch diesen meinen seligen 
Wunsch und heiligen Gruß geben, und wolle euch 
im Guten weise, im Bösen aber imschuldig machen, 
damit ihr mit Hiob recht und schlecht, gottesfürch- 
tig und das Böse meidend, erfunden werden mögt, 
Amen. 

Ferner, meine lieben und werten Freunde Jac. und 
Mart., ich bitte euch aus meines Heizens Grunde, und 
durch die große brünstige Liebe und Barmherzigkeit 
Gottes, wie auch durch Jesum Christum, den Sohn 
Gottes, und durch sein Verdienst, seinen bittern Tod, 
seine blutigen Wunden und sein köstliches Blut, wel- 
ches er um Kreuze hat vergießen lassen, um uns zu 
erkaufen und von den Banden des Todes zur erlösen; 
ja, ich bitte euch in der ausgesprochenen Weise, und 
sage mit dem Apostel Paulus: Fliehe die Lüste der 
Jugend, und jagt nach der Gerechtigkeit, dem Glau- 
ben, der Liebe, dem Frieden, mit allen denen, die den 
Herrn aus reinem Herzen anrufen. Ach, habt doch 
wohl Achtung darauf, und strebt nach dem Glauben, 
denn ohne Glauben ist es unmöglich, Gott zu gefallen, 
und wer nicht glaubt, wird verdammt sein, sagt unser 
Herr Jesus Christus. Darum, ach lieber Jac. und Mart., 
kehrt um, kehrt um, und strebt nach dem Glauben, 
der wahrhaftig ist, der durch die Liebe, ja, durch die 
brünstige Liebe Gottes tätig ist, ohne welche nimmer- 
mehr jemand Gott gefallen kann, wie Paulus sagt. Dar- 
um habt doch ja Achtung darauf, daß ihr den Glauben 
mit der Liebe befestigt, und mit all eurer Herzenskraft 
nach der Liebe strebt, welche Art der Liebe in der 
Sanftmut und Freundlichkeit besteht. Ja, die Liebe ist 
nicht neidisch; die Liebe ist nicht schalkhaft, sie bläst 
sich nicht auf; sie ist nicht betrüglich, sie sucht nicht 
das Ihre, sie lässt sich es nicht verdrießen; sie denkt 
nichts Arges; sie freut sich nicht über die Ungerech- 
tigkeit, sondern sie freut sich über die Wahrheit; sie 
trägt alles, sie leidet alles, sie glaubt alles, sie hofft 
alles, die Liebe vergeht nimmermehr. Darum sage ich 
noch einmal, habt doch gute Achtung darauf, daß ihr 
nach dieser schönen Frucht der Liebe strebt, und daß 
sie bei euch bis in Ewigkeit gefunden werden möge, 
damit ihr euren Glauben mit der rechten Liebe zieren, 
Gott gefallen und selig werden mögt. Darum, ach mei- 
ne lieben Freunde, jagt nach dem Glauben, der Liebe 
und dem Frieden mit allen Menschen; denn das ist 
Weisheit, die von oben ist, die zunächst keusch, dar- 
nach friedsam, gelinde, voll Barmherzigkeit und guter 
Früchte, unparteiisch und ohne Heuchelei ist, indem 
die Frucht der Gerechtigkeit denen im Frieden gesät 
wird, die den Frieden halten. Darum haltet den Frie- 
den und bleibt dabei, damit auch der Friede des Herrn 


in eurem Herzen die Oberhand haben und die Frucht 
der Gerechtigkeit zum Preise des Herrn und eurer See- 
len Seligkeit hervorbringen möge. Ach ja, lieber Jac. 
und Mart., lebt doch so nach meiner Bitte und Paulus 
Ermahnung, dann werdet ihr nicht betrogen werden; 
jagt doch dieser Gerechtigkeit nach, die aus dem Glau- 
ben kommt, von ganzem Herzen und aus eurer Kraft 
und Vermögen; bittet, klagt, ruft und weint im Geiste 
und in der Wahrheit, zu Gott, dem himmlischen Vater, 
um Gnade und Barmherzigkeit; ja, setzt euer Vertrau- 
en und eure Hoffnung auf Ihn von ganzem Herzen 
und mit Standhaftigkeit, dann wird der Herr, der alles 
Guten voll ist, euch gnädig sein, nach seiner großen 
Güte und unergründlichen Barmherzigkeit; denn der 
Herr ist gnädig, barmherzig, geduldig und von großer 
Güte, und es reut ihn die Strafe bald, indem der Herr 
nicht will, daß jemand verloren gehe, sondern daß 
sich jeder bekehre. Ja, dieses ist sein Begehren, denn 
Christus sagt: Tut Buße und glaubt dem Evangelium. 
So nehmt denn diese gute Lehre an; bekehrt euch und 
tut rechtschaffene Früchte der Buße; flieht die Lüste 
der Jugend, und liebt nicht die Welt, welche doch in 
Wollüsten lebt, wie Johannes sagt, noch was in der 
Welt ist, denn wenn jemand die Welt liebt, in dem 
ist nicht die Liebe des Vaters, weil alles, was in der 
Welt ist, nämlich Fleischeslust, Augenlust und hoffär- 
tiges Leben, nicht vom Vater, sondern von der Welt 
ist, und die Welt mit ihrer Lust vergeht; wer aber den 
Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit. Darum sage 
ich euch noch einmal: Flieht die Lüste des Fleisches 
und der Jugend in dieser Welt, daß ihr mit der Welt 
nicht verdammt werdet. Ach, ja, wendet euch von die- 
sem bösen Geschlechte, das so in Wollüsten lebt, denn 
sie sind lebendig tot, wie Paulus sagt. Darum, o Jac. 
und Mart., lasst ab, lasst ab von dieser bösen Art der 
Gottlosen, damit ihr mit ihnen von dem Herrn nicht 
ohne Barmherzigkeit gestraft werdet; denn Gott wird 
über die Gottlosen Blitz, Feuer und Schwefel regnen 
lassen, und wird ihnen ein Ungewitter zum Lohne 
geben, indem der Herr gerecht ist und die Gerechtig- 
keit lieb hat, sodass er nach seiner Gerechtigkeit die 
Sünder nicht ungestraft lassen kann. Darum flieht die 
Lüste der Jugend; jagt nach der Gerechtigkeit, dem 
Glauben, der Liebe und dem Frieden, mit allen denen, 
die Gott aus reinem Herzen anrufen. Ja, mein lieber 
J. und M., jagt nach diesen edlen Gaben des Herrn, 
nämlich der Weisheit, die von oben kommt, ja, ich sa- 
ge: Ringt darnach, und tut rechtschaffene Früchte der 
Buße, dann werdet ihr wohl fahren; demütigt euch 
allezeit unter die gewaltige Hand Gottes, und seid 
nicht mehr stolz, sondern fürchtet euch mit großer 
Herzens- und Geistesdemut vor Gott, dem himmli- 
schen Vater, denn Gott widersteht den Hoffärtigen, 



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aber den Demütigen gibt er Gnade. Darum sage ich 
noch einmal, demütigt euch unter die gewaltige Hand 
Gottes, damit er euch zu seiner Zeit erhöhe, denn wer 
sich erhöht, der soll erniedrigt werden; wer sich aber 
erniedrigt, der soll erhöht werden, sagt Jesus Christus, 
unser Herr. Darum, o lieber Jac. und Mart., jagt nach 
der Gerechtigkeit, und strebt darnach mit allen euren 
Kräften, und befleißigt euch von Herzen, und sündigt 
nicht mehr, damit euch nicht etwas Ärgeres widerfah- 
re, und lernt ihn aus allen euren Kräften lieben, damit 
eure Namen in das Buch des Lebens aufgeschrieben 
werden, und ihr durch Gottes große Gnade ewig selig 
werden und mit allen heiligen Engeln in den großen 
Himmel und der großen himmlischen Schar bei dem 
Herrn aller Herren, in unaussprechlich großer Freude, 
Herrlichkeit und Klarheit, herrlich im Himmel ewig 
regieren mögt, wo man den großen, heiligen Namen 
des Herrn ewig loben, preisen und ehren wird; denn 
Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden und den 
Menschen ein Wohlgefallen. 

Hiermit bleibt dem Herrn befohlen und dem Worte 
seiner Gnade, Amen. Geschrieben von mir, Hansken 
von dem Wege, gefangen um des Zeugnisses unsers 
Herrn Jesu Christi willen. 

Der dritte Brief des Hansken von dem Wege. 

Dieses ist mein seliger Wunsch und heiliger Gruß, dir, 
Claerken, meiner lieben Schwester, zum ewigen An- 
denken, damit du heilig leben und selig sterben, und 
mit einem heiligen Leibe auferstehen mögest, dem 
Herrn bequem, und sowohl zu deiner Seelen Selig- 
keit, als auch zum Preise und zur Ehre des ewigen 
und allmächtigen Gottes des Himmels und der Erde, 
dessen Namen sei ewiges Lob und Preis und Ehre, 
von nun an bis in Ewigkeit, Amen. 

Ach, liebe und sehr werte auserwählte Schwester, 
ich wünsche dir aus dem tiefen Grunde meines Her- 
zens und aus dem Innersten meiner Seele viel Gnade 
und Barmherzigkeit von Gott, unserm himmlischen 
Vater, der wahrhaftig und allmächtig ist, von welchem 
alle Dinge sind, und das durch Jesum Christum, un- 
sem Herrn, den Sohn des wahren und lebendigen 
Gottes, durch welchen alle Dinge sind, derselbe ist 
der Welt Heiland, insbesondere der Gläubigen. Denn 
er ist unser Hohepriester, Fürst, Versöhner und Selig- 
macher durch seinen Tod und kostbares Blut, welches 
er für uns einmal ausgegossen hat, und das mit großer 
Sanftmut und Demut in Heiligkeit und gutem Frie- 
den, auch mit großer Kraft, Trost und voller Freude 
des Heiligen Geistes. Ach ja, der Heilige Geist, liebe 
Schwester, welcher der höchste Trost unseres betrüb- 
ten Gewissens ist, wolle dich in alle Wahrheit führen 


und leiten. Ach, Claerken, liebe Schwester, strebe dar- 
nach, und reinige dich dazu, damit du ein Glied an 
des Herrn Leib und ein Stein an seinem Tempel sein 
mögest und befleißige dich der Demut, sodass man an 
dir sehen und wahmehmen könne, daß du dem Flei- 
sche nach dich erniedrigt und dem Geiste nach dich 
gedemütigt habest, daß der Heilige Geist in dir woh- 
nen möge, und du die Art dessen erzeugen mögest, 
der in dir wohnt, mit großer Freundlichkeit, Barm- 
herzigkeit, Liebe und Frieden gegen jedermann, nicht 
zänkisch, nicht schreiend, nicht fluchend, nicht auf- 
geblasen noch hochmütig, nicht gesinnt die Götzen 
zu ehren, noch den Menschengeboten zu gehorchen, 
auch nicht begierig nach schändlichem Gewinne, wel- 
chen man doch zurücklassen muss. O ja, liebe Schwes- 
ter Claerken, fliehe doch alle diese Gräuel und bösen 
Stücke, und außerdem, was diesen gleich ist. O ja, 
meide sie, wie du die Schlangen meidest, denn wenn 
du ihnen zu nahe kommst, so stechen sie dich, daß 
es kein Mensch heilen kann. Darum, liebe Schwes- 
ter, scheide dich von allen diesen Gräueln, und rühre 
nichts Unreines an, sondern trachte darnach, daß du 
andere in guten Werken übertreffen mögest, damit du 
tüchtig erfunden werdest, eine Wohnung des Geistes 
Gottes zu sein, und allezeit die Frucht des Geistes her- 
vorbringen mögest. Denn die Frucht des Geistes ist 
allerlei Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit; ja, strebe 
nach dem Himmelreiche, welches lautere Gerechtig- 
keit, Friede und Freude in dem Heiligen Geiste ist, 
Amen. 

Ich grüße meine liebe, sehr werte, auserwählte Mut- 
ter sehr herzlich und freundlich, welche auch mei- 
ne geliebteste Schwester ist, in dem Herrn, ja, aus 
aller meiner Herzenskraft grüße ich dich, o liebe Mut- 
ter, und wünsche dir allezeit bis in Ewigkeit Jesum 
Christum, den Sohn des allerhöchsten Gottes, daß 
er dich mit seiner großen Kraft, wodurch alle Dinge 
erschaffen sind, auf dem rechten Wege, der zum ewi- 
gen Leben, ja zum neuen Jerusalem führt, erhalten 
wolle, deren Straßen von lauter Gold sind, damit du 
daselbst durch seine große Gnade eingehen und ewig 
selig und in ewiger, großer Freude und guter Ruhe 
sein mögest, und mit dem Herrn aller Herren ewig- 
lich triumphieren und herrschen, und seinen großen, 
hohen, heiligen Namen ewig loben, preisen und eh- 
ren mögest; denn Ehre sei Gott in der Höhe, Friede 
auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. Hier- 
mit bleibe dem einigen, allmächtigen Herrn und den 
ewigen Worten seiner Gnade ewig anbefohlen, Amen. 

Gute Nacht, gute Nacht, liebe Mutter, lebe wohl, 
lebe wohl, ach ja, selig, selig, Amen, Amen. 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Der vierte Brief von Hansken von dem Wege. 

Die unergründliche und überschwängliche große 
Gnade und Barmherzigkeit Gottes, unseres himmli- 
schen Vaters, die durch Jesum Christum, den wahr- 
haftigen und lebendigen Sohn Gottes, gegeben und 
geschehen ist, auch Jesum Christum, mit aller seiner 
Demut, Sanftmut und großen Heiligkeit, ja, die große 
Kraft, den Trost und die volle Freude des Heiligen 
Geistes wünschen wir dir aus dem innersten Grunde 
unserer Seelen und aus aller Kraft unserer Herzen, als 
unserer lieben und sehr werten auserwählten Schwes- 
ter in dem Herrn, und allen, die den Herrn fürchten, 
lieben und aus reinem Herzen anrufen. Dieses ist un- 
ser ewiger und seliger Wunsch, ja, heiliger Gruß; der 
Herr wolle dir diesen unsern seligen Wunsch und 
heiligen Gruß geben, und wolle dich im Guten weise 
und im Bösen unschuldig machen, damit du recht 
und schlecht, gottesfürchtig und das Böse meidend 
erfunden werden mögest, Amen. 

Ferner, liebe, sehr werte, auserwählte Schwester 
in dem Herrn, wir wünschen dir und uns und allen 
Menschen den ewigen, großen und seligen Schatz, 
mit welchem Christus das Himmelreich vergleicht, 
den ein Mensch in einem Acker fand und ihn verbarg, 
und vor Freude hinging und alles verkaufte. Ja, lie- 
be Schwester in dem Herrn, laß uns auch so gesinnt 
sein, wie jener war, der den Schatz gefunden hatte. 
Weil uns nun der Schatz durch Jesum Christum, den 
Sohn Gottes, bekannt gemacht worden ist, so sollen 
wir ihn auch verbergen, und das mit großem Fleiße, 
mit Bitten, mit Flehen und Fasten im Geiste, zu Gott, 
denn einem Schatze stehen Diebe und Mörder nach, 
um ihn wegzunehmen; darum laß uns wohl Zusehen, 
das er uns nicht genommen werde; laß uns f ortgehen 
in Gerechtigkeit und Frieden, und mit großer Freu- 
de und Wonne im Heiligen Geiste, denn das Reich 
Gottes ist Gerechtigkeit, Friede und Freude in dem 
Heiligen Geiste. Darum laß uns so fortgehen, weil uns 
der Schatz, der in dem Acker vor so vielen Menschen 
verborgen liegt, offenbart ist. So lasst uns denn Fleiß 
anwenden; ja, liebe Schwester, laß uns so fortgehen, 
und mit großer Standhaftigkeit in der Sanftmut und 
untrüglichen Wahrheit Jesu Christo nachfolgen, denn 
er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Darum 
laß uns Ihm allezeit nachfolgen und fortgehen, bis wir 
alles verlassen und verkauft haben, und laß uns dann 
den Acker kaufen, in welchem der Schatz verborgen 
liegt, denn Christus sagt: Wer nicht alles verlässt, der 
ist meiner nicht wert. 

Wenn dieser Schatz in einem großen, breiten Acker 
verborgen läge, so würden sich zwar viele daran ma- 
chen, ihn zu suchen, aber nur einer würde denselben 


finden; ebenso liegt auch der gute, große und selige 
Schatz Jesus Christus, der Sohn Gottes, in dem Acker 
der Heiligen Schrift verborgen, welchem zwar wohl 
viele nachsuchen können, aber nur einer findet ihn, 
nämlich alle Glieder, die zu dem Leibe gehören, wo- 
von Jesus Christus das Haupt ist; diese haben den 
Schatz Jesum Christum, samt seiner Gnade und sei- 
nen Verdiensten gefunden und auch das ewige Leben 
selbst gefunden; sie mögen sich aufs Höchste in dem 
heiligen Geiste erfreuen, daß sie den großen, schönen, 
heiligen Schatz (Jesum Christum) gefunden haben, 
und mögen wohl mit dem Propheten sagen: Das Los 
ist mir gefallen aufs Lieblichste, der Herr ist mein Erb- 
teil geworden; darum will ich mich nicht fürchten, 
wenn mir auch Leib und Seele verschmachtete, so bist 
du doch, o Herr, allezeit meines Herzens Trost und 
mein Teil; ja, der Herr ist mein Teil, sagt meine Seele; 
darum will ich auf ihn trauen. 

So laß uns denn, meine liebe, sehr werte, auserwähl- 
te Schwester in dem Herrn, so fortgehen mit tapfe- 
rem festem und starkem Vertrauen, mit großer Demut 
und Sanftmut des Herzens und mit einem großen 
Verlangen nach unserm heiligen und seligen Schatze 
(Jesu Christo), dann wird der Herr Lust an unserer 
Schönheit haben. Und wenn der Herr mit großer Kraft 
der Engel und mit Posaunen in den Wolken kommen 
wird, um einen jeden nach seinen Werken zu lohnen, 
dann wird man die Auserwählten von den vier Win- 
den des Himmels versammeln und sie (als Schafe) zu 
seiner Rechten stellen, die Gottlosen aber (als Böcke) 
zu seiner Linken; dann werden wir das süße und se- 
lige Wort hören: Kommt her, ihr Gesegneten, besitzt 
das Reich meines Vaters, das euch von Anbeginn der 
Welt her bereitet ist; dann werden wir zu der großen, 
schönen und unvergänglichen Herrlichkeit des Herrn 
eingehen; dann werden wir in großer Herrlichkeit 
und unaussprechlicher, großer, ewiger Freude sein 
und werden ewig bei dem Herrn aller Herren, dem 
Könige aller Könige, dem Gott aller Götter und Va- 
ter aller Väter sein. Ihm Lob und Dank sagen und 
Ihn preisen, ehren und heiligen; denn heilig, heilig, 
heilig ist Gott, der allmächtige Herr, der da war, und 
ist, und kommen wird; aber denen zu seiner Linken 
wird er sagen: Geht hin, ihr Verfluchten, in das ewi- 
ge Feuer, das dem Teufel und seinen Engeln bereitet 
ist, wo Heulen und Zähneklappern sein wird. Darum, 
ach Liebe und Werte in dem Herrn, laß uns wohl Zu- 
sehen, daß wir nicht schlafen in den Sünden, damit 
uns unser Schatz nicht genommen werde, denn wenn 
die Leute schlafen, bestehlen sie die Diebe, sondern 
laß uns wachen und beten, und uns schmücken, wie 
die fünf klugen Jungfrauen, die Öl in ihren Lampen 
hatten, damit wir, wenn der Bräutigam kommt, zu sei- 



571 


ner herrlichen, unvergänglichen Hochzeit eingehen 
mögen, wo man den Herrn ewig loben wird, denn 
unsern Gott loben ist ein köstliches Ding. 

Hiermit bleibe dem Herrn und dem reichen Wor- 
te seiner Gnade befohlen, Amen. Sei unserer allezeit 
in deinem heiligen Gebete zu Gott eingedenk, wie 
Paulus sagt; gedenke der Gefangenen als eine Mitge- 
fangene, denn wir gedenken deiner auch zum Besten 
in unserm Gebete nach unserem geringen Vermögen, 
indem geschrieben steht: Wie ihr wollt, daß euch die 
Menschen tun sollen, so tut auch ihnen; denn das ist 
das Gesetz und die Propheten. 

Geschrieben aus großer, brüderlicher Liebe, und 
von uns drei Gefangenen, um des Wortes des Herrn 
und seines heiligen Namens willen, an dich gesandt, 
unsere liebe und sehr werte Schwester in dem Herrn, 
Amen. 

Barbelken Göthals und Saerken von Duerhofen, 
1570. 

Zu Gent in Flandern sind zwei fromme Schwestern, 
namens Barbelken Göthals und Saerken von Duerho- 
fen, um ihres Glaubens willen verhaftet worden. Als 
sie nun im St. Peterskloster gefangen saßen, haben sie 
viele Versuchungen, Leiden und Qualen ertragen müs- 
sen, weil sie aber standhaft bei der göttlichen Wahr- 
heit blieben, sind sie endlich als Ketzerinnen zum 
Tode verurteilt und den 21. November 1570 bei Gent 
verbrannt worden, wodurch sie denn von dem ewi- 
gen unauslöschlichen Brande der Hölle befreit sind 
und befreit bleiben werden. 

Hier folgt ein Brief, welchen Barbelken Göthals im 
Gefängnisse an Jasper N., einen ihrer 

Glaubensgenossen, geschrieben und gesandt hat. 

Die überschwängliche und unergründliche große Gna- 
de, der Friede und die Barmherzigkeit Gottes, unsers 
himmlischen Vaters, und Jesu Christi, seines einigen 
und ewigen, lieben und werten Sohnes (durch wel- 
chen wir erlöst und von den Ketten der Hölle und von 
den Schatten des Todes entbunden und durch sein 
teures Blut versöhnt sind), wünsche ich dir, meinem 
geliebtesten Bruder in dem Herrn, zum Seelenbewah- 
rer; derselbe wolle dich trösten mit dem großen Tröste, 
der Freude und Wonne des Heiligen Geistes in allem 
demjenigen, was dir noch um des wahren Zeugnisses 
unsers lieben Herrn Jesu Christi willen begegnen wird. 
Diesem Gott, der allein weise ist, sei Lob, Preis, Ehre, 
Kraft, Stärke und Gewalt, von Ewigkeit zu Ewigkeit, 
Amen. 

Nebst allem gebührlichen, herzlichen und freundli- 


chen Gruße an dich J., meinen liebsten Bruder in dem 
Herrn, den ich wert und lieb habe mit göttlicher Liebe 
in der Wahrheit, und um der Wahrheit willen, ach, 
das weiß der Herr, der alle Herzen kennt. Ach, mein 
lieber und sehr werter Bruder in dem Herrn, wisse, 
daß mein Gemüt sich noch wohl befindet, um unsern 
lieben Herrn aus meines ganzen Herzens Grunde zu 
fürchten nach meiner Schwachheit mein Leben lang, 
und daß ich, durch des Herrn Hilfe, hoffe, niemals 
um irgendeines Dinges willen das in der Welt ist, von 
der Wahrheit zu weichen, es seien Güter, Gold oder 
Silber; ebenso hoffe ich, durch des Herrn Gnade, von 
ihm nicht abzuweichen, worin der allmächtige Gott 
mich stärken wolle, wie ich ihn darum bitte. 

Ach, mein geliebter Bruder in dem Herrn! Ich will 
lieber mit Susanna in der Menschen Hände fallen, als 
vor dem Angesichte des Herrn sündigen, denn die 
reine und unbefleckte Susanna sagte: Wenn ich sol- 
ches tue, so bin ich des Todes; tue ich es aber nicht, 
so komme ich nicht aus euren Händen; doch will ich 
lieber unschuldig in der Menschen Hände kommen, 
als wider den Herrn sündigen; ich weiß auch wohl, 
daß, wenn ich die Wahrheit verlasse, mir dennoch 
der Tod gewiss ist; aber, ach nein! das hoffe ich durch 
des Herrn Gnade nimmermehr zu tun; es ist mir viel 
besser, daß ich in der Menschen Hände falle, als daß 
ich den Herrn, meinen Gott, verlassen sollte. Ach, 
nein, allerliebster Bruder in dem Herrn, ach laß uns 
nimmermehr von des Herrn Wahrheit weichen, denn 
es sind uns so viele schöne Verheißungen gegeben; 
wenn wir bis zum Tode standhaft bleiben, sollen wir 
die Seligkeit erlangen. Ach, mein sehr werter und lie- 
ber Bruder in dem Herrn! Ach, möchten wir nur selig 
werden; das ist genug; ich hoffe durch seine große 
Gnade, daß wir die Seligkeit ererben, wenn wir bei 
seinem Worte bleiben; er ist getreu, der es uns ver- 
heißen hat, und wird es auch halten; denn er spricht 
durch seinen frommen Propheten Jesaja (als er die Sei- 
nen tröstete): Wenn auch eine Mutter ihr eigenes Kind 
vergäße, das sie selbst geboren hat, so will ich doch 
deiner nicht vergessen. Mein herzlich geliebter Bruder 
in dem Herrn, sieh doch an, wie treulich unser lieber 
Herr uns tröstet; so laß uns denn, mein Lieber und 
Werter, ach laß uns guten Mutes sein und willig ar- 
beiten, denn sie (unsere Arbeit) wird nicht vergeblich 
sein in dem Herrn; deshalb bin ich tapfer und wohl- 
gemut, dem Herrn sei Lob und Preis von nun an bis 
in Ewigkeit, der mir so treulich beisteht, nach seiner 
Verheißung. Ach, wer sollte einen solchen Gott nicht 
fürchten, der seine zarten Reben so bewahrt! Ich habe 
auch das feste Vertrauen zu meinem Herrn und Gott, 
daß er mich bewahren werde, wo ich bin, und mich, 
wenn es sein Wille ist, aus dieser Mordgrube erlösen 



572 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


werde. Darum, ach, mein geliebtester und sehr wer- 
ter Bruder in Christo Jesu, laß uns guten Mutes sein, 
wenn uns auch mehr Widerwärtigkeit als der Welt zu- 
stößt, ach, laß uns auf den Herzog unseres Glaubens 
und den Vollender Jesum Christum sehen, wie er uns 
in vielem Leiden und großer Schmach vorgegangen 
ist, gleichwie auch alle heiligen Propheten. Ach, laß 
uns darauf sehen, wie sie uns in so viel Trübsal, Man- 
gel und Ungemach vorgegangen sind, deren die Welt 
nicht wert war, denn hätten sie daran gedacht, wovon 
sie ausgegangen waren, sie hätten ja Zeit genug ge- 
habt, wieder umzukehren; nun sie aber ein Besseres 
begehren, nämlich das Himmlische, so schämt sich 
auch Gott nicht, ihr Gott genannt zu werden. 

Darum, ach J., mein herzlich geliebter und sehr wer- 
ter Bruder in dem Herrn, wird sich Gott auch nicht 
schämen, unser Gott genannt zu werden, wenn wir 
anders treulich bei seiner Wahrheit bleiben, und nicht 
abermals der Buße von toten Werken und des Glau- 
bens an Gott Grund legen. Ach nein! Ach nein, aller- 
liebster Bruder in dem Herrn, laß uns nicht abermals 
der Buße von toten Weiten und des Glaubens an Gott 
Grund legen, sondern laß uns den Glauben, den wir 
an Christum, unsem lieben Herrn, haben, festhalten; 
ach, ich hoffe mit Gottes Hilfe den Glauben, den ich 
an Jesum Christum habe, festzuhalten; es soll mich 
auch, mit des Herrn Hilfe, niemand von der Liebe 
Gottes scheiden, wie auch Paulus sagt: Wer will uns 
von der Liebe Gottes scheiden? Trübsal, oder Angst, 
Verfolgung, Hunger, oder Blöße, oder Schwert? Wie 
geschrieben steht: Um deinetwillen werden wir getö- 
tet den ganzen Tag, wir sind geachtet wie Schlacht- 
schafe; aber in allem diesem überwinden wir weit, 
um deswillen, der uns geliebt hat, denn ich bin ge- 
wiss, daß weder Tod noch Leben, weder Engel, noch 
Geist, noch Pein, noch Gewalt, weder Gegenwärtiges 
noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes, noch ei- 
ne andere Kreatur, uns von der Liebe Gottes scheiden 
mag, die in Christo Jesu, unserm Herrn, ist. Darum, 
mein geliebtester und werter Bruder in dem Herrn, 
laß uns ja wohlgemut sein in dem Herrn, denn sie 
können kein Haar von unserem Haupte krümmen, es 
sei denn der Wille des Vaters. Ach, J., mein lieber und 
werter Bruder in dem Herrn! Ich bin noch so wohlge- 
mut, der Herr sei dafür gelobt, sodass ich die Freude 
nicht beschreiben kann, die ich in meinem Herzen ha- 
be. Ach, welchen Mut habe ich wider die Fürsten und 
Herren der Finsternis zu streiten! Es dünkt mich, daß 
ich wohl mit David sagen könnte: Ich fürchte mich 
nicht vor vielen Hunderttausenden, die sich wider 
mich legen. Ach, welch eine Freude habe ich! Lob, 
Preis und Ehre müsse Gott gegeben werden bis in 
Ewigkeit für die große Freude, die er gibt. Ach, mein 


allerliebster Bruder, freue dich doch mit mir, und laß 
es dir zur Stärkung dienen, wie ich denn auch hof- 
fe, daß es eine solche sein wird. So habe ich denn, 
mein geliebtester Bruder in Christo Jesu, ein wenig ge- 
schrieben nach der geringen Gabe, die ich durch des 
Herrn Gnade empfangen habe. Hiermit will ich dich 
unserm lieben Herrn und dem reichen Worte seiner 
Gnade befehlen, ich nehme nun Abschied und sage: 
Gute Nacht, gute Nacht, lebe wohl, lebe wohl, mein 
allerliebster Bruder in dem Herrn, bis wir wieder Zu- 
sammenkommen. Müssen wir auch hier voneinander 
scheiden und von Menschen geschieden werden, so 
hoffe ich doch, daß wir uns da versammeln werden, 
wo uns niemand scheiden wird. O J., mein liebster 
Bruder in dem Herrn, halte dich doch tapfer in dem 
Worte Gottes bis ans Ende; ein Gleiches hoffe ich auch 
zu tun. Ich sage noch einmal gute Nacht, gute Nacht, 
lebe wohl, lebe wohl; nun muss es geschieden sein. 
Ach, ich bitte dich freundlich, du wollest mir doch 
mein einfaches Schreiben zu gut halten, wie ich auch 
hoffe, daß du tun wirst, denn es ist aus reiner Liebe ge- 
schehen. Geschrieben in Banden, von mir, Barbelken 
Göthals, deiner schwachen Schwester in dem Herrn, 
die in St. Peters um des wahren Zeugnisses Jesu wil- 
len gefangen sitzt und in Ketten liegt. Behalte diesen 
Brief zu meinem Andenken; ich hoffe ihn mit meinem 
Blute zu versiegeln. Fürchte Gott allezeit, aber keinen 
Menschen. 

Zehn Personen, sowohl Männer als Weiber, 
werden um des Zeugnisses Jesu Christi Willen zu 
Dortrecht um das Jahr 1570 verbrannt. 

Uns ist aus alten und glaubwürdigen Nachrichten 
als Tatsache erzählt worden, daß um das Jahr unsers 
Herrn 1570 der Schultheiß der Stadt Dortrecht zwei 
sehr gottesfürchtigen Leuten, nämlich einem Manne 
und einer Frau (deren Namen wir nicht haben verneh- 
men können), nachgestellt habe, weil sie Wiedertäufer 
genannt wurden; daß derselbe sie auch endlich in der 
Marienbonstraße der genannten Stadt, in einem Hau- 
se, wo ein Stiefel aushing, gefunden. Diese beiden 
sind kurz darauf, weil sie bei ihrem Glauben stand- 
haft blieben, auf dem Marktfelde vor der Waag, wo 
damals der Richtplatz war, verbrannt worden. 

Desgleichen, daß noch sieben von derselben Religi- 
on, sowohl Männer als Weiber, die von Breda gekom- 
men waren, gleiche Strafe erlitten haben, weil sie auf 
keine Weise von ihrem Glauben abgebracht werden 
konnten, und auf dem Plane, nicht weit von der Men- 
nebrücke vor dem Pulverturme, welcher der zweite 
Platz des Hochgerichtes ist, verbrannt worden sind. 

Es wird ferner berichtet, daß um das Ende des Jah- 



573 


res, nämlich im Monate November, als die große und 
erschreckliche Wasserflut, die auf Allerheiligentag ein- 
brach und von der fast jedermann zu sagen weiß, ein 
Ende genommen hatte, eine Witwe der Taufgesinn- 
ten in Armetysstraße aus einem Kämmerlein neben 
einer Treppe durch den Schultheißen und Statthalter 
abgeholt worden sei, welche einige Zeit darauf, als 
sie von ihrem Glauben nicht abweichen wollte, gleich- 
falls durch Feuer ihr Leben hat endigen müssen. Aus 
alten Nachrichten. 

Wir haben nach den Verhören und den Todesur- 
teilen der vorgemeldeten Personen in den ordent- 
lichen Stadtbüchern des Blutgerichtes aus dieser 
Zeit gesucht, aber nichts gefunden; desgleichen auch 
nichts von I. W. von Kuyk und Adriaentgen Jans von 
Molenaers-Graef, welche zwei Jahre nachher getötet 
worden sind, da gleichwohl zu unsern Zeiten noch 
verschiedene lebendige Zeugen gewesen sind, welche 
den Tod dieser Leute mit allen Umständen angesehen 
haben. Es erhellt aber aus den Umständen, daß sich 
die Papisten geschämt haben, die Gerichtsverhandlun- 
gen und Todesurteile dieser Leute in die Stadtbücher 
einzutragen, weil es schien, daß sich das Land, und 
auch zugleich diese Stadt, bald nachher in der Reli- 
gion und Regierung verändern würde, was ungefähr 
zwei Jahre darauf geschehen ist, als Wilhelm der Erste, 
Prinz von Oranien, dahin kam. Mit seinem Erscheinen 
hat auf einmal der Zwang über den Glauben und die 
Gewissen dort ein Ende genommen. 

Was die Personen betrifft, die damals (nämlich im 
Jahre 1570) im Gerichte saßen und das Recht verwalte- 
ten, so waren es (nach Angabe des Johann von Bever- 
wyk in seinem Register der Obrigkeit von Dortrecht) 
folgende: 

Adrian von Bleyenburg Adriaenß, Schultheiß dieser 
Stadt, welcher sein Amt schon im Jahre 1549 angefan- 
gen hat, und dasselbe im folgenden Jahre, nämlich 
1571, niedergelegt hat. 

Arent von der Myle Herr Corneliß, war Bürger- 
meister der Gemeinde, und Gysbrecht von Harlem 
Janß, Cornelius von Diemen Jacobs, Huybrecht Jonge 
Adriaenß, Jan von Slingelland Herr Ottenß, Woiuriß 
von Drenkwaart Herr Willenß, Jan Janß Glandß, Bou- 
dewyn Heermann Gysbrechtß, Dierik von Beverivyk 
Herr Philippß, Corneliß von Mosyenbroek Herr Cor- 
neliß waren die Ratsherren der Stadt. 

Es ist uns aber unbekannt, ob sie alle oder nur einige 
derselben in diese Todesurteile eingewilligt haben. 


Jelis Claverß, Lysabet, Claes de Vries Weib, 

Nelleken Jaspers, und außer ihnen 33 Personen, 
1571. 

Im Jahre 1571 sind zu Antwerpen in Brabant 36 Perso- 
nen um der Wahrheit des heiligen Evangeliums Jesu 
Christi willen, welcher sie nachfolgten, gefänglich ein- 
gezogen worden. Unter denselben haben sich auch 
Jelis Claverß und des Claes de Vries Weib, genannt 
Lysabet, und Nelleken Jaspers befunden, von welchen 
wir glauben, daß sie mit in der Zahl der sechs Manns- 
personen und den dreißig Weibern begriffen gewesen, 
von welchen einige verbrannt, andere aber in großer 
Standhaftigkeit ertränkt worden sind; diese gemel- 
dete Lysabet aber starb mit einem Schraubeisen im 
Munde, welches ihr das Reden verwehrte, damit sie 
die Unschuld ihres Todes dem umstehenden Volke 
nicht verkündigen möchte, durch welche Tat die Mön- 
che und Pfaffen das Maß ihrer Vorfahren, der blut- 
dürstigen Pharisäer, bis an den Rand gefüllt haben, 
denn jene haben nur ihre, eigenen Ohren verstopft, 
damit ihnen der werte Mann Gottes Stephanus die 
Wahrheit nicht sagen möchte, dagegen haben diese 
neuen Pharisäer, die Mönche, diesem frommen und 
treuen Zeugen Gottes die Zunge mit Schrauben fest- 
geschraubt und die Oberfläche der Zunge mit einem 
glühenden Eisen bestrichen, damit sie anschwellen 
und dadurch eine Zeitlang zur Rede unfähig gemacht 
würde. Also sind diese Frommen nicht wegen irgend- 
einer Missetat, wegen eines Aufruhrs, Betrugs oder 
Ketzerei willen getötet worden, sondern allein, weil 
sie aus Babel ausgegangen waren und sich mit Chri- 
sto vereinigt hatten, worin sie der Lehre des Heili- 
gen Geistes nachfolgten. Darum haben sie für den 
Glauben der Wahrheit tapfer gestritten, und werden 
von dem Fürsten der Wahrheit die Krone der ewigen 
Herrlichkeit (für diese kurze und kleine Arbeit) aus 
Gnaden empfangen und ewig genießen. 

Diese oben gemeldete Nelleken Jaspers ist ein 
Mägdlein von siebzehn Jahren gewesen, zu deren An- 
denken in diesen Landen viel auf der Gasse gesungen 
worden ist. Sie hat ungefähr ein Jahr gefangen ge- 
sessen, sodass sie ungefähr 18 Jahre alt war, als sie 
starb. In der Zeit ihrer Gefangenschaft hat sie schwe- 
re Anfechtungen erlitten, indem ihr bald mit Bedro- 
hungen des schrecklichen Todes, bald mit schönen 
Verheißungen einer vorteilhaften Heirat und derglei- 
chen zugesetzt wurde; aber gleichwie Christus (ihr 
Herzog) alle Versuchungen des Feindes abgeschla- 
gen und überwunden hat, so ist auch diese junge 
Heldin den Fußstapfen ihres Bräutigams Christi Jesu 
getreulich nachgefolgt, ist bis an den Tod standhaft 
geblieben, und hat, durch Gottes Gnade, das Ende 



574 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


des Glaubens (welches der Seelen Seligkeit ist) davon 
getragen. Obgleich einige die Nelleken Jaspers unter 
die Geusen (reformierte Religion) zu ziehen suchen 
(gleichwie sie auch von der Anneken von den Hove 
mit Unrecht behaupten, welche bei Brüssel lebendig 
vergraben worden ist), so verhält sich doch die Sache 
anders, denn als man dieses aufgezeichnet hat, sind 
noch glaubwürdige Menschen am Leben gewesen, die 
es besser wussten; diese haben bezeugt, daß sie auf 
eben denselben Glauben gestorben sei, den auch die- 
se frommen Bekenner hatten (die man Mennoniten 
nennt); solches ist auch aus Joost Verkinderts Briefe 
vom 20. Juni zu ersehen, in welchem sie in Ansehung 
des Glaubens zu Joost und Louwerenß Andrieß ge- 
setzt wird, welche die Brüder mit des Herrn Frieden 
grüßen ließen. 

Dirk Mienweß, 1571. 

Nach vielerlei Verfolgung, Morden und Verbrennen 
der wahren Nachfolger Christi ist auch zu Vlissingen 
in Seeland ein frommer Bruder, namens Dirk Mien- 
weß, gefänglich eingezogen worden. Nachdem der- 
selbe nun lange gefangen gesessen, hat er von dem 
Amtmanne und Stockmeister Erlaubnis erlangt, ihnen 
zum Nutzen ihrer Haushaltungen einige Dienste zu 
erweisen, weshalb er (nebst einigen seiner Mitgefan- 
genen) oft aus dem Gefängnisse gelassen worden ist. 
Als aber bei einer günstigen Gelegenheit einige Gefan- 
gene entliefen, und dem Dirk Mienweß anrieten mit 
zu flüchten, so hat dieser Freund Christi sich dessen 
geweigert, aus Furcht, es möchte der Stockmeister, 
der ihm erlaubt hatte, das Gefängnis zu verlassen, 
dadurch in Ungelegenheit kommen. Da er nun im 
Gefängnisse zurückblieb, ist er den 6. März 1570 vor 
Ostern zur Folter verurteilt; im folgenden Jahre aber, 
1571, den 8. Mai, ist er an gemeldetem Orte in grober 
Standhaftigkeit verbrannt worden, und hat dem Gott 
des Himmels und der Erde seinen zeitlichen und nich- 
tigen Leib als ein liebliches Rauchwerk aufgeopfert, 
und hat also nicht als ein Dieb oder Mörder, oder als 
einer, der nach anderer Leute Gut steht, gelitten, son- 
dern allein um der Wahrheit Christi und des guten 
Gewissens willen. Darum sind ihm die Verheißungen 
Christi gewiss, welcher gesagt hat: Selig sind die um 
der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn das 
Himmelreich ist ihnen. 

Anneken Hendriks, 1571. 

Im Jahre 1571 ist zu Amsterdam in Holland um des 
Zeugnisses Jesu Christi willen eine Frau, genannt An- 
neken Hendriks, 53 Jahre alt, lebendig verbrannt wor- 


den. Als sie nämlich von Friesland nach Amsterdam 
gekommen war, ist sie von ihrem Nachbar, dem Unter- 
schultheißen, welcher nach ihrem Hause kam, um sie 
in Verhaft zu nehmen, verraten worden, und hat mit 
sanftmütigem Geiste ihn so angeredet: Nachbar Evert, 
was ist dein Begehren? Wenn du mich suchst, kannst 
du mich wohl finden; ich bin hier, zu deinem willen 
bereit. Da hat dieser Verräter Judas gesagt: Gib dich 
in des Königs Namen gefangen, und hat Anneken, 
nachdem er sie gebunden, mitgenommen (gleichwie 
Judas und die Schriftgelehrten unsern Vorgänger Je- 
su). Als sie nun auf den Damm kamen, hat Anneken 
freimütig gesagt, man sollte sie frei anschauen, sie hät- 
te weder Hurerei noch Diebstahl begangen, sondern 
wäre um des Namens Christi willen gefangen. Als sie 
ins Gefängnis kam, hat sie ihrem Herrn und Schöp- 
fer Lob und Dank gesagt, mit demütigem Herzen, 
daß er sie würdig erkannt habe, um seines Namens 
willen zu leiden. Darum hat sie auch ihren Glauben 
vor dem Schultheißen Peter und den andern Herren 
freimütig bekannt. Diese haben sie mit den Baalspfaf- 
fen sehr gequält und sie abfällig zu machen gesucht; 
aber, durch Gottes Gnade, hat sie denselben tapfem 
Widerstand geleistet. Der Schultheiß hat sich sehr dar- 
über gewundert, daß sie nicht mehr Hochachtung vor 
seinen geistlichen Herren hätte und hat zu Anneken 
gesagt: Unser Kaplan, Herr Aalbert, ist solch ein hei- 
liger Mensch, man sollte ihn in Gold fassen; diesen 
willst du nicht hören, sondern hast dein Gespött mit 
ihm, darum musst du in deinen Sünden verderben; 
so weit bist du von Gott abgeirrt. Also haben sie diese 
gottesfürchtige alte Frau, die weder schreiben noch 
lesen konnte, bei den Händen (nach dem Exempel 
Jesu) aufgehängt, und durch große Pein von ihr zu 
erfahren gesucht, wer ihre Glaubensgenossen waren, 
denn sie dürsteten noch mehr nach unschuldigem 
Blute, aber sie haben von Anneken nichts erfahren, 
so treulich hat Gott ihren Mund bewahrt. Darum hat 
der Schultheiß seine Klagen wider sie eingebracht, 
daß sie in Ketzerei verfallen sei, und nun schon sechs 
Jahre lang die Mutter, die heilige Kirche, verlassen, 
auch die vermaledeite Lehre der Mennoniten wieder 
angefangen habe, daß sie sich bei denselben auf ihren 
Glauben hätte taufen lassen, und auch unter ihnen 
einen Mann genommen hätte. Darauf ist sie dahin 
verurteilt worden, daß sie lebendig verbrannt werden 
sollte; sie hat aber den Herren gedankt und demütig 
gesprochen, sie bäte, daß man es ihr vergeben wolle, 
wenn sie jemanden beleidigt hätte; die Herren aber 
standen auf, und antworteten ihr nicht; hiernächst 
wurde sie auf eine Leiter gebunden; da sprach sie zu 
Evert, dem Unterschultheißen, ihrem Nachbar: Du 
Judas, ich habe es nicht verdient, daß man mich so 



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ermordet; auch begehrte sie von ihm, er sollte solches 
nicht mehr tun, oder Gott würde es an ihm rächen. 
Darüber hat sich Evert entrüstet und gesagt, er wollte 
alle, die ihres Sinnes wären, in solche Verdrießlichkeit 
bringen. Darauf ist der andere Schultheiß noch ein- 
mal mit dem Pfaffen gekommen, und hat sie geplagt, 
indem er ihr gesagt, sie würde aus diesem Feuer in 
das ewige fahren, wenn sie nicht widerrufen würde. 
Diesem ist Anneken standhaft begegnet: Bin ich von 
euch verurteilt und verdammt, sagte sie, so rühren 
doch eure Reden nicht von Gott her, denn ich habe 
das feste Vertrauen zu Gott, er werde mir aus der 
Not helfen und mich aus aller meiner Trübsal erlösen. 
Sie ließen sie nicht mehr reden, sondern füllten ihren 
Mund mit Schießpulver, und trugen sie so von dem 
Stadthause zum Feuer, in welches sie dieselbe leben- 
dig geworfen haben. Als dieses alles vollbracht war, 
hat man den Verräter Evert, den Unterschultheißen, 
lachen sehen, eben als ob er gemeint hätte, er hätte 
Gott damit einen angenehmen Dienst getan; aber der 
barmherzige Gott, der der Frommen Trost ist, wird 
diesem frommen Zeugen für diese kurze und zeitliche 
Trübsal eine ewigwährende Belohnung geben; dann 
wird ihr zugestopfter Mund in voller Freude geöffnet 
und diese betrübten Tränen (um der Wahrheit wil- 
len) werden abgewischt, sie aber bei Gott im Himmel 
mit ewiger Freude gekrönt werden. Hiervon sieh ein 
Liedlein in einigen alten Liederbüchern. 

Wir haben sowohl das Todesurteil dieser frommen 
und tapferen Heldin Jesu Christi, wie es ihr vor Ge- 
richt vorgelesen ward, als auch die Verhandlung ihrer 
Folter, welche vierzehn Tage vor ihrem Tode gesche- 
hen ist, erlangt, welches wir in der Ordnung, wie es 
durch den Stadtschreiber aus dem Stadtbuche des 
Blutgerichts abgeschrieben worden ist, beifügen wol- 
len. 

Der Anna Hendriks, mit dem Zunamen die Blaster, 
Todesurteil. 

Nachdem Anna, Heyndriks Tochter, sonst Anna die 
Blaster genannt, vormals eine Bürgerin dieser Stadt, 
gegenwärtig gefangen, auf ihrer Seelen Seligkeit oder 
den Gehorsam, den sie ihrer Mutter, der heiligen Kir- 
che, und ihrer königlichen Majestät, als ihrem natür- 
lichen Herren und Prinzen, schuldig war, nicht be- 
dacht gewesen ist, auch dabei die Ordnungen der 
heiligen Kirche verachtet, sodass sie innerhalb sechs 
oder sieben Jahren nicht zur Beichte, oder zu dem 
heiligen würdigen Sakramente, sondern in der Ver- 
sammlung der verdammten Sekte der Mennoniten 
oder Wiedertäufer gegangen, ja, daß sie auch in ihrem 
Hause heimliche Zusammenkünfte oder Versammlun- 


gen gehalten, und überdies vor drei Jahren die Taufe, 
die sie in ihrer Kindheit von der heiligen Kirche emp- 
fangen, verleugnet hat und davon abgegangen ist, 
und sich hat wiedertaufen lassen auch darauf Brotbre- 
chen nach der Weise der Mennonitensekte empfangen, 
und sich dabei mit ihrem gegenwärtigen Manne nach 
der Mennoniten Weise nachts in einem Landhause hat 
trauen lassen, und außerdem, als sie in ihrer Gefan- 
genschaft sowohl von den Herren des Gerichts, als 
auch von verschiedenen geistlichen Personen über- 
redet und zu verschiedenen Malen ermahnt worden 
ist, vorgemeldete verdammte Sekte zu verlassen, sich 
dennoch geweigert hat, solches zu tun, und in ihrer 
Hartnäckigkeit und Halsstarrigkeit verharrt, sodass 
sie (die Gefangene) vermöge dessen, was zuvor ge- 
meldet, das Verbrechen der verletzten göttlichen und 
menschlichen Majestät begangen hat, indem durch 
diese Sekte die allgemeine Ruhe und Wohlfahrt der 
Länder gestört wird, wie solches die Befehle Ihrer 
Majestät, die davon handeln, ausweisen, welche Miss- 
etaten, andern zum Exempel nicht ungestraft bleiben 
sollen - so ist es geschehen, daß die Herren des Ge- 
richts, nachdem sie die Anklage meines Herrn, des 
Schultheißen, gehört, auch dabei ihr (der Gefange- 
nen) Bekenntnis gesehen und ihre Halsstarrigkeit und 
Hartnäckigkeit in Betracht genommen haben, dieselbe 
dahin verurteilt und sie kraft dieses dahin verurteilen, 
daß sie, nach Ihrer Majestät Befehlen, mit Feuer hin- 
gerichtet werden soll, wobei sie ferner alle ihre Güter 
zum Nutzen der königlichen Majestät verfallen zu 
sein erklären. Geschehen vor Gericht, den 10. Novem- 
ber, im Jahre 1571, in Gegenwart der Ratsherren und 
mit Rat aller Bürgermeister. Zur Urkunde dessen von 
mir, Stadtschreiber, und war unterzeichnet W. Pieterß. 

Von dieser vorgemeldeten Anna Heyndriks Folter, 
und wann es geschehen sei. 

Dieselbe ist den 17. Oktober im Jahre 1571, laut des 
vorhergehenden Urteils der Ratsherren über sie, ge- 
foltert worden, wie solches aus dem Protokolle ihres 
Bekenntnisses erhellt. 

Abgeschrieben aus dem Buche des Blutgerichts der 
Stadt Amsterdam, welches in der Kanzlei daselbst 
niedergelegt ist, N. N. 

Wolfgang Pinder, 1571. 

In diesem Jahre 1571 ist der Bruder Wolfgang Pinder 
zu Scharding, in Bayern, durch Verräterei in Verhaft 
genommen worden. Der Kanzler von Burkhausen, 
welcher um diese Zeit zu Scharding war, kam selbst, 
nahm ihn gefangen, band ihn, und führte ihn von da 
nach Burkharden, wo er vielem Anlaufe und vielen 
Versuchungen von dem Haufen der falschen Prophe- 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


ten, als Pfaffen und andern hat widerstehen müssen, 
denn dieselben setzten ihm heftig zu, daß er von sei- 
nem Glauben abstehen und sich von ihnen unterrich- 
ten lassen sollte; hierin wandten sie großen Fleiß an 
und gebrauchten allerlei List, ob sie ihn mit schönen, 
süßen Worten, mit falscher Lehre, oder Trotzen und 
Bedrohungen zum Abfalle bringen konnten; aber er 
ließ sich keineswegs von dem erkannten Wege der 
Wahrheit abziehen, auf welchen ihm Gott geholfen 
hatte. Als aber die Pfaffen nichts ausrichten konnten, 
so war der Scharfrichter die nächste Nacht gegen- 
wärtig; derselbe musste ihn angreifen; er wurde aber 
so entsetzlich gepeinigt, gespannt und gezogen, daß 
es zu bejammern war, und daß auch seine Hände 
sehr aufgelaufen und geschwollen waren; auch war er 
nicht im Stande, auf seinen Füßen zu stehen, so grau- 
sam und unbarmherzig sind die Kinder des Satans mit 
ihm verfahren, nach ihres Vaters Art, der gegen das 
menschliche Geschlecht in Zorn entbrannt ist, und, 
wo er nur kann, durch seine Kinder alle Werke der 
Bosheit wirkt. Einmal kamen zwei Pfaffen zu dem 
gemeldeten Bruder; der ein redete mit ihm und er- 
mahnte ihn, daß er von seinem Irrtume ablassen und 
sich bekehren sollte, aber der Bruder Wolfgang (wie- 
wohl er damals von dem Peinigen und noch großen 
Schmerz litt) hat mit männlichem Gemüte zu ihm ge- 
sagt: O du Pfaff ! Tue du Buße und bekehre dich von 
deinem sündhaften Leben und deiner falschen Leh- 
re, denn du bist ein falscher Prophet und einer von 
den Buben, die in Schafskleidern umhergehen, und 
die Falschheit und Büberei mit den langen Röcken Zu- 
decken; inwendig aber seid ihr reißende Wölfe, über 
welche der Herr oft das Wehe ausgerufen hat. Darüber 
wurde der Pfaffe sehr zornig und auch schamrot, wie 
auch der andere, denn sie konnten, nach ihrem Wil- 
len, mit ihm nichts ausrichten. Zuletzt haben sie ihn 
abermals von Burkhausen nach Scharding gesandt, 
wo er zuerst gefangen gesessen. Sie versuchten es an 
beiden Orten mit ihm auf jede Weise, konnten aber zu 
ihrem Zwecke nicht gelangen. Als er sich nun nicht 
bewegen ließ, und ihrer falschen Lehre nicht folgen 
wollte, musste er sein Leben lassen. Sie setzten unver- 
mutet einen Tag an, auf welchen man ihn des Morgens 
früh zum Gerichte hinausführte, ohne das Urteil über 
ihn gefällt zu haben, welches der Bruder Wolfgang 
forderte; aber man darf sich über eine solche Hand- 
lungsweise nicht verwundern, denn sie konnten auf 
den Frommen nichts bringen, und deshalb keine Ursa- 
che zum Tode an ihm finden. Der Scharfrichter nahm 
ihm den Halskragen ab und griff ihn an, wiewohl mit 
Furcht und Zittern. Darauf ist der Bruder Wolfgang 
niedergekniet, und hat seinen Geist in die Hände sei- 
nes Herrn und Gottes befohlen. Der Scharfrichter ging 


sehr übel mit ihm um; er konnte ihn nicht treffen, oder 
nach der Vorschrift hinrichten; er musste ihm endlich, 
als er auf der Erde lag, das Haupt abhauen und ab- 
schneiden, so gut es gehen wollte; er geriet hierüber 
in so große Angst und durch das umstehende Volk in 
solche Lebensgefahr, daß er sich entschlossen hat, sei- 
ne Leben lang keinen Bruder mehr zu richten. Es war 
viel Volk gegenwärtig, welches zugesehen, wie tapfer 
und ritterlich er sich gehalten hat. Dieses ist kurz nach 
Lichtmess, im Jahre 1571, geschehen, nachdem er fast 
ein halbes Jahr gefangen gelegen. Auf die angegebene 
Weise musste er um des Glaubens an Jesum Christum 
willen sein Blut vergießen, und ist so zu des Herrn 
Haufen übergefahren, welche das Freudenreich im 
Glauben durch geduldiges Leiden einnehmen müs- 
sen. Dem Verräter, der ihn angegeben, ging es nachher 
sehr übel, desgleichen auch dem Kanzler, der ihn ge- 
fangen genommen hatte; ihre guten Tage haben bald 
ein Ende genommen, gleichwie es mit solchen Judas- 
gesellen gewöhnlich der Fall gewesen, die sich an den 
frommen, unschuldigen Schafen des Herrn vergriffen, 
und nach ihrem Blute dürsteten; das Unglück trifft sie 
durch den Zorn Gottes, und lässt sie nicht lange in 
Ruhe bleiben. 

Joost von der Strafen, 1571. 

Joost von der Strafen, seines Handwerks ein Stuhldre- 
her, geboren zu Teems in dem Lande Wals, in Flan- 
dern, wurde, als er ungefähr siebzig Jahre alt war, von 
seiner Arbeit abgeholt, und mit allen seinen Haus- 
genossen bei Antwerpen auf den Kiel (wo jetzt das 
Schloss steht) gefangen gesetzt; darauf haben sie die 
Spanier, die sie fingen, nach Antwerpen gebracht, wo 
seine Hausfrau und Tochter, welche bei keiner Religi- 
on standen, mit der Zeit ihre Freiheit erlangt; diesem 
Joost aber wurde viel Pein angetan, um ihn zum Ab- 
falle zu bringen, jedoch weil er standhaft bleib, ist 
ihm, nachdem er drei Tage gefangen gesessen, am Ta- 
ge des Fastenabends 1571 der Mund aufgeschraubt 
und er vor dem Stadthause auf dem Markte leben- 
dig verbrannt worden; darauf hat man ihn auf dem 
Galgenfelde an einen Pfahl aufgehängt, als eben der 
Herzog von Alba in Antwerpen war. 

Hans von der Strafe, 1571. 

Kurz nach Fastenabend im Jahre 1571 ist der Her- 
zog von Alba von Antwerpen nach Brüssel gezogen, 
und hat alle Gefangenen, sowohl in der reformierten 
Religion, als auch die Taufgesinnten, mitgenommen, 
unter welchen dieser Hans von der Strafe, des vor- 
gemeldeten Joost von der Strafe Sohn, ungefähr 31 



577 


Jahre alt, geboren zu Kortryck, mit seinem Weibe Tan- 
neken, ihres Alters 17 Jahre, geboren zu Mecheln, sich 
auch befunden haben. Dieser Hans, als er standhaft 
bei seinem Glauben und der göttlichen Wahrheit blieb, 
ist zum Tode verurteilt, und, als man ihm den Mund 
aufgeschraubt, vor Brüssel hinaus geführt und dort 
lebendig zu Pulver verbrannt worden, was um Halb- 
fasten im Jahre 1571 stattgefunden hat; sein Weib aber, 
mit welcher er erst sechs Wochen in der Ehe gewesen, 
und die noch sehr jung war, ist durch viel Qual und 
Marter zuletzt dahin gebracht worden, daß sie von 
ihrem Glauben abgefallen und Breda in ein Kloster 
gesteckt worden ist, und wo sie zu gelegener Zeit ent- 
flohen und nach Danswyk gezogen ist. Dort hat sie, 
nachdem sie ihren Abfall herzlich bereut, sich wieder 
zu der Gemeinde begeben, und hat nachher ein from- 
mes Leben geführt, bis sie endlich gottselig gestorben 
ist. 

Gerrit Corneliß. 

Im Jahre 1571 wurde zu Amsterdam in Holland um 
der Wahrheit willen ein junger Bruder, namens Gerrit 
Corneliß, als er in einem Flussschiffe mit der Arbeit 
beschäftigt war, gefangen genommen. Der Schultheiß 
band ihn, und brachte ihn auf das Stadthaus; dort 
ward er des andern Tages verhört und wegen seines 
Glaubens untersucht, welchen er freimütig bekannt 
hat; als sie aber wollten, daß er einige von den Mit- 
gliedern offenbaren sollte, hat er solches verweigert 
und deshalb die Folter ausstehen müssen. Als er nun 
einmal gepeinigt war, und sich wieder angekleidet 
hatte, verbanden sie seine Augen mit einem Tuche, 
und als sie seine Hände zusammengebunden hatten, 
haben sie ihn daran in die Höhe gezogen und ihn so 
hängen lassen; darnach zogen sie ihm seine Kleider 
wieder aus und strichen ihn scharf mit Ruten; dessen 
ungeachtet, wie sehr sie ihn auch peinigten, hat er 
doch niemanden verraten; sodann legten sie ihn aber- 
mals auf die Folterbank, und ließen ihn zum zweiten 
Male mit Ruten geißeln, ihm Urin in den Mund gießen 
und brennende Kerzen unter seine Arme halten; hier- 
nächst wurde er abermals nackend ausgezogen und 
ihm das Hemd vor die Scham gebunden, wonach er, 
wie zuvor, mit einem Gewichte an den Füßen bei den 
Händen aufgewunden worden ist; in diesem Zustan- 
de ließen sie ihn hängen und sind hinausgegangen. 
Als sie nun eine Zeitlang darauf wieder hineinkamen, 
haben sie trotzig zu ihm gesagt, wenn er niemanden 
verraten wollte, so wollten sie so den ganzen Tag mit 
ihm umgehen; aber Gott, dem er dafür dankte, be- 
wahrte seinen Mund dergestalt, daß durch seine Re- 
den niemand zu Schaden kam. Summa, er wurde so 


gepeinigt, daß er nicht gehen konnte, sondern getra- 
gen werden musste. 

Einige Tage darauf, als er vor Gericht gebracht wur- 
de, haben sie ihn spöttisch mit einem Blumenkränze 
gekrönt, und dahin verurteilt, daß er erwürgt und 
verbrannt werden sollte. Als er das Urteil hörte, hat er 
sich freudig und geduldig bezeugt, bis er zum Pfahle 
kam, wo er sein Gebet in folgender Weise sehr brüns- 
tig verrichtet bat: O Vater und Herr, sei mir gnädig, 
laß mich eines deiner geringsten Schäflein oder das 
geringste Glied an deinem Leibe sein. O Herr, der du 
von oben herab siehst und die Herzen und alle Heim- 
lichkeiten kennst, vor welchem alle Dinge als nichts 
zu achten sind, du kennst meine aufrichtige Liebe zu 
dir, nimm dich doch meiner an und vergib es ihnen, 
die mir dieses Leid verursachen. Als er aufstand, rief 
er zum Volke: O Menschen, wie lang ist ewig, wie 
lang ist ewig, das Leiden aber hier ist bald geschehen; 
doch ist der Streit hier so bitter und streng. Ach, wie 
bange ist mir noch! O Fleisch, erdulde und widerstehe 
noch ein wenig, denn dies ist der letzte Streit. Als nun 
der Strick um seinen Hals gelegt war, rief er: O himm- 
lischer Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist. 
Mit diesen Worten ist er gestorben und nachher ver- 
brannt worden. Also hat er sein Opfer getan, und hat 
tapfer für den Namen Christi gestanden, und weder 
Pein, Leiden, Schande, noch die Herren dieser Welt 
gescheut, sondern hat tapfer bis zum Tode gestritten; 
darum wird auch am jüngsten Tage, wenn das getö- 
tete Lamm das Buch öffnen wird, sein Name darin 
gefunden werden; die Abgefallenen dagegen werden 
in die Erde geschrieben werden, die Erde aber, mit 
den Werken, die darin sind, wird verbrennen. 

Da wir eine treue Abschrift aus dem Buche des 
Blutgerichts der Stadt Amsterdam, sowohl des Todes- 
urteils, als auch der zweimaligen Folter, welche dieser 
Freund Gottes vor seinem Tode ausgestanden hat, und 
auch eine zuverlässige Nachweisung, wann solches 
alles geschehen sei, erhalten haben, so halten wir es 
für angemessen, dieselbe beizufügen, damit niemand 
an dem Vörgemeldeten Zweifel habe, sondern davon 
sattsam versichert sein möge. 

Todesurteil des Gerrit Corneliß, mit dem Zunamen 
Boon. 

Nachdem Gerrit Corneliß, sonst Gerrit Boon genannt, 
Bootfahrer und Bürger dieser Stadt, gegenwärtig ge- 
fangen, seiner Seelen Seligkeit, wie auch des Gehor- 
sams, den er unserer Mutter, der heiligen Kirche, und 
ihrer königlichen Majestät, als seinem natürlichen 
Herrn und Fürsten, schuldig war, auch dabei die Ord- 
nung der heiligen Kirche verschmäht, sodass er inner- 



578 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


halb 10 Jahren weder zur Beichte noch zum heiligen 
Sakramente gegangen, und ferner sich auch unterstan- 
den hat, öfters in die Versammlung der verdammten 
Mennoniten-Sekte oder Wiedertäufer zu gehen, wo- 
bei er auch vor acht Jahren die Taufe, die er in seiner 
Kindheit von der heiligen Kirche empfangen, verleug- 
net hat und davon abgefallen ist, sodass er sich hat 
wiedertaufen lassen und darauf das Brotbrechen nach 
der Weise der vorgemeldeten Sekte öfters empfangen 
hat, auch wenn er in die Versammlung der gemelde- 
ten Sekte gegangen, niemanden von ihnen angeredet, 
nicht weniger auch (obschon in seiner Gefangenschaft 
sowohl die Herren des Gerichtes als auch verschiede- 
ne geistliche Personen ihm zugeredet und ihn öfters 
ermahnt haben, die vorgemeldete verdammte Sek- 
te zu verlassen, und zu unserer Mutter, der heiligen 
Kirche, zurückzukehren) solches zu tun sich gewei- 
gert; und in seiner Hartnäckigkeit und Halsstarrigkeit 
verharrt, sodass er, der Gefangene, vermöge dessen, 
was zuvor gemeldet ist, das Verbrechen der verletzten 
göttlichen und menschlichen Majestät begangen hat, 
indem durch gemeldete Sekte die öffentliche Ruhe 
und Wohlfahrt des Landes gestört wird, laut Ihrer Ma- 
jestät Befehlen, die davon handeln, welche Missetaten 
gleichwohl andern zum Exempel nicht ungestraft blei- 
ben mögen - so haben die Herren des Gerichts, nach- 
dem sie die Anklage des Herrn Schultheißen gehört 
und des Gefangenen Bekenntnis gesehen, auch sei- 
ne Verstocktheit und Hartnäckigkeit wahrgenommen, 
den Gefangenen dahin verurteilt, und verurteilen ihn 
kraft dieses, daß er, laut Ihrer königlichen Majestät Be- 
fehlen, mit Feuer hingerichtet werden soll, wobei sie 
ferner alle seine Güter zum Nutzen Ihrer königlichen 
Majestät verfallen zu sein erklären. 

Geschehen vor Gericht, den 26. Juni im Jahre 1571, 
in Gegenwart aller Gerichtsherren, mit Zustimmung 
Corneliß Jacobß, Brouwer und Hendrik Cornelis, Bür- 
germeister, in Gegenwart meiner, als Gerichtsschrei- 
ber. Unterschrieben war W. Pieterß. 

Von der Zweimaligen Folter des Gerrit Corneliß, 
nach Anweisung des Buches des Blutgerichts zu Ams- 
terdam. 

Derselbe ist zweimal gefoltert worden, nämlich den 
27. April und den 3. Mai des Jahres 1571, laut des 
Urteils der Gerichtsherren, wie solches aus dem Pro- 
tokolle des Bekenntnisses zu ersehen ist. 

Ausgezogen aus dem Buche des Blutgerichts der 
Stadt Amsterdam, welches daselbst in der Kanzlei 
deponiert ist, N. N. 


Ein Brief von Hendrik Verstralen, geschrieben im 

Gefängnisse zu Rypermonde an sein Weib im 
Jahre 1571, wo er um des Namens des Herrn willen 
sein Leben gelassen hat. 

Die überschwänglich große Gnade Gottes, die wir 
vom Vater durch Christum, seinen einigen Sohn, emp- 
fangen haben, und der unermessliche Reichtum des 
Heiligen Geistes, wodurch wir unter diesem argen 
und verkehrten Geschlechte zum ewigen Leben be- 
wahrt werden, ja, dieser einige und ewige Gott aller 
Gnade wolle dich bewahren, mein geliebtes Weib und 
Schwester in dem Herrn; mein Fleisch und mein Bein, 
die liebste unter allen Kreaturen auf Erden, denn ich 
habe mehr als einmal vor dem Herrn bekannt, daß 
ich die ganze Welt, wenn sie mein wäre, darum geben 
wollte, wenn ich mein Weib und meine Kinder mit 
gutem Gewissen erhalten könnte; aber um des Herrn 
willen muss ich alles verlassen, der Natur zwar zuwi- 
der, aber der Geist muss das Fleisch überwinden. Ach, 
meine Janneken, mein Schaf, wie schwer fällt es mir, 
von dir und den Kindern zu scheiden! Ach, wie tief 
liegt ihr in meinem Herzen begraben; dies verursacht 
mir jetzt einen großen Streit; der Herr wolle mir zum 
Siege helfen, damit mir die Krone des Lebens bereitet 
werden möge, und auch allen auserwählten Heiligen 
Gottes, welche um des Herrn willen alles verlassen 
haben. 

Ach, mein geliebtes Weib, mein Schaf, meine Liebe, 
ich sage dir aus dem Innersten meiner Seele Dank 
für deinen tröstlichen Brief, den du mir gesandt hast; 
der Herr müsse allen denen sein ewiges Leben geben, 
die mit Rat und Tat dabei geholfen haben. Der Brief 
hat mir mehr Sorgen von meinem Herzen genommen, 
als alle Güter wert sind, die auf dem Erdboden sind. 
Ach, wie gut ist es, der Gefangenen eingedenk zu 
sein! Wie sehr hat mir Habakuk genutzt, der mich 
armen Gefangenen hier in der Löwengrube an meiner 
Seele gespeist hat, denn etwas, das von außen kommt, 
stärkt mich zehnmal mehr als das, was ich bei mir 
habe. 

Ach, mein liebes Weib und Schwester in dem Herrn, 
ich bitte dich um des Hern willen, der ich um des 
Herrn willen gebunden bin, halte dich doch zu der 
Wahrheit, worin die Gemeinde zu Antwerpen und 
Gent steht; halte dich zu den wahren Gottesfürchtigen, 
dann wird der Gott alles Trostes mit dir sein, ja, Gott 
und seine heilige Gemeinde werden dich und meine 
jungen Schäflein wohl versorgen, daran zweifle ich 
nicht; bleibe du in des Herrn Furcht, und wirf alle 
deine Sorgen auf ihn; obgleich du jetzt arm bist, meine 
Schwester und geliebtes Weib, so wirst du doch viel 
Gutes haben, wenn du Gott fürchtest und die Sünde 



579 


meidest, wie ich das Vertrauen zu dir habe. 

Ferner bitte ich dich, meine allerliebste Frau, tra- 
ge doch Fürsorge, solange du lebst, für meine junge 
Schäflein, mein Susanneken, meinen Abraham und 
meinen Isaak, damit sie doch in der Furcht Gottes auf- 
erzogen werden mögen. Ach, ich bitte meinen Gott 
mit heißen Tränen, daß er sie in seiner Furcht auf- 
wachsen lassen oder sie in ihrer Jugend zu sich holen 
wolle! 

Ach, meine Allerliebste auf Erden, Janneken Vers- 
tralen, küsse bisweilen meine Kindlein einmal statt 
meiner, und sage meiner Susanneken, es sei ihres Va- 
ters Begehren, daß sie ihrer Mutter in der Gottesfurcht 
gehorsam sein und fleißig lernen soll, damit sie ihrer 
Mutter helfen möge, die Kost für die beiden Brüder- 
lein zu verdienen. Und du, meine Janneken, mein 
Liebe, gedenke doch meiner in deinem Gebete, dei- 
nes gefangenen Mannes, der um der ewigen Wahrheit 
und des Zeugnisses Jesu willen gebunden ist, darum 
bitte ich dich und alle gottesfürchtigen Brüder und 
Schwestern, nämlich, daß ihr uns helft zu Gott bitten, 
daß wir den Sieg eines keuschen Kampfes erlangen, 
und daß Gott meine Fland streiten, und meinen Arm 
den ehernen Bogen spannen lehre, damit ich durch 
den Glauben das Kriegsvolk zerhauen und also mit 
meinem Gotte über die Mauer springen möge, da- 
mit ich mit Paulus sagen könne: Der Kampf ist ge- 
kämpft, der Lauf vollendet, die Krone des Lebens ist 
mir beigelegt. Wir, nämlich Maeyken und ich, sind 
noch wohlgemut, dem Reiche Gottes solche Gewalt 
anzutun, daß auch Lleisch und Blut an den Pfosten 
und Pfählen hängen bleiben soll. Sie erlauben uns 
nicht, beisammen zu sitzen, doch sind wir dreimal 
beieinander gewesen, wiewohl mit List; das erste Mal, 
als der von Gent gekommen war, der zu disputieren 
pflegte; er kam mit den sämtlichen Herren; ich stellte 
ihnen vor, mit welchem Unglücke diejenigen gestraft 
werden würden, die ihre Hände in das Blut der Un- 
schuldigen legen würden. Darauf schlugen sie die 
Augen nieder, aber ein Fuchsschwänzer sagte, ich hät- 
te die Herren alle aufs Höchste beschuldigt. Summa, 
ich fühlte, daß er derjenige war, der mit mir disputie- 
ren sollte; darum habe ich mich zuletzt verstellt, als 
könnte ich mich nicht mehr wehren; zu den Herren 
aber redete ich freundlich und begehrte von ihnen, 
sie sollte es Maeyken auch hören lassen; denn ich se- 
he, sagte ich, daß ihr Fleiß anwendet, mir zu helfen; 
wenn ihr dem einen helft, so helft ihnen beiden, es ist 
mit gleicher Mühe getan. Sie gaben ihre Einwilligung 
hierzu, und wir setzten nun den Schild gegen den 
Speer, was bis in den Nachmittag währte. Nach dem 
Essen kamen wir wieder zusammen; aber Maeyken 
konnte nicht zu mir kommen; da entstand unter uns 


ein scharfer Wortstreit; aber sie wandten das Blatt um, 
fingen an, freundlich zu reden, und sagten, ob ich 
denn nicht tun dürfte wie Paulus, und wider meine 
Erkenntnis Timotheus beschneiden und mein Haupt 
bescheren lassen; ja, heimlich sagte er, ob ich nicht 
mit Judith Holofernes Haupt abschlagen dürfte, und 
wenn es auch nicht die Wahrheit wäre, und daß ich 
nicht alles tun würde, was ich versprechen würde, ob 
es nicht doch eben derselbe Gott wäre; ob man nicht 
noch ebenso wohl lügen dürfte, als damals, wenn die 
Lüge etwas Gutes bezwecke; denn es heißt, sagte er: 
Ist es möglich, o haltet Lrieden mit allen Menschen; 
darüber begehrte ich, mich zu bedenken, wenn ich es 
anders mit Wahrheit und gutem Gewissen tun könnte. 
Darauf gingen wir voneinander, und sie sagten, daß 
sie auch sonst nichts begehrten. Zu einer andern Zeit 
kamen sie abermals zu mir und fragten, wie ich mich 
bedacht hätte, und setzten hinzu, ich suche allezeit 
bei Maeyken zu sein, was doch nicht sein könnte. Da 
sagte ich: Lasst uns Zusammenkommen; ich hoffe al- 
lezeit zu tun, was möglich ist. Darauf ist Maeyken zu 
mir gekommen; ich stellte ihr alles vor, wie sie mir 
getan hatten, als Maeyken sagte: Wie soll das zuge- 
hen? Sollte der Hund wieder fressen, was er gespien 
hat? Darauf sagte ich, sie sollten mich mit Maeyken al- 
lein reden lassen, was sie auch Zugaben. Zu Maeyken 
sagte ich: Es soll mich dessen kein Lebendiger überre- 
den, daß der Pfaffen Dinge recht sind; sie wissen es 
wohl, aber sie suchen uns los zu werden; wir wollen 
miteinander leben und sterben. 

Zu einer andern Zeit redeten sie mit Maeyken allein; 
doch ließen sie mich auch kommen. Als ich bei ihnen 
war, bemerkte ich, daß sie uns große Freundschaft be- 
wiesen, und viel verhießen; sie sagten nämlich, daß sie 
uns so frei auf die Straße liefern wollten, als wir jemals 
gewesen, und daß sie ihre Seelen zum Pfände setzen 
wollten. Darüber wurde ich zuletzt furchtsam und 
dachte, ich würde durch süße Worte verführt werden; 
auch hatten sie größeren Glauben, mich zu gewinnen, 
als Maeyken; darauf fiel ich auf meine Knie und bat 
sie, sie sollten unsertwegen keine Mühe anwenden, 
denn ich hätte meinen Gott unter vielen Tränen Tag 
und Nacht gebeten, daß er mich in seiner Wahrheit 
bewahren wolle, darum wollte ich mit dem Herrn 
leben oder sterben. Da sprang Maeyken auf vor Freu- 
de, denn sie meinte, ich hätte es aufgegeben, weil ich 
mit betrübtem Angesichte hineingekommen war, und 
sprach: Nun bin ich froh, denn ich meinte, sagte sie, 
ich müsste allein sterben. Als ich nun merkte, daß 
Maeyken solche Gedanken über mich hatte, fiel ich 
auf meine Knie und sagte: Das ist mir leid! Darauf ga- 
ben wir einander die Hände, küssten uns und waren 
sehr fröhlich miteinander, aber unsere Widersacher 



580 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


wurden sehr betrübt. Ich hätte gern diesen Vorgang 
sauber beschrieben, aber ich kann es mit den Gerät- 
schaften nicht wohl ausführen. 

Ferner, mein geliebtes Weib, mein Schaf, meine Lie- 
be, berichte ich dir, daß ich in meinem Gewissen we- 
nig Beschwerung habe; dem Herrn sei ewiges Lob 
dafür; aber alle Traurigkeit, die ich habe, wird durch 
den Gedanken der Trennung von dir herbeigeführt. 
Doch, mein liebes Schaf, weil du so gut geartet bist, 
daß du ohne Mann leben kannst, so bitte ich dich, daß 
du fernerhin bei deinen Kindern allein bleibst, denn 
es entsteht oft große Betrübnis durch das abermali- 
ge Heiraten. Sollte ich dich etwa jemals durch meine 
Schwachheit betrübt haben, so bitte ich dich um Ver- 
gebung, um der tiefen Wunden und des unschuldigen 
Todes des Herrn willen. Grüße mir insbesondere al- 
le Gottesfürchtigen mit dem Frieden des Herrn, wie 
auch die Säuglinge, die Zion an den Brüsten liegen. 
Seeres, du zerbrochenes Beinhaupt, und I. von G., 
helft doch für meine arme Witwe und Waisen sorgen, 
und wisst, daß ihr darin nicht den Menschen, son- 
dern Gott dient. Ich lasse H. C. M. und A. und L. und 
C. sehr grüßen. Ach, wie gern wollte ich ausführlich 
schreiben, wenn ich mit gutem Schreibzeug versehen 
wäre! Gute Nacht, mein Fleisch und Blut! Küsse mir 
Susanneken. Ach, gute Nacht, gute Nacht, mein lie- 
bes Weib! Bitte unsern Herrn für mich um ein seliges 
Ende. 

Noch ein Brief von Hendrik Verstralen an sein 
Weib. 

Ach, mein geliebtes Weib, mein Fleisch, mein Bein, 
meine liebe Freundin, meine Liebe, mein Schaf, nicht 
an meinem Herzen, sondern in meinem Herzen, und 
nun meine arme Witwe, die ich nach Gottes Belieben, 
Güte, Willen und Rat verlassen muss, dem es Wohl- 
gefallen hat, daß ich hier um seiner ewigen Wahrheit 
willen gebunden liegen soll, die ich, meine liebe Frau 
und Schwester in dem Herrn, mit meinem Tode durch 
Gottes Gnade zu bezeugen hoffe, damit wir Gott den 
Gehorsam, den wir ihm schuldig sind, abstatten; das 
ist die Absagung unserer selbst, und daß wir über 
ihn nichts lieben mögen, weder Vater, noch Mutter, 
Weib noch Kinder, noch unser eigenes Leben; denn 
sonst droht uns Gott mit seinem ewigen Gerichte. Wer 
etwas mehr liebt als mich, der kann nicht mein Jün- 
ger sein, noch viel weniger ein Sohn; die nun keine 
Söhne sind, solche sind Bastarde, die an Gott kein Teil 
und Erbe haben werden. Und dieses ist die Ursache, 
mein liebes Weib, daß, obgleich du mit meinen klei- 
nen Kindern so tief im meinem Herzen liegst, du doch, 
gegen meine Natur, da hinausgestoßen werden musst. 


denn du kannst weder mir, noch dir ein Abgott sein, 
so lieb als wir unsere teuer erkauften Seelen haben. 
So lasse ich dich denn wissen, mein geliebtes Weib, 
durch dieses mein Schreiben, daß ich dich und mei- 
ne Kinder demselben großen, allmächtigen, ewigen 
Gott anbefehlen will, der reich an Barmherzigkeit ist 
(über alle, die ihn fürchten und lieben), daß er euch 
durch seine Güte und große Macht zu einem ewigen, 
herrlichen und unbefleckten Erbe bringen wolle, unter 
allen, die geheiligt sind. Der Gott allen Trostes und der 
Vater aller Gnade, welcher der rechte Vater genannt 
wird, im Himmel oder auf Erden, gebe dir, mein liebes 
Weib, Janneken Verstralen, daß du durch seine uner- 
gründliche Barmherzigkeit und unermessliche Güte 
und durch den Reichtum seiner Gnade, durch seinen 
Heiligen Geist, an dem inwendigen Menschen stark 
werden mögest, und daß Christus sein hochgelobter 
Sohn, durch den Glauben in deinem Herzen wohnen 
möge, damit du, meine Geliebte, mit dem Rocke der 
Gerechtigkeit angekleidet werden und mit dem Gür- 
tel der Wahrheit und dem Bande der Liebe um die 
Lenden deines Gemütes umgürtet werden mögest, ja, 
daß das Traubenkörblein und das Büschlein Myrrhen, 
das ist Jesus Christus, an deinem Herzen zwischen 
deinen Brüsten hangen möge, wodurch du vor der 
Pestilenz, die im Finstern schleicht, bewahrt werden 
und so mit einem ewigen Kranze prangen kannst, als 
eine Tochter, die aus königlichem Samen des leben- 
digen Wortes Gottes geboren ist, und den Sieg eines 
keuschen Kampfes erlangt hat; das müsse geschehen 
zum Lobe und Preise des großmächtigen Gottes und 
zu deiner Seelen Seligkeit, Amen. 

Dieses sendet dir Hendrik Verstralen, dein Mann, 
gebunden in dem Herrn und der ewigen Wahrheit 
und des Zeugnisses Christi willen, als meinem gelieb- 
ten Weibe und Schwester in dem Herrn, zu einem 
Gruße und guten Wunsche meines Herzens und zu 
meinem letzten Abschiede. Gute Nacht, meine Liebste 
auf Erden. Gute Nacht, Schwester im Herrn. O stark 
ist die Wahrheit! Sie überwindet alle Dinge. O mei- 
ne eigene Rippe! Du bist mitten aus meinem Leibe, 
wie sollte ich dich nicht lieben, du, mein Weib, die 
meine Seele mehr liebt als meinen Leib, wie ich aus 
deinem Briefe ersehe, welcher mir eine große Freude 
und ein ewiger Trost ist, und den ich auch unter vie- 
len Tränen gelesen habe; ich danke dir, mein Schaf, 
für deine ernstliche Fürsorge für mich. Ferner bitte 
ich dich, mein liebes Weib, die ich mir in Ehren vor 
Gott und seiner Gemeinde zur Gattin genommen ha- 
be, du wollest doch, da unser Abschied jetzt vor der 
Türe ist, mit allen Gottesfürchtigen, zu Gott noch eine 
kurze Zeit bitten und flehen helfen, bis wir, Maeyken, 
unsere liebe Schwester, und ich, dein Mann, die wir 



581 


nun noch in unserm heftigsten Streite unter der Blut- 
fahne stehen, die Christus, der Herzog des Glaubens 
und oberste Feldherr selbst getragen hat, mitten un- 
ter seinen Heiligen, mit ihm durch unsern Tod unsere 
Feinde überwinden, mit unserm Gott das Fähnlein auf 
den Mastbaum stecken, und mit Frieden und Ruhe in 
unsere Kammern kommen und die Zukunft unsers 
Herrn erwarten mögen, der uns durch seine Gnade 
aus der Erde zum ewigen Leben wieder auferwecken 
wird. So sei nun, mein liebes Schaf, mein Fleisch, mein 
Blut, in deiner Trübsal geduldig; bleibe mit Judith und 
der Prophetin Anna anhaltend im Gebete, und diene 
deinem Gott Tag und Nacht in dem Hause des Herrn, 
welches seine Gemeinde ist. Sieh, mein liebes Weib, 
ich hoffe, du werdest nach Paulus Rat handeln, und 
weil du unverehelicht bist, dem Herrn ohne Hinder- 
nis dienen, und suchen, dem Herrn zu gefallen und 
heilig zu sein an Leib und Seele. Höre doch, mein 
Weib, meine Liebste auf Erden, folge meinem Rate um 
des Herrn willen; geh hin und verkaufe alles, was du 
entbehren kannst, was freilich nicht viel ist, und richte 
dich so sparsam ein als du kannst, denn eine Witwe 
kann sich mit Wenigem behelfen, und suche dir eine 
ehrliche, stille Jungfrau zur Gehilfin, die mit junger 
Gesellschaft nicht in Verbindung steht; fliehe die Lüs- 
te der Jugend, und tue an meinen kleinen Kindlein 
das Beste; der Herr wird dich wohl versorgen. 

Der welcher dem wilden Esel, der vor Durst in der 
Wüste schreit, sein Futter gibt, und die jungen Ra- 
ben speist, die zu Gott schreien, wie David sagt, wird 
dich auch speisen, mein liebes Schaf, wenn du, meine 
Witwe, mein auserwähltes Schaf, mit meinen jungen 
Waisen zu Gott schreien wirst; und fallen auch deine 
Tranen hier auf die Erde, so werden sie doch nicht 
nachlassen, durch die Wolken zu dringen, und vor 
Gott erscheinen; dann wird dir Trost widerfahren, wie 
David sagt: Wenn die Elenden schreien (sagt er), so 
hört der Herr, und er hilft ihnen aus allen ihren Nöten, 
ja, der Engel des Herrn lagert sich um die her, die ihn 
von Herzen fürchten. O mein liebes Weib, denke an 
Paulus Worte: Die Zeit ist kurz, ich verschonte eurer 
gern (sagt er), die da Weiber haben, sollen sein, als hät- 
ten sie keine. Darum, meine liebe Schwester in dem 
Herrn, Janneken Verstralen, das Ende aller Dinge ist 
nahe gekommen, sagt Petrus, wo die Himmel wie ein 
eingewickeltes Buch entweichen, wie Rauch vergehen, 
und die Elemente vor Hitze verschmelzen werden. O 
wie musst du dann geschickt sein mit einem heili- 
gen keuschen Wandel! O mein liebes Weib! Dieses 
Wörtlein hat mich um meines argen, widerspenstigen 
Fleisches willen, welches mich umgeben hat, biswei- 
len erschreckt, aber ich tröste mich damit, daß mich 
Gott durch seine Züchtigung im Feuer der Trübsal 


läutern und mir gnädig sein wird, denn ich habe seine 
Wahrheit geliebt, wiewohl mir die Schwachheit noch 
angehangen hat; darum will ich mit dem Propheten 
Micha sagen: Ich will gern des Herrn Zorn ertragen, 
denn ich habe mich an dir versündigt, und mit Sirach: 
Ich will lieber in des Herrn Hände fallen, als in der 
Menschen Hände, denn seine Barmherzigkeit ist so 
groß als er selbst ist, er vergibt die Sünden und hilft in 
der Not. Darum, mein liebes Weib, sei doch geduldig 
in unserer beiderseitigen Trübsal, und bekenne doch 
mit Judith, daß unsere Strafe noch viel geringer sei, 
als unsere Sünden; er hilft in der Not, denn wer sich 
vor dem Herrn demütigt, seine Sünde bekennt und 
sie meidet, der wird Barmherzigkeit erlangen; wer 
sie aber verhehlt, dem wird es nicht gelingen. Wenn 
wir aber dem Herrn unsere Sünden bekennen, so ver- 
gibt uns Gott dieselben, indem wir, wie Zacharias 
sagt, einen freien, offenen Brunnen wider die Sünde 
und Unreinigkeit haben, welcher Jesus ist, der uns 
mit seinem teuren Blute erkauft hat; denn das Blut 
unsers lieben Herrn Jesu Christi macht uns von allen 
Sünden rein. Sieh, mein geliebtes Weib, wenn schon 
des Leidens Christi viel über uns kommt, so werden 
wir doch nach reichlicher getröstet durch Christum, 
sodass wir durch seinen unschuldigen Tod das ewi- 
ge Leben erlangen werden, wenn wir in der Furcht 
Gottes bis ans Ende standhaft bleiben, wie ich, durch 
Gottes Gnade, auch zu tun hoffe; ebenso bitte ich dich, 
J. V., mein Schaf, meine Liebe, du wollest auch das- 
selbe tun; bleibe eine ehrbare Witwe im Gebete und 
Flehen zu Gott und in der Heiligung, ohne welche nie- 
mand den Herrn sehen wird, bis du von dem Herrn 
auch hinweggenommen werden wirst. 

Ach, meine Allerliebste auf Erden, mein väterliches 
Herz; ich wünsche dir und meinen Kindlein viel Gutes 
an der Seele; es sind drei von meinen Schäflein bei 
dem Herrn, und ich hoffe durch Gottes Gnade bald 
der Vierte zu sein. Ach, mein liebes Weib, möchte 
ich für euch, die noch Zurückbleiben müssen, durch 
Gottes Gnade und Kraft zweimal lebendig in einer 
Pechtonne verbrannt werden, damit ihr mit mir bei 
dem Herrn zur Ruhe eingehen könntet! Welch eine 
Freude wäre dies für mein väterliches Herz, wenn 
ich eurer aller Seligkeit gewiss wäre! Geschrieben mit 
vielen heißen Tränen. Nimm es mir nicht übel auf, 
mein geliebtes Weib, daß ich dich bitte, du wollest 
eine ehrbare, stille Witwe bleiben; es ist zwar mein 
Rat, aber um deswillen kein Gebot, denn ich begehre 
es, weil es zur stärkeren Versicherung deiner Seligkeit 
dient. 

Ach, wie oft hat es sich zugetragen, dass Witwen, 
deren Männer so tapfer vorangegangen waren, und 
ihr Leben so tapfer für die Wahrheit gelassen hatten. 



582 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


durch das abermalige Heiraten sich viel Schmerzen 
aufgebürdet haben, und sind zum Teil ins Verderben 
geraten, zum Teil mit großer Betrübnis dahin gegan- 
gen und haben über diejenigen geseufzt, die sie jetzt 
haben. Darum, mein liebes Schaf, sage ich noch ein- 
mal, denk an das Wort des Apostels: Die Zeit ist kurz, 
ich schonte eurer gern (sagt er); denn er hätte gern ge- 
wollt, daß alle Menschen wie er gewesen wären, weil 
er sah, daß durch das Heiraten über das Fleisch viel 
Trübsal kommt; doch hat ein jeder seine besondere 
Gabe, der eine auf diese, der andere auf jene Weise; 
darum tue was du willst, doch daß es im Herrn gesch- 
ehe; aber ich habe die Hoffnung und das Vertrauen 
zu meinem Gotte, daß er dich und meine drei Schafe 
festhalten und euch bewahren werde, damit ihr nicht 
genommen werdet, und daß er dich, mein geliebtes 
Weib, nicht über dein Vermögen werde versucht wer- 
den lassen, denn Gott weiß die Gottseligen aus der 
Versuchung zu erlösen, den Gottlosen aber und Bösen 
auf den Tag des Urteils zur Peinigung aufzusparen. 
Darum will ich dich, mein liebes Schaf, dem Herrn 
anbefehlen, als unserm Gotte und Nothelfer, wie auch 
seiner heiligen Gemeinde; sie sollen sämtlich ihr vä- 
terliches Herz gegen euch aufschließen, meine arme 
Witwe und jungen Waisen. 

Ferner begehre ich, mein liebes Weib, du wollest 
doch die gottesfürchtigen Brüder und Schwestern, 
wenn es sich passen will, von meinetwegen mit dem 
Frieden des Herrn herzlich grüßen und ihnen sagen, 
mein ernstliches Begehren an sie alle sei, daß sie an 
uns arme Gefangene, als ihre Mitbrüder, denken und 
helfen wollen, zu Gott zu flehen, daß wir des Herrn 
Krieg führen mögen und uns helfen wollen, das Feld 
zu behalten, damit wir es zu seinem Preise und unse- 
rer Seligkeit ausführen mögen; wünschen ihnen allen 
von unserer Seite gute Nacht, wenn ich etwa nicht wie- 
der schreiben kann. So will ich auch dir, mein liebes 
Weib, mein Fleisch und Blut, gute Nacht sagen; gu- 
te Nacht, meine beständige Nothelferin, gute Nacht, 
getreue Freundin auf Erden; der Herr sei gelobt, der 
dich mir gegeben hat, du mein Schaf, die mich allezeit 
in meiner Trübsal getröstet hat. Gute Nacht, meine 
Susanna, mein Abraham, mein Isaak; gute Nacht Jan- 
neken, meine Allerliebste auf Erden, die mir sechs 
Kinder geboren hat; ich hoffe bald bei dreien dersel- 
ben in der Ruhe zu sein. Der allmächtige Gott, dem 
kein Ding unmöglich ist, und der alles in seiner Hand 
hat, wolle dich, mein auserwähltes Weib, mit den an- 
dern drei unschuldigen Schäflein zu seinem ewigen 
Leben bewahren. Ach, mein Schaf, meine J. V., das 
wolle uns der allmächtige Gott gönnen, daß wir mit 
unsem Kindlein zu dem Herrn kommen und mitein- 
ander vor dem Throne des Lammes und der Majestät 


unseres Gottes fröhlich sein mögen, Amen. Gott wolle 
dich bewahren, mein liebes Weib, in der Tauben Ein- 
falt, in der Kinder Unschuld und der Schlangen Klug- 
heit, und wolle dich zu seinem ewigen Erbe bringen. 
Sei dem Herrn und dem reichen Worte seiner Gnade 
anbefohlen. Von mir, deinem Manne, H. V., gebunden 
um der ewigen Wahrheit willen zu Rypermonde mit 
Fesseln an meinen Beinen. 

Maeyken lässt dich und alle Gottesfürchtigen mit 
dem Frieden des Herrn herzlich grüßen; auch grü- 
ße uns insbesondere die Haushaltung zu D. Mein 
freundliches Begehren ist, du wollest die alte Mutter 
mit ihren Töchtern bitten, daß sie sofort ihre Lenden 
mit dem Gürtel der Wahrheit gürten und die Schuhe 
des Evangeliums anziehen wollen, und daß sie sich 
in das Heerlager Gottes zu der Gemeinde begeben 
mögen, wo man des Herrn Krieg führt; kommt doch 
geschwind, meine liebe alte Mutter mit deinen jungen 
Töchtern, und trage die Rüstung des Herzogs unseres 
Glaubens, nämlich das Päcklein der Liebe, in welchem 
ein Helm des Heils liegt, samt einem schönen Feder- 
busche, genannt der Glaube und das rechte Vertrauen; 
hängt doch den Mantel der Gerechtigkeit darüber, da- 
mit der schöne Helm des Heils nicht verroste und der 
Federbusch nicht nass werde, das ist, daß euer Glau- 
ben und Vertrauen zu Gott nicht aufhöre, und ihr mit 
dem Verzagten und Furchtsamen nicht Zurückblei- 
ben mögt, wenn ihr auch seht, daß auf die Gerechten 
alle Ungewitter, Stürme und Platzregen fallen. Beden- 
ke, mein liebes Schaf, daß alle Gottesfürchtigen hier 
ihre Namen einschreiben lassen müssen und unter 
der blutigen Fahne, die Christus Jesus, unser obers- 
ter Feldherr, mitten unter seinen Heiligen getragen 
hat, Soldaten werden müssen, unter dessen Panier ich 
durch Gottes Gnade jetzt stehe, und hoffe, mit ihm 
ritterlich zu streiten und gesetzmäßig zu kämpfen, 
solange ich auf meinen Beinen stehen kann, und ein 
Atemzug in mir ist. 

Hiermit will ich euch, meine lieben Freunde D. und 
P., so wie den Töchtern, gute Nacht sagen und Gott an- 
befehlen, samt dem Worte seiner Gnade, in der Hoff- 
nung, daß ihr nachfolgen werdet. Gute Nacht, meine 
lieben Freunde, an deren Tafel ich das letzte Brot mit 
Freuden gegessen und Gott zu Ehren ein Liedlein ge- 
sungen habe. Gute Nacht, meine lieben Freunde, in 
der Hoffnung, daß wir miteinander das Brot in dem 
Reiche Gottes essen, und das Öl der Freuden samt 
dem neuen Weine trinken werden. 

Von mir, H. V., in Banden um des Zeugnisses der 
Wahrheit willen auf Palmsonntag, im Jahre 1571. 



583 


Ein Brief von Hendrik Verstralen, geschrieben an 
seine Brüder und Schwestern. 

Unsern herzlich geliebten Brüdern und Schwestern, 
die ihr in gleichem Glauben mit uns steht in dem 
Herrn und aus Babel gegangen seid, damit ihr nicht 
mehr anrührt, was unrein ist, oder mit den Ungläubi- 
gen an einem Joche zieht, sondern nach Jerusalem zur 
Gemeinde des lebendigen Gottes gekommen seid, da- 
mit ihr daselbst dem Herrn, eurem Gott, dient, wozu 
eurer noch einige gespart sind, wie der Prophet Jere- 
mia sagt, damit sie getauft werden, wünschen wir Ge- 
fangene und Gebundene in dem Herrn um der ewigen 
Wahrheit willen, H. V. und N. D., euer schwächster B. 
und S. in dem Herrn, viel Trost, Freude und Wonne 
in eurer aller Herzen von Gott, unserm himmlischen 
Vater, und das durch Jesum Christum, seinen ewigen 
und eingeborenen Sohn voller Gnade und Wahrheit, 
als durch unsern Hohepriester und Gnadenthron, der 
sich selbst Gott, seinem Vater, für uns am Kreuze auf- 
geopfert hat, damit er uns durch seinen Tod des Kreu- 
zes zu dem ewigen Leben zubereiten möge. Durch 
dieses unschuldige und unbefleckte Lämmlein, das 
unsere Sünden hinweggenommen hat, beugen wir 
Tag und Nacht die Knie unserer Herzen vor Gott un- 
serem himmlischen Vater, daß er seinen Frieden bei 
euch ausbreiten wolle, wie einen Wasserfluss, und 
euch stärke, meine heben Brüder und Schwestern in 
dem Herrn, mit seinem Heiligen Geiste, damit an dem 
inwendigen Menschen ihr gestärkt werden, und die 
Einigkeit im Geiste durch das Band des Friedens und 
der Liebe erhalten mögt, damit wir, meine heben Brü- 
der und Schwestern, die wir durch das edle und teure 
Blut unseres Herrn Jesu Christi erkauft und erlöst 
sind, sämtlich dem Herrn dienen mögen, in Heiligkeit 
und Gerechtigkeit, die vor ihm gefällig ist, solange 
wir in dieser Hütte sind, Amen. 

O du Heerlager des Herrn! Du Stadt des lebendigen 
Gottes! Der Herr wolle dir auf deine Mauern Wächter 
stehen, die weder Tag noch Nacht schweigen; dei- 
ne Lehrer müssen (wie David sagt) mit viel Segen 
geschmückt werden, und einen Sieg nach dem an- 
dern erhalten, damit des Herrn Weinberg gepflanzt 
werden möge und du, Jerusalem, auf erbaut werden 
mögest, du Tempel des Herrn, wiewohl in kümmerli- 
cher Zeit. Ein jeder gürte sein Schwert an seine Seite, 
mit der einen Hand zimmere er, und mit der andern 
halte er den Spieß, damit die Feinde, die unsere Arbeit 
verhindern wollen, zurückgetrieben werden mögen, 
damit Zion allein zubereitet dargestellt werden mö- 
ge. Ach, meine heben Brüder und Schwestern, dieses 
wünschen wir euch von Gott, daß ihr in einander 
aufgebaut werden mögt, zu einem geistigen Hause 


und zur Wohnstätte Gottes, daß Gottes Gesetz in al- 
ler Herz geschrieben und sein Gebot in eurem Sinne 
sein möge, und er euch bewahre, die ihr Gottes Söh- 
ne und Töchter bleibt, worunter Gott wohnen und 
wandeln will, damit ihr nimmermehr anrührt, was 
unrein ist, sondern euch in allen Dingen als Diener 
Gottes beweist, damit der Name des Herrn gepriesen 
werde, vom Aufgange der Sonne bis zum Niedergang. 
Ach Brüder und Schwestern, daß doch euer Licht wie 
ein Morgenstern aufgehen möchte, und ihr das kö- 
nigliche Priestertum, das heilige Volk des Eigentums 
bleiben mögt, damit ihr, hebe Brüder und Schwestern, 
an allen Orten heilige Hände zu Gott aufheben und 
ihm die Frucht der Lippen und geistige Opfer opfern 
mögt, damit die Schale des Herrn voll Rauchwerk 
werde, von den Gebeten der Heiligen. O du Braut 
des Lammes, die du aus Liebe zu deinem Bräutigam 
Christo bis zum Tode eifern, die Früchte der Gerech- 
tigkeit mit vielen Schmerzen gebären und von seiner 
Liebe krank hegen musst! Der Herr, unser Gott, le- 
ge doch seine linke Hand unter dein Haupt, und mit 
seiner rechten Hand müsse er dich herzen, du wie- 
dergeborene Eva von Christo, deinem Manne, durch 
den unvergänglichen Samen des lebendigen Wortes 
Gottes, die aus dem väterlichen Herzen gezeugt ist. 
O du schöne Tochter des allmächtigen Vaters, die sei- 
nem Sohne Jesu, dem Herrn selbst vom Himmel, nun 
vorgestellt ist, und durch den Glauben von ihm das 
ewige Leben empfangen soll; der ewige allmächtige 
Vater gieße seinen Segen durch die Kraft des Heiligen 
Geistes reichlich in dich aus, und mache dich frucht- 
bar zu allen guten Werken geschickt, damit du seinem 
Sohne Jesu viele Söhne und Töchter erzeugen mögest, 
und seine Weinkelter durch die Zahl seiner Heiligen 
bald voll werden möge, und du also desto eher den 
Untergang unserer unzähligen Feinde sehen mögest, 
welche unsern Rücken gebeugt haben, und über uns 
wie über eine Straße laufen und uns Böses für Gutes 
einschenken, weil sie nicht mit uns bauen an dem geis- 
tigen Hause des Herrn, denn sie sind unbeschnitten 
am Herzen und fleischlich gesinnt. Wider diese unse- 
re Feinde wolle uns und euch, meine heben Brüder 
und Schwestern in dem Herrn, Gott die Waffen der 
Gerechtigkeit anziehen, daß wir mit dem Evangelium 
des Friedens gestiefelt, an unsern Lenden aber mit der 
Wahrheit umgürtet sein mögen und allezeit das zwei- 
schneidige Schwert des Geistes an der Seite haben, 
und so unsern Helm der Seligkeit durch den Schild 
des Glaubens, und das Päcklein der Liebe bewahren, 
und also unserem Herzoge des Glaubens als christli- 
che Ritter nachfolgen, die unverzagt des Herrn Krieg 
führen, unter dem blutigen Fähnlein Christi, damit 
wir und alle unsere heben Brüder und Schwestern 



584 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


durch Gottes Gnade den Sieg des keuschen Kampfes 
und des gottseligen Streites erhalten und so die Krone 
des ewigen Lebens erlangen mögen, Amen. 

Wir Gefangene in dem Herrn und Gebundenen um 
der ewigen Wahrheit und des Zeugnisses Jesu willen, 
Maeyken Deynoots und Hendrik Verstralen grüßen 
hiermit alle unsere Brüder und Schwestern in dem 
Herrn, und senden euch dieses wenige Schreiben aus 
dem innersten Grunde unserer Herzen zu unserem 
letzten Abschiede, und nehmen hiermit einen freund- 
lichen Urlaub von allen lieben Brüdern und Schwes- 
tern, insbesondere von euch, die ihr uns bekannt seid, 
und uns in unserer Trübsal durch eure tröstliche Er- 
mahnung viel Gutes bewiesen habt, während wir um 
der ewigen Wahrheit willen gefangen liegen. Endlich 
bitten wir noch einmal alle, die unsem Brief sehen 
oder lesen hören werden, ehe wir aus dem Fleische 
sind, daß ihr uns doch helfen wolltet, herzlich zum 
Herrn bitten, daß wir bis in den Tod überwinden mö- 
gen, zum Lobe und Preise des großmächtigen Got- 
tes, zu unserm Heile und eurem Ruhme auf den Tag 
Christi, Gute Nacht, alle meine lieben Brüder und 
Schwester. Gute Nacht alle, die den Herrn und seine 
Zukunft lieben. Gute Nacht H. P. H. von R. und D. P. 
und Adam nebst seinem Weibe und B. P. und S. und 
I. von H., unseren treuen Nothelfern. Gute Nacht R. 
und L. B. und M. S. und G. nebst ihrer Schwester Jan- 
neken. Liebe Freunde, lasst es euch zu Herzen gehen, 
daß ihr für uns zu Gott bittet, denn wir bitten euch 
darum mit Tränen. H. von R., ich bitte dich, grüße mir 
doch sehr mit dem Frieden des Herrn L. von C, zum 
Abschiede, wie auch eure Magd, euren Freund C. und 
alle meine lieben Brüder. Ach, wollte Gott, daß die bei- 
den Abrahams, ein jeder von seiner Rippe, eine Sarah 
machen möchten, das wäre meines Herzens Wunsch; 
sagt ihnen auch gute Nacht, Grietjen und Judith; gute 
Nacht T. von S. und L., dein Weib, unsere L. S. G., 
euch darf ich ohne Scheu nennen, mein lieber Bruder; 
gute Nacht, mein lieber Freund; ich hoffe noch, euch 
zu bedenken, wenn es möglich ist. Haltet euch tapfer. 
Geschrieben auf Georgentag 1571. 

Ein Brief, welchen Maeyken Deynoots an ihre 
Brüder und Schwestern geschrieben hat, als sie zu 
Rypermonde im Jahre 1571 gefangen lag, wo sie 
auch ihr Leben um der Wahrheit willen hat lassen 
müssen. 

Die überschwängliche Gnade und Barmherzigkeit 
Gottes, unseres himmlischen Vaters durch seinen ewi- 
gen und eingeborenen Sohn, unsern Herrn Jesum 
Christum, der sich selbst Gott, seinem himmlischen 
Vater für uns zur Versöhnung unserer Sünden aufge- 


opfert hat, damit er uns von dem zukünftigen Zorne 
erlöse, der über alle kommen soll, die dem Evange- 
lium unseres Herrn Jesu Christo nicht gehorsam ge- 
wesen sind, welche Pein und das ewige Verderben 
leiden werden; aber Weisheit, Kraft und Trost des Hei- 
ligen Geistes, der vom Vater und Sohn ausgeht, ja, 
dieser einige, ewige, allmächtige Gott, von welchem 
alle guten und vollkommenen Gaben kommen, müsse 
allezeit bei uns und euch, meine lieben Brüder und 
Schwestern, bleiben, damit er uns alle aus Gnaden 
tüchtig mache durch sich selbst, damit wir an dem 
Tage seiner Zukunft würdig erfunden werden mögen, 
Amen. 

Meine sehr geliebten Brüder und Schwestern in 
dem Herrn, ich wünsche euch aus dem Grunde mei- 
nes Herzens zum Abschiede, daß es euch an Seele 
und Leib stets wohl gehen müsse; ich Maeyken, eure 
schwache Schwester in dem Herrn danke euch aus 
dem tiefsten Grunde meines Herzens, für die große 
Liebe, die ihr uns erwiesen habt; ich wünsche vor Gott, 
daß solche euch auch in der Not widerfahren müsse. 
Meine lieben Brüder und Schwestern in dem Herrn, 
haltet es mir zu gut, daß ich nicht mehr mit meiner 
Hand schreibe, denn ich bin darin sehr untüchtig, wie- 
wohl ich es für unnötig halte, denn unser lieber Bruder 
und Mitgefangener in dem Herrn, Hendrik, hat es für 
uns beide wohl ausgerichtet; ich wünsche euch das- 
selbe vor Gott, meine lieben Brüder und Schwestern 
in dem Herrn. Nehmt es so an, als ob ich es geschrie- 
ben hätte; meines Herzens Wunsch ist, solches mit 
meinem Blute zu versiegeln zum Lobe und Preise des 
heiligen Namens des Herrn und zu unserer Seelen 
Heil, Amen. Mit meiner Hand sage ich gute Nacht 
allen meinen lieben Brüdern und Schwestern in dem 
Herrn. Gute Nacht, bleibt doch allezeit standhaft bei 
der ewigen Wahrheit. Gute Nacht; bittet den Herrn 
für uns; Gute Nacht G., C., N., T. nebst euren Weibern. 
Gute Nacht B., L, B., P, meine lieben Schwestern; gute 
Nacht Andries M., gute Nacht; haltet es mir gut. 

Noch ein Brief von Maeyken Deynoots an ihren 
Bruder und ihre Schwester. 

Ich, gefangen in dem Herrn, grüße euch aus dem In- 
nersten meines Herzens, mein herzlich geliebter und 
sehr werter Bruder und Schwester J. und Andries, die 
ihr nun wegen des betrübten Abschiedes in großem 
Drangsale und großer Betrübnis seid. Ach, seid ge- 
duldig in all eurer Trübsal, anhaltend im Gebete, und 
fröhlich in der Hoffnung, die uns nicht wird zu Schan- 
den werden lassen, mein lieber Bruder und Schwester 
in dem Herrn. Ach, es ist ein köstliches Ding, gedul- 
dig zu sein und auf des Herrn Hilfe zu warten, denn 



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wer Gott fürchtet, wird nach der Anfechtung getrös- 
tet, und nach der Züchtigung findet er Gnade. Der 
Herr verbirgt sein Angesicht wohl einen Augenblick, 
aber mit ewiger Erbarmung wird er sich unserer erbar- 
men. Darum, meine liebe Schwester Janneken, tröste 
dich mit dem heiligen Worte des Herrn; du bist jetzt 
gleich ein verlassenes und von Herzen betrübtes Weib, 
so ist es doch nur um eine kleine Zeit zu tun, dann 
wird deine Betrübnis in ewige Freude verwandelt wer- 
den, denn, der dich gemacht hat, ist dein Mann, Herr 
Zebaoth ist sein Name, der Heilige in Israel, der al- 
ler Welt Gott genannt wird. O du Streiterin Gottes! 
Streite tapfer wider dein Fleisch und Blut, und bleibe 
standhaft bis an den Tod, dann wird dir die Krone 
des ewigen Lebens gegeben werden, und eine voll- 
kommene Freude, die niemand von dir nehmen wird, 
Andries, mein lieber Bruder, daß du mit großer Be- 
trübnis von uns geschieden bist und daß du dich nach 
uns sehnst, solches musst du dem Herrn anbefehlen, 
denn alle Dinge müssen doch ihre Zeit haben; es man- 
gelt nicht an ihrer Macht, wie sie zu mir sagten: Weib, 
du musst mit uns gehen; ich erwiderte: In des Herrn 
Namen. Sie verlangten sehr nach dir; ich sagte: Ihr 
werdet ihn wohl erwischen, wenn es des Herrn Wille 
ist; ich ging abermals sehr gern; da grüßte ich unsere 
lieben Brüder mit dem Kusse des Friedens, denn ich 
war durch die Liebe dazu getrieben; ich denke, daß 
mein Mitgefangener Bruder euch benachrichtigt hat, 
wie es ferner ergangen ist; auch von unserer Verhand- 
lung, so viel ihm davon erinnerlich ist, wird er euch 
Nachricht gegeben haben; ich kann wegen Mangel 
an Papier nichts davon schreiben. Mein lieber Bruder 
und liebe Schwester, ich danke euch herzlich für eure 
Ermahnung, treue Warnung und euren liebreichen 
Trost, und wünsche vor Gott, daß euch von oben das- 
selbe in eurer Not widerfahren möge; ich habe sie mit 
viel Tränen gelesen, und daneben dem Herrn so oft 
gedankt, der an seine armen, schwachen, gefangenen 
und gebundenen Kinder denkt, und derselben nicht 
vergisst durch seine große Gnade. Tröstet und ermah- 
net euch untereinander mit denselben Worten, mein 
lieber Bruder und Schwester in dem Herrn, und gebt 
einander statt meiner einen Kuss; ich hoffe zu tun, wie 
ihr gesagt habt. Hiermit will ich euch dem Herrn und 
dem tröstlichen Worte seiner Gnade befehlen und sa- 
ge gute Nacht allen lieben Brüdern und Schwestern in 
dem Herrn; ich weiß nicht, daß mir jemand bekannt 
ist, es sei in der Ferne oder Nahe, an den ich nicht 
denken sollte. Gute Nacht, mit einem inwendigen hei- 
ligen Kusse der Liebe und des Friedens. Gute Nacht, 
bittet den Herrn für uns; ich tue ein Gleiches für euch 
Tag und Nacht. Gute Nacht, meine lieben Brüder und 
Schwestern; gute Nacht, gute Nacht mit Tränen; gute 


Nacht, haltet ernstlich an, bis ihr hinweg genommen 
werdet. Diesen Abschied schreibe ich an euch alle. 
Haltet mir doch dieses schlechte und einfache Schrei- 
ben zu gut. 

Von mir, eurer schwachen Schwester in dem Herrn, 
Maeyken Deynoots, geschrieben im Schlosse Ryper- 
monde, wo ich gefangen und mit eisernen Ketten oder 
Fesseln gebunden liege, um der ewigen Wahrheit wil- 
len; mich verlangt nach dem Tage, wo ich mein Opfer 
tun werde; ich hoffe ihn in Geduld zu erwarten. Im 
Jahre 1571. 

Adrian Janß, ein Hutmacher, und Jelis de Bäcker 
werden um des Zeugnisses Jesu Christi willen 
beide an einem Pfahle in Ryssel im Jahre 1571 
lebendig verbrannt. 

Hier folgen drei Briefe, von Adrian Janß, Hutmacher, 
im Gefängnisse zu Ryssel geschrieben: 

Der erste Brief von Adrian Janß, Hutmacher, an 
sein Weib. 

Die Liebe Gottes, des Vaters, die Gnade unsers Herrn 
Jesu Christi, und die Gemeinschaft des Heiligen Geis- 
tes sei mit dir, meinem lieben und werten Weibe und 
Schwester in dem Herrn, nun und immer; das wün- 
sche ich dir aus meines Herzens Grunde zum freund- 
lichen Gruße, Amen. Nebst dem guten Wunsche mei- 
nes Herzens und christlichem Gruße, berichte ich dir 
(mein wertes und in Gott geliebtes Weib), wie es noch 
um mich steht, und daß ich noch zufrieden und wohl- 
gemut bin, der Herr sei für seine Gnade gelobt, die 
er mir erweist; ich hoffe durch seine Gnade, daß er 
mich bewahren und mir bis ans Ende helfen werde, 
denn ich habe mit dem Propheten Jeremia ihm meine 
Sache gegen meine Widersacher anbefohlen, welche 
mir und dem Herrn widerstehen, denn ich bin um des 
Namens des Herrn willen gefangen, weil ich mich mit 
dem verlorenen Sohne aufgemacht habe, um meine 
Schuld vor meinem Gotte zu bekennen, an welchem 
ich gesündigt und mich vergangen habe, der mich 
auch in Gnaden aufgenommen hat, als ich Ihn mit Trä- 
nen ersuchte und darum bat. Darum nun verfolgen 
sie uns und widersprechen uns, weil uns die Gnade 
von Gott geschehen ist, wie der Herr gesprochen hat 
und bezeugt, wenn er sagt: Wärt ihr von der Welt, so 
hätte die Welt das Ihre lieb, weil ich euch aber von der 
Welt erwählt habe, darum hasst euch die Welt. 

Merke, meine liebe Hausfrau, auf die Worte unsers 
Herrn, was die Ursache sei, weshalb man uns hasst, 
damit wir uns zur Zeit, wenn wir gehasst und verfolgt 
werden, mit der Gnade des Herrn trösten mögen, wie 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


auch der Apostel Petrus bezeugt, wenn er sagt: Weil 
wir nicht mehr mit ihnen laufen in dasselbe unor- 
dentliche Wesen, wohin Unzucht, Lüste, Trunkenheit, 
Fresserei, Sauferei und gräuliche Abgötterei gehört, 
so lästert die Welt; darum sagen sie, wie in dem Buche 
der Weisheit geschrieben steht: Laß uns auf den Ge- 
rechten lauern, denn sein Leben reimt sich nicht mit 
den andern; sein Wesen ist ganz ein anderes Wesen; 
er ruft unser Wesen aus für Sünde, und meidet uns 
als einen Unflat; darum können wir ihn nicht leiden, 
wir wollen ihn mit Schmach quälen und verhören, 
daß wir sehen, wie fromm er ist, und seine Geduld 
prüfen; lasst uns ihn mit den allerschändlichsten Tode 
verdammen. Dieses ist immer die Ursache gewesen, 
daß man die Gerechten gelästert, beneidet, verfolgt, 
sie ihrer Güter beraubt in Gefängnis und Bande ge- 
schlossen, sie ertränkt, enthauptet und verbrannt hat, 
wie man zunächst von Abel lesen kann, wie Johannes 
mit den Worten bezeugt: Lasst uns einander lieben, 
nicht wie Kain, der von dem Argen war und seinen 
Bruder tötete; warum tötete er ihn? Weil seine Werke 
böse waren, und seines Bruders Werke gerecht. 

Darum sagt der Apostel: Meine Brüder, verwundert 
euch nicht, daß euch die Welt hasst. Christus spricht 
zu den Juden: Viele gute Werke habe ich euch erzeigt 
von meinem Vater, um welches Werkes willen un- 
ter denselben steinigt ihr mich? Darum, meine werte 
und geliebte Hausfrau, es wird nicht fehlen, was der 
Apostel bezeugt, daß alle, die gottselig leben wollen 
in Christo Jesu, Verfolgung leiden müssen; mit den 
argen und verführerischen Menschen aber wird es 
immer ärger; sie verführen und werden verführt. Dar- 
um müssen die Gerechten sich allezeit zum Leiden 
und zur Trübsal wohl bereiten, denn sie werden wie 
Schlachtschafe zum Tode geführt; wir, die wir leben, 
werden allezeit um Jesu willen dem Tode übergeben 
und stehen allezeit in Gefahr, bei unserm Ruhme, den 
wir haben in Christo Jesu, unserm Herrn, täglich zu 
sterben. Darum mögen wir uns zum Leiden wohl 
zubereiten, gleichwie der Herr zu seinen Aposteln 
sagte: In der Welt werdet ihr Angst haben; ja, die Welt 
wird sich freuen, ihr aber werdet weinen und trau- 
rig sein; denn ein Weib, wenn sie gebärt, hat Angst, 
weil ihre Stunde gekommen ist; also müssen wir auch 
Christum in dieser Welt mit Angst gebären. Darum ha- 
ben die Apostel die Gemeinden gestärkt und erbaut, 
daß sie mit Trübsal und Leiden in das Reich Gottes 
eingehen müssten, gleichwie unser Haupt Christus 
vorgegangen ist, wie von ihm in den Propheten ge- 
schrieben steht; denn das Reich Gottes leidet Gewalt, 
die ihm Gewalt antun, reißen es zu sich; wie ich das 
nun auch gewahr werde. In früheren Zeiten haben 
wir zwar auch viel menschliche Versuchungen gehabt. 


aber jetzt muss man bis aufs Blut streiten; denn ich 
kann nun wohl mit dem Apostel sagen, daß ich die 
Malzeichen des Herrn an meinem Leibe trage; sie ha- 
ben mich nämlich drei Mal gepeinigt, daß das Blut 
geflossen ist, und das darum, daß ich meine Mitbrü- 
der verraten sollte; aber der Herr hat meinen Mund 
bewahrt, durch seine Gnade. Man hing mich an den 
Händen auf, sodass ich die Erde nicht berührte; ja, 
mein liebes und wertes Weib, mir ward bange, so- 
dass ich es kaum ausstehen konnte, als sie mich zum 
dritten Male geißelten; aber ich dachte an die Worte 
des Apostels, wenn er spricht: Der Herr wird euch 
nicht über euer Vermögen versucht werden lassen; da 
hielten sie ein, wiewohl sie mir drohten, mich ferner 
zu peinigen; sie sagten, sie wollten mir die Glieder 
zerreißen, oder ich sollte ihnen sagen, wer mit mir 
Umgang gehabt hätte, und welche meine Mitbrüder 
wären; aber der Herr ließ es ihnen damals nicht zu. 
Was sie ferner tun werden, das weiß der Herr, dem 
alle Dinge bekannt sind. 

Mein wertes und in Gott geliebtes Weib! Lass den 
Mut nicht sinken um meiner Trübsal willen, welches 
dir ein Trost sein sollte, weil mich der Herr dazu beru- 
fen hat, daß er seinen Namen durch mich verherrliche, 
und weil ich würdig bin, um seines Namens willen 
Schmach zu leiden und seinem Worte mit meinem 
Blute Zeugnis zu geben vor diesem argen und ehebre- 
cherischen Geschlechte. Ich hoffe dir in der Wahrheit 
vorzugehen, auch allen meinen lieben Brüdern und 
Schwestern, die noch in gleicher Gefahr wandeln, da- 
mit sie ein Beispiel an mir nehmen, und den Herrn 
in der Trübsal ja nicht verlassen, sondern ihm fest an- 
hangen, der die Seinen nicht verlässt, die in der Not 
auf ihn trauen (wenn sie auch groß ist) und ihm in 
der Wahrheit dienen, denn seine Augen sehen auf die 
Gerechten, und seine Ohren lauschen auf ihr Gebet, 
ja, der Herr ist der Gerechten Stärke in der Not. 

Hiermit will ich mein wertes und in Gott gelieb- 
tes Weib dem Herrn befehlen, der mächtig ist, deinen 
Schatz zu bewahren und dir das Erbe zu geben unter 
allen, die geheiligt werden. Gute Nacht, mein liebes 
Weib, die ich bliebe in der Wahrheit, gute Nacht; denn 
ich mutmaße, daß der Abschied nun nahe sei; ich er- 
warte jetzt von Tage zu Tage meines Leibes Erlösung, 
und daß ich zu meinen Mitbrüdern in die gottselige 
Ruhe eingehen werde, welche auch um der Wahrheit 
willen getötet worden sind. 

Geschrieben von mir, Adrian Janß, unwürdig gefan- 
gen in dem Herrn, in Banden. 



587 


Des Adrian Janß, Hutmacher, zweiter Brief, 
geschrieben an sein Weib. 

Ich, Adrian Janß, gefangen zu Ryssel, um des Namens 
unsers Herrn und des Zeugnisses meines Gewissens 
willen, wünsche meinem werten und in Gott gelieb- 
ten Weibe viel Gnade, Barmherzigkeit und Frieden 
von Gott, dem himmlischen Vater, welcher der rechte 
Vater ist im Himmel und auf Erden, daß er dir geben 
wolle, mit Kraft stark zu werden durch seinen Geist, 
und Christum in deinem Herzen zu wohnen, damit 
du durch die Liebe gewurzelt werdest. Dieses wün- 
sche ich dir, samt dem Trost des Heiligen Geistes, zum 
christlichen Gruße und freundlichen Abschiede. 

Ferner, nebst gebührlichem und christlichem Gruße, 
lasse ich dich, mein liebes Weib in dem Herrn, hier- 
mit wissen, daß ich wohl zufrieden bin und ein gutes 
Gewissen habe; der Herr sei ewig für seine Gnade 
gelobt, der mich bis auf diese Stunde in seiner Gna- 
de bewahrt hat, und ich hoffe auch, daß er mich bis 
ans Ende durch seine Gnade bewahren werde nach 
seiner Verheißung, denn er sagt: Wenn auch eine Mut- 
ter ihr Kindlein verließe, so will ich dich doch nicht 
verlassen; ja der Herr sagt: Ich will euch nicht als Wai- 
sen lassen. Hiermit, mein liebes Weib, tröste ich mich, 
wenn ich angefochten bin. Ferner kann ich dir, mein 
liebes Weib, mit vielen Tränen nicht verbergen, die 
ich vergieße, wenn ich deiner Traurigkeit eingedenk 
bin, die du, wie ich denke, um meinetwillen hast, weil 
wir nun von unserer christlichen Gemeinschaft, die 
wir durch den Glauben miteinander gehabt haben, 
scheiden müssen. Ja, mein wertes und liebes Weib in 
dem Herrn, alle Dinge (sagt Salomo) haben ihre Zeit. 
Darum, mein liebes Weib in dem Herrn, wie mag man 
gottseliger voneinander scheiden, als um des Namens 
des Herrn willen, und wiewohl wir voneinander schei- 
den müssen, so hoffe ich doch dir voranzugehen, und 
du wirst auch, wie ich hoffe, nachfolgen dahin, wo 
wir uns nimmermehr voneinander scheiden werden, 
denn da werden wir allezeit bei dem Herrn sein. Hier- 
mit kannst du dich trösten, wie der Apostel Paulus 
die Gemeinde zu Thessalonica getröstet hat. Ferner 
bitte und ermahne ich dich durch die Barmherzigkeit 
Gottes, daß du deines Berufes wahmehmen wollest, 
wozu dich der Herr berufen hat, und daß du wan- 
delst, wie du den Herrn angenommen hast, mit aller 
Demut und Sanftmut, und wandle in der Liebe Got- 
tes und deines Nächsten. Gedenke allezeit der armen 
Heiligen, wo du wohnest; teile mit, je nachdem dir 
der Herr gegeben hat, und bleibe im Gebete Tag und 
Nacht; bleibe auch fest in der Lehre Christi, und was 
du gehört und angenommen hast, das laß bei dir blei- 
ben, dann wird der Gott der Liebe und des Friedens 


mit dir sein; sei meiner eingedenk, solange ich hier 
bin; ich hoffe, deiner auch nicht zu vergessen in mei- 
nem Gebete zu Gott, solange ich in dieser Hütte bin, 
denn obgleich ich dem Leibe nach von dir entfernt bin, 
so bin ich doch mit dem Geiste bei dir und gedenke 
deiner mit Tränen. 

Hiermit gute Nacht, mein liebes Weib in dem Herrn, 
gute Nacht, bis wir in das Reich Gottes zu unserm 
himmlischen Vater kommen. Geschrieben mit Tränen 
von mir, Adrian Janß. Grüße mir sehr die Freunde, ins- 
besondere meinen S. I.; ich wollte wohl mehr schrei- 
ben, aber es ist hier nicht wohl gelegene Zeit zum 
Schreiben. 

Geschrieben an mein liebes Weib. 

Des Adrian Janß, Hutmacher dritter Brief, 
geschrieben an die Brüder und Schwestern. 

Ich, Adrian Janß, gefangen zu Ryssel, um des Namens 
des Herrn und des Zeugnisses meines Gewissens wil- 
len, wünsche meinen herzlich geliebten Brüdern und 
Schwestern, meinen Glaubensgenossen in dem Rei- 
che Gottes und der Geduld unseres Herrn Jesu Christi 
viel Gnade, Barmherzigkeit und Frieden, wie auch ein 
standhaftes Gemüt bis an das Ende eures Lebens von 
Gott, dem himmlischen Vater, der ein rechter Vater 
aller Barmherzigkeit, und ein Gott allen Trostes ist, 
der uns in aller unserer Trübsal tröstet und von Jesu 
Christo, unserm Herrn, Erlöser und Heiland, der uns 
von dieser gegenwärtigen hoffärtigen Welt, nach dem 
Willen Gottes, seines Vaters, erlöst hat, samt der Kraft 
und dem Trost seines Heiligen Geistes. Dieses wün- 
sche ich euch zum christlichen Gruße in dem Herrn 
und zum freundlichen Abschiede. 

Ferner, nebst einem gebührlichen und christlichen 
Gruße, kann ich, meine werten und in Gott geliebten 
Brüder und Schwestern in dem Herrn, nicht unterlas- 
sen, um der Gemeinschaft willen, die wir miteinander 
in dem Herrn durch das Evangelium gehabt haben, 
euch zum Tröste und zur Freude eures Gemütes, ein 
wenig von der Gnade zu schreiben, die mir von Gott 
widerfahren ist, sodass ich wohlgemut und zufrieden 
bin (der Herr sei für seine Gnade gelobt, die er an mir 
beweist) wie ich denn durch seine Gnade hoffe, daß 
er meine Sache zu seinem Preise ausführen werde, 
warum ich ihn auch täglich bitte, denn ich begehre 
nichts anderes, als daß sein Name durch meine schwa- 
chen Glieder verherrlicht werden möge, und ich bitte 
meine lieben Brüder und Schwestern in dem Herrn, 
daß sie auch mit mir Gott bitten, daß er mich stärken 
wolle, damit ich das Feld erhalten möge in Christo 
Jesu, unserm Herrn; ich hoffe, daß er euer und mein 
Gebet erhören werde; denn der Prophet David sagt: 



588 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Der Herr tut, was die Gottesfürchtigen begehren; er 
erhört ihr Schreien und hilft ihnen. Weil ich nichts 
begehre, als was zu seiner Verherrlichung gereicht, so 
hoffe ich auch, daß er uns erhören werde. Ich hoffe, 
eurer nicht zu vergessen in meinen Gebeten zu Gott, 
sondern eurer eingedenk zu sein, wie es den Gliedern 
des Leibes zukommt in Christo, und gleichwie ich 
euch mit meiner geringen Gabe, die ich von Gott emp- 
fangen, gedient habe, als ich noch bei euch war, so 
muss ich euch nun auch noch in meinem Gefängnisse 
ermahnen und mit dem Apostel sagen: Ich Gefange- 
ner in dem Herrn ermahne euch, daß ihr wandelt, wie 
es eurem Berufe zukommt, worin ihr berufen seid von 
Gott mit aller Demut, Sanftmut, und Langmut, und 
daß ihr einander in der Liebe ertragt, und fleißig seid, 
die Einigkeit zu halten im Geiste durch das Band des 
Friedens. Ja, wie ihr den Herrn Jesum Christum an- 
genommen habt, so wandelt auch in ihm, und seid 
gewurzelt und gegründet in ihm, und gedenkt allezeit 
der vergangenen Tage, in welchen ihr erleuchtet wor- 
den seid, und was ihr dem Herrn verheißen habt, als 
ihr euch in seinen Bund begeben habt, ihm nämlich in 
Heiligkeit und Gerechtigkeit euer lebelang zu dienen. 
Darum, meine lieben Brüder und Schwestern in dem 
Herrn, wandelt treulich vor eurem Gotte, der euch in 
seine Gnade gerufen, von der Finsternis zu seinem 
wunderbaren Lichte, und euch zu seinen Söhnen und 
Töchtern angenommen, mit seinem Heiligen Geiste 
erleuchtet und sein Reich verheißen hat. 

Darum sage ich noch einmal: Wandelt, wie es sich 
für euren Beruf gebührt, in der Liebe Gottes und eu- 
res Nächsten; habt einander lieb, wie es Brüdern und 
Schwestern zukommt, und lasst eure Herzen sich 
nicht zu sehr bekümmern mit zeitlicher Nahrung, da- 
mit eure Herzen sich nicht abkehren, denn durch viele 
Sorgen werden die Herzen Gott entfremdet. Darum, 
meine lieben Brüder und Schwestern in dem Herrn, 
sage ich mit Christo: Wacht und betet Tag und Nacht 
zu Gott, und seid denjenigen Menschen gleich, die auf 
ihren Herrn warten, damit, wenn er anklopft, sie ihm 
sofort auftun mögen. O wie selig sind die Knechte, 
die der Herr wachend findet; sie werden mit ihm in 
das Reich Gottes eingehen und alles ererben! 

Hiermit will ich meine lieben Brüder und Schwes- 
tern dem Herrn anbefehlen, der mächtig ist euren 
Schatz zu bewahren, und euch das Erbe zu geben 
unter allen, die geheiligt werden. Gute Nacht, meine 
lieben Brüder und Schwestern in dem Herrn, gute 
Nacht, bis wir in das Reich Gottes kommen! Es ist hier 
zum Schreiben nicht gut eingerichtet. 

Geschrieben von mir, Adrian Janß, Hutmacher, ge- 
fangen um des wahren Zeugnisses unseres Herrn Jesu 
Christi willen. 


Zwölf Christen zu Deventer, Ydse Gaukes, Dirk 
von Wesel, sowie Anneken und Janneken, ihren 
Weibern, Härmen, der Färber, Bruyn, Anthonis, der 
Weber, Claes Opreyder, Lysbeth und Catharina 
Sommerhaus, Lyntjen Joris und Tryntgen ihre 
Tochter, 1571. 

Am 11. März des Jahres 1571, in der Nacht, sind die 
Spanier zu Deventer (als sie des Tages ein Turnier- 
spiel gehalten hatten) mit Schwertern, Hellebarden, 
Büchsen und andern Waffen ausgegangen, um die 
Schafe Christi zu fangen; sie durchliefen viele Häuser, 
suchten in einigen Straßen Haus bei Haus, und fingen 
alle, die sie finden konnten, welche sie in Ketten und 
eiserne Fesseln schlossen und sagten: O ihr ketzeri- 
schen Hunde! Ihr müsst des Todes sterben, weil ihr 
den römisch-katholischen Glauben verleugnet habt. 
Man hielt einige Tage die Tore verschlossen, und es 
wurde unter dem Glockenschlage der Stadt abgelesen, 
es sollte niemand irgendeinen von ihnen verbergen, 
und wenn jemand irgendeinen wüsste, der verborgen 
wäre, so sollte er denselben zur Anzeige bringen; die- 
ses Gebot wurde aber nicht befolgt, denn viele wur- 
den versteckt, die nachher heimlich entflohen und 
ihr Gut zum Raube hinterließen. Es wurden aber ih- 
rer in allem zwölf gefangen, nämlich Ydse Gaukes, 
Dirk von Wesel, sowie Anneken und Janneken, ih- 
ren Weibern; Härmen, der Färber, Bruyn, Anthonis, 
der Weber, Claes Opreyder, Lysbeth, Katharina Som- 
merhaus, Lyntgen Joris und Tryntgen, ihre Tochter. 
Diese haben alle anfänglich, als sie gefangen wurden, 
sich tapfer gehalten und sämtlich ihren Glauben be- 
kannt; einige derselben aber sind, dem Fleische nach, 
sehr furchtsam gewesen, und sind von ihrem Glauben 
abgefallen, ehe sie gepeinigt wurden. Während des 
Foltems wurden sie aufgewunden, ihnen die Hände 
auf den Rücken gebunden, und an die Füße ein schwe- 
res Gewicht von Eisen oder Geschütz gehängt. Einige 
andere sind zwar auf der Folter standhaft geblieben, 
sind aber nachher auch vom Glauben abgefallen, so- 
dass ihrer nur vier bis ans Ende standhaft geblieben 
sind. 

Als man oft zu ihnen kam, hat es sich ereignet, daß 
diejenigen (welche den Glauben mit dem Munde ver- 
leugnet hatten) sehr betrübt waren und versprachen, 
daß, wenn ihnen der Herr Gnade verleihen würde, 
und sie wieder frei werden möchten, so wollten sie 
sich wieder zur Wahrheit wenden. Als auf den 20. 
Mai (als den fünften Tag vor ihrer Aufopferung) ein 
Freund zu ihnen kam, fragten sie ihn sehr eindring- 
lich, welche neue Zeitung er brächte; der Freund ant- 
wortete, es sei böse Nachricht, und er sei besorgt, sie 
müssten miteinander sterben. Summa, es ward vieles 



589 


dort geredet, und der Freund sagte: Ich habe euch alle 
so lieb, daß ich wünschte, daß ihr alle frei wärt, und 
ich an eurem Platze sitzen müsste; darüber wurden 
die Gefangenen sehr betrübt, weinten bitterlich und 
sagten zu dem Freunde: Es ist das Beste, daß du gehst, 
um der Spanier willen. 

Den 24. Mai des Abends ist es geschehen, daß die 
Mönche dahinkamen, um sie zu ermahnen, sich zum 
Tode zu bereiten, indem solcher des andern Tages er- 
folgen sollte. Die Mönche sind des Nachts um zwölf 
Uhr von ihnen gegangen, aber des Morgens um vier 
Uhr wieder gekommen. Es waren zwei Mannsperso- 
nen, Dirk von Wesel und Härmen, der Färber, und 
vier Frauenspersonen, Dirk von Wesels Weib, Ydse 
Gaukses Weib und Sommerhaus beide Töchter, Lys- 
beth und Catharina, welche den Mönchen kein Gehör 
gaben, sondern sich an die ewige Wahrheit hielten, so 
viel man sehen und hören konnte. 

Als sie aus dem Gefängnisse kamen, sagten sie mit 
fröhlichem Angesichte, als ob sie lachten, zu einem 
Freunde, den sie wohl kannten, und der bei ihnen 
im Gefängnisse gewesen war, gute Nacht, und neig- 
ten das Haupt, worauf derselbe sie wieder anlachte, 
die beiden Brüder Bruyn und Anthonis, der Weber, 
aber (die mit ihnen hinausgeführt wurden) waren 
sehr betrübt und redeten nichts, wiewohl die Weiber 
viel redeten, und die Mönche, die bei ihnen waren, 
straften; ja, man hörte sie sagen, daß Christus, ihr 
Bräutigam und Hirt, ihnen auf gleiche Weise vorge- 
wandelt sei, sie wollten ihm, als seine eigenen Schafe, 
ebenso nachfolgen, wobei sie einander sehr freundlich 
küssten; auch nahmen sich die beiden Geschwister 
einander bei der Hand und sangen: Mein Gott, wo 
soll ich gehen hin. Darauf wurden sie getrennt, und 
es wurden sechs Gefangene auf den Wagen gebracht; 
als sie zur Schaubühne kamen, haben sie zuerst die 
jüngste Schwester Katharina hinauf gebracht, welche 
sehr freimütig im Reden war und sagte: Ihr Bürger, ihr 
sollt wissen, daß es um keiner Übeltat, sondern um 
der Wahrheit willen geschieht. Als sie die Schaubühne 
betrat, hat man ihr das Todesurteil vorgelesen, wel- 
ches so lautet: Wenn sie bei der katholischen Kirche 
bleiben wollte, so sollte sie mit dem Schwerte hin- 
gerichtet werden, wenn aber nicht, so sollte man sie 
lebendig verbrennen. Darauf fragte man sie, ob sie 
bei der katholischen Kirche bleiben wollte; sie antwor- 
tete: Nein, ich will bei der Wahrheit bleiben; hierauf 
sagten sie: So musst du denn lebendig verbrannt wer- 
den. Darum gebe ich nichts, sagte sie, ihr geht mit 
Lügen um, und redete überhaupt sehr freimütig. Dar- 
auf wurde sie von der Schaubühne abgeführt und 
auf den Wagen gebracht, auch wurde ihr der Mund 
verwahrt, sodass sie nichts mehr reden konnte. 


Hiernächst wurden beide Brüder (nämlich Bruyn 
und Anthonis) einer nach dem andern auf die Schau- 
bühne gebracht und beide wurden enthauptet; sie 
redeten nichts, nur daß man den einen sagen hörte: O 
Herr, sei mir gnädig. Darauf sind sie abermals nach 
dem Turme gegangen, und haben Dirk und Härmen 
abgeholt; diesen beiden hatte man den Mund zugek- 
nebelt, damit sie nicht reden konnten; dessen unge- 
achtet haben sie unterwegs viele Zeichen gemacht, 
indem sie bald das Haupt neigten, bald lachten, und 
so freudig waren, daß sich auch das Volk darüber 
verwunderte. Sodann sind diese beiden auf die Schau- 
bühne gebracht worden, und haben gegen diejenigen, 
die sie kannten, und vor ihnen standen, öfters das 
Haupt geneigt und sie angelacht. Darauf ist Härmen 
auf seine Knie gefallen, und hat den Herrn angeru- 
fen; als er es ihnen aber zu lange machte, riss ihn der 
Scharfrichter in die Höhe, worauf er sich selbst unver- 
zagt an den Pfahl gestellt hat. Indem nun der Scharf- 
richter Härmen festband, kniete Dirk nieder, und rief 
den Herrn mit dem Herzen an, denn sie durften nicht 
reden; dann ist Dirk aufgestanden, hat Härmen der 
am Pfahle stand, liebreich umarmt, ihn geküsst, und 
mit der Hand aufwärts gen Himmel gewiesen. Hier- 
nächst stellte sich Dirk fröhlichen Angesichts mit dem 
Rücken gegen den Pfahl, und wandte seine Augen 
gen Himmel, und als sie an den Pfählen befestigt wa- 
ren, hat man auch die vier Frauen von dem Wagen auf 
die Schaubühne gebracht, welche, als sie die beiden an 
den Pfählen stehen sahen, sich sehr fröhlich bezeug- 
ten, lachten, die Hände falteten und ihre Augen gen 
Himmel wandten; darauf küssten sie einander, fielen 
sämtlich auf ihre Knie, und stellten sich unverzagt mit 
dem Rücken an den Pfahl. Unterdessen, als sie einan- 
der küssten, erhob sich ein Getümmel, schier als ob 
es ein Donner oder ein Wagen ohne Pferde gewesen 
wäre; es ließ sich aber anhören, als ob es aus der Nähe 
der Brinks käme, und rauschte so vor dem Wagen her, 
daß auch die Menschen übereinander fielen, und daß 
eine große Furcht entstand, denn man wusste nicht, 
was es war. Die Spanier sagten, es wäre ein Donner. 
Ehe die beiden enthauptet wurden, hielten die Mön- 
che eine Rede, daß jeder seine Kinder vor solchem 
Volk bewahren sollte, auch sollte sich niemand daran 
stoßen, daß man sie nun verbrennen würde; denn so 
gefiele es der königlichen Majestät, weshalb niemand 
Tumult machen möchte; sie hatten aber diese Rede 
kaum geendigt, so entstand ein solches Getümmel, 
gleich als ob es aus der großen Querstraße gekommen 
wäre; das Volk wusste nicht, wohin es sich aus Furcht 
wenden sollte; auch die Spanier fingen an, Lärm zu 
machen und schlugen Alam mit der Trommel; aber 
es ging ohne Schaden vorüber, sodass keine bösen 



590 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Folgen daraus entstanden. Einige sagten, daß sie über 
der Schaubühne ein Licht gesehen hätten, gleich ei- 
ner dunklen Sonne; das habe ich zwar nicht gesehen, 
aber das Geräusch habe ich deutlich gehört. Ferner, 
als sie an den Pfählen waren, hat man Stroh und Holz 
so hoch um sie gelegt, daß nur die Häupter sichtbar 
waren; sie aber haben, an den Pfählen stehend, oft 
freundlich denjenigen gewinkt, die sie kannten, und 
sie freundlich angelächelt, wobei sie ihre Augen gen 
Himmel wandten, sodass auch die Spanier sagten: 
Wem mögen sie wohl winken? Derjenige aber, dem 
sie zuwinkten, stand bei den Spaniern vor der Schau- 
bühne und hörte es die Spanier sagen. Dieser Bruder 
lachte auch und winkte ihnen zu, wies auch mit seiner 
Hand aufwärts, daß sie Gott zu Hilfe nehmen sollten. 
Darauf wendeten sie ihre Augen gen Himmel, aus- 
genommen Dirk von Wesel, der bereits seiner Sinne 
nicht mehr mächtig war, als Holz und Stroh um ihn 
gelegt wurde, denn die Kette, die er um den Hals hat- 
te, erwürgte ihn; ebenso war er auch sehr gepeinigt, 
sodass seine Arme übel zugerichtet waren; als ihm 
nun der Scharfrichter die Arme hinten um den Pfahl 
befestigte, ward er schwach und verlor die Besinnung, 
sodass man kein Zeichen des Lebens mehr an ihm 
wahrnehmen konnte. Sodann hat der Scharfrichter 
das Feuer in das Stroh gestellt, und sind folglich alle 
sechs lebendig verbrannt worden, einige derselben 
fast zu Pulver (so wie zwei Körbe voll Bücher); und 
die Gemeinde und Leiber wurden bei dem Galgen 
begraben. 

Dieses ist so geschehen und vollzogen worden zu 
Deventer auf dem Brink, den 25. Mai, im Jahre unseres 
Herrn 1571. 

Hernach, den 16. Juli desselben Jahres, hat man 
auch die andern tapfern Helden, nämlich Claes Oprey- 
der, Ydse Gaukes, Lyn t gen Joris und ihre Tochter 
Katharina von dem Turme gebracht und ihnen den 
Mund verwahrt, damit sie nicht reden konnten; sie 
sind aber sehr freimütig über die Straße gegangen, 
und haben viele Menschen lächelnd zugewinkt. Claes 
wurde zuerst auf die Schaubühne gebracht, welcher 
auf seine Knie fiel, um sein Gebet zu verrichten, aber 
der Scharfrichter hat ihn aufgehoben, denn die Spa- 
nier wollten solches nicht zugeben, sondern riefen: 
Schelme, Schelme! 

Die vor ihm aufgeopferten sechs Gefangenen hatten 
zwar ihr Gebet verrichtet, und solches wurde ihnen 
nicht verwehrt, auch durften sie Zusammenkommen, 
und einander küssen; weil aber das Volk viel davon 
redete, daß sie so gebetet hätten, und einander so lieb- 
reich geküsst, so hatten sie nun beschlossen, daß sie 
sie nur einzeln auf die Schaubühne bringen wollten. 
Als Claes am Pfahle stand, brachten sie Ydse auch 


auf die Schaubühne, er aber näherte sich mit Gewalt 
dem Claes, und küsste ihn, darüber ereiferten sich 
die Spanier in lauten Ausrufungen und waren zornig. 
Indem sie Ydse an den Pfahl banden, stand einer von 
den vornehmsten Spaniern mit einem Mönche neben 
der Katharina; ihre Mutter aber stand in einer kleinen 
Entfernung, sodass sie nicht hören konnte, was sie mit 
ihrer Tochter redeten. 

Da sagte der Mönch: Deine Mutter ist abgefallen, 
denn sie hat bekannt, daß sie verführt gewesen sei, 
und wird darum mit dem Schwerte hingerichtet wer- 
den; willst du nun auch abfallen, so sollst du nicht 
sterben, weil du noch jung bist, sondern man wird dir 
zur Heirat und zu großem Gut helfen, und dir über- 
haupt förderlich sein; aber zu allem diesem schüttelte 
sie den Kopf. Auch redeten die Spanier ihr zu, sie soll- 
te abfallen, dann sollte sie das Leben behalten; aber die 
andern sagten, sagt ihr dies nicht, sondern sagt, wenn 
sie von ihrer Ketzerei abstehen will, so soll sie als eine 
fromme Christin sterben und mit dem Schwerte hinge- 
richtet werden, worauf die andern antworteten, man 
muss ihr nur vorspiegeln, daß sie das Leben behal- 
ten soll; aber sie schüttelte das Haupt hierzu, sodass 
sie traurig wurden. Darauf sagte der Mönch: Liebe 
Schwester, falle doch ab, sonst wirst du von diesem 
Feuer in das ewige Feuer fahren; dafür will ich mei- 
ne Seele zum Pfände setzen. Unterdessen wurde die 
Mutter auch auf die Schaubühne gebracht, und an den 
Pfahl gestellt; da sah man, daß Catharina sehr freudig 
wurde, denn sie war gewiss, daß es Lügen waren, was 
sie von ihrer Mutter gesagt hatten. Sodann ist Katha- 
rina auch auf die Schaubühne gebracht worden; sie 
lief die Treppe sehr schnell hinauf, denn sie hatte, wie 
auch die andern, ein großes Verlangen nach der Stun- 
de ihrer Erlösung. Hiernächst wurden sie alle vier an 
Pfähle gestellt, Rücken gegen Rücken, sodass sie ein- 
ander nicht sehen oder zuwinken konnten. Als sie an 
den Pfählen standen, haben sie noch einige angelacht 
und ihnen gewinkt; da sagten die Spanier: Die sind 
auch noch von ihren Leuten; hätten wir sie nur auch 
hier. Es sind auch der Profos und Quartiermeister mit 
auf der Schaubühne gewesen, um dem Scharfrichter 
zu helfen; der Profos wollte das Holz wohl drei oder 
vier Fuß von ihnen legen, um sie langsam zu braten, 
aber der Quartiermeister sagte, daß das Urteil gelau- 
tet habe, man sollte sie verbrennen, wie die früheren, 
worüber sie hart aneinander kamen. Die Spanier rie- 
fen auch, daß man ihnen einen langsamen Tod an- 
tun sollte; doch wurde das Holz um sie herumgelegt, 
gleichwie auch um die früheren, aber nur wenig Stroh, 
um das Holz anzustecken, damit sie einen langsamen 
Tod haben möchten; aber es war doch schnell getan. 
Also haben diese vier ihr Opfer getan und sind den 



591 


16. Juni im Jahre 1571 zu Pulver verbrannt worden, 
was vielen zu einem leuchtenden Beispiele gedient 
hat, indem sie dieselben für das rechte Volk gehalten 
und getrachtet haben, denselben (durch die Gnade 
Gottes) in einem rechtschaffenen und gottesfürchti- 
gen Leben nachzufolgen, welches diese vier bis in den 
Tod erwiesen und dasjenige befestigt haben, was sie 
im Gefängnisse gesprochen und geschrieben haben. 

Ein Brief von dem Schiffer Ydse Gaukes, den er im 
Gefängnisse zu Deventer an seinen Bruder und an 
seine Freunde, dem Geiste nach, geschrieben hat. 

Gnade und Friede von Gott, unserem himmlischen 
Vater, wünsche ich allen meinen lieben Brüdern und 
Schwestern in dem Flerrn, insbesondere dir, meinem 
Bruder nach dem Fleische, und deinem geliebten Wei- 
be und meiner Schwester nach dem Geiste; ich wün- 
sche euch den wahren bußfertigen Glauben, der durch 
die Liebe tätig ist. 

Ferner, liebe Freunde, es sind unserer zwölf Brüder 
und Schwestern gefangen, es war auch ein Ankömm- 
ling dabei; wir Männer saßen wohl acht Tage beiein- 
ander; worauf die Weiber verhört wurden; diese ver- 
leugneten den Glauben, insbesondere deine Mutter 
und ihre Tochter. Hiernach wurde ich vor die Her- 
ren gebracht. Sie fragten mich nach meinem Namen, 
und wie lange ich schon getauft wäre. Ich erwiderte: 
Ungefähr vier Jahre, und setzte hinzu, wie wisst ihr, 
daß es geschehen sei? Darauf sagten sie: Wir können 
nicht zufrieden sein, es sei denn, daß du einen Eid 
tust. Nein, sagte ich, ich muss nicht schwören. Sie sag- 
ten: Man darf doch? Ich antwortete: Man darf nicht. 
Sie sagten: Wo steht es geschrieben? Ich entgegnete: 
Mt 5. Sie sagten, ich hätte nicht recht gelesen. Dar- 
auf sagte einer von ihnen zu mir: Welch ein Schäflein 
bist du? Welch ein Teufel bist du? Sie fragten darauf, 
wie viele Kinder meine Frau hätte. Ich antworte: Nur 
ein einziges, von ungefähr neun Wochen. Da fragten 
sie ferner: Wie viel habt ihr gehabt? Ich sagte: Sechs. 
Und ist keins getauft worden?, fragten sie. Ich erwi- 
derte: Das ist wahr, meine Herren. Darauf fragten sie 
mich nach dem Manne, der mich getauft hatte. Ich 
sagte, er sei gestorben. Sie fragten, wer mich denn so 
verführt hätte. Ich sagte: Mein früheres Leben, und 
weil mir Gott solches offenbart hat. Solches schrie- 
ben sie nieder, und daß wir Gottes Geist verachtet 
hätten. Wie es mir vorkam, hatten sie alle Fragen auf- 
geschrieben; auch sagte ich ihnen, es dünkt mich, daß 
ihr wohl wisst, warum ihr mich fragt. Wir wissen es 
nicht, sagten sie. Da kam es mir vor, daß sie mehr 
niedergeschrieben, als ich bekannt hatte; darum sagte 
ich, daß sie nicht mehr schreiben sollten, als ich be- 


kannt hätte. Wir tun es nicht, sagten sie, und lasen es 
mir noch einmal vor, womit ich zufrieden war. Darauf 
fragten sie mich nach meinem Vater, nach meiner Mut- 
ter und Schwester, und wie viel Brüder ich hätte. Ich 
antwortete: Zwei. Sie fragten auch nach ihren Namen. 
Ich erwiderte: Pieter ist der Jüngste, und Simon. Wo 
wohnt er?, fragten sie. Ich sagte ihnen: Das ist einer 
von eurer Religion. Es ist nicht wahr, sagten sie. Ich 
erwiderte: Es ist wahr; ich entschuldigte sie auch alle 
und sagte, sie wären nicht so ungeschickt. Darauf bat 
ich sie, daß sie keine Unschuldigen antasten wollten. 
Sie sagten: So hat denn die Frau gelogen; wir müssen 
sie heraufbringen lassen. Da sagte ich: Meine Herren, 
ich habe nicht gesagt, daß ich nicht mehr Geschwis- 
ter hätte. Sie fragten darauf: Hast du denn mehr? Ich 
sagte: Einen Bruder. Da fragten sie mich scharf, ob ich 
keinen mehr hätte. Ich antwortete: Nein. Darauf woll- 
ten sie seinen Namen wissen; denselben nannte ich 
ihnen. Sie fragten mich, ob er getauft wäre. Ich sagte, 
sie sollten ihn selbst fragen. Da sagten sie: Du kannst 
vor Gericht nicht reden, wie willst du denn vor Gott 
reden? Wir wollen dich es wohl sagen machen. Ich 
erwiderte: Der Leib ist übergeben. Da ließen sie mich 
abtreten, und brachten die Männer herauf, einen nach 
dem andern, welche den Glauben alle frei bekann- 
ten. Hierauf wurden wir wieder zusammengesetzt, 
und freuten uns sehr, daß wir wieder beieinander sein 
konnten, was jedoch nur einige Tage dauerte. Darauf 
wurde Anthonis gefoltert, und er hielt sich damals 
tapfer; nachher brachten sie mich zum Verhöre, und 
fragten, ob ich diejenigen nennen wollte, die ich ken- 
ne. Ich sagte: Nein. Sie sagten: Wir wollen es dich 
wohl sagen machen; wenn du aber Gnade begehrst, 
so wollen wir sie dir geben, wie wir der Tochter in der 
Norenburger Straße getan haben. Dieselbe hieß Mari- 
ken Baekers, und sagte wie Petrus, daß sie den Mann 
nicht kenne; solches wollte ich nicht tun. Es stand aber 
Meister Pouwels dabei, und sie fragten mich: Kennst 
du diesen Mann wohl? Ich habe ihn gestern gesehen, 
sagte ich. Darauf sagte der Commissarius: Nimm ihn, 
Meister Pouwels, worauf ich mich dem Stricke näher- 
te. Der Scharfrichter bat mich sehr und sagte: Du bist 
noch ein junger Mann. Hiernächst zog ich meine Über- 
kleider aus, und mein Hemd wurde mir um den Leib 
festgebunden; dann ließen sie mich nackend stehen, 
bis der Capitain und der Musterherr kamen; meine 
Hände waren mir auf den Rücken gebunden. 

Hiernächst wandten sie mich auf, ungefähr einen 
Fuß hoch über die Erde, und ließen mich so hängen; 
(ich hatte aber große Pein) ich gedachte zwar mei- 
nen Mund zu halten, aber ich schrie dreimal; dann 
schwieg ich still. Sie sagten: Das ist nur Kinderspiel, 
und als sie mich wieder herunterließen, setzten sie 



592 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


mich in einen Stuhl; fragten mich aber nicht, und re- 
deten auch nichts zu mir. Sodann legten sie mir eine 
eiserne Stange mit zwei Fesseln an die Füße, an die 
Stange aber banden sie drei Stück Geschütz. Als sie 
mich wieder aufbanden, wollte ein Spanier mich mit 
einer goldenen Kette ins Gesicht schlagen, aber er 
konnte es nicht. Während ich mm so hing, arbeitete 
ich sehr und zog den einen Fuß durch die Fessel; da 
hing alles Gewicht an dem einen Beine. Sie hätten es 
gern wieder gebunden; aber ich befreite den einen 
Fuß mit Gewalt, worüber sie alle lachten; ich aber 
hatte große Pein. 

Hierauf setzten sie mich in einen Stuhl und ich 
nannte einige Personen, von welchen ich glaubte, daß 
sie ihnen schon bekannt wären, denn sie wussten mir 
mehrere zu nennen. Von Claes Opreyder habe ich kei- 
ne Gewissheit, der eine sagt dies, der andere das; ich 
hoffe durch des Herrn Gnade meinen Leib hinzuge- 
ben; durch des Herrn Gnade sage ich. Mein Gemüt ist 
noch unverändert; ich bitte den Herrn Tag und Nacht, 
daß er mir Stärke verleihen wollte; bittet den Herrn 
auch herzlich für mich, denn das Gebet der Gerechten 
vermag viel, wenn es ernstlich ist. 

Nachher hat mir meine Frau durch die Mönche, die 
sie oft zu mir sandte, großen Streit veranlasst; aber 
Gott hat mir geholfen. Darauf wurde ich vor den Bi- 
schof und Pastor geführt, welche viel mit mir rede- 
ten, daß ich mehr glauben müsste, als im Evangelium 
steht, denn (sagten sie) woher weißt du es, daß ich ein 
Mensch bin? Ich erwiderte: Wie sollte ich das nicht 
wissen? Sie sagten aber: Wo steht das geschrieben, 
und in welchem Kapitel? Auch fragten sie, wie ich 
wüsste, daß sie meine Frau wäre, und machten noch 
mehr dergleichen Worte, aber sie fragten nur wenig 
aus der Schrift. 

Darauf ging ich wieder nach meinem Schlosse, wo 
ich wieder eingesperrt wurde. Meine Mutter war auch 
einmal bei mir; mich jammerte das Weib sehr. Ich sag- 
te: Gott würde sie wohl trösten; darauf sagten sie, es 
wäre der letzte Tag der Gnade. An eben demselben 
Tage hielt der Bischof den Abgefallenen eine Ermah- 
nung; da kam der Vorsteher der Franziskaner und 
sagte: Ich komme um euretwegen herunter; es wäre 
der letzte Tag der Gnade (aber Gottes Gnade steht 
allezeit offen). Nachher, als die Ermahnung zu Ende 
war, holten sie mich herauf; ich fand hier meine Frau; 
sie weinte bitterlich; aber ich sagte: Man muss Gott 
nicht verlassen. Du sollst Gott nicht verlassen, sagte 
der Bischof, und sie weinte sehr. Als ich aber mein 
Herz zu Gott wandte, dachte ich, es würde zu lange 
währen, nach dieser Zeit zu leiden. Auch ist Katelynt- 
gen sehr gepeinigt worden; man zog sie aus und hing 
ihr zwei Eisen an die Beine. Darauf kam der Scharf- 


richter und sagte: Die Frau würde nicht ein Wort ge- 
redet haben, wenn man ihr auch ein Glied nach dem 
andern gezogen hätte. Das war mir eine Freude zu 
hören. Auch ist Tryntgen durch Trost, Verheißungen 
und Bedrohungen sehr angefochten worden; sie ver- 
glichen dieselbe mit einem Hunde; ein solcher wäre 
besser als sie. Der Herr hat ihr geholfen; aber (zur 
Warnung) sie war nicht vorsichtig genug im Reden, 
denn als der Pastor von dem Alten Testamente redete, 
wollte sie nichts davon hören; das war unverständig 
geredet, aber bei dem Neuen Testamente wollte sie 
bleiben. Das hat mir Gysbert gesagt; derselbe sagt 
auch, daß er keine Schuld an uns hätte, denn man hat 
ihm wohl hundert Namen unserer Mitgenossen aus 
verschiedenen Ortschaften vorgelesen; von ihm habe 
ich diese Gerätschaft zum Schreiben erlangt. Liebe 
Brüder, habt doch Aufsicht auf meine armen Waisen. 
Die Furcht des Herrn wünsche ich allen Gottesfürch- 
tigen. Geschrieben mit großer Angst und Bangigkeit. 
Seid dem Herrn befohlen und gebt gute Achtung auf 
euch selbst. 

Geschrieben von mir, Ydse Gaukes, eurem lieben 
Bruder, aus dem Gefängnisse, den 20. Tag unserer 
Gefangenschaft. 

Des Ydse Gaukes zweiter Brief. 

Wir Gefangene in dem Herrn um des Zeugnisses unse- 
res lieben Herrn Jesu Christi willen, dessen wir nicht 
würdig sind, uns zu rühmen, Gnade und Friede von 
unserem lieben Herrn Jesu Christo sei mit unsem 
sehr weiten, lieben und auserwählten Brüdern und 
Schwestern durch den Gehorsam des Evangeliums. 
Wir wünschen euch, unsern sehr Geliebten, den rech- 
ten bußfertigen Glauben, der durch die Liebe tätig 
ist. Hierin wolle euch die Kraft des Heiligen Geistes 
stärken, Amen. 

Nebst gebührlichem Gruße lassen wir euch, unsere 
sehr Geliebten, wissen, daß wir noch bei guter Ge- 
sundheit sind, sowohl dem Fleische, als auch dem 
Geiste nach, daß wir auch noch im Gemüte und im 
Glauben unverändert sind, und daß wir überdies ein 
ruhiges Gewissen haben, und gewiss sind, daß es die 
Wahrheit ist, und daß nimmermehr eine andere offen- 
bar werden wird. 

Obschon es viele spitzfindige Geister gibt, die einen 
andern Weg suchen, als Christus sie gelehrt hat, und 
ihnen vorgegangen ist, so freut euch doch mit uns, 
sehr Geliebte, daß unser Vater uns geholfen hat, das 
Feld zu erhalten; wohl mit Recht hat er gesagt, wenn 
auch eine Mutter ihr Kindlein verließe, so wolle er 
uns nicht verlassen, wie ihr denn auch mit uns beken- 
nen müsst, daß er getan habe, wofür wir ihm nicht 



593 


genug danken können, weil wir wohl wissen, daß wir 
von uns selbst nichts haben, als lauter Bosheit, wie 
der Apostel sagt: Ich weiß, daß in meinem Fleische 
nichts Gutes wohnt. Ferner meine sehr geliebten aus- 
erwählten Brüder und Schwestern, wisst, daß es der 
Herr noch wohl sagen kann, denn obgleich wir hier 
in der Tyrannen Hände sind, so haben wir es doch 
besser, als ihr meint, denn der Herr schickt uns noch 
alle Tage einen Habakuk, welcher meine Schwester 
ist; dieselbe kann noch jeden Tag zu uns kommen; sie 
lässt es sich auch nicht verdrießen; überdies haben wir 
jeden dritten Tag eine bescheidene Wacht, sodass viel 
Volk mit uns reden kann. Wir liegen unten im Turme; 
ein jeder von uns in einem kleinen viereckigen Loche, 
ungefähr acht Fuß groß im Gevierte, von zwei dicken 
Brettern gemacht; aber wir sehen einander, und reden 
oft miteinander, was für uns eine große Freude ist; 
weshalb auch derjenige, welcher mein bester Freund 
auf Erden war, neidisch auf mich wurde und sagte, 
wir lägen zu nahe beieinander, wir stärkten einander 
noch mehr. Darum durfte der Herr wohl sagen: Wenn 
ein unreiner Geist ausgetrieben ist, so kommt er wie- 
der und besieht es; findet er uns nun ledig und mit 
dem Besen gekehrt, so nimmt er noch sieben Geister 
zu sich, die ärger sind, als er. 

Ferner, meine lieben Freunde, seid nicht stolz, und 
verlasst euch nicht auf euch selbst, sondern befehlt eu- 
re Sachen dem Herrn. Derjenige, welcher der Stärkste 
war und am wohlgemutesten, als wir gefangen wur- 
den, an welchem wir auch eine Freude hatten, daß wir 
bei ihm waren, liegt nun auch im Drecke, wiewohl 
er sich in der Folter tapfer hielt. Darum verlasst euch 
nicht auf euch selbst. Ferner, liebe Freunde, ließen 
sie uns hier liegen, sodass in sechs Wochen niemand 
nach uns gesehen hat, nur daß der Commissarius un- 
sere Schwester Tryntgen herausbringen ließ, welche 
er nach einem von Gent fragte, den sie nicht kannte, 
und bei welcher Gelegenheit sie auch nach mehreren 
Freunden von Gent fragten; aber sie erfuhren nichts. 
Da erwarteten wir unser Urteil, denn wir dachten 
nichts anderes, als daß wir unser Opfer tun würden. 
Neulich waren zwei Franziskaner bei mir, wiewohl 
sie nicht gesandt waren; sie schlossen die Türen auf 
und fragten, wie es mir ginge; ich antwortete: Wie 
Gott will. Ja, sagten sie, auch wie du willst. 

Wir redeten von dem Evangelium, sie fragten mich: 
Woher weißt du, daß es das Evangelium sei? Ich er- 
widerte: Das weiß ich wohl, denn Christus hat es mit 
seinem Blute versiegelt. Der eine wurde zornig; ich 
sagte: Still, oder wartet noch ein wenig; ihr behandelt 
uns, sagte ich, ärger als die Juden, denn die Juden ge- 
ben Schutzgeld, uns aber bringt ihr um den Hals. Da 
wurde er abermals zornig und sagte: Eure Schelmerei 


bringt euch um den Hals. Wir haben, sagte ich, nichts 
verschuldet; er wollte davonlaufen und schrie laut; 
ich sagte: Sei gelinde. Ja, sagten sie, das ist euer Wort: 
O Vater, vergib es ihnen, denn sie wissen nicht, was 
sie tun; hierauf machten sie sich davon. Auch kamen 
zwei Betschwestern, die wider meine Mitgefangenen 
viel reden wollten; ich sagte: Soll man auch etwas 
anders taufen als Menschen? Nein, sagten sie, keine 
Tiere; ich sagte: Warum tauft ihr denn Glocken? Das 
ist der Gebrauch, sagten sie; es ist eine alte Gewohn- 
heit, wenn es böses Wetter ist, so lauten mir, dann 
vergeht es; ich sagte: Ja, wenn es bald vorüber ist, so 
fangt ihr an zu läuten, und meint dann, daß es helfe. 
Da sagten sie: Es ist nicht gut, daß das Volk zu ihm 
kommt. 

Ich kann es euch auch nicht verschweigen, wie un- 
barmherzig sie mit unserer Schwester umgegangen 
sind; sie banden ihre Kleider über den Hüften fest, 
den Oberkörper aber entblößten sie ganz und gar. Da 
sagte unsere Schwester (welche noch eine junge Toch- 
ter ist): Solche Schande ist mir noch niemals angetan 
worden. Du tust sie dir selbst an, sagten sie. 

Ferner, mein lieber Bruder und meine liebe Schwes- 
ter, die ihr diese unsere kleine Schrift sehen oder lesen 
hören werdet, machen wir euch allen durch unser klei- 
nes Schreiben bekannt, daß unser Gemüt noch tapfer 
und unverändert ist; und daß wir euch nicht mehr 
ermahnen, kommt von unserem geringen Verstände 
her; ich hoffe, ihr werdet uns solches zu gut halten. 
Wisset, meine geliebten Freunde, daß wir uns auf das 
Höchste erfreut haben, als wir Briefe und Schreiben 
von euch empfangen haben, denn es erquickte unsern 
inwendigen Menschen. 

Nun, meine auserwählten sehr lieben Brüder und 
Schwestern! Wir Gefangene lassen euch sehr ernst- 
lich bitten, daß ihr auf euch selbst und euern Wandel 
Acht haben wollt, denn, mein sehr geliebter Bruder 
und Schwester, wenn man auf solche Weise gefan- 
gen gesetzt wird, so findet man erst, daß der Weg 
schmal und die Pforte eng sei, die zum Leben führt; 
ja viele werden darnach trachten und nicht hinein- 
kommen, weil sie nicht von der rechten Zahl sind. 
Darum, meine werten und in Gott geliebten Brüder 
und Schwestern, beschaut doch täglich das Inners- 
te eurer Herzen, wenn euch täglich arge Gedanken 
überfallen, und verbergt eure Sünde nicht, damit ihr 
nicht darüber zu Grunde geht, denn ihr könnt sie 
vor dem Herrn nicht verbergen; er hat Augen wie 
Feuerflammen. Ach, meine Auserwählten, ihr könnt 
niemanden betrügen, als euch selbst. Wir haben ein 
Exempel an David, als er den Mann in den Streit sand- 
te und schrieb, daß man ihn dahin stellen sollte, wo 
der Streit am schärfsten wäre und wo streitbare Män- 



594 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


ner gegen Israel ständen, damit er sein Weib erlangen 
möchte. Was sagte Nathan zum Könige? Es gab einen 
Mann, der hatte viel Schafe, und es gab einen Mann, 
der hatte ein einziges Schaf, und derjenige, der viele 
Schafe hatte, nahm dem Manne das eine Schaf und 
tötete es. Da hat David selbst ihn des Todes schuldig 
erkannt; aber er ist hingegangen und hat sein Bett mit 
seinen Tränen genetzt. Seht, meine lieben Brüder und 
Schwestern, lasst uns allezeit wachen und vorsichtig 
sein; wenn uns etwas Böses zustößt, so lasst uns nicht 
zu gut sein, Buße zu tim, und mit David und Manasse 
unsere Sünden bekennen, dann werden wir Gnade 
vor Gott finden. Ach, meine lieben und auserwählten 
Brüder und Schwestern, hätte man das in Friesland 
getan, und ein jeder sein eigenes Herz angegriffen; 
es wäre nimmermehr so übel gegangen; aber wenn 
ein jeder vermessen ist und sagt: Beweist mir meine 
Schuld, und denkt: Ich will nichts bekennen; was wür- 
de das Volk sagen? Ja, ich würde meiner Ehre und 
meines Dienstes verlustig sein! Ach, Freunde! Hätte 
man zugesehen und ein jeder sein eigenes Herz unter- 
sucht, und sich gutwillig zur Buße bequemt, es wäre 
niemand in solche Ungelegenheit gekommen. 

Darum, meine Geliebten, seid allezeit dem Evange- 
lium gehorsam, und lasst euch nicht von allerlei Win- 
den der Lehre bewegen, sondern bleibt bei dem, vor 
welchem ihr eure Knie gebeugt habt; seid dessen ein- 
gedenk, was Paulus sagt: Wenn auch ein Engel vom 
Himmel käme und ein anderes Evangelium predigte, 
der sei verflucht. Hütet euch vor dem schändlichen 
Heiraten außer der Gemeinde (was einige unter euch 
einführen wollen), und seht die Kinder Israel an, wie 
sie die heidnischen Weiber verlassen mussten. Darum, 
meine lieben Freunde, tragt doch fleißige Fürsorge, 
solange es heute heißt, und lasst uns allezeit fleißig 
am Tempel bauen, umgürtet mit dem Schwerte des 
Geistes, damit wir den Feinden widerstehen mögen, 
damit sie uns unsem Ruhm nicht nehmen; denn das 
Pfund haben wir empfangen; der Herr wird es auch 
wieder von uns fordern, und wenn er uns treu findet, 
wird er uns über viel setzen. Darum, mein Auser- 
wählter, laß uns allezeit fleißig Zusehen, daß wir die 
köstliche Perle, die wir gefunden haben, auch sorg- 
fältig bewahren, damit uns die Räuber dieselbe nicht 
nehmen, denn wenn sie uns genommen wird, so sind 
wir verdorben. So haltet denn gute Wache, liebe Brü- 
der und Schwestern, und denkt, daß wenn euch ein 
Stück Gold gegeben worden wäre, nicht größer als ein 
Pfennig, und man hätte euch dabei gesagt: Bewahrt 
das nur drei oder vier Jahre, dann wird eine teure 
Zeit kommen, welche ein Jahr währen wird; bewahrt 
nun das Stück so lange, dann werdet ihr dafür so viel 
kaufen können, daß ihr keinen Mangel haben werdet; 


verliert ihr es aber, so werdet ihr vor Hunger sterben - 
wie genau würdet ihr das bewahren! Würdet ihr nicht 
jeden Tag (wenn die Zeit kommt, wo ihr es haben 
müsst) danach sehen, ob ihr es verloren habt? Ja, ich 
glaube, jede Stunde. Seht, meine Auserwählten, die 
ihr den Glauben empfangen habt, euch ist dieses Gold 
gegeben, um es lebenslänglich zu bewahren; bewahrt 
ihr es nun bis ans Ende, so werdet ihr das ewige Leben 
dafür empfangen. 

Darum, meine sehr Geliebten, da ihr wisst, daß der 
Tag nahe ist, wo ihr es haben müsst, so tragt gute Sor- 
ge, daß ihr es nicht verliert, denn wenn ihr es auch 
den letzten Tag verliert, so mag es euch nichts helfen; 
es würde niemandem etwas nützen, und wenn er es 
hundert Jahre bewahrt hätte, wie der Prophet sagt: 
Wenn jemand sein Leben lang Gutes getan hat, und 
ist aufrichtig gewandelt, würde sich aber zur Unge- 
rechtigkeit wenden, so mag ihm all sein Gutes, das 
er zuvor getan hat, nicht helfen. Seht, wie der Herr 
von uns den Gehorsam fordert, wie auch der Prophet 
Samuel zu Saul sagte: Der Herr hat lieber Gehorsam 
als Opfer. Seht auch auf den Mann Gottes, wie er von 
dem Herrn gestraft worden ist, weil er den falschen 
Propheten angehört und der Stimme des Herrn nicht 
gehorcht hatte. Seht die Kinder Israel an, als sie gesün- 
digt hatten, mussten sie ihren Feinden den Rücken 
kehren; so sagt auch Christus selbst: Ihr seid meine 
Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete, und wer 
beharrt, bis ans Ende, soll selig weiden, denn es ist 
weder am Anfänge, noch in der Mitte gelegen. Darum 
seid sorgfältig, daß ihr nicht betrogen werdet, denn 
Christus hat recht gesagt, daß viele falsche Propheten 
aufstehen und rufen werden: Hier ist Christus, da ist 
Christus. So hütet euch denn, meine Auserwählten, 
damit ihr nicht verführt werdet; sie sind von uns aus- 
gegangen (sagt der Apostel); wären sie aber von uns 
gewesen, sie wären wohl bei uns geblieben. 

Hiermit will ich euch dem Herrn und dem rech- 
ten Worte seiner Gnade anbefehlen. Ich berichte euch 
auch, daß unser Bruder Claes, in Folge seines Alters, 
noch großen Schmerz in seinen Gliedern hat; auch hat 
unsere Schwester Lyntgen in ihren Schultern großen 
Schmerz; Tryntgen aber und ich sind wohl auf. Wir 
Gefangene lassen euch herzlich grüßen, desgleichen 
auch alle umliegenden Gemeinden und Liebhaber der 
Wahrheit, namentlich P. J. und dein Weib. Ich danke 
dir auch herzlich für dein Schreiben; grüßt mir W. und 
sendet es L. J. in Friesland in Molqueeren; auch schickt 
es Jan de P. und denen von Amsterdam; ich habe auch 
etwas für ihn geschrieben, das nehmt mit dazu, und 
sorgt, daß dies auch nach Emden an meinen werten 
Bruder und sein Weib kommen möge. Mein lieber 
Bruder und meine liebe Schwester, betrübt euch nicht 



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um uns, denn eure Mutter und Schwester sind wohl- 
gemut; sagt auch Machteigen, daß sie sich vor dem 
Härmen hüten müsse, denn er sucht sie ins Unglück 
zu bringen; damit er nur herauskommen möge; ich 
habe ihn sagen gehört, er wolle einen guten Christen 
aus ihr machen. Wir grüßen auch unsere zerstreuten 
Mitgenossen. Nun, meine herzlich geliebten Brüder 
und Schwestern, gedenkt an uns Gefangene in eurem 
Gebete und in eurer Versammlung, denn das Gebet 
der Gläubigen vermag viel, wenn es mit Ernst ge- 
schieht. Wir warten von Tag zu Tag darauf, daß wir 
unser Opfer tun werden. Liebe Freunde, ihr wollt uns 
doch auch etwas schreiben. 

Geschrieben in großer Angst und Bangigkeit, im 
Gefängnisse zu Deventer, nachdem wir neun Wochen 
gefangen gesessen hatten. 

Der dritte Brief, geschrieben in Deventer, im 
Gefängnisse, durch Ydse Gaukes. 

Die Gnade Gottes, unsers himmlischen Vater, der Him- 
mel und Erde erschaffen und gemacht hat, und die 
Liebe seines werten Sohnes unsers Herrn, Erlösers 
und Seligmachers, welcher Jesus Christus ist, durch 
welchen er uns von der ewigen Feindschaft und hölli- 
schen Pein erlöst hat, wie auch die Kraft des Heiligen 
Geistes, der in allen seinen Auserwählten wirkt, wün- 
schen wir unsern bekannten wie auch unbekannten 
Brüdern und Schwestern, und allen Liebhabern der 
Wahrheit zu einem sehr herzlichen und freundlichen 
Gruße, Amen. 

Ferner, mein auserwählter Bruder und meine aus- 
erwählte Schwester, als Mitgenossen unseres allerhei- 
ligsten Glaubens, durch Gottes Gnade und Barmher- 
zigkeit, und Reben an dem Weinstocke des Herrn, 
gedenken wir Gefangene, die wir um des Zeugnisses 
der Wahrheit willen gefangen liegen, noch ein wenig 
an euch zu schreiben, damit ihr auch an uns denkt, 
wenn es anders der Herr zulässt, daß ihr dieses Weni- 
ge aus der Löwengrube in die Hände bekommt. Wir 
denken und hoffen, daß uns unser Herr bald erlösen 
werde, sodass wir keine Zeit mehr haben werden zu 
schreiben; hätten wir meine Schwester nicht, so müss- 
ten wir uns sehr genau behelfen, und müssten Hunger 
leiden; jetzt aber haben wir genug; der Herr wolle es 
denen belohnen und hundertfältig erstatten, die an 
uns Barmherzigkeit erweisen. 

Mein geliebter und sehr werter Bruder und meine 
geliebte Schwester durch den Gehorsam des Evange- 
liums, ihr sollt wissen, daß wir im Fleische noch ziem- 
lich gesund und unverändert im Glauben sind, und 
daß wir auch gewiss sind, daß es die rechte Wahrheit 
ist, und keine andere gefunden werden wird, weder 


in Zeit, noch in Ewigkeit, denn davon sind wir über- 
zeugt, daß der Herr in allen seinen Verheißungen treu 
ist, wie er denn auch sagt, daß er die Seinen nicht 
verlassen, sondern sie wie seinen Augapfel bewahren, 
auch sie nicht über Vermögen versucht werden las- 
sen, sondern neben der Versuchung ein Auskommen 
verschaffen will, worauf wir auch ein festes Vertrauen 
haben. Darum, mein lieber und auserwählter Bruder 
und meine geliebte Schwester, bittet doch den Herrn 
herzlich für uns, daß er uns Kraft und Stärke geben 
wolle, wenn die Stunde des Leidens vor der Türe ist, 
denn unsere Verfolger drohen uns sehr, daß sie uns 
auf allerlei Weise peinigen und lebendig langsam bra- 
ten wollen. 

Darum, meine lieben Brüder und Schwestern in 
dem Herrn, helft doch den Herrn für uns bitten, denn 
von uns selbst haben wir doch nichts als Schwachheit, 
und sind mit einem zerbrechlichen Fleische umgeben; 
wenn wir aber des Herrn Wort überlegen und die Ver- 
heißungen, welche er denen gegeben, die bis ans Ende 
tapfer streiten und dabei bleiben, so finden wir hin- 
reichenden Trost, denn wer standhaft bleibt, wird die 
Verheißungen empfangen, indem er niemals jeman- 
den verlassen hat, der auf ihn sein Vertrauen gesetzt 
hat, und die des Streites eingedenk sind, den unser 
Hauptmann Jesus Christus für uns geführt hat, da- 
mit sie ihm so gutwillig nachfolgen. Darum erwarten 
wir unsere Erlösung mit Freuden, und wenn sie uns 
auch sehr drohen, so können sie uns doch nicht mehr 
tun, als ihnen der Herr zulässt, und was ihnen der 
Herr zulässt, dem wollen wir uns übergeben, denn 
unser Fleisch hat wohl tausendmal mehr verdient, als 
womit wir den Herrn so oft erzürnt haben. Ferner, 
meine lieben Brüder und Schwestern, sind wir von 
Tag zu Tag gewärtig unser Opfer zu tun, wie wir denn 
auch meinten, daß es geschehen würde, als unsere 
Mitgefangenen ihr Opfer taten. Nun denn, meine sehr 
geliebten Brüder und Schwestern, die ihr euch unter 
den Gehorsam des Evangeliums begeben habt, und 
mit Noah in die Arche getreten seid, und mit Lot aus 
Sodom, und mit Mose aus Ägypten durch das Rote 
Meer gegangen seid, und lieber mit den Kindern Got- 
tes Ungemach leiden, als die zeitliche Ergötzlichkeit 
der Sünden mit Pharao haben wolltet, nun denn (sa- 
ge ich), meine lieben Freunde, seid fromm mit dem 
gerechten Noah, der auf des Herrn Verheißungen ein 
festes Vertrauen hatte, und den Tag mit Geduld erwar- 
tete, der ihm von dem Herrn verheißen war, nämlich 
120 Jahre. Seht, meine lieben Brüder und Schwestern, 
die ihr nun noch in Hütten sitzt, und mit Noah die 
Verheißung empfangen habt, daß ein Tag kommen 
wird, der über alles Fleisch gehen wird; werdet ihr 
aufrichtig vor dem Herrn erfunden, dann werdet ihr 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


mit Noah ewig erhalten werden. Seid dem Herrn ge- 
horsam mit Lot, und habt einen festen Glauben an 
das, was euch Gott gebeut, denn er will, daß man 
seine Gebote halte, wie wir denn auch ein Exempel 
an Lots Weibe haben, welche in eine Salzsäule ver- 
wandelt worden ist, und ferner an den Kindern Israel, 
welchen, als sie seine Gesetze und Gebote hielten, nie- 
mand Schaden zufügen konnte. Hiervon haben wir 
auch ein Exempel an den Kindern Israel, denselben 
war das Land der Verheißung zugesagt; aber sie ha- 
ben es nicht verlangt, weil sie nicht auf den Herrn 
vertrauten, denn von sechsmal hunderttausend sind 
nicht mehr als zwei in das Land der Verheißung ge- 
kommen; aber ihre Nachkömmlinge hat Josua durch 
den Jordan geführt, welchen der Herr auch mit Kraft 
beigestanden, sodass sie, nach seinem Befehle, mit 
der Bundeslade um Jericho gegangen sind, worauf 
die Mauern einfielen. 

Seht, meine lieben Brüder und Schwestern, wenn 
wir auf des Herrn Vorschrift fortwandeln und den 
Herrn Tag und Nacht anrufen, so wird er für uns strei- 
ten, ja, unsere Feinde werden uns nicht verhindern 
können, sondern müssen zu Schanden werden; aber 
wenn auch die Gerechten den Herrn wieder verlassen, 
so müssen sie ihren Feinden den Rücken kehren, wie 
man im Josua von Achan, und auch von Saul, dem 
ersten Könige in Israel, liest, welcher, als er von dem 
Herrn den Befehl empfing, daß er wider die Amale- 
kiter in den Streit ziehen und niemanden verschonen 
sollte, hingezogen ist und den Befehl des Herrn nicht 
gehalten hat; darum ist auch der Geist des Herrn von 
ihm gewichen. Deshalb hat der Herr den David an 
seine Stelle gesetzt, welchen Saul aus diesem Grunde 
auch verfolgt hat, wie denn die Gerechten von den 
Ungerechten allezeit leiden müssen, wie Jakob von 
Esau, Abel von Kain, weil sein Opfer angenehm war 
vor dem Herrn, das seines Bruders aber nicht; dar- 
um wurde er vom Kain ermordet, welches Geschlecht 
noch jetzt in dieser Welt ist. 

Seht, meine sehr geliebten, auserwählten und wer- 
ten Brüder und Schwestern, welchen die Wahrheit 
offenbart ist, die doch so vielen Tausenden verbor- 
gen ist, und die ihr Gnade von Gott empfangen habt; 
lasst uns dem Herrn gehorsam sein, wie unser Va- 
ter Abraham getan hat, der ein Vater aller Gläubigen 
ist, und Jephta, der seine eigene Tochter nicht ver- 
schont hat, sondern sie dem Herrn freiwillig aufgeop- 
fert hat. Darum, meine lieben Brüder und Schwestern, 
lasst uns der Furcht des Herrn uns befleißigen und 
seine Gebote halten, dann wird er uns gnädig sein. 
So seid denn nun, meine sehr geliebten Brüder und 
Schwestern, getreu bis ans Ende, erschreckt und fürch- 
tet euch nicht, denn, obgleich dieses Geschlecht jetzt 


große Macht hat, das Volk Gottes umzubringen und 
zu töten, so können sie doch nicht mehr tun, als ihnen 
der Herr zulässt. Darum lasst uns gute Wache über 
unsere Seele halten, und allezeit wachsam sein, den 
der Herr selbst sagt: Wacht und betet, denn der Herr 
wird kommen, wie ein Dieb in der Nacht. Ach, mei- 
ne lieben Brüder und Schwestern; lasst uns alsdann 
mit den fünf klugen Jungfrauen allezeit Öl in unsern 
Lampen haben, und allezeit bereit stehen und auf die 
Zukunft unsers Bräutigams warten, damit wir mit 
Gideon tüchtig erfunden werden möchten; denn sie 
waren nicht alle angenehm, sondern es sind ihrer nur 
dreihundert tüchtig erfunden worden, gleichwie auch 
Christus selbst sagt: Viele sind berufen, aber wenige 
auserwählt. 

Darum, meine lieben Brüder und Schwestern in 
dem Herrn, lasst uns doch den Herrn ernstlich und 
mit brünstigem Herzen bitten, daß wir zu dem klei- 
nen Häuflein erkannt und gerechnet werden mögen, 
und ein Stein an des Herrn Tempel und eine Rebe an 
des Herrn Weinstocke sein mögen, damit wir unserm 
Hirten und Bischöfe tapfer bis ans Ende nachfolgen, 
dann wird es uns wohlgehen, und wir werden in aller 
Gerechtigkeit und Heiligkeit wandeln, und allezeit an 
den Tag des Herrn gedenken und von dem Wege des 
Herrn nicht weichen; dann wird er sich unserer erbar- 
men und uns gnädig sein; denn er wird die Schafe von 
den Böcken scheiden, und wird zu denen zu seiner 
Rechten sagen: Kommt her, ihr Gesegneten, ererbt das 
Reich, das euch bereitet ist; und zu denen zu seiner lin- 
ken Seite: Geht, ihr Verfluchten, von mir in das ewige 
Feuer. Ach, wie jämmerlich wird es dann um diejeni- 
gen stehen, welche hier die Menschen mehr gefürchtet 
haben als den Herrn, ja die jetzt sagen: Der Herr ist 
gnädig und barmherzig, was zwar die Wahrheit ist; er 
ist aber auch gerecht, und will, daß man seine Gebote 
halte. Darum, o liebe Menschen, denkt an den Tag, 
von welchem Petrus sagt, daß ein Tag vor dem Herrn 
wie tausend Jahre seien; welch eine jämmerliche Klage 
wird man dann darüber machen? Seht, meine lieben 
Brüder und Schwestern, mein Schreibzeug ist nicht 
ausreichend; deshalb muss ich schließen; darum wol- 
len wir Gefangene hiermit unsern Abschied von euch 
nehmen, nämlich wir vier; unsere Namen sind euch 
wohl bekannt; sendet dieses Schreiben auch unserer 
Schwester Lyntgens Bruder Jan de P. Wir Gefangenen 
lassen euch mit des Herrn Worte herzlich grüßen; wir 
sind noch wohlgemut und hoffen auch, dem Herrn 
ein freiwilliges Opfer zu tun; Gott der Herr wolle uns 
mit seinem Geiste stärken. Und ihr, liebe Brüder, Bau- 
ke, Simon und Pieter, die ihr meine Brüder nach dem 
Fleische seid, tragt doch Sorge für eure Seelen; lasst es 
nicht darauf ankommen, daß ihr noch jung seid, denn 



597 


ihr wisst weder Stunde noch Zeit; auch ist euch so 
viel offenbart, daß ihr wohl wisst, was die Wahrheit 
ist. Hiermit will ich euch meinen letzten Abschied 
zusenden, ich denke nicht, daß ich euch mehr sehen 
werde; trachtet aber darnach, daß wir einander mit 
Freuden Wiedersehen mögen. 

Nun, mein lieber Bruder Bauke, samt deinem Weibe; 
deine Mutter, deine Schwester und ich, dein Bruder, 
lassen dich herzlich grüßen, so wie alle Bekannten; 
hier sende ich euch unsem letzten Gruß: Der Herr 
wolle uns tüchtig machen, daß wir einander dermal- 
einst mit Freuden Wiedersehen mögen. Claes lässt 
euch herzlich grüßen; auch lassen wir alle diejenigen 
grüßen, die unserer im Schreiben eingedenk gewesen 
sind, wie wir uns denn sehr erfreuen, daß ihr noch 
solche Lust zu der Wahrheit habt. Hiermit nehmen 
wir von unsern lieben Brüdern und Glaubensgenos- 
sen unsern letzten Abschied; der Herr wolle euch alle 
bewahren, in Gerechtigkeit und Heiligkeit, Amen. 

Geschrieben in unserm dunklen Gefängnisse, mit 
schlechtem Schreibzeuge; darum nehmt es zum Bes- 
ten auf. Gegeben den 95. Tag unserer Gefangenschaft 
im Jahre 1571, den 14. Juni, in Deventer. 

Douwe Geuwoutß, 1571. 

Diejenigen, welche den Worten und Geboten Gottes 
recht nachzufolgen sich bestrebten, müssen öfters von 
den Weltgelehrten große Verachtung und Verfolgung 
leiden, wie man zu Leeuwaarden in Friesland an dem 
Bruder Douwe Geuwoutß gesehen hat, welcher den 3. 
Januar 1571 um des Namens Christi willen, fünf Kind- 
lein allein im Hause lassen und sich in ein dunkles 
Loch hat gefangen legen lassen müssen, in welchem 
er eine lange Zeit bei den Übeltätern liegen musste, 
welches er (mit dem Verlangen nach seiner Aufopfe- 
rung) geduldig erlitten hat. Darauf wurde er von dem 
Bischöfe und mehreren andern verhört, die ihn sehr 
quälten und zum Abfalle zu bringen suchten; aber 
alle Mühe war umsonst. Sie fragten ihn nach seinem 
Glauben; denselben bekannte er ihnen freimütig; auch 
priesen sie ihm des Papstes Krämerei sehr an, aber er 
sagte, er wolle sich an Gottes Gebote halten, und Men- 
schengebote fahren lassen. Er bewies auch, daß ihre 
Betzeiten, Messe, Firmen, Salben, Beschwören und an- 
dere Dinge mit Gottes Wort nicht übereinkamen; nicht 
weniger hat er sie auch gebeten, daß, weil ja er sei- 
nen Glauben bekannt hätte, sie ihn ferner nicht mehr 
quälen, sondern seine Leiden und Beschwerden ver- 
kürzen wollten, denn er sei bereit, sein Leben für die 
Wahrheit zu lassen, indem er wohl wüsste, daß er als- 
dann die Krone des Lebens zu erwarten hätte. Endlich 
hat ihn der Bischof als einen Ketzer verdammt und 


den weltlichen Richtern übergeben, um mit ihm nach 
des Königs Befehle zu Verfahren (denn diese genann- 
ten Christen dürfen niemanden töten, wie denn auch 
die Pharisäer niemanden töten durften). In Folge jenes 
bischöflichen Ausspruchs wurde Douwe Geuwoutß 
nach langer Gefangenschaft, den 12. Oktober im Jahre 
1571 zum Tode verurteilt, daß er die nächstfolgende 
Nacht ertränkt werden sollte. Als er dieses hörte, hat 
er sich tapfer als ein Glaubensriese erwiesen, und hat 
nicht mehr vor dem Tode gebebt, sondern hat sehr 
nach dem neuen Jerusalem verlangt; unerschrocken 
saß er in der Stube mit entblößtem Haupte, und hat 
seinen himmlischen Vater mit Dank, Lob und Gebet 
verehrt, bis seine Abschiedsstunde herankam. Als sie 
ihn in einen Sack steckten, fing er an zu singen: Ich 
armes Schäflein an der Heide. Viele, die gegenwärtig 
waren, rühmten seine Hochherzigkeit, weil er so frei- 
willig und mit solch einem fröhlichen Gemüte dem 
Tode entgegenging. 

Also ist er aus diesem zeitlichen Jammertale sehr 
freudig geschieden und hat sein Leben im Wasser 
geendigt; demnach ruht er jetzt unter dem Altäre, 
und erwartet dort die ewige Freude, die allen lieben 
Kindern Gottes verheißen ist. 

Hans Misel, 1571. 

Auch ist Hans Misel, ein Weber, und noch ein jun- 
ger Mann, im Jahre 1571, als er zu Langensmer, im 
Schwabenlande, von einigen Leuten gebeten worden 
ist, über des Herrn Wort zu lesen und zu reden, und 
er diesen Weg der Wahrheit auslegte, verraten und zu 
Warthausen zur Anzeige gebracht worden. Die Frau, 
welche damals dort wohnte, schickte ihren Schreiber 
dahin; derselbe kam mit den Dienern, überfiel den 
Bruder, zog sein Schwert aus der Scheide, und stieß 
mit dessen Knopfe den Bruder einige Male auf das 
Herz oder auf die Brust; schalt denselben auch ab- 
scheulich und sagte, er hätte Macht dazu und noch 
zu mehrerem; auch hat er ihn mit der Degenklinge 
geschlagen und gesagt, er hätte Macht, ihn damit zu 
durchstechen. Der Bruder ließ sich dadurch nicht in 
Furcht jagen, sondern sagte zu dem Schreiber in einem 
sanften Tone, er solle still sein und nicht so rasen. Der 
Schreiber band ihn selbst, worauf sie mit ihm nach 
Warthausen marschierten, und ihn die Nacht in einem 
Hause bewahrten, wo sie miteinander prassten und 
zechten, und dem Bruder die ganze Nacht hindurch 
allerlei Spott und Schmach antaten. 

Als es nun Tag wurde, führten sie ihn in das Schloss, 
und legten ihn in einen Turm; hier kamen viele Pfaffen 
zu ihm, die mit ihm viel zu schaffen und zu handeln 
hatten, und ihn versuchten; aber es sind keine zu ihm 



598 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


gekommen, die nicht mit Schanden von ihm haben 
wieder abziehen müssen. Auch hat der Scharfrichter 
das Seine tun müssen, um ihn auf die Probe zu stellen; 
sie haben ihn sehr angespannt und gepeinigt, aber sie 
konnten ihn nicht bewegen, von der Wahrheit abzu- 
fallen, oder etwas zu tun, was dem Glauben zuwider 
gewesen wäre. Als sie nun mit allen Versuchungen 
am Ende waren, und er gleichwohl standhaft blieb, 
und nicht einen Tritt von dem Wege des Glaubens 
und der göttlichen Wahrheit abweichen wollte, hat 
die Frau des Schlosses den Pfaffen kommen lassen, 
und zu ihm gesagt, sie wäre ein Weib und hätte wenig 
Einsicht, wie man mit ihm handeln müsste; sie soll- 
ten ihr doch raten, was man ihm tun sollte. Da hatte 
die Frau die rechten Ratgeber getroffen, eben als ob 
man den Wolf fragen wollte, wie man mit den Schafen 
handeln sollte; denn sie hielten ihr sofort des Kaisers 
Rechte und Befehle vor, und haben ihm so, nach der 
Weise ihrer Väter, den Tod zuerkannt, welche auch 
über Christum den Rat gaben und riefen: Hinweg mit 
ihm, er ist des Todes schuldig; wir haben ein Gesetz, 
und nach demselben muss er sterben. Also ist es ge- 
schehen, daß er zum Tode verurteilt worden ist; einige 
im Rate wollten nicht mit einstimmen, aber das half 
nichts; der Teufel (der in den Kindern des Unglaubens 
wirkt) war Meister in diesem Spiele. 

Als man ihn nun des Morgens richten wollte, ka- 
men des Nachts seine Freunde, und wollten ihn aus 
dem Turme befreien; sie gruben, bis sie ganz in seine 
Nähe gelangten, sodass er sie hörte; da hat er sie ge- 
warnt, sie sollten sich nicht unterstehen, das zu tun, 
den er würde durch dieses Loch doch nicht zu ih- 
nen herauskommen; deshalb haben sie es anstehen 
lassen müssen. Als nun das Urteil bekannt gemacht 
war, daß er hingerichtet werden sollte, so wollten sie 
ihm zuvor noch gar zu essen geben; aber er wollte 
nicht essen, sondern als er vernahm, daß seine letzte 
Stunde nun nahe wäre, begehrte er, daß man ihm ver- 
gönnen möchte, ein wenig allein zu sein, was sie ihm 
gestatteten, ohne zu wissen, warum er es begehrte, 
wiewohl sie sich erkundigten und ihm nachforschten, 
was er tun würde und vorhätte. In seiner Einsamkeit 
hat er seine Hände gen Himmel erhoben, auch Gott 
gelobt, daß er ihn diese Stunde hat erleben lassen, 
und ihn dazu tüchtig erkannt hätte, hat ihn auch gebe- 
ten, daß er ihm Kraft und Mut geben wolle, den Tod 
der aufrichtigen und öffentlichen Zeugen Gottes zu 
sterben. Darauf hat er auch Gott für alle Wohltaten 
treulich gedankt, die er ihm zu jeder Zeit erwiesen hat- 
te, auch gebetet, daß ihm Gott in dieser letzten Stunde, 
die vorhanden, beistehen wolle, und hat sich auf sol- 
che Weise dem Herrn, seinem Gotte, anbefohlen. Der 
Scharfrichter sagte: Dieser Mann ist freimütiger, als 


wir alle. 

Als er nun ausgebetet hatte, zeigte er sich dem Vol- 
ke mit lachendem Munde, und war bereit zu sterben. 
Der Beichtvater zu Warthausen begleitete ihn, als man 
ihn hinausführte, und setzte ihm zu, daß er widerru- 
fen und sich selbst gnädig sein sollte; aber er sagte, 
sie sollten widerrufen und sich von ihrer Hurerei, Bü- 
berei und ihrem abgöttischen, gottlosen Leben, worin 
sie versunken wären, bekehren. 

Als ihn der Scharfrichter auf den Platz brachte, wo 
er gerichtet werden sollte, sagte er noch zu ihm, wenn 
er widerrufen wollte, so hätte er noch Macht, ihn in 
Freiheit zu setzen; aber er war hierzu nicht geneigt, 
sondern wollte seinen Glauben mit dem Blute bezeu- 
gen, und sagte, daß der Scharfrichter in seinem Amte 
fortfahren möchte. Also ist er enthauptet und nachher 
verbrannt worden; als sie ihn nicht gleich verbrennen 
konnten, zerteilten sie ihn in Stücke, und verbrann- 
ten nachher dieselben. Als ihm der Scharfrichter das 
Haupt abgeschlagen hatte, und dasselbe auf der Erde 
lag, blieb der Körper noch aufrecht stehen, mit auf- 
gehobenen Händen, als ob er gebetet hätte, bis der 
Scharfrichter ihn mit dem Fuße umstieß. Man sag- 
te auch, sein Haupt und Haar hätte nicht verbrannt 
werden können, sondern man habe es noch ganz un- 
versehrt in der Asche gefunden und es so begraben. 
Dieses ist den 13. Dezember des vorgemeldeten Jahres 
1571 geschehen. 

Als er hingerichtet werden sollte (merke), sagte er, 
man würde sein Blut noch an der Sonne sehen, was 
auch am dritten Tag darauf am Mittage geschehen ist, 
denn dieselbe zeigte sich blutrot, und wo sie durch 
die Fenster auf irgendwelche Gegenstände siel, waren 
sie so rot, als ob dieselben im Feuer gestanden hätten, 
weshalb die Leute vor Verwunderung auf den Straßen 
zusammen kamen, wie es diejenigen bezeugten, die 
es gesehen haben, und zur Zeit noch lebten. 

Jan Blök von Rymwegen wird um des Glaubens 
willen im Jahre 1572 verbrannt. 

Um das Jahr 1572 ist zu Rymwegen ein junger Geselle, 
namens Jan Blök, verbrannt worden; derselbe war ein 
reicher, begüterter Mensch, der lediglich von seinem 
Vermögen lebte, weil er kein Handwerk oder sonst ein 
Geschäft gelernt hatte. Dieser hatte mit einem Bruder, 
Symon von Maren, einem Pelzhandler zu Herzogen- 
busch, Umgang, mit welchem er früher ins Wirtshaus 
zu gehen pflegte, um dort zu zechen; nachdem aber 
derselbe bekehrt war, ermahnte er ihn zum Lesen des 
Neuen Testamentes, wozu er sich auch verstand, und 
wobei ihm der gute Herr das Herz geöffnet, daß er 
daraus verstehen konnte, was recht wäre, weshalb er 



599 


sich zu der Gemeinde Gottes verfügt hat. Als dieses 
geschehen, konnte es nicht verborgen bleiben, weil er 
ein tugendhafteres Leben führte, als zuvor; deshalb 
sind alle seine Güter der Kammer heimgeschlagen 
worden; auf seine Person aber sind 70 goldene Rea- 
len gesetzt worden, welche der empfangen sollte, der 
ihn verraten würde. Hierauf ist er aus der Stadt ge- 
flüchtet, und hat auf einem Dorfe bei einem Maurer 
sich angeboten, um durch Handlangen seine Kost zu 
gewinnen, denn er wusste sonst nichts anzufangen. 
Der Maurer aber weigerte sich dessen und sagte: Sie 
werden hierher kommen, dich zu fangen, und solches 
würde mich verdrießen. Einige Zeit darauf ist er in 
die Stadt gekommen; hier hat ihn ein Verräter ausge- 
kundschaftet und ihn bei dem Offiziere und seinen 
Dienern zur Anzeige gebracht; diese kamen ihn zu 
suchen; die Frau im Hause hatte aber mit Jan Blök 
Mitleiden, darum verbarg er sich in einem Bette hin- 
ter dem Vorhänge. Der Schultheiß, als er die Kammer 
sah, und nicht genau suchte (weil er kein blutdürs- 
tiger Mann war), ist wieder zurückgekehrt und hat 
gesagt: Er ist nicht da. Der Verräter sagte: Er ist doch 
da; ich habe ihn hinein gehen sehen; da ist einer von 
Dienern wieder umgekehrt, hat den Vorhang aufge- 
hoben, und als er ihn stehen sah, führten sie ihn wie 
einen Übeltäter mit sich; er ist auch nachher, als er im 
Gefängnisse saß, bisweilen von den Gottesfürchtigen 
besucht und versorgt worden. 

Zuletzt hat man sein Todesurteil gefällt und ihn 
verurteilt, daß er als Ketzer an einem Pfahle verbrannt 
werden sollte. 

Als dieses sich zutrug, war einer von den Herren 
im Gerichte, welcher, weil Jan Blök von vornehmer 
Herkunft und weltlichem Reichtum war, früher mit 
ihm vielen Umgang hatte, und der, wie er vorgab, 
noch vor seinem Ende ihn zu dem römischen Glau- 
ben zu bekehren suchte; zu diesem wandte sich der 
fromme Zeuge Jesu Christi und antwortete ihm: Da- 
mals hättest du mich bekehren sollen, als wir früher 
beieinander auf solchem Platze waren (den er nannte), 
und ein jeder eine Hure auf seinem Schoße hatte. 

Als er auf die Schaubühne kam, wo er getötet wer- 
den sollte, zeigte er solch ein fröhliches Gesicht, als 
ob er zu einer Hochzeit oder zu einem Freudenfeste 
gegangen wäre, denn er trat mit solcher Behändigkeit 
zu dem Pfahle, wo er sein Opfer tun sollte, als ob er 
einen Sprung getan hätte. 

Als er zum Pfahle kam, zeigte er dem Scharfrichter 
seine Unvorsichtigkeit, welche darin bestand, daß die 
Löcher, vermittelst welcher man ihn befestigen sollte, 
nicht dahin gebohrt waren, wohin sie gehörten. 

Hierauf hat man in der Kürze seinem Leben ein 
Ende gemacht, und er ist, nach vielen Tormenten, ver- 


brannt worden, als er seine Seele in die Hände Gottes 
befohlen hatte. 

Dieses alles hat zu einer solchen Rührung Veranlas- 
sung gegeben, daß verschiedenen von den Herren, die 
über sein Todesurteil zu Gerichte gesessen hatten, die 
Tränen aus den Augen liefen, aus Mitleiden über die- 
sen unschuldigen, aber doch wohlgegründeten und 
standhaften Menschen, was wir nötig erachtet haben 
anzuführen, und das zwar aus dem Zeugnisse derer, 
die, nach ihrem eigenen Berichte, dabei gewesen sind 
und solches gesehen haben. Es ist ein köstliches Ding, 
geduldig sein, und auf die Hilfe des Herrn hoffen, 
Klgl3. 

Ein Brief von Jan Blök. 

Die Gnade und der Friede von Gott, unserm Vater, 
und dem Herrn Jesu Christo, Amen. Gesegnet sei 
Gott, der himmlische Vater unsers Herrn Jesu Chris- 
ti, der ein Vater der Barmherzigkeit und Gott allen 
Trostes ist, der uns in all unserer Trübsal tröstet, da- 
mit wir auch diejenigen trösten mögen, die in allerlei 
Trübsal sind, mit dem Tröste, womit wir von Gott ge- 
tröstet werden, und gleichwie des Leidens viel über 
uns kommt, so werden wir auch reichlich getröstet 
durch Christum; haben wir aber Trübsal oder Trost, 
so geschieht es uns alles zum Besten und zur Selig- 
keit; diese Seligkeit wünsche ich dir, ausgenommen 
meine Bande, von Grund meines Herzens, zum Trös- 
te und Heile in deiner größten Not, wenn du, lieber 
Bruder im Herrn, Hilfe und Trost nötig haben wirst, 
gleichwie auch du, lieber Bruder, der du durch die 
Wirkung des Heiligen Geistes bewegt und getrieben 
worden bist, nun zu rechter Zeit an mich Armen und 
Gefangenen zu Nymwegen um des Wortes unsers 
lieben Herrn willen, geschrieben hast, womit ihr mir 
einen so großen und angenehmen Dienst erwiesen 
habt, daß ich auch Gott, meinem himmlischen Vater, 
mein Leben lang nicht genug dafür danken kann, der 
euch als Habakuk sandte, Speise zu bringen, womit 
der fromme Daniel auswendig, nach dem Fleische, 
gespeist worden ist, durch das Vertrauen, das er zu 
unserm Gott hatte. Ach, wie groß ist diese geistige 
Speise, lieber Bruder, womit du meine arme hungrige 
Seele gespeist und getröstet hast, gleichwie auch ihr, 
nach Beschaffenheit der Umstände, mir reichlich mit 
des Herrn heiligem Worte in eurem Briefe zu meinem 
Trost, unverzagten Mut eingesprochen habt, wofür ich 
euch und Gott nicht genug danken kann, solchen hof- 
fe ich zu bewahren mit der Hilfe unseres lieben Herrn. 
Den Willen habe ich durch den allmächtigen Herrn, 
noch von Herzen wohl zu tun; ich habe die Hoffnung 
und das Vertrauen zu Gott, unserm himmlischen Va- 



600 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


ter, daß er mich armen, unwürdigen Gefangenen um 
seines heiligen Wortes willen werde kräftig machen, 
solches zu seinem heiligen Preise auszuführen, wenn 
ich mein Opfer tun werde, wie ihr mir von vielen Pro- 
pheten und Aposteln, ja, von Christo selbst schreibt, 
welcher aus Liebe zu uns um unserer aller Sünden 
willen, wie ein stummes Lämmlein zur Schlachtbank 
geführt worden ist; um wie viel mehr bin ich armer, 
elender Sünder schuldig, mein Leben um seines hei- 
ligen Namens willen zu übergeben, dessen ich mich 
von Herzen unwürdig achte? Dennoch habe ich das 
Vertrauen zu Gott, gleichwie ihr mir auch geschrieben 
habt, daß der Prophet Hesekiel aus des Allerhöchsten 
Munde spricht, daß er der Sünden nicht mehr geden- 
ken wolle; wie wir denn (dem Herrn sei gedankt) auch 
wissen, unter welcher Bedingung der Herr zu uns 
geredet hat, daß Gott alle diejenigen erhören wolle, 
die solches begehren und sich von Herzen bekehren, 
und daß er uns erhören und uns gnädig sein wolle, 
wenn wir Tag und Nacht über unsere große Übertre- 
tung klagen und seufzen, dergleichen ich armer und 
elender Sünder begangen habe, denn er ist geneigt 
zu vergeben; weshalb ich mich, wie oben gesagt ist, 
um des Namens meines Herrn willen gern übergebe, 
und durch seine Gnade sehr geduldig um meine Sün- 
den willen leide; ich übergebe auch meinen Leib, wie 
die sieben Kinder bei den Makkabäern getan haben; 
gleichwie denn auch Eleazar lieber ehrlich sterben, als 
heucheln und den jungen Kindern ein böses Beispiel 
geben wollte. Ebenso, lieber Bruder in dem Herrn, 
ist mein Gemüt auch durch des Herrn Gnade bestellt; 
denn sehr geliebter Bruder, ich habe sehr großen Streit 
wegen meines früheren Lebens, weil ich mich nicht 
wie die ehrlichen Männer ernährt habe; ausgenom- 
men kurz vor meiner Gefangenschaft, dem Herrn sei 
gedankt, hatte ich mir vorgenommen, in aller Niedrig- 
keit und Heiligkeit durch des Herrn Gnade mit den 
Werken meiner Hände mich zu ernähren, als ich kaum 
noch Zeit hatte; darum hat mein Gemüt öfters mich 
betrübt, und das durch den Spruch Paulus: Und wenn 
ich einen Glauben hätte, daß ich Berge versetzen könn- 
te und gäbe all mein Gut den Armen, ließe meinen 
Leib brennen, hätte aber der Liebe nicht, so wäre es al- 
les nichts. Mein Herz krümmt sich, und meine Augen 
fließen täglich wie ein Bach, weil ich meine köstli- 
che Zeit so sündhaft zugebracht habe, während wir 
doch heilig und unsträflich leben müssen; das weiß 
der Herr, um dessen Wortes und Zeugnisses willen 
ich elender Sünder gefangen bin; gleichwohl wollte 
ich meine Hoffnung und meinen Glauben nicht um 
tausend Welten geben. 

Ach, liebe Brüder, wie wenig habe ich die rechte 
Wiedergeburt und neue Kreatur erkannt, vielweniger 


gehabt, gleichwie ich sie jetzt durch Gottes Gnade füh- 
le und gern erkennen wollte, wenn ich noch Zeit hätte. 
Freunde, habt doch gegeneinander eine ernstliche Lie- 
be, erbaut euch in aller Demut und mit allem Ernste 
in der Übung untereinander zur täglichen Heiligkeit, 
damit ein jeder in seinem eigenen Auge der Gerings- 
te sei, damit ihr nicht so ausgespitzt und aufgeputzt 
wandelt, daß auch die arme, blinde Welt uns in ihrem 
Tun in vielen Dingen übertrifft. Dieses Gesicht habe 
ich nun eine kleine Zeit her durch des Herrn Gnade 
gehabt, und wenn ich es gleich anfänglich so in der 
Kraft gefühlt und angenommen hätte, wie ich wohl 
hätte tun sollen, und wie ich leider erst in meiner letz- 
ten Zeit, durch des Herrn Hilfe mir vorgenommen 
hatte, so wäre ich gewiss in solche große Betrübnis 
nicht gekommen, was von heimlichem Hochmute und 
gemächlichem Leben seinen Ursprung hatte. Darum, 
lieber Bruder und Diener der Gemeinde Gottes, wo 
ihr seid, tragt doch mit Fleiß Sorge, als treue Arbeiter 
in dem Weinberge für die Ranken, die sehr leichtfertig 
aufschießen und aufwachsen in der Völlheit und Eitel- 
keit ihres Sinnes, welche auch dem Leben entfremdet 
sind, das aus Gott ist. Das fange ich jetzt erst an, mit 
Verstand zu fühlen, was eine neue Kreatur sei. 

Ach, liebe Brüder und Wächter über das Haus des 
Herrn, wollt doch die Person nicht ansehen, denn man 
kann diejenigen, die noch jung sind, in dem Verständ- 
nis des christlichen Lebens mit nichts mehr verderben, 
als wenn man sie nicht fleißig mit dem Worte Gottes 
ermahnt, eine neue Kreatur zu werden und ein de- 
mütiges und gottseliges Leben zu führen. Ach, wie 
bin ich dieses bei mir selbst gewahr geworden, daß 
in dieser Zeit so wenige gefunden werden, die recht 
umgekehrt und erneuert sind, und dem Leben, sowie 
den Fußstapfen, worin uns Christus vorgewandelt ist, 
recht nachwandeln! Ach, wenn sie es so fühlten, wie 
ich es jetzt in meiner letzten Zeit fühle, sie würden 
sich fürchten, von etwas anderem zu reden oder an 
etwas anderes zu denken, als hauptsächlich an das Ge- 
setz des Herrn. Ach, liebe Freunde, nun verstehe ich 
es erst, und bin so oft einer von unsern drei Schwes- 
tern eingedenk, die ihrem Sohne Tobias ein Testament 
geschrieben hat, worin sie erzählt hat, wie wir unsere 
Zeit wohl wahrnehmen sollen, und daß wir nichts 
mehr beklagen sollen, als daß wir unsere Zeit so we- 
nig wahrgenommen, sondern dieselbe mit Leichtfer- 
tigkeit durchgebracht haben. Ach, liebe Freunde, ich 
wollte von Herzen, daß diejenigen, die hierin schuldig 
sind, oder träge erfunden werden, ein solches Gefühl 
von ihrer gegenwärtigen Zeit haben könnten, als ich 
in meinem Herzen von meiner vergangenen Zeit habe 
und beschuldigt werde, ihr würdet euch in Wahrheit 
in gottseligen Übungen finden lassen, damit ihr er- 



601 


neuert würdet in der Kraft des Geistes, und in ein 
neues geistiges Leben, das dem Bilde dessen gleich 
ist, der sein heiliges Blut für uns arme Sünder aus- 
gegossen hat, dann würden wir die Art und Natur 
Christi in Worten und Werken wohl an uns hervor- 
leuchten lassen, und ein solches Salz der Erde sein, 
daß wir auch mit Kraft vor diesem ehebrecherischen 
Geschlechte desto mehr Lob davontragen würden, 
ja, man würde alsdann mit einem klaren Scheine in 
der Gemeinde Gottes gewahr werden, wie man den 
Schein der Kerze durch die Lichtschere verbessert, 
wenn wir anders in unserer kurzen Zeit unsern Leib 
mit Worten und mit Werken von unserm fleischlichen 
Leibe reinigen lassen, in Worten und Werken, ja, in 
Kleidern und dem ungeistigen Wesen, dann würden 
in Wahrheit unsere Lichter in einem klaren Scheine 
erfunden werden. Hieraus sieht jeder, wie mancher 
in der Finsternis, dem Evangelium zur Schande, er- 
funden wird; hier steht man, daß sich so viele ohne 
Kreuz in dieser letzten Zeit von Gott entfremden und 
erkalten, daß auch der Herr fragt, wenn des Menschen 
Sohn kommen wird, ob er auch Glauben finden werde 
auf Erden. Ach, liebe Freunde, meint ihr denn, wenn 
man sich hüten kann, daß man nicht mit dem Bann 
gestraft wird, daß man auch eine neue Kreatur sei vor 
Gott, recht nach seines Vaters Bilde, und recht allen 
Sünden abgestorben? Ach nein! Ich finde solches an- 
ders in meinem Gemüte, und das durch des Herrn 
Gnade. Aber es ist jetzt das Letzte meiner Zeit, dem 
Anscheine nach, und ich mache meine Rechnung auf 
nichts anderes, als von Tag zu Tag meinen Leib zu 
übergeben, und ein wenig um des Zeugnisses des 
Wortes unseres lieben Heilandes willen durch seine 
Gnade zu leiden, auch männlich zu streiten, bis in 
den Tod, ja, bis in den Feuertod, nachdem es der Herr 
meinen Feinden zulässt; es sei auch, wie sie wollen; 
ich habe mich dem Herrn, meiner Stärke und meinem 
Nothelfer, anbefohlen. 

Ach, lieber Bruder und liebe Schwester in dem 
Herrn, ich habe diesen Brief, meine kleine Gabe an 
euch Allerliebsten, geschrieben, aus Liebe mit reichli- 
chen Tränen. In der Kürze lasse ich euch hiermit aus 
dem Grunde meiner Seele bitten, lieber Bruder, und 
meine herzlich geliebte Schwester im Herrn, daß ihr 
aller Orten zu Gott eure Knie in Eintracht beugen, 
und zu dem Herrn heilige Hände aufheben, auch den 
allmächtigen Herrn für mich armen und schwachen 
Knecht bitten wollt, daß mir der Herr Stärke verlei- 
hen wolle, damit ich es mit Herzenslust ausführen 
möge. Ihm zum heiligen Preise und mir zur Seligkeit, 
ohne zu verzagen bis in den Tod, wie ich hoffe, und 
vertraue ohne mein Wissen, und ohne daß es nötig 
wäre, euch zu schreiben; denn nach den heiligen alten 


Gewohnheiten müssen die Starken für die Schwachen 
bitten, besonders in Todesnöten; ich aber bitte den 
allmächtigen Herrn nach meinem schwachen Vermö- 
gen für euch Brüder und Schwestern im Herrn, daß 
er euch, um die es noch wohl steht, bewahren wol- 
le, und die sich etwa verirrt oder gesündigt haben, 
daß sie ihre Sünden unter Tränen vor Gott recht be- 
kennen und sich in Zeiten bekehren wollen. Meine 
herzlich geliebten Bundesgenossen und lieben Brüder 
und Schwestern im Herrn, ich, euer armer, unwür- 
diger Bruder, der ich doch durch des Herrn Gnade 
würdig zu sein hoffe, hätte euch etwas von demjeni- 
gen melden sollen, was mit mir vor dem Herrn sich 
zugetragen hat, wiewohl ich es hier nicht aufsetzen 
kann und auch davon nicht viel zu schreiben habe; 
also nur weniges davon. Als ich eine Woche gesessen 
hatte, ließen sie mich herausbringen, wo ich meinen 
Glauben bekannt habe; nachher hatte ich sehr großen 
Streit, und werde ihn noch haben, solange ich in die- 
ser Hütte bin; ich hoffe euch noch mehr zu schreiben. 
Liebe Brüder, wenn ihr einige Worte finden solltet, in 
denen ein Buchstabe oder gar zwei mangeln, oder wo 
die Silben nicht recht eingeteilt oder geschrieben wä- 
ren, so haltet es mir zu gut, denn mein Verstand und 
Gedächtnis sind mir seid Kurzem sehr geschwächt, 
und das durch große Betrübnis, deren Ursache unnö- 
tig ist zu schreiben; aber mein Gemüt steht fest und ist 
ruhig in dem Herrn und unverzagt, wie ein junger Lö- 
we. Ich kann dem Herrn nicht genug für seine große 
Güte danken, die er mir täglich zusendet, bisweilen 
mit großer Betrübnis, bisweilen mit großer Freude, 
wie mich denn hin und wieder dünkt, daß ich im 
Himmel sei; aber die meiste Zeit leide ich Druck, dem 
Herrn sei dafür gedankt. Liebe Brüder und Schwes- 
tern im Herrn, bittet doch den Herrn herzlich für mich; 
ich will auch ein Gleiches tun nach meinem geringen 
Vermögen, durch des Herrn Gnade. 

Geschrieben von mir, Jan Blök, zu Nymwegen im 
Stocke, wo ich Unwürdiger gefangen saß, um des 
Wortes unseres lieben Herrn willen, welches lauter 
und rein ist. Der allmächtige Herr wolle mein Gemüt 
kräftig und stark machen, durch seine Gnade, wenn 
ich es mit meinem Tode werde bezahlen müssen, und 
doch schwach bin zu meines Herrn Preise, solches 
vor den bösen Menschen auszuführen. Gute Nacht, 
meine lieben Brüder und Schwestern im Herrn; ich 
sage euch allen. Allerliebste, gute Nacht, und erwarte 
euch sämtlich dort in der ewigen Freude, wohin ich 
durch des Herrn Gnade zu kommen hoffe. 



602 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Ein junger Geselle von Nymwegen wird zu 
Herzogenbusch im Jahre 1572 verbrannt. 

Als der vorgemeldete Freund Gottes Jan Blak aufge- 
opfert war, ist ein junger Gesell, der die Wahrheit der 
getöteten Märtyrer behauptete und dasselbe Bekennt- 
nis tat, von Nymwegen nach Herzogenbusch gereist, 
ist aber auskundschaftet und von dem dasigen Schult- 
heißen verhaftet und an dem Orte, wo man diejenigen 
festzusetzen pflegte, die das Leben verschuldet hatten, 
eingesperrt und verwahrt worden. 

Nicht lange nachher kam der Münzmeister der 
Stadt Nymwegen (der davon gehört hatte) nach Her- 
zogenbusch, um (wenn es möglich wäre) ihn zu be- 
freien, und vom Tode loszukaufen. 

Zu diesem Ende zählte er dem Schultheißen da- 
selbst tausend Gulden auf, in der Meinung, daß er 
damit genug getan und sein Ziel erreicht hätte; aber 
als der Schultheiß dieselben empfangen hatte, woll- 
te er solches nicht gewähren, sondern erklärte, daß 
der Gefangene gleichwohl nach des Kaisers Befehle 
sterben müsste. 

Darauf ist erfolgt, daß man (kurz darauf) sein Urteil 
gefällt und ihm den Tod angekündigt hat, nämlich, 
daß er auf dem Markte mit Feuer hingerichtet werden 
sollte, was auch wirklich in jener Stadt (zur herzlichen 
Betrübnis vieler Zuschauer) an ihm vollzogen worden 
ist. 

Henrich von Eckelo, 1572. 

Ferner ist zu Gent in Flandern, um des Zeugnisses 
Jesu willen ein junger Mann, namens Henrich der 
Schuhmacher, gefangen genommen, weil er seine Oh- 
ren zu der rufenden Stimme gewandt hatte, die in den 
Worten erschallte: Mein Volk, geht aus von ihr, damit 
ihr nicht ihrer Sünden teilhaftig werdet, und etwas 
von ihrer Plage empfangt. Darum hat er sich von Ba- 
bel abgeändert und sich mit Christo wieder vereinigt, 
weshalb er von Babels oder des Antichristen Dienern 
mit viel erbitterten und strengen Bedrohungen un- 
tersucht worden ist; aber (nachdem er so geläutert 
worden) ist die Prüfung seines Glaubens viel köstli- 
cher erfunden worden, als das vergängliche Gold, das 
durch Feuer geläutert wird, sodass er dieses alles um 
des Namens Jesu willen geduldig ertragen hat. Da er 
aber durch keine Tormente zum Abfalle gebracht wer- 
den konnte (indem er auf den Stein gegründet war), 
so ist er um deswillen an gemeldetem Orte auf dem 
Freitagsmarkte mit dem Schwerte vom Leben zum 
Tode gebracht worden, und ist standhaft gestorben; 
darum hat er nun die Krone der ewigen Herrlichkeit 
aus Gnaden erlangt, und ruht unter dem Altäre Chris- 


ti Jesu. 

Dieser Held und Streiter Jesu Christi hat das schö- 
ne Lied in seinen Banden gemacht, welches in dem 
Tafelliederbüchlein steht und anfängt: Weil die Natur 
mich dieses lehren tut. 

Jan Wouterß von Kuyk und Adrianken Fans von 
Müllersgrab werden beide um des Zeugnisses Jesu 
Christi willen zu Dortrecht verbrannt, 1572. 

Als 1572. Jahr nach der Geburt unseres Herrn Jesu 
Christi anfing, haben die Herren des Gerichtes zu 
Dortrecht in Holland ihre Hände an zwei sehr sanft- 
mütige und liebe Freunde Gottes gelegt, die ihrem 
Heilande, dem getöteten Kreuzeslämmlein Jesu Chri- 
sto nachfolgten, und nicht zu den unbedeutendsten 
Mitgliedern der überall zerstreuten Gemeinde des 
Herrn gehörten, die als Lichter in dieser Welt ihre vor- 
trefflichen Tugenden unter diesem argen und verkehr- 
ten Geschlechte scheinen und hervorleuchten ließen. 
Diese beiden wurden wie Schlachtschafe aus dem Stal- 
le geholt; der Hergang der Sache war folgender: 

Zunächst und vor allem wurde in aller Eile Adri- 
anken, Jans Tochter, gefangen genommen, dieselbe 
wohnte zu Müllersgrab in der Pfaffendrächtischen 
Waart; als sie aber in die Gerichtsgrenzen der Stadt 
Dortrecht kam, ist sie (weil man sagte, daß sie eine 
Ketzerin wäre) angegriffen und auf die Vuylpforte 
gefangen gesetzt worden. 

Dann wurde der Plan gemacht, den Jan Wouterß 
von Kuyk in Verhaft zu nehmen, der wirklich in der 
Stadt wohnte, aber seine Wohnung oft veränderte, um 
nicht leicht bekannt zu werden; zu dem Ende ist der 
Schultheiß, als er vernahm, wo er wohnte (nämlich 
in der Straße nach dem Rietdamm bei dem Neupfört- 
chen, auf einer Kammer, wohin man von der Straße ab 
auf einer Treppe gelangte), mit seinen Dienern uner- 
wartet gekommen, und ist, ohne etwas zu fragen, die 
Treppe hinaufgegangen, wo ihm Jan Wouterß, als er 
die Türe öffnete, begegnete. Da sagte der Schultheiß 
zu ihm (der ihn nicht kannte): Wohnt Jan von Kuyk 
hier? was dieser gute, aufrichtige und redliche Mann 
(welcher der Wahrheit nicht widersprechen wollte) 
bejahte und hinzufügte, daß er es selbst wäre. 

Diese Worte redete er sehr laut, damit seine liebe 
Frau, die hinten in der Kammer war, solches hören 
und entfliehen mochte, was auch geschehen ist; sein 
einziges Töchterlein aber, welches ein Kind von un- 
gefähr sieben Jahren war, blieb in der Kammer und 
sah ihren Vater gefangen nehmen; dasselbe blieb je- 
doch von ihnen unbeachtet. Die Gerichtsdiener legten 
sofort Hand an diesen Freund Gottes, und banden 
ihn gewaltig, wozu er sagte: Ach, meine Herren, wie 



603 


bindet ihr mich, als ob ich ein böser Mensch wäre; 
aber ihr bindet nicht mich, sondern euch selbst. Dar- 
über seufzten die Gerichtsdiener sehr, doch gingen 
sie mit ihm fort, und führten ihn (wie ein wehrloses 
Schäflein, das von Wölfen überwunden worden ist) 
von dem Rietdamme nach der Vuylpforte, was eine 
halbe Stunde Weges durch die Stadt ist, wo sie ihn in 
eine andere Höhle brachten, als worin Adrianken Jans 
gefangen lag, obwohl es dasselbe Gefängnis war. 

In dieser Zeit haben sie beide viel Anfechtung er- 
leiden müssen, sowohl dem Leibe, als der Seele nach; 
denn sie wurden einige Male scharf gefoltert, ausge- 
spannt und gegeißelt, sodass fast die ganze Stadt von 
ihrem Jammer, Elende und Leiden zu sagten wusste, 
wie nachher Jan Wouterß in einem seiner Briefe zu 
erkennen gegeben hat. 

Die päpstliche Geistlichkeit verursachte ihnen, der 
Seele nach, auch viel Streit, indem sie ihnen durch viel 
List und Nachstellung den Schatz des wahren Glau- 
bens zu rauben suchte, aber sie haben ihnen nichts 
abgewinnen können; deshalb sind sie zuletzt vor öf- 
fentlichem Gerichte zum Tode verurteilt worden, näm- 
lich, daß sie an der Wasserseite der Stadt, bei einem 
gewissen Kalkturme, wo jetzt das neue Werk ist, zwi- 
schen der Mühle, die auf der Festung steht, und dem 
Bollwerke mit Feuer hingerichtet werden sollten, je- 
doch mit der Beschränkung, daß Adrianken Jans nicht 
eigentlich durch Feuer sterben, sondern vor dem Bran- 
de an einem Pfahle zunächst erwürgt werden sollte, 
wiewohl wir nicht finden, daß solch geringere Todess- 
trafe dem Jan Wouterß widerfahren sei. 

Unterdessen haben sie sich beide mit großem Ver- 
langen und innigster Freude zum Tode bereitet und 
konnten Gott nicht genug loben, daß sie gewürdigt 
worden waren, ihre Leiber um seines heiligen Namens 
willen zu einem Opfer zu übergeben. 

Als nun die Stunde ihres Abschieds herbeikam, hat 
man sie beide aneinander gebunden; sie aber fielen 
auf ihre Knie, und verrichteten, ehe man sie hinaus- 
führte, in der Stille zu Gott dem Herrn, ein ernstliches 
Gebet, damit er ihnen in ihrem bevorstehenden Lei- 
den Stärke und Kraft verleihen wolle, um es bis ans 
Ende auszuführen. 

Hierauf hat man ihnen (aus Furcht, sie möchten 
etwas zu dem Volke reden) einen Knebel in den Mund 
gegeben, und sie so aus dem Gefängnisse geführt, was 
einen jämmerlichen Anblick gewährt hat, wiewohl Jan 
Wouterß mit der einen Hand (welche, wie es scheint, 
nicht gebunden war) den Knebel aus dem Munde 
nahm und mit lauter Stimme rief: O Herr! Stärke doch 
deinen schwachen Knecht und deine arme Magd; um 
deines Namens willen sind wir hierzu gekommen, 
wozu wir uns auch willig bereitet haben. 


Als er dieses gesagt hatte, näherte sich ihm einer 
seiner Glaubensgenossen (dessen Herz hierdurch, wie 
es scheint, mit Eifer entzündet worden ist), drängte 
sich mit Macht vor das Volk, und sagte, als er vor ihn 
kam: Streite tapfer, lieber Bruder, du wirst nachher 
nicht mehr leiden. 

Darauf zog Jan Wouterß sofort seinen Wamms aus, 
zeigte ihm seine Brust, die durch das Geißeln im Ge- 
fängnisse blutig war, und sagte: Ich trage bereits die 
Malzeichen des Herrn Jesu an meinem Leibe, wandte 
dabei seine Augen nach dem Himmel, und sah mit 
Verlangen nach dem himmlischen Ruheplatze. 

Unterdessen (ehe man solches wegen des Völksge- 
dränges recht gewahr wurde) hat sich diese Person 
unsichtbar gemacht, und sich unter das Volk gemischt, 
worüber einige von den Gerichtsdienern murrten, 
und mit strengen Worten fragten, wo die Person hinge- 
kommen sei. Dieses hat sich bei dem Schweinsmarkte, 
in der Nähe des Neuenhafen, zugetragen. 

Als sie fortgingen, kamen sie bald an den Richtplatz, 
wo zwei Brandpfähle aufgerichtet waren um welche 
eine unzählige Völksmasse sich versammelt hatte. 

Indem sie nun dort ankam, stiegen sie auf die er- 
richtete Schaubühne, wo sie auf ihren Knien Gott aber- 
mals in der Stille anriefen, wiewohl Jan Wouterß nur 
allein reden konnte, weil der Adrianken Jans Mund 
noch mit dem Knebel verschlossen war. 

Als sie aufstanden, rüsteten sich die Henker, Adri- 
anken Jans zuerst zu erwürgen, worauf diese sich zu 
dem Pfahle verfügte. 

Da sagte Jan Wouterß: Dies ist der Tag des Heils. 
Der Unterschultheiß aber, als er dieses hörte, rief mit 
Ungestüm: Schweig! aber Jan Wouterß sagte: Warum 
sollte ich schweigen? Ich rede ja keine bösen Worte. 

Inzwischen wurde Adrianken Jans erwürgt, welche 
(nach dem Zeugnisse derer, die es gesehen haben) eine 
zeitlang mit einem roten Unterrocke an dem Pfahl 
stehen blieb, bis sie verbrannt wurde. 

Sodann wandten sich die Gerichtsdiener zu Jan 
Wouterß, welcher sich mit fröhlichem Mute, ja mit 
lächelndem Angesichte, zu dem andern Pfahle ver- 
fügte, der in der Nähe stand; als er nun daran befestigt 
wurde, ward er gewahr, daß einige von seinen Glau- 
bensgenossen unter dem Volke standen, um sein Ende 
anzuschauen, welchen er (ohne jemanden zu nennen) 
überlaut zurief: 

Gute Nacht zum Abschiede, meine lieben Brüder 
und Schwestern; ich will euch hiermit dem Herrn 
befehlen, dem Herrn, der sein Blut für uns vergossen 
hat. 

Unterdessen eilte und bereitete er sich zum Tode, 
und befahl Gott seine Seele, mit folgenden Worten: O 
Gott, der du meine Stärke bist; meinen Geist befehle 



604 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


ich in deine Hände. 

Darauf hat man den Holzhaufen angesteckt und 
diesen Freund Gottes (wie es scheint lebendig), mit 
seiner toten Schwester verbrannt, zu großer Betrüb- 
nis vieler, die ihn umstanden, und mit Jammer über 
diesen Anblick erfüllt waren. 

Dies ist das Ende dieser beiden Lieblinge des Herrn 
gewesen, welchen niemand Böses (in Ansehung ih- 
res Lebens) nachsagte, sondern von jedermann, ihres 
tugendhaften Wandels wegen, gelobt wurden. 

Nacherinnerung, den Tod des Jan Wouterß von 

Kuyk und der Adrianken Jans von Müllersgrab 
betreffend. 

Als diese beiden Personen zum Tode geführt wurden, 
wurde (wie berichtet wird) die Saalglocke geläutet 
(was gewöhnlich in Halsgerichten, die von Seiten der 
Stadt gehalten werden, zu geschehen pflegt), wodurch 
ein großer Zulauf des gemeinen Volkes nach dem 
Gerichtsplatze herbeigeführt ist. 

Die Stadtpforten wurden geschlossen, oder wenigs- 
tens mit einer Wache besetzt, sodass niemand ohne 
Bewilligung derer, welche die Wacht hielten, passie- 
ren konnte, deren Namen dann zugleich aufgeschrie- 
ben wurden, nachdem sie darüber Auskunft gegeben 
hatten, woher sie gekommen seien, und wohin sie 
wollten. 

Als sie auf dem Richtplatze ankamen, welcher an 
der Nordwestseite der Stadt in der Nähe des Wasser- 
ecks war, und auf die Schaubühne gestiegen waren, 
haben einige der Umstehenden, in guter Absicht, den 
beiden frommen Leuten zugerufen und sie (um ihrer 
Frömmigkeit willen) in ihrem nahe bevorstehenden 
Tode getröstet; zu diesen hat sich Jan Wouterß ge- 
wandt, hat sie ermahnt, ihr Leben zu bessern, und 
den wahren Glauben anzunehmen, und ihnen erklärt, 
wie getrost und herzlich sie beide nach diesem heili- 
gen Opfer verlangten. 

Darüber bestrafte ihn der Unterschultheiß in harten 
Worten, was viele verdrossen hat, die gleichwohl nicht 
zur wahren Erleuchtung gekommen waren. 

Man zog ihnen beiden (nebst den Oberkleidern) 
auch die Schuhe aus und warf sie unter das gemei- 
ne Volk, welche von einem Bruder, Dirk Wouterß ge- 
nannt, aufgerafft und fortgetragen wurden. 

Dann stellte man Adrianken Jans zuerst an den 
Pfahl, welche ohne allen Aufschub erwürgt wurde. 
Eine Schwester der Gemeinde, deren Name bekannt 
genug ist und welche mit dem Marktschiffe von Rot- 
terdam kam, fiel in Ohnmacht, als sie dieselbe sah und 
erkannte, und konnte deshalb den darauf folgenden 
Tod des Jan Wouterß nicht ansehen. 


Dabei ist es aber zugegangen, wie zuvor berichtet 
worden ist; unterdessen läutete die Saalglocke noch 
bis ungefähr zu dem Zeitpunkte, wo das (sogenannte) 
Gericht zu Ende war. 

Wir haben keine geringe Mühe angewandt, um hier 
in der Kanzlei der Stadt Dortrecht das alte Protokoll 
ihrer Verhöre und Todesurteile zu erlangen, haben es 
aber nicht zu Händen bekommen können, denn es 
ist nicht mehr vorhanden; auch (wie sich annehmen 
lässt) ist es in das Buch des Blutgerichts, welches wir 
zu dem Ende durchsucht haben, nicht ordentlich ein- 
getragen. Wir vermuten, daß man diese Todesurteile 
oberflächlich aufgeschrieben, und sie vor Gericht vor- 
gelesen, sodann aber vernichtet habe, damit davon 
keine Spur Zurückbleiben möchte, weil es den An- 
schein hatte, daß sowohl die bürgerliche Regierung, 
als auch die Religion der Stadt verändert werden wür- 
de, wie solches denn auch drei Monate später (durch 
die Einmischung Wilhelms des Ersten, Prinzen von 
Oranien) stattgefunden hat. 

Gleichwohl mangeln uns nicht andere gerichtliche 
Zeugnisse in dieser Sache. 

Johann Beverwyk, erster Doktor der Arznei und 
Ratsherr der Stadt Dortrecht, schrieb davon (in den 
beigefügten Geschichten über seine Beschreibung der 
Stadt Dortrecht, in der Dörfischen Auflage, Pag. 348, 
auf das Jahr 1572) folgendes: 

In der Stadt selbst war ein Mann, namens Jan von 
Kuyk Wouterß, ein Glasmaler, der Ketzerei beschul- 
digt, gefangen genommen, welcher ein untadelhaftes 
Leben und einen unsträflichen Wandel führte, wie ich 
von denen vernommen habe, bei denen er gewohnt 
hat. 

Die Obrigkeit, welche wohl sah, wie es unter dem 
Volk bestellt war, hat mit seinem Todesurteile nicht 
sehr geeilt; ja, der Schultheiß Jan von Drenkwaart 
Boudewynß, der noch jung und ohne Bart war, hat 
sich von ihm in der Stellung Salomons, als er sein 
erstes Urteil aussprach, malen lassen. 

Aber die Mönche taten nichts anders, als wider die- 
se Nachlässigkeit heftig zu predigen, ja sie ließen es 
sich nicht zu viel sein, von der Kanzel zu rufen, daß 
ihn der Schultheiß nur zu dem Ende gefangen hätte, 
um sich von ihm malen zu lassen. 

Deshalb ist dieser arme Mann, nachdem er scharf 
gefoltert worden ist, um von ihm seinen Meister und 
seine Mitgesellen zu erfahren, den 28. März des Jahres 
1572 auf dem neuen Markte, nebst einer Frau von 
Müllersgrab, Adrianken Jans, verbrannt worden. So 
weit Johann von Beverwyk. 

Also ist die Erzählung von dieser Leute Tod unbe- 
zweifelt und ist auch von niemandem in dieser Stadt, 
soviel wir wissen, in Zweifel gezogen worden; darum 



605 


wird der gutwillige Leser sich damit zufriedenstellen. 

Von den Personen, die damals in der 
Gerichtskammer waren (und dieses Urteil gefällt 
hatten); diese waren nachfolgende: 

Jan von Drenkwaart Boudewynß, zwischen 29 und 30 
Jahre alt, war damals Schultheiß in Dortrecht. 

Arent von der Myle Herr Corneliß, Bürgermeister 
der Gemeinde, der um das Ende des Jahres 1570 ab- 
ging, und nun den 6. März wieder erwählt worden 
war. 

Daneben (nach dem Rechte dieser Stadt) neun Rats- 
herren: 

1. Cornelius Herr Hendrikßz, 2. Adrian von Mo- 
syenbroek Herr Govertß, 3. Adrian Konink Dirkß, 5. 
Gysbrecht Janß, Schatzmeister, 6. Michael von Beve- 
ren, Herr Pieterß, 7. Mr. Jan von Beveren, Herr Franß, 
8. Pieter Kool Herr Huygenß, 9. Damas Herr Wouterß 
statt Jan Adrianß. 

Die Vorgenannten haben wir aus dem Protokolle 
der Gerichtsherren der Stadt Dortrecht aufgezeichnet, 
welche im Jahre 1572 regiert haben, nach dem Berich- 
te des vorgemeldeten Johann von Beverwyk in dem 
angezogenen Buche, wo er von dem Regimente der 
Stadt handelt, auf das Jahr 1572. 

Ob sie aber alle zugleich in das Urteil eingewilligt 
haben, oder ob es durch die meisten Stimmen gesche- 
hen, wird nicht gemeldet; es ist uns auch wenig daran 
gelegen, solches zu wissen, weil es uns (zu unserer 
Besserung und Erbauung) genug ist, daß wir wissen, 
wie unerschütterlich im Glauben und standhaft im 
Tode die vorgemeldeten Märtyrer gewesen seien, die 
unter ihrer Regierung gelitten haben. 

Uber den Tod dieser Freunde sind damals zwei 
Lieder gemacht worden; in dem ersten wird unter 
andern die Ursache und die Zeit ihrer Gefangenschaft 
angegeben: 

Nicht lang darauf sind Briefe kommen, 

Zu Dortrecht an den neuen Schulz, 

Der noch sehr jung an Jahren. . . 

In dem andern wurde von ihrem Tode Nachricht ge- 
geben: 

Zuerst ivard Adrianken Janß zum Tod gebracht, 

An die sich Drenckwaart Janß der Schultheiß hat 
gemacht. . . 

Und kurz darauf: 

Jan Wouterß sagte mit Bescheid: 

Dies ist der Tag der Seligkeit. 


Schweig! sprach der Schulz. 

Was soll ich (sagt er) stille sein, 

Denn was ich rede, ist ja fein, 

Nicht ungestüm noch stolz? 

Adrianken hatte ihr Gesicht 
Nach ihrem Bräutigam gericht'; 

Die ridit nun auch im Herrn, 

Und ist durch seine Gütigkeit 
Von aller Pein und Brand befreit. 

Jan Wouterß hat auch gern 
Sich zu dem Todespfahl bereit', 

Der fromme Knecht lacht voller Freud', 

Und hat ins Herren Hand 
(Der Burg und Schloss und Zuflucht heißt) 

Zuletzt befohlen seinen Geist, 

Darauf hat er gewandt 
Zu Brüdern und zu Schwestern sich, 

Und hat gerufen öffentlich: 

Lebt wohl, habt guten Mut, 

Dem Herrn ich euch befehle an, 

Der für uns hat genuggetan 
Mit seinem teuren Blut. 

Dies sind zwei Schäflein, die nun sein, 

Erlöst von Ungemach und Pein. 

Was ist denn nun ihr Lohn? 

Für ihres Leidens Bitterkeit 
Ist ihnen jetzt nun zubereit', 

Die sei' ge Marterkron. 

Ferner wurde auch in diesem Liede gesagt, wie ihnen 
der Mund verstopft worden sei, wie sie Gott angebe- 
tet, und sich auf dem Richtplatz zum Tode bereitet 
haben; wir halten aber das von ihrer Aufopferung 
Gesagte für hinlänglich. 

Nachdem uns alle Briefe, Testamente und Bekennt- 
nisse von Jan Wouterß von Kuyk, deren zwölf an der 
Zahl sind, in die Hände gekommen sind, sowie auch 
ein Brief von Adrianken Janß von Müllersgrab, und 
ihres Mannes J. A. von Dord Antwort darauf, welche 
wir durchgesehen und dabei gefunden haben, daß sie 
viele heilsame und erbauliche Lehren in sich halten, 
so haben wir es für zweckmäßig gehalten, dieselben 
zur Erbauung und zum ewigen Andenken hierher 
zu setzen, damit ein jeder den lebendigen und wirk- 
samen Glauben erkennen möge, für welchen diese 
vorgemeldete Freunde ihr Leben gelassen haben. 

Des Jan Wouterß erster Brief an seinen Schwager 
und seine Schwester, worin er berichtet, wie er 
verhört und gepeinigt worden sei. 

Die überschwängliche Gnade Gottes, die Liebe Christi 
und die Mitwirkung des Heiligen Geistes vermehre 



606 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


sich allezeit bei eurer Liebe, mein geliebter Schwa- 
ger und Bruder in dem Herrn und deinem sehr ge- 
liebten Weibe, unserer lieben Schwester, samt allen 
frommen Heiligen, die nach der Gerechtigkeit eifern, 
damit durch solchen Eifer Gottes Name verherrlicht 
werden möge. Diejenigen, die so eifern, sind ein Licht 
in der Welt; sie sind ihrem Nächsten eine Freude und 
ein Vorbild, denn sie suchen allezeit ihrem Nächsten 
zu gefallen, in dem Guten zur Besserung, damit sie 
unter allen Gottesfürchtigen und ernstlichen Nach- 
folgern Christi erfunden werden mögen; ich hoffe zu 
Gott, daß, wenn wir demgemäß handeln, wir alle da- 
hin kommen werden, wo unser Herr Christus ist. Er 
ist es, der uns stärkt und das Feld erhalten hilft, wie 
man nachher lesen kann, Amen. 

Nebst diesem herzlichen Gruße aus reinem Herzen, 
kann ich Unwürdiger der ich das geringste Glied an 
Christo bin, nicht unterlassen, ein wenig zu schreiben, 
euch allen zum Andenken, zum Tröste und zur Stär- 
kung, denn ich kann diese unaussprechliche Freude 
des Heiligen Geistes nicht allein bei mir behalten, son- 
dern muss eurer Liebe etwas mitteilen; aber wie kann 
Freude ein besonderes Zeichen sein, wenn man die 
Angst nicht geschmeckt hat, welche ich Unwürdiger 
geschmeckt habe? Der Herr müsse dafür verherrlicht 
werden, Amen. 

Als ich um des Gehorsams Christi willen gefangen 
war, wurde ich über meinen Glauben verhört, welchen 
ich geradeheraus bekannte; sodann fragten sie mich 
nach einigen Namen, nämlich nach meinem Weibe, 
meiner Mutter und meinem Meister, desgleichen, wer 
mich getauft und getrauet hätte, und nach mehreren 
andern Dingen. Darauf antwortete ich, ich hätte in 
meinem Herzen beschlossen, niemanden zu nennen, 
denn ich wollte mich selbst verantworten und kein 
Verräter sein. Der Schultheiß drohte mir, er wollte es 
mich wohl sagen machen. 

Als ich diese Zeit hindurch während des kalten 
Wetters dort gelegen hatte, wurde ich den Samstag 
nach Peterstag an den Ort, wo man folterte, gebracht; 
hier standen die Gerätschaften bereit. Der Schultheiß 
fragte mich zunächst nach meinem Meister, nachher 
auch nach andern, und sagte, ich müsste dasjenige 
noch sagen, was er mich fragen würde. Man bat mich, 
man drohte mir und sagte: Wiewohl wir fast alles wis- 
sen, und vielleicht dein Meister schon fort ist, so will 
ich es doch aus deinem Munde hören; darum laß dir 
nicht die Glieder brechen, sondern sage es gutwillig, 
sonst wollen wir dich dem Scharfrichter überantwor- 
ten; dann wirst du es wohl tun müssen. Als sie nun 
von mir nichts erlangen konnten, wurde in der stren- 
gen Kälte mein Oberleib entblößt, die Hände wurden 
mir auf den Rücken gebunden; darauf wurde ich mit 


verbundenen Augen an meinen Händen aufgewun- 
den. Man warnte mich, ich sollte mein schönes Hand- 
werk berücksichtigen, auch sagte er, ich sollte doch 
mein Leben und meine Glieder schonen, die mir Gott 
gegeben hätte, denn ich hätte keine Gewalt über mein 
Haar auf meinem Haupte. 

Als ich nun ganz still schwieg, geißelte man mich 
mit Ruten und die Schläge kamen größtenteils auf 
meinen Bauch; sie ließen mich nieder, als sie mich so 
traktiert hatten, und fragten mich wieder, aber sie er- 
langten nichts von mir (der Herr sei gelobt), obgleich 
ich diesen bittern Trank geschmeckt hatte. Dann wur- 
de ich abermals aufgewunden und gegeißelt, wie zu- 
vor. O Fleisch, dachte ich, nun musst du leiden; als ich 
nun so in dem Leiden hing, kam ein Hellebardierer 
von dem Söller und sagte: Ich würde fast lieber ster- 
ben, als der Mann; denn er stand in der Nähe und sah 
der Sache zu. 

Als ich mm auf keine Frage antwortete, sagte der 
Scharfrichter: Wie, gibst du meinem Herrn keine Ant- 
wort? Antworte meinem Herrn, oder hast du einen 
stummen Teufel? 

Man fragte mich, ob ich mich bedenken und ihnen 
den Montag in allem die Wahrheit sagen wollte, wie 
sie es nennen; ich schwieg still und dachte, was soll 
ich mich bedenken, ich will es euch doch nicht sagen; 
ich bat in einem stillen Gebete, daß mich doch der 
Herr nicht über mein Vermögen versucht werden las- 
sen wolle; auch rief ich den Herrn laut an und bat 
ihn, daß er es ihnen vergeben wolle. Der Stockmeister 
meinte einmal, ich sei ohne Besinnung; aber ich weiß 
nichts davon. Der Scharfrichter meinte, er wolle es 
mich wohl sagen machen, er hätte so viel von unsern 
Leuten unter den Händen gehabt, die es zuletzt doch 
alle hätten sagen müssen, aber der getreue Nothelfer 
bewahrte meinen Mund. Darauf ließen sie mich los, 
und gaben mir Zeit, daß ich mich bis Montag beden- 
ken sollte; wollte ich es aber dann nicht tun, sagten sie, 
so wolle man mit mir wunderlich umgehen; sie droh- 
ten mir sehr, daß es jämmerlich anzuhören war; sie 
sagten, das wäre noch das Geringste, was ich bis jetzt 
erlitten hätte; es wäre nur ein Kinderspiel gegen die 
zukünftigen Tormente gewesen. Als ich mich selbst 
betrachtete, sah ich, daß mein Leib ganz blutig war 
vom Geißeln, denn dies hatte mir unter allem die größ- 
ten Schmerzen gemacht; ich dachte, ist dieses noch 
Kinderspiel? Der Stockmeister ging hinab, und sagte 
zu seinem Weibe: Sie peinigen den Mann noch zu To- 
de. Summa, ich war so zugerichtet, daß man mich aus- 
und anziehen musste. Das war für das arge Fleisch, 
welches mich so oft betrübt hatte, und allezeit den 
krummen Weg einschlagen wollte, um seine Lüste zu 
büßen; es hätte wohl noch mehr verdient. Als mm 



607 


dieses des Nachmittags geschehen war, konnte ich 
des Nachts nicht gut schlafen, sondern ich zählte die 
ganze Nacht hindurch die Glockenschläge und seufz- 
te jämmerlich, nachher aber wurde mir eine große, 
friedsame Wonne und Freude des Heiligen Geistes 
gegeben, so groß, daß ich es nicht wohl beschreiben 
kann, weil der Herr meinen Mund so treulich bewahrt 
hat, und mich in meinem Vertrauen, welches ich ar- 
mer, geringer Knecht hatte, ehe ich in Banden kam, 
nicht hat zu Schanden werden lassen; aber darin hat 
der Herr mich Unwürdigen geprüft; er müsse gelobt 
sein in Ewigkeit. 

Als nun mein Leiden in der Stadt bekannt wurde, 
fanden sich weltliche Leute, die sich freuten, daß ich 
meinen Mund bewahrt hatte; wenn sich nun solche 
Leute erfreuen können, um wie viel mehr sollen sich 
die Gottesfürchtigen freuen und Gott loben? 

Ferner, als der festgesetzte Tag herankam, mach- 
te ich mich dazu fertig, und flehte zu meinem Gott, 
daß er mich Unwürdigen wegen meiner Sünden doch 
nicht nach seiner Gerechtigkeit, sondern nach seiner 
väterlichen Barmherzigkeit züchtigen wolle, daß er 
meinen Mund bewahren und die Pein erleichtern wol- 
le, wie er es das erste Mal getan hatte. 

Als nun die Stunde herannahte, war mein Fleisch 
furchtsam und meine Seele voller Angst, denn es hat- 
te diese Pein schon versucht, aber ich tröstete mich 
selbst, so viel ich konnte, und dachte, du wirst auch 
nachher das Leiden, das ewig währen wird, nicht er- 
tragen können, und dieses währt ja nur kurze Zeit. 
Als ich nun Dienstag in die Folterkammer kam (denn 
es fehlte ein Tag), wurde ich gefragt, wie ich mich 
bedacht hätte; ich erwiderte, mein Gewissen ließe es 
nicht zu; ich könnte das nicht tun, was sie begehrten. 

Sie sagten: Du kannst wohl, wir nehmen das auf 
uns; ich antwortete: Ein jeder muss für sich selbst ste- 
hen. Sie sagten: Wie kann dein Meister oder dein Weib 
in Ungelegenheit kommen, denn sie sind ja schon fort? 
Was kann es dem Platze schaden, wo du getauft bist? 
Ich denke (sagte der Schultheiß), daß es in deines 
Meisters Hause geschehen sei; doch weiß ich es nicht 
gewiss (sagte er) und der dich getauft hat und getraut 
hat, ist fort aus des Königs Lande, denn es ist schon 
vor langer Zeit geschehen. Des Schreibers Knecht sag- 
te auch zu mir: Was willst du es doch verhehlen, die 
Pein fällt endlich zu schwer, und zuletzt musst du es 
doch tun, wie die von Breda getan haben? 

Sie beschlossen endlich, sie wollten mir einen Ge- 
lehrten zusenden, der es mir mit der Schrift beweisen 
oder mich unterrichten sollte, daß ich es, ohne eine 
Sünde zu begehen, wohl tun könnte. 

Als sie auf einem andern Platze versammelt waren, 
fragte der Schultheiß, worin ich den beschwert wäre; 


darauf sagte der Gardian: Du kannst es recht gut tun 
und deinen Nächsten angeben, denn wenn ihr das 
rechte Volk seid, so werden sie mit dir die Marterkro- 
ne empfangen; wenn ihr es aber nicht seid, so hasst 
den Bösen, wie ihn Gott auch hasst. 

O ein abscheulicher Ausleger, dessen Auslegung 
auf ein Zerstören hinausläuft. Ach, Herr Gott, du wol- 
lest doch ihre Herzen bekehren, die so nach unschul- 
digem Blute dürsten. Als wir nun nicht einstimmig 
werden konnten, schieden wir voneinander. 

Den folgenden Tag, das war der Mittwoch, wurde 
ich abermals vorgeführt und abermals dieselbe Frage 
an mich gerichtet; ich erwiderte, ich könnte es nicht 
tun, mein Gewissen wäre hierin zu mächtig; ich glaub- 
te, ich könnte nimmer ruhig im Herzen sein, wenn ich 
das täte; darum wollte ich lieber mit ruhigem Herzen 
leben. Die Schrift lehrt uns: Tut dem Menschen, wie 
ihr wollt, daß euch geschehe; liebe dein Weib, liebe 
deinen Nächsten, wie dich selbst. 

Der Schultheiß sagte: Du hast deinen Nächsten lie- 
ber als dich selbst; ich antwortete abermals, daß man 
das Leben für seine Brüder lassen soll. Als sie nun mit 
Worten, mit vielen Bitten und Bedrohungen nichts 
von mir herausbringen konnten, hat mich der Scharf- 
richter abermals angegriffen; darum fiel ich meinem 
Gotte abermals zu Füßen, wie ich in dem ersten Streite 
getan hatte. 

Dann wurde ich entkleidet, und es wurden mir die 
Hände auf den Rücken gebunden; man drang auch 
mit Bitten in mich, daß ich es noch tun sollte, und 
als ich mich verweigerte, wurde ich aufgewunden; 
man hatte mich aber nicht befestigt, und ich dachte, 
man würde mich auf die Folterbank legen. Als ich 
nun aufgewunden war, und nicht nach ihrem Willen 
antworten konnte (denn der Same Gottes blieb in mir), 
geißelte er mich auf die zerschlagene Haut, was mich 
sehr schmerzte, wobei er sagte: Ja, wie gefällt dir das? 
So werde ich dir die alten Wunden wieder öffnen, und 
brachte seltsame Drohungen vor. Darauf ließ er mich 
wieder nieder, und stellte mich, mit verbundenen Au- 
gen, den Herren als ein Ecce Homo vor; er fragte, ob 
ich es meinen Herren noch nicht sagen wollte; als ich 
ihm antwortete, daß ich es nicht tun könnte, wand 
er mich wieder auf, wodurch ich große Schmerzen 
hatte; aber es machte mir noch größere Schmerzen, 
als er mich stieß und das Seil schüttelte. Als sie nun 
nichts von mir erlangten, ließen sie mich nieder, und 
gaben mir bis den andern Tag neue Frist. Während ich 
da hing, sagte der Schultheiß: Dein Angesicht ist so 
lieblich als das eines Engels, aber dein Herz ist härter, 
als Pharaos Herz; ich erwiderte: Dem ist nicht so; der 
Herr wird das noch wohl offenbar machen; ich habe 
in meiner Einfalt meine Seligkeit gesucht. 



608 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Als nun der Scharfrichter mich wieder ankleide- 
te, sagte ich zu ihm: Ach, Freund! wie hast du mich 
zugerichtet; du hast in langer Zeit keinen Schelm so 
zugerichtet; da antwortete er: Sie bekennen, aber du 
willst nicht bekennen; auch ist es kaltes Wetter und 
kann so geschwind nicht geschehen. 

Als dieses der Schultheiß hörte, sagte er zu mir: 
Du bist ärger als ein Schelm, denn die Schelme ha- 
ben gesündigt; aber du bist von Gott abgefallen, und 
hast ihn verleugnet; darum verlässt er dich nun auch 
in der Not; ich erwiderte: Ist dem so, dann bin ich 
ein armer Mensch, aber ich habe eine andere Hoff- 
nung. Ja (sagte er), du bist ein verirrtes Schaf; die 
Wölfe haben dich geraubt und zerrissen. Er sagte mir 
auch, daß wir nicht getauft würden, es sei denn, daß 
wir zuvor zwischen zwei nackten Frauen versucht 
wären; ich erwiderte, dergleichen wäre bei uns nicht 
üblich. Man sagte mir auch von David Joris; aber den- 
selben verleugnete ich mit allen seinen Anhängern. 
Der Scharfrichter sagte, wir glaubten, daß die Kinder, 
die in ihrer Mutter Leibe sterben, nicht selig werden 
könnten; dies verneinte ich. Ein anderer sagte, wir 
müssten zehn holländische Gulden geben, wenn man 
uns taufe, wir hätten sie, oder hätten sie nicht; ich mei- 
ne, dieses habe der Schultheiß gesagt, denn er sagte 
noch mehr, unter anderem, daß man in der Kirche 
ungefähr drei Stüber gäbe, wenn man ein Kind taufen 
lässt; ich verneinte dies gleichfalls. Ach, ach, Ärgernis! 
Was hast du angerichtet; dadurch sind die Unschuldi- 
gen ins Leiden gekommen, denn die Bösen nehmen 
daraus bald eine Veranlassung her, und sollten sie 
auch falsche Zeugen hören, wie es auch bei unserm 
Herrn selbst und Stephanus geschehen ist. Summa, 
dergleichen schändliche Reden sind unzählige gefal- 
len; ja, ich vermute, daß die schändlichen Reden und 
ihre Bedrohungen einem fast so wehe tun, als die Pei- 
nigung selbst; darum ist Geduld insbesondere nötig, 
um in diesem Streite zu überwinden. Deshalb mag 
Christus wohl sagen: Lernet von mir, denn ich bin 
sanftmütig und von Herzen demütig, so werdet ihr 
Ruhe finden für eure Seele. Jetzt finde ich in der Kraft, 
die mir Gott verliehen, daß dies eine sichere Lehre sei. 
Er, der Herr selbst, vom Himmel, der mächtiger ist, 
als alle Menschen, hat Schande, Schmach und Verach- 
tung erlitten, und so ein eigenes Reich eingenommen; 
wie sollten wir es denn nicht ertragen, die wir doch 
nur eine geringe Zeit von unsern Feinden unterdrückt 
sind. 

Darum bitte ich Unwürdiger alle Gottesfürchtigen, 
daß ihr nicht vergesst, allezeit von Christo zu lernen, 
daß er sanftmütig und von Herzen demütig sei, und 
fasst eure Seelen allezeit in Geduld, dann werdet ihr 
Ruhe finden; denn Geduld ist unsere Stärke; es ist 


ein köstliches Ding, geduldig zu sein, und auf die 
Hilfe des Herrn warten; denn in den Sprichwörtern 
steht, daß ein Geduldiger besser oder mehr sei, als 
ein Starker. Nehmt Abraham, Jakob, Mose, die drei 
Jünglinge, Daniel, die sieben Brüder mit ihrer Mutter, 
Hiob, die Propheten, und das Ende unseres Herrn in 
Beispielen. 

Darum, meine Geliebtesten, vertraut Gott und 
glaubt an ihn; er wird euch wohl helfen, denn sol- 
ches hat er verheißen; vertraut ihr ihm aber nicht, so 
bedenkt, ob ihr auch glaubt, daß Gott allmächtig und 
wahrhaftig sei, wie ihr glaubt, daß er durch sein Wort 
Himmel und Erde, das Meer und was darin ist, ge- 
schaffen hat? David bezeugt es, daß er ein Gott sei, 
der gern hilft, worüber er sich freut; er sagt ferner, 
daß er ein Schild allen denen sei, die auf ihn trauen, 
ja seine Engel lagern sich um uns, zu unserm Schutze, 
aber wie soll er uns dann helfen, wenn man es ihm 
nicht zutraut? 

Als ich nun abermals auf die Stunde meiner Prü- 
fung wartete, bat ich (Unwürdiger) den Herrn, meine 
Zuversicht, daß er mich doch zum dritten Male be- 
wahren wolle, wie er, durch seine Gnade, zwei Mal ge- 
tan hatte, damit ich nicht zu Schanden werden möchte, 
und sie mir meinen Ruhm (das ist, den guten Vorsatz 
meines Herzens im Anfänge) nicht nehmen möch- 
ten, damit ich den Glauben in einem reinen Gewissen 
bewahren möge; dadurch hoffe ich deinen heiligen 
Namen zu loben, zu preisen zu verherrlichen, den 
frommen Heiligen zur Freude, den Säuglingen aber 
zum Tröste und süßen Gerüche des Lebens, damit sie, 
wenn, sie es riechen, dadurch gelabt, erquickt und 
gestärkt werden mögen, um desto freimütiger in der 
Wahrheit zu werden, die doch das Allerstärkste ist, 
und allezeit den Sieg behalten wird, und nicht achten 
mögen, was uns auch Menschen tun, die wie Heu 
vergehen müssen, weil man ja doch öffentlich sieht, 
daß des Herrn Hände nicht verkürzt sind, sondern 
den Frommen allezeit beistehen, wie David bezeugt. 
Denn, lieber Herr, wenn ich mich nicht tapfer halten 
würde, welche Betrübnis würde dieses unter den jun- 
gen Säuglingen erwecken, und welch eine Lästerung 
würde daraus entstehen? Ich bitte dich, o himmlischer 
Vater, erbarme dich doch über mich armen sündhaf- 
ten Menschen, und nimm das übrige des Kelches von 
mir, wenn es möglich ist; ist es aber nicht möglich, 
so geschehe allein dein Wille. Herr, hilf mir das Feld 
erhalten, denn du weißt, wie der Menschen Schläge 
schmecken; ich übergebe mich in deine Hände, und 
obgleich sie mir erschrecklich drohen, so haben sie 
doch keine Gewalt, ein Haar auf unserm Haupte zu 
verletzen, oder du musst es ihnen zuerst zulassen; dar- 
um geschehe dein heiliger Wille zu meiner Seligkeit. 



609 


O Herr, rechne ihnen diese Missetat nicht zu. 

Als ich mich nun so bereit gemacht hatte, hörte ich, 
daß sie unsere geliebte Schwester, die mit mir gefan- 
gen saß, auch peinigten; es kam mir vor, als ob sie 
auch aufgewunden und wieder niedergelassen wür- 
de. Als sie nichts bekennen wollte, wurde sie abermals 
aufgewunden, und unten an den Füßen befestigt; als 
sie nun die Angst eine Zeitlang gelitten hatte, wur- 
de sie wieder heruntergelassen und davongetragen. 
Da dachte ich, nun ist die Reihe mir, nun werden sie 
mich armes Schlachtschäflein aus dem Stalle holen. 
Mit diesen Gedanken wartete ich, und tröstete mich 
selbst, und dachte, wie bald ist ein Mensch zu Grunde 
gerichtet, denn es kam mir vor, daß sie kaum eine 
halbe Stunde lang die Pein erlitten hätte. 

Indem ich nun so, mit Abraham, meinen einzigen 
Sohn, das ist mein Fleisch, übergeben hatte, hat der 
Herr schnelle Fürsorge gehabt, und meinen Druck in 
große Freude verwandelt, einmal dadurch, daß der 
Herr diesem schwachen Schäflein auch den Mund be- 
wahrt hat, und ferner, weil es scheint, sie wären durch 
mein Leiden, welches ich vor meiner Aufopferung 
bereits erduldet habe, gesättigt worden. 

Dieses habe ich euch geschrieben, nicht um euch 
furchtsam zu machen, sondern daß ihr Heiligen Got- 
tes euch mit mir in dem Heiligen Geiste erfreuen mögt, 
und mir helft, dem Herrn danken, daß er mir so treu- 
lich geholfen hat, und damit ihr die wunderbaren Wer- 
ke Gottes in seinen Auserwählten erkennen mögt, wie 
auch ein frommer Zeuge Christi, Karstiaan L„ in sei- 
nem Briefe bezeugt hat; desgleichen Joris, der Färber, 
welcher hier mit mir ein Zeuge der Wahrheit gewesen 
ist, denn er sagte sich selbst: Kommt der Teufel auf ei- 
ne Treppe, so steigt er höher. Ach, es dünkt mich, daß 
man hierdurch seine Kraft verliert, denn ich dachte, 
wenn sie auch meinen Meister nicht kennen, und ich 
auch schon weiß, daß er fort ist, ebenso wie mein ge- 
liebtes Weib und mehrere andere, so werden sie doch 
nicht zufrieden sein; sie wollen doch an das Foltern, 
darum will ich eins mit dem andern verschweigen, 
man wird es nun sehen, wie der Herr denen hilft, die 
auf ihn trauen. Ach, welch eine Freude ist der Sieg an 
Christum, nun ist mein Glaube an Christum geprüft; 
meine Gottesfurcht, mein Vertrauen, das ich hatte, 
ehe ich in Bande kam, meine Liebe zu Gott und sei- 
ner heiligen Gemeinde, gleichwie das Gold im Ofen 
und auf dem Prüfsteine. Andere Prüfungen sind zwar 
leicht zu ertragen, wenn man genug hat, und gehen 
kann, wohin man will; wenn man aber mit Hiob an 
der Haut angetastet und dieselbe zerfetzt wird, daß 
das Blut herausläuft, nach vier Tagen aber eine solche 
Pein erneuert wird, das trifft die Rippen. O du Toch- 
ter Zions, du Braut des Lammes, fürchte dich nicht; 


das Lamm wird wohl den Streit ausführen; habe doch 
guten Mut in dem kurzen Streite, den du zu kämpfen 
hast, denn den Überwindern ist alles verheißen; wer 
getreu bleibt bis in den Tod, wird die Krone des Le- 
bens empfangen, und wird den ewigen Tod und die 
ewige Pein nicht schmecken. Ich weiß nicht, ob meine 
Marter über zwei Stunden in allem gedauert hat; aber 
das Drohen, Verachten und Quälen hat etwas länger 
gedauert. Meine Geliebtesten, ist das nicht eine ge- 
ringe Qual? Sollte man um deswillen die Wahrheit 
verlassen? Sollte man darum den Herrn verleugnen 
und durch Anzeigen sein Gewissen beschweren, da 
man gleichwohl noch oft leiden muss? Ach, nein, der 
Herr führt selbst den Streit für uns aus; ihm sei allein 
der Preis in Ewigkeit, Amen. 

Darum, ihr Geliebten und Heiligen Gottes, die ihr 
durch Jesum Christum des himmlischen Rufes teilhaf- 
tig geworden seid, seid doch nicht verzagt; fürchtet 
euch auch nicht vor denen, die den Leib töten, denn 
der Seele können sie nicht beikommen. Ich Unwürdi- 
ger habe euch die Hilfe des Herrn auskundschaftet; 
darum gebe ich ihm Zeugnis, daß er ein treuer Not- 
helfer sei, wie von ihm geschrieben steht: Und sollte 
auch (sagt er durch den Propheten) eine Mutter des 
Sohnes ihres Leibes vergessen, den sie geboren hat, so 
will ich doch dich nicht verlassen noch vergessen. So 
haltet denn stark an alle, die ihr des Herrn Verheißun- 
gen glaubt. Ach ziehe sich doch niemand zurück aus 
Verzagtheit, nach seinem Berufe den Heiligen dienst- 
willig zu sein nach seinem Vermögen, denn niemand 
soll sich selbst leben, oder sich dessen weigern, damit 
das Werk des Herrn allezeit mit Lust vor sich gehen 
möge, und helft einander die Last tragen. Wenn es so 
geht, dann ist es eine Freude; dann kann des Herrn 
Werk ohne Seufzen vor sich gehen; darum wisst, was 
ein jeder Gutes tut, das wird ihm nachfolgen. 

Haltet es mir zu gut, daß ich im Allgemeinen schrei- 
be; ich hoffe, daß hierdurch die Kleinherzigen aus 
meinen Banden Mut und Vertrauen schöpfen werden, 
ja, ich hoffe, die Unterdrückten sollen etwas fröhlicher 
werden, weil man bei dem Herrn so große Hilfe findet, 
die man gleichwohl nicht sieht. Ich bezeuge euch mit 
dem Apostel: Obschon unser auswendiger Mensch 
vergeht, so wird doch der inwendige Mensch von 
Tag zu Tag erneuert, denn unsere Trübsal, die zeitlich 
und leicht ist, bringt eine ewige und über die Ma- 
ßen gewichtige Herrlichkeit uns, die wir nicht auf das 
Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare sehen. Nun 
weiß ich hiervon dasselbe auch zu schreiben und zu 
zeugen, daß das Leiden leicht sei, weil es kurz ist; 
denn ich weiß nicht, als alle meine Peinigung vorüber 
war, ob ich nachher so viel Pein hatte, als ich wohl von 
einem kleinen Geschwüre eine Zeitlang erlitten habe. 



610 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


dessen sich mein liebes Weib wohl erinnern wird, und 
welches ich ertragen musste, wiewohl mir um des Er- 
duldens willen keine Verheißung getan wurde; wenn 
wir aber dieses Leiden um des Herrn willen erdul- 
den, so kommen uns alle Hauptverheißungen zu, ja 
es gibt keine herrlicheren und größeren Verheißungen 
als diese, nämlich daß denen, die sich zum Leiden 
Christi begeben, und durch Christum überwinden, 
die Krone des Lebens verheißen sei; auch tragen wir 
das Zeugnis in unserm Herzen, daß wir keine Bastar- 
de sind; ja wir werden von Christo selbst geehrt und 
gekrönt werden; ich selbst erkenne mich unwürdig, 
zu diesem heiligen Stande; gleichwohl hält mich der 
barmherzige, gute Gott dazu würdig, diese Schmach 
um seines Namens willen zu tragen; er müsse gelobt 
sein, in Ewigkeit, Amen. 

Hiermit will ich dieses endigen, und bitte euch, 
haltet mir mein einfaches Schreiben zu gut; ich will 
euch sämtlich, insbesondere aber meinen allerliebs- 
ten Schwager und meine allerliebste Schwester, dem 
Herrn anbefehlen, der mächtig ist, in euch allen das 
gute Werk zu vollbringen, das er in euch angefangen 
hat, damit ihr bei Jesu Christo, unserm Herrn, vollen 
Lohn empfangen mögt; ich will voran und euch dort 
erwarten, damit wir beisammen in der ewigen Freude 
leben mögen. 

Hierzu wolle der gütige Gott seine Gnade geben, 
damit niemand um dieser geringen Pein willen den 
Weg des ewigen Lebens verlasse, und so den furchtsa- 
men und verzagten Knechten gleich werde, die nicht 
mit Gideon in den Streit ausziehen dürfen und nicht 
an Gott glauben, noch es versiegeln können, daß Gott 
treu, allmächtig und wahrhaftig ist. Was solchen in 
der Schrift verheißen sei, ist leicht zu erkennen, näm- 
lich die ewige Pein, wie den Zauberern und Götzen- 
dienern. Was wird es dann nutzen, wenn man den 
Namen eines Christen getragen hat? Wenn man nicht 
standhaft bleibt, muss man mit Schanden vergehen, 
wie die zehn ungläubigen Kundschafter. Was nützt es, 
daß man aus Ägypten erlöst worden ist, wenn man 
nicht glaubt, denn die Ungläubigen kommen alle um? 
Was hat es auch Lots Weib genutzt, daß sie aus Sodom 
ausgegangen war, denn sie sah wieder zurück? Dar- 
um, ihr geliebten Heiligen Gottes insgesamt, streitet 
tapfer für die Wahrheit bis zum Tode; habt doch alle- 
zeit einen solchen Sinn in euch, dann wird der Herr 
euren Streit ausführen, und ihr werdet euch am Ende 
darüber erfreuen (wenn ihr in Geduld darauf wartet), 
wie ich jetzt auch tue. Lest die Heilige Schrift zur Be- 
stärkung der Wahrheit; da findet ihr, wie der Herr für 
Israel, für Daniel, Gideon und Josaphat und für meh- 
rere andere gestritten habe, welche doch wenig Volk 
hatten; dessen ungeachtet wurde so viel Volk erschla- 


gen, daß sie in drei Tagen den Raub nicht wegbringen 
konnten. 

Ferner ist es auch nötig und sehr nützlich, daß man 
tröstliche Briefe schreibe, und sie an die elenden Ver- 
lassenen schicke, denn dadurch werden sie sehr ge- 
tröstet; ein jeder wende hierin allen Fleiß an, so viel 
als möglich ist, und tut euer Bestes, und bittet den 
Herrn um geeignete Mittel, ohne jemandes Schaden; 
ferner besucht sie auch, bittet beständig für sie und 
hebt mit Mose heilige Hände für sie auf, bis sie den 
Streit ausgeführt und ihr Fleisch, den Stachel der Sün- 
den, und die Herren der Finsternis dieser Welt, in 
welchen der Satan sein Werk hat, überwunden haben. 
Darum nehme ein jeder zu Herzen, was der Apostel 
sagt: Gedenkt der Gefangenen, als die Mitgefangenen; 
wenn ein Glied leidet, so leiden die andern Glieder 
mit. 

Hiermit gute Nacht, alle Gottesfürchtigen auf die- 
ser Erde; habt doch guten Mut, denn Mut verloren, 
das Feld verloren. Seid von mir alle in dem Herrn 
herzlich gegrüßt, insbesondere aber mein geliebtes- 
ter Schwager und seine geliebte Hausfrau; ich danke 
euch herzlich für alle eure große Freundschaft. 

Angefangen den letzten Donnerstag im Februar, 
und geendigt den ersten März. Ich Unwürdiger trage 
die Malzeichen des Herrn an meinen beiden Händen 
und an meinem Leibe; gelobt müsse der Name des 
Herrn sein in Ewigkeit. 

Von Jan von Kuyk, welcher um des Gehorsams des 
Evangeliums willen auf der Vuylpforte gefangen sitzt. 
Ich habe zum Stockmeister gesagt: Wenn ich auch 
mit meiner Faust das Gefängnis in Stücke zerschla- 
gen könnte, so wollte ich es doch nicht tun, damit 
er um meinetwillen nicht in Ungelegenheit kommen 
möchte. 

Der zweite Brief von Jan Wouterß, geschrieben an 
seine Brüder und Schwestern. 

Der ewige, barmherzige Gott wolle euch, mein ein- 
ziger Bruder und meine geliebten Schwestern, seine 
Gnade geben durch Jesum Christum, damit ihr sämt- 
lich nach eurer Seligkeit möget Lust, Geschmack und 
Verlangen tragen bis ans Ende eures Lebens. Ach, daß 
doch dieses geschehen möchte, lieber Herr! Welche 
Freude würde es dermaleinst sein; wie ich denn hoffe, 
daß es geschehen werde, daß unser alter, ehrwürdiger, 
geliebter Vater, und unsere ehrwürdige Mutter mit 
ihren Kindern einander in dem ewigen Leben finden 
werden, Amen. 

Vor allen Dingen habe ich das Vertrauen zum Herrn, 
daß ihr nebst mir Lust, Geschmack und Verlangen 
zur Seligkeit empfangen habt. Darum ermahne ich 



611 


euch nun ein wenig, daß ihr darin zunehmt, nachdem 
auch der Herr seine Gnade gegeben und euch die 
Augen geöffnet hat, daß ihr das Gute von dem Bösen 
unterscheiden könnt. 

Darum, mein geliebtester und wertester Bruder, 
weil euch nun diese Gnade widerfahren ist, daß ihr 
wisst und glaubt (wie ich das Vertrauen habe), daß 
Gott das Böse hasst und die Gerechtigkeit liebt, so 
dankt denn dem guten, allmächtigen Gott dafür ins- 
besondere, daß er uns aus des Satans Händen durch 
Jesum Christum erlöst und uns, nach seiner Barmher- 
zigkeit, durch das Wort des Lebens wiedergeboren, 
uns auch in dieser angenehmen Zeit geholfen hat, in 
welcher er seine seligmachende Gnade über alle Men- 
schen hat scheinen lassen, und du, mein lieber Bruder, 
hast auf diese seligmachende Gnade Acht gegeben; 
das Licht (welches Jesus Christus ist) hast du empfan- 
gen, wie ich das Vertrauen habe. Die Schrift bezeugt, 
daß denen, die Christum empfangen haben (das ist, 
die an ihn glauben), Macht gegeben werde, Gottes 
Kinder zu werden. Darum lasse dich allezeit von ihm 
regieren und durch seinen Geist steuern und leiten, 
denn das sind die rechten Kinder Gottes, die von Got- 
tes Geist getrieben werden; sie gehören Christo an. 

Nun, mein geliebtester Bruder, trage doch dein Le- 
ben lang Sorge, damit du diesen guten, köstlichen 
Schatz wohl bewahren mögest, damit du davon leben 
und demjenigen allezeit nachfolgen mögest, was die 
seligmachende Gnade Gottes (nämlich Jesus Christus, 
der unser Licht ist) lehrt. 

Zunächst lehrt die seligmachende Gnade Gottes, 
das ungöttliche Wesen dieser Welt mit ihren Lüsten 
und Begierden zu verleugnen, wie Paulus sagt: Stellt 
euch nicht dieser Welt gleich, sondern erneuert euch 
durch die Erneuerung eurer Sinne, das ist, nach dem 
Sinne Jesu Christi; wenn ihr dieses tut, so werdet ihr 
im Lichte wandeln, und nicht in der Finsternis, worin 
die Welt wandelt. Hüte dich, mein geliebter Bruder, 
vor den Werken der Finsternis, und habe damit keine 
Gemeinschaft, sondern scheide dich allezeit davon, 
und rühre nichts Unreines an, nämlich kein Böses, 
dann wirst du ein Kind Gottes sein und bleiben, wenn 
du anders bis ans Ende bei Christo Jesu bleibst. 

Ich Unwürdiger, der ich um seines Namens willen 
gefangen bin, bitte dich liebreich, bleibe allezeit bei 
dem Worte des Herrn, dann wirst du nicht fallen, und 
der Vater wird dir alles geben, um das du ihn in sei- 
nem Namen bittest, und wenn man auch dadurch 
ins Leiden kommt, so können wir doch um deswillen 
nicht ablassen, denn dadurch wird offenbar, daß der 
Weg schmal und die Pforte enge sei, die zum ewigen 
Leben führt; überdies ist dieses nur ein vergängliches 
Leiden, und wenn wir mit Christo leiden, so werden 


wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden, denn 
dieses Leiden, das uns die Menschen antun können, 
ist kurz und leicht, und bringt uns eine ewige und 
über die Maßen gewichtige Herrlichkeit, die wir nicht 
auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare sehen; 
denn obschon unser auswendiger Mensch vergeht, 
welcher doch vergehen muss, so wird doch der in- 
wendige Mensch von Tag zu Tag erneuert. Und wenn 
wir Glauben gehalten und überwunden haben wer- 
den, so wird alles durch den versüßt, der uns mächtig 
macht, welcher Christus ist; er hilft uns das Feld er- 
halten, das fühle ich nun am Besten, weil ich in der 
Probe stehe; ihm sei Lob von Ewigkeit zu Ewigkeit, 
Amen. 

Aber, mein lieber Bruder, denke nicht, als ob an 
mir etwas Neues geschehen, und es nicht immer so 
gewesen wäre. 

Lies von dem gerechten Abel, dann wirst du das 
Wort Christi wohl verstehen, daß der Knecht nicht 
besser sei, als sein Herr. Lieber Bruder, das Haupt 
(welches Christus ist) hat selbst gelitten; die Glieder 
müssen nachfolgen. Es ist auch ein besonderes Zei- 
chen der Liebe, daß er mir diese Züchtigung zusendet, 
um mich zu prüfen, ob ich ihn auch von Herzen fürch- 
te, liebe und auf ihn vertraue. Summa, ich halte dafür, 
daß es mir zur Seligkeit gereiche; sein heiliger Wille 
müsse geschehen, zu meinem Heile, Amen. 

So bezeuge ich dir nun, mein geliebtester Bruder, 
daß dieses die einzige rechte Wahrheit sei und bleiben 
wird, um die ich jetzt eine geringe Zeit leide. Darum, 
mein geliebtester Bruder, lies des Herrn Wort mit An- 
dacht und wiederhole solches oft, und bitte allezeit 
den Herrn in jedem Anliegen und ohne Unterlass, 
mit Gebet und Flehen im Geiste; denn wenn du nach 
dem Worte des Herrn lebst, so wird es dir wohlgehen, 
und du wirst nicht fallen, denn in des Herrn Wort ist 
unser Licht, welches Christus Jesus ist; laß uns ihm 
nachfolgen; dann werden wir zu ihm kommen, wo 
er ist, zu unserm Hohepriester Christo Jesu; dort will 
ich euch, mein liebes Weib, mein Töchter lein, unsem 
Vater, unsere Mutter und Schwestern erwarten, wenn 
ihr sämtlich in dem Herrn sterbt und bis ans Ende bei 
der Wahrheit bleibt, und dem Herrn nachfolgt, wie 
ich denn hoffe, daß ihr tun werdet, mit allen Heili- 
gen Gottes. Ich will vorangehen, und schreibe euch 
sämtlich hiermit in dieser kurzen Zeit gute Nacht; der 
allmächtige Gott wolle allen seine Gnade geben, daß 
ihr stets wohlgemut sein mögt, eure Seligkeit durch 
Jesum Christum zu erlangen, seid auch ernstlich in 
der Liebe, und seid einander ein Vorbild in allen guten 
Werken, zum ewigen Leben. 

Darum, mein einziger und lieber Bruder, habe ich 
dir ein wenig geschrieben zum Andenken und zur 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Erweckung deines Gemütes, auch zum Tröste, damit 
du ja nicht Menschen fürchten mögest, sondern allein 
den allmächtigen Gott, welcher ewig ist; der Mensch 
ist doch in seinem Leben wie Heu; er blüht wie eine 
Blume des Feldes; wenn aber der Wind darüber weht, 
so ist sie nicht mehr zu finden. Die Menschen sind 
vergänglich; sie können uns nicht ein Haar krümmen, 
wenn es ihnen der Herr nicht zulässt. Er wird ihnen 
aber nicht mehr zulassen, als wir ertragen können 
und dabei den Glauben behalten. 

Ach, wie ruhig ist man, weil man durch des Herrn 
Hilfe seinen Mund bewahrt hat. Lobt ihr, alle meine 
Freunde, unsern starken, getreuen Gott, der meinen 
Mund bewahrt hat, als ich zuerst gefoltert wurde; ich 
habe die Hoffnung und das Vertrauen, daß derjenige, 
welcher mir zuerst geholfen hat, mächtig sei, mir aber- 
mals zu helfen, denn er hat uns Unwürdigen solches 
verheißen; seine Worte sind ja in ihm, er ist ein treu- 
er Nothelfer, wie David sagt: Bei dem Herrn findet 
man Hilfe; er ist unser Schild, unsere Burg, und eine 
Stärke der Armen; aber wir müssen es ihm auch Zu- 
trauen; wer ist jemals zu Schanden geworden, der sich 
auf den Herrn verlassen hat? Darum lasse doch nicht 
nach, deine Seligkeit zu suchen, und sei nicht träge in 
deinem Vornehmen, sondern brünstig im Geiste, ge- 
duldig in Trübsal, anhaltend im Gebete; wenn du aber 
in dir keine Inbrunst fühlst, so bitte darum den Herrn; 
er wird sie dir wohl geben, wenn du nur von Her- 
zen das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit suchst, 
wie ich das Vertrauen zu dir habe. Aber hüte dich, 
daß du nicht der Welt vertraust; besitze deine Seele 
in Geduld; der Herr kann dir wohl zu seiner Zeit ei- 
ne gottesfürchtige Person beigesellen; aber bitte den 
Herrn ernstlich, daß er es doch fügen wolle, daß du 
zuvor mit den Gottesfürchtigen eines Sinnes werdest. 
Schreibe bisweilen meinem Schwager einen Brief, so 
findet er Veranlassung, dir auch zu schreiben und zu 
raten, worin du Rat nötig haben wirst. Ich danke dir 
für die Freundschaft, die du mir erwiesen hast. 

Geschrieben den zweiten Tag nach Matthäus in den 
Festen, auf welchen Tag ich abermals zweimal auf- 
gewunden und einmal gegeißelt wurde; aber, mein 
einziger Bruder, der starke Gott hat abermals mei- 
nen Mund bewahrt. Darum bitte ich dich, freue dich 
mit mir und lobe den Herrn, denn ich habe mm große 
Freude, und sei um deswillen in deinem Gemüte nicht 
furchtsam, weil mein Fleisch eine kurze Zeit gelitten 
hat, denn nun hat der gute himmlische Vater meinen 
Glauben geprüft, wie das Gold im Feuer, ob ich auch 
im schwersten Streite ihm vertrauen, ihn fürchten und 
lieben würde; und nachdem er mich in einer Trübsal 
nach der andern treu erfunden, so daß ich, durch Got- 
tes Gnade, die Herren dieser Welt überwunden habe 


(worüber ich mich von Herzen gefreut habe) und das 
durch das Gebet der Gläubigen, und durch die Mit- 
wirkung des Heiligen Geistes, so ist mir fernerhin die 
Krone des ewigen Lebens zubereitet, welche ich von 
Christo aus Gnaden empfangen werde. So will ich 
denn nun voran, und will zuerst den sterblichen Rock 
des Fleisches ablegen, mit der zubereiteten, brennen- 
den Lampe, denn ich habe Glauben, Liebe und Chris- 
tum behalten und nicht verleugnet; der Glaube ist das 
Öl, der Docht ein reines Herz und Gewissen; das Licht 
aber die feurige, brennende Liebe. 

Damit schmücke du dich auch täglich, und gehe 
Christo, unserm Bräutigam, entgegen; nimm ein das 
Land der Verheißung, welches das ewige Reich Gottes 
ist; aber werde unterwegs oder auf dem Wege nicht 
furchtsam, weil in der Wüste (nämlich in der Welt) 
viele Feinde, Räuber und Wölfe sind; werde deshalb 
nicht verzagt, denn ich bin durch alles dieses, durch 
des Herrn Hilfe gekommen und habe dir und vielen 
Gottesfürchtigen das Land vorher ausgekundschaftet; 
darum kann ich euch nun schreiben, um der Gefahr 
willen dürft ihr nicht Zurückbleiben, denn der Herr 
selbst führt unsern Streit aus; er streitet für uns ist ja 
der Stärkste. Er sagte ja zu Abraham: Fürchte dich 
nicht, denn ich bin dein Schild und sehr großer Lohn; 
ist denn dieses allein für Abraham gesprochen? Pau- 
lus sagt: Es ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir 
durch Geduld und Trost der Schrift Hoffnung haben 
möchten. 

Betrachte die vorhergehenden Exempel, wie Gott 
für Gideon, David, Josaphat und mehrere andere ge- 
stritten habe; das Volk wurde geschlagen, ohne Zu- 
tun ihrer Hände. Ach, mein einziger, lieber Bruder, 
setze doch dein ganzes Vertrauen auf den Allmächti- 
gen, denn bei ihm findet man Hilfe; er ist ein rechter 
Nothelfer; er verlässt die Seinen nicht in allen ihren 
Trübsalen; darum können wir mit dem Apostel wohl 
sagen: Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein? Der 
seines einigen Sohnes nicht verschont hat, wie sollte 
er uns mit ihm nicht alles schenken? Hat er an uns sol- 
che große Liebe bewiesen, warum sollte er uns denn 
nicht in jeder Not bewahren? 

Glaube, daß der gute Gott unser Schuldner sei, 
wenn wir anders auf seinen Wegen bleiben, standhaft 
fortwandeln und uns an ihn halten; auch ihn nicht ver- 
lassen, so wird er uns auch nicht verlassen; dies ist ja 
eine feste Verheißung. Wenn wir aber ihn verleugnen, 
so wird er uns auch verleugnen. Ach, wie unbedacht- 
sam, unweise und ungnädig handeln diejenigen mit 
ihrer armen Seele, die um dieses kleinen und kurzen 
Leidens willen aus Furcht den Weg des Lebens ver- 
lassen und einen andern Weg nach ihrem Gutdünken 
erwählen, um dem Kreuze Christi zu entfliehen, sich 



613 


selbst mit einem eitlen Tröste trösten, auf dem Wege, 
den sie nach ihrem Gutdünken gefunden haben; ihr 
Ende reicht an das Verderben; mein einziger lieber 
Bruder, folge solchen nicht nach, denn diese glauben 
nicht, darum werden sie auch nicht beschirmt. Wehe 
denen, die nicht standhaft bleiben; wie wird es ihnen 
ergehen, wenn sie der Herr heimsuchen wird, ja, ihr 
Teil wird sein, mit den Zauberern in dem Pfuhle der 
ewig brennen wird. Darum fasse doch Mut mit Josua 
und Kaleb; aber du musst einen festen Glauben ha- 
ben an Gottes Verheißungen; ebenso wie du meinst, 
daß Gott durch sein Wort Himmel und Erde erschaf- 
fen habe, so wirst du deine Feinde verschlingen wie 
Brot, und durch Geduld mit Gottes Hilfe deinen Streit 
ausführen, und das Land der Verheißung mit Gewalt 
einnehmen, denn, die ihm Gewalt antun, die reißen 
es zu sich. 

Aber, liebe Brüder, der Apostel bezeugt, und auch 
ich Unwürdiger bezeuge, daß wir nicht allein wider 
die Herren dieser Welt, sondern auch wider die Geis- 
ter, die unter dem Himmel sind, streiten müssen; wie 
denn Christus sagt, daß in den letzten Zeiten viele 
falsche Christi aufstehen werden; ich habe dies auch 
für euch ausgekundschaftet, denn in der Zeit mei- 
nes Glaubens haben sich viele falsche Propheten oder 
falsche Christi an mich gemacht; bald kamen sie mit 
diesem schönen Scheine, bald mit einem andern schö- 
nen Scheine; der Herr aber, welcher will, daß alle Men- 
schen selig werden, hat mich hiervon erlöst; ich hielt 
mich auch an das Wort Gottes, wie ich es im Anfänge 
gehört und angenommen habe; mein Glaube wurde 
auch nicht schwach, wiewohl auch diejenigen abfie- 
len, welche die Frömmsten zu sein schienen. Sieh, 
so wird unser Glaube auf mancherlei Weise geprüft, 
und überdies durch den täglichen Streit, der niemals 
aufhört, denn es ist ein beständiger Streit; der Geist 
streitet wider das Fleisch und das Fleisch wider den 
Geist. Das ist es, was mich am meisten betrübt, denn 
mein eigenes sündhaftes Fleisch war mein stärkster 
Feind, was mich viele bittere Tränen gekostet hat. Der 
Satan sucht mich hierdurch, wie den Weizen, zu sich- 
ten, aber mit Fallen und Straucheln bin ich durch Got- 
tes Gnade so weit gekommen; denn ich raffte mich 
durch die Gnade des Herrn bald wieder auf; aber was 
war es? Ich wäre so gern vollkommen gewesen, und 
doch war mir dieses elende Fleisch im Wege, welches 
nun leiden muss, und das ich auch als ein Brandopfer 
aufzuopfern hoffe, immer im Wege. 

Darum, mein geliebtester Bruder, habe ich dir noch 
einige Nachricht gegeben, mit welchem Streite ein 
Christ angefochten wird, das ist, wider Fleisch und 
Blut, wider die falschen Geister, die ihre listigen Pfeile 
auf den Bogen gelegt haben, um den Frommen heim- 


lich zu schießen. Darum zieh den Harnisch Gottes an, 
damit du dem listigen Anlaufe des Teufels widerste- 
hen mögest, und umgürte dich mit dem Gürtel der 
Wahrheit; vor allen Dingen aber ergreife den Schild 
des Glaubens, mit welchem du alle feurigen Pfeile 
des Bösewichtes auslöschen kannst, und sei an deinen 
Füßen gestiefelt, damit du allezeit zu dem Evange- 
lium des Friedens, und dem Helme des Heils bereit 
sein mögest; ergreife die lebendige Hoffnung und das 
Schwert des Geistes, welches das Wort Gottes ist, und 
bitte immer in jedem Anliegen mit Bitten und Fle- 
hen. Sieh, mit diesen Waffen des Geistes können wir 
überwinden, und es ist uns dann die Krone verheißen. 
Vergiss auch nicht, was Jesus Sirach sagt: Mein Sohn, 
hast du gesündigt, so sündige nicht mehr, sondern 
bitte Gott, da er dir die vergangenen Sünden vergeben 
wolle. Fliehe vor der Sünde wie vor einer Schlange, 
denn wenn du zu ihr gehst, so wird sie dich beißen; ih- 
re Zähne sind den Zähnen der Löwen gleich und töten 
die Seelen der Menschen; jede Ungerechtigkeit ist wie 
ein zweischneidiges Schwert, in dessen Wunden keine 
Gesundheit ist; auch sagt Paulus: Tötet eure Glieder, 
die auf Erden sind, Hurerei, Unreinigkeit, schändliche 
Brunst, böse Lust, und den Geiz, welcher Abgötterei 
ist. Summa, lebe nach dem Geiste, so wirst du die 
Werke des Fleisches nicht vollbringen. Hierzu gebe 
der gute Gott seine Gnade, daß du in dem Glauben, 
in der Liebe, in der Erkenntnis unseres Herrn Jesu 
Christi aufwachsen mögest, damit du ein vollkomme- 
ner Mann, nach dem Maße des vollkommenen Alters 
Christi werden und so auf die Zukunft Christi warten 
mögest. 

Ach, mein lieber Bruder, trage doch für deine Se- 
ligkeit Sorge; hier haben wir nur eine kurze Zeit und 
die ewige Zeit ist vor der Türe. O himmlischer Vater! 
Ich bitte dich demütig, du wollest meinen einzigen 
Bruder vor allem Argen bewahren und ihn in deinem 
Namen heiligen, durch Christum Jesum, auch ihn al- 
lezeit durch den heiligen Geist leiten, damit wir uns 
dermaleinst miteinander erfreuen mögen, Amen. 

Gute Nacht, mein einziger Bruder auf dieser Erde; 
bei Christo will ich dich erwarten. Die erste Seite habe 
ich geschrieben, als ich erst von der Folter kam, darum 
ist es schlecht geschrieben; jetzt aber ist meine Hand 
etwas besser, doch habe ich noch die Malzeichen des 
Leidens Christi; sein Name müsse ewig gelobt sein. 

Dieses habe ich dir in meinen Banden geschrieben, 
den 2. März im Jahre 1572; von mir, deinem einzigen 
Bruder, im Gemüte unverändert, um des Zeugnisses 
Christi willen gefangen, darum sei wohlgemut, ich 
habe Glauben gehalten und bis aufs Blut gestritten, 
auf der Vuylpforte zu Dortrecht. 



614 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Der dritte Brief von Jan Wouterß an die Gemeinde 
Gottes in Dortrecht, die um des Zeugnisses Christi 

willen nach allen Richtungen zerstreut waren. 

An die zerstreuten Heiligen und die andern von Dort- 
recht. Gnade und Friede von Gott, unserm himmli- 
schen Vater, und von dem Herrn Jesu Christo, und 
die Mitwirkung des heiligen Geistes vermehre sich 
allezeit bei euch allen zum Tröste eurer Pilgerschaft, 
damit ihr in eurer Trübsal geduldig sein mögt, und 
die Geduld ein vollkommenes Werk in euch habe, da- 
mit ihr in demjenigen weder müde, noch matt werdet, 
was ihr zu eurer Seelen Seligkeit angenommen habt, 
die uns durch Christum geschehen und widerfahren 
ist; hierin haben wir uns zu erfreuen, sodass wir uns in 
unserer zeitlichen Trübsal erfreuen können. Gedenkt 
der Weissagung Christi, wenn er sagt: Ihr werdet heu- 
len und weinen, und die Welt wird sich freuen; ihr 
werdet traurig sein; aber eure Traurigkeit soll in Freu- 
de verwandelt werden, welche niemand wird von 
euch nehmen können. Ach, Geliebteste! Könnten wir 
so gemächlich in das Reich Gottes eingehen, wie könn- 
ten wir von dem schmalen Wege und der engen Pforte 
reden? Aber um der Trübsal willen können wir sagen, 
daß man den schmalen Weg wandeln und durch die 
enge Pforte eindringen und das Reich mit Gewalt 
durch viel Leiden und Widerwärtigkeit einnehmen 
müsse; dadurch wird bestätigt, daß der Knecht nicht 
besser sei, als sein Herr. Hat unser Haupt sein eigenes 
Reich durch viel Leiden und Verachtung einnehmen 
müssen, haben sie den Hausvater Beelzebub genannt, 
sollten sie dann seine Hausgenossen nicht auch so 
nennen? 

Damit ihr aber dieses alles überwindet, und bis ans 
Ende standhaft bleiben mögt, so vertraut Gott, und 
glaubt an sein Wort, gleichwie ihr glaubt, daß er Him- 
mel, Erde, das Meer und was darin ist, erschaffen hat; 
dann wird er euch wohl helfen, und den Streit für 
euch ausführen, daß ihr nicht zu Schanden werden 
sollt, denn der Apostel sagt: Ist Gott mit uns, wer 
mag wider uns sein? Er, der auch seinen einigen Sohn 
nicht verschont hat, wie sollte er uns mit ihm nicht 
alles schenken? Der allmächtige gute Gott gebe hier- 
zu seine Gnade, daß ihr nicht wankt, oder an Gottes 
Verheißungen zweifelt; dadurch werdet ihr von der 
Furcht befreit werden, und werdet nichts darnach fra- 
gen, was euch auch Menschen zufügen, und werdet 
eure Seelen in Geduld fassen, bis auf den Tag, der 
euch trösten wird, Amen. 

Nebst diesem herzgründlichen Wunsche an euer 
aller Liebe, habe ich Unwürdiger nicht unterlassen 
können, obgleich ich nur wenige Gaben habe, eurer 
Liebe ein wenig zu schreiben, dem Ältesten zur Stär- 


kung und dem Jüngsten zur Freimütigkeit, damit ein 
jeder in dem Streite, der uns vorgelegt ist, stark anhal- 
te, und ihr allezeit durch die Früchte eures Glaubens 
euren Beruf und eure Erwählung fest macht; dann 
wird euch der Eingang zu dem ewigen Reiche unse- 
res Herrn und Heilandes Jesu Christi reichlich dar- 
gereicht werden. Was wollt ihr denn mehr haben? 
Darum, du schöne Tochter Zions, fürchte dich nicht, 
weil dir der Eingang so reichlich bereitet ist. 

O du schönste unter den Weibern! Darum müs- 
sen die hässlichen Runzeln, die dich verunstalten, 
dir genommen werden. O du schöne Braut Christi! 
Schmücke dich immer mehr mit dem hochzeitlichen 
Kleide der Gerechtigkeit, und auch deine Lampe mit 
dem herrlichen Glauben und der unvergänglichen 
Liebe, damit dieselbe nicht bei euch fehlen möge, wie 
sie den Törichten gemangelt hat, sondern stets über- 
fließend sein möge, damit dadurch das Licht Christi 
in euch scheine und durch euch offenbart werde, Gott 
zum Preise, eurem Nächsten zur Erbauung, euren 
Seelen aber zur Seligkeit, der Welt zum Lichte und 
zum Zeugnisse über sie. Und wenn sie euch dann 
hassen, weil der helle Morgenstern, Christus Jesus, 
in euren Herzen aufgegangen ist, so ertragt das, und 
wundert euch nicht darüber, denn auch die Finsternis 
hat Christum, der selbst das Licht ist, für euch gehasst 
und ausgestoßen. 

Es ist ihnen eure Person nicht im Wege, sondern 
weil die Wahrheit in euch ist, welche die Finsternis, 
das ist die Welt, mit Füßen tritt, darum werdet ihr 
jedermanns Raub; aber sei deshalb nicht erschrocken, 
o du Kriegerin, sondern eile fort nach deinem verhei- 
ßenen Solde! Die Wahrheit, die in dir ist, wird über- 
winden, denn sie ist die allerstärkste. O du schöne 
Königin, denke stets daran, wie hässlich und ungewa- 
schen du in deinem Blute lagst, als ein Verworfenes, 
und daß dich der mächtigste, reichste und ewige Kö- 
nig, als die Schönste vor allen Menschen, auserwählt, 
gewaschen, durch sein eigenes Blut erkauft und zu 
seiner Königin angenommen hat. Und wie wir stets 
unserer Erlösung eingedenk sind, so ist dies eine Er- 
mahnung, oder sollte eine Ermahnung sein, daß man 
allein bei dem königlichen Bräutigam bleibe und ihn 
aus Üppigkeit oder Vermessenheit nicht verlasse und 
andern nachlaufe, denn, wer ihn verlässt, den verlasst 
er auch wieder; seine eifersüchtige Liebe kann es nicht 
ertragen, noch leiden, daß man einen andern lieber 
hat oder lieber gewinnt als ihn; ein solcher ist seiner 
nicht wert. Ach, nicht so, um keines Dinges willen! 
Obgleich du hier, wie eine Lilie, von Domen umge- 
ben bist, und obschon der Dornenbaum oder Dornen- 
busch die Regierung der Welt an sich gebracht hat, so 
unterlasse deshalb nicht, deine Süßigkeit mitzuteilen. 



615 


du schöner Liliengeruch, deine schönen Trauben und 
Fettigkeit zu geben, damit ein jeder in seinem Berufe 
erfunden werde, als ein lieblicher Geruch Christi; den 
Armen, daß sie fleißig seien in ihrer Arbeit, wenn sie 
einen Stüber oder einen halben zu verdienen wissen, 
damit sie vor dem Herrn ein unschuldiges Gewissen 
haben mögen; ferner, daß diejenigen, welche im Über- 
fluss haben, dasselbe mit getreuem Herzen mitteilen. 
Wenn es so zugeht, so können die Diener mit fröhli- 
chem Herzen dienen, wenn ein jeder seinen Dienst 
anbietet, insbesondere wenn wenige Diener sind. 

Hiemächst schreibe ich euch, ihr 60 Starken, habt 
doch stets ein starkes Gemüt, und seid immer wohl 
versehen mit dem Schwerte des Geistes an eurer Sei- 
te, damit ihr die schöne Braut vor jedem Unfall oder 
Nachtschrecken beschützt, und nehmt allen Verstand 
gefangen, der sich wider den Gehorsam Christi er- 
hebt. 

Bewahrt doch wohl mit treuem Herzen diesen Lust- 
garten des Herrn, damit die listigen Füchse, die hin- 
einschlüpfen, nicht darin nisten, noch die wühlenden 
Schweine ihn aufwühlen, wodurch oftmals die jungen 
Schosse ihre Kraft verlieren und verwelken. Müsst ihr 
auch schon bisweilen den falschen Brüdern unter die 
Augen treten, weicht deswegen nicht zurück! Wer- 
det auch nicht schwach, denn wenn ihr weicht, was 
werden die anderen tun? 

Darum seid stark im Gemüte in dem Herrn, weil 
euch der Geist der Gemeinde zum Werke des Herrn 
erwählt hat; streckt eure Hälse aus; tragt eure Seelen 
in euren Händen, und zieht fort im Namen des Herrn. 
Wenn man euch dann droht, so denkt, wir sind in der 
Hand des Herrn; ihr seid Erde und Asche; der Herr 
wird uns wohl bewahren. Denkt, wir sind nicht bes- 
ser als unsere Brüder. Und wenn es dann geschieht, 
daß einer seiner Zeit Ende erreicht hat, daß sein Lauf 
vollendet ist und er als Gold vor Königen, Herren 
und den Regenten der Finsternis dieser Welt geprüft 
werden muss, um den Namen des Herrn zu preisen, 
so setzt gleichwohl eure Reise fort, und stellt die tap- 
feren Helden euch zum Exempel vor, wie Abraham, 
Mose, Josua, Kaleb, Samson, Gideon, David, die Pro- 
pheten und Apostel. Betrachtet die alten Zeiten, wie 
kräftig der Herr den Feinden auf den Hals getreten 
habe, wie Josua zu seinen Starken sagte, daß der Herr 
auf gleiche Weise mit allen verfahren werde, die sich 
wider sie setzen würden; darum sagte er: Fürchtet 
euch nicht. 

Geliebteste, haltet mir mein einfaches Schreiben 
zu gut, denn ist es auch schlecht und mangelhaft, 
so denkt dabei, ich habe dadurch ein wenig meine 
Freimütigkeit und mein zugeneigtes Gemüt, welches 
ich Unwürdiger gegen euch getragen habe, und noch 


trage, zu erkennen gegeben; ja ich habe solches Ver- 
trauen durch des Herrn Gnade, daß mich niemand 
von der großen Liebe wird scheiden können, die ich 
zu euch und dem Herrn habe. 

Darum bin ich in allem getrost, was mir zustößt, 
denn ich finde große Treue bei unserm Herrn, der 
ein rechter Nothelfer ist, und der die Seinen nicht 
verlässt, denn ich habe nun, durch des Herrn Hilfe, 
bis aufs Blut gestritten; ich habe Glauben gehalten, 
und großen Trost in mein Herz empfangen, sodass ich 
mich in meinem Leiden erfreuen kann, und das durch 
die Hilfe eures Gebetes und durch die Mitwirkung des 
Heiligen Geistes, ja, ich kann euch die große Freude, 
die ich jetzt habe, nicht genug beschreiben, weil der 
Herr meinen Mund bewahrt hat. 

Darum bitte ich euch sämtlich sehr liebreich, freut 
euch, und lobt den Herrn mit mir, daß er seinem ar- 
men Knechte so treulich geholfen und mir in meiner 
Pein eine Erleichterung und ein Mittel gegeben hat, 
daß ich es ertragen konnte. 

Ach, Geliebteste, ist es nicht ein großer Trost, daß 
der heilige, gute Gott sich uns zum Schuldner ge- 
macht und uns Verheißungen gegeben hat (merkt, 
Versprechen macht Schuld) wenn er sagt: Wenn auch 
eine Mutter des Sohnes ihres Leibes vergäße, so will 
ich doch dich nicht vergessen; wenn wir anders ihn 
nicht verlassen, und unsere erste Geburt so leicht ver- 
kaufen, wie Esau um sein bisschen Leben tat, wovon 
doch Christus sagt: Wer sein Leben zu erhalten sucht, 
der wird es verlieren. Ach, leider, der verliert es übel, 
der es nicht wieder findet! Aber der verliert es wohl, 
der wiederum ein unvergängliches findet. 

Dies ist ja die Verheißung Christi, die er uns durch 
seine Gerechtigkeit und Leiden erworben hat; aber 
wir müssen auch bis zum Tode für die Wahrheit treu- 
lich streiten und unsere Seele durch den Gehorsam 
der Wahrheit reinigen, um in diesem kurzen Streite 
zu beharren; darum zieht den Harnisch Gottes an, mit 
welchem ihr alle feurigen und listigen Pfeile des Bö- 
sewichts auslöschen könnt; gürtet eure Lenden mit 
dem Gürtel der Wahrheit, zieht den Panzer oder die 
Waffen der Gerechtigkeit an, und seid an euren Füßen 
mit dem Evangelium des Friedens gestiefelt, damit ihr 
in allen Dingen bereit stehen mögt; vor allen Dingen 
aber ergreift den Schild des Glaubens, und fasst den 
Helm des Heils, welcher die lebendige Hoffnung ist, 
und fasst das Schwert des Geistes, welches das Wort 
Gottes ist, und bittet allezeit in jedem Anliegen mit 
Bitten und Flehen im Geiste; mit diesen Waffen könnt 
ihr alle eure Feinde durch Geduld und Sanftmut über- 
winden. 

Überdies habt ihr viele Zeugnisse in der Schrift; wie 
denn auch ich Unwürdiger, euer bekannter, schwa- 



616 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


eher Bruder, Zeugnis gebe, daß dies die rechten Waf- 
fen sind, denn ich kann nun hiervon schreiben, um 
des Sieges willen, den ich durch Christum Jesum er- 
halten habe, welcher mir allezeit das Feld erhalten 
hilft; ihm allein sei Preis, Ehre, Macht von Ewigkeit 
zu Ewigkeit, Amen. 

Hiermit will ich euch, meine geliebtesten Mithel- 
fer, Brüder und Schwestern, dem allmächtigen Gott 
und dem reichen Worte seiner Gnade anbefehlen, der 
mächtig ist, euch alle zu stärken und das Gute, das er 
in euch angefangen hat, zu vollenden, und euch zu 
seinem ewigen Reiche zu bringen, Amen. 

Hiermit sage ich euch allen gute Nacht auf dieser 
argen Welt, die voller Bosheit ist; bei Christo Jesu, 
unserm Bräutigam, will ich euer warten, und sodann 
euch wieder sehen, in vollkommener Freude; dazu 
wolle der Herr seine Gnade geben, Amen. 

Schließlich bitte ich demütig, ihr wollt es mir von 
Herzen vergeben, wenn ich jemanden mit Worten, 
Wesen oder Werken betrübt habe; ein Gleiches tue 
ich auch von Herzen, aber ich wollte, daß es mit mir 
besser gewesen wäre. Gehabt euch wohl und habt 
guten Mut. 

Geschrieben von mir, Jan Wouterß, eurem schwa- 
chen Bruder und geringsten Mitgliede, der um des 
Zeugnisses des Evangeliums Christi willen gefangen 
liegt, zu Dortrecht den 3. März im Jahre 1572. 

Ich wurde vergangenen Samstag vor acht Tagen ge- 
foltert, und den Mittwoch darauf abermals. So trage 
ich nun die Malzeichen des Leidens Christi an mei- 
nem Leibe, welchem ich wohl hätte entgehen können, 
wenn ich hätte sagen wollen, was man von mir be- 
gehrte; aber ich hätte dann gegen die Schrift, gegen 
die Liebe und gegen mein Gewissen gehandelt, und 
wäre mit einem unruhigen Herzen gestorben; viele 
Herzen hatten sich darüber betrübt, aber jetzt habe ich 
das Vertrauen, daß viele sich mit mir freuen, fröhlich 
und wohlgemut sein und Gott preisen werden. 

Darum nehmt euch alle in euren Herzen fest vor, 
dasjenige zu tun, was wohl lautet und ehrbar und 
Gott gefällig ist; ruft den Herrn um Stärke an, und 
glaubt gewiss in euren Herzen, daß er euer Gebet 
erhöre; haltet ihm in eurem Gebete seine eigenen Ver- 
heißungen vor, dann werdet ihr nicht zu Schanden 
werden, denn David sagt: Er erhört das Gebet der 
Elenden. Ferner freut euch, daß unsere Feinde von 
unserer lieben Schwester, die mit mir gefangen ist, 
durch die Folter nichts haben erfahren können. Dar- 
um lobt den Herrn, ihr Heiligen. Seid alle von mir 
Unwürdigem herzlich gegrüßt, im Namen des Herrn 
mit der Liebe und dem Frieden Christi. Ich sage euch 
allen für eure christliche Gemeinschaft meinen Dank. 
Ach Geliebteste, lasst doch bei euch bleiben, was ihr 


von Anfang gehört und angenommen habt, und hü- 
tet euch vor denen, die euch dasselbe nehmen wollen, 
denn ich Unwürdiger bezeuge es, daß ihr in der unver- 
fälschten Wahrheit steht; erfüllt dieselbe in der Furcht 
Gottes, dann werdet ihr Frieden haben. Von mir, Jan 
Wouterß Kuyk, in Bunden geschrieben. 

Des Jan Wouterß vierter Brief an sein Weib. 

Gnade und Friede von Gott, unserm himmlischen 
Vater, durch Jesum Christum, unsern Herrn und Hei- 
land, nebst der Mitwirkung des Heiligen Geistes, ver- 
mehre sich stets bei dir, mein geliebtes Weib, zum 
Tröste auf deiner Wallfahrt, zur Stärkung deines Glau- 
bens, zur Erquickung in deiner Drangsal, zum Preise 
Gottes und zu deiner Seelen Seligkeit, Amen. 

Nach diesem meinem herzlichen Gruße an dich, 
meine auserwählte Schwester und geliebtestes Weib, 
lasse ich dich wissen: Meine Liebe zu euch ist zwar 
groß, aber die ewige Wahrheit ist mir noch lieber; die- 
se hilft mir alle meine Feinde überwinden wegen die- 
ses großen Sieges habe ich große Freude, denn ich bin 
nun schon zwei Stunden im Kampfe begriffen gewe- 
sen. Um dieses Sieges willen, daß Christus, der die 
rechte Wahrheit ist, uns allein so ritterlich das Feld 
erhalten hilft, wollest du nun dich herzlich mit mir 
freuen, ihm danken und den Namen des Herrn ver- 
herrlichen. Ich weiß es jetzt schon, wie der Kelch des 
Leidens schmeckt, aber ich wusste nicht, daß der gute 
Gott so wunderbar und kräftig in uns wirkt, denn ich 
empfing eine solche friedsame Freude in mein Herz, 
daß ich mich selbst verwunderte; dies ist bald nach 
meiner Peinigung geschehen; gleichwohl drohten sie 
mir sehr, daß ich den Montag, oder vielleicht später, 
abermals gefoltert werden sollte. Ich dachte, der treue 
Gott kann mir wohl zum zweiten Male meinen Mund 
bewahren; ich bat und flehte auch sehr zu ihm, daß er 
doch solches an mir erweisen wollte, denn das wäre 
ihm ja eine geringe Sache, damit ich in meinem ersten 
Ruhme und dem Vorsatz meines Herzens nicht zu 
Schanden werden, mein Nächster aber nicht betrübt 
werden möchte, und damit niemand um meinetwillen 
den Lästermund auf tue. 

Es hat auch der ewige, gute Gott meinen Mund 
während der späteren Folter bewahrt; sie drohten mir 
abermals, aber ich wurde in meinem Vorsatz nicht 
geschwächt; solche Gnade gab mir der Herr, als ich 
mein Herz fest dazu bereitete, und meinen einzigen 
Sohn (das ist mein Fleisch) mit Abraham dem Herrn 
aufopferte, damit sein heiliger Wille an mir zu meiner 
Seligkeit geschehe. 

Darauf hat der Herr meine Bangigkeit in Freude ver- 
wandelt, sodass meine Augen vor Freude überliefen. 



617 


weil der Herr unserer Schwester, die mit mir gefan- 
gen war, den Mund bewahrt hatte, und ferner, weil 
sie sich an meinem Leiden gesättigt hatten; überdies 
hatte ich auch wenige Tage vor meiner Peinigung eine 
fröhliche Nachricht empfangen, nämlich, daß du hast 
sagen dürfen, wenn du mich auch mit deinem Arme 
herausziehen könntest, so wolltest du es doch nicht 
tun, wenn ich anders fromm oder damit zufrieden wä- 
re. Es freut mich in meinem Herzen, daß der gute Herr 
dich durch seinen Heiligen Geist so stärkt und trös- 
tet. Der ewige, gute Gott müsse ewig gelobt sein, daß 
er an uns Unwürdigen so große Zeichen der Gnade 
und Liebe beweist. Ach, mein allerliebstes Schäflein, 
wie werden wir doch dem Herrn genug dafür danken 
können! Ja, ich freue mich in meinem Herzen, daß der 
Herr mich armen Menschen dessen würdig geachtet 
hat, daß ich viel Schmach, Verachtung, Bedrohungen 
und Schläge erlitten habe. Hiermit prüft mich der 
Herr, wie er seine allerliebsten Auserwählten geprüft 
hat, ob ich ihn auch fürchte, ihm von Herzen vertraue 
in der größten Not, ob ich ihn auch von Herzen liebe; 
mein Herz ist (wie mich dünkt) vor Freude gehüpft, 
weil wir einen solchen guten und lieben Gott haben; 
ich dachte, daß ich ihn liebte, aber nun prüft er mich 
aufs beste, weil mir nach der Haut gegriffen wird. 

Aber, meine Auserwählte, entsetze dich nicht hier- 
über; das unreine Fleisch hat noch viel mehr verdient; 
doch züchtigt uns der Herr nach seiner Barmherzig- 
keit. So ist denn nun mein Glaube geprüft worden, 
wie das Gold im Ofen; nun gehören mir alle diese herr- 
lichen Verheißungen des Herrn; fernerhin ist mir die 
Krone des ewigen Lebens zubereitet, ja, unser König 
Christus Jesus wird mich selbst ehren. 

Ach leider, ich erkenne mich selbst hierzu unwür- 
dig, aber unser Herr hat es bei seinem himmlischen 
Vater erworben, uns solches mitzuteilen, damit un- 
sere Freude vollkommen sein möge, und wir uns in 
unserer Trübsal mit seiner Verheißung trösten mögen. 

Ach, wie unbedachtsam sind alle diejenigen, wel- 
che die herrlichen Verheißungen gering achten, ja, um 
eines kurzen Leidens willen verwerfen! Ja, was ist 
doch das Leiden, wenn es vorüber ist; dann ist es doch 
nicht mit der Herrlichkeit zu vergleichen, die an uns 
offenbar werden soll! Gestern habe ich diesen Brief 
geschrieben, und eben jetzt bin ich vor dem Schulthei- 
ßen, zweien Ratsherren und dem Schreiber gewesen. 
Der Schultheiß fragte mich, ob ich nicht die Wahrheit 
sagen wollte; ich erwiderte, daß ich es getan hätte. Ja, 
sagte er, soviel, als du gewollt hast. Da wurde mir 
des Schultheißen Anklage vorgelesen, welche enthielt, 
daß ich von dem christlich-katholischen Glauben oder 
der römischen Kirche abgefallen wäre, daß ich mich 
unter die Wiedertäufer hätte taufen lassen, und daß 


ich unter ihnen mit meinem Weibe getraut worden wä- 
re, daß ich in meinem Irrtume verharrte, obgleich ich 
von verschiedenen Gelehrten deshalb ermahnt wor- 
den wäre, wobei er noch sagte, daß ich, nach Inhalt 
des königlichen Befehls, gestraft und an einem Pfah- 
le lebendig verbrannt werden müsste; wenn ich aber 
wieder abfiele, so möchte mir das Schwert, vielleicht 
auch der Kirchhof, zuteilwerden. 

Darauf antwortete ich, daß ich von dem christlichen 
Glauben nicht (oder niemals) abgefallen sei, und daß 
ich auch keine Wiedertäufer kenne; ich sei nur einmal 
auf meinen Glauben getauft; die Kindertaufe hielt ich 
nicht für eine Taufe; ebenso hätte ich auch, als ich ein 
Kind gewesen, wie ein Kind gehandelt, so wie mich 
meine Eltern geleitet. 

Ferner begehrte ich Gnade von dem Allerhöchsten, 
denn wenn ich von meinem Glauben abfiele, käme es 
mir vor, als ob ich ewig verloren wäre; wenn ich aber 
dabei bliebe, hoffte ich, durch des Herrn Gnade selig 
zu sein. 

Dieses alles wurde aufgeschrieben; ich sagte, sie 
sollten es machen, wie sie es vor dem obersten Richter 
zu verantworten gedächten; ich begehrte von ihnen, 
sie sollten mir sagen, ob ich jemanden übervorteilt 
hätte, damit ich mich verantworten könnte. Da brach- 
ten sie vor, daß ich mein Weib und mein Kind verführt 
hätte, und dabei behilflich gewesen, daß auch andere 
verführt wären, und daß ich bei Nacht und zur Unzeit 
wider des Königs Befehl in den Winkeln Versamm- 
lung gehalten hätte; ich erwiderte: Wer ist dabei zu 
kurz gekommen? Darauf wurde ich abermals abge- 
führt, denn sie konnten meine Reden nicht ertragen. 
Meine Mitgefangene wurde dann auch vorgeführt, 
aber sie ist auch standhaft geblieben. 

Nun hoffe ich, daß wir bald von aller unserer Arbeit 
und Qual werden entbunden werden. Darum hoffe 
ich, meine Allerliebste auf dieser Erde, daß ihr bald 
noch mehr erfreut sein werdet, wenn ihr von meiner 
Erlösung hören werdet. Was können sie denn noch 
mehr tun? An der Seele haben sie nichts; was haben 
sie denn mehr, als dasjenige, was doch Zurückblei- 
ben muss? Es ist mir ja sehr ersprießlich, zu Hause 
bei dem Herrn zu sein; denn wiewohl diese irdische 
Behausung oder Wohnung vergeht, so erwarten wir 
doch eine bessere im Himmel, die ewig ist, ja, die der 
Klarheit Christi gleich ist. Welche große, ewige Freude 
werden wir dann genießen, wenn wir wie die Funken 
im Riete, ja wie die Sonne glänzen werden, dann wer- 
den wir vor Freude springen wie die Mastkälber. 

Darum tröste dich mit diesen und andern Verhei- 
ßungen, und behalte dasjenige, was du von Anfang 
gehört hast, wie ich dir denn solches, mein liebes 
Schaf, von ganzem Herzen zutraue. 



618 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Und wenn ich entschlafen bin, so bist du, mein ge- 
liebtestes Weib und geliebteste Schwester, entbunden; 
führe alsdann deinen Witwenstand zu des Herrn Prei- 
se, deinem Nächsten aber zur Erbauung und unserem 
lieben einzigen Töchterlein zum Vorbilde, der Welt 
zum Lichte und zum Heile deiner Seele. Dulde und 
halte in der unverfälschten Wahrheit aus, worin du 
stehst, und wenn auch ein Streit nach dem andern 
über dich kommt, zu deiner Prüfung, so bedenke, daß 
solches alles für deine Seligkeit geschieht; bereite dein 
Herz allezeit zur Geduld, dann wird noch wohl der 
Tag kommen, der dich trösten wird. 

Die Verheißungen stehen so: Hier Drangsal, dort 
Freude; ferner bedenke, wie freudig du mich bei 
der Hand genommen hättest, wenn meine Eltern die 
Wahrheit geliebt hätten; nun aber haben wir, du und 
ich, den Tag gesehen, daß sie die Wahrheit lieben, was 
eine besondere Freude ist. 

Darum bitte ich dich, erweise ihnen so viel Ehre und 
Freundschaft, als du kannst, und das um meinet- und 
unseres Töchterleins, wie auch um der Wahrheit wil- 
len, wie ich denn auch dieserhalb das Vertrauen zu dir 
habe, und wenn du irgendeinen Kaufhandel treibst, 
so hüte dich, daß du unbefleckt von der Welt bleibst; 
wenn sie dich dann mit Worten überfallen, sodass du 
genötigt bist zu sagen, wie viel dich das Gut kostet, 
so sage es dann einfach heraus, und setze nichts hin- 
zu, weder ja noch nein, denn das geziemt uns nicht. 
Findest du dich aber hierin nicht stark genug, so laß 
den Handel fahren, denn du kannst dich wohl mit 
wenigem behelfen; ist es nicht fett, so ist es mager; die 
Gottseligen begnügen sich leicht; wenn du aber einen 
Handel treibst, so hüte dich, daß er nicht zu groß wer- 
de, damit dein Herz dadurch nicht beschwert werde, 
und du dein Gebet nicht wohl verrichten kannst. 

Darum bedenke, was dir die heilige Schrift als das 
Beste rät, dann wird es dir der Seele nach wohlgehen, 
wie ich zu dir das Vertrauen habe. Übe dich beständig 
im Gebete, wie den heiligen Witwen zusteht, für treue 
Arbeiter, für alle Heiligen, für die Gefangenen, für die 
Abgefallenen, für die Regenten der Welt, hauptsäch- 
lich, wenn du Sekten entstehen siehst, oder Uneinig- 
keit unter der Gemeinde gewahr wirst, welcher Fall 
eintreten muss, damit die Bewährten offenbar werden. 
Und wenn auch die Ältesten den Mut sinken lassen 
wollten (wovor sie der Herr behüten wolle), so übe du 
dich ernstlich im Gebete zu Gott, wie du die heilige 
Witwe Judith zum Vorbilde hast, und schmücke dich 
allezeit mit einem stillen und sanftmütigen Geiste, 
was dich mehr als alle Kleinodien zieren wird, wie 
Petrus und die Schrift dich solches lehrt, und du auch 
von Gott selbst gelehrt bist; fasse auch deine Seele in 
Geduld, dann wirst du in dem Herrn und in deinem 


Herzen Ruhe finden. Sei auch guten Muts; dein obers- 
ter Hauptmann und allerbester Bräutigam lebt noch; 
er wird dich wohl, mit unserem einzigen Töchterlein, 
bewahren und ernähren; denn, wenn ich auch schon 
mit dir noch eine Zeitlang herumwandeln müsste, so 
muss es doch von ihm kommen. Meine Geliebteste, 
ich habe in meinen Banden dir einige Treue bewie- 
sen, indem ich meine Hände noch an das Werk gelegt 
habe, damit du meinetwegen keine Unkosten hättest, 
und noch daneben etwas haben möchtest, was dir in 
deiner Arbeit von Nutzen wäre, was eine große Freu- 
de ist; ich habe aber die Hoffnung und das Vertrauen 
zu dir, meine werte, Auserwählte und geliebtestes 
Weib, daß du dich nicht verändern werdest, denn der 
gute Gott hat dir eine besondere Gabe gegeben; dafür 
müsse er ewig gelobt sein. 

Aber nicht, meine Geliebteste, als ob ich dir einen 
Strick an den Hals werfen und die zweite Ehe ver- 
bieten wollte; ach, nein! Der Apostel rät dir ja, was 
das Beste sei; ich habe mich mit dir auf die Lebenszeit 
verehelicht, und danke dir so liebreich, als ich immer 
kann, für deine liebe, gute Gesellschaft, Treue und 
Liebe, deren ich mich selbst größtenteils unwürdig 
achte. Nim hat der allein gute, barmherzige Gott mich 
Unwürdigen zu einem höheren Stande berufen; also 
kannst du auch mich, deinen Allerliebsten auf Erden, 
dem Herrn zu keinem höheren Stande aufopfern. Al- 
so tröstet euch miteinander, denn eure Drangsal wird 
nur eine kleine Zeit währen. 

Darum will ich dir, meiner Geliebtesten, meinen 
Abschied schreiben, in dieser argen Welt, und will 
dich dem getreuen, allmächtigen Gotte anbefehlen, 
denn er ist allein mächtig, dich vor dem Argen zu 
bewahren, und zu seinem ewigen Reiche zu bringen, 
Amen. 

Ach, heiliger Vater, ich, dein schwacher Knecht, bit- 
te demütig in meinen Banden, daß du mein gelieb- 
testes Weib, mein einziges Töchterlein und alle Got- 
tesfürchtigen vor dem Argen bewahren, und sie in 
deinem Namen heiligen wollest. O himmlischer Va- 
ter, erhöre mich Unwürdigen durch Jesum Christum, 
damit wir miteinander zu deiner ewigen Freude kom- 
men mögen, damit niemand draußen bleibe! Hierzu 
gebe der gute Gott seine Gnade, Amen. 

Gute Nacht, mein einziges Töchterlein; dein gelieb- 
ter Vater wird von unserm lieben Herrn zum Könige 
gekrönt werden. Darum gib dich zufrieden, und sei 
ein gehorsames Töchterlein; befleißige dich, die heili- 
ge Schrift zu lesen. Lebe darnach, dann werden wir 
wieder zusammen kommen, und uns allezeit und oh- 
ne Ende erfreuen, Amen. 

Vollendet den vierten Tag im März, im Jahre 1572, 
von mir, J. W. K., deinem lieben Manne, welcher zu 



619 


Gottes Ehre um des Zeugnisses des Evangeliums 
Christi willen gefangen liegt, Amen. 

Sei von mir in dem Herrn herzgründlich gegrüßt, 
mit der Liebe und dem Frieden, welche ewig währen. 

Des Jan Wouterß fünfter Brief an sein Weib und 
sein Töchterlein. 

Die unergründliche Gnade und Barmherzigkeit un- 
seres himmlischen Vaters, und die überschwängliche 
Liebe unsers Herren Jesu Christi, samt der Mitwir- 
kung seines Heiligen Geistes, vermehre sich allezeit 
bei deiner Liebe, meine Auserwählte auf Erden, zum 
Tröste in deiner Wallfahrt, zur Standhaftigkeit und 
Stärkung deines Glaubens, zu Gottes Preise und zum 
Heile deiner Seele, damit du allezeit in dieser Welt ein 
Licht sein mögest, deinem lieben, einzigen Töchter- 
lein, wie auch deinem Nächsten im Guten zur Besse- 
rung, damit du allezeit den fruchtbringenden Reben 
gleich sein mögest, denn dazu sind alle Gläubigen ge- 
setzt; wenn ein anderer abnimmt, müde oder unlustig 
wird, so nimm du allezeit zu, und laß dein Zuneh- 
men offenbar werden vor Gott und den Menschen, 
indem du weißt, daß dir die guten Werke folgen wer- 
den, und eine Zierde an deinem Hochzeitskleide sein 
werden, wenn du vor dem obersten Bräutigam er- 
scheinen wirst, wogegen die Trägen und Schläfer, die 
zwar munter genug sind, das Vergängliche zu suchen, 
nackend stehen werden; dann wirst du zierlich geklei- 
det sein. 

Darum, meine über alle Menschen geliebte Schwes- 
ter, werde doch nicht müde, wenn du auch noch in 
dieser Pilgrimschaft wallen musst; schmücke und fül- 
le allezeit deine Lampe in der Einfalt mit Öl; halte sie 
stets brennend, und erwarte in Geduld deinen Tröster 
und Bräutigam, dann wird er dich um einer kurz- 
währenden Traurigkeit willen herzlich und freudig 
willkommen heißen; denn er hat die Bahn geöffnet für 
dich und alle Gläubigen, die Fleiß anwenden und in 
ihrem Glauben Tugend, in der Tugend Bescheidenheit, 
in der Bescheidenheit Mäßigkeit, in der Mäßigkeit Ge- 
duld, in der Geduld Gottseligkeit, in der Gottseligkeit 
brüderliche Liebe und in der brüderlichen Liebe allge- 
meine Liebe zeigen. Wo solches reichlich unter euch 
ist, wird es euch nicht faul, noch unfruchtbar sein las- 
sen in der Erkenntnis unseres Herrn und Heilandes 
Jesu Christi; wer aber dieses nicht hat, der ist blind 
und tappt mit der Hand nach dem Wege und vergisst 
die Reinigung seiner vorigen Sünden. Darum ermahnt 
auch Petrus: Wendet desto mehr Fleiß an, euren Beruf 
und eure Erwählung fest zu machen; wenn ihr das tut 
(merke) so werdet ihr nicht straucheln (merke ferner) 
und es wird euch reichlich dargereicht werden der 


Eingang zu dem ewigen Reiche unseres Herrn und 
Heilandes Jesu Christi. 

Ach, es ist hieraus wohl zu sehen, wie man zu Falle 
kommt, und wie man fortgeht auf dem Wege des 
Lebens; darum ist es ein köstliches Ding fleißig zu 
sein, denn David sagt: Herr, du hast befohlen, deine 
Befehle fleißig zu halten; auch sagt Paulus: Seid nicht 
träge, was ihr tun sollt; seid brünstig im Geiste; ferner 
schreibt er: Dieses will ich, daß ihr tun sollt, damit 
diejenigen, die in Gott gläubig geworden sind, fleißig 
sein mögen, in guten Werken die Vornehmsten zu 
sein. 

Ach, wie wohl geht es, wenn man dieses wahr- 
nimmt! Ferner sagt er auch: Ach, daß es Gottes Wille 
wäre, daß diejenigen, die von mir unterrichtet wor- 
den sind, zum Nutzen der evangelischen Wahrheit 
dienen möchten, und fleißig würden in den Werken 
des ewigen Lebens. Ach, diejenigen, die diese göttli- 
chen Schriften der Ermahnung und Warnung zu Her- 
zen nehmen, werden nicht bald müde werden; wenn 
ein anderer stehen bleibt, werden diese fortgehen in 
treuem Herzen, so lange, als sie Atem schöpfen kön- 
nen, und werden allezeit dasjenige, was sie tun, für 
nichts achten, durch die göttliche Art, die in ihnen 
ist, welche Liebe kein Maß hat, nämlich, wenn man 
in seinem Herzen überlegt, daß Christus durch seine 
große Todespein uns tote Menschen lebendig gemacht 
und von der Macht des Teufels erlöst hat, und uns in 
das Reich Christi versetzt hat und daß er uns Arme, 
Sündhafte von so viel tausend Menschen herausge- 
nommen und erwählt und uns erleuchtet hat. Wenn 
sie in das ewige Feuer gehen werden, so werden wir 
zur ewigen Freude eingehen, und unser verachteter 
Leib wird der Klarheit Christi gleich sein. Ach, wer 
kann die große Freude beschreiben, die ewig wäh- 
ren wird? Wer nur diese Liebe und Güte Gottes recht 
schmeckt, der wird es sich nicht bald verdrießen las- 
sen, Gutes zu tun, denn er wird auch, wie Paulus sagt, 
ohne Aufhören ernten; und Christus sagt: Ein guter 
Baum bringt gute Früchte; auch sagt er: Die Gutes 
getan haben, werden auferstehen zum ewigen Leben. 
Ach, mein sehr geliebtes und wertes Weib! Obgleich 
ich dich jetzt verlassen muss, und dich nicht mehr 
sehen werde, so hoffe ich dich doch in der Auferste- 
hung (durch des Herrn Gnade) zu sehen, und das mit 
einem herrlichen und unvergänglichen Leibe. Darum, 
mein geliebtes Schäflein, nimm stets in den Tugen- 
den zu, nach deinem Vermögen, wie ich auch, meine 
Geliebteste, dir solches von ganzem Herzen zutraue. 
Halte doch die Wahrheit fest, worin du, durch Gottes 
Gnade, stehst, denn es ist die rechte Wahrheit; es wird 
keine andere gefunden werden, dessen bin ich gewiss 
in meinem Herzen. Darum sei fest darin gewurzelt. 



620 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


damit du gegen alle Sturmwinde stehen mögest, und 
nicht fallest durch Verfolgung, oder durch Beraubung 
der Güter und deines Geliebten, noch durch falsche 
Christen, deren (ach leider!) jetzt viele auf der Bahn 
sind, die viele Herzen und Gemüter unter dem Schei- 
ne der Wahrheit, welche von ihnen verfälscht wird, 
verderben und verführen, sodass viel Bitterkeit und 
Erkaltung der Liebe aufgewachsen ist. 

Ja, ich fürchte, es möchte noch gehen, wie Christus 
sagt: Wenn des Menschen Sohn kommen wird, wird 
er auch Gläubige auf Erden finden? Ach, mein ge- 
liebtestes Weib, ich kann jetzt, durch des Herrn Hilfe, 
deiner nicht mehr wahrnehmen und für dich nicht 
mehr streiten, streite nun selbst für dich mit brüns- 
tigem Gebete zu Gott; er wird dich nicht verlassen, 
wenn ich dich auch verlassen muss; solches traue ihm 
fest zu, und halte dich allezeit unverändert an die 
Lehre Christi. Was du gehört und angenommen hast, 
das vollbringe in der Furcht Gottes, dann wirst du 
das ewige Leben haben; denn Gott kann das Gute, 
das er in dir angefangen hat, ohne Verzug wirken und 
vollbringen. 

Endlich sei stark in dem Herrn durch die Macht 
seiner Stärke, und sei wider alle Widerwärtigkeit gut 
gewaffnet, dann wirst du durch des Herrn Hilfe wohl 
siegen; trachte nach dem, was göttlich ist, und über- 
winde das, was menschlich ist. Auch bitte ich dich 
freundlich nach all meinem Vermögen, gib dich doch 
in dem Herrn zufrieden, und denke allezeit an deine 
Erlösung und an den Schatz, der alle Schätze über- 
trifft, daß dir derselbe aus Gnaden geschenkt sei; sei 
auch immer der herrlichen Verheißungen eingedenk; 
dann hoffe ich durch des Herrn Gnade, daß der bit- 
tere Kelch, und das bittere Wasser Mara (das du nun 
auch um des Evangeliums willen mittrinken musst) 
in etwas werde versüßt werden, denn, meine Liebste, 
du weißt ja wohl, daß dieses unsere Pflicht und unser 
Gelübde sei, und daß wir von der Zeit an, wo wir 
die Wahrheit aufgenommen, es gewagt haben, jeder- 
manns Raub zu werden, denn der Knecht ist nicht 
besser als sein Herr; wir müssen durch viel Trübsal 
in das Reich Gottes eingehen. Überlege einmal, von 
Abel an, bis auf diese Zeit, wie die Gerechten leiden 
müssen; die Schrift muss ja erfüllt werden; wenn ich 
nicht in Verhaft genommen worden wäre, und ande- 
re auch nicht, wie sollte dann die Zahl der Märtyrer 
unter dem Altäre erfüllt werden, denn sie warten dar- 
auf, bis ihre Zahl erfüllt ist? Darum tröste dich doch, 
meine Geliebteste, und tröstet auch einander, denn 
ich denke, wenn das eine weint, so weint das andere 
auch; deshalb will ich euch auch mit des Herrn heili- 
gem Worte trösten; ich werde auch darin noch mehr 
versichert, daß ich kein Bastard bin, weil es dem barm- 


herzigen Vater gefallen hat, mich armen, sündhaften 
Menschen zu züchtigen, und mich Unwürdigen als 
seinen lieben Sohn aufzunehmen, sein Wille müsse 
geschehen. Darum bitte und laß für mich bitten, da- 
mit ich mit meinem Tode des Herrn Namen preisen 
und es zur Erbauung, zur Freimütigkeit und Freude 
meines Nächsten, zum Lichte der Welt und zur Erwe- 
ckung derer gereichen möge, die noch im Schlafe der 
Sünden sind, und so auch zu meiner Seelen Seligkeit, 
Amen. 

Auch lasse ich dich, meine Geliebteste auf Erden, 
wissen, wie es mir in meinen Banden eine große Er- 
leichterung ist, daß du nicht ebenfalls verhaftet wor- 
den bist. Ach, ich kann auch meinem Gott nicht genug 
danken wegen unseres armen Töchter leins, welches 
seinen Vater so hat binden sehen, als ob er ein Mörder 
gewesen wäre, wobei mir aber der starke und getreue 
Gott solche Gnade gegeben hat, daß ich fast von kei- 
nem Schrecken zu sagen weiß, nur daß ich sagte: Ach, 
meine Herren, wie bindet ihr mich doch, als ob ich 
ein böser Mensch wäre. Ach, sagten sie, du bist selbst 
Schuld daran, wobei sie sehr untereinander seufzten. 
Als sie mich nach dir fragten, redete ich sehr laut mit 
dem Schultheißen, damit du aus dem Wege gehen 
möchtest; so sehr war ich für dich besorgt. Der Herr 
sei gelobt, daß er mich so gnädig züchtigt. 

Ach, liebes Schaf, du bist ja sehr nahe gewesen, was 
man daraus schließen kann, weil du die Haube liegen 
gelassen hast und entflohen bist. Nun, Geliebteste, sei 
getrost; du verlässt zwar noch mehr; verlässt du aber 
viel, so wirst du auch viel empfangen, und schicke 
dich immer und jede Stunde in Geduld, dann wirst 
du, durch des Herrn Gnade, alles überwinden, was 
dir zustößt, denn die Geduld ist eine besondere Gabe 
Gottes; sie ist der Christen Stärke, das bin ich Unwür- 
diger wohl gewahr geworden, und erfahre solches 
auch am besten in meinen Banden, die ich um Christi 
willen leide; ich kann seiner Gnade nicht genug dan- 
ken für seinen Trost; ich erfahre es, wie einem Manne 
zu Mute ist, der nicht um einer Übeltat willen gefan- 
gen ist; ich befinde die Treue des Herrn, welche er 
den Seinen verheißen hat; ich habe auch auf sein Wort 
vertraut, ehe ich in diese Hände kam, denn der Herr 
sagt: Wenn auch eine Mutter des Sohnes ihres Leibes 
vergäße, so will ich doch deiner nicht vergessen; er 
ist in Wahrheit eine Stärke der Armen und ein rechter 
Nothelfer. 

Ach, ich hatte gehofft, es allein mit meinem Blute 
zu versiegeln; aber es ist noch ein schwaches Schäflein 
den Wölfen in die Hände gefallen, und das sehr wun- 
derlich; man hätte meinen sollen, daß sie nicht viel 
Gefahr gehabt hätte; sie kam in meines Meisters Haus, 
und wurde angehalten. Als meine Zeit erfüllt war. 



621 


kam ich auch in ihre Hände; ich glaube, der gute Gott 
habe es so über mich Unwürdigen zu meiner Seligkeit 
beschlossen, denn er weiß besser, was mir nötig ist, 
als ich selbst; darum müsse sein Wille geschehen. Ach, 
meine Liebste, sei doch hierin gelassen, und opfere 
mich, deinen Liebsten, auf, in des Herrn Willen, wie 
unser tägliches Gebet lautet, denn ich hatte zuvor oft 
zu dem Herrn gebetet, daß er mir dasjenige geben 
und uns widerfahren lassen wolle, was mir zur Selig- 
keit dient. Ich sehe es so an, als ob mich der Herr vor 
dem Unglücke bewahren und mich zur Ruhe bringen 
wolle, denn wer den Herrn und die Gemeinde von 
Herzen liebt, der ist selten ohne Herzensschmerzen, 
und hat oft Geburtswehen; ja, es dünkt mich, daß ich 
auch oft einem gebärenden Weibe gleich sei. Wenn 
ich an deine und meines Töchterleins Betrübnis, und 
an meines alten Vaters und an meiner alten Mutter 
Herzeleid denke, so möchte ich wohl weinen, aber der 
Herr gibt wieder Trost durch seinen Heiligen Geist; er 
müsse gelobt sein, in Ewigkeit, Amen. 

Auch kann ich nicht unterlassen, dir, meinem ge- 
liebtesten und einzigen Weib, aufs höchste zu danken, 
daß du mir mehr als neun Jahre ein so liebes und 
treues Weib gewesen bist; die Zeit ist so schnell ver- 
schwunden, daß ich mich wundere. Ich habe mich so 
sehr in meinem Herzen über deine Liebe gefreut, daß 
ich dem Herrn für seine Gnade nimmermehr genug 
danken kann; ja, es dünkt mich, wenn auch alle Haare 
meines Hauptes und alle Grashalme der Erde Zun- 
gen wären, ich könnte doch seiner Güte nicht genug 
danken, sondern bliebe ihm schuldig. Aber, wie lieb 
ich dich auch hatte, so musste ich doch meine Liebe 
mäßigen, damit, wenn es dazu käme, wozu es jetzt 
gekommen ist, ich das Scheiden überwinden möge. 

Auch hatte ich mein Töchterlein lieber, als ich an 
den Tag legte, aber ich durfte mein Herz nicht zu 
sehr an sie hängen, damit, wenn ich davon scheiden 
müsste, wie es der Herr über mich Unwürdigen be- 
schlossen hat, mich dann das bittere Scheiden nicht 
überwiegen möchte; nun ich aber von dem Herrn zu 
diesem Stande berufen bin, so will ich euch beide, 
meine geliebtesten Schäflein, dem Herrn der Herren 
übergeben, und um seine Gnade bitten, daß er euch 
beide vor dem Argen bewahren und euch zu seinem 
ewigen Reiche bringen wolle. Amen. Ich habe, ach 
leider, oft Leid getragen, und es betrübt mich noch 
jetzt, daß ich elender Mensch nicht heiliger und voll- 
kommener bei euch gewandelt bin, denn wie ich es 
auch machte, so kam ich allezeit viel zu kurz, weshalb 
ich mich auch durch die Jahre meines Glaubens nicht 
ohne Straucheln und Fallen hindurch gestritten habe; 
aber der reiche Gott hat meinen guten Vorsatz angese- 
hen, und mich nach seiner Barmherzigkeit wieder auf- 


gerichtet, denn er ist geneigt, zu vergeben, und steht 
fest bei seinen Verheißungen, so wie ich auch gern 
vergebe, denn, wenn wir den Menschen ihre Misse- 
taten vergeben, so wird er uns auch unsere Missetat 
vergeben. Als ich nun meinen Mangel fühlte, ließ ich 
mir solches eine Veranlassung sein, mich in der De- 
mut zu halten und mich unter die starke Hand Gottes 
zu beugen, und war mir solches eine Ermahnung, um 
eifrig in meinem Berufe zu sein. Als ich in solchem 
guten Vorsatze stand, ist der Herr der Herren gekom- 
men, wofür er ewig gelobt sein müsse; darum bitte 
ich auch ihn oft, daß er es dem vergeben wolle, der 
mich genannt, überantwortet und angegriffen hat; ich 
vergebe es ihnen allen. Ach, mein geliebtes Weib, ich 
bitte dich doch nochmals herzlich, du wollest es de- 
nen auch ebenfalls vergeben, die an mir schuldig sind, 
und an deiner Trübsal, denn, wenn du es nicht verge- 
ben würdest, so dünkt mich, du würdest dem Herrn, 
deinem und meinem Gott, im Wege stehen, daß er dir 
deine Schuld nicht vergeben würde. Darum bitte ich 
dich, du wollest es von Herzen vergeben; bitte auch 
für diejenigen, welche dir Leiden antun, dann wirst 
du eine gute Schwester in Christo sein. Mache, daß 
Gott dein Schuldner werde, dann wird er dir auch dei- 
ne Schuld vergeben, denn wir bedürfen der täglichen 
Vergebung, weil wir gebrechlich sind. 

Aber darüber bin ich doch sehr betrübt, daß unsere 
liebe Gemeinde und so viele arme Herzen so zerstreut 
sind und in fremden Ländern herumwandern müssen, 
von denen einige nichts zu leben haben, und gleich- 
wohl wollen die armen Kindlein ernährt sein. Ach, es 
mangelt an fröhlichen Gebern in dieser kümmerlichen 
Zeit. Für dieses Mal nichts Besonderes mehr; sei und 
bleibe stets dem Herrn und dem reichen Worte seiner 
Gnade anbefohlen, der doch mächtig genug ist, dich 
vor dem Argen zu bewahren, und dich in sein ewiges 
Reich zu bringen, Amen. Sei insbesondere sehr herz- 
lich in dem Herrn gegrüßt mit dem Kusse der Liebe 
und des Friedens, und das im Herzen, mit dem Ge- 
müte im Geiste, als gegenwärtig bei dir. Sage unserm 
geliebten Töchterlein von mir gute Nacht, und melde 
ihr, daß sie ihre Mutter trösten soll, dann werde ich sie 
lieb haben, wenn sie anders eine gehorsame Tochter 
ist, und daß sie fleißig lesen und schreiben lerne, und 
dadurch ihrer lieben Mutter das Brot verdienen helfe. 
Grüße mir doch alle Gottesfürchtigen herzlich in dem 
Herrn, die dich nach mir fragen; sage ihnen, sie sollen 
alle wohlgemut sein, auf den Herrn hoffen und trau- 
en, denn seine Hand ist nicht zu kurz, solches fühle 
ich wohl; darum fürchte niemand die sterblichen Men- 
schen, sondern vielmehr den unsterblichen Gott; den 
Glauben habe ich bekannt, mein Leben nicht gesucht, 
von Christo frei und öffentlich vor diesem sündhaf- 



622 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


ten Volke gezeugt, und das zum Zeugnis über sie, 
damit sie an dem Tage Christi keine Entschuldigung 
möchten vorweisen können. 

Der Schultheiß fragte mich, ob ich nicht von mei- 
nem Glauben abfallen wollte, man würde mich dann 
wieder auf freien Fuß stellen, dann könnte ich mein 
Weib und meinem Kinde die Kost verdienen. Du bist, 
sagte er, noch ein junger Mann, du kannst noch wohl 
Kinder zeugen und die Welt vermehren; ich antwor- 
tete, daß ich keineswegs davon abfallen wollte. Der 
Schulz sagte: Willst du denn nicht leben? Ja, mein 
Herr, antwortete ich, aber von meinem Glauben be- 
gehre ich um keinen Preis in der Welt abzufallen. Als 
wir gingen, sagte er, daß ich irrte, er wollte es mir mit 
Chroniken beweisen, daß der Lehre, von der ich be- 
haupte, daß man sie zu der Apostel Zeit die Sekte der 
Nazarener genannt habe, öffentlich widersprochen 
werde; du musst bedenken, daß unser Glaube vor so 
vielen Jahrhunderten bestanden, und von Hand zu 
Hand auf uns gebracht worden ist; ich sagte: Ich sehe 
nicht auf die Jahre, sondern auf die Wahrheit, und so 
schieden wir voneinander. 

Ach, teile mein Schreiben nicht zu vielen mit, damit 
ich meine Freiheit zum Schreiben nicht verliere; der 
Herr sei dafür gelobt. Wenn jemanden die Liebe be- 
wegt, ein wenig an mich zu schreiben, so schicke es 
mir; tue etwas Farbe hinein, und beschmutze es ein 
wenig, so wird man es desto weniger merken. Schrei- 
be mir ein wenig, wie es dir mit meinem Töchterlein 
geht; sende es mit Farbe, oder mit etwas Gewürz, und 
sollte es auch Fenchelsamen oder ein Stücklein Ku- 
chen sein; auch dieses wird mir sehr angenehm sein. 
Grüße doch deinen Bruder und sein Weib herzlich. 

Des Jan Wouterß sechster Brief an seine einzige 
Tochter insbesondere. 

Der ewige, allmächtige gute Gott, welcher durch sein 
Wort Himmel, Erde, Meer, und was darin ist, erschaf- 
fen hat, sei mit dir. Ich bin, weil ich ihn in meiner 
Einfalt, um meiner Seele Heil willen, gesucht habe, 
von seinen Feinden gefangen worden, was ich ihnen 
vergeben will; aber obgleich ich darum gefangen wor- 
den bin und auch darum gelitten habe, so hat es mich 
doch niemals gereut, daß ich in meiner Einfalt mei- 
ne Seligkeit gesucht habe, denn zur Seligkeit bin ich 
erschaffen durch Christum Jesum zu guten Werken, 
damit ich darin wandle, und dereinst zum ewigen 
Leben auferstehe. Darum, mein einziges Töchterlein, 
merke auf die Unterweisung deines geliebten Vaters, 
denn was ich mit dir rede, geschieht nach der Schrift; 
du wollest die Bosheit der Welt, die Gelehrten, die 
Obrigkeit und ihre Anhänger ansehen, wie sie das 


unschuldige Blut vergießen; dieselben haben den Na- 
men, daß sie Geistliche und Christen seien; deshalb 
bitte ich dich, mein geliebtes Töchterlein, folge ihnen 
nicht, denn sie wandeln nicht auf dem rechten Wege, 
davon gebe ich Zeugnis. Lies die heilige Schrift, und 
wenn du dein Alter erreicht haben wirst, so betrach- 
te und prüfe es wohl, und bitte den Herrn um Ver- 
stand, dann wirst du das Böse von dem Guten wohl 
unterscheiden können, die Lügen von der Wahrheit, 
den Weg der Verdammnis von dem engen Wege, der 
zum ewigen Leben führt. Und wenn du dann Pracht 
und Stolzieren, Tanzen, Lügen, Betrügen, Fluchen, 
Schwören, Zanken, Schlagen und mehrere andere bö- 
se Stücke siehst, als trunken trinken, vor Holz, Stein, 
Gold, Silber oder Brot knien, so denke alsdann, daß 
dieses nicht der rechte Weg sei; das sind keines Chris- 
ten Werke, wie die heilige Schrift lehrt. Solche Werke 
kommen nicht von dem Geiste Gottes, sondern von 
dem Geiste des Satans her. Die Schrift bezeugt, daß 
diejenigen Christo angehören, die den Geist Christi 
haben, oder davon getrieben werden. Darum folge 
den Leuten nicht, damit du als ein rechter Christ er- 
funden werden mögest; folge ihnen nicht, wenn sie 
dich auch liebreich anlocken und dir schöne Dinge 
verheißen; achte solches nicht; weiche von dem brei- 
ten Wege, auf welchem sie sich befinden, damit du 
nicht ihrer ewigen Plage teilhaftig werdest; betrach- 
te hiervon das Exempel in der Schrift, wie es in der 
ersten Welt zugegangen ist, denn alle, die von Gott 
abwichen, der Predigt des Noah nicht glaubten und 
seine Worte nicht achteten, sind ertrunken; ferner die 
zu Sodom und Gomorrha, die den Gerechten täglich 
quälten, und mit Lot nicht ausgehen wollten, sind 
verbrannt worden; ebenso wird es auch allen denen 
ergehen, die dem gerechten Noah (das ist Christo Jesu) 
nicht glauben, denn er hat es in dieser Welt gepredigt, 
wenn er zunächst sagt: Tut Buße; das Himmelreich ist 
nahe herbeigekommen, wie denn auch Noah zuvor 
gewarnt und gepredigt hatte, ehe das Wasser kam. 

Ebenso hat auch Christus und seine Apostel Buße 
und Besserung verkündigen lassen, wie auch noch 
täglich durch mich Unwürdigen, deinen geliebten Va- 
ter, und mehrere andere Knechte Christi. Aber was 
nutzt es ihnen; es bessern sich nicht viele; sie halten 
sich zu dem größten Haufen; uns aber achtet man 
nicht viel, denn wir sind ein schlechtes, kleines und 
ungelehrtes Völklein. Aber Christus hat des Volkes 
Verstockung wohl voraussehen können; darum sagt er 
im Evangelium: Wie es war in den Tagen oder Zeiten 
des Noah, sie aßen, sie tranken, sie freiten und ließen 
sich freien, bis daß Noah in die Arche ging; ebenso 
wird es auch in der Zukunft des Menschen Sohnes 
sein; das ist Jesu Christi; dann wird der Tag des Herrn 



623 


wie ein glühender Ofen sein; das Rufen und das Kla- 
gen wird den bösen, ungläubigen Menschen alsdann 
nichts helfen, denn es wird keine Zeit sein, Gnade zu 
erlangen; aber jetzt ist es eine angenehme Zeit und 
der Tag des Heils; jetzt ist die Gnadenzeit und das 
Freijahr des Herrn, so lange bis der erschreckliche 
Tag des Herrn kommt. Dann wird er zu denen, die 
dem Evangelium nicht haben glauben wollen, son- 
dern dem größten Haufen nachgefolgt sind, sagen: 
Geht von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das 
bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln; aber zu 
denen, die ihm in diesem Leben bis ans Ende nachge- 
folgt sind, wird er sagen: Kommt her, ihr Gesegneten, 
und ererbt das Reich meines Vaters, das euch bereitet 
ist von Anbeginn der Welt. 

Darum, mein geliebtestes Töchter lein, nimm es zu 
Herzen, achte es nicht gering, es ist dir viel daran 
gelegen, durchforsche (wenn du Verstand von dem 
Herrn empfangen haben wirst) die heilige Schrift mit 
Fleiß, so wirst du wohl finden, daß man Christo Jesu 
nachfolgen und lebenslang gehorsam sein müsse; du 
wirst auch deutlich finden das kleine Häuflein, das 
Christo nachfolgt. Es ist aber das ihr Kennzeichen: Sie 
führen ein bußfertiges Leben; sie meiden das Arge 
und haben ihre Lust daran, wenn sie Gutes tun; es 
hungert und dürstet sie nach der Gerechtigkeit; sie 
stellen sich nicht dieser Welt gleich; sie kreuzigen täg- 
lich ihr sündhaftes Fleisch mehr und mehr, damit sie 
der Sünde absterben, die in ihren Gliedern streitet; 
sie suchen und jagen dem nach, was ehrbar ist und 
wohl lautet; sie tun niemandem Unrecht, sie bitten für 
ihre Feinde; sie widerstehen nicht ihren Feinden; ihre 
Worte sind ja, was ja ist, und nein, was nein ist; ihre 
Worte sind ihr Siegel; es ist ihnen leid, daß sie nicht 
immer heiliger leben; darum seufzen und weinen sie 
oft. Dieses aber sei dir nicht allein ein Zeichen, woran 
du erkennen kannst, wer Christo nachfolgt, sondern 
auch das ist ihr Zeichen, wenn sie das Kreuz Chris- 
ti tragen, denn er sagt: Wer mir nachfolgen will, der 
verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich täg- 
lich, und folge also ihm mit dem Kreuze, denn er hat 
gesagt: Haben sie mich verfolgt, so werden sie euch 
auch verfolgen. Aber nun möchte jemand sagen und 
die Leute überreden, er habe solches zu seinen Apo- 
steln gesagt; aber der Apostel Paulus bekennt ihnen 
eben dasselbe, wenn er sagt, daß alle, die gottselig le- 
ben wollen in Christo Jesu, Verfolgung leiden müssen. 
Der Prophet sagt auch: Wer vom Bösen weicht, muss 
jedermanns Raub sein, denn, was lauter und klar ist, 
kann nicht zum Vorschein kommen. Hieraus kannst 
du, meine liebe Tochter, erkennen, welche Christo fol- 
gen, um durch ihn selig zu werden; hüte dich vor 
den Sünden, daß du sie nicht vollbringst, und halte 


dich zu diesen Kreuzesträgern, damit du zu Christo 
kommen mögest, der für uns und um unsertwillen 
das Kreuz getragen hat, denn wir müssen seinen Fuß- 
stapfen nachfolgen und unserm Herrn gleich sein; der 
Jünger muss wie sein Meister sein, und wie wir mit 
ihm leiden, so werden wir uns auch ewig mit ihm 
freuen. Aber, mein einziges Töchterlein, das ich von 
Herzen liebe, ich bitte dich, sei nicht furchtsam vor 
diesem gegenwärtigen Leiden, und lasse darum nicht 
nach, deine Seligkeit zu suchen, das wäre allzu töricht 
gehandelt; denn, nachdem ich dieses gelitten habe, 
sage ich mit dem Apostel, daß das Leiden, um Jesu 
Christi willen, leicht und zeitlich ist, und uns eine un- 
ermessliche Herrlichkeit bringt; denn, gleichwie des 
Leidens Christi viel über uns kommt, so werden wir 
auch reichlich getröstet durch Christum, welcher uns 
allezeit den Sieg erhalten hilft, daß wir den Glauben 
bewahren, in einem reinen Gewissen, denn es ist se- 
lig, sagt der Apostel, wenn man um des Wohltuns 
willen Schläge leidet. Darum freue dich, weil dein lie- 
ber Vater, um Wohltuns willen, Bedrohungen, Verach- 
tung und Schläge erlitten und ertragen hat, ich sage, 
um des Wohltuns willen, weil ich mit der Welt nicht 
auf dem breiten Wege zur ewigen Pein laufen wollte, 
welcher alle diejenigen werden teilhaftig werden, die 
nicht umkehren und Christo auf dem schmalen Wege 
nachfolgen. Das Wort Christi richtet allezeit, darum 
verdenke mir es niemand. 

Ferner habe ich auch gelitten, weil ich meinen 
Nächsten lieb hatte, wie mich selbst, und ihn nicht 
offenbaren wollte. Darum gib dich zufrieden und be- 
denke allezeit, daß dein geliebter Vater nicht als ein 
Dieb oder Mörder, sondern als ein Christ gelitten ha- 
be, dessen ich mich nicht schämen darf; auch darfst 
du dich dessen nicht schämen, sondern laß sich die- 
jenigen schämen, die Böses tun; des Guten darf man 
sich nicht schämen, wenn uns auch die Menschen 
verachten, die doch wie Heu vergehen, und wie ein 
Rauch verschwinden; was fragen wir nach sterblichen 
Menschen, wenn wir nur dem unsterblichen Gott ge- 
fallen? Dann ist es gut, denn er wird uns rühmen; der 
Menschen Ruhm ist vergänglich. Darum achten wir 
es nicht, und sehen nicht auf das, was sichtbar, son- 
dern auf das, was unsichtbar ist; dem jagen wir nach, 
darnach laufen wir, und erwählen lieber, wie Mose, 
Ungemach zu leiden mit den Kindern Gottes, als in 
weltlichen Lüsten zu leben, denn wir sehen auf die Be- 
lohnung Christi. So will ich denn nun voran, und dich, 
sowie deine liebe Mutter, in kurzer Zeit erwarten. Dar- 
um bitte ich dich sehr freundlich, meine geliebteste 
einzige Tochter, nimm meine Worte in diesem Briefe 
zu Herzen, und suche deine Seligkeit von ganzem 
Herzen in der Nachfolge Christi; er wird dir so gut 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


helfen, als er mir hilft und mehreren andern geholfen 
hat, die zu meiner Zeit und auch vor mir gewesen 
sind. Christus ist der Weg zum ewigen Leben; darum 
halte seine Gebote, denn das ist das ewige Leben. 

Ferner bitte ich dich, mein geliebtes Töchterlein, 
daß du vor allen Dingen deine werte und liebe Mut- 
ter lieben und ihr gehorsam sein wollest. Wenn deine 
geliebte Mutter ein hohes Alter erreicht, so halte sie 
stets in großen Ehren, und tue immer das Beste an 
deiner Mutter; es ist ein Befehl des Herrn, welcher 
Verheißung hat, denn, wenn du deine geliebteste Mut- 
ter nicht liebst, wie wirst du dann unsern lieben Herrn 
lieben können, den du nicht siehst? Aber, meine ein- 
zige, liebe Tochter, ich habe die Hoffnung und das 
Vertrauen zu dir, daß du das Beste tun werdest; es 
ist mir auch sehr lieb gewesen, in meinen Banden 
zu hören, daß du dich so gut in das Unvermeidliche 
fügst und so wohl zufrieden bist. Danke dem Herrn, 
daß er deine geliebte Mutter gespart hat, damit du 
desto besser fortkommen möchtest. Aber gleichwie 
der Heiligen, der Propheten, Christi, der Apostel, und 
mehrerer anderer Heiligen Zeit erfüllt gewesen ist, 
so ist meine Zeit nun auch erfüllt, nach der Vorse- 
hung Gottes, damit ich künftig in Christo ruhen möge. 
So gehe ich denn nun den Weg der Propheten und 
Apostel, und glaube dem, was die heilige Schrift sagt, 
daß Christus Jesus allein unser Heiland sei, und su- 
che allein durch sein Blut, durch sein Verdienst und 
durch sein Leiden selig zu werden. Man sagt von uns 
viel böse Dinge, deren wir doch nicht schuldig sind; 
aber wir müssen es alles um Christi willen leiden, 
und sein Reich mit Gewalt einnehmen, denn, die ihm 
Gewalt antun, reißen es an sich. Daß wir alles ertra- 
gen, das ist unsere Kraft und unsere Gewalt, denn mit 
des Herrn Hilfe können wir durch Geduld, Sanftmut 
und Langmut alles überwinden. Derselbe wolle dir, 
meine geliebte Tochter, und deiner geliebten Mutter, 
denselben leidsamen, guten Geist gönnen, damit ihr 
in allem Drangsale, das ihr zusammen habt, und um 
des Namens des Herrn willen noch haben werdet, 
überwinden mögt, zu seinem Preise und eurer Seelen 
Seligkeit, Amen. 

Hiermit gute Nacht auf dieser argen Welt; seid doch 
alle wohlgemut. Geschrieben und vollendet den 4. 
März im Jahre 1572, von mir, deinem geliebten Vater, 
der um des Gehorsams Christi willen zu Dortrecht 
gefangen ist, und das zum Preise Gottes, Amen. 

O barmherziger, himmlischer Vater, der du mich 
Unwürdigen insbesondere erwählt und geliebt hast, 
der ich Erde und Asche bin; ich befehle dir mein ge- 
liebtestes Weib, und mein geliebtestes einziges Töch- 
terlein. 

Von mir, Jan Wouterß Kuyk, geschrieben in Banden, 


zu Dortrecht. 

Des Jan Wouterß siebter Brief an seinen Vater und 
seine Mutter. 

Der ewige, barmherzige Gott, voll allen Trostes, gebe 
dir, meinem geliebtesten und werten Vater, und mei- 
ner geliebtesten, ehrwürdigen Mutter, seine Gnade 
durch Christum, und befestige eure Liebe beiderseits 
durch seinen Heiligen Geist, damit ihr beide diese kur- 
ze Zeit zum Preise Gottes, der Welt zum Lichte, zum 
Vorbilde eurer Kinder und zu eurer Seelen Seligkeit 
zubringen mögt, Amen. 

Nach diesem meinem herzlichen Wunsche bitte 
und ermahne ich eure Liebe beiderseits, daß ihr ferner- 
hin eure Glieder zu Waffen der Gerechtigkeit begeben 
wollt, und nicht, wie vormals, in dem alten Menschen, 
sondern tötet den alten Adam, das ist, zieht den al- 
ten Menschen aus, nebst seinen bösen Werken, und 
zieht den neuen an, in vollkommener Gerechtigkeit 
und Heiligkeit, gleichwie die heilige Schrift lehrt, die 
uns zum ewigen Leben dient; denn sein Gebot ist 
das ewige Leben; bedenkt auch, wie ernstlich ihr in 
den Geboten der Menschen gewandelt seid, wodurch 
sie Gottes Gebot vernichtet haben, und Gott umsonst 
dienen, weil sie Menschengebote lehren und halten, 
die keine Verheißungen in der heiligen Schrift haben, 
sondern sie sollen ausgerottet werden, weil sie unser 
himmlischer Vater nicht gepflanzt hat; ja, solches wird 
von Paulus verflucht. O daß ihr doch auch nun sehr 
fleißig, ja, viel fleißiger in der unverfälschten Wahrheit 
Gottes erfunden werden möchtet, welche euch beiden 
durch Gottes Gnade in euren alten Tagen durch Chris- 
tum offenbart worden ist. 

Ach das ist mir eine große Freude, daß der Herr 
euch beide noch so lange aufgespart hat, und daß ich 
den Tag gesehen habe, wo meinem geliebten Vater 
und meiner geliebten Mutter, meinem einigen Bruder 
(von meinen lieben Schwestern hoffe ich das Beste) 
die blinden Augen erleuchtet worden sind, daß sie 
nun das Licht von der Finsternis, das ist das Böse von 
dem Guten, unterscheiden können, und guten Mut 
haben, das Böse zu lassen und das Gute zu tun. 

Ich hoffe, wenn ihr miteinander hierin fortgeht und 
bis ans Ende aushaltet, daß wir uns miteinander in 
der Auferstehung des Lebens erfreuen werden. 

Ach, überlegt es doch, welche große Freude und 
Wonne wir genießen werden, wenn die Gerechten 
werden auferweckt werden, und wenn der liebe Vater 
und die Mutter samt ihren Kindern die Stimme un- 
sers Bräutigams hören werden, wenn er sagt: Kommt 
her, ihr Gesegneten, und ererbt das Reich meines Va- 
ters; aber geliebtester Vater und Mutter, Bruder und 



625 


Schwestern, ihr müsst zuvor bedenken, was Christus 
vorher gesagt hat, daß der Weg schmal und die Pforte 
eng sei, die zum ewigen Leben führt; ferner bezeugt 
auch der Prophet Esra, welcher von einer Stadt redet 
voll alles Guten, zu welcher ein Weg führt, eines Men- 
schen Fußstapfen breit; an der einen Seite ist Wasser, 
an der andern Seite aber Feuer; wie wird man nun die- 
se Stadt zum Erbe empfangen, wenn man nicht zuvor 
diese Enge durchwandere? Darum hat Christus, der 
oberste Prophet (welcher die Bosheit der Welt wohl 
hat vorhersehen können) gesagt: Ihr müsst von allen 
Menschen gehasst werden um meines Namens willen, 
und das darum, weil sie weder mich noch meinen 
Vater erkannt haben; ferner sagt er: Weil ich euch von 
der Welt erwählt habe, darum hasst euch die Welt, 
denn sie hat das Ihre lieb; auch sagt er weiter: Haben 
sie mein Wort gehalten, so werden sie das eure auch 
halten; haben sie mich verfolgt, so werden sie euch 
auch verfolgen; haben sie den Hausvater Beelzebub 
genannt, wie viel mehr werden sie euch so nennen? 
Denn der Knecht ist doch nicht besser, als sein Herr; 
darum, wer Christo nachfolgen und dahin kommen 
will, wo er ist, der muss sich selbst verleugnen, sein 
Kreuz täglich auf sich nehmen und ihm im Unge- 
mache nachfolgen; dann sagt er ferner: In der Welt 
habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt 
überwunden. Ihr werdet (sagt er ferner in demselben 
Kapitel) heulen und weinen, aber die Welt wird sich 
freuen; doch soll eure Traurigkeit in Freude verwan- 
delt werden, welche Freude niemand wird von euch 
hinwegnehmen können. 

Hieraus ist sattsam zu entnehmen, daß der Pfad für 
das Fleisch, welches hier bleiben muss, sehr enge sei; 
dasselbe muss man daran wagen, oder man ist nicht 
würdig, Christi Jünger zu sein. 

Aber ich habe das Vertrauen, daß wir alle mit Jakob 
die schöne Rahel (nämlich das Himmelreich) erlangen 
werden; doch kann es so nicht zugehen; wir müssen 
zuerst Lea mit ihren flehenden Augen zu unserer Prü- 
fung haben; denn ist das Haupt geprüft worden, das 
doch keine Sünde getan hatte, wie sollten die Glieder 
nicht auch geprüft werden? Dann merkt er erst genau 
auf, ob man ihn auch von Herzen fürchtet, liebt und 
ihm vertraut, ob man sein Leben nicht lieber hat als 
seine Seligkeit. Von dieser nötigen Prüfung, die an vie- 
len Heiligen Gottes vorgenommen ist, hat man viele 
Exempel in der Schrift, wie an Abel, Jakob, Mose, Da- 
vid, Hiob, den drei Jünglingen in dem Ofen, Daniel, 
Susanna, den sieben Brüdern und ihrer Mutter, vielen 
Propheten, Aposteln und vielen Heiligen nach ihnen 
und auch zu meiner Zeit. 

Nun ist die Reihe an mir, der Herr müsse gelobt 
sein, denn ich erkenne mich unwürdig, mich zu die- 


ser Zahl zu setzen; aber der gute, barmherzige Gott 
achtet mich dazu würdig, um die Zahl der Märtyrer 
erfüllen zu helfen, die in Christo ruhen und darauf 
warten, daß ihre Zahl durch solche erfüllt werde, die 
auch, wie sie, um des Zeugnisses Christi willen getötet 
werden sollten, das in ihnen war, und auch in mir ist 
durch Christum; welchen Christum man allezeit, von 
Anfang der Welt her, ausgebannt, verachtet und ihm 
widersprochen hat. Darum leide ich auch eine kurze 
Zeit, achte es aber nicht; sie wissen nichts Böses auf 
mich zu sagen, der Herr sei gelobt. So leide ich denn, 
mit Christo, als ein Christ um des Wohltuns willen, 
damit mein Glaube viel köstlicher erfunden werde als 
das vergängliche Gold. Darum prüft Gott seine Aus- 
erwählten, aber zur Zeit der Not hilft er uns treulich; 
solches bin ich in meiner Not gewahr geworden, wie 
wunderbar Gott in seinen Auserwählten wirkt; ja, ich 
bin sehr erfreut, daß er meinen Mund von Anfang an 
bis ans Ende bewahrt hat; solches hat mein Leiden 
erleichtert, als mein unreines Fleisch (welches einer 
bösen Art ist) im Leiden war, und zwei Stunden lang 
auf gehängt und gegeißelt wurde; nun es aber vorüber 
ist, habe ich Freude in meinem Herzen. Das erste Mal 
bin ich den letzten Samstag im Februar gefoltert wor- 
den, das andere Mal geschah es den Mittwoch darauf; 
aber, geliebteste Eltern, fürchtet euch nicht hierüber, 
sondern freut euch mit mir, daß wir einen solchen 
starken Gott haben, der uns so treulich hilft, denn er 
führt unsem Streit; er wird uns nicht zu Schanden 
werden lassen. Betrachtet nur die alten Zeiten, ob je- 
mals jemand zu Schanden geworden sei, der sich auf 
ihn verlassen hat, denn er erhört (sagt David) das Ru- 
fen der Elenden, und ihr Herz ist gewiss, daß seine 
Ohren auf ihr Gebet merken. Darum habt einen fes- 
ten Glauben an das Wort Gottes und vertraut auf Ihn, 
dann wird er seine Verheißungen wohl erfüllen, denn 
das sollt ihr wissen, daß, obgleich der auswendige 
Mensch vergeht, doch der inwendige Mensch von. 
Tag zu Tag erneuert wird. 

Überdies ist unsere zeitliche Trübsal kurz und leicht; 
davon kann ich jetzt schreiben, und wirkt in uns eine 
über die Maßen gewichtige Herrlichkeit, die wir nicht 
sehen auf das, was sichtbar, sondern auf das, was 
unsichtbar ist. 

Das Sichtbare erdulden wir, und die unsichtbare, 
ewige Freude erwarten wir mit Geduld, in einem fes- 
ten Vertrauen und in einer lebendigen Hoffnung, wel- 
che uns nicht zu Schanden werden lassen wird. 

Dann werden sie gekrönt werden, die bis an den 
Tod der Wahrheit getreu geblieben sind, die den Na- 
men Christi vor der Welt bekannt und den sterblichen 
Rock abgelegt haben; diese werden von dem Jüng- 
linge Christo Jesu geehrt werden, wie Esra bezeugt. 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


So bin ich nun getrost in dem Herrn; seid auch ihr 
guten Muts, denn als das Leiden vorüber war, war es 
mir eben, als ob ich gefallen wäre, sodass ich sagen 
kann: Was ist das Leiden, wenn es vorüber ist? Es ist 
doch nicht mit der Herrlichkeit, die an uns offenbar 
werden soll, zu vergleichen. Ach, wie fröhlich werden 
wir sein, wenn wir sehen werden, daß die Kinder Got- 
tes solche herrlichen Könige sind, die wie die Sonne 
glänzen. Dann werden die Regenten der Welt sehen, 
in wen sie gestochen, wen sie verspottet, verachtet 
und gepeinigt haben; dann werden sie es beklagen, 
aber es wird zu spät sein. Darum bitte ich euch, seid 
doch zufrieden und dankt dem Herrn, daß ihr einen 
solchen Sohn auferzogen habt, der zu einem solchen 
heiligen Stande berufen ist. 

Es ist kein Wunder, daß solches an mir geschieht; 
seht Johannes an, den an Heiligkeit kein von Wei- 
bern Geborener übertroffen hat; derselbe führte ein 
so strenges Leben, und doch wurde er gefangen und 
getötet; ja, Christus selbst, Stephanus, Petrus, Jako- 
bus taten so viele Wunderwerke und so viele guten 
Werke, und dennoch wurden sie getötet. Darum sagt 
Christus: Der Knecht ist nicht besser, als sein Herr. So 
müssen wir denn streiten und das Reich Gottes mit 
Gewalt einnehmen, denn die ihm Gewalt antun, rei- 
ßen es an sich; überdies sind wir nicht allein berufen, 
an Christum zu glauben, sondern auch mit ihm zu lei- 
den; darum helfen wir Christo die Schmach und das 
Leiden tragen, und obgleich unsere irdische Wohnung 
vergeht, so erwarten wir doch ohne Zweifel eine bes- 
sere im Himmel. Wir sind wie die Schlachtschafe, die 
der Welt nicht wert sind; wir sind ihr Unflat, ihr Aus- 
fegsel, ihre Narren um Christi willen; aber wir sind die 
Auserwählten Gottes aus Gnaden durch das Blut Jesu 
Christi, welches uns allein von allen unsern Sünden 
reinigt, allein durch sein Leiden und Verdienst zu sei- 
nem ewigen Reiche tüchtig macht; ihm sei Lob, Preis, 
Ehre und Macht, von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen. 
Von mir, eurem geliebten Sohne, als ich bis aufs Blut 
wider meine Feinde gestritten hatte, den 1. März 1572. 

Mein Leiden klingt schrecklich; aber es kam mir vor, 
daß es in allem keine zwei Stunden gedauert habe; ich 
weiß nicht, ob ich zwei Stunden in der Pein gewesen 
sei; sollte man darum den Herrn verleugnen? Das sei 
fern! 

Endlich bitte ich eure Liebe, daß ihr über mich nicht 
trauern, sondern euch von Herzen freuen und Gott 
loben wollt, daß er euren erstgeborenen Sohn von sei- 
ner Mutter Leibe abgesondert hat, um seinem großen, 
herrlichen Namen vor die Regenten dieser Welt zu 
tragen, und daß der treue Gott mir so treulich gehol- 
fen hat, denn ich bin dreimal gegeißelt und viermal 
aufgehängt worden; aber Christus hat noch viel mehr 


gelitten. Nach dem Leiden habe ich große Freude des 
Heiligen Geistes erlangt, sodass ich vor Freude wein- 
te, weil er unsern Mut bewahrt und uns nicht über 
unser Vermögen hat versucht werden lassen. Dieses 
habe ich nötig erachtet von diesen Wundertaten Got- 
tes zu schreiben und zu verbreiten, damit ihr auch in 
der Wahrheit freimütig werden mögt, und hinterlasse 
euch dieses als ein Testament zu meinem Andenken, 
damit derselbe Geist Gottes, der mich stark und frei- 
mütig macht, euch auch ebenso stark machen und 
nach seinem Willen führen möge, der euch erschaf- 
fen hat, damit ihr einander lieben mögt; denn wenn 
ihr einander geliebt und friedsam miteinander ge- 
lebt habt, als ihr in der Blindheit wart, um wie viel 
mehr gebührt euch nun jetzt einander zu lieben und 
friedsam zu leben, nachdem eure Augen durch Got- 
tes Gnade erleuchtet sind? Bittet den Herrn allezeit, 
daß er euch noch mehr Gnade verleihen wolle, was 
er auch tun wird, wenn ihr anders in dem Wenigen, 
das ihr bereits empfangen habt, treu erfunden werdet; 
alsdann wird er euch noch mehr anvertrauen; ja, er 
will allen denen den Heiligen Geist geben, die ihn 
darum bitten; aber man muss zuvor von dem Argen 
abweichen, sich selbst verleugnen und mit Paulus sa- 
gen: Herr, was willst Du, daß ich tun soll? Wenn das 
Herz so ganz übergeben wird, so wird der Herr ferner 
wohl in euch wirken und vollbringen, weil ein guter 
Wille bei euch ist. Darum beugt euch stets unter die 
starke Hand Gottes, dann wird er euch auch zu sei- 
ner Zeit erhöhen, wie er an vielen Orten verheißen 
hat, damit wir alle von Christo, unserem ewigen Se- 
ligmacher, erhoben werden mögen, wohin ich mm 
vorausgehen will und lieber den sterblichen Mantel 
des Fleisches drangeben, als der Hure zu Babel zufal- 
len will; ich will lieber von Kain getötet sein, als daß 
ich um seinetwillen das unterlassen wollte, was Gott 
gefällt; ich will lieber mit Naboth gesteinigt werden, 
als meines himmlischen Vaters Erbteil verkaufen, wie 
Esau seine Erstgeburt verkaufte; lieber will ich mit 
Susanna gesteinigt werden, als den falschen Regen- 
ten ihren Willen erfüllen; lieber will ich mit Daniel 
in der Löwengrube sein, als daß ich vor Holz, Stein, 
Gold, Silber, Brot, Wein oder Öl niederknien sollte; lie- 
ber will ich mit den Jünglingen in dem feurigen Ofen 
sein, als das aufgerichtete Bild anbeten, denn es steht 
geschrieben, daß man den Herrn unsern Gott, allein 
anbeten soll. Er wolle euch, mein sehr geliebter Vater, 
und meine sehr geliebte Mutter, reinigen und zu sei- 
nem ewigen Reiche, durch Christum, seinen geliebten 
Sohn, und durch die Mitwirkung des Heiligen Geistes 
tüchtig machen, damit wir einander alle demnächst in 
der zukünftigen Welt mit ewiger Freude sehen mögen. 
O himmlischer Vater, ich, der ich Erde und Asche bin. 



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bitte dich hier in meinen Banden durch Jesum Chris- 
tum, gib doch hierzu deine unergründliche Gnade, 
Amen. 

Gute Nacht auf dieser vergänglichen Welt. Ach, 
wenn ihr wüsstet, welche Freude ich habe, ihr würdet, 
wie ich hoffe, noch zufriedener sein. Geendigt, den 
zweiten Tag im März; meine Hand ist wieder etwas 
besser; ich trage die Malzeichen unseres Herrn an mei- 
nem Leibe; ich habe Glauben gehalten; bis aufs Blut 
habe ich gestritten; dafür müsse der heilige Name des 
Herrn verherrlicht werden, in Ewigkeit, Amen. 

Jan Wouterß von Kuyk, welcher auf der Vuylpforte 
zu Dortrecht gefangen sitzt. 

Des Jan Wouterß achter Brief an seine Schwägerin, 
die noch unter den Papisten und bei dem 
römischen Glauben war. 

Ein freundliches Schreiben an dich, meine sehr ge- 
liebte Schwester Neelken, Jakobs Tochter, Mutter im 
Kloster, von mir Jan Wouterß von Kuyk, deinem ge- 
liebten Schwager, der ich zu Dortrecht gefangen he- 
ge, nicht um irgend einer Übeltat, sondern um des 
Gehorsams des Evangeliums Christi willen, was vor 
meinem obersten Herrn, der uns erschaffen hat, kei- 
ne Schande, sondern Ihm eine große Ehre ist, daß 
man um seines Namens, ja, um Wohltuns willen Ver- 
achtung und blutige Schläge leidet; solche nennt die 
heilige Schrift selig, welche Seligkeit Christus Jesus 
durch sein großes Leiden verdient hat. 

So bin ich auch in Leiden gekommen, als ich meine 
Seligkeit in Christo gesucht habe; aber es reut mich 
nicht, denn die Seligkeit ist mir lieber, als das vergäng- 
liche Leben; ich will auch dafür mein Leben lassen, 
weil ich weiß und glaube, daß ich ein ewiges, das bes- 
ser ist, empfangen werde, nach Gottes Verheißungen, 
welche mich nicht betrügen werden. 

Darum bitte ich sehr liebreich, gräme dich nicht 
um meinetwillen; ich sage dir freundlichen Dank für 
alle große Freundschaft, die du an mir, wie auch an 
meinem geliebtesten Weib und einzigem Töchterlein 
bewiesen hast und noch damit fortgefahren bist, als 
ich in Banden war. 

Für die Folge weiß ich dir, meiner geliebten Schwes- 
ter, keine größere Freundschaft zu erweisen, als daß 
ich dich noch an meinem letzten Ende zur Hochzeit 
des Lammes, das ist Christi, einladen will, ja, daß ich 
dich herzlich bitte, daß du dich in dieser kurzen Zeit 
dazu bereiten wollest. Darum ziehe den alten Men- 
schen mit seinen bösen Werken aus und ziehe den 
neuen an, der zur Erkenntnis Gottes erneuert wird, 
als dessen, der ihn erschaffen hat. Ziehe den alten 
Adam aus und ziehe den neuen an, und wandle darin. 


dann wirst du dich fernerhin der Welt nicht gleich- 
stellen, sondern durch die Erneuerung deines Sinnes 
verwandelt werden. 

Sieh, geliebte Schwester, ich bezeuge dir mit der hei- 
ligen Schrift, daß du nicht zu dem Bräutigam Christa 
kommen kannst, es sei denn, daß du ihm in seinen 
Fußstapfen auf dem engen Wege, den er gewandelt 
ist, von Herzen nachfolgst; ich bitte dich du wollest 
es zu Herzen nehmen, denn es ist von der größten 
Wichtigkeit für dich; ich sage und bezeuge dir das, 
daß weder du, noch sonst jemand (ich meine nicht die 
Kinder) Christo nachfolgen kann, es sei denn, daß du 
dich zuvor selbst verleugnest und ihm deinen eige- 
nen Verstand, deine Vernunft, dein Gutdünken und 
dein eigenes Leben übergibst, gleich wie er sein Le- 
ben um unsertwillen dahingegeben hat, damit alle, 
die an ihn glauben und sich selbst nicht leben, nicht 
verloren sein mögen, sondern durch ihn das ewige 
Leben haben. Lasse es dir doch gesagt sein, und sei dir 
selbst gnädig; verlasse dich ja nicht auf die Gelehrten, 
oder darauf, daß du den Namen trägst, daß du ein 
Christ seiest. Den Gelehrten ist Gottes Weisheit ver- 
borgen; der Name macht keinen Christen; willst du 
aber ja auf deine Gelehrten dich gründen, so sieh an 
ihren Früchten, welche Bäume sie seien, denn Chris- 
tus hat gelehrt, daß man einen jeden Baum an sei- 
nen Früchten erkennen soll. Sieh, wie sie Christus im 
Evangelium verdammt haben, und wie sie über Chris- 
tum und seine Apostel erbittert gewesen seien, und 
auch die Hände an sie gelegt haben; und wiewohl die 
heidnischen Richter keine Todesursache fanden, so 
mussten sie doch den Unschuldigen töten, wollten sie 
anders der Schriftgelehrten und des Kaisers Freunde 
bleiben; ebenso verhält es sich noch jetzt; denke nicht, 
daß es jetzt besser sei; sie erfüllen ihres Vaters Maß, 
damit das gerechte Blut bei ihnen gefunden werden 
möge; ich habe für meine eigene Notdurft, wie auch 
für meine Witwe und mein Waislein gearbeitet, sie 
aber wollen selbst nicht arbeiten, und leben lieber von 
anderer Leute Gut, können es auch nicht leiden, daß 
ein anderer arbeitet, sodass der Schultheiß mir um 
ihretwillen verbietet zu arbeiten. Als ich zum zweiten 
Male gefoltert werden sollte, um meinen Nächsten zu 
nennen, was ich um meines Gewissens willen doch 
nicht tun konnte, brachten sie den Vorsteher des Klos- 
ters zu mir, der mir mit der Schrift beweisen sollte, 
daß ich es wohl tun könnte. Der Vorsteher sagte, ich 
könnte solches wohl tun, denn, sagte er, wenn ihr das 
rechte Volk seid, so werden deine Mitbrüder mit dir 
die Marterkrone empfangen, wie kann man wohl ei- 
ne größere Ehre erlangen? Darum darfst du sie wohl 
nennen; seid ihr aber das rechte Volk nicht, so solltest 
du sie nennen, denn Gott hasst den Bösen. 



628 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Das sagte der Vorsteher zu mir. Ach, Geliebte! Über- 
lege es in deinem Herzen, welcher Geist diese Gelehr- 
ten treibt, wie sie es auszulegen wissen, aber es ist 
aufs Morden abgesehen. 

Ach, lieber Herr, vergib es ihnen; du gibst uns eine 
bessere Lehre, nämlich, daß man seinen Nächsten wie 
sich selbst lieben, ja das Leben für die Brüder lassen 
soll. Darum trenne dich von ihnen; du bist lange mit 
ihnen einig gewesen, damit du nicht ihrer Sünden 
und grausamen Plagen teilhaftig werdest. 

Es wird dir jetzt von deinem sehr bekannten Schwa- 
ger aus großer Liebe vorher verkündigt, ehe dich der 
Tag überfällt, wie ein Dieb in der Nacht; wie die War- 
nung an die erste Welt geschehen ist, so geschieht sie 
noch jetzt. Darum, wenn du mit Noah und seinen 
Hausgenossen bewahrt und beschützt werden willst, 
so begib dich unter den Schutz des rechten Noah, und 
halte seine Gebote, wodurch du das ewige Leben er- 
langst. Er ruft dir und allen Menschen: Er klopft an 
und streckt seine Hand zu euch aus; entziehe ihm die- 
selbe nicht länger, und verlasse dich nicht darauf, daß 
du ein Christ genannt wirst und daß Gott barmherzig 
ist. Bedenke dabei, daß weder der Name, noch das 
Wasser, oder auch die Gevatterleute einen Christen 
machen, sondern daß nur der, welcher Gerechtigkeit 
wirkt, gerecht sei, und daß, wer von Christi Geist ge- 
trieben wird, ihm angehöre; bedenke auch, daß Gott 
gerecht ist, wie David bezeugt und sagt: Gott ist ein 
gerechter Gott, oder ein gerechter Richter; ein Gott, 
der täglich droht; will man sich nicht bekehren, so 
hat er sein Schwert gewetzt und seinen Bogen ge- 
spannt, und zielt, und hat tödliche Geschosse darauf 
gelegt; seine Pfeile hat er zugerichtet zu verderben. 
Merke wohl auf jedes dieser Worte, denn er ist ein 
starker Schütze, wenn er losdrückt, so kann es nie- 
mand abwenden. Darum betrachte seine Pfeile, die 
er auf die erste Welt geschossen hat, auf Sodom und 
Gomorrha, und mehrere andere. Diese Geschichte ist 
uns schriftlich hinterlassen worden, damit wir das 
Wort des Herrn mehr fürchten, als jene Gelehrten, und 
wenn wir aus Liebe in der Furcht seine Gebote halten, 
so kommt das Wort uns zu, daß Gott barmherzig ist, 
denn das ist seine göttliche Art, daß sein Zorn und 
seine Barmherzigkeit zugleich von ihm herkommen, 
und das zwar auf solche Weise, daß, wenn der Gerech- 
te den Weg des Herrn verlässt, seiner Gerechtigkeit 
nicht gedacht werden soll, sondern er wird wegen 
einer Gotteslästerung sterben müssen. Wenn sich aber 
der Sünder von seinen bösen Wegen bekehrt, sodass 
er Gutes tut und recht wandelt auf des Herrn Wege, so 
soll seiner Sünden nicht mehr gedacht werden, denn 
der Herr hat keinen Gefallen an dem Tode des Sün- 
ders, sondern nur daran hat er Freude, daß er sich 


bekehre und lebe. Deshalb bitte ich dich, daß du dich 
von allem Wesen dieser Welt, von den Sorgen und den 
alten Dingen trennen wollest, wovon dein Herz noch 
voll sein mag, damit das Wort Gottes mit Sanftmut 
in dich gepflanzt und du als eine gute Erde erfunden 
werdest, die Früchte hervorbringt, welche im ewigen 
Leben bleiben. Das Urteil Gottes wird nun bekannt ge- 
macht, daß jeder Baum, der nicht gute Früchte bringt, 
abgehauen und ins Feuer geworfen werden soll. So 
lasse denn den Hammer des Wortes Gottes dein Herz 
in Stücke schlagen, und sei des Wortes eingedenk, 
das der Prophet sagt: Zerreißt eure Herzen und nicht 
eure Kleider, denn Gott ist langmütig, barmherzig 
und von großer Güte, der die Sünde vergibt. Dar- 
um, liebe Schwester, bedenke, daß dich die Langmut 
und die tägliche Güte zur Seligkeit locke, und weige- 
re dich dessen nicht länger, denn damit würdest du 
dir selbst schaden. Darum bessere dein Leben und 
deinen Wandel, und glaube an das Evangelium; sei 
demselben gehorsam, dann wirst du durch Christum 
die Seligkeit erlangen, denn die Verheißungen halten 
das ewige Leben in sich; begehrst du aber bei den 
Menschensatzungen zu bleiben, und lassest dich von 
denselben leiten, wie der Ochs zum Beile, so wirst du 
dich am Ende betrogen finden, denn du hältst um- 
sonst die Gebote der Menschen, die von dem Herrn 
keine Verheißung haben, was ich auch zu dem Vorste- 
her sagte; er antwortete: Was Gott nicht verboten hat, 
das lässt er zu. Ach, ist das nicht ein schwaches Rohr, 
worauf man sich verlässt? Denn Christus lehrt anders 
und sagt: Alles, was mein himmlischer Vater nicht 
gepflanzt hat, soll ausgerottet werden; auch sagt der 
Apostel, daß kein anderer Grund außer Christo ge- 
legt werden möge; ferner hat der Apostel ben ganzen 
Rat Gottes verkündigt, und uns nichts Vorbehalten; 
auch sagt er: Wer ein anderes Evangelium predigt, 
als ich gepredigt habe, der sei verflucht, und wenn 
es auch ein Engel aus dem Himmel wäre (merke), so 
soll man doch seine Lehre nicht annehmen, wenn sie 
nämlich etwas anderes in sich hält; wie sollte man 
nun das annehmen und Gott damit ehren wollen, was 
doch von Menschen herkommt, die ja von der Wiege 
an zur Bosheit geneigt sind, und die Bosheit in sich 
trinken wie Wasser? Darum ist, was Menschen anrich- 
ten, gleich der Spinnen Arbeit; es taugt nichts, weder 
zur Decke noch zur Kleidung; aber alle, die um ihrer 
Seligkeit willen das Wort Gottes hören und es bewah- 
ren, dürfen nichts hinzufügen. Endlich verkündige 
ich dir noch einmal im Namen meines Herrn: Bessere 
dein Leben und Wesen, glaube an das Evangelium, 
und fliehe den Götzendienst. Willst du aber ja den- 
ken, daß du sie nicht anbetest, so ist es ja offenbar, 
daß du ihnen dienest, vor ihnen kniest und sie ehrst. 



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was doch Gott verboten hat, und haben will, daß man 
seine Rechte und Sitten unterhalten soll; er sagt auch 
durch den Propheten Jeremia: Wenn ihr meiner Stim- 
me gehorcht, so sollt ihr mein Volk sein, und ich will 
euer Gott sein; ein anderer Prophet sagt: Ein Sohn soll 
seinen Vater ehren, und ein Knecht seinen Herrn; bin 
ich nun Vater, wo ist meine Ehre, die man mir antut? 
Bin ich Herr, wo fürchtet man mich? Ist nun Gott un- 
ser Vater, so müssen wir ihm mehr gehorchen als den 
Menschen; ist er unser Herr, so müssen wir ihn da- 
durch ehren, daß wir tun, was er uns gebietet. Werden 
wir dann geschmäht, so denken wir: Der Knecht ist 
nicht besser als sein Herr; haben sie den Hausvater 
Beelzebub genannt, wie sollten sie nicht die Hausge- 
nossen so nennen? In Summa, wer Christo zu seiner 
Hochzeit folgen will, der muss sich selbst verleugnen, 
das Kreuz auf sich nehmen, sein Herz zubereiten, um 
mit Christo zu leiden, damit er sich nachher mit ihm 
freuen möge, denn dieses Leiden ist kurz; darum ist 
es leicht; darum bleibe ja nicht zurück. Der Herr wird 
wohl mir und allen Gottesfürchtigen durchhelfen, und 
wird auch dich nicht über Vermögen versucht werden 
lassen, sondern dir den Sieg erhalten helfen, sollten 
auch deiner Feinde noch so viele sein; Gott ist unser 
Schild, wer kann ihn überwinden? Liebe und werte 
Schwester, es ist kein Wunder, daß ich leide; es ist ein 
Zeichen, daß mich der Herr liebt; es wird mir die Se- 
ligkeit gewinnen helfen. Er prüft mich, wie das Gold 
im Feuer geprüft wird; ebenso hat er vor meiner Zeit 
viele auserwählte Heiligen Gottes geprüft, wie Abra- 
ham, Jakob, Mose, Kaleb, Josua, Daniel, Johannes den 
Täufer, welcher der Heiligste von allen war, die jemals 
von Weibern geboren; ja, Christus selbst, seine Apo- 
stel, und mehrere andere sind geprüft worden, wie 
Hiob; wenn man aber in der Anfechtung sich an den 
Herrn hält, so ist uns die Krone des ewigen Lebens 
bereitet. 

Hiermit will ich dieses Schreiben endigen und dich 
freundlich bitten, du wollest meine geringe Arbeit 
nicht verwerfen, welche ich aus großer Freundschaft 
zu dir gemacht habe. Forsche in der Schrift darüber 
nach, ob dem nicht so sei. Kannst du es aber nicht alles 
verstehen oder begreifen, so bitte ich dich freundlich, 
du wollest doch deine geliebte Schwester lieben, denn 
sie ist mir ein sehr liebreiches, getreues Weib gewesen, 
sodass ich ihr für ihre Freundschaft und gute Gesell- 
schaft nicht genug danken kann. Liebe auch unser 
einziges Töchterlein, denn es dünkt mich, sie habe 
das Leben ihrer geliebten Mutter verlängert; der Herr 
sei gelobt. Aber du wollest doch unser Kind nicht zu 
den stummen Götzen führen, dadurch würdest du 
dich an Gott noch mehr versündigen. Halte mir mein 
Schreiben zu gut, denn es ist aus getreuem Herzen 


geschrieben. Ach, Herr gib unserer geliebten Schwes- 
ter deine heilige Erkenntnis, wie du sie dem Saulus 
gegeben hast, der auch mit Unverstand eiferte. 

Hiermit sage ich dir, meine geliebte Schwester, gute 
Nacht, gehabe dich wohl! 

Geschrieben in meinen Bünden, den 5. März im Jah- 
re 1572, von mir, Jan Wouterß Kuyk, deinem geliebten 
Schwager (auf der Vuylpforte zu Dortrecht). 

Des Jan Wouterß neunter Brief, an seine drei 
jüngsten Schwestern. 

Ein freundliches Schreiben an euch, meine drei gelieb- 
ten Schwestern, von mir, eurem geliebten, gefangenen 
Bruder, der um des Wohltuns und des Gehorsams des 
Evangeliums willen gefangen ist, was mir vor dem 
Allmächtigen, der uns erschaffen hat, keine Schan- 
de, sondern ihm eine große Ehre ist, denn seine Kraft 
wird durch uns schwache Menschen offenbart, die 
wir um seines Namens willen leiden, und Schläge 
und Verachtung ertragen, und uns dennoch an die 
Wahrheit halten. Darum achten wir diese bösen Men- 
schen nicht, die doch Erde und Asche sind und wie 
Rauch verschwinden werden, diejenigen aber, die den 
Willen Gottes tun, werden in Ewigkeit bleiben, und 
obgleich unsere irdische Wohnung vergeht, die doch 
einmal vergehen muss, so erwarten wir doch in Ge- 
duld eine bessere im Himmel, die unvergänglich ist; 
und weil diese Versicherung in unserm Herzen liegt, 
so lassen wir auch nicht nach, und wollten gern dieses 
unreinen Fleisches, das von der Kindheit an zu den 
Sünden geneigt ist, entübrigt, und zu Hause sein, in 
der Ruhe bei Christo, unserm Herrn; wir müssen aber, 
ehe wir zu dieser Ruhe kommen, arbeiten und wi- 
der unsere Feinde kämpfen, deren sehr viele gewesen 
sind und noch sind. Verstehe dieses recht; hier kom- 
men wir durch, und das durch den, der uns mächtig 
macht, das ist, durch Christum, unsern Herrn, der für 
uns streitet, sodass wir Glauben halten, und unsere 
Lust an unsern Feinden sehen, uns auch in unserm 
Leiden um des Sieges willen, den wir durch Christum 
erlangen, erfreuen können. Also kommen wir durch 
Streiten zur Ruhe. Ja, unser lieber Herr hat mich so 
gestärkt, daß ich durch alles Foltern nicht beunruhigt 
wurden bin. Es kam mir vor, als hätte ich den Schult- 
heißen in meine Arme nehmen können, so freundlich 
war mein Herz gegen ihn gesinnt, als ich nach der Pei- 
nigung noch nicht angekleidet war. Seht, meine lieben 
und werten Schwestern, das habe ich euch zuvor er- 
mittelt, daß der Herr ein treuer Nothelfer sei. Darum 
bitte ich euch alle, fürchtet die Menschen nicht, son- 
dern diesen allmächtigen Herrn, denn sie mögen und 
können dem Volke Gottes nicht ein Haar krümmen. 



630 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


es sei denn, daß sie zuvor die Macht von oben von 
unserm Herrn erlangen, welcher ihnen nicht mehr zu- 
lassen wird, als wir ertragen können, und stets neben 
der Versuchung ein Auskommen geben wird, daß es 
zu ertragen ist. Der Gerechten Seelen sind allezeit in 
Gottes Händen, und keine Todespein wird sie anrüh- 
ren. 

In der Pein kann er Erleichterung geben, wie an mir 
geschehen ist; er müsse für seine große Treue ewig 
gelobt sein, Amen. 

Merkt dabei auf die Wunderwerke Gottes, daß er 
denen so treulich hilft, die an ihn glauben, und ein 
festes Vertrauen zu ihm haben, obgleich sie denselben 
nicht sehen. 

Darum weiß ich euch allen für diesmal keine grö- 
ßere Freundschaft zu erweisen, als euch sämtlich die 
Wunderwerke Gottes zu offenbaren, damit ihr euch 
mit mir darüber erfreuen mögt, und damit ihr auch zu 
eurer Seligkeit erweckt werden mögt, um dieselbe al- 
lein in Christo Jesu durch sein heiliges Wort zu suchen, 
welches uns zunächst die Buße und den Glauben an 
das Evangelium lehrt, in welchem Christus gesagt 
hat: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke 
umsonst, und wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, 
von dessen Leibe werden Ströme des lebendigen Was- 
sers fließen. Dieses sagte er von dem Heiligen Geiste, 
den diejenigen empfangen sollten, die an Christum 
glaubten. Darum bitte ich euch sehr freundlich, daß 
ihr euch zu dem klaren Weine Christo Jesu wendet, 
welchen ihr umsonst empfangen werdet. Darum be- 
fleißigt euch allezeit eines bußfertigen Lebens, und 
bittet mit brünstigem Herzen um den seligmachen- 
den Glauben; hungert und verlangt darnach, um ihn 
von Christo zu empfangen, wie ihr nach Brot verlan- 
gen würdet, wenn ihr hungrig wärt; dadurch wer- 
det ihr denselben empfangen, und die Früchte des 
Heiligen Geistes hervorbringen, nämlich: Liebe, Frie- 
den, Freundlichkeit, Geduld, Langmut, Güte, Glau- 
ben, Sanftmut, Mäßigkeit, und so werdet ihr euch fer- 
ner in allen Tugenden erweisen, in Gehorsam und in 
einem sanften und stillen Geiste, als liebe Kinder Got- 
tes, und euch allezeit dazu bereiten und schmücken, 
wiewohl nicht mit Gold, Silber oder köstlichen Klei- 
dern; denn damit stellt man sich dieser Welt gleich, 
um ihr zu gefallen. Aber ich rate euch als das Beste, 
daß ihr solches nicht tut, damit ihr nicht mit der Welt 
von dem zukünftigen Richter Jesu Christo gestraft 
werdet, den sie verachtet und ausgestoßen hat, samt 
den Propheten, Aposteln und vielen Heiligen, ja, so 
wie auch euren Bruder. So suchet denn der bösen Welt 
nicht zu gefallen, sondern dem, der euch erschaffen 
hat, damit ihr durch Christum Jesum selig werden 
mögt. 


Darum übt euch selbst, und lest das Wort des Herrn; 
das wird euch in allen Dingen nützlich sein, damit ihr 
vorsichtig wandeln, dem lebendigen Gotte gefallen 
und selig werden mögt. So wird euch der Geist Chris- 
ti in alle Wahrheit leiten, und ihr werdet von Gott 
selbst gelehrt werden; derselbe wird mit dem Finger 
seines Heiligen Geistes inwendig auf die Tafeln eures 
Herzens schreiben. 

Darum gebet ihm allezeit Gehör, dann werdet ihr 
seine Freunde, er aber wird euer Bruder sein, und 
wenn ihr ihm bis ans Ende nachfolgt, so werdet ihr 
ererben, was Christus besitzt; dahin will ich voraus, 
und euch alle in kurzem erwarten, in der Hoffnung, 
daß ihr mir um eures Heils willen nachfolgen werdet. 
Wie würde man denn eine größere Freude haben kön- 
nen, als wenn wir alle (wie ich hoffe), unser geliebter 
Vater und unsere geliebte Mutter, meine liebstes und 
wertes Weib, und mein liebes einziges Kind, mein ein- 
ziger Bruder, meine liebwerten Schwestern und mehr 
bekannte Freunde, in dem Reiche Gottes zusammen 
kommen werden? Darum seht zu, daß ihr nicht zu 
kurz kommt, und daß nicht jemand von uns erfun- 
den werde, der draußen bleibt. Habt einander lieb; 
gebt einander ein gutes Exempel; ein jeder trachte in 
guten Werken und Glaubensfrüchten der Vornehms- 
te zu sein. Lest fleißig, und warnt einander vor der 
Sünde, denn die alte, krumme Schlange ist sehr listig 
um abzuziehen, und stellt die weltlichen Lüste vor 
Augen, um euch damit zu locken und von Gott ab- 
zuhalten; sie weiß auf mancherlei Weise ihre listigen 
Netze und Fallstricke zu stellen, aber haltet immer 
fest an in der Gottesfurcht; gebt ihr kein Gehör, dann 
wird sie von euch fliehen, und bedenkt, wie sie Eva 
und Adam und die erste Welt, bis auf acht Menschen, 
betrogen habe. Derselbe Geist ist noch jetzt; darum 
hallet fleißig Wache, betet und fastet oft, und lebt alle- 
zeit in der Mäßigkeit, damit euch euer Fleisch nicht 
überwinde, denn das ist ja der ärgste Feind, welchen 
wir immer, wo wir sind, bei uns haben; er rät uns stets 
zum Bösen und streitet immer wider den Geiste, denn 
das ist dem Fleische eine große Pein, daß es von dem 
Geiste unterdrückt wird, und seine Lust nicht büßen 
kann. Aber, geliebteste Schwestern, wenn es auch ge- 
schähe, daß euch der Satan zu Boden ziehen würde 
(weil er nimmer ruht, sondern allezeit sucht, wen er 
verschlingen möge), so steht allezeit wieder auf, und 
übergebt euch nicht zu Knechten oder Dienstmägden 
der Sünden, sondern nehmt euch besser in Acht; es 
dient euch zur Warnung. Darum demütigt euch un- 
ter die gewaltige Hand Gottes, und sucht fernerhin 
eure Seelen zu reinigen, im Gehorsam der Wahrheit 
durch den Geist, und eilt fort in dem Streite, der euch 
und allen Gottesfürchtigen vorgelegt ist, damit ihr 



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nicht als solche erfunden werdet, die auf dem Wege 
des Herrn müde und unlustig geworden sind, wie 
ich denn deren viele gekannt habe. Es werden ja alle 
Gottesfürchtigen durch den Streit geprüft, denn wie 
sollten sie überwinden, wenn kein Streit wäre, indem 
den Überwindern das Reich und die ewige Krone zum 
Solde verheißen ist? So lehrt euch auch die Heilige 
Schrift, daß ihr Vater und Mutter ehren sollt; darum 
vergesst das nicht; helft ihnen in allem, worin sie eurer 
bedürfen; bietet ihnen stets euren geneigten Dienst 
an, denn das wird dem Herrn gefällig sein, und unser 
lieber, werter und ehrwürdiger Vater, wie auch unsere 
liebe, ehrwürdige Mutter, können sich erfreuen, weil 
ihre Kinder Lust bekommen haben, die Gebote Gottes 
zu halten, wodurch man dem zukünftigen Zorne Got- 
tes entfliehen kann. Und wenn dann ihre Tage erfüllt 
sind, so können sie im Frieden und guter Ruhe dahin 
fahren, und ihre Seelen dem treuen Schöpfer mit gu- 
ten Werken befehlen, und das darum, weil der gute 
Herr ihre geliebten Kinder auch zum Glauben berufen 
hat, und weil sie es erlebt haben, daß sie (die Kinder) 
Lust bekommen haben, die Wahrheit aufzunehmen, 
die man lange Zeit mit Füßen getreten hat, wie denn 
auch jetzt die ganze Welt in der Unwissenheit noch 
tut, und weil sie ferner gläubige Kinder hinterlassen; 
denn ein Kind, das Gott fürchtet, ist besser als tau- 
send gottlose Kinder; die Kinder aber, die Gott nicht 
fürchten, sind den gläubigen Eltern zum Verdruss vor 
dem Herrn, welcher nicht zu heilen ist. 

Darum, meine geliebtesten drei Schwestern, will 
ich euch und meinem einzigen Bruder das befehlen 
und Zutrauen, daß ihr Gott euer Leben lang fürchten 
und lieben sollt, was, in Vergleichung zu den Tagen 
der Ewigkeit, nur eine kurze Zeit währen wird. Gott 
fürchten lehrt, sich vor dem Bösen hüten, und Gott 
lieben heißt, seine Gebote halten, wie Christus sagt: 
Wenn ihr mich liebt, so haltet meine Gebote; auch sagt 
die Schrift: Die Furcht des Herrn treibt die Sünden 
aus; sie ist auch der Weisheit Anfang. Darum bitte 
ich euch alle, liebt die Weisheit Gottes mehr als Gold, 
dann wird sie euch entgegengehen; und wenn ihr 
viel Verstand und Weisheit empfangen habt, so erhebt 
euch nicht, eben, als ob ihr etwas wärt, sondern dankt 
dem Herrn dafür, daß er euch solches anvertraut, und 
wuchert allezeit damit, indem er es auch zu diesem 
Zwecke gegeben hat, denn er hat euch nur zu Schaff- 
nern darüber gesetzt. Und wenn dann der Herr sieht, 
daß ihr treu seid über sein Gut, und es nicht müßig 
liegen lasst, oder verschwendet, sondern daß ihr ein 
Licht in der Welt seid, wie liebliche Ölzweige Christi, 
angenehme Reben, zierliche Steine an dem Tempel 
des Herrn, so wird er euch noch viel mehr anvertrau- 
en, damit ihr reichliche Früchte hervorbringen, und 


zu Christo, unserm Bräutigam, als eine geschmückte 
Braut Christi, als ein Volk Gottes, als Mitglieder, als 
Schwestern und Brüder Christi, ja, als ein königliches 
Priestertum kommen mögt. Wenn aber jene krumme 
Schlange es sieht, so wird sie euch über die Maßen 
beneiden, und ihr Werk durch die Kinder des Unglau- 
bens gegen euch wirken, in welchen sie gegenwärtig 
ihr Werk hat, auch allezeit gehabt hat. 

Aber meine lieben Schwestern, habt allezeit guten 
Mut, ergreift den Schild des Glaubens und beschirmt 
euch damit, dann werdet ihr derselben widerstehen 
und ihre feurigen Pfeile auslöschen; waffnet euch 
auch mit den andern geistigen Waffen Gottes, wie 
der Apostel, Eph 6, lehrt, so werdet ihr wohl standhaft 
bleiben und selig werden. Der gute, ewige, allmäch- 
tige Gott, der ewig lebt und sich mit seinen heiligen 
Engeln über einen Sünder freut, der sich von ganzem 
Herzen bessert, wolle euch, meine geliebten Schwes- 
tern und Brüder, durch Jesum Christum, seinen eini- 
gen Sohn, und durch die Mitwirkung seines Heiligen 
Geistes zu seinem himmlischen Reiche tüchtig und 
vollkommen machen, daß ihr allezeit an dem rechten 
Wege des Herrn Freude haben mögt, wie David sagt, 
denn derselbe ist wahrhaftig, gerecht und köstlicher, 
als feines Gold, und süßer als Honigseim; wendet 
allen Fleiß an, um solches zu eurer Seelen Heil zu 
vollbringen, Amen. 

Hiermit will ich euch, meinen drei sehr geliebten 
Schwestern, auf dieser elenden, vergänglichen Welt 
gute Nacht sagen; ich danke auch eurer Liebe für alle 
eure Freundschaft. 

Geschrieben in meinen Banden, und vollendet den 
6. März, von eurem geliebten Bruder, Jan Wouterß 
Kuyk, euch allen zum Andenken, im Jahre 1572. 

Des Jan Wouterß zehnter Brief, an seinen ältesten 
Schwager und an seine Schwester. 

Die Gnade und der Friede Gottes, des himmlischen 
Vaters, durch Jesum Christum, seinen eingebornen 
Sohn, unsern Herrn und Heiland, samt der Mitwir- 
kung seines Heiligen Geistes, vermehre sich allezeit 
bei euch beiden, eurem Glauben zur Stärkung, und 
euch zum Tröste auf eurer Wallfahrt, damit ihr auf 
dem engen Lebenswege nicht müde werdet, sondern 
beständig zu eurer Ruhe fortgehen mögt, damit ihr 
sämtlich das Ende eures gewissen Glaubens davon- 
tragt, nämlich eurer Seelen Seligkeit, Amen. 

Nach diesem meinem herzgründlichen, brüderli- 
chen Gruße und guten Wunsche lasse ich euch, mein 
sehr herzlich geliebter ältester Schwager und meine 
sehr herzlich geliebte Schwester, wissen, daß ich in 
diesem Streite in dem wahren Glauben, welcher den 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Heiligen einmal gegeben worden ist, stets unverän- 
derlich geblieben bin, um dessentwillen ich nun von 
dem sterblichen Menschen in Geduld des Herzens 
Pein leide und ertrage. 

Ich kann dem Herrn für diese große Gnade nicht ge- 
nug danken, daß er uns wie seinen Augapfel bewahrt 
hat. Darum bitte ich euch alle, fürchtet euch nicht um 
meiner vergänglichen Trübsal willen, sondern seid de- 
sto freimütiger in dem lebendigen Glauben, der durch 
die Liebe tätig ist, und wisst, daß eure Arbeit nicht 
vergeblich sein wird, sondern daß sie euch nachfol- 
gen, euch kleiden, und an dem Tage Christi zieren 
wird. Darauf seht allezeit, und folgt allezeit seinen 
Fußstapfen nach, in Demut und Sanftmut des Her- 
zens; seid immer mehr und mehr willig, heiliger zu 
leben, und bedenkt, daß es uns noch in vielem fehlt, 
was ich auch an mir finde; aber meine Hoffnung und 
Zuflucht ist Christus Jesus, der unsere Seligkeit, Ge- 
rechtigkeit, Vollkommenheit, unser ewiger Priester 
und Versöhnungsopfer ist und für uns bittet. Ferner 
lasse ich meinen besonders lieben Bruder und mei- 
ne sehr geliebte Schwester in dem Herrn wissen, daß 
ich, euer geliebter Schwager und schwacher, unwür- 
diger Bruder, nicht wohl habe unterlassen können, 
eurer Liebe ein wenig zu schreiben, wiewohl ich an 
Gaben mich schlecht und gering weiß, wie ihr denn 
auch viel Schrift habt, und auch die Salbung, die euch 
allezeit lehrt, wie es recht ist, sodass ich es unnötig 
achte, euch viel zu schreiben; dessen ungeachtet aber 
bin ich dazu gedrungen, damit ich euch meine un- 
vergängliche Liebe noch in etwas zeigen möchte, ehe 
ich die Hütte ablege; es dient euch zum Tröste und 
zur Stärkung eures Glaubens; ich bin auch in meinem 
Herzen versichert, daß es noch angenehm sein werde, 
wiewohl es nur wenig ist. Darum, meine Geliebtesten, 
lege ich euch nichts Neues vor, sondern bitte und er- 
mahne euch alle, daß ihr doch ernstlich Sorge tragen 
wollt, damit ihr die köstliche Perle behaltet, und den 
köstlichen Schatz in euren irdischen Gefäßen bewahrt. 
Denn ihr wisst, wie viel es euch gekostet hat, ehe ihr 
ihn gefunden und erlangt habt, und lasst, zur Befesti- 
gung, daß er noch in euch ist und bleibt, euer Licht vor 
euren Feinden leuchten, welche dadurch erschreckt 
und von dem Herrn ohne euer Zutun vor euren Au- 
gen überwunden werden, wie wir ein Exempel an 
Gideon und mehreren andern haben, wodurch voll- 
kommen festgestellt wird, daß der Herr seines Volkes 
Streit führt. Weil es nun aber ganz gewiss ist, daß der 
allmächtige Herr mit uns ist, wer kann dann wider 
uns sein? Der seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, 
wie sollte er uns mit ihm nicht alle Dinge schenken? 
Darum ist er denen ein Schild, die ihn von ganzem 
Herzen suchen und ihm vertrauen, und seinem Worte 


mit Bestimmtheit glauben, daß er uns nicht verlassen 
werde, sondern daß der allmächtige Herr bis an der 
Welt Ende bei uns sein werde. 

Aber wenn wir ihm nichts Zutrauen und ihn ver- 
lassen und uns vor den vielen Feinden der Wahrheit 
fürchten, und wie die zehn Kundschafter weichen, so 
wird er uns auch verlassen. Wenn wir aber ein männ- 
liches Gemüt haben mit Josua, Kaleb und David, und 
im Herzen denken, daß Gott wahrhaftig sei, daß seine 
Hand nicht verkürzt sei, daß er ein treuer Nothelfer 
der Elenden sei, der uns von der Hand Pharao, von 
dem scheinbaren, betrüglichen, einschleichenden Auf- 
ruhre Korah, Nathan und Abiram, von dem fremden 
Feuer und mehreren andern Feinden und Gefahren 
erlöst hat, so wird er uns, nach seiner Verheißung, 
um seines Namens und unseres Heils willen auch 
forthelfen, nicht allein im Anfänge oder in der Mitte, 
sondern bis ans Ende wird er unsern Feinden den 
Kopf zertreten, sodass wir, durch des Herrn Hilfe, un- 
sere Feinde wohl überwinden werden. Darum habt 
guten Mut und seid getrost. Derjenige, der in euch 
durch seine große Gnade ein gutes Werk angefangen 
hat, ist auch mächtig (das ist gewiss), dasselbe in euch 
und in allen zu vollenden, die an ihn glauben und 
eines guten Willens sind. Bedenkt es doch, haben wir 
denn nicht unsere Lust an unsern Feinden, wie sie 
wühlen, arbeiten, streiten, verachten, schlagen, dro- 
hen und belügen, und gleichwohl bleiben wir durch 
des Herrn Gnade unverändert und ruhig. Ich halte 
dafür, daß die Standhaftigkeit der Christen Lust sei, 
denn derselben ist die Seligkeit zugesagt. So diene ich 
Unwürdiger euch nun hiermit ein wenig, damit ich 
Unwürdiger den Namen des Herrn und seine treue 
tägliche Hilfe und Kraft ausbreite und groß mache. 
Ich rate auch allen Christen, wenn sie in ihrem Lust- 
garten spazieren, nämlich in der heiligen Schrift, daß 
sie ja nicht die Psalmen Davids vergessen, die uns 
durch den Geist Gottes hinter lassen sind; dieselben 
dienen uns insbesondere zur Gerechtigkeit, zur Frei- 
mütigkeit, zu einem festen Vertrauen, zur lebendigen 
Hoffnung und zum Tröste auf unserer Wallfahrt. Sum- 
ma, alle Schrift, von Gott eingegeben, ist zur Lehre, 
zur Züchtigung, zur Unterweisung in der Gerechtig- 
keit nützlich, damit ein Mensch Gottes vollkommen 
geschickt und zu allen guten Werken bereit sei; und 
ferner, was früher geschrieben ist, das ist zu unserer 
Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und Trost 
der Schrift Hoffnung haben möchten. Darum bleibt 
dabei; in ihr werdet ihr von allem finden, was euch 
zur Seligkeit nötig sein wird, wie ich denn das Ver- 
trauen von Herzen zu euch habe, daß dasjenige bei 
euch bleiben werde, was ihr von Anfang gehört und 
angenommen habt, nichts Fremdes, sondern wie die 



633 


heilige Schrift bezeugt; denn ihr wisst, was es in euch 
gewirkt hat; wie ihr durch diese eure himmlische Er- 
wählung von eurem eitlen Wandel, worin noch die 
ganze Welt ist, erlöst worden seid, und von den stum- 
men Götzen zu dem lebendigen Gott, ja, von dem 
Tode zum Leben übergegangen seid, sodass ihr er- 
leuchtet seid, und eure Hoffnung lebendig gemacht 
ist, und dieses alles durch Jesum Christum. Und weil 
wir seine Zukunft lieb haben, so erwarten wir ihn 
mit Geduld in guten Werken, welche in uns leben, 
daß wir unsern Nächsten wie uns selbst lieben, sei- 
nen Nutzen mehr suchen als den unsrigen, ja, in der 
Not das Leben für die Brüder lassen. Dies ist uns ein 
Siegel und Zeichen, daß wir ihn lieben, den wir nicht 
sehen, und dennoch an ihn glauben, als ob wir ihn 
sehen. Wenn wir aber die Brüder nicht lieben, die wir 
sehen, wie sollten wir dann in der Kraft Gott lieben 
können, den wir nicht sehen? Aber daran erkennt 
man, daß man ein Jünger Christi sei, weil wir von 
Herzen, ohne Lurcht, die Brüder und Schwestern lieb 
haben; wer aber Christi Jünger ist, der wird bisweilen 
geprüft, gleichwie das Gold im Leuer, wiewohl nicht 
zum Verderben, sondern zur Reinigung und größeren 
Vollkommenheit, denn er züchtigt einen jeden Sohn, 
den er aufnimmt und liebt. Es befremdet uns auch 
nicht, daß es in der neuesten Zeit an uns Unwürdigen 
geschieht, sondern es ist von Abels Zeit an so gewesen; 
die Linsternis hat das Licht allezeit gehasst, denn sie 
wollen in ihrer Linsternis nicht gestraft sein, sondern 
werfen sich dagegen auf, um sich zu beschützen, und 
in ihrem Wege zu bleiben, und sagen: Richtet nicht, so 
werdet ihr auch nicht gerichtet; aber was der Apostel 
sagt: Und habe keine Gemeinschaft mit den Werken 
der Linsternis, sondern straft sie vielmehr, das lässt 
man unberücksichtigt. 

In solcher Weise wissen die Trunkenbolde, Götzen- 
diener und dergleichen sich mit der Schrift zu behel- 
fen; aber, ach leider, sie tun sich selbst mit solchen 
Leigenblättem den größten Schaden, und lassen sich 
von den Gelehrten leiten wie der Ochse zum Beile. 
Ach, lieber Herr, ich bitte dich herzlich, du wollest 
doch unsern Leinden die Augen erleuchten, wie du 
Paulus erleuchtet hast, der auch die Gemeinde Gottes 
verfolgte. Haltet mir dieses wenige Schreiben zu gut, 
denn ich habe das Vertrauen, daß ihr selbst wohl ge- 
lehrt und gestärkt seid; seid männlich darin; wacht, 
steht in dem Glauben; seid stark in dem Glauben, und 
lasst alle eure Dinge in der Liebe geschehen, wie ich 
euch beiden solches von Herzen zutraue. Hiermit will 
ich dich, mein sehr geliebter Schwager und Bruder in 
dem Herrn, und meine sehr geliebte Schwester in dem 
Herrn (und um des Ehestandes willen) dem Herrn der 
Herren und dem reichen Worte seiner Gnade anbe- 


fehlen, welches mächtig ist, euch vor allem Argen zu 
bewahren und euch lustig, eifrig im Guten und zu 
seinem ewigen Reiche tüchtig machen kann, um euch 
das unverderbliche Erbe zu geben, unter denen, die 
geheiligt sind; ebenso danke ich auch euch beiden, 
so viel ich euch danken kann, für eure große Preund- 
schaft und für euer zugeneigtes Gemüt gegen mich 
Unwürdigen. 

Hiermit sage ich euch allen gute Nacht; zu Hause 
bei Christo Jesu will ich eurer warten, sowie auch 
meines sehr lieben Weibes und aller hinterlassenen 
Gottesfürchtigen, Amen. 

Geschrieben kurz vor Ostern, wo ich jede Stunde ge- 
wärtig war, daß mir Botschaft gesandt werden sollte, 
meine Opfer zu tun, zu Gottes Preise und zu meiner 
Seligkeit, Amen. 

Hiermit sage ich meinen Vettern und Basen gute 
Nacht auf dieser Erde. Ach, daß sie auch Christo Jesu 
nachfolgten, wenn sie zu ihrem Verstände gekommen 
sind, dann würden sie auch dahin kommen, wo er, 
nämlich Christus, ist; denn die sich bekehren und 
seine Gebote halten, sind seine Lreunde und Jünger, 
die ihm folgen. 

Darum bitte ich dich, meine liebwerte Base, du wol- 
lest doch das Böse scheuen, das Reich Gottes und 
seine Gerechtigkeit ernstlich suchen und arbeiten, um 
ihren Hunger mit Brot zu stillen und den Durst mit 
dem Tranke zu löschen; wenn du das tust, meine liebe 
Base, wirst du eine sein, die mit Maria den besten Teil 
erwählt hat. Und so will ich dich denn bei Christo Jesu 
erwarten; dahin will ich eine kurze Zeit voran, und 
alle, welche die Wahrheit lieben, folgen nach. Hierzu 
gebe der gute Herr seine Gnade, daß dieses nach mei- 
nem herzlichen Wunsche geschehen möge, zu meiner 
Basen und Vettern Seligkeit, Amen. 

Geschrieben in meinen Banden, von mir, Jan Wou- 
terß von Kuyk. 

Des Jan Wouterß elfter Brief an seinen jüngsten 
Schwager P. J. 

Gnade und Priede von Gott, dem Vater, durch Jesum 
Christum, und die Mitwirkung des Heiligen Geistes 
vermehre sich bei dir, mein sehr geliebter Bruder und 
bei allen, die ihre Seligkeit von ganzem Herzen su- 
chen, in dem Namen Jesu Christi, damit man doch 
in diesem letzten Streite, der uns vorgelegt ist, mit 
des Herrn Hilfe bestehen und denselben in Geduld 
vollenden möge, unserm Nächsten zum Vorbilde, der 
Welt zum Lichte, zur Seligkeit der Seelen und Gott 
zum Preise, Amen. 

Nach diesem herzgründlichen Wunsche kann ich 
nicht unterlassen, dir ein wenig zu schreiben, damit 



634 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


wir beide dadurch ein wenig erquickt werden möch- 
ten. Zunächst sollst du wissen, daß ich unserm Gott 
für seine Gnade nicht genug danken kann, daß er 
mich unwürdigen, armen und verächtlichen Men- 
schen zu diesem Stande berufen hat, wodurch ich 
die große Liebe fühle, die er zu mir Unwürdigen hat; 
nach seiner Barmherzigkeit züchtigt er mich, womit 
er beweiset, daß ich kein Bastard bin. Ach, welch eine 
große Gnade ist das, daß der gute Gott meine Selig- 
keit sucht, welche Seligkeit ich auch gänzlich gesucht 
und darum gebeten habe, wie ich auch noch jetzt tue, 
und wie ich dir denn auch, ehe ich in Banden war, 
geschrieben habe, du wollest mir beten helfen, daß 
mir der Herr dasjenige geben und über mich kommen 
lassen wolle, was mir selig ist; ich vertraue auch zu 
seiner Gnade, daß er es aus großer Barmherzigkeit 
vollbringen werde, nach seiner Verheißung und guten 
Art, nicht aber nach meiner Gerechtigkeit, denn seine 
Gnade weiß es besser, was mir nötig ist, als ich; dar- 
um müsse sein Wille geschehen, zu meiner Seligkeit, 
um mich vor dem Unglücke zu bewahren, welches 
öfters durch des Satans Werk entsteht, welches er in 
den Kindern des Unglaubens hat; denn ich habe von 
meiner Jugend an gefunden, daß eine Mühe und eine 
Schwierigkeit auf die andere folgt; und wer die Selig- 
keit und der Gemeinde Wohlfahrt von Herzen sucht, 
der hat viele Geburtsschmerzen. Überdies hat man an 
sich selbst viel zu töten und absterben zu lassen und 
immer zu streiten, sodass man selten ohne Streit ist, 
wie viele fromme Zeugen Gottes, unter denen auch 
Paulus; aber alle, die nicht müde werden und über- 
winden, werden alles besitzen; den Überwindern ist 
die Krone verheißen. Darum werde doch niemand 
matt oder müde, indem wir wissen und glauben, daß 
wir einen solchen starken Helden haben, welchen man 
nicht überwinden kann, aber die Bösen müssen ihm 
weichen. Paulus sagt: Ist Gott mit uns, wer mag wider 
uns sein? Der Herr sagte zu Abraham: Fürchte dich 
nicht, ich bin dein Schild und dein sehr großer Lohn. 
Der Herr sprach, ja, gebot ihm, daß er guten Mutes 
sein, sich nicht fürchten und nicht verzagt sein sollte; 
er verhieß ihm, daß er allezeit mit ihm sein wolle, wo 
er hinginge (ebenso ist er auch mit Mose, seinem treu- 
en Knechte gewesen) und daß er Tag und Nacht an 
das Gesetz Gottes denken (ach, hierin komme ich viel 
zu kurz, was mir von Herzen leid ist) und daß er da- 
von nicht abweichen sollte, weder zur rechten, noch 
zur linken Hand, dann würde sein Weg glückselig 
und voller Segen sein, und er würde die Feinde mit 
Füßen zertreten und wie Brot verschlingen; ja, Gott 
sandte seinen Engel, wie er verheißen hatte, als einen 
Vorfechter, sodaß der Herr selbst den Streit führte. 
Ach, ist das nicht ein getreuer Gott, wer sollte nicht 


auf sein kräftiges Wort vertrauen? Und sieht man ihn 
auch nicht mit leiblichen Augen, so sieht man doch 
täglich sein Geschöpf vor Augen, das durch die Kraft 
seines Wortes noch in seiner Kraft steht, und wäre es 
auch nur ein Blümlein aus der Erde. 

Darum laß uns fest stehen auf des Herrn Wort und 
Verheißung, wenn uns auch bisweilen ein Sturm über- 
fällt, damit wir mit Petrus nicht versinken, sondern 
über dieses wilde Meer zum Herrn gehen; laß uns im 
festen Vertrauen auf sein Wort im Glauben allezeit 
den Herrn um Stärke bitten, wie einer der niemals ge- 
sättigt wird. Ich Unwürdiger werde seiner Treue jetzt 
in meiner Lage wohl gewahr; ewig müsse er gelobt 
sein; er hat uns verheißen, uns beizustehen, und uns 
nicht zu verlassen, wie er durch den Propheten sagt: 
Kann auch eine Mutter des Sohnes ihres Leibes ver- 
gessen, daß sie sich seiner nicht erbarmen sollte? Und 
wenn sie das auch täte, so will ich dich doch nicht 
verlassen; auch ist er der Armen Stärke, eine feste Zu- 
flucht und ein rechter Nothelfer, ja, er bewahrt die 
Seinen im Wasser, Banden und im Feuer, wie seinen 
Augapfel; wer nun seine Auserwählten beleidigt, der 
beleidigt ihn, wie denn der Herr zu Saul sagte: Was 
verfolgt du mich? Und wer seinen Auserwählten in 
seinem Namen Gutes tut, der tut ihm Gutes. Darum 
wolle ein jeder fleißig daran sein, und Gutes tun mit 
Lust, ohne Verdruss, denn zu seiner Zeit werden wir 
auch ohne Aufhören ernten, ebenso werden auch die 
Guten zum ewigen Leben auferstehen; zum Guten 
sind wir erschaffen durch Christum. So bringe denn 
ein jeder gute Früchte hervor, indem er dazu gesetzt 
ist; dann wird Gott, unser himmlischer Vater, geehrt 
werden; er wird uns noch mehr reinigen, damit wir 
noch reichere Früchte hervorbringen und aufwach- 
sen, in dem vollkommenen Alter Christi. Wenn wir 
so handeln werden, so sollen wir die Zukunft un- 
seres Herrn und Bräutigams erwarten, und das mit 
Geduld, denn Geduld ist der Gottesfürchtigen Stärke. 
Für dies Mal nichts Besonderes mehr und nur noch 
das, daß du haltest, was du hast; sei getreu bis zum 
Tode, denn dein und mein Glaube ist die unverfälsch- 
te Wahrheit; vollbringe dieselbe in der Gottesfurcht, 
durch des Herrn Hilfe, dann wirst du Frieden mit 
dem Herrn haben, nach seiner Verheißung. Sei wohl 
getröstet in dieser kurzen Zeit deiner Wallfahrt, traure 
nicht um mich, obgleich ich jetzt mit der Taufe des Lei- 
dens getauft werde, und den Kelch des Leidens trinke; 
das gereicht zu meiner Seligkeit; später erwarte ich, 
durch des Herrn Gnade, die Krone des Lebens. Was 
hat es zu bedeuten, es muss einmal geschieden sein; 
wenn ich an der Pest oder an einer andern Krankheit 
gestorben wäre, so müssten ja mich alle entbehren, die 
meine Person lieb haben; überdies ist es auch offenbar. 



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daß ich nicht als ein Übeltäter leide, sondern weil ich 
Christum Jesum angenommen habe, was mich auch 
keineswegs reut. Sei herzlich in dem Herrn gegrüßt, 
mein liebes Weib, wie auch die Deinigen und alle Got- 
tesfürchtigen; bitte für mich und laß für mich bitten, 
Amen. 

Ein Glaubensbekenntnis an den Schultheißen und 
den Rat, der damals in Dortrecht regierte, nebst 
einer kurzen Erklärung, in welcher er sie zur Buße 
ermahnt. 

An meinen ehrwürdigen Herrn, den Schultheißen und 
meine ehrwürdigen Herren Bürgermeister, Gerichts- 
herren und den Rat der Stadt Dortrecht. Ich, Jan Wou- 
terß, euer Gefangener, nicht um irgendeiner Übeltat, 
sondern um meines Glaubens willen, welcher gleich- 
wohl recht ist, wünsche euch, ihr Diener Gottes, daß er 
euch allen ein glückliches, friedsames, gesundes und 
langes Leben und Verstand geben wolle, euer Amt 
recht zu gebrauchen, die Bösen (nämlich die Übeltä- 
ter) zu strafen und die Guten zu beschützen. 

Ferner ist das die Veranlassung meines Schreibens, 
weil ich meinen Glauben nur in aller Kürze bekannt 
und die Gründe, die dafür sprechen, nicht näher er- 
läutert habe. Darum habe ich das Nachstehende auf- 
geschrieben, damit ich meine ehrwürdigen Herren 
nicht abermals fragen und ihnen Mühe machen möch- 
te. Ich bekenne, daß ich in meiner Jugend ein eifriger 
Papist gewesen sei, was mir von Herzen leid tut, denn 
damals kamen keine guten Früchte von mir. Nachher 
hat mir Gott meine blinden Augen geöffnet, damit 
ich nicht mehr den stummen Götzen, sondern allein 
nur dem lebendigen Gott dienen möchte, der mich 
erschaffen hat. Er hat mir armem sündhaften Men- 
schen den wahren Glauben, wodurch man selig wird, 
geoffenbart und geschenkt. Dieser Glauben und die 
inwendige Taufe hat mich zum Gehorsam seines Wor- 
tes getrieben, damit ich seine Gerechtigkeit erfüllen 
möchte. Darum bekenne ich, daß ich mich auf meinen 
Glauben habe taufen lassen, und das mit Verlangen 
nach dem Befehle Christi; ich habe dem Teufel, der 
Welt, dem Papste und seinem Anhänge abgesagt, und 
bekenne, daß Christus Jesus allein der Weg, die Wahr- 
heit und das Leben sei, denn es ist den Menschen kein 
anderer Name gegeben, wodurch man selig werden 
möge, als allein durch Christum. Ferner bekenne ich, 
daß es gewiss ist, daß der Pfaffen und aller Geschwo- 
renen Gebrauch der breite Weg zur Verdammnis sei. 
Es sind Menschensatzungen, Gott ein Gräuel, und 
Pflanzen, die unser himmlischer Vater nicht gepflanzt 
hat; darum sind sie auch verflucht, denn es kann kein 
anderer Grund gelegt werden, als derjenige, der ge- 


legt ist, welcher Christus allein ist; diejenigen aber, die 
sich von des Papstes Anhängen unterfangen, Führer 
zu sein, sind blinde Führer; wenn nun ein Blinder den 
andern führt (sagt Christus), so fallen sie beide in die 
Grube. Wer es nun nicht glauben will oder um seiner 
eigenen Sünden willen nicht glauben kann, der wird 
es gleichwohl nach dem Tode in der Pein bekennen 
müssen; darum tut gegenwärtig rechtschaffene Bu- 
ße. Ferner meint mein ehrwürdiger Herr Schultheiß, 
daß ich irre, oder daß mein Glaube nichts tauge. Dar- 
auf antwortete ich: Wäre dem so, so würden meine 
Früchte böse sein, welches allezeit über das Bekennt- 
nis geht; nun aber bin ich so viele Jahre von meiner 
Jugend an bis hierher mit Gottes Hilfe darin gewan- 
delt, nach meiner Schwachheit, und habe mich vor 
jeder bösen Gesellschaft gehütet, habe fleißig in der 
Stille mein Brot verdient, und mein eigenes Brot ge- 
gessen, das mir jetzt entrissen worden ist, als ob ich 
ein Mörder wäre. Ach, Herr, vergib es ihnen, denn sie 
wissen nicht, was sie tun; ich vergebe es ihnen. Ach, 
meine lieben Herren, tut Buße, denn wer uns antastet, 
der tastet den Augapfel meines Gottes an. 

Weiter bekenne ich, daß ich in der Versammlung 
der Gläubigen so oft gewesen sei, daß ich es nicht 
zählen kann, denn der oberste König hat uns hierin 
eine Verheißung gegeben und gesagt: Wo zwei oder 
drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich 
mitten unter ihnen. Der Apostel befiehlt in seinem 
Namen, daß wir unsere Versammlung nicht verlassen, 
sondern einander zur Erweckung der Liebe und der 
guten Werke ermahnen sollen. Ich bekenne, daß ich 
in keiner Versammlung gewesen sei, um jemanden 
zu kränken (denkt diesem nach); ich bekenne, daß 
ich in vielen Jahren nicht zu der Pfaffenbeichte und 
zu ihrem Sakramente gegangen bin, weil ich nichts 
davon halte; dabei bekenne ich, daß ich ein sündhaf- 
ter Mensch bin, und daß ich nötig habe, jeden Tag 
meine Sünden vor meinem Gott zu bekennen, und 
täglich den Sünden abzusterben, täglich mehr und 
mehr; das halte ich für die beste Beichte; aber das Sa- 
krament bekenne ich für ein gebackenes Küchlein und 
Wein, bis es von den Pfaffen, oder von dem Menschen, 
verzehrt ist, und also keineswegs für Christi Fleisch 
und Blut; er kommt nicht mehr in der Sünder Hän- 
de; er wohnt nicht in Tempeln mit Händen gemacht, 
sondern im Himmel, von da wird er kommen, um 
die Lebendigen und die Toten zu richten, das heißt 
die Gläubigen und die Ungläubigen. Ich bekenne aber, 
daß ich mit dem Brotbrechen Christi und dem Gebrau- 
che der Apostel unter den Gläubigen wohl zufrieden 
bin, und das zum Gedächtnisse des Leibes und Blutes 
Christi, aber nicht mit Trunkenbolden, Hoffärtigen, 
Schlägern, Ehebrechern, Totschlägern, Götzendienern, 



636 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Huren, Buben. 

Ferner bekenne ich, daß ich mein Weib geehelicht 
habe, jedoch nicht heimlich, daß es niemand sehen 
sollte, sondern vor Gottes Gemeinde, denn die Ehe 
ist ehrlich, die Hurer aber und Ehebrecher wird Gott 
richten. Ach, mein Gott, rechne dem keine Sünde zu, 
der mich davongenommen hat, denn der Kelch fällt 
mir bitter, von Weib und Kind zu scheiden, weil wir 
einander so lieb haben. Auch bekenne ich, daß mein 
Kind weder von einem Pfaffen, noch von sonst jeman- 
dem getauft ist; denn damit würde ich das heilige Blut 
Christi verachten; es ist aber mein gewisser Glaube, 
daß Christus für die Kinder genug getan habe, und 
daß Christi Taufe niemandem zukommt, es sei denn, 
daß er von ganzem Herzen glaube, wie Cornelius, 
samt seinem Hause, Paulus und mehrere andere. Die- 
ses Glaubens bin ich durch die Gnade Gottes gewiss 
und bin versichert, daß kein anderer sei, noch kom- 
men werde; ich habe mich nicht auf den Wind gebaut, 
sondern allein auf den Grund der Apostel und Prophe- 
ten, wovon Christus der Eckstein ist, den Bösen zum 
Ärgernis, den Guten aber zum Schutze und zur Selig- 
keit. Muss ich nun um dieses unverfälschten Glaubens 
willen unschuldig leiden, so mag ich denken, es ist 
meinem Herrn Jesu Christo (dessen Knecht ich armer 
sündhafter Mensch bin) von der Obrigkeit, welche 
damals war, nicht besser ergangen, und zwar auf Ver- 
anlassung der Gelehrten. Ach, meine ehrwürdigen 
Herren, tut doch Buße, bessert euer Leben und Wesen. 
Ich verkündige auch Buße allen meinen Herren, die 
noch am Leben sind, und an dem unschuldigen Blute 
des Joris de W. Schuld haben, der bald als in Gottes 
Herrlichkeit glänzend, mit großer Freude erscheinen 
wird, denn der Tag des obersten Richters ist vor der 
Türe; solches erhellt aus der Pestilenz, aus der teuren 
Zeit, aus den Kriegsgefahren und noch vielen andern 
Zeichen. Ach, meine ehrwürdigen Herren, seid herz- 
lich gewarnt, vor eurem zukünftigen Unglücke, denn 
es ist aus Liebe und Freundschaft und nicht aus Bitter- 
keit geschehen, denn es ist doch außer allem Zweifel, 
wir müssen alle vor dem obersten Richter erscheinen; 
alsdann wird ein jeder für sich selbst Rechenschaft 
ablegen und dasjenige empfangen, je nach dem er 
getan hat; dann wird weder Entschuldigung, noch 
Leidenschaft helfen. Ach, denkt nach! Bald wird es 
geschehen; niemand kann dem entgehen. 

Ferner habe ich meinem ehrwürdigen Herrn, dem 
Schultheißen, nicht auf alle seine Fragen geantwortet, 
indem er von mir begehrt hat, daß ich die Wahrheit 
sagen sollte, wie ich denn das in meinem Glaubens- 
bekenntnis auch getan habe, dessen bin ich gewiss; 
die anderen Fragen aber durfte ich nicht beantworten, 
denn Christus hat mich gelehrt: Tue den Menschen 


wie du willst, daß dir geschehe; liebe deinen Nächsten 
wie dich selbst, liebt eure Weiber, ehrt eure Eltern. Aus 
diesem Grunde habe ich es unterlassen, jede Frage 
zu beantworten; darin wird mir mein oberster Rich- 
ter recht geben, dessen bin ich gewiss, <uwenn wir 
sämtlich vor seinem Richterstuhle erscheinen werden, 
denn ich habe es nicht aus Geringachtung meines ehr- 
würdigen Herrn Schulzen getan. Auch habe ich dem 
Anerbieten der Gelehrten abgesagt, denn ich bin mei- 
nes Glaubens so gewiss, daß ich überzeugt bin, daß 
alle, die meinem Glauben widersprechen, irren. Dar- 
um nehmt es nicht auf, als ob es von meiner eigenen 
Hartnäckigkeit, sondern von meiner Glaubensgewiss- 
heit herrühre. 

Endlich handelt barmherzig mit mir Unschuldigen, 
und bedenkt, daß ich auch ein Mensch bin, denn nach 
dieser Zeit wird über denjenigen ein unbarmherziges 
Urteil gefällt werden, der nicht Barmherzigkeit geübt 
hat; ich bekenne einen Herrn, einen Glauben, einen 
Gott, einen Vater aller, der über allen und in allen 
Gläubigen ist; ich glaube nur dem, was die heilige 
Schrift sagt, und nicht dem, was Menschen sagen. 
Gehabt euch wohl. 

Geschrieben in meinen Banden. 

Ein Brief von Adriaanken, Jans Tochter von 
Müllersgrab, geschrieben an ihren Mann, als sie 
auf der Vuylpforte zu Dortrecht im Gefängnisse 
lag, wo sie den 28. März mit Jan Wouterß von 
Kuyk verbrannt worden ist, wie wir zuvor 
angeführt haben. 

Gnade und Friede von Gott, unserm himmlischen 
Vater, durch Jesum Christum, seinen einigen Sohn, 
unsern Herrn und Heiland, samt der Mitwirkung des 
Heiligen Geistes, vermehre sich bei deiner Liebe und 
bei allen Gottesfürchtigen, zum Tröste auf eurer Wall- 
fahrt, dem Herrn zum Preise und zu eurer aller Seelen 
Seligkeit, Amen. 

Nach diesem meinem herzgründlichen Gruße und 
guten Wunsche lasse ich dich, meinen geliebtesten 
und sehr wertgeschätzten Mann und Bruder in dem 
Herrn, wissen, daß ich, dein herzlich geliebtes und 
sehr wertes Weib und Schwester in dem Herrn, ge- 
nannt Adriaanken, Jans Tochter, noch wohlgemut sei 
in dem Herrn; kann auch dem Herrn der Herren für 
seine tägliche große Güte, die seine Gnade an mir Un- 
würdiger beweist, niemals genug danken; ihm sei ewi- 
ger Preis und Lob, von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen. 

Weiter lasse ich dich, J. A., meinen herzgründlich 
geliebten Mann, wissen, daß ich, dein geliebtestes 
wertes Weib und Schwester in dem Herrn, nicht wohl 
habe unterlassen können, deiner Liebe zu meinem An- 



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denken ein Schreiben zu hinterlassen, um der großen 
Liebe willen, die wir zueinander gehabt haben, wel- 
che, wie ich hoffe, ewig bleiben, und von der uns auch 
niemand scheiden wird; und obgleich wir, dem Leibe 
nach, voneinander geschieden sind, so bleibt dennoch 
die Liebe; ferner beabsichtige ich, dich durch mein 
Schreiben in etwas zu trösten, daß du deine Betrübnis 
mäßigen wollest, indem du wohl weißt, daß dieses die 
Kosten sind, die wir auf unser Haus verwenden müs- 
sen, welches wir auf den Felsen Christum gegründet 
haben, und welches ja nun durch die Gnade und Kraft 
des Herrn stehen bleibt, obschon viele Stürme darauf 
fallen, worüber wir uns freuen, daß wir einen solchen 
treuen Nothelfer haben. Aber es nützt nicht, daß wir 
unsere Freude allein bei uns behalten, sondern es ist 
gut, daß wir dieselbe ausbreiten, damit du, mein Ge- 
liebtester, dich auch mit auf dieser Erde freuen mögest, 
und auch alle, die Gott fürchten, wenn es möglich wä- 
re. Darum wollt ihr, mein geliebter Mann, und auch 
alle Gottesfürchtigen, fest anhalten und nicht erschre- 
cken, wenn gleich unserer Feinde so viele sind; wir 
sagen mit dem Propheten Eliseus: Es sind derer mehr, 
die mit uns, als die wider uns sind; gleichwie auch 
Paulus sagt: Ist Gott mit uns, wer mag wider uns sein? 
Der seinen einigen Sohn nicht verschont, sondern ihn 
um unsertwillen dahingegeben hat, wie sollte er uns 
mit ihm nicht alles schenken? Auch sagt der Prophet 
David: Der Herr ist allen denen ein unüberwindlicher 
Schild, die auf ihn trauen, und ein treuer Nothelfer, 
denn er erhört das Schreien der Elenden. Darum, mein 
Geliebtester, schreite fort in dem Vertrauen auf des 
Herrn Verheißungen, denn er ist ein getreuer, wahr- 
haftiger Gott; ihm ist niemand gleich; alle seine Ver- 
heißungen sind Ja in ihm, und nicht Nein, sowohl in 
dieser Zeit uns in der Not zu helfen, als auch nach 
dieser Zeit, um denen das ewige Leben zu geben, die 
an Christum glauben. Wir beiden unwürdigen Schäf- 
lein Jesu Christi gehen nun gerade der Stadt zu, die 
voll aller Güter und unser Erbteil durch das Verdienst 
Christi geworden ist, ja, wir gehen aus dem Drucke, 
aus aller Drangsal und jeder Gefahr, und lassen dich 
und alle andere lieben Brüder, Schwestern und Freun- 
de in dieser elenden Wüste, ja, in dieser bösen Welt, 
voll aller Ungerechtigkeit, wo es überall voll böser Ex- 
empel ist, zu unserer Seelen Schaden und Betrübnis, 
denn man kann kaum mit Pech umgehen, ohne besu- 
delt zu sein und zu bleiben. Darum sehen wir es auch 
so an, daß es dem Herrn gefällt, uns zwei schwache 
Schäflein schnell hinweg zu rücken, damit wir nicht 
wie Eva betrogen, sondern erhalten werden in und 
durch den Glauben an Jesum Christum. Und daß der 
alleinweise, gute und barmherzige Gott uns zuerst in 
etwas prüft in dieser unserer Züchtigung, das ist ein 


Zeichen seiner Gnade und besonderen Liebe, denn 
er gebietet, oder hält sich gegen uns Unwürdige, wie 
sich ein lieber Vater gegen seine Kinder hält, wenn er 
ihnen zugetan ist, womit er nach seiner großen Barm- 
herzigkeit versiegelt, daß er uns nicht für Bastarde, 
sondern für rechte Erbgenossen erkennt. 

Darum sind wir in allem getrost, was der Herr über 
uns kommen lässt; es dient uns alles zum Besten, denn 
in Trübsal vergibt er die Sünden; darum müsse sein 
heiliger Wille geschehen, zu unserm Nutzen, das ist 
zu unserer Seligkeit, was unsere größte Begierde ist; 
darum ertragen wir alles, und sind geduldig nach 
dem Exempel Hiobs, der Propheten, der Apostel, und 
unsers Herrn Ende, wie auch anderer Märtyrer nach 
ihnen. Nun gehen wir schnell fort, um unsern Streit, 
durch des Herrn Hilfe, zu vollenden, mit getreuem 
Herzen bis zum Tode, denn wir wissen und glauben, 
daß uns die Krone des ewigen Lebens bereitet ist, 
Amen. 

Darum, mein herzgründlich geliebter Mann und 
werter Bruder in dem Herrn, ich, dein herzgründ- 
lich geliebtes Weib Adriaanken Jans, deine allerliebste 
Schwester in dem Herrn, die wir einander vor dem 
Herrn und seiner Gemeinde geehelicht haben, will 
deiner Liebe hiermit gute Nacht sagen, und dich bei 
deinem und unserm allerliebsten Bräutigam Christo 
Jesu erwarten; darum halte doch das, was du hast, 
denn es ist die einzige und unverfälschte Wahrheit; 
damit dir niemand deine Krone nehme, denn der Sa- 
tan wirkt wunderlich in den Seinen. Der Vorsteher 
des Klosters der grauen Mönche sagte mir: Ich lobe 
doch noch Jan Wouterß, denn er sagte, daß es ihm leid 
wäre. O Schalk! dachte ich, ich kenne deine Schalkheit 
wohl. Also hat mich der Herr bewahrt, damit wir al- 
lezeit das Feld erhalten in Christo; derselbe wird uns 
noch wohl forthelfen in das Land unserer verheißenen 
Ruhe, nach seiner Verheißung. 

Hiermit will ich dich, meinen geliebtesten Mann 
und werten Bruder in dem Herrn, dem allmächtigen 
Gott und dem reichen Worte seiner Gnade anbefehlen, 
welches mächtig ist, euch aufzubauen, vor dem Argen 
zu bewahren und zu dem ewigen Erbe zu bringen; 
dort hoffe ich dich mit ewiger Freude zu sehen, wozu 
der gute Gott seine Gnade geben wolle, Amen. Halte 
mir doch dieses wenige Schreiben zu gut; ein langes 
Schreiben halte ich für unnötig, denn die Gottesfürch- 
tigen haben durch Eingeben des Heiligen Geistes vie- 
le, herrliche Schriften hinterlassen, zur Besserung, zur 
Lehre, zum Tröste und zur Stärkung. 

Ich, Adriaanken, Jans Tochter, dein herzlich gelieb- 
tes und wertestes Weib und Schwester in dem Herrn, 
grüße dich, meinen geliebtesten Mann und wertes- 
ten Bruder in dem Herrn, liebreich mit dem Kusse 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


der ewigen Liebe und des Friedens Christi, mit dem 
Munde meines Herzens, im Geiste gegenwärtig bei 
dir. 

Schließlich sage ich dir, noch einmal hiermit gute 
Nacht, und danke euch allen, so viel ich danken kann, 
für eure gute Gesellschaft und Treue. 

Geschrieben von mir, dein geliebtes Weib, Adriaan- 
ken Jans, gefangen um des Zeugnisses des Evangeli- 
ums Christi willen, zu des Herrn Preise, zum Tröste 
und zur Freude unsers Nächsten, zum Lichte denen, 
die noch in der Finsternis sind, zur Beschämung de- 
rer, die uns als Abgefallene verurteilt haben, und zu 
unserer Seelen Seligkeit, Amen. Ich und meine Mit- 
gefangenen grüßen euch und alle Gottesfürchtigen 
sehr. 

Wir hatten gehofft, daß wir den Montag vor Ma- 
ria unser Opfer tun und dadurch zur Ruhe gelangen 
sollten, aber so viel Glück hatten wir nicht; ich hoffe 
jedoch, daß es bald geschehen werde, wenn es anders 
der Herr beschlossen hat; sollte aber unsere Trübsal 
noch etwas länger währen, so müsse des Herrn Wille 
geschehen, zu unserer Seligkeit, Amen. 

Geschrieben in meinen Banden, den andern Tag 
nach Maria in den Fasten, im Jahre 1572, von mir, 
Adriaanken Jans. 

Ein Brief, an diese Adriaanken Jans in ihren 
Banden von ihrem Manne gesandt. 

An mein herzlich geliebtes Weib Adriaanken, Jans 
Tochter, aus Liebe, um dein Gemüt zu stärken, Amen. 

Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. 

Gnade und Friede, Weisheit und Trost sei mit dir, 
mein sehr geliebtes Weib und Schwester in dem Herrn, 
von Gott, unserm himmlischen Vater, durch die große 
Liebe seines Sohnes Jesu Christi, unsers Herrn und 
Seligmachers, und durch die Kraft des Heiligen Geis- 
tes; auch wünsche ich dir Geduld in deinen Banden, 
mein geliebtes Weib und Schwester in dem Herrn, als 
einen freundlichen Gruß, zum Preise des Herrn und 
deiner Seele Heil, Amen. Fasse deine Seele in Geduld. 

Nach allem herzgründlichen Gruße, mein sehr ge- 
liebtes Weib und Schwester in dem Herrn, bitte ich 
dich freundlich, daß du dich in deiner Trübsal und 
deiner Not tapfer halten und allezeit auf den Herzog 
des Glaubens und auf den Vollender Jesum Christum 
sehen wollest, welcher, da er wohl hätte Freude haben 
mögen, das Kreuz erduldete und die Schande nicht 
achtete; merke, er sagt: und die Schande nicht achtete. 
So tritt denn vor das Lager hinaus, und hilf ihm seine 
Schmach tragen, denn da Christus litt, musste er au- 
ßer Jerusalem leiden; er hat dort unsere Sünden auf 
sich genommen, und ist wie ein Wurm voller Schmach 


geworden, sagt der Prophet Jesaja; und Paulus sagt: 
Obgleich er in göttlicher Gestalt war, so achtete er es 
doch für keinen Raub, Gott gleich zu sein, sondern er 
hat sich selbst zum Tode übergeben, ja, zum Tode am 
Kreuze; und Petrus sagt: Weil nun Christus für uns im 
Fleische gelitten hat, so wappnet euch mit demselben 
Sinne, denn wer am Fleische leidet, der hört auf von 
Sünden, daß er hinfort, was noch hinterstelliger Zeit 
im Fleische ist, nicht der Menschen Lüste, sondern 
dem Willen Gottes lebe; auch sagt Paulus: Alle, die 
in Christo Jesu gottselig leben wollen, müssen Verfol- 
gung leiden, wie er auch an die Hebräer, Kap 11, von 
so vielen frommen Zeugen erzählt, die durch ihren 
Glauben so viel erlitten haben, und auf die Belohnung 
sahen, auch gesteinigt, zerhackt und zerstochen, un- 
tersucht und durch das Schwert getötet worden sind; 
sie sind in Pelzen und Ziegenfellen, in Mangel und 
Trübsal, in Ungemach, deren die Welt nicht wert war, 
umhergegangen, und haben dadurch das Reich der 
Himmel mit Gewalt eingenommen; sie haben nur von 
fern auf die Verheißung gehofft, und dieselbe noch 
nicht gehabt, wie Christus sagt: Selig sind die Augen, 
die sehen, was ihr seht, und die Ohren, die hören, 
was ihr hört; denn viele Propheten und Gerechte woll- 
ten sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen; 
ebenso sagt auch Paulus: Nachdem Gott in früheren 
Zeiten manchmal und auf mancherlei Weise zu den 
Vätern durch die Propheten geredet hat, hat er zu- 
letzt in diesen Tagen durch den Sohn zu uns geredet, 
welchen er zum Erben über alles gesetzt und durch 
welchen er auch die Welt gemacht hat, welcher, indem 
er der Glanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild sei- 
nes Wesens ist, alle Dinge mit seinem kräftigen Worte 
trägt. Siehe nun, mein liebes Schaf, wie viele fromme 
Zeugen wir jetzt haben; darum laß uns nicht müde 
werden, sondern Zusehen, daß wir mit Josua und Ka- 
leb in das Land der Verheißung ziehen mögen; denn 
du bist schon durch die Wüste gewandert, und stehst 
nun vor dem Jordan, und obgleich er fürchterlich an- 
zusehen ist, so wirst du doch durchkommen; sei nur 
standhaft; es mangelt dir weiter nichts, als das Durch- 
ziehen. Sei männlich, mein Schaf, der Herr wird dir 
wohl helfen; setze dein Vertrauen auf ihn, denn er ist 
unser Hauptmann, unsere feste, starke Burg und un- 
ser Schloss. Sei doch, mein liebes Schaf, wohlgemut in 
dem Herrn; du hast eine herrliche Krone zu erwarten, 
denn der Herr sagt: Selig sind, die um der Wahrheit 
willen Verfolgung leiden, denn solchen gehört das 
Reich der Himmel. 

Sieh, meine Schöne, du wirst eine von der Zahl de- 
rer sein, welche Johannes unter dem Altar sah, die mit 
weißen Kleidern angetan waren; deren Zahl wirst du 
erfüllen helfen, und die Schar, von welcher der Engel 



639 


zu Esra sagte, denn, wenn die Zahl oder die Schar der 
Gerechten erfüllt ist, so wird die Belohnung bald ge- 
schehen; dann werden alle deine Tränen abgewischt 
werden; der Sonnenbrand wird dich nicht mehr ver- 
hindern, denn du wirst mit allen auserwählten Kin- 
dern Gottes unter seinem Schatten ruhen. Mein liebes 
Schaf, wenn du nur männlich für die Wahrheit strei- 
test, man leidet nur in diesem Leben; nach dieser Zeit 
aber wird keine Zeit mehr sein; niemand wird gekrönt, 
es sei denn, daß er gesetzmäßig streite. Jakobus sagt: 
Liebe Brüder, wir preisen selig, die erduldet haben; 
und Salomo sagt, daß sein Volk geprüft werde, wie 
das Gold im Ofen, und wenn er sie angenehm findet, 
nimmt er sie an, wie ein völliges Opfer. Bekenne doch 
nun des Herrn Wort vor diesem argen Geschlechte, 
denn, wenn wir ihn bekennen, so wird er uns auch 
vor seinem himmlischen Vater und vor seinen Engeln 
bekennen; verleugnen wir ihn aber, so wird er uns 
auch verleugnen. Wenn wir nicht glauben, so bleibt er 
doch getreu; er kann sich selbst nicht verleugnen; aber 
der feste Grund Gottes besteht und hat dieses Siegel: 
Der Herr kennt die Seinen, und es trete ab von der 
Ungerechtigkeit, wer den Namen Christi nennt. Sieh, 
mein liebes Schaf, das Urteil ist hier schon gespro- 
chen, sieh nur zu, daß du standhaft bleibst in deinen 
Banden für des Herrn Wort, wie du angefangen hast, 
damit du doch vollen Lohn empfangen und dasjenige 
nicht verlieren mögest, wofür du so lange durch den 
Glauben gearbeitet hast, denn wer Übertritt und nicht 
in der Lehre Christi bleibt, der hat keinen Gott, wer 
aber in der Liebe Christi bleibt, der hat beides, den 
Vater und den Sohn. Liebe Jans Tochter, wir sind einer 
herrlichen Krone gewärtig, wenn wir bei der Wahr- 
heit bleiben; wie werden wir uns erfreuen, wenn wir 
in das neue, himmlische Jerusalem kommen werden, 
wo die Straßen von reinem Golde sind, und ihre Tore 
werden vor den Bußfertigen nicht zugeschlossen, den 
Gottlosen aber stehen sie nicht offen, denn draußen 
sind die Hunde und die Zauberer. Sieh, mein aller- 
liebstes Schaf, seine Gnade steht sonst niemandem, 
als den Gottesfürchtigen zu allen Zeiten offen, ja, er 
wird sie aus dem schönen Strome tränken, der durch 
die schone Stadt hinfließt; das sind die lebendigen 
Wasser, von denen der Herr zum samaritischen Weib- 
lein sagte, daß, wenn sie davon trinken würde, sie in 
Ewigkeit nicht dürsten sollte. Sieh, meine liebe Rippe, 
von diesem Wasser haben alle Gerechte getrunken; 
sie tranken alle von dem Felsen, der ihnen nachfolg- 
te; dieser Fels war Christus; aber an vielen derselben 
hatte Gott keinen Wohlgefallen, denn sie sind in der 
Wüste niedergeschlagen. 

Sieh, liebe Adriaanken Jans, welche Tugenden hat 
uns der Herr bewiesen, und wie reichlich hat er seine 


Kinder beschenkt, und wie wird er sie beschenken, 
wenn er kommen wird, um alle Geschlechter der Er- 
de zu richten? Dann werden wir alle unsere Feinde 
zertreten, und werden mit allen Auserwählten Gottes 
auf zwölf Stühlen sitzen und die zwölf Geschlech- 
ter Israels richten, und werden in großer Standhaf- 
tigkeit gegen diejenigen stehen, die uns geängstigt 
haben, und werden wie Funken im Rohre leuchten, 
und werden an dem Tage, den der Herr ersehen hat, 
wie Mastkälber aufhüpfen. Wir lesen auch, daß Esra 
auf dem Berge Zion im Geiste gesehen habe, daß der 
Herr denen Palmzweige in die Hände gegeben und 
Kronen auf ihr Haupt gesetzt habe, die ihn in dieser 
Welt bekannt hatten; auch sagt Petrus, daß wir zu Kö- 
nigen und Priestern gemacht werden sollen, damit 
wir die Tugenden dessen verkündigen, der uns von 
der Finsternis zu seinem wunderbaren Lichte berufen 
hat. 

Ach, Jans Tochter, mein liebes Weib und Schwester 
in dem Herrn; sollten wir alle herrlichen Verheißun- 
gen erzählen, die der Herr denen gegeben, die in ihrer 
Anfechtung getreu bleiben, so würde es uns an Zeit 
fehlen, solches zu schreiben. 

Hiermit will ich dich, mein liebes Weib und Schwes- 
ter in dem Herrn, dem Herrn und dem reichen Worte 
seiner Gnade anbefehlen, welches mächtig ist, uns vor 
allen listigen Nachstellung zu bewahren, mit welchen 
unser Widersacher, der Teufel, uns wie ein brüllen- 
der Löwe umringt, wie Petrus sagt; er konnte ja dem 
Herrn beikommen, sollte er denn sein Volk nicht be- 
stürmen? Denn es ist uns nicht unbekannt, was er im 
Sinne hat, indem er auch durch seine Boten wirkt, wel- 
ches die Kinder des Unglaubens sind, die vielleicht 
noch kommen werden, um dich zu bekämpfen; aber 
wir können sie wohl überwinden; durch des Herrn 
Gnade vermögen wir alles, welche Gnade uns Gott 
geben wolle, dir und mir und uns allen, Amen. 

Gehabe dich wohl, und bitte den Herrn für mich, 
damit mich der Herr in dieser argen Zeit bewahre, 
daß ich allezeit auf des Herrn Bahn wandeln möge; 
auch bitte ich für dich, daß dir der Herr Stärke ge- 
ben wolle, damit du ihm ein bequemes Opfer sein 
mögest, und damit durch deine Bande und das frei- 
willige Übergeben deines Leibes in der Tyrannen Hän- 
de viele zu der Wahrheit kommen möchten. Fällt es 
dem Fleische auch etwas schwer; der Herr kann de- 
nen wohl Stärke verleihen, die auf ihn trauen. Ja, liebe 
Jans Tochter, meine allerliebste und werte Schwester 
in dem Herrn, laß uns doch Zusehen und den Herrn 
bitten, daß wir uns selbst wohl bewahren, damit wir 
den Tempel Gottes nicht schänden, denn Paulus sagt: 
(Merke wohl) Wisst ihr nicht, daß ihr ein Tempel Got- 
tes seid, und daß Gottes Geist in euch wohnt; wenn 



640 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


jemand den Tempel Gottes verdirbt, den wird Gott 
verderben, denn der Tempel Gottes ist heilig, dieser 
Tempel aber seid ihr. Wenn wir unserer selbst wohl 
wahrnehmen, so wird es uns wohlgehen, denn wir 
haben einen köstlichen Schatz in irdenen Gefäßen, 
den Geist des Herrn, den Tröster, der von uns nicht 
weggenommen werden wird, wenn wir anders Gott 
fürchten, von allen Sünden ablassen und Gutes tun. 

Ach, meine Liebste, schlage doch das aus deinem 
Sinne, daß du dahin gehen wollest, das Bett zu ho- 
len, denn der Herr will dich vielleicht nur so prüfen, 
und laß uns den Herrn nicht versuchen: Er tut es alles 
zu unserm Besten. Der Herr weiß es, der alle Herzen 
kennt, daß ich dich nicht um aller Welt Schatz hinge- 
ben wollte; mm es aber so ist, muss es in des Herrn 
Namen sein; du kannst wohl denken, daß Abraham 
auch betrübt war, weil er seinen lieben Sohn aufop- 
fern musste, denn er war ihm ein lieber Sohn, und 
der Herr hatte ihm gesagt, daß sich sein Same meh- 
ren sollte, wie der Staub auf Erden und die Sterne 
des Himmels; aber, mein liebes Schaf, er fürchtete 
den Herrn, und durfte des Herrn Befehle nicht un- 
gehorsam sein; ebenso auch wir; darum fasse doch 
Mut, mein liebes Weib; bedenke, es ist um eine böse 
Stunde zu tun, oder um eine halbe Stunde; man kann 
viel in einer halben Stunde tun. Sieh, meine Geliebte, 
wer überwindet, soll alles besitzen; wer überwindet, 
dem soll kein Leid geschehen von dem zweiten To- 
de. Deshalb sollen alle, die nach Gottes Willen leiden, 
ihre Seelen dem treuen Schöpfer mit guten Werken 
anbefehlen; laß uns für diejenigen bitten, die es uns 
antun (das ist der Papst mit seinem Anhänge), damit 
sie doch sehen mögen, wie blind sie sind, und auch 
für die Obrigkeit laß uns bitten, damit sie doch dem 
unschuldigen Blute nicht mehr nachstellen, sondern 
zufrieden sein und sehen mögen, worin sie vor Gott 
sündigen. 

Gute Nacht, sei wohl zufrieden in dem Herrn, mein 
liebes Weib und Schwester in dem Herrn; halte mir 
mein schlechtes Schreiben zu gut, denn es ist ja in 
guter Absicht geschrieben. 

Geschrieben mit viel Betrübnis und großer Mühe. 
Für dieses Mal nicht mehr; der Herr wolle dich in 
einem gottseligen Leben erhalten, und wolle dich vor 
dem zweiten Tode bewahren, Amen. 

Von mir, J. von Dort., deinem lieben Manne und 
schwachen Bruder in dem Herrn, der ich des Namens 
unwürdig bin; aber durch des Herrn Gnade vermögen 
wir alles. 

Geschrieben den 18. und 19. Januar im Jahre 1572. 
Was ich tun kann, ist zu deinem Besten; schone mei- 
ner nicht. Gute Nacht, gehabe dich wohl; setze dein 
Vertrauen allein auf den Herrn, dann wirst du Ruhe 


finden für deine Seele, Amen. 

Sieben Brüder zu Breda. Jan Pieterß, Geleyn 
Corneliß, Pieter de Guliker mit seinem Knechte, 
Arent Block, Cornelius Gyselaar und einer, 
genannt Michael, im Jahre 1572. 

Im Jahre 1572, als auf dem Neufahrt bei Breda viele 
Landesverwiesene wohnten, und dort mehr Freiheit 
genossen, als andern Orten, unter welchen auch ei- 
nige waren, die um des Zeugnisses und der Nach- 
folge Jesu Christi willen von andern Plätzen dahin 
geflüchtet sind, hat es sich zugetragen, daß im Anfän- 
ge des Monats August desselben Jahres viele Brüder 
und Schwestern dort von auswärts, aus Brabant, von 
Breda, Siebenbergen und einigen umliegenden Dör- 
fern, auch aus Holland, von Leyden, Harlem und aus 
mehreren andern Ortschaften zusammen kamen. Als 
solches ausgekundschaftet und bei dem Schultheißen 
angebracht wurde, welcher bei Gerrit Vorster saß und 
mit dem Rentmeister trank, ist er, sobald er solches ge- 
hört, im Zorne entbrannt, und hat gesagt: Wir wollen 
dieses Nest ausnehmen und den Haufen auf einmal 
ausrotten. Darauf haben sie sich den 5. August unge- 
fähr um neun oder zehn Uhr Abends mit Volk und 
Waffen gerüstet, als jene sich versammelten, um eine 
Predigt zu halten und ein Paar zu trauen, in einem 
Hause, welches an der Vorstraße stand, in welchem 
Pieter de Guliker, ein Schneider, straßenwärts, Jan Pie- 
terß aber, ein Weber, im hinteren Teile wohnte, wo 
wohl ungefähr hundert Manns- und Weibspersonen 
beieinander versammelt waren. Der Rentmeister und 
der Schultheiß mit ihrem Volke sind zweimal gekom- 
men und haben an dem Hause gehorcht, ohne daß 
sie etwas Besonderes ermitteln konnten, aber zum 
dritten Male sandte der Rentmeister einen Knecht, 
der fand sie, bei vielen Lichtern ihre Ermahnung hal- 
tend. Darauf sind der Rentmeister, der Statthalter und 
Schultheiß mit allen ihren Knechten und dem Volke, 
welche mit Pistolen, Hellebarden, Schwertern und 
dergleichen ausgerüstet waren, gekommen. Als sie 
die Haustüre aufgestoßen hatten, griffen sie zu, und 
einige, die sie erwischen konnten, wurden gefangen 
genommen; die meisten aber sind durch die Wände 
und das Dach des Hauses gebrochen und entronnen; 
die Gefangenen waren Jan Pieterß von Blaerdingen, 
der hinten im Hause wohnte und der Versammlung 
mit dem Worte der Wahrheit diente, Pieter de Guliker, 
ein Schneider, der vorn im Hause wohnte, mit einem 
seiner Knechte, der nur 16 oder 17 Jahre alt war, Ge- 
ley Corneliß, ein Schuhmacher von Mittelharnisse bei 
Sommerdyk, Arent Block von Siebenbergen und Cor- 
nelius, des Koppen de Gyselaar von Dortrecht Sohn, 



641 


und noch zwei oder drei Frauenspersonen. Nach ihrer 
Gefangennahme brachte man sie nach des Gerrit Vors- 
ters Hause, und legte die Mannspersonen in Bande, 
die Weiber aber setzte man ungefesselt in ein Käm- 
merlein allein, aus welchem sie entflohen sind. Am 
andern Tage Morgens ist zu diesen sechs Gefange- 
nen Michael, der Vetter des Cornelius de Gyselaar, 
gekommen, welcher mit der Witwe des Schulmeisters 
Valerius getraut war, der im Jahre 1568, ungefähr drei 
Jahre früher, zu Brouwershaven aufgeopfert wurde. 
Als dieser kam, seine Freunde zu besuchen, um sie 
in ihrer Trübsal aus dem Worte Gottes zu trösten, hat 
der Schultheiß, welcher darauf zukam, ihn ebenfalls 
in Haft genommen und gesagt: Du gehörst auch zu 
diesem Volke, du musst auch mit hierbleiben. 

Dieser Gefangenen Gut wurde sofort aufgeschrie- 
ben und sie dessen verlustig erklärt, sodass Weiber 
und Kinder ganz beraubt und entblößt haben entflie- 
hen müssen, was viele Menschen bejammert haben. 
Durch diese Dinge ist das Volk auf dem Neufahrt in 
solchen Schrecken geraten, daß sich viele nicht länger 
dort aufhalten durften, insbesondere, als der Rent- 
meister an den Herzog von Alba geschrieben hatte, 
und, auf empfangene Antwort, persönlich dahin ge- 
zogen ist. Es sind überhaupt wohl dreißig Personen, 
sowohl Brüder als Schwestern, von denen, die auf 
dem Neufahrt wohnten, geflüchtet, ohne diejenigen, 
welche von andern Orten dazu gekommen sind. 

Der Schulmeister von Neufahrt, genannt Meister 
Pieter Claeß van der Linden, der wohl fünf Stunden 
lang mit Jan Pieterß disputiert hatte (wie denn auch 
der Pastor zwei oder drei Mal mit ihm disputiert hatte) 
und über dieses Volk sehr erbittert war, gibt gleich- 
wohl das Zeugnis von ihnen, daß ihr hauptsächlichs- 
ter und wichtigster Irrtum darin bestanden, daß sie 
die jungen Kindlein nicht taufen, daß sie nicht glau- 
ben können, daß Christus sein Fleisch und Blut von 
Maria angenommen habe, und daß sie sich für das 
kleine Häuflein und Gottes Auserwählte ausgeben, 
aber daß (dieses ausgenommen) ihr Leben und Wan- 
del besser sei, als vieler anderer Menschen, und daß 
sie auch ihre Kinder in besserer Zucht und Gottes- 
furcht aufzuziehen suchten, als viele andere Leute; er 
hätte auch von ihren Kindern in seiner Schule gehabt, 
welche geschickter gewesen wären und mehr gelernt 
hätten, als die übrigen Kinder, daß er und viele ande- 
re auch die große Verfolgung und den Verdruss, den 
man diesen Leuten antäte, sehr bejammerte, insbe- 
sondere, daß man um der Männer willen den armen 
Weibern und Kindern ihr Gut raubte, und sie so jäm- 
merlich ins Elend verjagte. 

Diese Gefangenen haben in des vorgemeldeten Ger- 
rit Vörsters Hause, von dem 5. August an, wo sie des 


Nachts gefangen worden sind, bis auf den siebten Tag 
des Mittags, wo man sie sämtlich nach Breda geführt 
hat, in Banden gelegen; dort hat man ihnen so hart mit 
Verhören, Verheißungen, Bedrohungen und Foltern 
zugesetzt, um sie von ihrem Glauben abzubringen, 
daß auch Pieter de Guliker nicht widerstehen konnte, 
sondern den Glauben und seinen Gott verlassen hat, 
wodurch er gleichwohl die Befreiung nicht erwarb, 
sondern mit dem Schwerte hingerichtet worden ist; 
aber von den andern und ihren Mitgenossen wird 
gemeldet, daß sie alle bis ans Ende standhaft geblie- 
ben seien, wie unbarmherzig man auch mit ihnen in 
der Folter umging, denn der eine wurde auf der Fol- 
terbank sehr grausam ausgespannt und gewunden, 
und es wurde ihm, als er ausgestreckt lag, Urin in 
den Mund gegossen und ihm auf den Leib gesprun- 
gen; einem andern wurden die Füße befestigt, ihm 
die Hände auf den Rücken gebunden, dann rücklings 
aufgewunden und gegeißelt. Aber am unbarmherzigs- 
ten ist Geleyn, der Schuhmacher, gepeinigt worden, 
denn sie zogen denselben nackend aus, hingen ihn 
an seinem rechten Daumen auf und befestigen ihm 
außerdem ein Gewicht an seinen linken Fuß; und als 
er so hing, wurde er mit Kerzen und Feuer unter die 
Arme gebrannt und so lange gegeißelt, bis die beiden 
Bevollmächtigten des Herzogs von Alba, die zugegen 
waren, selbst müde wurden und sich bei Seite setzten, 
um Karten spielen, denen der Scharfrichter wohl eine 
oder anderthalb Stunden zusah. Unterdessen ließ man 
Geleyn so hängen, welcher während der Zeit, daß sie 
spielten, keine Pein fühlte, sondern sich in einem Zu- 
stande befand, als ob er in einem süßen Schlafe oder in 
einer Ohnmacht gewesen wäre; ja, er bezeugte selbst 
nachher, daß er sein Leben lang niemals weniger Pein 
gehabt hätte. 

Als sie nun ihr Kartenspiel beendigt hatten, sag- 
ten sie abermals zu dem Scharfrichter: Taste ihn noch 
einmal an, er muss uns etwas sagen, ein ertrunkenes 
Kalb ist gut zu wagen. Als der Scharfrichter zu ihm 
kam, rief er: Der Mann ist tot (in einen solchen tiefen 
Schlaf oder eine solche Ohnmacht war er gefallen). 
Da sprang einer von den Bevollmächtigten auf und 
schüttelte ihn so hart bei dem einen Arme, daß er 
ihn verrenkte; der Arm war auch noch nicht wieder 
eingerichtet, als er verbrannt wurde. Als er nun wie- 
der zu sich selbst kam, wurde er heruntergelassen, 
wiewohl er niemanden verraten noch seinen Glauben 
verleugnet hat; deshalb ist er endlich mit Jan Pieterß 
und dem jungen Knechte verurteilt worden, lebendig 
verbrannt zu werden. Als sie mm an den Pfählen stan- 
den und fast verbrannt waren, hat sich das Feuer so 
sehr von dem Geleyn abgewandt, daß der Scharfrich- 
ter mit einer Gabel ihn an die andere Seite des Pfahls 



642 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


ins Feuer hat halten müssen. Also sind sie tapfer bei 
der Wahrheit geblieben, und haben ihr Leben dafür 
gelassen. 

Bald darauf, als Cornelius de Gyselaar und Arent 
Block auch zum Tode geführt wurden, um verbrannt 
zu werden, hat Arent ein Brieflein (welches er ge- 
schrieben hatte) fallen lassen, in der Meinung, daß 
jemand von den Freunden dasselbe aufraffen und zu 
sich nehmen würde, aber durch Unglück ist es in der 
Tyrannen Flände gekommen, welche diese beiden so- 
fort wieder nach dem Gefängnisse führen ließen, wo 
sie deshalb noch erbärmlich gepeinigt wurden; weil 
sie sich aber allezeit tapfer hielten, niemanden anga- 
ben und in keiner Pein von ihrem Gotte abwichen, so 
sind sie endlich, wie auch die drei Vorhergehenden 
verurteilt und verbrannt worden. Nicht lange darauf 
ist auch Michael, des Cornelius de Gyselaars Vetter, 
in gleicher Aufopferung den andern nachgefolgt. 

Also liegen nun diese sämtlich unter dem Altar und 
warten, bis die Zahl ihrer Brüder erfüllt sein wird, 
damit sie mit ihnen in der immerwährenden Freude 
bei dem getöteten Lamme und allen Freunden Gottes 
ewig sich erfreuen und das neue Lied singen mögen. 

Von den Gerichtsverhandlungen und 
Todesurteilen vorgemeldeter Märtyrer. 

Es hat uns die Mühe nicht verdrossen, mit Hilfe eini- 
ger unserer guten Freunde zu Breda, in der gegenwär- 
tigen Schreiberei oder Kanzlei auf das Jahr 1659 durch 
einen Schreiber des Gerichtsnotars allem demjenigen 
nachsuchen zu lassen, was von der Gefangenschaft, 
dem Leiden und Tode der vorgemeldeten, frommen 
Zeugen Jesu Christi, etwa aufgeschrieben und nach 
dem Berichte der päpstlichen Regenten über das Jahr 
1572 aufzufinden sein möchte. 

Wir hatten aber nicht lange nach diesen Verhand- 
lungen gesucht, so erhielten wir die Nachricht, daß 
die Kanzlei oder Schreiberei, wo diese Schriften und 
mehre andere verwahrt wurden, vor einigen Jahren 
durch einen schrecklichen Brand vernichtet worden 
und zu Grunde gegangen sei; deshalb konnten wir 
nichts Näheres ermitteln, als die oben angegebenen 
Umstände. Dieses dient zur Nachricht. 

Martin Janß Kornträger und Jan Hendrikß von 
Schwartewael, ein Steuermann, wurden beide zu 
Delft in Holland an einem Pfahle, im Jahre 1572, 
durch Feuer und Flamme getötet. 

Zu dieser Zeit war die Stadt Delft in Holland nichts 
anderes, als ein Begräbnisplatz, ja, als eine grausame 
Mordgrube zur Vernichtung der Heiligen Gottes. 


Dieses ist an zwei sehr frommen, gottesfürchtigen 
und sehr tugendsamen Schäflein Christi zu ersehen, 
die sich unter die Herde des großen Hirtens der Schafe 
Jesu Christi begeben hatten, um von ihm auf die grü- 
nen Wiesen der wahren evangelischen Lehre geführt 
und geweidet zu werden; der eine wurde Martin Janß 
genannt, seiner Hantierung nach ein Komträger, der 
andere aber Jan Hendrikß, geboren zu Schwartewael, 
ein Steuermann, der sich zu Wasser und auf der See 
sein Brot verdiente. 

Diese beiden wurden nach Delft gefänglich einge- 
bracht, wo sie, sowohl von Weltlichen, als Geistlichen 
fast zwei Jahre lang viel Angst und Not erlitten, um 
sie zum Abfalle von ihrem Glauben zu bringen; weil 
sie aber auf den unbeweglichen Eckstein Christum Je- 
sum gegründet waren, hat man sie in ihrem Glauben 
keineswegs schwach, vielweniger ganz davon abfällig 
machen können. 

Deshalb haben die Beherrscher dieses Ortes, welche 
mit einem bittern Hasse (auf Antrieb der päpstlichen 
Geistlichen) gegen sie entzündet waren, ein sehr grau- 
sames Urteil wider sie im Gerichte ausgesprochen, 
nämlich, daß man sie auf dem Marktfelde auf einer 
errichteten Schaubühne an einen Pfahl binden und 
mit Feuer so lange brennen sollte, bis der Tod darauf 
erfolgen würde. 

Darauf sind sie den 5. Februar im Jahre 1572 an dem 
gemeldeten Orte auf die Schaubühne gebracht wor- 
den, um getötet zu werden, wobei der Stadtschreiber 
abermals vor allem Volke vorlas, daß, bei Verlust des 
Leibes und der Güter, ihnen niemand Zureden sollte. 

Nachher wurde dem Martin Janß die Zunge ge- 
brannt, dessen ungeachtet aber redete er noch tapfer. 

Also muss ich nun (sagte er) die Wahrheit bezeu- 
gen, denn wäre es mir nicht um meine Seligkeit zu tun 
gewesen, ich hätte wohl vielem schweren Streite ent- 
gehen und Pardon erlangen können; aber nun habe 
ich einen guten Streit gestritten, den Lauf vollendet, 
Glauben gehalten; für die Folgen ist mir die Krone der 
Gerechtigkeit beigelegt. 

Dann rief er: O Herr, sei mir armem Sünder gnädig, 
der ich nicht würdig bin, um deines Namens willen 
zu leiden! Aber du hast mich dazu würdig gemacht; 
endlich rief er: O Herr, nimm meinen Geist in deine 
Hände auf! Mit diesen Worten endigte er sein Leben, 
und ist also durch Feuer aus dieser Welt geschieden. 

Dem Jan Hendrikß wurde der Mund verstopft, um 
ihm das Reden zu verwehren; als er aber dessen un- 
geachtet noch die Worte sprach: Nun gilt es erst recht; 
nun muß die Wahrheit vollkommen versiegelt sein, 
ist ein großes Geschrei, Alarm und Auflauf unter 
dem Volke entstanden, sodass die Herren (welche 
sich fürchteten), Jan Hendrikß dem Blicke des Volkes 



643 


entzogen, bis der Aufruhr und die Unruhe unter dem 
Volke sich gelegt hatte. 

Darauf, als man ihm den Mund wohl verbunden 
hatte, wurde er wieder vorgeführt und in Eile an ei- 
nem Pfahle befestigt, wie sein getöteter Mitbruder, 
worauf er durch die Feuerflamme seines zeitlichen 
Lebens beraubt worden ist. 

Ihre halbverbrannten Leichname brachte man vor 
die Stadt, auf den gewöhnlichen Richtplatz, genannt 
der Galgenplatz, wo beide an Pfähle geheftet und den 
Vögeln zur Speise preisgegeben wurden. 

Dies ist das Ende dieser beiden Schäflein Jesu ge- 
wesen, welche, obgleich vor der Welt ein Schauspiel, 
dennoch vor Gott ein heiliges und angenehmes Opfer 
geworden sind. 

Nachdem uns eine eigenhändige Abschrift von dem 
Todesurteile der mehrgemeldeten Freunde, aus dem 
Buche des Blutgerichts der Stadt Delft durch den dor- 
tigen Schreiber eingehändigt worden ist, wie solches 
öffentlich vor Gericht an dem Tage ihres Todes vorge- 
lesen worden ist, so finden wir es angemessen, dassel- 
be hier beizufügen, damit der Leser von der Wahrheit 
der oben gemeldeten Beschreibung völlige Versiche- 
rung haben möge. 

Der Inhalt desselben lautet, von Wort zu Wort, wie 
folgt: 

Auszug des Todesurteils über Martin Janß, 
Kornträger und Bürger dieser Stadt, und Jan 
Hendrikß von Schwartewael, Steuermann, welche 
mit Feuer getötet worden sind. 

Nachdem die Gefangenen Martin Janß, Kornträger 
und Bürger dieser Stadt Delft, und Jan Hendrikß von 
Schwartewael, Steuermann, ohne Folter und eiserne 
Bande bekannt haben, daß sie von der bösen und ver- 
dammten Sekte der Wiedertäufer seien, auch daß sie 
in verschiedenen verbotenen und unerlaubten Ver- 
sammlungen gewesen, nicht weniger, daß sie wieder 
getauft worden seien und einigen von ihren Kindern 
das heilige Sakrament der Taufe hinterhalten, und daß 
sie auch von der Messe eine sehr böse Lehre hätten, 
daß sie auch das Sakrament des Altars, wie auch alle 
übrigen Sakramente, Gottesdienste und Zeremonien 
der heiligen römisch-katholischen Kirche verachten 
und gar verwerfen, ja, was noch ärger ist, da dieselben 
bei ihrer vorgemeldeten verdammten und verworfe- 
nen Ketzerei verharren, ohne daß sie irgend Buße 
hätten tun, oder davon abweichen wollen, aller gu- 
ten Ermahnungen ungeachtet, welche verschiedene 
gute, geistliche katholische Personen ihnen oft gege- 
ben haben, was außerordentliche, böse und ärgerliche 
Sachen sind, welche, andern zum Beispiele, nicht un- 


gestraft bleiben dürfen, so ist es geschehen, daß die 
Gerichtsherren der Stadt Delft den vorgemeldeten Ge- 
fangenen Martin Janß und Jan Hendrikß nach Anwei- 
sung und Vollmacht der Befehle, die von der königli- 
chen Majestät herausgegeben worden sind, verurteilt 
haben und hiermit verurteilen, daß sie auf die Schau- 
bühne geführt werden sollen, die auf dem Marktfelde 
dieser Stadt errichtet werden soll, und dort an einen 
Pfahl gebunden und mit Feuer verbrannt werden sol- 
len, bis der Tod darauf erfolgt; sodann aber sollen ihre 
Leichname von da nach dem Galgenplatze geführt, 
und dort an Pfähle gestellt werden; ferner erklären sie, 
daß sie aller ihrer Güter verlustig seien, und daß die- 
selben zum Nutzen der königlichen Majestät verfallen 
sein sollen; auch verurteilen sie ferner die Gefangenen 
zu den Unkosten ihrer Gefangenschaft und zu den 
Kosten des Gerichts. 

Geschehen den 8. Februar im Jahre 1572 nach der 
Zeitrechnung in Delft. 

Nota - Die Zeit in dem Originale scheint das Jahr 
1570 zu sein, welches zwei Jahre früher ist; aber es 
ist ein Irrtum, welches aus verschiedenen Umstän- 
den zu ersehen, die darauf folgen, wie auch aus der 
Zeit, da Jan Hendrikß seine Briefe in dem Gefängnisse 
geschrieben hat. Dieses dient zur Nachricht. 

Ausgezogen aus dem ersten Buche des Blutgerichts, 
Blatt 195, welches in der Kanzlei der Stadt Delft nie- 
dergelegt ist, den 23. August im Jahre 1659. Der Schrei- 
ber in Delft. 

Ein Brief von Jan Hendrikß, im Gefängnisse zu 
Delft an sein Weib geschrieben. 

Der Gott aller Gnade, der uns von der Macht der Fins- 
ternis zu seinem ewigen Reiche durch Jesum Chris- 
tum berufen und uns, wie der Prophet sagt, mit einer 
ewigen Liebe zusammen verbunden hat, der wolle 
dir, mein liebes Weib, nach dem Reichtum seiner Gna- 
de und Herrlichkeit verleihen, stark zu werden mit 
Kraft, durch seinen Heiligen Geist an dem inwendi- 
gen Menschen, damit du standhaft und unbeweglich 
stehen bleiben mögest, in dem Glauben und der Lie- 
be, sowie den Frieden Gottes, zu deiner Seele Heil 
und zum Preise Gottes, damit du das unbefleckte, 
unverderbliche und unvergängliche Erbe, sowie die 
Krone des ewigen Lebens empfangen mögest, welche 
Gott allen denen verheißen hat, die ihm von ganzem 
Herzen dienen und ihn lieben. Dieses wünsche ich, 
Jan Hendrikß, Lysbeth Jans, meinem lieben Weib, aus 
meinen Banden und in meiner letzten Zeit zu einem 
herzgründlichen Gruße in dem Herrn, Amen. 

Ferner, nebst allem gebührlichen Gruße an dich, 
mein geliebtes Weib Lysbeth Jans, lasse ich dich wis- 



644 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


sen, daß ich noch tapfer und wohlgemut bin in dem 
Herrn, und hoffe durch seine Hilfe bei seinem Worte 
und der Wahrheit zu bleiben, ohne dessen Beistand 
es nicht möglich ist, solches zu tun; ich hoffe auch, 
daß er meinen Schatz bis an das Ende bewahren und 
mich aus der Löwen Rachen erlösen werde, damit sie 
mich nicht mit ihren Zähnen zerreißen, wie ich denn 
hoffe, daß es mit dir auch so sein werde, und wie ich 
dir denn auch von Herzen zutraue, daß du mit mir 
noch eines solchen Willens und Sinnes bist, um ihm 
alle Tage deines Lebens in Gerechtigkeit und Heilig- 
keit zu dienen; auch hoffe ich, daß dich Gott hierin 
stärken und bewahren werde, wie er bisher noch ge- 
tan hat; wofür er gelobt sein müsse. Sodann, mein 
liebes Weib, weil die Zeit meines Abschiedes, nach 
menschlicher Einsicht, sehr nahe ist, so kann ich dei- 
ner nicht vergessen, sondern muss dir aus Liebe noch 
ein wenig schreiben, um der großen Liebe willen, die 
ich zu dir habe, und weil du mir in meinen Banden, 
mit Bitten und Schreiben auf mancherlei Weise so viel 
Liebe bewiesen hast, wofür ich dir danke; in dem ho- 
hen Himmel müsse es dir von Gott belohnt werden; 
ich danke dir auch herzlich für deinen letzten Brief, 
welcher sehr köstlich war, denn als wir ihn durchla- 
sen, erfreuten wir uns so sehr über den großen Trost, 
daß wir beide weinten, weil du mich so lieb hast, und 
ich dich ebenfalls; darum muss ich noch ein wenig 
Sorge für dich tragen, und dich ermahnen als meine 
Geliebteste; nicht, meine liebe Jans Tochter, als ob ich 
ein Misstrauen zu dir hätte, daß du nicht in der Furcht 
Gottes wandeln würdest. Ach, nein! ich traue dir nur 
alles Gute zu, aber daß ich so für dich Sorge trage, 
das geschieht aus lauterer, klarer Liebe, weil ich deine 
Seele sehr liebe; darum wünsche ich oft, daß der Herr 
dich vor mir hinnehmen wolle, denn ich sehe wohl, 
wie gefährlich es ist, in den Himmel zu kommen, und 
wie bald der Mensch verdorben ist, wie Paulus uns 
warnt: Wer meint, daß er stehe, der sehe zu, sagt er, 
daß er nicht falle. 

Darum, liebe Jans Tochter, halte mir dieses zu gut, 
darum bitte ich dich, wie ich denn auch hoffe, daß 
du solches tun werdest. Überdies bitte und ermahne 
ich dich, daß du allezeit in rechter, ungeheuchelter 
Furcht Gottes wandeln wollest, denn die Gottesfurcht 
ist doch der rechte Grund, dem Herrn zu gefallen, und 
ohne Gottesfurcht ist es unmöglich, Gott zu gefallen; 
denn durch die Gottesfurcht hütet man sich vor dem 
Bösen, und meidet das Unrecht, indem, wenn man be- 
denkt, daß Gott die Sünder so grausam strafen wird, 
so fürchtet man ihn aus diesem Grunde; wäre das 
nicht, so hätte man nicht nötig, ihn zu fürchten; aber 
wenn man daran denkt, so scheut und meidet man 
das Unrecht, und die ihn nicht fürchten und scheuen. 


treiben viel ungöttliches Wesen; ferner, meine liebe 
Jans Tochter, bitte ich dich, du wollest dich an den 
Weinstock Christum festhalten; bleibe in Christo, und 
Christus in dir, dann wirst du wie eine fruchtbare 
Weinrebe sein, voll guter, schöner Früchte; dann wird 
dich der Vater reinigen, damit du reichliche Früch- 
te hervorbringst, denn wer nicht in ihm bleibt, und 
von ihm abweicht, der wird von ihm abgeschnitten 
wie eine verdorrte Weinrebe; eure Sünden scheiden 
euch und euren Gott voneinander (sagt der Prophet). 
Sieh, liebe Jans Tochter, hier haben wir eine klare, aus- 
drückliche Schriftstelle, welche uns lehrt, wodurch 
ein Mensch von Christo, dem Weinstocke, geschnit- 
ten wird, und was das Abscheiden sei, wodurch man 
von Gott geschieden wird, nämlich die Sünde, denn, 
wenn man die Sünde tut, so wird man mit der Sünde 
von Gott geschieden. Darum, mein liebes Weib, bitte 
ich dich noch einmal, du wollest dich doch fest an 
den Herrn halten, und die Sünde wie eine Schlange 
meiden, damit du ihr nicht zu nahe kommst, und von 
ihr verschlungen werdest, denn ihre Zähne sind wie 
Löwenzähne, und töten der Menschen Seelen. Dar- 
um sollen wir uns ja vor der Sünde hüten, denn Gott 
warnt den Menschen wohl vor der Sünde; aber er 
wehrt sie dem Menschen nicht, wenn er sie selbst 
tun will, wie wir viele Exempel in der Schrift haben, 
z. B. an Adam und mehreren andern; auch bitte ich 
dich, du wollest in dem Leiden, das um Christi willen 
über dich kommt, geduldig sein und leidsam, denn 
die Leidsamkeit ist sehr gut für die Christen, indem 
Christus sagt: Fasst eure Seelen in Geduld; ferner sagt 
auch Paulus: Geduld ist euch nötig, damit ihr den Wil- 
len Gottes tut, und die Verheißung empfangt. Paulus 
durfte wohl mit Recht sagen, daß uns Geduld nötig 
sei, was ich in meinen Banden auch wohl erfahren 
habe; ferner sagt Paulus: Lasst uns durch Geduld lau- 
fen in dem Streite, der uns vorgelegt ist, und auf den 
Herzog des Glaubens und Vollender Jesum Christum 
sehen, welcher statt der ihm vorgelegten Freude Ver- 
achtung und Schande erduldete; gedenkt dessen, der 
ein solches Widersprechen von den Sündern wider 
sich gelitten hat, damit ihr nicht ablasst, oder in eurem 
Mute müde werdet. 

Sieh, liebe Jans Tochter, auf solche Weise werden 
wir zur Geduld ermahnt, denn durch Leidsamkeit 
und Geduld kann man viel Druck und Leid über- 
winden; wer aber unleidsam und ungeduldig ist, der 
kann in dem Leiden Christi nicht stehen bleiben. Dar- 
um darf Sirach wohl mit Recht sagen: Wehe denen, 
welche die Geduld verloren haben und zur Seite ab- 
gewichen sind, auf verkehrte Wege, wie will es ihnen 
ergehen, wenn sie der Herr heimsuchen wird? Liebe 
Jans Tochter, habe Acht auf die heilige Schrift, und 



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beweise dich doch in allen Dingen als eine Dienerin 
Gottes, in großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in 
Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen, in Aufruhr, 
in Arbeit, in Wachen, in Fasten, in der Keuschheit, in 
der Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, in dem 
Heiligen Geiste, in ungefärbter Liebe, in dem Worte 
der Wahrheit, in der Kraft Gottes, durch Waffen der 
Gerechtigkeit, zur Rechten und Linken, durch Ehre 
und Schande, durch böse Gerüchte und gute Gerüch- 
te; als die Verführer, und dennoch wahrhaftig, als die 
Unbekannten, und dennoch bekannt, als die Sterben- 
den, und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten und 
doch nicht getötet, als die Traurigen, aber allezeit fröh- 
lich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; 
als die ja nichts innehaben, und doch alles haben. Sieh, 
meine Geliebteste, merke auf diese Worte, und war- 
te auf die Zukunft des Herrn, wenn er wie ein Dieb 
in der Nacht kommen wird, und habe allezeit Öl in 
deiner Lampe, und lasse sie nicht erlöschen, sondern 
stehe allezeit bereit, den Herrn, deinen Bräutigam, 
einzulassen, samt den weisen und klugen Jungfrauen; 
habe allezeit das brennende Licht in deiner Hand, und 
stehe umgürtet an deinen Lenden, als eine, die auf ihn 
wartet, damit du nicht überfallen werdest. Wandle 
allezeit, zu allen Stunden, wie du hoffst, vor ihm zu 
erscheinen, und lege dich nicht schlafen mit einem un- 
ruhigen und anklagenden Gewissen, sondern reinige 
dein Herz vor Gott und deinem Nächsten; handle und 
wandle allezeit nach der rechten Vorschrift der Schrift, 
denn die Schrift zeigt immer auf Christum hin; dann 
wirst du nicht zu Schanden, noch betrogen werden, 
oder fehlen. Wenn du solches tust, so wird der Gott 
des Friedens mit dir sein, und dir den Eingang zum 
ewigen Leben reichlich zubereiten. 

Darum, mein liebes Jans Kind, sei doch geduldig 
in allerlei Druck und Angst, und nimm dir das Lei- 
den und die Langmut Christi, und die Propheten, die 
zu euch im Namen des Herrn geredet haben, zum 
Beispiele. Siehe, sagt Jakobus, wir preisen selig, die 
gelitten haben, die Geduld Hiobs habt ihr gehört, und 
das Ende des Herrn habt ihr gesehen; selig ist der 
Mann, der die Anfechtung erduldet, denn nachdem 
er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfan- 
gen, welche der Herr denen verheißen hat, die ihn 
lieb haben. 

Siehe, liebes Jans Kind, wer überwindet, soll alles 
besitzen, und ihm soll kein Leid widerfahren von dem 
zweiten Tode; wer überwindet, und meine Werke bis 
ans Ende hält, dem will ich Macht geben über die 
Heiden, und er wird sie mit einer eisernen Rute regie- 
ren, und er wird sie wie ein Häfnersgefäß zerbrechen, 
wie Christus von seinem Vater bezeugt hat; und wer 
überwindet, dem will ich geben, mit mir auf meinem 


Throne zu sitzen, gleichwie ich überwunden und mit 
meinem Vater auf seinem Throne gesessen habe; wer 
überwindet, dem will ich von dem verborgenen Him- 
melsbrote zu essen geben, und ich will ihm einen 
Stein geben und auf denselben einen neuen Namen 
schreiben, welchen niemand kennt, als der, der ihn 
empfängt; wer überwindet, soll alles besitzen. Summa, 
liebes Jans Kind, die Schrift ist voll von den großen 
Belohnungen der Frommen, darum suche das was 
himmlisch, und nicht was irdisch ist; denn die irdisch 
gesinnt sind, deren Ende ist die Verdammnis. Darum 
sehne dich nach den unvergänglichen Schätzen, die 
von keinen Dieben gestohlen werden können, näm- 
lich nach den himmlischen Gütern, die nicht vergehen, 
sondern ewig währen bei dem Vater. 

Laß dein Nachsinnen in dem Worte des Herrn sein, 
bekümmere dich Tag und Nacht um seine Gebote 
und Rechte, warte auf seine Zukunft und verlange 
darnach, meide jeden bösen Schein, und stelle dich 
nicht an, als ob du noch viele Jahre leben würdest, son- 
dern wandle so vor dem Herrn, als ob du zur Stunde 
sterben solltest. Lasse das Getön und den Klang der 
Trompeten der Engel allezeit in deinen Ohren sein, 
wenn die Toten werden auferstehen und vor Christi 
Richterstuhl erscheinen müssen, damit ein jeder emp- 
fange, nach dem er getan hat, es sei gut oder böse; 
denn der Herr, sagt Paulus, wird selbst mit einem 
Feldgeschrei und der Stimme des Erzengels und mit 
der Posaune Gottes vom Himmel herniederkommen, 
und die Toten in Christo werden zuerst auferstehen; 
sodann aber werden wir, die wir leben und überblei- 
ben, zugleich mit denselben hingerückt werden in den 
Wolken, dem Herrn entgegen in der Luft, und werden 
also bei dem Herrn sein allezeit. 

So tröstet euch nun sämtlich mit diesen Worten, 
meine Geliebtesten, denn der Tag des Herrn wird 
kommen, wie ein Dieb in der Nacht, in welchem die 
Himmel mit großem Krachen vergehen und die Ele- 
mente vor Hitze zerschmelzen, und die Erde, und 
die Werke, welche darinnen sind, mit Feuer verge- 
hen werden. Wenn nun das alles vergehen soll, wie 
müssen wir dann geschickt sein, mit einem heiligen 
Wandel und gottseligen Leben? Merke wohl, mein 
liebes Jans Kind, wie müssen wir dann geschickt sein 
(sagt Petrus); deshalb sollen wir es uns denn nicht 
verdrießen lassen, wenn wir hier auch viele Trübsale 
um des Namens Christi willen leiden müssen. Wenn 
jemand als ein Christ leidet (sagt Petrus), der schäme 
sich nicht, sondern befehle Gott seine Sache, denn es 
ist Zeit, daß das Gericht an dem Hause Gottes anfan- 
ge, da aber zuerst an uns, was wird es dann für ein 
Ende werden mit denen, die dem Evangelium Gottes 
nicht glauben? Und da der Gerechte kaum erhalten 



646 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


wird, wie wird der Gottlose und Sünder erscheinen? 
Auch steht in den Sprüchen: Da es dem Gerechten 
hier vergolten wird, wie will es denn dem Sünder 
gehen? Und tut man dieses am grünen Holze (sagt 
Christus), was wird dann am dürren geschehen? Sieh, 
meine Geliebteste, hat Christus, die ewige Wahrheit, 
leiden müssen, ehe er in seines Vaters Reich ging, um 
wie viel mehr seine Glieder? Denn er sagt selbst, daß 
der Knecht nicht besser sei, als sein Herr; haben sie 
mich verfolgt, so werden sie euch auch verfolgen; ha- 
ben sie mein Wort gehalten, so werden sie das eure 
auch halten; aber dieses alles werden sie euch tun um 
meines Namens willen, denn sie kennen den nicht, 
der mich gesandt hat, und da der Gerechte hier lei- 
den muss, wo soll denn der Sünder erscheinen? Dar- 
um alle, die nach dem Willen Gottes leiden, befehlen 
ihre Seelen dem treuen Schöpfer mit guten Werken 
(sagt Petrus). So gib dich denn, mein liebes Jans Kind, 
so gut zufrieden, als du kannst, wenn uns auch die 
Menschen hier scheiden, so werden sie doch nach- 
her keine Gewalt mehr an uns haben; dann werden 
wir in großer Standhaftigkeit wider diejenigen stehen, 
die uns geängstigt haben, und sie werden sagen: Das 
sind die, welche wir verspottet und verhöhnt haben; 
wir unsinnige Menschen haben den rechten Weg ver- 
fehlt, und das Licht der Gerechtigkeit hat uns nicht 
geschienen; dann wird Carolus, mit seinen blutigen 
Befehlen, keine Gewalt mehr haben, so wenig als dieje- 
nigen, welche sie ausführen; die blutdürstigen Pfaffen 
werden alsdann Gottes Volk nicht mehr hassen, son- 
dern wir werden mit dem Herrn leben, von Ewigkeit 
zu Ewigkeit, und werden aus- und eingehen wie die 
Mastkälber; dann wird diese große Trübsal vergessen 
sein, und wird in große Freude verwandelt werden, 
welche kein Ende nehmen wird, denn tausend Jah- 
re werden alsdann nur ein Tag zu sein scheinen, vor 
großer Freude (2Pt 3,8). 

Darum, meine Geliebteste, tröste dich nun mit die- 
sen Verheißungen, denn der ist getreu, der es verhei- 
ßen hat, und wartet ihrer mit Geduld und Langmut; 
ich hoffe auch dich unter dem Altäre zu erwarten. 

Hiermit will ich dich Gott befehlen, der Israel durch 
das rote Meer und durch die Wüste gebracht hat, bis 
sie im Lande der Verheißung waren; derselbe müsse 
dich auch in sein ewiges Reich bringen; ich wollte 
wohl von Herzen, daß ich dich mitnehmen könnte, 
aber du musst die Zeit mit Geduld erwarten. 

Hiermit schreibe ich dir für eine kurze Zeit gute 
Nacht, denn künftighin denke ich nicht mehr dir zu 
schreiben, aber ich hoffe mit dir noch mündlich zu 
sprechen in des Himmels Throne. 

Gute Nacht, liebes Weib, tausendmal gute Nacht, 
halte dich tapfer in der Wahrheit, und wandle recht 


auf dem engen Wege, bis der Herr kommt; ich danke 
dir auch sehr herzlich für die große, übermäßige Liebe, 
die du an mir erwiesen hast; in der Not spürt man die 
beste Liebe. 

Auch sage ich allen Freunden gute Nacht; sie na- 
mentlich anzuführen ist zu viel; sage auch meinem 
Sohne Hendrik Janß gute Nacht, und melde ihm, daß 
er ein gutes Kind werden und unsern lieben Herrn 
fürchten lernen soll, denn alle frechen, gottlosen Kin- 
der werden nicht in den Himmel kommen, sondern in 
die Hölle fahren; auch soll er fleißig lernen und in die 
Schule gehen, und nicht mit frechen Kindern spielen 
und laufen, sondern seiner Mutter, seinem Großvater 
und seiner Großmutter gehorsam sein; auch soll er 
sich nicht angewöhnen, übel zu reden, oder zu lügen, 
denn der Mund, welcher lügt, tötet die Seele. Ferner, 
Lysbeth Jans, die Briefe nach Delft magst du sie behal- 
ten lassen, dann hast du keine Mühe damit, weil sie 
die Briefe zuvor lesen lassen will, wie sie mir schreibt; 
ich sende dir mit diesem Briefe drei Geldstücke, von 
denen jeder von euch eins als einen Gedenkpfennig 
haben soll; du eins, mein Sohn eins und meine Tochter 
eins; aber meiner Tochter kannst du das Geringste ge- 
ben, wenn es dir beliebt. Das Bett kannst du die Frau 
nachzahlen lassen wie auch den Mantel, und daß ich 
ihm sehr danke. Nun, mein liebes Jans Kind, halte 
dich tapfer; ich schreibe dir hiermit gute Nacht, gute 
Nacht, liebes Jans Kind; gib dich doch so viel zufrie- 
den, als du kannst; du hättest dich ja zufrieden geben 
müssen, wenn ich auf der See geblieben wäre; es muss 
einmal geschieden sein. Du kannst nun wieder nach 
Hause fahren, bitte doch den Herrn für mich; ich hoffe 
deiner nicht zu vergessen. Grüße die Freunde, wenn 
es sich fügen will. Gute Nacht, mein liebes Jans Kind; 
du weißt wohl, warum ich leide. 

Geschrieben den 4. Februar im Jahre 1571, von mir, 
Jan Hendrikß. 

Einige Verhörpunkte des Jan Hendrikß. 

Nachdem einige Brüder von mir begehrt haben, ich 
sollte ihnen darüber ein wenig schreiben, worüber 
mich die Herren, als ich vor ihnen war, meines Glau- 
bens wegen gefragt haben, so kann ich nicht anders, 
sondern muss ihnen ein wenig von den Antworten 
schreiben, die ich ihnen nach meinem geringen Fi- 
scherstande, den mir der Herr gegeben hat, erteilt 
habe; auch hat mich der Schultheiß weder viel, noch 
gründlich gefragt, wie ihr noch wohl hören werdet. 
Nachdem ich vierzig Wochen gefangen gesessen hat- 
te, bin ich, den fünften Juni, als man siebzig schrieb, 
wenn ich es recht behalten habe, das erste Mal gefor- 
dert worden, um vor die Herren zu kommen. Als ich 



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nun in das Zimmer der Gerichtsherren kam, waren 
dort die Gerichtsherren mit dem Schulzen und den 
Bürgermeistern versammelt; da entblößte ich mein 
Haupt, und bot ihnen einen guten Tag, was sie auch 
erwiderten; dann sagte der Schultheiß, ich sollte mich 
auf eine Bank sehen, was ich auch tat; darauf fragte 
mich der Schultheiß, wie alt ich wäre; ich erwider- 
te, daß ich solches nicht wüsste; aber, sagte ich, du 
kannst 28 Jahre schreiben; solches wurde niederge- 
schrieben. Wo bist du geboren? Im Schwärtewael. Wie 
lange hast du auf dem Hafen gewohnt? Fünf Jahre, 
mit Einschluss der Zeit, die ich hier gefangen gelegen 
habe, sagte ich. Ja, sagte der Schultheiß, das ist eben 
eins. Da fragte mich der Schultheiß, warum ich nicht 
meine Kinder hätte taufen lassen. Weil ich es niemals 
gelesen habe, daß die Kinder von den Aposteln ge- 
tauft worden sind; auch findet man, sagte ich, das 
nicht in der Schrift; hierauf wurde niedergeschrieben: 
Jan Hendrikß hat uns bekannt, daß er seine Kinder 
nicht habe taufen lassen, weil er niemals in der Schrift 
gelesen hat, daß Kinder getauft worden seien. Darauf 
fragte mich der Schultheiß, wie viel Kinder ich hätte, 
ob ich nicht mehr hätte als die beiden, die er hatte 
taufen lassen; ich erwiderte: Nein. Wie alt sind die 
Kinder? Antwort: Das älteste ist drei Jahre, das ande- 
re aber ungefähr ein Jahr alt. Darnach fragte mich der 
Schultheiß, ob ich es wohl gewusst hätte, daß man die 
Kinder taufte; ich antwortete: Ja, ich habe das selbst 
gesehen. Frage: Warum hast du denn deine Kinder 
nicht taufen lassen? oder bist du vielleicht besser und 
weiser als deine Voreltern waren? Antwort: Daß ich 
meine Kinder nicht habe taufen lassen, kommt daher, 
weil ich es niemals gelesen habe, daß Kinder getauft 
worden seien. Darauf sagten sie, es seien ja ganze 
Haushaltungen getauft worden. Antwort: Es steht 
von ganzen Haushaltungen; aber es steht auch dabei, 
daß sie sich alle erfreuten, weil sie in dem Herrn gläu- 
big geworden waren; das können aber keine Kinder 
tun; solches gestanden mir auch einige Herren zu. Da 
fragte mich der Schreiber, wo es verboten wäre, die 
Kinder zu taufen. Ich fragte ihn, wo es verboten wäre, 
zu Würfeln; darauf sagte er, daß es genug verboten 
wäre; aber er konnte mir das nicht beweisen. Da sagte 
ich: Es ist nirgends verboten; gleichwohl weiß ein je- 
der, daß es nichts nutzt, wie sie selbst auch bekannten, 
daß es nicht gut wäre, denn, sagte ich, es ist nicht alles 
in heiliger Schrift verboten, was böse ist, und setzte 
hinzu, daß es niemandem erlaubt sei, einen Gebrauch 
einzuführen, die Kinder zu taufen, oder man müsste 
solches aus der Schrift beweisen. 

Darauf fragte mich der Schultheiß, ob ich mich hätte 
taufen lassen. Antwort: Ich habe mich einmal taufen 
lassen, und ich weiß nur von einer Taufe. Darauf frag- 


te mich der Schultheiß, ob ich mehr getauft wäre, als 
in meiner Kindheit. Antwort: Ich habe mich einmal 
taufen lassen, nach der Schrift, als man 63, den letzten 
Tag März schrieb. Darauf sagte der Schultheiß: Es ge- 
schah, als man 64 schrieb; du hast mir solches selbst 
bekannt, als ich dich gefangen nahm. Es war, sagte 
ich, als man 63 schrieb; ich will das nicht leugnen, 
wenn es auch ein Jahr mehr oder weniger ist. Hierauf 
sagte der Schultheiß: Vielleicht haben wir einander 
nicht recht verstanden. Solches ließ er auch so nie- 
derschreiben: Jan Hendrikß hat sich taufen lassen, als 
man 63 schrieb, den letzten März, und das nach Inhalt 
der Schrift. Damals warst du noch nicht alt, sagte der 
Schultheiß. Das ist wahr, erwiderte ich. Darauf fragte 
er, ob ich nicht wüsste, daß ich in meiner Kindheit 
getauft worden wäre. Ich habe es wohl sagen gehört, 
sagte ich, aber ich erinnere mich dessen nicht. Das 
glaube ich wohl, sagte der Schultheiß; was war das 
für ein Mann, der dich taufte, wo war er her, und 
was war sein Name? Antwort: Ich fragte ihn nicht um 
seinen Namen; ich habe ihn mein Leben lang nicht 
gesehen, und habe ihn auch seit der Zeit nicht wieder 
gesehen, so viel ich weiß. Dies wurde wieder so voll- 
ständig niedergeschrieben, als ich es ihnen bekannte. 
Frage: Wo wohnt er? Antwort: Ich weiß es nicht. Fra- 
ge: Weißt du nicht, wo er her war? Antwort: Ich werde 
euch das nicht sagen; ich will niemanden nennen. Fra- 
ge: Warum? Antwort: Weil ich niemanden beschweren 
will; es sind ihrer schon genug in dem Drangsale; auch 
habt ihr Mühe genug mit uns. Frage: War niemand 
dabei, als du getauft wurdest? Antwort: Ja. Frage: Wel- 
che waren es, und wie heißen sie? Antwort: Solches 
will ich nicht sagen. Frage: Wo geschah es, und an 
welchem Orte? Antwort: In Holland. Darauf sagte der 
Schultheiß: Holland ist groß, an welchem Orte? Ich 
erwiderte: Was wollt ihr mich viel nach dem Platze 
fragen; wenn ich euch denselben nennte, so würdet 
ihr noch mehr wissen wollen; ich aber begehre nie- 
manden zu beschweren; endlich nannte ich ihnen den 
Ort und sagte, daß es zu Delftshaven geschehen sei. 
Frage: In welchem Hause? Antwort: Ich werde das 
nicht sagen. Frage: Wie hießen die Leute, die dort im 
Hause waren? Antwort: Ich will niemanden nennen. 
Frage: Warum? Sind die Leute und das Haus so heilig, 
daß man sie nicht nennen darf? Antwort: Wenn ihr 
sie wüsstet, so würdet ihr sie nicht zufrieden lassen; 
auch will ich niemanden beschweren; ihr habt mit 
uns Mühe genug. Da fragte der Schultheiß, wie lange 
ich mein Weib gehabt hätte, und wo ich sie geheiratet 
hätte. Antwort: Ungefähr fünf Jahre, wobei ich ihnen 
sagte, daß ich sie vor der Christen Kirche geheiratet 
hätte. Frage: Vor welcher Kirche? Du hast sie ja nicht 
vor der Kirche, die auf Delftshaven steht, geheiratet. 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Antwort: Nein. Das wurde auch niedergeschrieben, 
daß ich sie vor der Christen Kirche geheiratet hätte. 
Frage: Wer war dabei? Antwort: Solches will ich euch 
nicht sagen. Darauf sagte der Schultheiß, ich sollte die 
Leute nennen, oder er wollte mich peinigen. Antwort: 
Herr Schultheiß, wer hat dich das gelehrt? Da sagte 
der Schultheiß, er hätte die Macht, um mir solches an- 
zutun; auch drohte er mir sehr, und als er hörte, daß 
ich niemanden nennen wollte, sagte er zu dem Schrei- 
ber, daß er schreiben sollte, Jan Hendrikß hat uns alle 
dergleichen Dinge bekannt, wie ich ihnen gesagt hat- 
te, aber er hat niemanden genannt, weil er niemanden 
beschweren will. Als mich der Schultheiß so gefragt 
hatte, wünschte er mich viele Meilen weit weg; ich 
sagte zu ihnen, ich wollte wohl, daß ich auf Hitland 
wäre. Darauf sagte der Schultheiß: Wo ist das? Wo 
die Heringsschiffer den Hering fangen? Ja, ich wollte 
wohl, daß du dort ständest, sagte der Schultheiß, mit 
allen denen, die von eurer Religion sind. Einer von 
den Herren, von welchem man mir sagte, daß ein Bür- 
germeister wäre, wollte mit mir von der Taufe reden, 
und fragte mich, ob ein Mensch, der ein christliches 
Leben führte, der sich aber nicht taufen ließe, selig 
werden könnte, oder ob das ihm an seiner Seligkeit 
hinderlich wäre; darauf sagte ich: Nein, denn sonst 
müsste die Seligkeit durch das Wasser kommen; aber 
die Taufe ist ein Befehl Christi, darum muss man sie 
gebrauchen. Hierauf erzählte er, daß wir dafür hielten, 
daß man keine Kinder taufen sollte, und fragte mich, 
zu welcher Zeit man sie denn taufen sollte, und wie 
alt sie sein müssten. Darauf antwortete ich ihm, daß 
die Schrift kein bestimmtes Jahr vorschreibe, ob sie 
zwanzig, dreißig, fünfzig oder hundert Jahre alt sein 
müssten; wenn sie Buße täten, und solches begehr- 
ten, so möchte es geschehen; und in solcher Weise 
gebrauchten wir die Taufe, aber nicht eher, sagte ich, 
und so hat es Christus gelehrt, und die Apostel haben 
es so beobachtet. Darauf sagten sie, das hätte damals 
so sein müssen, daß man damals die alten Menschen 
taufte; jetzt aber muss man die Kinder taufen, denn es 
war damals der Anfang, oder im Entstehen; dies war 
ihr Einwand. Darauf fragte ich den Bürgermeister, ob 
Christus nicht, Mt 23 und Mk 16, befohlen hätte: Geht 
hin und lehrt alle Völker, und tauft sie im Namen des 
Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes; ob die 
Apostel solches nicht unterhalten, und das Volk zu- 
erst gelehrt, nachher aber getauft hätten? Darauf sagte 
er: Ja, denn man findet ja, sagte er, daß ihrer an 5000 
auf einmal oder zu gleicher Zeit getauft worden sind. 
Darauf fragte ich ihn abermals, ob er denn bekenne, 
daß man damals alte Leute getauft habe? Ja, sagte 
er. Nun wohlan, sagte ich, man findet ja klar genug, 
daß die Apostel mehr als zehn oder zwanzig Jahre 


in der Welt zugebracht und zuerst alte Leute getauft 
haben, wie ihr selbst bekennt, und solches musste 
damals so geschehen, weil es der Anfang war; und 
weil man denn findet, daß sie eine so lange Zeit in der 
Welt zugebracht haben, so sind ja, in solcher langen 
Reihe von Jahren, Kinder genug zur Welt gekommen, 
was er auch bekannte; ferner sagte ich: Beweise mir 
einmal, wo die Apostel in solcher langen Zeit Kinder 
getauft und die Taufe auf die Kinder verändert haben, 
denn ihr sagt, daß man damals die alten Leute hätte 
taufen müssen, daß man jetzt aber die Kinder taufen 
müsse; hätten die Apostel die Taufe verändern wollen, 
oder gewollt, daß man sie verändern sollte, sie hätten 
selbst Zeit genug gehabt, denn sie waren lange genug 
in der Welt, indem Paulus sagt: Ich habe euch nichts 
verhalten, daß ich nicht jeden Rat Gottes verkündigt 
hätte; aber sie konnten mir das nicht widerlegen. Dar- 
auf sagte der älteste Gerichtsherr, man würde mir das 
wohl beweisen; aber es ward nichts daraus. Eben der- 
selbe Gerichtsherr meinte, daß Gott den Menschen 
einmal erschaffen, und nicht mehr, und daß er die 
Beschneidung dem Abraham einmal befohlen habe, 
und nicht mehr; ebenso habe er auch die Taufe einmal 
befohlen, und nicht mehr. Antwort: Das ist wahr; da 
aber Gott den Menschen Adam einmal erschaffen hat, 
und nicht mehr, und da er ihnen die Beschneidung 
einmal befohlen hat, und nicht mehr, und ihnen die 
Taufe einmal befohlen hat, und nicht mehr, und sie 
solche unverändert behalten haben, warum haben sie 
denn die Taufe von den alten Leuten auf die Kinder 
übertragen? Sie sagten: Wer hat sie verändert? Ant- 
wort: Die Kindertäufer. Da baten sie mich, daß ich 
die Sache wohl überlegen sollte, daß ihnen nichts am 
Verbrennen gelegen wäre. Ich antwortete ihnen: Das 
weiß ich wohl; ich habe keinen Sinn zum Verbrennen, 
es ist nichts am Verbrennen gelegen; wenn ich nicht 
wüsste, daß ich Recht hätte, so wollte ich lieber mit 
Schanden nachgeben, als mit Ehre den Leib lassen; 
denn es ist keine geringe Sache, sich an einem Pfahle 
verbrennen zu lassen; ich habe so große Lust nicht 
zum Sterben; ich wollte mein Leben lieber behalten, 
wenn es Gottes Wille wäre. Ja, sagten sie, du magst 
es wohl überlegen. Darauf sagte der Schultheiß: Jan 
Hendrikß, du hast uns das bekannt (und er ließ mein 
Bekenntnis und alles, was ich bekannt hatte, in meiner 
Gegenwart vorlesen), willst du nun etwas nachgeben, 
so werden meine Herren ihr Bestes tun, um dich zu 
befreien. Antwort: Meine Herren, ich stelle mich ganz 
zu eurer Verfügung; wenn man mir beweisen kann, 
daß ich Unrecht habe, und wenn ich das fühlen kann, 
will ich von dem Bösen abstehen. Das ist gut, sagten 
sie, und setzten hinzu, ich sollte den Herrn um Gna- 
de bitten, daß er mir einen guten Verstand verleihen 



649 


möge. Das will ich gern tun, sagte ich; solches währte 
ungefähr anderthalb Stunden; darauf ließen sie mich 
wieder hinaufführen. Was ich erzählt, enthält die meis- 
ten Fragen, die sie mir vorgelegt haben, so wie ich sie 
behalten habe, und meine schlichte Fischersantwort, 
die ich ihnen gab, nach meinem Gedächtnisse; denn 
es ist wohl sechs Wochen nach dem Verhöre aufge- 
schrieben worden, weil ein Mann bei uns lag, dem 
wir nicht trauen konnten; aber den ganzen Hergang 
der Sache zu schreiben war mir unmöglich, denn mein 
Gedächtnis ist schwach. 

Einige Tage später bin ich abermals vor meinen Her- 
ren, den Schultheißen und einen jungen Pfaffen, den 
Kaplan von der Alten Kirche, gebracht worden, wo 
wir zu dreien in der Gerichtskammer waren. Da fing 
der Pfaffe an zu erzählen, wie er mit einem Manne 
ins Gespräch gekommen sei, und wie sie viele Worte 
miteinander über die heilige Schrift, wie auch über 
das Brennen und Töten gewechselt hätten, denn es 
wären unlängst vier Pfaffen im Haag getötet worden; 
auch hatten die Pfaffen einander erzählt, daß viele 
und voneinander abweichende Auslegungen in der 
Welt von der heiligen Schrift vorhanden wären und 
daß ein jeder für seinen Glauben den Tod litte, und 
dennoch nur einer recht wäre. Dies sagte mir der Pfaf- 
fe und setzte hinzu, sie hätten viele Worte gehabt, und 
dieser Mann hätte von ihm begehrt, daß er einmal mit 
mir reden sollte. Da fragte ich: Was war es für ein 
Mann? Er war von eurer Religion, sagte er, und ein 
Seemann, ein Mann wie du bist. Da fiel mir gleich ein, 
wer es gewesen wäre, aber er ist nicht von unserer 
Religion, denn ich hatte schon zuvor von ihm gehört; 
hierüber gerieten wir scharf aneinander. Der Pfaffe 
fragte mich, es wären ja so viele Religionen, welche 
ich denn für die wahre hielte? Ich fragte: Was habe 
ich mit einem andern zu tun, ich weiß allein von mir. 
Er fragte, ob denn mehr als ein rechter Glaube wäre. 
Nein, sagte ich. Darüber fielen sehr viele Worte; der 
Schultheiß aber hörte zu und bestärkte den Pfaffen 
sehr in seinen Reden, und wenn ich die Schrift wider 
sie beibrachte, so war der Pfaffe darüber aus, mei- 
ne Reden zu verdunkeln, sodass ich dieselben nicht 
erklären konnte; er sagte auch oft zu mir: Du trittst 
immer mit der heiligen Schrift hervor. Ja, sagte ich, 
womit sollte ich hervorkommen, ich habe sonst nichts. 
Ja, sagte er, das weiß ich wohl, daß ihr immer mit 
der Schrift hervorkommt und den Spruch 2Th 2,15 
oft anführt, wo Paulus sagt: So steht nun, liebe Brü- 
der, und haltet an den Satzungen, die ihr gelehrt seid, 
es sei durch unser Wort oder Epistel. Merket wohl 
auf das Wörtlein Wort, damit wollte er beweisen, daß 
außerdem noch mehr Schrift vorhanden wäre, als ge- 
schrieben war, wonach wir auch handeln müssten 


(wie ich seine Reden nicht anders begreifen konnte, 
denn er erzählte sie oft, ehe ich sie ein wenig verste- 
hen konnte), was ja nur ein Ärgernis ist, denn wie 
kann man mehr halten als geschrieben ist? Sie sind 
auf nichts aus, als nur den Sinn der Schrift zu verdun- 
keln, denn sie finden es wohl, daß sie mit der Schrift 
zu kurz kommen; auch können sie es nicht gut leiden, 
daß wir die Schrift des Neuen Testamentes anführen, 
denn wenn wir das tun, so fragen sie zunächst, warum 
mir mehr aus dem Testamente reden, als aus andern 
Schreibern, und woher wir wüssten, daß das Testa- 
ment wahr sei; sie tun auch viele Fragen, die nicht 
erbaulich sind, und springen von dem Ochsen auf 
den Esel; aber wenn sie einige Sprüche in dem Testa- 
mente finden, die ihnen das Wort reden, die müssen 
dann bestehen, dann muss Gottes Wort in Ewigkeit 
bestehen. Als wir auf das Brotbrechen zu sprechen 
kamen, wo Paulus sagt: Nehmt und esst, das ist mein 
Leib, so müssten diese Sprüche festgestellt werden. 
Ich fragte ihn mehr als einmal, ob das Brot, das sie 
den Menschen geben, der Leib Christi sei. Er sagte: Ja, 
wenn wir die Worte darüber gesprochen haben, so ist 
es sein Fleisch und Blut, ja, Seele und Leib; es ist die 
Wahrheit, was ich schreibe. Darauf sagte ich: Ich habe 
zwar wohl mit euch das Brot gegessen, aber ich konn- 
te es in meinem Munde nicht fühlen, daß es Fleisch 
würde, sondern es blieb Brot, wie es war; darüber 
hatten wir viele Worte. Ich sagte, daß Christus selbst 
gesagt habe: Fleisch und Blut sind nichts nütze, aber 
die Worte, die ich rede, sind Geist und Leben. Da kam 
er mit der Frage, ob denn das Fleisch Christi nichts 
nütze? Dergleichen Reden hatten wir viele. Ich sagte, 
daß geschrieben stände, daß der Allerhöchste nicht 
in Tempeln wohne, die mit Händen gemacht sind, 
auch wird er von keines Menschen Händen geehrt. 
Ja, sagte der Pfaffe, eben als ob er jemandes bedürfe, 
denn er bedarf unserer nicht, sondern wir bedürfen 
seiner. Darauf fragte er mich, was ich davon hielte, 
oder dergleichen. Ich antwortete, daß Paulus, IKor 10, 
sagt: Als mit den Weisen rede ich, urteilt ihr selbst, 
was ich sage; der gesegnete Kelch, welchen wir seg- 
nen, ist der nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? 
Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemein- 
schaft des Leibes Christi? Denn ein Brot ist es, so sind 
wir viele ein Leib, weil wir alle eines Brotes teilhaftig 
sind. Seht an den Israel nach dem Fleische, welche die 
Opfer essen, sind die nicht in der Gemeinschaft des 
Altars? So ist denn das mein Bekenntnis, daß es nur 
eine Gemeinschaft mit Christi sei, denn Paulus legt 
es dort mit einem Gleichnisse aus, und sagt: Seht an 
den Israel nach dem Fleische; welche die Opfer essen, 
sind die nicht in der Gemeinschaft des Altars? Nun 
frage ich, sagte ich zu ihnen, was war es, das Israel aß. 



650 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


der Altar oder die Opfer? Sie sagten, die Opfer, aber 
sie wollten es nicht verstehen. Das ist recht, sagte ich; 
gleichwohl waren sie in der Gemeinschaft des Altars; 
ebenso ist es auch mit dem, der das Brot brechen oder 
genießen hilft; sie essen nur Brot und sind gleichwohl 
in der Gemeinschaft des Leibes Christi. Ich fragte, wo- 
mit er seine Messe beweisen wollte? Da kam er mit 
dem Spruche IKor 11: Tut das zu meinem Gedächt- 
nisse; damit bewies er seine Messe. Wohlan, sagte ich, 
da steht nichts von einer Messe. Ich fragte ihn weiter, 
ob man wohl jemanden um seines Glaubens willen 
gefangen nehmen dürfte. Er sagte: Ja. Ich entgegnete: 
Paulus sagt aber: Einen ketzerischen Menschen, wenn 
du ihn ein- oder zweimal ermahnt hast, meide; er sagt 
aber nichts vom Gefangennehmen. Es steht geschrie- 
ben, sagte der Pfaffe, daß die Obrigkeit das Schwert 
nicht umsonst trägt. Ja, zur Strafe der Bösen und zum 
Schutze der Frommen, erwiderte ich; aber habe ich 
Böses getan? Sie sagten: Du hast einer falschen Lehre 
angehangen, und bist in Versammlungen gewesen, 
welche wider die römische Kirche sind, was der Kö- 
nig nicht leidet, indem er sein Land beschützen will; 
denn man hat wohl gesehen, was die von Münster ge- 
tan haben, die darauf aus waren, Städte einzunehmen 
und dem Könige das Land abzujagen. Ich antwortete: 
Die von Münster haben nicht wohl getan; hast du aber 
von mir dergleichen gehört? Ich habe die von Münster 
mein Leben lang nicht gekannt, nein, sondern diesel- 
ben sind aus euch entstanden. Wohlan denn, wenn ihr 
von mir dergleichen gehört hättet, so wärt ihr früh ge- 
nug gekommen, um mich zu fangen, denn man kann 
niemanden mit Recht verbrennen, oder er muss erst 
selbst Böses getan haben, nicht aber um eines andern 
willen; aber der Pfaffe verteidigte die Obrigkeit hierin 
sehr, daß man wohl jemanden wegen seines Glaubens 
gefangen nehmen möchte. Ich sagte: Christus sagte 
ja zu seinen Knechten, als sie das Unkraut ausrotten 
wollten, daß sie solches nicht tun, sondern daß sie 
beides bis auf den Tag der Ernte aufwachsen lassen 
sollten. Der Pfaffe sagte: Man kann wohl an den En- 
den herumgehen, das Unkraut auszurupfen und doch 
das Gute nicht beschädigen. Ich antwortete: Christus 
verbietet solches zu tun, und sagt, daß man beides 
bis auf den Tag der Ernte aufwachsen lassen soll; aber 
der Pfaffe behauptete immer von der Obrigkeit, daß 
es ihr Werk wäre, gefangen zu nehmen, eben als ob 
die Diener der römischen Kirche hierin keine Schuld 
gehabt hätten. Da fragte ich ihn, ob mein Herr, der 
Schultheiß von Delft, der bei uns war, ein Bruder und 
ein Diener ihrer Gemeinde wäre? Dieses fragte ich ihn 
oft, aber er wollte mir darauf keine bestimmte Ant- 
wort geben und wich mir immer aus; indessen ließ 
ich nicht nach, bis er ja oder nein sagen sollte, wozu er 


sich aber ungern verstehen wollte. Der Schultheiß, als 
er sah, daß wir so scharf aneinander kamen, stand vor 
uns und hörte sehr genau zu; darum setzte ich ihm 
um desto mehr zu. Zuletzt sagte er: Ja. So erkennst 
du ihn denn, sagte ich, für einen Bruder und Diener 
eurer Gemeinde? Ja, sagte der Pfaffe. Wohlan, nun 
begehre ich von dir, daß du mir es beweisest, wo die 
Apostel Obrigkeiten in ihrer Gemeinde gehabt hat- 
ten, die den Glauben mit Feuer, Wasser und Schwert 
verteidigt haben, wie ihr tut. Das konnte er mir nicht 
beweisen, sondern kam mit der Rede, Apg 23, wo Pau- 
lus gefangen war, und mehr als vierzig Männer ein 
Gelübde getan hatten, weder zu essen noch zu trin- 
ken, bis sie Paulus getötet hätten; dieses hörte Paulus 
Schwesterkind und hinterbrachte es Paulus, dieser 
aber sandte ihn zum Oberhauptmanne, welchem er 
es sagen sollte; als nun derselbe dieses hörte, sagte 
er zu zwei andern Hauptleuten, daß sie die Tiere fer- 
tig machen und Paulus darauf setzen und bewahren, 
und ihn zum Landpfleger Felix bringen sollten mit 
einer Bedeckung von 200 Kriegsknechten, 70 Reitern 
und 200 Schützen. Darauf antwortete ich: Paulus war 
damals gefangen, auch war es eine ungläubige Ob- 
rigkeit; aber beweise mir einmal, wo sie Obrigkeiten 
in ihrer Gemeinde gehabt haben. Ja, sagte der Pfaffe, 
haben die Ungläubigen das getan, um wie viel mehr 
die Gläubigen? Ich fragte, wo die Apostel Glocken ge- 
tauft hätten. Er antwortete: Wir taufen keine Glocken. 
Was lehrt ihr sie denn, sagte ich. Er erwiderte, daß 
sie dieselben zu segnen und darüber zu lesen pfleg- 
ten, wenn ich anders seine Reden recht behalten habe, 
denn, sagte er, der Satan pflegte oft bei dergleichen 
Dingen zu sein; und nun erzählte er, wie er in der 
neuen Kirche regiert hätte, und darum würde solches 
getan, wie er sagte, wobei sehr vieles geredet wurde. 
Ich sagte zu ihm, daß ich niemals gelesen hatte, daß 
die Apostel Obrigkeiten in ihrer Gemeinde gehabt 
haben, die ihren Glauben mit dem Schwerte vertei- 
digt hätten, aber ich hätte wohl gelesen, daß Paulus 
gesagt habe: Wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu 
kämpfen, sondern mit Fürsten und Gewaltigen, mit 
den Herren der Welt und den Regenten der Finsternis 
dieser Welt. 

Der Pfaffe ergriff dies mit Eifer, und fragte, wo sol- 
ches geschrieben stände? An die Eph 6, sagte ich. Da 
ergriff er sein Testament und suchte es, und als er 
es gelesen hatte, sagte er: Das sagt Paulus von dem 
Teufel, der ist ein Fürst der Welt. Ich sagte: Es ist die 
Obrigkeit der Welt, welche dieselbe regiert, denn es 
ist von den Fürsten und Herren der Welt die Rede. 
Darüber wurden viele Worte gewechselt, welchem 
der Schultheiß fleißig zuhörte. Der Pfaffe sagte, unser 
Glaube habe noch nicht lange bestanden, ihr Glau- 



651 


be aber hätte schon fünfzehnhundert Jahre gedauert, 
und wenn auch ganze Landschaften abfielen, so bau- 
ten sich wieder andere Länder auf in Indien; dort 
geschähen viele große Zeichen und Wunder, wie es 
zu Christi Zeiten geschehen, sodass die Christen, sagt 
er, im Gange bleiben. Da sagte ich: Geschieht das dort 
und nicht hier? Die Gemeine ist ja hier im Lande auch; 
es sind in Delft eben so gut Prediger als dort und 
in mehreren andern Städten dieser Gegend. Er sag- 
te, daß dieses gewiss und die Wahrheit sei. Ja, sagte 
ich, die Zauberer Pharaos zauberten Mose auch nach 
in dem, was er tat. Ja, sagte der Pfaffe, dem wäre 
so, aber sie täten doch dergleichen Dinge nicht, wie 
dort geschehen. Da sagte ich: Wohlan, ich will euch 
noch mehr Reden beibringen; wir lesen ja, daß eine 
Zauberin den Samuel aus dem Grabe hervorgebracht 
habe, und Samuel redete mit ihr oder mit Saul. Das 
ist wahr, sagte der Schultheiß, das habe ich auch ge- 
lesen. Auch sagte ich, sagt Christus selbst, daß sie 
sagen werden: Herr, haben wir nicht durch deinen 
Namen die Teufel ausgetrieben? Aber er wird ihnen 
antworten: Geht von mir, ich kenne euch nicht. Darauf 
sagte der Schultheiß: Jan Hendrikß glaubt es nicht, ist 
dem so, Jan Hendrikß? Nein, Herr Schultheiß, sagte 
ich, es geschieht viel Schalkheit. Ja, sagte der Pfaffe, 
es ist freilich viel geschehen, das nicht gut war; da- 
bei erzählte er, daß wohl Päpste gewesen seien, die 
nichts Gutes getan oder nicht recht getan hätten. Dies 
bekannte der Pfaffe selbst; aber es wäre gegenwärtig 
ein alter, geschickter Mann Papst, von welchem viel 
Gutes gesagt werde, sagte er, und bekannte dabei, daß 
freilich unter ihnen böse Missbräuche wären. Ich sag- 
te: Paulus sagt, daß man den alten Sauerteig ausfegen 
sollte, und wenn jemand wäre, der sich einen Bruder 
nennen ließe, und ein Trunkenbold, oder ein Lästerer, 
oder Hurer wäre, so sollte man mit einem solchen 
nichts zu schaffen haben; aber davon hatte er nicht 
viel Einsicht, wie es schien. Jawohl, sagte der Schulz, 
wenn jemand wäre, der mit eines andern Mannes Wei- 
be zu tun hätte, mit dem wollte ich nichts zu schaffen 
haben. Der Pfaffe fragte, warum ich von ihnen ausge- 
gangen wäre. Ich erwiderte, daß ich gehört hätte, wie 
die Pfaffen über die Papisterei öfters gepredigt und 
dieselbe sehr geschmäht hätten; sie täten aber selbst 
nicht darnach, sondern pflegten sich so trunken zu 
trinken, daß sie sich rauften, schlügen und rasten, als 
ob sie närrisch wären; darum sei ich von ihnen ausge- 
gangen. Dieses bekannte ich ihm, weil der Schultheiß 
zugegen war; ich wollte nicht gern ihnen ihre Dinge 
vorwerfen, wenn keine Herren dabei waren. Ich sagte: 
Man will uns im Gefängnisse unterrichten; stattdes- 
sen sollte man uns auf freien Fuß stellen, und uns 
dann unterweisen; aber davon sagt man uns nichts. 


Nachdem wir nun dergleichen Worte viel miteinan- 
der gewechselt hatten, sagte ich zu dem Schultheißen: 
Herr Schultheiß, ich muss dich etwas fragen: Wenn 
ich von meinem Glauben abfiele, aber ich sage nicht, 
daß ich es tun will. Wohl, sagte der Schultheiß, ich 
sage das auch nicht, daß du es tust. Aber wenn ich 
es täte, fuhr ich fort, wolltet ihr mich wohl des Le- 
bens versichern, und mir die Freiheit geben? Das sage 
ich nicht, antwortete der Schultheiß, sondern ich sa- 
ge, wie unsere Herren gesagt haben, daß wir unser 
Bestes tun wollen. Ja, Herr Schultheiß, sagte ich, was 
sollte denn der Widerruf zu bedeuten haben? Es hat 
sich ja zugetragen, daß sie von ihrem Glauben abge- 
fallen und gleichwohl getötet worden sind, wie man 
in Delft gesehen hat. Ja, sagte der Schultheiß, sie sind 
auch wohl in Freiheit gesetzt worden. Dieses musste 
ich einmal fragen, um zu hören, was er sagen würde, 
denn wir hatten miteinander viel davon geredet, nicht 
als ob wir von unserem Glauben abfallen wollten, son- 
dern, um zu hören, was sie sagen würden, denn es ist 
meine Absicht niemals gewesen und ich habe auch 
jetzt keinen Willen dazu, aber wir hatten damals gute 
Ursache dazu, ihnen eine solche Antwort zu geben. 
Was sollten wir von unserm Glauben abfallen; man 
will uns ja keine Versicherung des Lebens geben, weil 
sie uns mit dem Abfalle plagen. 

Wir hatten sehr viele Reden miteinander, und was 
ich erzählt, enthält den größten Teil desjenigen, was 
ich behalten habe, denn mein Gedächtnis ist nicht 
stark. Sollte ich alles nie der schreiben, so müsste ich 
viel Papier haben, denn unsere Unterredung währ- 
te wohl vier Stunden, sodass meine Mitbrüder we- 
gen meines langen Ausbleibens sehr betrübt waren, 
denn sie dachten, daß ich in ein anderes Gefängnis 
gebracht worden wäre. Hiernächst zog der Schultheiß 
die Schelle, worauf die Diener kamen; ich aber sagte 
zu dem Pfaffen: Wäre mein Herr nicht dabei gewe- 
sen, ich hätte so viele Worte mit euch nicht gehabt. 
Ich will das wohl glauben, sagte der Pfaffe. Darauf 
nahm ich meine Kappe ab, und sagte ihnen guten 
Abend, was sie erwiderten. Bevor wir uns trennten, 
sagte ich zu dem Pfarrer, wenn ich mich im Reden 
übereilt hätte, so sollte er es mir zugute halten. Ja, sag- 
te der Schultheiß, ebenso vergibst du auch ihm, tust 
du nicht? Ja, sagte ich, und so schieden wir voneinan- 
der. Ferner hat es sich zugetragen, daß sie uns alle drei 
voneinander abgesondert haben, auch haben sie uns 
unsere Bibel weggenommen, welche doch von ihnen 
für gut erkannt worden war; überdies hatte uns auch 
der Schultheiß zuvor dieselbe zu haben erlaubt; aber 
wir blieben sehr wohlgemut, der Herr sei gelobt. Es 
ist aber auf den Sonntag, als man siebzig schrieb, den 
16. Juli geschehen, daß ich abermals abgeholt wurde; 



652 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


sie banden mir die Arme, was sie zuvor niemals getan 
hatten, wobei ich bemerke, daß ich, mit einem andern 
zusammengebunden, mit dem Stockmeister hinabge- 
gangen bin. Dies kam mir sehr fremd vor, und auf 
meine Frage sagten mir die Diener, die Pfaffen hätten 
solches von dem Schultheißen begehrt. Dann brachten 
sie zwei Pfaffen zu mir, nämlich Meister Martin und 
den Pfarrer von der neuen Kirche, welcher einmal bei 
mir gewesen war. Als ich mich ihnen näherte, bot ich 
ihnen guten Tag, worauf sie solches erwiderten und 
zu mir sagten: Wir sind einmal bei dir gewesen, und 
nun kommen wir abermals, um zu sehen, ob du nicht 
besser antworten willst, als du das vorige Mal ge- 
tan hast. Ich erwiderte: Ich sage, wie ich gesagt habe; 
wenn man mir es beweisen kann, daß Kinder getauft 
worden seien, und das klar und ausdrücklich, so will 
ich mich unterrichten lassen, welche Antwort ihnen 
nicht gefiel, denn sie hatten keine Schrift dafür. 

Ihr ganzes Bestreben ging dahin, ich sollte mich 
unterweisen lassen, wobei sie anführten, man hatte 
die Kinder vor langen Zeiten schon in der christlichen 
Kirche getauft, was allezeit vorgeschrieben gewesen 
sei; aber ich hielt mich immer an den Beweis von dem 
Gebrauche der Apostel. Sie sagten, daß man die al- 
ten Wege gehen müsste. Ja, die rechten, sagte ich, wie 
geschrieben steht. Sie meinten, sie wären gekommen, 
mich zu unterrichten. Ja, sagte ich, ich kann es nicht 
so verstehen; das wollten sie aber nicht hören, daß ich 
es nicht sollte verstehen können; deshalb sagten sie: 
Ihr wollt es verstehen, ehe ihr es annehmt; es steht 
aber in dem Propheten Jesaja geschrieben, daß man 
es annehmen müsste, ehe man daran glaubt. Wo steht 
das geschrieben? sagte ich. Ich weiß es nicht, sagte 
der Pfaffe. Römer 10, sagte ich, steht: Wenn man von 
Herzen glaubt, so wird man selig, und wenn man mit 
dem Munde bekennt, wird man gerecht. Ich muss es 
ja von Herzen glauben, wenn ich eure Sachen anneh- 
men soll; nun aber kann ich es nicht so verstehen, wie 
ihr. Solches wollten sie nicht hören; aber wenn ich 
ihnen mit dem Munde nur beigestimmt hätte, es hätte 
meine Meinung sein mögen oder nicht, es wäre alles 
ganz gut gewesen. Sie baten mich sehr, daß ich mich 
unterweisen lassen sollte, und meinten, es wäre nicht 
ein Tag, wo sie nicht für uns bäten; sie sagten auch 
oft, ich hätte fremde Ansichten und wäre verdammt; 
wenn ich nicht verdammt wäre, so wäre Gott nicht 
Gott, und dann wäre die Schrift nicht wahr. Solche 
Reden führte er oft. Ich sagte, verdammt zu sein und 
gefangen zu liegen wäre nicht gut; denn ich redete zu 
ihnen so wenig, als ich konnte; aber ihr Verdammen 
machte mir keine Pein, ich ließ es sie sagen. Ich blieb 
dabei: Könnt ihr mir beweisen, daß Kinder getauft 
worden seien? Ich will es gern anhören. Sie sagten, es 


wären ganze Häuser getauft worden, und es sei an- 
zunehmen, es seien Kinder dabei gewesen. Antwort: 
Das wisst ihr nicht, denn es gibt ja Haushaltungen, wo 
keine Kinder sind; auch suche ich die Seligkeit nicht 
im Wasser. Als sie das hörten, verwunderten sie sich 
sehr. Ja, sagte ich, ihr sagt, die Kinder, welche nicht 
getauft werden, seien verdammt. Der Pfaffe sagte: Ja, 
sie sind verdammt. So sind aber, sagte ich, die Weiber 
übel daran, die solche Kinder gebären. Ja, sie sind, sag- 
te der Pfaffe. Wohlan, sagte ich, so muss das Wasser 
die Sünden abwaschen? Ja, sagten sie. Antwort: Ich 
will es beweisen, daß es das nicht tut; darauf erzählte 
ich, daß IPt 3 stände: Was nun auch uns selig macht 
in der Taufe, nicht das Abtun des Unflats am Fleische, 
sondern der Bund eines guten Gewissens; so hat auch 
der Apostel Simon den Zauberer getauft; aber das 
Wasser hat ihm die Sünde nicht hinweggenommen, 
denn es steht, daß er voll bitterer Galle gewesen sei 
und verknüpft mit Ungerechtigkeit, obgleich er von 
den Aposteln getauft war. Du sagst von Petrus, sagte 
der Pfaffe, daß er solches schreibt; was weißt du, ob 
es wahr sei, hat dir Petrus es selbst gesagt? Simon der 
Zauberer taugte nichts; denn hätten es die Apostel 
gewusst, daß er so in seinem Herzen bestellt gewesen 
wäre, sie hätten sich lieber in die Finger gebissen, als 
daß sie den Namen Gottes über ihn gebraucht hätten. 
Antwort: Das gestehe ich zu, aber gleichwohl hat ihm 
das Wasser die Sünde nicht abgewaschen. 

Ihre Rede ging dahin, daß ich mich unterrichten las- 
sen sollte, wobei sie sagten, daß ich wider die Schrift 
handelte, denn Mt 18 stände: Sündigt dein Bruder 
an dir, so strafe ihn, hört er dich nicht, so sage es 
der Gemeinde. Sieh, sagten sie, du willst uns nicht 
hören, da wir dich strafen; hiermit handelst du ja ge- 
gen die Schrift! Antwort: Was wollt ihr mich denn 
lehren? Wollt ihr mich denn laufen lassen und mei- 
den, wie einen Heiden und Zöllner? Nein, nein, sagte 
der Pfaffe, du hast immer etwas, das zu deinem Vor- 
teil spricht damit kommst du immer angezogen, aber 
laufen lassen, sagte er, stände nicht in ihrer Macht. 
Antwort: Christus sagte ja, wenn man sie straft und 
sie nicht hören wollen, so soll man sie meiden und 
nicht fangen; ebenso sagt auch Paulus: Einen ketzeri- 
schen Menschen meidet, wenn ihr ihn ein oder zwei 
Mal ermahnt habt; da ich euch aber nun nicht höre, 
so solltet ihr mich laufen lassen; aber sie hörten das 
nicht an, sondern sagten, das sei der Obrigkeit Werk. 
Antwort: Ihr habt ja einen Glauben, beweist mir ein- 
mal, wo die Apostel Obrigkeiten in ihrer Gemeinde 
gehabt haben. Da sagte der Pfaffe, daß Petrus zwei 
Todschläge begangen habe. Antwort: Ihr könnt das 
nicht beweisen, weder mit Worten noch mit Werken. 
Da las er aus einem deutschen Testamente vor, daß 



653 


Ananias mit seinem Weibe ihre Güter verkauft und 
nicht alles zu der Apostel Füße gelegt, sondern einen 
Teil zurückbehalten hätten; darauf sagte Petrus: Ana- 
nias, warum hat der Satan dein Herz erfüllt, daß du 
dem Heiligen Geiste lögest? Du hast nicht Menschen, 
sondern Gott gelogen. Als Ananias diese Worte hörte, 
fiel er nieder und gab den Geist auf; nach drei Stunden 
ist sein Weib gekommen, welche Petrus auch fragte, 
ob sie den Acker so teuer verkauft hätten; sie sagte, 
ja, Petrus sagte zu ihr: Warum seid ihr eins geworden, 
den Geist des Herrn zu versuchen; die Füße derer, die 
deinen Mann begraben haben, sind vor der Tür und 
werden dich hinaus tragen, und sogleich fiel sie zu 
seinen Füßen nieder und gab den Geist auf. Als er 
gelesen hatte, sagte ich: Wer wollte wohl sagen, daß 
es Petrus getan habe? Denn es heißt ja dort: Als sie die- 
se Worte hörten, gaben sie den Geist auf. Wir hatten 
viele Worte, die ich zum Teil vergessen habe. Sie ba- 
ten mich, ich sollte mich unterrichten lassen. Wohlan, 
sagte ich, ich kann es nicht so verstehen; das wollten 
sie nicht hören, daß ich es zuvor verstehen wollte, ehe 
ich es annähme; sie erzählten auch, daß ihr Glaube 
seit 1500 Jahren geherrscht habe; sie wollten mir es 
von Jahr zu Jahr beweisen, wie ihre Kirche aufgebaut 
worden sei; sie nannten mir auch viele von ihren Leh- 
rern oder Bischöfen, Augustinus und mehrere andere, 
und wie er zuerst aus Spanien nach Frankreich ge- 
kommen sei; von da habe ihn St. Willeboort in diese 
Länder gebracht, und viele dergleichen Dinge; und ob- 
schon ganze Länder von ihnen abfielen, meinten sie, 
so fielen dagegen auch große Länder ihrem Glauben 
wieder zu, wie in Indien, und dort täte der Herr große 
Zeichen, sodass Leute gewesen wären, die in einem 
Monate eine fremde Sprache gelernt, den Glauben 
angenommen und denselben auch gepredigt hätten, 
und viele andere Dinge mehr. Ich fragte, ob das Land 
groß wäre. Sie antworteten: Wie Spanien, Frankreich, 
Hochdeutschland und dieses Land; auch meinten sie, 
ihr Glaube wäre allezeit gewesen, und könne nicht 
vergehen, denn Christus sage: Ich werde bei euch sein 
bis an der Welt Ende; aber unser Glaube hätte nicht 
so lange gewährt, denn ihr könnt, sagte er, uns nicht 
beweisen, daß eure Gemeinde allezeit gewesen sei. 
Ich weiß wohl, sagte der Pfaffe, daß du mir fünf oder 
sechs Menschen nennen wirst. 

Darauf sagte ich, es wäre viel besser gewesen, er 
hätte einen Micha gehört, als die vierhundert falschen 
Propheten. Sie hörten mir bis ans Ende zu, um zu 
wissen, ob ich getauft wäre; aber der Herr bewahrte 
meinen Mund, denn ich sagte es den Pfaffen nicht. Sie 
sagten, sie hätten es sagen gehört. Ich fragte sie, ob 
sie es mich sagen gehört hätten. Nein, sagten sie. Ich 
begehre euch das auch nicht zu sagen. Wir begehren 


das nicht zu wissen, sagten sie. Als sie nun bemerkten, 
daß ich ihnen kein Gehör geben wollte, sagten sie oft, 
daß ich verdammt wäre, daß ich ein Seelenmörder 
wäre und viele Seelen ermordet hätte, denn sie hatten 
sagen gehört, daß ich viele von der römischen Kirche 
abfällig gemacht hätte. Ich erwiderte, daß ich nieman- 
des Seele ermordet hätte. Du sagst, sagte er, daß wir 
selbst Mörder seien. Ihr habt es mich, sagte ich, nicht 
sagen gehört. Sie sagten auch, daß ich mich bedenken 
sollte; und begehrte ich es von ihnen, sie möchten 
wiederkommen. Hiermit sind wir freundlich vonein- 
ander geschieden. Was ich euch geschrieben, enthält 
den größten Teil unseres Gesprächs, welches ungefähr 
zwei Stunden währte; aber alles niederzuschrieben, 
wäre mir unmöglich; denn ich kann es nicht behalten, 
wie es vorgefallen ist, ohne etwas auszulassen oder 
hinzuzusetzen. Geschrieben von mir, Jan Hendrikß. 

Noch ein Brief von Jan Hendrikß an Martin Janß, 
seinen Mitgefangenen. 

Der ewige Gott aller Gnaden, der uns mit einem heili- 
gen Rufe von der Macht des Satans zu seinem ewigen, 
wunderbaren Reiche berufen hat, wolle dich, mein 
Bruder Martin Janß, mit seinem heiligen Worte be- 
festigen und stärken, und dich stark machen in dem 
Geiste, damit du allen bösen Anschlägen des bösen 
Feindes widerstehen mögest, es sei durch ihn selbst 
oder durch seine Boten, damit du in der Gnade be- 
stehen mögest. Er gebe dir und mir einen tapferen 
Glauben, der im Grunde fest gewurzelt sei, damit du 
von dem Großen Sturmwinde der falschen Lehre we- 
der erschüttert noch niedergeschlagen werdest. Dieses 
wünsche ich, Jan Hendrikß, dein schwacher Mitbru- 
der in Gefangenschaft, Verfolgung und Trübsal, dir, 
Martin Janß, meinem lieben Bruder, in deinen Banden 
und deiner Gefangenschaft zum freundlichen Gruße 
in dem Herrn und zur Erquickung deines Gemütes, 
Amen. 

Ferner, mein lieber Bruder, lasse ich dich wissen, 
daß ich noch guten Mutes bin in dem Herrn; mein 
Herz und Sinn ist noch unverändert, um ihn zu fürch- 
ten und bei seinem heiligen Worte zu bleiben, nach 
meiner großen Schwachheit, mit Gottes Hilfe, ohne 
dessen Beistand ich ganz kraftlos bin, solches zu voll- 
bringen, wie ich denn hoffe und dir von Herzen zu- 
traue, daß es mit dir auch so bestellt sei; auch danke 
ich dir sehr für deine tröstlichen Briefe, die du mir 
gesandt hast zum Tröste und zur Erquickung in mei- 
ner Trübsal, und daß du meiner noch eingedenk bist 
in deinem Gebete, was ich auch für dich tue, damit 
wir einander in diesem großen Streite Beistand leisten 
mögen, welchen wir nun gegen den großen, roten Dra- 



654 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


chen zu kämpfen haben, welcher mit seinem Schweife 
den dritten Teil der Sterne vom Himmel zieht. Als 
ich deinen Brief las, war es mir keine Betrübnis zu 
hören, daß du so wohlgemut und getrost wärest in 
dem Herrn, sondern eine Freude und ein Ergötzen 
des Geistes. Darum, mein lieber Bruder, laß uns der 
Lehre und Ermahnung Pauli wohl wahrnehmen, und 
wohl darauf merken, wenn er sagt: Gleichwie ihr den 
Herrn Jesum Christum angenommen habt, so wan- 
delt in ihm, und seid gewurzelt und erbaut in ihm. 
Merke, lieber Bruder, es ist sehr nötig, auf diese Worte 
und Ermahnung Pauli Acht zu geben, denn da wir 
Christum durch die Taufe angezogen haben, und Glie- 
der seines Leibes geworden sind, so laß uns auch in 
ihm wandeln, und gewurzelt und erbaut sein, und 
standhaft in ihm bleiben; denn er sagt: Bleibt in mir, 
und ich in euch; wie die Rebe durch sich selbst keine 
Frucht bringen kann, sie bleibe denn am Weinstocke, 
ebenso auch ihr nicht; ihr bleibt denn an mir. Ich bin 
der Weinstock, ihr seid die Reben; wer in mir bleibt, 
und ich in ihm, der bringt viel Früchte, denn ohne 
mich könnt ihr nichts tun; wer aber nicht in mir bleibt, 
der wird weggeworfen wie eine Rebe, die verdorrt, 
und muss verbrennen. Merke, lieber Bruder, wie wohl 
ist der daran, der in Christo ist, und Christus in ihm; 
aber wer kein Gefühl für Christum hat, der ist einer 
abgeschnittenen, verdorrten Rebe gleich, welche vom 
Stamme des Weinstockes die Kraft, den Saft und die 
Natur nicht mehr annimmt. 

Lieber Bruder, laß uns einmal der Sache recht nach- 
denken, ob es nicht ebenso mit dem Menschen zu- 
geht; darum laß uns in demselben mit Danksagung 
überfließend sein und durch Ihn Gott allezeit Lobop- 
fer bringen, das ist die Frucht der Lippen, damit wir 
nicht beraubt werden durch die Philosophie und lose 
Verführung nach der Menschen losen Lehre und nach 
der Welt Satzungen, und nicht nach Christo, denn es 
ist jetzt eine arge Zeit, eine Zeit, wo die Christen recht 
untersucht und geprüft werden, ob sie auch im Glau- 
ben festgewurzelt und erbaut sind. Wenn eine Frau 
schwanger ist, und die Zeit des Gebärens naht heran, 
so überfallen sie, ehe sie gebiert, viele Wehen, welche 
ein Vorbote und Zeichen des Gebärens sind; wenn sie 
aber nun geboren hat, so hat sie den großen Schmerz 
bald vergessen, weil sie ein Kind geboren hat. 

Sieh, mein lieber Bruder, so geht es jetzt mit uns 
auch; die große Versuchung und Qual, von außen der 
Streit und von innen die Furcht, die nun täglich über 
uns kommen, sind unsere Wehen, welche vor dem 
Gebären kommen; daraus können wir wohl merken, 
daß die Zeit des Gebärens herannaht, und wenn wir 
werden geboren haben, so wirst du es vergessen ha- 
ben, nämlich, wenn wir diese Hütte, den sterblichen 


Rock, abgelegt haben werden; solches wird dann un- 
sere letzte Zeit des Schmerzes sein, dann mögen wir 
sagen: Tod, wo ist dein Stachel! Hölle, wo ist dein Sieg! 
Der Stachel des Todes ist die Sünde; die Kraft der Sün- 
de aber ist das Gesetz; Gott aber sei gedankt, der uns 
den Sieg durch Jesum Christum gegeben hat; dann 
wird der Tod als letzter Feind überwunden sein; dann 
wird man nicht mehr weinen, klagen oder wimmern; 
jede Qual, jeder Schmerz und jede Drangsal wird als- 
dann vorüber sein, wie ein Dampf, der eine kurze 
Zeit währt; dann wird man uns nicht mehr quälen, 
versuchen, gefangen nehmen, noch jagen, sondern 
wir werden von unserer schweren Arbeit ruhen und 
werden unter dem Altäre mit vielen tausend Heiligen 
den ewigen Feiertag und Ruhetag halten, welche aus 
allen Geschlechtern und Völkern erwählt sind, welche 
das Wort Gottes mit ihrem Blute versiegelt haben, in 
vielen großen Trübsalen durch die Welt gekommen 
sind, und ihr Leben bis in den Tod nicht über ihren 
Schöpfer geliebt haben. 

Sieh, mein lieber Bruder Martin Janß, was wäre es 
nun, wenn wir in großer Üppigkeit und in Wollüsten 
gelebt hätten? Denn, wenn wir verfolgt, gefangen, ge- 
quält, gepeinigt, verbrannt oder enthauptet worden 
wären, was wird es eben sein, wenn es vorbei ist? So 
aber werden wir dem Lamme, das von Anfang der 
Welt getötet worden ist, mit einer großen Menge der 
Heiligen nachfolgen, angetan mit weißen Kleidern 
von reiner Seide, mit Palmzweigen in den Händen 
und Kronen auf dem Haupte. O welch ein treffliches 
Werk wird es sein, wenn man hier aushält bis ans 
Ende! Darum, mein lieber Bruder, sage ich mit Trä- 
nen, laß uns guten Mut haben, denn in der Welt (sagt 
Christus) habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe 
die Welt überwunden. So laß uns denn dasselbe tun, 
und fest und unverändert die Verheißungen halten, 
denn er ist getreu, der sie uns gegeben hat; mögen sie 
auch sagen, daß wir in uns einen hoffärtigen Teufel 
haben, und daß er zu fest in uns sitze; es wird noch 
wohl anders befunden werden, wenn da kommt, was 
kommen soll; daran ist kein Zweifel; und obgleich wir 
hier das Recht verspielen, so werden wir doch, wenn 
der Richter aller Richter richten wird, es wohl wieder 
gewinnen; daran zweifle ich keineswegs. Hiermit will 
ich dich dem Herrn und dem reichen Worte seiner 
Gnade befehlen, der mächtig genug ist, dich bis ans 
Ende zu bewahren, Amen. 

Wisse, Martin Janß, daß die Quälgeister die ganze 
Woche bei mir gewesen seien und daß ich nur einen 
Tag frei gewesen bin; ich erwarte sie jeden Tag wieder; 
Adrian Cornelius ist diese Woche mit dem Kaplan 
auch bei mir gewesen; den Samstag war der Kaplan 
mit einem Steuermanne von Egmont, Namens Jakob 



655 


Müller, bei mir; derselbe wollte mir beweisen, daß ein 
Mensch, wie ungeschickt er auch wäre, dennoch das 
Wort Gottes recht lehren könne, und die Menschen 
wohl selig machen möge; ja, wenn es auch der Teufel 
wäre, so könne er doch die Menschen das Wort Gottes 
recht lehren; er zog seine Kappe ab und saß da, als 
hätte er eine Ermahnung tun wollen, und machte ein 
langes Geschwätz, fast eine Viertelstunde lang, und 
holte alles von Anfang her; ich konnte mich des La- 
chens nicht enthalten, wenn ich ihn ansah, und dachte, 
daß er im Hirne verrückt wäre, und als er zu Ende 
war, gerieten wir zu dreien in einen Wortstreit, wie- 
wohl ich nicht viele Worte machen wollte, aber es fällt 
dem Menschen bisweilen schwer, zu schweigen. Als 
sie hörten, daß ich ihnen kein Gehör gab, fielen sie 
mich sehr hart an; der Steuermann sagte: Wäre ich 
Offizier gewesen, du solltest mir hier nicht so lange 
gelegen haben; er wollte mit mir bald fertig gewor- 
den sein. Zu dem Pfaffen sagte er: Die Herren müssen 
diesen Mann heimlich töten; der Teufel säße so fest in 
mir, sagte er, daß er nicht hinaus wollte, und derglei- 
chen schändliche Worte redete er mehr; ich erwiderte: 
Je plumper du es machst, desto besser ich es merke. 
Der Kaplan und ich hatten viele harte Reden mitein- 
ander; er war auch sehr entrüstet; ich sagte, daß ich 
seiner nicht mehr bedürfte; er äußerte, er verwundere 
sich mit Paulus, daß ich mich so bald auf ein anderes 
Evangelium hatte führen lassen, da doch kein anderes 
existiere; ich sagte: Welch ein fremdes Evangelium 
habe ich angenommen? Er entgegnete, daß ich meine 
Kinder nicht hätte taufen lassen wollen. Jawohl, sagte 
ich, ihr habt nicht einen Buchstaben Schrift darüber, 
daß sie getauft sein müssen! Merke, lieber Bruder, auf 
seinen Verstand; er meinte, hätte Paulus nun es als 
einen Befehl und Gebrauch eingeführt, Kinder zu tau- 
fen, so hätten wir, wenn wir solches verwerfen wür- 
den, ein anderes Evangelium angenommen; solche 
Reden fielen vor; des Steuermannes und meine Reden 
passten aufeinander, wie ein Haspel auf einen Topf; er 
redete auch schimpflich zu mir; ich sagte, schimpflich 
Reden ist nicht Radebrechen, man kann es ja sitzend 
tim, und gab ihm einen Stuhl; er meinte, er hätte mehr 
Verstand in seinem einen Finger, als ich in meinem 
ganzen Kopfe, und viel dergleichen Dinge. Gehabe 
dich wohl, und halte dich tapfer; ich hoffe ein Glei- 
ches zu tun; laß uns aneinander denken im Gebete, 
und halte mir dieses kleine einfache Schreiben zu gut, 
denn es ist aus Liebe abgefasst; nimm es mir auch 
nicht übel, daß ich mit diesem Schreiben so lange ge- 
wartet habe; ich habe aber viel Besuch, jedoch nicht 
von Freunden, denn es darf niemand zu mir kommen, 
als mein Vater. Schreibe mir wieder, wie es mit dir 
steht, wiewohl ich nichts als Gutes von dir höre; Gott 


sei gelobt. Geschrieben in meinen Banden, von mir, 
Jan Hendrikß, im Jahre 1572. 

Noch ein Brief von Jan Hendrikß an Pouwels und 

Aechtgen, seinen Bruder und seine Schwester, 
ihnen zur Ermahnung und zum Abschiede. 

Der Gott aller Gnade, der uns von der Macht der Fins- 
ternis zu seinem ewigen Reiche durch Jesum Chris- 
tum, unsern Herrn, berufen hat, wolle euch, nach dem 
Reichtum seiner Herrlichkeit, geben stark zu werden 
mit Kraft durch seinen Geist an dem inwendigen Men- 
schen und Christum, durch den Glauben in euren 
Herzen zu wohnen, und durch die Liebe eingewur- 
zelt zu werden, damit ihr mit allen Heiligen begreifen 
mögt, was die Breite und die Länge und die Tiefe und 
die Höhe sei, auch erkennen mögt, daß Christum lieb 
haben viel besser ist, als alles Wissen, damit ihr mit 
allerlei Gottesfülle erfüllt werdet. Dieses wünsche ich, 
Jan Hendrikß, ein armer Gefangener um des Wortes 
des Herrn willen, zu Delft Pouwels H. und Aechtgen 
H. zu einem freundlichen Gruße in dem Herrn, Amen. 

Ferner, nebst allem gebührlichen Gruße an euch, 
mein geliebter Bruder Pouwels Hendrikß und Aecht- 
gen Hendrikß Tochter, welche ich, sowohl nach dem 
Fleische, als auch nach dem Geiste, sehr lieb habe, las- 
se ich euch nun wissen, daß ich noch frisch und wohl- 
gemut bin in dem Herrn, wie ich denn auch hoffe, daß 
es mit euch ebenso bestellt sei, und da mein Abschied, 
oder die Zeit, wo ich meine Hütte ablegen soll, nach 
menschlichem Wissen nahe ist, so kann ich es nicht 
unterlassen, sondern muss euch, aus reiner, treuer, 
brüderlicher Liebe ein wenig ermahnen, daß ihr doch 
in dem Glauben, der den Heiligen einmal gegeben 
ist, fest beständig und standhaft streiten wollt, damit 
ihr durch diesen Glauben die Verheißungen Gottes 
erlangen mögt, damit wir uns miteinander unter dem 
Altäre zu der großen Zahl versammeln mögen, wel- 
che mit weißen Kleidern gekleidet sind, welche auch 
auserwählt und durch das Blut des Lammes aus al- 
len Geschlechtern und Völkern, die unter dem Him- 
mel sind, erkauft und durch die Welt gekommen sind 
durch große Verfolgungen, mit Brennen, Jagen, Ent- 
haupten und dergleichen mehr; darum stehen sie vor 
dem Throne Gottes, und dienen Ihm Tag und Nacht 
in seiner Gegenwart. 

Sieh, lieber Bruder, diese haben alle aus diesem 
bittern Kelche trinken müssen, ehe sie dazu gekom- 
men sind; sie haben auch alle diesen engen, schma- 
len, glatten und gefährlichen Weg wandeln müssen, 
und haben ihr Leben nicht geliebt bis in den Tod, wie 
sie denn auch alles, um des Namens des Herrn wil- 
len, haben zurücklassen müssen; es sei Land, Stand, 



656 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Haus, Hof, Weib und Kind, ehe sie zu solchem herr- 
lichen, unermesslichen Stande gekommen sind; ja, 
der Sohn Gottes selbst ist durch großes Ungemach, 
durch Gefangenschaft, Verspotten, Geißeln, Kreuzi- 
gen und durch den Tod in seines Vaters Reich ein- 
gegangen, wie er selbst sagt: Ich aber bin ein Wurm 
und kein Mensch. Darum laß uns diese zum Exem- 
pel und Vorbilde nehmen, damit wir auf dem Wege 
nicht faul, schläfrig und matt werden, und auf sol- 
che Weise durch des Satans List und Stricke gefangen 
werden, denn ein schlafender Mensch ist leicht zu 
fangen, sondern seid brünstig im Geiste, damit ihr in 
allen guten Werken die Vornehmsten und nicht die 
Geringsten sein mögt, und hütet euch vor den Pfeilen 
des Teufels, die er im Finstern schießt; lasst auch euer 
Gebet Tag und Nacht zu Gott ergehen, denn es ist 
nötig, allezeit zu bitten, daß wir nicht in Versuchung 
fallen, weil der weder schläft noch schlummert, der 
unsere Seelen zu ermorden sucht, und auch immer 
wie ein brüllender Löwe um uns herumgeht. Hütet 
euch doch vor Hoffart, sowohl vor geistiger Hoffart, 
als vor anderer, denn die Art des Menschen schwebt 
gern etwas zu hoch. Aller Neid, Hass, Schelten und 
Lästern, sowie Schalkheit und jede Bosheit, sei fern 
von euch; Murren des Herzens, Begehren, Geldgeiz, 
Ehrgeiz und Eigennutz lasst bei euch nicht gefunden 
werden, sondern zieht den Herrn Jesum Christum an, 
und folgt seinem Vorbilde in allem nach, so viel ihr 
könnt. Seid umgeben mit brüderlicher Liebe, und seid 
fleißig, die Einigkeit des Geistes durch das Band des 
Friedens zu halten; seid geduldig in allerlei Drang 
und Trübsal, das über euch kommt, dann wird der 
Gott des Friedens mit euch sein, denn Geduld ist uns 
sehr nötig, wie ich wohl erfahren habe. Sirach sagt: 
Wehe denen, welche die Geduld verloren haben, und 
er sagt es mit vollem Rechte. 

Führt euch nach eurer Schwachheit so auf, daß mit 
Recht niemand viel über euch klagen kann, und dient 
dem Herrn von ganzem Herzen und Sinne. Neigt 
doch eure Sinne zu Gott, und lasst eure Augen alle- 
zeit auf Ihn gerichtet sein, wie das Auge des Knechtes 
auf seinen Herrn, und das Auge der Magd auf ih- 
re Frau sieht, und schafft, daß ihr selig werdet, mit 
Furcht und Zittern. Überdies fürchtet nicht, daß ihr 
zu kurz kommt, und zu wenig tut, und wandelt nicht 
leichtfertig in des Herrn Wegen, sondern führt euren 
Wandel in dieser Zeit mit Furcht, denn der Unacht- 
same und Leichtfertige hat bald sein Gut verprasst. 
Tragt doch große Sorge für die arme Seele, die mit 
einem köstlichen Pfände erkauft ist und ewig leben 
muss, es sei im Himmel oder in der Hölle. Streitet 
ritterlich wider den Satan, und seine mancherlei Lüs- 
te und Begierden, und falsche Einflüsterungen, und 


zertretet sein Haupt in Stücke unter eure Füße, mit 
vielem Flehen und Bitten zu Gott, mit Heiß und Ernst, 
denn der Satan kommt herab mit großem Zorne, weil 
er weiß, daß seine Zeit kurz ist; denkt auch allezeit 
an Gottes strenges Urteil und den großen Tag, wel- 
cher über alle Gottlosen kommen wird, denn wenn 
man wohl darauf bedacht ist, so kann man sich selbst 
besser davor hüten, weil er so entsetzlich sein wird, 
gleichwie auch Sirach sagt: Mein Sohn, gedenke an 
dein Ende, so wirst du nimmer sündigen. Gewiss, es 
wird wunderlich zugehen, wenn der große Tag des 
Herrn kommen wird, nach dem Zeugnisse der Schrift; 
denn der Herr selbst wird mit einem Feldgeschrei 
vom Himmel herniederkommen, und mit der Stimme 
des Erzengels und der Posaune Gottes, und die Toten 
in Christo werden zuerst auferstehen, darnach wir, 
die wir leben und überbleiben, werden zugleich mit 
denselben hingerückt werden in den Wolken, dem 
Herrn entgegen in der Luft, und werden also bei dem 
Herrn sein allezeit. Das Meer wird seine Toten her- 
ausgeben; da wird niemand verborgen bleiben, der 
nicht wieder auferstehen wird, sondern ein jeder wird 
empfangen an seinem Leibe, nachdem er getan hat, es 
sei gut oder böse; wenn nun auch unser Leib an einen 
Pfahl gestellt wird, den Vögeln und Tieren zur Speise, 
er wird darum nicht verloren bleiben, sondern der 
Herr wird ihn zu seiner Zeit wohl wieder erwecken 
und dem Bilde seines Sohnes gleich machen, und als- 
dann werden wir leuchten, durch seine Gnade, wie 
die Sonne in ihres Vaters Thron; wo hingegen aller 
Gottlosen Los und Teil in dem Pfuhle sein wird, der 
mit Feuer und Schwefel brennt. 

Darum, meine lieben Brüder und Schwestern, lasst 
doch nicht nach um der Verfolgung willen, die ich 
nun leide; sondern lasst sie euch zum Ruhme sein. 
Denn wer bist du, sagt der Herr durch den Propheten, 
daß du dich vor Menschen fürchtest und vor Men- 
schenkindern, die doch wie Heu verzehrt werden? 
Auch sagt Christus: Ich sage euch aber, meine Freun- 
de, fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib tö- 
ten, und nachher nichts mehr tun können; ich will 
euch aber zeigen, vor wem ihr euch fürchten sollt: 
Fürchtet euch vor dem, der, nachdem er getötet hat, 
auch Macht hat, in die Hölle zu werfen! Ja, ich sage 
euch, vor dem fürchtet euch. Meine lieben Brüder und 
Schwestern, man muss sich verwundern, wie der Herr 
mit den Seinen zu Werke gehen kann, was ich wohl 
erfahren habe, als ich gepeinigt wurde, wobei sie mich 
zuerst an der Folterbank aufwanden und nachher, als 
ich hing, mich geißelten; als ich aber niemanden verra- 
ten wollte, hingen sie mir noch ein Gewicht an meine 
Füße. Als ich in mein Gefängnis zurückkam, hatte 
ich nur wenig Schmerzen; ja, am andern Tage waren 



657 


meine Glieder nicht mehr verrenkt, als wenn ich sechs 
oder sieben Last Heringe hätte fangen helfen. Darum 
habt guten Mut und folgt mir nach; ich hoffe mm euch 
vorzugehen, und euch unter dem Altäre des Herrn zu 
erwarten, bei den gezeichneten Toten des Herrn, die 
alle, um des Namens ihres Gottes willen, getötet wor- 
den sind, nun liegen und ihre Mitbrüder erwarten, die 
noch um des Zeugnisses des Herrn willen getötet wer- 
den sollen, bis zur Zeit, daß die Zahl erfüllt sein wird. 
O welche große Freude wird das für mich sein, wenn 
wir einander dort antreffen werden, wie ich denn sol- 
ches hoffe, und es euch zutraue, daß wir noch wie 
die Mastkälber aus- und eingehen, und den ewigen 
Sabbat halten helfen werden; dann werden wir von 
aller unserer großen Verfolgung, von unserem Elende 
und unserer Qual, die uns widerfahren ist, und von 
der schweren Arbeit, die wir getan haben, ausruhen. 
Hierzu wolle euch der große Hirte der Schafe tüchtig 
machen, der uns von den Toten gebracht hat, durch 
das Blut des ewigen Testamentes, Amen. Ich habe ja 
doch eure Seele von ganzem Herzen lieb und wert, 
und wollte, daß ich mit euch allen reden könnte. Hier- 
mit will ich euch Gott und dem reichen Worte seiner 
Gnade anbefehlen. Er wolle euch bewahren bis ans 
Ende, Amen. 

Lieber Bruder und liebe Schwester, mein Herz ver- 
langt sehr von euch, daß ihr ein Auge auf unsere 
Brüder und Schwestern Cornelius H., Jakob H. und 
Leentgen O. haben wollt, und daß ihr sie zur Gottes- 
furcht anweist, so gut ihr könnt; aber vor allen Dingen 
führt über meine Kinder die Aufsicht und erweist ih- 
nen und meinem Weibe so viel Liebe, als ihr könnt, 
denn mein Glas läuft nun zu Ende; meine Wache ist 
fast getan, der Tag ist nicht fern, denn ich habe den 
Morgenstern schon in dem Wetter gesehen. Hiermit 
gehabt euch wohl; ich lasse Adrian H. und sein Weib 
sehr grüßen, wie auch alle lieben Freunde; sagt mei- 
nen Freunden gute Nacht. Lieber Bruder und liebe 
Schwester, haltet mir mein Schreiben zu gut; denn 
obgleich ich in demselben etwas scharf geschrieben 
habe, so habe ich doch solches euren Seelen zu Liebe 
getan. Geschrieben den 23. Januar 1572. Gute Nacht 
auf kurze Zeit, meine lieben Brüder und Schwestern, 
bis wir Zusammenkommen; ich bitte euch, haltet euch 
doch tapfer. 

Von mir, Jan Hendrikß. 


Sander Wouterß von Bommel und Evert Hendrikß 
von Warendorff werden beide um des Zeugnisses 
Jesu Christi willen zu Amsterdam, den 3. 

September im Jahre 1572, lebendig verbrannt. 

Der Jammer der geliebten Kinder Gottes hörte zu die- 
ser Zeit noch nicht auf, denn das Wort, das der Herr 
geredet hatte: »Sie werden euch in den Bann tun , und die 
Zeit wird kommen, daß, wer euch tötet, meinen wird, er 
tue Gott einen Dienst daran,« wurde noch immer erfüllt, 
was (unter vielen andern) sich im Jahre 1572, den drit- 
ten September, zu Amsterdam an zwei tapfern und 
frommen Streitern Jesu Christi, genannt Sander Wou- 
terß von Bommel und Evert Hendrikß von Warendorff 
ausgewiesen hat, welche damals ihr Leben freiwillig 
mit dem Tode vertauscht und dem Herrn zum Bran- 
dopfer übergeben haben, was mit brennenden Feuer- 
flammen auf dem Richtplatze vor dem Stadthause zu 
Amsterdam geschehen ist, wie solches die blutdürs- 
tigen römischgesinnten Regenten durch ihre Bosheit 
bewirkt haben. 

Aber es wird zwischen denen, die dieses getan, und 
denen, die es erlitten haben, dermaleinst ein großer 
Unterschied sein, denn es wird zu denen, die dieses 
erlitten haben, gesagt werden: Kommt her, ihr Geseg- 
neten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch berei- 
tet ist von Anbeginn der Welt; aber zu denen, welche 
dieses getan haben (wenn sie sich nicht gründlich und 
von Herzen von dieser Bosheit bekehrt haben): Geht 
hin, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das dem Teu- 
fel und seinen Engeln bereitet ist, Mt 25. O ein sehr 
großer Unterschied! Hier muss unser Verstand in sei- 
ner Beschränktheit stille stehen; unsere sterbliche und 
gebrechliche Zunge kann dieses nicht aussprechen. 

Das Todesurteil dieser beiden Personen ist uns, 
durch Vermittlung des Gerichtsschreibers, aus dem 
Buche der Blutgerichte dieser Stadt zugeschickt wor- 
den; deshalb wollen wir dasselbe, wie es lautet, hier 
beifügen, aus welchem man sehen kann, wie treulos 
die päpstliche Obrigkeit in der Zeit das gute Bekennt- 
nis der frommen Zeugen Jesu Christi verfälscht hat, 
und wie grausam und erschrecklich sie mit denselben 
Verfahren und umgegangen seien. 

Todesurteil des Sander Wouterß von Bommel und 
Evert Hendrikß von Warendorff. 

Nachdem meine Herren des Gerichts in Erfahrung ge- 
bracht, daß Sander Wouterß von Bommel und Evert 
Hendrikß von Warendorff, beide Schneider und Ein- 
wohner dieser Stadt, gegenwärtig in Verhaft, des Ge- 
horsams, den sie unserer Mutter, der heiligen Kirche, 
und der königlichen Majestät, als ihrem natürlichen 



658 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Herrn und Prinzen, schuldig waren, nicht eingedenk 
gewesen sind, auch daß sie die Ordnungen der hei- 
ligen Kirche verachtet haben, und seit vielen Jahren 
weder zur Beichte, noch zu dem heiligen würdigen 
Sakramente gegangen sind, desgleichen, daß sie sich 
unterstanden haben, zu verschiedenen Malen in die 
Versammlung der verdammten Sekte der Mennoniten 
oder Wiedertäufer zu gehen, und zugelassen haben, 
daß man in ihren Häusern Ermahnungen gehalten 
hat, nach Art der vorgemeldeten Sekte, nicht weniger, 
daß der vorgemeldete Sander Wouterß vor zwölf, der 
gedachte Evert Hendrikß aber vor sieben Jahren die 
Taufe versagt und verlassen, die sie in ihrer Kindheit 
von der heiligen Kirche empfangen hatten und sich 
haben wiedertaufen lassen, darauf das Brotbrechen, 
nach der Weise dieser Sekte, öfters empfangen, und 
überdies, obschon verschiedene geistliche Personen 
ihnen zugeredet und sie mehrmals ermahnt haben, 
ihre gedachte Sekte zu verlassen und wieder zu un- 
serer Mutter, der heiligen Kirche, zurückzukehren, 
dennoch solches zu tun sich geweigert, und in ihrer 
Halsstarrigkeit und Hartnäckigkeit verharren, wobei 
sie durch diese Sekte die öffentliche Ruhe und Wohl- 
fahrt der Länder stören, nach Inhalt seiner Majestät 
Befehlen aber, die davon handeln, solche Taten, an- 
dern zum Beispiele, nicht ungestraft bleiben sollen, 
so ist es geschehen, daß meine Herren des Gerichtes, 
nachdem sie die Anklage meines Herrn, des Schult- 
heißen, gehört, (wie auch) das freiwillige Bekenntnis 
der Gefangenen gesehen und ihre Halsstarrigkeit und 
Hartnäckigkeit in Erwägung genommen, diese Ge- 
fangenen, und zwar einen jeden von ihnen, verurteilt 
haben und hiermit verurteilen, daß sie nach Ihro Ma- 
jestät Befehlen mit Feuer hingerichtet werden sollen, 
wobei sie alle ihre Güter zu ihrer Majestät Nutzen 
verfallen zu sein erklären. So geschehen vor Gericht, 
den dritten September 1572, von allen Gerichtsherren 
mit Rat aller Bürgermeister, in Gegenwart meiner, als 
Stadtschreibers; und war unterschrieben W. Pieterß. 

Ausgezogen aus dem Buche des Blutgerichtes der 
Stadt Amsterdam, welches daselbst in der Kanzlei 
niedergelegt ist. N. N. 

Hans Knevel, 1572. 

Es ist vielen Menschen bekannt, daß durch die falsche 
Lehre des Antichristen die Welt so verdorben und die 
Ungerechtigkeit (nach der Weissagung Christi) so sehr 
die Oberhand genommen hat, daß die Prinzen und 
Könige der Erde, durch dessen verführenden Wein 
der Unkeuschheit, ihre angeborene redliche Natur ver- 
lassen haben, obgleich sie im Allgemeinen gegen ihre 
eigenen Freunde und Blutsverwandten, sowie auch 


gegen diejenigen, die sie lieben, und die ihnen wohl 
tun, Liebe und Barmherzigkeit zeigen. Solche Red- 
lichkeit scheint in vielen Prinzen und Regenten dieser 
Welt aufgehört zu haben, sodass sie nun, statt ihrer 
angeborenen Redlichkeit, den unvernünftigen Tieren 
gleich sind, die von Natur zum Fangen und Würgen 
geboren sind. Solches hat sich auch um das Jahr 1572 
in der Stadt Antwerpen gezeigt, wo sie einen from- 
men Nachfolger Christi, Namens Hans Knevel, in ihre 
Gewalt bekommen haben. Dieser war jung von Jah- 
ren, und noch ein lediger Gesell, seines Handwerks 
ein Tuchscherer. Die Veranlassung zu seiner Gefan- 
gennahme ist folgende: Einer seiner besten Freunde 
ist von dem Markgrafen und einem seiner Diener er- 
kannt worden, weshalb dieselben es darauf anlegten, 
ihn zu fangen. Als dieser Anschlag dem Hans Knevel 
(in seiner Werkstätte, wo er arbeitete) bekannt wur- 
de, hat er seinen Freund mit großem Ernste davor 
gewarnt und ihm geraten, fortzuziehen; er selbst war 
Willens, ihn zu begleiten; sie haben sich sodann mit- 
einander nach Hamburg begeben, und als sie dort 
eine Zeitlang gewohnt haben, ist Hans Knevel wieder 
nach Antwerpen gezogen, und hat sich mit dem Woll- 
verkauf zu ernähren gesucht. Darauf ist der Markgraf 
mit seinen Dienern ungefähr um zehn Uhr in seine 
Wohnung gekommen und hat ihn gefragt: Ist dein Na- 
me nicht Hans Knevel? Er antwortete: Ja, worauf der 
Markgraf sagte: Du bist ein Wiedertäufer; du musst 
mit mir gehen; er musste ihm auch sagen, wie er mit 
seinem guten Freunde, Steven Jans Dilburg, von da 
nach Hamburg gezogen sei; er wurde in ein finste- 
res Loch gelegt, und darauf auf einen Montag vor 
die Herren gestellt, nämlich vor den Markgrafen, den 
Schultheißen, zwei Gerichtsherren und den Schreiber 
des Blutgerichtes. Als nun dieser Freund Gottes, Hans 
Knevel, aus Bescheidenheit sich zuerst weigerte, sich 
sofort niederzusetzen, sprach der Schultheiß: Setze 
dich nieder und tue, was man dir heißt; du bist ja dei- 
nem Volke untertänig, du musst uns auch untertänig 
sein. Als sie ihn fragten, was er von ihrer Kindertaufe 
hielte, antwortete Hans, daß er in dem Neuen Tes- 
tamente nichts von einer Kindertaufe gelesen hätte, 
darum könnte er auch nichts davon halten. Frage: Ob 
er auch auf seinen Glauben getauft wäre. Antwort: 
Ja. Frage: Vor wie langer Zeit ist es geschehen? Hans 
hat solches gesagt, und daß es zwischen Kronenburg 
und dem Dever geschehen sei; dies haben sie so nie- 
dergeschrieben. Frage: Wo er die Ermahnung gehört 
und wen er dort gesehen hätte. Er nannte ihnen eini- 
ge Personen und einige, die schon aufgeopfert waren. 
Darauf sagten sie: Du nennst uns Leute, die entweder 
das Land verlassen haben oder verbrannt sind; wir 
wollen solche wissen, die hier wohnen, und die eure 



659 


Lehrer und Diener des Wortes sind; auch sagten sie, 
daß dergleichen Leute, wie er, der Gefangene, einer 
wäre, nirgends Freiheit hätten, und überall herum- 
laufen müssten. Hans antwortete, daß auch Christus 
selbst nirgends Freiheit gehabt hätte. Solches nahmen 
sie übel auf, daß der Gefangene sich neben Chris- 
tus zu setzen suchte. Der Markgraf sagte: Ihr habt 
zu Hamburg auch keine Freiheit. Hans antwortete: 
Man bringt wenigstens dort niemanden um Gut, Leib 
und Leben, wie man hier tut. Markgraf: Was tut man 
denn dort? Hans: Man schickt sie zur Stadt hinaus. 
Markgraf: So müssen sie denn wieder in eine andere 
gehen? Hans: Ja, aber ehe sie die Städte Israels alle 
durchwandelt sind, wird ihre Erlösung vor der Tü- 
re sein. Darüber lachten sie. Markgraf: Man wird dir 
Gelehrte verordnen, und wenn du dich unterrichten 
lassen willst, wird man dir Gnade erzeigen. Hans: Ja, 
ihr würdet mir solche Gnade erzeigen, daß ich einen 
Schnitt in meinen Hals bekommen würde. Markgraf: 
Nein, sondern man wird dich in Freiheit setzen. Hans: 
Wenn dem so wäre, wie du sagst, so würdest du mein 
Fleisch lieben, aber meine Seele beneiden. Markgraf: 
Nein, sondern ich liebe dein Fleisch und deine Seele 
noch bei weitem mehr, weil du noch jung und un- 
schuldig dazu gekommen bist; willst du aber nicht 
gehorchen, so soll es dir gehen, wie den andern. 

Hans sagte, er sei damit wohl zufrieden, und so 
sind sie voneinander geschieden. Nachher wurde die- 
ser Gefangene des Herrn drei Tage nacheinander vor 
einen Pfaffen gebracht, der aus allen Kräften dahin 
gearbeitet, um diesen Gefangenen von seiner falschen 
Lehre zu überzeugen, und nach ihrer alten Gewohn- 
heit viele Dinge erzählt hat, welche dieser Freund Got- 
tes nicht wert achtete, sie an seine Freunde zu schrei- 
ben; insbesondere redete der Pfaffe vieles über Rom 13; 
damit wollte er das Morden und Erwürgen von Seiten 
der römischen Kirche beweisen, daß die Obrigkeit das 
Schwert nicht umsonst trüge, und daß man darum 
gehorsam sein müsste. Hans antwortete, daß er der 
Obrigkeit in Zoll, Schätzung und dergleichen Dingen 
wohl gehorsam sein wollte, aber der Pfaffe sollte sich 
billig schämen, daß er ihr böses und abscheuliches 
Morden und Brennen noch mit der Schrift zu bewei- 
sen suchte; auch fragte er ihn, wo Christus und seine 
Apostel solches jemals getan hätten. Und als er den 
Pfaffen ferner fragte, warum er zu ihm gekommen 
wäre, antwortete der Pfaffe: Um deine Seele zu ge- 
winnen. Hans Knevel sagte ihm, wenn er Seelen zu 
gewinnen suchte, sollte er in der Stadt herumgehen, 
in die unehrlichen Häuser, in die Sauf- und Ballhäuser, 
und zu denen, die so viel unschuldiges Blut vergie- 
ßen; deren Seelen sollte er zu gewinnen suchen; die 
seine hätte Christus gewonnen. Also ist dieser Ge- 


fangene fünfmal mit dem Pfaffen im Streite gewesen; 
darauf ist er auch einige Mal auf die Folterbank gelegt 
worden; aber der Herr, sein Gott, auf dessen Gnade 
er vertraute, hat ihm nach seiner Verheißung auch 
treuen Beistand geleistet. Als er aber wieder vor die 
Herren kam, wurde er sehr getadelt, warum er die 
von ihnen gesandten Gelehrten nicht hätte hören wol- 
len. Hans antwortete: Eure Gelehrten wollten mir eine 
Kindertaufe weißmachen, von der doch die Schrift 
nirgends redet, wobei er den Herren die Schriftstel- 
len von der rechten christlichen Taufe nachzuweisen 
sich erbot, aber die Herren wollten ihn nicht hören, 
sondern ließen sich dahin aus, daß sie keine Einsicht 
davon hätten. Hans sagte, wie sie denn über eine sol- 
che schwere Sache urteilen dürften, woran doch Leib 
und Seele hänge, von welcher sie aber doch, nach 
ihrer eigenen Angabe, keine Einsicht hätten. 

Nachdem er nun ungefähr neun Tage in des Kaisers 
Stuhl in schwerer Gefangenschaft gelegen hatte, ist er 
abermals vor den Markgrafen und den Schreiber des 
Blutgerichts gefordert worden. Der Markgraf sagte 
ihm, daß er einen Brief von dem Herzoge empfangen 
hätte, des Inhalts, daß der Gefangene noch mehr und 
schärfer untersucht werden müsste. Hans antwortete, 
daß er ihnen keinen näheren Bescheid sagen könnte; 
darum musste er abermals auf die Folterbank. Als 
sie nun weiter nichts aus ihm herausbringen konnten, 
ließen sie ihn herunter. Hans sagte: Wie mögt ihr uns 
so quälen, da doch niemand über uns klagt, daß wir 
jemandem ein Leid zugefügt haben? Der Markgraf 
sagte: Ihr wollt der Obrigkeit nicht gehorchen. Hans 
antwortete: Wir wollen der Obrigkeit gern gehorsam 
sein in allen Schätzungen, in Zoll und Accise, ja, es 
wäre uns leid, wenn wir derselben einen Stüber von 
dem, was ihr gebührt, vorenthalten sollten. Da ver- 
glichen sie ihn mit den Münsterschen. Hans sagte, 
daß sein Glaube so weit von der Münsterschen Sekte 
unterschieden wäre, als der Himmel von der Erde. 
Nachdem sie nun jede Qual, Versuchung und ihren 
Mutwillen an ihm erschöpft hatten, und er, der Ge- 
fangene, keineswegs zu bewegen war, denn er stand 
fest gebaut auf den Eckstein Jesum Christum, so hat 
man ihn zu Antwerpen auf dem Markte um das Jahr 
1572 an einem Pfahle verbrannt, und so hat er den 
Glauben der Wahrheit mit seinem Tode und Blute be- 
festigt, allen wahren Christen zum lehrreichen und 
beständigen Exempel, denn er hat nun den Kampf 
gekämpft, den Lauf vollendet, die Krone der ewigen 
Herrlichkeit von Gott aus Gnaden erlangt, und ruht 
nun mit allen seinen Mitstreitern und gesetzmäßigen 
Kämpfern unter dem Altäre Christi Jesu. 

Diese Geschichte haben wir hauptsächlich aus Hans 
Knevels eigenem Briefe genommen, den er aus dem 



660 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Gefängnisse zu Antwerpen an seinen lieben Bruder 
Steven Janß Dilburg und sein Weib Leentgen in Ham- 
burg geschrieben hat, worin er den festen Grund sei- 
nes Glaubens und die lebendige Hoffnung auf Gottes 
Gnade und zugesagte selige Verheißungen weitläufig 
zu erkennen gibt, aber um die Ausdehnung zu ver- 
meiden, haben wir diesen Brief ausgelassen, wie wir 
auch mit vielen andern dergleichen Schriften getan 
haben. 

Matthäus Bernaerts, sonst genannt Matthäus von 

Linken, Adrian Rogiers, Martin von der Straasen 

und Dingentgen von Honschoten, im Jahre 1572. 

Im Jahre 1572 den 4. Dezember ist zu Gent, in Flan- 
dern, auf dem Freitagsmarkte um des Zeugnisses Je- 
su Christi willen der gottesfürchtige fromme Bruder 
Matthäus Bernaerts, sonst Matthäus von Linken ge- 
nannt, zu Meenen in Flandern geboren, 40 Jahre alt, 
der zu seiner Zeit ein Diener der Gemeinde Gottes in 
dem Worte des heiligen Evangeliums, wie auch in der 
Armenpflege war, um die armen dürftigen Glieder 
Christi mit leiblicher Notdurft zu besorgen, mit Ku- 
geln im Munde verbrannt worden, und mit ihm eine 
junge Tochter, genannt Dingentgen von Honschoten. 
Diese sind mit Martin von der Straasen, geboren zu 
Kortryck in Flandern, und Adrian Rogiers, geboren zu 
Bommel in Gelderland (welche besonders in diesem 
Buche gemeldet sind) in eben demselben Feuer, mit 
Kugeln im Munde, um der rechten unbezweifelten 
Wahrheit willen verbrannt worden, und haben den 
lautem Glauben in großer Standhaftigkeit mit ihrem 
Tode und Blute bezeugt und befestigt. Also haben sie 
wider die Fürsten und Regenten der Finsternis, den 
Teufel und seine Anhänger, einen guten Streit gestrit- 
ten, den Lauf vollendet, den Glauben gehalten, und 
warten mm, bis sie die Krone der ewigen Herrlichkeit 
von der Hand des Herrn aus Gnaden empfangen. 

Ein Testament. 

Geschrieben von Matthäus Bernaerts, sonst genannt 
von Linchen, als er zu Gent gefangen lag, an seine 
Kinder Janneken, Joosten und Myntken. 

Gott, der himmlische Vater, Schöpfer des Himmels, 
der Erde und der Wasser, und alles dessen, was dar- 
innen ist, der in einem Lichte wohnt, wohin niemand 
kommen kann, welches auch kein Mensch gesehen 
hat, noch sehen kann, gebe durch Jesum Christum, 
seinen einigen Sohn, mit Kraft des Heiligen Geistes 
euch, meinen lieben Kindern, bis in euer volles Alter 
Gnade und Barmherzigkeit, Weisheit und Verstand, 
damit ihr geübte Sinne zur Unterscheidung des Guten 


und Bösen erlangen und von Jugend auf lernen mögt, 
durch die Furcht Gottes die Sünde meiden, und alles 
Arge, sowie alle Bosheit, scheuen, und so in der Er- 
kenntnis Gottes aufwachst, damit ihr die Seligkeit und 
die ewige Herrlichkeit ererben mögt, und ich euch in 
dem ewigen Leben wiederfinden möge. Dieses wün- 
sche ich, Matthäus Bernaerts, euer Vater, euch, meinen 
lieben Kindern, Janneken, Joosten und Myntken, aus 
meines Herzens Grunde, daß es so geschehen möge, 
Amen. 

Das Testament: Ich, Matthäus Bernaerts, oder Mat- 
thäus von Linken, euer Vater, sitze nun um des Wor- 
tes Gottes willen im Gefängnisse zu Gent geschlos- 
sen. Deshalb ist das, meine lieben Kinder, zunächst 
mein Begehren, daß, wenn ihr zu eurem Verstände 
gekommen seid, ihr fleißig danach fragt, warum es 
geschehen sei, daß euer Vater hat leiden müssen, auch 
daß ihr eifrig in der heiligen biblischen Schrift un- 
tersuchen wollt, dann werdet ihr leicht durch Gottes 
Gnade merken, daß es nicht wegen irgendeiner Miss- 
etat oder Ketzerei geschehen sei, daß ich leiden muss, 
wie ich mit meinen Mitbrüdern, die gleichen Glauben 
mit mir empfangen haben, von den falschen Prophe- 
ten beschuldigt wurde, sondern daß wir geschmäht 
werden, weil wir eine feste Hoffnung haben auf den 
lebendigen Gott, der der Heiland aller Menschen ist, 
insbesondere aber der Gläubigen; auf den lebendigen 
Gott, sage ich, der die Welt so liebte, daß er seinen 
eingebornen Sohn dahingegeben hat, damit alle, die 
an Ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das 
ewige Leben haben. Von diesem einigen Sohne des 
Vaters bekennen wir, daß Er von Ewigkeit zu Ewigkeit 
gewesen sei, denn Er ist das A und das O, der Anfang 
und das Ende, der Erste und der Letzte, durch wel- 
chen alle Dinge erschaffen worden sind, durch den 
wir auch die Versöhnung, nämlich die Vergebung der 
Sünden, haben. Denn Christus ist für uns gestorben, 
als wir noch gottlos waren, deshalb sind wir auch 
versöhnt durch den Tod des Sohnes Gottes, als wir 
noch Feinde waren, durch die Vernunft in bösen Wer- 
ken; ebenso sind wir nun mit dem Leibe seines Flei- 
sches durch den Tod versöhnt, denn das Blut Jesu 
Christi, seines Sohnes, macht uns von allen unsem 
Sünden rein. Er ist auch das unschuldige, unbefleck- 
te Lamm, das die Sünde Adams auf sich genommen 
hat, welches keine Sünden getan hat, und in dessen 
Mund kein Betrug erfunden worden ist; dasselbe ist 
uns von Gott gemacht zur Weisheit und Gerechtig- 
keit, zur Heiligung und zur Erlösung. Summa, ich 
glaube und bekenne mit vielen Heiligen Gottes, daß 
Christus der Sohn des lebendigen Gottes sei, wie von 
Ihm Petrus bekannt hat mit vielen Aposteln, Natha- 
nael, Martha, dem Mörder, dem Engel Gabriel, dem 



661 


Vater aus dem hohen Himmel und vielen Zeugen der 
Christen. Dieser eingeborne Sohn Gottes hat uns des 
Vaters Willen offenbart und zu erkennen gegeben, als 
Er von den Toten auferstanden ist. Er hat seinen Apo- 
steln einen Befehl gegeben und gesagt: Mir ist alle 
Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben, darum 
geht hin und lehrt alle Völker, und tauft sie im Namen 
des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, und 
lehrt sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Mar- 
kus beschreibt es: Geht hin in alle Welt, und predigt 
das Evangelium allen Kreaturen; wer glaubt und ge- 
tauft wird, wird selig werden, wer aber nicht glaubt, 
wird verdammt werden. Aber der Mensch muss zu- 
vor sich bekehren und Buße tun, denn Christus hat 
in seinem Namen Buße predigen lassen zur Verge- 
bung der Sünden. So zeugen auch von Christo alle 
Propheten, daß alle, die an Ihn glauben, durch seinen 
Namen Vergebung der Sünden empfangen. Diesem 
Befehle Christi sind die Apostel als treue Diener nach- 
gefolgt, wie man in den Geschichten der Apostel liest, 
wo Petrus das Volk zu Jerusalem lehrte und sagte: Tut 
Buße, und lasse sich ein jeder im Namen des Herrn 
Jesu Christi zur Vergebung der Sünden taufen, dann 
werdet ihr die Gaben des Heiligen Geistes empfan- 
gen; diejenigen nun, die sein Wort gern aufnahmen, 
ließen sich taufen. Desgleichen finden wir auch von 
dem Kämmerer aus dem Mohrenlande, wie er sich auf 
sein Glaubensbekenntnis von Philippus habe taufen 
lassen; auch wurden von Philippus sowohl Männer 
als auch Weiber getauft, als er ihnen von dem Reiche 
Gottes gepredigt hatte; ebenso hat Petrus befohlen, 
Cornelius mit seinem Hausgesinde zu taufen, als er 
und alle seine Hausgenossen durch den Glauben den 
Heiligen Geist empfangen hatten; ebenso ist auch des 
Stockmeisters Hausgesinde getauft worden, als es an 
den Herrn Jesum gläubig geworden ist. Also haben 
die Apostel nur die Gläubigen getauft, nachdem sie 
dieselben zuvor gelehrt, Buße zu tim, den Sünden ab- 
zusterben und durch die Taufe begraben zu werden, 
um wieder in einem neuen Leben aufzustehen. So ist 
denn die Taufe eine Begrabung der Sünden, ein Bad 
der Wiedergeburt, welches uns, wie Petrus sagt, selig 
macht, nämlich was dadurch bedeutet wird, nicht das 
Abtun des Unflates am Fleische, sondern der Bund 
eines guten Gewissens mit Gott, denn durch die Taufe 
wird von den Gläubigen zu erkennen gegeben, daß sie 
inwendig mit dem Heiligen Geiste und Feuer durch 
Christum getauft seien, wovon wir viele Zeugnisse in 
der heiligen Schrift haben; auf solche Weise treten sie 
in den Bund des Allerhöchsten, und sind versichert 
durch seinen Heiligen Geist von der Gnade und dem 
Verdienste unsers Herrn Jesu Christi, daß er ihr Gott 
sei und daß sie seine Kinder seien. 


Dieses ist in der Kürze unser Glaube von der Taufe, 
wobei wir allem absagen, was von Menschen dagegen 
eingesetzt ist. 

Ferner haben wir aus Gottes Wort ein Abendmahl 
oder Brotbrechen, welches der Herr selbst eingesetzt 
und seinen Aposteln befohlen hat, zum Gedächtnisse 
seines Leidens und Todes, wie Paulus berichtet: Der 
Herr Jesus Christus, in der Nacht, wo er verraten war, 
nahm das Brot, dankte, brach es und sagte: Nehmt, 
esst, das ist mein Leib, der für euch gebrochen wird; 
solches tut zu meinem Gedächtnis; desgleichen nach 
dem Abendmahl nahm Er auch den Kelch, und sag- 
te: Dieser Kelch ist das neue Testament in meinem 
Blute; so oft ihr solches trinkt, tut es zu meinem Ge- 
dächtnis, denn so oft ihr von diesem Brot esst und 
von diesem Kelch trinkt, sollt ihr des Herrn Tod ver- 
kündigen, bis daß Er kommt. Wer aber unwürdig von 
diesem Brot isst, oder von dem Kelch des Herrn trinkt, 
der ist schuldig an dem Leib und Blut des Herrn. Der 
Mensch aber prüfe sich selbst, und also esse er von 
diesem Brot und trinke von diesem Kelch, denn, wer 
unwürdig isst, der isst und trinkt sich selbst das Ge- 
richt, weil er den Leib des Herrn nicht unterscheidet. 
Also hat Christus Jesus das Abendmahl eingesetzt 
mit Brot und Wein, damit es in einer christlichen Ver- 
sammlung gebraucht werde, im Namen des Herrn, 
zum Zeichen der brüderlichen Liebe und Einigkeit, 
und zum Zeichen, daß wir Christi, des wahrhaftigen 
Brotes vom Himmel, durch sein Verdienst in dem 
Glauben an seinen heiligen Namen teilhaftig gewor- 
den sind, wie Paulus erklärt: Der gesegnete Kelch, 
welchen wir segnen, ist der nicht die Gemeinschaft 
des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist das 
nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi? Denn ein 
Brot ist es, so sind wir viele ein Leib, weil wir alle 
eines Brotes teilhaftig sind; diejenigen aber, die zu 
diesem Brote tüchtig sind, müssen den Sünden abge- 
storben, durch die Taufe begraben und mit Christo 
wieder auferstanden sein, in einem gottseligen und 
christlichen Leben, und müssen in Christo eine neue 
Kreatur geworden und in seinem Blute gereinigt sein. 
Solche müssen durch das Wasserbad im Worte die Se- 
ligkeit erlangen, indem sie Fleisch von Christi Fleisch 
und Bein von seinen Beinen sind; auch müssen sie der 
göttlichen Natur teilhaftig sein, und fortan alle ver- 
gänglichen Wollüste dieser Welt fliehen; sie müssen 
auch in einem Geiste zu einem Leibe getauft, und mit 
einem Geiste getränkt werden. Dieses Abendmahl ist 
bei der Welt ganz verkehrt, denn sie halten ihr Abend- 
mahl mit Huren und Buben, mit Trunkenbolden und 
Ehebrechen, mit Götzendienern, mit Lügnern, Die- 
ben, Mördern, Lästerern und Zauberern, von welchen 
geschrieben steht, daß solche das Reich Gottes nicht 



662 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


ererben werden, sondern ihr Teil wird sein in dem 
feurigen Pfuhle, der mit Schwefel und Feuer brennen 
wird, welches der zweite Tod ist. Auch meinen sie, 
wenn sie das Brot essen und den Kelch trinken, sie 
Christi Leib wesentlich essen, und sein Blut wesent- 
lich trinken, in welcher Beziehung Christus zu den 
Juden sagt, die es auch fleischlich verstanden, wie es 
diese noch so verstehen, der Geist sei es, der leben- 
dig macht, das Fleisch und Blut sei nichts nütze; die 
Worte, die ich rede, sind Geist und Leben. Auch fin- 
den wir an vielen Plätzen, daß Christus zur Rechten 
seines Vaters im Himmel sitzt, und den Himmel ein- 
nehmen muss bis zur Zeit, daß wiedergebracht werde 
alles, was Gott geredet hat durch den Mund seiner 
Propheten. Und weil ich, meine lieben Kinder, diese 
drei Artikel gleichsam aus des Herrn Munde durch 
den Heiligen Geist aus Gottes Wort von Herzen ange- 
nommen und geglaubt, das Böse gemieden und ver- 
abscheut habe, nach meinem schwachen Vermögen, 
sowie alles, was denselben zuwider ist, namentlich 
viele Gräuel, Abgötterei, die Kindertaufe, das abgöt- 
tische, verkehrte Abendmahl, die Ohrenbeichte, und 
verschiedene andere Schändlichkeiten, so muss ich 
leiden und des Todes sterben. Aber von Anfang der 
Welt ist es so gewesen, dass die Gerechten viel haben 
leiden müssen, wie Christus sagt: Sie werden euch 
in den Bann tun, und die Zeit wird kommen, daß 
wer euch tötet, meinen wird, er tue Gott einen Dienst 
damit; und dieses alles werden sie euch darum tun, 
weil sie weder mich, noch meinen Vater erkannt ha- 
ben; denn hätten sie Ihn erkannt, sie hätten den Herrn 
der Herrlichkeit nicht gekreuzigt; auch sagt Christus: 
Wärt ihr von der Welt, so hätte die Welt das ihre lieb; 
nun ihr aber nicht von der Welt seid, und weil ich 
euch von der Welt erwählt habe, so hasst euch die 
Welt. Also sind die Kinder Gottes aus dieser düstern, 
bösen Welt zum Lichte Jesu Christi berufen und er- 
wählt, weil ihre Werke, die in Gott getan sind, die Welt 
strafen und ihre Bosheit zum Vorschein bringen; dar- 
um sind sie auch über dieselben zornig, nach der Art 
Kains, welcher, weil Abels Opfer vor dem Herrn an- 
genehm war, denselben totgeschlagen hat, denn was 
lauter und klar ist, mag nicht zum Vorschein kommen. 
Der sich vom Bösen abwendet und Gutes tut, muss 
jedermanns Raub sein, und alle, die gottselig leben 
wollen in Christo Jesu, müssen Verfolgung leiden. Der 
Engel sagte zu Tobias: Weil du Gott angenehm warst, 
so musste es so sein, ohne Anfechtung musstest du 
nicht bleiben, damit du bewährt würdest. Der Jünger 
ist nicht über seinem Meister, noch der Knecht über 
seinem Herrn, sondern es ist dem Jünger genug, daß 
er wie sein Meister sei, und dem Knechte, daß er wie 
sein Herr sei. Haben sie den Hausvater Beelzebub 


genannt, um wie viel mehr werden sie seine Hausge- 
nossen so nennen; haben sie mich verfolgt, so werden 
sie euch auch verfolgen; haben sie mein Wort gehal- 
ten, so werden sie das eure auch halten. Meine lieben 
Kindlein, es wird euch nicht zur Schande gereichen, 
daß ich, euer Vater, leiden muss, denn es ist um des 
Namens des Herrn Jesu Christi willen. Darum schämt 
euch dessen nicht, denn man mag nicht herrlicher für 
den Herrn sterben, als um des Wortes Gottes willen. 
Petrus und Johannes gingen fröhlich von dem Rate, 
als sie gegeißelt waren, weil sie würdig waren, um 
des Namens Jesu willen Schmach zu leiden. Derselbe 
Apostel sagt auch: Selig seid ihr, wenn ihr um des 
Namens Christi willen geschmäht werdet, denn der 
Geist, der ein Geist der Herrlichkeit und Gottes ist, 
ruht auf euch; bei ihnen ist er verlästert, aber bei euch 
ist er gepriesen. 

Ferner ist es mein Begehren, meine lieben Kinder, 
daß ihr euch der bösen Werke dieser Welt enthaltet, 
deren es sehr viele gibt, damit ihr nicht mit ihr ver- 
dammt werdet, denn die Welt mit allen ihren Lüsten 
wird vergehen; wer aber den Willen Gottes tut, der 
bleibt in Ewigkeit, ja, solche wird der Herr wie seinen 
Augapfel, und ihre guten Werke wie einen Siegelring 
bewahren. 

Darum trachtet von Jugend auf nach dem Besten; 
beugt eure Schultern unter die Wahrheit, und meidet 
alle Lüste der Jugend; trachtet darnach, daß ihr des 
Herrn Joch auf euch nehmt, das ist, daß ihr die Lehre 
Christi aufnehmt jetzt in euren jungen Tagen bis in eu- 
er Alter, ja, bis ans Ende eures Lebens, dann wird man 
einen weisen, vollkommenen Mann an euch sehen; 
untersucht fleißig die heilige Schrift, damit ihr da- 
durch in dem göttlichen Leben vollkommen fortgeht, 
von welchem die Welt entfremdet ist, und lasst das 
Wort Christi in euch gepflanzt werden, damit es reich- 
lich in euch wohnen möge in aller Weisheit. Denkt 
allezeit an Gottes Gebot, und ohne Unterlass an sein 
Wort, das wird euer Herz vollkommen machen, und 
euch Weisheit geben, wie ihr begehrt; denn das Wort 
des Höchsten ist ein Brunnen der Weisheit, und ihr 
Eingang sind die ewigen Gebote. Durch Gottes Wort 
erlangt ihr gottselige und geübte Sinne zur Unter- 
scheidung des Guten und des Bösen, denn die heilige 
Schrift gibt Zeugnis von Gottes Güte und macht einen 
Unverständigen, der es begehrt, weise, um Gott zu 
fürchten, alle Bosheit zu meiden und Gutes zu tun, 
denn wer Gott fürchtet, wird Gutes tun. Die Furcht 
Gottes ist der Weisheit Anfang, und Böses meiden ist 
Verstand. Die Furcht des Herrn ist der Brunnen der 
Weisheit, wodurch man die Stricke des ewigen Todes 
meidet, und der Sünden Sold ist der Tod. 

Darum, meine lieben Kinder, meidet die Ursache, 



663 


wodurch man in den Tod kommt, das ist die Sünde, 
welche bei den Fleischlichen sehr häufig gesehen wird; 
denn die Welt liegt im Argen; die Sünden werden bei 
ihr sehr gering geachtet, und gleichwohl hat sie Zähne 
wie Löwenzähne, welche der Menschen Seelen töten, 
indem die Sünde und Ungerechtigkeit einem schar- 
fen Schwerte gleicht und verwundet, daß es niemand 
heilen kann. Ach, meine lieben Kinder, bewahrt eure 
Seelen sehr fleißig, damit ihr auch mit eurem Munde 
keine Ungerechtigkeit redet, und hütet euch vor Lü- 
gen, denn der Mensch, sagt Christus, wird von allen 
unnützen Worten, die er geredet hat, Rechenschaft 
geben müssen. Darum sagt Paulus: Legt die Lügen 
ab und redet die Wahrheit untereinander, denn eitle 
Reden gehen nicht frei aus, und der Mund, der lügt, 
tötet die Seele; ebenso haben auch die Lügner keinen 
Teil an dem Reiche Gottes, sondern ihr Teil wird in 
dem Pfuhle sein, der mit Schwefel und Feuer brennt. 

Liebe Kinder, befleißigt euch der Treue, wo ihr 
wohnt oder wo ihr seid; seid gegen alle Menschen gut 
und getreu, und hütet euch vor dem Stehlen, denn die 
Diebe haben keinen Platz in dem Reiche Gottes, weil 
es eine abscheuliche große Sünde ist. Darum lasst we- 
der eure Augen noch eure Herzen darnach gelüsten, 
etwas zu begehren, was nicht euer ist, denn ein Dieb 
wird nirgends geachtet; wo er hinkommt, sieht man 
nach ihm und seinen Händen. 

Deshalb, meine lieben Kinder, haltet euch ehrbar 
bei einem jeden, und wenn ihr etwas im Hause hört, 
das man verschweigen soll, so plaudert es nicht auf 
der Straße aus, oder tragt es nicht hin und her in den 
Häusern, sondern seid darauf bedacht, euer Tun wahr- 
zunehmen, und versäumt nichts durch Müßiggang, 
denn Müßiggang macht die Knaben zu Dieben, die 
Töchter aber zu Huren; wie man denn oft sieht, daß 
es geschieht, daß die Töchter in das Hurenhaus, die 
Söhne aber an den Galgen kommen; das kommt ge- 
wöhnlich daher, weil sie leckerhaft sind und nicht 
arbeiten wollen. Darum haltet euch täglich zu denen, 
wo ihr seid, und seid ihnen gehorsam, wie es euch 
gebührt, eurem Vater gehorsam zu sein, weder hart- 
näckig, noch widerspenstig, sondern seid ihnen ge- 
horsam von Herzen mit Gutwilligkeit, und geht mit 
ihnen und allen Menschen manierlich und freundlich 
um; hütet euch vor Afterreden, denn das ist auch ei- 
ne große Sünde, indem ein Dieb zwar schändlich ist, 
aber ein Verleumder ist noch schändlicher, weil ein 
Verleumder auch das erzählt, was er heimlich weiß. 
Darum bewahrt eure Zunge vor dem Argen, und eure 
Lippen, daß sie keinen Betrug reden. Lasst von dem 
Bösen ab, und tut Gutes; sucht Frieden und jagt ihm 
nach, denn die Augen des Herrn sehen auf die Gerech- 
ten und seine Ohren auf ihr Gebet, aber das Angesicht 


des Herrn sieht auf diejenigen, welche Böses tun. So 
legt nun allen Neid und das Afterreden von euch ab, 
und beneidet einander nicht, noch sonst jemanden, 
denn der Neid macht alle gute Freundschaft verges- 
sen, und scheidet alle guten Freunde voneinander; 
so hat auch Kain seinen Bruder Abel aus Neid totge- 
schlagen; aus Neid haben Jakobs Söhne ihren Bruder 
Joseph in die Grube geworfen und auch verkauft. Ach, 
meine lieben Kinder, haltet euch stets zu Hause, und 
kommt nicht viel auf die Straßen, wenn ihr nichts 
darauf zu tun habt, denn dort lernt man nichts ande- 
res als Büberei, Schlagen, Spielen, Tauschen, Fluchen, 
Schwören und viele unnütze Worte reden. Ach, Kin- 
der, es ist euch so schädlich an Seele und Leib, auf 
die Straße zu laufen; wenn ihr aber nicht arbeiten 
müsst, so nehmt ein Testament zur Hand und lest dar- 
in, das wird euch sehr dienlich sein. Und ihr, Janneken 
und Joosken, seid älter als Myntgen, eure Schwester; 
erweist ihr, nach all eurem Vermögen, eure Barmher- 
zigkeit, und helft ihr die Kost verdienen, und arbeitet 
fleißig mit euren Händen, damit ihr dem Dürftigen 
zu geben habt; denn nach meinem Tode seid ihr große 
Schuldner untereinander, das Beste zu tun, damit ihr 
einander nach eurem Vermögen forthelft. Das Jüngste 
sei dem Ältesten gehorsam, damit kein Streit entstehe. 
Beweist hierin und in allen Dingen eure Demut, denn 
Gott widersteht den Hoffärtigen, aber den Demütigen 
gibt er Gnade. Er hat die Gewaltigen vom Stuhle ge- 
stoßen und erhebt die Elenden. Darum, meine lieben 
Kinder, lasst die Hoffart bei euch nicht die Herrschaft 
haben, weder in Worten noch in Werken, denn David 
sagt: Ein verkehrtes Herz muss von mir weichen; den 
Bösen leide ich nicht, der seinen Nächsten heimlich 
verleumdet, den vertilge ich; ich mag den nicht, der 
stolze Gebärden und hohen Mut hat! Meine Augen 
sehen nach den Treuen im Lande, daß sie bei mir woh- 
nen, und ich habe gern fromme Diener. Ach, meine 
lieben Kinder, seid gegeneinander gut und freundlich, 
und lasst von euch keine spitzigen Worte weder ge- 
geneinander, noch über andere gehört werden. Seid 
auch meinem Weib, eurer Mutter, gehorsam um des 
Herrn willen und um meinetwillen, denn sie war mir 
sehr lieb und wert; aber nun muss ich sie und euch 
verlassen um des Namens des Herrn willen, nach 
dem Befehle Christi, was ich um die ganze Welt nicht 
tun wollte, aber um des Herrn und des Evangeliums 
willen muss man alles verlassen, Vater, Mutter, Weib, 
Kind, Brüder, Schwestern, Land, Haus, Hof, ja, da- 
zu sein eigenes Leben, sonst ist man nicht wert, sein 
Jünger zu sein. 

Hiermit will ich euch, meine lieben Kinder, gute 
Nacht sagen und meinen Abschied von euch nehmen. 
Der Herr gebe euch seinen überfließenden, reichen 



664 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Segen, damit ihr in einem ehrbaren, gottseligen Leben 
aufwachsen und in der Erkenntnis Christi zunehmen 
mögt. 

Ach, meine lieben Kinder, lasst nicht nach, eurem 
Herrn, eurem Gotte, vor dem Essen und Trinken, 
wenn ihr schlafen geht und aufsteht, auf euren Knien 
mit gefabenen Händen zu danken, und ruft Ihn um 
seine Gnade an. 

So empfehle ich euch und eure Mutter, mein wertes 
und in Gott geliebtes Weib, dem Herrn, der mächtig 
ist, für euch an Leib und Seele über unser Gebet zu 
sorgen. Auch ist es mein Begehren, daß man dieses 
Testament für euch abschreibe, und daß man es dem 
Henrich und den Kindern wohl bewahre, zu meinem 
Andenken, und wenn die Kopie abgenutzt ist, so lasst 
es wieder abschreiben, damit es nicht vergehe. Gute 
Nacht Henrich, Urlaub und gute Nacht zum Abschie- 
de, Janneken, meine älteste Tochter; Urlaub und gute 
Nacht Joosken; Urlaub und gute Nacht Myntken, und 
gute Nacht mein wertes und in Gott geliebtes Weib 
und Schwester in dem Herrn. Gute Nacht, nun müs- 
sen wir scheiden. Der allmächtige Gott, der Abraham, 
Isaak und Jakob gesegnet hat, wolle euch auch segnen 
ins himmlische Wesen durch Jesum Christum, Amen. 

Der gesegnete, gekreuzigte Christus sei euer Trost 
und überfließend reicher Schatz der Gnade. Der Frie- 
de Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes 
sei mit euch. Dieses sei noch einmal zum Abschiede. 

Urlaub und gute Nacht, liebe Neelken. Ich danke 
dem Herrn und dir für deine freundliche Gemein- 
schaft und Liebe gegen mich, die du mir erwiesen 
hast. Ich gehe voran, der Herr wolle eure Herzen rich- 
ten, zur Liebe Gottes und zur Geduld Christi, damit 
ich euch bei dem Herrn finden möge. 

Von mir, Matthäus Bernaerts, in meinem Gefängnis- 
se zu Gent geschrieben, den 2. Dezember 1572. 

Eine Danksagung, vor und nach dem Essen, 
welche Matthäus Bernaerts, genannt von Linken, 

in seiner Gefangenschaft gemacht und an seine 
Kinder gesandt hat. 

Vor dem Essen. Schmeckt und seht, wie freundlich der 
Herr sei, der diese Kreaturen erschaffen und sie den 
Gläubigen gegeben hat, mit Danksagung zu genießen, 
zum Lobe und Preise seines heiligen Namens. O al- 
lerliebster, gütigster, barmherziger, ewiger Vater! Du 
wollest doch deine armen, elenden Kinder, die um 
deines heiligen Namens willen in Verfolgung sind, 
nicht vergessen. 

Danksagung nach dem Essen. Lasst uns nun den 
Herrn loben und Ihm danken, der uns so mildreich 
gespeist hat an unserm Leibe. Lasst uns den Vater bit- 


ten, daß Er uns nun auch mit dem Brot des ewigen 
Lebens speisen wolle, damit wir, wenn unser Geist, 
unsere Seele und unser Leib gespeist sind, seinem 
heiligen Willen nachkommen mögen. Ach allerliebs- 
ter, gütigster, barmherziger, ewiger Vater! Du wollest 
doch deine armen, elenden Kinder, die um deines 
heiligen Namens willen in Verfolgung sind, nicht ver- 
gessen, Amen. 

Von mir, Matthäus Bernaerts, genannt von Linken, 
geschrieben in meiner Gefangenschaft. 

Adrian Rogiers wird um des Zeugnisses Jesu 

Christi willen zu Gent in Flandern im Jahre 1572 
verbrannt. 

Hier folgen drei Briefe von Adrian Rogiers, geschrie- 
ben aus seiner Gefangenschaft. 

Der erste Brief, den Adrian Rogiers an sein Weib 
geschrieben hat. 

Aus günstiger Liebe zum freundlichen Gruße ge- 
schrieben an dich, mein herzgründlich geliebtes und 
sehr wertes Weib, welche ich lieb und sehr wert ha- 
be von Herzen, das weiß der Herr, der alle Dinge 
weiß und (wie Jeremia sagt) Herzen und Nieren der 
Menschen prüft. Sodann, meine Liebe, nach diesem 
meinem geziemenden und christlichen Gruße lasse 
ich deine Liebe wissen, daß ich (dem Herrn sei ewiges 
Lob!) noch ziemlich wohlauf bin, sowohl nach dem 
Fleische als auch nach dem Geiste, Gott sei gepriesen! 
Mein Gemüt ist so bestellt, um mit meinem Gott über 
die Mauer zu springen. Ebenso hoffe ich, meine Ge- 
liebteste, durch Gottes Güte, daß du auch an Leib und 
Seele gesund und bereit sein werdest, durch Gottes 
Hilfe lieber mit Eleazar ehrlich zu sterben, als schänd- 
lich zu leben. Der allmächtige Herr, der Brot gibt in 
der Not und, nach des Propheten Wort, Wein und 
Milch umsonst gibt, wolle dich und uns alle so stär- 
ken und kräftig machen durch seinen Heiligen Geist, 
damit wir in unserer gegenwärtigen Drangsal alles 
ertragen mögen, was um des Herrn willen über uns 
kommt, und damit wir seinen Namen fürchten, denn 
dazu hat uns Gott von dem erlöst, der uns zu mächtig 
war, damit wir Ihm in rechtschaffener Gerechtigkeit 
unser Leben lang dienen und Ihn fürchten möchten; 
denn Sirach sagt: Es ist kein köstlicheres Ding, als den 
Herrn fürchten. Darum, ach mein liebes Weib, laß uns 
doch den Herrn von ganzem Herzen fürchten und in 
aller Not laß uns zu dem Herrn fliehen, dann wird 
Er uns helfen; denn David sagt: Der Herr legt uns ein 
Last auf, aber Er hilft sie uns auch tragen, denn wir ha- 
ben, sagt er, einen Gott, der da hilft, und einen Herrn 



665 


der Herren, der vom Tode erlöst; denn Er ist, sagt der 
Prophet, der Kleinen Kraft, der Armen Stärke in der 
Not, eine Zuflucht vor dem Ungewitter, ein Schatten 
vor der Hitze, denn Er steht dem Armen zur rechten 
Hand, damit Er ihm von denen helfe, die sein Leben 
verurteilen; aber Gott wird den Kopf seiner Feinde, 
die in ihren Sünden fortfahren, in Stücke zerschmei- 
ßen; so sagt auch Judith: Wehe den beiden, die mein 
Volk verfolgen, denn der allmächtige Herr richtet sie, 
und sucht sie heim zur Zeit der Rache! Er wird ihren 
Leib plagen mit Feuer und Würmern, und sie werden 
brennen und heulen in Ewigkeit. Aber das, womit uns 
der Herr straft, ach, meine Auserwählten, währt nur 
einen Augenblick, denn David sagt: Den Abendlang 
währt das Weinen, aber des Morgens die Freude; denn 
Gott (sagt Judith) straft uns, seine Knechte, zur Besse- 
rung, aber die Gottlosen straft Er zu ihrem Verderben. 

Darum, mein liebes Weib, laß uns doch ein wenig 
in Geduld unser Kreuz tragen, und laß uns bedenken, 
wie viel unser lieber Herr für uns gelitten hat, wie der 
Prophet sagt: Er war der Allerverachtetste und Un- 
werteste, voller Schmerzen und Krankheiten; Er war 
so verachtet, daß man auch das Angesicht vor Ihm 
verbarg. Darum haben wir Ihn auch nicht geachtet; 
fürwahr Er trug unsere Krankheiten, und lud auf sich 
unsere Schmerzen; wir hielten Ihn aber für den, der 
von Gott geschlagen und gemartert wäre; aber Er ist 
um unserer Missetat willen geschlagen, und um unse- 
rer Sünden willen verwundet; die Strafe liegt auf Ihm, 
damit wir Frieden hätten, und durch seine Wunden 
sind wir geheilt. Wir gingen alle in der Irre, wie die 
Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg; aber der Herr 
warf unser aller Sünden auf sich; als Er geschlagen 
und gemartert wurde, tat Er seinen Mund nicht auf, 
wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, 
und wie ein Schaf, das vor seinem Scherer verstummt. 

Darum, ach mein sehr geliebtes Weib, weil wir nun 
wissen, wie Petrus lehrt, daß Christus im Fleische 
gelitten hat, so laß uns auch mit demselben Sinne ge- 
wappnet sein, denn wer am Fleische leidet, der hört 
auf von Sünden, daß er hinfort, was noch hinterstel- 
liger Zeit im Fleische ist, nicht der Menschen Lüste, 
sondern dem Willen Gottes lebe. 

So sei denn, meine Geliebteste, wohlgemut wenn 
dich der Herr prüft, denn es steht geschrieben: Die 
gerechten Seelen werden ein wenig gestäupt, aber viel 
Gutes wird ihnen widerfahren, denn Gott versucht 
sie, und findet sie, daß sie seiner wert sind. Er prüft 
sie wie das Gold im Ofen, und nimmt sie an wie ein 
völliges Opfer; und zur Zeit, wenn der Herr drein 
sehen wird, werden sie hell scheinen und daherfah- 
ren wie Flammen über die Stoppeln. Sie werden die 
Heiden richten, und über alle Völker herrschen, und 


der Herr wird ewig über sie herrschen, denn die Ihm 
vertrauen, die erfahren, daß Er seine Verheißung treu- 
lich hält, und die in der Liebe treu sind, lässt Er sich 
nicht nehmen, denn seine Heiligen sind in Gnaden 
und Barmherzigkeit, und Er hält Wache über seine 
Auserwählten. 

Darum, ach meine Geliebte, laß uns unsere Sache 
dem Herrn befehlen, und die uns überfallene Not und 
Sorge auf Ihn werfen, denn Er (sagt Petrus) sorgt für 
uns; und ist Gott mit uns (sagt Paulus), wer mag wider 
uns sein? 

So laß uns denn, meine Geliebteste, guten Mutes 
sein, und ernstlich wachen, damit wir, wenn unser 
Bräutigam kommt, mit Ihm von Ewigkeit zu Ewigkeit 
triumphieren mögen, Amen. 

Ferner, mein sehr geliebtes Weib, befehle ich dich 
unserem lieben Herrn; der müsse dein Geleitsmann 
allezeit sein, denn ich nehme nun Urlaub, und sage 
gute Nacht. Tue doch an den Kindern das Beste, wie 
ich denn auch in dieser Beziehung das Vertrauen zu 
dir habe. 

Endlich wisse, meine Geliebte, daß ich deinen Brief 
empfangen habe, wofür ich dir sehr danke; grüße mir 
denjenigen sehr, der ihn geschrieben hat. Doch sollst 
du auch wissen, daß ich sehr betrübt bin, weil ich 
schon so lange keine Nachricht von dir erhalten habe; 
ich bitte dich, du wollest mich doch wissen lassen, 
wie es dir und den Kindern geht. So sage ich denn 
nochmals gute Nacht; bitte den Herrn für mich, wie 
ich auch für dich tue, und grüße die Bekannten; wir 
Gefangenen grüßen dich alle; bitte doch den Herrn 
für uns. 

Geschrieben in meinen Banden von mir, deinem 
lieben Manne, Adrian Rogiers, zu deinem Besten. 

Noch ein Brief von demselben Adrian Rogiers, 
geschrieben im Gefängnisse an sein Weib. 

Einen zugeneigten liebreichen Gruß, geschrieben an 
dich, mein sehr liebes und wertes Weib, welche ich 
vor Gott und seiner herrlichen Gemeinde geehelicht 
habe. 

Ferner, nebst allem geziemenden und christlichen 
Gruße, lasse ich deine Liebe wissen, daß ich (dem 
Herrn sei ewiges Lob) dem Fleische nach noch bei 
ziemlicher Gesundheit bin; auch dem Geiste nach 
(wofür Gott gepriesen sei) steht mein Gemüt so, daß 
ich mit meinem Gott über die Mauern zu springen 
gedenke; doch hoffe ich auch daneben, und habe 
das Vertrauen, daß du auch an Seele und Leib (Gott 
sei gedankt) gesund und im Glauben unbeschädigt 
sein werdest. Der allmächtige Herr, der, wie David 
schreibt, allein Wunder tut, müsse dich und uns alle 



666 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


bewahren und mit seinem Heiligen Geiste stärken, 
damit wir zu seinem Preise leben und sterben und in 
dieser gegenwärtigen Drangsal geduldig sein mögen; 
und wenn wir geprüft werden, so laß uns daran den- 
ken, daß wir es nicht allein sind, sondern daß Gott, 
wie Paulus schreibt, einen jeden Sohn stäupt, den Er 
lieb hat; denn es ist bekannt, daß Gott in früheren 
Zeiten unsere Väter auch geprüft habe, wie Judith 
erzählt, als die Stadt Bethulia belagert war, und sie 
um des Wassermangels willen nach fünf Tagen die 
Stadt übergeben wollten; als sie Judith zur Geduld 
ermahnte und sagte: Wer seid ihr, daß ihr dem Herrn 
Zeit und Tage bestimmt, wann Er helfen soll? Das 
dient nicht Gnade zu erwerben, sondern vielmehr 
Zorn und Ungnade. Darum lasst uns darüber Leid tra- 
gen und Gnade suchen mit Tränen; und ihr Männer, 
liebe Brüder, die ihr die ältesten des Volkes seid, geht 
doch hin zu dem Volke und ermahnt es, wie Gott in 
den früheren Zeiten unsere Väter geprüft hat, ob sie 
Ihm von Herzen dienten oder nicht; erinnert sie, wie 
unser Vater Abraham in mancherlei Versuchungen 
bewährt worden ist, wodurch er Gottes Freund geblie- 
ben ist. Also haben auch Isaak, Jakob, Mose und alle, 
die Gott lieb gewesen sind, durch viel Trübsal über- 
winden müssen, wie uns Sirach lehrt, wenn er sagt: 
Mein Kind, willst du Gottes Diener sein, so schicke 
dich zur Anfechtung; halte fest und leite dich, und 
wanke nicht, wenn dich die Gottlosen davon locken, 
denn, gleichwie das Gold durchs Feuer, so wird die 
Gerechtigkeit durch das Feuer der Trübsal geprüft. 
Aber ihr, die ihr den Herrn fürchtet, hofft das Beste 
von Ihm, dann wird euch allezeit Trost widerfahren. 

Siehe an die Exempel der Alten und nimm sie zu 
Herzen, denn es ist niemals jemand zu Schanden ge- 
worden, der auf den Herrn gehofft hat, oder wer ist 
doch jemals verlassen worden, der in der Furcht Got- 
tes geblieben ist? 

So verzage denn nicht, mein sehr geliebtes Weib, 
wenn du von dem Herrn geprüft wirst, denn wenn Er 
geschlagen hat (sagt Hiob), so kann Er auch wieder 
heilen; denn Er tötet und macht wieder lebendig; Er 
führt in die Hölle und auch wieder heraus. 

Darum, mein sehr geliebtes Weib, halte dich doch 
fest an den Herrn, und befleißige dich der Gottse- 
ligkeit, dann wirst du erfahren, daß die Gottseligkeit 
mächtiger sei, als alle Dinge; denn die Weisheit verließ 
den verkauften Gerechten nicht, sondern bewahrte 
ihn vor den Sünden; sie fuhr mit ihm hinab in den 
Kerker, und in den Banden verließ sie ihn auch nicht, 
bis daß sie ihm das Zepter des Königreiches zubrach- 
te, und die Herrschaft über die, die ihm Gewalt getan 
hatten. 

Sind wir denn nun auch, mein liebes Weib, ein kur- 


ze Zeit in Drangsal, so laß uns unser Seelen in Geduld 
fassen, denn Gott wird uns über alle erhöhen, die uns 
Gewalt tun und uns unterdrücken; es sagt ja Christus 
im Evangelium: Wehe euch, die ihr hier lacht, denn 
ihr werdet weinen und heulen; aber die ihr jetzt weint, 
freut euch, denn ihr werdet noch lachen. 

Darum, ach, mein sehr geliebtes Weib, laß uns der 
Sonnen Hitze noch ein wenig ertragen, und unsem 
Rücken dem Schläger darbieten, denn in kurzer Zeit 
wird kommen, der da kommen soll. Darum, ach, mei- 
ne Geliebte, laß uns freiwillig außer dem Lager Ihm 
helfen, seine Schmach tragen, und daran denken, daß 
der Knecht nicht besser ist als sein Herr; denn haben 
sie den Hausvater Beelzebub genannt, um wie viel 
mehr seine Hausgenossen? Ach, haben sie Böses an 
einem grünen Holze getan, was werden sie an uns 
dürrem Holze tun? Darum laß uns wieder aufheben 
die trägen, lässigen Hände, und, wie Jesaja schreibt, 
die strauchelnden Knie stark machen, um mit unsern 
Füßen einen gewissen Gang zu tun, und zu laufen, 
nach der Lehre Pauli, durch Geduld, in dem Streite, 
der uns vorgelegt ist, und laß uns mit Mose auf die Be- 
lohnung sehen, denn das ist gewiss wahr, wie Paulus 
schreibt: Wenn wir mit Christo leiden, so werden wir 
auch bei Ihm sein und mit Ihm herrschen. So laß uns 
denn nun Gutes tun und nicht müde werden; wir wer- 
den den edlen Samen, den wir nun mit Tränen säen, 
zu seiner Zeit reichlich und im Überfluss mit Freuden 
einernten, denn unsere Trübsal, die zeitlich und leicht 
ist, schafft eine ewige und über die Maßen gewichti- 
ge Herrlichkeit uns, die wir nicht auf das Sichtbare, 
sondern auf das Unsichtbare sehen, denn alles, was 
sichtbar ist, das ist vergänglich, was aber imsichtbar 
ist, das ist ewig. Darum bitte ich dich, mein sehr ge- 
liebtes Weib, habe doch den Herrn allezeit vor Au- 
gen, damit du dermaleinst mit dem Herrn herrschen 
und triumphieren mögest, von Ewigkeit zu Ewigkeit, 
Amen. 

Ferner, mein sehr geliebtes Weib, befehle ich dich 
dem Herrn und seinem trostreichen Worte, und bitte 
dich, du wollest mir mein Schreiben zu gut halten; ich 
begehre auch freundlich von dir, du wollest meiner 
durch Schreiben auch gedenken, denn mich verlangt 
oft sehr herzlich, von dir eine Nachricht zu hören. 

Ich habe gehört, daß du Mühe angewandt hast, zu 
mir zu kommen, und daß es dir misslungen sei; doch 
sei getrost, ich hoffe, wenn wir auch hier nicht Zusam- 
menkommen können, daß wir uns dermaleinst bei 
dem Herrn versammeln werden, wo kein Scheiden 
mehr sein wird. 

So sage ich denn gute Nacht; tue das Beste an den 
Kindern und bitte den Herrn für mich, ich will auch 
dasselbe nach meinem Vermögen für dich tun. 



667 


Nichts weiter, als grüße mir die Bekannten sehr 
herzlich; Martin von der Straasen und Beliken von 
der Straasen, sein sehr geliebtes Weib, und Hansken, 
Margriete und Dingentgen lassen dich, so wie alle 
Bekannten, sehr grüßen; bitte den Herrn doch fleißig 
für uns. 

Geschrieben in meinen Banden, von mir, deinem 
lieben Manne und Bruder in dem Herrn, Adrian Ro- 
giers. 

Noch ein Brief von Adrian Rogiers an sein Weib, 
geschrieben im Gefängnisse zu Gent. 

Aus einem zugeneigten Herzen zum freundlichen 
Gruße geschrieben an dich, mein liebes und sehr wer- 
tes Weib, welche ich vor Gott und seiner herrlichen 
Gemeinde geheiratet habe, die ich auch von Herzen 
liebe, das weiß der Herr, der mit feuerflammenden 
Augen alle Dinge durchsieht. Ferner nach allem gezie- 
menden und christlichen Gruße lasse ich deine Liebe 
wissen, daß ich dem Fleische nach ziemlich wohlauf 
bin; ebenso ist auch mein Gemüt noch so bestellt, mit 
des Herrn Hilfe den Glauben bis ans Ende festzu- 
halten. Sodann, mein liebes Weib, hoffe ich, daß du 
auch an Seele und Leib, Gott sei gepriesen, gesund 
und bereit seiest, die Zeit deiner Wallfahrt zum Preise 
des Herrn und deiner Seele Seligkeit mit Freuden zu 
vollenden. Der gute, ewige und allmächtige Gott, der 
durch seine milde Güte Wein und Milch umsonst gibt, 
wolle dich und uns alle durch seinen Heiligen Geist 
stark und kräftig machen, damit wir dem Herrn die- 
nen mögen in seiner Furcht, denn es ist doch kein köst- 
licheres Ding, als den Herrn fürchten, indem Sirach 
sagt: Geld und Gut macht Mut, aber noch vielmehr 
die Furcht des Herrn; denn wer den Herrn fürchtet, 
dem wird es in der äußersten Not wohl ergehen. Dar- 
um, ach mein liebes Schaf, halte dich doch fest an den 
Herrn, und wappne dich; ziehe den Harnisch Gottes 
an, damit du jedem listigen Anlaufe des Teufels wider- 
stehen mögest, denn der Teufel, unser Widersacher, 
ruht nicht, sagt Petrus, sondern geht um uns her wie 
ein brüllender Löwe, und sucht, welchen er verschlin- 
ge. So stehe denn, ach, meine liebe Schwester, in dem 
Glauben, bete und halte gute Wache, ziehe das Band 
der Liebe an, und hüte dich vor den falschen Prophe- 
ten, denn in den letzten Zeiten (wie Christus sagt) 
werden viele falsche Propheten auferstehen und sa- 
gen: Hier ist Christus, da ist Er; aber geht nicht hinaus, 
und wenn sie sagen werden: Er ist in der Wüste; Er ist 
in der Kammer, so glaubt ihnen nicht, denn gleichwie 
der Blitz ausgeht, vom Aufgange und scheint bis zum 
Niedergange, so wird die Zukunft des Menschen Soh- 
nes sein. Darum, o meine Geliebte, halte doch tapfer 


an, bis du hinweggenommen wirst, denn in kurzer 
Zeit wird kommen, der da kommen soll. So fasse denn 
deine Seele in Geduld, und leide der Sonnen Brand 
eine kurze Zeit, denn Christus hat uns zugesagt, daß 
wir in der Welt Verfolgung haben werden; ebenso 
spricht auch Gott, durch den Propheten, wenn Er sagt: 
Schreie, o Tochter Zion, wie eine in Kindesnöten, denn 
du musst zur Stadt hinaus und auf dem Felde wohnen. 
Summa, das Himmelreich leidet Gewalt, und die ihm 
Gewalt antun, reißen es an sich; auch sagt Paulus, daß 
wir durch viel Druck und Trübsal in das Reich Gottes 
eingehen müssen, denn Christus, der unser Haupt 
ist, ist uns vorgegangen, und hat um unseretwillen 
viel Schmach leiden müssen, wie der Prophet sagt: 
Er hat unser aller Sünden auf sich genommen, und 
unsere Schmach getragen; Er ist wie ein Lamm vor 
seinem Scherer verstummt, und schalt nicht wieder 
als Er gescholten ward; als man Ihm drohte, drohte Er 
nicht wieder, sondern übergab die Rache dem, der da 
recht richtet. Also müssen wir auch, mein liebes Weib, 
wie Petrus sagt, des Herrn Fußstapfen nachfolgen, 
denn man redet übel von uns, sagt Paulus, wir aber 
reden wohl; ebenso hat uns auch Christus gelehrt, für 
diejenigen zu bitten, die uns Leid antun. 

Darum, ach mein liebes Schaf, laß uns in allen Din- 
gen uns als rechte Glieder Christi beweisen, und dar- 
an denken, was Paulus sagt: Wenn wir mit Christo 
leiden, so werden wir mich mit Ihm herrschen. Dar- 
um laß uns alle Bosheit ablegen und die Sünde, die 
uns anklebt, meiden, und der Heiligung nachjagen, 
ohne welche niemand den Herrn sehen wird. Ach, 
laß uns doch uns selbst mit einem heiligen Wandel 
schmücken, und uns nicht der Welt gleichstellen, denn 
sie vergeht mit ihren Lüsten. 

Deshalb, ach mein liebes Schaf, laß uns noch flei- 
ßig Wache halten, wie Knechte, die allezeit auf ihren 
Herrn warten, damit wir durch Gottes Gnade mit 
allen auserwählten Kindern Gottes der herrlichen Be- 
lohnung teilhaftig werden mögen, von Ewigkeit zu 
Ewigkeit, Amen. 

Jetzt, mein liebes Weib, weiß ich dir nun nicht viel 
mehr zu schreiben, als daß ich dich noch bitte, daß du 
meine geringe Gabe zum Besten aufnehmen wollest, 
denn hätte es Habakuk besser gebraucht, du hättest 
es besser empfangen. 

Sodann wisse, mein liebes Weib, daß ich das emp- 
fangen habe, was du mir gesandt hast, wofür ich dir 
von Herzen danke, denn es ist mir ein großer Trost 
gewesen. Auch lassen dich, mein liebes Weib, Martin 
von der Straasen und sein liebes Weib, Beliken von der 
Straase, herzlich grüßen; ebenso lassen dich Margriet 
von der Schluys und Dingentgen von Honschote und 
der ehrbare Jüngling Hansken von Oudenaarde herz- 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


lieh grüßen. Zuletzt bitten wir alle zusammen, daß 
ihr alle den Herrn ernstlich für uns bitten wollt, daß 
Er uns tüchtig machen wolle, mit Eleazar lieber ehr- 
lich zu sterben, als schändlich zu leben. Weiter nichts, 
als bleibe dem Herrn befohlen und dem trostreichen 
Worte seiner Gnade, und tue allezeit das Beste an den 
Kindern; lehre sie den Herrn fürchten, und wiewohl 
ich dir solches zutraue, so kann ich doch nicht unter- 
lassen, es dir zu schreiben; doch geschieht alles, was 
ich tue, aus reiner Liebe und gutem Herzen. Gehabe 
dich wohl, tue das Beste im Anfänge und Ende. 

Geschrieben von mir, deinem lieben Manne und 
Bruder in dem Herrn, zu deinem Dienste, Adrian Ro- 
giers. 

Martin von der Straasen und sein Weib Beliken, 
im Jahre 1572. 

Zu dieser Zeit ist noch ein frommer Bruder, genannt 
Martin von der Straasen, der zu Kortryck in Flandern 
geboren war, und sein Weib, Beliken von der Straa- 
sen, den Feinden der Wahrheit in die Hände geraten. 
Es ist aber nach mancherlei Anfechtung ihr Glaube 
viel köstlicher erfunden worden, als das vergängliche 
Gold, welches durch Feuer geläutert wird; deshalb 
haben Martin von der Straasen und noch zwei Brüder, 
sowie eine Schwester (die in diesem Buche an ihrem 
Orte gemeldet sind), den 4. Dezember im Jahre 1572 
in der Stadt Gent ihre Leiber zu einem gottgefälligen 
Opfer standhaft übergeben, und sind auf dem Frei- 
tagsmarkte, mit Kugeln im Munde, verbrannt worden; 
Beliken von der Straasen aber ist darauf, 1573 in den 
Fasten, um der Wahrheit willen an gemeldetem Or- 
te aufgeopfert worden. Also haben sie einen guten 
Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, Glauben gehal- 
ten, und das Reich Gottes (auch wider der Tyrannen 
Dank) mit Gewalt eingenommen. 

Von diesen beiden frommen Zeugen ist früher ein 
eigenes Büchlein durch den Druck herausgekommen, 
welches viele schöne Briefe, wie auch einige Lieder 
enthält, die diese Personen aneinander und an andere 
Personen im Gefängnisse gerichtet haben, von wel- 
chen Briefen wir euch hier einige mitteilen wollen. 

Der erste Brief von Martin von der Straasen an 
sein Weib. 

Ich, Martin von der Straasen, dein lieber Mann und 
Bruder in dem Herrn (doch beides unwürdig), wün- 
sche dir, meinem herzgründlich geliebten Weib Be- 
liken von der Straasen, die du mit mir (wie Paulus 
schreibt) in der Löwengrube liegst und von den Wäch- 
tern Babels verwundet bist, viel Gnade und Barmher- 


zigkeit von Gott, unserm himmlischen Vater. Die Lie- 
be seines Sohnes müsse sich bei dir vermehren; ebenso 
müsse auch die Kraft des Heiligen Geistes reichlich 
in dir wohnen, damit du, zu des Herrn Preise, gute 
und bequeme Früchte hervorbringen und dein Licht 
vor den Menschen leuchten lassen mögest, wie eine 
Stadt, die auf einem hohen Berge liegt, damit du unter 
den Heiden einen guten Namen und ein gutes Anden- 
ken in Israel hinterlassen mögest. Der Gott unserer 
Väter gebe dir Gnade, und lasse dein Vornehmen von 
Statten gehen, damit sich Israel über dich freue und 
dein Name unter alle Heiligen gezählt werde, und 
damit du dermaleinst das neue Lied vor dem Stuhle 
des Herrn spielen mögest, von Ewigkeit zu Ewigkeit. 
Dieses wünsche ich dir, meine auserwählte Gelieb- 
te, aus Kraft meiner Seele, und auch aus Liebe mit 
vollem Herzen. Aus einem zugeneigten Herzen, mit 
Liebe durchdrungen, schreibe ich einen liebreichen 
Gruß an dich, ach, meine Allerliebste, welche ich von 
ganzem Herzen lieb und wert habe, nach dem Worte 
Gottes, denn ein Mann wird Vater und Mutter verlas- 
sen und seinem Weibe anhangen. Du bist ja, o mein 
liebes Schaf, Fleisch von meinem Fleische und Bein 
von meinem Beine; es hat auch niemals jemand (wie 
Paulus sagt) sein eigenes Fleisch gehasst, sondern er 
ernährt es und pflegt es. Der allmächtige Herr, der 
(wie Jeremia sagt) der Menschen Herzen und Nieren 
prüft, weiß es, daß ich Ursache genug habe, dich zu 
lieben, wie ich auch tue. 

Weiter, nach diesem meinem geziemenden und 
christlichen Gruße wisse, mein herzlich geliebtes 
Weib, daß ich, wie Sirach sagt, einen Tag nach dem 
andern in viel Trübsal zubringe, wie einer, der auf 
dem Felde wohnt, und manchen Sturm, Hagel und 
Regen zu bestehen hat; Gott aber, der tötet und leben- 
dig macht, wird mich (hoffe ich) bewahren, daß ich 
mit Eleazar das ehrliche Sterben dem schändlichen 
Leben vorziehen werde. 

Ferner, meine herzgründlich Geliebte, die ich mit 
Freudentränen bei der Hand genommen habe, ich 
hoffe und vertraue, daß du auch an Seele und Leib 
gesund und bereit seiest, mit Susanna lieber in der 
Menschen Hände zu fallen, als vor dem Angesich- 
te des lebendigen Gottes zu sündigen, der doch al- 
le Dinge mit f euer flammenden Augen durchschaut. 
Der allmächtige Herr aller Herren, welcher, wie Pau- 
lus schreibt, reich an Güte ist, und von Gnade und 
Barmherzigkeit überfließt, wolle dich und uns alle, 
mit den Augen seiner Gnade ansehen und von die- 
sem Elende erlösen; denn ich bin in dieser Zeit, wie 
du, sehr geängstigt und belagert, gleichwie die zu 
Bethulia; so haben auch meine Feinde mir das Wasser 
verwehrt, womit ich früher mein Herz gelabt habe. 



669 


und haben rund herum die Brunnen belagert, woraus 
ich meinen Durst zu stillen pflegte. Aber der allmäch- 
tige König ist die rechte Quelle, der (wie Jesaja sagt) 
durch seine wohlberedete Zunge die müden Seelen 
tröstet, und nach des Propheten Wort in der Not Brot 
gibt, und Wasser im Durste; diese werden sie, wie ich 
hoffe, nicht abgraben noch verlegen; denn Er scheut 
weder eiserne Fenster noch Riegel, Schloss oder Tü- 
ren; Er wird uns auch, wie ich hoffe, bald besuchen, 
weil Er erkennt und weiß, daß wir von den Wäch- 
tern Babels so sehr geschlagen und verwundet sind, 
in einem dürren dunkeln Lande, so weit und so tief 
in Babylonien, wo man weder sein Wort, noch schö- 
nen Lobgesang hört. Darum hoffe ich, daß Er mehr 
seine Barmherzigkeit, als seine Gerechtigkeit an uns 
gebrauchen werde, weil Er unsre Drangsal sieht und 
weiß, daß ich es nicht zu ertragen vermag, weil meine 
Schwachheit so groß ist, denn unter allen, die Gott 
fürchten, ist niemand so unvollkommen wie ich bin, 
indem meine elende Schwachheit so durchgängig ist, 
daß ich sie oft mit Tränen beweine, und so kleinmütig 
bin, daß es mich dünkt, mein Herz sei zugeschlossen, 
weil der Herr meine Schmach nicht von mir nimmt. 
Darum kann ich wohl mit David sagen: O Herr Gott, 
mein Heiland! Ich schreie Tag und Nacht vor Dir, laß 
mein Gebet vor Dich kommen; neige deine Ohren 
zu meinem Geschrei, denn meine Seele ist voll Jam- 
mer und mein Leben ist nahe bei der Hölle; ich bin 
denen gleich geachtet, die zur Hölle fahren; ich bin 
wie ein Mann der keine Hilfe hat; ich liege unter den 
Toten verlassen, wie die Erschlagenen, die im Gra- 
be liegen, denen Du, Herr, nicht mehr gedenkst, da 
sie von deiner Hand abgesondert sind. Du hast mich 
in die Grube hinuntergelegt, in die Finsternis und in 
die Tiefe. Dein Grimm, Herr, drückt mich, und du 
drängst mich mit allen deinen Fluten, Sela. Alle mei- 
ne Verfolger halten über mich, meine hungrige Seele 
ganz auszuhungern, und meiner durstigen Seele das 
Trinken zu verwehren. Darum mag ich mit dem Pro- 
pheten wohl sagen: Meine Feinde lauem auf meine 
Seele, sie tun mir Böses statt Gutes, um meine Seele 
in Herzeleid zu bringen. Darum, ach, meine Gelieb- 
te, meine Allerliebste, ich kann nicht unterlassen, vor 
dir mich zu beklagen, damit ich mein betrübtes Herz 
erleichtere, das oft so trostlos, ja, so trostlos ist, daß 
ich mit David in meinem großen Jagen wohl sagen 
dürfte: O Herr! Ich bin von deinen Augen verstoßen; 
dennoch hoffe ich, daß Er bald meine flehende Stim- 
me erhören werde. Deshalb bitte ich dich, mein liebes 
Schaf, laß deine Ohren nicht müde werden, meine be- 
trübte Klage zu hören, und sei nicht verdrossen, mit 
deinen Augen mein bedrängtes Angesicht zu sehen; 
ich hoffe, der Herr werde Sorge tragen, daß es nicht 


lange mehr währen wird. Darum sei noch eine kurze 
Zeit geduldig mit mir, wie du denn allezeit geduldig 
bei mir gewesen bist; denn damals, als es uns dem 
Fleische nach nicht sehr wohl ging, hast du stets mehr 
Geduld bewiesen als ich, wofür ich dir herzlich danke, 
indem deine Hand fleißiger gewesen ist, dem Hause 
vorzustehen, als die meinige; ebenso bist du auch aus 
deinem Glauben frommer vor Gott gewandelt als ich, 
und deine Geduld ist bis auf diesen gegenwärtigen 
Tag größer als die meinige. Darum habe ich Ursa- 
che, dich mehr zu lieben, als Paulus die Gemeinde 
zu Ephesus, welche er doch drei Jahre lang mit Be- 
kümmernis, mit Wachen und Tränen Nacht und Tag 
ermahnt hat. Ach, mein Schäflein, meine Liebe, meine 
Allerliebste, ich habe dich (Gott sei gepriesen) nun 
auch ungefähr drei Jahre gehabt, und habe in diesen 
unsern Banden der Verfolgung große Bekümmernis 
Tag und Nacht um dich gehabt, habe auch um dich 
so manchen Seufzer ausgestoßen und so manche Trä- 
ne vergossen, welche ich nicht vergossen hätte, wenn 
ich mit dir hätte reden können. Nun aber, mein herz- 
gründlich geliebtes Weib, weil es Gott so verordnet 
hat, daß ich dich lassen und, wie es scheint, vorange- 
hen muss, so sage ich dir, obgleich ich nicht würdig 
bin, dich zu ermahnen, so ermahne ich dich dennoch 
in diesem Brieflein mit Tränen, und bitte dich, daß du 
allezeit den Herrn vor Augen haben, und Ihm mit Ge- 
bet und Fasten anhangen wollest, denn ich weiß, daß 
du, wenn mich Gott vor dir aus dem Fleische abholt, 
nach meinem Tode hart angefochten werden wirst, 
und darum bitte ich dich, o mein einziges Schäflein, 
um des Herrn willen, daß du doch scharfe Wache hal- 
ten wollest, wie die schönen, klugen Jungfrauen taten, 
die alle Stunde ihren Bräutigam erwarteten. Auch bit- 
te ich dich, ach, meine Liebe, meine Allerliebste, habe 
ich Gnade vor deinen Augen gefunden, sei meiner ein- 
gedenk, wie die fromme, gottesfürchtige Judith ihres 
Mannes eingedenk gewesen ist. Ach, Beliken, Beliken, 
meine herzgründliche Liebe, die drei Jahre, die wir 
beisammen waren, dünken mich keine drei Tage zu 
sein; darum ist mein Herz geängstigt, wenn ich an 
den Abschied denke; dennoch wollte ich (wenn es ja 
sein muss), daß der Herr doch bald kommen möchte, 
denn ich habe (das weiß Gott) so manche schwere 
Drangsal, daß ich wohl mit David klagen und sagen 
mag: O Herr! Meine Strafe ist alle Morgen da, denn 
der meiner Seele nachjagt, wie einem Vogel ohne Ur- 
sache, schläft und ruht nicht, weder Tag noch Nacht, 
weder Abends noch Morgens; aber ich erwarte mit 
Paulus, daß Gott bald mich und uns alle aus der Lö- 
wengrube ziehen werde. Ferner, mein herzgründlich 
geliebtes Weib Beliken von der Straasen, welche ich 
von Herzen lieb und wert habe, ich lasse deine Liebe 



670 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


wissen, daß ich gegenwärtig nicht viel mehr zu schrei- 
ben weiß, nur daß ich dich dem allmächtigen Gott 
und seinem tröstlichen Worte anbefehle. Dabei nehme 
ich Abschied von dir, gleichwie dort die gebundenen 
Israeliten, welche ihren Kindern die letzte Milch ga- 
ben; doch ist Gott, der das himmlische Heer gemacht 
hat, mächtig genug, die Elephanten wieder zurück- 
zukehren; sein Wille müsse geschehen und nicht der 
unsere. Mehr nicht; der Herr sei mit dir, grüße mir, 
die bei dir sind; Adrian lässt dich auch sehr grüßen. 

Geschrieben von mir, deinem lieben Manne und 
Bruder in dem Herrn, Martin von der Straasen. 

Der zweite Brief von Martin von der Straasen an 
sein Weib. 

Ich, Martin von der Straasen, dein herzgründlich ge- 
liebter Mann und Bruder in dem Herrn, wünsche dir, 
mein herzgründlich geliebtes Weib und Schwester in 
dem Herrn, Beliken von der Straasen, viel Gnade und 
Barmherzigkeit von Gott, unserm himmlischen Va- 
ter; die Liebe seines Sohnes müsse sich allezeit bei dir 
vermehren, und die Kraft des Heiligen Geistes müsse 
reichlich in dir wohnen, damit du dadurch unter den 
Heiden einen keuschen Wandel führen und denen ein 
Licht sein mögest, die in der Finsternis sitzen, und 
(wie Jesaja schreibt) den König in seiner Schönheit se- 
hen und unter die königliche Schaar gezählt werden, 
die ihre Kleider in dem Blute des Lammes, unseres 
Herrn Jesu Christi, gewaschen haben, welcher unsere 
Schmach getragen, unsere Wunden geheilt und für 
uns bezahlt hat, was Er nicht geraubt hat, damit er 
uns von dieser gegenwärtigen argen Welt nach dem 
Willen Gottes, seines Vaters, erlöse, welchem sei Ehre, 
Kraft, Herrlichkeit und Preis von Ewigkeit zu Ewig- 
keit, Amen. 

Herzlich geschrieben an dich, meine auserwählte, 
allerliebste Beliken von der Straasen, welche ich von 
Herzen lieb und wert habe, ja, lieber als mein eige- 
nes Leben, denn du bist Fleisch von meinem Fleische. 
Summa, du bist mein, und ich bin dein. Darum danke 
ich Gott ohne Aufhören, daß Er dich mir gegeben hat, 
denn ich hätte nicht gemeint, daß mir Gott solch eine 
getreue Gehilfin geben würde, bei welcher ich so viel 
Liebe und Geduld gefunden habe; aber Gott hat mir 
allezeit mehr Barmherzigkeit erwiesen, als ich wert 
bin, und Er wird es, wie ich hoffe, fernerhin tun, wenn 
ich ihrer am meisten benötigt sein werde, denn Er ist 
ein gütiger Gott, der (wie Paulus schreibt) reich an 
Güte ist und von Barmherzigkeit überfließt. 

Weiter, meine herzgründlich Geliebte, nach diesem 
meinem brüderlichen Gruße, lasse ich deine Liebe 
wissen, wie mein Gemüt noch des Vorsatzes ist (Gott 


sei gepriesen), mit seiner Hilfe bei der Wahrheit zu 
leben und zu sterben. Doch, meine Geliebte, ich habe 
das Vertrauen, daß du auch durch des Herrn Gnade so 
gesinnt sein werdest, mit seiner Hilfe seinen Namen 
zu fürchten dein Leben lang; der Herr aller Herren 
und Gott aller Götter müsse dir und uns allen hierzu 
seine Gnade geben. 

Ferner, meine liebe Beliken, vernehme ich, daß du 
begehrst, daß ich dir noch einmal schreiben sollte, was 
ich dir unmöglich abschlagen kann; gleichwohl bin 
ich unwürdig an dich zu schreiben, um des Stachels 
willen, den ich in meinem Fleische habe, denn meine 
Schwachheit ist so groß, daß ich wohl sagen möchte: 
Ach, daß ich Wasser genug in meinem Haupte hatte, 
um Tag und Nacht mein Elend und meine Schwach- 
heit zu beweinen; denn meine Schwachheit ist über 
die Maßen groß, und meine Betrübnis ist daneben 
nicht gering. Wenn ich bedenke (ach Beliken, mein 
einziges Schäflein), daß ich von dir scheiden und dich 
unter diesem ehebrecherischen Geschlechte verlas- 
sen muss, ach, so wird mein Herz bis zum Tode be- 
schwert! Und wenn ich dann bedenke, daß dich Gott 
vor mir aus dem Fleische nehmen möchte, ach, dann 
wird mein Herz noch mehr geängstigt, denn ich fühle, 
daß ich nach deinem Abschiede nicht einen fröhli- 
chen Tag sehen werde; so ängstigen mich denn die 
Gedanken von allen Seiten, weshalb ich mit Susanna 
wohl sagen mag: Ach, in welcher großen Angst bin 
ich nun! Ja, der elende Stand hat mich so ergriffen, 
daß ich wohl mit Hiskia zu Gott rufen und sagen mag: 
O Herr! Ich leide Not, lindere sie mir, ja, solche Not 
wie die Hindinnen, die sich krümmen, wenn sie ihre 
Jungen auslassen sollen. Überdies bin ich oft trostloser 
als Jona, der von der Sonne gestochen wurde; darum 
mag ich auch wohl sagen: O Druck und Drangsal! Wie 
lange lebst du in mir? Ja, überdies mag ich wohl mit 
David sagen: Meine Feinde haben auf meinem Rücken 
gepflügt, und ihre Furchen lang gezogen; aber, ach, 
meine Geliebte, wenn ich daran denke, daß Gott den, 
welchen Er lieb hat, (wie Paulus sagt) züchtigt, und 
einen jeden Sohn, den Er annimmt, stäupt, auch neben 
der Versuchung ein Auskommen verschafft, sodass 
man es ertragen kann, was ich oft erfahren habe, so 
werde ich wieder getröstet. Darum danke ich auch 
dem Herrn, der überall meinen Fuß aus dem Stricke 
des Jägers gezogen hat; darum will ich auch mit Da- 
vid den Herrn loben, und Ihn unter vielen rühmen, 
denn Er streckt seine Arme zur rechten Hand, damit 
Er ihm von denen helfe, die sein Leben verurteilen. 
Darum, ach, meine Auserwählte und Allerliebste, laß 
uns doch fest an dem Herrn hängen, und laß uns 
nicht straucheln, wiewohl der Gottlose den verfolgt, 
der frömmer ist als er, denn Hiob sagt: Die Gottlosen 



671 


ziehen das Kind von den Brüsten und machen es zur 
Waise in der Stadt; sie machen die Leute seufzen und 
der Getöteten Seelen rufen, und Gott stört sie nicht; 
aber doch ist es gewiss, daß Gott nicht allezeit zu ih- 
rer Sache Amen sagen wird, denn Er sagt durch den 
Propheten: Ich schweige wohl eine Zeitlang und bin 
stille, aber zuletzt werde ich mich an meinen Feinden 
rächen, denn ich hebe, sagt Er, meine Hand auf in dem 
Himmel, und lebe ewig. Wenn ich das Blinkende mei- 
nes Schwertes wetzen werde, und meine Hand zur 
Strafe greifen wird, so will ich mich wieder rächen an 
meinen Feinden, und diejenigen, die mich hassen, be- 
zahlen. Ich will meine Pfeile mit Blut trunken machen, 
und mein Schwert soll Fleisch essen über dem Blute 
der Erschlagenen, über dem Gefängnisse und dem 
entblößten Haupte des Feindes. Darum sagt Mose: 
Seid fröhlich alle, die ihr sein Volk seid, denn Er wird 
das Blut seiner Knechte an seinen Feinden rächen; 
aber er wird gnädig sein, dem Lande seines Volkes. 
So laß uns denn, ach, meine Liebste, mein einziges 
Schäflein, doch guten Mutes sein, denn, obgleich wir 
jetzt mit Tränen säen müssen, so hoffe ich doch, daß 
wir zu seiner Zeit reichlich und im Überfluss ernten 
werden, denn Gott sagt durch den Propheten: Freut 
euch mit Jerusalem, und seid fröhlich über sie alle, die 
ihr sie lieb habt; freut euch mit, ihr alle, die ihr über 
sie traurig gewesen seid, denn dafür sollt ihr saugen 
und satt werden von den Brüsten ihres Trostes; ihr 
sollt dafür saugen und euch ergötzen von der Fülle 
ihrer Herrlichkeit. 

Darum, ach, meine Auserwählte und Geliebteste, 
laß uns doch dem Herrn ein wenig seine Schmach 
tragen helfen; denn es ist gewiss wahr, sagt Paulus, 
wenn wir mit Christo leiden, so werden wir auch mit 
Ihm herrschen, und wenn wir mit Ihm sterben, so wer- 
den wir auch mit Ihm leben, und dann wird man alle 
Tranen von unsern Augen abwischen, und alle unse- 
re Trübsal wird in ewige Freude verwandelt werden. 
Darum, ach, meine Geliebte, laß uns doch den Herrn 
ernstlich bitten, daß diese Verheißung an uns erfüllt 
werden möge, und daß wir in der schönen Stadt als 
Bürger erfunden weiden mögen, wo die Mauern von 
Saphir und die Straßen von lauterem Golde sind. 

Ferner, meine Geliebte, will ich dich unserm lieben 
Herrn anbefehlen; der müsse dich bewahren und als 
seine Tochter regieren, denn ich nehme jetzt meinen 
Abschied und sage gute Nacht. 

Ach, gute Nacht, meine herzgründlich Geliebte, 
denn es muss doch mit Tränen geschieden sein. Ach, 
gute Nacht, Beliken von der Straasen, mein sehr ge- 
liebtes Weib, die ich mit Freudentränen bei der Hand 
genommen habe. Ach, bitteres Scheiden, wie fällst du 
mir so schwer! Noch einmal sage ich, gute Nacht. Ach, 


Beliken, meine Auserwählte und Geliebteste, ich sage 
dir für alle deine reine Liebe aufs Freundlichste Dank. 

Der Herr müsse dir bezahlen. Grüße mir, die bei dir 
sind; Adrian lässt dich auch sehr grüßen; der Herr sei 
mit dir. 

Geschrieben in meinen Banden, von mir, deinem 
schwachen Bruder und Diener, wie ich es vermag, 
Martin von der Straasen. 

Des Martin von der Straasen dritter Brief an sein 
Weib. 

Ich, Martin von der Straasen, dein herzgründlich ge- 
liebter Mann und Bruder in dem Herrn, wiewohl zu 
beidem unwürdig, wünsche dir, mein sehr geliebtes 
und wertes Weib und Schwester in dem Herrn, Beli- 
ken von der Straasen, viel Gnade und Barmherzigkeit 
von Gott, unserm himmlischen Vater. Die Liebe seines 
Sohnes müsse sich bei dir vermehren, und Gott müsse 
dich überdies, wie den Jeremia, mit seinem Heiligen 
Geiste erfüllen, damit du dadurch jedem listigen An- 
laufe des Teufels widerstehen und nach dem Siege mit 
allen Kindern Gottes die Krone der Herrlichkeit auf 
dem lustigen Berge empfangen mögest, wo (wie Esra 
schreibt) Lilien und Rosen blühen. Meine herzgründ- 
lich Geliebte, ich bitte den Herrn, daß Er dich tüchtig 
und würdig machen wolle, das neue Lied vor dem 
Throne seiner Herrlichkeit zu spielen, von Ewigkeit 
zu Ewigkeit, Amen. 

In herzlicher und zugeneigter Liebe geschrieben an 
dich, Beliken von der Straasen. Ach, meine Gelieb- 
te, meine Auserwählte und Allerliebste, welche mir 
durch Gottes Vorsehung vor seiner Gemeinde von 
meinem Vater gegeben worden ist, welche ich auch 
mit Freudentränen bei der Hand genommen habe, 
wie ich denn auch dem Herrn danke, daß Er dich mir 
gegeben hat, denn ich hätte nicht gemeint, daß ich 
deiner würdig gewesen wäre. Darum habe ich auch 
Ursache, dich um desto mehr zu lieben; doch Gott sei 
mein Zeuge, daß ich dich liebe, wie meine Seele, ja, 
mehr als das Herz in meinem Leibe, wozu ich auch 
nach der Schrift verbunden bin, denn wenn ich, wie 
Johannes schreibt, schuldig bin, meinen Bruder zu lie- 
ben, um wie viel mehr muss ich dann dich lieben, weil 
du, nach dem Worte Gottes und Paulus Bekenntnis, 
Fleisch von meinem Fleische und Bein von meinem 
Beine bist; auch sagt der Apostel: Niemand hat jemals 
sein eigenes Fleisch gehasst, sondern er ernährt es 
und pflegt es. Summa, wer sein Weib lieb hat, der hat 
sich selbst auch lieb. 

Ferner Beliken, meine Werte, nach diesem meinem 
geziemenden und christlichen Gruße, lasse ich dei- 
ne Liebe wissen, daß ich (dem Herrn sei Lob) mich 



672 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


noch ziemlich wohl befinde; beides, dem Fleische und 
dem Geiste nach (Gott sei gepriesen); mein Gemüt 
hat noch den Vorsatz, den Herrn nach meinem schwa- 
chen Vermögen zu fürchten mein Leben lang. Ferner, 
meine Geliebteste, habe ich das Vertrauen zu dir, daß 
du ebenfalls an Seele und Leib gesund und bereit bist, 
zu des Herrn Preise zu leben und zu sterben. Dieser 
hochwürdige, gute Gott, der den Bogen der Starken 
zerbrochen hat und, nach des Propheten Worte, durch 
seine milde Güte Wein und Milch umsonst gibt, müsse 
dich und uns alle stärken und in dieser Löwengru- 
be kräftig machen, wo wir von allen Seiten so scharf 
angefochten und geängstigt werden, wie Israel, wel- 
ches von Holofernes belagert wurde, ja, die falschen 
Ältesten machen uns so bange, daß wir mit Susan- 
na nirgends eine Ausflucht finden, sondern überall 
den Tod vor Augen sehen, denn unsere Verfolger sind 
Wölfe am Abend, die bis an den Morgen nichts über- 
bleiben lassen. Darum mögen wir wohl mit David 
sagen: Herr, sie zerschlagen dein Volk und Plagen 
dein Erbe; Witwen und Fremdlinge erwürgen sie, und 
töten die Waisen, denn sie rüsten sich wider die Seelen 
der Gerechten und verdammen unschuldiges Blut. 

Aber darum, ach, meine herzgründlich Geliebte, 
laß uns nicht verzagen, obgleich wir jetzt in dem Ofen 
des Elendes geprüft werden, denn der Prophet sagt: 
Wohl dem, den Du, Herr, züchtigst und durch dein 
Gesetz lehrst, daß er Geduld habe, wenn es übel her- 
geht, bis dem Gottlosen die Grube bereitet wird; denn 
der Herr wird sein Volk nicht verstoßen, noch sein 
Erbteil verlassen; der Herr kehrt sich zu dem Rufen 
der Verlassenen und verschmäht auch ihr Gebet nicht; 
er schaut von seiner heiligen Höhe, und der Herr sieht 
vom Himmel auf die Erde, damit Er das Seufzen der 
Gefangenen erhöre, denn Sarah sagt: Das weiß ich; 
aber fürwahr, wer Gott dient, der wird nach der An- 
fechtung getröstet, und aus der Trübsal erlöst, und 
nach der Züchtigung findet er Gnade, denn Du, o 
Herr, hast nicht Lust an unserm Verderben; nach dem 
Ungewitter lässt Du die Sonne wieder scheinen, und 
nach dem Heulen und Weinen überschüttest Du uns 
reichlich mit Freuden. Deinem Namen sei ewig Lob, 
o Gott Israel, denn bei Dir ist die Quelle des Lebens, 
und in deinem Lichte sehen wir das Licht. 

So laß uns denn, meine Liebe, ach, meine Gelieb- 
teste, den Kelch des Herrn in Geduld trinken, denn 
wir wissen doch (nach dem Zeugnisse Jesajas), daß 
die Wahrheit auf der Straße gefallen ist, und daß, wer 
von seinen bösen Wegen abweicht, jedermanns Raub 
sein müsse; denn Esra sagt: Es wird den Plätzen ein 
Platz sein, und in den umliegenden Städten eine große 
Empörung unter denen, die Gott fürchten, denn die 
Gottlosen werden wie Unsinnige sein, und werden 


niemanden verschonen; berauben und zerstreuen wer- 
den sie alle, die Gott fürchten; ihre Güter werden sie 
ihnen nehmen und sie aus ihren Häusern stoßen; dann 
wird die Bewährung der Auserwählten offenbar wer- 
den, sagt der Herr, gleichwie das Gold, welches durch 
das Feuer bewährt wird. 

Darum, ach, meine auserwählte Liebe, mein Schäf- 
lein, laß uns doch den Rücken den Schlägern ein we- 
nig darbieten, und auf den Herzog unseres Glaubens, 
den König aller Könige und Herrn aller Herren sehen, 
welcher um unsertwillen so misshandelt und übel 
zugerichtet worden ist, daß Er auch selbst sagte: Ha- 
ben sie dieses am grünen Holze getan, was wird am 
dürren werden? Darum, ach, meine Geliebte, meine 
Allerliebste, laß uns mit Paulus bedenken, daß unsere 
Trübsal, die zeitlich und leicht ist, dereinst eine über 
die Maßen gewichtige Herrlichkeit schafft. Salomo 
sagt: Die Gerechten werden ewig leben; der Herr ist 
ihr Lohn, und der Allerhöchste sorgt für sie; darum 
werden sie ein herrliches Reich und eine schöne Kro- 
ne von der Hand des Herrn empfangen, denn Er wird 
sie mit seiner Hand beschirmen und mit seiner Rech- 
ten schützen. Darum, ach, mein liebes Schäflein, laß 
uns doch den Herrn fleißig bitten, damit wir würdig 
sein mögen, in seiner Zukunft mit Ihm zu leben, von 
Ewigkeit zu Ewigkeit. 

Ferner, meine herzgründlich Auserwählte und Ge- 
liebte, wisse, daß ich dir nicht mehr viel zu schrei- 
ben weiß, sondern ich empfehle dich in die Hand des 
Herrn und sage gute Nacht, wenn ich etwa nicht mehr 
an dich schreiben möchte, denn unsere Feinde sind 
jetzt über uns so sehr erzürnt, daß sie mit Zähnen 
über uns knirschen, wie sie es mit Stephanus in dem 
Richthause machten. Darum gebe ich dir nun noch 
diesen Brief, gleichwie die Israeliten, die gebunden 
lagen, ihren Kindern die letzte Milch gaben. Ferner 
danke ich dir, ach, meine Liebe, für alle deine reine 
Liebe und herzliche Freundschaft; auch danke ich dir 
sehr für die Oberärmel, die du mir gemacht hast; sie 
sind mir nützlicher, als der Rock, den du mir gesandt 
hast. Sirach hat wohl mit Recht gesagt, daß ein Freund 
dem andern in der Not helfe, aber noch bei weitem 
mehr helfen sich Mann und Weib. 

Schließlich nehme ich noch einmal Abschied und 
sage gute Nacht. Ach, gute Nacht, Beliken, meine Ge- 
liebteste. Grüße mir, die bei dir sind; Adrian lässt euch 
auch sehr grüßen. 

Geschrieben von mir, deinem lieben Manne und 
Bruder in dem Herrn, Martin von der Straasen; bitte 
für mich. 



673 


Der vierte Brief von Martin von der Straasen, an 
Anna Servaes. 

Ich, Martin von der Straasen, dein unwürdiger Freund 
und Bruder, wünsche dir, meiner lieben und werten 
Schwester in dem Herrn, Anna Servaes, viel Gnade 
und Barmherzigkeit von Gott, unserm himmlischen 
Vater, und die Liebe seines Sohnes; sie müsse in dir 
sein, wie ein brennendes Feuer, damit du zu dem 
rechten Altar Christi vollkommen werden und einen 
guten Wandel unter den Heiden führen und bequeme 
Früchte tragen mögest, wie ein Baum an den Was- 
serbächen gepflanzt, damit du unter die königlichen 
Priester, unter das Volk des Eigentums gezählt wer- 
den mögest, was Gott (wie Mose sagt) auf Adlersflü- 
geln getragen hat, damit du, wenn man Israel das 
Land zum zweiten Male austeilen wird, ein Erbe vol- 
ler Freude empfangen mögest, von Ewigkeit zu Ewig- 
keit, Amen. 

Einen herzgründlichen, zugeneigten, freundlichen 
Gruß, geschrieben an dich, meine liebe und sehr wer- 
te Schwester in dem Herrn, Anna Servaes, welche ich 
mit einer reinen Liebe aus einem säubern Herzen lie- 
be; hierüber sei Gott mein Richter, der Herr, der, wie 
Jeremia sagt, der Menschen Herzen und Nieren prüft. 
Ferner, nach geziemendem und christlichem Gruße, 
lasse ich deine Liebe wissen, daß wir beide, ich und 
mein liebes Weib, dem Fleische nach noch ziemlich 
gesund sind; dem Geiste nach aber hoffen wir durch 
Gottes Beistand den Bund zu halten, den wir mit dem 
Herrn, unserm Gotte, gemacht haben, als wir unsere 
Knie vor Ihm und seiner herrlichen Majestät gebeugt 
haben; doch hoffen wir daneben, daß du auch an See- 
le und Leib gesund und bereit sein werdest, deine 
Reise nach Bethel zu verrichten, und wider Jerobeam 
und seinen Altar zu weissagen. Hierzu müsse dich 
und uns alle der einige, ewige und allmächtige Gott 
stärken, dessen Hütte in der Höhe ist, und der über 
allen Himmeln wohnt, in einem Lichte, wozu (wie 
Paulus sagt) niemand kommen kann, damit wir Ihn 
fürchten und über alles lieb und wert halten mögen, 
denn Er ist ein eifriger und eifersüchtiger Gott, der 
allein in des Menschen Herz wohnen will. Wir sind 
ja zu dem Ende von der Hand unserer Feinde und 
von denen, die uns hassen, erlöst, damit wir Ihn fürch- 
ten und Ihm ohne Furcht in wahrhafter Gerechtigkeit 
und Heiligkeit unser Leben lang dienen als gute und 
getreue Knechte, die Gottes Ehre suchen, und mit Pau- 
lus unsern Gewinn, um Christi willen, für Schaden 
achten, auch ein keusches ehrbares Leben führen, und 
ein Panier aufwerfen unter den Heiden, damit wir 
den Blinden auf dem Wege nicht irre machen, son- 
dern (nach Petrus Wort) durch einen sittsamen und 


guten Wandel die Ungläubigen ohne Wort gewinnen 
mögen. Dasselbe lehrt uns auch Christus im Evangeli- 
um, wenn Er sagt: Lasst euer Licht leuchten vor den 
Menschen, damit sie euren guten Wandel sehen, und 
an dem Tage der Heimsuchung Gottes unsern Vater 
preisen mögen. Darum, ach meine liebe und sehr wer- 
te Schwester in dem Herrn, laß uns mit aller Demut 
des Herrn Fußstapfen nachfolgen, damit wir allezeit 
die Lehre des Evangeliums schmücken mögen wie ein 
klarer Morgenstern, der unter diesem argen und ver- 
kehrten Geschlechte leuchtet; dann wird, wie David 
schreibt, der König Lust an unserer Schöne haben. 

Darum, ach Geliebte, laß uns suchen, der Vornehms- 
te in der Tugend zu sein, und den Herrn, unsern Trost, 
mit Geduld erwarten, der uns allein helfen kann, wie 
David sagt: Ich harre des Herrn und Er neigte sich zu 
mir und hörte mein Schreien, und zog mich aus der 
grausamen Grube und aus dem Schlamme, und stellte 
meine Füße auf einen Fels, daß ich sicher treten kann; 
und Er hat mir ein neues Lied in meinen Mund gege- 
ben, unsern Gott zu loben. Darum, ach, liebes Schaf, 
laß uns doch dem Herrn danken, und Ihn bitten, daß 
wir durch unsere Zunge nicht gefangen werden, und 
mit Jesus Sirach sagen: O Herr Gott, Vater und Herr 
meines Lebens, laß mich nicht unter die Lästerer gera- 
ten, und laß mich nicht unter ihnen verderben. O daß 
ich meine Gedanken im Zaume halten und mein Herz 
mit Gottes Wort züchtigen könnte, und ich meiner 
nicht schonte, wo ich fehlte, damit ich nicht Sünde 
anrichtete, und großen Irrtum stiftete, und viel Üb- 
les beginge, damit ich nicht vor meinen Feinden zum 
Spotte würde. Darum, ach liebe Schwester, laß uns 
Gottes Angesicht Tag und Nacht mit Tränen suchen, 
damit wir mit den Bösen nicht in Gottes Zorn verge- 
hen, sondern mit Christo gehorsam bleiben mögen bis 
ans Ende unseres Lebens, und erhalten werden am Ta- 
ge des Herrn, der da kommen wird wie ein Dieb in der 
Nacht, an welchem die Himmel durch Feuer vergehen 
und die Elemente zerschmelzen werden; wenn nun 
dieses alles geschehen soll, ach, wie müssen mir ge- 
schickt und mit einem guten, keuschen und heiligen 
Wandel geschmückt sein; denn es ist Zeit, daß das Ge- 
richt am Hause Gottes anfange; wenn aber zuerst an 
uns, was will es für ein Ende werden mit den Gottlo- 
sen? Und wenn der Gerechte kaum erhalten wird, daß 
er in das Buch des Lebens geschrieben werde, o wie 
mag ich dann seufzen und mit Salomo sagen: O Herr, 
Du wollest mir doch mit der Menge meiner Sünden 
durch die Finger sehen. Darum mögen wir auch mit 
David sagen: O Herr! Gehe nicht mit uns ins Gericht, 
sonst wirst Du, o Herr, das Recht behalten; bezahle 
uns nicht nach unserm Tun, und lohne uns nicht nach 
unsern Werken; auch züchtige uns nicht, Herr, in dei- 



674 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


nem Zorne, sondern sei uns, Herr, barmherzig nach 
deiner Güte, die da groß ist. Darum, ach liebes Schaf, 
laß uns dem Herrn anhangen mit Bitten und Flehen, 
mit zerbrochenem Herzen und zerschlagenem Gemü- 
te, damit wir nicht durch Verdienst, sondern durch 
Gottes Gnade selig werden, und also mit dem Herrn 
in seinem ewigen Reiche leben mögen. 

Weiter, liebe Schwester, habe ich nichts mehr zu 
schreiben, als dich dem Herrn und dem Worte seiner 
Gnade anzubefehlen. 

Daneben bitte ich dich, daß du mir doch mein 
schlichtes, einfaches Schreiben zu Gute halten wollest, 
als von mir unwürdigem Knechte, dem Schwächsten 
in Israel, ja, der nicht wert ist, dir oder deinesgleichen 
die Schuhriemen aufzulösen; dennoch aber hoffe ich 
auf die Gnade Gottes. 

Endlich, meine liebe Schwester, grüße mir deinen 
lieben Mann und auch die Bekannten. Mein liebes 
Weib lässt euch beide und auch die Bekannten sehr 
grüßen; desgleichen lassen euch Adrian, Grietgen, 
Hansken und Dingentgen herzlich grüßen, und wir 
Gefangene alle zusammen begehren, daß ihr alle den 
Herrn ernstlich für uns bitten wollt. Nichts mehr. 

Gehabt euch wohl, und fleißig seid zu tun das Beste 
allezeit. 

Geschrieben in meinen Banden, von mir, deinem 
schwachen Bruder und Diener, was ich vermag, Mar- 
tin von der Straasen. 

Der fünfte Brief von Martin von der Straasen, an 
Servaes Janß. 

Ich, Martin von der Straasen, gefangen um des Wortes 
des Herrn willen, wünsche dir, meinem lieben und 
sehr werten Bruder in dem Herrn, Servaes Janß, viel 
Gnade und Barmherzigkeit von Gott, unserm himm- 
lischen Vater, sowie allen, die von der Erde erkauft 
und durch das Blut des Lammes, unsers Herrn Je- 
su Christi, gereinigt sind, welcher (wie der Prophet 
sagt) unsere Schmach getragen, unsere Sünden auf 
sich genommen und für uns bezahlt hat, was Er nicht 
geraubt hatte, damit Er uns von dieser gegenwärtigen 
argen Welt, nach dem Willen Gottes, seines Vaters, 
erlösen möchte, welchem sei Glorie, Preis, Kraft und 
Ehre, von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen. 

Einen liebreichen Gruß, aus einem zugeneigten Her- 
zen geschrieben, an dich, meinen lieben und werten 
Freund und Bruder in dem Herrn, den ich liebe, wie 
es das Recht unter Israel erfordert, das weiß der Herr, 
der (wie Jeremia sagt) der Menschen Herzen und Nie- 
ren prüft, und der (wie David sagt) der Menschen 
Gedanken weiß, wenn sie noch fern sind. 

Ferner, nach allem gebührlichen und christlichen 


Gruße, lasse ich deine Liebe wissen, daß ich (dem 
Herrn sei ewiges Lob!) dem Fleische nach noch ziem- 
lich gesund bin; ebenso ist auch dem Geiste nach mein 
Gemüt des Vorsatzes, mein Leben lang Gott zu die- 
nen; auch habe ich ein gutes und festes Vertrauen zu 
dir, daß du an Seele und Leib gesund und dabei be- 
reit bist, den Bund zu halten, den du einmal mit dem 
Herrn, unserm Gott, gemacht hast, als du deine Knie 
vor Gott und seiner herrlichen Majestät gebeugt hast. 
Dieser einige, ewige und allein weise Gott müsse dich, 
nach des Propheten Wort, mit seinem Heiligen Geiste 
begaben, damit du, durch denselben getrieben, einen 
guten und keuschen Wandel unter den Heiden führen 
mögest, wie uns Christus im Evangelium lehrt, wenn 
Er sagt: Lasst euer Licht vor den Menschen leuchten, 
damit sie euren guten Wandel sehen, und Gott, euren 
Vater, preisen mögen. 

Darum, ach mein lieber Bruder, laß uns doch (wie 
der Apostel schreibt) uns selbst üben, in der Tugend 
die Vornehmsten zu sein, wie auch Paulus sagt, daß 
wir uns als Diener Gottes erweisen sollten, in großer 
Geduld, in Trübsalen, in Noten, in Ängsten, in Schlä- 
gen, in Gefängnissen, in Aufruhren, in Arbeit, in Wa- 
chen, in Fasten, in Erkenntnis, in Langmut, in Freund- 
lichkeit, in dem Heiligen Geiste, in ungefärbter Lie- 
be, in dem Worte der Wahrheit, in der Kraft Gottes, 
durch Waffen der Gerechtigkeit, zur rechten und lin- 
ken Hand, durch Ehre und Schande, durch böse Ge- 
rüchte und gute Gerüchte, als die Verführer, und den- 
noch wahrhaftig; als die Unbekannten, und doch be- 
kannt; als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als 
die Gezüchtigten, und doch nicht ertötet; denn Gott 
kann wohl schlagen und auch wieder heilen, wie in 
dem Buche Samuels geschrieben steht: Der Herr tötet 
und macht auch wieder lebendig; Er führt in die Hölle 
und wieder heraus. 

Darum, ach mein lieber Bruder, wirst du zu irgend- 
einer Zeit heimgesucht, es sei außer den Banden oder 
in denselben, so laß dich solches nicht verdrießen; 
werde auch nicht müde auf dem Wege des Herrn, ob- 
gleich er eng und schmal ist. Es ist doch besser, eine 
kurze Zeit mit den Kindern Gottes Ungemach zu lei- 
den, als alle Schätze Ägyptens besitzen; denn wenn 
der Mensch auch (wie Christus sagt) die ganze Welt 
gewönne, und nähme Schaden an seiner Seele, ach, 
was hätte er dann, womit er sie lösen könnte? 

Darum, ach mein lieber Bruder, laß uns das Reich 
Gottes vor allen Dingen suchen, und laß uns nicht 
dem Irdischen nachjagen, wie der heilige Apostel Pau- 
lus in dem Briefe an die Kolosser geschrieben hat, 
wenn er sagt: Seid ihr mit Christo auferstanden, so 
sucht das, was droben ist, wo Christus ist, zur rech- 
ten Hand Gottes sitzend. Trachtet nach dem, was 



675 


himmlisch und nicht was irdisch ist, denn ihr seid 
gestorben, und euer Leben ist verborgen mit Christo 
in Gott; wenn aber Christus, euer Leben, offenbar wer- 
den wird, so werdet ihr auch offenbar werden mit Ihm 
in der Herrlichkeit; denn das ist gewiss wahr, leiden 
wir mit Christo, so werden wir mit Ihm herrschen; 
darum laß uns gerne Gutes tun, wir werden (wie Pau- 
lus schreibt) zu seiner Zeit reichlich und im Überfluss 
ernten, indem unsere Trübsal, die zeitlich und leicht 
ist, uns eine über die Maßen gewichtige Herrlichkeit 
schafft, die wir nicht auf das Sichtbare, sondern auf 
das Unsichtbare sehen, denn alles, was sichtbar ist, 
das ist vergänglich; was aber unsichtbar ist, das währt 
ewig. 

Deshalb, ach mein lieber Bruder, laß uns nun dem 
Herzoge unsers Glaubens, dem Herrn Jesu Christo, 
alle seine Schmach tragen helfen, und laß uns (wie 
Paulus sagt) der Heiligung nachjagen, ohne welche 
niemand den Herrn sehen wird. Laß uns den Herrn 
mit Tränen suchen, weil Er zu finden ist, und laß uns 
wahre Früchte der Buße tun, damit der Turm von 
Siloah nicht auf uns falle, denn wir haben es lange 
genug übel vor dem Herrn gemacht. Darum, gleich- 
wie wir (wie Paulus sagt) unsere Glieder von einer 
Ungerechtigkeit zu der andern gebraucht haben, so 
laß uns nun dieselben von einer Gerechtigkeit zu der 
andern gebrauchen; daneben laß uns den Herrn loben, 
weil Er uns die köstliche Perle offenbart hat, die im 
Acker liegt, und dennoch so vielen Menschen verbor- 
gen ist. Darum, ach mein lieber Bruder, laß uns nun, 
als gute, getreue Knechte, unser Pfund auf Wucher le- 
gen, damit, wenn unser lieber Herr kommt, wir etwas 
gewonnen haben und alsdann hören mögen: Ei du 
guter und getreuer Knecht, über wenig bist du getreu 
gewesen; aber über viel sollst du herrschen; gehe ein 
zu deines Herrn Freude. Darum, mein Lieber, laß uns 
doch ernstlich uns vorsehen und scharfe Wache hal- 
ten, damit mir unser Hochzeitskleid nicht besudeln, 
sondern daß wir vielmehr mit den fünf klugen Jung- 
frauen geschmückt sein möchten mit Öl der Liebe in 
unsem Lampen, damit wir, wenn unser Bräutigam 
kommt, mit Ihm in sein ewiges Reich eingehen mö- 
gen, wo (wie Jesaja sagt und auch die Apostel) die 
unbegreifliche Freude und Wonne währen wird von 
Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen. 

Weiter, mein lieber Bruder, weiß ich dir (wegen mei- 
ner geringen Gabe) nicht mehr viel zu schreiben, nur 
daß ich dich dem einigen, ewigen, allmächtigen Gotte 
anbefehle, der (wie Jesaja sagt) die Wasser mit der 
Faust misst, und den Himmel mit der Spanne um- 
fasst, und die Erde mit einem Dreilinge begreift, der 
die Berge mit einem Gewichte wägt und die Hügel 
mit der Waage, daß Er dich bewahren wolle, damit 


du die Krone der Ehren empfangen mögest. 

Ferner, mein lieber Bruder, bitte ich dich, du wollest 
mir, als einem Unwürdigen, mein einfaches Schrei- 
ben zu gut halten, denn es wäre besser, du schriebest 
mir, aber ich habe es nicht unterlassen können, dein 
Verlangen zu erfüllen. 

Grüße mir dein liebes Weib und auch die Bekann- 
ten; mein liebes Weib Beliken von der Straasen lässt 
dich und Tanneken, wie auch die Bekannten, sehr 
grüßen. 

Schließlich grüßen wir Gefangenen euch alle von 
Herzen. Bittet doch den Herrn fleißig für uns. Nichts 
mehr. Gehabe doch wohl und tue das Beste. 

Von mir, deinem schwachen Bruder und Diener, 
Martin von der Straasen, zu deinem Dienste, was ich 
vermag. 

Der sechste Brief von Martin von der Straasen und 
sein Weib Beliken, an Adam V. L. und sein Weib. 

Ich, Martin von der Straasen, und Beliken von der 
Straasen, mein herzgründlich geliebtes und wertes 
Weib, die wir beide um des Wortes des Herrn wil- 
len gefangen sind, wünschen unserm geliebten Bru- 
der und unserer geliebten Schwester viel Gnade und 
Barmherzigkeit von Gott, unserm himmlischen Va- 
ter, der droben in der Höhe wohnt, in einem Lichte, 
wo, wie Paulus schreibt, niemand hingelangen kann. 
Überdies wünschen wir euch, daß ihr die Liebe seines 
Sohnes haben möget, damit ihr denen ein Licht seit, 
die in Finsternis sitzen, und daß ihr wie ein heller 
Morgen unter den Blinden, die auf dem Wege irren, 
leuchten möget, und so dereinst, wie Jesaja schreibt, 
den König in seiner Schöne sehen, und nach dieser 
Zeit die vollkommene und unaussprechliche Freude 
und Wonne erlangen mögt, die von Ewigkeit zu Ewig- 
keit währen wird. 

Dieses wünschen wir unsern lieben Freunden in 
dem Herrn aus Kraft unserer Seele durch ein zuge- 
neigtes Herz. 

Einen herzgründlichen und liebreichen Gruß schrei- 
be ich an euch, unsern sehr geliebten Bruder Adam V. 
L. und Maryken, dein sehr geliebtes Weib; wir beiden 
Gefangenen lieben euch, wie oben gesagt ist (nach 
Paulus Reden) mit göttlicher Liebe und aus reinem 
Herzen, wie Petrus schreibt, das weiß der allmächti- 
ge Herr, der alle Dinge mit feuerflammenden Augen 
durchsieht. 

Ferner, nach allem gebührlichen und christlichen 
Gruße, lasse ich eure Liebe wissen, daß ich und mein 
herzgründlich geliebtes Schaf, welches ich mit Freu- 
dentränen bei der Hand genommen, dem Herrn sei 
ewiges Lob, noch ziemlich gesund sind, sowohl dem 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Fleische als dem Geiste nach, Gott sei gepriesen; auch 
ist unser Gemüt noch so bestellt, daß wir durch des 
Herrn Hilfe mit Eleazar erwählen, lieber ehrlich zu 
sterben, als schändlich zu leben. Doch, lieber Bruder 
und liebe Schwester in dem Herrn, haben wir daneben 
ein gutes und festes Vertrauen auch zu euch, daß ihr, 
beide an Seele und Leib gesund und bereit seid, den 
Bund zu halten, den ihr mit dem allmächtigen Gotte 
gemacht habt; weshalb uns auch Mose ermahnt, daß 
wir allezeit des Bundes eingedenk sein sollen, den wir 
einmal mit dem Herrn aller Herren gemacht haben. 
So lehrt uns auch Paulus noch ausführlicher, daß wir 
an den Tag denken sollen, an welchem wir erleuchtet 
worden sind. Der barmherzige König und Gott aller 
Götter, der, wie der Prophet spricht, in der Not Brot 
und in dem Durste Wasser gibt, und der an dem Tage 
der Trübsal die Sünde vergibt, müsse euch und uns 
alle stärken und durch seinen Heiligen Geist kräftig 
machen, damit wir, wie Lukas schreibt. Ihm in recht- 
schaffener Gerechtigkeit und Heiligkeit unser Leben 
lang dienen mögen. Lasst uns, ach liebe Freunde, den 
Herrn allezeit vor Augen haben, wie David sagt: Ich 
habe den Herrn allezeit vor Augen; und abermals sagt 
er: Ein Ding bitte ich vom Herrn, das hätte ich auch 
gern, daß ich im Hause des Herrn bleiben möchte 
mein Leben lang, und den schönen Gottesdienst des 
Herrn schauen und seinen Tempel besuchen möch- 
te, denn er bedeckt mich in seiner Hütte zur bösen 
Zeit, und verbirgt mich heimlich in seinem Zelt, und 
erhöht mich auf einen Felsen. Darum, ach Geliebte 
und Werte, lasst uns doch allezeit das Angesicht des 
Herrn mit aller Demut suchen, und unsers Berufes 
wohl wahrnehmen, und auf die Zeit merken, denn 
Paulus sagt: Es ist eine böse Zeit, denn die Zungen 
der Bauleute des Babylonischen Turmes sind uneins 
geworden; ebenso sagt auch David: Frevel und Hader 
ist in der Stadt; solches geht Tag und Nacht um und 
um in ihren Mauern; es ist Mühe und Arbeit darin; 
Schaden tun regiert darin; Lügen und Trügen lässt 
nicht von ihren Gassen. Desgleichen sagt auch der 
Prophet: Sie fürchten Gott nicht, denn sie legen ihre 
Hände an seine Priedsamen und entheiligen seinen 
Bund. Ihr Mund ist, wie David sagt, glatter als Butter 
und haben doch Krieg im Sinne; ihre Worte sind ge- 
linder als Öl, und sind doch bloße Schwerter. Darum, 
ach liebe und werte Freunde, lasst uns doch allezeit 
im Geiste scharfe Wache halten und unsern Gott von 
Herzen fürchten und Ihm mit Bitten und Flehen an- 
hangen, wie der königliche Prophet David sagt: Ich 
will, sagt er, zu Gott rufen, und der Herr wird mir hel- 
fen; des Abends, Morgens und Mittags will ich klagen 
und heulen, dann wird Er meine Stimme erhören. 

So ruft denn, liebe Freunde, wenn ihr in Not seid, zu 


dem Herrn, und lasst euch das Marawasser nicht zu 
bitter werden, sondern denkt daran, daß wir, wie Pau- 
lus sagt, durch viel Druck und Trübsal in das Reich 
Gottes eingehen müssen; denn dasselbe lehrt uns auch 
Christus im Evangelium, wenn Er sagt: Das Himmel- 
reich leidet Gewalt, und die ihm Gewalt antun, reißen 
es zu sich. Darum, lieber Bruder und liebe Schwester, 
lasst uns doch unser Kreuz freiwillig tragen, und un- 
sern Rücken den Schlägern darbieten, und es nicht 
achten, wie sehr die Sonne brennt, denn der Knecht 
ist doch nicht über seinem Meister oder Herrn; haben 
sie den Hausvater Beelzebub genannt, um wie viel 
mehr dann seine Hausgenossen? Auch lehrt uns Pe- 
trus: Weil denn Christus im Pleische gelitten hat, so 
wappnet euch auch mit demselben Sinne, denn wer 
am Fleische leidet, der hört auf von Sünden, damit er 
(was noch rückstelliger Zeit im Fleische ist) nicht nach 
der Fleischeslust, sondern nach dem Willen Gottes 
lebe, denn es ist genug, daß wir die vergangene Zeit 
nach heidnischem Willen zugebracht haben, wo wir 
in Unzucht, Lüsten, Trunkenheit, Fresserei, Sauferei 
und gräulichen Abgöttereien wandelten. 

Darum, ach liebe Freunde, lasst uns nun auch nicht 
mehr nach dem Willen des Fleisches leben, um seine 
Lust zu erfüllen, sondern lasst uns allein wandeln, 
wie Paulus schreibt, würdig nach dem Evangelium, 
und lasst uns nicht mit den Ungläubigen am fremden 
Joche ziehen, denn was hat die Gerechtigkeit mit der 
Ungerechtigkeit zu tim? Was hat das Licht für Gemein- 
schaft mit der Finsternis, oder wie stimmt Christus 
mit Belial überein? Was hat der Gläubige mit dem 
Ungläubigen zu schaffen, oder was hat der Tempel 
Gottes für Ähnlichkeit mit den Götzen? Denn ihr seid, 
sagt Paulus, der Tempel des lebendigen Gottes; wie 
denn Gott spricht: Ich will in ihnen wohnen und in 
ihnen wandeln, und ich will ihr Gott sein, und sie sol- 
len mein Volk sein. Darum geht aus von ihnen, und 
sondert euch ab, und rührt nichts Unreines an, dann 
will ich euch annehmen und euer Vater sein, und ihr 
sollt meine Söhne und Töchter sein. 

Darum, ach mein lieber Bruder und meine liebe 
Schwester, lasst uns doch dem Herrn mit treuem Her- 
zen dienen, und unsern Fuß von jedem bösen Wege 
abhalten; lasst uns unter den Heiden einen keuschen 
und reinen Wandel führen, damit wir, wie Paulus 
schreibt, dem Lästerer nicht Raum geben zu lästern, 
sondern lasst uns in allen Dingen mit einfältigem Her- 
zen des Herrn Ehre suchen, damit wir, wie Paulus 
sagt, das Evangelium mit guten Werken schmücken 
mögen. Darum, ach liebe Freunde, lasst es euch nicht 
verdrießen, Gutes zu tun, denn was ihr jetzt mit Trä- 
nen sät, das werdet ihr zu seiner Zeit, wie Paulus 
schreibt, reichlich und im Überfluss mit Freuden ei- 



677 


nernten. So lasst uns denn mit Fasten und Weinen den 
Herrn bitten, daß wir an dem bösen Tage bestehen 
und mit Ihm von Ewigkeit zu Ewigkeit leben mögen, 
Amen. 

Weiter, meine geliebten Freunde, wissen wir für 
jetzt euch nicht viel mehr zu schreiben, um unseres 
geringen und einfachen Verstandes willen, nur daß 
wir euch dem Herrn und seinem trostreichen Worte 
empfehlen, und euch gute Nacht sagen. 

Ich, Martin und Beliken von der Straasen, meine 
Liebste, haben dieses wenige aus Gunst und nach 
eurem Begehren an euch geschrieben, und bitten euch, 
daß ihr es mit Dank aufnehmen wollt; wir begehren 
auch euer Gebet zu unserer Hilfe. 

Zum Abschied grüßt uns die Bekannten; auch dan- 
ken wir euch für alle Wohltaten, die ihr uns erwiesen 
habt. 

Endlich lässt euch Adrian sehr grüßen; auch lassen 
euch Hansken, Margriet und Lou herzlich grüßen; 
Dingentgen und wir alle zusammen begehren, daß 
ihr für uns beten wollt; jetzt nichts mehr. 

Als tut das Beste, bis ihr seid Am End' und Ausgang 
eurer Zeit. Wir, eure lieben Freunde, Martin von der 
Straasen und Beliken von der Straasen. 

Willem de Ryker und Christoffel Fierens, 1572. 

Zu Meenen, in Flandern, sind den 5. Dezember im 
Jahre 1572 zwei fromme Zeugen Gottes, Willem die 
Ryker und Christoffel Fierens, als Ketzer zum Tode 
verurteilt worden, welche, als sie hinausgeführt wur- 
den, ohne Furcht wie zwei Schlachtschafe vortraten. 
Da sagte ein Bruder zu Willem: Lieber Bruder, streite 
tapfer für die Wahrheit; auch hat eine Schwester geru- 
fen: O ja, liebe Brüder, streitet doch tapfer. Christoffel 
sagte: O ihr Menschen, bedenkt doch eure Seligkeit, 
denn dieses ist der Weg der Wahrheit zum Leben. Man 
führte sie schnell zu dem Häuslein, sodass sie nicht 
weiter reden konnten, als daß sie zu Gott um Hilfe 
und Beistand riefen und sagten: Daß wir leiden, ge- 
schieht um der rechten Wahrheit willen. Auch sagte 
Christoffel: Verkauft eure Kleider und kauft Testamen- 
te, und merkt darin auf die Worte Gottes, denn darin 
werdet ihr das Leben finden; und fürchtet sie nicht, 
die den Leib töten, sondern fürchtet den, der Macht 
hat, Seele und Leib in die Hölle zu werfen; auch hat 
er Gott gedankt, daß Er ihn diesen Tag hätte erleben 
lassen, wonach ihn sehr verlangt hätte; dann hat er 
noch die Worte gesprochen: Diese Glieder, die Du mir, 
o Herr, gegeben hast, will ich um deiner Lehre wil- 
len gern wieder dahin geben. Willem sagte: Ich bin 
in großer Gefahr zu Wasser und zu Lande gewesen, 
und Gott hat mir allezeit geholfen; darum hoffe ich. 


daß Er mich auch jetzt in dieser Not nicht verlassen, 
sondern mir bis zum Tode beistehen werde. Darauf 
haben sie ihr Gebet zu Gott getan und mit Stepha- 
nus darin gesagt: O Herr, vergib ihnen, was sie uns 
antun, und rechne ihnen diese Missetat nicht zu. Da- 
nach sprach Willem: Nun habe ich mit Paulus einen 
guten Kampf gekämpft, den Glauben gehalten, den 
Lauf vollendet. Endlich riefen sie: O himmlischer Va- 
ter, in deine Hände befehlen wir unseren Geist. Es 
fielen noch viel mehr Worte, die nicht alle behalten 
worden sind, und überdies würde es auch zu weit- 
läufig sein, sie alle niederzuschreiben. Darauf fragte 
der Scharfrichter, ob sie bereit wären. Da antwortete 
Christoffel: Ja, lieber Freund. Als sie nun den Chri- 
stoffel erwürgt hatten, rief Willem: O liebe Freunde, 
meinem Bruder ist das Reden verboten; darauf rief 
er noch einmal den Herrn an, und ererbte so die Kro- 
ne des Lebens. Also sind diese beiden um des Herrn 
Namen willen gestorben; sie sind aber zuvor erwürgt 
und dann erst verbrannt worden, nachdem Willem 
mehr als 22 Monate gefangen gelegen hatte. Also ha- 
ben sie das verheißene Land ererbt, in welchem alle 
diejenigen, die um des Wortes Gottes willen ihr Leben 
gelassen haben, dasselbe wieder finden werden. 

In derselben Zeit, als Willem gefangen war, ist ein 
Bürgermeister zu Meenen gewesen, Namens Cornelis 
von Eckhoute, welcher es sehr gern gesehen haben 
würde, daß man dem Gefangenen die Freiheit gege- 
ben hätte; deshalb suchte er den Pfaffen und andere 
zu überreden, daß Willem seinen Verstand verloren 
habe. Nun geschah es einmal, daß, als dieser verhört 
wurde, sie ihm das Fegefeuer vorhielten, worauf der- 
selbe antwortete, daß er in früheren Zeiten in einem 
Kloster gewohnt habe oder gewesen sei, wo man des 
Samstags immer das Fleisch und andere Dinge für den 
Sonntag gekocht habe; die Mönche aber hätten das 
Feuer, womit sie gekocht hatten, wenn sie es zufegten, 
Fegefeuer genannt. Da sagte der Bürgermeister: Seht 
ihr wohl, meine Herren, daran könnt ihr ja merken, 
daß der Mann seinen Verstand verloren hat, denn das 
sind keine Reden eines verständigen Mannes. Aber 
Willem sagte, er wollte nicht als einer des Verstandes 
Beraubter aus dem Gefängnisse gelassen werden, son- 
dern man sollte ihn nach seinem Glauben fragen, er 
wollte denselben verständig genug bekennen. Da hat 
er im Gefängnisse bleiben müssen, und ist zuletzt (wie 
oben gemeldet) zum Tode verurteilt worden, wobei 
dieser Bürgermeister aber das Todesurteil gefällt hat. 
Derselbe ist einige Zeit darauf durch den Krieg Ver- 
trieben worden, und ist nach Brügge geflüchtet, wo er 
sich, wie reich er auch war, sehr genau hat behelfen 
und größtenteils das Geld zur Haushaltung borgen 
müssen; hierüber ist er sehr verdrießlich geworden. 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


und hat sich vorgenommen, wieder nach Meenen zu 
ziehen, wo er zu Hause war; er ist aber unterwegs 
plötzlich gestorben. 

Jan Smit, 1572. 

Um das Jahr 1572 ist noch ein frommer und gottes- 
fürchtiger Bruder, Namens Jan Smit, welcher in der 
Grafschaft Mark geboren, aber zu jener Zeit in Nord- 
holland, bei Munnekendam, wohnhaft war, um des 
Zeugnisses Jesu willen nach Munnekendam gefäng- 
lich gebracht worden. Als aber Munnekendam von 
den Reformierten eingenommen wurde, hat ihn ein 
reformierter Capitain wieder in Freiheit gesetzt. Nach- 
her (als er mit einem Schifflein auf dem Züdersee 
beschäftigt war) ist er abermals von einem spanischen 
Capitain gefangen und nach Amsterdam gebracht 
worden; dort hat er gesessen, bis daß man beschlos- 
sen, die Gefangenen auf dem Harlemer Meere als 
Ruderknechte wider die von Harlem zu gebrauchen. 
Als aber dieser fromme Jan Smit dahin kam, um zu 
rudern, hat er erklärt, daß es sein Gewissen verletze, 
gegen die von Harlem zu rudern, weil er keine Feinde 
hätte; sie möchten nach ihrem Belieben mit ihm han- 
deln. Darauf wurde er ins Lager vor Harlem gebracht, 
woselbst man ihn scharf im Glauben untersucht und 
befunden hat, daß er der Religion der Mennoniten 
angehöre. Er konnte aber weder durch Verhöre, noch 
durch schwere Bedrohungen zum Abfalle bewogen 
werden, sondern weil er auf den unbeweglichen Stein 
gegründet war, so hat er solches alles durch den Glau- 
ben überwunden. Deshalb ist er von Don Friedrich, 
des Herzogs von Alba Sohn, verurteilt wurden, daß 
er dort bei einem Beine an den Galgen aufgehängt 
werden sollte, was auch geschehen und worauf der 
Tod erfolgt ist. Also hat dieser Held und Streiter Jesu 
Christi durch den seligmachenden Glauben die Welt, 
Sünde, Fleisch und Blut, und alle Tyrannen überwun- 
den, und die Krone der ewigen Herrlichkeit durch 
Gottes Gnade erlangt. 

Diese Geschichte haben wir von dem alten Simon 
Fytsoon, Lehrer und Ältesten der Gemeinde Gottes 
auf Tessel, empfangen, welcher bezeugt, daß dieser 
Jan Smit sein genauer Freund gewesen. 

Pieryntgen Loos-Feld oder Neckers, 1572. 

Zu Ende des Jahres 1572 wurde zu Meenen in Flan- 
dern eine Jungfrau von ungefähr 43 Jahren, Namens 
Pieryntgen Loos-Feld oder Neckers, um der Wahrheit 
und des Wortes Gottes willen, gefangen genommen, 
welche, als sie aus Liebe einem Kranken aufwartete, 
und einmal ausgegangen war, dem Oberamtmanne 


Junker Jan de Carmago begegnete, welcher sie gefan- 
gen nahm und nach ihrer Wohnung fragte. Sie sagte 
freundlich, daß sie nicht weit von da wohnte, und gab 
ihm die besten Worte, um sich von ihm loszumachen, 
aber es half alles nichts; sie musste nach dem Gefäng- 
nisse gehen, wurde auch den zweiten Tag, als sie sich 
noch nicht lange beratschlagt hatte, vor die Herren 
gebracht, und wegen ihres Glaubens untersucht, wel- 
chen sie freimütig bekannte. 

Zunächst wurde sie beschuldigt, daß sie gegen des 
Kaisers Befehl sich in ungebührliche Versammlungen 
begeben habe, aber Pieryntgen hielt dafür, sie hätte 
darin ihren Fleiß in der Nachfolge Christi bewiesen, 
indem sie von den Bösen geflohen und von denselben 
ausgegangen wäre, und sich dagegen zu den Guten 
gehalten hätte, indem sie wüsste, was Christus sagt: 
Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt 
sind, da bin ich mitten unter ihnen. Solche Versamm- 
lung könnte sie nicht verlassen und sollte sie es auch 
das Leben kosten. 

Sodann wurde sie gefragt, ob sie sich nicht hätte 
wiedertaufen lassen; sie bekannte darauf, daß sie sich 
nach Christi Befehl habe taufen lassen, was sie für Wie- 
dertäufer hielten, und nicht auf die Jünger merkten, 
welche, obgleich sie die Taufe Johannes empfangen 
hatten, dessen ungeachtet, als sie die Predigt Pauli 
gehört hatten, sich im Namen Jesu auch taufen ließen, 
und daß man zuerst den Glauben an Jesum Christum 
annehmen und sich auf solchen Glauben taufen las- 
sen müsse, nach der Lehre der Schrift, welche auch 
sagt, daß die Taufe ein Begraben der Sünden und eine 
Versicherung eines guten Gewissens sei. 

Als sie dieselbe fragten, wer dabei gewesen wäre, 
als sie getauft worden sei, hat sie solches nicht be- 
kannt, wie hart sie auch bedroht wurde. 

Drittens fragte man sie, ob sie denn die Priester 
nicht für Christi Statthalter hielte, welche die Macht 
hätten, die Sünden zu vergeben, und daß, was sie bin- 
den und lösen, gebunden und gelöst bleiben müsse; 
sie aber konnte nicht bekennen, daß diejenigen Statt- 
halter Christi sein sollten, welche doch nicht wie Er ge- 
sinnt wären, denn Er ist der rechte Hirte, der für seine 
Schafe das Leben gelassen hat, worin doch die Pries- 
ter ganz das Gegenteil tun; Er ist der rechte Mittler 
zwischen Gott und den Menschen, und der Statthalter 
seines Vaters; Er ist die offene, klare Quelle, der alle 
zu sich ruft, die mit Sünden beschwert und beladen 
sind; Er ist der rechte Teich mit fünf Hallen, wovon 
Johannes sagt: Und alle, die rechtschaffene Buße tun, 
sollen Vergebung ihrer Sünden erlangen. Niemand 
wird würdig erfunden das Buch mit seinen sieben 
Siegeln aufzutun, als das Lämmlein Jesus Christus; 
Er ist die rechte Türe; es hilft nichts, es mag jemand 



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auftun oder zuschließen, die Gottlosen müssen doch 
draußen bleiben. 

Viertens fragten sie, ob sie nicht bekenne, daß der 
Leib Christi im Sakrament oder in der Oblate wäre, 
wenn der Priester die Worte darüber gesprochen hat 
nach der Einweihung in der Messe, aber sie konn- 
te die Messe und alles, was damit zusammenhängt 
für nichts anderes, als für eine Menschensatzung hal- 
ten, die von Gott aus gerottet werden würde; das aber 
bekannte sie, daß uns Christus das Abendmahl hinter- 
lassen habe, um solches zu seinem Gedächtnisse zu 
halten, nach der Lehre Paulus, wobei man des Herrn 
Tod verkündigen sollte. 

Fünftens hielt man ihr auch vor, ob sie nicht beken- 
ne, daß die Kindertaufe zur Seligkeit nötig sei, um 
die Erbsünde abzuwaschen, die uns von Adam her 
anklebt, aber ihr Bekenntnis war, daß man nur eine 
Taufe empfangen sollte, und daß diejenigen derselben 
allein würdig seien, die von Sünden abständen, Buße 
täten, und an den Namen Jesu Christi glaubten, daß 
dieselbe auch keine Abwaschung von Sünden, son- 
dern eine Versicherung des Gewissens sei, und daß 
das Blut Christi uns von allen Sünden reinige. 

Sechstens wurde sie gefragt, ob sie nicht glaubte, 
daß Christus sein Fleisch von Maria angenommen 
hätte; aber sie bekannte, daß Er von oben, von dem 
Vater, herabgekommen wäre und daß das Wort Fleisch 
geworden wäre, wie Johannes sagt: Das von Anfang 
war, das wir gehört, gesehen, beschaut und mit unsern 
Händen betastet haben, vom Worte des Lebens; wie 
Er denn auch selbst sagt, daß Er das Brot sei, das 
vom Himmel herabgekommen ist, daß Er auch der 
einige Versöhner, Erlöser und die einige Fürsprache 
sei. Ein näheres Untersuchen wäre ihr zur Seligkeit 
nicht notwendig. 

Siebtens hielt man ihr auch vor, ob sie nicht beken- 
ne, daß drei Personen ein wahrhaftiger Gott seien. 
Darauf bekannte sie zwar wohl drei Namen in einem 
göttlichen Wesen, nämlich: Vater, Sohn und Heiliger 
Geist; aber den Vater, der den Sohn gesandt hat, könne 
sie nicht für eine Person halten, denn der Himmel sei 
sein Thron und die Erde sein Fußschemel; auch wur- 
de Er von Christo ein Geist genannt; ein Geist aber, 
sagt Er, hat nicht Fleisch und Bein. Von dem Heiligen 
Geiste, der sich auf Christo in der Gestalt einer Taube, 
auf den Apostel aber in Gestalt der feurigen Zungen 
offenbart und auf einem jeden derselben geruht hätte, 
könnte sie auch nicht verstehen, daß Er eine Person 
sei; aber den Sohn, der für uns Mensch geworden 
ist, und sichtbar, begreiflich und leidend war, der un- 
ter den Juden gewandelt ist, viele Zeichen getan hat, 
hungrig und durstig gewesen ist, und geweint hat, 
dürfte sie wohl für eine Person bekennen. 


Achtens fragten sie dieselbe, ob man denn vor der 
Obrigkeit nicht schwören oder einen Eid tun möge, 
um die Gerechtigkeit zu verteidigen und die Wahrheit 
zu befestigen; aber sie achtete Christi Gebot höher als 
der Menschen Gebote, denn Er lehrt: Ich sage euch, 
daß ihr allerdings nicht schwören sollt, weder bei dem 
Himmel, denn er ist Gottes Stuhl, noch bei der Erde, 
denn sie ist seiner Füße Schemel, noch bei Jerusalem, 
denn sie ist eines großen Königs Stadt; auch sollst du 
nicht bei deinem Haupte schwören, denn du vermagst 
nicht ein einziges Haar weiß oder schwarz zu machen; 
eure Rede aber sei ja, ja, nein, nein; was darüber ist, 
das ist vom Übel. 

Neuntens wurde ihr vorgehalten, daß die guten 
Werke auch denen, die verstorben seien, helfen; aber 
sie sagte, daß Seelenmessen, Prozessionen, Wallfahr- 
ten, Kerzenaufstellen oder sonst etwas dergleichen 
den Toten nichts helfen oder ihnen nützlich sein kön- 
ne, denn die Schrift sagt: Wie der Baum fällt, gegen 
Süden oder Norden, so muss er auch liegen bleiben; 
auch redet Christus von zehn Jungfrauen, von de- 
nen fünf, die weislich ihre Lampen angebrannt und 
ihre Gefäße mit Öl versehen hatten, eingingen, die 
anderen aber, die ihre Zeit versäumt hatten, mussten 
draußen bleiben; wie der Engel sagte, daß nach dieser 
Zeit keine Zeit mehr sein werde. 

Zehntens wurde sie gefragt, ob nicht die Heiligen 
in den Himmel aufgefahren wären; aber sie bekannte, 
daß niemand gen Himmel gefahren wäre als Chris- 
tus, unser Beschützer und Heiland; auch selbst nicht 
Maria, seine Mutter, sondern daß sie alle in der Hand 
Gottes ruhen und auf das Gericht warten am jüngs- 
ten Tage, denn ebenso sagt auch die Schrift, daß die 
Stunde kommen werde, daß alle, die in den Gräbern 
liegen, die Stimme Gottes hören werden, und die Gu- 
tes getan haben, zum ewigen Leben, die Gottlosen 
aber in die ewige Verdammnis eingehen werden. Die 
Auferstehung ist auch für Gerechte und Ungerechte, 
wie Paulus sagt: Wir müssen alle vor dem Richterstuh- 
le des Herrn offenbar werden, damit jeder empfange, 
je nachdem er gehandelt hat. Wir lesen auch von den 
Seelen der Gerechten die unter dem Altäre liegen und 
warten, bis die Zahl ihrer Brüder erfüllt sein wird. Als 
sie dieselbe nun scharf verhörten und durch die Ge- 
lehrten dieser Welt zu unterrichten und zum Abfalle 
zu bewegen suchten, von deren Bitten, Flehen oder 
Bedrohungen sie sich gleichwohl nicht bewegen las- 
sen wollte, sondern sagte, daß sie lieber sterben als 
abweichen wollte, so musste sie nackend auf die Fol- 
terbank, sodass sie nicht einmal das Hemd, sondern 
nur ein Schürztuch an sich haben durfte. Da wurde 
sie ausgespannt; sie taten ihr auch einen Stock in den 
Mund, sodass ihr die Zähne in Stücke brachen; aber 



680 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


sie wollte weder abfallen, noch jemanden von den 
Mitgliedern verraten. Als sie nun begehrte, daß man 
die Pein einstellen sollte, sagte der Bürgermeister, sie 
sollte dann abfallen und bekennen; aber Gott bewahr- 
te ihren Mund, und half ihr, bis sie wieder los kam, 
denn sie wollte mit dem alten Eleazar lieber des zeit- 
lichen Todes sterben, als Christum verleugnen, und 
seines ewigen Reiches sich verlustig machen. Sie droh- 
ten ihr einige Male mit dem Tode, aber das konnte 
sie nicht schrecken; bisweilen war sie besorgt, weil 
sie so wehmütig war, daß (wenn sie zum Tode gehen 
würde) sie sich des Weinens nicht würde enthalten 
können; darum wandte sie sich mit ihrem Gebete zu 
Gott, der sie auch nicht unerhört ließ, denn als sie 
die Nachricht empfing, daß sie sterben müsste, ist sie 
sehr wohlgemut und erfreut gewesen. An dem Mor- 
gen, als sie sterben sollte, fragte sie der Amtmann, 
ob sie sich noch nicht bedacht hätte, aber sie sagte, 
wer den vorgesteckten, köstlichen Preis erlangen will, 
muss ohne Aufhören laufen. Darauf brachte man sie 
vor Gericht und verurteilte sie zum Tode; es wurden 
auch in ihrem Todesurteile zu ihrer Beschuldigung 
die vorstehenden zehn Artikel vorgelesen, und daß 
sie darum, wie auch wegen ihrer Halsstarrigkeit, als 
eine Ketzerin verbrannt werden sollte; sie ist aber hier- 
durch nicht kleinmütig geworden, sondern hat den 
Herren gedankt, und ihnen von Gott Gnade ange- 
wünscht, um sich von den Abgöttern zu dem rechten 
Gottesdienste zu bekehren. 

Als sie nun hinaus kam und zum Tode ging, sagte 
sie zum Volk: Geht hin, kauft Testamente, und lest dar- 
in, damit ihr es ausfinden mögt, warum ich zum Tode 
verurteilt bin und sterben muss. Der Scharfrichter 
ward hierüber sehr entrüstet (drohte ihr mit Schlagen) 
und befahl ihr, zu schweigen; darauf ist sie, nachdem 
sie noch einige Worte geredet hatte, in das Häuslein 
gegangen, wo der Scharfrichter sein Werk schnell ver- 
richtet hat. Sie ist verbrannt worden, nachdem sie 
ihren Geist in die Hände Gottes befohlen hatte (am 
Abende der heiligen drei Könige 1573), und hat sich 
so zubereitet, um mit den klugen Jungfrauen dem 
Bräutigam entgegen zu gehen. 

Der Bürgermeister oder Präsident zu Meenen, ge- 
nannt Jan de Dryver, der das Urteil über Pieryntgen 
ausgesprochen hatte, ist später von Gott hart gestraft 
worden, indem sich eine Fäule des Körpers bei ihm 
eingestellt, sodass ihm dadurch das eine Ohr von sei- 
nem Haupte abgefallen und er sehr elendig gestorben 
ist. 


Michael von Brüssel und Barberken, sein Weib, im 
Jahre 1573. 

Um das Jahr 1573 sind zu Gent in Flandern Michael 
von Brüssel und Barberken, sein Weib, um des Zeug- 
nisses Jesu Christi willen, verhaftet worden. Diese, 
weil sie nicht von der Welt, sondern von Gott aus der 
Welt erwählt waren, sind darum von der Welt (die al- 
lein das Ihre liebt), gehasst, verfolgt und zertreten wor- 
den; sie haben sich aber, als kluge Bauleute auf den 
Eckstein Christum Jesum gegründet, welcher mächtig 
genug gewesen ist, ihren Schatz bis auf den Tag ihrer 
Erlösung zu bewahren. Deshalb sind sie (nach man- 
cherlei Versuchung und Prüfung ihres Glaubens) von 
den verblendeten und wider Gott streitenden Papis- 
ten nicht wegen irgendeiner Missetat, sondern allein, 
weil sie der Wahrheit Jesu Christi gehorsam waren, 
vom Leben zum Tode verurteilt worden. Michael von 
Brüssel ist auf dem Freitagsmarkte verbrannt, Baber- 
ken aber, sein Weib, in des Grafen Schloss mit dem 
Schwerte enthauptet worden. Also sind sie ihrem Er- 
löser und Seligmacher bis in den Tod getreu geblie- 
ben; darum werden sie auch ein ewiges und herrliches 
Reich und eine schöne Krone von der Hand des Herrn 
empfangen, die ihnen von niemandem geraubt oder 
genommen werden kann. 

Jan von Ackeren, im Jahre 1573. 

Nach mancherlei Verfolgung, Morden und Brennen 
unter der Christen Schaar, ist auch ein tapferer Held 
und Streiter Jesu Christi in der Stadt Antwerpen den 
Tyrannen in die Hände gefallen, Namens Jan von 
Ackeren, geboren bei Ypern, allein um der Ursache 
willen, weil er sich (nach dem Rate Gottes) von der 
bösen Welt und allen ihren falschen und wider Got- 
tes Wort streitenden Gottesdiensten abgesondert, und 
sich mit Leib und Geist wieder unter das Panier und 
den Gehorsam Christi begeben hatte. Weil aber das 
Licht mit der Finsternis sich nicht vermischt, son- 
dern von derselben gehasst wird und Verfolgung lei- 
den muss, so haben die Herren der Finsternis dieses 
Schäflein Christi mit schwerer Gefangenschaft und 
viel strenger Pein versucht und geprüft, und weil er 
auf keine Weise zum Abfall gebracht werden konnte 
(denn er war auf den Felsen gegründet), so hat er am 
gemeldeten Orte in großer Standhaftigkeit den Tod in 
den Flammen erlitten, und hat den wahren Glauben 
mit seinem Blute und Tode bezeugt und befestigt, und 
die Kelter des Leidens mit Christo getreten. Darum 
ist er auch nicht als ein Bastard verworfen worden, 
sondern vielmehr von Christo (als ein angenehmer 
Sohn) erkannt und in sein ewiges Erbe aufgenommen 



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worden, wo er mit allen Auserwählten Gottes leben 
und regieren wird, von Ewigkeit zu Ewigkeit. 

Dieser Freund Christi hat mehrere Briefe aus seiner 
Gefangenschaft gesandt, aber sie sind uns nicht in die 
Hände gekommen. 

G. Schneider, Syntgen von Rousselare und 
Maeyken Gosens werden zu Antwerpen um der 
Wahrheit willen im Jahre 1573 getötet. 

Hier folgt ein Brief von G. Schneider, gefangen zu 
Antwerpen mit Syntgen von Rousselare des Hierony- 
mus Weib, wo sie ihr Leben für die Wahrheit gelassen 
haben. 

Die überschwängliche Gnade Gottes, die große Lie- 
be und Barmherzigkeit seines Sohnes, so wie die Kraft, 
Wirkung und Erleuchtung des Heiligen Geistes, wün- 
sche ich dir, meine sehr liebe und werte Schwester in 
dem Herrn, zum freundlichen Gruße, wodurch wir 
Unwürdige aus Gott neu geboren werden, um dem 
Herrn in Gerechtigkeit und Heiligkeit zu dienen, zu 
des Herrn Preise und unserer Seelen Seligkeit; dazu 
wolle uns der Herr, der Vater aller Barmherzigkeit, 
tüchtig, stark und kräftig machen, welchem allein 
sei Lob, Preis und Ehre, von nun an bis in Ewigkeit, 
Amen. 

Nach diesem Gruße, meine sehr liebe und werte 
Schwester in dem Herrn, lasse ich euch wissen, daß es 
mit mir (der Herr sei ewig gelobt) noch ziemlich wohl 
stehe, sowohl dem Fleische, als auch dem Gemüte 
nach; ich hoffe durch Gottes Gnade mit unserm wah- 
ren Hauptmanne Josua nach dem verheißenen Lande 
zu ziehen (welches uns Unwürdigen aus Gnade ver- 
heißen und durch den Glauben gezeigt worden ist), 
wobei ich das Vertrauen habe, daß ich durch Gottes 
Gnade unbeschädigt über den Jordan kommen werde, 
wiewohl ich von Grund meines Herzens wollte, daß 
das Gemüt hierzu noch viel tapferer wäre. 

Ferner, meine sehr geliebte und werte Schwester, 
lasse ich dich wissen, daß ich bei dem Besuche mich 
ergötzt und mich über euch in meinem Gemüte sehr 
erfreut habe, weil ich eure große Freude und euer Ver- 
gnügen in dem Herrn, deine Selbstverleugnung und 
dein an den Herrn übergebenes Herz und Gemüt ge- 
sehen habe, wofür wir dem Herrn nicht genug Lob 
und Dank abstatten können, der dir solchen Schatz in 
irdene Gefäße gegeben hat, daß du auch weder um 
des Lebens oder Sterbens, noch um irgendeiner Pein 
willen, die dir (meine sehr liebe und werte Schwes- 
ter in dem Herrn) die Tyrannen antun möchten, den 
Herrn zu verlassen begehrst. Der Herr, der Gott aller 
Gnaden, wolle dich zu dem Ende stark und kräftig 
machen und allen Wohlgefallen seiner Güte an dir 


und dem Werke des Glaubens in der Kraft erfüllen, 
damit durch sie der Name unseres geliebten Herrn Je- 
su Christi gepriesen weiden möge, und du den guten 
Glaubenskampf streiten und das ewige Leben ergrei- 
fen mögest, wozu wir berufen sind, wenn wir anders 
den Anfang des christlichen Lebens bis ans Ende fest- 
halten. Denn, liebe Schwester in dem Herrn, wenn 
wir den Anfang des Lebens Christi recht betrachten, 
so finden wir nichts anders als Druck, Leiden und 
Angst, denn der, der ein Herr ist über alles, hat um 
unsertwillen seines Vaters Reich verlassen, ist in die 
Welt gekommen, hat alle unsere Schuld auf sich ge- 
nommen und mit seinem bittern Leiden und Tode an 
dem Kreuzesholze dafür bezahlt, mit allem diesem 
hat Er uns ein Beispiel hinterlassen, wie der Apostel 
sagt, daß wir seinen Fußstapfen nachfolgen sollten, 
der keine Sünde getan hatte, und in dessen Munde 
auch kein Betrug gefunden worden ist, welcher, als 
Er gescholten ward, nicht wieder schalt, nicht drohte, 
als Er litt; Er stellte es aber dem anheim, der recht 
richtet, welcher unsere Sünden selbst geopfert hat auf 
dem Holze, damit wir der Sünde abgestorben sind, 
und der Gerechtigkeit leben; durch dessen Wunden 
ihr heil geworden seid, sagt der Apostel, denn ihr 
wart wie die irrenden Schafe; aber ihr seid nun be- 
kehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen; auch 
sagt der Apostel an einem andern Ort: Denkt an den, 
der ein solches Widersprechen von den Sündern wi- 
der sich erduldet hat, daß ihr nicht in eurem Mute 
matt werdet und ablasst. Desgleichen klagt auch der 
Prophet in seiner Person von ihm und sagt: Ich bin 
ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute und 
eine Verachtung des Volks; alle, die mich sehen, spot- 
ten meiner, sperren den Mund auf und schütteln den 
Kopf, und an einem andern Orte sagt Jesaja: Er hatte 
keine Gestalt, noch Schöne; wir sahen Ihn, aber da 
war keine Gestalt, die uns gefallen hätte; Er war der 
Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen 
und Krankheit; Er war so verachtet, daß man auch 
das Angesicht vor ihm verbarg. Da Er gestraft und 
gemartert ward, tat Er seinen Mund nicht auf wie ein 
Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird und wie 
ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer und sei- 
nen Mund nicht auftut. Daneben, meine sehr werte 
Schwester in dem Herrn, betrachte das ganze Leben 
Christi in seinem Anfang, Fortgang und Ende, du 
wirst nichts anderes finden, als Leiden, Demut, Elend 
und Verachtung, welche Er um unsertwillen in der Er- 
niedrigung erlitten hat, sodass auch der Apostel von 
dem Herrn sagt, daß Er in den Tagen seines Fleisches 
Gebet und Flehen mit starkem Geschrei und Tränen 
zu dem geopfert habe, der ihm vom Tode aushelfen 
konnte, und Er ist auch erhört, weil Er Gott in Ehren 



682 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


hatte. Darum, meine liebe Schwester in dem Herrn, 
dieser Anfang des christlichen Lebens muss bis ans 
Ende bei uns bleiben, wie gesagt worden ist, dann 
werden wir seiner auch teilhaftig werden, und sein 
Reich aus Gnaden mit allen Kindern Gottes ererben, 
um deswillen Er auch hingegangen ist, um uns die 
Stätte zu bereiten, wie er Johannes 14 sagt: Ich gehe zu 
eurem und meinem Vater, euch die Statte zu bereiten, 
und obgleich ich hingehe, so will ich doch wieder- 
kommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, 
wo ich bin. Darum, meine liebe Schwester im Herrn, 
obgleich unser Gott sein Angesicht eine kurze Zeit vor 
uns verbirgt, so wird Er uns doch mit ewiger Gnade 
wieder versammeln, wie der Prophet sagt: Ich will 
dich in mein Haus leiten und in meinen Mauern dir 
einen Platz geben, und einen bessern Namen, als den 
Söhnen und Töchtern; ja, einen ewigen Namen, der 
nicht vergeht, will ich dir geben. Ja, Er will unsere Stei- 
ne zu Zierrat legen, und unser Fundament mit Saphir 
bauen und unsere Fenster von Kristall, und unsere 
Pforten von Rubin machen. Johannes sagt auch, daß 
uns eine Stadt erbaut sei von lauterem Golde; dort 
wirst du auch (meine sehr geliebte Schwester in dem 
Herrn) den König in seiner Schönheit anschauen, des- 
sen Haupt ist wie das feinste Gold, seine Locken sind 
kraus, schwarz wie die Raben; seine Augen sind wie 
Taubenaugen; seine Backen sind wie die wachsenden 
Würzgärtlein der Apotheker; seine Hände sind wie 
goldene Ringe voll Türkisen; sein Leib ist wie reines 
Elfenbein; seine Beine sind wie Marmorsäulen, ge- 
gründet auf goldenen Füßen; seine Kehle ist süß und 
seine Worte sind lieblich. Summa, wir werden dort 
viel mehr finden, als man uns sagen oder schreiben 
kann. 

Sieh, meine liebe Schwester in dem Herrn, ein sol- 
cher ist unser Freund und Bräutigam; darum freue 
dich, du Verlobte des Herrn, denn er ist schöner als 
alle Menschenkinder, der sich mit dir verlobt und dich 
unter vielen Tausenden auserkoren hat. 

Deshalb, meine liebe Schwester in dem Herrn, 
schmücke dich mit der Seide der Gerechtigkeit, dei- 
nem Bräutigam zu Ehren, bis die Tage der Verfolgung 
ein Ende haben, und der Herr das Gefängnis Zions 
wenden und alle Tränen von unsern Augen abwischen 
und unsere Freude vollkommen machen wird, daß 
wir statt unseres Klagens und Seufzens wie Nachts 
auf einem herrlichen Feste singen und mit den 144000 
Jungfrauen, die von der Erde erkauft sind, vor dem 
Throne Gottes stehen und den Namen Gottes an un- 
sern Stirnen tragen werden und Harfen in unsern 
Händen haben und ein neues Lied singen. 

Sieh, liebe Schwester, dieses werden unsere Feinde 
sehen müssen, und zu Schanden werden, die jetzt zu 


uns sagen: Wo ist euer Gott? Unsere Augen werden es 
sehen, daß sie dann wie Dreck auf der Straße zertre- 
ten liegen und Asche unter den Füßen der Gerechten 
sein werden. Darum, liebe Schwester in dem Herrn, 
laß uns rechtschaffen sein in der Liebe, und den Sieg 
des christlichen Kampfes erhalten, denn den Über- 
windern wird Er zu essen geben von dem Holze des 
Lebens, das mitten im Paradiese Gottes ist. Das wolle 
uns gönnen der alleinweise Gott, der Vater der Gnade 
und Barmherzigkeit, der allein Gewalt hat im Himmel 
und auf Erden, damit wir durch seine Gnade gerecht- 
fertigt und Erben des ewigen Lebens werden mögen. 
Ihm aber, der überschwänglich tun kann über alles, 
was wir bitten oder verstehen können, sei allein Lob, 
Preis und Ehre, von nun an bis in Ewigkeit, Amen. 

Er ist getreu, der es auch tun wird nach seiner Ver- 
heißung, denn ich bin Gott, sagt Er durch den Prophe- 
ten Maleachi, und werde nicht verändert, nämlich in 
seinen Verheißungen. 

Hiermit, meine sehr liebe und werte Schwester in 
dem Herrn, will ich dich dem Herrn und dem reichen 
Worte seiner Gnade befehlen; gute Nacht, gute Nacht. 
Wenn wir einander nicht mehr von Angesicht dieser 
Welt sehen, so hoffe ich doch, daß wir einander in 
der Ewigkeit sehen werden bei unserm Gott, wo kein 
Scheiden mehr sein wird. Noch einmal gute Nacht; 
halte mir mein einfaches Schreiben zu gut, ich bitte 
dich demütig darum, und wenn ich einiges habe zu 
kurz oder zu weitläufig geschrieben, so bitte ich, mir 
solches zu gut zu halten, und sei hiermit von mir 
herzlich gegrüßt; mein Weib lässt euch auch herzlich 
grüßen mit dem Frieden des Herrn; nicht weniger 
lassen euch Sanderyntgen und auch eine Jungfrau 
aus Seeland, genannt Magdaleentjen, sehr herzlich 
grüßen; ich bitte dich sehr freundlich, meine liebe 
Schwester, lasst mich doch einen Brief von euch haben; 
solches wäre mir sehr willkommen und angenehmer, 
als ich euch schreiben kann. Gehabe dich wohl. 

Von mir, G. Schneider, V. S. B. und Diener, was ich 
vermag. 

Ein Brief von Syntgen von Rousselare. 

Gnade und Friede. Geschrieben zu Antwerpen auf 
dem Steine. Ich unwürdige Syntgen bin um des Zeug- 
nisses des Herrn willen gefangen und erwarte jeden 
Tag mein Urteil; der Herr wolle uns geben, daß wir 
unser Opfer tun mögen zu seinem Lobe und Preise 
und zu unserer Seelen Seligkeit, Amen. 

Die große Gnade und Barmherzigkeit Gottes des 
Vaters, und die große Liebe des Sohnes, wie auch die 
Kraft des Heiligen Geistes, wolle dich, meine sehr ge- 
liebte Schwester in dem Herrn, und uns bis ans Ende 



683 


stärken, damit wir würdig erfunden werden mögen, 
am Tage des Herrn die schönen Verheißungen aus 
Gnaden zu empfangen, wenn der Herr sagen wird: 
Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das 
Reich, das euch von Anbeginn der Welt zubereitet 
ist. Ach, welche große Freude wird uns dann zube- 
reitet, wenn wir den Anfang des christlichen Wesens 
bis ans Ende festhalten! Hierzu wolle uns der Gott 
Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs stär- 
ken, dessen Gewalt groß ist, wie der Prophet bezeugt, 
daß Er mit einem Dreilinge die ganze Erde umspan- 
ne, und daß sich in seinem Namen alle Knie beugen 
müssen, die im Himmel und auf Erden sind, und daß 
Ihn alle Zungen loben müssen; sein Name ist Herr 
der Heerschaaren, Herr Zebaoth, der Mächtige in Is- 
rael, um dessen Namen willen wir hier gefangen lie- 
gen; Ihm sei allein Lob und Preis, von Ewigkeit zu 
Ewigkeit, Amen. Denn Er hat Himmel und Erde aus 
nichts erschaffen und gemacht; denselben blutigen, 
nackenden, gekreuzigten Christum wünsche ich dir, 
meine sehr geliebte Schwester in dem Herrn, zum 
freundlichen und christlichen Gruße; derselbe wolle 
euch bewahren und in jeder Drangsal, die euch und 
uns um seines Namens willen zustoßen mag, trösten. 
Nach diesem lieben und christlichen Gruße lasse ich 
dich wissen, mein liebes Schaf und Schwester in dem 
Herrn, daß mein Gemüt noch bestellt ist (dem Herrn 
sei Lob und Preis für seine Gnade!) wie es bestellt 
war, als ich meine Knie unwürdig vor dem Herrn ge- 
beugt hatte, womit ich bewies, daß ich begehrte. Ihm 
in allem gehorsam zu sein, sowohl im Leiden als in 
Freude, wie uns denn der Apostel auch ermahnt, daß 
es uns nicht allein gegeben sei, an Christum zu glau- 
ben, sondern auch um seinetwillen zu leiden. Ach, 
meine liebe Schwester in dem Herrn, der Knecht ist 
nicht über seinem Herrn, noch der Jünger über sei- 
nem Meister; auch hat uns Christus gesagt: Die Welt 
wird sich freuen, und ihr werdet traurig und betrübt 
sein, aber eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt 
werden; und abermals: Ihr werdet heulen und weinen, 
und die Welt wird sich freuen; aber seid getrost, ich 
habe die Welt überwunden, und unser Glauben ist der 
Sieg über die Welt, womit wir, durch des Herrn Gnade, 
Fürsten und Obrigkeiten überwinden müssen. Ach, 
meine liebe Schwester in dem Herrn, es ist wohl wahr, 
wir sind wie die Schlachtschafe geachtet, die zum To- 
de bereitet sind; aber in allem diesen überwinden wir 
weit um desjenigen willen, der uns lieb gehabt, wie 
der Apostel sagt: Wer mag uns scheiden von der Liebe 
Gottes? Trübsal, oder Angst, oder Verfolgung, oder 
Gefahr, oder Schwert? 

Ach, mein liebes Schäflein! Der König ist so getreu, 
dem wir dienen; Er wird uns nicht verlassen, sondern 


uns beistehen in allen Gefahren, sie betreffen Wasser, 
Schwert oder Feuer; denn Er spricht durch den Pro- 
pheten Jesaja: Wenn auch eine Mutter ihr eigenes Kind 
verließe, so will ich dich doch nicht verlassen, sondern 
will dich wie meinen Augapfel bewahren. Ach, meine 
liebe Schwester, das ist ein schöner Trost in unserer ge- 
genwärtigen Trübsal und unserer Not, welche zeitlich 
und leicht ist, wie der Apostel sagt, und uns eine über 
die Maßen große Herrlichkeit bringt, die wir nicht auf 
das Zeitliche, sondern auf das Ewige sehen, denn es 
hat kein Auge gesehen, noch ein Ohr gehört, ist auch 
in keines Menschen Herz gekommen, was Gott denen 
bereitet hat, die Ihn lieben. Ach, meine liebe Schwes- 
ter in dem Herrn, laß uns viel lieber erwählen, mit 
den Kindern Gottes Ungemach zu leiden, als die zeit- 
liche Ergötzlichkeit der Sünden zu haben. Laß uns die 
Schmach Christi für größeren Reichtum achten, und 
mit dem Propheten David lieber in das Allerheiligste 
des Herrn gehen, als den Pfad der Gottlosen betreten; 
denn obgleich er hier schön anzuschauen ist, so muss 
er doch vergehen, indem der weise Mann sagt, daß 
der Gottlosen Hoffnung wie eine verdorrte Distelblu- 
me sei; wir aber, liebe Schwester in dem Herrn, haben 
eine gewisse Hoffnung, und wiewohl wir hier in den 
Augen der Unweisen zu sterben scheinen, so wissen 
wir doch, daß wir ewig leben werden; denn es steht 
geschrieben: Die hier mit Tränen säen, werden mit 
ewiger Freude und Wonne ernten, und ihre Garben in 
die Scheuern Gottes bringen. 

Ach, meine liebe Schwester in dem Herrn, wenn 
das Sterbliche das Unsterbliche anziehen wird, wie 
herrlich werden wir alsdann mit himmlischer Freude 
gekrönt werden! Es wird dann unsere Freude nicht 
von uns genommen werden. Ach, mein liebes Schaf 
und Schwester in dem Herrn, laß uns auf unsern Kö- 
nig trauen, denn seine Verheißungen werden nicht 
fehlen; Er wird uns nicht verweisen, wie diese flei- 
schen Herren tun, was doch alles vergeht, sondern Er 
wird uns aus Gnaden das ewige Leben geben. Ach, 
meine liebe Schwester in dem Herrn, mein Verlangen 
geht dahin, daß ich bei allen meinen lieben Brüdern 
und Schwestern, die ihr Leben freimütig zum Tode 
übergeben haben, unter dem Altar ruhen möge; ich 
hoffe, daß wir bald dahin kommen werden. Wir sind 
wohlgemut, durch des Herrn Gnade, mit Josua und 
Kaleb das Land der Verheißungen einzunehmen, und 
sind auch unserer Feinde viel, so hoffen wir doch, sie 
wie Brot zu verschlingen; wir haben bereits fast al- 
le unsere Feinde überwunden, aber den wichtigsten 
und letzten Feind sehen wir noch vor Augen, welches 
oder Tod ist; doch haben wir einen starken Trost, wel- 
cher der Gott Jakobs ist, der uns in der größten Not 
stärkt; und obgleich die Wellen gewaltig ankommen. 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


so hoffen wir doch mit unserm Gott (wie David sagt) 
über die Mauer zu springen und mit Paulus zu sagen: 
Ich vermag alles durch Christum, der mich mächtig 
macht; wir hoffen also durchzudringen, wie Christus 
sagt: Ringt danach, daß ihr durch die enge Pforte ein- 
geht, denn der Weg ist schmal der zum ewigen Leben 
führt; ferner sagt Christus: Das Himmelreich leidet 
Gewalt, und die ihm Gewalt antun, reißen es zu sich. 

Ach, meine liebe Schwester in dem Herrn, wenn 
Fleisch und Blut an den Pfählen und Pfosten hängen 
bleibt, dann erst ist der Streit am wichtigsten, denn 
der Satan wusste seine Worte gut zu setzen, als er den 
gottesfürchtigen Hiob versuchte. Wenn es an Fleisch 
und Blut geht, dann wird der rechte Glaube geprüft 
wie Gold im Ofen, dann müssen wir gesetzmäßig 
kämpfen, damit wir die Krone des ewigen Lebens 
aus Gnaden empfangen, denn es steht geschrieben: 
Weil du das Wort meiner Geduld behalten hast, so 
will ich dich auch vor der Stunde der Versuchung 
behalten, und ich will seinen Namen aus dem Buche 
des Lebens nicht austilgen. Wer überwindet, soll mit 
weißen Kleidern angetan werden, und ich will ihn 
zum Pfeiler machen in dem Tempel meines Gottes, 
und ich will sie zur Quelle des lebendigen Wassers 
leiten. 

Ach, meine liebe Schwester in dem Herrn, welche 
herrlichen Verheißungen sind uns gegeben, wenn wir 
nur standhaft bleiben bis ans Ende! Hierzu wolle uns 
und dir der Herr seine Gnade geben, damit wir das 
neue Lied in Zion mit den 144000 singen helfen mö- 
gen, welche mit Weibern sich nicht befleckt haben, 
sondern Jungfrauen sind, denn sie haben mit den 
Töchtern Babels nicht Hurerei getrieben. 

Hiermit will ich dich, meine liebe Schwester in dem 
Herrn, dem Herrn und dem Worte seiner Gnade an- 
befehlen, welches dich und uns zum ewigen Leben 
bewahren kann. Also nehme ich denn von dir mei- 
nen Urlaub und Abschied auf dieser Erde, bis wir 
wieder Zusammenkommen, wo kein Scheiden mehr 
sein wird, wo die Straßen von lauterem Golde, die 
Pforten aber von Perlen und köstlichen Steinen sind. 
Gute Nacht, gute Nacht, meine liebe Schwester in dem 
Herrn! 

Geschrieben von mir, Syntgen von Rousselare, des 
Hieronymus Weib, deiner schwachen Schwester in 
dem Herrn. Halte mir mein einfaches Schreiben zu 
gut, denn es geschieht aus rechter Liebe; ich habe die 
Gabe nicht. 

Grüße mir dein Volk, wo du wohnst, und alle lieben 
Freunde, bekannte und unbekannte, mit dem Frieden 
des Herrn, insbesondere deinen Bruder und deine 
Schwester, und Passchier, meinen guten Bekannten. 
Es lassen auch meine Mitgefangenen deine Liebe herz- 


lich grüßen mit dem Frieden des Herrn; bitte doch den 
Herrn herzlich für uns, wir wollen es auch herzlich 
gern für dich, nach unserm schwachen Vermögen, tim, 
und laß uns allezeit ernstlich anhalten, damit uns nie- 
mand unsere Krone nehme, und wir mit den klugen 
Jungfrauen zur Freudenruhe eingehen mögen, Amen. 

Francois von Leuven, Hansken von Oudenaerden 
und Grietgen von Sluys, im Jahre 1573. 

Im Jahre 1573 sind zu Gent in Flandern um des rech- 
ten Glaubens der Wahrheit und der Nachfolge Chris- 
ti willen Francois von Leuven, des Willem von Leu- 
ven Sohn, dessen in diesem Buche an seinem Orte 
gedacht worden ist, des Jan Doom Vetter, und mit 
ihm Hansken von Oudenaerden, geboren zu Geerts- 
berge, wie auch Grietgen von Sluys, geboren zu Tielt 
im Gelderlande, getötet worden. Diese sind an gemel- 
detem Platze von dem neidischen und blutdürstigen 
Geschlechte Kains und nicht Juda sehr schmählich, 
als ob sie nicht wert wären, auf Erden geduldet zu 
werden, getötet worden; nicht um irgendeiner Miss- 
etat willen, sondern allein, weil sie sich von dieser 
verdorbenen Welt, welche in unmenschlicher Bosheit 
ganz versunken ist, nach dem Befehle des ewigen Got- 
tes abgesondert hatten, und Christo in der Wiederge- 
burt nach ihrem schwachen Vermögen nachzufolgen 
suchten. Weil aber das Licht mit der Finsternis keine 
Gemeinschaft haben kann, so ist ihnen um des rech- 
ten Glaubens der Wahrheit willen von den Herren 
der Finsternis diese Tyrannei angetan, und sie sind 
also des Leidens Christi teilhaftig geworden; deshalb 
werden sie auch mit Christo in der Offenbarung sei- 
ner Herrlichkeit große Freude und Wonne empfangen 
und ewig genießen. 

Lippyntgen Stayerts, Syntgen Barninge oder das 
Krüppel-Syntgen, im Jahre 1573. 

In demselben Jahre sind zu Gent in Flandern um der 
Wahrheit des heiligen Evangeliums willen Lippynt- 
gen Stayerts, geboren zu Gent, und mit ihr Syntgen 
Barnigne, genannt Krüppel-Syntgen, geboren zu Kor- 
tryck in Flandern, gefangen gewesen; denn als diese 
sich auf die Bahn der Gerechtigkeit unter das Panier 
ihres einigen und ewigen Hirten Christi Jesu bege- 
ben hatten, so ist ihnen von des Antichristen Dienern 
auch eben das widerfahren, was ihrem Hauptmanne 
selbst begegnet ist und was Er den Seinen vorherge- 
sagt und verheißen hat, nämlich, daß sie nicht von 
der Welt geliebt und hochgeachtet, sondern vielmehr 
gehasst werden und Trübsal, Kreuz, Verfolgung, und 
den Tod erleiden sollten. So ist es denn geschehen. 



685 


nach mancherlei Prüfung und Versuchung, die sie um 
Christi willen erlitten haben, daß sie von den Herren 
der Finsternis vom Leben zum Tode verurteilt und 
in des Grafen Schloss mit dem Schwerte enthauptet 
worden sind. Weil aber Syntgen ein Krüppel war, so 
ist sie in einem Stuhle auf die Schaubühne getragen 
worden, und als sie ihre Hände etwas zu hoch aufhob, 
hat ein Bruder, Namens Nathanael Zöllner, des Jost 
Zöllners Bruder, gerufen: Schaf, nimm deiner Hände 
wahr; aber es wurden ihr beide Daumen zugleich mit 
abgehauen. Also haben sie ihr Leben bis in den Tod 
nicht geliebt, sondern ihr irdisches Haus gutwillig um 
das himmlische hingegeben; darum ist ihnen auch ein 
Bau von Gott bereitet, ein Haus, das in unaussprechli- 
cher Herrlichkeit ewig währen wird im Himmel. 

Jakob von dem Wege, 1573. 

Als dieser Jakob von dem Wege, geboren zu Ronse 
in Flandern, ein Vetter des Mr. Claes, der zu seiner 
Zeit des Diakon von Ronse, des bedeutendsten Ket- 
zermeisters und Verfolgers der Christen in diesen Län- 
dern, Mitgesell gewesen, zur Erkenntnis der Wahrheit 
gekommen und derselben mit brünstiger Liebe nach- 
gefolgt ist, wurde er um deswillen aus allen Ländern 
des Königs von Spanien verbannt, und hat länger als 
sieben Jahre als ein Flüchtling sehr kümmerlich seinen 
Aufenthalt suchen müssen, und sich mit Kistenma- 
chen ernährt, womit er mit Weib und Kind die Kost 
verdient hat, wie er sich denn auch lange Zeit heim- 
lich bei guten Freunden in Flandern, namentlich in 
Meenen, Halewyn und Bervyk aufhielt. Von da ist er 
wegen der schweren Verfolgung unter dem Herzog 
von Alba, und weil er auch des Landes verwiesen war, 
nach Ryssel, welches drei Meilen davon gelegen, in ei- 
ne Werkstätte gegangen, um in derselben zu arbeiten. 

Als er nun darauf, wiewohl heimlich, mit Weib und 
Kindern nach Gent gezogen ist, hat es sich einmal 
zugetragen, daß er zu Christoffel von Leuven, wel- 
cher ein Diener des Wortes Gottes war, ins Haus ge- 
gangen ist, eben zu der Zeit, als die Obrigkeit von 
Gent einige ausgesandt hatte, um diesen Christoffel 
zu fangen, und als sie denselben nicht fanden, wur- 
de Jakob ergriffen und in schwere Gefangenschaft in 
einen Turm gebracht, der mit sieben Türen verwahrt 
und verschlossen war. Dort lag er in großer Angst und 
Not, und hat ernstlich im Geiste und in der Wahrheit 
zu dem Herrn, seinem Gott, gebeten und gerufen, daß 
Er ihn darin stärken und gnädige Hilfe verleihen wol- 
le, die ihm damals sehr nötig war, indem viel starke 
Feinde ihn bestritten und angefochten hatten, denn 
der Satan, der Beneider alles Guten, brauchte große 
Gewalt an ihm, um ihn zum Abfalle von dem Herrn, 


seinem Gott, zu bringen; er ruhte weder Tag noch 
Nacht, und ging mit List um ihn herum, um seine 
Seele zu verführen; auch setzten ihm des Satans Boten 
mit schönklingenden Reden listig zu, als ob sie bei 
ihm eine tröstliche Erleuchtung gesucht hätten, aber 
wenn er ihnen Gehör gegeben hätte, sie wären gewiss 
Mörder seiner Seele gewesen, wovor ihn doch Gott 
bewahrte; er litt auch große Anfechtung um sein Weib 
und seine Kinder, denn es fiel ihm sehr schwer, sie zu 
verlassen; aber um des Herrn willen musste es alles 
geschehen. 

Als er nun eine Zeitlang gefangen gelegen und der 
Anfechtung und Qual tapfern Widerstand geleistet 
hatte, ist er zuletzt, weil er nach der rechten Wahrheit 
wandelte, öffentlich zu Gent verbrannt worden, unge- 
fähr drei Jahre später, als auch sein Bruder Hans, wie 
wir oben bemerkt haben, um der Nachfolge Christi 
willen daselbst verbrannt worden ist. 

Die Briefe, die uns von diesem Jakob von dem Wege 
zu Händen gekommen sind, haben wir hier beigefügt, 
damit der Leser daraus sehen möge, in welchem Glau- 
ben er gestanden habe und gestorben sei. 

Ein Brief von Jakob von dem Wege, geschrieben an 
sein Weib, als er zuerst zu Gent in dem Hause zur 
Luft, am Ende der Müllerstraße, gefangen lag. 

Ach meine Geliebteste unter der Sonne, mit meinen 
drei Kindern, welche mir das Herz so abmatten, daß 
ich kaum weiß, was ich an mir selbst habe, denn wenn 
ich euch beherzige, liege ich sehr beängstigt in der 
Trübsalskelter, sodass mir die Tränen aus den Augen 
fließen und ich meinen großen Kummer kaum stillen 
kann. 

Ach, mein Weib mit meinen drei Schafen, die ich 
lieb habe, wie stark ist die Liebe, wie werde ich euch 
einen Scheidebrief schreiben können, denn die Wasser 
der Trübsal erfüllen mir meine Augen, und das wegen 
meiner Krankheit, meines Elendes und meiner großen 
Schwachheit. Ach mein liebes Weib, ich bekenne hier 
vor dir und vor allen, die dieses lesen, daß ich hier gar 
zu schwach und elend geschrieben habe; gleichwohl 
hat mich die große und tiefe ängstliche Trübsal, die 
aus der starken Liebe zu euch Vieren entsteht, dazu 
gezwungen, aber ich hoffe, du werdest es mir, der 
Wahrheit zum Besten, abnehmen. So höre denn, mein 
liebes Weib, die Antwort auf dasjenige, um was du 
mich hast fragen lassen, nämlich welchen Rat ich dir 
wegen der Reise gäbe. Hierauf erwidere ich, daß ich 
dir gar keinen Rat dazu gebe, denn ich weiß nicht, auf 
welche Art und Weise es sich bewerkstelligen lasse, 
aber ich wollte dich aufs Höchste gebeten haben, du 
wollest, wenn es dir möglich wäre, deine Kost hier zu 



686 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


finden, so lange hier bleiben, bis es mit mir auf die 
eine oder die andere Weise sich entscheidet, und das 
aus keiner andern Ursache, als daß ich von dir biswei- 
len noch etwas hören und Grüße von dir vernehmen 
möchte, was mir lieber ist, als viel Silber und Gold; 
ich lasse dich auch wissen, mein Weib, daß Kalleken 
Meere, die mit mir gefangen ist, dir im Testamente 
ein Hemd, einen Halskragen, ein Nachttuch und ein 
Haarschnur vermacht hat; desgleichen gibt dir Meyt- 
gen auch ein Nachttuch, ein Kleid und auch ihre beste 
Schürze. Dieses geben sie dir zu ihrem Andenken und 
Testamente; nach ihrem Tode gehört es dir; sie lassen 
dich auch sehr herzlich grüßen mit dem Frieden des 
Herrn, Amen. 

Geschrieben in meinen Banden, von mir, deinem 
lieben Manne und Bruder in dem Herrn. Jakob von 
dem Wege. 

Noch ein Brief von Jakob von dem Wege an sein 
Weib und seine Brüder und Schwestern. 

Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden, und den 
Menschen ein Wohlgefallen. 

Ich, Jakob von dem Wege, der ich um der un- 
überwindlichen Wahrheit willen gefangen liege, wün- 
sche meinem werten und in Gott geliebten Weib und 
Schwester im Herrn und meinen drei kleinen unschul- 
digen Kindern, und ferner allen Brüdern und Schwes- 
tern, ja, allen meinen lieben Freunden in dem Herrn 
Gnade, Frieden, Barmherzigkeit, viel recht christliche 
Weisheit und Klugheit, ein verständiges Herz und ein 
standhaftes Gemüt in der Wahrheit, wie auch einen 
starken Glauben, lebendige Hoffnung und ein gutes 
ruhiges Gewissen gegen Gott und Menschen, so wie 
einen unsträflichen heiligen Wandel in aller Demut, 
Sanftmut, Freundlichkeit und Eintracht, und das al- 
les in der rechten Furcht Gottes, verknüpft durch das 
Band der Liebe. Dieses wünsche ich euch allen von 
Gott, dem himmlischen Vater, durch Jesum Christum, 
seinen ewigen, einigen, wahrhaftigen Sohn, unsern 
Herrn, samt der Stärke und Kraft des Heiligen Geistes, 
zum herzlichen und freundlichen Gruße, Amen. 

Nach meinem einfachen, herzgründlichen Gruße, 
lasse ich mein geliebtes Weib, und alle Brüder und 
Schwestern, und ferner alle meine Freunde in dem 
Herrn, wissen, daß es um mich noch wohl stehe, und 
daß ich im Glauben und der Erkenntnis Gottes, noch 
ebenso bin, wie ich war, als ich meine Knie vor dem 
Allerhöchsten gebeugt hatte; ebenso stehe ich noch 
und bin noch ebenso gesinnt, durch die Gnade Gottes 
und die Kraft Christi, der mich stärkt, damit ich in 
diesem Glauben und dieser Wahrheit mit Christo lebe, 
oder sterbe. Dem allmächtigen Herrn, der den Elen- 


den, Schwachen und Kraftlose hier in diesem Streite 
so stark und kräftig machen kann, sei Lob, Dank, Preis 
und Ehre in Ewigkeit, und das für alle seine großen 
Wohltaten, die Er an mir so reichlich erwiesen hat; 
ebenso hoffe ich, daß es mit euch auch sehr wohl 
steht, worüber ich mich gefreut habe, und ich danke 
Gott, dem Allmächtigen, für alle seine große Güte, die 
Er an euch bewiesen hat, und das alles durch seine 
große Barmherzigkeit und Liebe, und bitte densel- 
ben allmächtigen Herrn und Gott der Gnade, daß Er 
euch alle segnen und mit allerlei Erkenntnis und geis- 
tiger Weisheit und Verstand erfüllen wolle, damit euer 
Wandel würdig und fruchtbar sein möge, alle die Ta- 
ge eures Lebens, in Heiligkeit und Gerechtigkeit, und 
ihr das Ende eures Glaubens, nämlich eurer Seelen 
Seligkeit, davonbringen möget. 

Ferner lasse ich meine lieben Freunde wissen, 
warum ich im Schreiben so träge gewesen bin, da 
ihr doch so oft von mir verlangt habt, daß ich euch 
etwas schreiben sollte; in dieser Beziehung sage ich 
euch denn, daß es mich viel Überwindung kostet, zu 
schreiben, weil es eine gefährliche Zeit ist, wo die Men- 
schen oft das Schreiben verstehen und nehmen, wie 
sie wollen, und nicht wie es der Schreiber gemeint hat. 
Solches habe ich mehr als zu viel erfahren, und ist mir 
selbst in meinem einfachen Schreiben begegnet, nicht 
als ob ich glaubte, daß ich untadelhaft wäre, das sei 
fern, sondern ich sage, daß einige Menschen nicht al- 
lein mit dem Schreiben der unschuldigen Gefangenen, 
sondern auch selbst mit der Heiligen Schrift nicht alle- 
zeit wohl zufrieden sind; ebenso halte ich mich selbst 
auch für viel zu schlecht und unverständig, etwas Er- 
bauliches euch zur Ermahnung zu schreiben; darum 
habe ich es denen, die es von mir begehrt haben, al- 
lezeit abgeschlagen, und habe auch so lange damit 
gezögert, und wäre es nicht wegen meiner unschuldi- 
gen, jungen Kinder geschehen, welche gegenwärtig 
weder Gutes, noch Böses verstehen, ich hätte noch we- 
niger geschrieben; aber sie zwingen mich solches zu 
schreiben, damit, wenn sie durch Gottes Gnade zum 
Verstand kommen, und ich ihnen entnommen sein 
werde, sie dasselbe von meinem Glauben unterrich- 
ten und sie die Gerechtigkeit und Erkenntnis Gottes 
in der Furcht des Herrn, samt allem Gehorsam lehren 
möge. Da ich aber nun den Weg wandeln und dem Ru- 
fe gehorsam sein muss, wodurch ich gerufen bin und 
ich sie daher mit meinen Lippen nicht mehr ermahnen 
kann, so schreibe und hinterlasse ich ihnen dieses als 
Schatz und Testament, denn Gold und Silber kann ich 
ihnen nicht geben, sondern das, was mir Gott gegeben 
hat, was zwar wenig ist, doch aber mehr, als ich wür- 
dig bin; solches lasse ich ihnen zur Ermahnung, damit 
sie durch mein eigenes Schreiben versichert und ge- 



687 


wiss sein mögen, in welcher Lehre und in welchem 
Glauben ich gestorben sei, und daß ich nicht wegen 
irgend einer Missetat, oder Bosheit oder Ketzerei ge- 
litten habe, oder als ein solcher, der seinem eigenen 
Sinne und Kopfe folgt, gleichwie ich von der bösen 
Art beschuldigt bin, die sich selbst das Ansehen gibt, 
daß sie rein sei und gleichwohl von ihrem Drecke 
nicht gewaschen ist; aber ihre Scheltworte sind kein 
Beweis, und ihre Lästerung ist nicht wahrhaftig; denn 
ich weiß wohl und bin gewiss, daß alle, die ihrem 
eigenen Sinne und Kopfe folgen, Gottes Gebote nicht 
halten, indem uns die Schrift lehrt, daß wir, wie Jesus 
Christus, geistig gesinnt sein müssen, auch gehorsam 
und uns selbst verleugnen, ja, unserem Willen ganz 
und gar absagen, und uns unter sein Wort und die 
starke Hand Gottes beugen müssen, dessen Wort wie 
ein Feuer und Hammer ist, der die Felsen in Stücke 
schlägt, ja, welches ein zweischneidiges Schwert ist, 
welches die Menschen richten wird am Ende der Tage. 
Darum sage ich, daß ich mich demselben unterwor- 
fen habe, um Ihm gehorsam zu sein aus allen meinen 
Kräften, und daß ich mich von demselben im Glau- 
ben unterrichten lassen will, wie die Schrift sagt, denn 
ich glaube allem, was im Gesetze und den Propheten 
geschrieben steht, sowohl im Alten als Neuen Tes- 
tamente, und ich habe auch Hoffnung zu Gott, auf 
welchen die Propheten selbst warten, nämlich, daß 
die Auferstehung der Toten zukünftig sei, beides der 
Gerechten und Ungerechten; in demselben aber übe 
ich mich ein unverletztes Gewissen allenthalben zu 
haben, beides gegen Gott und den Menschen. Also 
kommt mein Glaube, den mir Gott gegeben hat, mit 
Gottes Wort und der Schrift überein, wie hier in der 
Kürze folgt. 

Erstlich glaube und bekenne ich einen einigen, ewi- 
gen, allmächtigen Gott, den Vater, von welchem alle 
Dinge sind; ich bekenne, daß dieser ein lebendiger 
Gott sei, der den Himmel, die Erde, das Meer und 
alles, was darin ist, erschaffen und gemacht hat, wie 
ihn denn auch, sowohl das Alte, als auch das Neue 
Testament in seiner Würde aufs Höchste lobt und ver- 
ehrt, als einen unsichtbaren und unsterblichen Gott, 
einen Gott aller Götter und Herrn über alle Herren, 
einen großen Gott, mächtig und sehr schrecklich, der 
auf seinem Throne sitzt, einen Herrn, dem niemand 
gleich ist, denn Er ist höher als der Himmel, tiefer 
als die Hölle, länger als die Erde und breiter als das 
Meer, wie Er selbst durch den Propheten sagt: Der 
Himmel ist mein Stuhl und die Erde der Schemel mei- 
ner Füße. Jeremia hat mit Recht gesagt: Du großer und 
starker Gott, Herr Zebaoth ist Dein Name, groß von 
Rat und mächtig von Taten, denn sieh, der Himmel 
und aller Himmel Himmel mögen ihn nicht begreifen. 


Darum sage ich auch, daß das Geschöpf den Schöpfer 
nicht begreifen möge; aber ich bekenne, daß Er ein 
heiliger, wahrhaftiger, gnädiger, barmherziger, und 
auch ein strenger, gerechter und billiger Gott sei. Vor 
demselben soll man allein erschrecken und sich fürch- 
ten, niederfallen und Ihn anbeten. Ihn lieben und Ihm 
gehorsam sein, der einen jeden nach seinen Werken 
lohnen wird, es sei gut oder böse, Seligkeit oder Ver- 
dammnis. 

Zweitens bekenne und glaube ich an Jesum Chris- 
tum, den einigen, eigenen und wahren Sohn Gottes, 
unsern Herrn, der von Anfang und von Ewigkeit her 
bei dem Vater gewesen ist, in welchen der Vater sein 
Wesen wesentlich eingegossen und ausdrücklich ab- 
gebildet hat, wie auch überall gründlich in der Schrift 
enthalten ist und bezeugt wird. Also ist Er ein Bild 
des unsichtbaren Gottes, ein Glanz des ewigen Lich- 
tes, ein unbefleckter Spiegel der göttlichen Klarheit 
und ein Ausdruck oder Ebenbild seines Wesens. Also 
war Er in göttlicher Gestalt, herrlich, verklärt wie Gott, 
ja, selbst Gottes Weisheit und Wort, in welchem allein 
das Leben war, der Erstgeborne vor allen Kreaturen, 
unsichtbar, ohne Leiden und unsterblich, durch wel- 
chem alle Dinge erschaffen und gemacht sind. Er ist 
vor allen; in Ihm besteht alles, sodass Er das A und 
das O, der Anfang und das Ende, der Erste und der 
Letzte ist, der ist, war und kommen wird. So bekenne 
ich denn also, daß der Sohn Gottes in seinem gött- 
lichen Wesen der ewige, wahrhafte Sohn Gottes sei, 
wahrer Gott mit dem Vater, in gleicher Herrlichkeit, 
Klarheit, Kraft, Willen und Vorsehung (mit Ihm). 

Aber als der erste Mensch Adam durch die Übertre- 
tung des Bundes gesündigt hatte, und um der Sünden 
willen mit allen seinen Nachkömmlingen (durch die 
strenge Gerechtigkeit Gottes) in dem ewigen Tode 
als Verurteilter lag, so hat Gott, von Barmherzigkeit 
und brünstiger Liebe entzündet, den elenden und be- 
trübten Adam getröstet, und den Menschen seinen 
einigen Sohn oder sein ewiges Wort verheißen, wo- 
durch alles gemacht worden ist; ja. Er hat Adam selbst, 
den Er zuerst nach seinem eigenen Bilde erschaffen 
hatte, verheißen und zugesagt, daß er durch dasselbe 
Wort wieder erlöst und selig werden sollte. Denselben 
Verheißenen hat Gott zum Trost vielen Altvätern, als 
Patriarchen, Propheten und Knechten Gottes, unter 
schönen Vorbildern und Schatten zum Erlöser und Se- 
ligmacher der Welt, insbesondere aber den Gläubigen, 
verheißen; und als nun die Zeit, samt allen Verheißun- 
gen, erfüllt war, so hat Gott seinen Sohn gesandt, ge- 
boren von einem Weibe, genannt Maria, welche einem 
Manne verlobt war, genannt Joseph, von dem Hause 
Davids. Diese Jungfrau hat von dem Heiligen Geiste 
empfangen, wie Gott zuvor verordnet und durch Jesa- 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


ja gesprochen hatte, wenn er sagt: Siehe, eine Jungfrau 
ist schwanger und wird einen Sohn gebären; ja, sie hat 
von dem Heiligen Geiste empfangen und durch die 
Kraft des Allerhöchsten ist Er in ihr Fleisch geworden, 
das ist Mensch, uns in allem gleich, ausgenommen die 
Sünder nämlich der, welcher zuvor unsichtbar war, 
ist sichtbar geworden, und der, welcher zuvor uns- 
terblich war, ist sterblich geworden, und der, welcher 
in großem Reichtum und Herrlichkeit war, verklärt 
als Gott, ja, selbst der wahre Gott, derselbe hat seinen 
Reichtum, seine Herrlichkeit und Klarheit eine kurze 
Zeit verlassen, und ist wie ein anderer Mensch und an 
Gebärden als ein Mensch erfunden worden. Also ist 
Er beides, wahrer Gott und Mensch, gewesen und ist 
unter das Gesetz getan worden, damit Er die, welche 
unter dem Gesetze waren, erlöste. 

So bekenne ich denn mit dem Apostel, daß das ewi- 
ge Wort des Vaters (in welchem allein das Licht und 
das Leben der Menschen war) Fleisch geworden sei 
und auf Erden gewohnt habe, und daß sie seine Herr- 
lichkeit gesehen haben, eine Herrlichkeit des einge- 
bornen Sohnes vom Vater voller Gnade und Wahrheit. 
Dasselbe bezeugt auch Johannes und sagt: Das da von 
Anfang war, das wir gehört, das wir gesehen haben 
mit unsern Augen, das wir beschaut und unsere Hän- 
de betastet haben, vom Worte des Lebens; und das 
Leben ist erschienen, und wir haben es gesehen und 
zeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig 
ist, welches bei dem Vater war und uns erschienen 
ist; was wir gehört und gesehen haben, das verkün- 
digen wir euch; und ihr Zeugnis ist wahrhaftig. So 
bekenne ich nun, nach diesen Worten und mehren 
andern Sprüchen, daß Jesus Christus in das Fleisch 
gekommen ist, der da ist Gott, über alles hochgelobt, 
in Ewigkeit. Ja, Gott ist offenbart im Fleische, gerecht- 
fertigt im Geiste, erschienen den Engeln, gepredigt 
den Heiden, geglaubt von der Welt, aufgenommen in 
die Herrlichkeit. 

So glaube ich demnach, daß der wahre Messias 
gekommen sei, welchen Gott den gläubigen Vätern 
verheißen hatte, denn Abraham hat den rechten ver- 
heißenen Samen Christi empfangen, in welchem er 
und alle Völker auf Erden gesegnet worden sind, und 
in Jakob ist der schöne Morgenstern aufgegangen, 
und hat in unser Herz einen klaren Schein gegeben 
zu einer Erleuchtung der Klarheit Gottes in dem An- 
gesichte Jesu Christi. Juda hat seinen Helden oder 
Erlöser erlangt, und Mose seinen Propheten; in Da- 
vids Stadt und Geschlecht ist Er geboren, und ist der 
Sohn des Allerhöchsten genannt, ja, Israel und Juda 
hat selbst seinen Herrn, König, Seligmacher und Gott 
gesehen; der Arm des Herrn hat selbst geherrscht 
und regiert, und hat die Menschen nicht allein als 


ein rechter Bote, sondern als ein Liebhaber des Le- 
bens und treuer Haushalter das Wort seines Vaters 
gelehrt, welches Er selbst von seinem Vater zuvor 
gehört und gesehen hatte, welches Er auch mit sehr 
viel kräftigen Zeichen bewiesen, befestigt und zuletzt 
mit seinem teuren Blute versiegelt hat, als Er unsere 
Sünde und Übertretung auf sich nahm, und bezah- 
len musste, was Er nicht geraubt hatte, welcher keine 
Sünde getan hat und in dessen Munde auch kein Be- 
trug erfunden worden ist. Jesaja sagt von demselben: 
Er trug unsere Krankheiten, und lud auf sich unsere 
Schmerzen: Er ist um unserer Missetat willen verwun- 
det, und um unserer Sünde willen geschlagen; die 
Strafe liegt auf Ihm, damit wir Frieden hätten, und 
durch seine Wunden sind wir geheilt. Er ist für uns 
eines schändlichen Todes am Stamme des Kreuzes 
gestorben, als wir noch Feinde waren; Er ist begra- 
ben und am dritten Tage wieder auferweckt worden, 
nach der Schrift, um unserer Rechtfertigung willen, 
und hat nach seiner Auferstehung, als ein allmäch- 
tiger, siegender Fürst und Gewalthaber im Himmel 
und auf Erden, seine Apostel wiederum gelehrt, alles 
dasjenige zu halten, was Er ihnen befohlen hatte. Da- 
nach ist Er aufgefahren in die Höhe und hat sich zur 
rechten Hand seines Vaters im Himmel gesetzt, über 
alle Fürstentümer, Gewalt, Macht, Herrschaft und al- 
les, was nicht allein in dieser, sondern auch in der 
zukünftigen Welt genannt werden mag. Er ist unser 
Mittler, unsere Fürsprache, unser Advokat, Fürbitter, 
Gnadenstuhl, Versöhner und Hohepriester geworden, 
um die Sünde des Volkes zu versöhnen, denn worin 
Er gelitten hat und versucht worden ist, kann Er auch 
denen helfen, die versucht werden, und kann mit un- 
serer Schwachheit Mitleiden haben; darum kann Er 
auch diejenigen auf ewig selig machen, die durch Ihn 
zu Gott kommen. 

In der Kürze: Ich glaube und bekenne, daß Jesus 
Christus von Gott gesandt worden sei, und daß Gott 
Zeugnis von Ihm gegeben habe, daß Er sein Sohn 
sei. Wer nun an den Sohn Gottes glaubt, der hat sol- 
ches Zeugnis bei Ihm selbst; wer Gott nicht glaubt, 
der macht Ihn zum Lügner, denn er glaubt nicht dem 
Zeugnisse, das Gott von seinem Sohne zeugt, und das 
ist das Zeugnis, daß uns Gott das ewige Leben gege- 
ben hat, und solches Leben ist in seinem Sohne. Wer 
den Sohn Gottes hat, der hat das ewige Leben; wer 
den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht, 
sondern der Zorn Gottes bleibt auf ihm; ich bekenne 
aber mit Johannes, daß der Sohn Gottes gekommen ist 
und uns einen Sinn gegeben hat, daß wir den Wahrhaf- 
tigen erkennen, und in dem Wahrhaftigen, in seinem 
Sohne, Jesu Christo. Dieser ist der wahrhaftige Gott 
und das ewige Leben; dieser ist der Erste und Letz- 



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te, der tot war und lebendig geworden ist, und von 
Ewigkeit zu Ewigkeit lebt. Kindlein, hütet euch vor 
den Abgöttern, nämlich vor Adamitischen Kreaturen, 
die von der Welt hochgeehrt werden, Amen. 

Drittens glaube ich an den Heiligen Geist, der ein 
ewiger Heiliger Geist ist, ein Geist der Wahrheit, der 
des Vaters und des Sohnes Geist ist, der von dem Va- 
ter durch den Sohn ausgeht. Diesen Geist hat Gott 
durch die Propheten verheißen, über alles Heisch aus- 
zugießen, welche Verheißungen Er in den Aposteln 
zu ihren Zeiten kräftig erfüllt hat, wie denn derselbe 
noch ausgegossen wird und ausgegossen werden soll 
auf alle gläubigen, wiedergeborenen Kinder Gottes 
zum Trost ihrer göttlich betrübten Gewissen und zur 
Versiegelung auf den Tag der Erlösung, um einem 
jeden die geistigen Gaben nach seinem Wohlgefallen 
mitzuteilen. Durch denselben rufen wir Abba, lieber 
Vater, denn derselbe Geist gibt unserem Geist Zeugnis, 
daß wir Gottes Kinder sind, wie Paulus sagt. Dieser ist 
das Pfand unseres Erbes zu unserer Erlösung, damit 
wir sein Eigentum würden, zum Lobe seiner Herr- 
lichkeit, durch welchen Geist auch die Propheten von 
Anbeginn der Welt her im Vorgefühle von den Schät- 
zen der Weisheit und Erkenntnis Gottes geredet und 
geweissagt haben, welche aber nun durch die Erschei- 
nung unseres Heilandes Jesu Christi offenbart sind, 
der dem Tod seine Macht genommen und das Leben 
und unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat 
durch das Evangelium, worüber Paulus als Prediger, 
Apostel und Lehrer der Heiden gesetzt war, und das 
zwar nach dem Befehle des ewigen Gottes, um den 
Gehorsam des Glaubens unter allen Heiden aufzu- 
richten. Dieses alles haben Paulus und alle heiligen 
Männer, von dem Heiligen Geiste getrieben, geredet 
und getan. So glaube ich nun und bekenne, daß der 
Vater alle Dinge durch seinen Sohn oder durch sein 
Wort geschaffen habe, und daß Jesus Christus der 
Sohn Gottes sei, der uns erlöst und mit seinem teu- 
ren Blute erkauft hat, und daß der Heilige Geist die 
starke Wirkung des Allerhöchsten in allen recht wie- 
dergebornen gläubigen Kindern Gottes sei. Diese drei 
bekenne ich für einen einigen, ewigen, allmächtigen, 
lebendigen Gott; diese haben einen Vorsatz, einen Rat, 
einen Willen und ein Werk miteinander in alle Ewig- 
keit. In solcher Weise schreibt auch Johannes: Drei 
sind, die im Himmel zeugen, der Vater, das Wort und 
der Heilige Geist, und diese drei sind Eins. Diesem 
einigen, ewigen, allmächtigen, lebendigen Gott, der 
unbegreiflich, unergründlich und unbeschreiblich ist, 
sei allein Lob, Ehre, Weisheit, Dank, Preis, Kraft und 
Stärke, von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen. 

Viertens: Auch glaube ich alles, was dieser einige 
Gott durch seine heiligen Propheten und Apostel ge- 


redet, und Er selbst mit seinem Munde erklärt und 
gelehrt hat, und bekenne nach dieser Lehre des Evan- 
geliums eine heilige Christenkirche, welche die Ge- 
meinschaft der Heiligen ist, eine Versammlung der 
Gläubigen, neue Kreaturen und Kinder Gottes, wel- 
che Kinder in Einigkeit und Frieden mit dem Bande 
der Liebe zusammen verbunden und in einem Geiste 
und Leibe getauft sind, wie Paulus sagt: Denn sie be- 
kennen einen Herrn, einen Glauben, eine Taufe, einen 
Gott und einen Vater unser aller und durch alle, der 
über allen und in allen ist. Sie sind gesinnt wie Jesus 
Christus, und sehen nicht auf das Sichtbare, sondern 
auf das Unsichtbare, denn ihr Wandel ist im Him- 
mel. Darum sind sie auch der Tempel des lebendigen 
Gottes, in welchem Gott wohnt samt seinem Heiligen 
Geiste; dieser Geist gibt ihnen Zeugnis, daß sie Kinder 
Gottes sind, durch den Glauben gerechtfertigt, und 
alle Verheißungen Gottes erwarten. Diese haben die 
Vergebung der Sünden und die Erlösung durch Jesum 
Christum, unsern Herrn, Amen. 

Fünftens, bekenne ich aus der heiligen Schrift oder 
dem Worte Gottes eine Taufe, beides inwendig und 
auswendig; inwendig, wie Christus sagt, mit dem Hei- 
ligen Geiste und Feuer, auswendig aber mit Wasser im 
Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geis- 
tes, zum Beweis alles dessen, was inwendig gesche- 
hen ist, wie Paulus sagt, daß sie eine Begrabung der 
Sünden, und auch ein Bad der Wiedergeburt sei. Ist sie 
nun eine Begrabung der Sünden und ein Bad der Wie- 
dergeburt, wie sie denn auch ist, so ist die Taufe ohne 
Wirkung, die man an den jungen kleinen Kindern ge- 
braucht; denn obgleich die Kinder aus sündlichem 
Samen geboren sind, so haben sie doch niemals in 
Sünden gelebt und kennen die Sünde nicht, denn sie 
verstehen weder Gutes noch Böses. Wenn sie nun die 
Sünde niemals getan, noch erkannt haben, so kann 
auch die Taufe, die eine Begrabung der Sünden ist, an 
ihnen nicht recht gebraucht werden; deshalb können 
sie denn auch nicht wiedergeboren werden, weil sie 
rein sind durch Christum und noch in ihrer ersten 
Geburt stehen; darum kommt ihnen auch die Taufe 
nicht zu, weil sie ein Bad der Wiedergeburt ist. Aber 
ich sage, daß sie durch Christum gereinigt und erlöst 
seien, wie Christus selbst sagt: Lasst die Kindlein zu 
mir kommen, denn solcher ist das Himmelreich. 

Aber wenn die Menschen aufwachsen und zu ih- 
ren Jahren kommen, so ist das Herz ein trotziges und 
verzagtes Ding, wie Jeremia sagt; dann wohnt in dem 
Fleische nichts Gutes, sondern es läuft allezeit von 
dem Herrn, denn das Fleisch wird durch die bösen 
Lüste und Begierden zu aller Bosheit und Sünde ge- 
trieben, wodurch sich die Menschen oft verlaufen und 
versündigen, weil sie wenig oder keine rechte Unter- 



690 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Weisung haben; darum verlieren sie Christi Tod und 
sein Verdienst, unter dessen Gnade sie standen, als sie 
geboren wurden. Darum muss man die Menschen aus 
Kraft des göttlichen Wortes, wie die Schrift nachweist, 
die Sünde erkennen lehren, daß Sünde und alle Unge- 
rechtigkeit Sünde sei, und sie zur Buße und Besserung 
ermahnen, und daß sie das ungöttliche Wesen und 
die weltlichen Lüste verlassen, und mäßig, züchtig, 
gerecht und gottselig leben in dieser Welt, als neue 
Kreaturen und wiedergeborene Kinder Gottes durch 
den Glauben, denn anders kann man das Reich Got- 
tes nicht sehen, noch hineinkommen, es sei denn, daß 
man erneuert und aus Wasser und Geist wiedergebo- 
ren werde. Dieser Geist wird in der Heiligen Schrift 
sowohl Wasser als Geist genannt, wie Gott durch den 
Propheten Joel gesprochen hat, wenn Er sagt: Ich will 
von meinem Geiste auf alles Fleisch ausgießen, das ist, 
auf alle Geschlechter oder Völker, nämlich die eines 
gedemütigten Gemüts, zerbrochenen Herzens und 
in Gott gläubig geworden sind, welcher Glaube (wie 
Paulus sagt) aus dem Gehör des Wortes Gottes her- 
kommt. So bekenne ich denn, daß man die Menschen 
zuerst lehren müsse, rechtschaffene Früchte der Buße 
tun und an Christum glauben, und sie alsdann auf 
ihren Glauben taufen müsse, wie solches Christus ein- 
gesetzt und seinen Aposteln befohlen hat, wenn Er 
sagt: Geht hin und lehret alle Völker, tauft sie im Na- 
men des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes 
und lehret sie alles zu halten, was ich euch befoh- 
len habe; und Markus 16: Geht hin und predigt das 
Evangelium allen Kreaturen; wer glaubt und getauft 
wird, wird selig werden; wer aber nicht glaubt, wird 
verdammt werden. Es haben aber die Apostel getan, 
wie ihnen befohlen worden ist, wie man in den Ge- 
schichten der Apostel und in ihren Briefen lesen kann; 
nämlich, zuerst haben sie gelehrt und nachher alle 
Gottesfürchtigen, welche ihren Worten zuhörten und 
an den Namen des Sohnes Gottes glaubten, im Na- 
men des Herrn mit Wasser getauft; diese empfingen 
die Taufe zur Begrabung der Sünden als ein Bad der 
Wiedergeburt, als eine Erfüllung aller Gerechtigkeit, 
als eine Versicherung eines guten Gewissens mit Gott, 
als ein Verbündnis zu einem heiligen und gerechten 
Leben, als einen Eintritt zur Vereinigung mit dem Lei- 
be Christi, welcher die Gemeinde Gottes ist, denn wir 
sind in einem Geiste alle zu einem Leibe getauft, wie 
Paulus sagt: Ihr seid alle Gottes Kinder durch den 
Glauben an Christum Jesum; denn wie viele eurer 
getauft sind, die haben Christum angezogen; hier ist 
kein Jude noch Grieche, hier ist kein Knecht noch 
Freier; hier ist kein Mann noch Weib, denn ihr seid 
allzumal einer in Christo Jesu. 

Sechstens bekenne ich aus dem Worte Gottes ein 


rechtes Abendmahl mit Brot und Wein, wobei man 
das Leiden Christi und seinen Tod verkündigen und 
auch des neuen Bundes oder Testamentes eingedenk 
sein soll, welches Er mit seinem Volke gemacht und 
mit seinem Blute versiegelt und befestigt hat; denn 
in solcher Weise hat es Christus selbst eingesetzt und 
mit seinen Aposteln gebraucht, wie geschrieben steht, 
daß Christus in der Nacht, als Er verraten ward, das 
Brot nahm, dankte, dasselbe brach und sagte: Nehmt, 
esst, das ist mein Leib, der für euch gebrochen wird; 
solches tut zu meinem Gedächtnis. Nach dem Abend- 
mahle nahm Er den Kelch und sagte: Dieser Kelch ist 
das Neue Testament in meinem Blute, das für viele 
vergossen worden ist; solches tut zu meinem Gedächt- 
nis. Aber alle, die dieses auswendige Brot recht essen 
und den Wein zu seinem Gedächtnisse trinken wol- 
len, müssen zuvor durch das Wort Gottes erneuert 
und verändert sein; sie müssen eines gedemütigten 
Geistes und zerbrochenen Herzens sein, und Chris- 
tum Jesum durch den Glauben recht bekennen, daß Er 
allein ihr Erlöser und Seligmacher sei; auch müssen 
sie untereinander Liebe, Einigkeit und Frieden haben 
und durch den Heiligen Geist geheiligt und durch 
den Glauben in dem Gewissen versichert sein, daß 
sie Gottes Kinder und Erbgenossen seien, die Christi 
großer Wohltaten, seines Verdienstes, Todes und Blu- 
tes aus Gnaden teilhaftig werden sollen, denn sein 
Leiden ist unsere Freude und sein Sterben ist unser 
Leben; wie Paulus sagt, daß Er uns mit dem Leibe sei- 
nes Fleisches versöhnt habe durch den Tod, damit Er 
uns heilig und unsträflich darstellte und ohne Tadel 
vor Ihm selbst, und daß Er durch das Blut an seinem 
Kreuze Frieden gemacht habe durch sich selbst. Und 
darum sollen sie sich selbst prüfen, wie Paulus sagt, 
und also von dem Brote essen und von dem Kelche 
trinken; denn wer unwürdig isst oder trinkt, der isst 
und trinkt sich selbst das Gericht, weil er den Leib des 
Herrn nicht unterscheidet. Darum sagt Paulus: Der 
gesegnete Kelch, welchen wir segnen, ist der nicht 
die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das 
wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes 
Christi? Denn ein Brot ist es, so sind wir viele ein Leib, 
weil wir alle eines Brotes teilhaftig sind. Seht an das 
Israel nach dem Fleische; welche die Opfer essen, sind 
die nicht in der Gemeinschaft des Altars? Also muss 
die Gemeinschaft des Leibes und des Blutes Christi 
in uns sein. Und wer sich selbst nun so prüft, und 
in seinem Gewissen durch den Heiligen Geist findet, 
daß er ein Erbgenosse der großen Wohltaten Christi 
und ein Glied seines Leibes sei, der kann auch die 
Gedenkzeichen, als Brot und Wein, wohl gebrauchen, 
wie Christus sagt: Tut dieses zu meinem Gedächtnis; 
und Paulus sagt: So oft ihr von diesem Brot esst und 



691 


von diesem Kelche trinkt, sollt ihr des Herrn Tod ver- 
kündigen, bis daß Er kommt. 

Siebtens bekenne ich einen rechten christlichen 
Bann, welcher eine Ausschließung oder Bindung des 
ungehorsamen Sünders und eine Entbindung und 
Lösung des gehorsamen Bußfertigen ist, wie Chris- 
tus solches weislich eingesetzt und kräftig gelehrt hat; 
auch haben seine Apostel denselben gründlich erklärt, 
gebraucht und auch gelehrt, wie Christus selbst zu 
dem Apostel gesprochen hat, wenn Er sagt: Ich will 
dir des Himmelreichs Schlüssel geben; alles, was du 
auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebun- 
den sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll 
auch im Himmel gelöst sein; ferner sagt Er: Ärgert 
dich deine Hand, so haue sie ab und wirf sie von dir, 
es ist dir besser, daß du nur eine Hand hast und in das 
ewige Leben eingehst, als daß du mit zwei Händen in 
das ewige Feuer geworfen werdest und dasselbe sagt 
Er auch von Fuß und Auge. 

Wiewohl nun Christus seine Apostel dieses alles 
gelehrt hat, so steht doch nicht geschrieben, daß die- 
se Satzung zu Christi Zeiten von irgendeinem seiner 
Jünger an denen, welche (durch die Übertretung und 
Abweichung) Ärgernis angerichtet haben, beobachtet 
worden sei, und das um des Gesetzes willen, welches 
in dem Tode Christi sein Ende erreicht hat, auch weil 
der Leib noch nicht vollkommen und der Tempel des 
Herrn noch nicht vollendet war, denn sie waren noch 
sehr unverständig und auch in vielen Dingen nicht 
genug unterrichtet, wie Christus zu ihnen sagte: Ich 
habe euch noch viel zu sagen, aber ihr könnt es jetzt 
nicht alles ertragen; wenn aber der Geist der Wahr- 
heit kommen wird, der wird euch in alle Wahrheit 
leiten. Diesen Geist mussten sie ja empfangen, ehe sie 
mit dem Schlüssel (welcher Gottes Wort und Geist 
ist) jemanden binden oder lösen konnten, wie ihnen 
denn auch Christus solches zu erkennen gibt, als Er 
sie anblies und sagte: Nehmt hin den Heiligen Geist; 
welchem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie ver- 
geben, und welchem ihr sie behaltet, dem sind sie 
behalten; dies ist jedoch nicht so zu verstehen, als ob 
Christus den Aposteln solche Macht gegeben hätte, 
jemanden gegen sein Wort die Sünden zu vergeben 
oder zu behalten, und so die Gemeinde nach ihrem 
Willen zu regieren, nein, das sei ferne; sie mussten oh- 
ne Ansehen, der Personen handeln, und wenn es auch 
ihre rechte Hand betroffen hätte, und mussten denen 
die Sünde behalten, die nach Gottes Wort unter den 
Zorn Gottes gefallen waren; den Bußfertigen aber, die, 
nach Inhalt desselben Wortes, unter der Gnade Gottes 
standen, Gnade und Frieden verkündigen, und in sol- 
cher Weise hat ihnen Christus das Reich beschieden, 
wie es Ihm auch von seinem Vater beschieden worden 


ist. 

Aber, ich sage noch einmal, obgleich ihnen Chris- 
tus davon solchen Bescheid und Unterricht gegeben 
hat, so haben sie gleichwohl damals, wie mich dünkt, 
noch keinen Befehl und keine Kraft gehabt, solchen 
zu gebrauchen, wie gesagt worden ist, ehe Christus 
bei seiner Himmelfahrt sie in die ganze Welt aussand- 
te um allen Kreaturen das Evangelium zu predigen 
und sie zu lehren, alles dasjenige zu halten, was Er 
ihnen befohlen hatte; auch mussten sie zu Jerusalem 
bleiben, bis sie angetan waren mit Kraft aus der Hö- 
he und die Verheißungen des Vaters empfangen hat- 
ten, welches der Heilige Geist war; derselbe ist ihr 
Lehrmeister und ihre Kraft gewesen, durch welchen 
sie in dem Gebrauch fortgefahren sind, und als der 
Leib also vollkommen und der Tempel des lebendigen 
Gottes vollendet war, worin Gott mit seinem Geiste 
wohnte, so hat der Apostel Christi Einsetzung und 
Bannordnung kräftig gelehrt und auch gebraucht, wie 
man lesen kann, daß der Apostel den Hymenäus und 
Alexander dem Satan übergeben habe, damit sie ler- 
nen möchten, nicht mehr zu lästern; und ebenso hat 
er auch den Hurer zu Korinth gestraft, welchen er 
mit seinem Geiste und mit der Kraft Christi in ihrer 
Versammlung gebunden und ihn dem Satan zum Ver- 
derben des Fleisches übergeben hatte, damit der Geist 
selig werde; denn die Gemeinde zu Korinth war sehr 
träge im Gebrauch des Bannes an demjenigen, wel- 
cher das Werk getan hatte; darum hat er sie auch mit 
scharfen Worten bestraft, wie man im zweiten Brief an 
die Korinther, Kap 12 und 13 lesen kann; auch schrieb 
er ihnen, daß ein wenig Sauerteig den ganzen Teig 
versäuere; darum sagt er: Fegt den alten Sauerteig 
aus, damit ihr ein neuer Teig werdet; ebenso hat auch 
Paulus den Bann gebraucht und zu gebrauchen be- 
fohlen, wie er an die Thessalonicher schreibt, wenn 
er sagt: Wir gebieten euch, liebe Brüder, im Namen 
unsers Herrn Jesu Christi, daß ihr euch aller Brüder 
entzieht, die unordentlich wandeln, und nicht nach 
der Einsetzung leben, die ihr von uns empfangen habt; 
denn er hatte in dem Briefe an die Korinther geschrie- 
ben, daß sie nichts mit den Hurern zu schaffen haben 
sollten; weil sie aber dasselbe nicht recht hielten oder 
auch nicht recht verstanden, so hat er es ihnen noch 
deutlicher erklärt und gesagt: Ich meine das nicht 
von den Hurern dieser Welt, oder von den Geizigen, 
oder von den Räubern, oder von den Götzendienern, 
sonst müsstet ihr die Welt räumen, sondern ich ha- 
be euch geschrieben, daß ihr mit denselben nichts zu 
schaffen haben sollt, nämlich, wenn sich jemand einen 
Bruder nennen lässt und ist doch ein Hurer, oder Gei- 
ziger, oder ein Götzendiener, oder ein Lästerer, oder 
ein Trunkenbold, oder ein Räuber, mit solchem sollt 



692 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


ihr auch nicht essen. Und also bekenne ich, daß man 
solche fleischliche Menschen, die so wider Gott sündi- 
gen, nach der Ordnung Christi mit dem Worte Gottes, 
wie es Paulus erklärt hat, in den Bann und aus der Ge- 
meinde tun und alsdann mit ihnen nichts zu schaffen 
haben soll, wie der Apostel sagt: Wenn jemand un- 
sern Worten nicht gehorsam ist, den zeigt durch einen 
Brief an und habt nichts mit ihm zu schaffen, damit 
er beschämt werde oder bei sich selbst denke, daß er 
um seiner Freiheit und Übertretung willen dem Satan 
übergeben worden sei, welchem er in Gehorsam nach 
seinem Willen diente und auch um der Sünde willen 
ihm zugehörte, zum Verderben des Fleisches, welches 
vor seinem Falle stand und begierig war, in den Sün- 
den zu leben, damit er schamrot werden, sich selbst 
erniedrigen, sich demütigen, rechtschaffene Buße tim 
und dadurch den Sünden absterben möchte, und der 
Geist an dem Tage unsers Herrn selig werde. Denn 
wie das Wort Gottes kräftig ist, den frechen Übertreter 
in den Bann zu tun, so ist es auch kräftig, zu lehren, 
daß man die Gebannten meiden soll, denn ohne die 
Meidung ist der Bann kraftlos; und weil das Bannen 
und Meiden in der heiligen Schrift gründlich gelehrt 
wird, so bekenne ich es auch beides, wie denn auch 
Paulus in den Bann getan und gelehrt hat, denjeni- 
gen hinauszutun, der Böses tut, wenn er sagt: Habt 
nichts zu schaffen; und mit allen denen, die er da- 
selbst nennt, sollt ihr auch nicht essen. Ferner sagt er 
auch von einem ketzerischen Menschen: Wenn du ihn 
ein- oder zweimal ermahnt hast, so meide ihn und 
wisse, daß ein solcher verkehrt ist und sündigt, indem 
er sich selbst verurteilt hat; denn solche richten Streit 
und Ärgernis an, und ihre Worte fressen um sich, wie 
der Krebs; darum soll sie die Gemeinde meiden, da- 
mit sie nicht von ihnen durchsäuert und verdorben 
werde. 

Dem Leser wird berichtet, daß Jakob von dem Wege, 
der Schreiber des vorstehenden Briefes, die Glaubens- 
artikel, weil er keine günstige Gelegenheit hatte, nicht 
weiter ausgeführt oder beschrieben hat, obgleich er 
in allem hinlänglich unterrichtet gewesen und auch 
darin bis an seinen Tod standhaft geblieben ist. 

Noch ein Brief von Jakob von dem Wege, 

geschrieben in seinen Banden, an andere 
Gefangene. 

Die unergründliche, überfließende Gnade und Barm- 
herzigkeit Gottes, des himmlischen Vaters, der Friede, 
die Heiligkeit und das Verdienst unseres Herrn Je- 
su Christi, des Sohnes Gottes, die Freude, der Trost 
und die Kraft des Heiligen Geistes. Dieser ewige und 
allmächtige Gott, der allein heilig und gut ist, wol- 


le an euch, ihr meine lieben und sehr werten herz- 
gründlichen Schwestern in dem Herrn, die nun um 
des Zeugnisses unsers Herrn Jesu Christi willen gefan- 
gen liegen, diesen meinen Gruß erfüllen und geben; ja, 
der Herr wolle es euch geben, durch seine große Güte 
und durch seinen guten Willen; dieses wünsche ich, 
euch aus meines Herzens Grunde zum freundlichen 
und herzgründlichen Gruße, Amen. 

Weiter, nach allem christlichen, einfachen Gruße, 
lasse ich meine lieben Schwestern in dem Herrn wis- 
sen, daß wir drei Gefangene, die nun auch um des 
Zeugnisses und der Lehre unsers Heilandes Jesu 
Christi willen in Gent auf des Grafen Schlosse in Ban- 
den liegen, noch wohlgemut seien, des festen Vor- 
satzes, mit Christo zu leiden und für die Wahrheit 
zu streiten; auch sind wir bereit, nicht nur Armut, 
Schmach, Gefängnis und Bande zu leiden, sondern 
auch für des Herrn Namen zu sterben, wenn es Ihm 
gefallen wird, und das alles durch seine große starke 
Kraft, damit Er uns durch seine große Gnade stärkt; 
Ihm sei Lob, Dank und Preis bis in Ewigkeit. 

Auch habe ich aus eurem Briefe vernommen, daß 
es um euch vier auch noch wohl steht, was mich und 
meine Mitgefangenen sehr erfreut hat; ich bitte auch 
Gott, den Vater unsers Herrn Jesu Christi, der uns von 
Mutterleibe dazu erwählt und uns aus seiner großen 
Barmherzigkeit und Liebe seine überfließende Gna- 
de geschenkt hat, daß Er uns bewahren und uns bis 
ans Ende mit seinem Heiligen Geiste stärken wol- 
le, damit sein Name durch uns alle ewig gepriesen 
und geehrt werden möge, zu unseres Nächsten Er- 
bauung und zum Heile unserer Seelen. Ach, meine 
lieben und herzgründlichen Schwestern in dem Herrn, 
lasst uns fest anhalten und wohl Zusehen, daß wir die 
Gnade Gottes, die Er an uns erwiesen hat, nicht ver- 
säumen, sondern derselben wohl wahrnehmen, denn 
man kann wohl durch Versäumung das bald wieder 
verlieren, woran man so lange gearbeitet hat, und 
kann es nachher bisweilen so schwer wieder finden. 
Darum sage ich, lasst uns gute Sorge tragen und fest 
halten, was wir haben, damit niemand unsere Krone 
nehme; denn wenn wir in demjenigen, was wir haben, 
standhaft bleiben, so werden wir ohne allen Zweifel 
durch die Gnade unseres Herrn Jesu Christi selig sein; 
denn um deswillen (nämlich um der Seligkeit willen) 
haben wir den Anfang gemacht; Gott gebe uns auch 
Kraft, daß wir es zu seinem Preise und unserer See- 
len Seligkeit ausführen können. Gott weiß es, daß wir 
auf Erden sonst keine Reichtümer noch Ehre suchen, 
als allein seines Namens Ehre und unserer Seelen Se- 
ligkeit, um welcher Seligkeit willen wir hier so viel 
Trübsal unter Trauern und Seufzen (welches alles von 
der Schmach und dem Gefängnisse herkommt) und 



693 


mancherlei Streit und Anfechtung mit großer Geduld 
leiden. 

Aber, meine Geliebtesten, lasst uns nicht kleinmü- 
tig werden in dem Druck und Leiden, noch uns ver- 
wundern, als ob uns etwas Neues geschähe, denn die 
Gerechten haben von Anfang der Welt her leiden müs- 
sen, sondern lasst uns darüber uns freuen, daß wir 
des Leidens Christi teilhaftig sind, indem wir wohl 
wissen, daß, wenn wir mit leiden, wir auch mit herr- 
schen sollen, denn Paulus sagt, daß uns gegeben ist, 
zu tun, daß wir nicht allein an Christum glauben, son- 
dern auch um seinetwillen leiden, denn durch viel 
Trübsal und Leiden müssen wir zum Himmelreich 
eingehen. Aber das Leiden dieser Welt ist nicht mit 
der Herrlichkeit zu vergleichen, die an uns offenbar 
werden soll, die wir nicht auf das Sichtbare, sondern 
auf das Unsichtbare sehen, denn es hat niemals ein 
Ohr gehört, noch ein Auge gesehen, und ist auch nie- 
mals in eines Menschen Herz gekommen, was Gott 
denen bereitet hat, die Ihn lieben und seine Gebote 
halten; uns aber hat Er es durch seinen Geist offenbart. 
Darum gebührt uns ja, meine lieben Schwestern, um 
dieser Verheißungen willen getrost zu sein, und in des 
Herrn Weingarten mit fröhlichem Gemüte zu arbei- 
ten, den Sonnenbrand geduldig zu leiden, und uns 
nicht zu fürchten, was uns auch ein Mensch tun möge, 
denn wir wissen und sind durch unsern Glauben da- 
von versichert, daß wenn sie unsern Leib töten, unser 
Erlöser lebe, und daß Er uns nachher aus der Erde 
auferwecken werde, und alsdann werden wir in un- 
serm Fleische Gott sehen; unsere Augen werden Ihn 
sehen und kein Fremder; und Paulus sagt, daß wir 
den Heiland Jesum Christum erwarten, der unsere 
verworfenen Leiber verklären wird, sodass Er sie dem 
Leibe seiner Klarheit gleichmachen wird; dann wer- 
den wir Ihm in der Luft entgegengerückt werden, um 
das ewige Leben zu ererben; dann wird Er unser Herz 
voll Freude machen, und wird uns trösten und erfreu- 
en nach unserm Jammer, unsere Tränen wird Er von 
unsern Augen abwischen, und unsere Arbeit wohl 
vergelten, denn Trauern und Seufzen wird von uns 
fliehen, und ewige Freude wird über unserm Haupte 
sein. Ja, dieses alles wird uns durch seine große Gnade 
widerfahren, wenn wir fest anhalten, sorgfältig sind 
und in dem, was wir haben, standhaft bleiben bis ans 
Ende; alsdann werden wir selig sein. Hiermit will ich 
euch dem Herrn anbefehlen, daß Er euch, meine lie- 
ben Schwestern in dem Herrn, durch die starke Kraft 
seines Heiligen Geistes bewahren wolle, und nehmt 
mein einfaches, geringes Schreiben zum Besten auf, 
denn um meiner Unwissenheit und Unbedeutendheit 
willen hätte ich fast nicht geschrieben, aber weil ihr 
solches begehrt, habe ich es nicht unterlassen dürfen. 


Geschrieben mit meiner eigenen Hand von mir, Ja- 
kob von dem Wege, den letzten Tag im April. Gehabt 
euch wohl, Amen. Meine Mitgefangenen lassen euch 
auch sehr herzlich grüßen mit dem Frieden des Herrn. 

Noch ein Brief von Jakob von dem Wege. 

Ich, Jakob, ein Gefangener um des Namens des Herrn 
unseres Gottes willen; Gnade, Frieden, Barmherzig- 
keit und Liebe von Gott, unserm himmlischen Vater, 
durch Jesum Christum, seinen eingebornen Sohn, un- 
sern Herrn, der sich selbst für unsere Sünden dahin- 
gegeben hat, als wir noch Feinde waren, damit Er 
uns von dieser gegenwärtigen, argen Welt erlöse und 
sich selbst ein Volk reinige, das zu allen guten Wer- 
ken fleißig wäre; dieses wünsche ich dir, meine liebe 
Schwester in dem Herrn, zum freundlichen Gruße, 
Amen. 

Nebst dem Gruße, meine herzgründlich geliebte 
Schwester in dem Herrn; gleichwie wir beide, dem 
Fleische nach, von einer Mutter geboren sind, so hoffe 
ich, daß wir, dem Geiste nach, auch aus einem Gott 
geboren seien, denn wir bekennen und glauben einen 
einigen Gott, Schöpfer aller Dinge, welcher uns durch 
den Glauben wiedergeboren hat, als durch das Wort 
der Wahrheit, damit wir Erstlinge seiner Kreaturen 
würden, wie der Apostel sagt: Wer glaubt, daß Jesus 
der Christ ist, der ist von Gott geboren, und wer den 
lieb hat, der Ihn geboren hat, der liebt auch den, der 
von Ihm geboren ist. Darum, wer Gott liebt und aus 
Ihm geboren ist, der muss auch die Brüder lieben, und 
wer den Bruder nicht lieb hat, der bleibt im Tode, und 
wer seinen Bruder hasst, der ist ein Totschläger; nun 
aber wisst ihr, daß ein Totschläger das ewige Leben 
nicht hat, sondern im Tode bleibt. Darum sagt Petrus: 
Macht keusch eure Seelen im Gehorsam der Wahrheit 
durch den Geist, zu ungefärbter Bruderliebe, als die 
wiedergeboren sind, nicht aus vergänglichem, son- 
dern aus unvergänglichem Samen, nämlich aus dem 
lebendigen Worte Gottes, das ewig bleibt; ferner sagt 
auch Paulus: So seid nun Gottes Nachfolger, als die 
lieben Kinder, und wandelt in der Liebe, gleichwie 
uns Christus geliebt und sich selbst für uns dahinge- 
geben hat, zur Gabe und Opfer, Gott zu einem süßen 
Geruch. So ziehe nun an, meine liebe Schwester, als 
eine Auserwählte Gottes, Heilige und Geliebte, herz- 
liches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, 
Geduld, und vertragt einer den andern in der Liebe 
und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage 
hat wider den andern, gleichwie Christus uns verge- 
ben hat, ebenso auch wir; aber über alles zieht die 
Liebe an, die das Band der Vollkommenheit ist, und 
der Friede Gottes regiere in euren Herzen, zu wel- 



694 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


chem ihr auch berufen seid in einem Leibe, und seid 
dankbar. Lasst das Wort Christi reichlich unter euch 
wohnen in aller Weisheit; lehrt und vermahnt euch 
selbst mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen 
Liedern, und singt dem Herrn in eurem Herzen, und 
alles, was ihr tut, mit Worten oder mit Werken, das tut 
alles im Namen des Herrn Jesu, und dankt Gott, dem 
Vater, durch Ihn. So wandle denn allezeit, meine liebe 
Schwester, tapfer in allen Dingen, und sei dem getreu, 
der dich von der Finsternis zu seinem Lichte, von den 
Lügen zur Wahrheit, von dem Hass zur Liebe berufen 
hat; denn dazu bist du berufen, damit du im Lichte, in 
der Wahrheit und in der Liebe wandeln mögest, und 
dabei, sagt Christus, wird man erkennen, daß ihr mei- 
ne Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt. Ja, 
meine liebe Schwester, die Hauptsumme des Gebotes 
ist Liebe aus reinem Herzen, gutem Gewissen und 
ungefärbtem Glauben. 

Hiermit sei dem Herrn und dem tröstlichen Worte 
seiner Gnade befohlen. Der Gott des Friedens, der den 
großen Hirten der Schafe durch das Blut des ewigen 
Testaments, unseres Herrn Jesu Christi, von den Toten 
auferweckt hat, mache euch in allen guten Werken 
geschickt, seinen Willen zu tun, und schaffe in euch, 
was vor Ihm wohlgefällig ist, durch Jesum Christum, 
welchem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen. 

Geschrieben den 4. Juli 1573. Halte dieses im Ge- 
dächtnis von mir, deinem schwachen Bruder in dem 
Herrn, und vergiss nicht meiner und meiner Mitge- 
fangenen in deinem Gebete; wir wollen solches auch 
tun nach unserm geringen Vermögen. 

Die letzten Worte, die Jakob von dem Wege 
geschrieben hat, nachdem er die Botschaft 
empfangen hatte, daß er sterben sollte. 

Viel geistliche Weisheit und Trost durch den Heili- 
gen Geist wünsche ich Gefangener um des Namens 
des Herrn willen allen meinen lieben Brüdern und 
Schwestern, insbesondere aber meinem lieben Weib 
und meinen lieben Kindern, die ich wert und lieb ha- 
be; doch soll der allmächtige Herr der Nächste sein, 
wie du selbst aus Gottes Wort unterrichtet bist. So 
schreibe ich nun dieses Wenige an dich, mein liebes 
Weib, die ich lieb habe, als einen Abschiedsbrief in die- 
ser Welt. Gute Nacht, meine Geliebte; der Herr wolle 
deine Trübsal erleichtern und das meiner geliebtesten 
Schwester in dem Herrn, nämlich meiner Mutter. Ach, 
Mutter, sei getrost in dem Herrn; der Gott allen Trostes 
befreie dich von deiner Trübsal. Ferner Syntgen, Griet- 
gen und Clarken, meine lieben Schwestern in dem 
Herrn, seid doch allezeit untereinander friedsam, und 
tröstet euch untereinander in der Liebe. Gute Nacht 


insgesamt; mm übergebe ich mein Leben um des Na- 
mens des Herrn willen. Geschrieben an dem Tage, als 
ich die Botschaft empfangen hatte, daß ich sterben 
sollte. Gute Nacht, meine älteste Tochter Tanneken 
und Grietgen (ach, möchte dich der Herr abholen) 
und Betgen, meine jüngste Tochter, gute Nacht. 

Geschrieben in meinen Banden, von mir, deinem 
lieben Mann und Bruder in dem Herrn, Jakob von 
dem Wege. 

Maeyken von Deventer wird zu Rotterdam, in 
Holland, um des Zeugnisses Jesu Christi willen im 
Jahre 1573 getötet. 

Man hat sich nicht allein in der Stadt Gent in Flandern 
(wovon kurz zuvor gemeldet worden ist), sondern 
auch nun wieder aufs neue zu Rotterdam m Holland 
an dem Blute der Heiligen vergriffen. 

Dieses ist geschehen an einer sehr frommen und 
gottesfürchtigen Heldin Jesu Christi, welche dem Flei- 
sche nach von Deventer herstammte, gleichwohl aber 
aus dem himmlischen Jerusalem von Gott wiederge- 
boren war, deren Name hier auf Erden Maeyken von 
Deventer war, wiewohl ihr inwendiger und geistiger 
Name Gott allein bekannt und in dem verborgenen 
Buche des ewigen Andenkens Gottes aufgezeichnet 
war. 

Man tastete sie um ihres seligmachenden Glaubens 
willen in der Stadt Rotterdam in Holland an, und 
zwar ohne irgendeine Furcht vor den benachbarten 
Städten, obgleich ungefähr ein Jahr zuvor die Stadt 
Dortrecht sich unter die Regierung des Prinzen von 
Oranien, Wilhelm des Ersten, begeben hatte, um kein 
imschuldiges Blut um des Glaubens willen mehr zu 
vergießen, welches im Jahre 1572 im Juli geschehen 
ist; dieses aber hat sich im Jahre 1573 um die Mitte 
des Jahres zugetragen. 

Man ließ es aber nicht allein bei der Gefangenschaft 
bewenden, sondern man ging noch weiter, sodass, als 
sie von ihrem standhaften und unbeweglichen Glau- 
ben nicht abwendig gemacht werden konnte, bald 
darauf ihr Todesurteil gegen sie bekannt gemacht wur- 
de, daß sie als eine steife und halsstarrige Ketzerin 
(o Gott, wie kannst du das leiden?) vom Leben zum 
Tode gebracht werden sollte. 

Dieses Urteil wurde in Eile durch den Scharfrichter 
an ihr vollzogen, und so hat sie ihren Leib der Erde 
als einen Raub gelassen, nachdem sie ihre Seele in die 
Hände Gottes empfohlen hatte. 



695 


Nachbericht von ihrem Todesurteil. 

Wir haben viel Mühe angewandt (wenn es möglich 
wäre), das Todesurteil dieser frommen Frau, Maeyken 
von Deventer, sowie auch die Todesurteile anderer un- 
serer lieben Glaubensgenossen, die zu Rotterdam ge- 
tötet worden sind, zu erlangen; aber wir haben durch 
den dortigen Schreiber, welcher denselben nachge- 
sucht hat, Bericht erhalten, daß im Jahre 1600, also vor 
59 Jahren, ein großer Brand in dem Stadthause ent- 
standen sei, worin die Verhöre und Todesurteile dieser 
Märtyrer sämtlich verbrannt worden seien, nicht we- 
niger auch alles dasjenige, was hiervon vor dem Jahre 
1600 beschrieben worden ist, wie wir auch auf das 
Jahr 1572 angeführt haben, daß dergleichen zu Breda 
geschehen sei; gewiss eine betrübte Sache, wodurch 
dasjenige, dessen man allezeit gedenken sollte, näm- 
lich der standhafte Tod der Heiligen, in Vergessenheit 
geraten ist. 

Um nun aber diesem vorzubeugen, haben wir nötig 
erachtet, die bezüglichen Falle ausführlicher zu erzäh- 
len als zuvor jemals geschehen ist. Dieses dient zur 
Nachricht. 

Ein Testament, von Maeyken von Deventer für 
ihre Kinder gemacht. 

Meine Kinder nach dem Fleische, und leider nicht 
nach dem Geiste, hier ein Testament, das ich, eure 
Mutter, hinterlasse, nämlich euch. Albert, Johann, Eg- 
bert, Truyken, meinen lieben Kindern; der Herr wolle 
euch segnen, wie Isaak seinen Sohn Jakob gesegnet 
hat, daß er über seine Brüder ein Oberster sein sollte. 
Meine Kinder, ich muss euch jung im Fleische hinter- 
lassen; der Allerhöchste wolle uns in der zukünftigen 
Welt wieder Zusammenkommen lassen, was durch 
den Vater, der uns väterlich mit seinem allerheiligs- 
ten Namen segnen wird, bald geschehen wird; von 
Tag zu Tag erwarte ich meinen Tod, damit, wenn es 
dem Herrn gefällt, ich mein Leben und meinen Leib 
um seines heiligen Namens willen aufopfem möge; 
ich hoffe auch, daß solches bald geschehen mag, und 
daß der gute Herr meiner länger nicht vergessen wird. 
Wenn ihr nun dieses hört, so betrübt euch nicht, wie 
die Welt tut, die keine Hoffnung hat, oder nicht weiß, 
wo sie bleiben wird, sondern dankt dem Allerhöchs- 
ten, daß ihr eine Mutter gehabt, die würdig erfunden 
worden ist, ihr Blut um des Namens des Herrn willen 
zu vergießen, und welche durch seine große Gnade 
und Barmherzigkeit ein Zeuge oder eine Märtyrerin 
genannt werden mag. Darum, meine Kinder, haltet 
dieses Testament, das ich euch hinterlasse, in Ehren; 
ich kann euch weder Gold noch Silber hinterlassen. 


kann euch auch keine weltlichen Schätze geben, wie 
die Welt ihren Kindern gibt, denn dergleichen habe 
ich nicht mitgenommen, sondern eurem fleischlichen 
Vater hinterlassen; ich habe sie auch nicht gesucht, 
sondern ich habe das ewige Gut gesucht, das unver- 
gänglich ist. Sucht auch denselben Weg, so werdet ihr 
ewig leben; folgt diesem Testament nach und der Un- 
terweisung, die ich euch hier schreibe, wie uns denn 
Christus Jesus, unser Vorgänger, dieses zu einem ewi- 
gen Testamente hinterlassen und es mit seinem Blute 
versiegelt hat; solches Testament lasse ich euch auch 
zurück; dasselbe will ich auch mit meinem Blute ver- 
siegeln, wie der Hochgelobte getan hat. 

Meine Kinder, schlagt dieses nicht in den Wind, ach- 
tet es auch nicht gering, und seid nicht unachtsam; es 
ist besser als Gold, denn es wird eure Seele selig ma- 
chen. Wenn ihr anders das tut, was ich euch schreibe, 
so werdet ihr mich wieder sehen, in großer Herrlich- 
keit, und ihr werdet Könige und Königinnen sein; 
aber ihr müsst euch der verderblichen Welt enthalten, 
denn sie wird mit allen ihren Wollüsten vergehen. 

Hört, meine Kinder, die Unterweisung eurer Mut- 
ter, neigt eure Herzen zum Verstand, und öffnet eure 
Ohren, um die Reden meines Mundes zu hören, denn 
ich suche eurer Seelen Seligkeit. Glaubt mir und sonst 
niemandem, damit ihr zu mir kommen und ewig le- 
ben mögt. Seht, ich halte euch, meine Kinder, den 
Weg meines Bräutigams und unsers Vorgängers Jesu 
Christi vor, der mir vorgegangen ist; derselbe leitet 
zur Wahrheit, wie mir der Herr befohlen hat; und seht, 
ich nehme mein Kreuz auf und folge dem Heiland al- 
ler Welt nach; tut ein Gleiches, meine Kindlein; ich 
will euch vorgehen, ohne mich umzusehen, denn dies 
ist der Weg der Propheten und Märtyrer, und seht, 
ich werde nun den Kelch trinken, den sie getrunken 
haben; ich gehe nun den Weg, den Jesus Christus, der 
Herr voll aller Gnade und Wahrheit (der das Leben 
für seine Schafe gelassen) gewandelt ist; diesen Kelch 
muss ich trinken, wie Christus spricht: Ich muss einen 
Kelch trinken, und mit einer Taufe mich taufen las- 
sen, und wie ist mir so bange, bis die Stunde erfüllt 
ist. Und als er nun durchgegangen war, rief Er sei- 
nen Schafen; seine Schafe aber hören seine Stimme 
und folgen Ihm nach, wo Er auch hingeht, denn die- 
ses ist der Weg Zur lebendigen Quelle; diesen Weg 
sind die priesterlichen Könige durchwandelt, die vom 
Aufgang der Sonne kamen, wie in der Offenbarung 
steht, und in die Zeit der Ewigkeit eingegangen sind; 
siehe, diese haben diesen Kelch trinken und diesen 
Weg durchwandeln müssen; diese liegen nun unter 
dem Altäre, rufen und sagen: Herr, allmächtiger Vater, 
wie lange rächst Du unser Blut nicht an denen, die auf 
Erden wohnen? Und es wurde ihnen einem jeden ein 



696 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


weißes Kleid gegeben, und es ward zu ihnen gesagt, 
daß sie ruhten noch eine kleine Zeit, bis die Zahl ihrer 
Brüder erfüllt ist, die auch noch um des Zeugnisses 
Jesu Christi willen getötet werden sollen; diese haben 
auch den Kelch getrunken, und sind hinaufgestiegen, 
den ewigen Sabbat des Herrn zu halten; auch haben 
diejenigen diesen Kelch trinken müssen, die gekrönt 
worden sind und Palmzweige in ihren Händen haben, 
und mit glänzenden Kleidern angetan worden sind. 
Dieses ist auch der Weg, den die vierundzwanzig Äl- 
testen gewandelt sind, die vor dem Throne Gottes 
stehen und ihre Kronen von ihren Häuptern und ihre 
Harfen vor den Stuhl des Lammes werfen, auf ihre An- 
gesichter fallen und sagen: O Gott, dir gebührt allein 
Preis, Ehre und Herrlichkeit, Kraft und Stärke, von 
Ewigkeit zu Ewigkeit. Herr, allmächtiger Gott, der du 
das Blut deiner Knechte und Diener bald rächen wirst; 
Du wirst den Sieg selbst davontragen; groß sei dein 
Name, der war, ist und kommen soll! Auch sind die 
Gezeichneten des Herrn auf diesem Wege gewandelt, 
die das Zeichen des Herrn an ihren Stirnen hatten, die 
aus allen Geschlechtern der Menschen erwählt waren, 
die nicht mit Weibern befleckt waren, sondern dem 
Lamme nachfolgen, wo es hingeht. Seht, diese haben 
den Kelch der Bitterkeit trinken müssen, sowie auch 
alle diejenigen, die noch mangeln, bis die Zahl Zions 
erfüllt sein wird, welche die Braut des Lammes und 
das neue Jerusalem ist, das vom Himmel herabstei- 
gen wird, in welcher Stadt der Thron der Herrlichkeit 
des großen Königs offenbart und gesehen werden soll, 
zu der Zeit, wenn man das hochzeitliche Fest halten 
und feiern wird, an dem Tage des hohen und heiligen 
Zebaoths, des Herrn, ihres Gottes; dieses ist der Tag 
ihrer Ruhe und Freude. 

Seht, diese alle haben zuerst das Gericht an ihrem 
Fleische erlitten, und haben die Strafe dieser Welt 
ertragen müssen, von denen Jesus Christus der Erste 
gewesen ist, wie geschrieben steht: Das Lamm ist von 
Anfang erwürgt worden; und Paulus sagt: Diejenigen, 
die Er zuvor ersehen hat, die hat Er auch verordnet, 
daß sie dem Bilde seines Sohnes gleich sein sollten; 
auch sagt Christus, unser Heiland, daß der Knecht 
nicht besser sei, als sein Herr, noch der Jünger über 
seinem Meister, sondern daß es dem Jünger genug 
sei, wenn er wie sein Meister ist. Dieses bezeugt uns 
Petrus auch, wenn er sagt: Es ist Zeit, daß das Gericht 
an dem Hause Gottes anfange; wenn es aber nun an 
Gottes Auserwählten anfängt, was wird es mit denen 
für ein Ende nehmen, die dem Evangelium Gottes 
nicht geglaubt haben, und wenn der Gerechte kaum 
erhalten wird, wo will der Ungerechte erscheinen? 

Darum, meine lieben Kinder, dringt doch ein durch 
diese enge Pforte, denn der Weg ist eng und schmal. 


der zum Leben führt, und wenige sind derer, die ihn 
finden, und noch weniger, die ihn wandeln; aber der 
Weg ist weit und breit, der zur Verdammnis führt, und 
ihrer sind viele, die darauf wandeln. 

Darum, meine Kinder, nehmt der Züchtigung des 
Herrn und seiner Unterweisung wahr, und beugt eure 
Schultern unter sein Joch und seine leichte Last; tragt 
es von eurer Jugend an mit Geduld, und dankt Ihm 
mit großen Ehren, denn Er stäupt einen jeden Sohn, 
den Er aufnimmt. Wenn ihr nun die Züchtigung ver- 
lasst, deren wir doch alle teilhaftig geworden sind, so 
seid ihr keine Kinder, sondern Bastarde, und werdet 
von eures Vaters Gut ausgestoßen werden. 

Darum, meine lieben Kinder, umgürtet eure Lenden 
und folgt Christo nach; fürchtet euch nicht und ruht 
auch nicht, bis ihr diesen Weg gefunden habt. Forscht 
in der Schrift, sie wird euch den Weg des Lebens wei- 
sen, denn der Engel sagt zu Esra: Es ist eine Stadt 
voller Güter, die ist auf einem ebenen Felde erbaut 
und gesetzt; ihr Eingang aber ist enge, und an einem 
jähen Orte, sodass zur rechten Hand Feuer, zur linken 
aber ein tiefes Wasser ist; es ist aber hierzwischen, das 
ist, zwischen Feuer und Wasser, ein enger Fußsteig, 
sodass auf demselben nur ein einziger Mensch gehen 
kann; wenn aber diese Stadt einem zum Erbe gegeben 
würde, wie würde er sein Erbe einnehmen können, 
wenn er sich nimmer durch die Vorgesetzte Gefahr 
wagen würde? Seht, meine Kinder, auf diesem Wege 
gilt kein Weichen; auch sind da keine Umwege, die 
zur linken und rechten Seite abgehen; dieses ist der 
Weg, der von wenigen gefunden, aber von noch weni- 
geren bewandelt wird; es sind zwar wohl einige, die 
recht gut wissen, daß dieses der Weg zum Leben sei, 
aber er ist ihnen zu steil; es wird ihnen viel zu schwer. 

Deshalb, meine Kinder, achtet nicht auf die Masse 
und große Menge; tretet auch nicht auf ihre Wege; 
weicht mit euren Füßen von ihrem Pfade, denn sie 
gehen zur Hölle, wie die Schafe zum Tode, wie der 
Prophet Jesaja uns berichtet, wenn er sagt: Die Hölle 
hat ihren Rachen weit aufgetan, damit die Fürsten der 
Erde und das gemeine Volk da hineingehen, denn es 
ist ein unverständiges Volk; darum wird ihnen derje- 
nige nicht gnädig sein, der sie erschaffen hat. 

Aber, meine Kinder, denkt an das, was ich schreibe, 
und wenn ihr hört, daß ein schlechtes, verworfenes 
Häuflein sei, das von dieser Welt verworfen und ver- 
stoßen ist, so haltet euch zu demselben, und wenn 
ihr hört, wo das Kreuz Christi sei, dort weicht nicht, 
sondern flieht den Schatten dieser Welt; wendet euch 
zu Gott; lasst Ihn allein eure Furcht sein; bewahrt sei- 
ne Gebote; haltet alle seine Worte, daß ihr darnach 
handelt; schreibt sie auf die Tafeln eurer Herzen und 
bindet sie auf eure Stirne, und redet von seinen Ge- 



697 


setze Tag und Nacht, dann werdet ihr ein lieblicher 
Zweig in dem Garten des Herrn, ja, eine annehmliche 
Pflanze sein, die in Zion aufwächst. 

Meine Kinder, nennt die Furcht des Herrn euren 
Vater, so wird die Weisheit und der Verstand eure 
Mutter sein; wenn ihr dieses tun werdet, meine Kin- 
der, so wird euch der Herr segnen und euren Leib 
zu seinem Dienste heiligen, damit sein Name durch 
euch geheiligt und groß gemacht werden möge zu 
seinen Ehren. Bekennt Ihn vor den Menschen, damit 
Er auch euch vor seinem himmlischen Vater wieder 
bekennen möge; ja verlasst lieber euer Leben, mei- 
ne Kinder, ehe ihr von der Wahrheit weichen solltet, 
und folgt mir nach; ich gehe vor euch her, als eine 
tapfere Kriegerin, die zu des Herrn Krieg oder Streit 
bereit ist, um mein Leben für des Herrn Namen zu 
übergeben. Meine Kinder, ich, eure Mutter, die ich 
ein Werkzeug bin, durch welches ihr in diese betrübte 
Welt gebracht worden seid, mich verlangt nach eu- 
rer Seligkeit; glaubt dem, was ich euch schreibe und 
hinterlassen habe, und sonst niemandem, es sei denn, 
daß es mit der heiligen Schrift übereinkomme. Wenn 
ihr das tut, so werdet ihr zu mir kommen, und ich zu 
euch, und wenn ihr euren Leib verliert, der von der 
Erde ist, so hat euch der Herr einen bessern zuberei- 
tet im Himmel. Darum, meine Kinder, streitet tapfer 
für die Wahrheit und Gerechtigkeit bis auf den Tod, 
und wappnet euch mit den Waffen Gottes, damit ihr 
als tapfere Israeliten erfunden werden mögt. Zertre- 
tet die Welt mit aller ihrer Ungerechtigkeit; liebt und 
sucht allein das, was droben ist, und bedenkt, daß 
ihr nicht von der Welt seid, gleichwie euer Herr und 
Meister auch nicht davon gewesen ist, und wendet 
allen Fleiß an, daß ihr als Jünger erfunden werden 
mögt, dann wird euch alles widerfahren, warum ihr 
bittet; denn niemand kann Christum einen Herren hei- 
ßen, als durch den Heiligen Geist, denn die wahren 
Anbeter werden Gott im Geiste und in der Wahrheit 
anbeten. Für diese hat Christus gebeten, nicht aber 
für die Welt; denn wenn die Welt betet, so ruft sie den 
Teufel an und begehrt, daß sein Wille in ihr geschehen 
möge. 

Darum, meine lieben Kinder, stellt euch ihr nicht 
gleich; flieht von ihr und habt keine Gemeinschaft mit 
ihr. Achtet doch nicht, was schön vor den Augen ist, 
denn es ist alles nichts; sucht allein das, was droben 
ist, sucht das, was himmlisch ist, und nicht, was ir- 
disch ist, und lasst eure Augen allezeit auf den Herrn 
sehen. Arbeitet allezeit mit Beten und Flehen, damit 
ihr allezeit mit dem Herzen bei Ihm sein mögt; eu- 
er Lachen verwandle sich in Weinen, denn wir sind 
hier Pilger auf Erden; darum lasst euch nichts hier auf 
dieser Welt erfreuen, denn es ist alles Eitelkeit und ver- 


gänglich. Hütet euch vor der Begierde nach irdischen 
Gütern, denn das ist das rechte Fundament des Ver- 
derbens. Seid meiner eingedenk; der Herr lasse euch 
in seiner Furcht wandeln, und erfülle euch mit seinem 
Heiligen Geiste, und heilige euren Verstand und eure 
Sinne. Meine Kinder, seid vorsichtig in all eurem Wan- 
del, und alles, was ihr tut, darin lasst den Namen des 
Herrn gepriesen und gesegnet sein. Bewahrt euren 
Mund, damit ihr den Namen Gottes nicht leichtfertig 
in euren Mund nehmt, denn es ist eine große, uner- 
kannte Sünde; nennt auch den Namen Gottes nicht, es 
sei denn, daß ihr es mit großer Ehrerbietigkeit, mit ge- 
beugten Knien und mit entblößtem Haupte tut, oder 
es wird euch übel aufgenommen. Bittet Gott, daß ihr 
Ihn kennen lernen mögt, und schämt euch nicht, den 
zu bekennen und zu ehren, der eure Seelen selig ma- 
chen kann; denn der Herr will solches nicht dulden 
von seinem Volke, daß es Ihn verleugnet, indem es 
genug ist, daß die Welt Ihn verunehrt. Darum lasst 
uns seinen heiligen Namen ehren, loben und preisen 
von ganzem Herzen, denn es steht geschrieben, daß 
der Herr den nicht ungestraft lassen werde, der seinen 
Namen missbraucht. 

Darum, meine Kinder, habt euren Nächsten von 
Herzen lieb, und das mit einem ausgebreiteten Her- 
zen. Lasst das Licht des Evangeliums in euch leuchten; 
gebt den Hungrigen euer Brot; kleidet die Nackenden, 
und leidet es nicht, daß ihr etwas doppelt habt, denn 
es sind deren genug, die es bedürfen. Alles, was euch 
der Herr vergönnt, das besitzt mit Dankbarkeit, nicht 
allein für euch, sondern auch für euren Nächsten, und 
sucht nicht euren eigenen Nutzen, sondern den eu- 
res Nächsten. Summa, meine Kinder, lasst euer Leben 
dem Evangelium Christi gleichförmig sein. Der Gott 
des Friedens aber, der den großen Hirten der Schafe 
durch das Blut des ewigen Testamentes unseres Herrn 
Jesu Christi von den Toten auferweckt hat, der mache 
euch zu allen guten Werken tüchtig, seinen Willen zu 
erfüllen, und schaffe in euch, was vor Ihm gefällig 
ist, damit euer ganzer Geist, eure Seele und Leib auf 
die Erscheinung unseres Herrn Jesu Christi unsträf- 
lich erfunden werden möge, welchem sei Preis, Kraft, 
Majestät, von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen. 

Ein Gebet von derselben Maeyken Deventer. 

Ach heiliger Vater, heilige die Kinder deiner Dienst- 
magd in deiner Wahrheit und bewahre sie vor allem 
Argen und vor aller Ungerechtigkeit, um deines heili- 
gen Namens willen. Ach, allmächtiger Vater, ich befeh- 
le sie dir, denn sie sind deine Geschöpfe; trage doch 
für sie Sorge, denn sie sind deiner Hände Werk, damit 
sie auf deinen Wegen wandeln mögen, Amen. 



698 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Maeyken Wens wird mit einigen ihrer 

Mitgenossen um des Zeugnisses Jesu Christi 

willen im Jahre 1573 zu Antwerpen verbrannt. 

Der Nordwind der Verfolgung wehte damals immer 
mehr durch des Herrn Garten, sodass die Kräuter 
und Bäume desselben, nämlich die wahren Gläubigen, 
durch die andringende Gewalt mit der Wurzel aus der 
Erde gerissen wurden. 

Dieses ist unter mehreren andern einer sehr got- 
tesfürchtigen und frommen Frau, Namens Maeyken 
Wens, begegnet, welche die Hausfrau eines getreuen 
Dieners der Gemeinde Gottes in der Stadt Antwerpen 
war, Namens Matthäus Wens, der seines Handwerks 
ein Maurer gewesen ist. 

Diese wurde mit andern Glaubensgenossen unge- 
fähr im April 1573 zu Antwerpen angegriffen, gebun- 
den und auf den Stein, welches dort das schwerste 
Gefängnis ist, gefangen gesetzt. 

Unterdessen hat sie viel Streit und Anfechtung so- 
wohl von den Geistlichen als auch Weltlichen erlit- 
ten, um sie zum Abfalle von ihrem Glauben zu brin- 
gen. Als sie aber unter keinen Umständen, auch nicht 
durch schwere Pein, von ihrem standhaften Glauben 
zum Abfall gebracht werden konnte, hat man ihr den 
5. Oktober 1573 das Urteil gefällt, und dasselbe an vor- 
gemeldetem Platze vor Gericht öffentlich vorgelesen, 
nämlich, daß sie mit zugeschraubtem Munde oder 
festgeschraubter Zunge als eine Ketzerin zu Asche 
verbrannt werden sollte, sowie auch einige andere, 
die ebenfalls gefangen waren und mit ihr in einem 
Glauben standen. 

Darauf hat man am andern Tage, den 6. Oktober, 
diese fromme und gottesfürchtige Heldin Jesu Chris- 
ti, wie auch ihre andern Glaubensgenossen, die auch 
durch ein gleiches Urteil verurteilt waren, mit fest- 
geschraubten Zungen wie unschuldige Schlachtscha- 
fe vorgeführt, und als dieselben an Pfählen befestigt 
waren, auf dem Markte durch einen grausamen und 
schrecklichen Brand ihres Leibes und Lebens beraubt, 
sodass sie in kurzer Zeit zu Asche verbrannt worden 
sind. 

Diese harte Todesstrafe ertrugen sie standhaft; dar- 
um wird auch der Herr ihre verworfenen Leiber ver- 
klären und dieselben seinem verklärten Leibe ähnlich 
machen (Phil 3,21). 

Der älteste Sohn dieser vorgenannten Märtyrerin, 
genannt Adrian Wens, ungefähr fünfzehn Jahre alt, 
konnte an dem Tage, als seine liebe Mutter aufge- 
opfert wurde, nicht vom Richtplatze bleiben; darum 
nahm er seinen jüngsten Bruder, Hans Matthäus Wens, 
der ungefähr drei Jahre alt war, auf seinen Arm und 
stellte sich damit nicht weit von dem aufgerichteten 


Brandpfahl auf eine Bank, um seiner Mutter Tod mit 
anzuschauen. 

Als aber nun dieselbe hervorgebracht und an den 
Pfahl gestellt wurde, verlor er die Besinnung, fiel nie- 
der und lag so lange bewusstlos, bis seine Mutter und 
die andern verbrannt waren. 

Nachher, als sich das Volk verlaufen hatte, und 
er wieder zu sich selbst kam, ging er auf den Platz, 
wo seine Mutter verbrannt wurde und suchte in der 
Asche, wo er die Schraube fand, womit ihre Zunge 
festgeschraubt war, welche er zu ihrem Andenken 
aufbewahrt hat. 

Es sind gegenwärtig, im Jahre 1659, noch verschie- 
dene Enkel von dieser frommen Märtyrerin am Leben 
(uns wohlbekannt) die nach ihrem Namen (Maeyken 
Wens) genannt werden. 

Was ihre anderen Mitgenossen betrifft, die mit ihr 
getötet worden sind, so können wir deren Namen, 
weil es schon vor langer Zeit geschehen ist, nicht nach- 
weisen, aber es dünkt uns, daß es diejenigen seien, die 
in der nachfolgenden Beschreibung genannt werden 
(nämlich die Weibspersonen), weil von ihnen bezeugt 
wird, daß sie auf denselben Tag, nämlich den 6. Ok- 
tober 1573, zu Antwerpen mit Feuer getötet worden 
sind. Dieses dient zur Nachricht. 

Die Briefe und Testamente der Maeyken Wens, des 
Weibes des Matthäus Wens, eines Maurers, der in 
seinem Leben ein Diener der Gemeinde Gottes zu 

Antwerpen war; sie wurde den 6. Oktober 1573 
aufgeopfert. 

Ach, liebt Gott über alles auf dem Stein, 

Da jetzt die Freude annoch ist sehr klein. 

Doch hoff' ich, daß es bald wird sein getan 
Wenn Gott mich ivird in Gnaden nehmen an. 

Gnade und Friede von Gott dem Vater, durch Je- 
sum Christum, seinen eingeborenen Sohn; derselbe 
wolle euch Weisheit und Verstand geben, damit ihr 
euch und eure Kinder weislich regieren und in der 
Furcht Gottes auferziehen mögt; darin wolle euch der 
gute Vater stärken und der Heilige Geist wolle euch in 
eurer Trübsal trösten. Dieses ist meines Herzens Gruß 
und Wunsch an dich, meinen lieben und sehr werten 
Mann in dem Herrn. Nebst allem Gruße lasse ich euch 
wissen, daß ich, dem Fleische nach, noch sehr wohl- 
auf bin; ebenso hoffe ich auch, dem Geiste nach, dem 
Besten nachzukommen; aber mein Bestes ist nichts 
Besonderes, was mir leid ist, weil ich für dasjenige, 
was mir begegnet, nicht dankbar bin; denn es ist des 
Herrn Werk; man muss dem Herrn sowohl in Wider- 
wärtigkeit danken, als wenn es dem Fleische wohl 



699 


geht; denn wenn uns der Herr alles nimmt, so nimmt 
Er uns nicht mehr, als Er uns geliehen hat; es gehört 
uns nicht länger, als es dem Herrn gefällt. Ach, möch- 
te ich dem Herrn doch allezeit ebenso wohl danken 
können, wenn es dem Fleische übel geht, als wenn es 
ihm wohl geht; in diesem Falle kann man dem Herrn 
wohl danken! 

Ach, mein lieber Freund, ich hätte nicht gedacht, 
daß mir das Scheiden so schwer fallen würde, als es 
mir fällt; das Gefängnis war zwar schwer in meinen 
Augen, das kam daher, weil sie so tyrannisch waren; 
nun aber ist mir das Scheiden das Schwerste. 

Ach, mein sehr geliebter und werter Mann, bitte 
doch den Herrn herzlich für mich, daß Er den Streit 
von mir nehmen wolle, denn es steht ja in seiner Ge- 
walt, wenn es Ihm gefällt. Der Herr hat ja recht gesagt: 
Wer nicht alles verlässt, der ist meiner nicht wert; der 
Herr wusste es wohl, daß es dem Fleische schwer fal- 
len würde, wiewohl ich hoffe, daß mir der Herr auch 
hindurch helfen werde, wie Er vielen getan hat; sol- 
ches Vertrauen habe ich zu Ihm. Ach, wie gemächlich 
ist es, ein Christ zu sein, solange das Fleisch nicht 
auf die Probe gestellt wird, oder man nichts verlassen 
muss; dann ist es leicht, ein Christ zu sein. 

Hiermit will ich mein Schreiben endigen, und dich 
und deine Kinder dem Herrn anbefehlen, damit du 
zu deines Nächsten Auferbauung und deiner Seele 
Seligkeit weislich wandeln mögest. Bleibe dem Herrn 
und dem reichen Worte seiner Gnade befohlen; das 
ist der gute Gruß und Wunsch meines Herzens. Was 
deinen beabsichtigten Besuch betrifft, so magst du 
tun, was dir gefällt, denn, wenn die Unkosten nicht 
wären, wollte ich deinen Besuch oft begehren; willst 
du aber dein Herz erquicken, so darfst du kommen; 
ich darf mehr nicht sagen, weil es so viel kostet; sonst 
wollte ich wohl, daß du bald kämest; vielleicht möchte 
Janneken niederkommen, oder auch wohl die Heb- 
amme wiederkommen, um mich zu visitieren; dann 
könnte sie mir, wenn ich nicht schwanger wäre, bald 
davon helfen, denn ich darf es nicht versichern, daß 
ich schwanger bin; bisweilen dünkt mich, es sei dem 
so, aber größtenteils glaube ich, es sei dem nicht so. 
Der Herr gebe, daß es nicht sein möge, denn es ist 
auch nicht so schmerzlich für dich, wenn es nicht ist; 
ich hoffe noch immer mehr, daß es nicht sei, als daß 
es sei, aber ich will es dem Herrn übergeben, denn, 
wenn ich mir auch die Augen ausschreien würde, so 
muss es doch bleiben, wie es ist; es wäre ja ein Wun- 
der, wenn ich jetzt schwanger wäre, da ich doch so 
lange gewartet habe. Wenn du kommst, so wende kei- 
ne Kosten an, etwas mitzubringen, denn es kostet zu 
viel. Für dieses Mal nichts weiter, gehab dich wohl an 
Seele und Leib, das ist mir lieb. Grüße mir sehr die 


Bekannten in dem Herrn und auch die Freunde nach 
dem Fleische; meine Gesellschaft lässt dich auch sehr 
grüßen; auch müssen meine Kinder etwas haben. 

Geschrieben in meinen Banden, von mir, Maeyken 
Wens. 

Der zweite Brief von Maeyken Wens, geschrieben 
an ihren Mann. 

Gnade und Friede von Gott dem Vater, und die große 
Liebe und Barmherzigkeit des Sohnes, unseres Herrn 
Jesu Christi, der aus Gnaden vom Vater gesandt wor- 
den ist, zum Heile aller derer, die ihren Sünden ab- 
gestorben, und dadurch mit Christo in einem neuen 
Leben auferstanden sind, wie auch die ewige, uner- 
gründliche Freude, der Trost und die Gemeinschaft 
des Heiligen Geistes stärke und bewahre eure Herzen 
und Sinne in Christo Jesu; demselben sei Preis, von 
Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen. 

Nebst allem herzgründlichen Gruße, geschrieben 
an dich, meinen sehr geliebten und werten Mann und 
Bruder in dem Herrn, lasse ich dich wissen, daß mein 
Gemüt noch standhaft ist, dem Herrn ein Opfer zu 
bringen; der Herr müsse für die große Gnade, die Er 
an mir armem und elendem Menschen beweist, gelobt 
sein; auch bin ich, dem Fleische nach, sehr wohlauf, 
und habe dabei, durch des Herrn Gnade, das Vertrau- 
en, daß es mit dir, meinem Geliebtesten in dem Herrn, 
auch ebenso bestellt sei. Für dieses Mal nichts wei- 
ter; bleibe dem Herrn und den Worten seiner Gnade 
befohlen; das ist der gute Wunsch und Gruß meines 
Herzens. Gehabe dich wohl. Bitte für mich. 

Von mir, Maeyken Wens, deinem lieben Weib und 
Schwester in dem Herrn. 

Der dritte Brief von Maeyken Wens, geschrieben 
an ihren Sohn im Gefängnisse zu Antwerpen, den 
21. April 1573. 

Fürchte Gott allezeit und liebe Ihn über alles. 

Mein liebes Kind Adrian, ein Sohn von mir Maey- 
ken Wens, dieses hinterlasse ich dir als Testament, 
weil du der Älteste bist, in welchem ich dich ermah- 
ne, daß du unsern lieben Herrn zu fürchten anfangen 
wollest, denn in deinem Alter kannst du wohl verste- 
hen, was gut oder böse ist. Denke an das Betteken, 
die ist ungefähr so alt wie du. Mein Sohn, trachte von 
Jugend auf dem Guten nach; laß das Böse, tue Gu- 
tes, weil du Zeit hast, und sieh auf deinen Vater, wie 
liebreich mir derselbe vorgegangen ist mit Freundlich- 
keit und Leutseligkeit, und wie er mich allezeit mit 
des Herrn Wort unterrichtet hat. Ach wäre ich ihm 
allezeit so nachgefolgt, wie leicht wären meine Bande. 



700 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Darum, mein lieber Sohn, hüte dich vor dem Argen, 
damit dich dein Gewissen dermaleinst nicht verkla- 
gen und dir sagen möge, hätte ich dies oder das getan; 
denn dann ist es zu spät, wenn es dahin kommt, wo 
es gegenwärtig mit mir ist. Höre die Unterweisung 
deiner Mutter; hasse alles, was die Welt und deine 
Sinne lieben; liebe Gottes Gebot und laß dich dasselbe 
unterrichten, denn es lehrt: Wer mir nachfolgen will, 
der verleugne sich selbst, das ist, dünke dich nicht 
weise zu sein, und bitte: Herr, dein Wille geschehe. 
Tust du das, so wird die Salbung des Heiligen Geistes 
dich alles lehren, was du glauben sollst; glaube dem 
nicht, was Menschen sagen, sondern glaube, was dir 
das Neue Testament gebeut; dem sollst du gehorsam 
sein, und bitte Gott, daß Er dich lehren wolle, was sein 
Wille sei; traue nicht auf deinen Verstand, sondern auf 
den Herrn; laß deine Ratschläge in Ihm bleiben und 
bitte Ihn, daß Er dich auf seinen Wegen leiten wolle. 
Mein Kind, lerne, wie du Gott den Herrn lieben, wie 
du deinen Vater ehren sollst und lerne alle anderen 
Gebote, was der Herr von dir fordert; was darin nicht 
enthalten ist, das glaube nicht, und sei allem gehor- 
sam, was darin begriffen ist. Halte dich zu denen, die 
den Herrn fürchten, die vom Bösen weichen und alles 
Gute durch die Liebe vollbringen. 

Ach, sieh doch nicht auf den großen Haufen, noch 
auf die lange Gewohnheit, sondern sieh auf das kleine 
Häuflein, das um des Herrn Wortes willen verfolgt 
wird, denn die Guten verfolgen niemanden, sondern 
sie werden verfolgt. Wenn du dich zu denselben bege- 
ben hast, so hüte dich vor jeder falschen Lehre, denn 
Johannes sagt: Wer Übertritt, und nicht in der Lehre 
Christi bleibt, der hat keinen Gott; wer aber in der Leh- 
re Christi bleibt, der hat beides, den Vater und den 
Sohn. Die Lehre Christi ist Barmherzigkeit, Lriede, 
Keuschheit, Glaube, Sanftmut, Demut und vollkom- 
mener Gehorsam Gottes. 

Mein lieber Sohn, übergib dich dem Guten; der Herr 
wird dir Verstand geben. Dieses gebe ich dir zu mei- 
nem letzten Abschiede, mein liebes Kind; nimm des 
Herrn Bestrafung in Acht, denn wenn du Böses tust, 
so wird er dich strafen in deinem Gemüte; so laß denn 
ab, rufe den Herrn um Hilfe an und hasse das Böse, 
dann wird dich der Herr erretten und das Gute wird 
dir begegnen. Gott der Vater gebe dir seinen Heiligen 
Geist durch seinen geliebten Sohn Jesum Christum, 
der dich in alle Wahrheit leiten wolle, Amen. 

Dieses habe ich, Maeyken Wens, deine Mutter, ge- 
schrieben, als ich um des Wortes des Herrn willen im 
Gefängnisse lag; der gute Vater gebe dir seine Gna- 
de, mein lieber Sohn Adrian. Schreibe mir ein Brief- 
lein aus deinem Gemüte, ob du begehrst, den Herrn 
zu fürchten; ich wollte solches gern wissen; aber du 


musst es besser schreiben, als die letzten beiden Briefe 
waren; aber der, welchen Maeyken Wils brachte, war 
gut. 

Die leiden hier nach Gottes Sinn, die wollen darauf 
merken; 

Sie geben ihre Seelen hin, dem Schöpfer guter Werken. 

Der vierte Brief von Maeyken Wens, geschrieben 
an ihren Sohn. 

Ach, mein lieber Sohn, bin ich dir schon hier entnom- 
men, so richte dich doch von Jugend auf nach der 
Lurcht Gottes, dann wirst du deine Mutter wieder 
haben droben in dem neuen Jerusalem, wo kein Schei- 
den mehr sein wird. Mein lieber Sohn, ich hoffe, dir 
nun voran zu gehen, folge mir nach, so lieb als du dei- 
ne Seele hast, denn es wird zur Seligkeit kein anderer 
Weg gefunden werden, als dieser ist. So will ich euch 
denn nun dem Herrn anbefehlen, der Herr wolle euer 
Beschützer sein; ich habe das Vertrauen zu dem Herrn, 
daß Er es tun werde, wenn Ihr anders Ihn sucht; habt 
einander lieb euer Leben lang; nehmt Hansken bis- 
weilen statt meiner in eure Arme, und wenn euch 
euer Vater entnommen werden sollte, so tragt selbst 
für einander Sorge; der Herr bewahre euch sämtlich, 
meine lieben Kinder; küsst einander zum Andenken 
statt meiner. Gute Nacht, meine lieben Kinder. Mein 
lieber Sohn, fürchte dich doch nicht vor diesem Lei- 
den, es ist nicht mit dem zu vergleichen, das ewig 
währen soll; der Herr nimmt die Lurcht gänzlich hin- 
weg; ich wusste vor Lreuden nicht, was ich tun sollte, 
als ich verurteilt war. Darum unterlasse nicht, Gott zu 
fürchten, um solches zeitlichen Todes willen; ich kann 
meinen Gott für die große Gnade, die Er an mir bewie- 
sen hat, nicht genug danken; noch einmal gute Nacht, 
mein lieber Sohn Adrian; sei doch stets freundlich ge- 
gen deinen unterdrückten Vater, dein ganzes Leben 
hindurch und bereite ihm keinen Verdruss, darum bit- 
te ich euch alle, denn was ich dem Ältesten schreibe, 
damit meine ich auch den Jüngsten. Hiermit will ich 
euch dem Herrn noch einmal anbefehlen; dieses habe 
ich geschrieben, nachdem ich verurteilt war, und um 
des Zeugnisses Jesu Christi willen sterben sollte, den 
fünften Tag im Oktober des Jahres unseres Herrn Jesu 
Christi, 1573. 

Von mir, Maeyken Wens, eurer Mutter, die euch 
unter vielen Schmerzen geboren hat, zum Andenken. 
Bewahrt dieses wohl, sowie auch den Abschied, den 
euer Vater an eure Mutter schrieb, als sie verurteilt 
war, und eurer Mutter Abschied. 



701 


Der fünfte Brief von Maeyken Wens geschrieben 
an Jan De Metser, einen Diener. 

Lieb' Gott vor allem ganz allein, 

Er ist 's, der ist, und der wird sein. 

Die reiche Gnade und der Friede Gottes, des Vaters, 
die Liebe Jesu Christi wolle dein Tröster sein. Obgleich 
wir nun jetzt sterben müssen, so haben wir es doch 
besser als ihr, die ihr hier in diesem Tränentale bleibt; 
aber man muss die Zeit in Geduld erwarten, bis der 
Herr kommt. Ach, mein Bruder in dem Herrn, ich hät- 
te dir so gern ein kleines Brieflein geschrieben; aber 
die Zeit ist verflossen, wiewohl ich lange genug ge- 
sessen habe, überdies bin ich auch so ungeübt im 
Schreiben; darum musst du es mir zum Besten auf- 
nehmen und bedenken, daß, wenn du irgendwo zu 
Gast geladen wärst, du mit demjenigen zufrieden sein 
müsstest, was dir gereicht wird; ebenso musst du nun 
auch mit meinem Schreiben zufrieden sein, denn ich 
habe nicht viel, darum kann ich nicht viel mitteilen; 
so kann ich denn auch nicht viel schreiben, weil ich 
verurteilt bin, und dennoch war ich so voller Freude, 
daß ich sie nicht aussprechen konnte; der Herr müsse 
ewig für die große Gnade, die Er an mir bewiesen 
hat, gelobt sein, da ich doch furchtsam war. Ach, wel- 
chen starken Gott haben wir, und was dagegen haben 
die Gottlosen? Ach, laß uns doch guten Mut haben! 
Wir werden unsere Feinde wie Brot verschlingen; ich 
gehe nun morgen voran, der Herr wolle dir Stärke 
verleihen, daß du mir nachfolgen mögest, wie ich hof- 
fe, daß du tun werdest. Aber mein lieber Bruder in 
dem Herrn, halte doch allezeit gute Wache, denn der 
Herr kommt, wie ein Dieb in der Nacht, wenn man 
am wenigsten daran denkt, denn so ist es mir auch 
ergangen; aber dann ist es gut, daß der Mensch nicht 
schläft. Aber, lieber Jan, obgleich ich dir wohl noch 
etwas mehr hätte schreiben sollen, so rückt doch nun 
die Zeit des Gebärens herbei, und mein Fleisch fängt 
schon etwas an zu erschrecken; doch es ist des Flei- 
sches Art; ich gedenke dich hiermit dem Herrn und 
dem Worte seiner Gnade zu empfehlen. Gehabe dich 
wohl, mein lieber Freund Jan. Dieses habe ich dir in 
der Nacht geschrieben, als ich verurteilt war, damit du 
um der Bekanntschaft willen etwas von meiner Hand 
haben möchtest. Auch nimm mein geringes Schreiben 
zum Besten auf, denn ich hätte nicht gemeint, daß 
ich noch so viel hätte schreiben können, nachdem ich 
verurteilt war; nun will ich dir gute Nacht sagen hier 
in dieser Welt; aber ich hoffe, daß wir einander droben 
im neuen Jerusalem sehen werden, wo man von kei- 
ner Scheidung mehr hören wird; denn ich hoffe, daß 
ich mit der Hilfe des Herrn in der Ruhe sein werde. 


ehe dieser Brief gelesen wird, wie ich denn auch ein 
Brief zu sein hoffe, der von jedermann gelesen wird. 
Gute Nacht, lieber Freund, grüße mir sehr dein liebes 
Weib, und falls sie an mir etwas Unerbauliches gese- 
hen hat, so soll sie mir hierin nicht nachfolgen; wenn 
sie aber etwas Erbauliches gesehen hat, so möge sie 
dem Besten nachkommen; das ist der gute Wunsch 
meines Herzens, geschrieben an dich den 5. Oktober 
1573. Meine Mitgefangenen lassen dich sehr grüßen. 

Geschrieben in meinen Banden von mir, deiner 
schwachen Schwester Maeyken Wens, was ich ver- 
mag, das aber nicht viel ist. 

Fünf fromme Christen, Hans von Munstdorp, 
Janneken Munstdorp, sein Weib, wie auch 
Mariken, Lysken und Maeyken werden sämtlich 
im Jahre 1573 zu Antwerpen an Pfählen verbrannt. 

Die grausame Mordgrube, die Stadt Antwerpen, ob- 
gleich sie mit Brandpfählen der Leichen und Asche 
der Heiligen angefüllt war, war zu der Zeit von den 
vielen Mördereien, die um des wahren Glaubens wil- 
len an den unschuldigen Schäflein Christi geschehen 
waren, noch nicht gesättigt. 

Dieses ist an fünf frommen Christen zu ersehen, 
nämlich Hans von Munstdorp, nebst seinem Weib 
Janneken Munstdorp, Maryken, Lysken und Maey- 
ken; diese wurden sämtlich um das Jahr 1573 (als sie 
versammelt waren, das Wort Gottes zu hören) gefan- 
gen genommen und zu Antwerpen auf dem Steine 
festgesetzt. 

Als sie aber von der Festigkeit ihres Glaubens, vieler 
schrecklichen Bedrohungen, Disputationen der weltli- 
chen Gelehrten und anderer Mittel ungeachtet, nicht 
abgebracht werden konnten, so hat man beschlossen, 
sie alle vom Leben zum Tode zu bringen, und das 
nicht auf eine leichte und kurze Weise, sondern durch 
Feuer und Flammen bis sie ihres Lebens beraubt sein 
würden. 

Dieses wurde nun zuerst an Hans von Munstdorp 
vollzogen, welcher im vorgemeldeten Jahre um den 
Monat September von den andern Vieren wie ein 
Schlachtschaf (aus dem Stalle) abgeholt und dem ge- 
fällten Urteile gemäß durch einen gewaltigen Brand 
getötet wurde, welchen harten und schweren Tod er 
standhaft (mit getrostem Herzen) ertragen hat. 

Die Hauptursache, warum die andern vier Perso- 
nen nicht mit ihm getötet worden sind, bestand darin, 
weil sein Weib Janneken Munstdorp, die hoch schwan- 
ger war, bald niederkommen sollte, was auch bald 
darauf (als ihr lieber Mann verbrannt war) geschehen 
ist. 

Sie kam mit einer Tochter nieder, die sie nach ihrem 



702 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Namen (weil sie nun auch bald sterben sollte) Janne- 
ken nannte, und besorgte in Eile, daß das Kind (ehe 
die Pfaffen die Hand daran legten) unter die Freunde 
kam, denen sie es von Herzen befahl, und wobei sie 
ein Testament voll schöner Unterweisungen an dieses 
Töchterlein schrieb, welches ungefähr einen Monat alt 
war, welches Testament auch die Freunde für dasselbe 
aufbewahrt haben. 

Es kam mm die Zeit ihrer Aufopferung herbei, denn 
sie wurde verurteilt, daß sie am 6. Oktober ihrem Man- 
ne in gleicher Todesstrafe nachfolgen sollte, welche 
Botschaft auch die andern drei Weiber, nämlich Mary- 
ken, Fysken und Maeyken empfangen haben, wozu 
sie sich mit großer Freude des Gemüts und freiwil- 
lig zubereitet haben, indem sie nach der Stunde ihrer 
Erlösung verlangten. 

Das Urteil ist auch auf die bestimmte Zeit an ihnen 
vollzogen worden, und sie haben dem Herrn ein le- 
bendiges, heiliges und angenehmes Opfer gebracht; 
darum werden sie dermaleinst von dem ewigen Bran- 
de befreit und zur seligen Erquickung in das Paradies 
Gottes eingelassen werden (Offb 7,16-17): Sie wird 
nicht mehr hungern noch dürsten, es wird auch we- 
der die Sonne, noch irgendeine Hitze auf sie fallen, 
denn das Famm mitten im Stuhle wird sie weiden 
und zu den lebendigen Wasserbrunnen leiten, und 
Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen. 

Siehe, von diesen aufgeopferten Freunden ein Lied 
im Rotterdam'schen Liederbuche, welches so anfängt: 

Ach, Freunde allzusammen hört. 

Auf Michelstag wir war'n zerstört. 

Ein Brief, den Hans von Munstdorp an sein Weib 

geschrieben hat, als sie beide in Antwerpen auf 
dem Steine um des Zeugnisses Jesu Christi Willen 
in Banden lagen. 

Einen freundlichen Gruß, geschrieben an dich, mein 
wertes Weib, welche ich von Herzen liebe und über al- 
le Kreaturen wert halte, die ich jetzt, um der Wahrheit 
willen, verlassen muss, um derentwillen wir auch al- 
les für Schaden achten und Jesum Christum über alles 
lieben müssen; aber ich hoffe, daß, obgleich uns die 
Menschen hier voneinander scheiden, uns doch der 
Herr in seinem ewigen Reiche wieder zusammenfü- 
gen werde, wo uns niemand mehr voneinander schei- 
den wird und wir in des Himmels Wohnung ewig 
herrschen werden. So lasse ich denn, mein geliebtes 
Weib, dich wissen, daß mein Gemüt durch des Herrn 
Gnade noch unverändert steht, bei der ewigen Wahr- 
heit zu bleiben; es wäre mir auch eine Freude zu ver- 
nehmen, daß dein Gemüt ebenso stehe. Ich ermahne 


dich hierdurch mit dem Apostel, mein geliebtes Schaf: 
Wie du den Herrn Jesum Christum angenommen hast, 
so wandle in Ihm, und sei fest auf Ihn gegründet und 
in Ihm gewurzelt durch den Glauben, und laß dich 
durch die Weltweisheit oder durch die Schalkheit der 
Menschen nicht berauben, womit sie die einfältigen 
Herzen zu verführen sucht, indem sie ihnen den Apfel 
der Wollust, der so schön ist, zeigt, wodurch viele be- 
trogen werden, wie denn auch hier einige sind, denen 
es, wie dir bekannt, so ergangen ist. Pieryntgen hat, 
wie ich höre, auch in den Apfel gebissen. Darum, mein 
getreues Schaf, siehe doch zu, und laß dich nicht das 
Böse gelüsten; sieh auch nicht zurück mit Lots Weib, 
damit du ihr nicht gleich werdest. Gedenke an des 
Herrn Wort: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht 
zurück, der ist nicht tüchtig zum Reich Gottes. Darum, 
mein geliebtes Schaf, denke allezeit, wie der Prophet 
sagt, an die Krone, die am Ende kommen wird, und 
an die Rache über die Gottlosen; der Prophet sagt: 
Wehe den abtrünnigen Kindern, die den Herrn ver- 
lassen, die Quelle des Lebens; wehe ihnen, denn die 
Abgefallenen werden in die Erde geschrieben! So gib 
ihnen denn, meine Geliebte, kein Gehör, denn an dem 
Tage der Rache wird ihr Werk als Holz, Stroh und 
Stoppeln erfunden werden, welches mit Feuer ver- 
brannt werden wird, wie geschrieben steht. Darum, 
mein wertes Schaf, welches ich von Herzen lieb und 
wert habe, wie meine eigene Seele, halte doch stark 
an, ich bitte dich, bis du hinweggenommen wirst, wie 
ich denn das Vertrauen zu dir habe, daß du tun wer- 
dest, und achte nicht Fleisch und Blut, denn es muss 
doch alles vergehen; denn obgleich wir hier einen ver- 
worfenen und verachteten Leib haben, so wird uns 
doch der Herr dem Leibe seiner Klarheit unter der 
Bedingung gleich machen, daß wir bis in den Tod bei 
der Wahrheit bleiben. Nimm dieses gut auf und denke 
allezeit an das ewige Gut; ich grüße dich hiermit in 
dem Herrn aus herzinnigster Liebe, wie auch deine 
Gesellschaft; erfreut euch miteinander in dem Herrn, 
und seid fröhlich in der Löwengrube; vertraut auf den 
Gott Daniels. 

Hiermit zum guten Abschiede: Gute Nacht! Erwar- 
tet die Zeit in Leidsamkeit; seid geduldig in dem Strei- 
te und fröhlich in der Hoffnung. Benachrichtigt mich, 
wenn ihr könnt, ob ihr es empfangen habt; gedenkt 
allezeit meiner zum Besten in eurem brünstigen Ge- 
bete; ich hoffe eurer auch nicht zu vergessen, die ich 
in meinem Herzen tragen möchte, wenn es möglich 
wäre. Es dünkt mich, daß diese Butter von Grietgen 
Wevels gekommen sei; ich grüße euch dabei sehr herz- 
lich. Gute Nacht zum Abschied, mein Schaf, meine 
Liebste. Gute Nacht zum Abschied an alle, die Gott 
fürchten. Gute Nacht, zum Abschied bis auf die Hoch- 



703 


zeit des Lammes in dem neuen Jerusalem. Haltet euch 
herzhaft und tapfer; seid wohlgemut, werft die Not, 
die euch überfällt, auf den Herrn, Er wird euch nicht 
verlassen; bleibt bei Ihm, dann werdet ihr nicht fallen. 
Liebt Gott über alles; habt Liebe und Wahrheit; liebt 
eure Seligkeit; haltet dem Herrn euer Gelübde. 

Es ist uns ein sehr liebreiches und tröstliches Tes- 
tament durch einen guten Freund eingehändigt wor- 
den, welches Janneken Munstdorp, den Hans von 
Munstdorp Weib, nach ihres Mannes Aufopferung im 
Gefängnisse auf dem Steine zu Antwerpen an ihr lie- 
bes Töchterlein, das sie im Gefängnisse geboren hatte 
und welches damals ungefähr einen Monat alt war, 
geschrieben hatte, als sie täglich den Tod erwartete, 
zum ewigen Andenken und zum Abschied aus dieser 
argen Welt. Dasselbe lautet wie folgt: 

Ein Testament, geschrieben an Janneken, meine 

eigene und liebste Tochter, als ich unwürdig um 

des Herrn willen zu Antwerpen auf dem Steine 
gefangen lag, 1573. 

Die rechte Liebe Gottes und die Weisheit des Vaters 
stärke dich in Tugenden, mein allerliebstes Kind; der 
Herr des Himmels und der Erde, der Gott Abrahams, 
der Gott Isaaks und der Gott Jakobs, der Herr in Israel 
wolle dich in seinen Tugenden bewahren und deinen 
Verstand in seiner Wahrheit stark und kräftig machen. 
Ich befehle dich, mein kleines, liebes Kind, dem all- 
mächtigen, großen und schrecklichen Gott, der allein 
weise ist, daß Er dich bewahren und in seiner Furcht 
aufwachsen lassen wolle. Wenn Er dich in deiner Ju- 
gend nach Hause holen wollte, so würde der Wunsch 
meines Herzens erfüllt werden, indem du noch jung 
bist, und ich dich hier unter dieser bösen, argen und 
verkehrten Welt lassen muss. 

Weil es denn der Herr nun so gefügt und verordnet 
hat, daß ich dich hier lassen muss, und du hier des 
Vaters und der Mutter beraubt bist, so will ich dich 
hier dem Herrn anbefehlen; Er tue mit dir, was sein 
heiliger Wille ist; Er wird dich wohl regieren und dein 
Vater sein, daß du hier keinen Mangel haben wirst, 
wenn du nur Gott fürchtest, denn Er will ein Vater der 
Waisen und ein Beschützer der Witwen sein. 

Darum, mein liebes Schaf, ich, die ich hier um des 
Herrn willen gefangen und gebunden sitze, kann dir 
nicht anders helfen, indem ich deinen Vater hier um 
des Herrn willen habe verlassen müssen, welchen ich 
auch nicht lange gehabt habe; wir konnten nur ein hal- 
bes Jahr beieinander bleiben; nachher sind wir in Haft 
genommen worden, weil wir unserer Seelen Seligkeit 
gesucht haben. Sie haben mir ihn hier entnommen 
und wussten nicht, ob ich schwanger wäre; ich muss- 


te noch in Haft bleiben und ihn vorangehen sehen; 
daß ich hier sitzen bleiben musste, hat ihn sehr be- 
trübt. Nachdem ich nun hier die Zeit zugebracht und 
dich mit großer Betrübnis neun Monate unter meinem 
Herzen getragen, auch dich nachher im Gefängnis mit 
großen Schmerzen geboren habe, so haben sie mich 
dir entnommen; ich liege jetzt hier, sodass ich jeden 
Morgen den Tod erwarte und deinem lieben Vater 
bald nachfolgen werde. Darum schreibe ich, deine 
liebe Mutter, dir, meinem lieben Kinde, etwas zum 
Andenken, damit du dabei deines lieben Vaters und 
deiner lieben Mutter eingedenk sein mögest. 

Da ich nun dem Tode übergeben bin und dich hier 
allein lassen muss, so erinnere ich dich mit diesem 
kurzen Schreiben, daß, wenn du zu deinem Verstand 
gekommen sein wirst, dich befleißigen wollest, Gott 
zu fürchten; erwäge und untersuche, warum und um 
wessen Namen willen wir beide gestorben sind, und 
schäme dich nicht, uns vor der Welt zu bekennen, 
denn du sollst wissen, daß es nicht um des Bösen wil- 
len geschehen ist. Darum schäme dich unserer nicht; 
es ist der Weg, den die Propheten und Apostel gewan- 
delt sind, und der enge Weg, der zum ewigen Leben 
einführt, denn es wird kein anderer Weg gefunden 
werden, um selig zu werden. 

Darum, mein junges Schaf, um derentwillen ich 
noch große Traurigkeit habe und gehabt habe, du wol- 
lest doch, wenn du zu deinem Verstand gekommen 
sein wirst, diesem engen Wege nachforschen, wiewohl 
oft, dem Fleische nach, viele Gefahr darauf vor kommt, 
wie man wohl sehen und lesen kann, wenn man die 
Schrift oft untersucht und liest, daß darin viel von 
dem Kreuz Christi die Rede ist; auch sind viele Feinde 
des Kreuzes in dieser Welt, die sich demselben ent- 
ziehen wollen und ihm zu entlaufen suchen. Aber, 
mein liebes Kind, wollen wir mit Christo die Selig- 
keit suchen und ererben, so müssen wir auch sein 
Kreuz tragen helfen, und das ist das Kreuz, das Er 
von uns getragen haben will, daß wir seinen Fuß- 
stapfen nachfolgen und seine Schmach tragen helfen; 
denn Christus sagt selbst: »Ihr sollt verfolgt, getötet und 
verjagt werden um meines Namens willen;« (/Ja, Er ist 
selbst diesen verachteten Weg vor uns hergegangen, 
und hat uns ein Exempel hinterlassen, daß wir seinen 
Fußstapfen nachfolgen sollen, denn um seinetwillen 
muss man alles verlassen, Vater, Mutter, Schwester, 
Bruder, Mann, Kind, ja, sein eigenes Leben. 

Nun muss ich dieses alles auch um des Herrn wil- 
len verlassen, leiden und tragen, deren die Welt nicht 
wert ist; denn wären wir in der Welt stecken geblie- 
ben, wir hätten keine Not gehabt, denn als wir mit 
der Welt eins waren und Abgötterei trieben, auch al- 
lerlei Ungerechtigkeit liebten, so konnten wir bei der 



704 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Welt wohl im Frieden sitzen; aber weil wir begehrt 
haben, Gott zu fürchten und solche ungebührliche 
Wege zu meiden, indem wir wissen, daß solches Gott 
nicht gefallen könne, so haben wir solches alles zu 
meiden gesucht und uns vom Götzendienst zu dem 
lebendigen Gottesdienst gewandt, und haben gesucht 
hier in der Stille unsem Glauben mit Freundlichkeit 
zu beleben. Da haben sie uns nicht in Ruhe gelassen, 
sondern haben unserm Blut nachgestellt, sodass wir 
jedermanns Raub sein und hier alle der Welt Schau- 
spiel werden mussten. 

Sie suchen uns hier zu ermorden und zu verbren- 
nen; wir werden hier an Pfosten und Pfähle gesetzt, 
und das Fleisch wird den Würmern zur Speise gege- 
ben. 

Darum, mein liebes Kind, es wird nun an deinem 
lieben Vater und deiner Mutter erfüllt, was uns zuvor 
geweissagt worden ist; aber es ist nicht jeder dazu 
erwählt, und hat es auch nicht jeder zu erwarten; uns 
aber hat der Flerr dazu erwählt. So folge denn, wenn 
du zu deinem Verstand kommst, dem Exempel dei- 
nes Vaters und deiner Mutter nach. Mein liebes Kind, 
dieses ist mein Begehren an dich, denn du bist noch 
sehr klein und jung; ich habe dieses geschrieben, als 
du erst einen Monat alt warst. Und weil ich nun bald, 
mit des Herrn Hilfe, mein Opfer verrichten werde, 
so hinterlasse ich dir dieses, daß du doch mein Ver- 
langen erfüllen, und dich allezeit zu denen halten 
wollest, die Gott fürchten; und sieh nicht auf der Welt 
Pracht und Prahlen, noch auf den großen Haufen, des- 
sen Weg zu dem Abgrund der Hölle führt, sondern 
sieh auf das kleine israelitische Häuflein, das doch 
nirgends Freiheit hat, und allezeit von einem Lande in 
das andere fliehen muss, wie Abraham tat, damit du 
nachher dein Vaterland erlangen mögest; denn, wenn 
du deine Seligkeit suchst, so kannst du leicht merken, 
welches der Weg sei, der zum Leben, und welches der 
Weg, der zur Hölle führt. Suche vor allen Dingen das 
Himmelreich und seine Gerechtigkeit, dann wird dir 
alles zugeworfen werden, was dir nötig ist. 

Weiter, mein liebes Kind, bitte ich dich, du wollest 
dich allezeit ehrlich halten, wenn du groß sein und 
Verstand haben wirst, es sei, wo es sei, damit niemand 
Ursache habe, über dich zu klagen. Sei allezeit getreu, 
und sieh dich wohl vor, daß du niemanden übervor- 
teilst; lerne deine Hände allezeit rein halten und sieh, 
daß du auch gern arbeitest, denn Paulus sagt: Wer 
nicht arbeiten will, soll auch nicht essen; und Petrus 
sagt: Wer lange leben und gute Tage sehen will, der 
bezähme seine Zunge, daß er nichts Böses rede. 

Darum, meine liebe Janneken, gewöhne doch dei- 
nen Mund nicht zum faulen Geschwätz, noch auch zu 
schandbaren Worten, die sich nicht geziemen, oder zu 


den Lügen, denn ein Lügner hat keinen Teil am Reich 
der Himmel, indem geschrieben steht: Der Mund, wel- 
cher lügt, tötet die Seele. Darum hüte dich vor allen 
dergleichen und laufe nicht auf der Straße, wie ande- 
re ungezogene Kinder tun; nimm lieber ein Buch in 
die Hand, und lerne daraus, was zu deiner Seligkeit 
dient. 

Sei denen Untertan, bei denen du im Hause wohnst; 
wenn sie von denen übel reden, die dir das Brot geben, 
so rede du wohl von ihnen, und lerne allezeit gern 
etwas tun; halte dich auch in keiner Sache für zu gut, 
und erhebe dich nicht selbst, sondern mache dich den 
Geringen gleich und ehre allezeit die Alten, wo du 
auch bist. 

Ich lasse dich hier; ach, hätte es dem Herrn gefallen, 
daß ich dich hätte aufziehen mögen, ich hätte gern 
mein Bestes daran gewandt; aber es scheint, daß es 
des Herrn Wille nicht sei; und wenn es auch nicht 
so gekommen, sondern ich bei dir eine Zeitlang ge- 
blieben wäre, so hätte mich Gott gleichwohl von dir 
hinwegnehmen können, sodass du meiner auch hät- 
test ermangeln müssen, wie es mit mir und deinem 
Vater ergangen ist, denn wir durften nur eine kurze 
Zeit beieinander sein, in welcher Zeit wir so glück- 
lich vereinigt waren, weil uns der Herr so wohl zu- 
sammengefügt hatte, daß wir uns einander nicht um 
die ganze Welt hätten verlassen wollen, und dennoch 
haben wir um des Herrn willen einander verlassen 
müssen; ebenso muss ich dich auch hier verlassen, 
mein liebstes Schaf. Der Herr, der dich erschaffen und 
gemacht hat, nimmt mich nun von dir, es ist sein heili- 
ger Wille; ich muss nun diesen engen Weg durchwan- 
dern, welchen die Propheten und Märtyrer Christi 
durchpassiert sind und die vielen Tausende, welche 
den sterblichen Rock abgelegt haben, die um Christi 
willen hier gestorben sind und nun unter dem Altar 
darauf warten, bis ihre Zahl erfüllt werden wird, von 
welcher dein lieber Vater auch einer ist, und ich habe 
auch gute Hoffnung, ihm nachzufolgen, denn ich bin 
nun schon zum Tode übergeben, wie es den Anschein 
hat; wenn es aber des Herrn Wille nicht ist, wiewohl 
es so scheint, daß ich dem Tode übergeben wäre, so 
kann Er mich doch aus ihren Händen erlösen, und 
dich, mein Kind, mir wohl wiedergeben; ebenso wie 
der Herr dem Abraham seinen Sohn Isaak wiederge- 
geben hat, ebenso kann Er es noch jetzt tun; es ist noch 
derselbe Gott, der Daniel aus der Löwengrube und 
die drei Jünglinge aus dem glühenden Ofen erlöst hat; 
Er kann mich auch wohl aus der Menschen Hände 
erlösen. 

Nun, mein liebes Kind, wenn dem auch nicht so 
wäre, so weiß ich wohl, daß Er getreu ist und seine 
Verheißungen treulich hält; darum halte dich allezeit. 



705 


mein armes Waislein, in der Stille, und bin ich dir 
auch nebst deinem Vater entnommen, so wisse doch, 
daß du einen Vater im Himmel hast, der dich ohne 
Zweifel wohl versorgen kann. Wenn du erwachsen 
sein wirst, so wende Fleiß an, daß du lesen und schrei- 
ben lernst, denn es gereicht dem, der Gott fürchtet, 
zum Vorteile, und ist auch in dieser Not sehr ersprieß- 
lich, damit du diesen Brief bisweilen lesen könntest, 
so wie auch die anderen Briefe, die dein Vater hinter- 
lassen hat; lies doch dieselben auch, und sei unserer 
dabei eingedenk. Liebe Janneken, viel weltliches Gut 
haben wir dir nicht hinterlassen, und ich habe dir 
nicht viel zu geben; was ich aber habe, das gebe ich 
dir; übrigens hinterlassen wir dir ein gutes Exempel, 
wie man Gott fürchten müsse; das ist besser als viel 
zeitliches Gut in dieser Welt; folge uns nur nach, du 
wirst Gutes genug haben. Du bist hier zwar arm, aber 
wenn du Gott fürchtest und die Sünde meidest, so 
wirst du viel Gutes ererben. Wie der Apostel an die 
Hebräer sagt: Mein Sohn, achte die Züchtigung des 
Herrn nicht gering, denn diejenigen, die ohne Züch- 
tigung sein wollen, sind Bastarde und keine Kinder 
und Erben. 

Darum, mein liebes Schäflein, lasse doch nicht nach 
um des Kreuzes willen Gott zu fürchten, denn ei- 
nem Christen wird in dieser Welt nichts anderes zu- 
geschickt, als viel Trübsal und Verfolgung, indem wir 
durch viel Trübsal in das Reich Gottes eingehen müs- 
sen, denn Paulus sagt: Alle, die gottselig leben wollen 
in Christo Jesu, müssen Verfolgung leiden; und Chris- 
tus sagt: Wer sein Kreuz nicht auf sich nimmt und mir 
nachfolgt, der ist meiner nicht wert, denn der Knecht 
ist nicht besser als sein Herr, noch der Jünger über 
seinem Meister. Haben sie den Hausvater Beelzebub 
genannt, um wie viel mehr seine Hausgenossen? Ha- 
ben sie den Herrn verfolgt, so werden sie uns auch 
verfolgen; haben sie ihn gehasst, so werden sie uns 
auch hassen, was darum geschieht, weil sie weder 
mich, noch meinen Vater erkannt haben, denn sein 
Reich war nicht von dieser Welt; wäre sein Reich von 
dieser Welt gewesen, die Welt hätte Ihn auch geliebt; 
aber weil sein Reich nicht von dieser Welt war, dar- 
um hasste Ihn die Welt. Ebenso ist es noch jetzt; weil 
unser Reich nicht von dieser Welt ist, darum hasst 
uns die Welt; aber es ist uns besser hier von der Welt 
verachtet zu sein, als daß wir dereinst sollten ewig 
trauern müssen; doch die hier das Saure nicht schme- 
cken wollen, die haben dermaleinst das ewige Leben 
nicht zu erwarten, denn wir wissen, daß Paulus sagt, 
daß alle, die gottselig leben wollen in Christo Jesu, 
verfolgt und jedermanns Raub sein müssen. 

Darum, mein liebes Kind, sind die Propheten und 
Apostel uns auf diesem Weg vorgegangen, uns zu 


einem Beispiel, und noch viele tausend Gottesfürchti- 
ge; so hat auch Christus selbst sich um unsertwillen 
nicht geschont, sondern hat sich für uns in den Tod 
dahingegeben; wie sollte Er uns nicht alle Dinge ge- 
ben? Darum bitte ich dich, mein allerliebstes Schaf, 
so lieb dir deine Seligkeit ist, suche auf diesem Wege 
nachzufolgen, denn das ist allein der Weg, der zum 
ewigen Leben führt. Ja, es kann niemand durch einen 
andern selig werden als allein durch Jesum Christum, 
wie Paulus sagt: Es mag kein anderer Grund gelegt 
werden, als der, der gelegt ist, welcher Christus ist; 
durch dessen Wunden wir geheilt und durch dessen 
Blut wir teuer erkauft sind; denn wir sind nicht mit 
Gold oder Silber erkauft, sondern durch seinen bit- 
tern Tod und durch sein teures Blut, das Er für uns 
vergossen hat, und wir waren wie verirrte Schafe in 
dieser Welt, aber nun sind wir durch sein köstliches, 
teures Blut erlöst und Er hat uns zu Erbgenossen und 
Erstlingen Christi berufen. 

Alle diejenigen, die der Sünde abgestorben sind, 
haben ihr Leben gebessert und sind dadurch mit Chri- 
sto in einem neuen Leben auferstanden, sodass sie 
sich selbst nicht mehr leben, sondern mit ihrem Le- 
ben dem Herrn angehören, und wenn sie leben, dem 
Herrn leben, oder wenn sie sterben, dem Herrn ster- 
ben; diejenigen, die sich selbst so gelassen darstellen, 
sie mögen leben oder sterben, gehören dem Herrn 
an, denn mein liebes Schaf, was soll denjenigen der 
Tod Christi nützen, die noch in ihren Sünden bleiben 
und sich von diesem unordentlichen Leben, worin 
sie noch stecken, nicht bekehren, wie Trunkenbolde, 
Totschläger, Ehebrecher, Götzendiener, Lügner, Ver- 
leumder oder Lästerer, welche Gott nicht gefallen mö- 
gen? Ihr Werk kommt doch nur vom Teufel; solchen 
allen sagt der Herr, daß sie das Reich Gottes nicht 
ererben werden, es sei denn, daß sie ihr Leben bes- 
sern und wenn sie sich nicht bessern, so wird es ihnen 
nichts helfen, daß Er gestorben ist. Sie wollen zwar 
auf Gottes Gnade hin sündigen, aber sie sagen nicht, 
daß Er gerecht ist; Er ist zwar wohl barmherzig, aber 
Er ist auch gerecht; wir dürfen auf seine Gnade hin 
nicht sündigen, denn wenn wir auch unser Bestes tun, 
den Herrn zu fürchten und nach unserm Vermögen 
uns selbst zu verleugnen, ja, wenn wir auch alles tä- 
ten, was Er uns gebietet, wovon wir doch noch weit 
entfernt sind, so tun wir doch nur das, was uns anbe- 
fohlen ist; wir müssen auch dann noch bekennen, daß 
wir unnütze Knechte sind und noch nichts verdient 
haben, sondern des ewigen Todes schuldig sind, und 
wenn Er nicht barmherzig wäre, so könnten wir nicht 
selig werden. Darum dürfen wir auf seine Gnade hin 
nicht sündigen, sondern wir müssen stets alle unsere 
Kräfte daran wenden, dem nachzukommen, was Er 



706 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


uns gebeut. 

Mein liebes Schaf, wir können doch nichts verdie- 
nen, sondern müssen durch die Gnade die Seligkeit 
ererben; darum suche allezeit Gott zu fürchten, denn 
die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang, und 
wer den Herrn fürchtet, wird Gutes tun; demselben 
wird es in dieser und der zukünftigen Welt gelingen. 
Halte dich allezeit zu denen, die den Herrn von Her- 
zen zu fürchten suchen; stelle dich dieser Welt nicht 
gleich, und wandle nicht in einem unordentlichen 
Leben, denn die Welt wird vergehen, und alle Men- 
schen, die ihr dienen, werden mit ihr vergehen. Habe 
auch keine Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Wer- 
ken der Finsternis, sondern bestrafe sie vielmehr und 
verändere dich durch die Erneuerung deines Lebens, 
damit du die Tugenden verkündigen mögest, wozu 
dich Gott berufen hat. 

Ach, mein allerliebstes Schaf, möchtest du doch 
die Wahrheit erkennen, wenn du zu deinem Verstand 
gekommen sein wirst, und deinem lieben Vater und 
deiner Mutter nachfolgen, die dir vorgegangen sind, 
denn dein lieber Vater hat es mit seinem Blute be- 
wiesen, daß es die rechte Wahrheit sei, und ich hoffe 
dasselbe auch mit meinem Blute zu bezeugen; und 
obgleich Fleisch und Blut an den Pfosten und Pfäh- 
len hängen bleiben muss, so weiß ich doch gewiss, 
daß wir dermaleinst wieder Zusammenkommen wer- 
den. Folge uns nach, mein liebes Schaf, damit du auch 
dahinkommen mögest, wohin wir kommen werden, 
und wir einander dort finden mögen; dann wird der 
Herr sagen: Kommt her, ihr Gesegneten meines Va- 
ters, ererbt das Reich, das euch von Anbeginn berei- 
tet ist; dann wird unsere Freude auch nicht von uns 
genommen werden, und haben sie uns auch hier von- 
einander geschieden, sodass wir nun dir entnommen 
sind und dir vorgehen müssen, so weiß ich doch, daß 
es des Herrn gewesen ist; hätte es dem Herrn gefallen. 
Er hatte es ja anders verordnet. 

Darum, mein liebes Kind, gib dich zufrieden; Er 
weiß, was Er an dir ersehen hat, weil ich dich hier 
lassen muss; sei hier allezeit ehrbar und freundlich 
gegen alle Menschen; wenn du zu deinem Verstand 
gekommen sein wirst, laß deine Bescheidenheit allen 
Menschen kund werden. 

Ich lasse dich hier unter meinen Freunden, und 
hoffe, daß mein Vater und meine Stiefmutter, meine 
Brüder und meine Schwestern an dir das Beste tun 
werden, solange sie leben; sei ihnen Untertan und 
ihnen allein gehorsam, insofern es nicht wider Gott 
ist. Dasjenige, was mir von meiner Mutter zukommt, 
nämlich dreißig Gulden und darüber, hinterlasse ich 
dir; ich weiß nicht, wie viel es ist, denn ich habe hier 
lange gesessen; ich weiß nicht, was dieses alles gekos- 


tet hat; ich hoffe aber, meine liebe Schwester Grietgen, 
die mir so viel Freundschaft erwiesen hat, werde hier- 
in das Beste tun und dir geben, was dir zukommt. 
Was dir von Seiten deines Vaters zukommen möchte, 
weiß ich nicht, denn von seinen Eltern habe ich keine 
Nachrichten einziehen können, weil es so weit von 
hier ist; bekommen sie Nachricht von dir, so können 
meine Freunde hierin das Beste tun. 

Und nun, mein liebes Schaf Janneken, die du noch 
sehr klein und jung bist, diesen Brief hinterlasse ich 
dir nebst einem Goldstück, das ich bei mir im Ge- 
fängnis gehabt habe; dasselbe hinterlasse ich dir zum 
ewigen Abschied und zum Testament, damit du mei- 
ner dabei eingedenk sein mögest, wie auch bei diesem 
Briefe. Lies ihn, wenn du zum Verstand kommst, und 
bewahre ihn solange, wie du lebst, zu meinem und 
deines Vaters Andenken, damit du dadurch erbaut 
werden mögest. So sage ich dir nun hiermit, meine lie- 
be Janneken Munstdorp, gute Nacht, und küsse dich 
herzlich, mein liebes Schaf, mit dem ewigen Kusse des 
Friedens; folge mir und deinem Vater nach, und schä- 
me dich nicht, uns vor der Welt zu bekennen, denn 
wir haben uns auch nicht geschämt, unsern Glauben 
vor der Welt und diesem ehebrecherischen Geschlecht 
zu bekennen; darum bitte ich dich, du wollest dich 
auch nicht schämen, unsern Glauben zu bekennen, 
denn es ist der rechte, evangelische Glaube, und es 
wird in Ewigkeit kein anderer gefunden werden. 

Halte dir das rühmlich dar, daß wir um keiner Übel- 
tat willen gestorben sind, und strebe auch darnach, 
und sollte man dich auch zu töten suchen, so laß dich 
doch durch nichts abhalten Gott über alles zu lieben, 
denn, wenn du nach dem Guten strebst, so kann dich 
niemand verhindern, Gott zu fürchten. Suche den Frie- 
den und jage ihm nach, dann wirst du die Krone des 
ewigen Lebens empfangen; diese Krone wünsche ich 
dir, und den gekreuzigten, blutigen, nackenden, ver- 
achteten, verstoßenen und getöteten Jesum Christum 
zum Bräutigam. 

Dieses wünsche ich dir zum ewigen Testament und 
zum ewigen Abschied, mein liebes Schaf. 

Denke dabei an deinen lieben Vater und an mich, 
deine liebe Mutter, die ich dieses zu deiner Erbauung 
eigenhändig geschrieben habe; trage auch das Gold- 
stück und diesen Brief als ein ewiges Testament bei 
dir, ich sage dir hiermit zum Abschied gute Nacht; 
ich hoffe diesen Brief mit meinem Blut am Pfahle zu 
versiegeln. 

Ich befehle dich hiermit dem Herrn und dem tröst- 
lichen Worte seiner Gnade, und sage dir noch einmal 
gute Nacht; ich hoffe dich zu erwarten; folge mir nach, 
liebstes Kind. Noch einmal, gute Nacht, mein Liebstes 
auf Erden, gute Nacht, und nichts mehr; gute Nacht, 



707 


folge mir nach; gute Nacht zum Abschied. 

Geschrieben den 10. August, im Jahre 1573 zu Ant- 
werpen. 

Dieses ist das Testament, das ich im Gefängnis für 
meine Tochter Janneken geschrieben, die ich hier wäh- 
rend meiner Banden getragen und geboren habe. 

Von mir, deiner liebsten Mutter Janneken Munst- 
dorp, gefangen um des Herrn willen. 

Mit diesem Testament haben wir auch einen Brief 
empfangen, welchen Janneken von Munstdorp an ih- 
ren lieben Vater und ihre liebe Mutter geschrieben 
hat, welche (wie es scheint) noch nicht zum wahren 
Glauben gekommen waren, worin sie dieselben zum 
Besten ermahnt, und ihnen unterdessen ihr Kindlein 
anbefiehlt. 

Abschrift eines Briefes von Janneken Munstdorps 
eigener Hand, geschrieben an ihren Vater und ihre 

Mutter, zu Antwerpen auf dem Steine, den 19. 

September 1573. 

Einen rechten Verstand und ein zerschlagenes Gemüt 
in euer Herz, um Gott zu fürchten, wünsche ich euch, 
mein lieber Vater und meine liebe Mutter, zum freund- 
lichen Gruß. 

Nebst einem herzlichen und geziemenden Gruße, 
verlasse ich euch nun, mein sehr werter und herz- 
gründlich geliebter Vater, wie auch liebe und werte 
Mutter, ohne meine lieben Brüder und Schwestern 
zu vergessen, die ich, um des Herrn willen, nun alle 
verlassen muss; ich darf nicht hoffen, euer Angesicht 
auf dieser Welt wiederzusehen, weil ich hier sitze, ge- 
fangen und gebunden, und das um des Herrn willen, 
und jeden Tag gewärtig bin, daß mir das Todesurteil 
gefällt werde. 

Ferner, mein lieber Vater, da mir der Herr, durch 
seine große Gnade, noch Zeit gegeben hat, euch ein 
wenig zu schreiben, so treibt es mich, euch von meines 
Leibes Gesundheit Nachricht zu geben. Darum schrei- 
be ich euch, daß es mit mir, dem Fleische nach, noch 
ziemlich wohl stehe, und dem Geiste nach ist mein 
Gemüt noch Willens, bei dem lebendigen, allmäch- 
tigen und ewigen Gott zu bleiben, und um keiner 
Marter willen, die sie mir auch antun werden, von 
Ihm abzufallen, denn es steht geschrieben: Wer mich 
vor den Menschen bekennt, den will ich auch vor mei- 
nem Vater bekennen, der im Himmel ist. Ich weiß, daß 
derselbe Gott mich aus dieser Trübsal erlösen wird, 
wenn ich Ihm nur getreu bleibe, und neben Ihm kei- 
nen andern Gott suche; darum hoffe ich auch, daß 
Er das gute Werk, das Er in mir angefangen hat, mir 
wird ausführen helfen, damit sein Name durch mich 
gepriesen werde. 


Deshalb, mein lieber Vater und meine liebe Mutter, 
wünsche ich von Herzen, daß es mit euch, dem Geiste 
nach, auch so wäre, wie es gegenwärtig mit mir be- 
stellt ist, solches würde mir eine große Freude sein, 
wenn ihr nur einmal den Herrn fürchten würdet. Ach 
möchtet ihr noch in der letzten Stunde in des Herrn 
Weinberg arbeiten, denn obgleich ihr frei und nicht 
in Haft seid, so seid ihr doch keine Stunde versichert, 
wie lange ihr leben werdet. 

Darum, meine Geliebten, ist euch das Wachen auch 
anbefohlen, denn an dem letzten Tage werdet ihr kei- 
ne Entschuldigung machen können, daß ihr nicht ge- 
wusst hättet, welches der enge Weg ist, der, wie Esra 
sagt, zum ewigen Leben führt, wo auf der einen Seite 
Wasser und auf der andern Seite Feuer ist, welchen 
Weg zwar viele wissen, aber nur wenige wandeln. 

Darum, lieber Vater und liebe Mutter, ist uns Was- 
ser und Feuer vorgestellt; wir mögen erwählen, was 
wir wollen, das Leben oder den Tod. So haben wir 
denn, lieber Vater, hier im Leben durch dieses Ster- 
ben die Seligkeit gesucht, um ewig zu leben, dieses 
Vergängliche zu vertauschen, um das Unvergängliche 
zu erlangen, denn das Leiden dieser Welt ist doch 
nicht mit der Herrlichkeit zu vergleichen, die an uns 
offenbar werden soll. Werden wir hier auch von al- 
len Menschen unterdrückt, und vor aller Welt als ein 
Spott und Schauspiel geachtet, so werden sie dennoch 
am jüngsten Tage bekennen müssen, daß sie unschul- 
diges Blut vergossen haben; dann werden sie sehen, 
in wen sie gestochen haben; sind wir hier auch arm 
geachtet, so werden wir doch noch viel Güter ererben, 
wenn wir Gott fürchten und die Sünde meiden. 

Darum, mein lieber Vater und meine liebe Mutter, 
müsst ihr auch bisweilen hören, daß ich um einer 
schändlichen Sekte oder ketzerischen Lehre willen 
gefangen sitze, wie ich vermute, daß man sagt und 
gesagt hat; man sagt uns aber viel nach, was doch die 
Wahrheit nicht ist. Ihr wisst es ja wohl, daß es nicht 
wegen irgendeiner bösen Tat geschieht, sondern es 
geschieht um unserer Seelen Seligkeit willen; werden 
wir auch verachtet, so geschieht es doch um der rech- 
ten Wahrheit willen; es wird auch in Ewigkeit keine 
andere gefunden werden, ich habe ja doch auch nichts 
anderes darin gesucht. 

Wenn ich nicht gerne selig wäre, so hätte ich auch 
gerne das gemächliche Leben gesucht, wie andere, 
aber wer Gott fürchten will, der muss Druck, Leiden, 
Bande und Gefängnisse erwarten; wir mögen doch 
nirgends einen sichern Ort haben, denn uns ist es 
nicht allein gegeben, an Gott zu glauben, sondern 
auch um seines Namens willen zu leiden. So betrübt 
euch denn nicht darüber, mein lieber Vater und mei- 
ne liebe Mutter, wenn ich hier um Christi willen des 



708 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Todes sterben muss, und die Menschen allerlei Übles 
von mir sagen, denn haben sie den Herrn Beelzebub 
genannt, wie viel mehr diejenigen, die an Ihn glau- 
ben? Darum verwundert euch nicht; unterlasst auch 
nicht, meinem kleinen Kinde wohlzutun, welches ich 
in großer Betrübnis während meiner Bande getragen 
und geboren habe, und welches ich wie meine Seele 
liebe, sodass ich nicht ohne Tränen davon schreiben 
kann, wenn ich an meinen lieben Mann denke, von 
welchem ich es empfangen habe, und welches ich 
nun hier lassen muss; aber der Herr weiß, warum Er 
es so gefügt hat, daß ich noch ein Waislein hier zu- 
rücklassen muss. Ich befehle es euch und dem, der es 
erschaffen und gemacht hat, und hoffe, daß Er ihm 
nichts Böses widerfahren lassen wird, obgleich es hier 
seines Vaters und seiner Mutter beraubt worden ist; 
der Herr weiß wohl, wie ich es getragen habe, und 
warum es geschehen ist. Darum tragt väterliche Sorge 
für dasselbe, mein lieber Vater, und du, liebe Mutter, 
solange ihr lebt; erweist die Liebe, die ihr zu mir tragt, 
meinem lieben Kinde. Wer den Baum liebt, der soll 
auch die Zweige lieben. 

Ach, ach, wenn es der Herr hinweg nehmen möch- 
te, welche große Freude würde mir das sein, weil ich 
sterben muss. Ach, wäre es des Herrn Wille gewesen, 
daß ich es noch hätte aufziehen mögen, wie würde ich 
es in Ehren gehalten haben um meines lieben Mannes 
willen, und hätte ich auch Mangel leiden müssen, so 
würde ich es doch nicht von mir gelassen haben; doch 
des Herrn Wille müsse geschehen. Vielleicht bin ich 
nicht tüchtig dazu, daß ich dem Herrn ein Opfer tue; 
Er hat vielleicht etwas in mir gefunden, daß Er mich 
noch hier sitzen lässt; ich dachte nicht, daß ich hier so 
lange sitzen würde, denn, lieber Vater, ich habe mich 
sehr vor einer langen Gefangenschaft gefürchtet, jetzt 
aber ist es mir doch begegnet, was mich sehr betrübt 
hat, indem ich weiß, daß es hier sehr viel kostet, und 
weil ich meiner Schwester hier so beschwerlich falle, 
denn sie hat hier viele Mühe und Unkosten, wiewohl 
ich weiß, daß sie es herzlich gern tut. Aber, mein lieber 
Vater, ich weiß wohl, daß ihr Vermögen nicht groß ist, 
und deswegen weiß ich es ihr nicht genug zu danken; 
ich habe es auch niemals an ihr verdient, was sie mir 
erwiesen und angeboten hat, denn sie hat die Liebe 
in der Not bewiesen; man hat bisweilen viele Freun- 
de, jedoch nur so lange, bis man sie nötig hat; in der 
Not soll man die Freunde kennen. Ach wäre ich im 
Anfang hinweggenommen worden, dann hättet ihr 
nicht nötig gehabt, um meinetwillen Kosten zu haben. 
Aber, mein lieber Vater und meine liebe Mutter, ich 
hoffe, daß ihr mich in der Not nicht verlassen werdet; 
ich hoffe, ihr werdet meiner Schwester die Kost bezah- 
len helfen und was noch übrig bleibt, wie ich in dem 


Briefe geschrieben, das sollt ihr für mein Kind aufbe- 
wahren. Mein Vater, du kannst wohl denken, daß wir 
nicht viel zu verzehren hatten, denn wir hatten nicht 
viel, als wir einander heirateten; ebenso waren wir 
auch noch nicht lange getraut, darum dachte ich, das 
was da wäre, wiewohl es nicht viel ist, solltest du für 
mein Kind behalten; und weil ihr schreibt, daß meine 
Schwester für mich Sorge tragen würde, so dachte 
ich, ihr werdet mir darin helfen. Meine Schwester hat 
ihr Bestes getan, mir zu helfen, ich weiß auch wohl, 
daß es ihr schwer fällt; sie haben auch viel daran ge- 
setzt, daß ich nicht ins Loch gehen musste, was ich 
gern hatte tun wollen, weil es so lange währt, und es 
hier so viel kostet, wiewohl man im Loche auch nicht 
ohne Kosten sitzt; auch kann man dort nichts sehen; 
sie wollen mich in keiner Not verlassen, und lieber 
Geldopfer bringen, als mich ins Loch gehen lassen. 
Weiter, lieber Vater, wisse, daß ich mit Hans von der 
Dam Briefe gesandt habe, ich habe aber noch keine 
Antwort erhalten; wenn ich ausgekämpft haben wer- 
de, so forsche nach, ob es noch etwas ist, es würde 
meinem Kinde wohltun. Ich habe auch meinem Kinde 
ein Testament geschrieben, wobei es sich meiner und 
seines Vaters erinnern kann; wenn es zu seinem Ver- 
stand gekommen sein wird, und du noch am Leben 
bist, so laß es ihm vorlesen, damit es wissen möge, 
warum sein Vater und seine Mutter gestorben sind. 

Weiter, lieber Vater, weiß ich dir nichts Besonderes 
zu schreiben; sollte ich dir aber nicht wieder schreiben, 
sondern meine Reise bald antreten müssen, ja, wenn 
es schnell vor sich gehen würde, so schreibe mir bald 
ein Brieflein, wie es mit euch und mit meinem Kinde 
steht, und wenn ihr etwas von Hans vernehmt, so lasst 
doch meinen Bruder Passchier einen Brief schreiben 
und denselben seinem Vater senden. 

Für dieses Mal nichts weiter. Hiermit noch einmal 
gute Nacht, mein lieber Vater und meine liebe Mut- 
ter, und alle meine Brüder und Schwestern. Vergesst 
meines lieben Kindes nicht um meinetwillen, und ge- 
denkt dabei meiner allezeit. Grüße meine Schwester 
sehr herzlich, und sage ihr in meinem Namen für al- 
le Gunst, die sie mir erwiesen hat, herzlichen Dank; 
der Herr wird es nicht unbelohnt lassen. Gehabt euch 
wohl, küsst mein Kind statt meiner und besucht es 
bisweilen. Grüßt Pleuntjen und Lieven herzlich, und 
sagt ihnen, daß ich sie bitte, an dem Kinde das Beste 
zu tun und es um meinetwillen zu lieben, denn es 
kommt von einem lieben Pfände her, welches ich über 
alles, was auf Erden ist, liebe; ich hoffe nun bald mei- 
nem Manne zu folgen, wenn es des Herrn Wille ist. 
Ach, hätte ich mit ihm sterben und das Reich Gottes 
mit ihm ererben mögen. Gehabt euch wohl; hiermit, 
mein lieber Vater und meine liebe Mutter, bleibt Gott 



709 


befohlen. 

Von mir, eurer lieben Tochter, Janneken Munstdorp, 
gefangen um des Zeugnisses Jesu Christi willen zu 
Antwerpen. 

Noch ein Brief von Janneken Munstdorp, des Hans 
von Munstdorp Hausfrau. 

Geschrieben an ihre Schwester, als sie um des Zeugnis- 
ses Jesu Christi willen im Gefängnis auf dem Steine zu 
Antwerpen lag, und mit drei andern zum Feuertode 
verurteilt worden war. Geschrieben im Jahre unseres 
Herrn 1573, den 5. Oktober, in der Nacht um 1 Uhr. 

Die überschwängliche und unaussprechliche große 
Gnade des Vaters, die Barmherzigkeit Gottes und die 
Gütigkeit und Liebe des Sohnes, so wie die Gemein- 
schaft des Heiligen Geistes, welcher uns vom Vater 
aus Gnaden hierher gesandt worden ist, durch den 
Namen unseres Herrn Jesu Christi, zum Trost und zur 
Freude aller treuen und wahren Kinder Gottes, durch 
welchen wir alle getrieben, gelehrt und unterrichtet 
werden, dieselbe, sage ich, bewahre deinen Verstand, 
dein Herz und deine Sinne in Christo Jesu, zum Lobe 
und Preise des Vaters, zum Heile deiner Seele und zur 
Auferbauung aller lieben Brüder und Schwestern, die 
den Herrn fürchten und die Wahrheit lieben. Derselbe 
Gott, der allein weise ist, wolle dich hierzu tüchtig 
machen; demselben sei Preis, Ehre und Kraft, Gewalt 
und Stärke, von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen, und 
zum ewigen Abschiede. 

Nach diesem meinem Herzenswunsch von Gott an 
dich, und zum Abschied an euch, meine sehr lieben 
Brüder in Gott, und an meine auserwählten, werten 
und herzgründlich geliebten Schwestern, lasse ich 
euch wissen, daß jetzt die Zeit gekommen ist, daß wir 
voneinander scheiden müssen; ich werde nun von 
jeder Trübsal befreit werden; kein Trauern, noch Seuf- 
zen wird mich mehr überfallen. Meine lieben Freunde, 
gute Nacht, gute Nacht, nun müssen wir hier schei- 
den. Da es nun der Herr so über mich verordnet hat, 
so bin ich getrieben, euch noch einmal etwas zu schrei- 
ben, zum letzten Male. Ich habe euch zwar gute Nacht 
geschrieben, aber nun geht es mir von Herzen, nun 
ist das Urteil über mich ergangen, daß ich sterben soll; 
ich sagte, sie sollten wohl Zusehen, denn sie müss- 
ten von unserem Blut schwere Rechenschaft geben; 
sie meinten aber, daß sie es nicht täten, es wäre des 
Königs Befehl. Ich sagte: Das wird euch nicht entschul- 
digen, aber der Herr wolle es euch vergeben, wenn ihr 
es unwissend tut, wiewohl ich denke, daß es vielen 
unter euch bekannt genug sein wird, was wir für ein 
Volk sind. Hierauf versuchten sie die Schuld von sich 
abzuwälzen. Ich sagte: Dasselbe tat Pilatus auch. Wor- 


auf sie erwiderten: Pilatus war ein gerechter Richter, 
und fügten hinzu, daß wir wider des Königs Gebot 
handelten. Ich sagte: Wir müssten Gott mehr gehor- 
chen als dem König. Es ist eine geringe Sache, daß 
ihr uns hier den zeitlichen Tod antut, denn wir wis- 
sen nicht, wie lange wir leben werden und müssen ja 
doch einmal sterben; dann setzte ich hinzu, sie sollten 
sich vorsehen und nicht unschuldiges Blut vergießen. 
So sind wir Vier nun verurteilt, und es wird mit uns 
bald getan sein, meine lieben Brüder und Schwestern; 
der Herr hat mich noch erhört, daß ich um seines Na- 
mens willen mein Opfer tun mag; ich meinte nicht, 
daß mich der Herr so lieb gehabt hätte; ich habe es ja 
doch niemals an Ihm verdient; aber Er wolle durch sei- 
ne Gnade mich hierzu tüchtig machen. Ach, welchen 
starken Nothelfer haben wir, der uns nicht zu Schan- 
den werden lässt; denn die Zeit, die ich hier gewesen 
bin, dünkt mich sehr kurz zu sein, und dennoch habe 
ich mich zuvor so sehr davor gefürchtet; dabei hat Er 
mir auch in aller meiner Not so getreulich beigestan- 
den, und macht mich nun so wohlgemut, daß ich von 
keiner Betrübnis zu sagen weiß. Ach, ach, wie stark ist 
unser Gott! Wer wollte Ihn nicht fürchten? Was sollte 
uns erschrecken? Gott ist mit uns, wer mag wider uns 
sein? Wir müssen ja doch hier alles verlassen; ich kann 
wohl sagen, daß noch niemals eine größere Freude in 
meinem Herzen gewesen ist, als ich hatte, da ich ver- 
urteilt ward. Meine liebe Schwester, fürchte doch nicht 
die Menschen, die wie Heu vergehen müssen, denn 
sie können doch nicht mehr tun, als ihnen der Herr 
zulässt. Meine lieben Brüder und Schwestern, fürchtet 
euch doch nicht; hätte es ihnen der Herr zugelassen, 
sie hätten mich so lange nicht sitzen lassen, aber nun 
lässt es ihnen der Herr zu, das gefällt mir wohl, daß 
sie mir aus dieser argen bösen Welt helfen werden, 
um des Unglücks willen, das mir in dieser Welt noch 
begegnen möchte, damit ich nicht abgewandt werde; 
denn ich erwarte hier in dieser Welt keine Freude um 
meines lieben Mannes willen, der mir auf diesem We- 
ge vorangegangen ist, welchem ich nun durch des 
Herrn Gnade nachtreten werde, und worauf ich lange 
gewartet habe. Ich gehe nun auch voran, folgt mir 
nach, dies ist der enge Weg, worauf die Propheten 
und Apostel gewandelt sind, welche den Kelch auch 
haben trinken müssen, den wir hier trinken müssen. 
Bald sind wir hier die Wüste durchwandelt, wenn wir 
noch ein bitteres Wasser getrunken haben; die Zeit 
zu gebären ist nun vor der Türe, Weinen und Klagen 
wird nun ein Ende haben. Ach, welche Freude ist das 
in meinem Herzen! Sie ist so groß, daß ich es euch 
nicht schreiben kann; ach, wie kräftig wirkt der Herr 
in unseren armen schwachen Gefäßen! Ich weiß ja, 
daß ich es an dem Herrn nicht verdient habe, und 



710 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


auch nichts als den ewigen Tod verdient habe. Wenn 
der Herr mit mir ins Gericht gehen wollte, so würde 
ich nicht selig; aber es geschieht aus lauter Gnade; 
darum muss ich nun die Seligkeit erwarten und weiß 
gewiss, daß er meiner vorigen Sünden nicht mehr ge- 
denken werde, wie der Prophet sagt: Wenn sich aber 
der Gottlose von allen seinen Sünden bekehrt und alle 
meine Rechte hält, so soll aller seiner Ungerechtigkeit 
nicht mehr gedacht werden. Ach, meine werte und 
sehr liebe auserwählte Schwester, die ich von Herzen 
lieb und wert habe, und das in göttlicher Liebe, weil 
du mir stets so viele Freundschaft erwiesen und mir 
in der Not beigestanden hast, wofür ich dir nicht ge- 
nug danken kann, denn ich bin nun hier eine arme 
schwache Kreatur; es ist auch recht, daß ich alles be- 
zahle, was ich schuldig bin, es sei nach dem Fleische, 
oder nach dem Geiste; aber, meine liebe Schwester, 
ich weiß dir nichts abzuverdienen, sondern danke dir 
sehr herzlich für alles das, was du mir jemals erwiesen 
hast. Ach, liebe Schwester, du schreibst mir, ich soll 
dir vergeben, was du mir Leides getan; ach, meine 
liebe Schwester, du hast mir nichts Leides getan; aber 
wisse, daß ich in vielem an dir zu kurz komme, doch 
ich vertraue dir, daß du es mit mir begraben, und 
dessen nicht mehr gedenken werdest. Ich weiß, daß 
ich in allem zu kurz komme; aber dafür ist Christus 
gestorben, um dasjenige zu bezahlen, worin wir zu 
kurz kommen, denn Er ist ja für uns des bittern Todes 
gestorben, da Er doch ohne Runzeln und Flecken war, 
und in seinem Munde kein Betrug erfunden ward, 
wie sollten wir für einen Gerechten nicht gerne des 
Todes sterben? Darum laß uns unserer selbst nicht 
schonen, sondern um des Namens Christi willen frei- 
willig in den Tod gehen, und nicht fürchten, was uns 
auch Menschen tun mögen. So sei denn wohlgemut, 
mein lieber Bruder und meine liebe Schwester; be- 
trübt euch doch nicht mehr um mich; wenn wir auch 
von den Menschen getötet werden, es ist doch so des 
Herrn Wille, denn ich weiß wohl, daß ihr um meinet- 
willen große Betrübnis habt; es ist nun geschehen; ich 
werde nun bald meinen letzten Feind überwunden 
haben, daß ich mit Paulus sagen kann: Ich habe einen 
guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, Glauben 
gehalten, hinfort ist mir die Krone des ewigen Lebens 
beigelegt; ich werde euch bald ein Brief sein, der vor 
allen Menschen wird gelesen werden können. Müs- 
sen wir, meine liebe Schwester, auch hier voneinander 
scheiden, so wisse doch, daß es um eines Bessern wil- 
len geschieht; wir haben ja doch weder Stunde noch 
Zeit; es ist ja herrlich, um seines Namens willen zu 
sterben, und Petrus sagt: Freut euch, wenn ihr um des 
Wohltuns willen leidet und duldet; das ist Gnade bei 
Gott. Aber, meine liebe Schwester, es ist nun die Reihe 


an mir; vielleicht ist morgen die Reihe an dir; habe 
doch guten Mut, und erwarte deine Zeit mit Geduld, 
meine allerliebste Schwester. Du schreibst mir von 
meinem Kinde; ich habe das Vertrauen zu dir, daß du 
das Beste dabei tun werdest; ich habe es dem Herrn 
übergeben, daß Er damit nach seinem Wohlgefallen 
tun und eure Herzen dazu bewegen wolle, denn liebe 
Schwester, ich habe das Vertrauen zu dir, daß du mich 
von Herzen liebest; die aber den Baum lieben, die 
müssen auch die Zweige lieb haben. Ich habe deinen 
Brief noch einmal mit Tränen gelesen, als ich hörte, 
daß du um meinetwillen so betrübt wärest, und ich 
so fröhlich war. 

Ach, meine liebe Schwester, wie freudig war ich, 
daß ich dich noch einmal geküsst hatte; betrübe dich 
nicht darüber, daß du mich nicht mehr besucht hast; 
ich habe es dir nicht übel aufgenommen, denn ich 
weiß es wohl, daß es dir am Willen nicht gemangelt 
hat. Meine liebe Schwester, du hast mir so viel getan; 
ach, mein lieber Bruder und meine liebe Schwester, 
ich sollte euch wohl noch mehr schreiben, von der 
Hoffnung, die jetzt in mir ist; aber ich kann euch nicht 
schreiben, wie groß sie ist; ich hoffe, ihr werdet dieses 
zum Besten deuten. Hiermit will ich einen ewigen 
Abschied von euch nehmen; tut das Beste aneinander. 
Und du, mein lieber Bruder, tröste doch meine liebe 
Schwester in ihrem Druck, den sie um meinetwillen 
hat, denn ich liebe sie von Grund meines Herzens; 
es fällt auch der Abschied dem Fleische nach schwer; 
aber dem Geiste nach wollest du doch den Herrn lo- 
ben und Ihm danken, daß ich ein solches Opfer tun 
möge, das Ihm angenehm sein mag, und daß ich mein 
Fleisch und Blut an einem Pfahle aufopfern mag; der 
es mir gegeben hat, dem gebe ich es gern wieder, und 
wenn ich sieben Leiber hätte, so wollte ich sie gern um 
des Herrn willen übergeben. Bittet doch den Herrn 
herzlich, daß ich doch mm einen rechten Gang tim mö- 
ge, zur Erbauung aller lieben Brüder und Schwestern; 
hiermit gute Nacht. Ich habe Stricknadeln für mein 
Töchterlein mitgesandt; verwahrt dieselben, und tut 
an ihr das Beste. Ich hinterlasse dich auch hier als ein 
armes vater- und mutterloses Waislein; der Herr wol- 
le dein lieber Vater sein, ich empfehle dich dem, der 
dich erschaffen und gemacht hat. Meine Schwester, 
verwahre doch meine Lampe zu meinem Andenken; 
ich habe für dich und deine Tochter etwas Zucker ge- 
sandt, wovon ich aß, als ich verurteilt war. Sage dem 
Engel statt meiner Dank für den Krug Wein, und sa- 
ge ihm gute Nacht. Ich weiß euch nun nichts weiter 
anzuempfehlen, als daß ihr das Beste an meinem jun- 
gen Schäflein tun wollt, der Herr wird es euch nicht 
unbelohnt lassen, was ihr um seines Namens willen 
tut. Entbietet meinem Vater und meiner Mutter, mei- 



711 


nen lieben Brüdern und Schwestern gute Nacht zum 
Abschiede. Gute Nacht zum Abschiede euch allen; 
gute Nacht, meine lieben Brüder und auserwählten 
Schwestern, die ich von Grund meines Herzens liebe. 
Ich grüße euch noch einmal mit dem heiligen Kusse 
des Friedens, als ob ich gegenwärtig bei euch wäre, 
küsst einander. Meine Mitschwestern, die bei mir sind, 
grüßen euch auch, und haben mich statt eurer einmal 
geküsst, was ich statt eurer auch getan habe. Meine 
lieben auserwählten Brüder und lieben Schwestern, 
werdet doch Jesu Christi nicht überdrüssig; ich hoffe 
euch vorzuwandeln nach der himmlischen Stadt, und 
will unter dem Altar warten bei allen auserwählten 
Heiligen; darum folgt mir nach. Meine liebe, auser- 
wählte Schwester, nun muss ich dir voran wandern; 
dort werde ich Freude genießen. Gute Nacht, meine 
liebe Schwester, sei doch meiner eingedenk; die Zeit 
meines Gebärens ist vor der Tür, wo ich an einem 
Pfahle mein Opfer tun werde. Sehr Geliebte, hiermit 
befehle ich dich dem Herrn. 

Ich werde dieses mit meinem Blute versiegeln. Gu- 
te Nacht, gute Nacht, meine allerliebsten Brüder und 
Schwestern, samt euren kleinen Schäflein, und auch 
dem meinen, das ich unter meinem Herzen getragen 
habe. Dieses habe ich noch für euch geschrieben, als 
ich verurteilt war, in der Nacht nach ein Uhr, wie- 
wohl ohne Verdruss, und nehme nochmals meinen 
Abschied von euch, bis wir demnächst wieder Zusam- 
menkommen, wo uns keine Menschen mehr scheiden 
werden. Gute Nacht, bis wir miteinander den neuen 
Most trinken werden, den uns Christus an seiner Tafel 
einschenken wird. Dieser andere Brief kommt vom 
Augustin, den er mir gesandt hat. Gute Nacht, gute 
Nacht insgesamt; gute Nacht, ich werde meinem lie- 
ben Mann Hans nachfolgen. Nun geht die Frau mit 
ihrer Hebamme und der Aufwärterin dahin und wer- 
den gleichen Lohn empfangen. Mehr nicht von mir, 
als diesen letzten Abschied. Folgt mir nach. Fürchtet 
Gott! Das ist der Schluss. 

Susanneken und Kalleken Claes, 1573. 

In diesem Jahre 1573 sind ferner zu Gent in Flandern, 
um der Nachfolge Christi willen, zwei Schwestern, 
die noch Jungfrauen waren, mit Namen Susannneken 
und Kalleken Claes oder Draeyarts verhaftet worden, 
von denen die zuerst genannte ungefähr 26, die ande- 
re aber ungefähr 24 Jahre alt war. Als dieselben auf 
dem Saucelet, dem Stadtgefängnis, gefangen saßen, 
haben sie von den Feinden der Wahrheit viel Versu- 
chung und Anstoß ausstehen müssen, in welchem 
allem sie bei ihrem einigen Hirten, Herrn und Herzog 
des Glaubens Stand gehalten; sie haben sein Kreuz 


und seine Schmach unter seiner Blutfahne tragen hel- 
fen und als tapfere Heldinnen männlich bis in den 
Tod gestritten, den sie um seines Namens willen ha- 
ben schmecken müssen. Da sie nun standhaft blieben 
und weder von der Wahrheit Gottes, noch von dem 
rechten Glauben, worauf sie nach Christi Ordnung 
die Taufe empfangen hatten, nicht abfallen wollten, so 
sind sie endlich als Ketzerinnen zum Tode verurteilt, 
und den vierten Dezember des gemeldeten Jahres, 
nachdem sie ihnen den Mund mit Kugeln verstopft 
(womit sie ihnen das Reden zu verwehren suchten, 
damit sie nicht die Ursache ihres unschuldigen, frei- 
mütigen, gutwilligen und Gott angenehmen Todes 
und ihrer Aufopferung verkündigen könnten), auf 
den Freitagsmarkt gebracht worden, wo man sie öf- 
fentlich an einem Pfahle verbrannt hat. 

Also sind sie mit brennenden Lampen und mit Ge- 
fäßen, die mit Öl der Liebe angefüllt waren, ihrem 
Vorgänger und Bräutigam entgegen gegangen, der 
sie als kluge Jungfrauen zu seiner Hochzeit einfüh- 
ren wird, wenn die Törichten, deren Klopfen bei ihrer 
späten Reue und unzeitigem Herzeleid nicht erhört, 
ausgeschlossen werden und draußen bleiben müssen. 

Anthonius Vsbaerts, 1573. 

Zu der Zeit, als der Herzog von Alba in den Nieder- 
landen die Gläubigen grausam verfolgte und seine Ty- 
rannei an ihnen ausübte, ist auch zu Tielt in Flandern, 
um seines Glaubens und der Belebung der Wahrheit 
willen, Anthonius Ysbaerts gefangen genommen und 
getötet worden. Derselbe war ein Diener des Ober- 
schultheißen zu Gent, und hat daher oft, als die Heili- 
gen aufgeopfert wurden, dabei gestanden, wiewohl er 
die unüberwindliche Standhaftigkeit im Glauben und 
die fröhliche Gemütsruhe der Christen, die mitten in 
ihrem unschuldigen Leiden den Namen Gottes un- 
verzagt bekannten, verkündigten und groß machten, 
nicht mit sündlichen, lüsternen, leichtfertigen und eit- 
len Sinnen, noch mit verblendeten Augen angesehen 
hat, sondern er ist dadurch zuletzt in seinem Gemüt 
so gerührt und bekümmert worden, daß er nicht al- 
lein den Dienst seines lieben Herrn, sondern auch den 
Dienst der Abgötter verlassen und sich dem Dienste 
Gottes widmete, obgleich er es oft angesehen hat, was 
andern deshalb widerfahren ist, und was er ebenfalls 
zu gewärtigen hatte, wie ihm denn solches auch in 
der Tat widerfahren ist. 

Nachdem er sich nämlich zum Gehöre des Wor- 
tes Gottes und zur Nachfolge Christi begeben hatte, 
worin er so zugenommen hat, daß er würdig erkannt 
wurde, die Taufe auf seinen Glauben zu empfangen 
und zu einem Mitglied der Gemeinde Christi aufge- 



712 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


nommen zu werden, hat er aus dem Lande fliehen 
müssen und ist nach Friesland gezogen, wo er, weil 
er kein Handwerk verstand, kaum seine Kost hat ver- 
dienen können. Unterdessen hat es sich zugetragen, 
daß ein anderer Bruder auch um seines Glaubens wil- 
len aus dem obengenannten Tielt geflüchtet ist und 
sich in Friesland häuslich niedergelassen hat, welcher, 
weil er viel Vermögen zurückgelassen hatte, diesen 
Anthonius gedungen und nach Tielt gesandt hat, um 
seine Rechnungen in Ordnung zu bringen und sei- 
ne Güter zu retten und ihm zu überbringen, so viel 
ihm möglich wäre. Als er nun alle Dinge, die ihm 
aufgetragen waren, beschickt hatte, und er eben im 
Begriffe stand, wieder nach Friesland zu reisen, kam 
der Oberschultheiß von Tielt zu ihm und fragte ihn, 
ob er nicht auch von dem Volk wäre, das ihn ausge- 
sandt hätte; und als er solches nicht leugnen durfte, 
hat der Schultheiß nach seinen Dienern gesandt und 
ihn ins Gefängnis führen lassen, wo er vielem Anstoß 
und großer Pein hat widerstehen müssen. Als er aber 
in allem standhaft bei der angenommenen Wahrheit 
blieb, ist er endlich, nach des Königs Befehle, zum 
Tode verurteilt worden, daß er als ein Ketzer lebendig 
verbrannt werden sollte. 

Als nun sein Urteil vorgelesen ward, hat er um 
Erlaubnis gebeten, einige Worte reden zu dürfen, und 
als er solche erhalten, fragte er die Herren, ob sie nicht 
glaubten, daß dieses Urteil zu grausam sei, indem er 
niemanden misshandelt hätte. 

Dieses hat die Richter in solche Bewegung gesetzt, 
daß sie zusammen redeten und beschlossen, daß man 
ihn zuerst erwürgen, dann aber erst verbrennen soll- 
te, wofür er sich bedankte, daß sie ihm noch so viel 
Gnade erzeigt hätten. 

Es war auch einer bei ihm, Bruder Pieter de Bäcker; 
dieser suchte noch viel mit ihm zu reden, um ihn zum 
Abfall zu bringen, aber er hat alle seine Reden von 
der Hand gewiesen und zuletzt gesagt: Laß mich zu- 
frieden; mein Gemüt ist ruhig, und mein Abschied ist 
sehr nahe, denn ich hoffe mein Opfer getan zu haben, 
ehe die Glocke, die nun schlägt, noch einmal schlagen 
wird, und dann zu Hause bei meinem Erlöser zu sein, 
auf welchen ich meine Hoffnung und mein Vertrauen 
gerichtet habe. 

Hiernach wurde er mit sehr schlechten Kleidern 
zum Tode hinausgeführt; denn er hatte seine Kleider, 
die besser waren, mit einem, der um seiner Misse- 
tat willen gefangen saß und bald darauf frei werden 
sollte, vertauscht. 

Da er nun zu dem Pfahle kam, woran er sein Op- 
fer verrichten sollte, ist er niedergekniet und hat ein 
ernstliches Gebet zu Gott getan, und darauf sich frei- 
willig zum Tode bereitet. Als aber der Scharfrichter 


ihn erwürgen wollte, konnte er seinen Knebel nicht 
finden; da hat der Schultheiß mit seinem Degen ein 
Stück von der Fackel abgehauen, womit sie das Feuer 
anzünden wollten, um dasselbe statt eines Knebels 
zu gebrauchen. Sodann ist er (als er seinen Geist in 
die Hände Gottes befohlen hatte) sanft in dem Herrn 
entschlafen. Als er nun erwürgt war, und das Feuer 
angesteckt wurde, um ihn zu verbrennen, ist auf ein- 
mal solch ein schreckliches Ungewitter entstanden, 
daß sich viele Menschen darüber entsetzten und der 
Meinung waren, daß Gott hiermit sein Missvergnü- 
gen über die Tyrannei, welche seinen Auserwählten 
angetan wurde, habe zu erkennen geben wollen. 

54 Personen, sowohl Brüder als Schwestern, 

nämlich 37 zu Antwerpen und 17 zu Brüssel, 
werden um des Zeugnisses Jesu Christi willen im 
Jahre 1574 sehr unbarmherzig verbrannt. 

Nach mancherlei und langwieriger Tyrannei, Peini- 
gen, Morden und Töten der Kinder Gottes ist es noch 
im Jahre 1574 auf Veranlassung des grausamsten und 
blutdürstigsten Tyrannen, des Herzogs von Alba, ge- 
schehen, daß zu Antwerpen in Brabant 37 Personen 
in einer Versammlung verhaftet worden sind; eben- 
so sind zu Brüssel in Brabant 17 Personen, Männer, 
Weiber, Witwen und Jungfrauen zu gleicher Zeit zur 
Haft gebracht, welche in diesen hier gemeldeten Plät- 
zen schwere Gefangenschaft erlitten haben und mit 
grausamer Tyrannei gepeinigt und verhört worden 
sind, um sie zum Abfall von der Wahrheit des heiligen 
Evangeliums und der Nachfolge Christi zu bringen, 
damit sie wieder dem päpstlichen Aberglauben und 
all ihrer Krämerei der Menschensatzungen und wider 
Gott streitenden Gebote nachfolgen möchten; insbe- 
sondere hat man sie mit grausamer Tyrannei gepei- 
nigt, um ihre Glaubensgenossen zu verraten und in 
die Hände des Schinders und der Henkersknechte zu 
liefern, denn sie waren noch nicht gesättigt, sondern 
dürsteten noch immer nach dem unschuldigen Blute; 
aber diese frommen Helden und Männer Gottes ha- 
ben diesen listigen und tyrannischen Anschlägen des 
Teufels, durch den Glauben und die unüberwindliche 
Kraft Gottes (die in ihnen war), tapferen Widerstand 
geleistet und überwunden; deshalb sind sie von den 
blinden Schriftgelehrten für Ketzer erklärt und den 
weltlichen Obrigkeiten in die Hände gegeben worden. 
Diese, welche von dem Weine der babylonischen Hu- 
re trunken gemacht waren, haben sich als Schinder 
und untertänige Diener dieser abgöttischen Pfaffen 
und Mönche in diesen und andern Zeiten gebrau- 
chen und diese 54 gemeldete Personen alle nach und 
nach unbarmherzig verbrennen lassen, sodass sie alle 



713 


standhaft gestorben sind und den Glauben der ewi- 
gen Wahrheit mit ihrem Tode und Blute bezeugt und 
befestigt haben, und wiewohl es öffentlichen Dieben 
und Mördern zugelassen wird, den Mund aufzutun 
und ihre Not dem umstehenden Volke zu bekennen, 
auch den Gott des Himmels um Vergebung ihrer Sün- 
den anzurufen, so ist doch die grausame Tyrannei 
und der Neid gegen die wahren Kinder Gottes so 
groß gewesen, daß ihnen solches oft verweigert wur- 
de. Zu dem Ende haben sie den frommen Zeugen 
Gottes den Mund mit Gebiss und Kugeln verstopft, 
damit sie dem umstehenden Volke ihre Unschuld und 
die gerechte Sache (warum sie litten) nicht mitteilen 
konnten; die Pfaffen und Mönche aber, als sie merk- 
ten, daß diese frommen Männer Gottes, wenn sie zum 
Gerichte kamen, sich von diesem Gebiss und diesen 
Kugeln wieder befreiten und dem Volke mit Gottes 
Wort zuredeten, haben, um diesem vorzubeugen, ein 
Werkzeug machen lassen, eine Art von Feilkloben; 
zwischen denselben haben sie die Gefangenen die 
Zunge stecken lassen und haben dann zugeschraubt; 
damit aber die Zunge nicht durchschlüpfen möchte, 
so haben sie dieselbe mit einem glühenden Eisen be- 
strichen, damit sie aufschwoll; dieses neu erfundene 
grausame Kunststück der Mönche und Pfaffen haben 
die Tyrannen, zu ihrer ewigen Schande, an diesen 
gemeldeten Personen zur Anwendung gebracht. 

Es haben aber diese wahren Zeugen Jesu dieses al- 
les als demütige Schafe und Lämmer Christi erlitten, 
die, als sie zur Schlachtbank geführt wurden, ihnen 
keinen Widerstand geleistet haben, sondern von den- 
selben unrechtmäßig getötet worden sind; aber es ist 
zu fürchten, es möchte ihnen diese Tat in der Wieder- 
kunft Christi (mit allzu später Reue) genug zu schaf- 
fen machen; dagegen werden diese tapferen Helden 
und Heldinnen, die so ritterlich für des Herrn Na- 
men gestritten haben, von ihrem Bräutigam Christo 
Jesu, auf dem Berge Zion, mit der Krone der ewigen 
Herrlichkeit belohnt werden, denn nun ist der Streit 
ausgeführt und sie ruhen unter dem Altar. 

Wem es gefällt, der lese Emanuel von Meteren der 
H. H. Staaten löblichen Geschichtsschreiber, gedruckt 
im Jahre 1614, Blatt 99, wo er die Wahrheit dieser 
Sache finden wird. 

Adrian Hutmacher und Matthäus Keuse, 1574. 

Zu Brügge in Flandern sind auch im Jahre 1574 Adri- 
an Hutmacher, sonst Kort-Adriaentgen von Gent ge- 
nannt, und Matthäus Keuse verhaftet worden, weil 
sie der Lehre Christi und seiner Apostel nachfolg- 
ten und sie belebten. Nachdem sie nun eine Zeitlang 
gefangen gesessen hatten, sind sie, um des standhaf- 


ten Bekenntnisses ihres Glaubens willen, zum Feuer 
verurteilt worden. Als sie nun auf die Schaubühne ka- 
men, um ihr Opfer zu tun, hat der Pfaffe einige Worte 
geredet, worauf der Scharfrichter zu ihm sagte: Sorge 
du für dein Predigen; darauf hat der Schinder oder 
Scharfrichter diese Brüder geküsst, und dieselben mit 
Gottes Wort getröstet; der Pfaffe aber, oder Beichtva- 
ter, als er solches hörte, sagte zu ihm: Sorge du für 
dein Amt, denn das Predigen kommt mir zu. Nach 
diesen und mehreren andern Vorgängen haben diese 
beiden Brüder ihr Brandopfer dem Herrn freimütig 
übergeben und ihre Seelen in seine Hände befohlen, 
und haben ihren Abschied in diesem Tränentale ge- 
nommen, damit sie in die ewige Freude zu Gott und 
allen seinen Heiligen kommen möchten. 

Hans Peltner, im Jahre 1574. 

Im Jahre 1574 ist Hans Peltner, ein Schneider, zu Rot- 
terhofen im Inntale um seines Glaubens und der gött- 
lichen Wahrheit willen in Verhaft genommen worden, 
welcher viele Verhandlungen und Anfechtungen, so- 
wohl von den Pfaffen, als andern hat erdulden müs- 
sen; er hat aber allem diesem tapferen Widerstand 
geleistet, und die Wahrheit mit dem Worte Gottes be- 
zeugt, wobei er mit Gottes Hilfe bis in den Tod bleiben 
wollte. Darauf ist er endlich zum Tode verurteilt, und 
auf den Richtplatz hinausgeführt worden, wo er das 
Volk ermahnt hat, daß es von Sünden ablassen und 
Buße tun sollte; darnach kniete er nieder, wandte sein 
Angesicht nach Osten (oder nach dem Aufgang der 
Sonne), erhob seine Hände gen Himmel, und hat ein 
ernstliches Gebet zu Gott, seinem himmlischen Vater, 
getan, worin er Ihm für alle Gnade und Wohltat, die 
Er an ihm bewiesen, und daß Er ihn gewürdigt hatte, 
um seines Namens willen zu leiden, Lob und Dank 
gesagt hat; auch hat er für alle Menschen, die es wür- 
dig waren, gebeten, daß Gott ihre Herzen mit Buße 
und Besserung erfüllen wolle. Zuletzt hat er seinen 
Geist in die Hände Gottes befohlen, für dessen Namen 
er seinen Leib und sein Leben (welches er von Ihm 
empfangen hatte) gern wieder aufopfem und seine 
Wahrheit bis an den letzten Tropfen Blutes bezeugen 
wollte, wie er Ihm in der Taufe angelobt hatte, und so 
erwarten wollte, daß er von Ihm in die Arme seiner 
Gnade aufgenommen würde. 

Dieses Gebet währte dem Scharfrichter zu lange; 
darum wollte er, daß er solches abkürzen sollte; aber 
die Richter sagten, er sollte ihn nach seinem Willen 
und Wohlgefallen ausbeten lassen, weil es ja das letzte 
Mal wäre. 

Als er ausgebetet hatte, ist er aufgestanden und 
freimütig zum Scharfrichter gegangen, sodass weder 



714 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


seine Haltung noch seine Farbe sich verändert hat; 
er ist aber noch einmal so beherzt niedergekniet, daß 
sich auch der Scharfrichter über sein herzhaftes Gebet 
und unverzagtes Gemüt entsetzt und sich gefürchtet 
hat, ihn zu richten. 

Als nun der Scharfrichter ihm den Halskragen ab- 
nahm, fragte er ihn noch einmal, ehe er das Schwert 
nahm, ob er umkehren wollte, aber er wollte es nicht. 
Darauf enthauptete ihn der Scharfrichter und ver- 
brannte seinen Leichnam. Also hat dieser christliche 
Held die Wahrheit mit seinem Blute frei bezeugt, und 
sich von dem Wege des ewigen Lebens in Christo 
nicht abwenden lassen; darum wird der Herr, der 
Richter der Lebendigen und der Toten, der das Ge- 
richt und die Seelen derer, die um des Glaubens willen 
gestorben sind, in seiner Hand hat, ihn am jüngsten 
Tage aufwecken, und vor sich erscheinen lassen; als- 
dann wird er die Marterkrone und alles erben, was 
Gott den Seinen verheißen hat. 

Reytse Aysetz von Oldenborn wird zu Leeuwarden 

um des Zeugnisses Jesu Christi willen den 23. 

April im Jahre 1574 getötet. 

Verschiedene Schreiben von Reytse Aysetz von Olden- 
born, gefangen zu Leeuwarden, im Jahre unsers Herrn 
1574. Der erste Brief, von Reytse Aysetz in seiner Ge- 
fangenschaft geschrieben, wie er von dem Edelmanne 
(Andreas Grief genannt) verraten, gefangen und in 
Banden gelegt worden sei, wo er seinen Glauben frei- 
mütig und unerschrocken bekannt hat. 

Es ist im Jahre 1573 den 18. September gewesen, daß 
ich nach Oldenborn gekommen bin; dort ist mir der 
Edelmann begegnet; derselbe begehrte von mir, ich 
sollte mit ihm gehen, er hätte mir etwas zu sagen. Als 
ich mm mit ihm in sein Haus kam, fragte er, wo ich 
wohnte; ich antwortete: Zu Bechsterschwaeg. Darauf 
fragte er mich, wie alt ich wäre; ich sagte, ich wüsste 
es so genau nicht; ferner hat er mich gefragt, wo ich 
über Nacht gewesen wäre; ich sagte: In meines Va- 
ters Hause. Er fragte mich, ob H. nicht dort gewesen 
wäre; hierauf schwieg ich still, worauf er so ernst- 
lich in mich gedrungen ist, daß ich zuletzt ja sagte. 
Darauf fragte er mich nach mehreren andern, ich aber 
schwieg lange still; zuletzt, nach vielen Versuchungen, 
sagte ich, daß W. auch dort gewesen sei, und daß wir 
von jeher große Freundschaft miteinander gehalten 
hätten; nachdem wir noch einiges verhandelt hatten, 
schwieg ich still. Darauf hat er mich in Fesseln gelegt, 
und mich mit den Altvätern von 1500 Jahren her, und 
andern Schriften, die im Neuen Testament nicht ent- 
halten sind, zu unterrichten gesucht; ich sagte, daß 
ich keine anderen Schriften annehmen wollte, als das 


Neue Testament. 

Am andern Tage Morgens kam ein Unterschulz von 
Leeuwarden, welcher sehr in mich gedrungen, ihm 
zu bekennen, was für Leute in meines Vaters Haus 
gewesen wären, aber der allmächtige Gott hat mei- 
nen Mund bewahrt. Hiernächst haben sie mich nach 
Leeuwarden geführt und in ein Loch geworfen, worin 
sich acht Gefangene befanden, die nach Gott nichts 
fragten; dort war ich anfänglich sehr betrübt, und rief 
den allmächtigen Gott Tag und Nacht an, daß Er mich 
bewahren wolle; Er hat auch mein Herz erleuchtet, 
weshalb ich dem ewigen Vater für seine großen Wohl- 
taten, die Er an mir bewiesen hat, Lob und Dank sage. 
Nachdem ich hier fünf Tage gelegen hatte, haben sie 
mich in ein anderes Gefängnis gebracht, unter eine 
Herrschaft, wofür ich Gott gelobt und gedankt habe. 

Verschiedene Verhöre des Reytse Aysetz, durch 

den Verordneten, die Pastoren, Pfaffen, Bischöfe 
und mehrere andere gehalten. 

Den sechsten Tag haben sie mich vor den Verordne- 
ten gebracht; unterwegs aber begegnete mir ein alter 
Mann, der mir einen guten Abend bot; ich dankte ihm 
und erschrak, als ich ihn ansah; aber er sagte zu mir: 
Du hast einen bösen Verordneten; er redete viel mit 
mir, unterrichtete mich auch, wie ich dem Verordne- 
ten antworten sollte, und so bin ich hinein gegangen. 

Der Verordnete wünschte mir zunächst einen gu- 
ten Tag, welchen Gruß ich erwiderte; dann fragte er 
mich, was ich hier zu tun hätte; ich sagte, ich wäre 
wider meinen Willen hergebracht worden. Weiter hat 
er gefragt, was ich glaube. Antwort: Ich glaube an den 
allmächtigen Gott, und daß nicht mehr als ein Herr, 
ein Glaube und eine Taufe ist, wodurch wir selig wer- 
den; er sagte, daß er solches auch wohl glaubte, aber 
ich wäre verführt. Ich fragte ihn, ist denn Gott ein 
Verführer? Commissarius: Nein, sondern von Menno 
und andern Verführern. Ich sagte, ich gründete mich 
nicht auf Menschen, sondern auf das Wort des Herrn. 
Er sagte: Ich sollte mich unterrichten lassen von der 
heiligen katholischen Kirche, denn Gott hätte selbst 
Apostel, Doktoren und Pastoren eingesetzt. Ich sagte, 
ich glaube an nichts anderes, als an das Wort Gottes 
und das Neue Testament. Darauf hat er mich gefragt, 
ob ich getauft wäre; worauf ich erwiderte, ja, auf mei- 
nen Glauben, wie Christus befohlen hat. Da hielt er 
eine lange Rede, daß Christus sein Fleisch und Blut 
von Maria empfangen habe und daß ich es glauben 
müsste. Hiernächst fragte er mich, wann ich mich das 
letzte Mal der Beichte und des Sakraments bedient 
hätte; ich erwiderte, während meines ganzen Lebens 
nicht, worüber wir noch manches hin und her rede- 



715 


ten; er ermahnte mich, ich sollte mich von der heiligen 
Kirche unterweisen lassen; darauf ging er fort; solches 
ist am Freitag geschehen. Nachdem ich sechs und ei- 
ne halbe Woche gefangen gesessen hatte, haben sie 
mich auf die Pforte gebracht; dort traf ich einen Pastor 
von Ryehoof (derselbe ist Pastor zu Enchuysen gewe- 
sen) und einen Advokaten; diese fragten mich, wie 
ich mich bedacht hätte; ich erwiderte, daß ich bei des 
Herrn Worte bleiben wollte. Hiernächst nahmen sie 
eine Schrift zur Hand, die mein Bekenntnis enthielt; 
sie fragten mich darauf, ob ich der Mennoniten Ge- 
meinde für recht erkenne; ich sagte, ihr nennt sie so, 
aber ich halte sie für die wahre Gemeinde Gottes; das 
schrieben sie nieder. Darauf fragten sie mich, ob ich 
auf meinen Glauben getauft wäre; ich sagte ja; dann 
fragten sie mich, ob ich in meiner Jugend nicht getauft 
worden sei; ich sagte ja, aber das sei keine Taufe wie 
Christus befohlen habe, denn Christus hat gelehrt, zu- 
erst Buße zu tun und sich zu bekehren, und alsdann 
sich taufen zu lassen, zur Vergebung der Sünden; seht, 
ebenso habe ich mich auch taufen lassen. 

Darauf sagten sie, daß die Kinder in der Erbsünde 
geboren wären, darum müssten sie auch durch die 
Taufe gereinigt werden; ich antwortete: Christus hat 
uns von Adams Falle und Übertretung erlöst, dar- 
um sagt Er selbst, daß den Kindern das Himmelreich 
zukomme; sie sagten, ja, aber das wären beschnit- 
tene Kinder. Darauf fragten sie, ob ich wohl in der 
Mennoniten Gemeinde gewesen wäre; ich erwiderte, 
daß ich in der Gemeinde Gottes gewesen wäre; die- 
ses schrieben sie auf. Frage: Was hältst du von der 
römischen Kirche? Antwort: Ich halte nichts davon. 
Frage: Was hältst du von dem Sakrament? Antwort: 
Ich habe mein Leben lang noch nie von einem Sa- 
krament gelesen, sondern von dem Abendmahl des 
Herrn; dasselbe wollte ich wohl halten, wie es Chris- 
tus befohlen hat; aber von eurem Sakrament halte ich 
nichts. Frage: Glaubst du auch, daß Gott allmächtig 
ist? Ich antwortete: Ja. Dann fragten sie weiter, ob Gott 
um deswillen nicht in das Brot kommen würde, das 
sie brächen? Antwort: Das glaube ich nimmermehr. 
Auch fragten sie, ob ich nicht glaubte, daß Christus 
von Maria Fleisch und Blut angenommen hätte; ich 
entgegnete mit kurzen Worten, daß ich solches nicht 
glaubte. 

Dies sind hauptsächlich die Artikel, um welche sie 
mich gefragt hatten, wobei ich bemerke, daß sie alles 
aufschrieben. Darauf fragte ich den Pfaffen: Wenn ich 
nun euren Willen tun würde, wolltet ihr dann für mei- 
ne Seele einstehen? Er sagte, ja, für dich und die ganze 
Welt; ich sagte, das lautet, wie der Apostel sagt: Sie 
verheißen ihnen Freiheit, während sie selbst Knech- 
te des Verderbens sind. Er sagte: Das wäre nicht zu 


ihnen geredet. Nach vielen andern Reden, die wir mit- 
einander hatten, entließen sie mich, und so nahmen 
wir damals unsern Abschied voneinander. 

Als ich sieben Wochen gefangen gelegen hatte, bin 
ich abermals aufs Tor in einen großen Saal gebracht 
worden; in demselben traf ich drei Pfaffen; der eine 
war der von Ryehoof, bei welchem ich oft gewesen bin, 
der andere war ein Friesländer; diese fragten mich, 
wie ich mich bedacht hätte; ich antwortete, daß ich, 
mit Gottes Hilfe, bei des Herrn Wort bleiben wollte; er 
sagte, daß es Gottes Wort nicht wäre, und daß ich ver- 
führt wäre; es täte ihm leid, weil wir beide Friesländer 
wären; auch fügte er hinzu, wenn man zeitliche Din- 
ge unter den Händen hat, die man nicht versteht, so 
sucht man Rat bei denen, die in solchen Sachen weise 
und verständig sind, und lässt sich unterrichten; dar- 
um ist es nötig, daß man sich auch in Sachen, welche 
die ewige Seligkeit betreffen, von verständigen Män- 
nern der heiligen Kirche unterweisen lässt. Antwort: 
Wer mir aus des Herrn Worte einen rechten Unterricht 
gibt, den will ich gern hören, aber durch euren Un- 
terricht könnte ich wohl verführt werden; sie sagten, 
ich wäre schon verführt; wenn ich mich aber von der 
heiligen Kirche unterrichten lassen wollte, so wollten 
sie ihre Seelen am jüngsten Tage für mich zum Pfän- 
de setzen; ich erwiderte, sie würden wohl mit ihren 
eigenen Seelen genug zu tun haben; aber sie blieben 
dabei stehen, ich wäre verführt. Zuletzt kamen wir 
an die Kindertaufe; sie sagten, die Kinder wären in 
der Erbsünde geboren. Ich antwortete: Christus hat 
uns frei gemacht und die Kinder zu sich gerufen und 
bezeugt, daß solcher das Reich Gottes wäre. Pfaffe: 
Fleisch und Blut kann das Reich Gottes nicht ererben, 
darum muss man aus Wasser und Geist geboren wer- 
den; daraus folgt ja, daß die Kinder getauft werden 
müssen, sollen sie anders wiedergeboren werden und 
das Reich Gottes ererben. Reytse: Die Kinder stehen in 
der Gnade Gottes, solange sie in ihrer Unwissenheit 
bleiben und durch das Blut Christi gewaschen sind; 
darum ist es eine nichtige und vergebliche Sache, sie 
zu taufen. Pfaffe: Wie verstehst du die Wiedergeburt? 
Reytse: Ein Mensch muss rechtschaffene Buße tun 
und sein Leben bessern; er muss seine Sünden mit zer- 
schlagenem Gemüt vor Gott bekennen, daß sie ihm 
von Herzen leid seien, und mit Vertrauen zu Gott um 
Vergebung rufen; auch muss er an Gottes Wort glau- 
ben und in allem Gehorsam sich darunter beugen; auf 
solches Bekenntnis soll er die Taufe empfangen, zur 
Vergebung der Sünden; solches kann ja von keinen 
Kindern geschehen. Pfaffe: Gleichwohl müssen die 
Kinder getauft werden, denn die Apostel haben gan- 
ze Häuser getauft, darunter müssen ja auch Kinder 
gewesen sein. Reytse: Das Haus Stephanus hat sich 



716 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


selbst verordnet, zum Dienste der Heiligen, solches 
können keine Kinder tun. Hiernächst führten sie an, 
daß die Apostel zuerst, und nach ihnen die heiligen 
Väter vor 1500 Jahren sie eingesetzt hatten; ich erwi- 
derte, der Papst hätte sie eingesetzt; derselbe hätte es 
besser machen wollen als Christus. 

Da wurden sie unwillig und sagten, ich wäre ver- 
führt, ich würde Leib und Seele in das Verderben stür- 
zen; ich antwortete, das Leben könnten sie mir wohl 
nehmen, die Seele aber würde ich wohl erhalten, zum 
ewigen Leben. Pfaffe: Was hältst du von der heiligen 
römischen Kirche? Reytse: Daran glaube ich nicht. 
Pfaffe: Glaubst du nicht, daß die Priester die Sünden 
vergeben können? Reytse: Nein, nein, denn Gott ist al- 
lein, der die Sünden vergeben kann; dieses schrieben 
sie auf. Pfaffe: Glaubst du nicht, daß Gottes Fleisch 
und Blut in dem Brote sei, das wir brechen? Reytse: 
Nein. Pfaffe: Das ist klar genug, denn Christus spricht: 
Nehmt, esst, das ist mein Leib, dagegen kannst du 
nichts einwenden. Reytse: Christus hat seinen Jüngern 
Brot zu essen und Wein zu trinken gegeben, wie die 
Evangelisten bezeugen, und nicht seinen Leib, denn 
Er saß noch dort bei ihnen leibhaftig an der Tafel; auch 
sagte Er zu seinen Jüngern, die seine Worte fleischlich 
verstanden, wie ihr tut, und darüber murrten: Das 
Fleisch ist nichts nütze; die Worte, die ich rede, sind 
Geist und Leben. Sein Fleisch und Blut hat Er dahin 
gegeben zur Erlösung für viele, und nicht, daß man 
sein Fleisch essen soll; Er sitzt zur rechten Hand Got- 
tes, seines allmächtigen Vaters, und wird nicht von 
dannen kommen, bis Er die Lebendigen und Toten 
richten wird. Darum wird Er nicht unter eure Zähne 
kommen. Pfaffe: Dennoch sagt Paulus: Das Brot, das 
wir brechen, ist das nicht der Leib Christi? Der Kelch, 
den wir segnen, ist der nicht das Blut Christi? Darum 
muss man glauben, daß Gottes Fleisch und Blut in 
dem heiligen Sakrament sei. Reytse: Ich habe nichts 
von einem Sakrament gelesen, sondern von des Herrn 
Abendmahl; dasselbe wollte ich mit der Gemeinde 
Gottes gern halten, aber das übrige begehre ich nicht. 

Sie hatten davon noch viel mehr Reden, die mir zu 
weitläufig sind zu erzählen; sie hielten das Sakrament 
so hoch, daß sie auch ihr Haupt entblößten, wenn 
sie es nannten; auch sahen sie mich scharf an, weil 
ich demselben keine Ehre erweisen wollte. Sie frag- 
ten mich auch, ob ich nicht glaubte, daß Christus von 
Maria Fleisch und Blut empfangen hätte. Ich erwider- 
te: Christus ist durch seine göttliche Kraft aus dem 
Himmel gekommen, von dem Heiligen Geist in Maria 
empfangen und aus ihr geboren, hat die Gestalt eines 
Knechtes angenommen, und ist uns in allem gleich 
geworden, ausgenommen die Sünde, sodass er nicht 
aus dem Geblüt noch aus dem Willen des Fleisches 


geboren ist, viel weniger von Maria Fleisch und Blut 
angenommen hat, sondern es ist so zugegangen, daß 
es Maria selbst zuerst nicht verstehen konnte, denn 
sie fragte den Engel: Wie soll das zugehen, indem ich 
von keinem Manne weiß? Der Engel antwortete ihr: 
Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die 
Kraft Gottes wird dich überschatten; weshalb auch 
das Heilige, das von dir geboren werden wird, Gottes 
Sohn genannt werden soll. Dagegen sagten sie nicht 
viel. Pfaffe: Glaubst du nicht, daß man die Heiligen im 
Himmel ehren und anbeten müsse? Reytse: Die Heili- 
gen ehren, solches wollte ich wohl tun, denn man ehrt 
ja Menschen, aber sie nicht anbeten, sondern ich will 
Gott allein anbeten, denn es steht geschrieben: Den 
Herrn, deinen Gott, sollst du anbeten und Ihm allein 
dienen. Pfaffe: Was glaubst du von dem Fegefeuer? 
Reytse: Ich habe es nicht gelesen, daß ein Fegefeuer 
sei; wo steht das geschrieben? Pfaffe: In den Büchern 
der Makkabäer. 

Sodann ermahnte er mich, ich sollte mich von der 
heiligen Kirche unterrichten lassen, welche schon 1500 
Jahre gestanden hätte; unsere Sekte aber wäre erst 50 
Jahre alt, denn Menno Simon hätte sie zuerst einge- 
führt. Reytse: Es hat von Anfang der Welt zweierlei 
Völker gegeben, ein Volk Gottes und ein Volk des Teu- 
fels; aber die Kinder Gottes sind allezeit verfolgt und 
verjagt worden, deshalb ist ihre Zahl immer die ge- 
ringste gewesen, ja bisweilen so gering, daß sie sich in 
Klüften und Höhlen haben verbergen müssen, denn 
wenn sie nicht von der Welt sind, so kennt sie auch 
die Welt nicht; aber die Gottlosen sind stets mächtig 
gewesen und haben die Oberhand gehabt; darum er- 
kennt weder ihr noch eure Väter die Kinder Gottes, 
sondern ihr meint, daß sie erst entstanden seien. Sie 
sagten, ich sei verführt, ihre Kirche sei von Anfang 
her so gewesen. Ich antwortete: Wenn wir vor Christi 
Richterstuhl kommen werden, so wird man die Sache 
anders befinden; dann werdet ihr sagen: Diese sind 
es, die wir zum Spott hielten, ach, wie sind sie nun 
unter die Kinder Gottes gezählt. Auch redeten sie mir 
zu, ich sollte mich der Schrift nicht annehmen; ich 
sollte unbedingt zur Kirche gehen und mich von ihr 
lehren lassen, und nicht hartnäckig sein, weil doch die 
Schrift sagt, daß alle Worte in zweier oder dreier Zeu- 
gen Munde bestehen; hier waren ihrer drei Zeugen; 
ich wäre verbunden, ihnen zu glauben. Reytse: Ich 
glaube des Herrn Wort viel mehr, als eurem Zeugnis; 
ich will davon nicht abweichen; durch Gottes Gnade 
hoffe ich dafür zu leben und zu sterben, weil Christus 
sagt: Wer mich vor den Menschen bekennt, den will 
ich wieder bekennen vor meinem himmlischen Vater. 

Wir redeten noch viel mehr miteinander, welches 
zu weitläufig sein würde zu erzählen. Sie setzen mir 



717 


so vernünftig zu, daß ich hätte unterliegen müssen, 
wenn der Herr nicht auf meiner Seite gewesen wäre; 
darum kann ich wohl sagen: Der Herr ist mein Helfer, 
vor wem sollte ich mich fürchten? 

Als ich neun Wochen gefangen saß, führte man 
mich abermals auf die Pforte; dort waren zwei Pfaf- 
fen und des Bischofs Verordneter; der eine derselben 
war der vom Ryehoof, der andere war vom Lande. 
Als ich zu ihnen kam, entblößte ich mein Haupt und 
grüßte sie. Sie fragten mich zunächst, wie ich mich 
bedacht hatte, ob ich mich nicht bessern wollte. Ich 
erwiderte: Ja, so viel als in meinem Vermögen wäre. 
Da brachten sie einen Brief zum Vorschein, worin die 
Artikel enthalten waren, die ich zuvor bekannt hat- 
te; diese haben sie mir vorgelesen und mich gefragt, 
ob ich dabei bleiben wollte. Ich sagte: Ja. Sie sagten, 
dann wäre ich verdammt, und würde Leib und Seele 
ins ewige Verderben stürzen. Reytse: Wie dürft ihr 
mich so grausam verurteilen, da doch das Urteil dem 
Herrn zukommt? Pfaffe: Du hast gegen die Schrift ge- 
handelt und bist von der heiligen Kirche abgegangen, 
die schon über 1500 Jahre gestanden hat, eure Sekte 
aber hat noch nicht über 50 Jahre gestanden; auch 
hast du dich wiedertaufen lassen, da du doch einmal 
getauft warst. Da hatten wir abermals viele Reden 
von der Taufe; seine Meinung war die, daß die Kinder 
in Ewigkeit verdammt sein müssten, die ohne Taufe 
sterben. Reytse: Fürchtest du dich denn nicht, die ar- 
men unschuldigen Kinder so grausam zu verurteilen, 
da ihnen doch Christus das Himmelreich zugesagt 
hat, solange sie nämlich in der Unschuld bleiben. Pfaf- 
fe: Es kann niemand ins Himmelreich kommen, es 
sei denn, daß er zuvor aus Wasser und Geist gebo- 
ren werde; darum müssen die Kinder getauft werden, 
wenn sie selig werden sollen; auch haben die Apo- 
stel viele Häuser getauft, worunter ja auch Kinder 
gewesen sind. Reytse: So viel die Hausgenossen be- 
trifft, so steht dabei geschrieben, daß Stephanus' Haus 
sich selbst zum Dienste der Heiligen ergeben habe, 
das ist ja kein Werk der Kinder; auch steht von Cor- 
nelius' Haus ebenso geschrieben, daß Cornelius, der 
Hauptmann von Cäsarien, als er seine Freunde und 
Verwandten in sein Haus zusammenberufen hatte, 
unter andern Worten zu Petrus gesagt habe: Du hast 
wohlgetan, daß du gekommen bist; nun sind wir hier 
alle gegenwärtig vor Gott, um zu hören, was dir Gott 
befohlen hat. Als nun Petrus noch zu ihnen redete, 
fiel der Heilige Geist auf alle, die solches hörten, und 
die Gläubigen aus der Beschneidung, die mit Petrus 
gekommen waren, verwunderten sich, daß die Gabe 
des Heiligen Geistes auch auf die Heiden ausgegos- 
sen wurde, denn sie hörten, daß sie mit Zungen re- 
deten und Gott verherrlichten. Da antwortete Petrus: 


Mag auch jemand das Wasser wehren, daß diese nicht 
getauft werden, die den Heiligen Geist empfangen 
haben, gleichwie wir? Daraus kannst du ja merken, 
wenn du nicht ganz mit Blindheit geschlagen bist, daß 
dieses von keinen Kindern geredet werde. Ferner: Pau- 
lus hat dem Kerkermeister und allen, die in seinem 
Hause waren, das Wort Gottes verkündigt, und als sie 
getauft waren, erfreute er sich mit allen denen, die in 
seinem Hause waren, daß er an Gott gläubig gewor- 
den wäre, was aber der Kinder Vernunft übersteigt, 
denn die Predigt des Wortes Gottes zu verstehen, dar- 
an zu glauben und um des Glaubens willen sich zu 
erfreuen, solches ist von den Kindern weit entfernt. 
Sie sagten, es wären noch viele andere Schriften, die 
davon zeugten, aber ich begehrte keine solche anzu- 
nehmen, als das Neue Testament, welches Christus 
mit seinem teuren Blute versiegelt hat. Darauf fragten 
sie mich, ob der Heiden und Türken Kinder die Selig- 
keit auch erlangten? Ich antwortete: Ja, ebenso gut, als 
eure getauften Kinder. Darüber verwunderten sie sich 
sehr, redeten trotzig zu mir und verdammten mich. 
Der eine Pfaffe saß bei mir und sagte, wie ich solche 
Worte reden dürfte, er wüsste ebenso gut, daß ich 
verdammt wäre, als er wüsste, daß ich bei ihm säße. 
Ich lachte und sagte: Wie kannst du es besser wis- 
sen? Nach vielen Reden, die wir miteinander wegen 
der Kindertaufe hatten, sagte ich zuletzt, daß ich es 
nicht anders glaubte, als ich bekannt hätte. Abermals 
fragten sie mich, ob ich noch nicht glaubte, daß unser 
Herr unter der Gestalt des Brotes sei. Ich entgegnete: 
Das glaube ich nicht, denn Er wird nicht unter eure 
Zähne kommen. Ich fragte den Pfaffen, ob er es wohl 
glaubte; da streckte er seinen Finger aus und sagte, 
er glaube eher, daß Gott im Brote sei, als er glaubte, 
daß dieses sein Finger wäre. Nachdem sie sonst noch 
mehr mit mir geredet hatten, brachten sie ein sauberes 
Papier zum Vorschein und verhörten mich aufs Neue 
wegen aller Artikel, ob ich der Mennoniten Gemeinde 
für Recht erkenne, und wie lange es schon sei, daß 
ich getauft worden wäre. Ich antwortete: Ungefähr 
vier Jahre, und so fragten sie mich über alle Artikel. 
Ich antwortete auf dieselbe Weise wie zuvor; solches 
alles haben sie ganz genau aufgezeichnet, um es den 
Herren zu übergeben. Zuletzt, als alle Reden zu Ende 
waren, haben sie eine Schrift sehen lassen, die das 
Urteil enthielt, das der Bischof über mich beschlossen 
hatte; darin haben sie mich als einen ungläubigen, un- 
gehorsamen und widerspenstigen Ketzer verdammt, 
und haben mich den Händen der weltlichen Richter 
übergeben. Nachdem er mich nun genugsam ermahnt 
hatte, und ich mich nicht unterrichten lassen wollte, 
nahm er, wie Pilatus, Handwasser, und meinte, auch 
an meinem Blute rein zu sein, und daß ich nunmehr 



718 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


das Urteil erwarten müsste; mit diesen Worten haben 
sie mich abtreten lassen. 

Nachdem ich zwölf Wochen gefangen gesessen hat- 
te, führten sie mich in des Schlossvogts Haus; da war 
der Bischof, ein Ratsherr, der Pastor von Oudenhoof 
und der Pastor von Ryehoof, sowie der Pastor von 
Jorwert und des Bischofs Commissarius. 

Nachdem sich dieselben gesetzt hatten, ließen sie 
mich vorführen. Als ich nun hineinkam, nahm ich mei- 
nen Hut ab und setzte mich wie ein Schaf mitten unter 
einen Haufen Wölfe. Sie sahen mich scharf und ernst- 
haft an; aber der Herr, mein Gott, auf den ich mich 
verlasse, stärkte mich, und gab mir ein freimütiges 
Herz, sodass ich mich vor ihnen allen nicht fürchtete. 
Der Bischof fragte mich, ob ich noch in dem Glauben 
bleiben wollte; zuerst schwieg ich eine Zeitlang, denn 
ich hielt es für unnötig, diese Reden zu beantworten; 
aber er brachte so viele Reden vor, daß ich zuletzt ge- 
nötigt wurde, mich zu verantworten, wiewohl ich mir 
vorgenommen hatte, nicht mehr zu disputieren; ich 
bestrafte sie bisweilen und widersprach ihnen wegen 
ihres groben Unverstandes, denn es verdross mich, 
daß die Wahrheit so gelästert werden sollte, damit sie 
nicht meinen möchten, als ob ich ihnen zustimmen 
wollte. Der Inhalt ihrer Reden war, ich sei verführt, 
und die mich gelehrt hätten, seien Verführer gewesen, 
wie Menno; derselbe sei ein Landläufer gewesen. Ich 
erwiderte: Ich gründe mich nicht auf Menno noch auf 
Menschenlehre, sondern allein auf das Wort Gottes, 
dabei begehre ich mit des Herrn Hilfe zu leben und 
zu sterben. Wir redeten außer von der Kindertaufe 
auch noch über andere Gegenstände. Ich sagte, es ist 
in der Schrift nicht enthalten, daß man die Kinder 
taufen soll; wäre es aber des Herrn Wille gewesen. Er 
würde es ohne Zweifel wohl befohlen haben; da aber 
davon nichts geschrieben steht und auch weder unser 
Herr Jesus Christus noch seine Apostel etwas davon 
gemeldet haben, so ist es eine große Verwegenheit, 
daß wir armen nichtigen Menschen es besser machen 
wollen, während es doch geschrieben steht, daß man 
den Geboten des Herrn nichts hinzusetzen noch da- 
von etwas abnehmen soll; wer solches tut, dem ist das 
ewige Wehe gedroht. Zuletzt sagte der Bischof, daß er 
sich über keinen von allen Artikeln so verwunderte, 
als über den, daß ich nicht glaubte, daß der Herr Jesus 
Christus nun persönlich Mensch im Himmel sei, wie 
Er auf Erden war, mit Wunden und Striemen, die Er 
von den Juden empfangen hatte. Dieses wollte ich 
nicht annehmen, weil ich nichts davon gelesen hat- 
te, sondern ich sagte, ich glaube, daß Er mm in der 
Gottheit zur rechten Hand des allmächtigen Vaters in 
seiner Herrlichkeit sitzt und mit Kraft und Majestät 
wieder kommen wird, wie die Schrift davon bezeugt. 


Da nahm der Bischof die Bibel und las die Geschichte 
von dem Gesichte, das Johannas auf der Insel Pat- 
mos gesehen hatte von einem, der eines Menschen 
Sohn gleich war, und als er es gelesen hatte, machte 
er das Buch wieder zu, denn es widersprach ihm. Ein 
Mensch kann ja an seinen Gliedern nicht so beschaffen 
sein, wie Johannes von dem Gesichte bezeugt. 

Hiernächst haben sie die Artikel meines Glaubens 
aufs Neue wiederholt, worauf ich mein Bekenntnis 
tat, wie ich zuvor allezeit getan hatte, und nachdem 
sie solches aufgezeichnet hatten, gingen sie fort. Der 
Ratsherr sagte, nach dem Befehle hätte ich mein Le- 
ben verschuldet. Darauf brachten sie mich wieder ins 
Gefängnis. 

Ich hätte alle Umstände der Länge nach beschreiben 
sollen, aber meine Gabe ist gering, ebenso habe ich 
auch eine schwere Hand zu schreiben; darum muss 
ich es in der Kürze abhandeln. 

Nachdem ich dreizehn Wochen gefangen gesessen 
hatte, brachten sie mich noch in des Schlossvogts 
Haus, dort traf ich den Pastor von Ryehoof, der aber- 
mals behauptete, daß Christus nun persönlich im 
Himmel sei, gleichwie Er auf Erden in der Gestalt 
war, in der wir sind. Ich verantwortete mich und be- 
wies es ihm aus der Offenbarung des Johannes. Er 
sagte, es könnte niemand die Offenbarung des Johan- 
nes verstehen, worüber ich mich sehr verwunderte; 
in allen Reden nannte er mich Bruder. Ich fragte ihn: 
Warum nennst du mich Bruder? Ich begehre ja nicht 
dein Bruder zu sein. Er sagte: Ich hoffe, daß wir mit- 
einander noch ein Schafstall weiden würden. Nach 
verschiedenen andern Verhandlungen ist er von mir 
geschieden. 

Noch ein Bekenntnis, welches Reytse Aysetz vor 

dem Bischof, den fünften Januar im Jahre 1574, 
abgelegt hat. 

Die Liebe Gottes und die Mitteilung des Heiligen Geis- 
tes, so wie die Liebe des Vaters, der seinen eingebore- 
nen Sohn für uns alle dahingegeben hat, müsse euch 
und uns alle bewahren, stärken und kräftig machen 
bis ans Ende, damit wir dermaleinst zu dem Hirten 
Jesu Christo kommen mögen; darum ist meine freund- 
liche Bitte an euch, meine herzgründlich geliebten 
und werten Freunde, daß ihr eilen wollt, um zu seiner 
Ruhe einzugehen, Hebr 4,11. 

Nebst geziemendem Gruße lasse ich eure Liebe wis- 
sen, daß ich den fünften Tag dieses Jahres 1574 vor 
dem Bischof gewesen bin. Derselbe sagte: Guten Tag 
und ein seliges Neues Jahr; willst du dich noch nicht 
zu dem heiligen katholischen Glauben begeben, an 
welchen alle deine Voreltern geglaubt haben? Ant- 



719 


wort: Ein seliges Neues Jahr begehre ich von Her- 
zen, aber von eurem Glauben will ich nichts wissen, 
sondern ich will an die heilige Schrift glauben. Der 
Bischof sagte, ich hätte auf Menschen und auf Men- 
schenlehre gebaut. Reytse: Ich habe nicht auf Men- 
schen gebaut; ich habe auf den Grund der Apostel 
und Propheten, ja, auf den Felsen gebaut; deshalb 
wird mein Haus stehen bleiben. 

Seht, das sind nun die Sturmwinde, die auf mein 
Haus stürmen; stände es auf Sand, es würde wohl 
fallen; nun aber ist es auf den Felsen gegründet. Bi- 
schof: Was ist die Ursache, daß du von uns gegangen 
bist, denn du hast bekannt, daß du unsere Fehre nie- 
mals gehört hast? Reytse: Hört mich, ich will es euch 
sagen. Als ich ein Kind war, lief ich dahin, wie ein 
anderer; aber meine Eltern hielten mich von der Bahn 
der Sünder zurück, wofür ich ihnen sehr danke; aber, 
als ich zu meinem Verstand kam, las ich in Heiliger 
Schrift, daß der Weg zum Reiche Gottes schmal und 
eng wäre, daß Fleisch und Blut daran hängen bleiben 
müsse, daß man sehr geschickt sein müsse, daß eine 
reine Gemeinde sein müsse, daß die Steine gehauen 
und an vier Ecken geschnitten sein müssen, bevor sie 
an das Haus Gottes kommen mögen, von welchem 
Christus Jesus der Eckstein ist, und daß keine Hu- 
ren noch Buben, noch Trunkenbolde, noch Geizige, 
noch Götzendiener in der Gemeinde Gottes sein soll- 
ten; ich habe aber gefunden, daß eure Gemeinde, von 
welcher du das Haupt bist, eine solche sei, und ich 
bin deinetwegen besorgt, weil du ein gelinder Mann 
bist. Darum bitte ich dich, du wollest doch die Hei- 
lige Schrift einmal durchsehen, denn es kommt mir 
vor, daß du es besser weißt, als du sprichst; du hast 
ebenso wohl eine Seele zu verlieren als ich. Er sagte, 
weil Trunkenbolde, Hurer und andere Sünder in ihrer 
Gemeinde wären, so hatten sie verordnet, daß man 
für dieselben bitten und daß die Priester die Sünden 
vergeben sollten. Ich erwiderte: Die Priester können 
die Sünden nicht vergeben, sondern Gott um Verge- 
bung der Sünden bitten; das ist sehr gut; doch muss 
man von Herzen bitten, daß man sie zeitlebens nicht 
wieder begehe. Aber ich muss euch nun auch einmal 
fragen: Was dünkt euch, wenn ein Mensch heute oder 
morgen sündigt und bittet den Herrn um Vergebung, 
tut es aber jeden Tag wieder; wird wohl der Herr ihm 
solches vergeben oder nicht? Er meinte, das könnte 
wohl bestehen. Ich sagte, das könnte nicht so beste- 
hen. 

Zuletzt hielt der Bischof eine lange Rede, daß ich 
meinem Oberhaupt nicht gehorsam sein wollte, daß 
ich von ihrem heiligen Glauben abgefallen und zu 
den Mennoniten und Tibben übergegangen wäre. Ich 
antwortete, daß ich niemals ungehorsam gewesen sei; 


ich hätte mich auch niemals gegen den König gesetzt, 
und begehrte das Schwert wider niemanden zu tra- 
gen, wie Christus lehrt. Darauf sagte der Bischof, er 
wollte das Klarste von allem nehmen, dem ich nicht 
widersprechen könnte; ich sollte mich stellen, als ob 
ich unwissend wäre, er wollte sich auch stellen, als 
ob er unwissend wäre, dann sollte die Schrift den 
Ausschlag geben. Ich sagte, er sollte es sagen; wenn 
es mit der Schrift bestehen könnte, so wollte ich ihn 
hören. Er sagte, daß der Herr so klar in dem Evan- 
gelium gesagt habe: Nehmt, esst, das ist mein Leib, 
der für euch gebrochen wird; desgleichen auch den 
Kelch; darum muss man sein Fleisch essen und sein 
Blut trinken, wie Er gesagt hat; dagegen kannst du 
nichts einwenden. Ich erwiderte, ich wüsste wohl, daß 
solches geschrieben stände und daß der Herr gesagt 
habe: Nehmt, esst, das ist mein Leib; aber ich bekenne, 
daß der Herr im hohen Himmel ist und nicht unter 
der Menschen Zähne kommt; denn euer eigenes Volk 
glaubt es nicht, daß ihr ihnen Fleisch und Blut gebt. 
Er sagte, sie müssten es glauben. Ich sagte, daß der 
Herr so gesprochen habe: Nehmt, esst, das ist mein 
Leib, der für euch gebrochen werden soll. Das hat 
der Herr so gesagt; aber seine Jünger sprachen: Wie 
kann uns dieser sein Fleisch zu essen geben? Darauf 
sagte der Herr: Fleisch und Blut ist nichts nütze, denn 
die Worte sind Geist und Leben. Daraus erhellt klar 
genug, daß man Christi Fleisch und Blut nicht essen 
und trinken möge, wie Er gesagt hat, sondern daß 
wir dabei seines Todes und Leidens eingedenk sein 
sollen; denn der Herr hat seinen Leib für die ganze 
Welt und für die Erbsünde gegeben, worin wir gebo- 
ren worden sind. Hätte uns der Herr nicht von den 
Sünden, die uns Adam auferlegt hat, erlöst, so hätten 
wir nicht selig werden mögen; mm aber hat uns der 
Herr mit seinem Fleisch und Blut erlöst und uns von 
allen Sünden frei gemacht, und hat sein Blut für viele 
vergossen; darum können wir sein Fleisch nicht essen, 
weil Er uns damit frei gemacht hat. Der Bischof sagte, 
daß Christus solches nicht von seinem eigenen Fleisch 
sagte, daß es nichts nütze sei, sondern von einem an- 
dern. Darum, weil der Herr solches so klar sagt, fügte 
er hinzu, muss man sein Fleisch essen und sein Blut 
trinken, wollen wir anders selig werden; Paulus hat 
gesagt: Ist das nicht der gesegnete Kelch? und weil 
Christus und Paulus so klar geredet haben, so kannst 
du dagegen nichts einwenden. Reytse: Mein Herr, ich 
weiß wohl, wie Christus und Paulus reden, denn die 
Apostel haben das Brot von Haus zu Haus gebrochen, 
wie wir klar lesen, und das zum Beweis, wie es Chris- 
tus hinterlassen hat; aber er blieb dabei stehen, daß 
wir des Herrn Fleisch essen müssten, wenn wir selig 
werden wollten. 



720 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Ferner hat der Bischof eine lange Rede über die Auf- 
erstehung der Toten gehalten, wie wir sterben müssen 
und mit diesem Fleisch wieder auferstehen, wobei er 
viele Gründe von der Auferstehung anführte. Zuletzt 
sagte ich, daß ich wohl glaubte, daß eine Auferste- 
hung der Toten sei, denn, wenn keine Auferstehung 
der Toten wäre, so wäre uns Christus nichts nütze; ich 
wollte auch nicht so leiden, solches wäre ein unnützer 
Streit. Dabei ließ er es bewenden; hiernächst hat er ei- 
ne lange Rede gehalten, daß von einem Flerrn, einem 
Glauben und einer Taufe geschrieben stände; solches 
hätte ich übertreten und mich wieder taufen lassen, 
da ich doch einmal getauft gewesen wäre; auch hätte 
ich die Heilige Schrift übertreten, indem ich im Na- 
men des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes 
getauft gewesen sei, was den Ordnungen der heiligen 
Kirche widerspricht. Reytse: Ich habe mich nicht wie- 
dertaufen lassen, indem ich nur einmal getauft bin, 
denn ich weiß wohl, daß von einem Herrn und ei- 
nem Glauben geschrieben steht; darum habe ich mich 
auch zu einer Taufe begeben, wie der Herr an vielen 
Stellen lehrt, daß man die Gläubigen taufen soll; so 
habe ich mich denn einmal zur Buße taufen lassen, 
wie es sich nach der Schrift und nach meiner mensch- 
lichen Schwachheit gebührt; aber daß du sagst, daß 
ich mich habe wiedertaufen lassen, dazu sage ich nein, 
denn ich erkenne die Kindertaufe nicht für eine Taufe, 
sondern für eine Menschensatzung, wie solches klar 
genug am Tage liegt, weil man keine Schriftstelle da- 
für hat, daß man die Kinder taufen soll. Der Bischof 
sagte, daß man aus Wasser und Geist geboren sein 
müsste, wenn man selig werden wollte, und darum 
müssten die Kinder getauft sein, wenn sie selig wer- 
den wollten. Reytse: Nein, dafür hat man keine Schrift, 
daß man die Kinder taufen soll, denn der Herr hat die 
Kinder zu sich gerufen und gesagt, man soll ihnen 
nicht wehren, denn das Reich Gottes gehört ihnen zu; 
darum sind sie schon selig; er sagte, das wären gläubi- 
ge Kinder gewesen, die beschnitten waren; dabei hielt 
er eine lange Rede über die Beschneidung Abrahams, 
wie die Kinder hätten beschnitten sein müssen, oder 
sie wären verdammt gewesen, und wie es sich damals 
mit der Beschneidung verhalten hätte, so sei die Tau- 
fe von den heiligen Vätern verordnet, wie es jetzt ist. 
Reytse: Dazu sage ich nein, dem ist nicht so, daß die 
Kinder verdammt worden sind, die nicht beschnitten 
waren, denn es war ein Befehl, daß man sie beschnei- 
den sollte, weil sie von dem Samen Abrahams waren; 
darum sollte man sie beschneiden; der Herr hatte es 
so befohlen, weil sie sein Volk sein sollten und nicht 
um deswillen, weil sie verdammt gewesen wären, die 
nicht beschnitten worden waren, denn sie wurden den 
achten Tag beschnitten, es sind ihrer aber viele gestor- 


ben, die nicht so alt wurden, daß sie das Zeichen der 
Beschneidung empfangen hätten; also wäre ja den ar- 
men Kindlein großes Unrecht geschehen; auch wären 
die Mägdlein alle verdammt worden, die gleichwohl 
Miterben des Reiches Gottes sind, wie wir. Dagegen 
sagte er nicht viel, aber er blieb dabei, daß die Kin- 
der getauft werden müssten, sollten sie anders die 
Seligkeit erlangen. Reytse: Mitnichten; ich sage noch 
einmal, daß die Kinder in den Händen Gottes sind, 
solange sie imwissend sind, und daß ihnen die Taufe 
nicht zukommt, sondern denen, die Buße getan haben, 
denn Johannes hat gepredigt, daß man Buße tim und 
sich bekehren solle, und daß man sich nicht eher tau- 
fen lassen sollte, als zur Vergebung der Sünden, wie 
er auch sagt: Ihr Otterngezücht, wer hat euch denn 
geweissagt, daß ihr dem zukünftigen Zorne Gottes 
entfliehen werdet? darum tut Buße, und lasst euch 
helfen von diesem unartigen Geschlecht. 

Der Bischof sagte, daß ich solches mit Johannes Tau- 
fe nicht beweisen könnte; ich antwortete, Christus 
sei selbst zu Johannes gekommen und habe sie von 
Johannes begehrt; Johannes aber hat es dem Herrn ab- 
geschlagen. Der Herr sagte: Nein, laß es so geschehen, 
damit alle Gerechtigkeit erfüllt werde; darauf hat es 
Johannes zugelassen. Warum sagst du, daß ich es mit 
der Taufe Johannes nicht beweisen könnte, da Chris- 
tus sie ja selbst begehrt hat? Dagegen sagte der Bischof 
nicht viel; ich sagte, ich will dir wohl noch mehrere 
andere Sprüche anführen, woraus hervorgeht, daß 
sie den Gläubigen zukommt, wie den Kämmerer, zu 
welchem Philippus kam und sagte: Verstehst du wohl, 
was du liest? Er erwiderte: Wie kann ich es verstehen, 
wenn mich nicht jemand unterrichtet; darauf predigte 
ihm Philippus von Anfang an, und er glaubte; er sag- 
te: Hier ist Wasser, was hindert es, daß ich mich nicht 
taufen lassen sollte? Philippus sagte: Glaubst du von 
Herzen, so mag es wohl geschehen; der Kämmerer 
sagte: Ich glaube, daß Jesus Christus der Sohn des le- 
bendigen Gottes ist. Darauf ist es geschehen. Seht, da 
war der Glaube vor der Taufe; ebenso war er auch kein 
Kind; ebenso ist Paulus auch in solcher Weise getauft 
worden, als er gläubig geworden war; ei, durchlest ein- 
mal die Geschichte der Apostel. Der Bischof sagte, er 
wollte auch wohl die Alten taufen, die in ihrer Jugend 
nicht getauft worden wären, wie Heiden oder Tibben; 
dergleichen Alte wollte er auch taufen, denn, sagte er, 
es stände geschrieben: Wer glaubt und getauft wird, 
soll selig werden, und obgleich der Glaube der Taufe 
vorangeht, so ist es dennoch gut, daß man die Kinder 
taufe, denn es sind viele, die nicht so alt werden, daß 
sie zu ihrem Verstand kommen, und wenn sie ohne 
Taufe sterben, so sind sie ja verdammt. Darum müs- 
sen die Kinder getauft werden, damit sie alle selig 



721 


werden; ich sagte: Die Kinder sind in der Hand Got- 
tes, aber die Taufe kommt ihnen nicht zu, denn man 
kann es aus der Schrift nicht beweisen, daß solches 
geschehen müsse; hätte es der Herr haben wollen. Er 
hätte es wohl befohlen; aber nun hat Er befohlen, daß 
man die Gläubigen taufen soll, wie Er es gelehrt hat, 
und seine Apostel haben es getan. Darum beweise es 
mir mit der Schrift, daß es befohlen sei, die armen, 
unschuldigen Kinder zu taufen, die doch keine Sünde 
begangen haben, und wenn ich auch noch so viel Kin- 
der hätte, so wollte ich sie doch nicht von euch getauft 
haben; er erwiderte, wäre es auch nicht geboten, daß 
man die Kinder taufen sollte, so wäre es ja auch nicht 
gesagt, daß man sie nicht taufen soll; es ist in keiner 
Schrift geboten, daß es nicht sein soll; ich sagte: Alles, 
was der Herr nicht geboten hat, das hat Er verboten; 
darum hat Er geboten, die Gläubigen zu taufen; die 
Menschen sollten es nicht anders machen, als es der 
Herr selbst geboten hat, denn wir lesen überall von ei- 
ner Taufe der Buße, nicht aber von einer Kindertaufe, 
wie ihr lehrt und tut. Warum tut ihr solche Dinge, die 
sich nicht geziemen? Mich dünkt, daß du es besser 
weißt; sage die Wahrheit. Aber darauf gab er mir keine 
Antwort, sondern äußerte nur, ich wäre verführt, ich 
wäre verdammt, wenn ich bei diesem Glauben bliebe; 
darum sollte ich mich zu dem heiligen katholischen 
Glauben begeben. Wir redeten noch vieles miteinan- 
der, aber es wurde spät; er ging fort und sagte zu dem 
Schlossvogt, es wäre an mir keine Hoffnung, und ich 
wollte mich nicht unterrichten lassen; zu mir aber sag- 
te er, ich sollte mich noch bedenken; ich erwiderte, das 
wollte ich zwar wohl tun, aber in diesem Fall hätte 
ich mich schon bedacht; bedenke du dich aber selbst, 
darum bitte ich dich, setzte ich noch hinzu. 

Noch ein Bekenntnis des Reytse Ayseß, vor einem 
stolzen Pfaffen abgelegt, sowie einen Sendbrief 
oder eine Ermahnung an die Freunde. 

Bald darauf ist ein Pfaffe gekommen, der sehr frech 
war; er fragte mich, wie ich mich auf den Brief be- 
dacht, den mir der Bischof gesandt hätte. Reytse: Ich 
habe mich bedacht, wie ich zu dir das letzte Mal ge- 
sagt habe; von seinem Schreiben bin ich nicht schwä- 
cher, sondern stärker geworden, wiewohl er sehr grob 
schreibt, daß den Menschen keine Sünde hindert, und 
daß man das Abendmahl wohl mit Huren und Buben 
halten möge, daß aber keine Sünde so groß sei, daß 
sie dem Menschen hinderlich sein könne; das alles 
will er mit Mk 8 beweisen, wo der Herr die große 
Schar speiste. Reytse: Was willst du damit beweisen? 
Ach, wie blind bist du! Er wurde böse und wollte 
keine Schrift verstehen, sondern lästerte, redete sehr 


übel und sagte, daß ich mit meiner zweiten Taufe des 
Herrn Tod verachtete und verwürfe; ich entgegnete, 
daß ich des Herrn Tod nicht verachtete, sondern ihn 
als gut bekenne, denn, wenn ich so bekennen würde, 
wie du sagst, so wäre ich unselig, doch ich erkenne eu- 
re Taufe für keine Taufe, weil man keine Schriftstelle 
dafür hat; aber ihr verwerft Christi Tod, ja, sein Leiden 
mit eurer Kindertaufe, denn Christus hat uns erlöst; 
aber ihr sagt, daß die Kinder verdammt seien, was ihr 
doch mit der Schrift nicht beweisen könnt; von denen 
aber, die in Sünden leben und von welchen der Herr 
sagt, daß sie nicht das Reich Gottes ererben sollen, 
wie Trunkenbolde, Geizige, Hurer und so weiter, sagt 
ihr, daß sie selig werden können, aber von den armen 
Kindern, die selig sind, wie der Herr gesagt hat, sagt 
ihr, daß sie verdammt sind; ist das nicht eine klägli- 
che Sache, daß ihr so verblendet seid? Darum wache 
einmal auf, ich bitte dich, denn du kommst damit zu 
kurz. 

Er erwiderte, daß ich einen Glauben hätte wie ein 
Türke. Ich fragte ihn: Worin besteht der türkische 
Glaube? Er antwortete: Der Türke glaubt an ein Holz, 
oder was ihm ansteht. Ich sagte, daß sie an ein Stück 
Brot glaubten; dieses erhöben sie wie einen Gott, be- 
teten es an und fielen davor auf die Knie und hielten 
es für einen Gott; ebenso auch die abgöttische Kinder- 
taufe, denn inwiefern ist wohl dieselbe besser als der 
türkische Glaube? 

Er wurde böse und lästerte sehr auf uns, hielt uns 
auch für das verkehrte Volk. Ich erwiderte: Sollte ich 
dir sagen, wofür ich euch halte, es würde dir nicht 
sehr gefallen. Er sagte, ich sollte es sagen. Reytse: 
Wohlan denn; ich will es dir sagen: Ich halte euch 
für die rauhe Welt, für eine Gemeinde der Toten und 
für Heiden und Türken, dem Geiste nach, und daß 
ihr von dem Leben, das aus Gott ist, entfremdet seid, 
wie Dan 12 steht und wie die Offenbarung von euch 
schreibt, und so wird es am Tage des Herrn befunden 
werden; darum tut Buße, und geht aus von ihr, damit 
ihr ihrer Sünden nicht teilhaftig werdet. Da stand er 
auf und lief fort, aber ich begegnete ihm in einem an- 
dern Saal, wo wir noch etwas miteinander von der 
Kindertaufe und von andern Dingen redeten. Zuletzt 
sagte er, er könne nicht länger da bleiben, denn er 
müsste bei einem Kind Gevatter stehen. Ich bat ihn, 
daß er es nicht tun sollte, denn das Kind sei so gut, als 
er es machen könne. Er antwortete, er wolle es den- 
noch tun. Er redete auch viel vom Krieg und von den 
Reformierten (Geusen), daß ihre Dinge nichts taugten, 
und sagte, daß wir ihnen mit Geld und Gut Beistän- 
den. Ich erwiderte, daß es nicht wahr wäre, was er 
sagte; wir begehrten ihnen keineswegs mit Geld oder 
Gut beizustehen, denn ich hielte von den Reformier- 



722 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


ten ebenso wenig als von ihnen, denn ihr könnt nicht 
vor Gott bestehen, weil ihr einander so jämmerlich 
verratet und erwürgt; gleichwohl sind die Reformier- 
ten nicht so blutdürstig wie ihr, denn hätten sie mich 
gefangen, sie ließen mich wohl laufen, aber ihr wollt 
mein Blut vergießen. Er wurde böse und sagte: Du 
verzweifelter Bösewicht, würden wir dich nicht tö- 
ten, einen solchen Ketzer, wie du bist, wir könnten 
es nicht vor Gott verantworten, denn wir laufen so 
oft um deinetwillen, was wir um Geld und alle Güter 
dieser Welt nicht tun würden; darum sollst du hier 
das zeitliche Feuer und dermaleinst das ewige Feu- 
er empfangen, weil du dich nicht unterweisen lassen 
willst, wiewohl wir doch so viel um dich getan haben. 
Ich redete ihm sehr liebreich zu, er aber sagte, daß 
ich den Teufel in mir hätte, und der Teufel verstelle 
sich in mir in einen Engel des Eichts, und hätte mich 
verführt, daß ich nicht auf dem rechten Weg bleiben 
könnte. Reytse: Ich habe den Teufel nicht in mir, son- 
dern ich rede mit einem freien und fröhlichen Gemüt. 
Er lästerte sehr, führte auch keine Schriftstelle an, und 
meinte nur, daß sie für mich viel getan hätten, und 
allezeit bemüht seien, meine Seele zu gewinnen und 
mir das Leben zu erhalten; nun aber sei jede Hilfe um- 
sonst und ich wollte von der Ketzerei nicht abstehen; 
darum müsste mich der Bischof abschneiden, wie sich 
solches gebühre. Reytse: Ich habe es niemals begehrt, 
daß ihr zu mir kommen sollt; ihr könnt ja wohl zu 
Hause bleiben, denn ich will euch nicht hören noch 
euch glauben; ihr hättet euer Laufen wohl unterlassen 
können, denn der Lohn, den ihr an mir verdient, wird 
nicht groß sein. Zuletzt hat er von dem Gebet geredet 
und sich seines Gebetes gerühmt, auch gesagt, daß 
er mehr in einer Woche bete, als ich in einem Viertel- 
jahr; er hatte vieles von dem Gebet zu sagen, und wie 
Christus im Tempel gebetet hätte. Ich sagte, er wäre 
den Pharisäern gleich, die sich ihres Gebetes rühmten, 
auch im Tempel und an den Straßenecken ständen, da- 
mit sie von den Menschen gesehen werden möchten; 
in allen euren Worten seid ihr ihnen gleich, darum 
sieh wohl zu, wie du dich rühmst, denn man wird 
einen Baum an seinen Früchten erkennen, aber deine 
Früchte stehen mir nicht an. Er sagte, ich hätte eines 
Pharisäers Herz, er aber ihre Kleider; was denn nun 
das Beste wäre? Reytse: Nein, mich dünkt, daß du sie 
beide habest, das Herz und die Kleider, denn der Herr 
hat sich nicht so gezeigt, auch haben die Apostel zu 
ihren Zeiten solches Leben oder solche Kleidertracht 
nicht gehabt, wie ihr habt, was der Schrift entgegen 
ist; darum magst du wohl wissen, was du tust, und 
ich bitte dich, du wollest doch Buße tun, indem du vor 
dem Herrn nicht bestehen kannst, weder mit deinem 
Glauben noch mit deinem Wandel, oder auch mit dei- 


ner Gemeinde, für welche du doch an dem Tage des 
Herrn einstehen willst. Zuletzt ging er fort; ich sagte 
im Abgehen zu ihm, er sollte es dem Bischof sagen, 
daß er nicht nötig hätte, meinetwegen wiederzukom- 
men, denn ich wollte ihn nicht mehr hören. Darauf bot 
er mir einen guten Tag und dann brachten sie mich 
wieder ins Gefängnis. Ungefähr drei Tage darauf kam 
der Bote vom Bischof und sagte, ich sollte nach drei 
Tagen das Urteil hören. Sie kamen auch auf den be- 
stimmten Tag und verrichteten ihre Sachen, wie sie 
es verstanden, fällten auch das Urteil über mich und 
machten sich mit Worten groß, was sie von dem Urteil 
meinten. Nach verrichteter Sache gingen sie fort, aber 
ein Pfaffe blieb zurück, der sehr ungeziemend und 
grob lästerte, wiewohl ich mit ihm nicht reden wollte, 
weil sie mich überantwortet hatten und weil er auch 
so übel redete, was sich nicht geziemte; als ich ihm 
nicht antwortete, ging er fort. Dieses ist einige Zeit zu- 
vor geschehen, ehe ich es aufgeschrieben hatte, denn 
ich konnte nicht wohl dazu kommen, der Gefangenen 
wegen, die bei mir saßen; außerdem habe ich auch ein 
kurzes Gedächtnis; einige Sachen habe ich vergessen; 
sollte ich alles aufschreiben, es würde zu viel werden, 
denn ich bin wohl elf Mal vor dem Bischof und seinen 
Gesellen gewesen, und habe viel mit ihnen von allen 
Glaubensartikeln geredet. 

Geschrieben von mir, Reytse Ayseß, deinem gelieb- 
ten Bruder in dem Herrn. 

Ein Sendschreiben oder Ermahnung von Reytse 
Ayseß, geschrieben an die Freunde. 

Ach liebe Freunde, erschreckt und verwundert euch 
nicht, wenn ihr in mancherlei Anfechtungen, die ei- 
nem Christen zustoßen und auch jemandem in Ban- 
den und Gefängnissen begegnen können, geprüft wer- 
det, denn ich finde nun, daß es dem Fleisch ach schwer 
ist, aber dem Geist nach ist es sehr leicht, indem es 
eine Kraft Gottes ist; das habe ich in diesen Banden er- 
fahren, daß der Herr mit denen ist, die Ihn von Herzen 
suchen und fürchten. Darum, meine lieben Freunde, 
die ihr mit mir gleichen Glauben empfangen habt, 
fürchtet den Herrn von Herzen, damit ihr Widerstand 
leisten könnt, wenn es etwa des Herrn Wille wäre, 
daß ihr in solche Bande und Gefangenschaft kommen 
solltet, denn sie treiben viel List und Schalkheit, um 
uns von der Wahrheit abzuziehen; sie können die Lü- 
gen erheben und die Wahrheit mit erdichteten Worten 
vernichten, die sie bisweilen mit sanften, bisweilen 
aber mit harten Reden Vorbringen, womit sie einen 
schwach und verzagt zu machen suchen, wie sie mir 
getan haben. So geht auch der Satan, wie Petrus sagt, 
um uns herum wie ein brüllender Löwe und sucht 



723 


uns zu verschlingen; ebenso hat er mich oft angefallen, 
aber der Herr hat mich bisher bewahrt, wofür ich Ihm 
danke; einmal aber hat mich der Satan mit einer Ver- 
suchung überfallen, das muss ich euch schreiben, wie 
listig der Arge ist. Ich redete einmal mit einem Pfaffen, 
welcher bei dieser Gelegenheit über uns lästerte und 
sagte, sie sängen Davids Psalmen, wir aber die Lieder, 
welche Menschen gemacht hätten. Als ich mm wieder 
ins Gefängnis kam, überfiel mich der Versucher sehr 
listig, daß es wahr wäre, daß wir Lieder sängen, die 
Menschen gemacht hätten; ich war betrübt, daß ich lei- 
den sollte; es mochte Unrecht sein, ich wäre noch jung 
von Jahren; mit solchen Vorstellungen plagte ich mich, 
zuletzt aber dachte ich, ich weiß es besser, daß die Lie- 
der aus der heiligen Schrift gemacht worden sind, und 
daß es recht ist; konnte ich darnach tun, ich würde 
wohl selig werden; ich dachte der Pfaffen Leben und 
ihrem Glauben nach, auch demjenigen, was sie wider 
die Heilige Schrift geredet hatten, welches Lügen wa- 
ren; deshalb bat ich den Herrn, und es kam mir nicht 
mehr in den Sinn. Darum, liebe Freunde, ist der Satan 
sehr listig, aber man muss den Herrn allezeit bitten in 
allem Anliegen, weil er uns in mancherlei Versuchun- 
gen zusetzt, denn der allmächtige, ewige, barmherzi- 
ge Gott wird uns nicht über unser Vermögen versucht 
werden lassen, sondern wird nebst der Versuchung 
ein Auskommen verschaffen, wie Er gesagt hat, denn 
Er ist unser Hauptmann und unser Kriegsmann in all 
unserer Not. Erschreckt darum nicht, wenn sie mich 
auch an einen Pfahl stellen und verbrennen, sondern 
werdet dadurch gestärkt, daß der Herr noch kräftig 
ist in seinen Werken; fürchtet Ihn allezeit, lobt Ihn und 
dankt Ihm von nun an bis in Ewigkeit, Amen. 

Weiter danke ich denen, die mir das Buch gesandt 
haben, denn es hat mich sehr erquickt und ergötzt in 
dem Herrn, und seid alle dem Herrn befohlen, die ihr 
Ihn fürchtet. 

Noch ein Bekenntnis des Reytse Ayseß, abgelegt 
vor dem Commissarius. 

Nachdem ich neunzehn Wochen gefangen gesessen 
hatte, bin ich vor den Commissarius von des Königs- 
hof gebracht worden; derselbe hat zuerst mir einen 
Eid abgefordert, daß ich die Wahrheit sagen wollte; 
ich sagte, der Herr hat befohlen nicht zu schwören, 
darum will ich auch keinen Eid tun. Darauf sagte er, 
ich sollte ihm dann auf seine Fragen mit Ja und Nein 
antworten; ich erwiderte, das will ich nicht tun, denn 
du könntest mich Dinge fragen, welche mir nicht ge- 
ziemten zu sagen; darum muss ich zuvor hören, was 
du mich fragen willst. Da hat er zuerst nach meinem 
Alter gefragt; ich antwortete, vier- oder fünfundzwan- 


zig Jahre; solches schrieb er nieder. Weiter fragte er, 
wo ich geboren wäre, wo ich zuletzt gewohnt hätte, 
wie viele Kinder ich hätte. Ich sagte, eins. Commissari- 
us: Wie alt ist es? Reytse: Ein halbes Jahr. Commissari- 
us: Ist es auch getauft? Reytse: So viel ich weiß, nicht. 
Commissarius: Was ist die Ursache, daß es nicht ge- 
schehen ist? Reytse: Weil es in der heiligen Schrift 
nicht befohlen ist. Commissarius: Bist du auch ge- 
tauft? Reytse: Ja, auf meinen Glauben, wie Christus 
befohlen hat. Commissarius: Bist du in deiner Kind- 
heit nicht getauft worden? Reytse: Ja, aber solches 
erkenne ich nicht für eine Taufe, die der Schrift gemäß 
ist; solches alles hat er aufgeschrieben. Er fragte mich, 
wer derjenige gewesen sei, der mich getauft hätte; wo 
es geschehen wäre; wer in meines Vaters Hause ge- 
wesen wäre, und wie viele. Ich erwiderte, das will ich 
nicht sagen, ich hoffe, du werdest mich nicht darnach 
fragen. 

Dürstet dich denn so sehr nach dem Blut und Leben 
der Menschen, so hast du mich ja in deinen Händen, 
tue mit mir nach deinem Willen; ich werde, durch des 
Herrn Hilfe, meinen Hals freimütig darreichen, aber 
ich hoffe auf deine Gütigkeit, daß du mich nicht so 
scharf darnach fragen werdest. Er meinte, man würde 
mich wohl noch schärfer fragen, darum sollte ich es 
lieber freiwillig sagen als gezwungen. Ich sagte, der 
Herr, mein Gott, wird mich wohl bewahren, solches 
Vertrauen habe ich auf seine Gnade. Nachdem er nun 
alles niedergeschrieben hatte, ließ er mich abtreten. 

Ein Brief von Reytse Ayseß an seinen Vater. 

Lieber Vater, wenn es dir passen will, so schreibe mir 
etwas von deinem Vorhaben oder Plan, wo du künftig 
zu wohnen beabsichtigst, wie es mit deinem Zeitli- 
chen steht, auch über meine Schwester und einige 
sonstige Erquickung teile mir mit, denn das erfreut 
mich sehr. 

Ferner lasse ich dich wissen, daß gegenwärtig zwei 
Gefangene bei mir sind; es sind zwei alte Männer, wir 
können miteinander sehr gut fertig werden, denn sie 
haben schon einen Monat bei mir gesessen; wir haben 
einige Gespräche von dem Wege des Herrn mitein- 
ander gehabt; sie wollten das Ihre auch gern für ein 
Besseres dahingeben, denn es dünkt sie, daß sie die 
Seligkeit so nötig hätten als ich; sie haben zwar den 
guten Vorsatz, nicht mehr der Sünde zu leben, son- 
dern sich in ein neues Leben zu verändern und sich 
zur Wiedergeburt zu begeben, was mir lieb zu hören 
ist; aber Gott kennt die Herzen. Weiter melde ich dir, 
daß es sich einmal gegen Abend zugetragen hat, daß 
des Obristen Weib vor das Gefängnis kam, als wir das 
Essen empfangen sollten. Sie fragte zuerst, wie viel 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Gefangene da wären; dies wurde ihr gesagt. Da fragte 
sie, was sie verbrochen hätten; darauf hat der eine 
sich entschuldigt, so gut er konnte; sodann fragte sie 
mich, was denn meine Missetat wäre. Ich antwortete, 
meine Missetat wäre nicht sehr groß, um deretwillen 
sie mich gefangen hielten; sie hatte viel von mir ge- 
hört und sagte, ich sollte mich von denen unterrichten 
lassen, die weiser wären als ich; ich antwortete, ich 
wollte mich darin unterrichten lassen, was recht wäre; 
sie sagte weiter, daß die Leute sagten, ich glaube nicht 
an den Vater, noch an den Sohn, und auch nicht an 
den Heiligen Geist, welchem ich sehr widersprach 
und sagte, ich hielte viel davon; mein Glaube sei dar- 
auf gegründet, und wenn ich nicht an den Vater, Sohn 
und Heiligen Geist glauben würde, so wäre ich nicht 
wert, daß ich das Leben hätte. Darauf fragte sie weiter, 
was es denn wäre; des Schlossvogts Sohn sagte, daß 
ich nicht an die Messe glaubte. Da wurde sie zornig; 
ich sagte, ich glaubte nicht an die Einsetzung der Men- 
schen, nämlich an die Kindertaufe und ihr Sakrament, 
und daß der gebenedeite Herr darin wäre, sondern 
ich glaubte, daß Er auf dem Thron des ewigen Lebens 
wäre. Darüber wurde sie unwillig und sagte, wenn 
kein Scharfrichter wäre, so wollte sie mich lieber selbst 
töten, als daß ich leben sollte. Sie gab den beiden Ge- 
fangenen, die bei mir sind, sieben Stüber und verbot 
ihnen, mir etwas davon zu geben, warnte sie auch, sie 
sollten sich von mir nicht verführen lassen; nach die- 
ser Warnung hat sie sich entfernt. Ferner, mein lieber 
Vater, bestelle diesen Brief an mein Weib (den ich an 
sie geschrieben habe) mit der ersten Gelegenheit und 
ermahne sie zum Guten; darum bitte ich dich freund- 
lich, gleichwie auch alle meine lieben Freunde; vor 
allen Dingen aber meine liebe, alte Mutter und meine 
beiden Schwestern, sowie meinen jungen Bruder, daß 
er sich doch gut aufführen wolle, wenn er etwas bes- 
ser zu Verstand kommt, und auch mein armes Kind, 
weil ich für seine arme Seele so sehr bekümmert bin, 
daß es dem Herrn gefallen möge; aber ich hoffe, der 
Herr werde es in sein Reich holen, ehe es Sünde tut. 
Wandelt in der Liebe; endlich, lieber Vater, hätte ich 
gern ein Testament, wenn du mir eins schicken könn- 
test, denn ich habe unsers Bruders Testament sehr 
lange gehabt; aber er hat es jetzt wieder, weil er es 
selbst nötig hat. 

Geschrieben in meinen Banden von mir, deinem 
lieben Sohn, Reytse Ayseß. 

Ein Brief von Reytse Ayseß an seine Mutter. 

Den gnädigen, ewigen, barmherzigen Vater, die Liebe 
Gottes und den Tröster, den Heiligen Geist, wünsche 
ich dir, meine liebe Mutter, zum Gruß; der Vater des 


Friedens behalte die Oberhand in deinem Herzen, 
Amen. 

Meine sehr werte und herzlich geliebte Mutter, du 
bist es, die mich neun Monate in ihrem Leibe getragen 
und mit großen Schmerzen zur Welt gebracht hat; ja, 
ich habe die Brüste deines Leibes gesogen, du hast 
mich auch ernährt und mich in aller Wahrheit un- 
terrichtet; du hast mich von jeder sündhaften Gesell- 
schaft abgehalten, ja, du hast mich von jeder falschen 
Lehre abgehalten; du hast mich von der babyloni- 
schen Hure abgehalten; du hast mich in die Gemeine 
des lebendigen Gottes gebracht; du hast mich vor al- 
len Sünden nach deinem besten Vermögen bewahrt; 
du hast mich mit des Herrn Hilfe so weit gebracht. 
Sieh, meine sehr werte und herzlich geliebte Mutter, 
meine Bitte und mein Begehren an dich ist, du wollest 
doch um meinetwillen nicht bekümmert und betrübt 
sein, denn ich hoffe, du habest mich nicht zur Schan- 
de, sondern Gott und seiner Gemeinde zum Preis und 
Lob auferzogen. Nebst allem gebührlichen Gruß bitte 
und begehre ich von dir, du wollest mir vergeben und 
es mir zu gut halten, wenn ich dich auf irgendeine 
Weise betrübt haben möchte, es mag in meiner Jugend 
geschehen oder unwissend der Fall gewesen sein. Fer- 
ner, meine herzlich geliebte und werte Mutter, muss 
ich dir aus dem Grunde meines Herzens und aus dem 
Innersten meiner Seele ein wenig schreiben, wiewohl 
du es gut weißt und von Gott gelehrt und meine liebe 
Mutter bist, damit in niemandem unter uns ein arges 
und ungläubiges Herz gefunden werde, und damit 
niemand durch Betrug der Sünde verstrickt werde, 
und von dem lebendigen Gott um irgendeiner Trüb- 
sal willen abtrete. 

Sieh, liebe und werte Mutter, laß uns nicht beküm- 
mert oder verzagt werden, obgleich sie dein Gut und 
Blut angetastet haben; erschrick nicht darüber, son- 
dern habe guten Mut, denn der Herr ist unser Erlöser. 
Sieh an das Leiden Hiobs, wie ihm der Herr geholfen 
hat, und sieh an das Ende des Herrn, denn der Herr 
wird dich und mich nicht verlassen, wenn wir unser 
Vertrauen auf Ihn setzen. Der Herr hat mir im Streit 
geholfen, denn ich bin nun schon zwölf Mal vor ihnen 
gewesen; der Herr ist mein Hauptmann, Er wird mich 
nicht verlassen; ich will Ihn auch nicht verlassen, we- 
der um des Lebens noch um des Todes willen. Darum, 
sehr liebe und werte Mutter, laß uns doch ein wenig 
uns aufmachen und dem Herrn von Herzen zu Füßen 
fallen, denn wir leben allein darum, daß wir einmal 
sterben möchten; wie müssen wir dann so geschickt 
sein, wenn wir alle vor dem Richterstuhl Christi dar- 
gestellt werden sollen? Darum, meine herzgründlich 
geliebte Mutter, die du mit mir gleichen Glauben emp- 
fangen hast, laß uns denn unsem Verstand schärfen 



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und die Lenden unsers Gemütes umgürten; laß uns 
alles ablegen, was uns beschwert, und die Sünde, die 
uns anklebt, und laß uns durch Geduld laufen in dem 
Streit, der uns verordnet ist, und auf den Herzog des 
Glaubens und den Vollender Jesum sehen, dann wer- 
den wir Lohn empfangen. Liebe und werte Mutter, 
haben sie auch dein Gut und mein Leben angetastet, 
was hat solches zu bedeuten? Der Herr, unser Gott, 
wird uns wohl helfen, aber wir müssen Ihm vertrauen. 
Die Welt wird sich freuen, wir aber werden betrübt 
sein; doch soll unsere Traurigkeit in Freude verwan- 
delt werden. Aber, liebe Mutter, wir müssen es mit 
Geduld erwarten, wenn sie auch von uns reden (liebe 
Mutter), sie haben den Herrn, unsem Gott, vor uns 
gehasst. 

Darum verwundere ich mich nicht, sie haben mich 
so oft verurteilt; ja, daß ich hier das zeitliche Feuer und 
dereinst das ewige Feuer empfangen sollte, ja, daß der 
Teufel in mir sei; ja, sie sagten, sie könnten es vor Gott 
nicht verantworten, wenn sie mich nicht und solche, 
wie Douve Euwoutß, von dieser Welt brächten. 

Darum, liebe und werte Mutter, erschrick nicht dar- 
über, denn sie wissen es nicht besser, sondern laß uns 
unsere Lektion wahmehmen, denn der Herr fordert 
mehr von uns als von ihnen. Darum laß uns doch der 
Bestrafung und Züchtigung wahrnehmen und diesel- 
be mit Geduld und Freude aufnehmen, dann werden 
wir Lohn empfangen, denn wen der Herr züchtigt, 
den will Er aufnehmen; wenn wir aber ohne Züch- 
tigung sind, so sind wir Bastarde und keine Kinder, 
wie sie dessen alle teilhaftig geworden sind. Darum, 
meine werte Mutter, freue ich mich von Grund meines 
Herzens, daß mich der Herr, unser Gott, so lieb gehabt 
und mir zugerufen hat, daß ich als ein Schlachtschäf- 
lein Christi erfunden werden möge; ich hoffe durch 
seine große Gnade und Barmherzigkeit, daß Er mich 
tüchtig machen und mich in sein Reich aufnehmen 
werde, welches Er denen verheißen hat, die Ihn von 
Herzen suchen. Siehe, meine sehr geliebte und wer- 
te Mutter, laß uns doch des Herrn Züchtigung nicht 
geringschätzen, sondern dieselbe mit Geduld aufneh- 
men, dann werden wir Lohn empfangen, ja, es wird 
dermaleinst alle Traurigkeit und jede Träne von un- 
sem Augen abgewischt werden. Wir werden auf dem 
Berg Zion mit allen Heiligen Gottes stehen. Siehe, wel- 
che große Freude ist denen bereitet, die Gott gehorsam 
gewesen sind. Darum, geliebte und sehr werte Mutter, 
laß uns unser Kreuz auf uns nehmen, und Ihm von 
Herzen nachfolgen als liebe Kinder, damit wir aus 
dem Buch des Lebens nicht ausgetilgt werden. Ge- 
liebte, wir müssen heilig und unsträflich vor Ihm sein 
in unserem Wandel, unsere Worte müssen mit Salz 
vermengt sein, wie Paulus sagt, damit wir vor dem all- 


mächtigen, ewigen Gott bestehen mögen. Ferner, liebe 
und werte Mutter, wie du alle Liebe an mir erwiesen 
hast, so ist das noch meine Bitte an dich, daß du doch 
mein geliebtes und wertes Kind lieben wollest, wie du 
mich geliebt hast, und ein mütterliches Herz gegen 
dasselbe tragen wollest, wie ich denn auch hoffe, daß 
du tun werdest. 

Ach, liebe Mutter, halte es mir zu gut, was ich hier 
geschrieben habe, denn es ist aus Liebe geschehen. 

Wisst, liebe und sehr werte Eltern, daß ich in der 
achtzehnten Woche meiner Gefangenschaft vor dem 
Bischof gewesen bin, dort waren wohl acht oder neun 
Personen versammelt. Da hat der Bischof mich zu- 
nächst aufgefordert, daß ich mich zu dem heiligen 
katholischen Glauben begeben sollte, dann wollte er 
mich wieder auf freien Fuß setzen, wobei er noch viele 
Worte machte; wollte ich aber das nicht tun, so wollten 
sie mich als einen Ketzer, Widerspenstigen und Un- 
gehorsamen, welcher den Ordnungen der römischen 
Kirche zuwider ist, abschneiden. 

Zuletzt habe ich meinen Mund freudig aufgetan 
und gesagt: Tut, was ihr wollt, und was ihr vor Gott 
verantworten könnt, denn ich will meinen Glauben 
nicht verlassen weder um des Lebens noch Todes wil- 
len. Sie sagten, ich sollte mich bedenken und mich 
bessern, denn ewig wäre gar zu lange. Reytse: Weil 
ewig so lange ist, darum will ich mich vorsehen; wäre 
ewig nicht so lange, ich wollte in diesen Banden nicht 
sitzen. Zuletzt fragten sie mich um alle Artikel aufs 
Neue, und ich habe mein Bekenntnis darüber abgelegt. 
Hierauf haben sie mir das Urteil vorgelesen, aber ich 
verstand es nicht recht, es war in Latein geschrieben; 
es hieß, weil ich ein Ketzer wäre, der sich mit den Ord- 
nungen der heiligen Kirche nicht unterweisen lassen 
wollte, so übergeben sie mich in der Richter Hände. 
Zuletzt saß ich mit entblößtem Haupte da und verant- 
wortete mich mit vielen Gründen und sagte getrost, 
die sollten Zusehen und sich an mir nicht vergreifen. 
Der Bischof sagte, er hätte lieber vierzehn Tage bei 
Wasser und Brot fasten, als das Urteil über mich fällen 
wollen. 

Zuletzt, als sie das Ihre verrichtet hatten, gingen 
sie fort. Als sie mich verlassen hatten, blieb ein Pfaffe 
zurück, der sehr lästerte und viel zu sagen hatte, auch 
eine ganze Nacht mit mir disputieren wollte; aber ich 
wollte nicht, weil sie mich schon übergeben hatten, 
denn er kam aus eigenem Antrieb. Darauf ging er 
fort, und ich musste wieder ins Gefängnis; dennoch 
bin ich unverzagt. Gott, der Herr, hat mich so weit 
gebracht; ich hoffe durch seine große Gnade, daß Er 
ferner mir helfen werde, denn ich weiß, daß Er der 
ist, der mir hilft; ohne Ihn vermag ich nichts. Darum 
lobt den Herrn allezeit und preist Ihn von Ewigkeit zu 



726 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Ewigkeit; seid dem Herrn befohlen, denn Er ist unser 
Erlöser und Helfer in all unserer Trübsal und jeder 
Not. 

Von mir, Reytse Ayseß, in der zwanzigsten Woche 
meiner Banden. 

Ein Brief von Reytse Ayseß an seine Hausfrau. 

Gnade, Friede, Barmherzigkeit, Liebe und Einigkeit 
von Gott, unserem himmlischen Vater, sei mit dir, mei- 
nem lieben und werten Weib; der allmächtige Gott 
wolle dich und mich bewahren und zum ewigen Le- 
ben bringen, Amen. 

Siehe, mein liebes und wertes Weib, die ich vor Gott 
und seiner Gemeinde geheiratet habe, wie sehr ich 
deinetwegen bekümmert und betrübt bin; ich bitte 
den allmächtigen Gott Tag und Nacht für dich, daß Er 
dich in deinem standhaften Glauben bewahren wolle, 
denn als du bei mir warst, tröstetest du mich mit des 
Herrn Wort, worüber ich mich mit unaussprechlicher 
Freude freue und den allmächtigen, ewigen Gott für 
deinen Glauben lobe. 

Siehe, meine liebe und werte Hausfrau, sei nicht be- 
kümmert um mich, sondern tröste dich in dem Herrn, 
denn Er ist mein Helfer und tröstet dich; bisweilen 
weiß ich es kaum, daß ich gefangen bin, wenn ich an 
die Verheißungen denke, die uns Gott gegeben hat; 
ich danke Gott, daß er mich dazu erwählt hat. Blei- 
ben wir standhaft bis ans Ende, so ist uns die Krone 
des Lebens beigelegt; dann werden wir mit weißen 
Kleidern angetan werden und werden auf dem Berge 
Zion mit allen auserwählten Heiligen Gottes stehen 
und das gute neue Lied singen. Ach, mein geliebtes 
und wertes Weib, ich könnte dich um aller Welt Güter 
nicht verlassen, aber Christus sagt: Wer nicht Vater 
und Mutter, Schwester und Bruder, Haus und Hof, 
Weib und Kind, ja, sein eigenes Leben verlässt, der ist 
meiner nicht wert. Siehe, mein geliebtes Weib, wir ha- 
ben einander zwei Jahre gehabt und haben einander 
sehr geliebt; es dünkt mich, wenn ich für dich hätte 
sterben sollen, es wäre mir nicht zu schwer gewe- 
sen. Mein liebes Weib, bin ich auch hier gefangen, so 
wird es dir doch nicht zur Unehre, sondern Gott zum 
Preis gereichen; ich bin sehr bekümmert um dich und 
mein liebes Kind. Ach, möchte unser lieber Herr es in 
sein Reich nehmen, das wäre mir eine große Freude, 
oder, wenn das nicht ist, es in seiner Furcht aufwach- 
sen lassen. Mein liebes Weib, sei meinetwegen nicht 
bekümmert, sondern tröste dich in dem Herrn. Der 
allmächtige Gott wolle dich und mich bewahren, daß 
wir dermaleinst im ewigen Leben erscheinen mögen. 
Der Herr wolle dich und mich bewahren und zum 
ewigen Leben stärken, Amen. 


Von mir, deinem lieben Mann, Reytse Ayseß. 

Noch ein Brief von Reytse Ayseß an seine 
Hausfrau. 

Gnade, Friede, Barmherzigkeit, Einigkeit und Liebe 
sei mit dir, meine liebe Hausfrau und Schwester in 
dem Herrn; der allmächtige Gott wolle dich trösten 
in deinem Druck und Elend, welches du um meinet- 
willen hast. 

Siehe, mein sehr liebes und wertes Weib und 
Schwester in dem Herrn, die ich vor Gott und seiner 
Gemeinde genommen habe; der ewige, allmächtige 
Gott wolle dich trösten in deinem Druck und Elend, 
das du um meinetwillen erträgst. 

Siehe, meine Geliebte, müssen wir auch gleich hier 
etwas leiden, denn in der Welt werden wir Trübsal ha- 
ben, so soll doch unsere Trübsal in Freude verwandelt 
werden; darum laß uns fest bei des Herrn Wort blei- 
ben und nicht weichen, weder zur rechten noch zur 
linken Seite. Ach, liebes und wertes Weib, ich bin dei- 
netwegen sehr bekümmert und beschwert und bitte 
den allmächtigen Gatt Tag und Nacht für dich, daß er 
dich bewahren wolle und daß du bis ans Ende stand- 
haft bleiben mögest; wer standhaft bleibt, wird selig 
werden. 

Mein liebes und wertes Weib und Schwester, als du 
bei mir warst, tröstetest du mich mit des Herrn Wort 
(daß auch des Schlossvogts Weib sagte, solches könnte 
ich nicht tun) und sagtest, ich sollte bei des Herrn 
Wort bleiben, worüber ich mich sehr erfreue und dem 
ewigen Gott für deinen starken Glauben danke; ich 
bitte den Herrn, der das gute Werk in dir angefangen 
hat, daß Er es in dir bewahren wolle bis ans Ende, 
damit du deiner Seele Seligkeit davon bringen mögest. 
Meine Geliebte, habe guten Mut und sei tapfer im 
Herrn; dann können wir mit dem Propheten sagen: 
O Israel, wie selig sind wir, daß Gott uns sein Wort 
offenbart hat; welchen Dank sollen wir dem Herrn 
für das Gute zurückgeben, das Er uns erwiesen hat, 
denn Er ist um unsertwillen arm geworden, damit wir 
durch seine Armut reich würden. Darum, mein liebes 
und wertes Weib, wenn wir mitleiden, so werden wir 
uns auch mitfreuen; sterben wir mit, so werden wir 
auch mitherrschen. Ach, Geliebte, habe guten Mut 
und bleibe fest bei des Herrn Wort und sei fest in Ihm 
gewurzelt, wie Jakob den Engel angriff und die ganze 
Nacht mit ihm rang bis an die Morgenröte. Der Engel 
sagte: Laß mich gehen, Jakob aber erwiderte: Ich lasse 
dich nicht, bis du mich gesegnet hast. 

Darum laß uns Gottes Nachfolger sein, als die lie- 
ben Kinder, in der Liebe. Ach, mein geliebtes Weib, 
deinetwegen trage ich Sorge und bin um dich sehr 



727 


beschwert. Ach Geliebte, ich bitte dich aus dem In- 
nersten meiner Seele, du wollest den Herrn, deinen 
Gott, während deines ganzen Lebens nicht verlassen. 
Ach Geliebte, ich bin um mein liebes Kind so sehr 
beschwert und betrübt, daß ich nicht weiß, wo ich hin 
soll, und den ewigen allmächtigen Gott deswegen Tag 
und Nacht bitte. Ach, meine Liebe und Werte, habe 
guten Mut, tröste dich in dem Herrn, und sei um mei- 
netwillen nicht beschwert; der Herr ist mein Helfer. 
Meine Geliebte, der Herr gebe, wenn es Ihm gefal- 
len möchte, daß wir nicht wieder Zusammenkommen, 
daß wir dermaleinst im ewigen Leben Zusammenkom- 
men mögen. Der Herr wolle dir und mir dazu helfen 
und uns bewahren, daß wir selig werden mögen. 

Geschrieben von mir, Reytse Ayseß, deinem gelieb- 
ten Mann und Bruder in dem Herrn. 

Des Reytse Ayseß Todesurteil und Tod. 

Nachdem Reytse Ayseß seinen Glauben in aller Frei- 
mütigkeit vor den Herren und Fürsten bekannt und 
Abschied von seinen guten Freunden genommen hat- 
te, so hat man ihn endlich vor die Herren gebracht 
und zum Tode verurteilt, wie das hier folgende Urteil 
ausweist. 

Nachdem der Hof von Friesland vernommen hat, 
daß Reytse Ayseß, gegenwärtig gefangen, durch das 
Urteil des hochwürdigen Herrn, des Bischofs von 
Leeuwarden, bezüglich seiner Meinungen und Irrtü- 
mer in Ansehung der heiligen Kirche, hartnäckig be- 
funden und als ein Ketzer verdammt worden ist, und 
dieserhalb den Händen und dem Willen der weltli- 
chen Obrigkeit übergeben worden, um mit demselben 
nach den Rechten zu verfahren, wie solches das Urteil, 
welches davon handelt, ausführlich angibt, so ist es 
geschehen, daß vorgemeldeter Hof, nachdem er alles, 
was man hierin zu betrachten pflegt, in genaue Überle- 
gung genommen, den vorgemeldeten Gefangenen im 
Namen und von wegen des Königs von Spanien, Erz- 
herzogs von Österreich, Herzogs von Burgund und 
Brabant, Grafen von Holland, Seeland und Herrn von 
Friesland, verurteilt hat und ihn kraft dieses verurteilt, 
daß er durch Wasser hingerichtet und vom Leben zum 
Tode gebracht werden soll, und erklärt ferner, daß alle 
seine Güter zu Ihrer Majestät Nutzen verfallen sein 
sollen. So geschehen den 23. April 1574. 

Darüber war Reytse sehr freimütig und erfreut, sag- 
te dem Herrn Lob und Dank, daß er gewürdigt wor- 
den wäre, um seines Namens willen zu leiden, und 
ist darauf des Abends um neun Uhr von den Gerichts- 
dienern in des Schlossvogts Haus gebracht worden. 

Es waren dort auch Mönche, die ihn sehr quälten 
und versuchten; aber dem Geist, der in ihm war, konn- 


ten sie nicht widerstehen; er blieb immer freimütig 
und unerschrocken, und redete mit einer Person, wel- 
che von ihm dieses Zeugnis gegeben hat, ließ auch 
alle seine guten Freunde grüßen, insbesondere seine 
Eltern, sein Weib und seine nächsten Blutsfreunde, 
und entbot ihnen, daß er sehr getrost wäre, und mehr 
Freude hätte, als er jemals in seinem Leben genossen 
hätte. Hiernächst ist er von dem Schlossvogt und des- 
sen Dienern, dem Scharfrichter, den Mönchen und 
mehreren andern des Nachts um zwölf Uhr nach dem 
Peinigerturm geführt worden, wohin er freudig ge- 
gangen ist und gesungen hat: 

Dich ruf ich, himmlischer Vater, an, 

Wollst meinen Glauben stärken. 

Als er nun in den Peinigerturm kam, ist er auf sein An- 
gesicht niedergefallen und hat den Herrn mit brünsti- 
gem Gebet angerufen; hiernächst ist er aufgestanden 
und hat sein Opfer in aller Freimütigkeit vollbracht. 
In solcher Weise ist er dort ertränkt worden, und ruht 
nun unter dem Altar und wartet, bis die Zahl seiner 
Mitbrüder erfüllt sein wird. 

Wie nachdrücklich nun der treue Gott mit Barmher- 
zigkeit seines Volkes sich annimmt, dasselbe durch 
seinen Geist tröstet und stärkt, mit ihnen durch Was- 
ser und Feuer geht, ja, im bittern Tode bei ihnen 
bleibt und sie nimmermehr verlässt, auch an allen 
Leiden teilnimmt, das den Seinen angetan wird, als 
ob Ihm selbst in seinen Augapfel gegriffen worden 
wäre, kann in beiden Testamenten an der strafenden 
Hand Gottes, die Er öfters wider die blutdürstigen 
Verfolger gebraucht hat, klar gesehen und bemerkt 
werden. 

Eben dasselbe kann man auch an vielen Tyrannen 
und Verfolgern der neusten Zeit wahrnehmen, wie 
unter andern an dem Edelmanne Andries Grypen zu 
ersehen ist, welcher als er einigen Dieben nachjagte, 
seine Hände an diesen gemeldeten Gottesfürchtigen, 
Reytse Ayseß, legte; und wiewohl sein und seiner 
Hausfrau Gewissen sie wegen dieser Tat sehr geplagt 
und beschuldigt hat, sodass sie sagten, es jammerte sie 
sehr, daß man diese Leute über die Maßen beschwer- 
te, die doch niemandem (sagte er) Leides tun, noch 
jemandes Gut begehren, sondern mit ihrem Eigentum 
wohl zufrieden sind, daß man diese so ängstige, das 
wäre in seinem Herzen ein schweres Kreuz. Obgleich 
er nun dieses in seinem Gewissen fühlte, so hat er 
doch, weil seine Schreiber ihn dazu anreizten und er 
mit Pilatus gern des Kaisers Freund bleiben, auch sein 
Amt nicht verlieren wollte, diese Überzeugung seines 
Gemütes in den Wind geschlagen und den Reytse Ay- 
seß festgebunden und in eiserne Bande geschlossen. 



728 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


und hat ihn so nach Leeuwarden ins Gefängnis ge- 
sandt; aber der gerechte Gott, der mit sich nicht spot- 
ten lässt, hat den gemeldeten Edelmann bald nach 
dieser Tat mit seiner Hand schwer getroffen und ge- 
straft; denn die Freibeuter, die aus Holland kamen, 
überfielen sein Haus und zerstörten dasselbe gänz- 
lich, taten ihm auch viel Leid und Schmach an und 
nahmen ihn mit nach Holland; und als er um sechstau- 
send Gulden ranzioniert wurde, musste er jede Woche 
für seine Person noch hundert Gulden geben, bis das 
Lösegeld aufgebracht und ganz bezahlt war. Dadurch 
ist er mit seiner ganzen Familie in die äußerste Armut 
geraten, sodass andere Leute, die mit Barmherzigkeit 
erfüllt waren, ihn in dieser großen Dürftigkeit mit 
ihrer Handreichung ernährt und gespeist haben; au- 
ßerdem wurde er von der Auszehrung stark geplagt, 
woran er endlich elend gestorben ist; ebenso haben 
auch einige von seinen Nachkommen in dieser Welt 
ein erbärmliches Ende genommen. In allen diesen Pla- 
gen hat sein Herz ihn noch sehr dieser Tat beschuldigt, 
sodass er mit Reue zu Gott gebeten und begehrt hat, 
daß er doch, um dieses zeitlichen Leidens und Unge- 
machs willen, der ewigen Pein der Hölle (die er in sich 
zu fühlen schien) durch Gottes Gnade entfliehen und 
ihr entübrigt sein möchte. Dieses möchte wohl für alle 
Tyrannen und Verfolger ein Spiegel und Exempel sein, 
damit sie sich vor solcher Tat sorgfältig hüten. 

Hendrik Pruyt, im Jahre 1574. 

Um das Jahr 1574 ist noch ein frommer Bruder, Na- 
mens Hendrik Pruyt, gewesen, welcher zu Harder- 
wyk in Gelderland geboren und ein Seemann war, der 
mit seinem Schiffe auf der Südsee, an der Küste von 
Friesland, fuhr. Weil aber in Wurkom ein welscher 
Obrist lag, ein treuer Diener des Königs von Spanien, 
und zu der Zeit schwere Kriege zwischen Holland 
und dem König von Spanien geführt wurden, so ist 
des Königs Volk dem gemeldeten Hendrik Pruyt mit 
einer Jacht an Bord gekommen. Als er nun keinen 
Ausweg sah, sagte er zu seiner Hausfrau: Tryntgen 
Jans! Schaf, hier kommt der Wolf. Dabei ermahnte er 
sie, sie sollte freimütig sein und ohne Falschheit reden, 
was man sie auch fragen würde. Als diese Räuber an 
Bord kamen, fragten sie, woher das Schiff sei. Sie ant- 
worteten: Von Harderwyk, welches doch damals mit 
dem König im Frieden stand; aber sie mussten gleich- 
wohl mit ihnen ans Land, wo sie Hendrik Pruyt nach 
Wurkom ins Gefängnis brachten. Seine Hausfrau, als 
sie zu ihm kam, war sehr bekümmert, wie sie ihn wie- 
der befreien möchte (denn es waren junge Leute, die 
einander sehr liebten). Weil aber Hendrik Pruyt zu 
seiner Befreiung wenig Hoffnung hatte, so hat er seine 


Hausfrau gebeten, sie sollte sich seinetwegen wenig 
Mühe geben, sondern zu ihrem Bruder und zu ihren 
Freunden reisen, welche bei dem Schiff hauptsäch- 
lich beteiligt waren, damit sie dafür sorgen möchten, 
daß das Schiff gerettet würde, wie denn solches auch 
geschehen ist. 

Unterdessen, als sie nach Hause reiste, haben sie 
Hendrik Pruyt verhört und befunden, daß er ein Bru- 
der der Mennoniten wäre, weshalb sie so tyrannisch 
und grausam mit ihm verfuhren, daß sie auch nicht 
einmal bis zu seiner Frau Wiederkunft warten konn- 
ten, welche sie auch wohl denselben Weg des Leidens 
hätten passieren lassen. Sie nahmen diesen frommen 
Mann und warfen ihn in ein Schifflein, welches sie 
mit Teer wohl beschmiert hatten; auch haben sie den 
Leib dieses Gefangenen mit Teer beschmiert und seine 
Hände am Mastbaume festgebunden. In diesem Zu- 
stand brachten sie ihn dann aus dem Hafen, steckten 
das Schifflein in Brand und steuerten ihn brennend in 
die See hinein. Als aber in Folge des Feuers die Stri- 
cke, womit seine Hände gebunden waren, verzehrt 
wurden, schien es, daß er sich noch auf irgendeine 
Weise aus dem Brand hätte retten können, wenn die 
Mörder, die solches sahen, nicht sofort zurückgekom- 
men wären und ihn durchstochen hätten, worauf der 
zeitliche Tod erfolgt ist. Also hat dieser Freund Gottes 
sich tapfer durchgestritten, und ist deshalb der Samen 
Gottes (den er durch die Ermahnung des Wortes Got- 
tes in sein Herz empfangen hatte) bis ans Ende bei 
ihm geblieben, wodurch er seine Feinde in Geduld 
überwunden, Glauben behalten und die Krone der 
ewigen Herrlichkeit durch Gottes Gnade erlangt hat. 

Als dieser Obrist bemerkte, daß Tryntgen Jans, seine 
Hausfrau, wenn sie diesen Vorfall hören würde, nicht 
leicht diesen Wölfen würde in die Hände laufen wol- 
len, ist er sehr missvergnügt darüber gewesen, und 
hat gesagt: Hätte ich sie hier, sie müsste diesen Weg 
auch wandern, und wenn er zu irgendeiner Zeit diese 
Frau bekommen könnte, sollte sie auch schon irgend- 
wo begraben sein, so wollte er doch ihren Leichnam 
wieder ausgraben und denselben verbrennen lassen. 

Bedenke einmal, geliebter Leser, wie solche grausa- 
me Blutdürstigkeit und Tyrannei mit dem Wort, Geist 
und Vorbild Christi und seiner Apostel übereinstim- 
me, deren Nachfolger zu sein sie sich doch unver- 
schämter Weise rühmen. 



729 


Olivier Willemß von Nimmägen wird zu 
Antwerpen nebst zwei jungen Mägdlein lebendig 
verbrannt, weil er nach der Wahrheit des 
Evangeliums lebte, 1574. 

Olivier Willemß, geboren zu Nimmägen, und in den 
Schulen auferzogen, Pastor zu Leeuwen wurde (wel- 
ches ein Dorf zwischen Nimmägen und Tiel war), hat 
bisweilen seine Bedenklichkeiten über die Bedienung 
der Messe und andere römische Satzungen zu erken- 
nen gegeben. Dadurch ist er in Verdacht gekommen, 
weshalb er auf Anraten seiner Gönner in das Clevi- 
sche Land geflohen ist, und als er sich dort unter die 
Gemeinschaft der Taufgesinnten begeben, ist er mit 
einer Witwe von Antwerpen (die auch um der Verfol- 
gung willen flüchtig war) in die Ehe getreten, worauf 
er, in der Hoffnung größerer Freiheit, weil die bluti- 
gen Befehle gemildert waren, mit ihr wieder zurück 
nach Antwerpen gereist ist, und sich in dem Steinhau- 
ersvest niedergelassen hat. 

Als ihm nachher seine Hausfrau zwei Söhne ge- 
bar, welche nicht zur Taufe gebracht wurden, sind sie 
in den Verdacht der Ketzerei geraten und nachdem 
sie verklagt waren, im Anfänge des Jahres 1574 (als 
die Kinder fünfviertel Jahre alt waren), auf den Stein 
gebracht wurden. 

Wenige Tage darauf, auf einen Freitag, den 22. Ja- 
nuar, wurde der gute und aufrichtige Mann, Olivier 
Willemß, um seines Glaubens willen, weil er sich im 
Alter hatte taufen lassen, und einige gute und erbau- 
liche Bücher verkauft hatte, die durch die Papisten 
verboten waren, verurteilt, daß er lebendig verbrannt 
werden sollte, welche Pein er auch am andern Tage 
standhaft erlitten hat, nachdem er seine Seele in die 
Hände Gottes befohlen hatte. 

Seine Hausfrau kam durch besondere Umstände 
(die unnötig sind zu erzählen) aus dem Gefängnis, 
und ist endlich im 85. Jahre ihres Alters gottesfürchtig 
und gottselig im Herrn entschlafen. 

Nacherinnerung von Olivier Willemß Person, 
desgleichen von seinem Leiden und Tode. 

Von ihm wird berichtet, daß er, neben seinem recht- 
schaffenen Glauben und tugendhaften Wandel, einen 
sehr klugen und durchdringenden Verstand gehabt 
habe, und daß er auch in den drei Hauptsprachen, 
nämlich Hebräisch, Griechisch und Latein so erfah- 
ren gewesen sei, daß er sie täglich in seinem Hause 
gelesen und seinen Hausgenossen erklärt habe. 

Im Gefängnis wurde ihm mit der Folter sehr ge- 
droht; er hat sich aber hierin standhaft, unbeweglich 
und ohne Veränderung vor Gott und Menschen ge- 


zeigt. 

Er war kaum drei Tage gefangen, so war sein Pro- 
zess schon beendigt, worauf das Todesurteil, Tags 
darauf aber der Tod erfolgte. 

Man verbrannte ihn lebendig zwischen zwei jungen 
Töchtern (die allem Anschein nach dieselbe Wahrheit 
auch bekannt hatten), nach dem Zeugnis derer, die 
behaupteten, solches mit eigenen Augen gesehen zu 
haben. 

Nachdem uns nicht allein die vorgemeldete Ab- 
schrift, und die nachher angeführte Nachricht von 
Olivier Willemß zu Händen gekommen ist, sondern 
auch die gerichtliche Anklage, welche der Schultheiß 
zu Antwerpen auf gemeldete Person erhoben hat, wie 
auch, was die Gerichtsherren darauf beschlossen ha- 
ben, so wollen wir die urkundliche Abschrift des dor- 
tigen Schreibers zur vollständigen Bewahrheitung der 
Sache hier beifügen. 

Auszug aus dem Gerichtsbuch, worin bürgerliche 

und Blutsgerichtssachen der Stadt Antwerpen 
enthalten sind. 

Der Schultheiß, wider Olivier Willemß von Nimmä- 
gen, weil er sich unterstanden, sich in verschiedenen, 
verbotenen Zusammenkünften einzufinden, auch ver- 
botene Bücher zu verkaufen und sich in diesen ver- 
botenen Zusammenkünften nach seiner Taufe in der 
Kindheit hat wiedertaufen lassen, alles den Gesetzen 
und Befehlen seiner Majestät zuwider. Concludit capi- 
taliter, daß der Beschuldigte, nach den vorgemeldeten 
Befehlen, gestraft werden soll, nachdem er, der Be- 
schuldigte, dasjenige öffentlich bekannt hat, dessen 
er von dem Schultheiß beschuldigt worden ist. Judi- 
catum: Er, als der Anstifter, ist wegen seiner Vermes- 
senheit verurteilt worden. 

Diese Abschrift ist von mir, unterschriebenen Se- 
kretär der Stadt Antwerpen, mit dem vorgemeldeten 
Gerichtsbuch verglichen und damit übereinstimmend 
befunden worden. Ph. Valckenissen. 

Die Worte Concludit capitaliter sagen auf Deutsch so 
viel, als daß der Schultheiß ihn anklagt, daß Leben 
und Gut ihm verfallen sei; das Wort Judicatum sagt so 
viel, daß die Herren das Urteil gefällt haben. Dieses 
bezeugt derselbe. Ph. Valckenissen. 

Jakob, der Schuhflicker, nebst seiner Hausfrau 
Grietgen von Brüssel, Anneken von Brüssel, 
Tanneken Walraven, 1575. 

Ferner sind im Jahre 1575 am Pfingstabend zu Ant- 
werpen in Brabant die nachfolgenden Zeugen Jesu, 
nämlich Jakob, der Schuhflicker, und seine Hausfrau 



730 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Grietgen von Brüssel, eine Witwe, und Anneken von 
Brüssel, eine junge Tochter, sowie Tanneken Walraven, 
die Mutter des Jaques Walraven von Amsterdam, mit 
festgeschraubten Zungen lebendig verbrannt worden. 
Diese haben den Tod gemeinschaftlich erlitten, mit 
Ausnahme der Ehefrau des Schusters Jakob, welche 
schwanger war; diese hat ihre Niederkunft erwarten 
müssen, worauf sie den Fußstapfen ihren Mannes 
nachgefolgt ist, und ihr Leben um des Zeugnisses Je- 
su willen freiwillig übergeben hat. Hierbei möge ein 
jeder Leser bemerken, wie diese Papisten den Fuß- 
stapfen der Schriftgelehrten und Pharisäer nachge- 
folgt sind, welche neidisch waren und die Wahrheit 
hassten, welche ihre Ohren verstopft haben, damit 
sie die Worte der Wahrheit, die ihnen von dem treu- 
en Zeugen Gottes, Stephanus, vorgehalten worden 
sind, nicht hören möchten. Ebenso haben auch diese 
Schriftgelehrten mit noch größerer Tyrannei gegen 
diese Freunde Gottes gehandelt, wobei sie sich der 
Instrumente bedienten, die von den Mönchen dazu er- 
funden waren; mit denselben haben sie diesen Zeugen 
die Zungen festgeschraubt, um sie am Reden zu ver- 
hindern, damit, wenn sie zum Tode gingen, sie dem 
umstehenden Volk die Wahrheit aus Gottes Wort und 
die Unschuld ihres Todes nicht verkündigen möchten. 
Wie werden sich diese Verfolger vor dem Richterstuhl 
Christi verantworten, die doch wissen, daß Christus 
so viele Wehe, Wehe über die Schriftgelehrten und 
Pharisäer ausgerufen hat, welche die Propheten getö- 
tet und gesteinigt haben, die zu ihnen gesandt waren, 
und doch auch eben denselben Werken nachgefolgt 
sind? Darum haben sie auch von dem gerechten Rich- 
ter (der einen jeden nach seinen Werken belohnen 
wird) eben dieselbe Belohnung zu erwarten. Dagegen 
können diese Zeugen sich in der Tat trösten, deren 
Zungen hier gebunden waren, und die eine kurze Zeit 
um der Wahrheit willen gelitten haben, daß solches 
ihnen eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit geben 
werde, wenn in der Offenbarung Christi ihr Mund 
voll Lachens und ihre Zunge voll Rühmens sein wird, 
und sie werden in großer Standhaftigkeit wider dieje- 
nigen stehen, die sie hier geängstigt und ihre Arbeit 
verachtet haben, und sie stehen also unter den seligen 
Verheißungen Christi, der gesagt hat: Selig sind, die 
um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn 
das Himmelreich ist ihnen; und Petrus: Wenn ihr um 
des Namens Christi willen verschmäht werdet, so seid 
ihr selig. 

Von diesen Zeugen sind während ihrer Gefangen- 
schaft viele Schriften herausgekommen, aber sie sind 
im spanischen Aufruhr, welcher den 4. November im 
Jahre 1576 zu Antwerpen stattfand, wieder verloren 
gegangen. 


Claes von Armentiers und Lyntjen, eine junge 
Tochter, im Jahre 1575. 

Im Jahre 1575 ist zu Antwerpen um des Glaubens 
der Wahrheit und des Zeugnisses Jesu willen ein got- 
tesfürchtiger frommer Bruder, genannt Claes von Ar- 
mentiers, ein Bortenweber, und mit ihm eine junge 
Tochter, genannt Lyntjen, eine Dienstmagd, lebendig 
verbrannt worden. Als nämlich Claes von Armentiers 
zuerst gefangen war, hat Lyntjen ihm ins Gefängnis 
zugerufen: Streite tapfer, mein lieber Bruder, denn du 
hast die rechte Wahrheit. Als sie aber deshalb eben- 
falls gefangen wurde, ist sie vier oder fünf Tage dar- 
auf aufgeopfert, und sind so beide lebendig verbrannt 
worden; und weil sie um der Wahrheit Christi wil- 
len (wie den gehorsamen Schäflein ihres einigen und 
ewigen Hirtens wohl ansteht) den zeitlichen Brand 
an ihren zeitlichen und vergänglichen Leibern gedul- 
dig und in wahrem Gehorsam erlitten haben, so sind 
sie dadurch von dem ewigen und unauslöschlichen 
Brande der Hölle, der dem Teufel und allen seinen 
Nachfolgern bereitet ist, errettet und befreit worden; 
denn diese werden Pein leiden müssen, das ewige Ver- 
derben von dem Angesicht des Herrn, da der Wurm 
nicht stirbt, noch das Feuer ausgelöscht wird; dage- 
gen haben diese treuen Nachfolger der Wahrheit aus 
dem Munde Jesu zu erwarten: Selig sind, die um der 
Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn das Him- 
melreich ist ihr; dann werden sie diese Glieder, die sie 
hier um des Zeugnisses Jesu willen dem Feuer überge- 
ben haben, mit großer Herrlichkeit wieder empfangen, 
und werden dem herrlichen Leibe unseres Herrn Je- 
su gleich sein in der Unsterblichkeit, und mit Ihm in 
unaussprechlicher Freude und Herrlichkeit leben von 
Ewigkeit zu Ewigkeit. 

Zwanzig Personen zu London in England, 

unter denen vierzehn Weiber waren, werden zur Stadt 
hinausgetrieben; ein Jüngling wird hinter einem Kar- 
ren ausgepeitscht; einer ist nachher im Gefängnis ge- 
storben; zwei, mit Namen Hendrik Terwoort und Jan 
Pieterß, sind lebendig verbrannt; zwei andere nach 
viel ausgestandenem Elend aus dem Gefängnis ent- 
kommen, welches alles unter der Regierung der Köni- 
gin Elisabeth im Jahre 1575 geschehen ist. 

Als die Verfolgung, das Töten und Morden der 
Christenschar an vielen Orten noch im Gange war, ist 
es geschehen, daß einige Freunde um der schweren 
Verfolgung und geringen Nahrung willen aus Flan- 
dern nach England gezogen sind, unter denen sich 
auch Hendrik Terwoort und Jan Pieterß befanden. Als 
sie nun in ihrer Einfachheit zu London wohnten, um 



731 


für Weib und Kind das Brot zu verdienen, hat es sich 
im Jahre 1575 auf den Ostertag ereignet, daß sie sich 
in der Vorstadt versammelten, um das Wort Gottes 
zu hören; als sie sich nun miteinander zu Gott ins 
Gebet begaben, ist der Constabel (weil sie ausgekund- 
schaftet worden waren) auf eine grausame und trot- 
zige Weise hineingekommen, nannte sie Teufel und 
fragte sie, wer ihr Prediger wäre, schrieb auch ihre 
Namen auf und nahm von den Frauen das Wort, daß 
sie bis auf weitern Bescheid beisammen bleiben woll- 
ten. Deshalb sind diese Freunde dort geblieben, bis 
der Constabel wieder kam, der sie bei Namen auf- 
rief und hiemächst vor sich hertrieb, wie man die 
Schafe zur Schlachtbank führt; ihre Anzahl bestand 
aus 25 Personen, die er nach dem Gefängnis geführt 
hat, von denen sich jedoch zwei, ohne irgendeine Ge- 
walt anzuwenden, befreit haben. Sie haben zwei Tage 
auf dem Südwerke in der Mercice gefangen gesessen, 
worauf sie auf gegebene Bürgschaft entlassen worden 
sind; sie wurden aber bald darauf wieder in die St. 
Pauluskirche entboten, wo der Bischof mit mehreren 
andern hochgeachteten Lehrern und Menschen anwe- 
send war; dort hat man ihnen vier Fragen vorgelegt, 
welche lauten wie folgt: 

1. Ob Christus, unser Heiland, sein Fleisch nicht 
von dem Leibe Maria angenommen habe? 

2. Ob einem Christen erlaubt sei, einen Eid zu 
schwören? 

3. Ob die Christen ihre Kinder auch taufen lassen 
sollten? 

4. Ob einem Christen erlaubt sei, im Blutgericht ein 
obrigkeitliches Amt zu bedienen? 

Diesen Fragen haben diese Freunde nicht beipflich- 
ten können, sondern haben denselben sämtlich wi- 
dersprochen, weil sie dieselben in der heiligen Schrift 
(nach welcher man glauben muss) nicht gelesen hat- 
ten. Das bekannten sie, daß sie von einer Obrigkeit 
gelesen hätten, die Gott in allen Landen zum Schutz 
der Frommen und Strafe der Gottlosen eingesetzt ha- 
be. Als nun diese Freunde um der Furcht Gottes wil- 
len den Gelehrten in diesen ihren Fragen nicht folgen 
konnten, so hat der Bischof sehr schändlich und grim- 
mig über sie getobt, was auch die anderen getan und 
geäußert haben, man sollte diesen Leuten den Prozess 
machen, wenn nicht, so wollten sie selbst Hand an sie 
legen, und weil einer von den Gefangenen mehr als 
die andern redete, so sagten sie: Dieser ist ihr Kapitän; 
du sollst deinen bösen Samen nicht länger in unserem 
Land ausbreiten, und haben ihn allein geschlossen. 
Darauf hat der Bischof ihnen einen großen Brief ge- 
zeigt und sehr trotzig gesagt, daß der Hof befohlen 
habe, daß alle Fremdlinge die vier oben gemeldeten 
Fragen unterzeichnen sollten; wer solches tun wollte. 


der könne frei und ungehindert im Lande wohnen 
bleiben; aber alle die hierin widerspenstig erfunden 
würden, sollte man mit einem schrecklichen Tode hin- 
richten; darauf mag sich ein jeder bedenken; darum 
unterzeichnet lieber, dann helft ihr euch selbst aus der 
Gefahr. Diese grausamen und unchristlichen Bedro- 
hungen haben einigen Schrecken eingejagt, sodass um 
der Schwachheit des Fleisches willen fünf derselben 
von der Wahrheit abgefallen sind und sich geweigert 
haben, ihr Leben um Christi willen zu verlieren. Da 
sie mm diese in ihr Netz bekamen, so haben sie diese 
gefundenen Schafe (wie sie dafür hielten) nach der 
Lehre Christi nicht mit Freuden auf ihre Schultern 
gelegt, sondern sie haben im Gegenteil diese fünf zur 
Schmach auf Paulus Kirchhof gesetzt, wobei sie ihnen 
Brandreiser auf die Schultern banden, als ein Zeichen, 
daß sie des Brandes schuldig wären; auf solche Weise 
standen sie da, bis der Bischof seine Predigt geendigt 
und ihnen einen Brief eingehändigt hatte, des Inhalts, 
daß sie verführt waren und daß dieses die Wahrheit 
sei, die man dort lehrte; sie sollten Bürgschaft leisten, 
daß sie sich zur deutschen Kirche halten wollten, um 
dadurch ihre Brüder zu werden. Die anderen Freunde 
aber, die bei der Wahrheit standhaft geblieben sind, 
haben sie noch zweimal vor den Bischof gebracht und 
ihnen mit dem Befehl scharf gedroht, ob sie sie zum 
Unterschreiben bringen möchten, sonst müssten sie ei- 
nes entsetzlichen Todes sterben. Als der Bischof diese 
Freunde keineswegs zum Abfall bringen konnte, hat 
er sie dem Bürgermeister übergeben, worauf man sie 
zu den Übeltätern in schwere Gefangenschaft gelegt 
hat, wo die vierzehn Frauen nebst einem jungen Kna- 
ben eine Zeitlang in großem Leid und Trübsal unter 
mancherlei grausamen Todesbedrohungen gefangen 
gelegen haben. 

Aber die Sache hat einen andern Ausgang genom- 
men, denn sie haben diese gemeldeten Frauen heraus- 
gelassen, und wiewohl sie imschuldige Schafe waren, 
die man leicht zwingen konnte, so haben sie sie doch 
mit Hellebarden und bewaffneten Leuten (als ob sie 
eine Stadt zu bewahren hätten) zu Schiffe getrieben; 
den Junggesellen aber haben sie an einen Karren ge- 
bunden, und ihn so mit einer Peitsche auf den Leib 
gegeißelt und ausgepeitscht, welcher sagte: Dieses 
ist um des Namens Christi willen. Als sie nun einge- 
schifft waren, um nach Gravesend gebracht zu wer- 
den, gab man dem Schiffer einen Brief, des Inhalts, 
daß diese Leute nicht würdig wären, unter die Chris- 
tenheit zu kommen. Die andern fünf Brüder haben sie 
nachher vorgeführt und sie mit großer Strenge zum 
Unterschreiben genötigt, widrigenfalls sie auf dem 
Smitsfelde verbrannt werden sollten. Darauf hat Jan 
Pieterß mit tapferem Gemüt geantwortet, daß solches 



732 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


eine sehr geringe Sache sei. Der Bischof fragte scharf: 
Was sagt er da? Nachdem er nun Jan Pieterß wohl 
verstanden hatte, sagte er trotzig, daß man solche Ket- 
zer meiden müsste; darum wollte er sie nun als böse 
Glieder von seiner Kirche abschneiden. Darauf sagte 
Hendrik Terwoort: Wie kannst du uns von eurer Kir- 
che abschneiden, da wir doch noch niemals mit euch 
vereinigt gewesen sind? Der Bischof antwortete, das 
wäre ebenso viel, denn es wäre niemand in England, 
der nicht ein Mitglied der Kirche Gottes wäre. Also ha- 
ben sie diese Freunde Christi nach Nieugeet geführt; 
dort haben sie sie sehr fest geschlossen und sie mit 
mancherlei Anfechtungen, mit Disputieren und mit 
grausamen Todesbedrohungen gequält. Als aber diese 
Freunde solches alles (als Männer im Glauben) stand- 
haft ertrugen, so haben sie sie sehr unbarmherzig in 
ein tiefes Loch zu bösem Ungeziefer gesteckt, wo es 
fürchterlich und ungesund zu liegen war, sodass einer 
von den Freunden, Namens Christian, wenige Stun- 
den darauf dort gestorben ist. Bisweilen kam ein eng- 
lischer Lehrer dahin, legte seine Hände auf sie und fiel 
auf seine Knie, rief auch laut: Herr, bekehre ihr Herz! 
wobei er den Teufel nannte und sagte: Weiche von 
ihnen, du böser Feind! Als aber diese Männer dieses 
alles (durch Gottes Gnade) um der Liebe Gottes willen 
ertrugen, ist ihnen zuletzt ein Brief gezeigt worden, 
welcher acht Artikel umfasste, den alle Fremdlinge 
unterschreiben und dabei erklären sollten, ob es nicht 
recht wäre, solche herumlaufenden Ketzer zu töten. 
Nachher ist das Urteil über Jan Pieterß und Hendrik 
Terwoort von Hof gekommen, daß sie beide öffentlich 
verbrannt werden sollten; das gemeine Volk hat die- 
ses Urteil unterschrieben und ebenfalls zugestimmt, 
daß man solche Ketzer töten sollte. 

Den folgenden Sonntag hat man ihnen die Nach- 
richt gebracht, daß sie innerhalb dreier Tage verbrannt 
werden sollten, wobei gefragt wurde, ob sie, die Ge- 
fangenen, noch einen Aufschub begehrten. Hendrik 
Terwoort antwortete: Muss es einmal nach eurem Vor- 
haben geschehen, so wollt denn mit der Sache sehr 
eilen, denn wir wollen lieber sterben als leben, da- 
mit wir einmal von dem grausamen Ungeziefer erlöst 
werden mögen; aber es hat noch bis den Freitag ge- 
währt, wo sie Morgens früh hinausgeführt worden 
sind, um auf dem Smitsfelde getötet zu werden. Als 
sie zum Tode gingen, sagte Jan Pieterß, wir dürfen 
uns dieses Weges nicht schämen, weil viele Propheten 
denselben vor uns gewandelt sind. Also sind sie als 
wehrlose Schafe Christi den Fußstapfen ihres Meis- 
ters nachgefolgt, und um des Namens Christi willen 
freimütig zum Tode gegangen. Ein englischer Lehrer, 
der zugegen war, hat spottend vor allem Volk gesagt: 
Diese Leute glauben nicht an Gott. Darauf hat Jan 


Pieterß geantwortet: Wir glauben an einen Gott, un- 
sern himmlischen, allmächtigen Vater, und an Jesum 
Christum, seinen Sohn. 

Als sie nun an den Pfählen standen, hat man sie 
noch einmal mit dem Unterschreiben jener Schrift ge- 
plagt und ihnen, wenn sie unterschreiben würden, 
Pardon verheißen. Darauf sagte Jan Pieterß: Ihr habt 
allen Fleiß angewandt, uns auf eure Seite zu bringen; 
nun ihr aber eure Absicht nicht erreichen könnt, setzt 
ihr uns an Pfählen. Darauf entschuldigte sich einer 
von den Predigern und sagte: Solches käme allein 
vom Rate her und es wäre auch der Königin Mei- 
nung, daß sie getötet werden sollten. Jan Pieterß gab 
zur Antwort: Sie wären ja der Königin Lehrer, darum 
sollten sie sie anders unterrichten, und deshalb wird 
unser Blut von euren Händen gefordert werden. Also 
sind sie den 22. Juli des gemeldeten Jahres 1575 bei- 
de lebendig verbrannt worden und haben das Wort 
der Wahrheit mit ihrem Tode befestigt. Aber die bei- 
den anderen Gefangenen, nämlich Gerrit von Byler 
und Hans von Strafen, sind nach vielem Elend und 
Jammer (unverletzt an ihrem Glauben) wieder frei 
geworden. 

Es sollen auch alle Verständigen billig erwägen, wie 
wenig solche unchristlichen und grausamen Handlun- 
gen und Urteile, wie hier vorliegen, mit dem christ- 
lichen Glauben übereinstimmen, da doch die Chris- 
tenschar als eine Herde von Schafen und Lämmern 
beschrieben wird, die unter die grausamen und rei- 
ßenden Wölfe ausgesandt wurde. Wer wird nun mit 
gutem Gewissen glauben können, daß diese engli- 
schen Prediger die wahren Schafe Christi seien, weil 
sie hierin so merkwürdige Früchte der Wölfe hervor- 
gebracht haben, indem man ja, nach der Lehre Christi, 
den Baum an den Früchten erkennen soll! Diese Pre- 
diger sind umso mehr zu bestrafen, weil sie es ja für 
einen Hauptartikel ihres Glaubens halten, daß der 
allmächtige Gott vor Grundlegung der Welt eine ge- 
wisse kleine Zahl Menschen erwählt habe, die weder 
vermindert noch vermehrt werden können, sondern 
ohne Fehl die Seligkeit erlangen, und daß dagegen 
der allmächtige Gott die andere große Zahl Menschen 
verworfen habe, die auch ohne Fehl verloren gehen 
müssen; auch, daß der Wille oder das Vermögen, das 
Gott dem Menschen gegeben hat, um die gnädige 
Bekehrung von Gott anzunehmen, nicht mehr wir- 
ke oder vermöge, als die verstorbenen Menschen zur 
Auferweckung vom leiblichen Tode tun können. Steht 
nun die Sache mit des Menschen Bekehrung so, wie 
ganz ungegründet ist denn nicht das Tun dieser engli- 
schen Prediger, die auf solche tyrannische Weise die- 
sen armen, wehrlosen Gefangenen den Glauben und 
die Bekehrung (nach ihrer Meinung) durch die Bedro- 



733 


hungert des schrecklichen Todes haben aufdringen 
wollen. Aus diesem ist zu ersehen, daß sie ihre eige- 
nen Hauptartikel selbst nicht glauben. 

Dieses ist unter der Regierung der Königin Elisa- 
beth geschehen, im 18. Jahre ihres Reiches. 

Wem es gefällt, der lese diese Geschichte auch in 
einem alten gedruckten Lied, welches damals über 
die Aufopferung dieser Freunde gemacht worden ist. 

Auszug aus einer eigenhändigen Schrift des Gerrit 
von Byler, im Gefängnis zu London geschrieben, 

welche uns durch seinen Sohn, Jan von Byler, 
eingehändigt worden ist und zur Befestigung des 
Vorgemeldeten dient. 

Zunächst und vor allem berichtet er, daß sie, als ihrer 
mehr als 25 versammelt gewesen und Gott angebetet 
hatten, am Ostertag überfallen, gefangen genommen 
und in der Königin Gefängnis gesetzt worden seien; 
hier saßen sie bis in den dritten Tag und mussten dann 
für eine große Summe Geldes Bürgschaft leisten; die 
Bürgschaft hat jemand übernommen und wir (schreibt 
Gerrit von Byler) hielten unser Wort. (Von hieran wol- 
len wir der eigenhändigen Schrift des Gerrit von Byler 
nachfolgen.) 

Da sind wir vor Ihrer Majestät Bischof geführt wor- 
den, um unsern Glauben zu bekennen, was wir auch 
taten. 

Als wir vor den Bischof kamen, trafen wir dort den 
Meister Joris, Jakobus de Köninck, Jan de Rademachcr, 
zwei Ratsherren und einen französischen Prediger; sie 
hielten uns vier Fragen vor und sagten dabei: Sagt Ja 
oder Nein. 

1. Frage: Ob Christus sein Fleisch und Blut nicht 
von der Jungfrau Maria angenommen habe? Wir ant- 
worteten, daß Er der Sohn des lebendigen Gottes sei. 

2. Frage: Ob die Kinder nicht getauft werden müss- 
ten? Wir antworteten: Wir können es nicht so anneh- 
men, weil wir es in der heiligen Schrift nicht gefunden 
haben. 

3. Frage: Ob ein Christ im Blutgericht ein obrigkeitli- 
ches Amt bedienen möge? Wir antworteten, daß unser 
Gewissen solches nicht zuließe, wir würden sie aber 
(wie wir lesen) für eine Dienerin Gottes erkennen. 

4. Frage: Ob ein Christ im Notfall nicht schwören 
möge? Wir antworteten, unser Gewissen ließe uns sol- 
ches auch nicht zu, denn Christus habe gesagt (beim 
Matthäus): Eure Worte sollen sein Ja, ja. Nein, nein. 

Darauf schwiegen wir still; der Bischof aber sagte, 
unsere Missetaten wären hierin sehr groß; und wir 
könnten das Reich Gottes nicht ererben. Ach, Herr, 
räche solches nicht. 


Darauf sagte der Bischof zu uns allen, man sollte 
uns wieder in die Mercice führen, woher wir gekom- 
men waren, um uns dort gefangen zu halten. 

Ein junger Bruder, der zuerst gefragt wurde und 
die Wahrheit freimütig bekannte, wurde darüber hart 
angeklagt und von uns getrennt und nach Westmüns- 
ter geführt, wo er allein geschlossen wurde; dieses hat 
uns sehr verdrossen. 

Als wir nun so gefangen saßen, kam Meister Joris 
und sagte, wenn wir uns zur Kirche begeben wollten, 
so sollte er uns losschließen und von den Banden 
befreien; dazu sagte er, hätte er Befehl vom Bischof; 
aber wir standen tapfer für die Wahrheit Jesu Christi, 
Er ist doch unser Hauptmann und sonst niemand, ja, 
auf Ihm beruht all unser Vertrauen. 

Meine lieben Brüder und werten Schwestern, lasst 
uns tapfer anhalten, bis wir hinweggenommen wer- 
den. Der Herr wird uns neuen Wein einschenken. O 
Herr stärke unsern Glauben! Gleichwie wir den Herrn 
Jesum Christum angenommen haben, so lasst uns 
doch auch fortschreiten und tapfer auf ihn trauen. 

Als wir nun meinten, der Streit würde bald ans 
Ende kommen, so hat er erst recht seinen Anfang 
genommen. Wir wurden in Eisen geschlossen und 
voneinander getrennt, auch wurden wir an unsern 
Beinen gefesselt; dieses währte etwas länger als drei 
Wochen. 

Unterdessen mussten wir abermals vor die Herren, 
wo man uns verkündigte, daß wir verbrannt werden 
sollten, was für das Fleisch verdrießlich war; aber 
wir riefen zu Gott in unserer Not, daß Er uns stärken 
wolle, wie Er Israel getan hatte. 

In einer Morgenstunde, am Tage vor Pfingsten, wur- 
den wir abermals zwei und zwei zusammengebun- 
den und vor die Herren geführt (dieses war das vierte 
Mal); da wurden wir des Wortes des Herrn eingedenk: 
Wenn ihr vor Herren und Fürsten geführt werdet, so 
sorgt nicht, was ihr reden sollt, denn es soll euch zur 
Stunde gegeben werden; solches Vertrauen haben wir 
zum Herrn. 

Als wir dahin kamen, legten uns die Herren die vier 
vorgemeldeten Fragen abermals vor und drangen in 
uns, sie zu unterzeichnen, aber wir sagten, daß wir 
bei des Herrn Wort bleiben wollten. 

Da wurden wir wieder jeder in ein besonderes Ge- 
fängnis gebracht und wie zuvor in Fesseln geschlos- 
sen; die Frauen wurden nebst einem jungen Bruder, 
nach Nieugeet geführt, von wo ab sie aber alle zu 
Schiffe gebracht worden sind, in welchem man sie 
weiter transportiert hat; den jungen Bruder aber hat 
man an einen Karren gebunden und mit Peitschen zur 
Stadt hinaus geschlagen. 

Darnach wurden wir auf etwa fünf Tage von den 



734 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Banden befreit, aber sie wurden uns wieder angetan 
und wir warteten nun auf das Ende. 

Darauf sind zwei deutsche Prediger gekommen, 
welche vom Bischof gesandt waren; dieselben gaben 
dem Stockmeister en Brieflein. 

Hiernächst sind wir den 2. Juni abermals gebunden 
hinausgeführt und vor die Herren gebracht worden; 
dieselben legten uns wieder die obigen vier Fragen 
vor, und als solches geschehen, sandten sie uns nach 
Nieugeet ins Gefängnis, wo die andern Freunde ge- 
sessen hatten. 

Da dachten wir, es würde innerhalb eines oder zwei- 
er Tage ein Ende mit uns nehmen, wonach wir sehr 
verlangten, denn das Gefängnis war schwer; aber es 
war des Herrn Wille noch nicht. 

Als wir dort ungefähr acht Tage gesessen hatten, 
ist einer von unsern Brüdern aus dem Fleische erlöst 
worden und gottselig gestorben; wir wurden alle her- 
beigerufen, um Zeugnis davon zu geben. 

Unterdessen saßen wir dort zwischen vielen Dieben 
und Übeltätern, zu welchen der Bischof und auch ein 
Prediger sagte, sie sollten sich in Acht nehmen, daß 
sie von uns nicht verführt würden. 

Nach vielen Stürmen kam Meister Godefryd mit 
zwei andern; wir wurden nun zwischen Mauern ge- 
sperrt, daß wir auch mit unserm Nächsten nicht spre- 
chen konnten. 

Man kündigte uns täglich unter den schwersten 
Bedrohungen die schrecklichsten Todesarten an; der 
Herr aber hat uns gestärkt, seinem heiligen Namen 
sei Lob. Sie sagten mir auch früher, wenn ich in des 
Feuers Glut wäre, so könnte ich mich nicht mehr um 
Gnade bücken oder neigen; darum sollte ich es zuvor 
tun, denn die geringste Pein wäre die beste, damit ich 
nach dem Tode nicht lange leiden müsste. 

So haben wir von Tag zu Tag den Tod erwartet; 
wir dachten wenig an unser Leben, wiewohl es für 
das Fleisch eine schwere Aufgabe war; wir trösteten 
einander, weil wir doch einmal sterben mussten. 

Der schwerste Streit für mich war, meine liebe Haus- 
frau mit allen meinen kleinen unschuldigen Kindlein 
zu verlassen. 

Nach zwölf Tagen wurde zweien von uns angesagt, 
daß sie den dritten Tag durch Feuer sterben sollten; 
darauf erfolgte auch, daß auf den Dienstag ein Brand- 
pfahl auf Smitsfeld gesetzt wurde; aber das Gericht 
ging damals nicht vor sich. 

Am Mittwoch war viel Volk dort versammelt, um 
den Tod unserer beiden Freunde anzuschauen; dassel- 
be ist aber nach und nach wieder auseinander gegan- 
gen, denn das Ganze war nur geschehen, um unsere 
Freunde und uns zu erschrecken und vom Glauben 
abzuziehen. 


Auf den Freitag jedoch sind zwei von unsern Freun- 
den, nämlich Hendrik Terwoort und Jan Pieterß, aus 
dem Gefängnis geholt und zum Opfer hinausgeführt 
worden. 

Jan Pieterß, als er hinausging, sagte: Diesen Weg 
sind alle frommen Propheten gegangen, ja, selbst 
Christus, unser Seligmacher, was von Anfang der Ta- 
ge, nämlich von Abels Zeiten an, geschehen ist. 

Diese beiden wurden auf dem Smitsfelde an einen 
Pfahl gesetzt und haben sich mit Gewalt durchgestrit- 
ten (in der Mitte des Feuers), und sind also vor dem 
Herrn ein Opfer geworden, welches sie Ihm lebendig 
aufgeopfert haben. 

Hierauf folgte in dieser Schrift ein Liedlein, wobei 
bemerkt war, daß Jan Pieterß Wagemacher (der da- 
mals verbrannt wurde) dasselbe vor seinem Tod im 
Gefängnis gemacht hätte; es handelte von dem Leiden 
aller Frommen bis auf Jesum Christum, seine Apostel 
und viele Märtyrer, und fängt so an: 

Hört, Freunde allzusammen, 

Ein Lied Hab' ich gestellt, 

und hat es mit diesem Vers beschlossen: 

Der dies Lied hat begonnen, 

Der war sehr schwach und krank; 

Hätt' er den Streit gewonnen, 

So wäre es sein Dank. 

Der Streit sollt' da angehen 
Als er dies Lied erst sang. 

Zu London ist’s geschehen, 

Allwo er saß in Drang. 

Darnach noch ein Lied, welches sich so endigt: 

Der dieses Liedlein hat gesungen, 

Der war in seinem Geist erfreut; 

Die Lieb’ hat ihn dazu gedrungen, 

Als er da lag in schwerem Streit, 

Zu Gott war allein sein Verlangen, 

Der stärkte ihn durch seine Hand, 

Zu London, da er lag gefangen 
In Nieugeet, welches zvohl bekannt. 

Ferner noch ein Vers: 

Wir sind, o Herr, nun in dem Streite, 

Ach hilf und rett' uns von dem Leid; 

Von unsern Feinden, die zur Zeit 
Uns ängstigen zu aller Seit', 

O Herr uns doch befreie! 

Standhaftigkeit verleihe. 

O Herr! du bist ein großer Gott: 

Stärk' uns allzeit in aller Not. 



735 


Hierauf wurden die nachfolgenden Worte von Gerrit 
von Byler geschrieben: 

Hoffnung der Gläubigen: Obgleich man mich hier 
auf dieser Erde verdammt, so glaube ich doch gewiss 
mit dem Propheten David, Ps 27,13, daß ich das Gute 
des Herrn im Lande der Lebendigen sehen werde; 
darum freue ich mich des Herrn und bin getrost und 
unverzagt, indem ich gewiss weiß, daß mein Erlöser 
lebt; meine Hoffnung ist auf Gott. 

Geschrieben in Nieugeet, zu London, im September 
des Jahres 1575 von mir, Gerrit von Byler. 

Auszug aus den beifügten Dingen in dem alten 

Märtyrer-Spiegel, gedruckt 163, Pag. 964, Kol. 2. 

Es ist uns eine Chronik über England von Egmont 
Howes, einem Edelmann von London, gedruckt im 
Jahre 1615 von Thomas Dauwson, zu spät in die Hän- 
de geraten; in derselben wird Blatt 78 die folgende 
Geschichte erzählt, welche sich unter der Königin Eli- 
sabeth im Jahre 1575 zugetragen hat. 

Auf Ostern, welches auf den 3. April fiel, ungefähr 
um neun Uhr Vormittags, wurde eine Versammlung 
Wiedertäufer, welche Deutsche waren, in einem Hau- 
se bei Algatenpforte entdeckt, von denen 17 gefangen 
genommen und vier ins Gefängnis geworfen wurden. 

Den 21. Mai, auf Pfingstabend, wurden ein Mann 
und zehn Frauen, deutsche Wiedertäufer, im geist- 
lichen Rate von Paulus Kirche dahin verurteilt, daß 
sie auf einem Platz, genannt das Smitsfeld, verbrannt 
werden sollten, und nach großer Mühe und Arbeit, 
die man mit ihnen hatte, ist nur ein Weib umgekehrt, 
die andern wurden des Landes verwiesen. 

Den 22. Juni wurden zwei deutsche Wiedertäufer 
auf dem Platz, genannt das Smitsfeld, verbrannt, die 
unter großem Schrecken, Rufen und Geschrei starben. 
So weit der vorgemeldete Schreiber. 

Dieses haben wir für gut befunden, hierher zu set- 
zen, weil es zur Befestigung des Vorgemeldeten dient 
und auch zum Zeugnisse, daß sie nicht um einer Miss- 
etat willen, wie einige ausstreuen, gegen ihre Majestät, 
sondern allein um ihres Glaubens willen gelitten ha- 
ben, was um desto gewisser ist, weil es durch die 
Hand ihrer Widersacher selbst beschrieben worden 
ist. 

Hier folgen zwei Briefe von den gefangenen 

Freunden abgefasst, wie wir sie in einem alten 
gedruckten Büchlein gefunden haben. 

Wir armen und verachteten Fremdlinge, die um des 
Zeugnisses Jesu Christi willen verfolgt sind, wün- 
schen von Gott allen Menschen, wessen Geschlechtes 


oder Amtes sie auch sind, daß ihnen der Herr einen 
langen Frieden verleihen wolle, damit wir im Frie- 
den untereinander leben mögen, in aller Gottseligkeit, 
zum Lob und Preis des Herrn und zur Seelen Selig- 
keit. 

Da so viele Menschen in Worten und Schriften mit 
großem Unrecht uns beschuldigen und über uns lü- 
gen, so zwingt uns diese wichtige Sache, den Grund 
unsers Glaubens in kurzen Worten aufzusetzen und 
zu veröffentlichen wie folgt: 

Man redet nicht mit uns und fordert uns unsern 
Glauben nicht mit einem sanftmütigen Geist ab, wie 
die heilige Schrift lehrt, sondern man redet ein Schelt- 
wort und eine Lüge über die andere, damit unsere 
Leiden und Betrübnis vermehrt und größer werden; 
überdies haben sie auch kein Mitleiden mit unsern 
armen schwachen Weibern und Kindern. Unser Va- 
terland, unsere Freundschaft und unsere Güter haben 
wir zum Teil um der großen Tyrannei willen verlas- 
sen müssen, und sind wie Lämmer vor dem Wolfe 
geflüchtet, allein um der reinen evangelischen Wahr- 
heit Jesu Christi, und nicht um irgendeines Aufruhrs 
oder Sektiererei willen, wie die Münsterschen Irrtü- 
mer oder Gräuel gewesen sind, was uns, Gott behüte 
uns, nachgesagt wird. Wir wollten, daß unser ganzer 
Glaube und unser ganzes Leben vor unserm Haupte 
geschrieben stände, damit ein jeder wissen und sehen 
möchte, was wir glauben und was wir hier auf Erden 
suchen und begehren. Man wird sonst nichts finden, 
als einen rechten Glauben, der rein, und dem Evange- 
lium Jesu Christi gleich, und ein unsträfliches Leben 
ist, indem wir unser Brot für Weib und Kinder suchen, 
wie Gott solches geboten hat und die Schrift lehrt. Ach, 
daß unsere Verfolger das wüssten, daß dieses unsers 
Herzens Begehren wäre! Sie müssten ja großes Mitlei- 
den und Barmherzigkeit mit uns armen verachteten 
Fremdlinge haben, wenn anders noch menschliches 
Mitleiden und Barmherzigkeit in ihnen ist, und müss- 
ten so nach des Herrn Wort Mitleiden mit uns haben, 
wie der Prophet sagt: Die, welche im Elend sind, führe 
ins Haus. Mose sagt: Wenn ein Fremdling bei dir in 
deinem Land wohnen wird, den sollt ihr nicht schin- 
den; er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer, 
und ihr sollt ihn lieben wie euch selbst. 

Merkt wohl auf das Gebot Gottes, daß man den 
Fremdling lieben soll, wie sich selbst. Wer, der in ei- 
nem fremden Land wohnt, hat es wohl gern, daß er 
ins Elend gerät, verachtet wird und mit seinen Glau- 
bensgenossen mit großem Schaden daraus vertrieben 
wird? Darum sagt Christus: Alles, was ihr wollt, daß 
euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch; das 
ist das Gesetz und die Propheten. O daß doch eben- 
so mit uns gehandelt würde, nach der natürlichen 



736 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Billigkeit und evangelischen Wahrheit (deren unsere 
Verfolger sich so sehr rühmen) wie bald würden die 
Verfolger aufhören und die lügenhaften Lästermäuler 
zugestopft sein! Denn Christus, samt den Seinen, hat 
niemanden verfolgt, sondern dagegen gelehrt, in dem 
wahren Evangelium, wenn er sagt: Liebt eure Feinde, 
segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch 
hassen; bittet für die, die euch beleidigen und verfol- 
gen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel, 
der die Sonne aufgehen lässt über die Guten und über 
die Bösen. Diese Lehre hat Christus und seine Apostel 
hinterlassen, denn sie selbst geben davon Zeugnis, 
wie Paulus sagt: Bis auf diese Stunde leiden wir Hun- 
ger und Durst, und sind nackend, und haben keine 
gewisse Stätte, und arbeiten und wirken mit unsern 
eigenen Händen; man schilt uns, so segnen wir, man 
verfolgt uns, so dulden wir es, man lästert uns, so fle- 
hen wir, wir sind stets ein Fluch der Welt und Fegopfer 
aller Leute; ferner sagt Paulus: Alle, die gottselig leben 
wollen in Christo Jesu, müssen Verfolgung leiden. 

Aus allem diesem kann man beweisen, daß dieje- 
nigen, die eine rechte evangelische Lehre und Glau- 
ben haben, niemanden verfolgen werden, sondern sie 
werden selbst verfolgt. Wollte man uns vorwerfen, 
daß wir um unseres ketzerischen Glaubens willen ver- 
folgt würden, nach der Lehre Paulus, und daß Gott 
befohlen habe, die falschen Propheten zu töten, so 
antworten wir Folgendes darauf: Paulus sagt, daß 
man einen ketzerischen Menschen meiden soll, wenn 
er einmal und abermals ermahnt worden ist; er sagt 
nicht, vertreibt sie aus dem Lande und aus den Städ- 
ten, ohne sie zu hören oder zu ermahnen. Daneben 
muss man auch wissen, was ketzerische Menschen sei- 
en, nämlich solche, welche eine Lehre haben, die dem 
Worte des Herrn zuwider ist; aber hiervon kann uns 
kein Mensch überzeugen, daß unsere Lehre und unser 
Glauben der Lehre Jesu Christi und seiner heiligen 
Apostel zuwider sei, wie folgen soll. 

Wenn sie auch einwenden, daß Gott in seinem Ge- 
setz geboten habe, die falschen Propheten zu töten, 
so antworten wir darauf: Wenn man in dieser Zeit 
des Neuen Testaments alle diejenigen töten sollte, die 
Gott im Alten Testament zu töten geboten hatte, so 
müsste man nicht allein die falschen Propheten töten, 
sondern auch die Ehebrecher, die Hurer, die des Herrn 
Namen nennen und fluchen und dergleichen Übertre- 
ter mehr, und wenn man ja diesen durch die Finger 
sehen und uns allein das Gebot von den falschen Pro- 
pheten Vorhalten wollte, damit sie uns los werden 
möchten, so seht denn doch des Herrn recht an, wor- 
an man die falschen Propheten erkennen soll. Gott 
spricht durch Mose: Wenn ein Prophet oder Träumer 
zu euch sagen würde, lasst uns fremden Göttern nach- 


folgen, die ihr nicht kennt; derselbe Prophet soll ster- 
ben; wir aber lehren und weisen nicht an, wie man 
fremden Göttern nachfolgen soll, haben auch keinen 
ketzerischen Glauben, der gegen das Wort Christi ist, 
sondern wir glauben an einen Gott Vater, allmäch- 
tigen Schöpfer des Himmels und der Erde und an 
Jesum Christum, seinen eingebornen Sohn, unsern 
Herrn, der von dem Heiligen Geist empfangen und 
aus der reinen Jungfrau Maria geboren ist, der unter 
Pontius Pilatus gelitten hat, gekreuzigt, gestorben und 
begraben ist; der am dritten Tag von den Toten wieder 
auferstanden und gen Himmel aufgefahren ist und 
zur rechten Hand des allmächtigen Vaters sitzt, von 
dannen Er wiederkommen wird, um die Lebendigen 
und die Toten zu richten. Wir glauben an den Heiligen 
Geist; wir glauben, daß Christus Jesus wahrer Gott 
und Mensch sei. 

Wir suchen auch keine Seligkeit in unsern Werken, 
wie uns nachgesagt wird, sondern wir glauben allein 
durch die Verdienste unseres Herrn Jesu Christi selig 
zu werden. 

Wir rühmen uns auch nicht, daß wir ohne Sünden 
seien, sondern wir erkennen uns alle Augenblicke vor 
unserm Gott für Sünder; aber von mutwilligen Sün- 
den müssen wir uns enthalten, wenn wir selig werden 
wollen, nämlich von Ehebruch, Hurerei, Zauberei, von 
Aufruhr, Blutvergießen, vom Fluchen und Schwören, 
vom Lügen und Betrügen, von Hoffart und Völlsaufen, 
von Zorn und Zwietracht, von Hassen und Beneiden. 
Dieses sind die Sünden, von denen die Schrift sagt: 
Die solches tun, sollen Gottes Reich nicht ererben. 

Wenn sie auch vorgeben, daß wir Gottes Wort nicht 
hören wollen, weil wir die Prediger der Kirche nicht 
hören, so antworten wir darauf, daß wir die Prediger 
nicht hören, dazu nötigt uns das Wort Gottes, weil 
sie die Leute nicht sind, die tüchtig sind, solches Amt 
zu bedienen, denn Paulus lehrt Timotheus und sagt: 
Was du von mir gehört hast durch viel Zeugen, das 
befiehl treuen Menschen, die da tüchtig sind, auch 
andere zu lehren; denn, wer einen andern lehren und 
strafen will, der muss selbst unsträflich sein. Wenn 
nun die Prediger so nach der Apostel Lehre eingesetzt 
wären, so wollten wir sie von Grund unseres Herzens 
gern hören, wollten auch die Ersten und Letzten in 
der Kirche sein. 

Wollte man nun aber zu uns sagen, was Jesus Chris- 
tus sagt: Auf Moses Stuhl sitzen die Schriftgelehrten 
und Pharisäer; alles, was sie sagen, das ihr halten sollt, 
das haltet und tut; aber nach ihren Werken sollt ihr 
nicht tun; so antworten wir darauf: Wenn die Predi- 
ger die Schriftgelehrten und Pharisäer sind, so sind 
sie es, die Jesum Christum gekreuzigt haben, dann 
werden auch alle Wehe über sie kommen, die dar- 



737 


auf folgen, sind sie aber die Schriftgelehrten nicht, so 
sind auch die vorstehenden Worte von ihnen nicht 
gesprochen, daß man nach ihren Worten tun soll, und 
nicht nach ihren Werken; ferner, die auf Moses Stuhl 
saßen, sind aus dem Geschlecht Levi gewesen, wie 
Mose, und lehrten das Volk Israel; alles, was euch die 
Priester und Leviten lehren, und was sie euch gebie- 
ten, das sollt ihr halten, und darnach tun. Der Prophet 
sagt: Des Priesters Lippen sollen die Lehre bewahren, 
daß man aus seinem Mund das Gesetz suche. Weil 
nun Christus nicht gekommen ist, das Gesetz und die 
Propheten zu brechen, sondern zu erfüllen, so hat er 
das seine Apostel so gelehrt; aber daß dieses aus den 
Worten Christi (Mt 23) eine Verpflichtung auferlegen 
sollte, die Prediger zu hören, das kann nicht sein, weil 
die Prediger nicht aus dem Stamm Levi sind, welche 
Israel hören musste, sondern aus den Heiden; dane- 
ben muss man bemerken, daß Christus Jesus, als Er 
das Gesetz durch seinen bittern Tod und durch sein 
heiliges Blutvergießen vollkommen erfüllt hatte, ein 
anderes Priestertum verordnet habe, welches sein hei- 
liges Gesetz lehren sollte, nämlich sein Evangelium, 
da Er zu seinen Jüngern sagte: Wie mich mein Vater 
gesandt hat, so sende ich euch. Diese heiligen Send- 
boten Christi haben uns angewiesen, nicht sträfliche 
Lehrer, sondern imsträfliche zu hören, die sich nicht 
vollsaufen, die nicht eigensinnig sind, nicht zornig, 
nicht bissig, nicht geizig, die keine unehrliche Hantie- 
rung treiben, sondern gastfrei, gütig, züchtig, gerecht, 
heilig und keusch sind, und fest an den Worten halten, 
die wahrhaftig sind; ebenso soll man auch die Diener 
zuvor untersuchen, und dann erst lasse man sie die- 
nen, wenn sie imsträflich sind. Deshalb dürfen wir 
die Prediger nicht für die Leute halten, die das Lehr- 
amt bedienen sollten, auch sie nicht hören, weil sie 
sträflich und dazu nicht tüchtig sind, nach der Lehre 
Paulus. Daß man uns nun nachsagen will, als wollten 
wir das Wort Gottes nicht hören, darin tut man uns 
großes Unrecht, denn Gottes Wort zu hören, ist unsere 
größte Freude, die uns auf Erden werden kann, es ist 
unseres Herzens Trost. 

Wenn man uns auch beschuldigen will, daß wir 
der Obrigkeit nicht gehorsam sind, weil wir unsere 
Kinder nicht taufen lassen, so antworten wir darauf: 
Wir begehren der Obrigkeit in allen Dingen gehor- 
sam zu sein, die nicht wider Gottes Wort sind; daß 
wir aber unsere Kinder von den Pfaffen nicht taufen 
lassen, das unterlassen wir nicht aus Frevel oder Ver- 
wegenheit, sondern es geschieht aus Furcht Gottes 
darum, weil Christus befohlen hat, die Gläubigen zu 
taufen; ebenso haben auch die Sendboten Christi kei- 
ne sprachlosen Kinder, sondern verständige Leute auf 
das Bekenntnis ihrer Sünden und des Glaubens ge- 


tauft. Solches kann man lesen, Mt 3,16; Mk 1,9 ; Lk 3,21; 
Joh 3,22; Apg 2,38; 8,37; 9,18; 10,48; 16,33; 18,8; 19,5; 
22,16. Ebenso haben auch Christus und die Apostel 
von der Taufe gelehrt, wie man lesen kann, Mt 28,19 ; 
Mk 16,16; Joh 3,23; Rom 6,3; Gal 3,27 ; Eph 4,5; Kol 2,12; 
Tit 3,5; IPt 3,21; Hehr 6,3. Dieses sind die Sprüche, 
die von der Taufe der Gläubigen zeugen; aber, daß 
man die unverständigen und sprachlosen Kinder auf 
der Väter Glauben taufen soll, davon sagt die Schrift 
ebenso wenig, als von dem Ausbannen des Teufels. 
Darum dürfen wir eine solche Taufe nicht billigen, 
indem auch Gott geboten hat, daß man seinen Worten 
nichts zusetzen, aber auch nichts davonnehmen soll, 
auch nicht daß wir tun, was uns recht dünkt, sondern 
allein was Er gebietet; ferner steht geschrieben: Tue 
nichts zu seinen Worten, daß Er dich nicht strafe, und 
du lügenhaft erfunden werdest. 

Die Schrift bezeugt an vielen Orten, daß die sehr 
hart von Gott gestraft werden sollen, die Gottes Wort 
verlassen und ihrem eigenen Gutdünken folgen, wie 
Saul, der erste König in Israel, Usa, der die Lade des 
Herrn antastete, die beiden Söhne Aarons, Nadab und 
Abihu, indem sie taten, was ihnen nicht befohlen war, 
weshalb sie auch gestraft wurden. Dieses sind uns 
treffende Beispiele, daß wir Gottes Werke oder Zere- 
monien nicht ohne Gottes Befehle gebrauchen dürfen; 
denn Christus sagt: Alle Pflanzen, die mein himmli- 
scher Vater nicht gepflanzt hat, werden ausgerottet 
(Mt 15,13). Martin Luther schreibt auch über das dritte 
Kapitel Daniels und sagt: Gottesdienst ohne Wort, das 
ist allezeit Abgötterei. 

Wenn man aber sagen will, daß die Kinder selbst 
glauben, und daß Gott allmächtig sei, daß Er den Kin- 
dern den Glauben wohl geben kann, denn der Glaube 
ist Gottes Gabe, so antworten wir darauf, daß Gott 
allmächtig ist und den Kindern den Glauben wohl ge- 
ben kann, und nicht allein den Glauben, sondern auch 
das Reden und das Werk, womit der Glaube bekannt 
wird (denn der Glaube ist nicht ohne Bekenntnis und 
gute Werke); aber nun gibt Gott den Kindern weder 
das Sprechen noch das Werk, viel weniger den Glau- 
ben. Paulus sagt: Wie sollen sie glauben, von dem sie 
nichts gehört haben? Das kann ja ein jeder erkennen, 
daß weder Gehör noch Verstand in den jungen Kin- 
dern sei, wie die Schrift öffentlich bezeugt; und wenn 
uns auch dieses die Schrift nicht lehrt, so lehrt uns 
doch solches die Erfahrung, daß man sie vor allen 
scharfen und tödlichen Instrumenten, vor Wasser und 
Feuer hüten und bewahren müsse, womit sie also be- 
weisen, daß kein Verstand noch Glauben in ihnen sei; 
und weil sie nicht zugeben wollen, daß die jungen 
Kinder das Sakrament empfangen, so beweisen sie 
selbst damit, daß sie ihre sprachlosen Kinder nicht für 



738 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


gläubig erkennen. Auch wollen sie sagen, daß ihre 
Kinder im Mutterleib mit dem Heiligen Geist erfüllt 
seien, wie Johannes der Täufer war; wenn aber dem 
so wäre, wie kommt es denn, daß sie die unreinen 
Geister aus ihren Kindern bannen, wenn sie dieselben 
taufen, wahrend sie den Heiligen Geist zuvor gehabt 
haben. 

Ferner nehmen sie zum Beweis, daß man die Kinder 
taufen müsse, weil Christus gesagt hat: Lasst die Kind- 
lein zu mir kommen, denn solchen gehört das Reich 
Gottes. Antwort: Daß den Kindern das Reich Gottes 
zugehöre, gestehen wir von Herzen zu, aber daß man 
sie darum taufen müsse, gestehen wir nicht zu, indem 
Christus die Kindlein, die sie zu Ihm brachten, weder 
getauft, noch befohlen hat, daß sie getauft würden, 
sondern sie sind selig aus Gnaden, ohne Zeremonien, 
durch das Blut Christi, ebenso wie die Kindlein, die 
unter dem Volk Israel ohne Beschneidung starben. 

Wenn man auch sagen will, man müsse wiederge- 
boren werden aus Wasser und Geist, oder man könnte 
nicht in das Reich Gottes kommen, und will hieraus 
schließen, die Kinder müssten getauft werden, weil 
das Wasser vor dem Geist steht und genommen wird, 
oder sie könnten nicht selig sein, so antworten wir 
zunächst darauf, daß Christus hier von keinen Kin- 
dern redet, sondern zu einem alten Menschen, der 
zu Christo in der Nacht gekommen war, zu dem Er 
sagt: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir, es sei denn, daß 
jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann 
er nicht in das Reich Gottes kommen, denn was vom 
Fleisch geboren wird, das ist Fleisch, und was vom 
Geist geboren wird, das ist Geist. Ferner redet Chris- 
tus von einer Wiedergeburt vor dem Wasser, welche 
Wiedergeburt nicht geschehen kann, als durch den 
Glauben an Jesum Christum, wie die Schrift lehrt. 
Eben dieses schreibt auch Martin Luther, daß der 
Glaube ein göttliches Werk in uns sei, das uns aus 
Gott verändert und erneuert, den alten Adam tötet 
und uns zu andern Menschen macht an Herzen, Ge- 
müt und allen Kräften und den Heiligen Geist mit 
sich bringt. 

Diese Worte sind nicht auf unmündige Kinder zu 
beziehen, denn sie haben nicht die alte Geburt der Erb- 
sünde, die sie verdammt, wie einige mit den Worten 
Davids beweisen wollen: Ich bin aus sündlichem Sa- 
men geboren, und meine Mutter hat mich in Sünden 
empfangen. Diesen Psalm hat David gemacht, als er 
die Ehe mit Bathseba brach und dieselbe übertrat; als 
ihn der Prophet Nathan bestrafte, da beklagte er die 
von Adam angeborenen Sünden, aber sie wurden ihm 
nicht zur Verdammnis gerechnet, um des verheißenen 
Samens willen, der Adam und Eva verheißen war, 
welcher Christus Jesus ist, der Adams Missetat wie- 


der versöhnt und die Erbsünde auf sich genommen 
hat, wie Paulus sagt: Wie durch eines Menschen Sün- 
de die Verdammnis über alle Menschen gekommen 
ist, so ist auch durch eines Gerechtigkeit die Recht- 
fertigung des Lebens über alle Menschen gekommen. 
Dieses bezeugt auch Martin Luther und schreibt über 
das 15. Kapitel Johannes, daß die Erbsünde durch 
Christum hinweggenommen sei, und verdammt nach 
Christi Zukunft niemanden mehr. Weil denn nun die 
Erbsünde durch Christum hinweggenommen ist und 
niemand mehr verdammt, so gibt es auch keine Sün- 
de, welche die Kinder verdammen kann, wenn sie 
ohne Taufe sterben, denn die Kinder sollen nicht ster- 
ben, um des Vaters Missetat willen, spricht der Herr. 
Darum ist es eine große Sünde vor Gott, wenn man 
die Kinder um der Erbsünde willen taufen will, ohne 
welche sie nicht selig werden können. Solche machen 
auch mehr aus der Sünde Adams, als aus dem Ver- 
dienst Christi, ja, sie suchen auch die Seligkeit mehr 
im Wasser als im Blute Christi, was doch der Schrift 
offenbar widerspricht, weil so klar bezeugt wird, dass 
uns das Blut unsers Herrn Jesu Christi von allen Sün- 
den reinige. 

Wenn sie auch beibringen wollen, als sollte die Be- 
schneidung ein Beweis auf die Kindertaufe sein, so 
können wir solches nicht zugestehen, weil, wenn man 
nur die Kinder taufen sollte, wie man sie beschnei- 
det, so müsste man nur die Knaben taufen und nicht 
auch die Mägdlein, denn die Mägdlein wurden nicht 
beschnitten, sondern nur die Knaben. Paulus bezieht 
die Beschneidung nicht auf die Taufe, sondern auf 
die Beschneidung des Herzens, welche eine Beschnei- 
dung des Geistes ist. Gott hat Abraham befohlen, die 
Beschneidung am achten Tage zu gebrauchen; die- 
ses Gebot hat Israel bis auf Christum Jesum gehalten; 
sie haben es auch nicht verändert, weder im Kleinen, 
noch im Großen, sondern sind beim achten Tage ge- 
blieben, und haben nicht ihrer Vernunft folgen und 
sagen wollen, daß die Kinder verdammt seien, wenn 
sie vor dem achten Tage ohne Beschneidung sterben; 
sie haben vielmehr Gott und seinen Geboten gehor- 
sam sein und ihrer eigenen Weisheit nicht folgen wol- 
len. Auf gleiche Weise sollen wir nun auch im Neuen 
Testament die Taufe zu der Zeit gebrauchen, wie es 
Christus befohlen hat, nämlich an den Gläubigen, und 
in der Taufe nicht unserm eigenen Gutdünken folgen, 
daß wir sie vor der Zeit an den sprachlosen und unver- 
ständigen Kindern gebrauchen sollten, weil es Gott 
nicht befohlen hat und es auch sein Wille nicht ge- 
wesen ist. Wenn es aber Gottes Wille gewesen wäre, 
daß man die Kindlein taufen sollte, wie man sie be- 
schnitt, wenn sie acht Tage alt waren, so hätte es Gott 
ohne Zweifel mit einem ausdrücklichen Gebot befoh- 



739 


len, daß man die Kinder taufen sollte, und es würde 
ebenso sicher geschehen sein, als Er befohlen hat, die 
Kindlein zu beschneiden; ebenso würde Christus die 
Taufe auch wohl in seiner Kindheit empfangen haben, 
ja, ebenso wohl, als Er sich beschneiden ließ, als Er 
acht Tage alt war. Aber nun ist es Gottes Wille nicht 
so gewesen; darum hat Er sie auch anders gelehrt, 
und selbst anders empfangen; denn Christus ist zu 
Johannes gekommen und hat von ihm begehrt, daß er 
Ihn taufen sollte, wie er auch getan hat. Damit lehrt 
Er uns, und beweist es mit Exempeln, daß diejenigen, 
die man taufen soll, eine Begierde zur Taufe haben 
müssen. 

Wenn die Prediger vorgeben, Origenes habe die 
Kindertaufe von den Aposteln empfangen, so können 
wir dies ebenfalls nicht zugestehen, denn Origenes 
hat wohl hundert Jahre nach der Apostel Zeit gelebt, 
wie die Chroniken ausweisen; aber man muss sich 
sehr verwundern, daß die Gelehrten mit Origenes et- 
was beweisen wollen, indem Martin Luther denselben 
ganz verwirft. Auch das kann uns nicht bestimmen, 
die Kindertaufe anzuerkennen, wenn sie das schrei- 
ben und sagen, was einige römische Bischöfe oder 
Päpste eingesetzt haben, und was sie aus dem Ge- 
schichtsschreiber Platina zu beweisen suchen, daß 
nämlich der Papst Innocentius geboten habe, die Kin- 
der zu taufen, sobald sie geboren werden. Dies findet 
sich in einem Büchlein, welches zu Magdeburg ge- 
druckt, und ein Gebetbüchlein, neu aus der heiligen 
Schrift, genannt ist; ferner die Chroniken von Sebasti- 
an Franck und Adrian von Bergen beschrieben, daß 
Ignius, der zehnte Papst, die Gevatter oder Paten bei 
der Taufe eingesetzt habe. Aus diesen Gründen kön- 
nen wir die Kindertaufe nicht recht einsehen, weil 
sie von Menschen eingesetzt und befohlen worden 
ist; ebenso weiß auch die Heilige Schrift nichts von 
solcher Taufe, sondern nur von einer Tarife, die auf 
den Glauben gelehrt wird, wie zuvor gemeldet wor- 
den ist. Wir werden auch als Sakramentschänder ge- 
scholten, die Gottes vergessen. Darauf antworten wir: 
Wir schänden nicht, vergessen auch nicht das Sakra- 
ment unseres Herrn Jesu Christi, sondern ehren es mit 
großer Dankbarkeit, und erinnern uns, wenn wir sol- 
ches gebrauchen, der großen Liebe, die uns Christus 
am Kreuze erwiesen hat, als Er seinen Leib zerbrechen 
ließ und sein heiliges Blut um unsertwillen vergoss, 
und verkündigen also den Tod des Herrn, wie Paulus 
sagt: So oft ihr von diesem Brote esst und von diesem 
Kelche trinkt, sollt ihr des Herrn Tod verkündigen, 
bis daß Er kommt. Dies ist unser Glaube von den Sa- 
kramenten. Daß wir aber solches von den Predigern 
nicht empfangen, und es mit ihrer Gemeinde nicht 
gebrauchen, dazu bestimmen uns drei Gründe. 


Die erste Ursache ist, weil der Diener oder der, wel- 
cher es austeilt, nach Paulus Lehre unsträflich sein, 
seinem eigenen Hause wohl vorstehen, gehorsame 
Kinder haben und seiner Frau in allen Dingen getreu 
sein muss. Zweitens muss die Gemeinde, die von dem 
Brote essen soll, eine unsträfliche Gemeinde sein, wie 
Paulus sagt: Wir haben ein Osterlamm, das ist Chris- 
tus, für uns geopfert. Darum lasst uns Ostern halten 
nicht in dem alten Sauerteig und auch nicht in dem 
Sauerteig der Bosheit und Schalkheit, sondern in dem 
Süßteig der Reinigkeit und Wahrheit. Weiter, sagt Pau- 
lus, habe ich euch in dem Briefe geschrieben, daß ihr 
nichts mit den Hurern zu tun haben sollt, das meine 
ich nicht von den Hurern in dieser Welt, oder von den 
Geizigen, oder von den Räubern, oder von den Göt- 
zendienern, sonst müsstet ihr die Welt räumen; aber 
nun habe ich euch geschrieben, ihr sollt nichts mit ih- 
nen zu schaffen haben, nämlich, wenn jemand ist, der 
sich einen Bruder nennen lässt und ist ein Hurer oder 
Geiziger, oder Götzendiener, oder ein Lästerer, oder 
ein Trunkenbold, oder ein Räuber, mit demselben sollt 
ihr auch nicht essen. Weil wir nun solche Werke öf- 
fentlich an ihrer Gemeinde finden, so verbietet uns 
auch das Wort Gottes mit ihnen des Herrn Sakrament 
zu gebrauchen, (IKor 5,7). 

Die dritte Ursache ist, weil sie ihr Sakrament nach 
dem Gebrauch Christi und seiner Apostel nicht halten, 
denn sie haben Brot genommen, dasselbe gebrochen 
und dem Volk gegeben; die Pfaffen dagegen brechen 
kein Brot, sondern geben ungebrochene Oblaten; die 
Oblaten setzte der Papst Alexander ein; Christus aber 
befiehlt es zu tun zu seinem Gedächtnis. Die Pfaf- 
fen sagen (zum Teil), daß man es zur Vergebung der 
Sünden tun soll. Dies sind die Ursachen, warum wir 
es mit ihnen nicht gebrauchten dürfen, und das um 
der Furcht Gottes willen, denn wir dürfen nicht an- 
ders handeln, als uns das Wort Gottes lehrt. Deshalb 
gebrauchen wir es mit einem Unsträflichen, der es 
austeilt, in einer unsträflichen Gemeinde, die Gott 
fürchtet, mit Brot und Wein nach des Herrn und sei- 
ner Apostel Gebrauch in den Häusern, wie Christus 
und seine Apostel getan haben. Dies ist unser Glaube 
und Bekenntnis von der heiligen Taufe, daß solche 
sonst niemandem, als den Verständigen gegeben wer- 
den soll, die da glauben, und selbst wissen, was sie 
empfangen, gleichwie sie auch verständig und gläu- 
big sein müssen, die von des Herrn Brot essen und 
sich selbst prüfen müssen. Weil wir nun diese bei- 
den Sakramente recht gebrauchen nach dem Befehl 
Christi, so sind die Prediger (zum Teil) solche bittere 
Feinde von uns. Es ist ihnen leid, daß sie um ihren 
Gewinn kommen sollten; sie wissen nicht Böses ge- 
nug bei der Obrigkeit und dem gemeinen Volk wider 



740 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


uns vorzubringen, damit man uns weder in Städten 
noch Ländern dulde. Sie geben vor, es seien von den 
Unsrigen so viel Tausende im Lande, die Länder und 
Städte einnehmen wollten, während doch dergleichen 
Gedanken noch nie in unsere Herzen gekommen sind, 
denn Länder und Städte kann man nicht ohne Gewalt 
und Blutvergießen einnehmen; und wenn wir solche 
Freiheit hätten, daß wir totschlagen und einem an- 
dern sein Gut rauben dürften, so hätten wir auch die 
Freiheit, unsere Kinder von den Pfaffen taufen zu las- 
sen, dann dürften wir uns auch nicht von unsern Gü- 
tern und väterlichem Erbteil, aus unserm Wohlstand 
in großes Ungemach treiben lassen, einem jeden zur 
Schmach. Wenn wir nun ein solches Herz hätten, wie 
uns nachgesagt wird, so litten wir dies alles ja vergeb- 
lich, denn die so tun, werden das Reich Gottes nicht 
ererben, wie Paulus sagt. Die Lüge (spricht Sirach) ist 
ein hässlicher Schandfleck an einem Menschen, und 
gemein bei ungezogenen Leuten. Ein Dieb ist nicht so 
böse als ein Mensch, der sich aufs Lügen legt; ebenso 
hatten sie auch Paulus die Lüge nachgesagt, daß er 
einen Aufruhr gemacht und viertausend heimliche 
Mörder aus der Wüste gebracht hätte. Aber bei uns ha- 
ben sie die Lügen in etwas vergrößert und sagen von 
vielen Tausenden, die unseres Glaubens sein sollten. 
Solch einen großen Anhang haben wir nicht, daß sie 
so haufenweise unseren Glauben annehmen sollten; 
aber es mag wohl hier und da eine Haushaltung sein, 
die da ganz allein und gering ist, wie ein einsamer Vö- 
gel auf dem Dach, wie eine Rohrdommel in der Wüste 
und ein Steinkäuzlein in den zerstörten Städten, wie 
eine Rose unter den Dornen und ein Apfelbaum unter 
den wilden Bäumen, der seine guten Früchte bringt, 
nämlich ein bußfertiges Leben, indem man sich selbst 
verleugnet, Mt 16,24, sein eigenes Leben hasst, sonst 
kann man Christi Jünger nicht sein, Lk 14,26. Die Chri- 
sto angehören, kreuzigen ihr Fleisch, samt den Lüsten 
und Begierden, Gal 5,24. Wer da sagt, daß er in Christo 
sei, der muss auch wandeln, gleichwie Er gewandelt 
ist, 1 Joh 2,6. Christus sagt, dass wenige seien, die auf 
seinem Wege wandeln, und die denselben finden, als 
der zum Leben führt, Mt 7,14; Lk 13,24. Den Schrift- 
gelehrten und Klugen dieser Welt ist es verborgen, 
Mt 11,25; IKor 1,19; 2,7. Das Unedle und Verachtets- 
te hat Gott erwählt, und das da nichts ist, IKor 1,28, 
denen ist es gegeben, das Geheimnis des Reiches Got- 
tes zu verstehen, Lk 8,10. So bezeugt auch Christus 
und seine Apostel, daß wenige seien, die den rech- 
ten Glauben haben und den Weg wissen, wie denn 
auch der Prophet klagt: Der Gläubigen sind wenige 
unter den Menschenkindern, denn die Bosheit hat die 
Oberhand bekommen, sodass, wenn es möglich wä- 
re, auch die Auserwählten in Irrtum verfielen, wie 


Christus selbst sagt: Wenn des Menschensohn kom- 
men wird, meint ihr, daß Er auch Glauben auf Erden 
finden werde? (Lk 18,8) So werden die Gläubigen in 
der Zukunft Christi sein, und so sind ihrer auch von 
Anfang der Welt her wenige gewesen. So waren zu 
Noahs Zeiten nur acht gläubige Seelen; zu Lots Zeiten 
waren nur drei Gläubige; zu Zeiten der Kinder Israel 
waren 800 Falsche gegen einen Propheten; ferner 400 
falsche Propheten gegen einen Propheten. Also sind 
der Verkehrten jederzeit mehr gewesen, als der From- 
men. Dies ist unser öffentliches Bekenntnis vor Gott 
und allen Menschen. So viel unserer sind, die wir so 
glauben, die sind so gesinnt, daß wir unsern Feinden, 
die uns verfolgen, weder irgendein Leid antun, noch 
ihnen irgendein Unglück anwünschen möchten, son- 
dern wir begehren von Grund unseres Herzens für 
sie zu bitten und wollten ihnen von Herzen gern nach 
unserm Vermögen dienen, wenn sie unserer benötigt 
wären. Sie wissen es nicht anders, als daß sie Recht 
haben, und Gott eine große Ehre und einen Dienst 
daran tun; solches werden sie dereinst bekennen müs- 
sen, wie im Buch der Weisheit im fünften Kapitel ge- 
schrieben steht; aber dann wird es für sie zu spät sein. 
Darum ist uns auch die ewige Seligkeit verheißen, 
wie Christus selbst gesagt hat: Selig seid ihr, wenn 
euch die Menschen um meinetwillen schmähen und 
verfolgen und allerlei Übles wider euch reden, wenn 
sie daran lügen. Seid fröhlich und getrost, es wird 
euch im Himmel wohl belohnt werden. Solche Verhei- 
ßungen haben diejenigen, die hier verfolgt werden; 
denen aber, die hier verfolgen, ist das Wehe verheißen, 
wie Christus sagt: Wehe euch. Schriftgelehrten, die ihr 
die Propheten tötet und das Maß eurer Väter erfüllt. 
Der Apostel sagt: Wohlan nun, ihr Reichen, weint 
und heult über euer Elend, das über euch kommen 
wird; euer Reichtum ist verfault, eure Kleider sind 
mottenfraßig geworden, euer Gold und Silber ist ver- 
rostet und ihr Rost wird euch zum Zeugnis sein und 
wird euer Fleisch fressen wie ein Feuer. Ihr habt euch 
Schätze gesammelt in den letzten Tagen, ihr habt den 
Gerechten verurteilt und Er hat euch nicht widerstan- 
den, Jak 5,6. Wollte man aber sagen, sie begehren nicht 
unser Blut zu vergießen, sondern sie verwiesen uns 
nur aus ihren Städten und Ländern, so antworten wir 
darauf, wenn für uns nirgends Raum ist, so müssen 
wir ja irgendwo bleiben. Wenn wir nun aus solcher 
Ursache in die blutdürstigen Länder zurückkehren 
müssen, aus welchen wir (einmal) um der großen Ty- 
rannei willen geflüchtet sind, so wird dort das Blut 
der Heiligen vergossen wie Wasser. Aber, wenn der 
große Tag des Herrn kommen wird, wo man sagen 
wird: Ihr Berge und Hügel fallt auf uns und verbergt 
uns vor dem Angesicht dessen, der auf dem Stuhl 



741 


sitzt und vor dem Zorn des Lammes, dann wird man 
finden, wie schuldig sie an unserem Blut gewesen 
seien; dann wird ein unbarmherziges Gericht über 
diejenigen ergehen, die keine Barmherzigkeit geübt 
haben; denn mit dem Maße, womit sie die anderen 
gemessen haben, soll ihnen wiederum gemessen wer- 
den. Darum begehren und bitten wir um Jesu Christi 
willen, daß man uns doch unser Schreiben in Gutem 
aufnehmen wolle, denn es ist aus Liebe geschehen 
zur Warnung vor des Herrn Strafe, damit ihr euch an 
uns nicht versündigt, weil wir die rechten Fremdlinge 
und das Volk Gottes sind, die um der rechten Lehre Je- 
su Christi und seiner heiligen Apostel willen verfolgt 
werden. Der ewige und barmherzige Gott wolle alle 
seine elenden Kinder (die von so vielen Menschen ge- 
hasst werden) mit gnädigen Augen ansehen und dem 
Tier die Seele seiner Turteltaube nicht geben, um sei- 
nes großen heiligen Namens willen. O Herr, verkürze 
die Tage und sieh auf die Schmach deines Volkes, die 
sie täglich um des heiligen Zeugnisses des Evangeli- 
ums willen leiden müssen, durch deinen lieben Sohn, 
unsern Herrn Jesum Christum, Amen. Ende des ers- 
ten Briefes. Gleichwie zu der Zeit derjenige, der nach 
dem Fleisch geboren war, denjenigen verfolgte, der 
nach dem Geist geboren war, so geht es jetzt auch, 
Gal 4,29. 

Noch ein Brief von den Gefangenen, worin wir 
uns darüber entschuldigen, was uns nachgesagt 
wird; auch werden in der Kürze die Hauptpunkte 
unseres Glaubens beschrieben, wie im Verlauf 
ausführlicher erklärt wird. 

Wir armen Gefangenen, mit Namen Hendrik Terwoort 
und Jan Pieterß, die wir in der Mercice um des Zeug- 
nisses Jesu Christi willen in Banden liegen und vom 
Leben zum Tode verurteilt sind, an einem Pfahle zu 
Asche verbrannt zu werden, wozu wir uns auch gut- 
willig bereitet haben, im Jahre 1575 den 10. April zu 
London. 

Weiter bitten wir armen Gefangenen freundlich, Ew. 
Ehrw. wolle unser an sie gerichtetes, einfaches Schrei- 
ben bestens aufnehmen, denn wir tun solches nur aus 
der Ursache, weil wir sehr betrübt sind, indem Ew. 
Ehrw. mit unserer einfachen Antwort nicht wohl zu- 
frieden ist; dadurch sind wir genötigt worden, Ew. 
Ehrw. ein wenig zu schreiben, damit Ew. Ehrw. es bes- 
ser verstehen und erkennen möge, welche Lehre wir 
haben. 

Das Bekenntnis unseres Glaubens von Gott, unse- 
rem himmlischen Vater, welches wir in der Kürze 
aufgesetzt haben, lautet wie folgt: 

1 . Glauben wir an einen einigen Gott, den allmäch- 


tigen Vater, Schöpfer des Himmels und der Erde, wie 
IMo 1,1 geschrieben steht, an welchen Abraham, Isaak, 
Jakob, Mose und alle Propheten geglaubt haben. He- 
hr 11. 

2. Weiter glauben wir an Jesum Christum, den eini- 
gen Sohn des Vaters, Joh 1,1, welcher im Anfang bei 
Gott war, Mi 5,1 ; 1 Joh 1,1, und als die Zeit erfüllt war, 
Gal 4,4, welche Gott verheißen hat, IMo 3,15, Jes 7,14 
dieses Wort ist Fleisch geworden, Joh 1,14, und gebo- 
ren vom Geschlecht Davids, Rom 1,3, von der reinen 
Jungfrau Maria, verlobt einem Manne genannt Joseph, 
vom Geschlecht Davids, Mt 1,18; Lk 1; 2, die geseg- 
net ist über alle anderen Weiber, Lk 1,42. Wir glauben, 
daß dieses der wahre Sohn Gottes sei, welcher durch 
viele Zeichen und Wunder, die Er getan hat, uns das 
Wort seines Vaters verkündigt hat, Joh 15,24. Darauf 
ist er den Juden überantwortet, unter Pontius Pilatus 
gekreuzigt, gestorben und begraben worden, Mt 27,1; 
Mk 15,1; Lk 23,1; Joh 18. 

3. Wir glauben auch, daß derselbe Jesus Christus 
wahrer Gott und Mensch sei und um unserer Sünde 
willen gelitten habe, Jes 53,7, und daß Er, da wir seine 
Feinde waren, den bittern Tod für uns erlitten, Rom 5,8, 
damit die, die an Ihn glauben, nicht verloren würden, 
sondern das ewige Leben hätten, Joh 3. 

4. Wir glauben auch, daß dieser unser Heiland von 
den Toten auferweckt worden ist, Mt 28,6; Mk 16,6; 
Lk 24,5; Joh 20,9, wie Er vorher gesagt hatte, Mt 17,9; 
Mk 9,31; Lk 9,22, und zur rechten Hand seines Vaters 
sitzt, Mk 16,19; Apg 7,55. 

5. Ferner glauben wir an den Heiligen Geist, wie 
geschrieben steht, ljoh 5,7, wo gesagt wird, daß drei 
seien im Himmel, die da zeugen, der Vater, das Wort 
und der Heilige Geist, und daß diese Drei eins seien. 

6. Wir glauben an die Gemeinschaft der Heiligen, 
deren Gebet für uns viel vermag, Jak 5,16. Auch glau- 
ben wir an die heilige Gemeinde, in welcher diejeni- 
gen sind, die an Jesum Christum glauben, die durch 
einen Geist zu einem Leib getauft sind, wie Paulus 
sagt, IKor 12,13, dessen Haupt Jesus Christus ist, näm- 
lich der heiligen Gemeinde, wie geschrieben steht 
Eph 5,23; Kol 1,18. Wir glauben und bekennen, daß 
diese heilige Gemeinde Macht habe auf- und zuzu- 
schließen, zu binden und zu lösen; was sie auf Erden 
bindet, das ist auch im Himmel gebunden; was sie 
auf Erden löst, das ist auch im Himmel gelöst, Mt 16. 
Wir glauben, daß Gott in dieser heiligen Gemeinde 
Apostel, Propheten und Lehrer, IKor 12,28, Bischöfe 
und Diener, lTim 3,2, verordnet habe. 

7. Wir glauben und bekennen eine Taufe im Na- 
men des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geis- 
tes, wie uns der Herr Jesus Christus befohlen und 
angeordnet hat, Mt 28,19, und wie die Apostel solche 



742 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


gebraucht, Apg 2,38, und davon geschrieben haben, 
Röm 6,3; IKor 12,13; Gal 3,27; Eph 4,5; IPt 3,21. Ebenso 
glauben wir auch, daß alle, welche die Taufe emp- 
fangen haben, Glieder des Leibes Jesu Christi in der 
heiligen Gemeinde sind. 

8. Was das heilige Abendmahl Jesu Christi betrifft, 
glauben und bekennen wir davon, wie Christus das- 
selbe gesagt hat und wie Mt 26,26, geschrieben steht: 
Da sie aber aßen, nahm Jesus das Brot, dankte, brach 
es und gab es den Jüngern und sprach: Nehmt, esst, 
das ist mein Leib; und Er nahm den Kelch und dankte, 
und gab ihnen den Kelch, und sprach: Trinkt alle dar- 
aus, das ist mein Blut des Neuen Testamentes, welches 
Vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden, 
Mk 14,24, dieses tut zu meinem Gedächtnis, Lk 22,19. 
Wir glauben, wie Paulus bezeugt, wenn er sagt: Der 
gesegnete Kelch, welchen wir segnen, ist der nicht die 
Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir 
brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Je- 
su Christi? IKor 10,16 Wer mein Fleisch isst und mein 
Blut trinkt, der hat das ewige Leben, und ich werde 
ihn auferwecken am jüngsten Tage, Joh 6,54. 

9. Wir bekennen und glauben auch einen eheli- 
chen Stand, welcher eine Ordnung Gottes ist, wie wir 
IMo 2,24 lesen. Ein Mann und ein Weib zusammen 
verbunden im Namen des Herrn in der heiligen Ge- 
meinde, IKor 7,2. Darum wird ein Mann seinen Vater 
und seine Mutter verlassen und seinem Weib anhan- 
gen, und es werden die Zwei ein Fleisch sein; so sind 
sie nun nicht zwei, sondern ein Fleisch; darum, was 
Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht 
scheiden, Mt 19,6. Die Ehe soll von allen ehrlich ge- 
halten werden, und das Ehebett unbefleckt; die Hurer 
aber und Ehebrecher wird Gott richten, Hebr 13,4. 

10. Weiter glauben und bekennen wir auch, daß 
die Obrigkeit von Gott eingesetzt und verordnet sei, 
Weisli 6,3; Sir 17,18; Röm 13,1, zur Strafe der Bösen 
und zum Schutze der Frommen; solcher Obrigkeit 
begehren wir von Herzen gehorsam zu sein; gleich- 
wie IPt 2,13 geschrieben steht: Seid Untertan aller 
menschlichen Obrigkeit um des Herrn willen, denn 
sie trägt das Schwert nicht umsonst, Röm 13,4. So lehrt 
uns auch Paulus weiter, daß wir vor allen Dingen Bit- 
te, Gebet, Fürbitte und Danksagung für die Könige 
und alle Obrigkeit tun sollen; daß wir ein stilles ru- 
higes Leben führen mögen in aller Gottseligkeit und 
Ehrbarkeit, denn das ist gut und angenehm vor Gott, 
unserem Seligmacher, der da will, daß alle Menschen 
selig werden, lTim 2,1-4 Ferner lehrt Er uns, daß man 
den Obersten und Gewaltigen Untertan, der Obrigkeit 
gehorsam und zu allen guten Werken bereit sein soll, 
Tit 3,1. Darum wollen wir Eure Majestät freundlich 
gebeten haben, unsere Meinung recht zu verstehen. 


das ist, daß wir die hochwürdige, edle und gnädige 
Königin, nebst ihrem weisen Rate, nicht verachten, 
sondern Ihro Majestät aller Ehren wert achten, wie 
wir denn auch derselben in allem, was wir vermögen, 
untertänig sein wollen; denn wir bekennen mit Pau- 
lus, wie oben angeführt worden ist, indem sie Gottes 
Dienerin ist, und wer dieser Macht widersteht, der 
widersteht Gottes Ordnung, denn die Obersten sind 
denen nicht zur Furcht, die Gutes tun, sondern nur 
denen, die Böses tun. Darum bekennen wir, daß wir 
sowohl schuldig, als bereit sind, ihr Zoll, Zins, Ehre 
und Furcht zu geben, wie uns Christus selbst gelehrt 
hat, wenn Er sagt: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers 
ist, und Gott, was Gottes ist, Mt 22,21. Darum nun, 
weil sie eine Dienerin Gottes ist, wollen wir Eure Ma- 
jestät freundlich bitten, sich es gefallen zu lassen, und 
uns armen Gefangenen Barmherzigkeit zu erweisen, 
gleichwie der himmlische Vater gegen uns auch barm- 
herzig ist. 

Hiermit stimmen wir nicht mit denen überein, die 
der Obrigkeit widerstehen wollen, sondern erkennen 
und begehren von ganzem Herzen, daß man ihr ge- 
horsam und untertänig sein müsse, wie wir oben ge- 
meldet haben. 

1 1 . Ferner, wenn man uns fragt, ob wir nicht einen 
Eid schwören wollten, so antworten wir darauf, daß 
wir so viel Freiheit in unserem Gewissen nicht finden, 
daß wir solches tun mögen, weil Mt 5,33 geschrieben 
steht: Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt ist: Du 
sollst keinen falschen Eid schwören; sondern du sollst 
Gott deinen Eid halten; ich aber sage euch, daß ihr gar 
nicht schwören sollt, weder bei dem Himmel, denn er 
ist Gottes Thron, noch bei der Erde, denn sie ist seiner 
Füße Schemel, noch bei Jerusalem, denn sie ist eines 
großen Königs Stadt; auch sollt ihr nicht bei eurem 
Haupte schwören, denn ihr vermögt nicht ein Haar 
weiß oder schwarz zu machen; sondern eure Worte 
sollen sein: Ja, ja. Nein, nein; was darüber ist, kommt 
vom Bösen. Weiter lehrt uns auch Jakobus im fünften 
Kapitel: Meine Brüder, vor allen Dingen schwört nicht, 
weder bei dem Himmel, noch bei der Erde, noch mit 
einem andern Eid, sondern euer Wort sei Ja, das Ja 
ist, und Nein, das Nein ist. Aus den oben angeführten 
Gründen dürfen wir also unter keinen Umständen 
schwören. 

12. Ferner glauben wir an die Auferstehung der 
Toten, gleichwie Jes 26,19; Joh 19,25; Dan 12,13; Joh 5; 
IKor 15,12; ITh 4,13-18 geschrieben steht, daß die Men- 
schen von den Toten in ihren eigenen Leibern auferste- 
hen werden. Hi 19,26; IKor 15. Wenn der Herr in den 
Wolken kommen wird mit seinen Engeln, wo Er einen 
jeden nach seinen Werken richten wird, Mt 25,31; 
Röm 2,6. 



743 


13. Weiter glauben wir allem, was in heiliger Schrift 
enthalten ist, sowohl dem Alten, als auch dem Neu- 
en Testament. Darum bitten wir armen Gefangenen 
demütig, worin wir uns etwa an Ihrer Majestät oder 
ihren Untertanen vergangen haben mögen, uns sol- 
ches zu vergeben, und gegen uns barmherzig zu sein, 
gleichwie der himmlische Vater barmherzig ist, denn 
wir sind ein armes, schlichtes Volk, gering von Wis- 
senschaft und Verstand, und es ist uns leid, daß wir 
nicht zierlicher schreiben können. Darum bitten wir 
Ew. Ehrw., daß Eure Majestät unser einfaches Schrei- 
ben zum Besten aufnehmen wolle. 

Hiermit wollen wir Eure königliche Majestät dem 
Herrn empfehlen, der Herr sei mit Euch und uns allen, 
Amen. 

In unserem Gefängnis zu London, den 21. Juli, im 
Jahre unseres Herrn 1575, von mir, Hendrik Terwoort, 
von mir, Jan Pieterß. 

Von dieser Geschichte ist eine ausführliche 
Mitteilung in nachfolgendem Briefe gemacht. 

Geschrieben von Jacques de Saniere (einem Mitglied 
der Calvinischen Kirche, damals in London wohnhaft) 
und gesandt an seine Mutter Tanneken van der Barent, 
wohnhaft zu Gent in Flandern, in welcher Stadt er 
später bei der Regierung oberster Schreiber geworden 
ist, zur Zeit als die Reformierten in Gent regierten, ehe 
die Stadt an Parma übergeben wurde, im Jahre 1584. 

Ein Brief von Jacques de Somere, gesandt an seine 
Mutter zu Gent. 

Ehrwürdige und geliebte Mutter, nebst aller demüti- 
gen Empfehlung lasse ich dich wissen, daß wir, Gott 
sei gelobt, noch wohlauf sind; wie wir denn aus des 
Vaters Schreiben (nicht ohne große Freude) ersehen 
haben, daß ihr euch ebenso befindet. Ich berichte, daß 
ich keinen Brief von meinem Vater ohne Angst und 
Furcht lese, bis ich aus dem Schlüsse desselben von 
eurer Gesundheit Versicherung habe, denn weil mir 
die Krankheit und Schwachheit eurer Natur bekannt 
ist, so bin ich allezeit besorgt, ihr möchtet etwa in eine 
schwere Krankheit gefallen sein, was mir mehr Be- 
trübnis verursachen würde, als wenn ich selbst in der 
größten Not und Pein wäre. 

Aber Gott sei für seine Güte gelobt, daß Er euch 
nicht schwerer heimsucht, noch euch eine größere 
Last aufbürdet, als ihr (durch seine Hilfe, und den 
Trost seines Wortes, wie auch durch die Hoffnung 
des zukünftigen Lebens) ertragen könnt, und daß Er 
mich die besondere Freude genießen lässt, die ein 
gutes Kind auf dieser Welt sich wünschen möchte. 


nämlich zu sehen, daß mein Vater und meine Mutter 
zu gutem Alter kommen, und solche Sorge, Liebe und 
Gunst zu mir tragen, wie ich von den sorgfältigsten 
und gütigsten Eltern erwarten dürfte, wofür euch in 
Ewigkeit gedankt sein müsse. 

Ein fernerer Zweck dieses Schreibens, meine gelieb- 
te Mutter, ist der, euch über die besonderen Umstände 
der Hinrichtung der Wiedertäufer Nachricht zu ge- 
ben, wiewohl ich nicht bezweifle, du werdest aus dem 
Bericht anderer Leute bereits viel davon gehört haben, 
wie ich denn auch nicht gern von einer Sache schrei- 
be, woran ich selbst niemals ohne große Betrübnis 
denken kann. Weil du aber solches von nur begehrst, 
und ich vielleicht der Umstände auch mehr kundig 
bin, als der gemeine Mann, indem ich oft bei ihnen 
gewesen bin, und von allem Nachricht eingezogen 
habe, so habe ich nicht unterlassen wollen, so viel 
Bericht abzustatten, als ich von der Sache weiß, wo- 
bei ich auch einige Abschriften von ihrem Bekenntnis, 
worauf sie gestorben sind, und noch einige gefangen 
liegen, mitsende, sowie auch nebst einer Bittschrift, 
die sie Ihrer Majestät überreichten, welche aber nicht 
angenommen wurde. 

Es hat sich nämlich auf Ostern im Jahre 1575 den 3. 
April zugetragen, daß in einem Hause bei Alegeto (wo 
man nach dem Spiegelshofe geht) dreißig Wiedertäu- 
fer, sowohl Männer als Weiber, in einer Versammlung 
beieinander waren, um sich miteinander zu ermah- 
nen und ihr Gebet zu tun, welche, als sie von den 
Nachbarn auskundschaftet waren, fast sämtlich von 
da nach dem Gefängnis gebracht worden sind, jedoch 
mit so wenigen Dienern, daß wohl einige derselben 
hätten entfliehen können, wenn sie in ihrem Gewissen 
Freiheit gehabt hätten, davon zu gehen. Als sie nun 
in der Obrigkeit Hände gefallen waren, hat man sie 
in das Haus des Bischofs von London gebracht, um 
von ihm (doch durch den Mund der deutschen und 
französischen Prediger, weil der Bischof die Sprache 
nicht verstand) über ihren Glauben verhört zu wer- 
den, welchen sie schriftlich übergaben, und der so 
aufgesetzt war, daß nichts darin enthalten war, was 
ich nicht hätte unterzeichnen dürfen, nur allein den 
Artikel vom Eide ausgenommen, worin sie öffentlich 
bekannten, daß sie glaubten, daß man unter keinen 
Umständen schwören möge. 

Als nun der Bischof mit diesem Bekenntnis nicht 
zufrieden war, hat er ihnen vier Artikel vorgelegt, 
die sie unterzeichnen sollten, widrigenfalls sie, wenn 
sie hartnäckig blieben, lebendig verbrannt werden 
sollten, wobei er hinzufügte, daß er diesen Auftrag 
vom Hofe empfangen habe. 

Die Artikel waren: Erstens, daß sie alle Irrtümer, 
Spaltungen und Ketzereien der verdammten Sekte 



744 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


der Wiedertäufer verlassen und widerrufen und be- 
kennen sollten, daß sie vom Teufel betrogen und dazu 
verführt worden seien; ferner, daß sie mit Herz und 
Mund glauben und bekennen sollten, daß Christus 
sein Fleisch und Blut aus dem Wesen des Fleisches 
und Blutes Maria angenommen habe. Zweitens, daß 
man die jungen Kindlein taufen müsse. Drittens, daß 
ein Christ wohl das obrigkeitliche Amt bedienen mö- 
ge. Viertens, daß ein Christ wohl einen Eid leisten 
dürfe. 

Darauf antworteten sie, daß in ihrem Gewissen 
nichts dafür spräche und daß sie es mit ihrem ers- 
ten Bekenntnis hielten, deshalb sind sie abermals von 
da nach dem Gefängnis geführt worden; aber auf dem 
Weg sind von ihnen zehn oder zwölf entlaufen (weil 
sie sahen, in welcher Gefahr sie waren, und daß sie 
gute Gelegenheit hätten zu entfliehen, weil nur einer 
oder zwei Diener mitgingen), welche sich aber alle 
freiwillig in den nächsten Tagen wieder eingestellt 
haben, teils, um ihre Bürgen zu befreien, welche für 
hundert Pfund verbunden waren, teils aber, weil der 
Bischof, als ein Mann von Ehre, ihnen mit einem Eid 
verhieß, er wollte sie alle, wenn sie wiederkämen, in- 
nerhalb vier oder fünf Tagen auf freien Fuß setzen, im 
andern Falle aber sollten die andern wohl bis Licht- 
mess gefangen liegen. 

Bald darauf sind fünf von den Männern (durch das 
viele Disputieren der Niederländer, die von der Ge- 
meinde waren) bekehrt worden, ehe man sie als Ket- 
zer verdammt hatte, und dessen ungeachtet, hat man 
sie damals in St. Paulus Kirchhofe in der vollen Ver- 
sammlung vieler tausend Engländer vor die Kanzel 
gestellt (merkt) und einem jeden derselben ein Bünd- 
lein Reiser auf die Schultern gegeben, als ein Zeichen, 
daß sie das Feuer verdient hätten, wobei man ihnen 
noch vielen andern Schaden und große Schmach zuge- 
fügt hat, wiewohl der Bischof ihnen verheißen hatte, 
daß er sie sofort jeder Strafe überheben und sie ohne 
weitere Umstände in Freiheit setzen wolle, wenn sie 
nur die vier Artikel unterzeichnen wollten; aber das 
Gegenteil hat sich wohl erwiesen. Dieses ist den 25. 
Mai, im Jahre 1575 geschehen. 

Einige Tage darauf, als der Bischof sah, daß die üb- 
rigen von ihrem Glauben nicht abfallen wollten, hat 
er sie auf dem geistlichen Richthause in St. Paulus 
Kirche (wie der papistische Bischof zu der Königin 
Maria Zeiten, welche die Christen zum Tode zu ver- 
urteilen pflegte) sämtlich zum Tode verurteilt und 
dem weltlichen Richter übergeben; darauf hat man 
die Frauen, Hand an Hand gebunden, nach Nieuge- 
et (welches das Gefängnis für diejenigen ist, die auf 
den Tod angeklagt sind) geführt, sowie einen von 
den Männern, den sie unter ihnen für den jüngsten 


und unschuldigsten hielten; aber die übrigen Män- 
ner wurden abermals nach ihrem alten bischöflichen 
Gefängnisse gebracht, weshalb man meinte, es wür- 
den die Frauen zuerst hingerichtet werden; wie man 
denn auch täglich kam, ihnen zu drohen und den Tod 
vor Augen zu halten, wenn sie nicht abfallen wollten. 
Deshalb haben sie fünf oder sechs Tage große Angst 
und Anfechtung erlitten, und sie meinten von Tag 
zu Tag, sie würden verbrannt werden, ja, selbst noch 
an dem Tag, als das Urteil ihrer Landesverweisung 
vom Hof angekommen war; denn der Schultheiß kam 
mit seinen Dienern des Abends um zehn Uhr in das 
Gefängnis, um alle ihre Güter aufzuschreiben, wobei 
er ihnen andeutete, sich auf den folgenden Tag zum 
Tode bereit zu machen, was er nur tat, um zu sehen, 
ob von ihnen niemand aus Furcht abfallen würde. Als 
er aber sah, daß sie alle standhaft blieben, kündigte 
er ihnen an, daß ihnen die Königin Gnade erwiesen, 
und sie nur des Landes verwiesen, den Jüngling aber 
hinter einem Karren auspeitschen lassen wollte. 

So sind denn innerhalb fünf oder sechs Tagen un- 
gefähr vierzehn Frauen von dem Gefängnisse, das 
bei St. Martins Kirche steht, bis nach St. Catharina in 
das Schiff von den Gerichtsdienem geführt worden; 
den Jüngling aber hat man an einem Karren, der vor 
ihnen herging, ausgepeitscht, und so sind sie sämtlich 
bei Leibesstrafe des Landes verwiesen worden, und 
wohnen gegenwärtig in Holland und Seeland. 

Einige Tage darauf sind die fünf Männer, die in 
des Bischofs Gefängnis noch saßen, gleichfalls vom 
Bischof zum Tode verurteilt und nach Nieugeet ge- 
bracht worden, wo einer unter ihnen um der Armut 
und schweren Bande willen im Gefängnis gestorben 
ist, die Übrigen aber fürchteten, man möchte an ihnen 
die schwerste Strafe vollziehen, weil man sogar mit 
den Frauen so sehr nach der Strenge gehandelt hatte. 
Sie haben auch gehört, daß die Königin und der ganze 
Rat so sehr über sie erzürnt wären, daß auch niemand 
für sie eine Bittschrift überreichen dürfe, weil aus bö- 
sem Munde das Gerücht sich verbreitet hatte, daß sie 
Gott und Christum verleugnen, und jede Regierung 
und das Ansehen des Magistrats und der Obrigkeiten 
als ungöttlich und unchristlich verwürfen. 

Darum haben sie eine Bittschrift nebst ihrem Be- 
kenntnis von den vier Artikeln, die ihnen vorgelegt 
waren, wovon ich hier die Abschriften sende, an Ihre 
Majestät abgehen lassen, welche aber so sehr über sie 
erzürnt war, daß sie dieselbe nicht annehmen wollte, 
sondern die Hofdamen sehr schalt, die sie ihr über- 
reichten, wie diese denen berichteten, welche ihnen 
die Bittschrift eingehändigt hatten. 

Als sie solches sahen, haben sie diese Artikel, sowie 
die Bittschrift, die etwas verändert war, dem Herrn 



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von Bodley übergeben, welcher als er die Sache bei 
dem Bischof angebracht hatte, ihnen am andern Tage 
zur Antwort gegeben hat, daß er um ihretwillen sehr 
betrübt sei; aber es sei durchaus keine Hoffnung der 
Gnade vorhanden, es sei denn, daß sie die Artikel Un- 
terzeichneten und ihre Ketzerei abschwören wollten. 
Unterdessen hat der Bischof im Namen ihrer Majestät 
einige Artikel erlassen, unter welchen auch der war, 
daß eine christliche Obrigkeit die halsstarrigen Ket- 
zer wohl mit dein Schwerte strafen dürfte, und gebot 
allen Fremdlingen, dieselben zu unterzeichnen, oder 
aber genügende Bürgschaft zu stellen, daß sie, wenn 
es dem Bischof gefallen würde, vor ihm und der Köni- 
gin Verordneten erscheinen wollten, um ausführlicher 
verhört und nach Befinden der Umstände gestraft zu 
werden; also haben fast alle Fremdlinge, doch mehr 
aus Furcht als aus andern Gründen unterschrieben, 
einige ausgenommen, die lieber Gefahr laufen, als wi- 
der ihr Gewissen durch ihre Unterschrift das Töten 
der armen Leute billigen wollten; wie es aber solchen 
noch ergehen werde, weiß man noch nicht. 

Bald darauf ist vom Hofe aus an den Scheriff oder 
Schultheißen zu London der Befehl ergangen, daß er 
die beiden Ältesten nach Maßgabe ihres Urteils hin- 
richten lassen sollte; der eine von ihnen, Jan Pieterß, 
war ein armer Mann, über fünfzig Jahre alt, der neun 
Kinder hatte, dessen erste Frau in früherer Zeit zu 
Gent, in Flandern, um der Religion willen verbrannt 
worden war, und welcher nun eine Frau geheiratet 
hatte, deren erster Mann gleichfalls früher um der Re- 
ligion willen zu Gent verbrannt worden war. Sie sind 
aber beide um der Verfolgung willen nach England 
geflüchtet, in der Meinung, sie könnten dort ohne Ge- 
fahr in der Freiheit ihres Gewissens leben, was er dem 
Bischof zuvorderst vorstellte und Gnade begehrte, um 
mit Weib und Kindern aus dem Land zu ziehen, aber 
er konnte es nicht erreichen. 

Der andere, Hendrik Terwort, war ein schöner an- 
sehnlicher Mann von fünf oder sechsundzwanzig Jah- 
ren, seiner Hantierung nach ein Goldschmied, der erst 
acht oder zehn Wochen verheiratet war, als er gefan- 
gen genommen wurde. 

Diese beiden, nachdem sie die deutschen und fran- 
zösischen Prediger durch Disputieren nicht zum Un- 
terzeichnen der Artikel bringen konnten, sondern sie 
vielmehr in ihrer Meinung durch die Grausamkeit 
und das unchristliche Verfahren derer, die sich des 
Evangeliums und des wahren Glaubens rühmen, ge- 
stärkt wurden, sind, obgleich viele Engländer und 
Deutsche Fürbitten für sie einlegten, um ihnen Gna- 
de zu erwirken, dennoch den 22. Juli, des Morgens 
um 6 Uhr, auf dem Smitsfelde, wo man in früheren 
Zeiten die Leute von unserer Religion zu verbrennen 


pflegte, an einem Pfahle, ohne sie zu würgen und oh- 
ne Pulver, sehr jämmerlich nach des Landes Weise 
lebendig zu Asche verbrannt worden. Dieses Urteil 
ist am Freitag vollzogen worden, nachdem der Pfahl 
schon den Dienstag zuvor gesetzt war. Ich zweifle 
nicht, die Königin ist ungern daran gegangen, aber 
sie ist von einigen Papisten oder andern verkehrten 
Menschen und Beneidern der Wahrheit, deren es hier 
viele gibt, dazu überredet worden, welche derselben 
vorgestellt haben, daß die Wiedertäufer, deren Religi- 
on diesem Volk unbekannt ist, nicht allein Gott und 
Christum leugnen, und folglich die Seligkeit der See- 
len umstießen, sondern auch, daß sie alle weltliche 
Polizei, Rechte und Obrigkeiten verwürfen, und das 
Volk zur Meuterei und zum Aufruhr anreizten, indem 
sie lehrten, daß das obrigkeitliche Amt ungöttlich und 
unchristlich sei, weshalb sie, wie ich nicht zweifle, am 
meisten über dieselben erzürnt gewesen ist, sodass 
sie auch ihre Bittschrift nicht hat annehmen wollen. 

Der Herr wolle es denen vergeben, die hiervon die 
Urheber und Anstifter gewesen sind, und die armen 
Leute vor Ihrer Majestät so sehr verleumdet haben, 
wie du aus diesem ihrem Bekenntnis, das sie bei mir 
eigenhändig unterzeichnet haben, beurteilen kannst, 
denn obgleich ich demselben nicht in allem beistim- 
me, und auch versichert bin, daß sie in Ansehung des 
Punktes von der ersten Empfängnis Christi und der 
Herkunft seines Fleisches eine irrige Ansicht haben, 
übrigens aber mit ausdrücklichen Worten christlich 
bekannten, und oft in meiner Gegenwart mündlich be- 
kannt haben, daß Christus wahrer Gott und Mensch 
sei, der uns in Fleisch und Blut und allen andern Din- 
gen gleich sei, ausgenommen die Sünde, so sei es fern 
von mir, sie der Todesstrafe schuldig zu erkennen, 
sondern ich möchte sie vielmehr für Brüder erkennen 
und zweifle nicht an ihrer Seligkeit, wenn sie anders 
den Herrn gefürchtet haben und in einem guten Ge- 
wissen vor Ihm gewandelt sind; denn unser Gott ist 
ein barmherziger und gnädiger Gott, der die Men- 
schen um dieses oder jenes Missverständnisses und 
Irrtumes willen nicht verdammt, sondern vielmehr 
ihrer Schwachheit und Krankheit um seines Sohnes 
Christi Jesu willen gnädig vergibt, wenn es anders aus 
keiner Hartnäckigkeit, sondern aus reiner Unwissen- 
heit herkommt, wie Paulus selbst von sich sagt, daß er 
bei Gott Gnade gefunden habe, weil er unwissentlich 
gesündigt hatte, wie denn der Irrtum nicht den Grund 
des Glaubens, sondern nur die Umstände desselben 
berührt, gleichwie diese Wiedertäufer tun. 

Was die beiden jungen Mannspersonen betrifft, 
die noch übriggeblieben sind, so beharren dieselben 
gleichwohl noch fest und standhaft bei ihrem Bekennt- 
nis, und sind auch täglich derselben Strafe gewärtig. 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Wir, Lukas und ich, suchten ihnen, wenn es möglich 
gewesen wäre, aus dem Gefängnis zu helfen (vier Ta- 
ge später, als die andern hingerichtet waren), sie sind 
auch durch vieles Überreden so weit gebracht wor- 
den, daß sie das Bekenntnis (wovon ich euch hier eine 
Abschrift sende) unterzeichnet haben, in der Hoff- 
nung, der Bischof werde damit zufrieden sein; dieser 
aber, nachdem er dasselbe gelesen, hat es zwar für gut 
befunden, will es aber gleichwohl in Gnaden nicht 
aufnehmen, es sei denn, daß sie die vier ersten Ar- 
tikel ohne irgendeinen Widerspruch unterzeichnen 
und sich zu der deutschen Gemeinde begeben, wozu 
sie sich jedoch nicht verstehen wollen, weil, wie sie 
sagen, wenn sie auch ganz in der Lehre mit uns einig 
wären, sie dadurch die beiden Hingerichteten und alle 
ihre anderen Mitgenossen (die in demselben Glauben 
gestorben sind oder noch leben) verdammen und be- 
kennen müssten, daß sie vom Teufel, dem Geiste der 
Lügen und des Irrtums, zu dieser verdammlichen Ket- 
zerei verführt worden seien, von der sie sagten, daß 
sie keineswegs in ihrem Gewissen überzeugt seien, 
sondern daß sie vielmehr von ihrer Seligkeit in Chri- 
sto, dem wahren Gott und wahren Menschen, versi- 
chert wären; darum würden sie Gott, wie sie sagten, 
aufs Höchste erzürnen, wenn sie gegen das Zeugnis 
ihres Gewissens reden würden. Aus diesen Gründen 
kann man nicht anders annehmen, als daß sie eben 
dieselbe Strafe werden leiden müssen, die auch ih- 
re Mitgesellen gelitten haben, und das umso mehr, 
weil sie versucht haben, aus dem Gefängnis zu bre- 
chen, indem sie ein Eisen von den Fenstern abfeilten; 
darum liegen sie auch jetzt in Banden viel strenger 
geschlossen, als jemals zuvor, und möchten sich wohl 
glückselig schätzen, wenn sie je eher je lieber durch 
den Tod von der großen Armut und dem Elend des 
Gefängnisses befreit werden könnten, denn sie liegen 
beide voneinander abgesondert, sodass sie einander 
nicht trösten können, und es darf niemand mit ihnen 
reden, bei Strafe, selbst festgesetzt zu werden. 

Hier hast du, geliebte Mutter, die betrübte Geschich- 
te der gefangenen, bekehrten, vertriebenen und hin- 
gerichteten Wiedertäufer von Anfang bis zu Ende, die 
dir unglaublich und unnatürlich erschienen sein wird, 
und worüber du sehr betrübt gewesen sein wirst, weil 
diejenigen, die hier in früheren Zeiten Verfolgung er- 
litten haben, jetzt andere Leute um ihrer Religion wil- 
len verfolgen, und anderer Leute Gewissen mit Feuer 
und Schwert bezwingen, da sie doch zuvor selbst ge- 
lehrt haben (was auch die Wahrheit ist), daß es keinem 
Menschen zukomme, über eines andern Gewissen zu 
herrschen, und daß der Glaube eine besondere Gabe 
Gottes sei, und in den Menschen nicht durch irgend- 
eine leibliche Gewalt, sondern durch das Wort Gottes 


und die Erleuchtung des Heiligen Geistes gepflanzt 
werde, sowie, daß die Ketzerei keine fleischliche, son- 
dern geistige Missetat sei, die Gott allein strafen müs- 
se, und daß man die Lügen nicht mit Gewalt, sondern 
mit der Wahrheit überwinden müsse, daß es der Kin- 
der Gottes Teil sei, nicht andere um des Glaubens 
willen zu töten, sondern selbst um des Zeugnisses 
der Wahrheit willen getötet zu werden, endlich, daß 
das Blutvergießen um der Religion willen ein gewis- 
ses Kennzeichen des Antichristen sei, der sich selbst 
dadurch an Gottes statt auf seinen Richterstuhl setzt, 
und sich selbst die Herrschaft über die Gewissen (die 
doch Gott allein zukommt) zuschreibt. 

Ebenso sage ich, daß ich wohl weiß, daß euch und 
alle mitleidigen Herzen die Sache sehr betrübt habe, 
wie ich denn auch hoffe, daß ihr euch daran nicht är- 
gern oder daraus eine Veranlassung hemehmen wer- 
det, an dem wahren Glauben zu zweifeln; auch mögt 
ihr bedenken (wie es denn auch die Wahrheit ist), 
daß einige von den Gottesfürchtigen und Gelehrten, 
sowohl Engländer als Fremdlinge, die hier sind, das- 
selbe nicht gut befunden noch gebilligt haben. 

Ferner, und wenn auch die Kirche diesen Glauben 
billigen würde, so wisst ihr dennoch wohl, daß die 
Wahrheit nicht an Menschen hängt, die doch gebrech- 
lich, schwach, sündhaft und veränderlich sind, sodass 
derjenige, der heute gut und gottselig ist, morgen in 
große Sünden fallen kann, insbesondere wenn ihm 
die Sachen in dieser Welt wohl von Statten gehen, son- 
dern daß unser Trost und unsere Hoffnung, Religion, 
unser Glaube und unsere Seligkeit in Gott bestehe, 
der unveränderlich ist und dessen Wahrheit allezeit 
einerlei Gestalt hat. Derselbe hat uns auch gelehrt und 
zuvor gewarnt, daß wir uns an den Ärgernissen der 
Welt nicht stoßen sollten, deren es viele und mancher- 
lei gibt, und die auch oft von denen ausgehen, die 
in der Kirche Christi verborgen sind, wie denn auch 
Paulus aus eigener Erfahrung bezeugt, daß er von den 
falschen Brüdern die größte Verfolgung erlitten habe. 

Ich hätte euch von dieser Sache wohl mehr geschrie- 
ben, wenn es mir die Zeit zugelassen hätte; so aber 
will ich hiermit schließen und den Herrn bitten, daß 
Er euch, sowie alle Gottesfürchtigen und Liebhaber 
der Wahrheit, in den Tugenden und der Gottseligkeit 
stärken wolle, zur Seelen Seligkeit, Amen. 

Euer untertäniger Sohn, Jaques de Somere. 

Die folgenden Schreiben scheinen auch auf Veran- 
lassung dieses Jaques de Somere als eine Zugabe, aus 
Gunst gegen die Gefangenen, aufgesetzt zu sein. 



747 


Eine Bittschrift im Namen der Gefangenen in 

England der Königin überreicht, aber von Ihrer 
Majestät nicht angenommen. 

Wenn wir Eurer Majestät löbliche und weit und breit 
unter allen Völkern berühmte Güte und Gnade be- 
trachten, die stets in allen Sachen, und insbesondere 
was die Religion und das Gewissen betrifft, Beschei- 
denheit gebraucht und solches erst neulich an unsern 
Mitgesellen bewiesen hat, so haben wir das gänzliche 
Vertrauen zu Eurer Majestät, daß Sie belieben werde, 
uns, ihren armen Gefangenen und Fremdlingen, sol- 
che Gnade zu erweisen, weil wir auch in solchem Stan- 
de und in solchen Umständen uns befinden, und auch 
in demselben Glauben, welchen wir Eurer Majestät 
demütig darreichen, um Christi willen, daß es Eure 
Hoheit belieben wolle, selbst zu überlesen, und nach 
Eurer Weisheit und Gnade, in Betrachtung des gerin- 
gen Unterschiedes, gnädig darüber zu urteilen. Wir 
bezeugen vor Gott und Eurer Majestät, daß, wenn wir 
anders in unserm Gewissen überzeugt wären, oder 
es verstehen könnten, wir das Gegenteil von ganzem 
Herzen annehmen und bekennen wollten, indem es 
von uns ein großer Irrtum wäre, wenn wir nicht lieber 
in einem wahren Glauben leben, als in einem falschen 
Glauben mutwillig sterben wollten; ferner wolle auch 
Eure Majestät belieben zu betrachten, nach Ihrer an- 
gebornen Güte und Weisheit, daß es nicht in unserer 
Gewalt stehe, in unsern Reden Heuchelei zu treiben, 
anders, als wir von Herzen glauben, um so der Ge- 
fahr des zeitlichen Todes zu entgehen; denn es ist uns 
unmöglich, anders zu glauben, als wir in unserm Ge- 
wissen überzeugt sind; desgleichen, daß es nicht in 
unserm Willen stehe, so oder so zu glauben, wie ein 
Missetäter mit seinem Willen das Böse tun oder las- 
sen kann, sondern es muss der wahre Glaube in die 
Herzen der Menschen von Gott eingegossen werden, 
welchen wir täglich bitten, daß Er uns seinen Geist 
geben wolle, um seine Wahrheit und das Evangelium 
zu verstehen. 

Überdies ist es Eurer Majestät wohl bekannt, daß 
wir nicht ein Volk sind, welches irgend Meuterei oder 
Aufruhr wider Eure Majestät anzustiften sucht, son- 
dern daß wir vielmehr den Herrn täglich bitten um 
Eure glückliche Regierung und Wohlfahrt nach See- 
le und Leib, und daß wir nicht gesucht haben un- 
sern Glauben in diesem Lande auszubreiten, was wir 
auch nicht tun können, weil wir schlichte, ungelehrte 
Handwerksleute sind und unerfahren in der Gottes- 
gelehrtheit. Wir bitten Eure Majestät demütig, diese 
und mehrere andere Gründe um unseres Besten wil- 
len zu betrachten, und insbesondere Ihrer löblichen 
und fürstlichen Gnade eingedenk zu sein, worüber 


alle Völker erstaunen und welche zu jeder Zeit in al- 
len Sachen hervorgeleuchtet hat, insbesondere aber in 
Religions- und Gewissenssachen. 

Unterschrieben waren Hendrik Terwoort, Jan Pie- 
terß, Christian Kemels, Gerrit von Byler, Hans von 
Straten. 

Ein Glaubensbekenntnis der Gefangenen in 
England, der vorhergehenden Bittschrift 
angehängt. 

Was unsern Glauben von Jesu Christo, unserm Se- 
ligmacher, betrifft, so glauben wir nicht allein seine 
Menschwerdung, sondern halten auch dafür, daß es 
der Antichrist sei, der da leugnet, daß Christus ins 
Fleisch gekommen sei; darum glauben wir mit dem 
Herzen und bekennen mit dem Munde, daß das ewi- 
ge Wort Gottes von Anfang bei Gott gewesen, und 
daß der Sohn Gottes Mensch geworden sei in der Fül- 
le der Zeit, damit Er die Menschen selig mache und 
erlöse, daß Er von dem Heiligen Geist empfangen 
worden sei durch die Kraft des allerhöchsten Gottes, 
daß Er von der gesegneten Jungfrau Maria geboren 
und aus dem Samen Davids erschienen und daß Er 
die Frucht des Leibes Maria sei; nachdem nun die 
Kinder Fleisch und Blut haben, ist Er es gleicher Ma- 
ßen teilhaftig geworden; endlich bekennen wir, daß 
Er der verheißene Weibessamen sei, der den Kopf der 
Schlange zertreten hat, und glauben alles, was die hei- 
lige Schrift noch mehr von Ihm beschreibt, und setzen 
die einzige Hoffnung unserer Seligkeit in seinen Tod 
und seine Auferstehung. Aber das müssen wir hierbei 
erklären, daß wir in unserm Gewissen noch nicht so 
überzeugt sind, daß wir sagen können. Er habe sein 
Fleisch aus dem Wesen der Jungfrau Maria genom- 
men, weil wir solchen Ausdruck in der Schrift nicht 
finden; darum überlassen wir die Untersuchung dem 
Geheimnisse Gottes. 

Was die Kindertaufe betrifft, so glauben wir, daß 
die unmündigen Kinder in dem Stande der Seligkeit 
seien und daß ihnen das Reich Gottes zugehöre; weil 
wir aber in heiliger Schrift weder Gebot noch Exempel 
finden, dieselben zu taufen, so halten wir, nach der 
Einsetzung Christi, dafür, daß man mit ihrer Taufe 
warten soll, bis sie ihren Glauben in der Kirche Gottes 
bekennen können; daneben aber verurteilen und ver- 
dammen wir die Kirchen nicht, die eine andere Lehre 
haben. 

Was die Obrigkeit und deren Amt an sich selbst 
betrifft, so bekennen wir, daß sie nicht allein gut und 
nützlich sei zur Erhaltung der gemeinen Wohlfahrt, 
sondern auch von Gott verordnet sei, um die Guten zu 
beschützen, die Bösen aber zu strafen, und daß sie das 



748 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Schwert nicht umsonst empfangen habe, welcher wir 
auch, nach Gottes Befehl, schuldig und bereit sind, alle 
Untertänigkeit und Dienst zu erweisen; übrigens aber 
halten wir dafür, daß es uns nicht zustehe von dieser 
Sache etwas weiter zu untersuchen und zu urteilen. 

Aber durch Fragen in unserm Gewissen gedrungen, 
ob nämlich die Obrigkeit wohl christlich gesinnt sein 
könne, sagen wir, daß es vor der Menschen Augen 
(um der mancherlei Verhinderungen willen) schwer 
und hart sei, nichtsdestoweniger zweifeln wir nicht 
daran, weil das, was vor den Menschen unmöglich 
scheint, vor Gott möglich ist, wie Christus von dem 
Reichen im Evangelium sagt. 

Was das Schwören anbetrifft, so kommen wir mit 
den deutschen Predigern in diesem Artikel überein, 
daß man wohl mit gutem Gewissen Gott zum Zeugen 
nehmen möge in einer Sache, die wir wissen und von 
der wir versichert sind. 

Diese Artikel, wie sie hier abgefasst sind, glauben 
wir aufrichtig, jedoch abgesehen von solchen Schlüs- 
sen, die einige aus ihrem eigenen Verstand dagegen 
machen. 

Darum bitten wir Ihre Majestät demütig um Christi 
willen, unsere Schwachheit zu ertragen, und zu be- 
trachten, daß wenn wir in unserm Gewissen es anders 
finden könnten, wir solches sehr gern und von Herzen 
annehmen und mündlich bekennen wollten. 

Deshalb bitten wir Gott demütig für Ihrer Majestät 
langes Leben, glückliche Regierung und ewige Selig- 
keit. Wir zweifeln nicht. Sie werde es sich gefallen 
lassen, an uns armen, gefangenen Fremdlingen, sol- 
che Gnade zu erweisen, die schon bereits an unsern 
Mitgesellen bewiesen worden ist, wofür Gott und Ih- 
rer Majestät gedankt sein müsse. 

Es war unterschrieben: Von mir, Hendrik Terwoort, 
Jan Pieterß, Christian Kemels, Gerrit von Byler, Hans 
von der Straten. 

Antwort auf Johannes Foxus Schreiben, 
geschrieben von den Gefangenen in London, 1575. 

Ehrsamer und werter Dr. Mr. Foxus, wir haben deinen 
Brief gelesen, woraus wir den Fleiß ersehen haben, 
den du um unsertwillen angewandt hast, sowohl bei 
der königlichen Majestät, als auch bei ihrem weisen 
Rate; dafür danken wir dir aufs Höchste, wie auch für 
deine gute Ermahnung, denn obgleich uns dein Brief 
ein wenig zu scharf geschrieben zu sein scheint, so 
sind wir doch versichert, daß es von der Liebe und 
einem guten Eifer herkommt, den du für die Wahrheit 
und deines Nächsten Wohlfahrt trägst; darum können 
wir es auch nur zum Besten deuten, wiewohl es uns 
sehr leid ist, daß du unsere Meinung nicht besser ver- 


stehst, und eine andere Meinung von uns hast, als wir 
wohl wollten (indem du dafür hältst, dass wir durch 
unsere Spitzfindigkeit und Halsstarrigkeit nicht al- 
lein die Kirche Gottes ärgern, sondern auch Gott aufs 
Höchste erzürnen und unsere Seligkeit umstoßen). 

Welche Veranlassung du wohl hast, dergleichen von 
uns zu denken, wissen wir nicht, doch können wir 
dich versichern, daß wir von ganzem Herzen dem 
einigen Gott und Christo mit gutem Gewissen zu die- 
nen und unsern Nächsten zu erbauen suchen, so viel 
es uns möglich ist. 

Deshalb nehmen wir gern an, was uns die heili- 
ge Schrift bezeugt und wünschen, daß man uns bei 
der Einfachheit des Wortes Gottes bleiben ließe, und 
uns durch spitzfindige Fragen nicht weiter triebe, als 
wir mit unserm schwachen Verstand begreifen oder 
mit der Schrift verantworten können. Wir bekennen 
(wie du sagst), daß Jesus Christus, der Sohn des le- 
bendigen Gottes, aus dem Weibe in der Fülle der Zeit 
wahrhaftig Mensch geworden oder geboren sei. 

Wir bekennen, daß das Fleisch Christi nicht phantas- 
tisch oder aus der Luft sei, sondern wahres, menschli- 
ches Fleisch, uns in allem gleich, ausgenommen die 
Sünde; daß Er der verheißene Weibessamen, der Sohn 
Davids und die Frucht des Leibes Maria sei; endlich 
glauben wir allem, was die heilige Schrift von ihm 
außerdem bezeugt, und setzen auch in unserem Le- 
ben oder Sterben unsere Seligkeit nicht in unsere Wer- 
ke oder Heiligkeit, sondern allein in seinen Tod und 
seine Auferstehung. Darum können wir uns nicht 
genug verwundern, daß man von Christen mehr for- 
dern mag, denn wie du selbst aus dem Apostel an- 
führst, wenn wir auch Christum nach dem Fleische 
gekannt haben, so kennen wir Ihn doch jetzt nicht 
mehr; wer aber in Ihm ist, der ist eine neue Kreatur. 
Damit gibt uns ja der Apostel zur Genüge zu erken- 
nen, daß wir mehr die Früchte der Menschwerdung 
und des Leidens Christi bemerken und uns zueig- 
nen als vorwitzig von der Herkunft seines Fleisches 
disputieren sollten, welche wir gleichwohl bekennen, 
insoweit uns die heilige Schrift davon Zeugnis gibt, 
und lassen uns mit demjenigen begnügen, was du 
von uns begehrt hast, daß Er ins Fleisch gekommen 
sei; wenn nur die Menschen damit zufrieden wären 
und uns nicht zwingen wollten, zu bekennen, daß 
Christus aus dem Wesen des Fleisches Maria herge- 
kommen sei, was wir um deswillen nicht begreifen 
noch glauben können, weil das Wort Wesen in der hei- 
ligen Schrift nicht ausgedrückt wird. Darum schließt 
man daraus gegen uns, daß wir lehren, Christus sei 
kein wahrer Mensch, und überhaupt, daß wir unsere 
Seligkeit verleugnen, während man doch im Gegenteil 
schließen sollte, wie uns die Liebe lehrt, daß wir, wenn 



749 


wir sagen, daß Christus so wahrhaftig das menschli- 
che Fleisch an sich gehabt, als unser erster Vater Adam 
vor dem Falle hatte, wir auch zugleich bekennen, daß 
Er ein wahrer Mensch und unser Seligmacher sei, ins- 
besondere, da wir solches mit ausdrücklichen Worten 
bekennen. Wolltest du hierauf sagen, daß du einen ge- 
ringen oder gar keinen Unterschied zwischen eurem 
und unserm Glauben findest, als nur in dem Wörtlein 
Wesen des Weibes, und daß wir dasselbe um deswil- 
len nicht halsstarrig verwerfen sollten, so antworten 
wir darauf, daß man uns dazu nicht mit Gewalt zwin- 
gen, sondern unsere Schwachheit in diesem Punkt 
ertragen sollte, weil wir in unserm Gewissen nicht 
anders überzeugt sind, und uns an Gott sehr versün- 
digen würden, wenn wir gegen das Zeugnis unseres 
Gewissens reden würden. 

Deshalb, wenn man uns dem Tode überantwortet 
(was wir doch von Ihrer königlichen Gnade nicht hof- 
fen), so bezeugen wir vor Gott, daß wir nicht wegen 
dieses oder jenes Artikels (welchen, wenn man uns 
nur mit Gründen überzeugen könnte, wir von Herzen 
annehmen wollten), sondern um unsers Gewissens 
willen sterben, denn wenn wir gegen dasselbe han- 
deln, und wenn wir auch gleich recht täten, so tun 
wir dessen ungeachtet übel, und geben Zeugnis wider 
uns selbst, wie du, nach deiner Gelehrheit, viel bes- 
ser einsehen kannst, als wir schlichte und ungelehrte 
Leute. 

Endlich, wir sind Menschen, und was noch mehr ist, 
ungelehrte Menschen, die wohl irren können; deshalb 
wollen wir uns allen denen, die uns mit der Schrift 
etwas Besseres beweisen können, zur Unterweisung 
unterwerfen; daß man uns aber dazu mit Feuer und 
Schwert zwingen will, dünkt uns vergeblich zu sein 
und gegen den Verstand zu streiten, denn es ist wohl 
möglich, daß man uns durch die Furcht vor dem Tode 
nötige, anders zu reden, als wir es verstehen, aber 
daß wir es anders verstehen sollten, als wir glauben, 
solches wisst ihr wohl, daß es unmöglich sei. 

Diesem nach stellen uns diejenigen, die mit uns auf 
diese Weise handeln, eins von beiden vor Augen, ent- 
weder zeitlich oder ewig zu sterben; zeitlich, wenn 
wir bei demjenigen bleiben, was uns unser Gewis- 
sen bezeugt, daß es recht und die Wahrheit sei; ewig 
aber, wenn wir gegen unser Gewissen handeln und 
reden. Aber wir haben zur königlichen Gnade eine 
bessere Hoffnung, welche bisher noch nicht für gut 
befunden hat, wegen Religionssachen zu töten, indem 
sie wohl weiß, daß der wahre Glaube eine besondere 
Gabe Gottes sei, welche dem Menschen eingegossen 
wird, nicht durch Feuer und Schwert, sondern durch 
den Heiligen Geist und die Predigt des äußerlichen 
Wortes Gottes. Auch sollten wir wohl bedenken, daß 


wir zuvor alle Ketzer gewesen seien, die wir, wenn 
wir in solchem Stande gestorben wären, des Leibes 
und der Seelen Tod hätten leiden müssen. Aber wir 
wollen jetzt schließen und dir für die Mühe danken, 
die du unsertwegen hast unternehmen wollen; wir bit- 
ten dich, daß du das Beste in unsern Sachen (bei dem 
Rate, und insbesondere bei der königlichen Majestät) 
tun wollest, wie wir denn nicht bezweifeln, daß, wenn 
derselben unser Zustand wohl bekannt wäre, sie nach 
ihrer außerordentlichen Weisheit und gewohnten Gna- 
de barmherzig mit uns handeln würde, da wir doch 
Ihrer Majestät alle Ehre und Gehorsam gern beweisen, 
und bitten, daß sie lange leben und glücklich regieren 
möge, Amen. 

Unterschrieben war Gerrit von Byler, Hendrik Ter- 
woort, Hans von Straten, Jan Pieterß, Christian Ke- 
mels. 

Paulus Glock, im Jahre 1576. 

Im Jahre 1576 hat Paulus Glock, der im Württember- 
ger Lande 19 Jahre nacheinander gefangen gelegen 
hatte, die Freiheit erlangt, nachdem er in der Zeit sei- 
ner Gefangenschaft viel erlitten hatte, und anfänglich 
sehr gepeinigt und gemartert ist, und während dieser 
Zeit öfters und auf vielerlei Weise sowohl von der 
Obrigkeit als auch den Edelleuten und lutherischen 
Pfaffen versucht worden ist; sie haben ihn mit har- 
tem und mit leichtem Gefängnis auf die Probe gestellt. 
Im Jahre 1566 versuchten sie ihn ein halbes Jahr lang 
nicht, ließen ihn auch einige Male ausgehen, wenn er 
ihnen mit seinem Jaworte zusagte, ohne ihr Wissen 
nicht fortgehen zu wollen. Als nachher des Fürsten 
Hofprediger und andere ihn verhörten, und er noch 
fest bei seinem Glauben blieb, auch ihre Obrigkeit, 
sowie das Schwert und den Krieg, nicht für christlich 
halten wollte, sagten sie, er wäre nicht wert, daß er 
unter die Leute ginge, er müsste sein Leben lang bis 
an seinen Tod gefangen sitzen, oder so lange, bis er 
sagen würde, daß sie gute Christen wären. Im Jahre 
1567 war er krank vom Tage der drei Könige an bis 
an den St. Johannistag, und war sehr ärmlich und 
elend, lahm an seinen Händen, wie auch an seinen 
Knien, sodass er nicht stehen konnte; ebenso hatte 
er auch große Schmerzen im Munde, sodass er lange 
kein Brot essen konnte, und auch keine Hoffnung zu 
seiner Genesung vorhanden war. 

Als nun seine Feinde das vernahmen, dachten sie, 
dies ist unsere rechte Zeit, und schickten zwei Pfaffen 
zu ihm, die mit ihm handeln und ihn hinsichtlich der 
Kindertaufe und dem Sakrament überreden und ihn 
zu sich bekehren sollten, weil ihn Gott so mit Krank- 
heit plage; aber der Bruder Paulus sprach: Zeigt mir 



750 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


ein christliches Häuflein, das durch eure Predigt, Leh- 
re und Glauben aufgewachsen ist, dann will ich mich 
dazu schlagen, und wenn noch etwas an mir ist, das 
wider Gott ist, so will ich es ablegen und verlassen, 
und das Bessere annehmen. Da sagten die beiden Pfaf- 
fen: Man kann die christliche Kirche nicht mit Fingern 
zeigen. Der Bruder Paulus antwortete: Es ist offenbar, 
was ihr für falsche Propheten seid; Christus hat sei- 
ne Gemeinde und Jünger gezeigt, als Er seine Hand 
über seine Jünger ausstreckte und sagte: Das ist meine 
Mutter, Schwester und Bruder, die den Willen meines 
Vaters tun, der im Himmel ist; auch kann eine Stadt, 
die auf einem Berge liegt, nicht verborgen bleiben; 
ferner, ihr seid das Licht der Welt. Der Apostel Petrus 
bezeugt auch davon, indem er sagt: Ihr seid das aus- 
erwählte Geschlecht, das heilige Volk. Paulus zeigt 
sie auch, wenn er sagt: Ihr seid der Tempel des leben- 
digen Gottes, das Siegel meines Apostelamtes. Weil 
ihr aber dieselben nicht kennt, so seid ihr Kinder der 
Nacht und der Finsternis, und keine Glieder an dem 
Leib Christi, weil ihr mir den Leib Christi nicht zeigen 
könnt. Wie sollte ich mm ein Vertrauen zu euch haben 
und mich übergeben, damit ihr aus mir einen Chris- 
ten macht, während ihr mir doch noch nicht einen 
Christen in eurer Kirche gezeigt habt? Ihr seid eben 
wie die 400 falschen Propheten Ahabs, die ihr einen 
falschen Geist in euren schalkhaften Mund empfan- 
gen habt, um die ganze Welt zu verführen; ja, ihr seid 
die Diebe und Mörder, die jetzt kommen, um zu wür- 
gen und zu stehlen. Als er ihnen nun solche Antwort 
gab, verwunderten sie sich, daß er in seiner Krankheit 
so antworten konnte, und kamen in langer Zeit nicht 
mehr zu ihm, um mit ihm zu handeln; sie sagten auch: 
Wenn deine Sache auch recht und gut wäre, so soll 
man sie doch nicht dulden, denn man hat sie nie gelit- 
ten. Der Bruder Paulus antwortete: Ja, die Gottlosen 
und die Welt haben weder Jesum Christum noch seine 
Apostel oder irgendeinen Frommen leiden können, 
ebenso wenig als ihr, denn ihr seid gottlose, unfrom- 
me, böse Leute und Bauchdiener. Im 72. Jahre sind 
des Fürsten Predigerherren zum dritten Mal zu ihm 
auf das Schloss zu Hohenwittlung gekommen, haben 
mit ihm viel geredet und ihn wegen vieler Stücke un- 
tersucht. Im Jahre 73 ließen sie ihn in die Stadt Aurach 
bringen, wo einige von den Predigerherren waren, so- 
wie auch der Hofkanzler (der dem Fürsten am nächs- 
ten ist); sie handelten mit ihm von der Kindertaufe 
und sagten: Die Kinder haben einen Glauben, darum 
bringt man sie mit Recht zur Taufe; denn der Apostel 
sagte: Ohne Glauben ist es unmöglich, Gott zu gefal- 
len; aber Paulus sagte: Der Apostel spricht da nicht 
von den Kindern, auch redet er nicht mit Kindern, 
sondern mit Alten, und sagte ferner zu ihnen: Wer zu 


Gott kommen will, der muss glauben, daß Er sei und 
daß Er denen ein Vergelter sei, die Ihm dienen und 
Ihn suchen; setzt mir mm ein Kind hierher, wenn es so 
viel Bekenntnis und Glauben an den Tag legt, so tauft 
es ohne Scheu. Sie sagten: Das Kind bedarf keines 
Bekenntnisses; so bedarf es auch, erwiderte er, keiner 
Taufe. Da schwiegen sie hierüber und fingen an von 
der Obrigkeit zu reden und sagten, sie wären ja doch 
Christen, weil sie der Apostel Diener Gottes nannte. 
Der Bruder antwortete: Der Apostel nennt sie Diener 
des Rates wegen; dieser Rat aber gehört nicht in das 
Haus Gottes oder Christi. Sie sagten: Der Rat gehört 
ja in das Haus Gottes. Der Bruder antwortete: So zeigt 
mir denn eine gesetzliche Obrigkeit in dem Hause 
Gottes oder der Gemeinde Christi, denn der Apostel 
hat alle Ämter im Hause Gottes verordnet; so zeigt 
mir denn, wo Er die Fürsten oder weltlichen Könige 
mit ihren Ämtern in der Gemeinde verordnet habe. 
Da sagten die Pfaffen: Cornelius ist ein Hauptmann 
unter dem Kriegsvolk gewesen und ist ein Christ ge- 
worden. Sie bezogen sich auch auf Sergius Paulus und 
sagten, derselbe sei Landvogt gewesen. Darauf fragte 
sie der Bruder, ob sie auch glaubten, daß der Apostel 
ihnen das Evangelium gepredigt habe, wodurch sie 
gläubig werden mussten, und ob der Apostel auch 
ein rechter Nachfolger und Lehrer Christi gewesen 
sei; sie antworteten: Ja. Er fragte weiter: Hat Er denn 
auch nach der Welt Weise gerichtet und ein Schwert 
getragen? Sie sagten: Nein, sondern Er hat ein geisti- 
ges Schwert und Gericht geführt. Wenn ihr denn (das) 
auch bekennt (sagte der Bruder), so wisst ihr auch 
wohl, daß die Apostel dem Cornelius und Sergius 
Paulus auch das Evangelium verkündigt haben, auch 
daß das Volk Christum zum König machen wollte, 
und daß Er geflohen sei; ferner, die weltlichen Fürs- 
ten herrschen über die Ihren, aber unter euch soll es 
nicht so sein, ihr sollt dem Bösen nicht widerstehen; 
aus diesem allem konnten sie wohl lernen, daß sie 
kein weltliches obrigkeitliches Amt oder Vogtei (in 
der Nachfolge Christi) bedienen könnten, wenn sie 
Paulus gleich sein wollten, der da sagt: Seid meine 
Nachfolger, wie ich Christo nachfolge. Darauf schwie- 
gen sie und sagten nach einer kurzen Weile: Gott ver- 
gibt allen Menschen oder Sündern, wenn auch ihre 
Sünden sehr groß sind. Der Bruder antwortete: Das 
glaube ich auch, wenn sie rechte Buße tun und über 
ihre sündhaften Werke Reue tragen; aber er fragte sie, 
ob sie auch ihren Mitgliedern und Brüdern vergäben, 
wenn sie gesündigt hätten. Die Pfaffen sagten: Ja. Er 
fragte: Warum hängt ihr denn die Übeltäter? Ihr helft 
ihnen an den Galgen und auf die Räder, denen ihr die 
Sünden vergeben habt und die eure Brüder sind. Da 
lachten sie über ihre eigene Torheit und sagten end- 



751 


lieh: Die Obrigkeit ist darum eingesetzt, daß sie das 
Böse strafen soll. Der Bruder sagte: Ist Buße tun denn 
auch eine Missetat? Die Pfaffen sagten: Nein, sondern 
es ist wohl getan. Der Bruder fragte: Hat denn die Ob- 
rigkeit Macht oder Befehl aus dem Alten oder Neuen 
Testamente, die Frommen und Bußfertigen (wie ihr 
denn sagt, daß sie euer Sakrament gegessen hätten 
und auch Christen geworden seien) zu töten? Sie sag- 
ten: Gleichwohl müssen sie gestraft werden, andern 
zur Warnung. Weiter fragte der Bruder, ob sie auch 
glaubten, wenn sie solchen Übeltäter durch ihr Pre- 
digen von der Kindertaufe und dem Sakrament im 
Gefängnis fromm machten und wenn er diese beiden 
Stücke annehmen wollte, daß er alsdann ein Christ 
sei und für einen Christen gehalten werden könne. 
Die Pfaffen bejahten diese Frage. Der Bruder fragte 
weiter: Wenn er dann auf solche Weise gläubig gewor- 
den ist, wie ihr vorgebt, so ist er auch mit dem Geist 
Gottes versiegelt worden nach den Worten Paulus; 
glaubt ihr das nicht auch für gewiss? Sie sagten: Ja. 
Der Bruder sagte: So muss sein Leib auch ein Tempel 
Gottes sein, weil der Heilige Geist in ihm wohnt? Sie 
sagten: Ja. Seht nun einmal, sagte der Bruder, wie ihr 
handelt, wie ihr den Tempel Gottes schändet und an 
einen Galgen hängt; wisst ihr nicht, was der Apostel 
sagt: Wer den Tempel Gottes schändet, den wird Gott 
schänden und verderben. Seht auch eure Obrigkeiten 
an, welche schönen Christen sie sind, indem sie so 
den Bußfertigen erwürgen und den Tempel Gottes 
schänden, wenn es anders so ist, wie ihr sagt und 
bekennt. 

Als er nun solche Worte zu ihnen redete, sahen 
sie einander an, als ob sie hätten sagen wollen: Wir 
tun übel mit solchem Bekenntnis vom Christentum. 
Da fingen sie an von dem Abendmahl zu reden, und 
fragten ihn, was er davon hielte. Er antwortete: Ich 
halte viel davon, wenn man es so hält, wie es Christus 
verordnet hat; aber wie ihr es haltet, davon halte ich 
nichts, es ist auch vergeblich, viel davon mit euch zu 
reden. Da schwiegen sie. 

Endlich fing der Hofkanzler an mit dem Hofpredi- 
ger in Latein zu reden, und als sie ausgeredet hatten, 
fragte der Pfaffe den Bruder, ob er aus dem Lande zie- 
hen und dasselbe nicht wieder betreten wollte, wenn 
sie ihn aus dem Gefängnis entlassen? Der Bruder ant- 
wortete: Wollt ihr mir einen Brief geben, daß, wohin 
ich komme, man mich frei aufnehme, so will ich eu- 
er Land verlassen. Sie erwiderten, das könnten sie 
nicht tun. Er antwortete darauf: So kann ich auch euer 
Land nicht verlassen; aber ich will wohl in ein anderes 
Land ziehen, und wenn ich dann wieder hineinkom- 
me und tue etwas, womit ich das Schwert verdiene, 
so gebraucht es. Das gefiel ihnen wohl. Da redete 


der Hofkanzler abermals viel mit dem Pfaffen in La- 
tein, worauf sie zu dem Bruder sagten: Willst du für 
dich fromm sein oder bei deiner Meinung bleiben und 
niemanden mehr verführen, so wollen wir dich frei 
lassen. Der Bruder antwortete: Habe ich Unrecht, so 
gebraucht das Schwert, weil ihr doch zu des Schwer- 
tes Gebrauch gesetzt seid; habe ich aber Recht, so ist 
es auch Recht für den, der von mir etwas Gutes hört 
und lernt, und dazu will ich mich auch halten. Da sag- 
te der Pfaffe: Zu dem Glauben wollen wir dich nicht 
zwingen, aber wir wollen dich immer gefangen hal- 
ten, damit du nicht mehr Leute verführst. Da ließen 
sie ihn abermals nach dem Gefängnis bringen. Auf 
solche Weise musste er ganz unschuldig die Gefan- 
genschaft leiden und dulden, nur um seines Glaubens 
und der göttlichen Wahrheit willen. Er hat ungefähr 
19 Jahre in der Gefangenschaft zugebracht. 

Matthäus Binder, im Jahre 1576. 

Matthäus Binder, ein Diener des Wortes Gottes, wur- 
de zu Ressen im württemberger Lande um seines 
Glaubens und des Zeugnisses Jesu Christi willen ge- 
fangen genommen und nach Stuttgart geführt, und 
hiernächst zu Maulbronn ins Gefängnis an eine Kette 
gelegt, wo man ihn oft verhört hat und viel mit ihm 
gehandelt worden ist, sowohl von des Fürsten Lei- 
bärzte als von den Pfaffen, von dem Obersten und 
Abte von Maulbronn, wie auch von den Edelleuten, 
des Fürsten Hofgesinde und mancherlei Ständen. Als 
sie mit ihm nach ihrem Willen nichts ausrichten konn- 
ten, hat man ihn endlich nach Hohenwittling in das 
Schloss gebracht, wo der Bruder Paulus Glock lange 
Zeit gesessen hatte; dort saßen sie noch zwei Jahre 
beieinander; aber im Jahre 76 schickte ihnen Gott eine 
Erlösung. Es entstand nämlich durch des Schlossvolks 
Unachtsamkeit ein Feuer im Schloss, sodass dasselbe 
abbrannte; bei dieser Gelegenheit halfen diese beiden 
gefangenen Brüder sehr tätig beim Löschen, entflohen 
auch nicht, sondern begehrten nachher, man wolle sie 
doch freilassen, weil sie niemanden beleidigt hätten, 
was sie bezeugen könnten, und versprachen, ihre Ge- 
fangenschaft nimmermehr zu rächen. Darauf wurde 
schnell (ehe es die neidischen Pfaffen verhinderten) 
ein Bericht an den Fürsten geschickt, der den Befehl 
gab, man sollte sie gehen lassen und ihnen einen Zehr- 
pfennig verabreichen. Also sind beide, Paulus und 
Matthäus, mit gutem Gewissen freudig und fröhlich 
zu ihren Brüdern und der Gemeinde gekommen. 



752 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Raphel von dem Felde und Hieronymus Schepens, 
nebst mehreren andern Personen, 1576. 

Im Jahre 157U sind zu Gent in Flandern, um des fes- 
ten Grundes der Wahrheit willen, der gottesfürchti- 
ge fromme Bruder Raphel von dem Felde und mit 
ihm ein Bruder, genannt Hieronymus Schepens, sowie 
mehrere andere Personen verhaftet worden. Sie sind 
dort in einem festen Turm hinter sieben Türen einge- 
schlossen und sehr genau verwahrt worden; dort la- 
gen sie sieben Wochen gefangen, und wurden von den 
blutdürstigen Dienern des Antichristen mit mancher- 
lei Anfechtung und Bedrohung grausam gepeinigt, 
denen sie aber doch (durch Gottes Gnade) widerstan- 
den haben. Deshalb sind sie endlich von den Baalsdie- 
nern verurteilt worden, daß sie mit Feuer hingerichtet 
werden sollten. Weil sie nun dieses alles um des Zeug- 
nisses Jesu und nicht wegen irgendeiner Missetat er- 
litten haben, so ist für sie im Himmel die Krone der 
ewigen Herrlichkeit bereitet; sie sind an gemeldetem 
Orte lebendig verbrannt worden und haben den Glau- 
ben der ewigen Wahrheit mit ihrem Tode und Blut 
befestigt, allen wahren Gläubigen zum beständigen 
Unterricht und Beispiel, um ihnen in den Fußstapfen 
des Glaubens nachzufolgen. 

Hier folgen die Briefe, die Raphel von dem Felde in 
seiner Gefangenschaft geschrieben und seiner Haus- 
frau und seinen Freunden zugesandt hat. Der Leser 
wolle sie mit Aufmerksamkeit lesen. 

Der erste Brief von Raphel von dem Felde, 
geschrieben an seine Hausfrau. 

Gnade und Friede von Gott unserem himmlischen Va- 
ter und unserem Herrn Jesu Christo sei mit dir, meine 
werte und in Gott geliebte Hausfrau; der oberste Trös- 
ter, der heilige Geist, wolle bei dir sein, dich trösten 
und dein Herz erleichtern in all deinem Druck und 
Trübsal, von welchem ich wohl weiß, daß Er über die 
Maßen groß ist. Darum will ich deiner Liebe ein wenig 
schreiben zu deinem Trost, denn ich hoffe, es soll dir 
ein großer Trost sein, wenn du es lesen wirst, wie denn 
auch mein Herz über die Maßen getröstet und erfreut 
ward, als ich deinen Brief am Mittwoch um fünf oder 
sechs Uhr empfing, als ich des Morgens ungefähr von 
acht bis zehn Uhr gepeinigt worden war; auch danke 
ich dem Herrn dafür, daß Er meinen Mund bewahrt 
hat, sodass dadurch niemand beleidigt worden ist, 
denn solange, als ich auf der Bank gelegen, habe ich 
meinen Mund nicht aufgetan zu jemandes Beschwe- 
rung, sondern ich rief, seufzte und bat zu Gott; die 
Herren sagten: Höre uns, wir wollen die Pein abkür- 
zen, ja, es ist uns leid, daß wir es tun müssen. Als 


ich aber nun kein Gehör geben wollte, und sie meine 
Beine gebunden und geknebelt hatten, mir auch die 
Arme auf den Rücken gebunden waren, sodass diesel- 
ben unter meinen Lenden lagen, wobei noch überdies 
ein Strick mit Knöpfen an meinem Haupt befestigt 
wurde, während ich auf einem Kieselstein lag, da fing 
man an, mit einer eisernen Kette zu winden, so daß 
es mir vorkam, als ob sie mein Haupt durch Winden 
zersplitterten und in Stücken brachen und daß meine 
Beine, mein Fleisch, meine Adern und Nerven aus- 
einander gerissen würden; ich dachte: O Herr! Ist das 
Peinigen? Ach, Herr, ich werde es nicht ertragen kön- 
nen. Ach, Herr, hilf nur doch jetzt, denn es ist große 
Not. Da fasste ich den Entschluss, still zu schweigen 
und befahl Gott die Sache; in demselben Augenblick 
waren alle meine Glieder wie abgestorben; die Herren 
aber riefen immer: Sage, sage, so wollen wir dir die 
Pein lindem. Als ich nun noch nichts sagen wollte, 
redeten sie lateinisch zu Meister Hans; da ging Meis- 
ter Hans hin und befestigte zwei Stricke an meinen 
großen Zehen; darauf spannte er mich aus, was mich 
über die Maßen schmerzte. Als ich noch nichts sagen 
wollte, spannten sie die Stricke auf meinen Schenkeln 
und Schienbeinen noch fester an, und die Knöpfe ta- 
ten mir so wehe, daß mich dünkte, ich müsste sterben; 
gleichwohl aber riefen sie immer: Rede, rede, so wol- 
len wir deine Pein mildern. Da dachte ich: O Herr, wie 
werde ich dies ertragen können, muss es noch lange 
währen? Da kam mir in den Sinn, daß die ewige Pein 
noch größer sein würde, welche doch ewig währen 
wird; ich schöpfte wieder Mut, und rief zu Gott: Hilf 
mir in dieser Not, damit ich meinen Nächsten in die- 
ses Elend nicht bringen möge; da gab mir der Herr 
solchen Mut, daß mich dünkte, ich wollte lieber auf 
der Bank sterben, und schwieg still. Als sie nun noch 
nichts zur Beschwerung meines Nächsten von mir ver- 
nehmen konnten, nahm Meister Hans Wasser (mein 
Angesicht war fortwährend mit einem Tuch bedeckt), 
hielt mit einer seiner Hände meine Nase zu, und fing 
an, Wasser über meinen Bauch, über mein Herz und 
so auch in meinen Mund zu gießen, als ob jemand 
trinken sollte, der großen Durst hat; mich dünkte, daß 
die Kanne, womit er goss, ungefähr drei Pinten hielt. 
Als ich nun keinen Atem mehr hatte, und Atem schöp- 
fen wollte, schluckte ich das Wasser nieder, wodurch 
mir so übel zu Sinne ward, daß ich es nicht sagen oder 
schreiben könnte; aber der Herr müsse ewig gelobt 
sein, der meinen Mund bewahrt hat. Als sie nun noch 
nichts von mir erpressten, banden sie den Strick auf, 
womit meine Schenkel zusammengebunden waren, 
legten ihn auf eine frische Stelle, und spannten den- 
selben noch viel fester an als zuvor, wobei ich dachte, 
das würde mich töten, und wobei ich sehr zitterte und 



753 


bebte; da goss er mir abermals Wasser in den Mund, 
ich meine, er habe vier solcher Kannen voll ausgegos- 
sen, wovon mir der Leib so angefüllt wurde, daß mein 
Bauch so dick ward, daß es wieder zum Halse heraus- 
kam, was zweimal geschah. Hiernach wurde ich so 
ohnmächtig, daß ich die Besinnung verlor, wie mich 
dünkte; als ich aber wieder zu mir selbst kam, fand 
ich mich allein mit Meister Hans und Daniel de Key- 
ser. Da war Meister Hans so geschäftig, mich überall 
loszubinden, daß mich dünkte, sie wären meinetwe- 
gen in Sorge; der Herr nahm jedes Mal den Schmerz 
von mir, wenn es so weit kam, daß ich glaubte, es 
sei unmöglich, ihn zu ertragen, indem ich in meinen 
Gliedern jede Empfindung verlor; dafür müsse dem 
Herrn ewig Lob, Preis, Dank und Glorie gegeben wer- 
den, denn, als es vorbei war, dachte ich, daß ich mit 
des Herrn Hilfe einen guten Streit gestritten habe. 

Ich hätte dir wohl viel mehr davon schreiben sol- 
len; aber ich unterlasse es bis auf eine andere Zeit; 
darum, meine liebe Hausfrau, laß uns Gott für seine 
Gnade danken; ich dachte den Montag nicht, daß mir 
eine solche glückliche Woche bevorstände. Was mei- 
ne Verletzungen durch das Foltern betrifft, so hoffe 
ich, daß es sich wohl machen wird, aber es will seine 
Zeit haben; sei nicht betrübt um meines Lebens wil- 
len, sondern preise Gott in dieser Sache, denn mein 
Gemüt steht unveränderlich und unbeweglich, wie 
ich hoffe; und sollten sie mich auch noch zweimal 
peinigen, so hoffe ich doch alles zu leiden, was sie 
mir antun. Aber es mag wohl peinigen heißen, denn 
es ist große Pein; ebenso bin ich auch, um der Wahr- 
heit willen bereit, nicht allein mich peinigen, sondern 
auch jederzeit mein Fleisch lebendig an einem Pfahl 
verbrennen zu lassen. Ferner muss ich dir etwas von 
meiner Freude und Wonne schreiben, die ich gegen- 
wärtig in dem Herrn habe, wie der Herr mein Herz 
stärkt, tröstet und erfreut, wenn ich an die Schrift 
denke, daß ich, ein solcher unwürdiger Mensch, des 
Leidens Christi teilhaftig sein mag; ich kann nun mit 
dem Apostel sagen, daß ich die Malzeichen Christi an 
meinen Gliedern trage. 

Weiter, meine Geliebteste, lasse ich deine Liebe wis- 
sen, daß ich deinen Brief empfangen habe, wodurch 
mein Herz sehr getröstet und erquickt worden ist, so- 
dass ich vor Freude mich des Weinens nicht enthalten 
konnte, was ein gewisses Kennzeichen der göttlichen 
Reue war, die zur Seligkeit wirkt; ich habe auch aus 
deinem Brief ersehen, daß du sehr betrübt seist, so viel 
mehr, als du schreiben oder sagen kannst; aber, meine 
Geliebteste, ich bitte dich durch die Barmherzigkeit 
Gottes, du wollest die Betrübnis um mich ein wenig 
bei Seite setzen, und bedenken, wie und auf welche 
Weise wir einander von der Hand des Allerhöchsten 


angenommen haben; ist es nicht unter der Bedingung 
geschehen, daß der Herr allezeit der Liebste bleiben 
soll, und daß wir einander verlassen müssen, wenn 
es sein heiliger Wille ist? Nun aber weiß deine Liebe 
wohl, daß dieses ja des Herrn Wille sei und nichts 
anderes, denn wäre es des Herrn Wille nicht gewesen, 
ich wäre so gut entkommen wie du. Deshalb, meine 
Geliebte, laß uns uns selbst hierin mäßigen, und uns 
nach dem richten, was vorliegt, wie ich denn zu dei- 
ner Liebe die Hoffnung habe, daß du tun werdest; laß 
das Mägdlein, wenn es dich gut dünkt, lieber von dir 
gehen, und behalte dein Kindlein bei dir und lehre 
es unterdessen selbst etwas; lasse es fleißig bei dir 
etwas arbeiten. Aber vor allen Dingen bitte ich dich, 
du wollest dich wohl in Acht nehmen, denn der geist- 
liche Commissarius hat mich sehr nach dir gefragt; 
sie haben mich auch verschiedene Male nach meinem 
Bruder gefragt; ich antwortete nichts darauf, aber sie 
wussten es schon alles, wie sie sagten. 

Daniel de Keyser kam in meine Kammer und fragte 
mich auch sehr nach meinem Bruder; sie fragten mich 
auch sehr nach meinem Kind, und ob es nicht getauft 
wäre, was ich ihnen sagte; darum bewahre es wohl, 
sie möchten es sonst nehmen und es könnten daraus 
große Unannehmlichkeiten entstehen; was diese Sa- 
che betrifft, so müsste ich viel Zeit haben, um dir alles 
zu schreiben; aber so schreibe ich nur hier und da et- 
was davon, denn mein Kopf tut mir zu weh, um viel 
zu schreiben, wiewohl ich hoffe, daß es besser wer- 
den wird. Ich fühle mich heute durch ein Gespräch 
sehr abgespannt, welches ich mit zwei Jesuiten wegen 
unseres Glaubens, in Gegenwart des Schreibers vom 
Blutgericht und Meister Jakob Hesseling, wie auch 
des geistlichen Commissarius und eines Ratsherren, 
gehabt habe; aber dem Herrn müsse ewig Lob und 
Dank gesagt sein; sie mußten mit Schande ihrer Wege 
gehen. 

Ich hoffe zu seiner Zeit von allem ausführlicher zu 
schreiben. Sage meinem lieben Bruder, daß er auch 
etwas schreibe, und grüße ihn herzlich von mir, so 
wie auch seine Hausfrau und meine Schwester mit 
des Herrn Frieden, und sage ihnen, daß sie mir et- 
was schreiben, denn ich bin über sie sehr beschwert 
und bekümmert. Nehmet euch wohl in Acht, denn 
Niemand weiß, was Bande seien, als wer sie probiert; 
das mag ich wohl sagen, wofür ich dem Herrn mit 
fröhlichem Herzen Lob und Dank sage. Ich hoffe, daß 
ich das Schlimmste überstanden habe; mein Herz ist 
auch sehr wohl zufrieden im Leiden oder Ungemach 
und im Sterben. Aber wenn ich an den Abschied von 
meiner Geliebten und von meinem lieben Sohne den- 
ke, so kann ich mein Herz nicht gut zufrieden stellen; 
das aber tröstet mich sehr, daß mein Kind seine Mut- 



754 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


ter behalten mag. Sei nicht allzusehr besorgt, meine 
Liebste; der Allerhöchste sorgt für dich und auch für 
dein Kind; unser lieber Herr hat uns viele Gnade er- 
wiesen, daß Er uns so lange beisammen gelassen hat; 
sei doch nicht zu sehr besorgt, bitte ich dich, meine 
Liebste, sondern wirf doch deine Sorge ganz und gar 
auf den Herrn; Er wird dich wohl versorgen und dir 
einen andern an meiner Stelle verleihen, wenn es dir 
selig ist. 

Hiermit will ich dich, meine liebste Hausfrau und 
Schwester in dem Herrn, dem allmächtigen Gott und 
dem reichen Worte seiner Gnade anbefehlen. Gute 
Nacht, meine Liebste. 

Ach, welche fromme und getreue Haushälterin bist 
du mir gewesen! Ach, meine Liebste! ich danke dir 
von Grund meines Herzens für deine große Treue und 
gutwilligen Dienste, die du mir in allem Gehorsam 
erwiesen hast. Ich bitte auch euch alle, lieben Freunde, 
ihr wollet mir helfen, ernstlich zu dem Herrn bitten, 
denn es ist jetzt Zeit; jetzt ist der Streit am schwersten, 
daß erfahre ich wohl, und ich glaube, daß es unser 
Bruder Hieronymus auch wohl erfahren wird; der 
Herr wolle ihm gnädig sein! Ich tröste ihn bisweilen, 
so gut wie ich kann. 

Grüße mir doch Byntjen mit des Herrn Frieben, und 
benachrichtige mich, wie es ihr ergangen ist; grüße 
mir Jan und Klaerken und K., und sage ihm, daß er 
mir etwas schreibe. Grüße mir auch alle, die Gott 
fürchten, und halte dich allezeit zu den Frommen, 
dann wirst du noch frommer werden. Gute Nacht, 
gute Nacht. 

Geschrieben im Finstern, den 24. Mai im Jahre 1576. 
Gute Nacht, mein Weib; gute Nacht, mein Kind. 

Donnerstags, den 24. Mai, wurde ich noch einmal 
vor die Herren gebracht, wo ich zwei Jesuiten antraf; 
ich war noch sehr schwach vom Peinigen; sie fragten 
mich zuerst, warum ich mich so lange hätte verführen 
lassen, und fragten mich auch nach meinem Glau- 
ben. Da sagte ich: Bin ich denn hierher gekommen, 
um euch zu lehren? Das sei ferne von mir. Bekennet 
mir euem Glauben, denn ich bin gekommen, um un- 
terrichtet zu werden. Da fing er an seinen Glauben 
zu bekennen, in der Weise, wie die Kinder lernen. 
Wohlan, sagte er dabei, das ist mein Glaube. Da sag- 
te ich: Beweiset das mit Gottes Wort, so will ich es 
auch glauben. Da fing er an aus Joh 3, daß die Kin- 
der getauft werden müßten; desgleichen aus Mark 16 
und Mt 28. Er fing sich jedoch selbst, so daß er nicht 
wußte, wie er entwischen sollte; von da kam er auf 
die Beschneidung, und darin wußte er auch keinen 
Ausweg. Zuletzt mußten sie bekennen, daß die Be- 
schneidung auf die Taufe nicht paßte, was mich sehr 
verwunderte. Als sie nun sahen, was sie taten, und 


daß alles zu ihrem Nachteile ausschlug, fingen sie an 
alle Latein zu reden; da saß ich wie ein Narr. Eamus, 
laß uns gehen (sagten sie); da wollten sie gehen, denn 
es schlug elf Uhr, und wir waren ein wenig nach acht 
Uhr zusammengekommen. Als sie nun gehen woll- 
ten, sagte ich: Ich bitte euch, meine Herren, daß ihr 
doch mir euem Glauben aufschreiben wollet, damit 
ich ihn desto besser verstehen möge; aber sie wollten 
es nicht tun, sondern sagten: Wenn du unsern Wor- 
ten nicht glaubst, so wirst du auch unserm Schreiben 
nicht glauben. 

O! dachte ich, möchte ich solches erlangen, ich woll- 
te euch wohl erwischen; ich wollte euch bald bewiesen 
haben, daß euer Glaube nicht in der Schrift steht. 

Den 25. Mai ist des Bischofs Aufseher über die Bü- 
ßenden mit noch Zweien und dem Bruder Pieter de 
Bäcker zu mir gekommen; sie setzten mir sehr listig 
zu und führten mich auf einen hohen Berg; hätte ich 
nur ein wenig aus dem Wege weichen wollen, es wäre 
alles gut gewesen. Meister Jakob Heyseling sagte, er 
wollte mir helfen, die Sache stände in seiner Gewalt, 
ich sollte mich zum Scheine ein wenig bequemen. Lie- 
ber Raphel, wie jammert es mich! es geht mir ins Herz. 
Ich erwiderte hierauf: Ach, meine Herren! ihr sagt, 
daß ich ein wenig von mir abgehen sollte; das will ich 
gerne tun, ja ich will ganz von mir abgehen, wenn ihr 
mir mit Gottes Wort ein Besseres beweisen könnt; aber 
anders nicht, sonst wäre mein Glaube nicht auf das 
Wort Gottes gegründet, sondern bestände auf Men- 
schenwort; ich weiß auch wohl, was der Prophet sagt: 
Verflucht ist der Mensch, der sich auf Menschen ver- 
läßt. Ach, meine Herren! das wäre keine Bekehrung; 
ihr müsset es mir mit der heiligen Schrift beweisen, 
sonst tun wir es nicht. Nach vielen Worten schieden 
wir noch einmal von einander, und ich dankte ihnen 
für ihre Mühe. Kurze Zeit darauf kamen der Schrei- 
ber des Blutgerichts, der geistliche Commissarius und 
der Bruder Pieter de Bäcker, und setzten mir aber- 
mals mit Bitten zu. Ich sagte, es wäre mir leid, daß 
sie mich bäten. Sie erwiderten: Wir wollen es dir ja so 
klar beweisen; und kamen auf ein anderes Geheimnis, 
von der Menschwerdung Christi. Als ich nun anfing 
zu antworten, legte er sein Testament weg. Da sagte 
ich: Ich will euch, glaubt mir, auf alles antworten, ei- 
nem nach dem andern. Als sie aber hörten, wie ich 
ihnen antwortete, machten sie sich davon und sagten: 
Gott befohlen. Ich grüßte sie ebenfalls, wobei Bruder 
Pieter sagte: Ich will morgen oder in einigen Tagen 
wiederkommen. Ich erwiderte: Wie es dir gefällt. Ach, 
sagte er, wie betrübt muß deine Mutter sein! Aber ich 
schwieg still. Den Nachmittag aber sandten sie mir 
ein Büchlein, das sich den Schild wider die Wieder- 
täufer nennt; dasselbe sollte ich lesen, und innerhalb 



755 


zweier oder dreier Tage sollte mich der Aufseher über 
die Büßenden wieder besuchen. 

Hieraus habt ihr, lieben Brüder und Schwestern, 
hören können, ob ich Anfechtung leide oder nicht, 
wiewohl ich es nur in aller Kürze beschrieben habe, 
sonst würde es viel zu weitläufig sein, alles aufzu- 
schreiben; dem Herrn aber sei für seine große Gna- 
de gedankt, der mich so treulich stärkt und meinen 
Mund zu seinem Preise regiert, und wiewohl der aus- 
wendige Mensch vergeht, so ist dies doch nur ein 
geringer Schade; der inwendige Mensch wird von Tag 
zu Tag erneuert, dem Herrn müsse ewiges Lob und 
Dank dafür gesagt sein, denn ich kann nun mit Pieter 
von Wervicke wohl sagen: 

Ich war noch niemals so vergnügt, 

Als min zu diesen Zeiten, 

Mein Leiden wird sehr schnell besiegt, 

Sein Wort setzt mich in Freuden. 

Wenn ich denk' an das ew'ge Gut, 

O dann erlang ' ich solchen Mut! 

Ich kann es nicht erzählen (die Freude auszudrücken), 
ja mich dünkt, wenn alle meine Haare Zungen wären, 
so könnte ich es nicht aussprechen. Und daß sie mich 
zum Verhören quälen, halte ich für eine Erquickung, 
denn ich komme jedes Mal aus meinem stinkenden 
Loche in die klare Luft, und das erquickt mein Herz. 

Hiermit will ich euch dem Herrn und dem reichen 
Worte seiner Gnade anbefehlen, seid allezeit fleißig, 
die Einigkeit im Geiste durch das Band des Friedens 
zu halten, und reinigt eure Seelen vor dem Herrn, 
vielleicht möchte es Gott gefallen, euch in dieselbe 
Lage kommen zu lassen; wenn man nicht zuvor ein 
frommer Christi ist, man wird es hier kaum werden 
können; das erfahre ich wohl. Ach lieben Brüder und 
Schwestern, ich bitte euch um der Liebe Gottes und 
unsers Herrn Jesu Christi willen, daß ihr meiner herz- 
lich geliebten Hausfrau und meinem lieben Kinde 
Liebe erweisen wollet in aller Freundlichkeit, in aller 
Liebe, in der Einigkeit, in der Barmherzigkeit, in der 
Geduld; vertraget einander in der Liebe, darum bitte 
ich euch von Grund meines Herzens, und bedenket, 
in welcher traurigen Lage sie jetzt sei; ach leider, ihr 
seid um meinetwillen betrübt, wofür ich euch danke, 
denn es ist eine göttliche Traurigkeit; sie aber hat die 
größte Ursache, betrübt zu sein. Ach, sie hat sehr viel 
verloren, und auch mein Sohn; aber hierüber muß ich 
mich zufrieden geben, denn es ist des Herrn Wille, 
wer will es ändern? Ach, wenn ich an sie, ihre Trau- 
rigkeit, und an mein Kind denke, so kann ich mich 
nicht bezwingen, aber ich hoffe, der Herr werde mir 
auch hierin helfen; ich bitte euch um der Liebe Gottes 


willen. Ach Brüder und mein lieber Bruder, schreibt 
doch einmal von ihren Verhältnissen, wie es mit ihrer 
Trübsal und ihrer Traurigkeit, und auch, wie es mit 
meinem lieben Sohne bestellt sei. 

Ach, mein lieber Sohn, ich bin dir allzufrüh entnom- 
men. Ach, lieben Brüder, tut doch alles um meinet- 
und um des Herrn willen; ihr werdet meinem Her- 
zen große Erleichterung verschaffen. Ach, mich dünkt, 
ich hätte lange nichts gehört, und von meinem Sohne 
weiß ich nicht, daß ich überhaupt etwas gehört habe, 
wie auch von unserer Tanneken. Ach armes Schaf! Gu- 
te Nacht, mein lieber Bruder, gute Nacht, meine lieben 
Schwestern, gute Nacht allen euren kleinen Kindern. 

Gute Nacht, gute Nacht, Gott gebe Gnade, daß wir 
uns dereinst erfreuen mögen. Geschrieben von mir, 
Raphel, eurem schwachen Bruder in dem Herrn, mit 
vielen Thränen, unter Seufzen und Weinen; nicht um 
meinetwillen, als ob mein Gemüt nicht wohl stände, 
das sei ferne; es stand in elf Jahren nicht besser, dem 
Herrn sei gedankt, sondern es ist meine schwache 
Natur. Habe ich etwa zu wenig oder zu viel geschrie- 
ben, so haltet es mir zu gut, denn meine Sinne haben 
viel gelitten, und der Kopf ist mir durch die vielen 
Drangsale ganz eingenommen. 

Geschrieben den 25. Mai 1576. 

Noch ein Brief von Raphel von dem Felde, an 
seine Brüder und Schwestern. 

Ich, Raphel, wünsche euch, meinen lieben Brüdern C. 
und K. und meinen lieben Schwestern in dem Herrn, 
ein standhaftes Gemüt, und beständig, stark und un- 
beweglich in der Furcht und in der Liebe Gottes zu 
sein, damit ihr durch solchen standhaften, starken, fes- 
ten und unbeweglichen Glauben, durch die Hoffnung 
und die große Liebe zu Gott und eurem Nächsten, in 
der Liebe Gottes und in der Geduld Christi fortfahren, 
und daß ihr eure Seelen in der Leidsamkeit, Sanftmut 
und Geduld fassen möget, damit ihr gern alles ertra- 
get, was euch vom Herrn auferlegt ist; seid doch ja 
nicht verdrießlich, und lasset nicht ab um der Trüb- 
sal willen, welche jetzt sehr groß ist. Ich danke eurer 
Liebe, daß ihr mich so treulich durch euer trostreiches 
Schreiben ermahnt und tröstet; ich wollte zwar auch 
ein Gleiches tun gegen euch alle, nach meinem ge- 
ringen Vermögen, welches sehr klein ist, aber einer 
hungrigen Seele ist jede Bitterkeit süß. Darum habe 
ich die Hoffnung und das Vertrauen zu eurer Liebe, 
daß es eurer hungrigen Seele sehr süß schmecken wer- 
de, wiewohl es nicht so tröstlich, süß oder freundlich 
ist. So ist denn das mein herzlicher und freundlicher 
Gruß an euch alle, meine sehr geliebten Brüder und 
Schwestern, daß mein Gemüt noch sehr wohl steht. 



756 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


und ich auch wohl mit demjenigen zufrieden bin, was 
vorhanden ist, es sei Leiden oder Sterben um der heili- 
gen Wahrheit des Herrn willen; ich fürchte mich nicht, 
was mir auch ein Mensch tun möchte, denn ich habe 
viel mehr Lust zu Hause zu sein bei dem Herrn in der 
ewigen Ruhe, als daß ich sollte länger leben wollen; 
und wenn ich auch frei wäre, wie man es begehren 
und wünschen möchte, so finde ich doch in mir selbst 
wohl, daß ich oft betrübt sein würde, wenn ich alle 
Dinge überlege, wie gefährlich es jetzt sei, in der Welt 
zu leben, worüber ich oft von Herzen betrübt bin, 
wenn ich an euch, an meine liebe Hausfrau und an 
mein Kind denke; ach es kostet mich so manche Trä- 
ne! Ihr seid noch in der größten Not und Gefahr; der 
Herr wolle euch helfen, trösten und stärken, damit ihr 
in allem überwinden möget, wie ich denn auch hoffe, 
daß ihr werdet, denn wenn der Streit am härtesten 
ist, so ist des Herrn Hülfe am gewissesten; ich darf 
es wohl sagen, denn ich habe es in der Tat erfahren, 
wofür ich dem Höchsten niemals genug danken kann. 

Darum, meine herzlich geliebten Freunde, lasset 
nicht ab um des Druckes oder irgendeiner Trübsal 
willen, denn wir sollen wissen und Ihm gewiß Zutrau- 
en, daß Er uns über unser Vermögen nicht versucht 
werden lassen wird, sondern daß Er neben der Versu- 
chung einen Ausgang verschaffen werde, wie auch, 
daß nicht ein Haar auf unserm Haupte gekrümmt wer- 
den soll, es sei denn sein Wille. Merket wohl auf die 
Worte: Es sei denn sein Wille. So seid denn nicht ver- 
zagt, noch verdrießlich, meine lieben Freunde; werdet 
auch nicht müde auf dem Wege des Herrn, sondern 
leidet gern, denn der Herr sieht alle eure Gänge und 
alle eure Not und Arbeit, die ihr mit allem Fleiße tut, 
um seinen heiligen Namen zu verherrlichen. Darum 
nehmt des Herrn Züchtigung mit gutwilligem Herzen 
auf, denn diejenigen, welche des Herrn Züchtigung 
teilhaftig sind, die sind seine Kinder, Söhne und Töch- 
ter; aber die sie nicht ertragen wollen, sind Bastarde; 
ein Bastard aber hat keinen Teil an seines Vaters Gut. 
Darum, meine Geliebtesten, lasset uns lieber alles ger- 
ne leiden, was über uns kommt, um seines heiligen 
Namens willen, ehe wir des ewigen Gutes ermangeln 
sollten. Ach bedenket, wie groß und herrlich Er uns 
machen will, wenn wir bis ans Ende standhaft blei- 
ben. Wir müssen ja doch einmal sterben, wir können 
aber nicht ehrlicher und seliger sterben, als für den 
Namen unseres Gottes, der für uns so viel erlitten hat. 
Ich hätte eurer Liebe wohl mehr schreiben sollen, aber 
ich habe die Hoffnung zu eurer Liebe, daß ihr alle 
viel mehr von Gott gelehrt seid, als ich euch schreiben 
kann; ebenso habe ich auch nicht immer die passende 
Zeit zu schreiben. Darum habe ich das Vertrauen zu 
Gott und eurer Liebe, daß ihr das gute Werk so weit 


gebracht habt, daß ihr es jetzt nicht stehen lasset, son- 
dern daß ihr fleißig sein werdet bis ans Ende, damit 
ihr vollen Lohn empfangen möget. 

Ferner, lieber Bruder und liebe Schwester und K. S., 
ich bitte eure Liebe, daß ihr euch doch in Acht nehmen 
wollet, denn dieser neue Vorsteher des Gerichtes ver- 
fährt sehr streng; der Herr wolle sein Herz verändern 
und seine Augen öffnen. Ziehet lieber aus der Stadt, 
denn sie werden die rechte Zeit wahrnehmen, und 
sollte es noch ein Jahr währen; sie haben sehr viele auf 
dem Papiere stehen, aber wer sie alle seien, weiß ich 
nicht, sie nannten sie alle leise und fragten mich nach 
einigen, aber bei Namen kannte ich sie nicht, und als 
Hieronymus, mein Freund, verhört wurde, nannten 
sie laut Boudewyn Tynke, Pouwels Ketel, Gyselbrecht 
und Andere, die er mit Namen nicht kannte; zuletzt 
redeten sie in leisem Tone. 

Noch ein Brief von Raphel von dem Felde, an 
seine Hausfrau. 

Ich, Raphel, gefangen um der Wahrheit willen, wün- 
sche meiner werten und in Gott geliebten Hausfrau 
(die das Allerliebste von allem ist, das ich kenne, au- 
ßer Gott; ja könnte ich dir helfen, und sollte ich auch 
darüber des Todes sterben müssen, ich wollte es sehr 
gerne tun; und mein lieber Sohn, ich wünsche dir, was 
du mir in deinem Schreiben wünschest) ein stand- 
haftes Gemüt in dem Glauben unseres Herrn Jesu 
Christi, eine brünstige Liebe zu Gott und eine unüber- 
windliche Stärke von Gott, unserm himmlischen Vater, 
durch Jesum Christum, unsern Herrn und Seligma- 
cher, damit ihr alle eure Feinde überwinden und in 
eurem Drucke Maß halten möget, damit du dich nicht 
weiter oder mehr betrübst, als sich die göttliche Reue 
erstreckt, wie ich denn hoffe, daß du auch tun und 
dich in Gelassenheit allem übergeben werdest, worin 
dich Gott versucht, damit du so die Krone des Lebens 
von der Hand des Herrn empfangen mögest. Dies ist 
meine herzliche Bitte und mein großes Begehren zu 
Gott für dich, meine Allerliebste auf Erden; der all- 
mächtige Gott gebe seine große Barmherzigkeit dazu, 
Amen. 

Nebst allem liebreichen Gruße und Entbieten an 
dich, meine werte und in Gott geliebte Hausfrau, las- 
se ich dich wissen, daß mein Gemüt unverändert und 
gelassen in Gott steht, um dem Herrn zu dienen, die 
Wahrheit zu bezeugen, und um seines heiligen hohen 
Namens willen alles zu leiden, was mir um seinetwil- 
len begegnet; ich fürchte mich auch keineswegs; der 
Herr sei gelobt und gepriesen für seine große Gnade. 
Ich war den Montag Nachmittag bei drei Pfaffen von 
kurz nach drei Uhr, wie ich meine, bis fast um sechs 



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Uhr; sie wollten mir viel sagen, aber ich machte sie 
zuerst ihren Glauben bekennen, weil sie gekommen 
waren, um mich zu unterrichten. Da bekannten sie 
einige Dinge von der Kindertaufe, von der Mensch- 
werdung Christi und von ihrer Hostie oder Oblaten, 
daß Christus (nach den gesprochenen Worten) darin 
in Fleisch und Blut sei, wie Er war, als sie das Abend- 
mahl aßen. Als sie es nun mit der Schrift beweisen 
sollten, waren sie in Not, denn ich gab nicht nach und 
wollte von keinem Pünktlein weichen, oder sie hätten 
mir dasselbe vollständig bewiesen. Wenn sie nun alles 
bewiesen hatten, beschämte ich sie mit ihren eigenen 
Reden, so daß sie bisweilen erröteten und nicht wuß- 
ten, was sie zu ihrem Besten sagen sollten; deshalb 
dünkte mich, daß sie sich zuletzt fürchten würden, 
mehr mit mir zu reden. Bisweilen redeten sie alle drei, 
und ich vergaß auch manchmal, was sie kurz zuvor 
gesagt hatten; deshalb sagte ich: Ich tauge nichts zum 
Disputiren, ich habe gar kein gutes Gedächtnis. Dar- 
auf sagte der Eine: Mich dünkt doch, daß er redlich 
ist, und er sah mich an. Nun wohlan, meine Liebe, 
für dieses Mal wollen wir es dabei bewenden lassen, 
denn sollte ich alles schreiben, was mir widerfahren 
ist, mich dünkt, ich würde wohl sechs Bogen Papier 
voll schreiben müssen; dem Herrn sei gedankt, der 
den Seinen allezeit beisteht. Dieser neue Vorsteher 
des Gerichts ist sehr blutdürstig und strenge gegen 
uns; er läßt uns alle einsperren, den einen hierhin, den 
andern dorthin; wir dürfen uns kaum so lange aus 
unserer Kammer entfernen, daß wir unsere Notdurft 
verrichten; es darf auch Niemand zu uns kommen. Ich 
habe auch gehört, daß wir nicht lange sitzen sollen, 
womit ich wohl zufrieden wäre, denn das lange Sit- 
zen, und zwar immer allein, ist sehr verdrießlich; aber 
dem Herrn sei gedankt, die Zeit ist weder mir noch 
Hieronymus, meinem Bruder und Mitgefangenen, bis 
jetzt sehr lang geworden, denn wir verwundern uns, 
wenn wir daran denken, daß wir schon acht Tage ge- 
fangen sitzen. Ich hoffe auch, der Herr werde uns 
noch trösten und uns nicht verlassen. Gute Nacht, 
gute Nacht, zum Abschiede, bis auf eine andere Zeit. 

Noch ein Brief von Raphel von dem Felde, 
geschrieben an seine Hausfrau. 

Ich, Raphel, dein Mann, gefangen um des Herrn wil- 
len, wünsche dir, meiner lieben Hausfrau und Schwes- 
ter in dem Herrn, viele Gnade, Barmherzigkeit und 
Frieden von Gott, dem Vater und unserm Herrn Jesu 
Christo, der ein rechter Vater ist über alle Geschlechter, 
die im Himmel und auf Erden sind, daß Er dir nach 
dem Reichtume seiner Güte geben wolle, mit Kraft 
stark zu werden durch seinen Heiligen Geist an dem 


inwendigen Menschen, und Christum Jesum durch 
den Glauben in deinem Herzen zu wohnen, durch die 
Liebe eingewurzelt zu werden, und daß Er bis ans 
Ende deines Lebens zum Heile deiner Seele bei dir 
bleiben wolle. Dies sende ich dir, meine liebe Schwes- 
ter in dem Herrn, zum Testamente und freundlichen 
Abschiede. 

Meine werte und in Gott geliebte Hausfrau, ich 
habe nicht unterlassen können, dir ein Brieflein zu 
senden, um dir einen sicheren Beweis meiner Liebe 
zu geben, die ich zu dir gehabt habe; denn ich glaube, 
daß es nun bald geschieden sein muß. Aber, meine lie- 
be und werte Hausfrau! es ist kein Scheidebrief, wie 
die Kinder Israel einen Scheidebrief schrieben, um 
ihres Herzens Härtigkeit willen, als wollte ich dich 
meine Geliebte, so verlassen. Ach nein! denn dieses 
Verlassen geschieht um der Liebe Gottes willen, denn 
um seinetwillen muß man sich von allem scheiden. 
Ja, meine Allerliebste (allezeit neben Gott), Er ist es, 
der uns zusammengefügt hat, und Er ist es auch, der 
uns wieder scheidet, was ich von seiner Hand willig 
annehme; hierin hat auch mein Gemüt niemals besser 
gestanden, als es jetzt steht; dem Herrn sei gedankt. So 
übergebe ich dich denn nun, meine Allerliebste, mit 
deinem Kinde dem Herrn, als einem getreuen Vater; 
ich bitte dich, meine liebe Hausfrau, bleibe treulich 
bei Ihm, dann wird Er ohne allen Zweifel für dich 
sorgen, sowohl der Seele als dem Leibe nach; denn 
Petrus sagt: Nachdem uns allerlei von seiner göttli- 
chen Kraft (was zum Leben und göttlichen Wandel 
dient) geschenkt ist durch die Erkenntnis desjenigen, 
der uns berufen hat, durch seine Herrlichkeit und 
Tugend, durch welchen uns die allergrößesten und 
köstlichsten Verheißungen geschenkt sind, nämlich 
daß wir durch dasselbe der göttlichen Natur teilhaftig 
werden, wenn wir die vergängliche Lust der Welt flie- 
hen. Wenn wir Ihm also gänzlich getreu bleiben, daß 
wir uns nämlich von der Welt unbefleckt halten, so 
wird Er uns ein treuer Vater sein, der uns versorgen 
wird, denn Er giebt allem Fleische seine Speise, und 
Aller Augen warten auf Ihn, sagt David, und Er giebt 
ihnen Speise zur rechten Zeit. 

Darum, meine liebe und werte Hausfrau, übergebe 
ich dich mit deinem Kindlein dem Herrn durch den 
Glauben, um den Bund zu bestätigen, den wir mit 
dem Herrn gemacht haben; gleichwie Abraham sei- 
nen Sohn Isaak dem Herrn übergab durch den Glau- 
ben, und gleichwie Jephtha seine Tochter dem Herrn 
übergab, um damit sein Gelübde zu beweisen und zu 
befestigen, so übergebe ich dich mit meinem Kinde 
aus Liebe dem Herrn, und habe die Hoffnung und das 
Vertrauen, daß Er euch wohl versorgen werde, wenn 
ihr anders dem Herrn gehorsam und getreu bleibet. 



758 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Hiermit nehme ich von dir, meine werte und in 
Gott geliebte Hausfrau, einen ewigen Abschied, bis 
wir einander in der ewigen Freude sehen; der Herr ge- 
be seine Gnade, daß es so geschehen möge. Ich danke 
dir auch aufs Höchste und herzlich für deinen treuen, 
willigen und gehorsamen Dienst und deine Liebe, die 
du in allerlei Untertänigkeit und Freundlichkeit an 
mir bewiesen hast; meine Liebe, dafür danke ich dir, 
Gott müsse dein Vergelter sein für deinen frommen 
und guten Umgang und guten Wandel neben mir, 
wodurch mein Herz oft erleichtert, getröstet und er- 
quickt worden ist, was mich in der Tat um so mehr auf 
Gott vertrauen lehrt und mir dabei ein festes Siegel 
in meinem Herzen ist, daß wir, nach unserm schwa- 
chen Vermögen, unsere Zeit in der Liebe und in der 
Furcht Gottes unwürdig vor dem Herrn zugebracht 
haben. Noch einmal danke ich dir, meine liebe Haus- 
frau, für alle Wohltat und Freundschaft, die du mir 
erwiesen hast, und bitte dich herzlich durch die große 
Liebe Gottes, wenn ich dich in etwas betrübt oder 
auf irgendeine Weise beleidigt habe, es sei in Worten 
oder Werken, daß du mir solches gern vergeben wol- 
lest; darum bitte ich dich mit vielen Tränen in diesem 
Schreiben. Ich weiß nichts wider dich, meine Liebe, 
was ich dir nicht gern vergeben sollte; der Herr wolle 
uns alle unsere Sünden vergeben. 

Ferner, meine liebe Hausfrau, kann ich nicht un- 
terlassen, deiner Liebe noch ein wenig zu schreiben 
(wiewohl es mit vielen Tränen geschieht), um dein 
Herz durch das Wort Gottes zu trösten und zu erqui- 
cken, denn dasselbe muß jetzt unser Trost sein, wie 
der Prophet David sagt: Herr, wäre dein Wort nicht 
mein Trost gewesen, so wäre ich vergangen in mei- 
nem Elende; gleichwie auch der Prophet Jeremias sagt: 
Herr, Du weißt, daß wir um deinetwillen geschmäht 
werden; aber dein Wort erhält uns, wenn wir es krie- 
gen, und dieses dein Wort ist unsers Herzens Freu- 
de und Trost. Darum, meine liebe Hausfrau, müssen 
wir unsere Lust haben an des Herrn Wort, und dem- 
selben Tag und Nacht nachdenken, wie ein reicher 
Mann, der seine Lust an seinem Schatze hat, demsel- 
ben nachdenkt und ihn oft nachzählt, um sein Herz 
zu ergötzen. Darum sagt auch David, daß man seine 
Lust an des Herrn Gesetze haben müsse, dann werde 
man einem Baume gleichen, der an den Wasserbächen 
gepflanzt steht und seine Frucht zu seiner Zeit bringt, 
dessen Blätter nicht verwelken, sondern alles, was er 
tut, wird glücklich von Statten gehen. Darum bitte ich 
dich, meine Geliebteste, sei in allem geduldig, worin 
du von Gott versucht wirst; betrübe dich nicht gar 
zu sehr, sondern bedenke, daß es von dem Herrn so 
verhängt sei, daß wir jetzt von einander scheiden müs- 
sen; damit tröste dich, und obgleich es dir schwer fällt. 


und es gegen unser Fleisch, gegen unsern Willen und 
gegen unsere Begierde streitet, so müssen wir doch 
geduldig sein. Leiden wir gern, so wird uns reich- 
lich gelohnt werden, und wehe uns, wenn wir nicht 
gern leiden und leidsam sein wollen, wenn es auch 
dem Fleische schwer fällt. Ach, meine Liebe! es ist 
ein Geringes, geduldig zu sein, so lange es dem Men- 
schen wohl gehet; das kann man jedoch keine Geduld 
nennen; aber geduldig zu sein, wenn es einem übel 
gehet, und alsdann Maß halten zu können, das ist in 
der Tat eine große Kraft des Glaubens. Darum, meine 
Geliebteste, bitte ich dich noch einmal, daß du doch 
geduldig sein und Gott mit einem gelassenen Herzen 
danken und sagen wollest: Herr, dein Wille gesch- 
ehe; aber, ach Herr! Stärke meinen Glauben und mein 
Vertrauen, damit ich doch niemals kleinmütig oder 
trostlos, noch verzweifelnd oder an deinen Verheißun- 
gen zweifelhaft werden möge, sondern vertraue Gott, 
denn seine Verheißungen werden niemals täuschen, 
- Er ist viel zu getreu, der es verheißen hat; an Ihm 
wird es niemals fehlen, denn Er wird dich nicht über 
dein Vermögen versucht werden lassen, sondern wird 
allezeit neben der Versuchung einen Ausgang verlei- 
hen, daß du es ertragen kannst. Darum, meine Liebe, 
sei geduldig und leide gern, und bitte den allmächti- 
gen Gott, bei welchem alle Dinge möglich sind, daß 
Er deine Trübsal und deine bedrängte Lage (die dir 
wegen meiner Bande zugestoßen, und weil mir nun 
von einander scheiden müssen) verschmelzen lassen, 
mindern und vernichten wolle, und daß es künftig 
die einzige Bekümmernis deines Herzens sein möge, 
wie du in allen Dingen dem Herrn am besten gefallen, 
die Zeit deines Lebens in der Furcht Gottes zubringen 
und auch für dein Kindlein Sorge tragen mögest. 

Der Herr gebe Gnade, daß es so geschehen möge; 
wirf deine Sorge ganz und gar auf den Herrn und hof- 
fe allezeit das Beste von Ihm, denn wir sollen wissen, 
daß wenn wir viel um des Namens des Herrn willen 
verlassen, wir auch wieder viel empfangen werden, 
und daß wenn wir viel um seines heiligen Namens 
willen leiden, wir uns auch in vielem erfreuen werden, 
wenn der Herr in seiner Herrlichkeit erscheinen wird. 
Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuh- 
le Christi, wo ein Jeder an seinem Leibe empfangen 
wird, wie er hier getan hat, es sei Gutes oder Böses. 
Darum, Geliebteste, laß uns allezeit suchen, in allen 
guten Werken die Vornehmsten zu sein; laß uns auch 
nicht verdrießlich werden, Gutes zu tun, denn zu sei- 
ner Zeit werden wir ohne Aufhören ernten. Laß dein 
Herz nicht erschrecken noch sich bewegen, werde 
auch nicht müde auf des Herrn Wege; werden schon 
die Wasser bitter, so murre doch nicht, und wende 
dich doch niemals mit dem Herzen nach Egypten, 



759 


wie die Kinder Israel taten, als ihnen ihre Fleischtöpfe 
einfielen, die sie zurückgelassen hatten, und weil die 
Wasser bitter waren, so wollten sie sich selbst Haupt- 
leute erwählen und wieder nach Egypten ziehen; sie 
sagten zu Moses: Hast du uns darum in die Wüste 
gebracht, daß du uns hier tötest? Du mußt auch noch 
über uns herrschen! Wie fein hast du uns in ein Land 
gebracht, wo Milch und Honig innen fließt. Darum er- 
grimmte des Herrn Zorn über sie, daß Er viele getötet 
und zu Grunde gerichtet hat. Darum sagt Salomo: Hü- 
te dich vor Murren, welches nicht fördert; denn, wenn 
wir auch alles verzehrt hätten, was wir in der Welt hat- 
ten, und der Herr wollte uns mit Armut prüfen, wie 
Er dort Israel getan hat, so könnte uns durch unser 
Sorgen doch nicht geholfen werden. Darum müssen 
wir unsere Sorgen dem Herrn anbefehlen. Er sorgt für 
uns; Er ließ Israel Hunger leiden, um sie zu prüfen, 
ob sie Ihn lieb hätten oder nicht, und zur Probe, ob sie 
auch geduldig sein würden. 

Darum, meine liebe Hausfrau und S. I. H., fasse 
doch alle Zeit deine Seele in Geduld, so wirst du mit 
allen frommen Zeugen Gottes wohl überwinden, die 
Seligkeit ererben, und mit dem Propheten Baruch sa- 
gen: O, selig sind wir Israel, denn Gott hat uns seinen 
Willen offenbart; gleichwie auch Moses sagt: O Volk! 
das du durch den Herrn selig wirst, der deine Hülfe, 
dein Schild und das Schwert deines Sieges ist. Darum, 
meine sehr geliebte Schwester in dem Herrn, wenn 
wir auch um seinetwillen leiden müssen, so sollen 
wir doch unsere Seelen in Geduld fassen und beden- 
ken, was der Apostel sagt, daß es Gnade bei Gott sei, 
um Wohltat willen zu leiden, wiewohl die Welt es für 
keine Gnade achtet, wie Paulus sagt: Das Wort vom 
Kreuze ist denen eine Torheit, die verloren gehen; uns 
aber, die wir selig werden, ist es eine Kraft Gottes, 
welche Kraft Gott durch seinen Geist in ihnen wirkt, 
zum Tröste und zur Stärkung ihres Gemütes, daß sie 
mit ihrem Gott über die Mauern springen, mit Caleb 
und Josua ihre Feinde wie Brot fressen, mit Jael dem 
Siffera, das ist, dem Feinde des Hauses Israel, einen 
Nagel mit dem Hammer des Wortes Gottes durch den 
Kopf schlagen, wie David den Riesen Goliath, das ist, 
den Teufel und Satan, der Israel bekriegt, mit dem 
Steine Christo Jesu überwinden, und mit dem Apostel 
Paulus sagen: Gott sei gedankt, der uns den Sieg gege- 
ben hat durch unsern Herrn Jesum Christum. Ferner 
sagt er: Gott sei gedankt, der uns allezeit den Sieg 
erhalten hilft in Christo; und daß sie mit David sa- 
gen: Der Herr ist meines Lebens Kraft; wie auch der 
Prophet schreibt: Die auf den Herrn warten, gewin- 
nen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie ein 
Adler, daß sie laufen und nicht schwach werden, daß 
sie wandeln und nicht müde werden. Darum, meine 


sehr geliebte Hausfrau und S. I. T. kann die Welt die- 
ses Trostes nicht teilhaftig werden, weil sie nicht an 
den Herrn glaubt, und das Wort vom Kreuze für eine 
Torheit achtet, wie geschrieben steht: Wir predigen 
den gekreuzigten Christum, den Juden ein Aergernis 
und den Griechen eine Torheit; aber die Gläubigen, 
die selig werden, halten es für eine Kraft und Weisheit 
Gottes, daß sie würdig sind, um des Herrn Namens 
willen Schmach zu leiden, wie auch Petrus und Johan- 
nes getan haben, als sie von den Pharisäern gegeißelt 
wurden. Darum schreibt Petrus: Was ist das für ein 
Ruhm, wenn ihr um Missetat willen Streiche leidet? 
aber wenn ihr um Wohltat willen leidet und erdul- 
det, das ist Gnade bei Gott, denn dazu seid ihr be- 
rufen; ebenso schreibt auch Paulus: Die Alten haben 
Spott und Geißeln erlitten, dazu Bande und Gefäng- 
nis, sie sind gesteinigt, zerhackt, zerstochen, durch das 
Schwert getötet; sie sind umhergegangen in Pelzen 
und Ziegenfellen; sie haben mit Mangel und Trübsal, 
mit Ungemach gekämpft, deren die Welt nicht wert 
war. 

Sieh, meine werte und in Gott geliebte Hausfrau, 
wie die Welt dieser Gnade nicht teilhaftig werden 
kann, denn sie achtet den Herrn unwürdig, für sei- 
nen Namen zu leiden, denn Niemand kann für den 
Namen des Herrn leiden, es sei denn, daß er Macht 
erlangt habe, durch den Glauben ein Kind Gottes zu 
werden. Darum, meine herzlich geliebte Schwester I. 
H., laß uns doch nimmermehr verdrießlich werden, 
weil wir um des Herrn Namens willen leiden müs- 
sen, sondern erdulde es gern in der Liebe, und siehe 
auf die Belohnung. Denn, o welche schöne Verheißun- 
gen der Seligkeit haben diejenigen, und welche große 
Reichtümer sind ihnen zugesagt! die also dem Herrn 
zu leben suchen und für seine Ehre sorgen, die nicht 
das Ihre suchen, sondern vielmehr was zu des Herrn 
Ehre und ihres Nächsten Erbauung gereicht. 

Aber das sollen wir wissen, wollen wir zu Ehren 
kommen, so müssen wir zuvor leiden, denn so ist es 
von Anfang her allen frommen Kindern Gottes ergan- 
gen. Darum schreibt Johannes, daß das Lamm von 
Anfang getötet worden sei, nicht aber, als ob Christus 
selbst, dem Fleische nach, von Anfang getötet worden 
sei, denn Paulus sagt, daß Christus am Ende der Welt 
erschienen sei, um durch sein eigenes Opfer vieler 
Menschen Sünden wegzunehmen. Er ist von Anfang 
in dem gerechten Abel getötet worden, ebenso leidet 
Er noch täglich in allen Gläubigen; darum ist es offen- 
bar, daß sie um seines Namens willen leiden, wozu die 
Welt noch unwürdig ist, denn sie hat Christum nicht, 
darum kann sie um seines Namens willen nicht leiden; 
darum ist auch ihr Leiden nichts als Verdruß, denn 
die Traurigkeit dieser Welt wirkt den Tod; aber die 



760 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


göttliche Traurigkeit wirkt zur Seligkeit, sie geschä- 
he auswendig oder inwendig; geschieht es inwendig, 
daß man über die Sünde betrübt ist, so geschieht es 
zur Besserung; geschieht es aber auswendig, daß man 
um des Namens Christi willen leidet, so geschieht es 
zum Tröste, denn Paulus sagt: Wie des Leidens Christi 
viel über uns kommt, so werden wir auch reichlich 
getröstet durch Christum; darum sagt auch Petrus: 
Selig seid ihr, das ist so viel gesagt, glückselig seid ihr, 
wenn ihr um der Gerechtigkeit willen leidet; ferner 
sagt er: Wenn ihr um des Namens Christi willen ver- 
schmäht werdet, so seid ihr selig, denn der herrliche 
Geist Gottes ruht auf euch; bei ihnen wird Er gelästert, 
aber bei Euch wird Er gepriesen. 

Ach, meine Geliebteste, bedenke es doch, welche 
vortreffliche Worte dieses für uns seien, denen solche 
Verheißungen ohne allen Zweifel zukommen, denn 
obgleich Christus durch den Geist Gottes die Teufel 
austrieb, mußte Er es doch (nach ihren Worten) durch 
Beelzebub, den Obersten der Teufel, getan haben. Dar- 
um hat Christus wohl recht gesagt: Haben sie mich 
verfolgt, um wie viel mehr werden sie euch verfolgen; 
haben sie mein Wort gehalten, so werden sie das eure 
auch halten, denn der Knecht kann nicht besser sein, 
als sein Herr, noch der Jünger über seinen Meister; 
der Engel sagte zu Tobias: Weil du Gott lieb wärest, so 
mußtest du nicht ohne Anfechtung bleiben; auch steht 
geschrieben: Die Anfechtung lehrt allein aufs Wort 
merken. Darum, meine liebe Hausfrau, nimm diese 
Reden zu Herzen, und merke wohl darauf, wie der 
Herr die Seinen auf mancherlei Weise heimsucht und 
wie wohl es Ihm gefällt, wenn seine Kinder in allen 
Stücken Gehorsam erweisen und die Züchtigung gern 
annehmen, die nicht das Kreuz Christi von sich zu 
jagen suchen, sondern sich gern und willig unter sein 
Joch begeben, die so gesinnt sind, daß sie sich durch 
die große Liebe und das feste Vertrauen, das sie zu 
Christo Jesu haben, viel lieber alles verlassen wollen, 
was sie in der Welt haben, Vater, Mutter, Schwester, 
Bruder, Mann, Weib, Kinder, ja auch ihr eigenes Le- 
ben und alles, was sie besitzen, und die noch überdies 
alles erdulden und leiden, was ihnen zustößt, Trüb- 
sal, Angst, Verfolgung, Kummer und Ungemach. Ach, 
wie herrlich will Gott solche empfangen, die so arm 
um Christi willen geworden sind! Ach, wie reich wird 
Er sie machen! denn, wie sie mit Ihm und um seinet- 
willen erniedrigt worden sind, so werden sie auch 
mit Ihm erhoben und herrlich gemacht werden; und 
wie sie Ihn in der Welt bekannt haben, so wird Er sie 
vor seinem Vater bekennen, der im Himmel ist, und 
sie werden mit Ihm leuchten wie die Sonne in des 
Vaters Thron, und in weiße Kleider gekleidet werden, 
weil sie durch ihren Glauben überwunden haben, wie 


Johannes schreibt: Darnach sah ich, und siehe eine 
weiße Schaar, welche Niemand zählen konnte, aus 
allen Heiden, Geschlechtern, Völkern und Sprachen 
vor dem Stuhle stehen und vor dem Lamme, angetan 
mit weißen Kleidern, und Palmen in ihren Händen; 
sie schrieen mit großer Stimme und sprachen: Heil sei 
dem, der auf dem Stuhle sitzt, unserm Gott und dem 
Lamme. Und alle Engel standen um den Stuhl und 
um die Aeltesten, und um die vier Tiere, und fielen 
vor dem Stuhle nieder auf ihr Angesicht, und bete- 
ten Gott an und sprachen: Amen, Lob, Ehre, Weisheit, 
Dank, Preis, Kraft und Stärke sei unserm Gotte, von 
Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen. Und es antwortete der 
Aeltesten einer, und sprach zu mir: Wer sind diese, 
die mit weißen Kleidern angetan sind? und woher 
sind sie gekommen? Und ich sprach zu Ihm: Herr, 
du weißt es. Und Er sprach zu mir: Diese sind es, die 
aus großer Trübsal gekommen sind, die ihre Kleider 
gewaschen und dieselben im Blute des Lammes hell 
gemacht haben; darum sind sie vor dem Stuhle Gottes 
und dienen Ihm Tag und Nacht in seinem Tempel, und 
der auf dem Stuhle sitzt, wird über ihnen wohnen, sie 
wird nicht mehr hungern oder dürsten, es wird auch 
nicht auf sie fallen die Sonne oder irgend eine Hitze, 
denn das Lamm mitten im Stuhle wird sie weiden 
und leiten zu den lebendigen Wasserbrunnen und 
Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen. 

Ach, meine liebe Schwester! das ist ein sicheres Zei- 
chen, daß man hier zuvor weinen müsse, wenn anders 
der Herr die Tränen abwischen soll. Desgleichen sah 
auch Esdra auf dem Berge Zion eine große Schaar, die 
Niemand zählen konnte, die lobten alle den Herrn 
mit Lobgesängen, und mitten unter ihnen war ein 
Jüngling, der mit seiner Länge alle überging und ei- 
nem Jeden eine Krone aufs Haupt setzte, und immer 
größer ward, worüber er sich fast sehr verwunderte. 
Da fragte er den Engel: Lieber Herr, wer sind diese? 
Er antwortete: Diese sind es, die das sterbliche Kleid 
abgelegt und das unsterbliche angetan haben und die 
den Namen Gottes bekannt haben; nun werden sie 
gekrönt und empfangen Palmzweige. Weiter fragte 
ich den Engel: Wer ist aber der Jüngling, der ihnen die 
Kronen aufsetzt und ihnen Palmzweige in die Hän- 
de giebt? Und er antwortete mir: Er ist Gottes Sohn, 
welchen sie in der Welt bekannt haben; ich aber fing 
an, diejenigen höchlich zu preisen, welche so fest für 
den Namen des Herrn bestanden waren. Sieh, meine 
werte und in Gott geliebte Hausfrau und Schwester in 
dem Herrn, hier hörst du die schönen Verheißungen 
des Herrn, welche Er allen denen gegeben hat, die 
um seines heiligen Namens willen leiden, und dieses 
Leiden in Geduld ertragen. Darum hat Paulus wahr 
geschrieben: Wenn wir mit Ihm leiden, so werden wir 



761 


uns auch mit Ihm freuen. 

Darum, meine liebe Schwester, sei standhaft und 
unbeweglich, und nimm immer zu in den Werken 
des Herrn, und wisse allezeit, daß deine Arbeit nicht 
vergeblich sei bei dem Herrn. 

Hiermit befehle ich dich, meine Geliebte, dem 
Herrn und dem reichen Worte seiner Gnade, welcher 
mächtig ist, deinen Schatz zu bewahren und das Er- 
be zu geben unter allen, die geheiligt werden. Gute 
Nacht, meine werte und in Gott geliebte Hausfrau 
und Schwester in dem Herrn, gute Nacht, gute Nacht. 
Zuletzt freuet euch, seid vollkommen, tröstet euch 
und habt einerlei Sinn, seid friedsam, dann wird der 
Gott der Liebe und des Friedens mit euch sei, Amen. 
Grüße mir meinen Sohn und Tanneken, und sage ihm, 
daß ich ihm befehle, daß er seiner Mutter allezeit ge- 
horsam und untertänig sein soll, und daß er ihr in 
allen Dingen Ehre erweise. Gute Nacht, gute Nacht, 
zum Abschiede. 

Geschrieben mit meinem Blute, als Siegel und Tes- 
tament, einen freundlichen Abschied an dich, meine 
Geliebte. Von mir, deinem lieben Manne, Raphel von 
dem Felde. 

Noch ein Brief von Raphel von dem Felde an 
seinen Sohn. 

Derselbe Gott, der Abraham, Isaak und Jakob geseg- 
net hat, wolle dich auch segnen, mein lieber Sohn, mit 
allerlei geistigem Segen im himmlischen Wesen, damit 
du von Jugend auf den Herrn erkennen und fürchten 
lernen und Ihm dein lebelang gehorsam sein mögest. 
Dieses ist die ausdrückliche Bitte, mein letzter Wille 
und Wunsch von Grund meines Herzens, was ich von 
Gott begehre, damit du die ewige Seligkeit erlangen 
mögest und des Herrn Name von dir gepriesen wer- 
den möge. Diesem großen und herrlichen Namen sei 
Lob und Preis von nun an bis in Ewigkeit, Amen. 

Sieh, mein lieber Sohn Rapheiken, der Herr hat es 
so verordnet, daß ich von euch genommen werden 
muß, wiewohl ich gern hätte bei euch bleiben wollen, 
um euch fortzuhelfen und (dich) in der Furcht Gottes 
aufzuziehen; aber es hat dem Herrn nicht gefallen. 
Wenn es nicht um des Herrn willen wäre, es wäre mir 
nicht möglich, daß ich deine Mutter und meinen lie- 
ben Sohn so verlassen könnte, denn keine Person ist 
mir so lieb und auch kein Schatz so groß auf der gan- 
zen Welt, um dessetwillen ich euch verlassen wollte, 
aber um Christi Jesu willen muß man alles verlassen, 
denn Er sagt: Wer nicht Vater und Mutter, Schwester, 
Bruder, Mann, Weib, Kind, ja selbst sein eigenes Le- 
ben und alles verläßt, was er besitzt, der ist meiner 
nicht wert, und wer etwas lieber hat, der kann mein 


Jünger nicht sein. Weil es denn nun der Wille Gottes 
ist, daß wir von einander scheiden müssen, und ich 
nicht mündlich mit dir reden kann, so habe ich et- 
was schreiben wollen zu deiner Unterweisung in der 
Furcht Gottes, wie der weise Mann sagt: Mein Kind, 
gehorche der Zucht deines Vaters und verlasse nicht 
das Gebot deiner Mutter. Sei allezeit bereit zu tun, 
was dir von Gott befohlen ist, das ist. Ihn von Jugend 
auf erkennen zu lernen, zu fürchten und Ihm gehor- 
sam zu sein, denn der Gehorsam entspringt aus der 
Furcht Gottes, und die Furcht Gottes kommt aus der 
Erkenntnis Gottes. Darum schreibt Salomo: Des Herrn 
Furcht ist Anfang zu lernen. Ein Kind, das seinen Va- 
ter kennt, daß er so ehrbar und so gerecht ist, daß er 
nicht will, daß seine Kinder mit den Kindern auf der 
Straße umherlaufen, sich schlagen, zanken und böse 
Worte reden, oder gestohlenes Gut nach Hause brin- 
gen, die Kinder (sage ich), die ihren Vater so kennen, 
fürchten sich, solches zu tun, und denken, wenn ich 
das tue, werde ich geschlagen werden. Ebenso auch, 
mein lieber Sohn, ist der Herr ein gerechter Gott, der 
die Sünden nicht leiden will, sondern Er will dieje- 
nigen strafen, die sie begehen; darum muß man Ihn 
fürchten und die Sünden nicht tun, denn die Furcht 
Gottes treibt die Sünden aus, und wer Gott fürchtet, 
dem wird Er Gutes tun, wie Salomo sagt: Die Furcht 
des Herrn ist die Quelle der Weisheit, daß man die 
Stricke des Todes meide, denn, mein lieber Sohn, der 
Sünden Sold ist der Tod. 

Darum nun, weil die Furcht Gottes die Sünden aus- 
treibt, meidet man durch die Furcht Gottes die Veran- 
lassung, wodurch man in den Tod kommt, das ist die 
Sünden. 

Darum, mein lieber Sohn, lerne von Jugend auf in 
der Furcht des Herrn wandeln, damit du niemals in 
die Sünde willigst, und vergiß nicht die Gebote des 
Herrn, deines Gottes, sondern fürchte den Herrn, weil 
Er zu fürchten ist, denn diejenigen, die den Herrn 
fürchten, gehen auf rechter Bahn, und die Furcht des 
Herrn ist der Weisheit Anfang, und meiden das Böse, 
das ist Verstand. 

Darum, mein Kind, fürchte den Herrn und laß ab 
vom Bösen, denn der Prophet Jeremias sagt: Es ist 
ein köstlich Ding, einem Manne, daß er das Joch in 
seiner Jugend trage, daß ein Verlassener geduldig sei, 
wenn ihn etwas überfällt; und Sirach sagt: Mein Kind, 
in deiner Jugend nimm die Lehre zu deinem grauen 
Alter an, dann wirst du Weisheit finden. Hüte dich vor 
allen bösen Gesellschaften, die dich verführen können 
mit der Welt umzugehen, denn die Welt ist voller 
Bosheit und wird mit allen ihren Lüsten vergehen. 

Darum, mein liebes Kind, liebe nicht die Welt, noch 
was in der Welt ist, denn alles, was in der Welt ist, das 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


ist Augenlust, Hoffart des Lebens und Fleischeslust; es 
kommt nicht vom Vater, sondern von der Welt; darum 
enthalte dich von den fleischlichen Lüsten, welche 
wider die Seele streiten; und Paulus sagt: Fliehe die 
Lüste der Jugend, denn die Lüste der Jugend haben 
ihrer Viele ins Verderben gebracht. 

Mein Kind, nimm der Unterweisung deines Va- 
ters wahr und vergiß sie nicht; enthalte deine Zunge 
vom Verleumden, und hüte dich vor Lügen, denn der 
Mund, der lügt, tötet die Seele, und die Lügner haben 
keinen Teil an dem neuen Jerusalem, sondern ihr Teil 
ist in dem feurigen Pfuhle, der von Feuer und Schwe- 
fel brennen wird, welches der zweite Tod ist, ebenso 
stiftet auch ein Verleumder viel Zank und Uneinig- 
keit und erweckt Streit und Neid, und scheidet gute 
Freunde von einander. Mose schreibt: Es soll kein Ver- 
leumder oder Ehrenschänder unter euch sein. Darum, 
mein Sohn, hüte dich vor dem Verleumden, und wenn 
du in einem Hause wohnst oder zu tun hast, da sei 
verschwiegen und sage nicht außer dem Hause, was 
im Hause geschieht, und was man verschweigen soll, 
das verschweige, dann wirst du dich selbst beliebt 
machen. Sei den Leuten allezeit getreu und hüte dich 
vor dem Stehlen, denn es ist eine große Sünde; die 
Diebe haben keinen Teil am Reiche Gottes, auch hat 
Niemand zu einem Diebe Vertrauen und Liebe, son- 
dern wo er hinkommt, da sieht man ihm nach seinen 
Händen. 

Darum, mein lieber Sohn, halte dich doch allezeit 
ehrbar in der Furcht Gottes und hüte dich vor Sün- 
den und Übertretung, dann wird es dir wohl gehen 
am letzten Tage, wenn Gott einem Jeden nach seinen 
Werken lohnen wird, je nach dem er getan hat, es sei 
gut oder böse. Mein Sohn, bedenke, daß geschrieben 
steht: Ehre Vater und Mutter, damit du lange leben 
mögest auf Erden, denn das ist das erste Gebot im Ge- 
setze, das eine Verheißung hat; das ist aber die größte 
Ehre, welche die Kinder ihren Eltern erweisen, daß 
sie ihnen gehorsam sind in allem, was nicht wider 
den Herrn und seine Gebote streitet. Darum, mein 
lieber Sohn, wenn du mich verlierst, sei nicht trotzig 
gegen deine Mutter, sondern sei ihr um so mehr ge- 
horsam, da ihr nun die Sorge allein anbefohlen ist; 
darum, mein Kind, betrübe sie nicht in deinem Leben, 
denn im Sirach steht geschrieben: Wer seinen Vater 
verläßt, der wird geschändet, und wer seine Mutter 
betrübt, der ist verflucht vom Herrn. Darum liebe sie 
und gedenke, wie viel Schmerzen sie um deinetwillen 
erlitten, und wie sie dich neun Monate unter ihrem 
Herzen getragen hat und noch viel leiden muß in dei- 
ner Auferziehung und Verpflegung. 

Darum, mein Kind, gewöhne dich von Jugend auf 
zum Arbeiten und fleißig zu sein, und wenn du groß 


bist und etwas verdienen kannst, so laß es deiner Mut- 
ter zu Nutze kommen; arbeite allezeit fleißig und wil- 
lig, und laß es dich nicht verdrießen, dein Bestes zu 
tun, der Mutter die Kost verdienen zu helfen, denn 
sie hat es schon zuvor an dir getan. Hüte dich vor 
Müßiggang und Faulheit, denn durch Müßiggang 
kommt viel Böses; Faulheit aber macht die Kinder 
diebisch, und sie nehmen dadurch ein böses Ende. 
Darum, mein Sohn, laß dich doch dessen nimmer- 
mehr gelüsten, sondern arbeite und wirke gern mit 
deinen Händen etwas Redliches, damit du dem Dürs- 
tigen etwas zu geben habest. 

Hiermit will ich dich, mein lieber Sohn, und deine 
Mutter dem Herrn empfehlen. Ach, bitteres Scheiden! 
Doch der, um dessetwillen ich euch zu verlassen hoffe, 
ist mächtig, euch zu versorgen und vor allem Argen 
zu bewahren; der Herr gebe dir seine Gnade, daß du 
in der Erkenntnis Gottes aufwachsen mögest, durch 
den Heiligen Geist, damit du nach dem Urteile des 
rechten Gerichtes Gottes gerecht erfunden werden 
mögest, zu seinem Reiche, durch Jesum Christum, un- 
sern Herrn und Heiland, welchem sei Lob und Preis, 
von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen. 

Geschrieben von mir, Raphel von dem Felde, dei- 
nem Vater. Gute Nacht, mein lieber Sohn; den ich 
lieber habe, als alles Silber, oder Gold, oder Edelstei- 
ne; aber Gott muß der Liebste bleiben; gute Nacht; 
die Liebe überwindet alles, noch einmal gute Nacht, 
mein lieber Sohn; überlies dieses oft, was dein Vater 
aus Liebe geschrieben hat, tröste deine Mutter, und 
sei allezeit freundlich gegen sie in aller Untertänigkeit 
in der Furcht Gottes; der Herr gebe seine Gnade, daß 
es so geschehen möge, Amen. 

Der letzte Brief von Raphel von dem Felde, 
geschrieben an seine Hausfrau, nachdem er die 
Botschaft seines Todesurteils empfangen hatte. 

Gnade und Frieden, Liebe, Geduld, Leidsamkeit, Gü- 
tigkeit, Kraft und Stärke in deinem Glauben wünsche 
ich, Raphel, dir, meiner werten und in Gott geliebten 
Hausfrau und Schwester in dem Herrn, zum freund- 
lichen Abschiede; der Herr gebe dir und uns allen 
Gnade, daß wir dermaleinst einander in der ewigen 
Freude sehen mögen. Meine Geliebte, ich danke dir 
für deinen Brief, den du mir zum Tröste in meiner 
letzten Not gesandt hast; ich danke auch Ketzyntgen 
herzlich; ihr lieber Mann dankt ihr auch, und nimmt 
einen freundlichen Abschied; der Herr gebe dir Gna- 
de, daß du ihm zu gelegener Zeit folgen mögest; auch 
dankt er dir, daß du das letzte Mal sein Herz so wohl 
befriedigt und fröhlich gemacht hast, gute Nacht, gu- 
te Nacht. Dieses habe ich geschrieben, nachdem ich 



763 


die Botschaft empfangen hatte, daß ich sterben sollte, 
was mir, dem Geiste nach, eine fröhliche Botschaft 
war; aber es scheint, daß sich das Fleisch bisweilen 
ein wenig fürchten will, worüber man sich auch nicht 
wundern darf, denn es geht ihm sehr nahe. 

Hiermit, meine Geliebte, will ich dich und meinen 
lieben Sohn dem Herrn übergeben und befehlen; Er 
wird euch wohl versorgen, nach Seele und Leib, das 
ist mein Vertrauen zu Gott. Meine Geliebte, sei mit 
meinem Leiden und Tode wohl zufrieden, denn al- 
le Menschen müssen einmal sterben, und mancher 
Mensch verliert sein Leben schändlich, jämmerlich 
und unselig; mein Tod erfolgt aber um die ehrlichs- 
te Sache, die man findet, und ist das seligste Werk, 
das man tun kann, und geht es auch mit Angst zu, 
so wird doch die Belohnung alles gut machen. Ach, 
meine Geliebteste! sei wohl zufrieden, sei wohlgemut, 
und auch unsere Schwester Ketzyntgen, und danket 
Gott, daß ihr solche Männer gehabt habt, welche die 
Wahrheit mit aller Macht, großer Gewalt und schwe- 
rer Arbeit bezeugt haben. Gott sei gedankt, der uns 
geholfen hat, das Feld erhalten. Nun können wir mit 
dem Apostel Paulus sagen: Der Kampf ist gekämpft, 
der Lauf ist vollendet; wir haben Glauben gehalten, 
die Krone des Lebens ist uns nun bereitet. Ach, Herr! 
welch ein schöner Trost! Ach, meine Geliebte! denk oft 
an dasjenige, was ich dir geschrieben habe, zur Aufer- 
bauung und zum Tröste deines Gemütes, und vergiß 
meiner, denn es ist fest versiegelt, daß die Toten nicht 
wieder kommen. 

Hiermit sage ich gute Nacht, gute Nacht, gute 
Nacht, Fleisch und Blut, gute Nacht, gute Nacht zum 
Abschiede. 

Geschrieben an meinem Ende von mir, Raphel von 
dem Felde, deinem lieben Manne und Bruder in dem 
Herrn. 

An Claes Schepen. 

Die ewige Gnade und Friede von Gott, unserm himm- 
lischen Vater, die Barmherzigkeit und Liebe seines 
Sohnes, wie auch die Gemeinschaft und Trost des Hei- 
ligen Geistes sei mit euch, mein lieber B. und S. in dem 
Herrn, zum freundlichen Gruße und ewigen Abschie- 
de in dieser Zeit. Der Herr gebe seine Gnade, daß wir 
dermaleinst in der Ewigkeit einander sehen mögen, 
Amen. 

Nebst vielem freundlichem Gruße und liebreicher 
Ehrerbietung an eure Liebe. Beliebet zu wissen, daß 
mein Gemüt noch unverändert steht, den Herrn nach 
meinem schwachen Vermögen zu bekennen, und Ihm 
mein ganzes Leben hindurch zu dienen; dasselbe gu- 
te Vertrauen habe ich auch zu eurer Liebe, das ich 


zum Teil daraus entnehme, was ihr mir in eurem Brie- 
fe geschrieben habt, wodurch ich getröstet worden 
bin, als ich ihn lesen hörte. Der Herr wolle allezeit 
eure Liebe darin aufwachsen, stark werden und sich 
vermehren lassen, zu seinem Preise und eurer Seelen 
Heil, Amen. Weiter, lieber B. und S. in dem Herrn, 
lasse ich euch wissen, wie es mir in meinen Banden 
geht, nämlich, daß ich wohl zufrieden bin; dem Herrn 
sei für seine große Gnade gedankt; der Herr tröstet 
und stärkt mich so und macht meine Bande so leicht, 
daß ich bisweilen kaum weiß, daß ich gefangen bin; 
Er nimmt meine Furcht hinweg, macht mein Herz 
fröhlich, und giebt mir neue Kräfte, und obgleich die 
falschen Propheten ihre tötlichen Pfeile auf mich schie- 
ßen, so bewahrt mich doch der Herr so treulich, daß 
es mir keinen Schaden tut, sondern daß es mich mehr 
erfreut, wiewohl sie mir mit vielen schönen Worten 
sehr listig nachgestellt haben; ich habe sehr viel Wi- 
derstand leisten und von meinem Vater, und Lieven 
de Krook, Maeyken Moeye, unserem Vetter Pieter und 
Daniel de Keyser, der mich fing, vieles anhören müs- 
sen; diesselben waren auf Aschermittwoch bei mir; 
sie führten mich auf einen hohen Berg, und boten mir 
so viele schöne, jedoch gehaltlose Verheißungen an, 
wenn ich ihnen hätte Gehör geben wollen, aber, Gott 
sei gedankt, der uns allezeit das Feld erhalten hilft, 
ja, sie sagten mir so viel, daß mich dünkt, vier Bo- 
gen Papier würden es nicht fassen können, Lieven de 
Krook sagte zunächst, daß ich eine Menge Teufel in 
mir hätte, und daß er sie auf meinen Schultern sitzen 
sähe, worauf ich erwiderte: Nehmt mir doch einen ab; 
auch kam es mir vor, sie hätten mich betrunken ma- 
chen wollen, aber ich wollte nicht trinken, wiewohl 
sie mich sehr dazu nötigten, denn der Herr gab mir 
Kraft, solchem zu widerstehen. 

Ferner lasse ich euch, Geliebte, wissen, daß mein 
Vater heute abermals allein bei mir gewesen ist; er 
quälte mich sehr; ich aber sagte ihm, er sollte zufrie- 
den sein, denn ich wollte den Herrn unter keinen 
Bedingung verlassen; er sagte mir auch, daß ihr eures 
Gutes beraubt und davon verjagt wäret, was mich 
sehr betrübte, als ich es hörte; aber mein lieber B. und 
S. in dem Herrn, seid doch geduldig und getrost in 
eurer Trübsal und Leiden, denn das sollen wir wis- 
sen, daß uns nicht allein gegeben ist, an Christum zu 
glauben, sondern auch um seines Namens willen zu 
leiden; auch sagt Christus selbst: Wer nicht Alles ver- 
läßt um meines Namens willen, der kann nicht mein 
Jünger sein, und wer etwas lieber hat als mich, der 
ist meiner nicht wert. Darum, meine sehr geliebten 
Freunde, denkt an Tobias Reden, der um des Herrn 
willen so arm geworden ist: Mein Kind, sagte er, wir 
sind wohl arm, aber sei getrost, wir werden viel Güter 



764 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


haben, wenn wir Gott fürchten, Gutes tun, die Sünde 
meiden. Ja, werte und in Gott geliebte Freunde, wir 
sind Kinder der Heiligen, und hoffen auf ein Leben, 
welches Gott denen geben wird, die für ihn stehen, 
und fest im Glauben bleiben. Darum werdet nicht 
müde auf dem Wege des Herrn, und lasset nicht ab 
um der Trübsal willen, sondern haltet steif an, bis ihr 
hinweggenommen werdet. 

Ferner vernehme ich aus eurem Schreiben, daß ihr 
im Sinne habt, fort zu ziehen; ich selbst bitte euch, ihr 
wollet das tun, denn sie trachten sehr nach eurem Le- 
ben, und fragen mich oft nach euch; Maeyken Moeye 
sagte, es wäre eure Schuld, daß ich hierher gekommen 
wäre, aber ich sagte nein. Ferner, lieber B. und S. bitte 
ich eure Liebe, daß ihr meiner in eurem Gebete zu 
Gott mit brünstigem Herzen gedenken wollt, damit 
ich einen guten Kampf kämpfen und meinen Lauf zu 
meiner Seele Seligkeit vollenden möge; dasselbe hoffe 
ich auch für euch zu tun, und daß euch der Herr eine 
glückliche Reise verleihen wolle, nach Seele und Leib. 
So nehme ich denn nun von eurer Liebe, mein werter 
und in Gott geliebter B. und S. in dem Herrn, einen 
herzlichen und ewigen Abschied. Dieser große, alles 
vermögende und allmächtige Gott, der Jakob geleitete, 
als er fliehen mußte, wolle euch auch geleiten und in 
die ewige Ruhe bringen, Amen. Gute Nacht, gehabt 
euch wohl, zum Abschiede, gute Nacht. 

Ich, Raphel von dem Felde (der Schreiber dieses), 
lasse euch Geliebte auch sehr herzlich grüßen mit des 
Herrn Frieden. Die Liebe überwindet alles. Hierony- 
mus Schepens, euer lieber schwacher Bruder. 

Lorenz, der Schuhmacher, im Jahre 1576. 

Im Jahre 1576, zur Zeit des spanischen Aufruhrs (wel- 
cher den 4. November stattfand), hat zu Antwerpen 
ein frommer, gottesfürchtiger Bruder, genannt Lo- 
renz, der Schuhmacher, um keiner andern Ursache 
willen gefangen gesessen, als weil er der Welt mit ih- 
rer falschen, erdachten Bosheit (wozu sie übergeben 
ist) nicht folgen wollte, sondern dieselbe verließ um 
mit dem Volke Gottes ein göttliches Leben zu führen 
und Christo in der Wiedergeburt nachzufolgen suchte. 
Darum ist er von den Feinden der Wahrheit (nämlich 
von den blutdürstigen Papisten) gefangen und mit 
großer und grausamer Pein geplagt worden. Sie ha- 
ben ihn so unchristlich und tyrannisch gepeinigt, daß 
sein Körper sehr stark gelitten hatte. Als nun in dem 
spanischen Aufruhr die Gefängnisse geöffnet wurden 
sind und die Gefangenen entlaufen waren, sagte der 
Stockmeister zu ihm: Lorenz, lauf auch heraus; er aber 
gab zur Antwort: Wohin soll ich laufen, ich bin so zu- 
gerichtet, daß ich mein Brot nicht verdienen kann. Als 


er nun sitzen blieb, hat er (nachdem der spanische 
Tumult gestillt war) an gemeldetem Orte den wahren 
Glauben mit seinem Tode und Blute befestiget. Dar- 
um wird er in der herrlichen Wiederkunft Christi vom 
Himmel eine herrliche Krone empfangen, die ihm von 
Niemanden in Ewigkeit genommen werden wird, und 
also ist er mit Christo in die Gleichheit seines Todes 
gepflanzt, und wird der herrlichen Auferstehung mit 
ihm in der Ewigkeit teilhaftig werden. 

Hans Bret, im Jahre 1576. 

Hans Bret, ungefähr ein und zwanzig Jahre alt, des- 
sen Vater Thomas Bret hieß, ein Engländer, war sehr 
fleißig (neben seiner täglichen Arbeit, die er in seines 
Meisters Dienst verrichtete) mit des Herrn Wort be- 
schäftigt, worin er sich beständig des Morgens und 
Abends übte, auch sehr oft diejenigen, mit denen er 
umging, mit erbaulichen nützlichen und lehrreichen 
Sprüchen der heiligen Schrift zu einem tugendhaf- 
ten und gottseligen Leben ermahnte; auch hat er den 
Sonntag nicht müßig zubringen wollen, sondern hat 
denselben recht geheiligt und gefeiert, und hat häufig 
einige Ankömmlinge zu versammeln gesucht, zu wel- 
chen er sich fleißig in aller Freundlichkeit hielt und 
ihnen in der Furcht Gottes einige erbauliche Fragen 
aus der Schrift aufgab, wodurch er sie zur Buße und 
Absage ihres sündhaften Lebens ermahnte und ihnen 
die Ungnade zeigte, die Gott über die Kinder des Un- 
glaubens und der Ungerechtigkeit ausgießen wird, 
und die gnädigen Verheißungen der Seligkeit, die in 
dem ewigen Leben den bußfertigen Kindern des Glau- 
bens zugesagt sind. Diese seine Ermahnung hat er mit 
solchem feierlichen Ernste und auf erbauliche Weise 
ausgegossen, daß viele bei ihm zu sein suchten, und 
in ihm das kräftige Werk Gottes und das Wachstum 
in der Erkenntnis Christi wahrnahmen, womit er in 
seinen jungen Jahren so reichlich erfüllt war, was er 
auch nicht allein für sich behielt, sondern zu seines 
Nächsten Nutzen und Vorteil ohne Scheu mitteilte 
und ausströmen ließ. 

Aber der Teufel, der ein Feind der Gerechtigkeit 
und ein Beneider des Wachstums der Tugend und der 
Gemeinde Christi ist, hat dieses nicht lange ertragen 
und dulden können, denn weil er an diesem Knechte 
den gottseligen Eifer in der Wahrheit und den Fleiß, 
die Irrenden zu bekehren, bemerkte, so hat er durch 
seine Werkzeuge (die blutdürstigen Menschen, die al- 
lezeit Gottes Tempel geschändet, seine Schafe ermor- 
det, seine Heiligen getötet, ihr Blut vergossen, und ihr 
Fleisch den Tieren des Feldes zur Speise gegeben ha- 
ben,) diesen Knecht Gottes mit Leiden zu beschweren 
und die Klarheit seines Lichtes zu verhindern gesucht. 



765 


was ihm auch teilweise gelungen ist, denn ungefähr 
zwei Monate, nachdem er auf sein Glaubensbekennt- 
nis, nach dem Befehle Christi im Namen des Vaters, 
des Sohnes und des Heiligen Geistes getauft war, ist 
den sechsten Tag im Mai des Jahres 1576, Abends um 
neun Uhr, der Schultheiß von Antwerpen mit vielen 
Dienern nach dem Hause des Meisters von Hans Bret 
gekommen, welcher mit seinem ganzen Hausgesinde 
verraten war. Dieses Haus, welches zwei Ausgänge 
hatte, haben sie sowohl an der vordem Seite, als auch 
an der hintern Seite mit bewaffneten Männern und 
Knechten scharf besetzt, und sodann an die Türe des 
Vorderhauses geklopft, welcher Hans Bret entgegen- 
gegangen ist um sie zu öffnen (denn er wußte nicht, 
daß diejenigen, die nach seines Meisters und seiner 
Hausgenossen Blut dürsteten, davor standen) und 
fragte, wer da wäre; sie erwiderten: Mache auf! und 
stellten sich so, als ob sie etwas hätten kaufen wollen; 
unterdessen hörte er, daß sie mit einem Werkzeuge 
an der Türe waren, um sie von außen zu öffnen, was 
ihn auf den Gedanken brachte, daß es die Wölfe und 
Tyrannen wären, die gekommen seien, um die un- 
schuldigen Schafe Christi zu verschlingen; darum hat 
er ihnen die Tür nicht geöffnet, sondern sie haben 
sie von außen erbrochen. Als solches Hans Bret ge- 
wahr wurde, ist er ins Haus zurückgelaufen, wo sein 
Meister mit seiner Frau und noch einigen Weibern 
sich am Eßtische befanden, und hat sie gewarnt; als 
sie alle in der größten Eile zur Hintertüre liefen, in 
der Meinung (wie auch Hans Bret), durch diese die 
Flucht zu nehmen, zeigten sich beim Oeffnen dersel- 
ben des Schulzen Dienern mit großer Grausamkeit; 
griffen auch schnell zu und nahmen so viele gefan- 
gen, als ihnen Gott zuließ, worunter dieser Knecht 
Gottes auch war; sein Meister aber und noch einige 
mit ihm, wurden wunderbar durch Gottes Hand und 
Beistand bewahrt und gerettet. Sehet, so ist dieses 
unschuldige Schaf Christi den Wölfen in die Hände 
gekommen und ins Gefängnis gesperrt worden, allein 
um des Glaubens willen an die Lehre unseres Herrn 
Jesu Christi, und weil er dieselbe belebte. 

Was sich nun mit ihm in seinen Banden zugetragen 
hat, wie sie ihn durch List und Drangsal, durch schö- 
ne Verheißungen und scharfe Bedrohungen um seiner 
Seele Seligkeit zu bringen und sie ihm zu rauben ge- 
sucht, und wie sie ihn (weil er einige Briefe an seine 
Brüder und Freunde geschrieben hatte) in ein garsti- 
ges Loch geworfen haben, sowie seine Disputationen, 
die er mit den Pfaffen und Seelenverführern gehalten 
hatte, auch wie er ihnen geantwortet, und wie freimü- 
tig er durch Gottes Hilfe sich gezeigt hat, findet ihr in 
seinen nachfolgenden Briefen zur Genüge erzählt. 

Als er nun beinahe acht Monate lang gefangen gele- 


gen hatte, haben die Tyrannen endlich alle ihre Kräfte 
bei diesem Knechte Gottes und getreuen Nachfolger 
Christi aufgeboten, und haben ihn des Freitags vor 
Dertien Avond im Jahre 1577 vor Gericht bringen las- 
sen, wohin er sehr freimütig gegangen ist, denn er 
war nicht um irgend einer Missetat oder wegen einer 
Ungerechtigkeit, sondern um der Lehre seines Herrn 
und Meisters Jesu Christi, um der Gerechtigkeit und 
Wahrheit willen in Banden, in Folge dessen die Kinder 
Gottes allezeit sehr viel haben leiden müssen, welche 
geholfen haben, Christi Kreuz zu einem wahren Feld- 
zeichen zu tragen, damit sie Christi Knechte, Jünger 
und Nachfolger seien. 

Als er mm vor die Herren und Richter gebracht wur- 
de, haben sie ihn gefragt, ob er sich hatte auf seinen 
Glauben taufen lassen, was er endlich bekannt und 
gestanden hat, denn er schämte sich dessen nicht, was 
er auf Befehl seines Herrn und Meisters Jesu Chris- 
ti getan hatte, wiewohl er gewiß wußte, daß sie ihn 
nicht fragten, um von ihm belehrt zu werden, son- 
dern nur, daß sie ein Wort aus seinem Munde hören 
möchten, auf dessen Grund sie ihn zum Tode verur- 
teilen könnten. Als die Herren und Blutrichter dieses 
christliche Bekenntnis angehört hatten, sind sie fortge- 
gangen, um ihn zum Tode zu verurteilen, und als sie 
von ihrer argen Beratschlagung wieder zurückkamen, 
haben sie ihr Urteil über diesen Knecht Gottes gefällt, 
daß man ihn öffentlich lebendig an einem Pfahle mit 
Feuer umbringen und verbrennen sollte. 

Nachdem er nun sein Urteil empfangen hatte, ist er 
wieder nach dem Gefängnisse gebracht worden, wo- 
bei er unerschrocken und guten Muts gewesen, da er 
ohne Zweifel eine mit der Schrift übereinstimmende 
Rede an das gemeine Volk gehalten und demselben 
mitgeteilt haben wird, daß die Veranlassung zu seiner 
Gefangenschaft und seines Leidens nicht durch eine 
Missetat herbeigeführt sei, sondern daß der Glaube 
der reinen und seligmachenden Wahrheit, welche die 
Welt nicht leiden kann, das Motiv davon gewesen ist. 

Er ist sodann vom Gerichte wieder ins Gefängnis 
gebracht, und bis den folgenden Tag, einem Sams- 
tag, dort eingeschlossen und verwahrt worden. Hier- 
nächst kam der Scharfrichter des Morgens ins Gefäng- 
nis zu ihm, damit er dem Hans Bret die Zunge fest- 
schrauben, den Mund verschließen und ihn dadurch 
am Sprechen verhindern möchte. O, ein elendes Werk! 
den Mördern und ärgsten Uebeltätern wird die Rede 
vergönnt und zugelassen um sie in Freiheit zu gebrau- 
chen, aber betrachtet hier einen Nachfolger Christi, 
ein Kind Gottes, einen Knecht des Glaubens, einen Ab- 
gesonderten von der Welt, in welchem Gerechtigkeit 
wohnt, und bei welchem keine todeswürdige Hand- 
lung aufzufinden ist; sehet diesen an, wie er sich mit 



766 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


verschlossenem Munde und gebrannter Zunge zum 
Tode bereit macht, damit nicht die Wahrheit verkün- 
digt, die Gerechtigkeit gehört, oder von dem Namen 
Christi ein Zeugnis gegeben werden möchte. O, Chris- 
tel sieh hernieder und steh' deinen Heiligen bei. 

Als nun der Scharfrichter zu ihm kam, hat er ihm 
befohlen, seine Zunge herauszustrecken, was dieser 
treue und fromme Knecht Gottes willig getan hat, 
denn er hatte kein Glied an seinem Leibe, welches er 
nicht um des Namens Christi willen zum Leiden über- 
geben hätte, indem er versichert war, daß alles Leiden 
dieser Zeit nicht mit der Freude und Herrlichkeit zu 
vergleichen ist, die Gott den Ueberwindern verheißen 
und zugesagt hat. 

Als er seine Zunge herausstreckte, hat der Scharf- 
richter dieselbe mit einem Eisen festgelegt und mit ei- 
ner Schraube sehr stark zugeschraubt, hiernächst aber 
dieselbe mit einem heißen Eisen bestrichen, damit sie 
aufschwellen und nicht aus der Schraube schlüpfen 
möchte. O bittere Grausamkeit und große Tyrannei. 

Nachdem sie ihm nun den Mund so geschlossen 
und die Zunge zugeschraubt hatten, auch das Feuer, 
worin er sein Opfer tun sollte, auf dem Markte schon 
bereit war, haben sie ihn mit zusammengebundenen 
Händen aus dem Gefängnisse geführt, auf einen Wa- 
gen gesetzt und auf den Markt gebracht, wo seine 
Aufopferung um des Wortes der Wahrheit willen ge- 
schehen sollte. 

Man sagt, sie hätten sich deshalb des Wagens be- 
dient, weil man um der abgebrannten Häuser wil- 
len den Weg, der vom Gefängnisse nach dem Markte 
führt, nicht gut hätte gehen können, und daß diese 
Häuser bei der Einnahme von Antwerpen zu Gunsten 
der Spanier angesteckt worden sind. 

Als er auf den Wagen kam, sah er verschiedene Be- 
kannte, die er freimütig und fröhlich angesehen hat, 
wie er denn überhaupt durch sein Betragen das Verlan- 
gen zu erkennen gab, an den Ort zu kommen, wo sein 
Opfer geschehen sollte; er hat das Haupt freundlich 
gebeugt und mehrere Leute gegrüßt, und seine Stand- 
haftigkeit durch seine ganze Haltung ausgedrückt 
und bezeugt, alles Gott zum Preise, der solche Kraft 
und Stärke in seine Heiligen ausgießt, indem er ihr 
Beschützer, ihre Zuflucht, Hülfe, Kraft, Stärke und 
ihr festes Bollwerk in aller Not, Trübsal und Leiden 
ist, das ihnen von der Welt um des wahren seligma- 
chenden Glaubens an Jesum Christum willen angetan 
wird. 

Als er nun auf den Markt zu dem Pfahle und an 
das Feuer gebracht wurde, hat er sich selbst in die 
Höhe gerichtet, ist, wie mit einer göttlichen Klarheit 
angetan, vom Wagen gestiegen, und hat in Gott wohl- 
gemut, stark im Glauben und standhaft im Streite 


seine Hände gefaltet, ist auf seine Kniee gefallen und 
hat seine Augen demütig gen Himmel gewandt; in 
solcher Weise hat er sich bereitet, seinen Herrn und 
Gott anzubeten und sich selbst ihm anzubefehlen, wie 
solches allen Christgläubigen zukommt. Als aber die- 
ses die blutdürstigen Menschen sahen, haben sie es 
nicht ertragen noch dulden können (was sie doch den 
Uebeltätern vergönnen, die um ihrer bösen Werke wil- 
len zum Tode gebracht werden), sondern sie haben 
ihn schnell von der Erde aufgehoben, haben ihn mit 
großer Grausamkeit nach dem Pfahle geführt, und ha- 
ben es nicht zugelassen, daß er Gott auf seinen Knieen 
angerufen hätte. Dann hat er, um solches alles zu lei- 
den, sich in das Häuslein (welches von Stroh und 
Holz zubereitet war) verfügt, und sanft und demü- 
tig hineingetreten, wo sie ihn an einen Pfahl gestellt, 
ihm Ketten um seinen Leib geschlagen und angeket- 
tet haben, was er alles mit großer Standhaftigkeit um 
des Wortes Christi und der Wahrheit willen ertragen 
hat. Als er nun in dem Häuslein an dem Pfahle stand, 
haben sie endlich das Feuer angezündet und dieses 
Schäflein lebendig durch Feuer verbrannt und ver- 
schlungen; nun ist zwar dessen Leib verbrannt, aber 
seine Seele ist ins Paradies, in die Freude und selige 
Ruhe aufgenommen, weil er Christum bekannte, der 
den Standhaften die Seligkeit zugesagt hat. 

Auf solche Weise hat dieser junge fromme Christ, 
ungefähr 21 Jahre alt, sein Leben geendigt, und seinen 
Leib um des Wortes Gottes willen im Jahre 1577 auf 
den Dertien Avond übergeben und aufgeopfert. Also 
ist er ein Zeuge unter den Zeugen Jesu geworden, ein 
Bekenner unter den Bekennern Christi, ein christlicher 
Ueberwinder unter des Herrn Streitern, und eine Seele 
unter den Seelen Christi, die unter dem Altäre ruhen, 
ein getreuer Knecht unter den Knechten Christi, deren 
Belohnung die Krone des ewigen unvergänglichen 
Lebens ist. 

Hier folgen einige Briefe, die Hans Bret im Gefäng- 
nisse geschrieben hat. 

Der erste Brief von Hans Bret, 

geschrieben den Montag, nach Pfingsten im Jahre 1576 
auf dem Steine zu Antwerpen an seine liebe und werte 
Mutter. 

Gnade und Frieden von Gott, unserm himmlischen 
Vater, durch seinen einigen Sohn Christum Jesum und 
den Trost des Heiligen Geistes, zur Vermehrung dei- 
nes Glaubens und deiner Seele Seligkeit, wünsche ich 
dir, meiner herzgründlich geliebten Mutter, aus dem 
innigsten Grunde meiner Seele, Amen. 

Herzgründlich geliebte und werte Mutter, ich lasse 
dich wissen, daß es mit mir dem Fleische nach gut 



767 


steht, dem guten Gott sei dafür gedankt; insbesondere 
dem Geiste nach danke ich dem Herrn, und lobe Ihn 
für seine unaussprechliche Gnade, daß Er mich durch 
seinen Heiligen Geist stärkt, so daß das Gemüt un- 
verändert ist; dem Herrn sei gedankt. Ich habe auch 
das Vertrauen in dem Herrn, daß Er mich durch sei- 
nen Heiligen Geist stärken werde, wie Er noch bis auf 
diese Stunde aus Gnaden an mir armen Menschen 
getan hat, wofür der Herr in Ewigkeit gelobt sei, denn 
von Ihm allein erwarten wir unsere Stärke, um den 
grausamen Wölfen zu widerstehen, so daß sie an un- 
sere Seelen keine Macht haben können, denn sie sind 
grausamer als Wölfe; sie sind nicht damit zufrieden, 
daß sie unsern Leib zerreißen, sondern sie suchen 
auch unsere Seele zu verschlingen und zu ersticken, 
wie ich zu drei Pfaffen gesagt habe; doch nach den 
Worten Christi können sie unsere Seelen nicht beschä- 
digen, denn wenn sie alles tim, was sie können (doch 
nicht ohne des Herrn Zulassung), so können sie doch 
nur unsern Leib töten. Solches leide ich gern um des 
Namens Christi willen, und habe ein Verlangen, von 
diesem Fleische erlöst zu werden und bei Christo in 
Freuden zu sein, der uns eine Wohnung zubereitet hat, 
die nicht mit Händen gemacht ist, sondern die ewig 
ist, im Himmel. Jetzt sehen wir nicht auf das Sichtba- 
re, sondern wir hoffen auf das Unsichtbare, auf das 
Unvergängliche, damit wir mit der Krone des ewigen 
Lebens gekrönt, ja mit weißer Seide bekleidet werden, 
und mit den Seelen ruhen, die unter dem Altäre lie- 
gen, die um des Wortes Gottes willen getötet worden 
sind, bis die Zahl unserer Brüder erfüllt sein wird, die 
nach dem Zeugnisse Johannes in seiner Offenbarung 
in eben derselben Weise getötet werden sollen. Darum 
verlange ich, liebe Mutter, von einem Samstag zum 
andern, mein Opfer zu tun; ich habe zwar gehofft, daß 
ich heute dasselbe tun sollte, aber es hat dem Herrn 
nicht gefallen, darum hoffe ich, es den nächsten Sams- 
tag zu tun, wenn es dem Herrn gefällt, und bei Ihm 
meine Freude und Wonne zu halten, die noch niemals 
ein Ohr gehört hat, noch eines Menschen Herz be- 
greifen kann, was nämlich den Frommen bereitet ist, 
die sich nicht geschämt haben, den Namen des Herrn 
vor diesem ehebrecherischen Geschlechte zu beken- 
nen, und so lange ein Atemzug in ihnen ist, zu reden, 
bis zur Zeit, wo ihnen die Sprache benommen sein 
wird. So freue dich denn, meine geliebteste Mutter, 
und danke dem Herrn, daß Er mich, deinen Sohn, der 
ich ein unwürdiger Mensch bin, würdig achtet, um 
seines Namens willen zu leiden, und meinen Leib Ihm 
aufzuopfern, zum Preise seines heiligen Namens. 

Es geht mir nichts anders, meine liebe Mutter, als es 
allen Frommen Gottes ergangen ist von Anfang der 
Welt bis auf diesen Tag. Haben sie Christum, den Her- 


zog des Glaubens, getötet, in welchem keine Sünde 
war, was werden sie dann den Knechten tun? Denn 
der Jünger ist nicht über seinen Meister, sagt Chris- 
tus. So tröste dich denn nun, meine liebe Mutter, und 
freue dich darüber, denn sie haben nicht mehr an mir, 
als der Herr ihnen zuläßt, indem Er sagt: Alle Haare 
unseres Hauptes seien gezählt; es fällt nicht ein Vogel 
auf die Erde ohne seinen Willen, wie viel würdiger 
sind wir aber als die Vogel? ja, er sagt, daß wir uns 
nicht vor denen fürchten sollen, die den Leib töten, 
denn an der Seele haben sie keine Macht. So sei denn 
zufrieden, und bitte den Herrn für mich und meine 
Mitgefangenen. 

Meine Mutter, ich sollte dir zu deinem Tröste wohl 
mehr schreiben, aber ich hoffe, daß dich der Herr bes- 
ser getröstet habe, als ich es mit meinem Schreiben tun 
kann; ferner auch, damit du einige Nachricht haben 
mögest, wie es mit unserer Gefangenschaft zugeht, 
wiewohl hierzu mein Papier zu klein sein möchte; ich 
denke, daß dich sehr verlangt, von mir etwas zu hö- 
ren, ebenso wie auch mich verlangt, von dir zu hören, 
wie es um dich steht, wiewohl ich hoffe, daß es dir 
und euch allen wohl geht, sowohl an Leib als an der 
Seele, worum ich den Herrn bitte, und eurer aller in 
meinem Gebete zum Herrn eingedenk bin. Gedenkt 
auch an uns arme Gefangene nach dem Fleische in 
eurem Gebete, wiewohl wir reich sind im Geiste, wie 
ich denn eurer auch eingedenk zu sein hoffe, denn 
Jakobus sagt, daß das Gebet der Gläubigen viel ver- 
mag, damit wir unsern Streit mit Freuden vollenden 
mögen, denn wir haben nicht allein mit Fleisch und 
Blut oder mit Isabels Priestern zu streiten, sondern 
auch mit den unsichtbaren Geistern, nämlich dem 
Feinde, der allezeit das Gute mit Betrug und Lügen 
zu verhindern und zu zerstören sucht, wie du denn 
vielleicht in Folge der großen Lügen, die der Feind der 
Wahrheit ausstreut, hören wirst oder bereits gehört 
hast, daß ich den Pfaffen Gehör geben wollte; ja, sie 
scheuen sich nicht, hier in diesem Gefängnisse gröb- 
lich zu lügen, denn sie sind an einem Tage zweimal 
zu R. gekommen und haben ihr gesagt, daß ich den 
Pfaffen Gehör geben wollte; ebenso hat sich auch der 
große Pfaffe, der Chordiacon, nicht geschämt, bei der 
R. abscheulich zu lügen, um sie mit Betrug und Lü- 
gen ihrer Seligkeit zu berauben, und zwar durch die 
Worte: Euer Knecht will uns Gehör geben und sich be- 
kehren; auch hat er sich noch anderer Worte bedient, 
womit der Satan umzugehen weiß, der von Anfang 
her ein Lügner gewesen ist, so daß sie sowohl von 
den Pfaffen als auch ihrem Bruder heftig angefoch- 
ten wird. Was die R. betrifft, so wenden ihre Freunde 
sehr viele Mühe an, ihre Freiheit zu bewirken, aber 
auf welche Weise, das weiß ich nicht. Ich habe sie er- 



768 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


mahnt, sich vorzusehen, was ich nicht ausführlicher 
hier erzählen will. Sie hat mir geantwortet, ihr Gemüt 
sei unverändert und begehre, sich der Wahrheit nicht 
zu schämen. 

Was R. betrifft, so weiß ich noch nichts weiter als 
Gutes von ihr, und daß das Gemüt noch gut sei, dem 
Herrn sei gedankt, denn sie verlangt mit mir nach 
dem Tage, wo wir von diesem Fleische erlöst werden, 
und unser Opfer tun mögen. Gestern Abend rede- 
te ich mit R. um elf Uhr, welches der Pfingstabend 
war; sie war etwas betrübt, weil sie zu den Pfaffen 
gesagt hatte, sie wollte dem gehorchen, was mit Got- 
tes Wort übereinkommt, denn sie dachte, die Pfaffen 
würden daraus Veranlassung nehmen, ihr nachzusa- 
gen, daß sie den Pfaffen Gehör geben wollte; ich habe 
sie hierin getröstet und zu ihr gesagt, daß ich dassel- 
be sagen dürfte, es sei kein Arges darin, denn ihre 
grausame Abgötterei wäre ja gegen das Wort Gottes, 
und könne damit in Ewigkeit nicht Übereinkommen, 
weil ja ein großer Unterschied zwischen der Finster- 
nis und dem Lichte wäre. Was mich betrifft, so danke 
ich dem guten Gott, der mich unwürdigen Menschen 
mit den Augen der Barmherzigkeit ansieht, und mir 
durch seinen Heiligen Geist Stärke verleiht, sein Wort 
und seine Wahrheit vor diesem ehebrecherischen Ge- 
schlechte zu bekennen, ja der mich armen elenden 
Menschen so würdig achtet, daß ich Ihm meinen Leib 
zum Preise seines heiligen Namens aufopfem darf. 
Ach, meine Mutter! danke mit mir dem guten Gott, 
der mich unwürdigen Menschen mit den Augen sei- 
ner Barmherzigkeit ansieht, durch seinen Sohn Jesum 
Christum, der mir unwürdiger Creatur so viele Wohl- 
taten beweist; wie sollte ich ihn für die unaussprechli- 
che Gnade und Barmherzigkeit, die Er mir in dieser 
Löwengrube bewiesen hat, genug loben und preisen 
können. Danke mm dem Herrn mit mir für seine Güte, 
die Er uns durch seinen Sohn Christum Jesum bewei- 
set; dafür sei Er gepriesen, von nun an bis in Ewigkeit, 
Amen. 

Jetzt werde ich dir in aller Kürze erzählen, was 
sich zugetragen hat, als ich von den Pfaffen verhört 
worden bin. 

Als ich das erste Mal mit den Pfaffen redete, was, 
so viel mir erinnerlich, acht Tage vor Pfingsten gesch- 
ah, sind der Chordiacon, der große, dicke Pfaffe, und 
noch ein anderer Pfaffe, den wir den Ketzermeister 
zu nennen pflegen, zu mir gekommen (mein Meister 
kennt ihn wohl), derselbe schrie und tobte am meisten; 
wir haben lange mit einander geredet, und ich habe 
ihre Abgötterei bestraft, so viel der Herr mir durch 
seinen Heiligen Geist eingab. Da fing dieser Pfaffe an 
von dem Nachtmahle zu reden, und fragte mich, ob 
dasselbe nicht der wahre Leib, den Christus seinen 


Jüngern gab, und sein Blut wäre; ich verneinte diese 
Frage. Da fing der Pfaffe an zu schreien und toben, 
lästerte sehr und sagte, daß es besser gewesen wäre, 
ich hätte mich mit meiner Zuckerbäckerei, oder mit 
dem Krautverkaufen abgegeben, als mit der Schrift. 
Ich sagte: Ich darf mich wohl bemühen, die Schrift 
zu lesen, denn Christus sagte: Forschet in der Schrift, 
denn sie ist es, die von mir zeugt. Darauf sagte der 
Chordiacon: Höre die, welche ihr lebenlang in der 
Schrift studirt haben; ja, entgegnete ich, sie studiren 
alle verkehrt; ich frage dich, sagte ich, wo hat Paulus 
studiert, oder wo ist er auf der Schule gewesen? bewei- 
se mir das mit der Schrift; hat er wohl? ich sage, nein; 
ging er nicht zu Ananias, sagte, der Chordiacon. Ja, 
antwortete ich, aber er studirte nicht dort; da lästerte 
er abermals, und sie sagten, der Teufel hätte mich bei 
der Gurgel. Während wir so redeten, kam ein anderer 
Pfaffe, ein Jesuit, dazu; da saßen sie nun zu Dreien. 
Darauf fing der Pfaffe abermals an, vom Nachtmahle 
zu reden; ich fragte ihn: Als Christus seinen Jüngern 
das Brot gab und sagte: Nehmet, esset, das ist mein 
Leib, tut das zu meinem Gedächtnisse, blieb denn 
Christus noch dort sitzen? er bejahte diese Frage; ich 
entgegnete ihm: Dann ist es nicht so (wie du sagst) zu 
verstehen, und setze hinzu, daß er die Schrift nicht 
verstände; auch sagte ich: Ein fleischlicher Mensch 
kann nicht verstehen, was geistig ist, denn es ist ihm 
eine Torheit, sagt Paulus. Da rief er: Was weißt du auf 
mich zu sagen, bin ich ein Trunkenbold? Antwort: Dei- 
ne Abgöttereien geben Zeugnis, was du seiest; ebenso 
offenbart auch die heilige Schrift deine abscheuliche 
Abgötterei, die ein Gräuel vor den Augen Gottes ist; 
ja, ich bin betrübt, daß ihr so irret. Sie riefen: Du irrest. 
Der Jesuit rief jedes Mal, der Teufel habe mich bei der 
Gurgel, und ich wäre ein hoffärtiger Narr, und was 
dergleichen Worte mehr waren; ich sagte: Ich freue 
mich, daß ich um Christi willen so verachtet werde. 
Sie schrieen so laut, daß man kaum einreden konn- 
te. Der Chordiacon sagte zu dem andern: Herr, Herr, 
laß ihn gehen, wir werden an ihm keine Tugend be- 
weisen; aber dieser Pfaffe fing abermals an, von dem 
Nachtmahle zu reden. Ich sagte: Ihr müßt das geistig 
verstehen, und bewies es ihm mit einigen Sprüchen, 
als Joh 1. Sieh, das ist Gottes Lamm; ferner mit Joh 15, 
ich bin ein rechter Weinstock. 

Sollte ich alles erzählen, ich würde mein Papier 
damit anfüllen, wenn ich auch noch viel mehr davon 
hatte; hiernächst redeten wir von der Taufe; er fragte 
mich, warum man die Kinder nicht taufen sollte? weil 
es weder Christus befohlen, noch die Apostel gelehrt 
haben, erwiderte ich. 

Da führte er einige Sprüche an, die einen ganz ent- 
gegengesetzten Sinn hatten, Joh 23, und mehrere an- 



769 


dere; ich bewies ihm, daß Christus an jener Stelle von 
der Wassertaufe nichts gelehrt hätte und erzählte ihm, 
daß er sie, Mt 28; Mark 16, gelehrt hätte, sprach mich 
auch darüber aus, was die Taufe bedeutete, wem sie 
zukomme, und daß es abscheulich zu hören sei, daß 
sie die Kinder durch die Taufe selig machen wollten, 
wodurch sie Christo die Ehre nehmen. Als wir nun 
lange geredet hatten, rief der Chordiacon dem Pfaffen 
zu: Höre, höre, Herr! Audi, audi. Domine: Laß ihn ge- 
hen wir verlieren durch ihn unsere Zeit und er bleibt 
doch halsstarrig. Ich sagte: Ich bin betrübt daß ihr der 
Wahrheit nicht gehorchen wollt; es ist alles umsonst; 
es heißt nur die Perlen vor die Säue geworfen. 

Da wurde der Chordiacon sehr zornig, weshalb ich 
mich bald von ihnen losmachte, denn es wurde spät; 
doch ich muß es kurz machen, denn es mangelt mir 
an Papier. Nachher, auf Pfingstabend, redete ich mit 
einem andern Pfaffen allein; aber als ich ihm sagte, er 
sollte mir beweisen, daß Christus und seine Apostel 
mit dem Abgotte, mit Fackeln, Laternen und Schellen 
über die Straßen gegangen seien, wie sie täten, lief 
er davon. Er wollte nicht lange mit mir reden; wir 
redeten etwas von dem Nachtmahle und der Taufe; 
aber nicht lange, denn der Pfaffe ist davongelaufen, 
und ich gab ihm einige Ermahnungen, aber ich muß 
es kurz machen. Wenn du etwa sagen hörst, daß ich 
den Pfaffen Gehör geben wollte, so glaube es nicht, 
sondern sei brünstig im Gebete, denn es wird am En- 
de schon offenbar werden. Mutter, ich bitte dich, du 
wollest beiliegenden Brief, den ich an meinen Bruder 
S. in England geschrieben habe, überschicken; wenn 
etwas darin enthalten ist, das sich nicht geziemt, so 
streiche es aus; ich bitte dich, schreibe ihm meinen 
Glauben, ich hätte ihn selbst geschrieben, aber weil 
es an Papier mangelt, kann ich es nicht tun, damit 
er wissen möge, warum ich meinen Leib dem Feu- 
er übergebe, denn ich denke, es werden wohl viele 
anders schreiben, als die Wahrheit ist. Darum, liebe 
Mutter, ist es nun Zeit aufzuhören, weil das Papier 
mangelt; ich grüße dich, meine Mutter, mit einem hei- 
ligen Kusse des Friedens, wie auch alle meine lieben 
Schwestern; grüße mir auch die, wie du wohl weißt, 
auch meinen Meister, desgleichen alle Freunde und 
endlich G. nebst seiner Schwester K. Der Herr sei mit 
dir und uns allen und bewahre dich. So lebe denn 
wohl, meine geliebteste Mutter, der Herr sei mit dir, 
denn ich glaube, daß du mein Angesicht in diesem 
Leben nicht mehr sehen wirst; auch weiß ich nicht, ob 
ich mehr Gelegenheit haben werde, zu schreiben. So 
sei denn der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs mit 
euch allen, Amen. 

Von mir, deinem Sohne Hans Bret, gefangen um des 
Zeugnisses Jesu Christi willen. 


Noch ein Brief von Hans Bret, geschrieben und 

gesandt an seinen Bruder David, der außer dem 
Lande wohnte, und noch nicht zur Erkenntnis der 
Wahrheit gekommen war. 

Gnade und Frieden von Gott, unserm himmlischen 
Vater, durch seinen einigen Sohn Jesum Christum, un- 
sern Heiland und Seligmacher, wie auch den Trost 
und die Kraft des Heiligen Geistes, die uns zu ei- 
nem rechtschaffenen Glauben und zu wahrer himmli- 
scher Weisheit befördert, die rechte Wiedergeburt, die 
Furcht Gottes wünsche ich dir, meinem werten und 
herzgründlich geliebten Bruder, zu deiner Seele Heil, 
Amen. 

Mein lieber Bruder! Die Veranlassung meines 
Schreibens ist, dich wegen meiner Gefangenschaft 
zu benachrichtigen, damit du nicht denken mögest, 
daß es wegen irgend einer Uebeltat, wegen Unglau- 
bens oder Ketzerei geschehen sei, wie etwa viele böse 
Zungen vorgeben und nachsagen mögen, um dich 
dadurch zu betrüben und dein Herz zu verhärten, da- 
mit du die rechte Wahrheit nicht glauben, sondern in 
deinem Glauben bleiben mögest; denn der Satan geht 
allezeit um die Menschen herum, wie Petrus sagt, wie 
ein brüllender Löwe, und sucht, wessen Seele er ver- 
schlingen und von dem Guten abziehen möge; denn 
er ist ein Feind alles Guten und sucht demselben zu 
widerstehen. 

Aber, lieber Bruder, gieb solchen kein Gehör, denn 
solches bläst ihnen der Satan ein, sondern gehorche 
dem Worte Gottes und der rechten Wahrheit, wie Ja- 
kobus sagt, und lasse das in deine Seele gepflanzt sein, 
damit dadurch deine Seele selig werde, wodurch du 
ewig leben magst. 

Darum, mein Werter, wache doch einmal auf aus 
dem Schlafe der Sünden, dann wird dich Christus 
erleuchten, denn es ist lange genug in Sünden und 
Ungerechtigkeit gewandelt; es ist einmal Zeit die Sün- 
de zu fliehen und die Ungerechtigkeit zu meiden, da- 
mit du nicht mit allen Gottlosen gestraft werdest, die 
nicht nach dem Willen Gottes gelebt, noch der Wahr- 
heit gehorcht haben, sondern in ihren eigenen Lüsten 
gewandelt sind; sie folgen den Lüsten ihres Fleisches 
und leben, wie Paulus, Gal 5, sagt, in Hoffart, Geiz, 
Saufen, Ehebruch, Zank, Haß, Zwietracht und derglei- 
chen Werken mehr. 

Ach, lieber Bruder! laß alle dergleichen Werke bei 
dir nicht gefunden werden, denn solche, sagt Paulus, 
werden das Reich Gottes nicht ererben, indem solches 
fleischliche Leben ein Gräuel vor den Augen Gottes ist. 
So sagt auch Paulus an die Römer, Kap 8, daß solche 
fleischliche Gesinntheit eine Feindschaft wider Gott 
sei, und Gott nicht gefallen möge; denn der Sünden 



770 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Sold ist der ewige Tod, aber die Gabe Gottes ist das 
ewige Leben. 

Mein Geliebter, fliehe solche Werke, und bekehre 
dich zu dem Herrn, dann wirst du leben. Denke doch 
an die Lehre, welche Tobias seinem Sohne gab, indem 
er sagt: Mein Sohn, laß Hoffart nicht in deinem Herzen 
wohnen, noch herrschen. Auch Sirach sagt: Hoffart 
ist verhaßt bei Gott, und Hoffart ist der Anfang aller 
Sünden, und wer damit umgeht, wird umkommen 
mit viel Fluch. Darum meide alle Hoffart und alle 
Sünden, begieb dich dem Herrn zum Dienste, und 
sage allen Lüsten des Fleisches ab. 

Suche den Herrn, sagt der Prophet Jesaias, Kap. 55, 
weil Er zu finden ist; rufe Ihn an, weil Er so nahe 
ist; der Gottlose lasse ab von seinen Wegen, und der 
Ungerechte von seinen Gedanken und bekehre sich 
zu dem Herrn, dann wird Er ihm gnädig sein. 

Mein lieber Bruder, bekehre dich doch zu dem 
Herrn, weil du Zeit hast, und warte nicht mit der 
Besserung deines Lebens bis an den Tod, wie viele 
Menschen tun, indem sie sagen: Wenn sie nur eine 
Stunde Reue trügen, so sei es ihnen genug. Ach, ma- 
che solchen Aufschub nicht, und folge nicht solchem 
Rate, sondern folge Sirachs Rate, welcher sagt: Bes- 
sere dich, während du noch sündigen kannst; und 
abermals in dem fünften Kapitel: Zaudere nicht, dich 
zu dem Herrn zu bekehren, und schiebe es nicht von 
einem Tage zum andern auf, denn sein Zorn kommt 
plötzlich; darum kann man keine Zeit setzen, denn 
wir sind nicht eine Stunde versichert, und Niemand 
weiß, wie lange er leben wird. 

Darum denke doch an die Worte Christi, wo Er 
sagt, daß Er kommen werde, wie ein Dieb in der 
Nacht; wenn nun der Hausvater wüßte, in welcher 
Stunde der Dieb kommen würde, er würde wachen 
und sein Haus nicht durchgraben lassen. Wir haben 
weder Stunde noch Zeit, darum wache allezeit mit 
den klugen Jungfrauen, die nicht schlafend gefunden 
wurden, als der Bräutigam kam. Willst du nun mit 
dem Bräutigam zur Hochzeit eingehen, wie die klu- 
gen Jungfrauen taten, so tue alles von dir (wie der 
Prophet Jesaias, Kap. 1, sagt), was böse ist, dann wird 
der Herr dein Gott sein, und du wirst sein Sohn sein. 

Mein geliebtester Bruder, liebe doch das Gute, dann 
wird es dir wohl gehen; fürchte doch den Herrn von 
ganzem Herzen, dann wird deine Seele im Guten woh- 
nen und dein Same wird das Land besitzen; denn der 
Prophet David sagt: Die Augen des Herrn sehen auf 
die, die Ihn fürchten und auf seine Güte warten, und 
Er wird ihre Seelen vom Tode erlösen, denn die Furcht 
Gottes ist der Weisheit Anfang. 

Darum habe Gott allezeit vor Augen in deinem Tun, 
dann wird es dir glücken; habe allezeit das Gute lieb. 


und hasse das Arge, damit der Herr bei dir sein möge, 
wie du dich rühmst, sagt der Prophet Arnos im fünf- 
ten Kapitel. Folge doch dem Rate Paulus, Rom 12,21, 
wenn er sagt: Ueberwinde das Böse mit dem Guten. 
Ach, dann wird es dir wohl gehen, und du wirst in 
deiner Seele Ruhe finden. Laß den wahren Glauben in 
dir einmal lebendig erfunden werden, welcher durch 
die Liebe wirkt, welcher schon so lange in dir nicht 
viel Früchte hervorgebracht hat. Darum ist es nun 
Zeit, einmal aufzuwachen und Christum zu suchen, 
durch welchen du leben und zur rechten Türe in den 
Schafstall eingehen wirst. 

So gehorche dann der Stimme Christi, welche sagt: 
Willst du zum ewigen Leben eingehen, so halte die Ge- 
bote. Merke doch wohl darauf, daß es des Herrn Wille 
sei, daß man sein Wort und seine Wahrheit beleben 
soll, und daß man es nicht wie viele Menschen ma- 
chen soll, die zwar Gottes Wort im Munde haben und 
hören, aber nicht darnach leben, und es zu einem Oh- 
re eingehen und es zum andern wieder hinausgehen 
lassen; die recht gut wissen, daß man die Sünde und 
Ungerechtigkeit scheuen und meiden müsse, aber sie 
haben es kaum gehört, so gehen sie in der Sünde fort, 
in Saufen, in Ehebruch, in Tauschen und Spielen; ja 
sollten sie einmal das Testament oder die Bibel in die 
Hand nehmen, um zu lesen und ihre Zeit in der Gott- 
seligkeit zuzubringen, das wäre ihnen viel zu viel; 
sondern sie folgen ihren eigenen Lüsten, nämlich den 
Lüsten ihres Vaters, des Teufels, denn der hat einen 
Wohlgefallen an dergleichen Werken, indem Johan- 
nes sagt: Wer Sünde tut, der ist vom Teufel, denn der 
Teufel hat gesündigt von Anfang her. Darum, lieber 
Bruder, habe keine Gemeinschaft mit solchen Men- 
schen, sondern suche solche, die den Herrn fürchten, 
und nach seinem Worte leben und dasselbe bewahren, 
denn Christus sagt: Selig sind die, die Gottes Wort 
hören und bewahren. So kannst du denn merken, daß 
die selig seien, die Gottes Wort bewahren und sich 
darnach richten; denn Christus sagt, Matth. 7, daß Er 
zu allen, die sein Wort nicht gehalten noch darnach 
gelebt haben, sagen werde: Gehet von mir, ihr Uebel- 
täter, ich kenne euch nicht. Ach, Bruder! siehe wohl 
zu, daß du solche Stimme nicht hören mögest, son- 
dern daß du die freudige Stimme mit allen Frommen 
Gottes hören mögest, die nach des Herrn Wort gelebt 
haben: Kommt her, ihr Gesegneten, ererbet das Reich 
meines Vaters, das euch von Anfang der Welt berei- 
tet ist. Welche Freude wird es für die Frommen sein, 
die in der Furcht Gottes gewandelt sind, so etwas zu 
hören! 

Mein Bruder, gehorche dem Worte des Herrn, damit 
wir dort Zusammenkommen mögen und die freudige 
Stimme hören, wie ich denn den Herrn darum bitte. 



771 


daß Er es uns verleihen wolle durch seinen einigen 
Sohn Jesum Christum, Amen. 

Bruder, ich muß aufhören, denn es mangelt mir 
an Papier; darum halte mir dieses geringe Schreiben 
zu gut, denn ich habe es aus Liebe geschrieben, und 
überlege es wohl; es ist nicht mein Wort, sondern des 
Herrn Wort, denn sein Mund hat es geredet, Amen. 

Die Ursache meiner Gefangenschaft werde ich dir, 
lieber Bruder, erklären, damit du dich nicht betrüben, 
sondern dich erfreuen und dem Herrn dafür danken 
mögest. Ich danke dem Herrn, daß Er mir die dun- 
keln Augen geöffnet und mich mit den Augen seiner 
Barmherzigkeit angesehen hat, als ich mit Sünden be- 
deckt war, und sonst nichts erwartete als den ewigen 
Tod und die ewige Verdammnis, ja ich war ohne Gott 
in der Welt, und lebte in unzähligen Sünden, die vor 
Gottes Augen ein Gräuel waren, so daß, wenn Gott 
mit mir ins Gericht ginge, ich vor seinen Augen nicht 
bestehen könnte, sondern wegen meiner unzähligen 
Sünden wie Staub vor dem Winde vergehen müßte. 
Der Herr aber hat durch seine unaussprechliche Liebe 
mir armen Menschen sein Wort aus Gnaden durch 
seine Diener verkündigen lassen, von seinem Sohne 
Christo Jesu, daß der, welcher an Ihn glaubt, das ewi- 
ge Leben haben sollte. Da hörte ich, daß kein anderes 
Mittel wäre, die Seligkeit zu erlangen, als durch sei- 
nen Sohn Christum Jesum, der für unsere Sünden den 
Tod erlitten und sein Blut vergossen hat, damit Er 
unsere Ungerechtigkeit abwaschen möge, wie Johan- 
nes sagt, daß uns das Blut Christi von allen unsern 
Sünden säubere und reinige. Und als ich die Worte 
Christi hörte: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig 
und beladen seid, ich will euch erquicken, so habe 
ich armer Mensch, mit Sünden und unzähligen Bos- 
heiten beladen, mich vor Christo beklagt und meine 
Sünden beweint; da hat Er mir sie durch sein ausge- 
gossenes Blut vergeben und erlassen, als ich sie vor 
Ihm bekannte. 

Darum habe ich, lieber Bruder, von Tag zu Tag nach 
meinem Vermögen, die Sünde abgelegt, und habe den 
engen Weg, zu betreten und zu bewandeln gesucht, 
habe mich auch von der bösen, verkehrten Welt abge- 
sondert und Christo zu gefallen gesucht, jedoch nicht 
so, wie ich wohl wollte, denn ich fühle allezeit den 
Geist wider das Fleisch streiten, wie Paulus sagt Gal. 5 
und Hiob sagt, daß des Menschen Leben auf Erden 
nichts anders sei, als ein beständiger Streit. Darum, 
lieber Bruder, habe ich dem Herrn und nicht der Welt 
zu gefallen gesucht; solches hat der Feind nicht län- 
ger ertragen können, denn er haßt alles Gute, und 
kann das Gute nicht länger leiden, sondern sucht es 
zu dämpfen, welcher auch seine Macht an mir bewie- 
sen hat, und sie noch zu beweisen sucht, wiewohl er 


nicht mehr hat tun können, als ihm der Herr zuläßt, 
ja wenn er alles getan hat, so kann er nur den Leib 
töten, aber an der Seele hat er keine Macht, denn der 
Herr giebt uns Stärke durch seinen Heiligen Geist, 
allem solchem zu widerstehen. Darum, lieber Bru- 
der, ist meine Gefangenschaft nicht wegen einer Ue- 
beltat herbeigeführt, sondern nur der Wahrheit und 
der Bekenntnis des heiligen Wortes des Herrn willen. 
So freue dich denn darüber, daß mich der Herr wür- 
dig achtet, um seines Namens willen zu leiden, und 
meinen Leib zum Preise seines heiligen Namens auf- 
zuopfern. Bedenke, daß es allen Frommen Gottes so 
ergangen sei, von Anfang der Welt her bis auf diesen 
Tag. Darum, mein Bruder, sei doch mit dem Werke 
des Herrn zufrieden, denn ebenso ist es Christo, un- 
serm Herzoge, ergangen. Haben sie aber dem Herrn 
so getan, wie will es dann mit seinen Nachfolgern ge- 
hen? denn Christus sagt: Der Knecht ist nicht mehr als 
der Herr; noch der Bote mehr, als der, der ihn gesandt 
hat. Darum hoffe ich nun durch die Gnade des Herrn, 
daß Er durch seinen Heiligen Geist mir Stärke geben 
werde, sein Wort und seine Wahrheit zu bekennen, so 
lange ein Atem in mir ist, wie ich denn auch bis auf 
diese Stunde getan habe, so daß ich nun nichts anders 
erwarte, als mein Urteil, nämlich an einen Pfahl auf 
dem Markt gestellt und dort verbrannt zu werden. 
Hiermit tröste dich, und danke dem Herrn dafür, daß 
Er mich würdig erkannt hat, um seines Namens wil- 
len zu leiden. So habe ich denn nun in der Kürze die 
Veranlassung zu meiner Gefangenschaft beschrieben, 
damit du dich desto besser damit trösten, und nicht 
einem jeden Lästermaule Gehör geben oder glauben 
mögest, wie ich denn hoffe, daß dir die Mutter schrei- 
ben werde. Ist es anders möglich, und ich kann Papier 
erlangen, so hoffe ich meinen Glauben aufzuschrei- 
ben, und sollte ich es nicht tun, so hoffe ich, daß die 
Mutter dir schreiben werde, damit du dich nicht be- 
trüben mögest, als ob ich im Unglauben gestorben 
wäre, wie der Satan solches wohl vorgeben dürfte, 
und wie dir auch vielleicht geschrieben worden ist; 
aber ich bitte dich, gieb ihm kein Gehör, glaube es 
auch nicht, denn es ist die rechte Wahrheit und der 
rechte Glaube au Christum Jesum wofür ich leide, 
indem es Christus mit seinen Aposteln gelehrt hat; 
hierüber sagt auch Paulus: Wenn auch ein Engel vom 
Himmel käme, der euch anders lehrte, als ich gelehrt 
habe, der sei verflucht. Nun denn, lieber Bruder, ich 
sollte dir wohl mehr schreiben, aber ich habe nun 
kein Papier mehr; gehabe dich wohl; der Herr sei mit 
dir, ich grüße dich, lieber Bruder, mit einem heiligen 
Kusse, denn ich glaube, daß du mein Angesicht nicht 
mehr sehen werdest. 

Von mir, deinem Bruder, Hans Bret, der um des 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Zeugnisses Gottes, um des Herrn heiligen Wortes und 
der Wahrheit willen, gefangen sitzt. 

Noch ein Brief von Hans Bret, geschrieben an 
seine geliebte Mutter, den 19. Juli 1576. 

Die unaussprechliche Gnade, Frieden und Barmher- 
zigkeit Gottes, unseres himmlischen Vaters, der ein 
Vater voller Gnade und Wahrheit ist, durch das bittere 
Leiden und Sterben unseres einigen Heilandes und 
Seligmachers Christi Jesu, der uns von allen unsern 
Sünden und Ungerechtigkeiten abgewaschen und ge- 
reinigt hat, wie auch die Kraft des Heiligen Geistes, 
zur Vermehrung deines Glaubens und um allen Fein- 
den der Wahrheit zu widerstehen, wünsche ich dir, 
meine liebe herzgründliche Mutter, zum Heile deiner 
Seele, Amen. 

Meine geliebteste Mutter, die ich von Herzen lie- 
be, meine auserwählte Mutter, die mich mit Pein und 
Schmerzen geboren hat, von welcher ich hergekom- 
men bin, ich, dein Sohn, der ich gegenwärtig um des 
Wortes der Wahrheit willen zu Antwerpen auf dem 
Steine gefangen und geschlossen bin, empfehle mich 
dir aus dem Grunde meines Herzens und danke dir, 
meine liebe Mutter, für die große Wohltat, die du an 
mir, von meiner Geburt an, bis auf diese Stunde bewie- 
sen und daß du für meinen Unterhalt Sorge getragen 
hast und noch Sorge für mich trägst; insbesondere 
danke ich dir, meine geliebteste Mutter, daß du für 
meiner Seele Seligkeit Sorge trägst, wie ich aus dem 
tröstlichen Briefe ersehe, den du an mich geschrieben 
hast. 

Ach, als ich den Brief zu lesen anfing und bemerkte, 
daß er von dir war, meine Mutter, da überfielen mich 
die Tränen, so daß ich, um der vielen Tränen willen, 
die aus meinen Augen flössen, den Brief kaum lesen 
konnte, denn ich meinte, ich würde von dir keine 
Nachricht mehr erhalten; ich war durch deine tröst- 
liche Unterweisung sehr erfreut, und weil du dem 
Exempel Tobias nachgefolgt bist, der seinem Sohne 
auch eine Unterweisung gab. 

Ach, ich danke, ja ich danke dir, meine liebe Mut- 
ter, daß du mich so zur Standhaftigkeit und Freimü- 
tigkeit, den Namen Christi zu bekennen, ermahnst, 
was ich mit des Herrn Hülfe zu tun hoffe, der allein 
mein Helfer und meine Stärke ist, um den Gewaltigen 
und Fürsten dieser Welt, den Geistern der Luft, wie 
Paulus sagt, ja diesen Isabelspriestern zu widerste- 
hen, die nach dem Blute der Frommen dürsten, die in 
den Wegen des Herrn wandeln, die nach Gottes Wort 
den engen Weg zu betreten und ihr eigenes Leben zu 
verlassen suchen, wie auch die Sünde, die Ungerech- 
tigkeiten und die fleischlichen Lüste, und die dem 


Herrn, nach dem Willen Gottes, in Gerechtigkeit und 
in Heiligkeit, zu gefallen suchen. 

Diese werden verschmäht, verachtet und verfolgt, 
ja gefangen, ihr Loos ist, getötet zu werden, weil sie 
auf solche Weise auf dem Wege zu wandeln suchen, 
daß sie dem Herrn gefallen mögen; darum sagt auch 
Esdras: Der Weg ist eng, und kann ohne Gefahr nicht 
bewandelt werden. Dieses sollen wir wohl überlegen. 

Sieh, es waren zwei Brüder in der Welt, nämlich 
Kain und Abel; Abel suchte den engen Weg zu bewan- 
deln und dem Herrn mit seinem Opfer zu gefallen, 
was der Herr ansah und Ihm wohlgefiel, weil er, samt 
seinem Opfer, gut war. Kain opferte dem Herrn, aber 
sein Opfer gefiel dem Herrn nicht (weil er böse war); 
darum sah der Herr sein Opfer nicht an; da ward Kain 
zornig über seinen Bruder Abel, und tötete ihn. 

Denke an Lot in Sodom, wie sie sein Haus durch ih- 
re Bosheit überfielen, und mit den Engeln, die in sein 
Haus eingegangen, Buhlerei treiben wollten; ebenso 
musste Abraham sein Vaterland verlassen und in ei- 
nem fremden Land wohnen, in welchem er ein Fremd- 
ling war, und in Hütten wohnen musste. Betrachte 
auch Isaak, der auf den Wegen seines Vaters Abra- 
hams wandelte und dem Herrn diente; er ward von 
den Philistern gehasst, denn sie verstopften den Brun- 
nen, den sein Vater Abraham gegraben hatte; ja, sogar 
das genügte ihnen nicht, sondern der König Abime- 
lech befahl, daß er seine Wohnung verlassen müsste. 

Jakob wurde von seinem Bruder Esau gehasst und 
verfolgt, welcher ihn zu töten suchte. 

Joseph ward von seinen Brüdern in die Grube ge- 
worfen, und den Ismaeliten verkauft, welcher auch 
lieber der Frau des Hofmeisters entfliehen und seinen 
Mantel zurücklassen, als ihre Begierde befriedigen 
wollte. 

Also auch, liebe Mutter, will ich lieber mein Leben 
lassen, als nach ihrem Befehl handeln. Die Kinder Is- 
rael haben auch viel Leiden gehabt; sollte ich alles 
erzählen, was noch an allen Propheten Gottes gesche- 
hen ist, so möchte das Papier nicht ausreichen. Solche 
und dergleichen Exempel, nämlich von Christo, dem 
Herzog des Glaubens, wie Er in diesem Leben verfolgt 
worden ist, stärken mich; ja. Er war kaum geboren, 
so musste seine Mutter Maria mit Ihm flüchten; Sie 
hat Ihn in der Armut auferzogen, ja. Er selbst war 
arm, denn Er spricht: Die Vögel des Himmels haben 
Nester, und die Füchse Höhlen, aber des Menschen 
Sohn hat nicht, wohin er sein Haupt lege. Sieh, wie 
es weiter mit Ihm ergangen, sie haben Ihn gekreuzigt, 
seine Füße und Hände durchbohrt; man tränkte Ihn 
mit Essig und Galle und durchstach Ihm seine Seite 
mit einem Speer, woraus Blut und Wasser geflossen 
ist. 



773 


Merke darauf, so ist es unserem Hauptmann Chri- 
sto Jesu ergangen, auf solche Weise hat Er seine Ta- 
ge in Armut und Schmach geendigt; Er ist gegeißelt, 
geschlagen, verspottet, mit einer Dornenkrone auf 
seinem Haupt gekrönt worden. Ach, ich kann sein 
Leiden nicht genug erzählen, was Er um uns arme 
Menschen ertragen hat, um uns selig zu machen! Die- 
se Pharisäer aber schämen sich nicht. Ihm seine Ehre 
zu nehmen, und sagen, daß wir durch die Taufe selig 
werden, denn der Herr Christus heiligt und reinigt 
von den Sünden. Ach, wie bin ich betrübt, wenn ich 
das höre! der Herr vergebe es ihnen, ja, wäre Christus 
selbst da, sie würden Ihn auch noch töten. 

So haben wir denn ein Exempel an unserem Haupt- 
mann Christus, ja, an seinen lieben Aposteln; Paulus 
hat auch vieles um des Namens Christi willen erlitten; 
bedenke, wie viele ihrer noch nach Christi und der 
Apostel Zeiten bis auf diesen heutigen Tag gelitten 
haben. 

Weil denn nun, meine geliebte Mutter, so viele ge- 
litten haben, und wir, wie Paulus sagt, einen Haufen 
von Zeugen um uns haben, so sage ich mit Paulus: Ich 
freue mich in meinem Leiden, daß ich um Christi wil- 
len leide. Darüber freue dich denn auch, daß Christus 
mich, deinen Sohn, den du geboren hast, einen armen, 
unwürdigen Menschen, würdig achtet, um seines hei- 
ligen Namens willen zu leiden; deshalb verlangt mich, 
von diesem Fleisch erlöst und bei Christo zu sein, an 
den ich jetzt glaube, wiewohl ich Ihn nicht sehe; aber 
dann werde ich Ihn anschauen und die Freude genie- 
ßen, die in keines Menschen Herz gekommen ist und 
keine Zunge aussprechen kann, die große Freude, die 
den Frommen bereitet ist; sie werden mit weißer Seide 
angetan werden, sie werden mit der Krone des ewigen 
Lebens gekrönt werden, sie werden auf dem Berge 
Zion sitzen und das neue Lied singen, sodass ich mit 
David sagen kann: Ein Tag bei dem Herrn ist besser, 
als hier tausend Tage in Freuden und Ergötzlichkeit. 

Ach, liebe Mutter, wer wollte hier wohl noch gerne 
sein, da doch solche Freude für die Frommen bereitet 
ist, die ewig währen soll! Da wird uns weder hungern 
noch dürsten, da werden wir weder Hitze noch Kälte 
fühlen, sodass ich mit Paulus sagen kann: Ich halte 
dafür, daß dieser Zeit Leiden der Herrlichkeit nicht 
wert sei, die an uns offenbart werden soll. 

Nim denn, geliebte Mutter, wenn ich dieses betrach- 
te, so darf es mich nicht befremden, daß ich um des 
Namens Christi, um seines Wortes und seiner Wahr- 
heit willen leide, weil alle Frommen Gottes von An- 
fang der Welt her gelitten haben. Darum sagt Petrus: 
Lasst es euch nicht fremd dünken, als ob euch etwas 
Neues geschehe, wenn ihr durchs Feuer geprüft wer- 
det, nämlich: Durch Trübsal, Leiden und Verfolgung, 


denn der Prophet David sagt: Der Gerechte muss viel 
leiden, aber der Herr hilft ihm aus aller Not. Paulus 
sagt auch recht, wenn er spricht, daß wir durch viel 
Leiden und Trübsal ins Reich der Himmel eingehen 
müssen. 

Erwäge, meine liebe Mutter, welche Vertröstungen 
wir haben, damit, wenn es dem Herrn gefiele, unsern 
Glauben zu prüfen, wir in der Prüfung nicht betrübt 
sein möchten, denn Er sagt: Uns ist es gegeben nicht 
allein an Christum zu glauben, sondern auch um sei- 
netwillen zu leiden. Paulus, ein guter Sorgeträger für 
die Herde Christi, hat es denen nicht verhehlen wol- 
len, die nach Christi Wegen wandeln und den engen 
Weg betreten wollten, der von Wenigen betreten wird, 
daß sie Verfolgung leiden müssten, damit, wenn Lei- 
den, Trübsal, Verfolgung oder Schmach kommt, es 
uns nicht befremden möge. 

Darum sagt auch Christus: In der Welt habt ihr 
Angst. Er tröstet auch seine Jünger, daß sie in Trübsal 
nicht betrübt sein sollten, und sagt: Seid getrost, ich 
habe die Welt überwunden. Er lehrt seine Jünger, daß 
sie Trübsal oder Schmach nicht fürchten sollten, denn 
wenn sie alles getan haben, nämlich die Mächtigen 
dieser Welt, so können sie nur den Leib töten, die Seele 
aber können sie nicht beschädigen. Aber Er lehrt uns, 
wen wir fürchten sollen, nämlich den, der Macht hat, 
Seele und Leib in das ewige Feuer zu werfen, das ewig 
brennt, wo Heulen und Zähneklappern sein wird. 

Ach, wie betrübt werden alsdann diejenigen sein, 
die die Könige und Fürsten dieser Welt mehr gefürch- 
tet haben als den Herrn, der ein Herr aller Herren, 
ein Gott der Götter und ein König der Könige ist, wie 
David sagt, der das Herz der Könige und Fürsten 
dieser Welt machen und wie Scherben zertrümmern 
kann; warum sollten wir uns denn fürchten? denn der 
Herr spricht bei dem Propheten Zacharias: Wer euch 
antastet, der tastet meinen Augapfel an. 

Betrachte, was Christus sagt: Wer euch verschmäht 
oder verachtet, der verachtet mich, und wer mich ver- 
achtet, der verachtet den der mich gesandt hat. Auch 
sagt Christus: Selig ist, wer um meinetwillen verachtet 
wird, denn sein Lohn ist groß in den Himmeln. 

So tröste dich denn, meine geliebte Mutter, mit die- 
sen und dergleichen Worten Christi und freue dich 
mit mir; danke dem Herrn und lobe Ihn, daß du wür- 
dig bist um seines Namens willen verfolgt zu werden; 
folge dem Rate Paulus, sei geduldig in Trübsal, anhal- 
tend im Gebet. 

Denke an den Trost Mose, womit er die Kinder Is- 
raels tröstete und sagte: Seid getrost und unverzagt; 
fürchtet euch nicht und lasst euch nicht vor ihnen 
grauen, denn der Herr wird selbst mit dir wandeln 
und wird die Hand nicht von dir abtun. 



774 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Darum, meine Mutter, sind unserer Feinde auch vie- 
le und bin ich auch hier mitten in der Feinde Hand, so 
will ich doch mit dem Propheten David sagen: Herr, 
nun Du bei mir bist und mein Helfer bist, so fürchte 
ich mich nicht, wenn auch Tausend um mich wären. 
Ferner mit dem Propheten David: Der Herr ist mein 
Licht und Heil, vor wem sollte ich mich fürchten? Der 
Herr ist meines Lebens Kraft, vor dem sollte ich er- 
schrecken oder mich fürchten? Und wenn mich auch 
der Tod überfiele, so fürchte ich mich nicht, denn der 
Herr ist bei mir ewig, daß Er mich stärke; ferner: Er 
ist mein Bollwerk; ich fürchte mich nicht und wenn 
auch die Erde zusammenstürzte und die Berge mitten 
ins Meer fielen. 

Darum, meine liebe Mutter, dringe mit mir mit Ge- 
walt durch die enge Pforte; das ist, durch Leiden und 
Verfolgung, denn Christus sagt: Das Himmelreich lei- 
det Gewalt und die Ihm Gewalt antun, reißen es zu 
sich; ich hoffe es auch mit Gewalt einzunehmen durch 
die Stärke, die mir der Herr verleiht, der Grausam- 
keit dieser grausamen Löwen zu widerstehen, die mit 
dem Blut der Frommen nicht zufrieden sind, sondern 
durch ihre listigen Worte und Schmeicheleien, ja, mit 
Lügen (nach dem Rate ihres Vaters, des Teufels, wie 
Christus sagt: Denn er ist ein Lügner und Betrüger 
von Anfang der Welt) ihre Seelen zu verschlingen und 
zu verderben und sie ihres Erbteils, nämlich des ewi- 
gen Lebens, zu berauben suchen, welches sie durch 
das vergossene Blut Christi, unseres eigenen Heilan- 
des und Seligmachers erlangen. Aber dem Herrn sei 
ewiges Lob und Dank, daß Er uns bewahrt und be- 
freit, daß sie unsere Seelen nicht beschädigen können, 
denn wenn sie alles getan haben, was sie können, so 
haben sie nicht mehr Macht, als das zeitliche Leben 
zu nehmen, welches ich gerne um Christi willen lasse, 
denn ich weiß und bezweifle nicht, daß mir der Herr 
ein besseres geben werde, welches Er allen Frommen 
verheißt, die sich nicht geschämt haben, sein Wort 
und seine Wahrheit vor diesem ehebrecherischen Ge- 
schlecht zu bekennen. Darum sagt Christus: Wer sein 
Leben um meinetwillen verliert, der wird es wieder 
finden, nicht ein vergängliches Leben, sondern, das 
ewig währen wird; ein unvergängliches Leben, ein 
Leben, das in ewigen Freuden bestehen wird. Dar- 
um, meine liebe Mutter, verlangt meine Seele nach 
solchem Leben; sollte auch Fleisch und Blut an ei- 
nem Pfahl bleiben, so achte ich es nicht (ehe ich mich 
meines Erbteils, nämlich des ewigen Lebens, um ein 
wenig zeitliches Leben berauben lassen sollte). O nein! 
das sei fern, denn ich achte nicht das Sichtbare, son- 
dern das Unsichtbare, das ewig Unvergängliche. Ach, 
meine auserwählte Mutter, denke nicht, daß etwas 
sei, das mir meine Seligkeit rauben werde, denn Pau- 


lus sagt: Wer will uns scheiden von der Liebe Gottes? 
Weder Hölle, Teufel noch Tod, Christus hat alles über- 
wunden, sodass ich sagen kann: O Hölle! wo ist dein 
Sieg? O Tod! Wo ist dein Stachel? Christus hat den 
Tod überwunden, Christus hat dem Satan den Kopf 
zertreten, sodass er nur in die Fersen beißen kann, 
welches er denn auch tut; aber es ist nichts. Wer will, 
sagt Paulus, die Auserwählten Gottes beschuldigen? 
Gott ist hier, der gerecht macht, wer will verdammen; 
Christus ist hier, der gestorben ist. 

So sei denn, meine liebe Mutter, mit mir und allen 
Frommen Gottes (wie Paulus sagt) mit dem Harnisch 
Gottes an deinem Leib gewappnet, und habe den 
Helm des Heils auf deinem Haupt und das Schwert 
des Geistes in deiner Hand; vor allen Dingen aber 
ergreife den Schild des Glaubens, womit du alle feu- 
rigen Pfeile des Bösewichts auslöschen kannst, denn 
der Prophet sagt: Habe guten Mut; du wirst zuletzt 
dem Teufel auf seine Schultern treten. 

Darum, meine Mutter, wenn du etwas anders von 
mir als die Wahrheit hören solltest (denn der Teufel 
ist listig, und geht mit vielen Lügen um, um die From- 
men zu betrüben), so gib ihm kein Gehör, wie ich denn 
auch das Vertrauen zu dir habe, daß du tun werdest, 
denn mein Gemüt ist unverändert, wofür ich dem 
lebendigen Gott danke, dem Gott Abrahams, Isaaks 
und Jakobs, sein Name sei gelobt von Ewigkeit zu 
Ewigkeit durch seinen einigen Sohn Christum Jesum, 
unsern Seligmacher, der mich imwürdigen, verach- 
teten Menschen, mit seinem Heiligen Geist stärkt, al- 
len Feinden der Wahrheit zu widerstehen, die mich 
meiner Seligkeit zu berauben suchen, wozu sie doch 
keine Macht haben, denn der Herr ist meine Stärke, 
wie der Prophet sagt: Er ist mein Psalm, ich werde mit 
Freuden Wasser aus dem Brunnen des Seligmachers 
schöpfen; auch sagt der Herr durch den Propheten 
Jesaja: Ich bin der Herr, dein Gott, der deine rechte 
Hand stärkt und zu dir spricht: Fürchte dich nicht, ich 
helfe dir, spricht der Herr, dein Erlöser. So fürchte dich 
denn nicht, du Würmlein Jakob, ihr armer Haufen Is- 
rael; ich helfe dir, spricht der Herr, vor wem sollten 
wir uns denn fürchten, denn der Herr hat es gesagt. 

Darum fasse Mut mit mir, meine Mutter, um mit 
Josua und Kaleb die großen starken Riesen, die Fürs- 
ten dieser Welt zu überwinden, und nicht zu fürchten, 
und so das Land der Verheißung, das Reich der Him- 
mel, einzunehmen. Vor wem sollte ich mich fürchten, 
da wir solche herrlichen Vertröstungen haben, daß 
diejenigen, welche sich auf den Herrn verlassen, nicht 
zu Schanden werden sollen? denn der Prophet sagt, 
daß der Herr den Frommen nicht verlassen werde bis 
in den Tod; ja, der Herr spricht durch den Prophe- 
ten Jesaja: Mag auch ein Weib ihres Kindes vergessen. 



775 


daß sie sich nicht über die Frucht ihres Leibes erbar- 
me, und wenn sie es täte, so will ich doch deiner nicht 
vergessen, denn in diese meine Hände habe ich dich 
gezeichnet, spricht der Herr. Bedenke ferner, wie der 
Herr bei dem Propheten Maleachi redet, wenn er sagt: 
Der Herr hat einen Denkzettel, worin Er alle gezeich- 
net hat, die Ihn fürchten, und Er wird ihre Seelen vom 
Tode erlösen. Wohl dann denen, die den Herrn ge- 
fürchtet haben, denn David sagt: Selig ist der Mann, 
der den Herrn fürchtet; die sich nicht geschämt haben, 
in den Wegen des Herrn zu wandeln, deren Namen 
sind im Himmel in das Buch des Lebens geschrieben. 
Darum freue dich mit mir, meine Mutter; ich wollte 
dir wohl noch etwas schreiben, daß du allezeit in den 
Wegen des Herrn wandeln wollest, von denselben 
nimmermehr abzuweichen, und viele zur Erkennt- 
nis der Wahrheit zu bringen; aber es mangelt mir an 
Papier. Ich bitte dich, meine liebe und werte Mutter, 
nimm dieses geringe schlichte Schreiben von mir zum 
Besten auf, denn ich schreibe dir aus Liebe, und teile 
dir von der kleinen Gabe mit, die der Herr durch seine 
unaussprechliche Gnade mir unwürdigem Menschen 
gegeben hat. 

Ferner schreibst du mir in deinem trostreichen Brief, 
ob ich an meinem Unterhalt Mangel hätte. Ach nein, 
ich habe genug, dem Herrn sei gedankt. Du schreibst 
auch in deinem Brief, ich sollte es schreiben, wenn 
ich deiner begehrte, du wolltest kommen, und solltest 
du es auch mit deinem Blut bezahlen müssen. Ach, 
meine liebe Mutter, wie sollte ich das begehren; das 
begehre ich nimmermehr, denn du kannst mir nicht 
helfen; meine Zuflucht ist allein zu dem Herrn, Er ist 
mein Helfer, Er gibt mir Stärke zu siegen und tapfer 
in den Streit zu gehen. Darum, meine Mutter, wandle 
doch vorsichtig, denn sie sind grausam das unschul- 
dige Blut zu vergießen, aber sie können nicht mehr 
tun, als ihnen der Herr zulässt. Sollte ich mehr da- 
von schreiben, mein Papier würde nicht ausreichen, 
denn ich beabsichtige dir noch zu erzählen, daß ich 
noch zweimal vor den Pfaffen gewesen bin, nachdem 
ich den Brief für dich geschrieben hatte, sodass ich 
in allem vier Mal vor ihnen gewesen bin; über die 
beiden ersten Male habe ich dir ein wenig geschrie- 
ben, und über die beiden letzten Male werde ich dir 
jetzt ein wenig schreiben. Das dritte Mal habe ich mit 
dem Chordiacon geredet, am meisten aber gegen den 
Ketzermeister, denn er will doch Meister sein; er heißt 
Pardo; wir redeten viel vom Nachtmahl; es war auch 
der neuangestellte Schultheiß dabei, und ein Mann, 
der englisch reden konnte. Ich hörte Pardo unterdes- 
sen zu, wie er vom Nachtmahl redete, was gegen das 
Wort des Herrn war; er fragte mich, ob dem nicht so 
wäre, daß Christus den Aposteln seinen eigenen Leib 


gegeben hätte und daß sie denselben gegessen hätten. 
Ich erwiderte: Er gab seinen Jüngern Brot, und was 
sie aßen, war Brot; und er gab seinen Jüngern Wein, 
und was sie tranken, war Wein, und nicht verändert, 
wie du sagst. 

Ich bedeutete es ihnen, wie beides, nämlich das Brot 
und der Wein, zu verstehen sei; ich wollte es dir wohl 
erzählen, aber es würde mir an Papier mangeln. Da 
redeten wir von der Kindertaufe. Ich sagte, er sollte 
es mir mit der Schrift beweisen, daß Christus gelehrt 
habe, die Kinder zu taufen, und daß die Apostel dem 
nachgekommen seien und es getan hätten. Sie sagten: 
Christus hat es gesagt und gelehrt, Joh 3: Wer nicht 
wiedergeboren ist aus Wasser und Geist, der kann 
nicht ins Reich Gottes kommen. Ich sagte: Christus 
redete an dieser Stelle nicht von der Wassertaufe, son- 
dern er lehrt von der Taufe, Mt 28 und Mk 16, und ich 
erzählte ihnen den Text. 

Darauf sagte der Mann: Ein Narr kann nicht glau- 
ben, darum kann man ihn auch nicht taufen, deshalb 
ist er verdammt. 

Ich sagte: Christus sagt nicht, geht hin und lehrt 
Narren; ich fragte dich, fuhr ich fort, kann man auch 
einen Narren lehren? Er antwortete mit Nein und frag- 
te mich, ob der Narr verdammt wäre. Ich erwiderte: 
Ich darf niemanden richten, ich überlasse den Narren 
des Herrn Händen. Um es aber kurz zu machen, so 
fragte mich der Mann, ob ich wohl in England gewe- 
sen wäre. Ich bejahte die Frage. Was waren da, fragte 
er, für Menschen, die getötet wurden? Ich äußerte, sie 
seien von des Menno Volk gewesen. Er sagte, nein, 
und setzte hinzu, daß es Puritaner gewesen seien. Ich 
erwiderte: Nein. Er sagte, ich wäre auch von demsel- 
ben Volk, ich wäre auch ein Puritaner. Ich antwortete, 
daß ich sie nicht kenne, es wäre das erste Mal, daß 
ich davon höre. Hiernächst sagte ich ihm, er sollte mir 
sagen, was es für ein Volk wäre, und was es für ein 
Glaube wäre, den sie haben, aber er wollte mir das 
nicht sagen. Sie redeten noch manches, aber es würde 
zu weitläufig sein, es alles zu erzählen. 

Das letzte Mal, den 13. Juli, habe ich mit vier Pfaffen 
zugleich geredet, aber nicht so viel, wie zu andern Zei- 
ten. Man fragte mich, ob ich mich nicht bessern wollte. 
Ich antwortete: Ja, ich begehre von Tag zu Tag von 
Sünden abzustehen. Nein, ob ich den geistlichen Män- 
nern und der römisch-katholischen Kirche nicht ge- 
horchen wollte. Ich erwiderte: Ich danke dem Herrn, 
der mich unterrichtet, mir die Augen geöffnet und 
mich auf den rechten Weg gebracht hat, darum begeh- 
re ich von Ihm noch wohl unterrichtet zu werden. 

Dann setzten sie eine Schrift auf, sie wollten mich 
den Herren übergeben, daß ich ein hartnäckiger Ket- 
zer wäre, und daß ich ihnen nicht gehorchen wollte; 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


sie schrieben auch, daß sie ihr Bestes getan hätten, 
sodass sie nicht mehr mit mir reden wollten. So bin 
ich denn nun der Pfaffen entübrigt und der Obrig- 
keit überantwortet, und erwarte mein Urteil den 22. 
Juni zu hören und mein Opfer den 28. zu tun. Der 
Herr wolle mich bis ans Ende stärken. Ihm zum Preis 
und zum Heil meiner Seele. Der Herr gebe mir den 
Geist der Freimütigkeit, damit ich meinen Streit mit 
Freuden vollenden möge. 

So bleibe denn, meine liebe Mutter, bei dem Herrn. 
Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs sei bei dir und 
bewahre dich. Der Herr bewahre deinen Ausgang und 
Eingang von nun an bis in Ewigkeit. 

Meine liebe Mutter, ich grüße dich mit einem Kuss 
der Liebe, denn ich glaube, daß du mich nicht mehr 
sehen werdest, und ich dich auch nicht, meine Mutter; 
gehabe dich wohl, der Herr sei mit dir, meine Mut- 
ter, ich gehe voran und werde dich im Himmelreich 
erwarten, da werden wir einander sehen in voller 
Freude. 

Ich sage dir gute Nacht; noch einmal, gehabe dich 
wohl; der Herr sei mit dir, in Ewigkeit, denn ich weiß 
nicht, ob ich dir wieder schreiben werde; ich grüße 
dich noch einmal, meine liebe Mutter, die mich mit 
Schmerzen geboren hat. Grüße mir herzlich meinen 
lieben Bruder D., und ermahne ihn, in des Herrn We- 
gen zu wandeln, zu seiner Seele Heil; darum bitte ich 
dich, meine Mutter, wie ich denn auch das Vertrau- 
en zu dir habe und nicht daran zweifle. Grüße mir 
meine werte Schwester K. A. so wie T. und W. Grüße 
mir auch diejenigen, die ich nicht zu nennen brauche; 
auch meinen geliebten Meister und G. Der Herr sei 
mit euch allen von nun an bis in Ewigkeit, Amen. 

Meine herzgründlich liebe Mutter, die ich aus mei- 
ner Seele Grund liebe, ich lasse dich hier und gehe 
freudig fort, und werde Christum anschauen, an wel- 
chen ich nun glaube, wiewohl ich Ihn nicht sehe; du 
aber bleibst hier in der trübseligen Welt, worin anders 
nichts zu erwarten ist, als Trübsal, Leiden und Verfol- 
gung, solange es dem Herrn gefällt, der dich in aller 
Trübsal trösten und ewig bei dir sein wolle, Amen. 

Geschrieben von mir, deinem Sohn, Jan Vret, gefan- 
gen zu Antwerpen auf dem Stein um des Wortes der 
Wahrheit und des Bekenntnisses des heiligen Wortes 
Gottes willen; ich erwarte mein Urteil, an einem Pfahl 
lebendig verbrannt zu werden, wenn es dem Herrn 
gefällt, zum Preise seines heiligen Namens. 

Noch ein Brief von Hans Vret, geschrieben an 
seine geliebte Mutter den 5. Juli 1576. 

Die unaussprechliche Liebe, Gnade und der Friede 
Gottes, unsers lieben himmlischen Vaters, der ein Va- 


ter voller Gnade und Wahrheit ist, reich und über- 
schwänglich an Barmherzigkeit und Güte, durch das 
bittere Leiden und Sterben seines einigen Sohnes, un- 
sers Heilandes und Seligmachers, der uns geliebt und 
von allen unsern Sünden in seinem Blute gewaschen 
hat, und von aller Ungerechtigkeit die wir begangen 
haben, wie auch die Kraft des Heiligen Geistes stärke 
und tröste dich in aller deiner Trübsal, deiner Betrüb- 
nis und deinen Schmerzen, die du um des Wortes und 
der Wahrheit Christi willen hast, in deiner Verfolgung 
und deinem Leiden, und in deiner Betrübnis, die du 
etwa, wie ich höre, um meinetwillen hast, nach dem 
Fleische. Er stärke dich in dem Glauben der Wahrheit, 
worin du nun stehst, welche dir von Gott aus Gnaden 
offenbart ist, damit du alle Betrübnis des Fleisches, die 
du etwa haben möchtest, überwinden mögest. Solche 
wünsche ich dir, dein Sohn, meine auserwählte Mut- 
ter, von ganzem Herzen zu deiner Seele Heil, damit 
wir dereinst miteinander versammelt werden mögen; 
und die frohe und fröhliche Stimme des einigen Soh- 
nes Gottes mit allen, die bis ans Ende in dem Glauben 
der Wahrheit standhaft geblieben sind, hören mögen: 
Kommt her, ihr Gesegneten, ererbt das Reich meines 
Vaters, das euch von Anbeginn der Welt bereitet ist, 
Amen. 

Meine herzgründlich geliebte Mutter, die ich von 
Herzen liebe, ich befehle mich dir von ganzem Herzen 
an, und lasse dich wissen, meine auserwählte Mutter, 
daß ich nicht gemeint hätte, daß ich diesen Brief noch 
schreiben würde; aber da es dem guten Gott so ge- 
fallen hat, mich noch bis auf diese Stunde in diesem 
Leben zu erhalten, so kann ich nicht unterlassen, mei- 
ne geliebteste Mutter, diesen meinen Abschiedsbrief 
an dich zu schreiben, wenn es vielleicht der letzte wä- 
re in meinem Leben, und sage dir, meine liebe Mutter, 
gute Nacht. Wie ich höre, ist die Zeit meiner Erlösung 
sehr nahe, wiewohl ich bis auf diese Stunde noch nicht 
weiß, wenn es geschehen wird, nur daß ich glaube, 
daß ich morgen mein Todesurteil hören werde; ich 
habe gehört, daß morgen einigen das Todesurteil er- 
öffnet werden soll, und ich hoffe, einer von denen zu 
sein, wenn es dem Herrn gefällt. Wir haben solches 
schon oft gehört; ob sie es aber tun, um uns zu erschre- 
cken, das weiß ich nicht; ich habe es nicht von den 
Leuten hier im Hause gehört, sondern von einer Jung- 
fer vom M. Volke, die hier gefangen sitzt; sie hat es 
mir gesagt; ist es des Herrn Wille, so soll es geschehen; 
ich bin damit wohl zufrieden, dem Herrn sei gedankt, 
der mich armen, schwachen Menschen hier in diesen 
meinen Banden stärkt durch seinen Heiligen Geist, 
um allein zu widerstehen, was mir an meiner Seele 
hinderlich oder schädlich sein möchte. Denn es ist 
der Tag, wonach mich verlangt, der Herr gebe mir 



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Stärke bis ans Ende, damit ich meinen Streit mit Freu- 
den vollenden und den Sieg erhalten möge zum Lobe, 
Preise und Ehre des heiligen Namens des Herrn. 

Nachdem es denn nun, meine liebe Mutter, dem 
guten Gott so gefallen hat, mich, deinen Sohn, würdig 
zu achten, um seines Namens willen zu leiden, damit 
ich die Zahl der Frommen erfüllen helfen möchte, die 
unter dem Altar liegen und ruhen, bis die Zahl ihrer 
Brüder erfüllt ist, die auch ebenso, wie sie, getötet 
werden müssen, so wollest du dich denn, liebe Mutter, 
hiermit trösten, und um meinetwillen bitte ich dich, 
nicht betrübt zu sein. Denn, liebe Mutter, der Herr 
hat mich zu einem bessern Platz berufen, als in dieser 
bösen, argen Welt zu bleiben, obgleich es dem Fleisch 
schwer fällt; ich will das jedoch um der Freude willen, 
die ich mit allen Frommen Gottes genießen werde, 
nicht achten, denn ich sage mit Paulus: Ich halte dafür, 
daß dieser Zeit Leiden der Herrlichkeit nicht wert sei, 
die an uns offenbart werden soll. 

Ach, meine geliebteste Mutter! wer sollte kein Ver- 
langen haben nach der Herrlichkeit? Wen sollte nicht 
darnach gelüsten? und mit Paulus zu sagen: Ich seuf- 
ze, und mich verlangt aus diesem Fleisch zu sein, 
denn ich erwarte eine andere Wohnung, die nicht mit 
Händen gemacht ist, sondern die ewig ist im Himmel. 
Dann werden wir, wie Johannes sagt, den sehen, an 
welchen wir jetzt glauben, und ihn doch nicht sehen; 
dann werden wir ihn mit unsern Augen anschauen, 
der heller leuchtet als die Sonne. Wer sollte nun dieses 
Leiden oder diese Pein achten, die man dem Fleisch 
antun mag, und doch nicht ohne des Herrn Zulassung, 
denn, wenn sie alles getan haben, was sie vermögen, 
nach den Worten Christi, so können sie nur den Leib 
töten, an der Seele aber haben sie keine Macht, denn 
wir lesen im Buch der Weisheit, daß die Seelen der 
Gerechten in des Herrn Hand seien. 

Wer wollte wohl diese zeitliche Pein achten, die die 
Menschen unserm Leibe zufügen mögen, da doch sol- 
che Freude dafür verheißen ist, für eine geringe Pein 
eine große, unaussprechliche Freude; für ein geringes, 
zeitliches Leben ein ewiges Leben? Denn Christus 
sagt: Wer sein Leben um meinetwillen verliert, der 
wir es dereinst wieder finden. 

Betrachte einmal, meine liebe Mutter, wie viele ihr 
Leben um Christi Wort und Wahrheit willen gelassen 
haben, und bedenke einmal, was des Menschen Leben 
sei, das so bald dahin ist; es ist nur, wie Jakobus sagt, 
einem aufsteigenden Dampfe zu vergleichen, denn, 
wenn der Dampf verschwindet und sich verzieht, so 
sieht man ihn nicht mehr, was schnell geschieht; ja, es 
ist einer Wasserblase zu vergleichen, welche schnell 
vergeht. Warum sollte man nun dieses zeitliche Leben 
hochachten? Es ist nicht mit dem ewigen Leben zu 


vergleichen. 

Solltest du nun, liebe Mutter, über meinen Schmerz, 
den man mir an dem Leibe antun möchte, betrübt 
sein, was doch um des Glaubens und der Bekenntnis 
des heiligen Wortes Gottes und der Wahrheit Willen 
geschieht? O nein! meine Mutter, lass dich solche Be- 
trübnis nicht überfallen, sondern, ich bitte dich, meine 
herzgründliche, liebe Mutter, sei getrost; ich hoffe, mit 
des Herrn Hilfe, daß deine Trübsal sich in Freude ver- 
wandeln soll. 

Ach, meine geliebte Mutter, lass dir es gehen, wie es 
Abraham ging, der nur einen einzigen Sohn hatte, den 
ihm Gott in seinem Alter gab. Sieh, wie Gott diesen 
frommen Mann prüfte, als er ihm befahl, daß er seinen 
einzigen Sohn Isaak ihm aufopfern sollte; wir lesen 
nicht, daß er um des Befehles willen betrübt gewesen 
sei, noch auch, als ihn sein Sohn fragte: Mein Vater, 
hier ist Holz, aber wo ist das Opfer? Abraham sprach 
mit väterlicher Stimme zu seinem Sohne, indem er 
sein Vertrauen auf den allmächtigen Gott setzte: Der 
Herr wird es ihm ersehen. Also ist Abraham dem Ge- 
bot Gottes nachgefolgt, und ließ seinen einzigen, ge- 
liebten Sohn Isaak auf das Holz niederknien, zog das 
Schwert aus der Scheide, und wollte den Streich aus- 
führen, um seinem Sohne das Haupt abzuschlagen, 
und ihn aufzuopfern; aber der Engel sagte zu ihm, 
er sollte das Schwert in die Scheide stecken, und das 
Kind nicht beschädigen. Wir finden nirgends geschrie- 
ben, daß dieser fromme Mann in all dieser Zeit, bis auf 
die letzte Stunde, sich betrübt habe und erschrocken 
gewesen sei, dem Gebot Gottes nachzufolgen. Meine 
liebe Mutter, warum willst du nun betrübt sein? Der 
Herr prüft dich ja noch nicht auf solche Weise, daß du 
deinen Sohn töten sollst, sondern Er lässt es von Kains 
Geschlecht geschehen, die allezeit nach der frommen 
Abeliten Blute dürsten, indem solche dem Herrn ge- 
fallen. Meine Mutter, vertraue auch dem Herrn, wie 
der fromme Mann Abraham, und sage: Der Herr wird 
es ihm ersehen, denn obgleich dein ältester Sohn, den 
du jetzt hast, geopfert wird, so kann der Herr wohl 
einen andern erwecken, wenn es Ihm gefällt. So sei 
nun hierin zufrieden; es geht mir nicht anders, als 
es allen Frommen ergangen ist, an denen Gott von 
Anfang der Welt bis hierher einen Gefallen gehabt 
hat. 

Überlege es, wie es dem Propheten Jeremia gesche- 
hen ist, der viel Trübsal erlitt, weil er, nach des Herrn 
Befehl, die Städte wegen ihrer Sünde strafte; er wurde 
gefangen, in einen Morast geschmissen, ja, viel Trüb- 
sal überfiel ihn, wie die Schrift hiervon zur Genüge 
zeigt, sodass er sich vornahm, nicht mehr im Namen 
des Herrn zu predigen. Sieh, solcher Trübsal war der 
Mann Gottes unterworfen, der doch in Mutter Leib 



778 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


von Gott erwählt war, seinen heiligen Willen zu pre- 
digen. 

Nicht weniger sieh Johannes an, welcher in seiner 
Mutter Leib geheiligt und vor allem Volk bekannt war, 
daß er ein Prophet wäre; demselben hat Herodes um 
einer Hure willen im Gefängnis das Haupt abschla- 
gen lassen, der doch (nach Christi Worten) der größte 
Prophet war, der jemals von Weibern geboren worden 
ist. 

Sieh, meine liebe Mutter, ist es denen so ergangen, 
die so würdig vor dem Herrn gewandelt sind; haben 
sie dieselben getötet, was werden sie uns dann tun? 

Betrachte es, daß sie sich nicht gescheut haben, 
Christum Jesum zu töten, der doch der einige Sohn 
Gottes und der Sohn des Menschen ist, ja, der (nach 
der Schrift Zeugnis) wahrer Gott und Mensch, Gottes 
Sohn und des Menschen Sohn ist, denn Er nennt sich 
selbst an vielen Orten des Menschen Sohn, wird auch 
bekannt und ist der wahre lebendige Sohn Gottes, der 
uns von der Gewalt des Satans, vom ewigen Tode 
und Verdammnis erlöst, der unsere Augen geöffnet 
hat, als wir tot waren in unsem Sünden und Unge- 
rechtigkeiten, und der uns zu dem wunderbaren Licht 
gebracht hat; Er hat uns sein Wort und seine Wahrheit, 
das Evangelium, offenbart, welches (wie Paulus sagt) 
eine Kraft Gottes ist, die alle diejenigen selig macht, 
die daran glauben. 

So hat uns nun der gute Gott, durch seine unaus- 
sprechliche Gnade und Güte, sein Wort und seine 
Wahrheit offenbart, wodurch unsere finstern Augen 
geöffnet worden sind, und hat uns gegeben, an den zu 
glauben, durch welchen wir ewig leben mögen, der 
Christus Jesus ist, welchem das Schlangengeschlecht 
viel Pein und Qual angetan hat, wie die vier Evangelis- 
ten davon im Überfluss zeugen, wie sie Ihn gegeißelt, 
verspottet, geschlagen, sehr jämmerlich misshandelt, 
und eine Dornenkrone auf sein Haupt gesetzt haben. 
Er hat sein Kreuz, woran sie Ihn genagelt haben, selbst 
tragen müssen; sie haben Ihn mit Essig und Galle 
getränkt; sie haben mit einem Speer in seine Seite 
gestochen, woraus Wasser und Blut kam. Ach, wie 
jämmerlich sind sie mit Ihm umgegangen! Alle die 
vorbeigingen, sperrten den Mund auf und spotteten 
seiner, sodass Er der Verachtetste auf Erden war. Er 
war, wie der Prophet David sagt und weissagt: Ich bin 
ein Wurm und kein Mensch; ich bin der Verachtetste 
unter allen Menschen; sie sperren den Mund auf nach 
mir; sie werfen das Los über meine Kleider. 

Ach, liebe Mutter, wie bitter ist das Leiden des unbe- 
fleckten Lammes Gottes zu beschreiben, das so vielem 
Leiden und so vielen Schmerzen unterworfen war; 
wer kann wohl sein Leiden beschreiben, das es um 
unsertwillen erlitten hat; sollten wir denn nicht ein 


wenig um seinetwillen leiden, da Er doch alle, die um 
seinetwillen leiden, so herrlich belohnen wird; denn 
Er sagt: Selig sind die, die um der Gerechtigkeit willen 
leiden; und abermals: Selig sind, die um meines Na- 
mens willen Schmach leiden, denn ihr Lohn ist groß 
im Himmel. So kannst du nun merken, daß der Herr 
diejenigen nicht unbelohnt lassen wolle, die um seines 
Wortes und seiner Wahrheit willen leiden; wer im Lei- 
den standhaft bleibt, bei seinem Evangelium bis ans 
Ende, die nicht von seinem Wort und seiner Wahrheit 
weichen, das Er mit seinem Mund gesprochen hat, 
die nicht von dem engen Weg abtreten, der zum ewi- 
gen Leben führt, die sich nicht geschämt haben, die 
Wahrheit vor dem ehebrecherischen Geschlecht zu be- 
kennen, die diejenigen nicht gefürchtet haben, die den 
Leib töten, sondern die vielmehr denjenigen gefürch- 
tet haben, der Seele und Leib in die Hölle, in die ewige 
Finsternis und Pein werfen kann, wo allezeit Heulen 
und Zahnklappen sein wird, wo die Flamme nicht 
verlöschen, wo der Rauch von Ewigkeit zu Ewigkeit 
aufgehen, wo der Wurm nimmermehr sterben wird, 
die (wie Petrus sagt) dem Hunde nicht nacharten, der 
wieder verschluckt, was er ausgespien hatte, oder der 
Sau, die gewaschen ist und sich wieder im Kot wälzt, 
die nicht das Licht für die Finsternis bekennen, und 
die Finsternis für das Licht, die die Wahrheit nicht für 
Lügen erkennen, und die Lügen für die Wahrheit, die 
mit Eleasar auszuhalten und nicht zu heucheln geden- 
ken, die die Wahrheit nicht verwerfen, da sie doch 
wohl wissen, daß es die Wahrheit sei, die der teufli- 
schen Lehre der Papisten kein Gehör geben, die nicht 
den Priestern Isabels folgen, welche nach der From- 
men Blut dürsten, die Gott lieben und Ihm dienen, 
und Ihn von ganzem Heizen und von ganzer Seele 
wert halten, die Christi Fußstapfen nachzufolgen und 
nach seinem Willen zu leben und zu wandeln suchen, 
die Ihm und nicht den Menschen zu gefallen suchen; 
denn Jakobus sagt: Wer Gottes Freund sein will, der 
muss der Welt Feind sein; derjenige, der den engen 
Weg zu betreten und darauf zu wandeln sucht, der die 
Ungerechtigkeit zu verlassen und der Gerechtigkeit 
nachzukommen begehrt, der den Rat des Fleisches 
verlässt und dem Rat des Geistes folgt, der das irdi- 
sche Gut verlässt und das himmlische sucht, der das 
Zeitliche wie nichts achtet und das ewig Unvergängli- 
che sucht, der nicht auf das Sichtbare sieht, sondern 
auf das Unsichtbare hofft, der dieses Leben nicht ach- 
tet, sondern das ewige Leben zu erlangen sucht, der 
keinen Gefallen hat an der zeitlichen Freude und Lust, 
sondern an ewiger Freude und Wonne. Diesen, die 
so sind, ist verheißen und zugesagt, daß sie immer 
und ewig das Land der Verheißung, das ewige Leben 
ererben sollen, wo sie mit großer Herrlichkeit werden 



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gekrönt weiden; sie werden springen, wie Maleachi 
sagt, wie die jungen Mastkälber; es werden ihnen 
Palmzweige in ihre Hände gegeben werden; sie wer- 
den, wie Johannes sagt, das neue Lied vor dem Thron 
Gottes singen; sie werden mit weißer Seide angetan 
werden, sie werden wie die Sonne glänzen, sie wer- 
den ewig in Freuden sein; solche Freude (wie Paulus 
sagt), die kein Ohr gehört, kein Auge gesehen hat, 
noch eines Menschen Herz hat begreifen können, die 
Freude, welche die Frommen genießen werden, die 
bis ans Ende standhaft bleiben. Wer wollte, mm um ir- 
gendeiner Schmach und Verachtung willen weichen? 
Wer wollte nun um Verfolgung, oder Trübsal, oder 
des zeitlichen Lebens willen weichen? 

Ach, es ist besser, Fleisch und Blut an einem Pfahl 
zu lassen, als sich der ewigen Seligkeit seiner Seele, 
seines Vaters Erbteils, berauben zu lassen, das wir 
durch Christum erlangen. Darum sagt Paulus: Wer 
will uns von der Liebe Gottes scheiden, die in Christo 
Jesu ist? Trübsal, oder Angst, oder Verfolgung, oder 
Hunger, oder Blöße? Wir können mit dem Apostel 
sagen: Wir sind gewiss, daß weder Tod noch Leben, 
weder Engel noch Obrigkeiten, noch Mächte, noch 
Gegenwärtiges, noch Zukünftiges, weder Hohes noch 
Tiefes, noch irgendeine andere Kreatur, uns von der 
Liebe Gottes scheiden kann. So lass uns denn nicht 
furchtsam sein, meine Geliebteste, weil nichts ist, das 
uns von Gott scheiden kann - wer Ihn nur von Herzen 
liebt; denn Johannes sagt: Furcht ist nicht in der Liebe, 
denn die Liebe treibt die Furcht aus; dies kannst du 
auch aus den Worten Pauli abnehmen, wenn er sagt: 
Und wenn ich allen Glauben hätte, daß ich Berge ver- 
setzen könnte, ja, wenn ich all mein Gut den Armen 
gäbe und ließe meinen Leib verbrennen, hätte aber 
die Liebe nicht, so wäre es mir nichts nütze. So muss 
denn eine brennende Liebe zu Christo sein; unsere 
Lampen müssen wir mit den klugen Jungfrauen bren- 
nen lassen und so unsern Bräutigam erwarten, das 
ist, wir müssen mit einer brennenden Liebe entzün- 
det sein und also Christum Jesum, unsern Bräutigam, 
erwarten bis Er kommt. 

Siehe, hieran wird man erkennen, wer Christum 
lieb hat, denn Er sagt: Wer mich liebt, wird mein Gebot 
halten, und der Vater wird zu ihm kommen, und wir 
werden Wohnung in ihm machen; darum kann man, 
ohne Christum zu lieben und seine Gebote zu hal- 
ten, nicht zum Leben eingehen; denn Er sagte selbst: 
Willst du zum Leben eingehen, so halte meine Gebote. 
Was ist aber sein Gebot anders, als Ihn zu lieben? Wer 
Ihn nun liebt, der wird nicht um irgendeiner Pein wil- 
len, die an dem Fleisch geschehen könnte, von Ihm 
weichen, wie ich zuvor von den Worten Pauli erzählt 
habe, die er an die Römer geschrieben hat: Wer aber 


Christum nicht liebt, dessen Glaube ist nichtig und 
kann Gott nicht gefallen; denn Paulus sagt: Das ist ein 
rechtschaffener Glaube, der durch die Liebe tätig ist, 
das ist, durch die Liebe, die man zu Gott hat, wenn 
man sein Gebot und seinen Befehl hält; darum sagt 
der heilige Jakobus, daß der Glaube ohne die Werke 
tot sei. Das kann man auch wohl einsehen; denn wo 
der wahre Glaube ist, da werden auch gute Früchte 
hervorkommen; ein guter Baum wird gute Früchte 
bringen, aber von einem bösen Baum werden böse 
Früchte aufwachsen, denn ein guter Baum kann kei- 
ne bösen Früchte bringen, und ein böser Baum kann 
keine guten Früchte bringen; ebenso ist es auch mit 
dem Menschen, der einen rechtschaffenen Glauben 
hat; dieser wird gute Früchte hervorbringen, die dem 
Herrn gefallen. Aber, wo ein nichtiger Glaube ist, der 
nicht rechtschaffen ist, da wirst du keine guten Früch- 
te spüren, sondern allein böse; denn Jakobus sagt, daß 
der Teufel auch glaube, und zittere. 

Nim kann man abnehmen, wie viel derer seien, die 
einen nichtigen Glauben haben, und sich dennoch 
rühmen, daß sie recht glauben, ja, auch diese Papisten, 
sie können wohl sagen: Ich glaube an Jesum Christum, 
daß Er gekreuzigt und gestorben sei; aber sie nehmen 
Ihm seine Ehre. Um es kurz zu machen, sie kennen 
Ihn nicht, sie haben einen Unglauben; sie folgen Ihm 
nicht in dem, das Er ihnen gebeut; sie tun nach den 
Lüsten ihres Vaters, des Teufels, sagt Christus, denn 
er ist ein Lügner und Betrüger von Anfang her. 

Ach, wie ist es zu bejammern, daß einige solchen 
Lügnern und Betrügern Gehör geben, und bekennen, 
daß die teuflische Lehre Christi Lehre, Wort und Wahr- 
heit sei, da doch Gott durch den Propheten sagt: Ver- 
flucht ist, wer einen Abgott macht und ehrt. Ach, was 
machen doch diejenigen, die da sagen, daß der wah- 
re Leib Christi in dem Häuslein sei, womit sie über 
die Straßen gehen, samt ihren Schellen, Fackeln und 
Laternen. Ach, wie abscheulich ist es, solches für die 
Wahrheit zu erkennen, da es doch nur Brot und Wein 
ist! Weil ich hier bin (meine Mutter), so singe ich bis- 
weilen ein geistliches Liedlein; wird es mir aber verbo- 
ten, so will ich es darum nicht aufgeben, solange sie 
meine Zunge frei lassen, ja, wenn ich oft einige Lieder 
von des Menno Volk singe, so singen die Knechte ein 
schändliches Lied, damit man die guten nicht hören 
mochte. 

Ach, ich bin so froh, daß mein allerliebster Bruder 
in dem Herrn, den ich auf Erden habe, mich armen 
Gefangenen mit einem Liedlein und einem Briefe von 
seiner eigenen Hand bedacht hat! Es erfreute mich in 
meiner Seele so sehr, daß ich es dir nicht schreiben 
kann. Ich bitte dich, danke ihm herzlich und bitte ihn, 
daß er noch einmal schreibe, und, schreibe du auch. 



780 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


denn mich dünkt, daß ich hier wohl noch acht Tage 
sitzen werde; aber, als ich anfing, dir diesen Brief zu 
schreiben, meinte ich nicht, daß ich noch so viel an 
dich schreiben würde, denn ich dachte, ich würde 
mein Urteil schon gehört haben. Weil es aber dem 
Herrn so gefallen hat, daß ich noch hier in diesem 
Gefängnis bleiben soll, so hoffe ich die Zeit mit Ge- 
duld (nach Paulus Rat) zu erwarten, bis es dem Herrn 
gefallen wird, und so, nach den Worten Christi, meine 
Seele in Geduld zu fassen; denn ich übergebe mich 
in des Herrn Hände, daß mir nach seinem göttlichen 
Willen geschehe, zum Lob, Preis und zur Ehre seines 
heiligen Namens und zur Seligkeit meiner Seele, von 
nun an bis in Ewigkeit. 

Nun denn, meine liebe Mutter, ich sage dir noch 
einmal gute Nacht, gute Nacht, meine auserwählte 
Mutter; gute Nacht, meine würdige Mutter, die mich 
in Pein und Schmerzen geboren hat; ich bitte dich, 
meine liebe Mutter, sei mit den Werken des Herrn 
zufrieden; sei um meinetwillen nicht betrübt, sei doch 
wohlgemut, weil es unser Gott so mit mir verordnet 
hat, mich von dir abzusondern, sodass du mich in 
diesem Fleisch nicht mehr sehen wirst. Sei damit zu- 
frieden, denn es widerfährt mir nichts Arges ohne die 
Zulassung des Herrn, denn der Herr ist mein Behü- 
ter, Schutz und Beschirmer, indem der Prophet David 
sagt: Der Engel des Herrn lagert sich um die her, die 
Ihn fürchten. Denke nicht, daß jemand sei, der mich 
beschädigen könne, denn Christus sagt, die Haare un- 
seres Hauptes sind alle gezählt; es fällt nicht ein Vogel 
vom Baum ohne seinen Willen, wie viel höher sind 
wir aber geachtet als die Vögel? Darum hat man mich 
auch um des Wortes und der Wahrheit Christi willen 
ins Gefängnis geworfen, damit ich seinen Namen vor 
diesen grausamen Menschen bekennen, auch Verach- 
tung und Schmach leiden möge, voll Verdrusses, ja, 
wenn ich auch zuletzt von ihnen getötet werde, so 
freue dich darüber, nach den Worten Christi, wenn 
Er sagt: Freut euch, wenn euch die Menschen schmä- 
hen und viel Übels von euch reden um meinetwillen, 
wenn sie daran lügen. 

Denke daran, was Petrus sagt: Lasst euch nicht be- 
fremden, als ob euch etwas Neues geschehe; warum 
doch? weil es allen Kindern Gottes so ergangen ist, an 
denen Gott jemals einen Gefallen hatte, denn Christus 
sagt: In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich 
habe die Welt überwunden. So soll es uns denn (nach 
den Worten Petrus) nicht fremd dünken, denn die 
Schrift bezeugt solches zur Genüge; darum sagt auch 
Paulus: Uns ist es nicht allein gegeben an Christum 
zu glauben, sondern auch um seines Namens willen 
zu leiden. Betrachte, was der Prophet David sagt: Der 
Gerechte muss viel leiden. 


Sieh, Christus selbst, der Herzog des Glaubens, hat 
leiden und also zu seiner Herrlichkeit eingehen müs- 
sen; haben sie aber den Hausvater Beelzebub genannt, 
was werden sie wohl seinen Knechten tun? Haben sie 
auch den Erben ausgestoßen und getötet, was wer- 
den sie dann den Gesandten tun? Darum klagt der 
Herr über Jerusalem und sagt: O Jerusalem, Jerusalem, 
die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir 
gesandt werden, wie oft habe ich deine Kinder ver- 
sammeln wollen, wie eine Henne ihre Kücklein unter 
ihre Flügel versammelt, aber du hast nicht gewollt. 
Sieh, wie sie allezeit diejenigen, die von Gott gesandt 
waren, getötet haben und noch töten. Christus sagt 
zu seinen Jüngern: Sie werden euch in den Bann tun, 
und wer euch tötet, wird meinen, er tue Gott ein Opfer 
daran. 

Wer nun ein guter und getreuer Jünger Christi sein 
und dem Herrn treulich dienen will, der muss alles 
willig ertragen, was ihm um des Herrn willen aufer- 
legt wird, denn Paulus sagt: Alle, die gottselig leben 
wollen in Christo Jesu, müssen Verfolgung leiden, und 
abermals, wir müssen durch viel Trübsal und Leiden 
ins Himmelreich eingehen. 

Weil denn nun das Himmelreich durch viel Leiden 
und Drangsal eingenommen werden muss, so lass 
uns mit Paulus uns erfreuen in dem Leiden, das wir 
um des Namens Christi willen leiden, denn wir sehen 
wie Petrus und Johannes, als sie vom Rate kamen, er- 
freut waren, weil sie um Christi willen Schmach litten 
und gegeißelt worden sind. So freue dich denn auch, 
meine liebe Mutter, mit mir und danke dem guten 
Gott, daß Er einen armen, schwachen, unwürdigen 
Menschen tüchtig achtet, um seines Wortes und seiner 
Wahrheit willen zu leiden. 

Lobe und preise den Herrn für seine Gnade, sin- 
ge ihm Lob für seine Wohltaten, sage mit mir: Dank 
sei dem Gott Abrahams, dem Gott Isaaks und dem 
Gott Jakobs für seine unaussprechliche Barmherzig- 
keit und Güte, die Er an uns armen Menschen erwie- 
sen hat. Sage mit David: Wo ist ein Gott, wie unser 
Gott, demselben sei Preis und Lob, von Ewigkeit zu 
Ewigkeit, Amen. 

Ich sage gute Nacht, meine geliebteste Mutter, gute 
Nacht, wenn ich dir nicht mehr schreiben sollte; und 
sollte dieses der letzte Brief sein, so sage ich dir gu- 
te Nacht, meine geliebte Mutter, und nehme meinen 
Abschied von dir, meine Mutter, die ich liebe. Gute 
Nacht, denn ich verlasse dich um des Herrn willen, 
und hoffe auch um seinetwillen mein Leben zu lassen, 
denn der Herr hat mir ein anderes Leben verheißen, 
das ewig währen und nimmermehr vergehen wird, 
nicht wie dieses Leben, das doch vergehen muss, denn 
dieses Leben, oder die zeitliche Lust dieser Welt ist 



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nicht mit der Freude und Wonne zu vergleichen, die 
den Frommen verheißen ist, die bis ans Ende stand- 
haft bleiben, wo ein Tag (wie David sagt) besser ist, 
als hier tausend in Freude und Ergötzlichkeit. 

Ich hoffe mit der Hilfe des Herrn die ewige Freude 
bald zu genießen; dann werde ich von allem Seufzen, 
Weinen und Trübsal erledigt werden; dann wird mich 
nicht mehr hungern oder dürsten, dann werde ich 
weder Hitze noch Kälte mehr fühlen, dann werde 
ich von allem befreit werden und mit dem Lamme 
ewig triumphieren. So sei denn nicht betrübt, weine 
und seufze auch nicht, obgleich ich dir vorangehe, 
denn wir werden wieder Zusammenkommen; sei nur 
getrost, meine auserwählte Mutter; der Herr tröste 
dich mit seinem Heiligen Geist in all deinem Druck 
und Trübsal. 

Ich sollte wohl mehr betrübt sein als du um deinet- 
willen, denn ich lasse dich hier in dieser bösen Welt, 
wo du aller Trübsal, Druck und Leiden unterworfen 
bist, und scheide aus dieser Trübsal in die Freude, aus 
diesem Leben in das ewige Leben; aber wir sollten mit 
des Herrn Werken nicht betrübt, sondern zufrieden 
sein, denn Paulus sagt: Alle Dinge dienen den Gläu- 
bigen zum Besten, darum denke an das Gebet, wenn 
wir bitten: Herr, dein Wille geschehe auf Erden wie 
im Himmel. 

So lass uns denn Zusehen, daß wir nichts gegen den 
Willen des Herrn wollen, sondern daß wir in allem 
geduldig und leidsam sein mögen, damit in uns der 
Spruch der Offenbarung Johannes erfüllt werde: Hier 
ist Geduld der Heiligen. So sei denn, liebe Mutter, in 
allem geduldig, was dich jetzt überfallen hat und was 
dich noch überfallen möchte. 

Gehabe dich wohl, meine herzgründlich geliebte 
Mutter, ich bitte dich auch, wenn du dein Gebet zu 
Gott tust, daß du an mich armen, schwachen Men- 
schen, deinen Sohn (der um des Zeugnisses des eini- 
gen Sohnes Gottes willen hier gefangen ist), denken 
wollest, wie ich denn auch hoffe, daß du tun wirst, 
und zweifle nicht daran, denn Jakobus sagt, daß des 
Gerechten Gebet viel vermöge, wovon er auch ein Ex- 
empel anführt und sagt: Elia war ein Mensch wie wir 
und er bat, daß es nicht regnen sollte, und es geschah; 
abermals bat er, daß es regnen sollte, und es geschah. 
Dieses erzählt der heilige Jakobus, um zu beweisen, 
wie kräftig das Gebet der Gläubigen sei. 

Christus sagt auch: Alles, was ihr in eurem Gebet 
bittet, habt nur Glauben und zweifelt nicht, so wird 
es euch gewährt. Die Schrift bezeugt es im Überfluss, 
wie das Gebet der Frommen durch die Wolken dringe, 
sodass sie von dem Herrn erhört werden. Hiermit 
nehme ich meinen Abschied von dir, liebe Mutter, 
es möchte vielleicht das letzte Mal sein, und befehle 


dich dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs; der Gott 
des Trostes tröste dich, der starke Gott stärke deinen 
Glauben, um allen feurigen Pfeilen des Bösewichts 
zu widerstehen; der Herr bewahre deinen Aus- und 
Eingang immer und ewig, Amen. 

Gute Nacht, meine allerliebste Mutter, gute Nacht 
in dieser Zeit, bis wir einander im ewigen Leben sehen 
bei Christo, unserm einigen Haupt und Bräutigam, 
Amen. 

Grüße mir meinen allerliebsten Bruder, den ich auf 
Erden habe, in dem Herrn Christo Jesu; grüße mir ihn 
sehr herzlich und auch meinen auserwählten lieben 
Meister, wenn er da ist, wo du bist. Meinen geliebten 
B. D. B. grüße mir, wenn du an ihn schreibst. Mei- 
ne Mutter, halte mir dieses mein schlichtes Schreiben 
zu gut, denn ich habe es aus Liebe getan, nach mei- 
nem geringen Verstand, den der Herr mir unwürdigen 
Menschen aus Gnaden gegeben hat; der Herr sei mit 
uns allen, Amen. 

Von mir, deinem Sohn, den du wohl kennst, Hans 
Vret, gegenwärtig gefangen und verschlossen auf dem 
Stein in Antwerpen den 7. Juli im Jahre 1576 um des 
Evangeliums und des Bekenntnisses des einigen Soh- 
nes Gottes, Christi Jesu, unseres Heilandes, willen, 
welchen die Welt nicht kennt, sondern verleugnet. 

Noch ein Brief von Hans Bret, geschrieben aus 

einem finstern Loch, wohin man ihn geworfen 

hatte, gesandt an eine von den Schwestern im 
Glauben, auf einen Sonntag, im August 1576. 

Gnade und Friede von Gott, unserem lieben himm- 
lischen Vater, voller Gnade und Wahrheit, der reich 
an Barmherzigkeit und Güte ist, durch das bittere 
Leiden und Sterben seines eingeborenen Sohnes Jesu 
Christi, der uns geliebt und uns in seinem Blute von 
allen unseren Sünden und unserer Ungerechtigkeit, 
die wir getan haben, gewaschen hat, so wie die Kraft 
des Heiligen Geistes zur Stärkung in dem Glauben 
der Wahrheit, welchen dir der Herr durch seine un- 
aussprechliche Gnade und Barmherzigkeit offenbart 
hat, sei dir von mir, deinem schwachen Bruder, ange- 
wünscht, von ganzem Herzen, zu deiner Seele Heil, 
Amen. 

Herzgründliche, liebe Schwester in Christo Jesu, die 
ich von Herzen liebe, ich kann nicht unterlassen, dir 
ein kleines Brieflein zu schreiben, hier in diesem Loch, 
wohinein ich geworfen bin, ohne irgendein anderes 
Licht als das Licht der Kerzen. 

So sage ich denn hiermit gute Nacht, wenn ich dir 
nicht mehr schreiben sollte, welches unserem lieben 
himmlischen Vater bekannt ist. 

Ferner lasse ich dich wissen, meine geliebte Freun- 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


din, daß ich den Bund, den ich mit meinem Gott ge- 
macht habe, mit seiner göttlichen Hilfe zu behalten 
begehre, und erwarte unsern Bräutigam Christum Je- 
sum in seiner Zukunft, damit wenn Er kommt, ich 
mit Ihm zur Hochzeit eingehen und in ewiger Freude 
leben möge. Ach liebe Schwester, ich kann unserm 
Gott nicht genug Lob und Dank sagen für seine un- 
aussprechliche Barmherzigkeit, daß Er mir beisteht, 
und hier in dieser Grube oder diesem Loch Stärke ver- 
leiht, wohinein man mich um des Wortes der Wahrheit 
willen geworfen hat. 

Liebe Schwester, denke doch an mich armen Gefan- 
genen in deinem Gebet zu Gott, wie ich denn hoffe, 
daß du tun werdest, damit es Ihm gefallen möge, mich 
bald von diesem Fleisch zu erlösen, damit ich mein 
Opfer zum Preis seines heiligen Samens und zu mei- 
ner Seele Seligkeit tun möge, damit diese Feinde in 
ihrem Vorhaben beschämt werden mögen, die mir 
durch dieses Loch, in welches sie mich jetzt geworfen 
haben, mein Erbteil zu rauben glauben. Aber dem 
Herrn sei gedankt, der mir in der Not beisteht und 
allein mein Helfer ist, zu dem ich meine Zuflucht neh- 
me, denn Paulus sagt: Er ist getreu, und wahrhaftig, 
der uns nicht mehr auferlegen wird, als wir tragen 
können. 

Darum, liebe Schwester, sei deines armen schwa- 
chen Bruders allezeit eingedenk vor dem Herrn, denn 
das Gebet der Gerechten vermag viel. 

Ach liebe Schwester, diese grausamen Wölfe haben 
mir alle meine Briefe genommen, die ihr mir gesandt 
habt, Federn, Tinte und Papier, und auch eins und 
das andere, was ich selbst geschrieben hatte, so wie 
auch zwei Briefe, einen, den ich an meinen allerliebs- 
ten Bruder H. geschrieben hatte, und noch einen, der 
an meinen Bruder Willem geschrieben war, und noch 
einiges andere; aber ich glaube nicht, daß daraus ir- 
gendeine Unannehmlichkeit entstehen soll. 

Unser Schreiben hat jemand verraten, der bei mir 
saß; sollte ich dir alles schreiben, das Papier würde 
nicht ausreichen; dasselbe habe ich nachher von ei- 
nem Mann zurückerhalten, der zu mir in dieses Loch 
gesetzt war. 

So habe ich denn schon zehn Tage hier gesessen, 
und wie lange noch, das ist unserem lieben Herrn 
bekannt. Als ich hierher gesetzt wurde, war es frei- 
tagnachts, nach meinem Dafürhalten, den 27. oder 28. 
Juli. 

Nun denn, meine liebe Schwester, halte dich allezeit 
zu der Wahrheit, welche Christus ist; fürchte dich 
nicht vor diesen Wölfen, denn unser Gott steht uns 
allezeit nach seiner Verheißung in jeder Not bei. 

Ich sage dir herzlich gute Nacht, gute Nacht, meine 
liebe Schwester; grüße mir meine Mutter sehr herzlich. 


und alle meine Schwestern, unsern Bruder Hans und 
meinen lieben Meister, auch alle andern Freunde. Ich 
bitte dich, lass es meine Mutter nicht wissen, daß sie 
mich in diese Lazarusgrube geworfen haben. Der Herr 
sei mit dir und bewahre dich in seinen Wegen immer 
und ewig, Amen. 

Geschrieben von mir, deinem schwachen Bruder, 
Hans Bret, bei einem Kerzenlicht, in einem Loch, ge- 
nannt Lazarusgrube, wo ich um des Wortes der Wahr- 
heit willen eingeschlossen bin. Dem Herrn ist meine 
Erlösung bekannt. 

Noch ein Brief von Hans Bret, geschrieben an 
Hans C., einen von den Brüdern in der Gemeinde. 

Die große unaussprechliche Gnade und der Friede 
von Gott, unserm himmlischen Vater, der ein Vater 
voller Gnade und Wahrheit ist, ein Gott des Trostes 
und des Friedens, reich und überfließend in seiner 
Barmherzigkeit und unermesslich in seiner Gnade 
und Güte, die Er an uns durch seinen eingeborenen 
Sohn Jesum Christum, unsern Erlöser und Seligma- 
cher, erwiesen hat, der uns von der Gewalt des Satans, 
dessen Sklaven und Dienstknechte wir durch unsere 
Sünden und Ungerechtigkeiten waren, erlöste; aber 
Er hat uns geliebt, sagt der heilige Johannes, und hat 
uns gereinigt und uns in seinem Blut von allen unsern 
Sünden und Ungerechtigkeiten gewaschen, womit 
wir beschwert und beladen waren, und hat uns zu Kö- 
nigen und Priestern vor Gott, seinem Vater, gemacht, 
und die unüberwindliche Kraft des Heiligen Geistes 
stärke deinen inwendigen Menschen, damit du im 
Glauben der Wahrheit aufwachsen und zunehmen 
mögest, welche dir der gute Gott durch seine unaus- 
sprechliche Gnade und Barmherzigkeit offenbart hat, 
damit du mit Josua und Kaleb und allen Frommen 
Gottes das Land der Verheißung, nämlich das ewige 
Leben, einnehmen mögest; das wünsche ich von gan- 
zem Herzen dir, meinem Bruder in Christo Jesu, zu 
deiner Seele Heil, Amen. 

Mein geliebter Bruder in Christo Jesu, geheiligt und 
gereinigt und von Gott erwählt, ich grüße dich mit 
diesem meinem Briefe, den ich an dich hier in mei- 
nen Banden aus christlicher Liebe schreibe, damit du 
wissen mögest, wie es mit mir steht, wofür ich dem 
guten Gott nicht genug Lob und Dank sagen kann, 
der mir Unwürdigen in allen meinen Anfechtungen 
beigestanden hat, sodass ich mit dem Propheten Da- 
vid sagen kann: Wo ist solch ein Gott wie unser Gott, 
der den nimmermehr verlässt, der auf Ihn traut, denn 
wer auf den Herrn vertraut, soll nicht zu Schanden 
werden, indem der Prophet sagt: Wer auf den Herrn 
vertraut, wird nicht fallen, sondern stehen bleiben. 



783 


wie der Berg Zion. Also, lieber Bruder, setze ich mein 
Vertrauen allein auf den Herrn, dem ja alle Frommen 
vertraut haben von Anfang der Welt her; sie sind auch 
nicht zu Schanden geworden, sondern in aller Trübsal 
und jeder Angst ist der Herr ihr Helfer gewesen, hat 
nach seiner Verheißung ihnen beigestanden und sie in 
Wasser und Feuer bewahrt, wie wir davon viele Exem- 
pel in der Schrift zu unserem Unterricht finden, wenn 
wir ansehen, wie Gott die Kinder Israel durchs rote 
Meer trocknen Fußes führte, und sie dadurch von der 
Hand des grausamen Pharao erlöste, der sie verfolgte 
und es auch versuchte, durchs Meer zu gehen; aber 
sie kamen sämtlich um. Daraus kannst du merken, 
wie der Herr den erlöse, der auf Ihn vertraut; ebenso 
kannst du den heiligen frommen Daniel betrachten, 
der ohne Speise in der Löwengrube lag; sieh, der Herr 
hat ihn nicht verlassen, sondern durch den Propheten 
Habakuk gespeist. 

Ebenso, lieber Bruder, speist auch der Herr diejeni- 
gen, die ein festes Vertrauen zu Ihm haben, mit einer 
geistigen Speise, nämlich mit seinem heiligen Wort, 
welches Er uns zur Speise unserer Seelen gegeben 
hat, denn Christus sagt deutlich, daß der Mensch 
nicht vom Brot allein lebe, sondern von einem jeden 
Wort, das aus dem Mund des Herrn kommt, denn 
wie der Mensch durch Brot gespeist und unterhal- 
ten wird, so wird der innere Mensch durch das Wort 
des Herrn gespeist und ernährt, und wie ein Mensch, 
wenn ihm seine Nahrung, womit er sich unterhält, 
entzogen wird, stirbt, so auch, Geliebte, wenn dem 
innerlichen Menschen, nämlich der Seele, ihre Speise 
vorenthalten wird, nämlich das Wort Gottes, wodurch 
sie gespeist und unterhalten wird, so vergeht sie. Dar- 
um ist es nötig, daß wir einander ermahnen, wie der 
Apostel Paulus sagt, so lange es heute heißt, die Ge- 
bote Gottes zu halten, damit der innerliche Mensch 
von Tag zu Tag gespeist und ernährt werde, und da- 
durch aufwachse und stark werde, denn der Apostel 
Petrus sagt: Ich achte es für angemessen, solange ich 
in dieser Hütte bin, euch zu ermahnen, wiewohl ihr 
in der gegenwärtigen Wahrheit gestärkt seid, damit, 
wie Paulus sagt, niemand durch Betrug der Sünde 
verführt oder verhärtet werde. Darum, mein lieber 
Bruder, sei der Worte Paulus eingedenk, wo er sagt: 
Ermahnt die Ungezogenen, tröstet die Kleinmütigen, 
tragt die Schwachen und seid langmütig und gegen 
alle Menschen geduldig. 

Ach, mein geliebtester Bruder, werde nicht müde 
in den Wegen des Herrn, noch schwach in der Unter- 
haltung der Gebote Gottes; habe daran deine Lust Tag 
und Nacht, mit allen Frommen Gottes, und sage mit 
dem Propheten David: Herr, dein Wort tröstet und 
erfreut mich mehr, als alle Schätze und Reichtümer 


dieser Welt, und abermals, dein Wort, Herr, ist mir 
lieber, als viel Gold und Silber. 

Betrachte, wie sich alle Frommen Gottes mit dem 
Worte des Herrn getröstet haben, so tröste du dich 
denn auch damit, denke daran dein lebelang, lass 
es in deiner Seele gepflanzt sein, daß es dich selig 
machen möge. 

So sage ich denn dir, mein vielgeliebter Bruder 
Hans, gute Nacht, gute Nacht, wenn dies das letz- 
te Schreiben sein sollte; ich bitte dich, Geliebter, halte 
auch steif an im Ermahnen, Unterweisen und Lehren, 
nach der Gabe, die dir Gott aus seiner unaussprech- 
lichen Gnade gegeben hat. Hast du viel empfangen, 
so teile reichlich mit, hast du wenig, so teile auch von 
dem Wenigen mit. Sei allezeit zur Verantwortung be- 
reit gegen jedermann, der Rechenschaft fordert von 
der Hoffnung, die in dir ist. Suche mit dem, was du 
empfangen hast, viel zu gewinnen, damit der Herr 
zu dir sagen möge: Komm, du getreuer Knecht, über 
wenig bist du getreu gewesen, ich will dich über viel 
setzen. Bedenke, lieber Bruder, daß der Herr den nicht 
unbelohnt lassen werde, der Ihm getreu ist. Darum 
sagt Gott in der Offenbarung Johannes: Wer getreu 
bleibt, soll die Krone des ewigen Lebens empfangen. 
So bleibe denn, mein allerliebster Bruder, getreu, da- 
mit du mit allen Frommen Gottes mit der Krone des 
ewigen Lebens gekrönt werden mögest; darin wolle 
dich der gute Gott stärken, Amen. 

Mein lieber Bruder H., mein Herz und Gemüt woll- 
te dir wohl mehr schreiben, nach der kleinen Gabe, 
die ich Unwürdiger von dem Herrn empfangen habe, 
aber es mangelt mir an Papier, und ich bin besorgt, 
daß du dieses kaum wirst lesen können, weil das Pa- 
pier sehr durchschlägt. Ach, danke dir sehr herzlich 
für das, was du mir so treulich gesandt hast; ich kann 
dir nicht schreiben, wie es mich erfreut hat, denn ich 
habe in langer Zeit nichts von euch gehört. Ich bitte 
dich, danke unserm Bruder H. in meinem Namen sehr 
herzlich für seinen Brief, den ich, nicht ohne Weinen, 
habe lesen können, um seiner tröstlichen Ermahnun- 
gen willen; er schreibt mir, ich sollte A., H. und B. 
einen Brief schreiben; ach, Brüder, wie gern täte ich 
das, lieber als Essen; aber die Feinde der Wahrheit ha- 
ben mich daran verhindert, sodass ich nicht weiß, wie 
ich sie euch senden soll; ich weiß nicht, wie ich diesen 
Brief hinaussenden soll; ich habe ihn auf Hoffnung 
geschrieben, ob unser lieber Herr ein Mittel geben 
möchte, und wenn ich auch mehr schreiben wollte, 
so habe ich kein Papier mehr. Dieses habe ich mit ein 
wenig Saft von Krakebeeren geschrieben; ich hoffe, 
du werdest mir, wenn es dem Herrn gefällt, noch et- 
was Gerätschaft zur Arbeit senden, denn ich bin hier 
müßig, damit ich meine Zeit angemessen zubringen 



784 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


könne. Dieses sei für dieses Mal genug, mein lieber 
Bruder. 

Hiermit sage ich gute Nacht, gute Nacht, mein Bru- 
der, gute Nacht; der Gott des Trostes und des Friedens, 
der Gott Jakobs und Israels bewahre dich in dem Glau- 
ben der Wahrheit; Er sei ewig mit dir, Amen. 

Ich grüße dich, lieber B., mit einem heiligen Kuss 
des Friedens, grüße mir meine Mutter sehr herzlich, 
auch alle meine Schwestern, unsern B. H., meinen 
Meister, und sage, daß ich ihr neulich einen Brief ge- 
sandt hätte, weiß aber nicht, ob sie denselben erhalten 
habe. Grüße mir alle Heiligen; Gnade und Friede sei 
mit euch allen, Amen. 

Von mir, deinem schwachen Bruder Hans Bret, ge- 
genwärtig in Banden um des Evangeliums willen, 
welches allen denen eine Kraft Gottes ist, die daran 
glauben. 

Als auf diese große Hitze der Verfolgung, welche 
die Papisten überall, so weit sich ihr Gebiet erstreckte, 
erregt hatten, in einigen Städten in Holland, Seeland, 
und besonders in der Stadt Middelburg, wo der Prinz 
von Oranien, Wilhelm der Erste hochlöbl. Gedächtn., 
sowohl den Taufgesinnten, als anderen, Gewissens- 
freiheit vergönnt hatte, eine Kühle erfolgte, weshalb 
sich viele der imschuldigen und wehrlosen Schafe 
Christi dort niederließen und in der Stille mit dank- 
barem Herzen Gott dienten, so haben einige von den 
Einwohnern dieser Stadt, wiewohl sie zuvor selbst un- 
ter dem Druck des päpstlichen Joches lebten, solches 
beneidet, und bei der dortigen Obrigkeit so viel be- 
wirkt, daß den Taufgesinnten, die sich dort aufhielten, 
angesagt wurde, daß sie in Form eines Eides der Stadt 
Treue schwören, und überdies mit äußerlichen Waffen 
sich, wie andere Bürger, um dem Feinde Widerstand 
zu tun, rüsten müssten, und wenn sie das nicht tun 
würden, sollten sie verbunden sein, ihre Handwerke, 
Gewerbe und Hantierungen, welche zu des Leibes 
Unterhalt gehörten, aufzugeben, ihre Häuser zuzu- 
schließen. 

Als solches den Taufgesinnten angekündigt wurde, 
haben sie (weil sie sich weder zu einem Eidschwur be- 
quemen, noch mit äußerlichen Waffen rüsten konnten) 
ihre Zuflucht zu dem vorgemeldeten Prinzen von Ora- 
nien genommen und ihn demütig ersucht, er wolle 
sie Gewissensfreiheit in der Belebung ihres Glaubens 
genießen lassen, daß sie jedoch alle bürgerlichen Las- 
ten, Schätzungen und dergleichen, treulich aufbrin- 
gen wollen; daß man ihnen bei Ja und Nein, statt eines 
Eides, glauben möchte, und daß sie solches aufrich- 
tig ohne Ausflüchte, Schalkheit oder List unterhalten 
wollten. 

Diese Bitte hat ihnen der Prinz zugestanden und der 
dortigen Obrigkeit befohlen, diese Leute mit vorge- 


meldeter Auflage zu verschonen und mit dergleichen 
Lasten die Gewissen nicht zu beschweren. Nachdem 
wir hierüber zuverlässigen Bericht erlangt haben, hal- 
ten wir es für nützlich und dienlich (zum Lob des 
fürstlichen Hauses Nassau) solches hier anzuführen, 
in der Hoffnung, es möchte andern Obrigkeiten zur 
Richtschnur dienen. 

Abschrift. 

Nachdem von einigen Einwohnern dieser Stadt Mid- 
delburg Seiner Exzellenz eine Bittschrift überreicht 
worden ist, in welcher sie sich beklagen, daß die Ob- 
rigkeit dieser Stadt vor kurzem ihre Werkstätten habe 
zuschließen lassen und ihnen folglich verboten sich 
zu ernähren, was doch ihr einziges Mittel ist, ihre 
Haushaltungen zu unterhalten, und daß ihnen der 
gewöhnliche Eid abgefordert worden sei, wie ihn an- 
dere geleistet haben, weshalb jene Einwohner auf das 
Bestimmteste nachgewiesen haben, daß sie nun schon 
von langen Jahren her, ohne den vorgenannten Eid je- 
mals getan zu haben, alle bürgerlichen Lasten, Schoß 
und Schätzungen, so wie andere Bürger und Einwoh- 
ner dieser Stadt, willig getragen hätten, ohne daß je- 
mals an ihnen ein Betrug erfunden worden wäre, und 
daß man sie auch deshalb gegenwärtig nicht beunru- 
higen sollte, indem sie anders nichts begehrten, als 
in der Freiheit nach ihrem Gewissen zu leben, um 
welcher Ursache willen ja die Untertanen des Königs 
von Spanien den Krieg gegen denselben aufgenom- 
men und allen Gebräuchen widerstanden hätten, die 
dagegen streiten, worin es auch nun, durch Gottes 
Gnade, so weit gekommen ist, daß die vorgemeldete 
Freiheit des Gewissens erhalten worden sei, und daß 
es daher ungebührlich gehandelt wäre, wenn man 
die Kläger dieselbe nicht genießen lassen wollte, da 
sie doch nicht ohne ihres Leibes und Lebens große 
Gefahr dieselbe hätten gewinnen helfen, indem sie 
Schätzung, Schoß und andere Lasten getragen hätten, 
was alles sie in einer Bittschrift vorgemeldeter Ob- 
rigkeit vorgestellt hätten, daß es ihnen aber befohlen 
worden wäre, daß sie sich nach der Regierungsform 
und nach den Ordnungen der vorgemeldeten Stadt 
richten müssten, wodurch vorgenannte Obrigkeit da- 
hin zu trachten scheine, durch den Eid nicht allein die 
Klagenden, in Middelburg wohnhaft, sondern auch 
folgeweise unzählige andere, in Holland und Seeland, 
die sich unter Ihro Exzellenz Schutz, vermöge Dero 
Ausschreiben, begeben haben, mit Weibern und Kin- 
dern, zu ihrem gänzlichen Verderben, zu vertreiben, 
woraus zwar niemandem ein Nutzen, wohl aber ein 
großer merklicher Schaden in diesen Landen entste- 
hen könnte, weil dadurch überall die Nahrung sehr 



785 


vermindert werden würde, und daß sie deshalb Ihro 
Exzellenz demütig ersuchten, die Sache mit Mitleiden 
einzusehen, und darin nötige Verordnung zu erlassen, 
insbesondere, da sich ja vorgemeldete Klagenden er- 
boten, daß statt des Eides ihr Ja so viel gelten sollte 
als ein Eid, und daß die Übertreter als Meineidige 
gestraft weiden sollten, so hat denn Seine Exzellenz, 
nach vorhergegangener Betrachtung und reifer Über- 
legung dessen, was zuvor gemeldet worden ist, auf 
gehaltenen Rat mit dem Gouverneur und den Raten 
von Seeland verordnet und beschlossen, und verord- 
net und beschließt kraft dieses, daß bei der Obrigkeit 
gemeldeter Stadt vorgenannte Kläger mit ihrem Ja, 
statt eines Eides, als wozu sie sich erboten haben, be- 
stehen sollen und daß die Übertreter als Eidbrecher 
und Meineidige gestraft werden sollen. 

Darum befiehlt und gebietet Seine Exzellenz der Ob- 
rigkeit von Middelburg und allen andern, die dieses 
angehen möchte, die Kläger mit dem Eid und andern 
gegen ihr Gewissen streitenden Dingen ferner nicht 
zu beschweren, sondern sie ihre Werkstätte öffnen 
und ihr Gewerbe treiben zu lassen, wie sie zuvor ge- 
tan haben, welches alles, nach reifer Beratschlagung 
mit mehrerer Ruhe, gebürlichermaßen eingerichtet 
werden soll. 

So geschehen unter Seiner Exzellenz Namen und 
Siegel in Middelburg den 26. Januar 1577. Versiegelt 
mit rotem Wachs, unten stand Guil. von Nassau. 

Was hierauf erfolgt sei, soll auf das Jahr 1578 ange- 
führt werden. Unterdessen haben die Papisten an den 
Orten, wo sie ihre Regierung hatten, mit aller Grau- 
samkeit und Tyrannei, die Lämmer der Herde Christi 
wie reißende Wölfe angefallen, sodass viele haben ihr 
Leben lassen müssen, wie aus dem Verlauf ersehen 
werden kann. 

Lorenz Janß Noodruft von Delft, 1577. 

Nach mancherlei Verfolgung, Würgen und Brennen 
der wahren Nachfolger Christi ist auch ein frommer 
Bruder, Namens Lorenz Janß gewesen, seines Hand- 
werks ein Schuhmacher, dieser hat lieber erwählt, mit 
dem Volk Gottes Ungemach zu leiden, als die zeitli- 
che Ergötzlichkeit der Sünden mit den Ungläubigen 
zu haben, in der Hoffnung, dereinst mit allen wah- 
ren Kindern Gottes den Himmelsraum zu genießen, 
und lieber hier eine kurze Zeit seinem Fleisch und 
den Wollüsten dieser Welt abzusterben, als es dereinst 
mit ewigem Wehklagen in des höllischen Feuers Pein 
bezahlen zu müssen. Daher ist er von den Verfolgern 
und Feinden der Wahrheit im Jahre 1576, im Monat 
August, zu Antwerpen gefangen genommen worden, 
wo er (durch Gottes Gnade) eine schwere Gefangen- 


schaft ertragen und vielen Anfechtungen widerstan- 
den hat. Als er nun keineswegs zum Abfall gebracht 
werden konnte (sondern auf Christum fest gegrün- 
det war), haben ihn die Herren und Regenten dieser 
Welt, die durch die Pfaffen und Mönche angetrieben 
wurden, vom Leben zum Tode verurteilt. Also ist er 
im Jahre 1577, im Monat Januar, an gemeldetem Orte 
lebendig verbrannt worden, und hat den rechtschaffe- 
nen Glauben der Wahrheit mit seinem Tod und Blut 
bezeugt und befestigt, weshalb er für sein zerbroche- 
nes, irdisches Haus einen Bau von Gott aus Gnaden 
erlangt hat, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, son- 
dern das ewig währen wird im Himmel. 

Weil aber dieser Freund Christi keine Gerätschaft 
zum Schreiben hat erlangen können, so hat er seinen 
geliebten Freunden die Empfindungen seines zuge- 
neigten Gemütes auf zwei zinnerne Löffel mit einer 
Stecknadel geschrieben und zu erkennen gegeben. 

Auf dem einen Löffel stand: Ich wünsche allen mei- 
nen Brüdern und Schwestern viel Gnade von Gott, 
unserm Vater, und den Frieden unseres Herrn Jesu 
Christi, der allen Verstand übersteigt, derselbe werde 
Meister von euer aller Herzen, und die Liebe Got- 
tes, die alle Erkenntnis übersteigt, vermehre sich bei 
euch allen, damit ihr in dem Werke des Herrn über- 
fließend und standhaft sein und bleiben mögt. Ach, 
meine lieben Freunde, nehmt doch eurer selbst wohl 
wahr; darum bitte ich euch, ich imwürdig Gefangener 
in dem Herrn. 

Auf dem andern Löffel stand: Gnade und Friede 
von Gott, dem Vater, und unserem Herrn Jesu Christo, 
sei mit dir, meine sehr werte und herzgründlich und 
in Gott geliebte Schwester in dem Herrn, Weyndel- 
ken und deiner Tochter M., das wünsche ich dir aus 
meines Herzens Grunde vor Gott, der Herzen und 
Nieren prüft, daß du vor Ihm unbeschädigt und ohne 
Hindernis in seiner Wahrheit wandeln mögest, wozu 
Er dich berufen hat, und sieh allezeit auf Christum 
und auf alle Frommen. Gute Nacht in dieser Zeit, gute 
Nacht. Lorenz Janß Noodruft von Delft. 

Hans de Ruyter, mit seiner Hausfrau und Tochter, 
1577. 

Zu Antwerpen wurde um seines Glaubens willen im 
Jahre 1577 der Bruder Hans de Ruyter, ein Diener der 
Gemeinde Gottes und ein in der Schrift sehr erfahre- 
ner Mann, mit seinem Weib und mit seiner Tochter 
verhaftet. Als sie ihm aber mit viel harten Prüfungen, 
mit schönen Verheißungen, ihn frei zu lassen, und auf 
andere Weise zusetzten, hat er sich zum Abfall von 
seinem Glauben bewegen lassen, sodass er auch selbst 
seine Hausfrau dazu ermahnte. Als er aber nachher 



786 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


hörte, daß er gleichwohl sterben müsste, hat solches 
ihn in solchen Schrecken und Niedergeschlagenheit 
versetzt (weil er sah, daß er sich von den blinden 
Führern mit Lügen hatte verführen lassen, der doch 
ein Geleitsmann anderer hätte sein sollen), daß er 
mit betrübtem Herzen und geängstetem Gemüt (weil 
er merkte, wozu er sich hatte bewegen lassen, und 
was ihm bevorstand) sich zu der Quelle der Gnaden 
gewandt und mit heißen Tränen aus Bekümmernis 
seiner Seele gebetet hat, daß ihm solcher Abfall und 
solche Verleugnung seines Herrn doch vergeben, und 
er wiederum mit dem verlorenen Sohn in Gnaden 
aufgenommen werden möchte, dann wollte er sein le- 
belang standhaft dabei bleiben, und sich durch nichts 
mehr abwenden lassen. Dieses hat er nicht allein mit 
Worten verheißen, sondern auch mit der Tat bewie- 
sen, denn welche Versuchung, Pein und Marter man 
ihm nachher angetan hat, so ist er doch standhaft bei 
seinem wieder angenommenen Glauben geblieben, 
sodass er zuletzt, mit seiner Hausfrau und Tochter, 
darum verbrannt worden ist. Nun erwarten sie unter 
dem Altar, daß die Zahl ihrer Brüder erfüllt werde. 

Wir haben im Anfang des vorhergehenden Jahres 
1577 den verkehrten Eifer mehrerer Nachfolger der 
Calvinischen Lehre angeführt, welche zu Middelburg, 
in Seeland, so viel bewirkt hatten, daß den Taufge- 
sinnten, die aus dem römischen Babel geflohen waren, 
und sich dort niedergelassen hatten, verboten wur- 
de, ihr zeitliches Gewerbe oder Hantierung, wovon 
sie ihr Leben unterhalten mussten, zu treiben, weil 
sie sich weigerten, den bürgerlichen Eid zu schwö- 
ren, und die Kriegswaffen zu gebrauchen, weshalb 
(wie an seinem Ort gemeldet worden ist) von dem 
Prinzen von Oranien der Obrigkeit dieser Stadt be- 
fohlen worden ist, jene Leute in der Stille wohnen zu 
lassen, und ihre Gewissen nicht zu beschweren; aber 
anstatt, daß die Obrigkeit, weil es von hoher Hand 
herkam, solches befolgt hätte, ist das Gegenteil ge- 
schehen, indem die Taufgesinnten, die in jener Stadt 
und insbesondere auf dem Lande wohnten, genötigt 
wurden, sich mit einer demütigen Bittschrift abermals 
an den Prinzen zu wenden, um Freiheit ihrer Religion 
zu erlangen, welcher darauf wiederholt an dieselbe 
Obrigkeit nachfolgenden Befehl erlassen hat. 

Abschrift. 

Der Prinz von Oranien, Graf von Nassau, Herr und 
Baron von Breda, Diest [...], an die edle, tapfere, ehr- 
same, weise, besondere [. . . ] 

Nachdem gewisse Hausleute, die daselbst wohnen, 
und, wie man sagt. Tauf gesinnte sind, uns zu wieder- 
holten Malen klagend zu erkennen gegeben haben. 


daß ihr sie täglich beschwert und ihnen die Gelegen- 
heit benehmt, in Ruhe und Stille die Kost für sich und 
ihre Haushaltungen zu gewinnen, indem ihr ihnen 
verboten habt, ihre Werkstätten zu öffnen, unter dem 
Vorwand, daß sie sich weigerten, den Eid in der Form, 
wie andere Bürger, abzustatten, was alles wir reiflich 
erwogen haben, und nachdem vorgemeldete Leute 
sich erbieten alle Lasten, der Redlichkeit gemäß, zu 
tragen, wie die andern Bürger (doch was den Handel 
wegen der Waffen betrifft, so sollen sie zwar davon be- 
freit sein, jedoch haben sie darin ihre Schuldigkeit auf 
ihre Kosten zu tun, wie ihr, oder diejenigen, die dar- 
über zu befehlen haben, der Redlichkeit und Billigkeit 
nach es für gut befinden werden), so dünkt uns, daß 
ihr großes Unrecht tut, weil ihr sie nicht in Ruhe und 
Stille nach ihrem Gemüt und Gewissen leben lasst, 
wie es der Brief, den wir ihnen mit Zustimmung des 
Gouverneurs und der Räte früher verliehen, und wel- 
chen sie euch, wie sie sagen, vorgelegt haben, besagt, 
wie wir denn auch vernehmen, daß ihr bis hierher 
nicht habt darauf achten wollen, noch auf unsere frü- 
heren Briefe, so sind wir genötigt worden, zum letzten 
Male diese Verordnung aufzusetzen, in welcher wir 
euch öffentlich erklären, daß es euch nicht zusteht, 
euch insbesondere um jemandes Gewissen zu beküm- 
mern, wenn nichts gehandelt oder getan wird, das zu 
jemandes Ärgernis gereichen sollte, in welchem Falle 
wir niemanden begehren zu schützen oder zu dulden. 
Deshalb befehlen und verordnen wir euch ausdrück- 
lich, daß ihr fernerhin ablasst, die vorgenannten Leute, 
nämlich Taufgesinnte, zu beschweren, oder sie zu ver- 
hindern ihren Kaufhandel und Handwerk zu treiben, 
um für Weib und Kinder die Kost zu verdienen, son- 
dern daß ihr sie ihre Kramläden öffnen und arbeiten 
lasst, wie sie zuvor getan haben, wenigstens so lange, 
bis von den Generalstaaten, denen es zukommt, eine 
andere Verordnung erlassen wird. Darum hütet euch, 
daß ihr nichts dagegen, und gegen die Verordnung, 
die wir ihnen verliehen haben, unternehmt, und ir- 
gendeine Geldstrafe um oben gemeldeter Ursachen 
willen ihnen abnehmt, solange sie nichts unterneh- 
men, das zu jemandes Ärgernis gereichen möchte, 
und so lange sie alle bürgerlichen und redlichen Las- 
ten wie andere tragen werden Edle, Tapfere, Ehrsame, 
Weise, Bescheidene, Liebe, Besondere, bleibt Gott be- 
fohlen. Geschrieben zu Antwerpen den 16. Juli 1578. 

Unten stand: Abgeschrieben von Baudemont. Unter 
vorgemeldeter Abschrift stand geschrieben von dem 
Schreiber Baudemont, und damit einstimmig befun- 
den, von mir, Jakob Masureel, öffentlicher Schreiber 
der Stadt von der Vere, den 15. November 1579. Und 
war unterschrieben: J. Masureel, öffentlicher Schrei- 
ber. 



787 


N acherinnerung. 

Obgleich der Prinz hochl. Gedächtn. diese Gewissens- 
freiheit in der Ausübung des Gottesdienstes nun zum 
zweiten Male so scharf befohlen hatte, so ist doch 
die wahre Frucht nicht darauf erfolgt, wiewohl man 
den Befehlen in den nächstfolgenden Jahren nachge- 
kommen ist, denn nach dem Absterben dieses guten 
Fürsten hat man abermals die Verfolgung wieder an- 
gefangen; doch ist solches durch seinen Sohn (wie 
an seinem Orte gemeldet werden soll), zum Heil der 
wehrlosen Kirche Gottes, durch ein drittes Verbot ver- 
hindert worden. 

Henrich Sumer und Jakob Mandel, 1582. 

Im Jahre 1582, in der ersten Woche des September, 
ist der liebe und getreue Bruder, Henrich Sumer, ein 
Diener des Wortes Gottes, der noch in der Prüfung 
stand, und mit ihm Jakob Mandel, zu Zurzag in der 
Schweiz um seines Glaubens und des Zeugnisses Jesu 
Christi willen in Verhaft genommen worden. Darauf 
hat man sie nach der Stadt Baden geführt, wo sie von 
dem Landvogt und den Richtern in Beisein des Vol- 
kes auf dem Rathause öffentlich verhört und wegen 
ihres Glaubens untersucht worden sind, welchen sie 
freimütig bekannt haben. Bei diesem Verhör waren 
vierundzwanzig Pfaffen, welche versuchten, ob sie 
dieselben zum Abfall bringen und von ihrem Glau- 
ben abirren machen könnten, aber sie konnten nichts 
erreichen oder sie irgendeines Unrechtes oder Irrtu- 
mes überführen, vielweniger eine Ursache zu ihrem 
Tode auf redliche Weise an ihnen finden. 

Als nun diese Brüder und christlichen Helden im 
Glauben standhaft und durch das Wort Gottes freimü- 
tig bezeugten und bewiesen, daß sie auf dem rechten 
schmalen Weg der Wahrheit zum ewigen Leben in 
Christo Jesu wären, wovon sie keineswegs abweichen 
wollten, und sollte es sie auch das Leben kosten, so 
sind die Pfaffen zuletzt dahin einig geworden, und 
haben zu den Ratsherren gesagt, sie wüssten weiter 
nichts zu tun, weil dieselben halsstarrig blieben, des- 
halb müssten sie nach ihrem Gutdünken mit ihnen 
handeln. 

Man sollte ihnen also nun das Todesurteil fällen, 
aber die Ratsherren konnten nicht einstimmig wer- 
den, denn einige unter ihnen wollten ihren Tod nicht 
auf sich laden, und daran Schuld sein, weil es sich um 
Glaubenssachen handelte, und sie dieselben für from- 
me Männer hielten, aber, weil die meisten Stimmen 
dahin stimmten, daß man sie vom Leben zum Tode 
bringen sollte, so beschlossen sie darauf, daß man mit 
ihrem Urteil fortfahren sollte. Und als nun die Brüder 


vernahmen, daß ihre Zeit gekommen wäre, daß sie 
aus der Welt gehen sollten, freuten sie sich von Her- 
zen, und waren fröhlich und wohlgemut, sagten auch, 
es wäre ihnen eine viel größere Freude, als wenn sie 
irgendwo auf eine Hochzeit gehen sollten, ja sie wa- 
ren sehr wohlgemut, weil sie Gott so würdig erkannt 
hatte, daß sie seinen Namen durch solchen aufrichti- 
gen Tod verherrlichen sollten, was viele Fromme und 
Freunde Gottes vor ihnen getan hatten, und daß sie 
so die himmlische Krone erlangen würden. 

Als man sie nun hinausführte, haben sie zum Volk 
freimütig geredet und die versammelte Menge er- 
mahnt, sie sollten Buße tim und sich von ihrem sünd- 
haften Leben zu Gott bekehren; hiernächst fingen 
sie beide an sehr lieblich und mit süßer Stimme aus 
Grund des Herzens dem Herrn einen Lobgesang zu 
singen. 

Es war eine große Volksmenge zugegen, und vielen 
darunter fielen die Tränen aus den Augen, als sie sie 
singen und sagen hörten, daß sie in der Stunde des 
Todes so wohlgemut wären, aber die ewige Freude 
stand ihnen vor Augen, und sie freuten sich nach dem 
inwendigen Menschen, daß sie zu Abraham, Isaak 
und Jakob kommen sollten, zu allen Ältesten und der 
ganzen Schar der Heiligen, zu allen Propheten und 
Aposteln des Herrn, und zu ihren unlängst verstorbe- 
nen frommen Mitbrüdern und Schwestern, ja zu Jesu 
Christo selbst, ihrem Heiland und Seligmacher; also 
sangen sie bis an das Wasser, wo man sie ertränken 
sollte. 

Als sie nun hinauskamen, sprach Henrich: Nun, 
mein Bruder Jakob, weil wir so lange miteinander 
Bekanntschaft gehalten, so lass uns miteinander die 
Reise fortsetzen durch diesen zeitlichen Tod in das 
ewige Leben. Der Bruder Jakob Mandel musste zuerst 
daran; der Scharfrichter nahm ihn und ertränkte ihn 
im Wasser; als er tot war, zog er ihn wieder heraus, 
legte ihn dem Henrich vor die Augen und sagte: Mein 
lieber Henrich, sieh doch deinen Bruder an, der um 
sein Leben gekommen ist, und steh doch noch ab, 
sonst musst du auch sterben, da ist kein anderer Rat. 
Aber er sprach: Denkt doch ja nicht, daß ich abstehen 
und die göttliche Wahrheit verlassen werden; ich will 
dabei ausharren und sollte es mich auch Leib und 
Leben kosten. Auch bat ihn ein Pfaffe sehr ernstlich 
und sprach: O mein lieber Henrich, lass doch ab von 
deinem neuen Unglauben und von dieser bösen Sekte. 
Aber der Bruder Henrich wandte sich zu ihm und 
sagte: Was, Sekte? Ich glaube an Gott, den allmäch- 
tigen Vater, und an Jesum Christum, unsern Herrn 
und Heiland, und an sein heiliges Wort und seinen 
göttlichen Befehl, darin stehe ich; hältst du das für 
eine Sekte? Darfst du den rechten christlichen Glau- 



788 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


ben eine Sekte schelten? Was hast du denn für einen 
Glauben? Hast du einen andern Glauben, so bist du 
selbst in einer Sekte und in einem neuen Glauben; 
stehe davon ab und verlasse dein sündhaftes, laster- 
haftes und gottloses Leben. Also wurde der Pfaffe zu 
Spott und Schanden, und musste schweigen. Als sie 
nun sahen, daß er noch standhaft blieb, nahm ihn der 
Scharfrichter und ertränkte ihn auch, wie den andern. 
Dieses geschah den neunten Oktober des vorgemel- 
deten Jahres 1582 zu Baden im Schweizerland, als sie 
fünf und eine halbe Woche gefangen gesessen hatten. 

Melchior Platser, 1583. 

Im Jahre 1583, am Freitag nach Pfingsten, ist Melchior 
Platser, der ein Apotheker war, in dem Dorf Ranck- 
weil, in der Feldkircher Vogtei, um des Glaubens wil- 
len gefangen genommen worden. Man hat ihn dort in 
eiserne Bande geschlossen, nach Feldkirch ins Schloss 
geführt und daselbst in einem tiefen Turm gefangen 
gesetzt, wo er einige Male vor die Obrigkeit und die 
Pfaffen geführt worden ist. Er war allezeit bereit, we- 
gen seines Glaubens Bescheid und Antwort zu geben 
und ihrer falschen Lehre zu widerstehen. 

Da wurde aus der Stadt Pregits ein Pfaffe zu ihm 
gebracht, den sie für sehr weise und gelehrt hielten; 
dieser nahm sich vor, mit dem Bruder Melchior öf- 
fentlich zu disputieren, in der Hoffnung, er würde 
Ehre und Ruhm damit erjagen; aber er wurde bald 
zu Schanden, sodass er selbst sagte: Hat mich der 
Teufel um deswillen hierher gebracht, daß ich von 
einem Täufer überwunden werden sollte? Als sie nun 
ihm nichts abgewinnen konnten, haben sie (weil da- 
selbst alles papistisch ist) nach lutherischen Pfaffen 
gesandt und dieselben zu ihm gebracht, ob sie ihn 
belehren könnten; aber sie galten ebenso viel bei ihm; 
er überzeugte sie, daß sie beide in der Ungerechtig- 
keit ständen, und ihre Lehre mit Unrecht unterhielten 
und verteidigten; weshalb es gegenwärtig in der Welt 
mit allen Sünden, Lastern und der Abgötterei so übel 
stände, weil ja die Pfaffen selbst die größten Schälke 
und Buben wären. 

Als sie ihn nun weder verführen noch betrügen 
konnten, haben sie ihn der Obrigkeit übergeben und 
als einen Verräter angeklagt, der den Tod verdient hät- 
te; aber zuvor boten sie ihm noch an, wenn er Gnade 
begehrte und einen Eid schwören wollte, daß er aus 
ihrem Land und Gebiet ziehen wollte, so wollten sie 
ihn leben und fortziehen lassen; er antwortete jedoch, 
ehe er abstehen und solchen Eidschwur leisten würde, 
wollte er lieber erwarten, was Gott ihnen mit ihm zu 
tun zulassen würde, und sollte es ihn auch Leib und 
Leben kosten. Er sagte ihnen auch, ihre Bedrohungen 


erschreckten ihn nicht, es gelte ihm gleichviel, denn 
er müsste doch einmal sterben. 

Da ward der Landvogt zu Feldkirch gerührt und 
bat, daß sie ihn wieder nach Rankweil führen wollten, 
in dasselbe Dorf, wo sie ihn gefangen hatten, als ob 
er damit seine Hände von ihm hätte waschen und an 
seinem Blute unschuldig sein wollen. 

Als sie nun nach Rankweil kamen, hielten sie Ge- 
richt über ihn nach dem Befehl des großen Hannibals, 
dem er von dem Fürsten zu Innsbruck übergeben war, 
um damit nach seinem Belieben zu handeln; da haben 
sie das Urteil gefällt, daß man ihn sogleich vom Leben 
zum Tode bringen sollte. 

Als der Bruder hörte, daß er aus dieser Welt schei- 
den sollte, hat er Gott, dem himmlischen Vater, treu- 
lich gedankt und sich erfreut, daß ihn Gott würdigen 
wollte, die Wahrheit mit seinem Blut zu bezeugen, 
was er für eine große Wohltat Gottes hielte. 

Kurz darauf wurde er dem Scharfrichter in die Hän- 
de gegeben, der ihn auf den gewöhnlichen Richtplatz 
führte; das Volk war sehr betrübt und mitleidend, 
aber der Bruder Melchior fing an mit großem Eifer 
zu dem Volk zu reden und ermahnte sie, ihres gottlo- 
sen Lebens, worin sie lägen, eingedenk zu sein, und 
daß sie sich nicht länger so unbillig des Christentums 
rühmen sollten. Ach, welch ein Weh (sagte er) und 
ewiges Leiden wird über solche Menschen kommen, 
die so unschuldig den töten und um das Leben brin- 
gen, der sich von dem gottlosen, schändlichen Leben 
der Welt abgesondert und abgewandt hat! Doch ich 
will solches Gott im Himmel anbefehlen (sagte er), der 
solchen Maulchristen wohl ihren Lohn geben wird. 
Die Pfaffen wandten sich auch zu ihm, als man ihn 
hinausführte, und wollten ihn trösten, aber er sprach: 
Ihr Pfaffen seid wie die Schlangen und Skorpione (vor 
welchen uns Christus gewarnt hat), die voll Gräuel 
und Verderben stecken. Darauf hießen sie ihn schwei- 
gen, wenn er ihnen so trotzig begegnen wollte. Hier- 
nächst fing er an mit heller Stimme zu singen, bis er 
auf den Platz kam, wo man ihn richten sollte. Dar- 
nach warnte er das Volk abermals, daß sie sich vor 
den falschen Propheten hüten sollten, die sie in der 
Ungerechtigkeit unterhielten, trösteten und stärkten, 
und ihnen dabei Freiheit und Leben zusagten, damit 
sie desto weniger von der Bosheit abstehen möch- 
ten; so ernstlich und viel redete er zum Volk, daß der 
Schweiß ihm über das Angesicht lief. Der Scharfrich- 
ter trocknete ihm das Angesicht und sagte: Rede frei, 
ich will dich nicht übereilen. Kurz darauf sprach der 
Scharfrichter zu ihm: Wenn du dich bequemen und 
nach des Landvogts Sinne handeln und ihr Tim als 
recht erkennen willst, so hat man mir Vollmacht ge- 
geben, dich freizulassen. Melchior antwortete: Das 



789 


tue ich nicht! Darum fahre nur fort und tue, was dir 
befohlen ist. Darauf hat der Scharfrichter ihn sofort 
mit dem Schwert gerichtet und ihm das Haupt schnell 
abgeschlagen. Nicht weit davon lagen aufgerichtete 
Holzhaufen; auf diese legte er seinen Leib und ver- 
brannte ihn, nachdem er sechs und zwanzig Wochen 
lang gefangen gesessen hatte. Also hat er die bekann- 
te Wahrheit behalten, solange er im Leben war und 
einen Atemzug in sich hatte. 

Andreas Pirchner, 1584. 

Den 26. Tag Mai im Jahre 1584 ist Andreas Pirchner zu 
Laitsch in Finsgau, in seinem Vaterlande, in Verhaft 
genommen und von da nach Soltrain geführt worden, 
wo er dreimal auf die Folter gebracht und sehr gepei- 
nigt wurde. Als sie nun von ihm wissen wollten, wo 
er seine Wohnung und mit wem er Umgang gehabt 
hätte, und daß er diese angeben sollte, hat er geant- 
wortet, er wollte kein Judas sein und diejenigen, die 
ihm Gutes getan hätten, verraten, daß ihnen dadurch 
irgendein Leid widerfahren sollte; er wollte lieber Leib 
und Leben, ja, ein Glied nach dem andern verlieren; 
auch wären das keine Sachen, die den Glauben oder 
Artikel desselben beträfen; aber was den Glauben an- 
belangt, denselben wolle er willig und gern bezeugen, 
und sein Tun und Lassen nicht verschweigen; er hätte 
Gott im Himmel in der christlichen Taufe ein Verspre- 
chen getan, dabei wolle er bleiben und vor Gott kein 
Lügner sein; darüber wolle er (wenn es anders nicht 
sein könnte) den Tod geduldig leiden und wolle auch 
nichts anders begehren, als daß er durch sein Blut und 
Leiden einigen armen Seelen Veranlassung zur Besse- 
rung und Erkenntnis der Wahrheit werden möchte. 

Darauf hat man die Pfaffen zu ihm gesandt, daß 
sie mit ihm disputieren und handeln sollten, aber sie 
haben, was sie auch mit ihm anfingen, dennoch nichts 
ausgerichtet, denn er hat ihnen sofort ihr sündhaf- 
tes und liederliches Leben vorgeworfen und ihnen 
gesagt, daß sie niemanden zu einem tugendhaften Le- 
ben anführen, noch darin unterrichten könnten, weil 
sie selbst blind wären; weiter sprach er, sie sollten 
selbst ihr Tun und Lassen betrachten und von ihrem 
sündhaften Leben abstehen; auch hat er ihnen einige 
Reden oder Sprüche aus dem Alten und Neuen Testa- 
ment vorgehalten, sodass sie nach ihrem Willen mit 
ihm nichts ausrichten konnten, sondern er ist allezeit 
in seinem Glauben standhaft geblieben. Er ist auch 
von vielen sehr eindringlich ermahnt und gebeten 
worden, sowohl privatim als auch öffentlich, er möge 
doch von seinem Glauben abstehen, denn er sähe ja 
wohl, daß es mit ihm sonst nicht anders sein könnte, 
als daß er sterben müsste. Darauf antwortete er: Alle, 


die gottselig leben wollen in Christo Jesu, müssen Ver- 
folgung leiden, wie die Schrift sagt; hierbei will ich 
bleiben und bitte täglich Gott, meinen himmlischen 
Vater, daß sein Wille geschehen möge; ist es nun Got- 
tes Wille, so kann er es wohl fügen, daß ich frei werde; 
ist es aber nicht sein Wille, so will ich geduldig ster- 
ben. Sie baten ihn, er möge doch einmal abstehen und 
widerrufen, so würde man ihn ziehen lassen, er könn- 
te seinen Glauben ja doch wieder annehmen; aber er 
antwortete: Nein, das kann und mag nicht sein, Gott 
behüte mich davor, daß ich mein Versprechen bre- 
chen und vor Ihm als Lügner erscheinen sollte, denn 
alsdann wäre ich wie ein Hund, der das wieder auf- 
frisst, was er einmal ausgespien hat, ebenso würde es 
mir auch gehen; ich müsste das widerrufen und zu 
Lügen machen, was ich doch lange für die Wahrheit 
und den Willen Gottes bekannt und ausgegeben habe; 
dann könnte ich in langer Zeit keine rechte Buße tun, 
und wer weiß, ob ich überhaupt Buße tun und Gna- 
de erlangen könnte. Darum will, kann und mag ich 
es nicht tun, und will lieber sterben, hoffe auch mit 
Gottes Hilfe ein lebendiger Märtyrer um seiner Wahr- 
heit willen zu werden. Hiernächst hat man ihn von 
Soltrain nach Schlanders geführt und dort nach dem 
erlassenen fürstlichen und alten kaiserlichen Befehl 
und Gebot zum Tode verurteilt und dem Scharfrichter 
übergeben, der ihn nach dem Richtplatz geführt hat. 

Als man ihn nun hinausführte, hat er mit fröhli- 
chem Gemüt gesagt: Gott sei gelobt, daß es mit mir 
so nahe ans Ende gekommen ist, und weil es so sein 
Wille ist, so will ich auch geduldig sterben, und so 
verehrte er sein Ende mit vielen Danksagungen und 
christlichen Lehren und Reden zu dem Volk. Sodann 
ist er niedergekniet, und obgleich es den ganzen Tag 
bis auf jene Stunde dunkles Wetter gewesen war, so 
fing doch damals die Sonne an klar und hell zu schei- 
nen und schien ihm ins Angesicht, worüber er sich 
freute und sagte: Gott sei gelobt, daß Er mir seine 
klare Sonne noch vor meinem Ende zeigt. 

Als der Scharfrichter das Schwert entblößt hatte 
und den Streich tun wollte, rief man ihm zu, er soll- 
te einhalten; sodann bat man den Bruder sehr ernst- 
lich, er möge doch abstehen, dann wollte man ihm 
das Leben schenken, aber er wollte nicht und hielt 
sein Haupt tapfer in die Höhe, hiernächst hat ihn der 
Scharfrichter enthauptet, und er hat seinen Geist gott- 
selig aufgeopfert; sodann wurde sein Leib mit Stroh 
und ein wenig Feuer versengt. 

Dieses ist den 19. Oktober des vergangenen Jahres 
geschehen, als er zwei und zwanzig Wochen gefangen 
gesessen hatte. 



790 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Leonhard Sumerauer, im Jahre 1584. 

Im Jahre 1584 ungefähr acht Tage vor Martini ist 
der Bruder Leonhard Sumerauer aus dem Salzbur- 
ger Land in Verhaft genommen worden, als er das 
Land verlassen wollte, und zu Titmaing zu Schiffe ge- 
gangen war. Die Schiffsleute wurden solches gewahr 
und fuhren zu Berghausen an der Brücke an, damit 
sie nicht zu Schaden kommen möchten; da hat man 
ihnen einen Strick zugeworfen, an welchem er ans 
Land gezogen worden ist, denn die Schiffsleute rie- 
fen, daß sie einen Wiedertäufer bei sich hätten. Der 
Schreiber, der dabei stand, ging zum Kanzler und sag- 
te ihm, es wäre ein Wiedertäufer angekommen. Der 
Kanzler ließ ihn gefangen nehmen, auch sofort auf die 
Peinbank bringen und fünfmal jämmerlich peinigen, 
auch zweimal an den Strick aufhängen, aber sie haben 
von ihm nichts erlangen noch ihm irgendetwas abge- 
winnen können; auf solche Weise hat er in der Zeit 
seiner Gefangenschaft viel Pein und Schmerzen leiden 
müssen und nebenbei auch viel Anstoß und Streit um 
seines Glaubens willen, und weil er ihr Lehre nicht 
annehmen wollte. 

Als er nun fast ein halbes Jahr gefangen gesessen 
hatte, hat man ihn auf den Richtplatz geführt. Auf 
diesem Weg begleiteten ihn vier Pfaffen, welche stark 
anhielten, er wolle doch abstehen; aber er sagte, er 
wäre von seinem ungerechten Leben schon vor länger 
als zwanzig Jahren abgegangen. Als man ihn durch 
die Stadt führte, ermahnten sie ihn wiederholt, er wol- 
le doch abstehen, aber er antwortete: Sollte ich von 
Gott abweichen? Solches lehrt mich Christus nicht, 
wenn er sagt: Wer mich vor den Menschen verleug- 
net, den will ich auch vor meinem himmlischen Vater 
verleugnen. 

Als er nun zum steinernen Gericht hinausgeführt 
wurde, sagten sie zu ihm: Sieh, da ist das Bild unseres 
Herrn, beuge dich vor ihm nieder, aber er antworte- 
te, er dürfe nicht, sie sollten mit ihm fortfahren. Die 
Pfaffen fragten ihn, warum er von der christlichen 
Kirche abgegangen wäre und sich zu den Ketzern (so 
nannten sie dieselben) begeben hätte; er antwortete 
hierauf: Doch nicht, sondern ich bin von den gottlosen 
Götzendienern, Hurern, Gotteslästerern und allen Un- 
reinen ausgegangen und habe mich zu den Frommen, 
zu Gott und seiner Kirche begeben; sie aber sprachen: 
Er hat den Teufel, der macht ihn so reden, gleichwie 
auch die Juden Christum beschuldigten. Nachher ha- 
ben sie ihn noch dreimal um Gottes willen gebeten, er 
wolle doch abstehen, aber er wollte nicht. Der Scharf- 
richter bat ihn auch nach besten Kräften, aber der 
Bruder Leonhard sprach: Ei Lieber, schweig still und 
bitte mich nicht, sondern fahre fort, denn ich will ster- 


ben wie ein frommer Christi; ich stehe in dem rechten 
Glauben und auf dem rechten Grund, welcher Chris- 
tus, mein Herr, ist; davon werde ich nicht abweichen. 
Als sie nun sahen, daß all ihr Tun umsonst war, hat 
ihm der Scharfrichter den Halskragen abgenommen 
und zu ihm gesagt: Wenn du nur von den beiden 
Artikeln abstehst, wollen sie dich frei lassen; aber er 
sagte: Lass mich doch zufrieden und fahre fort, wie 
du willst, denn ich will ritterlich auf meinen Glauben 
sterben. Darauf sagte der Scharfrichter: Ich richte dich 
nicht gern, aber tue ich es nicht, so tut es ein anderer, 
und entblößte sodann das Schwert, um ihn dadurch 
zu erschrecken, aber er hat sich gar nicht davor ent- 
setzt. Also ist er enthauptet und auf dem Richtplatz 
begraben worden. 

Dieses ist zu Berghausen den 5. Juli 1585 geschehen, 
als dieses Schäflein des Herrn von reißenden Wölfen 
zerrissen worden ist. 

Anneken Botson, Janneken, ihre Tochter, und 
Maeyken Pieters, im Jahre 1585. 

Um das Jahr 1585 sind zu St. Veit, im Lützenburger 
Lande gelegen, drei Frauenspersonen in Verhaft ge- 
nommen worden, welche man aus dem Dorf Neustadt 
brachte. Unter denselben war eine Mutter und eine 
Tochter, die Mutter wurde Anneken Botson, ihre Toch- 
ter Janneken Botson, die andere Frauensperson aber 
Maeyken Pieters genannt. Sie waren alle drei schlichte 
gottesfürchtige Leute, welche das Papsttum verlassen 
und durch Gottes Gnade zu dem Gehorsam des heili- 
gen Evangeliums sich begeben hatten. Dieses konnten 
die Pfaffen nicht ertragen, sondern beneideten sie, 
und gaben diese Leute bei der Obrigkeit an; deshalb 
sind sie gefänglich eingezogen und zu St. Veit, wie 
gemeldet ist, eingesetzt worden. Sie saßen auch dort 
nicht lange, sondern wurden sofort über ihren Glau- 
ben verhört, welchen sie wohlgemut in der Einfalt be- 
kannten und auch standhaft dabei blieben, wiewohl 
man es auf mancherlei Weise mit ihnen versuchte, sie 
zum Widerruf der Wahrheit zu bringen; weil sie ihnen 
aber nichts abgewinnen konnten, so sind sie verurteilt 
worden zu Pulver verbrannt zu werden. Sie gingen 
aber wie unschuldige Schlachtschafe zum Opferplatz 
und sind wohlgemut gestorben, und haben ihren Leib 
dem Herrn zum Opfer aufgeopfert. 

Wolfgang Raufer, Georg Prukmair und Hans 
Aicher, im Jahre 1585. 

Im Jahre 1585 sind drei Brüder, nämlich Wolfgang 
Raufer, Georg Prukmair und Hans Aicher, eine hal- 
be Meile von Riet, als sie im Wirtshaus etwas geges- 



791 


sen und getrunken hatten, und nach dem Essen eine 
Danksagung hielten, um des Glaubens willen (auf 
der Reise) verhaftet worden. Daher schickte man so- 
fort nach den Dienern und ließ ihnen sagen, es wären 
Leute da wie Wiedertäufer. Indem sie mm ihr verzehr- 
tes Geld aufzählten und der Wirt dasselbe empfing, 
kam das böse Gesinde, nahm sie alle drei gefangen 
und führte sie nach Riet. Nach einigen Tagen führte 
man sie von dort nach Berghausen, wo der Rat und 
Richter hochgeachtete Doctores zu ihnen schickte, die 
mit ihnen reden sollten, ob sie sie überwinden und 
von ihren Glauben abfällig machen könnten; aber sie 
konnten nichts ausrichten, noch auch (weder Doc- 
tores noch Pfaffen) mit Disputieren auf irgendeine 
Weise sie zum Abfall bringen. Unterdessen haben sie 
den vorgemeldeten Bruder Leonhard Sumerauer auf 
einen Freitag früh um acht Uhr hinausgeführt und 
mit dem Schwert gerichtet. Darauf ist der Richter mit 
andern Herren in das Schloss gegangen und hat es 
diesen Brüdern angezeigt, und dabei gesagt, wenn 
sie nicht abstehen würden, so sollte es ihnen auch 
ergehen, wie dem vorigen. Sie antworteten aber dar- 
auf: Wir sind zum Sterben gern bereit; wir wollen 
geduldig leiden, wie es Gott mit uns macht. Als sie 
nun eine lange Zeit, nämlich vierzehn Wochen, zu 
Berghausen gefangen lagen, und man ihnen nichts 
abgewinnen noch sie kleinmütig machen konnte, hat 
man sie besonders auf Karren gesetzt, sie den nächst- 
folgenden Richttag, nämlich den 3. August aus dem 
Gefängnis geführt und um vier Uhr vor das Rathaus 
gebracht, wo man ihnen den fürstlichen Befehl vor- 
gelesen hat, wonach man mit ihnen handeln sollte. 
Unterdessen rief der Richter den Scharfrichter und 
befahl ihm, er sollte diese drei Personen binden und 
sie nach dem gewöhnlichen Richtplatz hinausführen, 
und sodann (weil sie vom Leben zum Tode verurteilt 
wären) mit dem Schwert hinrichten, hiemächst aber 
auf den Holzhaufen legen und mit Feuer verbrennen. 
Darauf antwortete der Bruder Wolfgang: Nicht vom 
Leben zum Tod, sondern durch den Tod in das ewige 
Leben. Sodann sagten Georg und Wolfgang: Weil wir 
denn nun sterben müssen, so sterben wir allein um 
der göttlichen Wahrheit willen, denn wir haben nie- 
manden beleidigt noch Unrecht getan; es steht kein 
Mensch hier, dem wir irgendein Leid zugefügt haben 
oder der über uns klagen kann; weil wir denn mm um 
des Glaubens und des Wortes Gottes willen unser Le- 
ben verlieren, so werden wir dasselbe in der Ewigkeit 
wieder finden, wie das heilige Evangelium bezeugt. 
Darauf haben sie der Obrigkeit zugeredet, sie sollte 
künftig besser zusehen, denn das imschuldige Blut 
würde wider diejenigen um Rache schreien, die daran 
schuldig sind; aber weil es Gott so mit ihnen machte. 


so wollten sie willig sterben, denn unser Herr Jesus 
Christus hat denselben Tod auch in dieser Welt leiden 
müssen. Darauf sprach Wolfgang zu Georg und Hans: 
Nun denn, meine lieben Brüder, wir wollen vonein- 
ander Abschied nehmen; lasst uns fröhlich sein, denn 
der Herr ist mit uns. Sodann bat der Bruder Georg 
den Scharfrichter, er wolle ihnen die Hände etwas 
loser machen, daß sie einander die Hand geben und 
Abschied voneinander nehmen könnten; dazu war 
der Scharfrichter bereit und tat es gern; also haben sie 
einen fröhlichen Abschied voneinander genommen. 
Unterdessen kam ein Pfaffe zu dem Bruder Wolfgang 
und ermahnte ihn, daß er abstehen möchte; aber er 
antwortete ihm ganz kurz, er sollte von seinem gott- 
losen Leben und der Hurerei abstehen, und wollte 
den Pfaffen nicht bei sich dulden. Hiernächst ging er 
fort, und als er auf den Markt kam, fing er an, fröhlich 
zu singen, und sagte Gott Lob und Dank, daß sie da- 
zu gekommen wären, daß sie recht geläutert werden 
möchten. Ferner sagte er: Wollte Gott, daß unter die- 
sem Haufen Volks jemand aus unserm Land wäre, der 
dieses unsern Brüdern zu wissen tun könnte, dann 
wollten wir Gott aufs Höchste dafür danken; doch 
hoffen wir, es werde Gott jemanden schicken, der ih- 
nen dieses verkündigen werde, es sei mündlich oder 
schriftlich, und das erfreut unser Herz. Dieser Wunsch 
ist auch erfüllt worden, wie solches die Tat erwiesen 
hat. Darnach sprach Wolfgang zu dem Scharfrichter: 
Nun Meister Christoffel, fernerhin werde ich etwas 
stiller und zurückhaltender sein, aber mein Herz hat 
nun durchaus keine Plage mehr und lacht inwendig, 
und wenn meine Brüder, mein Weib und Kind dieses 
wüssten, sie würden sich über uns freuen, wiewohl 
sie sonst nach dem Fleische wohl weinen und trau- 
ern möchten; ich bitte und hoffe auch, Gott werde 
jemanden nach unserm Lande zu unserer Gemein- 
de schicken, der statt unserer von allen Brüdern und 
Schwestern, von Weib und Kindern und allen Bekann- 
ten, dem Fleische nach, Abschied nehmen werde. 

Indem Wolfgang so redete, sind sie hinausgeführt 
worden und zum Richtplatz gekommen; die beiden 
andern Brüder, Georg und Hans, sind meistens stille 
gewesen; als sie aber auf den Richtplatz kamen, sind 
sie alle drei fröhlich gewesen, haben abermals vonein- 
ander Abschied genommen und ihr Gebet sämtlich in 
der Stille verrichtet. 

Hiernächst sind sie enthauptet, die Leichname aber 
auf Holzhaufen gelegt und verbrannt worden. 

Als der Scharfrichter nun solches vollbracht hatte, 
sprach er zu dem Volk: Diese Leute haben von ihrem 
Glauben nicht abstehen wollen und wollen auch keine 
Pfaffen leiden; sie haben auch einen viel stärkeren 
Glauben als ich und alle, die hier sind; ich wollte lieber 



792 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


dreißig Räuber richten als diese. 

Also haben diese lieben Brüder den Glauben an 
Jesum Christum und die göttliche Wahrheit mit ih- 
rem Blut bezeugt, wozu ihnen Gott Kraft und Stärke 
gegeben hat, wofür Er ewig gelobt sein müsse, Amen. 

Von dem Befehl, der wider die Taufgesinnten im 
Herzogtum Preußen (doch nicht zum Tode) im 
Jahre 1586 den 12. November bekannt gemacht 
wurde. 

Als in Folge des abscheulichen Brennens und Sen- 
gens der frommen Zeugen Jesu, die man Wiedertäufer 
nennt, viele derselben aus den papistischen Ländern, 
wo die größte Not herrschte, sich in die preußischen 
Gegenden begaben, in der Hoffnung, daß die dortigen 
Regenten, die sich doch größerer Bescheidenheit und 
Barmherzigkeit rühmten, als im allgemeinen im Papst- 
tum, ihnen Freiheit vergönnen würden, nach ihrem 
Gewissen zu leben, hat es sich zugetragen, daß, als sie 
dahin kamen, sie in ihrer Meinung betrogen worden 
sind, indem der Fürst dieses Landes, der damals zu 
Brandenburg regierte, ihnen durch einen öffentlichen 
Befehl gebot, das Land wieder zu verlassen. 

Hiervon hat P. J. Twisck die nachfolgende Beschrei- 
bung gegeben: Georg Friedrich, Markgraf zu Branden- 
burg, gebot in einem öffentlichen Befehl im Jahre 1586 
den 12. November, daß die Wiedertäufer aus seinem 
ganzen Herzogtum Preußen wegziehen sollten. 

Chronik von dem Untergang, gedruckt 1620, der 2. 
Teil, im 16. Buch auf das Jahr 1586, Pag. 1401, Kol. 1. 

Christian Gasteyger, 1586. 

Im Jahre 1586 auf den Freitag nach Pfingsten, welches 
der 3. Juni war, ist Christian Gasteyger, ein Schmied 
zu Ingolstadt in Bayern, in Verhaft genommen wor- 
den. Den folgenden Sonntag kamen zwei Jesuiten mit 
dem Stadtrichter zu ihm; sie redeten mit ihm von sei- 
nem Glauben, aber sie gingen bald wieder fort, denn 
sie konnten mit ihm nicht einig werden. Neun Tage 
später kamen die beiden Jesuiten wieder, um mit ihm 
zu reden, und fingen an, die Gemeinde zu lästern; 
aber der Bruder widersprach ihnen, sodass sie fast 
anderthalb Stunden miteinander zubrachten und ihn 
sodann mit Missvergnügen verließen. Nach drei Wo- 
chen sind abermals zwei Jesuiten zu ihm gekommen, 
die ihn unterrichten wollten; als er aber nicht nach 
ihrer Pfeife tanzen wollte, sind sie wieder von ihm 
gegangen. Zwei Tage darauf kam der Richter mit ei- 
nem Doctor der Schrift zu ihm, um mit ihm von der 
Kindertaufe zu reden. Diese sagten, die Kinder wären 
verdammt, wenn sie nicht zur Taufe gebracht würden. 


Darauf antwortete der Bruder Christian: Sie sind um 
deswillen nicht verdammt; was er ihnen auch mit an- 
gezogenen Sprüchen bewiesen hat. Sie schalten ihn 
aber um deswillen für einen Ketzer, und sagten ferner: 
Die Kinder haben den Teufel in sich, darum müssen 
sie getauft werden. Da fragte er, wie der Teufel in die 
Kinder käme, worauf sie erwiderten: Er kommt von 
der Mutter ins Kind; aber darin hat er ihnen auch 
widersprochen. 

Nach neun Tagen kam der Richter mit seinem Rate 
zu ihm, diese sagten: Du weißt wohl, warum du hier 
gefangen sitzt, und hast schon eine Zeitlang gesessen; 
es sind auch Priester zu dir gekommen, aber du hast 
ihnen nicht Gehör geben wollen, denn sie haben mir 
berichtet, daß an dir keine Hoffnung mehr sei, und 
ich habe Befehl erhalten, daß ich noch einmal mit dir 
reden sollte; willst du dich nun nicht zu dem bekeh- 
ren, was deine Eltern geglaubt haben, so wird man 
dich auf einen Haufen Holz setzen und verbrennen; 
so lass denn sehen, wie Gott mit dir sein wird. Er ant- 
wortete hierauf: Ich hin ja jeden Tag bereit zu sterben, 
und habe die Hoffnung zu Gott im Himmel, daß Er 
mich bis ans Ende getreu und gottselig bewahren wer- 
de, sodass ich von der Wahrheit nicht weichen werde; 
sein Wille geschehe über mir. 

Am andern Tage kamen abermals zwei Jesuiten, um 
mit ihm zu handeln; diese gaben vor, daß er keinen 
Glauben hätte, fingen auch von der Kindertaufe an 
und sagten, das Kind müsste getauft sein, sonst wäre 
es verdammt; aber er widersprach ihnen. Als sie nun 
drei Stunden lang mit ihm zugebracht hatten, und er 
ihnen genug geantwortet und ihrer falschen Lehre tap- 
fer widerstanden hatte, sind sie von ihm geschieden. 
Auch hat er uns wissen lassen, daß, weil er nun um 
der Wahrheit willen gefangen wäre, er auch standhaft 
bei derselben bleiben wolle; und sollte es ihn auch das 
Leben kosten, so wolle er doch nicht davon weichen; 
man sollte ihm ja alles Gute Zutrauen, denn er wol- 
le um die ewige Krone ritterlich kämpfen; er merke 
wohl, daß Gott ihm in seinen Banden treulich beistehe, 
weshalb er Ihm auch Lob und Dank gäbe und bäte, 
daß Er ihn bis an den zeitlichen Tod behüten wolle; 
daneben hat er uns und alle Gläubigen christlich grü- 
ßen lassen. Nachher, als er mehr als zwölf Wochen zu 
Ingolstadt gefangen gesessen hatte, und alle Pfaffen 
und Jesuiten daselbst an ihm müde geworden waren 
und ihm aber gleichwohl nichts abgewinnen konnten, 
hat man ihn den 25. August auf einen Karren gesetzt 
und von Ingolstadt nach München geführt. 

Endlich hat man den 13. Dezember das Urteil über 
ihn gefällt. Der Fürst war abwesend, der oberste Rich- 
ter aber war gestorben, weshalb der Unterrichter das 
Urteil fällen sollte, aber er wollte nicht und sagte, es 



793 


wäre sein Amt nicht. Der Bürgermeister und einige an- 
dere im Rat wollten auch nicht mit einstimmen, aber 
die Jesuiten haben hart darauf gedrungen, sodass das 
Urteil doch vor sich gegangen ist. 

Man führte ihn aus dem Gefängnis vor das Rat- 
haus und verurteilte ihn zum Schwert. Hiernächst 
hat man ihn zum Tode hinausgeführt, weil er aber 
sehr fröhlich und wohlgemut war und sehr viel zum 
Volk redete, so sind die Jesuiten sehr zornig gewor- 
den und haben ihm ins Angesicht gespien, so daß der 
Scharfrichter selbst ihn abgewischt hat. Die Jesuiten 
haben ihm auch ein abgöttisches Kruzifix vorgehalten, 
und wieder ins Angesicht gespien, was das Volk sehr 
verdrossen hat. 

Als er nun auf den Richtplatz kam, war er sehr 
fröhlich, weil er sah, daß er die Krone fast gewonnen 
hatte. 

Der Scharfrichter stand mit entblößtem Schwert 
da, war furchtsam und bat ihn, er wolle doch abste- 
hen; aber er sprach zum Scharfrichter, er sollte ihm 
sein Recht tun, und zu den Jesuiten sprach er: Und 
wenn von den Eurigen hier Tausend und noch so 
viel Tausende wären, so würdet ihr mich nicht ver- 
führen können. Darauf hat ihn der Scharfrichter mit 
dem Schwert gerichtet, und also ist er standhaft und 
fröhlich im Glauben verharrt. 

Von dem Befehl, der wider die Taufgesinnten in 

der Königsberger Herrschaft und deren Städten 
und Vorstädten, auf Leibesstrafe und den Verlust 

ihrer Güter, im Jahre 1587, erlassen worden ist. 

Eben das, was ein Jahr zuvor in Preußen den Taufge- 
sinnten geschehen ist, das geschah nun auch in der 
Herrschaft Königsberg, was durch denselben Fürsten, 
der auch dieses Landes Herr war, ausgeführt worden 
ist. 

Als vorgemeldeter Schreiber ihren Auszug aus 
Preußen erzählt hatte, fügte er kurz darauf hinzu, daß 
ihnen im Jahre 1587, den 1. März, befohlen worden 
sei, nicht allein die Herrschaft Königsberg und deren 
Städte und Vorstädte zu räumen, sondern auch alle 
andern Ländern und Herrschaften, die unter Georg 
Friedrich, Markgrafen von Brandenburg, Regiment 
gehörten, und das bei Lebensstrafe und Verlust der 
Güter. 

Dieses ist um deswillen geschehen, weil sie von 
der Kindertaufe (die die Gelehrten dieses Landes für 
die Tür und den Eingang in das Reich Gottes hielten) 
sehr ärgerlich (wie man sagte) redeten. Vergleiche das 
sechzehnte Buch der Chronik von dem Untergang der 
Tyrannen und jährlichen Geschichten, den zweiten 
Teil, gedruckt 1620, Pag. 1401, Kol. 2, mit Joh. Behin, 


Fol. 72, 73. 

Michael Fischer, 1587. 

Im Jahre 1587, um Pfingsten, ist Michael Fischer zu 
Ingolstadt in Bayern um des Glaubens willen in Ver- 
haft genommen worden. Als er nun an zwölf Wo- 
chen gefangen gelegen hatte, und auf der Mönche, 
Jesuiten und anderer vieles Versuchen, ihrer falschen 
Lehre und Abgötterei nicht folgen wollte, sondern 
im Glauben, den er angenommen und bekannt hat- 
te, fest verharrte, so ist ihm das Leben ab- und der 
Tod zugesprochen worden, daß man ihn Freitag den 
6. August richten sollte, wenn er nicht abstehen woll- 
te. Weil er aber auf ein besseres und ewiges Leben 
bedacht war, so blieb er unbeweglich und standhaft 
im Glauben. Deshalb ist er am vorgemeldeten Tage, 
Morgens um acht Uhr, aus dem Gefängnis vor das 
Rathaus gebracht worden, wo man ihm das Urteil 
vorgelesen hat, welches so lautete, daß, nachdem die- 
ser Täufer an zwanzig Jahre der Wiedertäuferei (so 
nannten sie dieselbe) angehangen, dazu auch einige 
andere verführt hätte, und sich keineswegs davon 
abbringen lassen wollte, so müsste er nun darum ster- 
ben, denn der kaiserliche Befehl laute, daß man alle 
solche nicht dulden oder leiden, sondern sie mit Feuer 
und Schwert strafen solle. Darauf ist er hinaus nach 
dem Richtplatz geführt worden, wozu er willig und 
bereit war und welchem er in Eile entgegen ging. Ein 
Jesuit und ein Mönch gingen mit ihm und wollten ihn 
unterrichten, aber er merkte nicht auf sie und hieß 
sie ihrer Wege gehen. Deshalb gingen sie voran nach 
dem Richtplatz und sagten dort zu ihm, er müsste 
doch sterben, darum sollte er sich dazu bereit machen, 
hielten ihm auch ein Kruzifix vor daß Angesicht und 
sagten, er sollte den anschauen, der für uns gestorben 
wäre, aber er schüttelte den Kopf und sagte: Mein 
Erlöser Christus ist im Himmel, darum entsage ich 
jedem Werke menschlicher Hände; auch sprach er zu 
dem Scharfrichter: Komm hierher; es ist doch anders 
nichts zu tun, ich will ritterlich bei dem Glauben blei- 
ben und darauf sterben. Nach diesen Worten kniete 
er freimütig und unverzagt nieder; solche Kraft und 
Stärke hat ihm Gott verliehen, daß er bis ans Ende 
auf dem Wege der Wahrheit zum ewigen Leben in 
Jesu Christo standhaft geblieben ist. Der Scharfrich- 
ter wurde durch seine Unverzagtheit erschreckt und 
konnte ihn daher nicht recht richten, sondern musste 
das Haupt gleichsam abschneiden, sodass er in keiner 
geringen Lebensgefahr war. 



794 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Christian Rycen, 1588. 

Dieser Christian Rycen ist noch in den letzten Tagen, 
als ein treuer Zeuge, in Honschoten in Flandern gewe- 
sen, wo er als ein rechter Christ um des Wortes Gottes 
und des Zeugnisses Jesu Christi willen, im Dezember 
des Jahres 1587 gefangen worden ist; er ist aber nach 
langer Versuchung und vieler Anfechtung, die er dort 
gelitten hat, den siebten Tag im April 1588 unter der 
blutigen Tyrannei und Regierung des Prinzen von Par- 
ma sehr grausam gemartert und zu Asche verbrannt 
worden. Also hat er seinen vergänglichen Leib um 
der Wahrheit Christi willen standhaft dem Tode über- 
geben, und erwartet dagegen eine neue Behausung 
im Himmel, die ihm von Gott zubereitet ist und ewig 
währen wird, 2Kor 5. 

Von diesem Freund Gottes ist früher ein Büchlein 
im Druck erschienen, welches fünfzehn Briefe und 
einige Lieder enthält, welche dieser wahre Zeuge aus 
dem Gefängnis an seine Hausfrau und Freunde zu 
ihrem Trost und zur Stärkung geschrieben hat, wovon 
dem Leser einige im Verlauf mitgeteilt werden. 

Eine Erklärung, wie er von der Obrigkeit 
untersucht worden ist, ferner wie der Pfarrer ihm 
hat die Kindertaufe beweisen wollen, und wie sie 
ihn hart angefochten haben. 

Gnade, Friede und Liebe sei mit dir von Gott unserm 
himmlischen Vater, durch seinen Sohn Jesum Chris- 
tum, Amen; das wünsche ich meiner lieben und wer- 
ten Hausfrau zum freundlichen Gruße. 

Nebst dem Gruße lasse ich dich, meine sehr werte 
Hausfrau, wissen, daß es mir, dem Fleisch nach, noch 
ziemlich wohl geht, nach dem Geist aber hat das Ge- 
müt den Vorsatz, bei dem Herrn zu bleiben bis an das 
Ende meines Lebens, durch des Herrn Hilfe. 

Eine fernere Veranlassung meines Schreibens ist 
die, dich wissen zu lassen, daß ich einmal vor den 
Herren gewesen bin; sie haben mich wegen meines 
Glaubens untersucht, welchen ich ihnen bekannt ha- 
be. Sie fragten mich, ob ich mich hätte taufen lassen; 
ich erwiderte: Ja; sie fragten mich, vor wie langer Zeit 
es geschehen sei; ich sagte: Wohl vor acht Jahren. Da 
fragten sie nach meinen Kindern, ob sie nicht getauft 
wären; ich sagte: Nein. Sie fragten, ob mein Weib auch 
wäre wie ich; ich sagte: Ja. Da fragten sie, in welchem 
Hause ich getauft worden wäre; ich antwortete, es 
stände in dem Südost-Winkel; sie fragten, wie der 
Mann hieße der darin wohnte; ich antwortete: Pieter; 
und sein Zuname? sagten sie; ich sagte: Wir fragen 
nicht viel nach dem Zunamen. Hiemächst haben sie 
alles, was ich ihnen sagte, aufgeschrieben. Sie schick- 


ten nach dem Pfarrer, und lasen ihm vor, was ich vor 
ihnen bekannt hatte. Der Pfarrer fing an viel von der 
Taufe mit mir zu reden und sagte, die Kinder müssten 
getauft werden, damit sie von der Erbsünde gereinigt 
werden möchten; ich sagte, was Paulus sagt, Rom 5: 
Daß, gleichwie der Tod über alle Menschen durch 
Adam gekommen ist, so ist die Rechtfertigung über 
alle Menschen durch Christum Jesum gekommen, ja, 
gleichwie wir alle durch Adam sterben, so sind wir 
alle durch Christum lebendig gemacht. Dieses wollte 
er nicht annehmen, sondern sagte, was Johannes sagt: 
Es sei denn, daß jemand wiedergeboren werde aus 
Wasser und Geist, so kann er nicht ins Himmelreich 
kommen; deshalb müssten die Kinder getauft werden, 
wenn sie von der Erbsünde erlöst werden sollten; ich 
sagte ihm: Die Schrift sagt nicht an gemeldetem Orte, 
es sei denn, daß jemand getauft sei aus Wasser und 
Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen, 
sondern sie sagt: Es sei denn, daß jemand wiedergebo- 
ren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in 
das Reich Gottes kommen; solches können die Kinder 
nicht tun, und bedürfen es auch nicht, denn sie haben 
nicht in den Sünden gelebt, daß sie die Wiedergeburt 
nötig hätten. Außerdem, meine liebe und werte Haus- 
frau, hatten wir auch noch viele andere Reden, die ich 
vergessen habe, und die nicht wert sind, daß ich sie 
aufschreibe; ich weiß nicht, was sie mit mir machen 
werden, ob sie ihrer alten Weise folgen werden oder 
nicht. 

Aber, meine geliebte Hausfrau, wenn sie mich auch 
töten, wie sie von jeher gewohnt gewesen sind zu 
tun, so lass uns solches kein Wunder sein, wie Pe- 
trus schreibt: Lasst euch die Hitze, die euch begegnet, 
nicht befremden, als widerführe euch etwas Seltsa- 
mes, sondern freut euch, daß ihr mit Christo leidet, 
denn, sagt er, selig seid ihr, die ihr über den Namen 
Christi geschmäht werdet, denn der Geist, der ein 
Geist der Herrlichkeit und Gottes ist, ruht auf euch; 
bei ihnen ist Er verlästert, aber bei euch ist Er geprie- 
sen. Nicht, meine liebe Hausfrau, als ob ich schon 
gehört hätte, daß sie mich töten werden, aber, wenn 
sie mich auch töten, so wäre es nichts Neues, denn 
Christus hat selbst gesagt: Die Zeit wird kommen, 
daß, wer euch tötet, meinen wird, Gott einen Dienst 
daran zu tim, und das werden sie tun, weil sie weder 
mich, noch meinen Vater erkannt haben. Darum, mei- 
ne liebe Hausfrau, sei wohlgemut in dem Herrn, lass 
uns dem Herrn unsere Sache befehlen, und von Ihm 
den Tag erwarten, der uns trösten wird, denn das sind 
die ersten Verheißungen hier in dieser Welt, nämlich 
Heulen und Weinen, worüber die Welt sich freuen 
wird; wir aber müssen traurig sein, aber unsere Trau- 
rigkeit soll in Freude verwandelt werden; auch sagt 



795 


Paulus: Ich weiß, daß das Leiden dieser Zeit nicht zu 
vergleichen ist mit der zukünftigen Herrlichkeit, die 
an uns offenbar werden soll. Darum, mein liebes Weib 
sei getrost in dem Herrn, in der Hoffnung, dass Er uns 
helfen werde, und tue das Beste an den Kindern, um 
sie in der Gottesfurcht aufzuziehen. Es drückt mich 
aber sehr, wenn ich an dich und die Kinder denke, 
weil du sehr beschwert bist; die Tränen laufen mir 
oft aus den Augen, weil ich dich in so großer Last 
und so geringem zeitlichen Vermögen verlassen muss, 
aber, meine Geliebte, wenn ich bedenke, daß es um 
des Herrn willen verlassen sein müsse, sonst sind wir 
seiner nicht wert, so hoffe ich, daß der Herr für dich 
sorgen werde, denn es steht geschrieben: Sucht zu- 
erst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, so wird 
euch alles, was euch nötig ist, zugeworfen werden, 
und Petrus sagt: Alle eure Sorge werft auf den Herrn, 
denn Er sorgt für euch. Darum, mein liebes Weib, weil 
die Sprüche mich trösten, indem wir solchen großen 
Versorger haben, so hoffe ich, daß Er dich und mich, 
sowie unsere Kinder mit demjenigen versorgen wer- 
de, was uns nötig ist. So unterlasse denn nicht, mein 
liebes Weib, zu schreiben, wie es mit dir und den Kin- 
dern dem Fleische und dem Geiste nach steht. Aber, 
mein liebes Weib, ich muss dir noch berichten, daß 
ich von den Pfarrern hier im Gefängnis oft angeredet 
worden bin, doch wir konnten nicht Übereinkommen; 
bisweilen redeten sie hart, bisweilen aber freundlich, 
und wollten allezeit ihre Kindertaufe aus Joh 3 bewei- 
sen, führten auch noch mehrere Sprüche an, als Rom 6; 
Kol 2; Eph 5; Tit 3, und mehrere andere, die zu ihrem 
Vorsatz nicht dienen, sondern von der Wiedergeburt 
und von der Begrabung der Sünden durch die Taufe 
handeln, oder davon, daß Gott seine Gemeinde durch 
das Wasserbad im Wort gereinigt habe. Diese Sprü- 
che führen sie an, um ihre Kindertaufe zu beweisen, 
welche doch nicht für sie sprechen. Darum habe ich 
hier einen großen Streit; es kommt mir vor, ich sei in 
der Wüste bei Mara, wo die Kinder Israel bei dem 
Zankwasser waren, dessen Wasser bitter war; aber 
der Herr zeigte ihnen ein Holz, welches sie ins Wasser 
legen sollten, um das Wasser süß zu machen. Also 
hat mir der Herr auch ein grünes Holz angewiesen, 
das alles dieses Wasser versüßt, das ist Christus Jesus, 
das rechte grüne Holz. Wenn ich an Ihn denke, daß 
Er von den Hohepriestern und Schriftgelehrten zum 
Kreuzestod überliefert worden ist, so erfüllt mich das 
mit Süßigkeit, denn ich denke, daß der Knecht nicht 
besser ist, als sein Meister, sondern es soll dem Knecht 
genug sein, daß er ist, wie sein Meister. 

Hiermit will ich dich für dieses Mal, meine liebe 
Hausfrau, dem Herrn empfehlen, und dem reichen 
Worte seiner Gnade, der mächtig ist, deinen Schatz zu 


bewahren, und dir sein ewiges Reich zu geben. 

Geschrieben den 2. Januar, im Jahre 1588, von mir, 
deinem Mann, Christian Rycen. 

Noch ein Brief von Christian Rycen, 

geschrieben an einen Bruder, daß er seinem Weib be- 
förderlich sein wolle, und daß er, wenn er getötet 
werden sollte, ihr nach Holland helfen möchte, nebst 
mehreren anderen tröstlichen Reden. 

Die ewige, unvergängliche Weisheit des Vaters, die 
Liebe des Sohnes und die Erleuchtung des Heiligen 
Geistes wünsche ich meinem lieben und sehr werten 
Bruder N. zum freundlichen Gruße in dem Herrn, 
Amen. 

Nebst dem Gruße lasse ich meinen lieben und sehr 
werten B. wissen, daß ich dem Fleische nach noch 
ziemlich wohlauf bin; dem Geiste nach aber ist es 
mein Vorsatz, bei dem Herrn zu bleiben, solange ich 
lebe, durch die Hilfe der göttlichen Güte. 

Weiter, mein geliebter Bruder, habe ich gehört, daß 
meine Kinder in deinem Hause seien, daß du sie be- 
wahren wirst, bis mein Weib nach Hause kommt; du 
beweisest mir eine große Freundschaft, daß du das 
getan hast; auch bitte ich dich, mein lieber Bruder, 
wenn du eine kleine Kammer hast, die du entbehren 
kannst, du wollest mein Weib auch bei dir wohnen 
lassen, bis es der Herr mit mir verändert. Sollte man 
mir aber das Leben nehmen, so wollte ich, daß du 
ihr behilflich wärest, nach Brügge zu reisen, damit sie 
daselbst ihr Brot verdienen möchte, oder daß sie nach 
Holland zurückkehre, wenn es ihr gefiele, denn, mein 
geliebter Bruder, Weiber, die in solchen Umständen 
sind, haben Hilfe und Trost sehr nötig; darum bitte 
ich dich, tue hierin das Beste; bedenke, was Jakobus 
sagt, daß es ein rechter Gottesdienst sei, Witwen und 
Waisen in ihrer Trübsal zu besuchen, und sich selbst 
von der Welt unbefleckt zu halten. Mein lieber Bruder, 
muss ich gleich um des Herrn willen etwas leiden, 
lass dich solches nicht abschrecken, dem Herrn nach- 
zufolgen, sondern wende um desto mehr Fleiß an, 
das Haus auf den Felsen fest zu bauen, damit (wenn 
dergleichen Sturmwinde kommen) das Haus stehen 
bleiben möge. Unterlasst auch nicht, einander mit den 
Gaben zu ermahnen, die der Herr euch gegeben hat, 
damit niemand durch Betrug der Sünden verhärtet 
werde, sondern erweckt einander in der Liebe und gu- 
ten Werken, damit, wenn es morgen oder übermorgen 
geschehe, daß jemand von euch in Bande käme, ihr 
alsdann stark sein mögt, durch den Herrn und durch 
die Macht seiner Stärke, allen zu widerstehen, die sich 
wider die Erkenntnis Jesu Christi erheben; denn Pau- 
lus gibt zu erkennen, wie man sich mit dem Harnisch 



796 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Gottes wappnen müsse, und sagt, daß die Lenden 
mit der Wahrheit umgürtet sein müssten, und daß die 
Brust mit der Gerechtigkeit bedeckt und gestiefelt an 
den Füßen sein müsste, damit sie bereit sein möchten, 
das Evangelium des Friedens zu verkündigen, und 
ergreift das Schwert des Geistes, welches Gottes Wort 
ist. Vor allen Dingen aber zieht den Schild des Glau- 
bens an, damit ihr alle feurigen Pfeile des Bösewichts 
auslöschen könnt. Also, mein geliebter Bruder, dienen 
solche Waffen denen, die heimgesucht werden, wie 
ich nun heimgesucht werde. 

Darum bitte ich dich, mein lieber Bruder, bitte doch 
den Herrn für mich, daß ich alles überwinden möge, 
und stehe auch, statt meiner, meinem Weibe und Kin- 
dern bei, darum bitte ich dich, und grüße mir N. N., 
insbesondere aber deine Hausfrau. Geschrieben den 
17. Januar, von mir, Christian Rycen. 

Noch ein Brief von Christian Rycen, 

geschrieben an sein Weib, worin er meldet, er hätte 
gehört, daß für ihn von Hof kein Trost gekommen sei, 
obgleich der Schreiber nach Hause gekommen wäre, 
weshalb er sich in dem Herrn tröstet. 

Gnade, Friede und Liebe sei mit dir von Gott, un- 
serem himmlischen Vater, durch seinen Sohn Jesum 
Christum, Amen. Dieses wünsche ich, Christian Ry- 
cen, dir, meiner lieben und werten Hausfrau, zum 
freundlichen Gruße in dem Herrn. 

Nebst dem Gruße lasse ich dich, mein sehr geliebtes 
Weib, wissen, daß ich noch ziemlich wohlauf bin (dem 
Herrn sei Lob und Preis für seine Gnade), wie ich 
denn hoffe, daß es mit dir und den Kindern ebenso 
sein werde. 

Ferner benachrichtige ich dich, daß ich dein Schrei- 
ben empfangen habe; ich danke dir für dein Geschenk, 
das du mir gesandt hast. Weiter habe ich auch vernom- 
men, daß du in des N. Hause wohnst, und daß er euch 
mit Holz versehen habe; es ist mir sehr lieb, daß du 
dort noch etwas Trost findest. Gefiele es dem Herrn, 
mich einmal hieraus zu erlösen, ich hoffe, wir woll- 
ten solches ihm vergelten, aber mich dünkt, daß noch 
wenig Aussicht zu meiner Befreiung vorhanden sei; 
ich habe gehört, daß noch keine Nachricht vom Hofe 
gekommen sei, und obgleich der Schreiber gekom- 
men ist, so ist doch für mich kein Trost mitgekommen; 
gleichwohl danke ich dem Herrn, der mich in die- 
ser Trübsal tröstet, ich hoffe mich auch als ein Diener 
Gottes zu erweisen, in großer Geduld, in Trübsal, in 
Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen, in Aufruhr, in 
Wachen, in Keuschheit, in Erkenntnis, in dem Heiligen 
Geist, in ungefärbter Liebe, in dem Wort der Wahrheit, 
in der Kraft Gottes, durch Waffen der Gerechtigkeit, 


zur Rechten und zur Linken, durch Ehre und Schan- 
de, durch böse Gerüchte und gute Gerüchte, als die 
Verführer, und doch wahrhaftig, als die Unbekann- 
ten und doch vor Gott bekannt, als die Sterbenden, 
und siehe, wir leben. Also, mein liebes Weib, hoffe ich 
mich in allen Dingen als Gottes Diener zu erweisen, 
denn ich höre oft böse Gerüchte, und bisweilen gute 
Gerüchte, und so geht die Zeit dahin, wie ich denn 
denke, daß es dir auch so ergehen werde. 

Darum, mein geliebtes Weib, lass uns geduldig sein 
in Trübsal, brünstig in der Hoffnung, anhaltend im 
Gebet, und sei meiner im Gebet eingedenk, denn ich 
tue solches auch für dich. Es geht wenig Zeit vorüber, 
wo ich deiner und der Kinder nicht eingedenk bin; 
ich bitte dich, tue das Beste an ihnen, und wenn du 
etwas zu arbeiten hast, so lass sie fleißig arbeiten; sage 
ihnen, daß ich ihnen solches befehle. Hast du auch 
Zeit übrig, so lehre sie etwas im Buche (bitte ich dich), 
damit sie endlich (wenn sie dich und mich verloren 
haben) untersuchen mögen, was ihnen zur Seligkeit 
dient. 

Ferner vernehme ich auch aus deinem Schreiben, 
daß du begehrst, ich soll deinem Hausherrn ein klei- 
nes Brieflein schreiben, welches ich getan habe, aber 
ich machte die Aufschrift an N. N., wiewohl es mir 
gleich ist, wer ihn hat, wenn nur die Frucht der Ge- 
rechtigkeit daraus kommt; ich hoffe aber noch einen 
Brief zu schreiben, wenn der Herr es mir zulässt. Nicht 
mehr für diesmal, als bleibe dem Herrn anbefohlen 
und grüße mir alle Bekannten. Geschrieben den 27. 
Februar, von mir, Christian Rycen. 

Noch ein tröstlicher Brief von Christian Rycen, 

geschrieben an sein Weib, in welchem er sie zur Stand- 
haftigkeit in der Furcht Gottes ermahnt, auch berich- 
tet, daß der Pfarrer von Houten ihn versucht und ihm 
herauszuhelfen versprochen habe, wenn er sich sagen 
lassen wollte. 

Ich, Christian Rycen, gefangen um des Herrn willen, 
wünsche meiner sehr lieben und werten Hausfrau 
die ewige Weisheit des Vaters, die Liebe des Sohnes 
und den Trost des Heiligen Geistes, zum freundlichen 
Gruße. 

Nebst dem Gruße lasse ich meine sehr geliebte und 
werte Hausfrau wissen, daß ich gegenwärtig nicht 
wohl auf bin, denn ich habe Kopfschmerzen und über- 
dies große Trübsal um deinet- und der Kinder willen, 
weil ich euch nicht beistehen und das Brot verdienen 
helfen kann. Dennoch hoffe ich, daß der Herr, der 
mich dir entnommen hat, dir beistehen und für das- 
jenige sorgen werde, was dir nötig sein wird, denn 
die Verheißungen, die Er gegeben hat, sind wahrhaf- 



797 


tig, wenn Er sagt: Suchet vor allen Dingen das Reich 
Gottes und seine Gerechtigkeit, so wird euch alles, 
was euch nötig ist, zugeworfen werden. Auch sagt 
Petrus: Alle eure Sorge werft auf den Herrn, denn Er 
sorgt für euch. Darum, meine Geliebteste, nimm deine 
Zuflucht ganz und gar zu dem Herrn, denn der dem 
Sämann Samen gibt, der wird dir auch Brot zur Speise 
geben. 

Ferner benachrichtige ich dich, daß ich dein Schrei- 
ben empfangen habe, und danke dir sehr herzlich für 
dein tröstliches Geschenk, das du mir gesandt hast. 
Du sollst wissen, daß es mich sehr erfreut hat, als ich 
deine Gemütsstimmung erkannte, und daß du mich 
in der Wahrheit stärkst, um tapfer in dem Herrn bis 
zum Tode auszuhalten, wie ich denn durch Gottes 
Gnade zu tun hoffe, um die schönen Verheißungen 
zu erlangen. Ich bitte dich auch, mein liebes Weib, 
nimm deiner selbst allezeit wahr, damit wir dereinst, 
durch des Herrn Gnade, uns miteinander erfreuen 
mögen, wo die Freude ewig währen wird; und wenn 
es hier in dieser Welt nicht mehr sein kann, daß es ja 
dereinst geschehen möge, daß wir uns ewig freuen 
mögen; müssen wir auch jetzt in Tränen säen, wenn 
wir nur alsdann in Freuden ernten werden. Darum, 
meine Geliebteste, sei guten Mutes, und danke Gott, 
daß wir gewürdigt sind, um seines Namens willen zu 
leiden; denn auf gleiche Weise sind die Heiligen vor- 
gegangen, und wir müssen auch durch viel Trübsal 
ins Reich Gottes eingehen. Die Reihe ist nun an mir, 
vielleicht kann die Reihe auch bald an dich kommen. 
Darum, mein liebes Weib, wende doch Fleiß an, dem 
Herrn zu gefallen und Ihm treulich zu dienen, damit, 
wenn Er zu dir kommt. Er dich wachend finden mö- 
ge; denn selig sind die Knechte, die der Herr, wenn 
er kommt, in solchem Tun findet; er wird sich auf- 
schürzen, sie zur Tafel setzen, und vor ihnen gehen 
und ihnen dienen. Darum, mein liebes Weib, sei stets 
standhaft in dem Worte des Herrn, und werde nicht 
schwach um meiner Trübsal willen, die nun eingetre- 
ten ist, sondern wende um desto mehr Fleiß an, dem 
Herrn zu dienen, und halte dich immer rein, mein 
liebes Weib (bitte ich dich), wie ich denn hoffe, daß du 
tun werdest. Halte doch die Kinder wohl zur Arbeit 
an, so gut du kannst, und führe dich bei ihnen alle- 
zeit gut auf, damit sie Ehrbarkeit lernen mögen, und 
tue in allem das Beste (bitte ich dich). Ich weiß noch 
nicht, was sie mit mir tun werden; bisweilen höre ich 
Gerüchte, daß sie mich so lange in Gefangenschaft 
lassen wollen, bis ich mich bekehre und die römische 
Religion annehme; aber der Herr, dem ich die Sache 
anbefohlen habe, kann es bald ändern, wenn es sein 
Wille ist; darum empfehle ich Ihm meine Sache. Ich 
hatte vergangenen Dienstag den Pfarrer von Houten 


bei mir; wir redeten viel miteinander, aber er wusste 
nicht viel aus der Schrift zu sprechen; man hätte lan- 
ge zu schreiben an dem, was wir redeten; aber beim 
Abschied, als er hinwegging, sagte er, wenn ich mir 
sagen lassen wollte, so wollte er mir bald helfen; ich 
erwiderte ihm, daß ich wohl das Beste tun wollte. Auf 
solche Weise sind wir voneinander geschieden. 

Deshalb ist denn, meine sehr liebe und werte Frau, 
meine Hoffnung und mein Vertrauen auf den Herrn 
gestellt. Ihm mein lebelang zu dienen und gehorsam 
zu sein durch seine göttliche Hilfe und Kraft. 

Hiermit empfehle ich dich, nebst meinen Kindern, 
dem Herrn und dem reichen Worte seiner Gnade, 
Amen. Grüße mir sehr alle Bekannten, die bei dir woh- 
nen; gib auch N., deinem Hausherrn, den Brief und 
grüße mir ihn sehr. Nichts weiter für diesmal, als geha- 
be dich wohl! In Eile. Den 5. März, von mir, Christian 
Rycen. 

Noch ein Brief von Christian Rycen. 

Er dankt seinem Weib für die tröstlichen Sprüche der 
Schrift, die sie ihm gesandt hatte, und lässt sie wissen, 
daß der Amtmann gekommen sei, und daß er von 
den Pfaffen verstanden habe, daß keine Hoffnung zur 
Befreiung sei, denn es wären uns in dem Concilium 
zu Trident alle Länder verboten, als der ärgsten Sekte 
unter dem Himmel. 

Gnade, Friede und Liebe von Gott, dem himm- 
lischen Vater, durch seinen Sohn Jesum Christum, 
Amen. Das wünsche ich dir, meine liebe und werte 
Hausfrau, zum freundlichen Gruße in dem Herrn. 

Nebst dem Gruße lasse ich dich wissen, daß ich 
noch ziemlich wohl bin (dem Herrn sei Lob und Preis 
für seine Gnade!), wie ich denn hoffe, daß du dich 
wohl befindest; nur daß ich einigen Schmerz in mei- 
ner Kehle habe, wodurch mir die Lust zum Essen in 
etwas vergangen ist; sonst geht es noch sehr wohl. 
Ich bin noch gesinnt (der Herr sei gelobt!) dem Herrn 
gehorsam zu sein, und in seinen Geboten zu bleiben 
mein ganzes Leben hindurch, durch des Herrn Hil- 
fe. Ferner benachrichtige ich dich auch noch, daß ich 
dein Schreiben empfangen habe, und freue mich, daß 
du mich allezeit durch deine Geschenke tröstest, die 
du mir sendest; ich danke dir auch sehr herzlich, daß 
du mir diese Schätze zum Trost zuschreibst, denn sie 
kommen mir wohl zu Nutzen, indem ich täglich, weil 
mir die Zeit lang wird, viele Gedanken habe, darüber, 
daß ich hier sein muss; oft bin ich betrübt, bisweilen 
bin ich getröstet; auf solche Weise geht die Zeit da- 
hin mit großem Verlangen. O meine Geliebteste, ich 
denke, es wird dir auch so gehen. Aber, meine liebe 
Frau, lass uns fest anhalten, bis wir hinweggenom- 



798 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


men werden, denn jetzt ist die Zeit da, von der gesagt 
worden ist, daß wir durch viel Trübsal ins Reich Got- 
tes eingehen müssen, und daß wir weinen und heulen 
müssen; die Welt aber wird sich freuen. Wir müssen 
nun traurig sein, aber unsere Traurigkeit wird in Freu- 
de verwandelt werden; auch sagt Paulus: Wie des 
Leidens Christi viel über uns kommt, so werden wir 
auch reichlich getröstet durch Christum; ferner sagt 
Paulus: Obschon unser auswendiger Mensch vergeht, 
so wird doch der inwendige Mensch von Tag zu Tag 
erneuert, denn unsere Trübsal, die zeitlich und leicht 
ist, schafft in uns eine ewige und über die Maßen ge- 
wichtige Herrlichkeit, die wir nicht auf das sehen, was 
sichtbar ist, sondern auf das Unsichtbare, denn was 
sichtbar ist, das ist zeitlich, was aber unsichtbar ist, 
das ist ewig. Darum, meine liebe Frau, wir müssen 
nun auf das sehen, was Mose tat, und die Schmach 
Christi für größeren Reichtum achten, als die Schät- 
ze Ägyptens; wir müssen allezeit auf die Belohnung 
sehen, und durch den Glauben das ägyptische Volk 
verlassen, auch nicht des Königs Grausamkeit fürch- 
ten, sondern uns allezeit an den unsichtbaren Gott 
halten, ebenso, als sähen wir ihn. Deshalb, meine lie- 
be Frau, übergebe ich dich, nebst meinen Kindern, 
diesem Gott, daß Er dich bewahren und in all eu- 
rer Not versorgen wolle, denn ich weiß nicht, ob ich 
euch mehr schreiben kann; ich erwarte nun bald ei- 
ne Veränderung meiner Lage, denn der Amtmann ist 
gekommen; darum dünkt mich, daß es sich mit mir 
bald verändern werde. Du hast mir von dem Mann 
zu Kassel geschrieben, aber ich denke, daß der Mann 
nicht unseres Glaubens war, denn die Pfaffen halten 
uns für die ärgste Sekte unter dem Himmel. Darum 
dürfte es mir wohl anders gehen, als dem Mann zu 
Kassel, denn wir sind das Ausfegsel oder Wegwerfsel 
von dieser Welt. Der Pfaffe hat zu mir gesagt, daß 
uns in dem letzten Concilium zu Trident alle Länder 
verboten wären und daß wir keine Freiheit hätten. 
Darum, mein liebes Weib, wenn ich auch einer von 
denen sein muß, um die Zahl erfüllen zu helfen, so 
sei geduldig (bitte ich dich) und tue das Beste an den 
Kindern; empfehle dem Herrn deine Sachen und hof- 
fe auf Ihn, Er wird es wohl machen, denn Sirach sagt: 
Der Herr hat die niemals verlassen, die in der Gottes- 
furcht geblieben sind, noch auch diejenigen, die ihre 
Hoffnung auf Gott gestellt haben. 

Hiermit empfehle ich meine liebe Hausfrau dem 
Herrn und dem reichen Worte seiner Gnade, Amen. 

Grüße mir die Bekannten sehr, die bei dir sind, und 
halte dich allezeit rein in der Furcht Gottes. 

Geschrieben den 12. März 1588 von mir, Christian 
Rycen, deinem Mann. 


Noch ein tröstliches Brieflein von Christian Rycen, 

geschrieben an sein Weib, als er meinte, daß man ihm 
das Todesurteil fällen würde, und daß ihn einige auf 
den Friedensschluss vertrösteten, daß er alsdann frei 
werden würde. 

Gnade, Barmherzigkeit, Friede und Liebe sei mit dir 
von Gott, unserem himmlischen Vater, durch seinen 
Sohn Jesum Christum, Amen. 

Das wünsche ich dir, meine liebe und werte Haus- 
frau zum freundlichen Gruße. 

Nebst dem Gruße lasse ich, Christian Rycen, dich, 
meine liebe Hausfrau, wissen, daß ich noch ziemlich 
wohl bin (der Herr müsse für seine Gnade gelobt und 
gepriesen sein), wie ich denn hoffe, daß du, nebst den 
Kindern, dich auch so befindest. 

Ferner benachrichtige ich dich, daß ich dein Schrei- 
ben empfangen habe und bin sehr erfreut, daß du so 
wohlgemut bist, und daß du mich noch tröstet, wo- 
für ich dir herzlich danke; ich wollte dir auch wohl 
etwas zum Trost schreiben, damit du wohlgemut sein 
mögest, aber, meine liebe Hausfrau, der beste Trost 
ist der Herr, der mich dir entnommen hat, der wird 
dir (wie ich hoffe) in all deiner Not beistehen und 
für dich sorgen, wenn du Ihn nicht verlässt, denn 
Paulus sagt: Wir werden wohl verstoßen, aber wir 
verzagen nicht; wir leiden Verfolgung, aber wir wer- 
den nicht verlassen; ferner spricht Paulus, daß der 
Herr gesagt habe, daß Er uns nicht verlassen, noch 
versäumen wolle. Darum dürfen wir sagen: Der Herr 
ist mein Helfer, ich will mich nicht fürchten, was mir 
auch ein Mensch tun kann; auch sagt Sirach: Wer ist 
jemals zu Schanden geworden, der auf den Herrn ver- 
traut hat; oder wer ist jemals verlassen worden, der 
in der Furcht Gottes geblieben ist, oder wer ist jemals 
von Ihm verschmäht worden, der Ihn angerufen hat? 
Darum, meine liebe Frau, setze all deine Hoffnung 
allein auf Gott, und sage mit Jeremia: Herr, du bist 
meine Zuflucht, meine Stärke und mein Trost in der 
Not; ferner mit David: Wenn ich nur dich habe, so 
frage ich nichts nach Himmel und Erde; ja, wenn mir 
auch Leib und Seele verschmachtet, so bist Du doch 
meines Herzens Trost und mein Teil. Gedenke auch 
daran, was Sarah sagte, als sie in großer Trübsal saß, 
daß sie wohl wüsste, daß alle, die Gott dienen wollen, 
nach der Anfechtung erlöst und in Trübsal getröstet 
werden; nach der Züchtigung findet er Gnade, nach 
großem Ungewitter lässt er seine Sonne wieder schei- 
nen, und nach dem Weinen und Schreien begabt Er 
uns reichlich mit Freuden. Darum, mein liebes Weib, 
tröste dich mit diesen Worten; müssen wir jetzt gleich 
trauern und weinen, lass uns guten Mutes sein, denn 
der Herr wird uns wieder sehen und unsere Herzen 



799 


werden sich freuen und niemand wird die Freude hin- 
wegnehmen. Auch sagt Christus: Selig seid ihr, wenn 
euch die Menschen hassen und euch absondern und 
euren Namen als den eines Übeltäters um des Men- 
schen Sohnes willen verwerfen, sondern freut euch, 
denn euer Lohn wird groß sein im Himmel, denn so 
taten auch ihre Väter den Propheten; ferner sagt Chris- 
tus: Selig seid ihr, die ihr nun weint, denn ihr werdet 
lachen. Mit diesen Worten erfreue dich. 

Hiermit empfehle ich dich dem Herrn; was meine 
Sache betrifft, so weiß ich dir darüber nichts Beson- 
ders zu schreiben, ich wartete darauf, daß sie diese 
Woche mit der Sache durchbrechen würden, aber es 
dünkt mich, sie hätten die Macht noch nicht von Gott 
empfangen. Es sind zwar solche, wie mir vorkommt, 
die es wohl wollten, aber es scheint, daß der Herr es ih- 
nen nicht zulässt; einige trösten mich mit dem Frieden, 
daß sie mich alsdann frei lassen werden. Darum, mei- 
ne liebe Frau, habe ich es dem Herrn anheimgestellt; 
tue dasselbe und grüße mir sehr alle Bekannten; halte 
dich allezeit rein in der Furcht Gottes und tue allezeit 
dein Bestes an den Kindern. Für jetzt nichts mehr, als 
gehabe dich wohl. In Eile diesen 19. März 1588, von 
mir Christian Rycen, deinem geliebten Mann. 

Christian Rycen ermahnt seine Hausfrau, dem 
Herrn fest zu vertrauen und lässt sie wissen, daß er 

diese Woche noch einmal von dem Pfarrer und 
einem Franziskaner angefochten worden sei, die es 
mit Bedrohungen und schönen Worten versucht 
haben, ihn zum Abfall zu bringen, und von dem 
Schrecken, der ihm in der folgenden Nacht 
zugestoßen ist. 

Gnade, Friede und Liebe sei mit dir von Gott, unserm 
himmlischen Vater, durch seinen Sohn Jesum Chris- 
tum, Amen. Das wünsche ich dir, meine sehr liebe 
und werte Hausfrau, zum freundlichen Gruße in dem 
Herrn. 

Nebst dem Gruße lasse ich meine sehr liebe und 
werte Hausfrau wissen, daß ich noch in gutem Wohl- 
sein bin nach Seele und Leib, dem Herrn sei ewiges 
Lob, Preis und Dank für seine große Güte, der mich 
zu dieser Zeit berufen und bewahrt hat, daß ich wür- 
dig sein soll, um seines Namens willen ein wenig zu 
leiden. Ich hoffe auch durch des Herrn Gnade, daß du 
mit den Kindern auch in gutem Wohlsein sein wer- 
dest, wiewohl ich aus deinem Schreiben ersehe, daß 
du das Fieber gehabt hast; ich habe die Hoffnung zu 
unserem lieben Herrn, daß Er dir beistehen werde 
und dich nicht über dein Vermögen versucht werden 
lassen, sondern daß er nebst der Versuchung ein Aus- 
kommen geben werde, daß du es wirst ertragen kön- 


nen. O meine Geliebteste, vertraue dem Herrn von 
ganzem Herzen und verlasse deinen Freund nicht, 
der deine Seele liebt, weil du ihn gefunden hast, wie 
die Braut in dem hohen Liede tat; bleibe treulich bei 
Ihm und nimm Ihn an zum Mann und zum Vater 
meiner Kinder. Unterrichte meine Kinder fleißig, daß 
sie demselben Vater während ihrer Lebenszeit gehor- 
sam seien, und sei du auch, meine liebe Frau, deinem 
Mann Christo getreu und verlasse Ihn in keiner Not, 
denn Er hat verheißen, daß Er dich auch nicht verlas- 
sen wolle. Ich muss dich mm mit Betrübnis verlassen, 
aber, meine liebe Frau, ich hoffe, daß wir einander 
im ewigen Leben finden werden, da werden wir uns 
nicht mehr voneinander scheiden. O meine liebe Frau, 
wie lieb wäre es mir, wenn der Streit gestritten wäre, 
daß ich mit Paulus sagen könnte: Ich habe einen guten 
Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, Glauben gehal- 
ten, hinfort ist mir die Krone des Lebens bereitet; o 
dann wäre mein Herz voller Freuden; aber hier muss 
man noch bisweilen streiten. Diese Woche hatte ich 
den Pfarrer und einen Franziskaner noch einmal bei 
mir, sie kamen, um zu sehen, ob ich mir nichts sagen 
lassen wollte. Der Pfarrer sagte, der Notar habe ihm 
gesagt, es wären Briefe vom Hofe gekommen; wenn 
ich mir nichts sagen lassen und mich nicht bekehren 
wollte, so wüssten sie schon, was sie mir tun sollten; 
ich sagte zum Pfarrer, ich begehrte niemandem Un- 
recht zu tun, was aber meinen Glauben beträfe, den 
hätte ich von dem Herrn empfangen und den könnte 
ich nicht verlassen. Da redeten sie schön und sagten: 
Willst du dir sagen lassen, so kannst du hier bei uns 
wohnen und ein ehrbarer Mann sein. Ich antwortete: 
Ich begehre wohl als ein ehrbarer Mann zu handeln 
und will niemandem Unrecht tun, und wenn ich je- 
mandem Unrecht täte, so soll man mich zweimal so 
scharf strafen, als einen andern, der wie ich getan hät- 
te; dagegen sagten sie nichts. Wir hatten sehr viele 
Worte miteinander, die ich der Kürze wegen überge- 
hen will; ich weiß also nicht, was sie mit mir machen 
werden. So wisse denn, meine liebe und werte Haus- 
frau ferner, daß mich die Nacht, nachdem der Pfarrer 
bei mir gewesen, ein großer Schrecken überfallen hat, 
denn es kam mir vor, als ob sie mich in die Eisen wer- 
fen oder auf die Folterbank legen wollten, wodurch 
ich so erschreckt wurde, daß mir der Schweiß über 
den Leib lief und daß ich auch vom Schweiß nass wur- 
de, worüber ich mich sehr betrübte; aber ich dachte an 
Christum, daß bei Schweiß von Ihm wie Blutstropfen 
auf die Erde lief, als ihn das Leiden ankam; darin habe 
ich mich in etwas getröstet; es dünkt mich auch, der 
Herr habe es mir dazu gesandt, damit ich mir selbst 
keinen Ruhm machen möchte, sondern daß ich mich 
allein auf den Herrn und nicht auf meine Stärke ver- 



800 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


lassen möchte, was ich auch zu tun hoffe und bitte 
meine liebe Hausfrau, sie wolle mir helfen zum Herrn 
bitten, daß mich der Herr stärken und kräftigen wolle 
mit seinem Geist, daß ich mich nicht vor Menschen 
noch vor Menschenkindern fürchten dürfe, die wie 
Heu vergehen werden. 

Hiermit empfehle ich dich dem Herrn und dem 
reichen Worte seiner Gnade, Amen. 

Grüße mir deinen Hausherrn und gib ihm für dies 
Mal dieses Liedlein; grüße mir auch alle andern, die 
bei dir wohnen. Für jetzt nichts weiter, als daß ich dir 
für deine tröstlichen Schätze, die du mir zum großen 
Trost sendest, herzlich danke, denn sie kommen mir 
wohl zu Nutzen. 

Gehabe dich wohl und tröste dich in dem Herrn, 
denn diese meine Bande werden dir keine Unehre 
sein, indem ich niemanden beleidigt habe; auch ist 
niemand (der Herr sei gelobt), der mir etwas Arges 
nachsagen kann, worüber ich mich sehr freue. 

So sei denn, mein liebes Weib, dem Herrn getreu, 
denn wer getreu bleibt bis an den Tod, wird die Krone 
des ewigen Lebens empfangen. 

Geschrieben den 27. März im Jahre 1588 von mir, 
Christian Rycen, deinem geliebten Mann. 

Christian Rycen lässt seine Hausfrau wissen, 

daß er das Urteil erwarte, und daß er das Eisen an 
seinem Bein achtzehn oder neunzehn Tage gehabt 
und während dieser Zeit auf Stroh gelegen habe, aber 
er habe nun wieder etwas mehr Trost. 

Ich muss dir, meine liebe Frau, noch etwas berich- 
ten, daß ich die vergangene Woche allezeit gehofft 
habe, das Urteil werde mir gefällt werden, aber es 
ist nicht geschehen; mich hat indessen darnach umso 
mehr verlangt, weil ich täglich auf Trost wartete, und 
derselbe doch nicht erfolgt ist, wie ich denn denke, 
meine liebe Frau, daß du auch getan haben wirst. Nun 
aber habe ich es dem Herrn anbefohlen, und hoffe in 
Geduld den Tag zu erwarten, bei uns trösten wird; 
darum bitte ich meine liebe Frau, auch ein Gleiches 
zu tun. Ferner lasse ich meine liebe Frau wissen, wie 
ich an achtzehn oder neunzehn Tage mit einem Eisen 
an meinem Beine auf Stroh gelegen und allezeit in 
meinen Kleidern zugebracht habe, was wohl unbe- 
quem war; aber der Herr sei gelobt, es hat mich nicht 
verdrossen, sondern ich dachte, daß man dem Herrn 
in Mangel und Ungemach nachfolgen müsste, wie die 
Heiligen vorgewandelt sind, nun aber habe ich guten 
Trost und bin dem Leibe nach sehr wohl; der Joost 
beweist mir große Freundschaft, mehr als ich ihm ver- 
güten kann. Ich bitte dich, meine Frau, du wollest mit 
denen von Honschote so wenig Worte machen, als du 


kannst, damit nicht die Obrigkeit, wenn sie es bemer- 
ken sollte, daß du da wärest, es denen von Bergen 
mitteilen möchte. Kannst du aber mit N. reden, so tue 
es, er kommt oft nach Bergen. Wenn du aber, meine 
liebe Frau, mir etwas mitzuteilen hast, so sage es dem 
N. oder R., die werden mir wohl die Botschaft brin- 
gen, und unterlasse nicht, mir zu schreiben, wie es 
mit dir und den Kindern steht und was ihr macht. Für 
jetzt nichts weiter, als bleibe dem Herrn empfohlen 
und dem reichen Worte seiner Gnade, Amen. Von mir, 
Christian Rycen, deinem Manne. 

Pieter Saymer, 1588. 

Im Jahre 1588 wurde Pieter Saymer zu Freiburg im 
Baierlande gefangen, denn als er dort bei einem Wirt 
übernachtete und des Morgens wieder seinen Weg 
fortsetzen wollte, hat ihn ein Diener angegriffen und 
in Verhaft genommen. Hiernächst hat man ihn nach 
Berghausen geführt und in der Kürze verhört; als er 
nun standhaft blieb, hat man ihn abermals nach Frei- 
burg gebracht. Den dritten Tag darauf hat ihn der 
Richter selbst aus dem Gefängnis abholen lassen und 
hat ihn zum Abfall ermahnt; aber er antwortete: Ich 
will von dem rechten Glauben an Christum Jesum 
nicht abstehen, noch Gottes Gebote unterlassen, und 
sollte es mich auch Leib und Leben kosten. Darauf 
hat man ihm sein Ende verkündigt und den Stab über 
ihn gebrochen; darüber hüpfte sein Herz vor Freuden, 
sodass er Gott aufs Höchste dankte und lobte und 
nachher sagte: Ich habe nur ein Haupt, aber wenn 
ich deren zwei oder noch mehrere hatte, so wollte ich 
sie lieber sämtlich abhauen lassen, als von meinem 
Glauben abweichen. 

Es war viel Volk zugegen; einige davon weinten um 
ihn, als man ihn hinausführte; aber er sagte: Um mich 
dürft ihr nicht weinen, denn ich bin wohlgemut in 
Gott, und er fing an vor Freuden zu singen, was die 
Pfaffen und der Gerichtsschreiber nicht leiden woll- 
ten. Es kam ein einfacher Mann zu ihm, ein Fischer, 
und sagte: Lieber Pieter, steh doch ab und schone dei- 
ner; aber er antwortete: Schweige doch, du kannst das 
nicht fassen noch begreifen, was mir heilsam ist. Hier- 
nächst kniete er nieder und verrichtete sein Gebet zu 
Gott im Himmel, und indem er so niederkniete, um 
sein Gebet zu verrichten, hat ihm der Scharfrichter 
das Haupt abgeschlagen, welches sich so wunderbar 
herumwälzte, als es auf die Erde fiel, auch sich mit 
dem Angesicht gegen den Scharfrichter wandte und 
so liegen blieb, worüber sich das Volk sehr verwun- 
derte. 

Also hat dieser den Glauben und die Wahrheit Got- 
tes mit seinem Blut bezeugt, und die Krone des ewi- 



801 


gen Lebens erlangt, was den 8. Juli 1588 geschehen 
ist. 

Joost, der Zöllner, Michael Buyse und Syntgen 
Wens, im Jahre 1589. 

Im Jahre 1589 den 13. Januar, des Nachts um zehn 
Uhr, sind zu Gent in Flandern zwei Brüder und eine 
Schwester verhaftet worden, weil sie nach der Wahr- 
heit in der Nachfolge Christi lebten; sie hießen Joost, 
der Zöllner, Michael Buyse und Syntgen Wens. Die- 
selben sind, nachdem man sie sehr versucht und ge- 
quält hat (worin sie jedoch allezeit standhaft geblieben 
sind), endlich als Ketzer öffentlich zum Tode verurteilt 
worden, daß sie jedoch heimlich bei verschlossenen 
Türen in des Grafen Schloss an einem Pfahl erwürgt, 
sodann aber die beiden Brüder draußen an den Gal- 
gen gehängt, die Frau aber darunter begraben werden 
sollte, welches Urteil den 13. April des vorgemeldeten 
Jahres 1589 vollzogen ist. 

Weil uns nun einige Briefe von Joost Zöllner in die 
Hände gekommen sind, so haben wir sie dem Leser 
zu Liebe hier beigefügt. 

Der eiste Brief von Joost Zöllner. 

Gnade und Friede von Gott, unserm himmlischen Va- 
ter, durch Jesum Christum, seinen lieben Sohn, unsern 
Herrn und Heiland, wolle euch, mein lieber Bruder 
in dem Herrn, Lowys, auch Janneken, Jacumyntgen 
und Syntgen, meine lieben Schwestern in dem Herrn, 
nebst allen andern geliebten Brüdern und Schwes- 
tern in dem Herrn, mit seinem Heiligen Geist an dem 
inwendigen Menschen stark und kräftig machen, da- 
mit ihr das Ende eures Glaubens davon tragen mögt 
zu eurer Seelen Seligkeit und zum Lobe, Preise, Ehre 
und Dank dessen, der von Ewigkeit zu Ewigkeit lebt, 
Amen. 

Nebst herzlichem und christlichem Gruß an euch, 
meine lieben Brüder und Schwestern in dem Herrn, 
lasse ich euch wissen, daß ich dem Fleische nach in 
guter Gesundheit bin, dem Herrn sei gedankt, dem 
Geiste nach aber ist mein Gemüt durch des Herrn 
Gnade willig, bei der heiligen christlichen Wahrheit 
zu bleiben, denn es ist weder im Himmel noch auf 
Erden eine andere Seligkeit zu erwarten, als durch 
Jesum Christum, der die Wahrheit und das Leben 
ist. So wisst denn, meine lieben Brüder und Schwes- 
tern, daß ich mit meinen Mitgefangenen im Herrn 
sehr wohlgemut bin, wiewohl wir alle drei voneinan- 
der abgesondert liegen; es hat auch der Stockmeister 
strengen Befehl, daß er uns nicht Zusammenkommen 
noch miteinander reden lassen soll. Es wird zwar ge- 


nau Achtung gegeben, doch finden sich Habakuks, 
die uns bisweilen behilflich sind, und obgleich es so 
genau zugeht, so haben wir doch einen sehr großen 
Trost, nämlich den Tröster, den Heiligen Geist, densel- 
ben Helfer und Beistand, der die heiligen Apostel in 
ihrer Trübsal getröstet hat, sodass ich Tag und Nacht 
zu dem Herrn, meinem Gott, bitte und flehe, daß Er 
mir gnädig beistehen und das Feld erhalten helfen 
wolle, damit sein heiliger Name durch mich Elenden 
ewig gepriesen werden möge, und Er mir das abneh- 
me, was mir hinderlich ist. Und also habe ich mich 
dem ewigen allmächtigen und starken Gott überge- 
ben durch Jesum Christum, unsern ewigen Seligma- 
cher. 

Deshalb, meine geliebtesten Freunde, hat der Herr 
meine Stimme erhört, und mich elenden unvollkom- 
menen Menschen angesehen, der ich nur Staub und 
Asche und zu jeder Barmherzigkeit zu gering bin, in- 
dem Er mich dazu berufen hat, daß ich um seines 
Namens willen Trübsal, Bande, Leiden, und Versu- 
chung haben soll; daher habe ich solch einen Mut und 
solche Freude, daß ich die Freude und Wonne, die 
mir der Herr durch seinen Heiligen Geist gibt, nicht 
auszusprechen vermag, sodass ich oft in meinem Her- 
zen denke: O Herr, heißt dieses Leidwesen, Druck, 
Leiden und Bande oder Trübsal? Denn solange ich 
unwürdig in der Wahrheit gewandelt bin, habe ich 
noch niemals solche Freude und Wonne gehabt. Wenn 
ich an die ewige Freude und die großen tröstlichen 
Verheißungen der Seligkeit denke, die der Herr für 
seine Auserwählten und für alle, die bis ans Ende 
standhaft bleiben, zubereitet hat, daß sie dem unbe- 
fleckten Lamm Christo Jesu mit glänzenden weißen 
Kleidern und Palmzweigen in ihren Händen nachfol- 
gen und außerdem noch mit der Krone des ewigen 
Lebens gekrönt werden, und daß Er sie zur Quelle 
des ewigen Lebens leiten und also alle Tränen von un- 
sern Augen abwischen werde; wenn ich dieses alles 
im Geiste ansehe, so dünkt mich, mein Herz zersprin- 
ge mir vor Freuden, so mächtig ist der Herr, und so 
kann Er diejenigen trösten, die sich Ihm von ganzem 
Herzen übergeben. Denn Freunde, es ist nun so weit 
gekommen, daß ich alles, was zeitlich und vergäng- 
lich ist, um Christi willen für Schaden achte, so hat 
mir auch der Herr Gnade dadurch gegeben, daß mich 
keine zeitlichen Geschäfte verhindern, was ich als ein 
großes Geschenk von Ihm annehme. 

Darum, meine Lieben und Werten, erfreut euch und 
ergötzt euch mit mir im Geiste, und dankt dem Herrn, 
daß Er eurem schwachen Bruder so gnädig beisteht, 
mit seinem Geist und Wort. Euch alle, die ihr diesen 
meinen Brief sehen oder lesen hören werdet, bitte ich 
aus brüderlicher Liebe, daß ihr die Knie eures Her- 



802 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


zens zum Allerhöchsten beugen wollt, daß Er uns 
durch seinen Geist stärken wolle, damit wir das Werk, 
das Er in uns angefangen hat, zu seinem heiligen Prei- 
se ausführen möchten, denn Freunde, wir versehen 
uns nichts anders, als daß wir aufgeopfert werden, 
insbesondere ich und Michael, und das um gewisser 
Ursachen willen, die wir in unserem Verhör bekannt 
haben. Sie fragten mich zunächst nach meinem Al- 
ter; ich sagte: Ungefähr fünfzig Jahre. Sie fragten, ob 
ich wiedergetauft wurden sei; ich antwortete: Nein; 
aber ich setzte hinzu, daß ich mich auf das Bekennt- 
nis meiner Sünden, welche mir herzlich leid wären, 
und auf mein Glaubensbekenntnis an Jesum Chris- 
tum, daß Er der lebendige Sohn Gottes sei, im Namen 
des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes hatte 
taufen lassen; das wurde niedergeschrieben. Sie frag- 
ten, wie lange es her sei; ich sagte: Sechsundzwanzig 
Jahre vergangene Christmeß. Sie wunderten sich, daß 
ich so lange regiert hätte. Frage: Hast du eines Die- 
ners Dienst zu verwalten, oder hast du nicht darin 
gestanden? Ich bekannte freimütig, daß ich in dem 
Dienst stände, obgleich, sagte ich, ich dessen nicht 
würdig wäre. Ferner fragten sie mich, ob ich das Wort 
der Ermahnung täte oder nicht getan hätte; ich sagte: 
Nein. Sie fragten mich, ob nicht kürzlich ein Mann da 
gewesen wäre, welcher draußen gepredigt hätte; ich 
schwieg. Nach einigen Erörterungen sagte ich ihnen, 
es sei uns nicht von Gott erlaubt, jemanden zu belästi- 
gen oder zu beschweren. Zuletzt sagten sie mir, wie 
sie wüssten, daß Jan Weber in der Stadt gewesen sei, 
und daß man ihn heimlich Nachts aufgenommen hät- 
te, und daß ihrer drei oder vier aufgenommen worden 
seien. Sie sagten auch mit kurzen Worten, daß es unse- 
re Schwester bekannt habe, die mit uns gefangen saß, 
denn sie hatten sie gefoltert; sie fragten mich auch, ob 
Hans in meinem Hause zur Herberge gewesen wäre; 
sie wussten schon Bescheid davon, darum konnte ich 
nichts dagegen sagen, sondern musste es gestehen. Sie 
sagten, solches sei verboten; ich antwortete, es wäre 
mir nicht leid, daß ich ihn beherbergt hätte, und wenn 
es noch zu tun wäre (sagte ich), ich wollte es noch 
gern tun. Das nahmen sie übel auf, daß es mir nicht 
leid wäre. Sie fragten mich auch, ob ich den Rat oder 
meine Zustimmung dazu gegeben, nach dem Jan We- 
ber zu schicken; ich sagte, ja, von ganzem Herzen. Das 
wurde auch übel aufgenommen, wiewohl ich wenig 
darauf gebe, denn sie deuten alle Dinge aufs Ärgste. 
Sie gingen sodann zu den Herren des Rates, wie ich 
nachher gehört habe; überdies müssen sie sich noch 
bei Hofe mehr Rats erholen. 

Dieses ist ein kurzer Bericht; es sollte mir wohl 
schwer fallen, alles zu beschreiben, weil meine Ge- 
rätschaft zu gering war. Ich wollte, daß man diesen 


Brief, oder die Abschrift davon, an die von Harlem 
senden möchte. Es war einmal ohne mein Wissen von 
denen von Harlem ein Brief gesandt worden, welcher 
in Michael Buyses Hause gefunden worden ist; der- 
selbe hat mich sehr beschwert; es war wegen hundert 
Pfund, welche an die Armen gesandt waren, und die 
ich empfangen haben sollte, und auch noch ein Testa- 
ment über vierundzwanzig Pfund von Joost Daems; 
ich antwortete darauf, daß ich den Brief niemals gese- 
hen hätte, wie denn dem auch so ist; aber diese Briefe 
haben große Betrübnis angerichtet. 

Ich habe so viele Briefe empfangen als irgendein 
Mann in Flandern und Brabant, aber alles, was etwas 
zu bedeuten hatte, davon machte ich mich frei, doch 
Trübsal und Bande müssen von etwas herkommen. 
Überdies sei dem Herrn gedankt, ich quäle mich nicht 
mehr damit; ich bin mit allem zufrieden, wie es mir 
der Herr zugesandt hat. Gott der Herr lässt es so ge- 
schehen, damit Er dadurch prüfen möchte, ob etwas 
in meinem Herzen läge, woran Er einen Missfallen 
hätte, oder ob ich etwas mehr lieben möchte, als Ihn, 
denn der Herr ist ein eifriger Gott und will allein der 
Liebste sein; Er ist dessen auch wohl wert, denn Er 
hat uns teuer erkauft, nämlich mit dem teuren Blut 
seines Sohnes, unsers Herrn Jesu Christi. Darum müs- 
sen wir auch in der Kraft unseres Glaubens beweisen, 
daß wir Ihn mehr lieben, als Mann, Weib oder Kind, 
Haus, Äcker, Gold, Silber, und das letzte und höchste 
Pfand, welches unser eigenes Leben ist. 

Wenn man so auf den Prüfstein gelegt wird, so wird 
erkannt, worauf man gebaut habe, es sei Gold, Silber, 
Edelsteine oder Holz, Heu oder Stoppeln, denn eines 
jeden Werk wird dann offenbar werden, wie durchs 
Feuer. Darum rate ich euch, mein lieber B. und S. in 
dem Herrn, die ihr nun in der Freiheit wohnt, daß 
ihr doch tapfer aufwachsen wollt; es könnte wohl 
geschehen, daß bei euch auch Verfolgung entstehen 
möchte, wie nun in Flandern, denn diese Freiheit ha- 
ben wir sieben Jahre auch gehabt. Darum sollen alle 
rechtschaffenen Ritter Christi Jesu sich allezeit mit 
den Waffen der Gerechtigkeit bereit machen, und den 
Helm des Heils, sowie den Panzer der Gerechtigkeit 
anziehen und sich mit dem Gürtel der Wahrheit, und 
mit dem Schwert des Geistes, ja, auch mit dein Schild 
des Glaubens bewaffnen, womit man alle feurigen 
Pfeile des Bösewichts auslöschen kann. Aber Freunde, 
die Trägen lassen vielleicht bisweilen ihre Waffen in 
einem Winkel stehen, wo sie dann leicht verrosten 
können; sobald es nun die Not erfordert zu streiten, 
wenn nämlich der Feind (der wie ein grimmiger Löwe 
um uns herumgeht) uns auf den Hals kommt, jawohl, 
dann würde man sie wohl im Winkel ganz verrostet 
aufsuchen, und so würde uns der Feind mit List über- 



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fallen. Darum gibt Paulus einen guten Rat, wenn er 
sagt: Wacht, steht fest im Glauben, seid männlich, und 
lasst alle Dinge in der Liebe geschehen. 

Freunde, ich wollte wohl mehr schreiben, aber ihr 
seid selbst von Gott gelehrt, und wie euch die Salbung 
alles lehrt, so ist es wahr, und wie sie euch gelehrt hat, 
so bleibt dabei. Ich will euch hiermit dem Herrn und 
dem Wort seiner Gnade empfehlen. Haltet mir mein 
keckes Schreiben zu gut. 

Wisst Brüder, daß ich meiner Tochter einen Tes- 
tamentsbrief geschrieben habe, wenn wir etwa hier 
nicht lange mehr leben sollten. 

Von mir, Joost Zöllner, eurem schwachen Bruder 
in dem Herrn, den 13. Januar 1589, gefangen um der 
Wahrheit willen. 

Der zweite Brief von Joost Zöllner. 

Ich wünsche euch, meine herzlich geliebten und wer- 
ten Brüder und Schwestern in dem Herrn (welche als 
Fremdlinge in allen Ländern zerstreut, verjagt und 
verfolgt sind von ihren Ländern, Städten, Häusern 
und Gütern, und das um des Zeugnisses Jesu Chris- 
ti willen) Gnade, Frieden, Barmherzigkeit von Gott, 
unserm himmlischen Vater, durch Jesum Christum, 
seinen eingeborenen Sohn, unserm Herrn und Hei- 
land, durch welchen wir der gottseligen Verheißun- 
gen teilhaftig geworden sind, in seinem heiligen Na- 
men. Denn Er hat uns gereinigt durch das Bad der 
Wiedergeburt in seinem heiligen Blut, und hat uns 
auserwählt aus allen Geschlechtern der Erde zum hei- 
ligen Priestertum, um geistige Opfer zu opfern, die 
Gott angenehm sind, durch Christum. Derselbe wol- 
le meine werten und in Gott geliebten Brüder und 
Schwestern stark und kräftig machen durch seinen 
Heiligen Geist an dem inwendigen Menschen zum 
Preise und zur Verherrlichung des großen, unüber- 
windlichen Gottes des Himmels und der Erde, damit 
ihr als glänzende Lichter unter den heidnischen Völ- 
kern leuchten mögt, unter denen ihr als zerstreute 
Fremdlinge wohnt, damit viele Tausende euch beim 
Zipfel ergreifen möchten und sagen: Liebe, wir wol- 
len mit euch gehen, denn wir sehen, daß der Herr 
mit euch ist. Dazu wolle euch der Herr den Segen 
geben, zum Lobe, Preise und zur Ehre seines heiligen 
anbetungswürdigen großen Namens. 

Nebst Anwünschung eines christlichen Grußes an 
euch, meine werten und in Gott geliebten B. und S. 
in dem Herrn, habe ich bei unsern letzten Verhören, 
welche den 23. und 28. März stattgefunden, vernom- 
men, daß die Zeit unserer Wallfahrt bald am Ende 
sein möchte. Deshalb bin ich gedrungen worden aus 
brüderlicher und herzlicher Liebe, euch meinen lie- 


ben Freunden ein wenig zu schreiben, wobei ich euch 
eine fröhliche Botschaft verkündige, nämlich, daß ich 
mit meinen Mitgefangenen noch guten Mutes bin, der 
Seele und dem Leibe nach, durch des Herrn Gnade, 
um bei der heiligen Wahrheit zu bleiben, solange wir 
einen lebendigen Atemzug in uns haben, auch daß es 
unser Wille ist, sowohl unsern Leib, als unsere Seele 
in Gottes kräftigen Verwahr zu geben, was euch allen 
angenehm zu hören, uns aber ein seliger Teil ist; Gott 
wolle uns aus Gnaden geben, daß wir, als unwürdige 
Knechte, seines Leidens teilhaftig sein möchten. Ich 
erfreue mich aber im Geiste von ganzem Herzen, daß 
mich Gott zu solcher Gnade berufen hat, wozu die 
ganze Welt wegen ihres Unglaubens unwürdig ist. 

Weiter, meine werten und herzlich geliebten Brüder 
und Schwestern in dem Herrn, ist unsere herzliche Bit- 
te an alle Auserwählten, die Gott von Herzen fürchten, 
mit einem aufrichtigen, brünstigen Herzen, in einem 
heiligen Glauben, der durch die Liebe tätig ist, daß ihr 
die Knie eures Herzens vor dem allmächtigen Gott, 
dem Vater unseres Herrn Jesu Christi beugen und 
für uns Gefangene als Mitgefangene bitten wollt, die 
wir in Ungemach sind, als die ihr selbst auch noch 
im Leibe seid, damit wir das Ende unseres Glaubens 
(welchen wir durch Gottes Gnade bekannt haben) vor 
diesem bösen und argen Geschlecht, welche Feinde 
des Kreuzes Christi sind, ehrlich erreichen, und un- 
sern Leib zum Opfer übergeben mögen, das Gott an- 
genehm sei, durch Jesum Christum, zum Preis des 
großen Gottes, zu unseres Nächsten Erbauung, und 
zum Licht der Welt, das ist unser aller Bitte. 

Weiter, liebe Freunde, finde ich in diesem meinem 
Druck, Leiden, Banden und Schmach, die um der Ge- 
rechtigkeit Gottes willen über mich Unwürdigen ge- 
kommen sind, daß Gott in allen seinen Verheißungen 
getreu ist; der uns nicht über unser Vermögen ver- 
sucht werden lässt, sondern nebst der Versuchung ein 
Auskommen gibt. Er lässt die Seinen nicht als Waisen; 
Er wird uns mit seinem Geist vor Königen und Fürs- 
ten verteidigen, so viel uns dann nötig sein wird. Er 
hat gesagt: Ich will dich nicht verlassen, noch versäu- 
men; darum will ich mich auf den Herrn verlassen, 
und mich nicht fürchten, was mir ein Mensch tun 
möchte, denn, wenn sie auch hier das irdische Haus 
dieser Wohnung zerbrechen, so wissen wir doch ge- 
wiss, daß den Gerechten eine Wohnung im Himmel 
bereitet sei, die nicht mit Händen gemacht, sondern 
ewig ist, nach welcher Behausung meine Seele ein 
herzliches Verlangen hat. 

Aber, Freunde, es entsteht großer Streit, sowohl aus- 
wendig, als inwendig, denn inwendig beweist Fleisch 
und Blut seine Art, welchem durch den Glauben wi- 
derstanden werden muss; auswendig gegen die weit- 



804 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


liehe Hoffart, die falschen Propheten und die Geister 
der Lügen, mit welchen man ritterlich fechten muss, 
mit dem Schwert des Geistes, welches Gottes Wort ist. 

Ach, Freunde, ich habe es schon zur Genüge erfah- 
ren, denn ich bin zwölf Mal von ihnen angefochten 
worden; sechs Mal von der weltlichen Obrigkeit und 
sechs Mal von den falschen Propheten. Die Obrigkeit 
sagte zu mir, ich hätte einen stolzen, hoffärtigen Geist 
in mir, und machte noch mehr dergleichen üble Äuße- 
rungen und meinte, daß ich um deswillen mich nicht 
bewegen lassen wollte; ich fragte sie, ob das eine große 
Hoffart wäre, daß ich mich alles meines Gutes, meines 
Weibes und Kindes berauben ließe, und zuletzt allen 
Menschen ein Schauspiel sein müsste, welche mich 
an einem Pfahle verbrennen lassen und mein Fleisch 
den Tieren und Vögeln des Himmels zur Speise geben 
würden. Sie sagten noch einmal: Ja, eben darin seid 
ihr stolz; ich sagte, das wären wir, aber wir freuten 
uns weil wir des Leidens Christi teilhaftig geworden 
wären; ich warnte sie, sie sollten Zusehen, und die 
Hände nicht an diejenigen legen, die im Frieden nach 
ihrem Glauben zu leben suchten, die weder euch noch 
den eurigen irgendein Leid zufügen. Sie sagten, wir 
wären Aufrührer und Meuterer, verführten und zö- 
gen viele einfältige Herzen zu unserm Glauben, und 
daß wir eine größere Strafe verdient hätten, als Diebe 
und Räuber; ich erwiderte: Wir verführen keine See- 
len, sondern eure falschen Propheten verführen viele 
tausend Seelen durch ihre Lehre und ihren falschen 
Gottesdienst, den sie unter dem Schein der Heiligkeit 
verrichten. Sie sahen mich scharf an. Es fielen auch 
noch viele Reden vor, die ich der Beschreibung nicht 
wert halte. Was dasjenige betrifft, daß sie mich nach 
meinem Alter fragten, und wie lange ich im Glauben 
gewesen wäre, auch wegen meines Dieneramtes, da- 
von habe ich in meinem vorigen Briefe geschrieben, 
der von einigen unter euch gelesen worden ist, wie 
ich aus dem Inhalt eines Briefes ersehe, den ich ges- 
tern empfangen habe; er war mir von Herzen lieb, 
denn, Freunde, es tut wohl, wenn einige Briefe voll 
Trost und Warnung kommen; es ist viel angenehmer 
als viele Goldstücke, denn, Freunde, eine Zeile von 
Freundeshand schmeckt viel besser, als wenn man 
zehn Mal mehr in sich selbst trüge. 

Weiter, Freunde, zehn oder zwölf Tage nachher 
sandte die Obrigkeit zwei Gelehrte, den Pfarrpfaffen 
von St. Jan und noch einen Domherrn; dieser machte 
auch viele Worte, und brachte ein langes Geschwätz 
vor; zuletzt fragte er mich, warum ich von der Mutter, 
der römisch-katholischen Kirche abgefallen wäre; ich 
erwiderte ganz kurz, daß ich sie nicht für die rechte 
heilige Kirche hielte. Sie fragten: Warum? Ich sagte: 
Um deswillen, weil man sonst nichts tut, als einen 


falschen, erdichteten Gottesdienst treiben. Das nah- 
men sie sehr übel auf, es fielen auch sehr viel Reden 
vor, nach der Weise, wie es unseren Freunden in frü- 
heren Zeiten ergangen ist. 

Ungefähr zehn oder zwölf Tage darauf kamen die- 
selben noch einmal, und brachten den Pfaffen Michel- 
ken mit, welcher ein Abtrünniger und seit der Zeit ein 
Pfaffe geworden ist. Da sagte der Pfarrpfaffe, Namens 
Herr Jan von Dale zu mir: Kennst du wohl den Herrn 
Michelken? Ich sagte: Ja. Er sagte: Warum bekehrst 
du dich denn auch nicht von der Ketzerei, wie Herr 
Michelken getan hat; wäre euer Glaube gut, er wä- 
re von eurem Glauben nicht abgewichen und zu der 
Mutter, der heiligen Kirche, umgekehrt. Ich antwor- 
tete: Er wäre von der heiligen Gemeinde Gottes zum 
Götzendienst und zur Lehre der Teufel übergegangen. 
Sie fragten: Was ist Abgötterei in unserer Kirche? Ich 
erwiderte: Zunächst alle Bilder, die darin stehen, vor 
welchen ihr Lichter brennt, opfert und die Knie beugt. 
Sie sagten: Die Bilder wären die Bücher für ungelehrte 
Leute, die Messe aber, und das Opfer, das sie täten, 
wären lauter heilige Gebete. Ich antwortete: Wäre es 
gut, wie ihr sagt, ihr würdet es wohl in flämischer 
oder deutscher Sprache verrichten, damit die einfa- 
chen Menschen gelehrt werden möchten; überdies 
habt ihr das Evangeliumbuch, das mögt ihr lehren; 
aber ihr fürchtet, die Menschen möchten deutliche Be- 
griffe daraus fassen. Überhaupt wechselten wir auch 
sehr viele Worte von der Sendung der Prediger und 
von der Kindertaufe miteinander, aber viel davon zu 
schreiben, dünkt mich unnötig zu sein, denn es geht 
alles darauf hinaus, wie es im Opferbuch steht. Sollte 
ich alles schreiben, es wären wohl sieben oder acht 
Bogen Papier nicht genug dazu; auch habe ich viel 
vergessen, denn es ist gar zu viel vorgefallen. 

Zuletzt kam der Stadtschreiber Schockmann mit 
seinem Sohn, welcher Schreiber des Blutgerichts ist; 
dieser befahl uns, daß ich und Michael Buyse mitkom- 
men sollten, um mit ihm zu reden. Darum bat ich den 
Herrn, daß Er mich nach seiner Verheißung bewahren 
wolle. Darauf ging ich die Treppe hinunter, und als 
ich und Michael zu ihm kamen, grüßten wir ihn ehrer- 
bietig, und er sagte uns auch guten Abend. Da fragte 
er uns sämtlich, ob wir nicht verdrießlich wären, so 
gefangen zu sitzen. Antwort: Wir müssen darin ge- 
duldig sein. Ja, sagte er, es ist eure Schuld, und ihr tut 
es euch selbst; würdet ihr euch nur bewegen lassen, 
so würden wohl alle Dinge gut werden. Wenn ihr nur 
von eurer Meinung ablassen wolltet, denn (sagte er) es 
ist nur Ruhmsüchtigkeit und ein hoffärtiger Geist, der 
dich dazu treibt; ich sagte ihm, wie ich zuvor erzählt 
habe, daß solches keine Hoffart wäre, wenn es sich 
um Leib und Gut handelt. Er verteidigte das römische 



805 


Reich sehr, und machte viel Wesens von der Kirche der 
Pfaffen, weil sie von der Apostel Zeit an bis hierher 
gewesen sei; auch zählte er viel Gründe auf, die weder 
schriftgemäß, noch der Mitteilung wert sind. Ferner 
(sagte er), sind auch einige Missbrauche vorhanden, 
um deswillen ist der Glaube nicht schlechter. Ich weiß 
wohl (sagte er), daß Pfaffen sind, die tugendsamer 
leben könnten, aber man soll nicht auf ihre Werke se- 
hen, sondern ihren Worten gehorchen. Michael sagte: 
Ein guter Baum bringt gute Früchte, was ein böser 
Baum nicht tut. Aber (sagte ich) meine Herren, wir ha- 
ben die Wahrheit, ich hoffe, daß wir durch des Herrn 
Gnade bis ans Ende dabei bleiben werden. Er redete 
viel, und sagte unter anderem, er wäre aus Mitleiden 
zu ums gekommen, und obgleich ihr (sagte er) den 
Geistlichen nicht Gehör geben wollt, so komme ich 
aus eigenem Antrieb und finde mich dazu gedrungen, 
in der Hoffnung, ihr werdet mir mehr Gehör geben, 
denn (sagte er und schlug auf seine Brust) wäre es 
nicht durch ihn geschehen, so wäre es schon längst 
mit uns getan gewesen, aber er hätte es verhindert; 
wie wir denn auch wissen, daß er sehr hoch angese- 
hen ist, sowohl bei Hofe, als bei den Herren der Stadt, 
denn im Stadtregiment geht es in vielen Sachen nach 
seinem Rat. Zuletzt sagte er (und schlug noch einmal 
auf seine Brust) wir müssten sterben, denn (sagte er) 
es ist bei den Herren des Rates von Flandern, bei dem 
hohen Rate beschlossen, und ferner sagte er, auch bei 
Hofe und bei seiner Hoheit, dem Prinzen von Parma, 
sei dieser Beschluss gefasst. Darauf antwortete ich 
freudig: Des Herrn Wille müsse über uns geschehen; 
wir sind geboren, um einmal zu sterben. Ja, (sagte 
er) das Sterben ist ein geringes Werk, aber du wirst 
nachher in die Verdammnis gehen, wie er uns denn 
zuvor oft verdammt hatte. Michael antwortete darauf, 
das Urteil käme Gott zu; er aber sagte: Ihr solltet wohl 
sagen, daß wir verdammt seien? Darauf sagte ich, daß 
wir diejenigen, die außer uns sind, nicht richten; Gott 
wird sie richten. 

Ja, Freunde, es ist ein stolzes, aufgeblasenes Volk, 
und sie lästern ohne alle Furcht Gott und seinen heili- 
gen Tempel. Weiter sagte er: Wenn wir abstehen woll- 
ten, wollte er bei Seiner Hoheit sein Bestes tun, und 
sollte er auch selbst nach Hofe reisen müssen, was 
ihn viel kosten würde. Es scheint demnach, Freunde, 
wie wir hören, daß wir gleichwohl in Lebensgefahr 
wären, wenn wir auch vom Glauben abfielen. In sol- 
cher Weise ist er zuletzt von uns geschieden und hat 
uns gebeten, an seine Worte zu denken; ich hoffe, sag- 
te er, der Heilige Geist wird es in dir wirken. Aber 
wir hatten eine andere Hoffnung, daß Gott, der Vater 
unseres Herrn Jesu Christi, uns durch seinen Geist 
stärken werde, in der Wahrheit bis ans Ende unseres 


Lebens zu beharren. 

Freunde, wir waren bei ihm länger als zwei Stun- 
den. Wir redeten wenig; nur hin und wieder, wenn 
etwas vorkam, was eine Verantwortung nötig machte, 
verteidigten wir uns; das viele Reden gilt hier nichts, 
denn sie sagen, sie seien gekommen uns zu lehren; 
aber wir wollten von ihnen nicht gelehrt sein. Das ha- 
ben die Pfaffen zu mir allein gesagt, denn wir waren 
im Verhör voneinander abgesondert, das letzte Mal 
ausgenommen. 

Fünf oder sechs Tage darauf hat er uns seinen Sohn 
noch einmal gesandt, der uns fragte, ob wir auf diese 
Sache Achtung gegeben und uns bedacht hätten; wir 
sagten darauf, wir begehrten bei dem Glauben an Je- 
sum Christum zu bleiben, wie wir im Anfang bekannt 
hätten. Nach diesen Worten ist er von uns geschieden, 
was den 28. März geschah. 

So erwarten wir denn, meine herzgründlich gelieb- 
ten Brüder und Schwestern in dem Herrn, jeden Tag 
den Tag unserer Erlösung, daß wir unser Opfer tun 
mögen. Ich hätte beinahe das vergessen, was der Stadt- 
schreiber uns gesagt hatte, ihr möchtet vielleicht wohl 
einmal Nachts überfallen werden, wenn ihr solches 
am wenigsten vermutet; was sie im Sinne haben, ist 
Gott bekannt. Sie haben über uns keine Macht, es sei 
denn, daß es ihnen der Herr zulässt. Gott ist unse- 
re Stärke und Kraft, und das Schwert unseres Sieges, 
und obgleich wir um seinetwillen leiden müssen, so 
müssen wir doch unsere Seelen in Geduld fassen, und 
dessen eingedenk sein, was der Apostel sagt, daß es 
Gnade bei Gott sei, um des Wohltuns willen zu leiden; 
wiewohl, liebe Brüder und Schwestern in dem Herrn, 
die Welt es für keine Gnade achtet; denn IKor 1,18 
steht, daß das Wort vom Kreuz denen eine Torheit sei, 
die verloren gehen, aber uns, die wir selig werden, ist 
es eine Kraft Gottes, welche Kraft Gottes durch seinen 
Geist zum Trost und zur Stärkung ihres Gemüts wirkt. 

Darum, meine lieben Brüder und Schwestern, 
wacht, steht im Glauben, seid männlich, seid stark, 
und lasst alle eure Dinge in der Liebe geschehen, da- 
mit ihr aufwachst und zunehmt, und nicht schwach 
werdet in der Liebe, in der Hoffnung, im Glauben, 
welches ein köstlicher Schatz ist, den wir durch den 
Heiligen Geist in unsere irdischen Gefäße empfangen 
haben. Bewahrt doch denselben fleißig, mit großer 
Sorgfalt; denn einige von uns haben lange darum ge- 
arbeitet, aber durch eine leichtsinnige Unachtsamkeit 
wird er so leicht geraubt; dann ist alle Arbeit verloren, 
die darum getan worden ist; denn wenn der Gerech- 
te weicht (sagt der Herr), so soll meine Seele an ihm 
keinen Gefallen haben. Er verlässt die Quellader des 
lebendigen Wassers, und die Abtrünnigen werden in 
die Erde geschrieben, ihr Name wird auch nicht im 



806 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Buch des Lebens gefunden werden. Darum wacht im 
Glauben, und lasst uns für unsern geistigen Schatz, 
den wir durch den Glauben an Christum Jesum aus 
Gnaden empfangen haben, eine so große Fürsorge 
tragen, als wohl mancher Mensch für seinen vergäng- 
lichen Schatz trägt, dem die Diebe und Räuber nach- 
stellen, wie es bisweilen vorkommt, wie z. B. bei mir 
und Michael, meinem Mitgefangenen; denn sie haben 
uns fast alles geraubt, und viele sind so gesinnt, daß 
sie gern zeitlich reich werden wollen, jedoch sie beden- 
ken nicht in der Kraft, was Paulus spricht, daß solche 
in Versuchung und in große Stricke, und in Geiz fallen, 
welchen Paulus Abgötterei nennt; derselbe hat einen 
langen Mantel, daß man nicht leicht an ihn kommen 
kann; und sie sammeln ihren Kindern große Schätze. 
Es ist ihnen eine weite Türe auf getan, ihre Kinder in 
die Welt zu führen, aber der beste Schatz, den man 
den Kindern hinterlassen kann, ist der, daß man sie 
von Jugend auf in der Gottesfurcht unterrichte und 
ihnen das Wort des Herrn Vorhalte, so deutlich und 
verständlich, als ihr Verstand fassen und begreifen 
kann; wie denn die Altväter ihr Kinder gelehrt haben 
Gott zu fürchten, die Sünde meiden und Gutes tun, 
wovon Abraham ein Exempel ist, welcher seinen Kin- 
dern Befehl gab nach ihm; desgleichen Susanna und 
der alte Tobias, der seinen Sohn lehrte von Jugend auf 
Gott fürchten, wie auch Sarah, Raguels Tochter. Freun- 
de, forscht fleißig in der Schrift, sie wird euch zur 
Genüge unterrichten. Lasst uns allezeit dem Guten 
nachfolgen, einander ermahnen und in guten Wer- 
ken erwecken, damit wir darin die Vornehmsten sein 
mögen. Darum schreibe ich noch einmal, wie früher; 
denn die Axt ist schon den Bäumen an die Wurzel 
gelegt; alle Bäume, die nicht gute Früchte bringen, 
werden abgehauen und ins Feuer geworfen, und da- 
mit wir nicht den fünf törichten Jungfrauen gleich sein 
mögen, wenn der Bräutigam kommt, daß wir alsdann 
nicht schläfrig sein mögen und das Öl zum Brennen in 
der Lampe nicht erst kaufen müssen. Darum wird der 
Glaube, der durch die Liebe tätig ist, herrlich leuchten 
vor dem Herrn, denn es werden nicht alle, die Herr! 
Herr! rufen, ins Reich Gottes kommen, sondern wer 
den Willen meines Vaters tut, der im Himmel ist. 

Darum sagt Christus: Selig sind, die Gottes Wort 
halten und bewahren; selig ist der, welcher die Worte 
der Propheten hört und liest, und das hält, was darin 
geschrieben ist, denn die Zeit ist nahe. Lasst uns in 
der Lehre Christi bleiben, so werden wir auch seine 
Jünger sein und ewig bleiben. 

Weiter, meine herzgründlich geliebten Brüder und 
Schwestern in dem Herrn, finden wir in allen Schrif- 
ten, daß alle heiligen Altväter, Propheten und Apostel 
getrieben worden seien, und uns zum Frieden, zur 


Liebe und Einigkeit gelehrt und ermahnt haben; denn 
der Apostel sagt: Der Friede Gottes, der allen Verstand 
übersteigt, bewahre eure Herzen und Sinne in Chri- 
sto Jesu; Petrus sagt: Zu einer rechten, ungefärbten 
Bruderliebe, und habt einander lieb aus reinem Her- 
zen, als die wiedergeboren sind, nicht aus vergängli- 
chem, sondern aus unvergänglichem Samen, nämlich 
aus dem Worte Gottes, das ewig bleibt. Ach, Freunde, 
wo Liebe, Friede und Einigkeit in der Gemeinde ist, 
da ist ein übergroßer Reichtum. Wohl recht sagt der 
Psalmist: Wie lieblich ist es, wenn Brüder einträch- 
tig beieinander wohnen, wie der köstliche Balsam ist; 
denn wo Unfriede ist, da müssen die Herzen jämmer- 
lich übereinander seufzen und das Brot mit Trauern 
essen. Also werden die Festtage (wo man das Brot 
des Herrn in seiner Gemeinde zum Andenken der 
überschwänglichen Wohltaten des Herrn brechen soll- 
te) in Trauertage verwandelt, was die Einfältigen mit 
großem Leidwesen sehen müssen, wie es denn leider 
unter Tränen zu beklagen ist, daß die Gemeinde zu 
Harlem und einige andere Gemeinden mit solchen 
Seuchen behaftet sind, was mir und mehreren andern 
in unsern Landen betrübt zu hören ist, dem Herrn im 
hohen Himmel sei es geklagt. 

Ach, daß Gott Gnade gäbe, daß sie einander in der 
Liebe ertragen könnten, und daß die Häupter sich 
unter die starke Hand Gottes beugen und sich selbst 
um des Herrn heiligen Namen und seiner Gemein- 
de willen verleugnen möchten! Ich hätte Hoffnung, 
solches würde ihnen kein böses Gewissen machen, 
wenn sie es um des Friedens willen über sich ergehen 
ließen, und ein jeder klein in seinen Augen wäre, wie 
gut würde es gehen, und wie bald würde alles im 
Frieden sein! Ach, Freunde, lasst uns die Knie unseres 
Herzens vor dem Herrn beugen, daß eine christliche 
Eintracht untereinander über das geistige Israel kom- 
men möge, damit eine triumphierende Danksagung 
mit Freude und Wonne im Geiste in allen Gemein- 
den gehalten werden möge. Darum strebt nach dem 
Frieden und jagt ihm nach; bedenkt euch über das 
Wort jagt, denn wonach man jagt, das erreicht man 
in Eile. Ach, Freunde, es ist Zeit über Zeit, daß ihr 
Frieden und Einigkeit macht, denn es möchte etwa 
der Herr mit Zorn strafen. Es ist niemand versichert, 
daß im Lande immer Freiheit sein werde; vielleicht 
gibt es dort im Lande auch Veränderungen, wie es in 
Flandern und Brabant der Fall ist. 

Darum, meine lieben Brüder und Schwestern in 
dem Herrn, bitte ich euch gemeinschaftlich mit mei- 
nem Mitgefangenen, und das mit gebogenen Knien 
und wehmütigem Herzen im Namen unsers Herrn Je- 
su Christi (vor welchem sich alle Knie beugen müssen, 
der auch ohne Ansehen der Personen einem jeden ver- 



807 


gelten wird, je nachdem er getan hat, es sei gut oder 
böse), daß ihr mit dem Herrn Frieden und Eintracht 
aufrichtet; denn selig sind die Friedenmacher, sagt 
Christus, denn sie werden das Himmelreich ererben; 
damit der lustige Berg des Herrn und die heilige Stadt 
Jerusalem in einer herrlichen Gestalt erfunden wer- 
den möge, nebst allen ihren lieblichen Brunnen, aus 
welchen die Wasser des Heiligen Geistes im Überfluss 
entspringen in die Herzen der auserwählten heiligen 
Bürger und Hausgenossen Gottes, die festgegründet 
stehen auf dem Grund der Propheten und Apostel, 
von denen Christus Jesus der wahre Eckstein ist. 

Hiermit will ich, meine lieben Brüder und Schwes- 
tern in dem Herrn, einen ewigen und christlichen 
Abschied von euch nehmen und euch gute Nacht sa- 
gen, bis wir dahin kommen, wo kein Scheiden mehr 
sein wird, ich meine in dem neuen himmlischen Je- 
rusalem, wo der König aller Könige mit dem Zepter 
seines ewigen unvergänglichen Reiches ewig regieren 
wird. Hiermit empfehle ich euch dem Herrn und dem 
tröstlichen reichen Worte seiner Gnade, durch wel- 
ches Wort wir im Frieden berufen sind zur Einigkeit 
im Geiste durch das Band des Friedens, und haltet 
euch tapfer bei der Wahrheit; bittet auch den Herrn 
für uns, wir hoffen dasselbe für euch zu tun nach un- 
serem schwachen Vermögen. Ich hoffe, der Herr wer- 
de uns bis ans Ende unseres Lebens bewahren. Ach 
Freunde, mich verlangt von Herzen nach dem Tage 
meiner Erlösung, daß ich unter dem Altar Christi Jesu 
bei allen unsem lieben Brüdern und Schwestern ru- 
hen möge, die für uns um des Zeugnisses Jesu Christi 
willen getötet worden sind, die ihres Lebens nicht 
geschont, sondern es freiwillig um seines heiligen 
Namens willen übergeben haben. Also, meine lieben 
Brüder und Schwestern in dem Herrn, eilt auch und 
begebt eure Herzen unter die Blutfahne Jesu Christi, 
seine Schmach bei dem Heerlager des Herrn tragen 
zu helfen, und das aus reiner Liebe ohne Furcht, denn 
wer sich fürchtet, der hat Pein; aber die vollkommene 
Liebe treibt die Furcht aus. Ach, Freunde, wo solche 
Liebe ist, da ist die Liebe stärker, als der Tod, und der 
Eifer fest, wie die Hölle; ihre Glut ist feurig und eine 
Flamme des Herrn, sodass auch viele Wasser die Liebe 
nicht auslöschen können. Darum lasst alle eure Din- 
ge in der Liebe geschehen, und bleibt standhaft und 
unbeweglich, und überfließend in den Werken des 
Herrn, und wisst, daß eure Arbeit nicht vergeblich ist 
in dem Herrn. Ich bitte euch auch demütig, ihr wollt 
mein einfaches Schreiben mir zugute halten, wiewohl 
es schlecht abgefasst ist, denn, Freunde, das sei fern 
von mir, daß ich mich zum Ermahnen tüchtig halten 
sollte, sondern ich bedarf der Ermahnung, indem ich 
mich in allem miteinschließe, was ich hier geschrie- 


ben habe, weil es aus aufrichtiger, brüderlicher Liebe 
geschehen ist, das weiß der Herr, und ich hoffe auch, 
es durch Gottes Gnade mit meinem Tod zu befestigen, 
wie es den Anschein gewinnt. Der Herr wolle uns in 
unserer letzten Not mit seinem Geist stärken, der ein 
Nothelfer ist. 

Endlich, meine lieben Brüder, freut euch; seid voll- 
kommen; tröstet euch; habt einerlei Sinn; seid fried- 
sam, dann wird der Gott der Liebe und des Friedens 
mit euch sein. Wacht im Glauben. 

Von mir, Joost Zöllner, einem schwachen Bruder 
und zarten Glied an dem Leibe Christi, der aller Barm- 
herzigkeit Gottes und seiner Gnade zu gering und des 
Leidens unwürdig ist. O Herr, mache mich Unwür- 
digen würdig. Michael Buysen und Syntgen Wens 
lassen euch mit dem Frieden des Herrn herzlich grü- 
ßen. 

Noch ein Brief von Joost Zöllner an seine Mutter. 

Gnade, Friede und Barmherzigkeit von Gott, unserm 
himmlischen Vater, durch Jesum Christum seinen ein- 
gebomen Sohn und Heiland der ganzen Welt; denn, 
gleichwie der Tod durch einen Menschen in die Welt 
gekommen ist, so ist auch das Leben durch einen Men- 
schen in die Welt gekommen, damit alle, die an seinen 
Namen glauben, das ewige Leben erlangen mögen; 
derselbe wolle dich stark und kräftig machen mit sei- 
nem Heiligen Geist in all deinem Druck und Trübsal, 
welche du auch um meinetwillen trägst; aber sei doch 
geduldig, meine liebe, werte, alte Mutter, denn deine 
Trübsal wird sich in ewige Freude verwandeln. Dem- 
selben allein weisen und starken, unüberwindlichen 
Gott sei Lob, Preis, Ehre, Kraft und Segen, von Ewig- 
keit zu Ewigkeit. 

Nebst allem herzlichen und christlichen Gruß an 
dich, meine werte und in Gott geliebte Mutter und S. 
I. H., die ich gründlich und von ganzem Herzen liebe, 
lasse ich dich wissen, daß mein Gemüt unverändert 
steht, und ich hoffe, durch des Herrn Gnade, bei sei- 
ner heiligen Wahrheit zu bleiben, deren ich mich auch 
nicht geschämt habe, sie vor den Menschen zu beken- 
nen, in der guten Zuversicht, daß sich Christus auch 
nicht schämen werde, mich vor seinem himmlischen 
Vater und seinen heiligen Engeln zu bekennen, was 
ein ewiger Trost und eine ewige Belohnung für denje- 
nigen sein wird, der im Glauben bis ans Ende stand- 
haft bleiben wird. Daher wolle er mich und alle die 
mit mir in Nöten sind, mit seinem Heiligen Geist stär- 
ken und kräftig machen, damit Er zum Preis und zur 
Ehre seines heiligen und hochwürdigen, anbetungs- 
würdigen Namens in unseren Herzen die Oberhand 
erhalten möge. Um dasselbe bitte ich Tag und Nacht 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


in meiner Schwachheit, und ersuche auch deine Liebe, 
meine werte Mutter, daß du helfen wollest, den all- 
mächtigen Gott für uns arme Gefangenen bitten, daß 
wir den Glauben bis ans Ende in brünstiger Liebe er- 
halten mögen, zu unserer Seelen Heil, unseres Nächs- 
ten Erbauung und der Welt zum Licht. Ach, meine lie- 
be und werte Mutter, die du mich neun Monate unter 
deinem Herzen getragen, und mit vielen Schmerzen 
und Wehen geboren, auch mich überdies mit großer 
Sorgfalt auferzogen hast, womit sollte ich wohl dir 
deine mütterliche Liebe vergelten können? Ich habe 
nichts, womit ich dir vergelten kann, deine Liebe aus- 
zuzahlen. Weil du aber Gott fürchtest, und mit mir 
in gleichem Glauben stehst, so habe ich eine lebendi- 
ge Hoffnung zu dem ewigen, allmächtigen Gott, daß 
Er mich in meinem Glauben stärken werde, solches 
zu seines Namens Ehre auszuführen, und das (weiß 
ich) wird in deinem Herzen mehr Freude erwecken, 
als wenn ich dir große irdische Schätze geben würde. 
Hierzu bin ich wohlgemut, denn der Herr ist in allen 
seinen Verheißungen getreu; Er verlässt niemanden, 
der zu Ihm seine Zuflucht nimmt, sondern bewahrt 
seine Auserwählten wie seinen Augapfel. Ach, wie 
lieblich ist es, den Herrn fürchten, wenn man mit 
einem hingebenden Herzen sich in Gehorsam dem 
Herrn untergibt! Darum lass uns allezeit, so lange ein 
lebendiger Atem in uns ist, in der reinen Liebe zur 
Wahrheit wandeln, als Kinder, die aus Gott geboren 
sind, denn Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe 
bleibt, der bleibt in Gott, und Gott in ihm. Darum sagt 
Paulus: Wer will uns von der Liebe Gottes scheiden, 
Trübsal, Angst, oder Verfolgung, oder Hunger, oder 
Blöße, oder Gefahr, oder Schwert? Wie geschrieben 
steht: Wir werden um deinetwillen den ganzen Tag 
getötet; wir sind wie Schlachtschafe geachtet, aber in 
all diesem überwinden wir weit um seinetwillen, der 
uns geliebt hat; denn ich bin gewiss, daß weder Tod, 
noch Leben, weder Engel, noch Herrschaft, noch Ge- 
walt, weder Gegenwärtiges, noch Zukünftiges, weder 
Hohes noch Tiefes, noch eine andere Kreatur, uns von 
der Liebe scheiden mag, die in Christo Jesu, unserm 
Herrn, ist. 

Darum wird das Band der Liebe von Paulus eine 
Vollkommenheit genannt. Hiermit nehme ich von mei- 
ner werten und in Gott geliebten Mutter einen christ- 
lichen Abschied, und sage auf ewig gute Nacht. Gute 
Nacht, meine auserwählte, werte Mutter und S. I. H.; 
sei doch wohlgemut in dem Herrn, und betrübe dich 
nicht zu sehr um meinetwillen, denn es muss doch ein- 
mal geschieden sein; aber wir warten in der Hoffnung 
des Glaubens auf eine himmlische Versammlung, wo 
kein Scheiden mehr Vorkommen wird; dort hoffe ich 
dich unter dem Altar Christi zu erwarten. Ich bitte 


dich, du wollest nach meinem Tod allezeit mit mei- 
ner lieben Hausfrau guten Umgang halten, denn ich 
werde eine betrübte Witwe hinterlassen. Darum tut 
das Beste, solange ihr beieinander seid, denn so viel 
ich höre, möchte es mit uns diese oder die folgende 
Woche zu Ende kommen. Der Herr gebe mir Kraft in 
meiner äußersten Not. Gute Nacht, meine liebe Mut- 
ter, mit einem inwendigen Kuss der Liebe und des 
Friedens. Grüße mir meine werte und in Gott geliebte 
Hausfrau mit dem Kuss der Liebe und des Friedens, 
desgleichen auch I. F. E. und V. T. nebst ihrer Familie, 
auch Stoffel und Margriete S., wenn du Gelegenheit 
hast. Gute Nacht, zum ewigen Abschied an alle, die 
Gott fürchten. Ich will, daß es nicht kund werde, daß 
wir ausschreiben, denn man hat uns darum beschwert 
und Verdruss angetan; der Herr wolle allen unsem 
Feinden ihre Augen öffnen, damit sie sehen mögen, 
in welchen sie stechen und wen sie beängstigen. 

Von mir, Joost Zöllner, deinem geliebten Sohn, in 
aller Untertänigkeit, nach meinem schwachen Vermö- 
gen. 

Ein Testament von Joost Zöllner an seine Tochter. 

Wenn du mit Fleiß nach der Wahrheit rufst und darum 
bittest; wenn du sie wie Silber suchst und nach ihren 
Schätzen forschst, dann wirst du die Furcht des Herrn 
vernehmen und Gottes Erkenntnis finden, Spr 2,3-5. 

Willst du Gott dienen, so lass es dir ein Ernst sein, 
damit du Gott nicht versuchst, Sir 18,23. 

Seid nicht träge in eurem Vornehmen, sondern 
brünstig im Geist, fröhlich in der Hoffnung, gedul- 
dig in Trübsal, und haltet an im Gebet, Rom 12,11-12. 

Forscht in der Schrift, denn ihr meint das Leben dar- 
in zu haben, und sie ist es, die von mir zeugt, Joli 5,39 

Verflucht sei, der des Herrn Werk nachlässig tut 
Jer 48,10. 

Ich, Joost Zöllner, dein Vater, wurde in Gent gefan- 
gen, und in das Saucelet (das ist das Stadtgefängnis) 
gebracht, auf dem Kornmarkt, des Nachts nach zehn 
Uhr den 13. Januar 1589 und um des Wortes Gottes 
und des Zeugnisses Jesu Christi willen. Der Herr wol- 
le mich durch seinen Heiligen Geist bis ans Ende mei- 
nes Lebens stärken, so wie auch alle diejenigen, die in 
Nöten sind, sowohl außer als in Banden. 

Betgen, dies ist dein Alter, und dient dir zum An- 
denken. Betgen Zöllner ist den 14. August im Jahre 
1574 geboren, Gott stärke dich in Tugenden nach sei- 
nem Willen, und wenn ich um des Namens des Herrn 
willen sterbe, so dient dir der nachfolgende Brief, der 
an dich geschrieben ist, zu einem Testament und zum 
Andenken dein lebelang, und wenn ich nicht sterbe, 
so dient er deinem Herzen zur Erquickung und Un- 



809 


terweisung, damit du dich dazu schicken mögest, den 
Herrn, deinen Gott, zu fürchten. 

Fürchte Gott und halte seine Gebote, denn das 
kommt allen Menschen zu. 

Durch heiligen Glauben und kräftige Triebe, 

Der reinen, von üben entzündeten Liebe, 

Wie auch durch das Opfer am Kreuze geschlacht', 
Wird Leben und Himmel herwieder gebracht. 

Der einige, barmherzige, allmächtige Gott, der reich 
an Barmherzigkeit und ein Vater der unterdrückten 
Witwen und Waisen und ein Herrscher aller derer ist, 
die auf Ihn trauen, wolle dich, meine Tochter und 
mein Kind, in der Weisheit und Erkenntnis der Wahr- 
heit aufwachsen lassen, damit du den allerhöchsten 
Gott erkennen und fürchten lernen mögest, der Him- 
mel, Erde, Meer und alle Wasserbrunnen erschaffen 
und gemacht hat. Das verleihe dir der ewige, allmäch- 
tige Vater durch Jesum Christum seinen eingebornen 
Sohn, unseren Herrn und Heiland, Amen. 

Mein liebes Kind Betgen, höre und verstehe mein 
Wort, im Namen des Herrn an dich geschrieben, lass 
meine Reden dir zu Herzen gehen und nimm sie, als 
einen köstlichen Schatz auf, das ist, lerne von dei- 
ner Jugend auf den Herrn, deinen Gott, von ganzem 
Herzen, von ganzer Seele und aus allem Vermögen 
fürchten, wandle in allen seinen Wegen und diene 
dem Herrn von ganzem Herzen und von ganzer See- 
le; halte die Gebote des Herrn deines Gottes, damit 
es dir wohl gehe im Lande, dann wird dir der Herr 
seinen reichen Segen geben, nebst allerlei Segen im 
geistigen Wesen, denn die Gottesfurcht ist ein über- 
fließender Brunnen des ewigen Lebens, der Herz und 
Geist lebendig macht; er gibt uns auch Lust und Be- 
gierde die Worte Gottes zu hören, denn sie stärken 
den inwendigen Menschen an Seele, Geist und Leib. 

Darum, mein liebes Kind, richte dich darnach, da- 
mit du von Jugend auf das Böse scheuen und meiden 
lernst, denn es wird nun bald Zeit sein aufzumerken 
und zu unterscheiden lernen, was gut und böse ist, 
denn wer da weiß Gutes zu tun und tut es nicht, dem 
wird es zur Sünde gerechnet; auch sagt der weise 
Mann, daß der Geist Gottes nicht in einer boshaften 
Seele, noch in einem der Sünde unterworfenen Leib 
wohne. Darum lerne fernerhin die Sünde meiden, wie 
den Blick der Schlangen; so sei denn mäßig, männ- 
lich und ehrbar und meide alle eitle Gesellschaft, die 
fleischlich und weltlich gesinnt ist, denn die Welt wird 
vergehen mit all ihrer Lust; wer aber den Willen Got- 
tes tut, bleibt in Ewigkeit. Deswegen habe deinen Um- 
gang mit denen, die den Herrn fürchten und in den 
Wegen Gottes wandeln, dann wirst du als eine Tochter 


Sarahs aufwachsen, die dem Herrn angenehm sein 
wird. Darum, mein Kind, hast du Mangel an Weisheit, 
so bitte sie von Gott, der sie allen Menschen im Über- 
fluss gibt und niemanden abweist. Aber man muss 
im Glauben bitten und nicht zweifeln, dann wird sie 
ihm gegeben werden. Darum bitte den Herrn, deinen 
Gott, demütig mit gebogenen Knien, und das zwar 
oft und anhaltend. Wo du gehst, stehst und arbeitest, 
habe den Herrn allezeit vor Augen, rufe ihn an mit 
Bitten und Liehen und sage: O Herr, mein Gott, leite 
mich doch auf deinem Wege, gib mir die Weisheit, die 
von dem Thron deiner Herrlichkeit kommt, und reini- 
ge mich von allen meinen Sünden, damit ich würdig 
sein möge, ein heiliger Tempel zu werden. Gib mir 
Gnade, daß ich von Herzen sanftmütig und demütig 
und klein in meinen eigenen Augen sein möge, damit 
dein Heiliger Geist in mir wohne und ich aufwachsen 
möge in deiner heiligen göttlichen Lurcht zu meiner 
Seelen ewigen Seligkeit und zum Lob, zum Preis und 
zur Ehre deines hohen und anbetungswürdigen Na- 
mens. O Herr, stärke mich Elenden, denn ich bin doch 
nur Staub und Asche. O Herr, erbarme dich meiner 
und hilf mir ewig, Amen. 

Wenn du nun, mein Kind, dich mit deinem Herzen 
so in aller Demut dem Herrn nahst und Ihm unaufhör- 
lich mit Bitten und Flehen anhängst, so wirst du Ihm 
wohl gefallen, und Er wird dir die Gottesfurcht und 
Erkenntnis der Weisheit im Überfluss geben, denn die 
Lurcht Gottes ist ein Baum des Lebens, seine Zweige 
grünen ewig und seine Früchte sind Gerechtigkeit, 
Friede und Freude im Heiligen Geist, seine Blätter 
dienen zur Gesundheit der Heiden; aber niemand 
isst von diesen Flüchten, als diejenigen, die von Neu- 
em aus Wasser und Geist geboren sind, die den alten 
Adam mit allen seinen fleischlichen Lüsten durch die 
Taufe in Christo Jesu begraben haben, die dem Teufel, 
der Hölle, dem Tod, der Welt mit all ihrem falschen 
Schein absagen und fortan nach dem heiligen Willen 
Gottes, des Herrn, wandeln, nebst allen auserwählten 
Kindern Gottes, deren Namen in das Buch des ewi- 
gen Lebens geschrieben sind. Darum fürchte Gott von 
Herzen, nicht, wie die Welt tut, die da sagen, daß sie 
Gott kennen. Ihn aber mit den Werken verleugnen, 
denn sie sind von denen, an welchen Gott ein Gräuel 
hat, ungehorsam und zu allen guten Werken untüch- 
tig und unbrauchbar. Aber Gott hat sich insbesondere 
ein heiliges Volk auserwählt, das fleißig ist zu guten 
Werken, seinen Willen zu tun. Darum muss man über 
alles, wie ich zuvor gemeldet habe, den Herrn ernst- 
lich fürchten mit demütigem Herzen. Schlecht und 
recht war Hiob, fürchtete Gott und mied das Arge; 
denn das Arge meiden, ist Verstand. Darum diene 
dem Herrn mit Furcht und freue dich mit Zittern, 



810 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


denn die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang; 
das ist eine schöne Klugheit, und wer darnach tut, 
dessen Lob bleibt in Ewigkeit; auch sagte der weise 
Mann: Die Furcht des Herrn besteht darin, das Arge, 
die Hoffart, den Hochmut und bösen Weg zu hassen. 
Wer den Herrn fürchtet, der geht auf der rechten Bahn; 
wer Ihn aber verachtet, der weicht von seinen Wegen 
und fällt in die Stricke des Todes, denn wo man in der 
Furcht Gottes um des Namens des Herrn willen leidet, 
da ist Reichtum und Ehre; die Furcht des Herrn ist 
der Weisheit Anfang, und ist allein bei den Gläubigen 
in des Herzens Grunde; sie wohnt allein bei den aus- 
erwählten Frauen, und man findet sie allein bei den 
Gerechten und Gläubigen. Die Furcht des Herrn ist 
der rechte Gottesdienst; sie bewahrt und macht das 
Herz fromm und gibt Freude und Wonne, denn, die 
den Herrn fürchten, denen wird es wohl gehen, und 
wenn er Trost bedarf, so wird er vom Herrn gesegnet 
werden. Die Furcht des Herrn wehrt der Sünde, denn 
wer ohne Furcht ist, kann Gott nicht gefallen. Darum, 
mein Kind, wenn es dir wohl geht, so sei wachsam 
und bleibe fest in der Furcht des Herrn; sei auch nicht 
stolz, denn stolzer Sinn kommt vor dem Fall. 

Darum habe Gott den Herrn allezeit vor Augen 
in allen deinen Wegen und befleißige dich, Gott zu 
gefallen mit einem aufrichtigen Gemüt, dann wird 
Gott mit dir sein und mit deiner Schwachheit Mitlei- 
den haben, auch den Sünden durch die Finger sehen, 
wenn sie durch Unwissenheit oder Übereilung dich 
überfallen; aber mutwillig sündigen und widerspens- 
tig sein, ist vor dem Herrn ein Gräuel; denjenigen 
wird Er nicht ungestraft lassen, der seine Worte so 
gering achtet. Darum sieh dich vor, daß du kein Skla- 
ve der Sünden sein mögest und begib deinen Mund 
nicht aufs Lügen, denn der Mund, der lügt, tötet die 
Seele. Von einem Dieb sollte man wohl bessere Hoff- 
nung haben, als von einem lügenhaften Menschen, 
denn diese werden jedermanns Feinde. Ein lügenhaf- 
tes Kind wird allezeit gehasst, und was sie auch reden, 
so gibt man ihren Reden kein Gehör, und sie sind ein 
Spott der Menschen. Der Teufel ist ein Lügner von An- 
fang und ist in der Wahrheit nicht bestanden; darum 
werden alle Gottlosen Teufelskinder genannt. Wenn 
sie Lügen reden, so tun sie nach der Art ihres Vaters, 
des Teufels, welcher allezeit ein Lügner gewesen ist; 
darum ist er auch aus dem Himmel gestoßen wor- 
den. Deshalb, mein Kind, rede allezeit die Wahrheit, 
denn dieselbe schämt sich nicht, es sei, daß sie für 
oder wider dich ist. Sage allezeit, wie es sich verhält, 
denn wenn du dich auch irgendwo vergehst, so wird 
es dir leichter übersehen, wenn du die Wahrheit re- 
dest, als wenn du es mit Lügen zuzudecken suchst, 
denn lügenhafte Reden kommen bald zum Vorschein 


und werden offenbar. Alsdann muss der Lügner zur 
Schmach Schmähworte hören, was vor Gott und Men- 
schen ein Gräuel ist. Darum sagt Paulus: Lügt nicht 
untereinander, sondern rede ein jeder die Wahrheit 
von Herzen mit seinem Nächsten, denn die Lügner 
werden keinen Teil am Reich Gottes haben. 

Sieh, mein liebes Kind Betgen, ich habe dir viele 
schöne köstliche Schätze vorgestellt und das alles zu 
deiner Ermahnung. Ich bitte dich, du wollest sie doch 
zu Herzen nehmen und dieselben oft überlesen, da- 
mit du dadurch in der Gottesfurcht auferzogen wer- 
den mögest. Lass doch meinen Brief (welchen ich mit 
großer Mühe und Furcht in meiner Gefangenschaft 
geschrieben habe, fürchtend, es möchte mir unvermu- 
tet jemand über den Hals kommen) nicht wie ein totes 
Gedicht liegen, sondern nimm ihn zu Herzen, denn 
ein Kind, das seinen Vater liebt, wird auch das lieben, 
was von seinem Vater kommt, es mit großer Lust oft 
überlesen und dabei sich der herzlichen Gunst seines 
Vaters erinnern, denn gleichwie ein Mann, der seine 
Lust an einem Geldschatz hat, welchen er in seinem 
Schrank verschlossen hat, denselben oft besieht, über- 
zählt und Pläne mit demselben macht, ebenso wollest 
du auch diesen oft zur Hand nehmen und überlesen, 
denn er ist mehr wert, als viele Goldstücke, weil er 
dich zum Brunnen des Lebens weist, wodurch deine 
Seele ewig leben wird, wenn du anders der Wahr- 
heit Untertan sein willst. Du bist zwar mein Kind, 
noch jung, und deine Sinne können es noch nicht al- 
les begreifen, aber ich hoffe, der Verstand werde noch 
kommen. Darum gib von Jugend auf gutes Gehör und 
gehorche den Worten Gottes, dann wird dir der Herr 
Weisheit geben; kaufe sie vom Herrn, Er wird sie dir 
umsonst geben. 

Darum nimm meine Reden zu Herzen, denn es sind 
nicht meine Worte oder Reden, sondern des Herrn 
heiliges Wort, welches uns Christus selbst gelehrt hat. 
Darum, willst du selig sein, so halte des Herrn Ge- 
bote; denn wer Christum liebt und sein Jünger sein 
will, der wird in seiner Lehre bleiben; mit demselben 
wird Er sein Abendmahl halten in dem Reich Gottes, 
seines himmlischen Vaters, und Er wird vor ihnen 
hergehen und ihnen dienen, und bei ihnen eine ewi- 
ge Wohnung machen. Wer aber hier Gottes Diener 
sein will, der muss vielen Anfechtungen begegnen; 
er muss auch sein Kreuz auf sich nehmen und Ihm 
täglich nachfolgen, denn Christus sagt: Ihr werdet 
weinen und traurig sein, aber die Welt wird sich freu- 
en; doch seid getrost, ich habe die Welt überwunden; 
wie es denn jetzt, mein Kind, am Tage liegt, denn 
weil ich Gott fürchte und nach meinem geringen Ver- 
mögen von der Welt scheide, darum hasst mich die 
Welt. Sie haben mich aus ihrem bösen Hass und Neid 



811 


gefangen; es könnte auch wohl bald geschehen, daß 
sie mich um des Namens Jesu Christi und des Zeug- 
nisses seines heiligen Wortes willen töten; aber auch 
hierin bin ich standhaft durch des Herrn Gnade, alles, 
was ich habe, dafür zu wagen; denn ich habe nichts, 
was ich nicht von dem Herrn empfangen habe; dar- 
um müssen wir es willig um seines heiligen Namens 
willen wieder übergeben, denn es ist uns nur gelie- 
hen, was wir hier in dieser Welt besitzen. Darum sind 
es auch törichte Menschen, die ihr Herz an zeitliche 
Dinge hängen; denn wer Gott fürchtet, der muss alle 
Dinge besitzen, als besäße er sie nicht, indem unsere 
Güter jedermanns Raub sind. Man stößt sie aus ihren 
Häusern; alle, die Gott fürchten, werden beraubt und 
zerstreut; daran wird erkannt, welche die auserwähl- 
ten Kinder Gottes sind; dieselben werden geprüft, wie 
das Gold im Feuer. 

Darum, mein Kind, untersuche die heilige Schrift, 
sie wird dir zeigen, daß die Gottesfürchtigen durch 
viel Trübsal und Leiden in das Reich Gottes eingehen 
müssen. Aber die gottlose Welt ist nicht wert, um des 
Namens des Herrn Willen zu leiden, denn sie kennen 
den Namen Christi nicht im Geist; hätten sie den er- 
kannt, sie hätten in vergangenen Zeiten den Herrn der 
Herrlichkeit nicht gekreuzigt. Darum haben sie Chris- 
tum, den Sohn Gottes, gehasst, verfolgt, beneidet und 
gesagt, daß Er den Teufel hätte, um wie viel mehr 
seine Jünger? Aber (dem Herrn sei gedankt!) wie sie 
auch schelten, lästern und beneiden, so geschieht sol- 
ches um keiner andern Ursache, als um des Wortes 
Gottes willen, wie denn Christus sagt: Selig seid ihr, 
wenn die Menschen euch Übles nachreden, wenn sie 
daran lügen; seid fröhlich und getrost, es wird euch 
im Himmel wohl belohnt werden. Petrus sagt: Der 
Heilige Geist Gottes ruht auf Ihm; denn gleichwie des 
Leidens Christi viel über uns kommt, so werden wir 
auch reichlich getröstet durch Christum. Darum, mein 
Kind, wird es dir auch heute oder morgen von der 
Welt verwiesen, so darfst du dich dessen nicht schä- 
men, denn ich leide nicht um irgendeiner Missetat 
willen, als ein Dieb, Mörder, oder als einer, der nach 
anderer Leute Gut strebt, sondern es geschieht um 
des Bekenntnisses meines Glaubens an Jesum Chris- 
tum willen, nämlich, daß er der wahre Sohn Gottes 
sei. Darum sagt Petrus, daß das Gnade bei Gott sei, 
wenn man um Wohltun willen leidet. 

Ferner, mein liebes Kind Betgen, ist meine väterli- 
che Bitte an dich, daß du, wenn ich dir entnommen 
werden sollte, zu deinem Vetter Lowys, oder zu Tanne- 
ken, oder Jacomyntje, deiner Base, gehen wollest, um 
bei ihnen zu wohnen, oder halten sie es für zweckmä- 
ßig, so mögen sie dich irgendwo bei ehrbaren Freun- 
den verdingen; alsdann (bitte ich dich) sei deinen Vor- 


gesetzten Untertan, nicht mit dem Dienste vor Augen 
allein, den Menschen zu gefallen, sondern mit aller 
Bescheidenheit und Sittsamkeit, sowohl in ihrer Ab- 
wesenheit, als in ihrer Gegenwart, und bedenke, daß 
du nicht allein den Menschen dienst, sondern Gott. 
Sei allezeit fleißig, das zu tun, was sie dir befehlen 
und sei bescheiden und freundlich, dann wirst du 
von ihnen geliebt werden; mache dich allezeit zum 
Geringsten, so wirst du von ihnen erhoben und ge- 
priesen werden; achte dich auch niemals für zu gut, 
und sieh wohl zu, daß du nicht mit deinen Vorgesetz- 
ten oder mit denen zankst, bei welchen du wohnst, 
denn es steht jungen Leuten sehr übel an, wenn sie 
Widerworte haben und schnippisch sind. Ebenso sei 
auch, mein Kind, in all deinem Handel gerecht, und 
entwende den Leuten nichts, denn das ist ein schänd- 
liches Ding, wenn man junge Mägdlein oder Knaben 
auf irgendeiner Ungerechtigkeit ertappt. 

Darum sieh zu, daß du reine Hände behältst (bitte 
ich dich), wie ich denn auch hoffe, daß du tun wer- 
dest, und wenn du Speise und Trank siehst, lass es 
unberührt, sonst wirst du dir einen schlechten Na- 
men machen. So erinnere dich denn an alles, was ich, 
dein Vater, von dir begehrt habe, und bewahre es zum 
ewigen Andenken in deinem Herzen, denn es ist mit 
sorgfältiger Liebe von mir zum ewigen Andenken 
geschrieben worden, damit du zu allen Zeiten einen 
guten Namen haben oder behalten mögest. 

Weiter, mein geliebtes Kind, muss ich dir noch vor- 
stellen, daß du dich allezeit bei allen Menschen, bei 
denen du wohnst, ehrlich halten sollst; führe dich sitt- 
sam auf, und beweise, daß du von aller Unkeuschheit 
und Hurerei rein seiest, was ja eine grausame Todsün- 
de vor Gott und außerdem ein Spott vor allen Men- 
schen ist, wodurch du nicht in einen ehrlichen Stand 
gelangen wirst. Darum hüte dich doch allezeit, daß 
du nicht mit den Jungen redest, scherzest oder spielst, 
oder viel eitles Geschwätz mit ihnen habest, damit du 
nicht durch Lust der Verführung in Sünde fallest. So 
rate ich dir denn aus väterlicher Liebe, daß du alles zu 
Herzen nehmen wollest, was ich von dir begehre, was 
dir vor Gott und allen Menschen eine Ehre sein wird. 
Darum siehe, mein Kind, wenn ich nun aufgeopfert 
werde und den Weg aller Welt gehen sollte (denn alle 
Menschen sind geboren, um einmal zu sterben), so sei 
wohlgemut; tröste dich in dem Herrn und sei stark; 
nimm die Ermahnung des Herrn unsers Gottes in 
Acht und zu Herzen, damit du in seinen Wegen wan- 
deln mögest. Halte seine Sitten, Zeugnisse, Rechte 
und Gebote, wie im Gesetz und den Propheten ge- 
schrieben steht. Wenn du nun, mein Kind, bei Leuten 
wohnst, die Gott fürchten, so sind sie schuldig, dich zu 
ermahnen und mit des Herrn Wort zu bestrafen, und 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


solches wird dir ein Beweis sein, daß sie dich lieben 
und deiner Seelen Seligkeit suchen, wofür du auch 
dankbar sein sollst; denn wiewohl du noch jung bist, 
so wirst du es besser verstehen, wenn du zu mehrerem 
Verstand kommen wirst. Darum bitte den Herrn flei- 
ßig, daß Er dich mit Weisheit und Verstand begaben 
wolle, damit du aufwachsen mögest wie eine grüne 
Pflanze in Zion und wie eine liebliche Rose in Jericho, 
und wie ein köstlicher Balsam, der auf dem Berg Her- 
mon wächst. Siehe, mein liebes Kind Betgen, wenn du 
den Herrn von ganzem Herzen, von ganzer Seele und 
aus allen Kräften fürchtest, so wird dein Name in das 
Buch des Lebens geschrieben werden, und du wirst 
an deiner Stirn mit dem Namen des lebendigen Got- 
tes gezeichnet werden. Auch wirst du einen weißen 
glänzenden Stein empfangen, und darauf geschrie- 
ben einen neuen Namen, welchen niemand kennt, als 
der ihn empfängt. Du wirst mit Kleidern von reiner, 
weißer Seide angetan werden, welches die Gerechtig- 
keit der Heiligen ist. Dazu wirst du mit allen Engeln 
Gottes dem herrlichen Lamm Gottes in großer Herr- 
lichkeit nachfolgen und von Ewigkeit zu Ewigkeit 
leben. Siehe, solche herrliche Belohnung werden sie 
empfangen; wer überwindet, wird alles besitzen, was 
Gott seinen Auserwählten bereitet hat; Er wird sie 
zum Brunnen des lebendigen Wassers leiten, und alle 
Tränen von ihren Augen abwischen. Darum fürchte 
Gott, und suche allezeit von den Gottesfürchtigen un- 
terrichtet zu werden. Nimm die Worte Gottes wohl 
zu Herzen und bewahre sie, wie Maria, des Herrn 
Mutter, tat; wandle auch allezeit in Sanftmut und De- 
mut, denn Gott hat einen Gefallen an denen, die eines 
demütigen und niedrigen Herzens sind, indem Gott 
die Hoffärtigen vom Stuhl gestoßen hat, aber die De- 
mütigen hat Er darauf gesetzt, denn Gott widersteht 
den Hoffärtigen, aber den Demütigen gibt Er Gnade. 
Darum demütige dich unter die gewaltige Hand Got- 
tes, dann wird er dich zu seiner Zeit erhöhen, denn 
die Hoffärtigen können Gott nicht gefallen. 

In den Sprichwörtern steht geschrieben: Diese 
Stücke hasst der Herr, hohe Augen, falsche Zungen 
und Hände, die unschuldiges Blut ergießen, und wo 
Stolz ist, da ist Schmach; aber Weisheit ist bei den 
Demütigen. Ein stolzes Herz ist dem Herrn ein Gräu- 
el, und es wird nicht ungestraft bleiben. Darum sagte 
auch Tobias zu seinem Sohn: Hoffart lass weder in dei- 
nem Herzen noch in deinen Worten herrschen, denn 
sie ist ein Anfang alles Verderbens. Das ist ein Anfang 
aller Hoffart, wenn ein Mensch von Gott abfällt, und 
sein Herz von seinem Schöpfer abweicht; Hochmut 
treibt zu jeder Sünde, und wer darin steckt, richtet 
viel Gräuel an. Darum hat der Herr allezeit den Hoch- 
mut gemieden und zuletzt niedergeworfen. Gott hat 


die hoffärtigen Fürsten vom Stuhl gestoßen und die 
Demütigen darauf gesetzt; Gott hat die Wurzel der 
stolzen Heiden ausgerottet, und die Demütigen an 
ihre Stelle gesetzt und gepflanzt. Darum halte dich 
selbst nicht für klug, und vergilt niemandem Böses 
mit Bösem, sondern bezahle sie mit Gutem, wie Chris- 
tus lehrt, wenn er sagt: Ihr habt gehört, daß gesagt 
ist: Auge um Auge, Zahn um Zahn, aber ich sage 
euch: Ihr sollt dem Bösen nicht widerstehen, sondern 
wenn dich jemand auf den rechten Backen schlägt, 
dem biete auch den andern dar, und wenn jemand 
mit dir rechten, und den Rock nehmen will, dem lasse 
auch den Mantel, und wenn dich jemand zwingt, eine 
Meile zu gehen, so gehe mit ihm zwei. Nicht, liebes 
Kind, als ob wir gern geschlagen sein, oder gern verlie- 
ren wollten, oder gern den Mantel hergeben wollten, 
wenn man uns den Rock nimmt, oder daß wir drei 
oder vier Meilen mit jemandem wider unsern Willen 
gehen wollten, und gleichwohl lehrt uns die Schrift 
und will uns auch Christus damit lehren, daß wir Ihn 
recht verstehen sollen, dass es den Gläubigen keines- 
wegs erlaubt sei, sich an irgendeinem Menschen zu 
rächen, was man auch für Ursache haben möchte, son- 
dern wir müssen Gott die Sache befehlen, der da recht 
richtet. Denn wenn uns jemand schlägt, so müssen 
wir uns lieber noch einmal schlagen lassen, als weh- 
ren oder Widerstand leisten, und wenn uns jemand 
den Rock nimmt, ihm lieber den Mantel auch lassen, 
als ihn mit Gewalt oder mit Schlägen wieder nehmen. 
Überhaupt, wir müssen allezeit leiden und niemals 
jemandem Leiden zufügen, wie uns das Gesetz der 
Natur lehrt: Tue deinem Nächsten wie dir selbst, dann 
werden wir niemandem Böses wünschen, obgleich in 
dem Gesetz Moses das Gegenteil geschrieben steht: 
Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind 
hassen, denn Christus hebt dieses auf; es galt nur un- 
ter dem Gesetz der Rache, aber jetzt sind wir unter der 
Gnade. Darum müssen wir Gnade erweisen und nicht 
strafen, wie Christus sagt: Ihr habt gehört, daß gesagt 
ist, du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind 
hassen; aber ich sage euch, liebt eure Feinde, segnet 
die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, bit- 
tet für die, die euch beleidigen und verfolgen, damit 
ihr Kinder eures Vaters seid, der im Himmel ist, der 
seine Sonne über Gute und Böse aufgehen lässt. Dar- 
um, liebes Kind, soll man seinem Feind nichts Böses 
wünschen, vielweniger soll man böses tun; deshalb 
hasse nicht, und räche dich auch selbst nicht, sondern 
gib dem Zorn Raum, und werde nicht bald zornig, 
denn des Menschen Zorn tut nicht, was vor Gott recht 
ist, und wie du willst, daß dir die Menschen tun sol- 
len, so tue du ihnen, dann wirst du das Gesetz Christi 
erfüllen. 



813 


Weiter, mein liebes Kind, bist du schuldig deine 
Mutter, die du jetzt noch hast, dein ganzes Leben hin- 
durch lieb und wert zu haben, denn sie hat viele Mühe 
und Sorge mit dir gehabt, solange ich mit ihr in der 
Ehe gelebt habe. Darum bist du auch schuldig, sie zu 
lieben wie deine Mutter. Wenn du heute oder morgen 
von ihr gehst, so danke ihr herzlich für die mütter- 
liche Liebe, die sie an dir bewiesen hat; ohne viele 
Tränen gebührt dir nicht von ihr zu gehen, denn sie 
ist dir eine gute Mutter gewesen. Darum, wenn du 
auch weit von ihr wohnst, so schreib ihr bisweilen 
ein angenehmes Brieflein, und wenn es dir wohl geht, 
so erweise deine Freundlichkeit gegen sie mit einem 
Geschenk, wobei sie sich erinnern kann, daß du sie 
lieb und wert hast; das wird dir eine Ehre sein. So tue 
denn das Beste in allem, was ich dir befehle. Schreibe 
meinen Brief oft ab, oder überlies ihn zum ewigen 
Andenken deines Vaters; folge ihm nach, und allem, 
was gut und Gott gefällig ist. 

Weiter, mein Kind, begib dein Herz unter den Ge- 
horsam der Wahrheit; sei allezeit begierig das Wort 
Gottes zu hören, und schicke dich dazu, daß du dich, 
wenn du zu Verstände kommst, unter die Gemeinde 
des lebendigen Gottes begebest und auf solche Wei- 
se in die Arche des Bundes eingehen mögest, damit 
du aller himmlischen Verheißungen mit Abraham, 
Isaak, Jakob, Mose, allen Propheten und heiligen Apo- 
steln Gottes, unsers Herrn Jesu Christi, teilhaftig wer- 
den mögest, dann wirst du am letzten Tage (der wie 
ein feuriger Ofen brennen wird) frei ausgehen; denn 
die Gottlosen werden erschrecklich gepeinigt werden; 
sie werden weinen und heulen in Ewigkeit, denn sie 
werden mit dem Drachen, Teufel und allen falschen 
Propheten in den feurigen Pfuhl geworfen werden, 
der mit Schwefel und Feuer brennen wird; darum sei 
wachsam in der Furcht Gottes, damit du ihrer Plage 
nicht teilhaftig werdest. 

Wenn du heute oder morgen zu deinem vollkom- 
men Alter kommst und es deine Hand vermag, so sei 
der armen Glieder Christi eingedenk, und teile den 
Armen mit von dem, was dir der Herr verleiht. Was 
du gibst, das gib mit gutwilligem Herzen, und nicht 
aus Zwang, sondern aus einem zugeneigten Gemüt, 
denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb, sagt der 
Apostel Paulus. 

So steht auch an die Hebräer: Wohl zu tun und mit- 
zuteilen, vergesst nicht, denn solche Opfer gefallen 
Gott wohl, und Almosen decken auch der Sünden 
Menge. Durch Fasten, Beten und Almosen war der 
heidnische Cornelius Gott angenehm, und empfing 
die Verheißung der Seligkeit, denn gleichwie das Was- 
ser das Feuer auslöscht, so tilgen die Almosen die 
Sünden aus; der Herr aber, der es ansieht, wird es in 


der zukünftigen Zeit vergelten, und in der Not, wenn 
er fällt, wird er Hilfe finden. Mein Kind, sagt Sirach, 
lass den Armen nicht Not leiden, und sei nicht hart 
gegen den Dürftigen, verachte den Hungrigen nicht 
und betrübe den Dürftigen nicht in seiner Armut. Ei- 
nem betrübten Herzen mache nicht mehr Leid und 
entziehe die Gabe dem Dürftigen nicht. Die Bitte des 
Elenden schlage nicht ab und wende dein Angesicht 
nicht von dem Armen. 

Darum tue dem Armen Handreichung, damit du 
von dem Herrn reichlich gesegnet werdest. Wenn du 
dieses zu Herzen nimmst und darnach handelst, so 
wird dein Licht aufgehen wie die glänzenden Sterne 
der Morgenstunde in der schönen Morgenröte. Dar- 
um tue allezeit Gutes, und wenn du Gott lieb hast, so 
halte seine Gebote. Hiermit will ich meinem Schrei- 
ben ein Ende machen; ich habe dir das Beste aus des 
Herrn Wort vorgehalten; Wasser und Feuer wird den 
Menschen vorgestellt, nämlich Leben oder Tod; dar- 
um erwähle dir das Leben, damit du das Reich Gottes 
mit allen auserwählten Heiligen Gottes ewig ererben 
mögest. 

Hiermit nehme ich für diesmal, mein liebes Kind 
Betgen, einen ewigen Abschied, und empfehle dich 
hiermit Gott, dem himmlischen Vater, der ein Vater 
aller Waisen ist und aller derer, die ihn fürchten und 
lieben. Vergiss und versäume niemals ernstlich zu 
Gott, dem Allmächtigen, zu bitten, dann wirst du 
mehr von Ihm erlangen, als du begehrst, wenn es 
nach seinem Willen geschieht. 

Gute Nacht, mein Kind, wenn wir einander nicht 
mehr sehen sollten, so bitte ich den allmächtigen Gott 
und König aller Könige, daß er dich durch seinen 
Heiligen Geist regieren wolle, damit ich dir in den 
Wolken des Himmels entgegenkommen möge, wo 
nimmermehr ein Scheiden sein wird; solches bitte 
ich von Gott durch seine unergründliche Gnade und 
Liebe mit gebogenen Knien, weinendem Herzen und 
emporgehobenen Händen. O Herr, erhöre meine Bitte, 
und lass es so geschehen, daß durch die Frucht meiner 
Lenden dein heiliger, hoch- und anbetungswürdiger 
Name gepriesen werden möge, von nun an bis in 
Ewigkeit, Amen. 

Mein Kind Betgen, wenn ich sterben sollte, so will 
ich, daß dir deine Mutter zum ewigen Andenken ein 
Testament gebe, ein Fundamentbuch von Dirrik Phi- 
lips, wie auch ein Liederbuch und ein Büchlein von 
Jakob Kerzengießer; lies darin oft, denn es stehen dar- 
in viele schöne Ermahnungen. Von mir, Joost Zöllner, 
deinem Vater, der dir alles Gute wünscht. 



814 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Meyken Pickelen, 1590. 

Daß der Weg, der zum ewigen Leben führt, eng und 
schmal sei, bezeugt die heilige Schrift und überdies 
haben auch viele gottesfürchtige Kinder Gottes das- 
selbe mit der Tat so befunden. Unter diesen ist auch 
eine einfache, gottesfürchtige Frau Namens Maeyken 
Pickelen gewesen, die nach den Geboten und Men- 
schensatzungen nicht länger leben wollte, sondern 
vielmehr Gott gehorsam zu sein suchte, und ihrem 
Vorgänger, Herrn und Bräutigam mit dem Öl der Lie- 
be in ihrem Gefäß und angezündeter und brennender 
Lampe in der Hand nachzufolgen suchte, darum hat 
sie auch nicht ohne Anfechtung sein können, sondern 
hat erfahren, daß das Reich Gottes mit Gewalt einge- 
nommen werden müsse, denn sie ist im Jahre 1590 
um ihres Glaubens willen, und weil sie nach der evan- 
gelischen Wahrheit lebte, in Verhaft genommen wor- 
den. Sie hat auch endlich, nach vielem Anstoß, Qual 
und manchen Leiden, ihr Leben elendig für dieselben 
lassen müssen und hat dadurch die Marterkrone er- 
langt, welche der Jüngling (von welchem Esra erzählt) 
ihr aufsetzen wird, womit sie in die ewige und im- 
merwährende Freude mit allen auserwählten Kindern 
Gottes eingelassen werden wird. 

Leonhard Boltzinger, 1591. 

Im Jahre 1591, auf einen Freitag, den 8. März, ist Leon- 
hard Boltzinger, ein Bruder, nicht weit von Plunaven 
in Baiern um des christlichen Glaubens willen hinge- 
richtet worden, nachdem er dreiundzwanzig Wochen 
gefangen gelegen hat; er ist den Tag vor St. Michaelis 
im Jahre 1590 dort verhaftet worden, nach der Stadt 
Braunau geführt und daselbst in ein dunkles Gefäng- 
nis gelegt; man hat ihn auch sehr gepeinigt, um ihn 
zum Abfall von seinem Glauben zu bringen. Einmal 
ist er mit Stricken aufgewunden, ein andermal aber 
auf der Bank sehr jämmerlich ausgespannt worden, 
aber er hat nicht von der Wahrheit abweichen wol- 
len. Zuletzt haben sie ihn wieder von Braunau nach 
Ulba gebracht, wo er in Verhaft genommen wurde; 
dort haben sie ihn auf gemeldeten Freitag nach dem 
Richtplatz geführt. Er hat sich sehr gefreut, als er sah, 
daß er seinem Ende so nahe war, wiewohl sie ihm 
sehr zusetzten, daß er doch abstehen sollte; aber er 
antwortete: Ich stehe für das Rechte, und wenn ich 
auch zehn Häupter aufeinander hatte, so wollte ich 
sie lieber alle zehn nach einander abhauen lassen, als 
von meinem Glauben abweichen. 

Hiernächst hat ihn der Scharfrichter mit dem 
Schwert gerichtet und verbrannt. 

Also ist er standhaft in der Liebe Gottes geblieben 


und hat sich davon nicht absondern lassen, wozu ihm 
auch Gott Kraft, Trost und Stärke verliehen hat, so- 
dass, obgleich seine Leiden schwer gewesen sind, er 
sie doch so gering achtete, als ob es keine Leiden gewe- 
sen wären; eine solche feste Hoffnung hatte er, in die 
Herrlichkeit Gottes zu kommen, in die ewigwährende 
Freude, daß er auch diese bald vergehende Trübsal 
nicht achtete. 

Georg Wanger, 1591. 

In eben demselben Jahre 1591, den 5. August, ist Ge- 
org Wanger, ein Schneider, um des Glaubens willen 
zu Lorentsi im Pustertale, in der Grafschaft Tyrol, hin- 
gerichtet worden nachdem er länger als ein Jahr ge- 
fangen gesessen hatte, denn er war den Abend vor 
Jacobi im Jahre 1590 gefangen genommen worden. 
Man brachte ihn zu Lorentsi ins Amthaus und legte 
ihn in ein gemeines Gefängnis. Den folgenden Tag 
wurde er vor den Amtmann, Richter, Schreiber und 
einen Pfaffen gebracht; sie wollten von ihm wissen, 
wer mit ihm ausgezogen wäre, wo er sich aufgehalten 
hätte, oder wo er zur Herberge gewesen wäre; aber 
er antwortete: Gott behüte mich vor solchem Übel; 
wir verraten unsere Feinde nicht, wie sollte ich denn 
meine Freunde und lieben Brüder verraten? Das will 
ich mit Gottes Hilfe nicht tun, denn es ist wider die 
Liebe des Nächsten. Der Richter setzte ihm sehr zu, so- 
wohl mit süßen als mit harten Worten, aber der Bruder 
sprach: Ich habe meine gesunden Glieder von Gott 
empfangen, demselben will ich sie wieder aufopfern, 
und das mit einem guten Gewissen. 

Als er nun lange zu Lorentsi gefangen gelegen hatte, 
und von der Obrigkeit dreimal verhört worden war, 
hat man ihr auf dem Schloss zu Michelsberg auf die 
Folter gelegt, und da er nach ihrem bösen Begehren 
(was wider Gott, sein Gewissen oder die Liebe des 
Nächsten war) nicht aussagen wollte, haben sie ihn 
zweimal so gepeinigt, daß man die Malzeichen wohl 
dreizehn Wochen lang an ihm gesehen hat. 

Da er nun vierzehn Tage auf dem Schloss zu Mi- 
chelsberg gesessen hatte, haben sie ihn den sechszehn- 
ten Tag im Herbstmonat nach Brixen geführt und ihn 
dort an eine Kette in den Turm gelegt, worin viel Un- 
geziefer war; auch befanden sich Scorpione ganz in 
seiner Nähe, sowohl auf seinem Bett als auch an der 
Mauer; er konnte sich nicht wohl umwenden und 
musste sein Haupt wegen des Ungeziefers allezeit 
bedeckt halten. 

In neunzehn Wochen, solange er zu Brixen gefan- 
gen lag, hat man ihm zweimal den Tod angekündigt 
und ihn dabei ernstlich zum Abfall ermahnt; aber er 
sagte: Ich habe weder Lust noch Zuneigung zu dem 



815 


Volk, zu welchem ihr mich treiben wollt. Wohl aber 
will ich mein Leben bessern, wenn ich irre, auch an- 
dere zur Besserung ermahnen, die bisher ihr Leben 
noch nicht gebessert haben; das halte ich für ein Werk 
Gottes und will es gern tun, auch das halten, was ich 
Gott in der Taufe zu meiner Seele Heil verheißen ha- 
be. Die Pfaffen zu Brixen haben ihn im Gefängnis oft 
überlaufen, auch ist er vor den Vikar oder Dompropst 
gefordert, zweimal vor den Obersten und zehnmal 
vor Mönche und Pfaffen, Edelleute und andere, wel- 
che ihn wieder zu der rechten Kirche zu führen such- 
ten; aber er sprach: Ich habe weder die rechte Lehre 
noch den Glauben oder die Kirche Christi verlassen, 
sondern habe sie durch Gottes Gnade gefunden, dabei 
will ich auch bleiben. Als er nun sieben Wochen zu 
Brixen gelegen hatte, haben sie ihn abermals nach Lo- 
rentsi geführt, wo er ihrer Absicht zufolge nach zwei 
Nächten gerichtet werden sollte, aber dieser Plan wur- 
de durch den Tod des Bischofs von Brixen vereitelt; 
deshalb ist er wieder nach Mühlberg geführt und bis 
zum fünften August auf das Schloss gefangen gelegt 
worden; hier hat man ihn abermals in das Richthaus 
zu Lorentsi gebracht, wo die Pfaffen Gericht über ihn 
gehalten haben. Zuerst versuchten sie, ob sie ihn vom 
Glauben abfällig machen könnten, aber als sie das 
nicht bewerkstelligen konnten, hat man ihn auf des 
Kaisers Befehl zum Tode verurteilt, und ihm vorge- 
lesen, daß er von der römisch-katholischen Kirche 
abgefallen wäre und sich noch einmal hätte taufen 
lassen, daß er auch nachher gesucht hätte, andere da- 
zu zu bringen und zu seiner ketzerischen Sekte (so 
nannten sie dieselbe) zu verführen. Aber der Bruder 
Georg sprach: Es ist keine ketzerische Sekte, sondern 
es ist die göttliche Wahrheit und der rechte Weg zum 
Reich Gottes. Hiernächst hat man ihn hinaus auf den 
Richtplatz geführt, wo ihn der Oberste von Lorentsi 
mit süßen Worten noch ernstlich ermahnt hat, daß 
er doch abstehen sollte, er wollte ihm so viel geben, 
daß er sein lebelang daran genug hätte, und wollte 
noch überdies am jüngsten Tage Bürge für ihn sein, 
wenn er unrecht daran täte. Aber der Bruder sprach: 
Wenn ich das täte und dich zum Bürgen für mich an- 
nehmen würde, es käme aber der Teufel und holte 
zunächst den Bürgen, wo sollte ich nachher meinen 
Bürgen und mein Unterpfand suchen? Der Oberste 
fühlte sich hierdurch beschämt, und ließ von ihm ab. 

Es war viel Volks zugegen, worunter einige weinten; 
aber er bat, daß man ihm die Hände etwas auflösen 
wollte, daß er sie zu Gott aufheben könnte, um Ihm 
Dank und Lob zu geben und Ihn zu bitten, daß Er 
ihm Kraft geben wolle, den falschen Propheten und 
bösen Geistern zu widerstehen. Endlich hat er seinen 
Geist in die Hände Gottes befohlen, und ist um des 


Wortes Gottes und seiner Wahrheit willen enthauptet 
worden. 

Jakob Platser, 1591. 

In eben demselben Jahre 1591, den neunzehnten Tag 
im August, ist der Bruder Jakob Platser, ein Schlosser, 
zu Silgen im Pustertale in der Grafschaft Tyrol, ver- 
haftet worden, und hat etwa acht Wochen, bis zum 
fünfzehnten Oktober, in Banden und im Gefängnis ge- 
legen. Als sie nun (nach ihrem Willen) mit ihm nichts 
ausrichten konnten, er auch keineswegs von dem, was 
ihm Gott zu erkennen gegeben hatte, abstehen, noch 
von der Wahrheit weichen wollte, so hat man ihn, 
nach dem kaiserlichen Befehl, zum Schwert verurteilt. 
Hiernächst ist er auf den Richtplatz hinausgeführt 
worden, wo er sein Gebet zu Gott getan hat, in wel- 
chem er sein Verlangen ausdrückte, um der Wahrheit 
und des Glaubens willen zu sterben. Unterdessen hat 
ihn der Scharfrichter enthauptet und begraben. Also 
hat er von dem Wort Gottes und dem rechten Glauben 
bis in den Tod ritterlich gezeugt, wozu ihm Gott seine 
Gnade und Kraft verliehen hat. 

Bartholomäus Panten, Michael, der Witwer, und 
Kaleken R., im Jahre 1592. 

Im Jahre 1592, im Monat Juli, sind zu Gent in Flandern, 
zwei Brüder mit einer Schwester gefangen worden, 
weil sie nach dem Worte Gottes lebten; ihre Namen 
sind: Bartholomäus Panten, Michael, der Witwer, und 
Kalleken R., welche viele Versuchungen ausgestanden 
haben, und sowohl von den Pfaffen und Jesuiten, als 
auch von dem Stadtschreiber scharf verhört worden 
sind, vor welchem sie ihren Glauben freimütig und 
unverzagt bekannt haben, und wobei sie auch, ohne 
Ab weichen, standhaft geblieben sind. Darauf ist es 
geschehen, daß die Schwester ihrer Bande entledigt 
und frei gelassen worden ist, die Brüder aber hat man 
hart gepeinigt, damit sie von ihrem Gott abfallen und 
ihre Brüder anzeigen möchten; Gott aber, der die Sei- 
nen nicht verlässt, sondern sie wie seinen Augapfel 
bewahrt, hat ihnen beigestanden, sodass sie bei Ihm 
und seinem Wort standhaft blieben und ihren Mund 
bewahrt haben, sodass ihre Nächsten nicht beschwert 
worden sind. Deshalb sind sie endlich, um des Zeug- 
nisses Jesu Christi willen, als Ketzer zum Tode ver- 
urteilt und, nachdem man sie zuerst in des Grafen 
Schloss an den Galgen aufgehängt und erwürgt hat, 
sind sie außerhalb der Stadt auf dem Galgenfeld be- 
graben worden; und wie sie dem Herrn Jesu Christo 
seine Schmach haben tragen helfen, so werden sie 
auch mit Ihm in seiner Herrlichkeit voller Ehre und 



816 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Klarheit aufgenommen werden und ewig mit Ihm in 
Freude und Wonne leben. 

Die Briefe, welche Bartholomäus Panten in seinen 
Banden geschrieben hat, haben wir dem Leser zu Ge- 
fallen beigefügt. 

Der erste Brief von Bartholomäus Panten, 
geschrieben an seinen Bruder Carl, der zu Harlem 
wohnte. 

Nebst zugeneigtem Gruße an dich, meinen geliebten 
Bruder (wobei ich auch deiner Hausfrau und Hausge- 
nossen gedenke), lasse ich euch wissen, daß ich durch 
des Herrn Gnade, dem Leibe nach, noch wohl sei, und 
was den Geist betrifft, so ist mein Gemüt fest darin, 
mit des Herrn Hilfe bei der Wahrheit zu bleiben bis 
ans Ende, was ich euch auch wünsche. Ferner, mein 
geliebter Bruder, benachrichtige ich dich, daß ich jetzt 
nebst einem andern Mann und einer Frau, um des 
Zeugnisses unseres Herrn Jesu Christi und der Wahr- 
heit des Evangeliums willen zu Gent gefangen sei 
und daß nämlich der Mann und ich gepeinigt wor- 
den sind, was ich unwürdig gelitten habe; sie haben 
auch gedroht, uns noch mehr Leiden anzutun; aber 
Petrus sagt: Fürchtet euch nicht vor ihrem Drohen, 
und erschreckt nicht, sondern heiligt Gott, den Herrn, 
denn sie können nicht mehr tun, als ihnen von Gott 
zugelassen ist; ebenso sagt auch Paulus an die Ko- 
rinther: Wir wissen, wenn das irdische Haus dieser 
Wohnung zerbrechen wird, daß wir einen Bau haben, 
von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, 
das ewig ist im Himmel, und deshalb sehnen wir uns 
auch nach unserer Behausung, die vom Himmel ist, 
und uns verlangt, daß wir damit überkleidet werden, 
jedoch so, daß wir bekleidet und nicht bloß erfunden 
werden, denn, während wir in der Hütte sind, sehnen 
wir uns und sind beschwert. 

Darum, mein lieber Bruder, sehe ich keinen andern 
Ausweg, um zum ewigen Leben zu gelangen, als 
durch das Kreuz, das uns von Gott aufgelegt ist; das 
müssen wir tragen, wie Christus sagt: Wenn mir je- 
mand folgen will, der verleugne sich selbst, nehme 
sein Kreuz auf sich, und folge mir nach, denn, wer 
sein Leben erhalten will, der wird es verlieren, wer 
aber sein Leben um meinetwillen verliert, der wird 
es finden. Was nützt es dem Menschen, wenn er auch 
die ganze Welt gewönne und nehme doch Schaden an 
seiner Seele? oder was kann ein Mensch geben, daß 
er seine Seele erlöse? Aber das Leiden dieser Zeit ist 
nicht zu vergleichen mit der Herrlichkeit, die an uns 
offenbart werden soll; darum (sagt Paulus) werden 
wir nicht müde, denn, obgleich unser auswendiger 
Mensch vergeht, so wird doch der inwendige von 


Tag zu Tag erneuert, denn unsere Trübsal, die zeitlich 
und leicht ist, schafft uns eine ewige und über die 
Maßen gewichtige Herrlichkeit, die wir nicht auf das 
sehen, was sichtbar ist, denn, was sichtbar ist, das ist 
zeitlich, aber was imsichtbar ist, das ist ewig. Wisse, 
daß ich von den Jesuiten und Pfaffen, auch von dem 
Stadtschreiber Anfechtung gehabt habe, aber mit Got- 
tes Hilfe habe ich allen Stürmen bisher widerstanden, 
und hoffe, daß er fernerhin durch seinen Geist und 
seine Kraft, ohne welche wir nichts vermögen, mir 
helfen werde, denn von mir selbst habe ich nichts als 
lauter Schwachheit, Elend und Unvollkommenheit, 
was ich vor Gott mit Tränen beklagt und Ihn gebeten 
habe, daß Er ohne seine Gnade nicht mit mir ins Ge- 
richt gehen wolle, denn vor Ihm wird keine lebendige 
Seele in Unschuld bestehen. 

Hiermit befehle ich dich Gott; sei der Worte Paulus 
eingedenk, wenn er sagt: So ermahne nun euch ich 
Gefangener in dem Herrn, daß ihr wandelt, wie es 
eurem Beruf gebührt, worin ihr berufen seid, mit aller 
Demut und Sanftmut, mit Geduld, und ertragt einer 
den andern in der Liebe, und seid fleißig zu halten die 
Einigkeit im Geist, durch das Band des Friedens, ein 
Leib und ein Geist; und an die Kolosser: Ertragt ein- 
ander, und vergebe einer dem andern, wenn jemand 
eine Klage hat wider den andern; gleichwie Christus 
euch vergeben hat, so auch ihr. Uber alles aber zieht 
an die Liebe, die das Band der Vollkommenheit ist; 
und der Friede Gottes regiere in euren Herzen, zu wel- 
chem ihr auch berufen seid in einem Leib, und seid 
dankbar; ferner an die Galater: So wir im Geist leben, 
so lasst uns auch im Geist wandeln; lasst uns auch 
nicht eitler Ehre geizig sein, uns untereinander zu ent- 
rüsten und zu hassen. Liebe Brüder, wenn ein Mensch 
etwa von einem Fehler übereilt würde, so helft ihm 
wieder zurecht mit sanftmütigem Geist, die ihr geistig 
seid, und siehe auf dich selbst, damit du nicht auch 
versucht werdest. Einer trage des andern Last. Wenn 
sich aber jemand dünken lässt, er sei etwas, der be- 
trügt sich selbst; darum prüfe ein jeder sein eigenes 
Werk, und alsdann wird er an sich selbst Ruhm haben, 
und nicht an einem andern, denn ein jeder wird seine 
eigene Last tragen; ferner bei Jak 5,19: Meine Brüder, 
wenn jemand unter euch von der Wahrheit sich ver- 
irren wird, und jemand bekehrt ihn von dem Irrtum 
seines Weges, der hat einer Seele vom Tode geholfen, 
und wird die Menge der Sünden bedecken; und Pe- 
trus sagt: Vor allen Dingen habt untereinander eine 
brünstige Liebe, denn die Liebe bedeckt die Menge 
der Sünden; auch sagt Johannes: Wer nicht recht tut, 
und wer seinen Bruder nicht lieb hat, ist nicht von 
Gott, denn das ist die Botschaft, die ihr gehört habt 
von Anfang, daß ihr einander lieben sollt, nicht wie 



817 


Kain, der vom Argen war und seinen Bruder tötete. 

Darum, meine lieben Brüder, seid untereinander 
freundlich und herzlich, und vergebe einer dem an- 
dern, wie Gott euch durch Christum vergeben hat. 
Auch sagt Paulus: Ermahnt die Ungezogenen, tröstet 
die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig 
gegen jedermann, seht zu, daß niemand Böses mit 
Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach, 
sowohl untereinander, als gegen jedermann. 

Hiermit sage ich dir, mein lieber Bruder, gute Nacht, 
wenn wir einander nicht mehr sehen sollten. 

Geschrieben in meinen Banden, von mir, Bartholo- 
mäus Panten, an Carl Panten, meinen Bruder. 

Der zweite Brief von Bartholomäus Panten, 

welcher einen Unterricht aus dem Wort des Herrn 
an alle Liebhaber der Wahrheit enthält, sowie einen 
kurzen Bericht von seinem Verhör, oder seiner Unter- 
suchung. 

Sicut Lilium inter Spinas, sic est Amica mea inter 
filias. (Wie eine Lilie unter den Dornen, so ist meine 
Freundin unter den Töchtern.) 

Christus Jesus lehrt uns Mt 5,10, selig sind, die um 
der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn das 
Himmelreich ist ihnen; selig seid ihr, wenn euch die 
Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen, 
und euch alles Üble nachsagen; darum seid fröhlich 
und freut euch, denn es wird euch wohl belohnt wer- 
den im Himmel; ebenso haben sie die Propheten ver- 
folgt, die vor euch gewesen sind. Darum lasst uns 
geduldig sein und uns darüber freuen; lasst uns seg- 
nen, die uns fluchen, und denen wohltun, die uns 
hassen, und für diejenigen bitten, die uns beleidigen 
und verfolgen, damit wir Kinder unseres Vaters sein 
mögen, der im Himmel ist, der seine Sonne über Gute 
und Böse, über Gerechte und Ungerechte scheinen 
lässt, denn, wenn ihr diejenigen liebt, die euch lieben, 
was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe 
auch die Zöllner? Darum sollt ihr vollkommen sein, 
wie euer Vater im Himmel vollkommen ist. 

Darum, meine lieben Freunde, lasst uns allgemeine 
Liebe erweisen, und auch brüderliche Liebe, nach der 
Lehre Petri, wie auch nach der Lehre Paulus. Lasst uns 
allen Menschen Gutes tun, besonders aber den Glau- 
bensgenossen, und seht zu, daß niemand Böses mit 
Bösem vergelte, sondern trachtet allezeit nach dem 
Guten untereinander und gegen jedermann; ebenso 
lehrt uns auch Petrus: Vergeltet nicht Böses mit Bö- 
sem, oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern segnet 
dagegen und wisst, daß ihr dazu berufen seid, daß 
ihr den Segen ererbt, denn, wer Leben und gute Tage 
sehen will, der halte seine Zunge, daß sie nichts bö- 


ses rede, und seine Lippen, daß sie nicht trügen. Er 
wende sich vom Bösen, und tue Gutes, er suche Frie- 
den und jage ihm nach, denn die Augen des Herrn 
sehen auf die Gerechten, und seine Ohren auf ihr Ge- 
bet; das Angesicht aber des Herrn sieht auf diejenigen, 
die Böses tun. Und wer ist, der euch schaden könn- 
te, wenn ihr dem Guten nachkommt? Und wenn ihr 
auch um der Gerechtigkeit willen leidet, so seid ihr 
doch selig; fürchtet euch aber vor ihrem Trotzen nicht, 
und erschreckt nicht; heiligt aber Gott den Herrn in 
eurem Herzen IPt 3,9-15. Niemand aber unter euch 
leide als ein Mörder oder Dieb, oder Übeltäter, oder 
als ein solcher, der nach anderer Leute Gut trachtet; 
leidet er aber als ein Christ, so schäme er sich nicht; 
er ehre aber Gott in solchem Falle. Denn es ist Zeit, 
daß das Gericht an dem Hause Gottes anfange; wenn 
aber zuerst an uns, was will es mit denen für ein Ende 
nehmen, die dem Evangelium Gottes nicht glauben? 
und wenn der Gerechte kaum erhalten wird, wo will 
der Gottlose und Sünder erscheinen IPt 4,15-18 ? 

Darum, alle diejenigen, die nach Gottes Willen lei- 
den, befehlen ihre Seelen dem treuen Schöpfer mit 
guten Werken. Lasst uns auf den Herzog des Glau- 
bens und den Vollender Jesum sehen, welcher, da Er 
wohl hätte Freude haben mögen, am Kreuz gelitten 
hat, und die Schande nicht achtete und zur Rechten 
auf dem Stuhl Gottes sitzt. Denkt an den, der ein sol- 
ches Widersprechen von den Sündern wider sich er- 
duldet hat, daß ihr nicht in eurem Mut matt werdet 
und ablasst, denn ihr habt in den Kämpfen wider die 
Sünde noch nicht bis aufs Blut widerstanden. So sagt 
auch Petrus: Christus hat für uns im Fleisch gelitten, 
und uns ein Beispiel hinterlassen, daß wir seinen Fuß- 
stapfen nachfolgen sollten, der keine Sünde getan hat, 
und in dessen Mund auch kein Betrug erfunden wor- 
den ist, welcher nicht wieder schalt, als Er gescholten 
ward, nicht drohte, als Er litt; Er stellte es aber dem 
anheim, der da recht richtet. 

Wollen wir daher, liebe Freunde, unter seinen 
Knechten sein, so müssen wir dem Herrn nach seinem 
göttlichen Willen und Begehren dienen, das ist, hier 
leiden und dulden und nicht widerstreben, sonst wür- 
den wir uns selbst leben und nicht dem Herrn, und 
würden also in unserem Tun den Fußstapfen Christi 
nicht nachfolgen, denn wir müssen segnen, die uns 
verfolgen, und nicht fluchen. Wie uns denn Paulus 
lehrt: Befleißigt euch der Ehrbarkeit gegen jedermann. 
So viel es in euren Kräften steht, so haltet mit allen 
Menschen Frieden und rächt euch selbst nicht, meine 
Allerliebsten, sondern gebt dem Zorn Raum, denn es 
steht geschrieben: Die Rache ist mein, ich will vergel- 
ten, spricht der Herr; wenn deinen Feind hungert, so 
speise ihn, dürstet ihn, so tränke ihn; wenn du das 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


tust, wirst du ihm feurige Kohlen auf sein Haupt sam- 
meln; lass dich vom Bösen nicht überwinden, sondern 
überwinde das Böse mit Gutem. 

Darum, meine lieben Freunde, und alle diejenigen, 
die ihre Seligkeit suchen, lernt hieraus die Schafe von 
den Wölfen und die Tauben von den Raubvögeln un- 
terscheiden, denn Christus hat die Seinen wie Schafe 
mitten unter die Wölfe ausgesandt und hat sie er- 
mahnt, sie sollten klug wie die Schlangen und einfäl- 
tig wie die Tauben sein, denn alle, die gottselig leben 
wollen in Christo Jesu, müssen Verfolgungen leiden; 
mit den bösen Menschen und Verführern aber wird 
es immer ärger; sie verführen und werden verführt. 

Als ich solches unsern Verfolgern vorhielt, sagten 
sie, sie seien auch verfolgt worden; darauf aber sagte 
ich ihnen, daß sie nur Verfolgung litten, wenn sie zu 
schwach und unvermögend wären; aber wenn sie die 
Oberhand wieder erhielten, wären sie selbst Verfolger, 
raubten unsere Güter, peinigten und misshandelten 
uns, sodass die Weissagung Esras erfüllt wird: Sie 
werden wie die Unsinnigen sein, indem sie niemand 
verschonen wegzuführen und zu vernichten, die noch 
Gott fürchten, denn sie werden ihre Güter zerstören 
und rauben und sie aus ihren Häusern stoßen; als- 
dann wird die Bewährung der Auserwählten offenbar 
werden, und sie werden geprüft werden wie das Gold, 
welches durch Feuer bewährt wird; und Christus sagt: 
Solches habe ich zu euch geredet, damit ihr euch nicht 
ärgert. Sie werden euch in den Bann tun; es kommt 
aber die Zeit, daß, wer euch tötet, meinen wird, er 
tue Gott einen Dienst damit, und solches werden sie 
euch darum tun, weil sie weder meinen Vater noch 
mich erkennen; aber solches habe ich zu euch geredet, 
damit, wenn die Zeit kommen wird, ihr daran denkt, 
daß ich es euch gesagt habe. 

Aber, meine lieben Freunde, das Leiden dieser Zeit 
ist nicht mit der Herrlichkeit zu vergleichen, die an 
uns offenbar werden soll; denn es hat kein Ohr ge- 
hört und kein Auge gesehen, was Gott denen bereitet 
hat, die Ihn lieben; denn die Gerechten werden ewig 
leben; der Herr ist ihr Lohn, und der Allerhöchste 
sorgt für sie, darum werden sie ein herrliches Reich 
und eine schöne Krone von der Hand des Herrn emp- 
fangen. Sa lasst uns denn mit den Augen des Geistes 
auf die schönen Verheißungen sehen und, wie Mose, 
lieber erwählen mit den Kindern Gottes Ungemach 
zu leiden, als die zeitliche Ergötzung der Sünden zu 
haben; denn er sah auf die Belohnung und achtete 
die Schmach Christi für größeren Reichtum, als die 
Schätze Ägyptens. Hiermit will ich euch, meine lieben 
Freunde, dem Herrn und dem reichen Worte seiner 
Gnade anbefehlen, damit ihr durch dasselbe in dieser 
Zeit aufwachsen, blühen, fruchtbar und frisch sein 


mögt. Von mir, Bartholomäus Panten. 

In dem Nachfolgenden ist ein Gespräch enthalten, 
das wir Gefangenen mit den Jesuiten gehabt haben; 
es ist nur in aller Kürze niedergeschrieben, so gut, 
als ich es behalten habe, denn es ist mir nicht mög- 
lich, solches von Wort zu Wort in mein Gedächtnis 
zurückzurufen. Hätten wir beieinander sein können, 
so hätte ich etwas ausführlicher schreiben können; es 
sind aber schon einige Tage verflossen, seit dasselbe 
stattgefunden hat. Sie beweisen ihre Sache besonders 
mit Augustinus und mit andern ihrer Lehrer, und be- 
ziehen sich vorzüglich darauf, daß das Ihre nun schon 
so lange bestanden habe; sie wissen aber nicht, oder 
wollen doch nicht wissen, daß sie die Erde lange mit 
Betrug, Gewalt und Tyrannei besessen, die nacken- 
de Wahrheit aber unterdrückt und die Lügen statt 
der Wahrheit geglaubt haben, wie Paulus erzählt, daß 
Gott kräftige Irrtümer senden werde, weil sie die Lie- 
be zur Wahrheit nicht angenommen, sondern Lust 
zu der Ungerechtigkeit gehabt haben; lest 2 Th 2, wo 
von dem Menschen der Sünden und dem Kind des 
Verderbens geschrieben steht, der Gottes Widersacher 
ist, und sich über alles erhebt, was Gott und Gottes- 
dienst heißt. Ferner lasse ich euch wissen, daß sie mir 
zugesetzt haben und mich gern wieder zu ihrer Lehre 
gebracht hätten; ich hätte ihnen gern mit dem Gleich- 
nis Mt 13, von dem Unkraut des Ackers bewiesen, daß 
es sich nicht gezieme, ja, gegen die Lehre Christi und 
auch gegen die allgemeine Liebe und Ehrbarkeit sei, 
jemanden um seines Glaubens (oder eines Missver- 
standes in der heiligen Schrift) willen zu fangen, sein 
Gut zu nehmen, ihn zu peinigen oder zu töten; ich 
habe ihnen auch die Erklärung zum Teil vorgehalten, 
wie der Hausvater seinen Knechten befohlen hat, sie 
sollen das Unkraut mit dem Weizen zugleich bis zur 
Ernte aufwachsen lassen, was nach Christi eigener 
Erklärung der Welt Ende ist. Sie sagten hierauf: Jam 
Messis est, das ist: Jetzt ist die Ernte. Ich antwortete: 
Die Ernte ist der Welt Ende; die Schnitter sind die 
Engel, und setzte hinzu: Ihr tretet in den Dienst der 
Engel. 

Sie wollten sich mit der Obrigkeit entschuldigen; 
aber ich warnte sie, daß, weil sie der Obrigkeit Lehrer 
und Prediger wären, unser Blut von ihrer Hand gefor- 
dert werden würde, wenn sie die Obrigkeit solches 
lehren, sie darin bestärken, sie zwingen, oder ihr ra- 
ten würden, wie sie denn, nach meiner Ansicht, tun; 
denn es ist der Lehre Christi und dem Befehl Gottes 
zuwider. Als seine Knechte ihn fragten, ob sie es aus- 
raufen sollten, hat er ihnen gesagt: Nein, damit nicht, 
wenn ihr das Unkraut ausjätet, ihr den Weizen auch 
ausrauft. 

Aber sie wollen weiser sein, und über Christum 



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herrschen, womit sie beweisen, daß sie Antichristen 
sind, das ist, wider Christum und seine Lehre; denn 
wenn sie rechte Christen, Jünger Christi, die Braut, ja, 
Schafe, Tauben und Glieder Christi, oder Reben am 
Weinstock wären, sie würden nicht verfolgen, noch 
jemandem Leid zufügen, sondern lieber selbst leiden 
und dulden, indem Paulus sagt: Alle, die gottselig 
leben wollen in Christo Jesu, müssen Verfolgung lei- 
den; mit den bösen und gottlosen Menschen wird es 
immer ärger; sie verführen und werden verführt. 

Sodann redeten wir auch mit denselben Jesuiten, 
mit dem Diakon von St. Jan und ihrem Pfarrer über 
die Taufe; sie behaupteten die Kindertaufe und hielten 
sie zur Seligkeit nötig, aber ich habe ihnen verschiede- 
ne Sprüche angeführt, daß die Taufe den Gläubigen 
zukomme und daß es nicht genug sei, den Glauben 
mit dem Munde zu bekennen, sondern man müsse 
ihn auch mit dem Herzen begreifen, wie Philippus, 
Apg 8,37, zum Kämmerer sagte: Glaubst du von gan- 
zem Herzen, so mag es wohl geschehen. 

Auch sagte ich zu ihnen, daß Philippus den Sama- 
ritern das Wort Gottes verkündigt habe, daß sie Phil- 
ippus geglaubt hätten (der ihnen vom Reich Gottes 
und dem Namen Jesu Christi predigte) und daß sich 
Männer und Weiber hätten taufen lassen. 

Michael führte auch die Schrift aus Apg 2 an: So wis- 
se nun das ganze Haus Israel gewiss, daß Gott diesen 
Jesum, den ihr gekreuzigt habt, zu einem Herrn und 
Christ gemacht hat. Da sie aber das hörten, ging es 
ihnen durchs Herz und sie sprachen zu Petrus und zu 
den andern Aposteln: Ihr Männer, liebe Brüder, was 
sollen wir tun? Petrus sprach zu ihnen: Tut Buße. Dar- 
auf sagte einer unter ihnen: Was ist das, tut Buße? Das 
ist: Habt Reue über eure Sünden, und lasse sich ein 
jeder im Namen Jesu Christi, zur Vergebung der Sün- 
den, taufen, dann werdet ihr die Gabe des Heiligen 
Geistes empfangen. In demselben Kapitel steht ferner: 
Auch bezeugte er ihnen mit vielen andern Worten, 
ermahnte sie und sagte: Lasst euch helfen von diesem 
argen Geschlecht, die nun sein Wort gern aufnahmen, 
ließen sich taufen, und wurden an demselben Tag 
dreitausend Seelen hinzugetan. Der Diakon von St. 
Jan, und der Pfarrer dieser Kirche, hielten eine lange 
Rede aus Joh 3, wo Christus sagt: Es sei denn, daß 
jemand von Neuem geboren werde, so kann er das 
Reich Gottes nicht sehen. Ich sagte, das wäre zu den 
Alten gesprochen; aber er wollte behaupten, es wäre 
sowohl von den Kindern, als von Alten gesprochen; 
daraus wollte er schließen, daß die Kinder, die ohne 
Taufe sterben, verloren seien, was doch die Unwahr- 
heit ist, denn den kleinen Kindern gehört das Reich 
Gottes, nach Christi eigenen Verheißungen. 

Seine Rede aber, die Er mit Nicodemus gehalten 


hat, geht die Kinder nichts an, sondern allein die, wel- 
che Ohren haben zu hören und Herzen zu verstehen; 
aber sie stützten sich immer darauf, es sei denn, daß 
jemand geboren werde aus Wasser und Geist, kann 
er nicht in das Reich Gottes kommen. Sie meinten, 
daß das Taufen mit Wasser die neue Geburt begründe, 
und daß die Kinder dadurch wiedergeboren würden, 
was ein großer Unverstand ist, denn nach den Worten 
Petrus verhält es sich, wie er in seinem ersten Brief 
meldet: Macht eure Seelen keusch im Gehorsam der 
Wahrheit durch den Geist zu ungefärbter Bruderliebe, 
und habt euch untereinander brünstig lieb, aus rei- 
nem Herzen, als die da wiederum geboren sind, nicht 
aus vergänglichem, sondern aus unvergänglichem Sa- 
men, nämlich aus dem lebendigen Wort Gottes, das 
ewig bleibt; und Jakobus sagt: Er hat uns gezeugt, 
nach seinem Willen, durch das Wort der Wahrheit, da- 
mit wir Erstlinge seiner Kreaturen wären. Auch sagt 
Johannes: Wer da glaubt, daß Jesus ist Christus, der 
ist aus Gott geboren; nicht weniger sagt Christus: Was 
vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; aber was vom 
Geist geboren ist, das ist Geist. Verwundert euch nicht, 
daß ich euch gesagt habe: Ihr müsst von neuem gebo- 
ren werden, der Wind bläst, wo er will, und du hörst 
sein Sausen wohl, aber von wannen er kommt, und 
wohin er geht, das weißt du nicht; ebenso ist es mit 
einem jeden, der aus dem Geist geboren ist. Seht, da- 
durch wird man wiedergeboren, wenn man das Wort 
Gottes annimmt, denn der alte Mensch mit seinen 
Werken muss ausgezogen, der neue aber angezogen 
werden, und das ist kein Kinderwerk. Dieses habe ich 
beigefügt, um euch die neue Geburt zu erklären. 

Auch haben wir mit den Jesuiten und den andern, 
von der Menschwerdung unsers Herrn Jesu Christi 
geredet, worin wir miteinander nicht übereinkamen, 
denn sie sagten. Er hätte Fleisch und Blut von Ma- 
ria; ich erwiderte. Er wäre der Sohn Gottes, der von 
der Jungfrau Maria geboren worden ist; sie aber hätte 
keinen Mann erkannt; ich sagte auch, was dort Pau- 
lus anführt: Da wir mit Gott versöhnt sind durch den 
Tod seines Sohnes, als wir noch Feinde waren, wie 
viel mehr werden wir selig werden durch sein Leben, 
wenn wir versöhnt sind? So steht auch in den Ge- 
schichten der Apostel: Euch zuförderst hat Gott sein 
Kind Jesum auferweckt, und hat es zu euch gesandt, 
euch zu segnen, daß ein jeder sich bekehre von seiner 
Bosheit; und Johannes sagt in seinem ersten Brief: Das 
Blut Jesu Christi seines Sohnes, und nicht das Blut Ma- 
ria; ebenso sagt der Apostel Paulus an die Korinther 
im ersten Brief: Der erste Mensch ist von der Erde und 
irdisch, der andere Mensch ist der Herr vom Himmel; 
und im Evangelium steht: Wer von oben kommt, der 
ist über allem; wer von der Erde ist, der ist irdisch 



820 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


und redet von der Erde; der vom Himmel kommt, ist 
über allem, und zeugt, was er gesehen und gehört 
hat, und sein Zeugnis nimmt niemand auf; wer aber 
sein Zeugnis aufnimmt, der versiegelt es, daß Gott 
wahrhaftig ist; und an die Hebräer steht: Darum, als 
Er in die Welt kam, sagt Er: Opfer und Gaben hast Du 
nicht gewollt, aber den Leib hast Du mir bereitet; und 
Mt 1,20 steht: Joseph, du Sohn Davids, fürchte dich 
nicht, Maria, deine Hausfrau, zu dir zu nehmen, denn 
was von ihr empfangen ist, das ist vom Heiligen Geist; 
was sie empfangen hat (merkt wohl) ist nicht von ihr 
gekommen, sonst müsste Er von der Erde sein, wie 
Maria war, und alle Adams kinder sind. Wir haben 
zwar nicht alles dieses mit ihnen geredet, sondern ich 
führe es nur an, damit ihr den Grund unsers Glaubens 
desto besser verstehen mögt. 

Die anderen haben viel mehr gesprochen, als ich 
oben angegeben habe, aber ich habe nicht alles behal- 
ten. Ihre Meinung war, daß Er aus dem natürlichen 
Samen Davids hergekommen wäre. Darauf bekennen 
wir, daß Er aus dem Säumen Davids hergekommen, 
und daß Er aus dem Geschlecht Davids und aus der 
Jungfrau Maria durch die Kraft und Wirkung des Hei- 
ligen Geistes geboren sei, denn Maria wunderte sich 
selbst über dieses Werk, als sie die Botschaft von dem 
Engel empfing, und zum Engel sagte: Wie soll das zu- 
gehen, indem ich von keinem Mann weiß? Der Engel 
antwortete ihr: Der Heilige Geist wird von oben über 
dich kommen, und die Kraft des Allerhöchsten wird 
dich überschatten; weshalb auch das Heilige, das von 
dir geboren werden wird, Gottes Sohn genannt wer- 
den soll. In dem Evangelium Johannes steht: Ich bin 
das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist; 
wer von diesem Brot essen wird, der wird in Ewigkeit 
leben, und das Brot, das ich geben werde, ist mein 
Fleisch, welches ich für das Leben der Welt geben wer- 
de. Merkt wohl hierauf, woher dieses Brot gekommen 
sei, welches Er sein Fleisch nennt, ob es von Maria 
gekommen sei, die von der Erde war, oder ob es vom 
Himmel gekommen sei? Wir sagen mit Christo: Vom 
Himmel und nicht von der Erde, wo Maria her war. 

Ferner berichte ich euch auch, daß wir etwas vom 
Abendmahl des Herrn und vom Brotbrechen mit dem 
Diakon von St. Jan und ihrem Pfarrer geredet haben; 
sie hielten dafür, daß Christi Fleisch und Blut im Sa- 
krament wäre. Darauf sagte Michael: Wenn dem so 
wäre, so äßen sie ja des Freitages Fleisch, was sie nicht 
gut aufnahmen und sagten, daß man solches nicht äße, 
wie anderes Fleisch. Da sagte Kalleken aus Joh 6: Das 
Fleisch ist nichts nütz; die Worte, die ich rede, sind 
Geist und Leben; ich aber führte ihnen die Erklärung 
Paulus an aus IKor 11,26: So oft ihr von diesem Brot 
esst und von diesem Kelch trinkt, sollt ihr des Herrn 


Tod verkündigen, bis daß Er kommt; so ist Er ja, sagte 
ich, nicht darin enthalten. Sie sagten. Er wäre überall; 
es stand Tinte auf der Tafel, woran wir saßen; sie sag- 
ten, oder einer von ihnen sagte, daß Er in der Tinte 
wäre. Einer unter ihnen hatte eine Feder in der Hand 
und sagte: Er ist in der Feder; auch sagte einer von 
ihnen. Er wäre in der Hölle. So schien es denn, nach 
ihrer Rede, daß Gott überall wäre; ich sagte: Die Weis- 
heit kommt nicht in eine boshafte Seele, und wohnt 
nicht in einem der Sünde unterworfenen Leib, denn 
der Heilige Geist weicht von den Ruchlosen. Es fielen 
noch viel mehr Worte von ihren Bildern und Götzen 
vor; ihr Sinn war, man dürfte sie wohl machen und 
darstellen, aber nicht anbeten, und wenn jemand wä- 
re, der solches täte, den sollte man strafen, wie sie 
sagten, in solcher Weise redeten sie. Da sagte ich zu 
den Jesuiten: Erweist man ihnen denn keine Ehre und 
keinen Dienst, wenn man Kerzen und Lichter davor 
stellt, und sie auf den Schultern trägt? Auch sagte ich: 
Der Heiden Götter sind von Silber und Gold, und der 
Menschen Hände Werk; sie haben Ohren und hören 
nicht, sie haben Augen und sehen nicht. Einer unter 
ihnen, als er das hörte, wollte sagen, daß sie keine 
hätten; aber als er sich recht bedachte, fand er doch, 
daß sie welche hätten, die von Gold oder Silber waren. 
Hiervon wurde zwischen Michael und ihnen noch 
mehr gesprochen, was ich aber erzählte habe, habe 
ich wohl behalten. 

Hiermit gute Nacht für dies Mal; gehabt euch wohl, 
lest es mit Verstand und haltet es noch geheim, da- 
mit es den Herren nicht zu Ohren komme. Von mir, 
Bartholomäus Panten. 

Ein Testament von Bartholomäus Panten, an sein 

Töchterlein, welches nach des Vaters Tod von den 
Pfaffen ins Kloster getan worden ist; der Herr lasse 
es noch auf den rechten Weg kommen. 

Mein liebes Kind, höre die Unterweisung deines Va- 
ters und vergiss sie nicht, wenn dich Gott aufwach- 
sen lässt und du zu deinem Verstand kommst; denke 
daran, wie ich dir vorgegangen bin, nach meinem ge- 
ringen Vermögen, im Elend, welches Gott geklagt sei, 
um durch die enge Pforte einzugehen; denn die Pforte 
ist weit und der Weg ist breit, der zur Verdammnis 
führt, und viele sind, die dadurch eingehen; und die 
Pforte ist eng und der Weg schmal, der zum Leben 
führt, und es gibt nur wenige, die ihn finden. Hüte 
dich vor den falschen Propheten und denen die in 
Schafskleidern zu dir kommen; aber inwendig sind 
sie reißende Wölfe; an ihren Früchten sollst du sie 
erkennen; man kann keine Trauben von den Domen 
lesen, noch Feigen von den Disteln. Mein liebes Kind, 



821 


ich sage, daß es unmöglich ist; darum gib doch Ach- 
tung auf ihre Früchte, denn es stimmt keineswegs mit 
der heiligen Schrift überein, daß man jemanden um 
seines Glaubens willen fange, ihn seiner Güter berau- 
be und töte; solches hat ja weder Christus getan, noch 
seine Jünger, sondern sie haben selbst von den Un- 
gläubigen leiden müssen, und sind von ihnen getötet 
worden, wie es klar am Tage liegt, daß Christus selbst 
unter die Übeltäter gerechnet und wie ein Lamm zum 
Tode verstummt. 

Darum, mein liebes Kind, befleißige dich, diesem 
Hirten nachzufolgen, wenn du anders eins von seinen 
Schafen sein willst, denn Petrus zeugt von ihm: Chris- 
tus hat für uns gelitten und uns ein Beispiel hinterlas- 
sen, daß wir seinen Fußstapfen nachfolgen sollten, der 
keine Sünde getan hat und in dessen Mund kein Be- 
trug erfunden worden ist, welcher nicht wieder schalt, 
als Er gescholten ward, nicht drohte, als Er litt; Er stell- 
te es aber dem anheim, der recht richtet. Also, mein 
liebes Kind, ist der Herzog des Glaubens vorangegan- 
gen, wie uns Paulus bezeugt; so sollen denn auch wir, 
weil wir solche Wolke der Zeugen um uns haben, alles 
von uns ablegen, was uns beschwert, und die Sünde, 
die uns anklebt; und lass uns auf den Herzog des 
Glaubens und den Vollender Jesum Christum sehen, 
welcher, da Er wohl hätte Freude haben mögen, das 
Kreuz erduldete, und die Schande nicht achtete und 
zur Rechten auf dem Stuhl Gottes gesessen hat. Denkt 
an den, der ein solches Widersprechen von den Sün- 
dern wider sich erduldet hat, daß ihr nicht in eurem 
Mute matt werdet und ablasst, denn ihr habt noch 
nicht bis aufs Blut der Sünde widerstanden. 

So nimm denn, mein liebes Kind, dieses zu Her- 
zen; auch ist meine väterliche Bitte an dich, wenn 
du zu deinem Verstand kommst, daß du dich zu de- 
nen halten wollest, die Gott fürchten, die die Allerge- 
ringsten unter allen Völkern und dennoch die rechte 
Versammlung und Gemeinde Gottes sind, die ihre Re- 
gel nach der Ordnung des Herrn und dem Gebrauch 
der heiligen Apostel eingerichtet haben, nämlich eine 
Taufe, die auf den Glauben gegründet ist und emp- 
fangen werden muss, wie Christus befohlen hat und 
im Evangelium Matthäus geschrieben steht: Geht hin 
und lehrt alle Völker, und tauft sie im Namen des Va- 
ters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt 
sie halten alles, was ich euch befohlen habe; auch 
im Evangelium Markus: Geht hin in alle Welt, pre- 
digt das Evangelium allen Kreaturen; wer glaubt und 
getauft wird, soll selig werden; desgleichen in den 
Geschichten der Apostel: Da Petrus dieselbe an vie- 
len bedient hat, welches Glaubensbekenntnis nicht 
allein mit dem Mund geschehen soll, sondern auch 
mit dem Herzen begriffen und mit den Werken be- 


wiesen werden muss, wie Johannes den Pharisäern 
und Sadduzäern bezeugt, als er sie zu seiner Taufe 
kommen sah, wenn er sagt: Ihr Ottergezücht, wer hat 
denn euch geweissagt, daß ihr dem zukünftigen Zorn 
Gottes entfliehen werdet? Tut rechtschaffene Früch- 
te der Buße! Daraus kann man leicht einsehen, daß 
das Bekenntnis nicht genug sei, sondern daß auch die 
Reue des Herzens mit guten Werken bewiesen werden 
müsse, daß man den alten Menschen mit seinen bö- 
sen Werken zuerst ablegen und daß solches mit einem 
reinen Glauben geschehen müsse, wie Philippus zu 
dem Kämmerer sagt: Glaubst du von ganzem Herzen, 
so mag es wohl geschehen, denn alles auswendige 
Getön ohne Erneuerung des Geistes kann Gott nicht 
gefallen. Das Abendmahl aber halten wir zum Ge- 
dächtnis des bittern Leidens und Todes des Herrn, 
wie an die Korinther ausgedrückt wird: Ich habe es 
von dem Herrn empfangen, was ich euch gegeben 
habe, denn in der Nacht, da der Herr verraten war, 
nahm Er das Brot, dankte und gab es seinen Jüngern 
und sagte: Nehmt, esst, das ist mein Leib, der für euch 
gebrochen wird, solches tut zu meinem Gedächtnis; 
so oft ihr von diesem Brot esst und von diesem Kelch 
trinkt, sollt ihr des Herrn Tod verkündigen, bis daß 
Er kommt. Soll man nun seinen Tod verkündigen, bis 
Er kommt, so ist er nicht täglich in der Messe, noch in 
ihrem Götzendienst, noch in ihrem Abgott, mit wel- 
chem sie die Kranken in ihrer Not besuchen, wo Er 
nach ihren Äußerungen sein soll; das ist fern von der 
Wahrheit. 

Was nun die Menschwerdung unsers Herrn Jesu 
Christi betrifft, so glauben wir davon, wie die heili- 
ge Schrift bezeugt; ich bin mit dem Bekenntnis Petri 
zufrieden, denn als Christus seine Jünger fragte, was 
die Leute sagten, wer Er wäre, so sagten einige: Je- 
remia, Elia oder einer von den Propheten; Christus 
aber fragte ferner: Was sagt denn ihr, wer ich sei; da 
antwortete Petrus: Herr, du bist der Sohn des lebendi- 
gen Gottes; desgleichen auch, wie Nathanael bezeugt: 
Du bist der König von Israel. Paulus sagt: Da wir mit 
Gott versöhnt sind durch den Tod seines Sohnes, als 
wir noch Feinde waren, wie viel mehr sollen wir se- 
lig werden durch sein Leben, nachdem wir versöhnt 
sind; auch sagt Johannes: Das Blut Jesu Christi, sei- 
nes Sohnes, macht uns von allen Sünden rein, und 
in den Geschichten der Apostel steht: Gott hat sein 
Kind Jesum erweckt. Hat Er mm sein Kind auferweckt, 
so muss es ja tot gewesen sein; auch steht im Jesaja 
geschrieben: Eine Jungfrau ist schwanger und wird 
einen Sohn gebären. Hat sie mm Ihn empfangen, so ist 
das mein Glaube, daß sie nicht mehr empfangen hat, 
als sie gebar; ich bin auch mit dem Werk Gottes zu- 
frieden, wie es zugegangen ist. Daß ich glauben sollte. 



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2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


daß Er von ihrem Fleisch und Blut sei, davon habe 
ich kein Zeugnis in heiliger Schrift, und bin daher mit 
dem zuvor angeführten Bekenntnis zufrieden. Ferner 
gebrauchen wir nach der Fehre Christi und der Apo- 
stel einen Bann, womit man die Ungezogenen strafen 
soll, die ihren Glauben in ungebührliche Werke ver- 
wandeln (wie Christus und Paulus bezeugen), und 
zwar bei denen, die sich unter die Gemeinschaft der 
Heiligen begeben haben, und mit ihnen zu einem Lei- 
be getauft, nachher aber wieder in fleischliche Werke 
verfallen sind, als in Ehebruch, Hurerei, Totschlag, 
Völlerei, Abgötterei und dergleichen. 

Darum, mein liebes Kind, wenn du zu Verstände 
kommst, so zögere nicht, das Kreuz aufzunehmen, so 
lieb dir deine Seele ist, denn es steht geschrieben: Wer 
zu mir kommt und hasst nicht Vater, Mutter, Schwes- 
ter, Bruder, Weib, Kind, ja, dazu sein eigenes heben, 
der kann nicht mein Jünger sein; und wer nicht sein 
Kreuz aufnimmt und mir nachfolgt, der kann nicht 
mein Jünger sein. Deshalb muss man alles um des 
Herrn willen verlassen, denn Christus sagt ferner in 
demselben Kapitel: Wer nicht alles verleugnet, was er 
hat, kann nicht mein Jünger sein. 

Darum, mein liebes Kind, sieh nicht auf den großen 
Haufen, sondern denke an die Zeiten Noahs, wie we- 
nig errettet worden sind, als die Welt durch die Siind- 
flut unterging, und daß nur drei in den fünf Städten 
Sodom und Gomorrha übergeblieben seien. 

So scheide dich denn, mein liebes Kind, von diesem 
geistigen Sodom, damit du auch ihrer Sünden nicht 
teilhaftig werden mögest und nichts von ihren Plagen 
empfangest; auch steht 2 Kor 6: Geht aus von ihnen 
und rührt nichts Unreines an, sagt der Herr, dann will 
ich euch aufnehmen und euer Vater sein, spricht der 
allmächtige Herr. Da wir nun solche Verheißungen 
haben, meine Geliebteste, so sollen wir uns von al- 
len Befleckungen des Fleisches und des Geistes selbst 
reinigen und mit der Heiligung in der Furcht Gottes 
fortfahren, denn die Zeit wird kommen, daß diejeni- 
gen, die ihr Leben ungebührlich zugebracht haben, es 
beklagen werden, wenn sie sagen werden: Es ist Frie- 
de, es ist keine Gefahr; dann wird sie das Verderben 
schnell überfallen wie der Schmerz ein schwangeres 
Weib, und sie werden nicht entfliehen. 

Darum, mein liebes Kind, sagt Paulus: Seid nicht in 
der Finsternis, damit euch der Tag nicht wie ein Dieb 
überfalle; ihr seid sämtlich Kinder des Lichtes und 
Kinder des Tages; wir sind nicht von der Nacht, noch 
von der Finsternis, darum lass uns nicht schlafen wie 
die andern, sondern lass uns wachsam und nüchtern 
sein; denn die da schlafen, die schlafen des Nachts, 
und die da trunken sind, die sind des Nachts trun- 
ken; wir aber, die wir im Tage sind, sollen wachsam 


und nüchtern sein; auch sagt Petrus: Seid nüchtern 
und wacht, denn der Teufel, euer Widersacher geht 
umher wie ein brüllender Löwe und sucht, welchen 
er verschlinge; dem widersteht fest im Glauben, und 
wisst, daß eure Brüder, die in der Welt sind, dieselben 
Leiden auch ertragen müssen. 

Ebenso glauben wir auch eine Auferstehung dos 
Fleisches, einen jüngsten Tag über Gute und Böse, 
Gerechte und Ungerechte, sodass alle, die im Grab 
liegen, die Stimme des Sohnes Gottes hören werden, 
und diejenigen, die Gutes getan haben, werden zur 
Auferstehung des ewigen Lebens hervorgehen, dieje- 
nigen aber, die Übles getan haben, zur Auferstehung 
des Gerichts. 

Darum, mein liebes Kind, richte deine Gänge nach 
der heiligen Schrift, sie wird dir die rechte Wahrheit 
zeigen, denn wer sucht, der findet, wer da klopft, dem 
wird aufgetan. Darum bitte den Herrn um Hilfe und 
Beistand, denn Er ist ein Geber alles Guten, damit du 
nach diesem Leben die liebliche Stimme hören mö- 
gest: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt 
das Reich, das euch von Anfang der Welt bereitet ist, 
denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich ge- 
speist, ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich 
getränkt, ich bin nackend gewesen, und ihr habt mich 
gekleidet, ich bin ein Gast gewesen, und ihr habt mich 
beherbergt, ich bin gefangen gewesen, und ihr habt 
mich besucht. 

So übe dich denn hierin, mein liebes Kind, und habe 
hierin deine Lust; folge dem Rat des Tobias, hast du 
viel, so gib viel, hast du wenig, so gib wenig, und das 
mit treuem Herzen. 

Ach mein liebes Kind, denke an das, was ich dir 
geschrieben habe, und sei den Leuten allezeit treu 
und gehorsam in allem, was nicht gegen die Wahrheit 
ist; sei fleißig in deiner Arbeit, bescheiden, freundlich 
und sanftmütig, denn die Frucht des Geistes ist allerlei 
Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit. 

Hiermit befehle ich mein liebes Kind dem Herrn 
und denen, die Gott fürchten. 

Dieses ist geschrieben von mir, deinem Vater Bar- 
tholomäus Panten, auf denselben Tag, als ich um des 
Namens des Herrn willen gepeinigt wurde, sowohl 
vor als nach der Folter. 

Alle, die ihr dieses lest oder lesen hört, bedenkt 
es und verwundert euch nicht, wenn dergleichen ge- 
schieht, denn der Apostel Petrus sagt: Meine Liebsten, 
verwundert euch nicht, als ob euch etwas Neues ge- 
schähe, sondern freut euch darin, daß ihr der Leiden 
Christi teilhaftig seid, damit ihr auch zur Zeit der 
Offenbarung seiner Herrlichkeit Freude und Wonne 
haben mögt, wenn ihr anders um des Namens Christi 
willen hier geschmäht werdet, Amen. Von mir, Bar- 



823 


tholomäus Panten. 

Michael Hazel, 1592. 

In diesem Jahre 1592 ist auch Michael Hazel, nachdem 
er über vier Jahre um des christlichen Glaubens willen 
gefangen gelegen hatte, zu Weitling im Württember- 
ger Land den 7. Juli im Gefängnis enthauptet worden, 
welcher fest, standhaft und wohlgemut in dem Herrn 
geblieben ist, obgleich er während seiner Gefangen- 
schaft viel Elend und Trübsal hat leiden müssen. Er 
lag lange Zeit in Banden, und wusste nicht, ob er 
zeitlebens würde gefangen sitzen müssen, und gleich- 
wohl wollte er den Glauben und die Wahrheit Gottes 
nicht verlassen, was ihm darüber begegnen möchte, 
und sollte es auch der Tod sein. Deshalb haben auch 
selbst die Ungläubigen ein gutes Zeugnis ihm erteilen 
müssen, denn der Schlossvogt sagte selbst, das sei 
ein frommer Mann gewesen, sollte der nicht in den 
Himmel kommen, so wollte er sich nicht unterstehen 
anzuklopfen, ja, wenn er ein solches Ende nehmen 
würde, so wollte er sich von Herzen darüber freuen. 

Thomas Han, 1592. 

Im Jahre 1592 den zwölften Mai ist auch Thomas Han 
von Niktsberg zu Freiburg im Baierlande um des Glau- 
bens willen gefangen genommen worden; er ist auch 
sehr hart gepeinigt und ausgespannt worden, und da- 
mit er auf das, was sie begehrten, antworten und von 
seinem Glauben abfallen möchte, so haben sie ihn von 
acht bis elf Uhr an Stricken hängen lassen; aber er hat 
ihnen geantwortet: Ihr habt meinen Leib, tut damit, 
was ihr wollt; die Seele werdet ihr mir nicht nehmen; 
ich werde euch auch das, was ihr begehrt, nicht sa- 
gen, noch jemanden verraten. Solltet ihr mir auch eine 
Ader nach der andern aus dem Leibe ziehen, und alle 
Tage von meiner Haut einen Riemen schneiden, so 
will ich doch nicht abfallen, noch von der Wahrheit 
weichen. Sie haben ihn mit vielen Schmähworten ge- 
scholten, z. B., daß er ein Verführer wäre und viele 
Leute zu der Wiedertäufersekte verführt hätte. Aber 
er sagte ihnen: Es ist die rechte, christliche Taufe und 
keine Wiedertaufe; und wenn er die ganze Welt bekeh- 
ren könnte, so wollte er gern dreimal sterben, wenn 
es möglich wäre. 

Als er nun etwa sieben Wochen gefangen gelegen 
hatte, so hat man ihn (weil man ihn nicht zum Abfall 
bringen konnte) den 8. Juli in das Rathaus gebracht, 
um das Urteil über ihn zu fällen; als dieses geschah, 
hat er sich zum Volk gewandt und dreimal mit lauter 
Stimme gerufen: Gott sei Ehre und Dank, daß es dazu 
gekommen ist und daß dieses sein Wille ist. Da band 


ihn der Scharfrichter und wollte ihn auf einen Wagen 
setzen; aber er sagte: Ich will zum Tode gehen, gleich- 
wie auch Christus, unser Herr, zum Tode gegangen 
ist. Darauf hat er angefangen zu singen. Der Diener 
befahl ihm zu schweigen; aber der Scharfrichter sag- 
te: Lass ihn reden. Unterwegs hat sich ein Pfaffe an 
ihn gemacht, und es sind auch noch mehrere ande- 
re Leute mitgegangen. Der Pfaffe fragte (als er sich 
nicht unterrichten lassen wollte), ob er meinte, daß er 
und seines Gleichen allein gerecht sei, die andern alle 
aber verdammt wären. Der Bruder Thomas antworte- 
te hierauf: Wir befleißigen uns eines frommen Lebens 
und meiden die Sünden; aber diejenigen, die in Sün- 
den leben wollen, stoßen wir von uns aus und leiden 
sie nicht; doch verdammen wir niemanden, sondern 
ein jeder, der Sünde tut, wird um seiner bösen Werke 
willen verdammt, und solches verkündigen wir ihm. 
Darauf sagte der Pfaffe: Wir strafen auch die Sünde. 
Der Bruder fragte: Was wollt ihr strafen? Wenn der 
Hirte nicht gut ist, wie sollten denn die Schafe gut 
sein? Ihr seid falsche Propheten, wie wollt ihr denn 
die Falschheit strafen? Weiter sagte er zu dem Pfaffen: 
Gehe von mir, du falscher Prophet, ich mag dich nicht 
länger ansehen. Hiernächst fing der Pfaffe an, sein Sa- 
krament zu erheben, daß es Christi wahrer Leib und 
wahres Blut sei, und daß der, welcher es gebraucht, 
keine Sünde habe. Der Bruder sagte: Ihr geht mit eu- 
rem Sakrament um und verkauft es ums Geld, wie 
Judas den Herrn verkauft und verraten hatte; wir aber 
halten das Abendmahl des Herrn zu seinem Gedächt- 
nis, nach seinem Befehl. Darauf fragte er den Pfaffen, 
wo von dem Sakrament geschrieben stände. Der Pfaf- 
fe verstummte und wusste nichts zu antworten, als 
daß er sagte: Es steht in der Bibel. Thomas fragte: Wo? 
Der Pfaffe sagte: Paulus schreibt im fünfzehnten Ka- 
pitel. Der Bruder sagte: Dem ist nicht so; und setzte 
hinzu: Gehe doch von mir, du falscher Prophet. Als 
sie auf den Richtplatz kamen, fragte der Scharfrich- 
ter, ob er beten wollte. Das tat er und sagte darauf: 
Ich habe mein Gebet schon verrichtet; fahre nun fort, 
denn ich wünsche aus dieser Welt zu sein. Dann ist er 
niedergekniet, und der Scharfrichter hat das Schwert 
rasch entblößt, um ihn zu erschrecken, und hat ihn da- 
bei dreimal um Gottes willen gebeten, er wolle doch 
widerrufen, so wolle er ihn gehen lassen. Aber der 
Bruder sagte: Ich widerrufe nicht, darum fahre fort 
mit deinem Werk, denn es muss sein. Hiemächst hat 
ihn der Scharfrichter enthauptet, und er hat seinen 
Geist im Frieden Gott befohlen. Darauf hat der Scharf- 
richter den Leichnam aufs Holz gelegt, ihn ein wenig 
versengt und dann den abgehauenen Kopf mit dem 
übrigen Körper begraben, und obgleich es an jenem 
Tag sehr windig war, so ist doch, als man ihn brann- 



824 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


te, der Rauch gerade auf gen Himmel gestiegen, wie 
solches alle, die es gesehen haben, bezeugen können. 
Dieses ist zu Freiburg in Baiern den 8. Juli 1592 ge- 
schehen. 

Matthäus Mair, 1592. 

In demselben Jahre 1592, auf Maria-Magdalena-Tag, 
ist Matthäus Mair zu Wier im Gebiet Baden in Verhaft 
genommen worden, was auf Anstiften eines Pfaffen 
geschehen ist; denn als derselbe aus der Kirche ging 
und des Bruders gewahr wurde, hat er seine Magd 
ihm nachgeschickt, um zu sehen, ob er aus dem Dorf 
ginge, und hat ihr dabei befohlen, sie sollte mit ihm in 
der Weise reden, als ob sie sich auch zu seiner Religi- 
on gesellen und gern mit ihm zu seinem Volk ziehen 
wollte; unterdessen wollte er kommen und auch mehr 
Volk nachschicken, das mit ihm reden sollte. Mit sol- 
chen Worten hat die Magd den Bruder aufgehalten, 
bis der Pfaffe einige Bauern aussandte, welche ihn 
gefangen nahmen und nach der Stadt Baden führten. 
Sechs Tage darauf, nämlich den 28. Juli, ist der gott- 
lose Haufen der Pfaffen mit ihm fortgefahren, weil 
er ihnen nicht folgen und von seinem Glauben abfal- 
len wollte; was sie aber mit ihm geredet haben, oder 
was er ihnen geantwortet hat, das haben sie nicht 
an den Tag kommen lassen. Als man ihn zum Tode 
hinausführte, waren sein Schwager und einige seiner 
Freunde zugegen, die für ihn gebeten und sich auch 
erboten haben, Geld für ihn zu geben; aber sie haben 
nichts ausgerichtet, ja, selbst nicht einmal, daß sie mit 
ihm hatten reden dürfen. 

Als er nun zum Tode ging, hat er unter dem Volk 
gefragt, wo sein Schwager und seine Freunde wären; 
sie sollten zu ihm kommen, er wollte ihnen befehlen, 
sie sollten zu seinen Brüdern und Schwestern sagen, 
daß sie sein Weib und Kind sich anbefohlen sein las- 
sen sollten, denn sie wären bei einem frommen Volk; 
dieses hat er überlaut zu dem Volk geredet. Da hat 
einer von seinen Freunden unter dem Volk ihn ge- 
tröstet und gesagt, er sollte nicht weichen, sondern 
tapfer sein, denn er hätte nun bald überwunden. Da 
hat einer diesen Freund, der solches sagte, um deswil- 
len geschlagen und gesagt, er wäre auch ein Ketzer, 
man sollte ihm tun, wie auch den andern. Als nun 
der Scharfrichter diesen Bruder Matthäus ins Wasser 
gestoßen hatte, hat er ihn drei- oder viermal wieder 
herausgezogen und jedes Mal gefragt, ob er widerru- 
fen wollte; aber er hat allezeit Nein gesagt, solange 
er hat reden können; also ist er den neunundzwan- 
zigsten Tag des Monats Juli ertränkt worden und ist, 
durch Gottes Kraft, standhaft im Glauben geblieben; 
aber es ist viel über seinen Tod gesprochen worden 


bei Hohen und Niedrigen, nämlich, daß sie eine Mord- 
tat an ihm begangen hätten, und haben den Verräter 
Judas und den Pfaffen verflucht; denn dieser Matthä- 
us war ein wohlbekannter, guter und frommer Mann; 
darum hat ihm auch Gott Kraft gegeben, im Glauben 
bis an sein Ende standhaft zu bleiben. 

Der Neid einiger Calvinisch-Gesinnten in der Stadt 
Middelburg war damals so groß wider die wehrlo- 
sen Schafe Christi, die aus verschiedenen päpstlichen 
Städten, um der Not der Verfolgung zu entgehen, zu 
ihnen gekommen waren und unter ihrem Schutz zu 
ruhen meinten, daß sie weder auf die demütigen Bitt- 
schriften, noch auf den zweifachen Befehl des Prinzen 
von Oranien, der in den Jahren 1577 und 1578 der 
Obrigkeit daselbst befohlen hatte, diese Leute in ihren 
Wohnungen ruhig zu lassen, nachließen noch darnach 
fragten, sondern diese Leute in ihrer Ruhe, und ihrem 
Gottesdienst fortwährend störten. Darum hat Moritz, 
der älteste Sohn des vorgemeldeten Prinzen hochlöbl. 
Gedächtn., welcher seines Vaters Fußstapfen nach- 
folgte, zum dritten Mal einen Befehl wider die Unter- 
drückung der vorgemeldeten Leute ergehen lassen, 
damit sie endlich einmal Gewissensfreiheit erlangen 
möchten, wie solches aus nachfolgendem Befehl zu 
ersehen ist. 

Abschrift. 

Moritz, geborner Prinz von Oranien, Graf von Nassau, 
Markgraf von der Vere, (an die) Ehrsamen, Hochge- 
lehrten, Weisen, Bescheidenen, Lieben, Besonderen. 

Was uns von wegen Majliaert, des Bürgers, und 
Josto Leoniße, Sägers und Holzhändlers, wohnhaft 
in der Stadt Middelburg zu erkennen gegeben wor- 
den ist, solches werdet ihr aus beiliegender Bittschrift 
ausführlich ersehen, und wiewohl wir gar nicht be- 
zweifeln, ihr werdet euch gegen die Kläger in dem 
Punkt wegen ihrer Bitte und Klage nach Inhalt des 
Schlusses verhalten, den zuvor die Herren Staaten 
von Holland und Seeland in Ansehung dieser Sache 
gemacht haben, und euch nach solchen Befehlen und 
Briefen richten, welche zu Zeiten unser Herr Vater, der 
Prinz von Oranien löbl. Gedächtnisses, den Klägern 
und Mitbrüdern von derselben Religion vergönnt hat, 
so haben wir dennoch euch hiermit ernstlich ersu- 
chen wollen, weil diese Sache die Stadt Middelburg 
nicht allein, sondern diese vereinigten Länder im All- 
gemeinen betrifft, daß ihr euch nach dem Inhalt des 
vorgemeldeten Schlusses in aller Stille und Freund- 
schaft richten wollt, und daß ihr vorgemeldete Kläger 
und ihre Mitbrüder alle solche Freiheiten genießen 
lassen wollt, die ihnen durch vorgemeldete Schlüsse 
und Befehle insbesondere zugelassen worden sind. 



825 


bis vorgemeldete Herren Generalstaaten dieser verei- 
nigten Lande vorgenannte Sache genauer betrachtet 
und darüber verordnet haben werden, was uns ange- 
nehm sein wird, weil wir dasselbe überdies redlich 
und billig erachten. 

Und hiermit. Ehrsame, Hochgelehrte, Weise, Be- 
scheidene, Liebe, Besondere, seid Gott befohlen. Im 
Grafenhaag, den 4. März 1593. Unterschrieben: Euer 
sehr guter Freund Mauritius von Nassau. 

Die Überschrift war: Den ehrsamen, weisen und be- 
scheidenen, unsern lieben, besondern Bürgermeistern, 
Ratsherren und Regenten von Middelburg. Und war 
versiegelt mit Ihro Durchlaucht Siegel. 

Unten stand geschrieben: Verglichen mit dem Ori- 
ginal, und ist damit einstimmig befunden worden. J. 
Milander. 

N acherinnerung. 

Hierauf ist (wie sich denken lässt) einige Ruhe erfolgt, 
sodass das zerstreute Häuflein Christi an diesem Ort 
anfing, ein wenig zuzunehmen, und in der Zahl sich 
auszubreiten; unterdessen verfolgte man im Papst- 
tum die Leute noch bis auf den Tod, wovon uns unter 
mehreren andern, die dort ihr Leben ließen, nachfol- 
gende Fälle bekannt geworden sind, woraus man die 
Drangsal damaliger Zeit, obgleich an einigen Plätzen 
Ruhe herrschte, abnehmen und beurteilen kann. 

Aeltjen Baten und Maeyken Wouters, 1595. 

Aeltjen Baten war eine betagte Frau, Maeyken Wou- 
ters aber eine Jungfrau, etwa vierundzwanzig Jahre 
alt, welche beide in Sonhofen (im Amt Vogelgesang, 
welches zum Lykerande gehört) gebürtig waren, und 
dort wohnten. Diese hatten (durch Gottes Gnade) die 
wahre Erkenntnis des heiligen Evangeliums erlangt, 
daran geglaubt und sich nach derselben, wie sie es 
erfordert, zur Besserung ihres Lebens begeben und 
auf denselben Glauben an Jesum Christum sich tau- 
fen lassen, nach seinem göttlichen Befehl und dem 
Gebrauch seiner lieben Apostel. Weil man aber sol- 
ches nicht leiden konnte, so sind sie zu Luyk (wo das 
Hofgericht ist) angeklagt worden, deshalb hat man 
sie von da aus auf folgende Weise gefänglich einzie- 
hen lassen: Die Herren von Luyk haben einige Diener 
(welche Trappers genannt werden); diese senden sie 
durch das Land, wenn sie jemanden in Verhaft neh- 
men lassen wollen. Von diesen Trappern haben sie 
vierzehn von Luyk nach Sonhofen gesandt, um diese 
beiden genannten Frauenspersonen, oder mehrere an- 
dere, in Verhaft zu nehmen und nach Luyk zu bringen. 
Diese fingen Aeltjen zuerst und dann auch Maeyken 


mit ihrem Bruder (der noch sehr jung war), denn sie 
hatten sich beide dazu bereit gemacht, und waren wil- 
lens, daß, wenn dieselben ihren Vater erwischten, sie 
beide mit dem Vater gehen und ihn nicht verlassen 
wollten; weil sie aber den Vater nicht erwischten, so 
ist ihr Bruder den Trappern entgangen. 

Sodann haben sie diese beiden Schafe nach Luyk 
geführt; es liegt aber Hasselt, eine Stadt, von Sonho- 
fen ungefähr eine Meile ab, wo der Weg nach Luyk 
durchzieht; in dieser Stadt haben die Bekannten dieser 
beiden Schafe ihnen sehr zugeredet und sie sehr be- 
klagt, daß sie ins Gefängnis nach Luyk gehen müssten 
und sprachen ihr Mitleiden und ihre Teilnahme ge- 
gen dieselben aus; Maeyken aber sagte zu denselben: 
Wenn es der Herr so beschlossen hat, so gehe ich lieber 
nach Luyk (nämlich um des Zeugnisses Christi wil- 
len) als nach Hause. Also haben sie ihre Reise durch 
die Stadt nach Luyk fortgesetzt, welches zusammen 
ungefähr acht Meilen ausmacht. Als sie dahin kamen, 
wurden sie in den Turm des geistlichen Richters zehn 
Wochen lang gefangen gesetzt. In dieser Zeit haben 
sie einander große Liebe erwiesen (zu nicht geringer 
Erbauung und Stärkung), was daraus zu ersehen ist, 
daß die junge Tochter gern alles Ungemach, welches 
ihrer lieben, alten Schwester zugestoßen ist, an ihrem 
eigenen Leib hätte ertragen mögen, wenn es anders 
möglich gewesen wäre. Sie haben vielerlei Anstoß er- 
litten, teils durch Drohen und Schrecken, teils aber 
auch durch Schmeicheleien, womit man gesucht hat, 
sie von ihrem Glauben abzubringen. 

Einmal kam des Bischofs Kaplan zu der jungen 
Tochter mit freundlich scheinenden Reden; er brach- 
te eine Kanne Wein mit, in der Hoffnung, er würde 
sie überwinden, denn er stellte ihr die Sache mit sehr 
lieblichen Reden vor, ja, er fiel auf seine Knie und bat 
sie mit gefaltenen Händen, sie möchte doch abstehen 
und an die römische Kirche glauben; aber Maeyken 
hat ihre Treue erwiesen und des Teufels Betrug abge- 
schlagen, sodass der Versucher weggegangen ist. 

Nachher kam ein Mann aus ihrem Dorfe zu ihr, der 
mit ihr Bekanntschaft hatte; dieser, als er nach Luyk 
kam, hörte, daß sie sterben müsste; deshalb ist sein 
Gemüt entbrannt, und weil er Mitleiden mit ihr fühlte, 
hat er gedacht: Sollte denn das junge Mägdlein ster- 
ben müssen? Darum nahm er sich vor, er wolle mit ihr 
reden, um zu sehen, ob er sie bewegen möchte; deswe- 
gen ist er ins Gefängnis gegangen, hat Maeyken allein 
herausgerufen und gesagt: Ei, liebe Maeyken, möch- 
test du doch folgen, und ein Blatt Umschlägen, so wür- 
dest du von diesen Banden erlöst werden; wenn du 
dann wieder frei bist, so lebe wie zuvor. Darauf ant- 
wortete sie: Mein lieber Freund (mit Namen genannt), 
solltest du mir das raten, daß ich Gott verlassen und 



826 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


ein Kind des Teufels werden sollte? Der Mann sagte: 
So musst du denn sterben. Darauf sagte Maeyken: Ich 
wünschte, es ging uns so; so gerne als ich den lichten 
Tag sehe. Da der Mann das hörte, ist er verstummt, 
sodass er mit weinenden Augen umkehrte und ihr 
nichts mehr sagte. 

Sie sind beide des Donnerstags Nachts gepeinigt 
und aufgehängt worden, aber sie verhielten sich still 
und fielen in Ohnmacht. Da begossen sie Maeyken 
mit Wasser, worüber Maeyken geschrien hat; weiter 
aber brachten sie aus beiden nichts heraus. Des Nachts 
lagen sie still beieinander; des Freitags Nachts aber 
sangen sie mit großer Freude. Als sie nun lange ge- 
fangen gelegen hatten, hat man sie endlich in des 
geistlichen Richters Hof gebracht, und nach ihrem 
geistlichen Recht verurteilt. Als sie ihr Urteil vernah- 
men, dankten sie mit freudigem Mut, ja, gleichsam 
mit lachendem Mund dem Herrn. Nachher haben sie 
diese beiden Personen dem weltlichen Richter über- 
antwortet; derselbe hat sie angenommen, und wieder 
in sein Gefängnis geführt, worin sie (einige Tage), um 
des unbehaglichen Gefängnisses willen, in großer Not 
waren; der Herr aber hat für sie gesorgt, daß sie in 
dem Herrn Trost und Mut fassten. Aeltjen erhielt von 
ihrem Mann Geld und Decken gesandt; sie aber woll- 
te keinen Gebrauch davon machen und schlug es also 
ganz und gar aus. Sie fragte ihre liebe Schwester Maey- 
ken, ob sie es haben wollte; Maeyken sagte: Ich habe 
es ebenso wenig nötig, als du, meine liebe Schwester, 
denn sie hofften, bald mit dem Herrn in aller Fülle 
und Freude zu leben. Ja, sagte Aeltjen, wenn auch die 
Türe offen stände, so würde ich doch nicht Weggehen. 
Weil sie denn in allem ihrem Leiden so freudig in Gott 
waren, so haben sie in ihren Herzen Gott im Himmel 
gedankt, und Ihm im Gefängnis Lob gesungen. 

Nachher wollte man sie durch das weltliche Recht 
verurteilen, welches, wie man sagt, durch vier Rats- 
herren geschehen ist, daß nämlich diese beiden Perso- 
nen (um des Wortes Gottes willen), nachdem man sie 
gebunden, lebendig von der Maasbrücke hinabgewor- 
fen und auf solche Weise ertränkt werden sollten. An 
demselben Tag, als den Samstag, sind zwei Männer 
von ihrer Heimat nach Luyk zu ihnen gekommen, um 
sie beide zu fragen, ob sie noch etwas zu besorgen 
hätten. Sie kamen aber, der Sache unkundig, und fan- 
den sie in einer Kammer, wo die Herren saßen, um 
sie zu verurteilen, und sie standen mitten unter ih- 
nen. Als nun Aeltjen ihren Bekannten sah, sagte sie 
zu ihm: Vetter, kommst du, uns noch einmal zu besu- 
chen; wir hoffen innerhalb einer Stunde unser Opfer 
zu tun; wir danken dir herzlich dafür; ich bitte dich 
auch, sage meinem Mann, daß er meine Kinder in 
der Gottesfurcht aufziehe. Maeyken sagte: Sage doch 


meinem Vater und meiner Mutter gute Nacht. Dieses 
redeten sie, als sie zwischen den Herren standen, und 
ihr Urteil erwarteten. Als die Männer noch ein we- 
nig stehen blieben, hat sich einer von den Herren vor 
Maeyken gebeugt, und sie gebeten, sie wolle doch ab- 
stehen und an die römische Kirche glauben, so sollte 
ihr das Leben geschenkt sein. Darauf sagte Aeltjen: 
Wir begehren zu sterben, wie die Apostel Christi getan 
haben. 

Als nun die letzte Stunde herbeikam, hat man sie 
aus dem Gefängnis gebracht; hierüber haben sie beide 
voller Freuden angefangen zu singen, Gott zu danken 
und ihn zu loben; aber leider wurde dies den armen 
Schafen nicht lange zugestanden, denn, was man Die- 
ben und Mördern vergönnt, nämlich zu reden, das 
wurde ihnen verwehrt. Man führte sie nachher wie- 
der nach dem Gefängnis zurück; hier verstopfte man 
ihnen den Mund und führte sie wie stumme Schafe 
zur Schlachtbank und zum Tode. Als sie nun auf die 
Maasbrücke kamen, erhoben sich unter dem gemei- 
nen Volk mancherlei Gerüchte von diesem Handel; 
der Scharfrichter, als sie an den verordneten Platz ka- 
men, fing an, sie zu binden; aber sie durften nichts 
reden, bis der Scharfrichter das Tuch, das vor ihrem 
Mund war, losband und ihnen dasselbe um die Augen 
legte. Da sagte Aeltjen zuerst: Ach, Herr, das ist wohl 
eine schöne Stadt, wenn sie nur mit Ninive Buße täte, 
und als sie sich so Gott anbefahl, hat sie der Scharf- 
richter sofort von der Brücke ins Wasser geschmissen, 
worauf sie sogleich untergegangen ist. 

Hiernächst hat der Scharfrichter der Maeyken 
gleichfalls das Tuch vom Mund genommen, worauf 
man sie zum Scharfrichter sagen hörte, vergönne mir, 
daß ich in meiner höchsten Not zu Gott beten und Ihn 
anrufen möge. Der Scharfrichter sagte: Bitte du unse- 
re Herren, die Obrigkeit, und glaube mit uns an die 
römische Kirche, so erhältst du dein Leben. Maeyken 
sagte: Ich habe die Obrigkeit nicht beleidigt, darum 
gebührt mir auch nicht, sie anzubeten; der Scharfrich- 
ter aber gab ihr kurze Antwort, vergönnte ihr keine 
Zeit, sondern warf sie sogleich über die Brücke hin- 
ab. Sie ist aber nicht so schnell wie Aeltjen gesunken, 
sondern mit blühenden Wangen noch lange auf dem 
Wasser dahingetrieben; man sagte, ungefähr bis unter 
die Stadt. 

Also haben diese beiden Christen ihr Leben Gott zu 
Ehren den 24. Juli 1595 geendigt. 



827 


Hier folgt ein Brief, den Maeyken Wouters aus 

dem Gefängnis an ihre Eltern und andere ihrer 
Glaubensgenossen gesandt hat. 

Die überschwängliche Barmherzigkeit Gottes, unse- 
res himmlischen Vaters, durch Jesum Christum, sei- 
nen einigen Sohn, unsem Herrn, wünsche ich euch, 
mein lieber Vater und meine liebe Mutter, Brüder und 
Schwestern, die ich sehr herzlich liebe, aber unsern 
himmlischen Vater über alles; denn Er hat mich beru- 
fen, daß ich Ihm sein Leiden tragen helfen soll, wie ich 
Ihn denn oft darum gebeten habe, wenn ich anders 
dazu würdig wäre. Darum bin ich Ihm mit großer 
Freude nachgefolgt. 

Meine lieben Eltern, meint ja nicht (obgleich ich 
leiblicher Weise von euch und der Herde Christi ge- 
schieden bin), daß mein Bräutigam mich verlassen 
werde; bedenkt, daß Er gesagt hat: Wenn auch eine 
Mutter ihr Kind verließe, so will ich meine Auser- 
wählten (die mir mein himmlischer Vater gegeben 
hat) doch nimmermehr verlassen. Darum werde ich 
wohl bald erlöst werden, wenn es Ihm gefallen wird. 
Wenn ihr mich aber mit zeitlichem Gut erlöst, so raubt 
ihr unserem Bräutigam seine Ehre und glaubt nicht, 
daß Er mich erlösen werde. 

Darum, meine lieben Eltern, betrübt mich nicht 
mehr damit, die Unkosten zu bezahlen, denn ihr habt 
mich Tag und Nacht sehr beschwert, indem ich euch 
so oft habe bitten lassen, daß ihr mich nicht auslösen 
sollt und ihr mir keine Antwort darüber geschrieben 
habt. 

Darum, meine lieben Eltern, redet doch mit unsern 
Freunden, damit ich von euch oder von den andern 
einen tröstlichen Brief empfangen möge, wodurch 
mir eine große Freude bereitet werden würde; sonst 
begehre ich keinen Trost von irgendeinem Menschen, 
sondern allein von unserm himmlischen Vater, der 
uns versorgen kann. 

Ach, liebe Freunde, wenn ich standhaft bliebe in 
dem, was mir mein himmlischer Vater auflegt, welch 
einen großen Schatz hoffe ich damit zu sammeln, wel- 
cher mir dermaleinst werden wird, worüber ich mich 
sehr freue! Ach, meine lieben Eltern, ist das nicht ei- 
ne größere Freude, als wenn ich gegen euren Willen 
gehandelt hätte, und mit einem Jüngling davon ge- 
gangen wäre, wie ihr wohl von andern Dirnen gehört 
habt? Darum freut euch, und lobt den Herrn in eurem 
Herzen, weil der Herr mich unwürdigen Menschen 
dazu würdig gemacht hat, und ihr mich auch zum 
Preis Gottes auferzogen habt. Bedenkt was noch wei- 
ter geschrieben steht, wenn der Herr sagt: Selig seid 
ihr, wenn man euch um meines Namens willen ver- 
folgt und schmäht; seid fröhlich und getrost, es wird 


euch im Himmel wohl belohnt werden. Wisst, liebe El- 
tern, daß ich bei vielen Herren und Obrigkeiten, auch 
bei den Pfaffen und Jesuiten gewesen bin, die nichts 
suchten, als meine Seele zu ermorden. Aber der Herr, 
unser Gott, gab mir Weisheit und Verstand und einen 
Mund zu reden, wie ich hoffe, daß es unserm lieben 
Herrn gefallen wird. Sie haben mir auch oft von der 
ewigen Verdammnis gesagt, und zu mir gesprochen: 
Wenn du deine Sekte nicht verlässt und nach der hei- 
ligen römischen Kirche lebst, wie die ganze Welt tut, 
so wirst du so wahrhaftig, als Gott in dem ewigen 
Leben ist, nimmermehr zur Besserung kommen. Da 
antwortete ich ihnen: Ich zweifle nicht, sondern hof- 
fe, daß wir aus Gnaden die ewige Freude erlangen 
werden, wenn wir es mit des Herrn Hilfe bis ans En- 
de bringen. Darauf sagten sie zu mir: Gott hat nichts 
mit dir zu tun; du bist ein Teufelskind, der Teufel hat 
dich bei der Gurgel, er wird dich bis ins Feuer hartnä- 
ckig machen. Gott hat dich schön erschaffen und nach 
seinem Bilde gemacht; ist es aber nun nicht zu bejam- 
mern, daß du eines schändlichen Todes sterben und 
dereinst das ewige Feuer ererben musst? Ich sagte zu 
ihnen, daß ich, wenn es Gott gefiele, lieber sterben 
als von meinem Glauben abf allen wollte; deshalb bin 
ich viel lieber heute als morgen bereit; ich will die 
Menschen nicht fürchten, die doch sterben müssen, 
sondern ich will viel lieber meinen himmlischen Vater 
fürchten, der mir das Leben gegeben hat; verliere ich 
es dann auch (um seinetwillen), so kann Er mir es wie- 
dergeben. Darum sind sie von mir geschieden. Der 
allmächtige, starke und gewaltige Gott, unser himm- 
lischer Vater, der uns allezeit das Feld erhalten hilft, 
und diejenigen nicht verlässt, die ihre Hoffnung auf 
Ihn gesetzt haben und ihren Glauben an Ihn nimmer- 
mehr verändern (der Herr, unser Gott, der in dem 
höchsten Throne der Herrlichkeit sitzt) wolle uns zu 
Hilfe kommen; Er ist allein würdig Lob und Dank zu 
nehmen, Ehre und Preis und Segen, von Ewigkeit zu 
Ewigkeit, Amen. 

Hiermit grüße ich meine lieben Eltern, Bruder und 
Schwester sehr herzlich mit dem Frieden des Herrn. 
Liebe Freunde, wenn ihr euer Gebet vor den Herrn 
bringt, so vergesst mich nicht; ich werde euch auch 
nicht vergessen; der Herr wolle unser Helfer sein, 
Amen. 

Noch einmal grüße ich insbesondere Vater und Mut- 
ter, Bruder und Schwester, und ferner alle Gläubigen 
und Liebhaber der Wahrheit, bittet sämtlich herzlich 
für mich. So viel als mir der Herr Gnade gegeben hat, 
hoffe ich meinen Fleiß anzuwenden. Gott sei mit uns 
allen, Amen. 

Diesen Brief habe ich schreiben lassen, als ich um 
des Zeugnisses der Wahrheit willen in der Stadt Luyk 



828 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


gefangen lag, im Jahre 1595. Ich, Maeyken Wouters, 
ein schwaches Glied der christlichen Gemeinde, die 
ich die Malzeichen meines Herrn an meinem Leibe 
trage; nun, gute Nacht euch allen. 

Anneken von den Hove, 1597. 

Unter der Regierung des Erzherzogs Albert ist zu 
Brüssel eine Jungfrau, genannt Anneken von den Ho- 
ve (eine Dienstmagd und des Nicolaus Rampaerz 
Schwester) um ihres Glaubens willen, und weil sie 
Christo nachfolgte, in Verhaft genommen worden, 
welches (wie man sagte) durch Verräterei des Pfar- 
rers von der Savelkirche zu Brüssel geschah. 

Diese Anneken hat zwei Jahre und sieben Monate 
gefangen gesessen, in welcher Zeit sie sowohl von den 
Pfaffen, Mönchen, Jesuiten, als anderen, die sie zum 
Abfall von ihrem angenommenen Glauben zu bringen 
suchten, große Anfechtungen erlitten hat. Aber wel- 
che Mühe sie auch anwandten, durch Verhöre, Qua- 
len, schöne Verheißungen, Bedrohungen, langwierige 
Gefangenschaft und dergleichen, so ist sie dessen un- 
geachtet in dem Glauben an ihren Herrn und Bräuti- 
gam stets standhaft geblieben; endlich den 9. Juli 1597 
sind noch einige Jesuiten zu ihr gekommen und ha- 
ben sie gefragt, ob sie sich noch bekehren lassen wolle, 
so wollte man sie freilassen. Darauf hat sie mit Nein 
geantwortet. Sie boten ihr nachher an, sie wollten ihr 
noch sechs Monate Bedenkzeit geben, aber sie hat 
keine Frist begehrt, sondern gesagt, sie möchten tun, 
wie es sie gut dünkte, denn sie verlangte nach dem 
Ort zu kommen, wo sie dem Herrn ein angenehmes 
Opfer tun könnte. Als diese Antwort bei den Richtern 
angebracht wurde, haben sie ihr zwei Stunden darauf 
angesagt, sie sollte sich bereit machen, wenn sie ster- 
ben wollte, es sei denn, daß sie sich noch bekehren 
wollte. 

Deshalb ist das Hofgericht in Begleitung einiger Je- 
suiten um acht Uhr mit ihr eine halbe Meile vor die 
Stadt Brüssel gegangen, wo ein Loch oder Grab ge- 
macht wurde; unterdessen hat sie sich selbst freiwillig 
entkleidet, worauf man sie lebendig in das Loch oder 
die Grube gelegt hat, und als sie zuerst die Beine mit 
Erde bedeckten, haben die Jesuiten, die dabei waren, 
sie gefragt, ob sie sich noch nicht bekehren und ab- 
stehen wollte. Sie antwortete, nein, sondern, sie wäre 
froh, daß die Zeit ihres Abschiedes so nahe vor der Tü- 
re wäre. Als die Jesuiten ihr vorhielten, daß sie nicht 
allein zu erwarten hätte, daß ihr Leib in der Erde le- 
bendig begraben werden würde, sondern daß auch 
ihre Seele die ewige Pein des Feuers in der Hölle zu 
erleiden hätte, antwortete sie, sie hätte ein ruhiges Ge- 
wissen und wäre versichert, daß sie selig stürbe und 


das ewige unvergängliche Leben voller Freude und 
Wonne im Himmel bei Gott und allen seinen Heiligen 
zu erwarten hätte. 

Unterdessen hat man immer Erde und (wie wir 
berichtet worden sind) dicke Rasenstücke oder abge- 
stochene Klöße von grasigem Lande auf ihren Leib 
geworfen und sie damit bis an den Hals bedeckt, aber 
wie sehr man ihr auch mit Fragen und Bedrohungen 
zusetzte und ihr verhieß, sie frei aus der Grube zu 
lassen, wenn sie widerrufen wollte, so war doch alles 
vergeblich, sie wollte nichts davon hören. 

Darauf hat man endlich auf ihr Angesicht und den 
ganzen Leib noch viele Erde (abgestochenen Rasen) 
geworfen und mit den Füßen darauf gestampft, damit 
sie desto eher sterben möchte. 

So war das Ende dieser frommen Heldin Jesu Chris- 
ti, die ihren Leib der Erde übergeben hat, damit ihre 
Seele den Himmel erlangen möchte; also hat sie einen 
guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, Glauben 
gehalten und die Wahrheit ritterlich bis in den Tod 
bezeugt. 

Weil sie denn nun ihren lieben Vorgänger Christum 
Jesum so lieb hatte, daß sie Ihm nicht zur kananäi- 
schen Hochzeit, sondern selbst zum Galgenberg (so 
zu sagen) nachgefolgt ist, so kann ihr die Ehre und der 
Name einer treuen Märtyrerin, die um seines Namens 
willen dieses alles erlitten hat, nicht entzogen werden. 

Darum wird sie auch dermaleinst als eine kluge 
Jungfrau, ja, als eine liebe Freundin des Herrn, wenn 
sie ihrem himmlischen Bräutigam entgegen gehen 
wird, in den himmlischen Sälen der unsterblichen 
Herrlichkeit mit allen standhaften Dienern und Die- 
nerinnen Gottes freudig bewillkommt und aufgenom- 
men werden. 

O Gott, sei auch uns, die wir noch leben, gnädig, 
damit wir bis ans Ende treu bleiben und mit ihr nebst 
allen Heiligen dein seliges Erbteil empfangen mögen. 

Nachbericht von der Ursache des Todes der 
Anneken von den Hove. 

Man ist von langer Zeit her der Meinung gewesen 
(wozu einige Reformierte die Veranlassung gegeben 
haben), daß die vorgemeldete Anneken von den Hove 
um des Calvinischen oder sogenannten reformierten 
Glaubens willen gestorben sei, aber man hat diesem 
von jeher sowohl durch mündliche als schriftliche 
Zeugnisse mit Recht widersprochen; unter andern 
durch einen Brief, der im Monat Juli (als sie aufgeop- 
fert ward) von jemandem von Antwerpen an einen 
seiner Freunde geschrieben worden ist, worin gemel- 
det wird (nach päpstlicher Weise), daß sie lebendig 
bei Brüssel begraben worden sei, weil sie zu den Ana- 



829 


baptisten oder Wiedertäufern gehört habe. 

Ein Jahr darauf, nämlich 1598, ist durch öffentlichen 
Druck die katholische Schutzschrift durch Franciscus 
Kloster erschienen, worin Blatt 160 die Worte gefun- 
den werden: Auch hat man zu Brüssel der Anneken 
von den Hove nicht Unrecht getan, weil man mit ihr 
nach den alten Gesetzen der Kaiser verfahren ist, viel- 
weniger dürfen die Calvinisten die Herren anklagen, 
denn sie ist als Mennonitin und Wiedertäuferin er- 
funden worden, von welchen Calvin selbst bekennt, 
daß sie gestraft werden müssten. Siehe vorgemeldetes 
Buch, gedruckt zu Antwerpen bei Joachim Trogesius 
1598 an dem angeführten Orte. 

Nachher ist im Jahre 1601 ein anderes Buch zu Ant- 
werpen, durch Hieronymus Verdrussen gedruckt, her- 
ausgegeben worden, genannt Kurze und wahrhafte Er- 
zählung von dem Leiden einiger frommer und herrlicher 
Märtyrer [...], worin sie kurz vor ihrem Ende für eine 
Wiedertäuferin ausgegeben wird. 

Außerdem hat auch ein gewisser Schulmeister und 
Küster der päpstlichen Kirche zu Aelst, der damals in 
Brüssel hart an der Steinpforte, wo sie gefangen war, 
wohnte und ihr öfters zu essen gebracht hatte, münd- 
lichen Bericht davon abgestattet (nach glaubwürdigen 
Zeugnissen), daß sie einen solchen Glauben und eine 
solche Religion wie die Mennoniten gehabt habe. 

Auch war es damals und kurz darauf zu Brüssel ein 
allgemeines Gespräch unter denen, die einige Kennt- 
nis von ihrem Glauben hatten, daß sie darin mit den 
Anabaptisten oder Wiedertäufern einstimmig gewe- 
sen sei. 

Erzählung des Untergangs einiger Tyrannen dieser 
letzten Verfolgung. 

Wir wollen dieses Jahrhundert mit demjenigen be- 
schließen, womit sich vormals unser altes Opferbuch 
auch geendigt hat, und den Untergang einiger Tyran- 
nen erzählen, welche keine geringe Ursache dieser 
letzten und schwersten Verfolgung gewesen sind. 

Gleichwie der alte Mann, der von dem König Antio- 
chus nach Jerusalem gesandt war, um dort viele Gräu- 
el anzurichten und wider das Gesetz Gottes zu ty- 
rannisieren, dennoch das Volk Gottes und das Gesetz 
nicht hat unterdrücken können, sondern das Wachs- 
tum derselben trotz der Verfolgung hat sehen und da- 
neben leiden müssen, daß sich das Land durch Kriege 
und Aufruhr dem König widersetzt hat, eben also 
ist es auch dem alten Ferdinand Alvares von Tole- 
do, sonst Herzog von Alba genannt, ergangen, den 
der König Philipp der Zweite von Spanien in die Nie- 
derlande gesandt hatte. Wie sehr er auch darnach 
getrachtet hat, daß jedermann den Gräuel der Abgöt- 


terei annehmen und denselben über Gott und sein 
Wort verehren möchte, ja, wie sehr er auch gewütet 
hat, die rechten Liebhaber der göttlichen Wahrheit 
und eifrigen Nachfolger des heiligen Evangeliums 
auf einmal auszurotten, so hat er doch seinen frevel- 
haften Vorsatz nicht vollbringen und sein wütendes 
und blutdürstiges Gemüt nicht sättigen können, denn 
unter seiner strengen und blutigen Verfolgung hat die 
Gemeinde der Gottesfürchtigen, die reine Braut Chris- 
ti, wie eine schöne Rose unter den stechenden Dornen 
allezeit geblüht und ist fruchtbar gewesen, zum Lobe 
des Allerhöchsten. 

Aber er selbst, der über alle Herren in den Nie- 
derlanden zu herrschen und andere zu unterdrücken 
suchte, hat von einigen unter denen, die er zu ver- 
tilgen suchte, welche doch nicht zu den wehrlosen 
Schafen Christi gehörten, harten Widerstand erlitten, 
sodass er, nachdem er in sieben Jahren seine Lust im 
Blutvergießen, Würgen und Morden um des Glaubens 
willen gebüßt hatte, als das Land um seinetwillen voll 
Krieg war, mit Schanden hat abziehen müssen, und 
mit ihm Jan Vergas, einer seiner Bluträte, was von vie- 
len als eine Strafe Gottes für seine Bosheit angesehen 
wurde. 

Aber noch schärfer lief es ab mit Jakob Hessel, ei- 
nem der vornehmsten in seinem Mordgericht, und 
Jan de Vis, Amtmann von Ingelmünster, welche kurze 
Zeit darauf, ohne daß das Urteil gefällt und ihnen an- 
gekündigt worden wäre, aus dem Gefängnis geholt, 
vor die Stadt Gent hinausgeführt und an einem Baum 
auf gehängt worden sind. 

Und wie sie viele unvermutet zum Tode verurteilt 
haben, ebenso hat man sie auch unvermutet umge- 
bracht, und es ist ihnen auf solche Weise mit eben 
demselben Maße gemessen worden, womit sie andern 
gemessen haben, woran man die gerechte Strafe Got- 
tes über diejenigen, die Christum und seine Glieder 
verfolgen und töten, wohl erkennen kann. 

Ein Beispiel hiervon liefert auch der Oberamtmann 
von Halewyn, genannt Georg de la Rave, der zur Ty- 
rannei über die Kinder Gottes durch Verfolgen, Verja- 
gen, Fangen und auf andere Weise mitgeholfen hatte, 
welcher, als er im Jahre 1571 unter andern auch einen 
Hutmacher, Adrian Janß genannt, der zu Ryssel um 
seines Glaubens willen verbrannt worden ist, in Ver- 
haft hat nehmen lassen, das Jahr darauf an demselben 
Ort, wo Adrian gefangen saß, einigen trunkenen Leu- 
ten begegnet ist, mit welchen er nebst seinen Dienern 
in ein Gezänk und in eine Schlägerei geriet, wobei 
er so stark verwundet wurde, daß er lange Zeit an 
der Verletzung im Bett gelegen hat, und zuletzt mit 
unruhigem Gemüt eines schmerzhaften Todes gestor- 
ben ist. Er ließ vor seinem Ende mehrere Beichtväter 



830 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


kommen, die ihm gleichwohl den nagenden Wurm 
des anklagenden Gewissens nicht benehmen konn- 
ten, sondern er musste als ein Tyrann sein Leben in 
Unruhe endigen. 

Wie schwer es aber fällt, wider den Stachel zu le- 
cken, ist insbesondere an Peter Titelman, Diakon von 
Ronse, zu ersehen, welcher der bedeutendste Ketzer- 
meister in Flandern war; derselbe wurde um diese 
Zeit zu Kortryck mit einer schweren Krankheit von 
Gott heimgesucht, denn die Läuse brachen so häufig 
aus seinem bösen Leibe, daß man ihn davon nicht hat 
reinigen können, obgleich man ihn wohl zwei- oder 
dreimal des Tages mit schöner Leinewand und der- 
gleichen erfrischt und gereinigt hatte, es war jedoch 
kein Hilfsmittel ausreichend, bis er endlich auf solche 
Weise sehr elend und jämmerlich gestorben ist. 

Von diesem Diakon von Ronse wird noch erzählt, 
daß er einst mit einer geringen Anzahl Menschen aus- 
gezogen sei, um die Zeugen Gottes in Verhaft zu neh- 
men und sie den Peinigern und Mördern in die Hände 
zu geben. Als er nun an einem Abend in eine Herber- 
ge kam, zu einem Schulzen, der mit vielen von sei- 
nen Dienern ausgezogen war, um die Landstreicher 
und bösen Menschen zu fangen, sagte der Schulze 
zu Ronse mit Verwunderung, wie er mit so wenigen 
Dienern sein Leben wagen möchte, andere Leute zu 
fangen, denn wenn ich das täte (sagte er) ich würde 
das Leben nicht lange behalten. Darauf antwortete der 
Diakon Ronse, er wäre hierin ohne Furcht, weil er nur 
ausgezogen wäre um gute Menschen zu fangen, von 
welchen er keine Gefahr zu erwarten hätte. Darauf 
antwortete der Schulze (über Ronses Reden, die ihm 
sehr bedenklich geworden), fängst du die guten Leute, 
und ich die Bösen, wer kann dann ungefangen blei- 
ben? Hiermit hat dieser Diakon von Ronse über sich 
selbst Zeugnis gegeben, daß er seine Hände an die 
Gerechten gelegt, die ihm keinen Widerstand geleistet 
hätten. Ebenso ist auch aus dieses Schulzen Reden 
zu ersehen, daß er selbst wohl gewusst hat, daß die 
Macht der Obrigkeit nur zur Bestrafung der Bösen, 
und zum Schutz der Guten angewandt werden müsse, 
und daß deshalb dieser Ronse mit seinen Anhängern 
seine Macht an diesen Leuten schändlich missbraucht 
habe. 

Ferner hat es sich zu Dixmuyden in Flandern im 
Jahre 1553 zugetragen, als der fromme Wouter Ca- 
pelle, dessen in diesem Buch gedacht wurde, um der 
Wahrheit willen verbrannt worden ist, daß dort ein 
einfältiger, alberner Mensch lebte, der von den Herren 
von Dixmuyden unterhalten wurde; dieser ging von 
einem Haus zum andern, und wurde so von den gu- 
ten Leuten gespeist. Weil nun der vorgenannte Wouter 
Capelle (seines Handwerks ein Zeugmacher) ein sehr 


mildtätiger Mann gegen die Armen war, der von sei- 
ner Hände Werk mitteilte, so ist dieser alberne Mensch 
zwei oder drei Tage vor Wouters Verhaftung, spät 
Abends, in dessen Haus gekommen. Wouter fragte 
ihn, ob er zu essen begehre; er bejahte diese Frage, 
worauf ihm Wouter zweimal ein Stück geholt hat, bis 
er nichts mehr begehrte. Als nun Wouter Capelle zum 
Feuer verurteilt war, hat dieser alberne Mensch geru- 
fen: Ihr Diebe und Mörder, ihr vergießt unschuldiges 
Blut; dieser Mann hat nichts Böses getan, sondern hat 
mir reichlich zu essen gegeben. Solches rief er bestän- 
dig, und als Wouter zum Feuer geführt wurde, ist 
er auch mit hinzugetreten, um mit dem Verurteilten 
ins Feuer zu laufen, sodass sie ihn mit Gewalt ha- 
ben fortschaffen müssen. Als Wouter tot war, ist der 
verbrannte Leib außerhalb der Stadt auf das Galgen- 
feld gebracht worden; dahin ist dieser alberne Mensch 
täglich gelaufen und hat weder Schnee noch Regen ge- 
scheut, hat mit seinen Händen über den verbrannten 
Leib gestrichen und gesagt: Ach, armes Blut, du hast 
ja nichts Böses getan, und gleichwohl haben sie dein 
Blut vergossen, und du hast mir so reichlich zu essen 
gegeben. Endlich, als der Leib von den Vögeln fast 
verzehrt war, hat dieser Mensch das ganze Gerippe 
herangenommen, hat solches auf seine Schultern ge- 
legt, und ist damit zur Stadt hinein gelaufen; da sind 
ihm viele Menschen nachgegangen, um zu sehen, wo- 
hin er es bringen würde; er ist aber damit nach dem 
Herrn Stadtbürgermeister gelaufen, und als er dessen 
Türe geöffnet, hat er das ganze Gerippe in den Saal 
geworfen und gesagt (wo mehrere Herren beisammen 
waren): Ihr Diebe und Mörder, habt ihr das Fleisch 
von diesem gegessen, so esst nun die Beine auch. Es 
haben auch die Herren von Dixmuyden auf des vorge- 
meldeten Wouter Capelle Richtplatze einen eisernen 
Pfahl gesetzt, zum Zeichen und immerwährendem 
Andenken, daß dort (nach ihrer Meinung) ein Ketzer 
verbrannt worden sei; darauf ist es geschehen, daß 
der Bürgermeister dieser Stadt (dem er das Gerippe 
ins Haus geworfen hat) todkrank geworden ist. Es 
hat ihn aber die Krankheit so ergriffen, daß er wie 
wahnsinnig gerufen hat, er hätte den Engel Gottes mit 
des verbrannten Wouter Capelles Seele über den Pfahl 
fliegen sehen. Solches hat er beständig gerufen, bis die 
Herren diesen eisernen Pfahl wieder wegnehmen lie- 
ßen; hierauf hat er zwar nachgelassen zu rufen, er ist 
aber bald darauf sehr elend gestorben. Hierdurch sind 
(wie es scheint) die Herren zu Dixmuyden dergestalt 
erschreckt worden, daß sie nachher kein unschuldi- 
ges Blut mehr vergossen haben. Auch könnt ihr von 
der strafenden Hand Gottes, die Er sehr merkwürdig 
an den blutdürstigen Tyrannen und Verfolgern sei- 
nes Volkes bewiesen hat, in einem Sendbrief Menno 



831 


Simons sei. Ged. lesen, den er damals an Mertynus Mi- 
kron geschrieben hat, welches vorgemeldetem Menno 
zum Teil selbst begegnet ist, und der wie folgt lautet: 

Es ist ungefähr vor achtzehn Jahren geschehen, daß 
ein trefflicher und hochgeachteter Mann, bei der Welt 
hoch angesehen, dessen Namen und Vaterland ich 
verschweige, einen bösen und giftigen Rat gab, daß 
man mich und alle Frommen ausrotten sollte; er hatte 
aber seine gottlosen Gedanken kaum ausgesprochen, 
so hat ihn die strafende Hand des Allerhöchsten er- 
reicht, denn er ist bei der Tafel niedergestürzt, und 
hat so sein unbußfertiges, blutdürstiges und gottloses 
Leben in einem Augenblick erschrecklich geendigt. O 
erschreckliches Urteil! Geschehen um das Jahr 1539. 

Solches ist auch um dieselbe Zeit einem andern be- 
gegnet, der sich dahin aussprach, er wollte das Netz 
dergestalt über mich werfen, daß ich ihm nicht leicht 
würde entgehen können. Derselbe ist ebenfalls wäh- 
rend der Mahlzeit, bei welcher er diese Worte redete, 
von des Herrn Bogen mit einem Pfeil schnell durch- 
schossen, das heißt, mit einer schweren Krankheit 
heimgesucht, und von dem allmächtigen, strafenden 
Gott zur Rechenschaft gefordert, sodass er innerhalb 
acht Tagen begraben worden ist. 

Noch ein anderer, der ein Kriegsbedienter des Kai- 
sers an einem bestimmten Ort werden sollte, hat sich 
verlauten lassen, er wollte dieses Volk ausrotten, oder 
es müsste dem Kaiser an Macht mangeln. Nachdem 
er aber an dem Ort seiner Bestimmung angelangt war, 
um seine Stelle anzutreten und das ihm anvertraute 
Amt zu bedienen, haben sie vier oder fünf Tage nach- 
her die Glocken über ihn geläutet, und das Requiem 
(Ruhe) ihm gesungen. 

Seht, so vernichtet Gott der Herr die Anschläge der 
Gottlosen, die seinen heiligen Berg bestürmen, und 
vernichtet alle diejenigen, die seine Wahrheit hassen, 
und ihr feind sind. 

Auch ist es im Jahre 1554 zu Wisbuy in Godland 
geschehen, daß drei von unsern Brüdern sich dort 
aufhielten, um ihr Brot zu verdienen. Es war aber ein 
Prediger in dieser Stadt, Lorentius genannt, welcher 
von seines Vaters Geiste getrieben wurde; dieser rief 
ihnen auf der Straße nach und lästerte sie so viel er 
konnte, sie sollten ihr Gewerbe (sagt er) dort nicht trei- 
ben, und sollte es ihn auch kosten, was er mit seinem 
Kleide umgürtet hätte (das war Leib und Seele). Nach 
wenigen Tagen ist er mit einem von jenen Brüdern ins 
Gespräch gekommen, wobei noch ein anderer Predi- 
ger zugegen war (der etwas aufrichtiger von Natur 
war); er lästerte sehr, und stellte sich abscheulich an. 
Der starke Herr aber hat ihn in ihrer beider Gegen- 
wart dergestalt erschreckt, daß ihm die Sprache auf 
einmal genommen wurde, und daß er innerhalb ein- 


undzwanzig Stunden (leider!) unter die Toten versetzt 
wurde. O erschreckliche Strafe und gerechtes Urteil 
Gottes! 

Fast auf gleiche Weise trug es sich auch zu Wismar 
zu, wo sie einen Schreiber angenommen hatten, den 
Doktor Smedesteed; derselbe ließ sich hören, daß er 
lieber einen Hut voll Blut von uns hätte, als einen 
Hut voll Gold, und überredete die Obrigkeit (die au- 
ßerdem solche Ohrenbläser gern hat und hört), daß 
man den armen Kindern gegen den grimmig kalten 
Winter ansagte, sie sollten sich noch vor Martini von 
dort fortbegeben, oder man wollte sie dahin bringen, 
wo sie nicht gern sein würden. Smedesteed war sehr 
erfreut, weil sein Wunsch erfüllt worden war, doch zu 
seinem schweren Gericht, denn an eben demselben 
Tage hat der allmächtige, große Herr seine grimmi- 
ge Hand an ihn gelegt, und hat ihn innerhalb sechs 
oder sieben Tagen durch eine grausame und schwere 
Krankheit hinweggenommen. Und gleichwohl merkt 
die verstockte, blinde und dumme Welt nicht auf! 

Im Jahre 1555 hat es sich noch einmal in derselben 
Stadt zugetragen, daß ein Prediger war, Vincentius ge- 
nannt (der es auch noch ist), welcher niemals des gott- 
losen Lästerns und heftigen Scheltens müde wurde. 
Er sagte an einem Tage (den sie des Herrn Himmel- 
fahrt nennen, und wo sie das Evangelium verhandeln: 
Wer da glaubt und getauft wird, soll selig werden, 
Mk 16.), er wollte auf uns schelten und lästern, solan- 
ge ihm sein Mund auf stände. Sofort aber hat ihm die 
starke Kraft Gottes den Mund geschlossen und seine 
Zunge gebunden, indem er auf der Kanzel niederfiel, 
sodass ihn einige van der Kanzel tragen mussten, und 
als einen von Gott Gestraften stumm in sein Haus 
trugen. Seht, so kann er diejenigen strafen, die seinen 
Augapfel anrühren und kränken wollen. 

Wenn ich alle Geschichten erzählen sollte, die sich 
zu meiner Zeit an den Feinden der Heiligen zugetra- 
gen haben, sie würden eine besondere Chronik und 
ein ganzes Buch ausmachen. So weit Menno Simon. 

Hierher gehört dasjenige, was dem gemeldeten (got- 
tesfürchtigen) Menno Simon selbst begegnet ist, wel- 
cher von einem Verräter um eine Summe Geldes ver- 
kauft worden ist, der ihn entweder den Tyrannen in 
die Hände liefern oder selbst seinen eigenen Kopf 
dafür lassen wollte, was ihm jedoch (zu seinem eige- 
nen Schaden) nicht gelungen ist, wiewohl er seinen 
äußersten Fleiß daran gewandt hat, denn er hat sich 
auch zur Versammlung begeben, und den Ort ihrer 
Zusammenkunft genau ausgekundschaftet; dessen 
ungeachtet aber ist der gemeldete Menno seinen Hän- 
den auf eine wunderbare Weise entgangen. 

Gleichwohl aber hat es sich getroffen, daß der Verrä- 
ter mit dem Offizier oder Edelmann (die ausgezogen 



832 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


waren, den Menno zu suchen und zu fangen) unver- 
mutet demselben in einem kleinen Rachen auf dem 
Kanal begegnet sind. Der Verräter aber schwieg still, 
bis Menno eine Strecke von ihnen ab war, welcher 
auf das Land sprang, um mit weniger Gefahr zu ent- 
laufen. Hinterher sprach jener: Seht da, der Vogel ist 
uns entwischt. Der Offizier strafte ihn darum, schalt 
ihn einen Schelm und sagte, warum er es nicht früh 
genug gesagt hätte. Aber der Verräter antwortete: Ich 
konnte nicht reden, denn meine Zunge wurde mir 
gehalten. Solches haben die Herren so übel aufgenom- 
men, daß sie den Verräter hart gestraft haben, allen 
blutdürstigen Verrätern zur Warnung und Lehre. 

An diesen und dergleichen Exempeln, wovon in die- 
sem Buch an verschiedenen Stellen gehandelt worden 
ist, wie auch in beiden Testamenten an dem mörderi- 
schen Kain, Pharao, Isabel, Antiochus, Herodes und 
vielen andern kann die strafende Hand des allmäch- 
tigen Gottes offenbar gesehen und bemerkt werden, 
und wie schwer diejenigen sich an dem Gott des Him- 
mels und der Erde versündigen, die hier sein Volk 
beleidigen, verfolgen und töten, wie auch, welche un- 
erträgliche Strafe dieselben in der Wiederkunft Christi 
vom Himmel zu erwarten haben, wovon diese zeit- 
liche Strafe nur ein Anfang und Vorgeschmack ist, 
indem der Sohn Gottes (an dem Tage, an welchem er 
sich aufmachen wird, Zion zu rächen) alles Leid, wel- 
ches den Seinen angetan worden ist, aufnehmen wird, 
als ob Ihm selbst in seinen Augapfel gegriffen worden 
wäre; alsdann werden alle Verfolger mit allzu später 
Reue Leid tragen und vor Angst des Geistes seufzen, 
indem sie die Gerechten, die ihnen doch keinen Wi- 
derstand geleistet, verurteilt und getötet haben. 

Darum sagt die weise Frau Judith in ihrem Lob- 
gesang: Wehe den Heiden, die mein Volk verfolgen, 
denn der allmächtige Herr rächt sie und sucht sie 
heim am Tag der Rache; Er wird ihren Leib plagen mit 
Feuer und Würmern, und sie werden brennen und 
heulen in Ewigkeit. 

Ach, wie gut wäre es allen tyrannischen Menschen, 
daß sie diese und dergleichen Sprüche der heiligen 
Schrift bedachten und zu Herzen nähmen, und nicht 
mehr wider den hohen Gott stritten, denn an jenem 
Tag (vor dem Richterstuhl Christi) müssen sie schwe- 
re Rechenschaft davon geben; denn der Glaube wird 
allein von Gott gegeben, und kann von keinem Men- 
schen (wie hoch geachtet er auch ist) gegeben oder 
genommen werden. So sollten auch alle Fürsten und 
Herren die Glaubenssachen dem Schöpfer aller Din- 
ge anbefehlen, welcher allein aller Menschen Herzen 
und Nieren kennt und die verborgenen Gedanken 
und Sinne des Herzens, als klar entdeckt vor seinen 
Augen, weiß und sieht, vor dessen hoher Majestät 


endlich der Richter und Verurteilte miteinander wer- 
den erscheinen müssen. Dieser wird den Erdkreis mit 
Gerechtigkeit richten und jedem den Glauben Vor- 
halten; dieser wird dem das Recht nach der Wahr- 
heit sprechen, der entweder aufrichtig oder falsch 
geglaubt und gehandelt haben wird. Hierzu wollen 
wir allen Herren und Fürsten, als zu ihrem eigenen 
Glück, aus dem Innersten unserer Seele geraten und 
sie darum gebeten haben. Ach, der allmächtige Gott 
wolle allen Fürsten und Herren (die das Schwert des 
Gerichtes empfangen haben) die Gnade geben, daß 
sie ihr Schwert und ihre Macht nicht weiter gebrau- 
chen möchten, als nur gegen die Leiber und Güter der 
Menschen in bürgerlichen Sachen zur Strafe der Übel- 
täter und zum Schutz der Frommen, wozu dasselbe 
ihnen von Gott gegeben ist, und daß sie den allmäch- 
tigen Gott einen Herrn und Richter über den Glauben, 
die Seele und das Gewissen der Menschen bleiben 
ließen, was Ihm, dem Gebenedeiten, doch allein zu- 
kommt, und daß sie dabei bedächten, wie kurz und 
unsicher das Leben des Menschen ist, auch wie bald 
diese irdischen Reiche von einem Volk auf das andere 
fallen. Und wenn die Herren, die ihre Regierung antre- 
ten, einer andern Religion sind, als diejenigen, welche 
von derselben abgetreten, so steht Stadt und Land in 
großer Gefahr, durch Meuterei und Aufruhr zu Grun- 
de zu gehen, wenn sie anders alle ihre Untertanen zu 
ihrer angenommenen Religion bringen wollen, oder 
der Pöbel muss sich zur Heuchelei bequemen, um 
dadurch der angedrohten Strafe zu entgehen; denn 
es fehlt doch solchen Herren selten an dergleichen 
Predigern, welche um der großen Besoldung willen 
den Herren nach ihrem Gefallen predigen. 

Daß man doch einmal bedächte, wie viele tausend 
Menschen seit vielen Jahrhunderten durch den Religi- 
onsstreit ihres Lebens und ihrer Güter beraubt worden 
sind, weil die Obrigkeit, auf den Antrieb ihrer Predi- 
ger, das ganze Land zu ihrer Religion zwingen will, 
wodurch doch nichts gebessert worden, sondern alles 
in einem beständigen Streit geblieben ist. Man kann 
aber leicht merken, wie blind und ohne Verstand in 
dieser Sache gehandelt wird, denn man findet ja klar 
und in reichlichem Maße, daß auch selbst des Herrn 
Gesandte und hocherleuchtete Apostel nur einen ge- 
ringen Teil der Menschen zu einer Religion haben 
bringen können, und daß zu ihrer Zeit (außer der 
unzähligen Menge der Ungläubigen und Wahrheits- 
verfolger) noch diele falsche Apostel und betrügliche 
Arbeiter gewesen seien, die Christum aus Haß und 
Zank und nicht rein gepredigt haben, daß also Chris- 
tus zu rechter Zeit und zur Unzeit auf vielerlei Weise 
verkündigt worden ist. Wer wollte nun glauben, daß 
jetzt in dieser neuesten und bösen Zeit (in welcher die 



833 


Ungerechtigkeit die Oberhand gewonnen hat) gan- 
ze Länder und Königreiche durch das Schwert und 
durch den Zwang der Obrigkeit in den Gehorsam 
der apostolischen Lehre sollten gebracht weiden kön- 
nen, umso weniger, weil Christus selbst sagt, daß es 
in seiner Zukunft gehen werde, wie in den Zeiten 
Noahs und Lots. Daher scheint auch der Herr Jesus 
gleichsam im Zweifel zu fragen, ob in der Zukunft des 
Menschen Sohnes auch Glaube auf Erden gefunden 
werden würde. 

Von Anfang der Welt her ist die Zahl der Gläubi- 
gen sehr klein unter den Menschenkindern gewesen; 
ebenso ist auch der Glaube (wie Paulus sagt) nicht 
jedermanns Ding, und es liegt, nach des Apostels Leh- 
re, die ganze Welt im Argen. Alles, was in der Welt 
ist, Fleischeslust, Augenlust und hoffärtiges Leben 
ist nicht vom Vater, sondern von der Welt; die Welt 
aber mit ihren Lüsten wird vergehen. Darum scheint 
auch Salomo diese Welt mit allem ihrem gottlosen 
Wesen mit einem herrlich aufgeputzten Weib im Hu- 
renschmuck zu vergleichen, die listig, wild und un- 
gebunden ist, sodass ihre Füße in ihrem Haus nicht 
bleiben können; wodurch sie den törichten Jüngling 
verführt und betrogen hat, daß er ihr in der Bosheit 
nachgefolgt ist. 

Vergleiche man nun einmal hiermit diese gegenwär- 
tige, arge Welt, wie man denn sieht, daß alle Städte 
und Länder mit Pracht, Prahlen, Fluchen und Schwö- 
ren, Sauf- und Ballhäusern, Tanzstuben und schändli- 
chen, unzüchtigen Hurenhäusern verunreinigt sind, 
sodass man mit offenen Augen sehen kann, wie schön 
aufgeputzt und geschmückt die Welt den Teufel ehrt, 
und welch eine unzählige Menschenmenge, insbeson- 
dere die Jugend, sich einander dahin locken und ver- 
führen lässt, während man gewiss weiß, und es von 
allen gegen einander streitenden Sekten auch einstim- 
mig bekannt wird (laut der ausgedrückten Worte Got- 
tes), daß das Ende solchen Lebens und Wandels (ohne 
wahre Früchte der Buße) der ewige Tod ist. Dessen 
ungeachtet findet man nicht, daß die Prediger (die- 
se Bosheit zu verhindern) an der Obrigkeit arbeiten, 
um dieses ausgemachte Übel und diesen Seelenbetrug 
durch strenge Befehle und leibliche Strafen nach allen 
Teilen auszurotten; aber in Betreff der Religion, worin 
doch durch die Schalkheit und Scharfsinnigkeit der 
Menschen so manche Streitpunkte, wie auch zweifel- 
hafte und streitige Verhältnisse entstanden sind, sieht 
man sie nach ihrem Vermögen beschäftigt zu strafen, 
auszurotten und eines andern Glauben und Gewis- 
sen zu zwingen, obgleich man dieselben keineswegs 
der gemeldeten Übel beschuldigen kann. Dabei lehrt 
es die Erfahrung, daß viele dieser Prediger in ihrem 
Glauben selbst so unsicher und wankelmütig sind. 


daß sie auch, auf Begehren der Obrigkeit, ihren Glau- 
ben wohl so oft verändern würden, als das Chamäleon 
seine Farbe, ehe sie um den Glauben ihre großen Ein- 
künfte aufgeben würden. Darum ist unsers Herzens 
Wunsch und unsere ernstliche Bitte an alle Oberher- 
ren, sie wollen doch solchen verräterischen Predigern 
(die anderer Leute Schaden und Verderben suchen) 
kein Gehör geben, sondern ihre Macht gebrauchen 
zur Strafe der Übeltäter und zum Schutz der From- 
men, damit wir unter ihnen ein stilles und ruhiges 
Leben führen mögen in aller Gottseligkeit und Ehr- 
barkeit, und daß wir also sämtlich am jüngsten Tage 
vor dem Richterstuhl Christi Trost und Gnade finden 
mögen, wenn uns Gnade und Trost höchst nötig sein 
wird. Hierin wolle uns der Herr durch seinen Geist 
stärken und bewahren, Amen. 

Abschied aus dem sechzehnten Jahrhundert. 

Unsern Ausgang aus dieser sechzehn hundert jäh- 
rigen Zeit wollen wir mit einem Beschluss machen, 
welcher dem Märtyrerer-Spiegel von dem Jahre 1631 
als Schluss angehängt worden ist, worin wir, so viel 
den Sinn desselben betrifft, nichts anderes reden wer- 
den, als was auch unsere lieben Mitgenossen daselbst 
geredet haben. 

Wir haben dir (günstiger Leser) viel schöne Exem- 
pel vor Augen gestellt, die wir zum Teil vor Zeiten 
öffentlich gedruckt gefunden haben und die uns zum 
Teil neulich aus den Büchern des Blutgerichts der Städ- 
te und Länder zu Händen gekommen sind, von Män- 
nern, Weibern, Jünglingen und Jungfrauen, die in dem 
rechten Glauben ihrem Heiland, Christo Jesu, treulich 
nachgefolgt sind, die Gott aus dem Innersten ihrer 
Seele gefürchtet und das ewige Leben mit reinem Her- 
zen gesucht haben, welche auch vor aller Welt in der 
Liebe und Kraft Gottes, als klarscheinende Lichter ge- 
leuchtet haben, aus deren Mund die Weisheit und des 
Herrn heiliges Wort und Lehre geflossen ist, welches 
sich mehr in der Bezeugung des Geistes, als in zierli- 
chen Reden oder menschlicher Klugheit erwiesen hat; 
denn ihre Gedanken und Worte, ihr Tun und Lassen 
waren dahin gerichtet, ihrem Vorgänger und einigen 
Hirten zu gefallen, um dessen Namen willen sie ihr 
Leben gern dem zeitlichen Tod übergeben haben, als 
solche, die nicht etwa suchten, hier auf dieser Erde ein 
weltliches, ruhiges Reich zu besitzen, sondern als rech- 
te Pilger nach dem ewigen, himmlischen Vaterland zu 
wallen, und die es aus Erfahrung wussten, daß diejeni- 
gen, welche gottselig leben wollen, Verfolgung leiden 
müssen. Hierbei müssen wir auch den Unterschied 
zwischen den Kindern Gottes und den Kindern der 
Ungerechtigkeit, zwischen den Verfolgern und den 



834 


2 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1525 an. 


Verfolgten ins Auge fassen, indem man weiß und aus 
heiliger Schrift klar bewiesen werden kann, daß von 
Anfang der Welt her die Ungerechten, deren Werke 
böse waren, die Gerechten und Tugendsamen alle- 
zeit beneidet, verschmäht, verfolgt und unterdrückt 
haben, denn dazu hat sie ein unverständiger Eifer ge- 
trieben. Ferner hat man auch gesehen, daß öfters die 
Lehrer oder Führer, die die Leute zum rechten Got- 
tesdienst und auf den Weg des Lebens hätten sollen 
führen, dieselben zum Götzendienst und auf verderb- 
liche Irrwege geführt haben. Die Hirten, die des Herrn 
Schafe hatten sorgfältig weiden, mit dem Wort Gottes 
speisen, und vor den grimmigen Wölfen beschützen 
sollen, haben sich selbst gemästet, der Herde nicht 
wahrgenommen, sondern derselben größtenteils Men- 
schenlehre und ihre eigene Vernunft vorgetragen, sich 
mit deren Wolle gekleidet, und haben auf solche Wei- 
se mit einer unter dem Schafpelz verdeckten Wolfsart 
selbst die Herde zerstört und zerrissen, oder sie dem 
Adler in die Klauen und dem Löwen in die Zähne 
gespielt. Ebenso haben auch die Diener Gottes, die 
mit großer Ehre und Herrschaft von Gott begabt wa- 
ren, und die das Schwert empfangen hatten, um die 
Bösen zu strafen und die Guten zu schützen, sich an 
diesen hohen Ämtern und Würden nicht begnügen 
lassen, sondern haben ihre Gewalt missbraucht, und 
durch Anstiften, oder unwissend im Eifer, ihre Hände 
an des Herrn Ackerwerk gelegt und unvorsichtig den 
Weizen statt des Unkrautes ausgerupft, und wiewohl 
es den Verfolgten zur Seligkeit gedient hat, so war 
es dessen imgeachtet eine frevelhafte Tat, in solcher 
Weise auf des Herrn Acker die grüne Frucht vor der 
Ernte auszuraufen, zu verderben und mit einem un- 
bedachtsamen und ungerechten Urteil zu verwerfen, 
denn niemand, als der Herr selbst, kann wissen, wer 
des Feuers oder der Ernte wert ist. 

Darum ist kein Weiser auf Erden weise genug, ein 
Amt, das dem allein weisen Gott zukommt, zu verse- 
hen, und das Gericht auszuführen, das Er sich allein 
Vorbehalten hat, denn, wer kann des Menschen Herz 
ergründen; Er sieht alle Dinge, und weiß alle Heim- 
lichkeiten, indem Er durch Herzen und Nieren sieht 
und aller Menschen Gedanken kennt. Solche Dinge 
kann in der Tat kein Mensch tun, denn sie sind oft 
(wenn sie auch meinen, fest zu stehen) vielmehr mit 
Sünden, Unglauben und verkehrter Lehre beladen, als 
ihnen bekannt ist, indem des Menschen Wissen und 
Erkenntnis hier nur Stückwerk ist; deshalb kann man 
auch die Untersucher des Glaubens mit Lügen und 
einem verstellten Leben leicht übertäuben oder be- 
trügen. Diejenigen nun, die das Verfolgen und Töten 
wegen Glaubenssachen verteidigen und als eine gerin- 
ge Sache vorstellen und treiben, bewirken durch ihr 


Wüten nichts Gutes, sondern sammeln statt des guten 
Weizens viel unreine Spreu, und machen den Schaf- 
stall voll Heuchler und scheinheiliger Böcke. Wollte 
aber jemand annehmen, es gezieme einem König oder 
Fürsten nicht, allerlei Lehren, Religionen, oder Ket- 
zer in seinem Land zu dulden, sondern, daß er nur 
die Ausübung solchen Gottesdienstes darin gestatten 
müsse, von dem er weiß, das er zu seiner Untertanen 
Seligkeit gereicht, andere Formen des Gottesdienstes 
aber verbieten, der müsste daneben auch bedenken, 
daß, wenn in einem Land Fürsten, die im Gottesdiens- 
te nicht übereinstimmten, nacheinander regieren wür- 
den, und ein jeder Glaubenszwinger das Land mit 
seiner Einwohner Blut besudeln würde, daß solches 
Land nichts anderes als eine Hölle oder ein Pfuhl vol- 
ler Unruhe und Verfolgung sein würde, wo die Gemü- 
ter der Menschen in solchem jämmerlichen Elend sein 
würden, wie Schiffe, die auf dem wilden, ungestümen 
Meere durch allerlei Wind im Sturm hin und her ge- 
trieben werden und endlich zusammen untergehen 
müssen. Aber, wie kann man doch jemand (wenn er 
auch irrt) um des Glaubens willen so sehr hassen und 
verstoßen? Das ist nicht die Art der Kinder Gottes, 
die auch die Ungerechten nicht verfolgen, denn es ist 
nicht der Schafe Art, die Wölfe zu zerreißen, sondern 
es liegt in ihrer Natur, ihnen zu entfliehen und von 
ihnen zerrissen zu werden. Wie will man denn nun 
jemanden zum Glauben zwingen, der doch dem Men- 
schen von Gott gegeben werden muss? Wer also irrt, 
der irrt sich selbst; fällt er, so fällt er seinem Herrn, der 
kann und will ihn wohl wieder aufrichten. Denn dazu 
ruft und nötigt Er einen jeden, und stellt ihm Wasser 
und Feuer, Leben und Tod vor; ein jeder kann wählen, 
was er will, und solchen Glauben zu erwählen, zu su- 
chen oder zu finden zu seiner Seligkeit, hat ein jeder 
Bürger oder Einwohner eben so gut die Freiheit, als 
der König oder Fürst, denn Christus ruft alle zu sich, 
die mühselig und beladen sind. Darum soll niemand 
denken, solches Rufen gehe allein die Oberhäupter 
an, und daß es für die Untertanen genug sei, auf die- 
selben zu sehen und ihnen zu folgen. O nein! ein je- 
der muss für sich selbst Rechenschaft geben, denn 
in dem letzten Gericht wird das eine Herz (welches 
Standes oder Namens es auch ist) so genau unter- 
sucht werden als das andere; eines jeden Herzens Rat 
wird offenbar werden; ein jedes wird nach seinen ei- 
genen Werken belohnt werden; es wird nicht allein 
auf Fürsten oder Hirten ankommen; es wird daselbst 
niemand für den andern stehen, sondern es wird ei- 
nem jeden sein eigener Pack schwer genug zu tragen 
fallen. Doch darf man sich nicht verwundern, als ob et- 
was Neues oder Seltsames geschehe, wenn Gott seine 
Auserwählten dergestalt prüft und läutert, denn hat 



835 


selbst der Fürst des Lebens und der Seligkeit durch 
viel Leiden zu seiner Herrlichkeit eingehen müssen; 
war der Weg so enge für ihn in das Freudenreich zu 
kommen, wie sollen denn seine Nachfolger dazu ge- 
langen, als durch denselben Weg? Was hat Er doch 
für Schuld gehabt? Welche Bosheit oder Übeltaten hat 
Er begangen? Warum wurde dieses unschuldige und 
unbefleckte Lamm (das doch niemanden beleidigt, 
sondern jedermanns Heil sucht) mit solchem Neid 
verfolgt? Was hat doch der blinden Schriftgelehrten 
Zorn so gegen ihn erregt? Warum waren sie so begie- 
rig, dem unbedachtsamen Rat des Caiphas zu folgen? 
War nicht die einzige Veranlassung hierzu, weil sie 
der wütende Unverstand so heftig dazu angetrieben 
hat, sodass auch die Häupter des Volkes bisweilen 
so sehr entbrannt gewesen sind, daß sie (als ob es 
ein großer Dienst gegen Gott gewesen wäre) sowohl 
über die Gemüter, als über die Leiber der Menschen 
haben herrschen, und mit dem Schwert sowohl zum 
Glauben zwingen, als auch bürgerliche Einigkeit er- 
halten wollen? Gleichwohl sind mit solcher Raserei 
nicht alle Obersten befleckt gewesen, denn man hat 
unter den Heiden, von denen man doch sagt, daß sie 
in der Erkenntnis Gottes fremd gewesen seien, sol- 
che gefunden (als Felix, Festus, Agrippa, Gallius und 
dergleichen) die bedachtsamer gewesen sind, ihr emp- 
fangenes Amt wohl zu bedienen, die der gemeinen 
Wohlfahrt sorgfältiger vorgestanden und nach Gama- 
liels weisem Rat die Herrschaft über den Glauben Gott 
mehr anbefohlen haben, als die neidischen Juden, die 
nach der Verheißung Kinder Gottes und rechte Zweig 
an dem wahren Ölbaum sein sollten. Daher sehen 
wir, daß Gott (der alle Dinge nach seinem Wohlgefal- 
len ordnet) bisweilen an einigen Orten noch solche 
Obrigkeiten verleiht, die ihre Untertanen in Glaubens- 
sachen nicht zwingen, sondern die nur für deren fried- 
same Ruhe und Wohlfahrt Sorge tragen, wie wir denn 
zu unserer Zeit erlebt haben, daß ein König in Polen 
und auch einer in Frankreich gewesen ist, welche ihre 
Untertanen wegen ihres Glaubens nicht so genau un- 
tersucht oder ermittelt haben, ob ihr Glaube mit der 
allgemeinen Erkenntnis übereinkäme, sondern nur, 
ob ihr Tun des Landes Wohlfahrt hindere oder beför- 
dere, für welche sie mit herzlicher Liebe sorgten und 
sie zu befördern suchten, worin gleichfalls die Her- 
ren Staaten der vereinigten Niederlande nicht genug 
zu loben sind, welche auch (obgleich sie bisweilen 
dazu heftig aufgehetzt worden waren) solchen blin- 
den Eifer, Gemütszwang und Glaubensuntersuchung 
nicht gestatten. Weil uns denn nun von Gott befohlen 
ist, für die Obrigkeit zu bitten, daß wir unter ihr ein 
stilles, ruhiges und gottseliges Leben führen mögen, 
um wie viel mehr sind wir schuldig, Gott für seine 


Güte zu danken, die uns auch die Gnade verleiht, daß 
wir unter dem Schutz solcher Obrigkeiten wohnen 
mögen, die dem bösen Eifer der Blutdürstigen, die 
über die Gemüter herrschen, widerstehen (derglei- 
chen wir hier zu Lande über fünfzig Jahre genossen 
haben) und die ihre Ämter nach der Macht verwalten, 
die Herrschaft aber und Untersuchung des Herzens 
und Gemütes des Menschen Gott überlassen. Wir sind 
auch aufs Höchste verpflichtet, den Allerhöchsten für 
sie zu bitten, daß Er sie stets in solchem guten Vorsatz 
erhalten und daneben ihnen Weisheit und Verstand 
geben wolle, um ihre Länder und Leute so zu regieren, 
daß alles zu der Untertanen Ruhe und Gottes Ehre 
geschehen und gereichen möge, daß Er ihnen auch sol- 
che gläubige Herzen verleihen wolle, damit sie recht 
erkennen mögen, wozu sie hier von Gott eingesetzt 
sind, und daß sie endlich so gottesfürchtig vor Ihm 
wandeln, daß sie am jüngsten Tag (wenn der gekreu- 
zigte Jesus Christus als ein allmächtiger Befehlshaber, 
Überwinder und herrlicher König in den Wolken des 
Himmels mit den Engeln seiner Kraft erscheinen wird, 
um Rache zu üben an allen denen, die Gott nicht er- 
kannt und dem Evangelium nicht gehorcht haben) 
auch mit allen Heiligen Gottes verklärt werden und 
mit den auserwählten Gläubigen in der Auferstehung 
und Offenbarung der himmlischen Klarheit erschei- 
nen mögen, damit sie mit denselben durch die Kraft 
Christi bekleidet werden und mit Ihm die unvergäng- 
liche Herrlichkeit einnehmen in dem vollkommenen 
Wesen, und dieselbe besitzen in Ewigkeit, Amen. 




3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an 


3.1 Kurzer Inhalt von den 

Märtyrern dieses siebzehnten 
Jahrhunderts. 

Nachdem das vorhergehende sechzehnte Jahrhundert 
mit der lebendigen Begrabung der Anneken von den 
Hove im Jahre 1597 sich geendigt hatte, hat das folgen- 
de siebzehnte Jahrhundert nicht ohne Misshandlung 
und Vergießung des Blutes der frommen Zeugen des 
Herrn seinen Anfang genommen. 

Das erste Jahr dieses Jahrhunderts beginnt mit ei- 
nem Befehl, durch die von Groningen und Sneck wi- 
der die Taufsgesinnten, die sie Wiedertäufer nennen, 
bekannt gemacht, welcher jedoch nicht auf Todesstra- 
fe gerichtet war. 

Hierauf folgen vier Personen, nämlich Huybert op 
der Strafen, Trynken, seine Hausfrau, Pieter ten Hove 
und Lysken te Linschoten, welche um des vorgemel- 
deten Glaubens willen bei Witgenstein um den Gal- 
gen geführt, darauf gegeißelt und dann des Landes 
verwiesen worden sind, in demselben Jahre 1601. 

Hernes Nimrich, ein Lehrer der vorgenannten Leu- 
te, wie auch mehrere andere, werden vier Jahre später, 
nämlich im Jahre 1605, in Stein zur Stadt hinausge- 
peitscht, nachdem Hernes unter einem Galgen durch- 
geführt worden ist. 

Markus Eder und Hans Poltzinger werden den 24. 
April desselben Jahres zu Nimbach in Baiern gefangen 
und den 26. desselben Monats nach Riet geführt, wo 
sie endlich, weil sie in ihrem Glauben standhaft blie- 
ben, durchs Schwert getötet und mit Feuer verbrannt 
worden sind. 

Hans Landis wird in der Stadt Zürich enthauptet; 
es folgt sodann eine Nacherinnerung von den Um- 
ständen seines Todes auf das Jahr 1614. 

Hierauf folgt ein Verbot, durch die von Aerdenburg 
wider die Taufsgesinnten bekannt gemacht, und was 
durch die Herren Generalstaaten der vereinigten Nie- 
derlande zur Vernichtung desselben im Jahre 1615 
gehandelt worden ist. 

Es wird ein Auszug eines Schreibens der Herren 
Staaten an den Herrn von Haultain, Gouverneur von 
Sluys, desgleichen an den Schultheißen und die Ob- 
rigkeit zu Aerdenburg, angeführt, zur Unterdrückung 
der angefangenen Verfolgung im Jahre 1619. 

Ein Befehl von denen zu Deventer wider die Men- 


noniten oder Taufgesinnten, welcher im Jahre 1620 
aufgesetzt wurde. 

Dann folgt eine Anmerkung von schweren Läste- 
rungen wider die Taufsgesinnten in Holland, und wie 
sie sich vor den Staaten dieses Landes durch ein Glau- 
bensbekenntnis verantwortet haben, im Jahre 1626. 

Die letzte Verfolgung in der Schweiz und deren 
Ursache wird nach ihren Umständen mitgeteilt, im 
Jahre 1635. 

Der Fortgang der Anstalten dieser Verfolgung auf 
den Schlössern Wadischwil, Rnonau und Groningen, 
wie auch auf der Chorherrenstube zu Zürich, wird 
angeführt, im Jahre 1636. 

Von mehrgemeldeter Verfolgung selbst, und wie 
zwölf Brüder gefangen und auf dem Platz Othenbach 
zu Zürich festgesetzt worden seien; ferner wie sie sich 
geendigt hat, wird auf das Jahr 1637 angeführt. 

Hierauf folgt Hans Meyli, der Alte, und seines Soh- 
nes Hausfrau, die im Jahre 1638 nach Zürich gebracht 
und dort lange gefangen worden sind. 

Das Jahr 1639 ist fruchtbar an Märtyrern und Mär- 
tyrerinnen, weil damals zu Zürich viel Personen am 
Leibe und Leben in den Gefängnissen gelitten haben, 
deren Schicksale alle nacheinander erzählt werden, 
nämlich Catharina Müllerin, vier Schwestern, Barbara 
Meylin, Ottilia Müllerin, Barbara Kolbin und Elisa- 
beth Meylin, Elisabeth Hilzin, die Brüder Hans von 
Uticken, Burckhard Aman, Jakob Egly, Ully Schedme, 
mit dem Zunamen Schneider, Jakob Rustenhel vom 
Horgerberg, Stephan Zechender von Byrmensdorf, 
Ulrich Schneider mit seinen beiden Söhnen, Henrich 
und Gutwol von Lehumer, Hans Jakob Heß, wie auch 
seine Hausfrau. 

Eine Bekanntmachung wird durch die von Zürich 
zur Bemäntelung der angefangenen Verfolgung erlas- 
sen, wird aber durch die Verfolgten beantwortet und 
widerlegt, im vorgenannten Jahre 1639. 

Werner Pfister und seines Sohnes Hausfrau, des- 
gleichen Gallus Schneider, Rudolph Bachmann und 
Ulrich Müller haben im Jahre 1640 ihr Leben zu Zü- 
rich im Gefängnis Othenbach lassen müssen. 

Von einer Bittschrift, durch die von Amsterdam an 
den Rat von Zürich übergeben, die Verfolgung zu 
mildern; desgleichen von der Antwort, die darauf 
erfolgt ist, wird auf das Jahr 1642 Nachricht gegeben. 

Felix Landis, des Hans Landis Sohn, starb durch 
Hunger und Mangel im Gefängnis Othenbach 1642, 



838 


3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an. 


wiewohl seine Hausfrau von den Banden befreit wur- 
de. 

Rudolph Suhner, ein Jüngling, folgt des vorgemel- 
deten Felix Spur, und starb aus Mangel im Jahre 1648. 

Hierauf folgen einige Frauenspersonen, die auch 
viel für die Wahrheit gelitten haben, nämlich Elisabeth 
Bachmannin, Elssa Bethezei, Sarah Wanry, Verena Lan- 
dis, Barbara Neef und Barbly Ruff, um das Jahr 1648. 

Henrich Boiler, starb gebunden im Gefängnis im 
Jahre 1644. 

Hierauf folgt ein Schreiben aus der Schweiz, worin 
die Misshandlungen derer von Bern gegen die Taufs- 
gesinnten in jenen Gegenden angeführt werden, im 
Jahre 1645. 

Ein Befehl, den die von Schaffhausen wider dieje- 
nigen, die man Wiedertäufer nennt, erlassen haben, 
wird im Jahre 1651 angeführt. 

Drei Jahre später, nämlich 1653, wird von einem 
Befehl gehandelt, der gegen die Wiedertäufer bekannt 
gemacht worden ist. 

Ully Wagman, nebst einem andern Bruder, wird 
gefangen; Ully starb im Jahre 1664, der andere Bruder 
aber blieb noch lange nachher im Gefängnis. 

Ein Schreiben von Mathenheim, zur Verantwortung 
der verfolgten Brüder in der Schweiz, wird nach Ams- 
terdam gesandt, im Jahre 1658. 

Sieben Lehrer werden zu Bern gefangen, nämlich 
Ully Baumgarten, Anthony Hinnelberg, Jegly Schle- 
bach, Hans Zaugh, Ully Baumgärtner, Christen Chris- 
tiaens und Rhode Peters; seht auf das Jahr 1659. 

Hierauf folgt ein Befehl derer von Bern, gegen die- 
jenigen, die man Wiedertäufer genannt hat, bekannt 
gemacht, im Jahre 1659, den 8. August. 

Das Ende ist ein Bericht, welcher dasjenige enthält, 
was die Herren Staaten der vereinigten Niederlande 
zur Besänftigung des vorgemeldeten Befehls an die 
von Bern durch schriftliche Fürbitten getan haben; 
desgleichen von den Fürbitten einiger holländischer 
Städte, zu gleichem Zweck, im Jahre 1660. 

Hiermit wird dieses ganze Werk, und folglich das 
ganze Marterbuch beschlossen. 

Dieses Jahrhundert wird kurz sein, und nicht viel 
mehr als ein halbes Jahrhundert oder die Hälfte von 
hundert Jahren in sich fassen; auch ist die Marter, die 
in demselben vorkommt, nicht so heftig, als in irgend- 
einem der vorhergehenden Jahrhundert. Die Leute 
enthaupten oder sie durch Mangel im Gefängnisse 
sterben lassen, wird wohl die schwerste Strafe sein, 
welche den Zeugen des Herrn, mit welchen wir es 
jetzt zu tun haben werden, dem Leibe nach widerfah- 
ren ist. Während der Nordwind der Verfolgung sich 
auf das Heftigste nach dem Laufe der Zeiten erhoben 


hat, ist nun der angenehme Südwind der Freiheit und 
Ruhe von Verfolgung dazwischen gekommen. 

Wenngleich in dieser kurzen Zeit das meiste Unheil 
im Züricher und Berner Gebiet durch solche Leute 
herbeigeführt worden ist, die sich Reformierte ha- 
ben nennen lassen, so haben sich doch andere, die 
eben denselben Namen tragen, und insbesondere die 
hochlöblichen Regenten der vereinigten Niederlan- 
de (als Freunde des Friedens und Feinde des Gewis- 
senszwangs) dagegen aufgelehnt und die unschuldig 
Verfolgten nach allen Kräften väterlich und gütigst 
beschützt. 

Dieses Werk fängt mit Groningen und Sneck in 
Friesland an, und endigt sich zu Zürich und Bern 
in der Schweiz. Darum wollen wir dieser Ordnung 
nachfolgen. 

Von einem Befehl, der durch die von Groningen 
und Sneck wider die Taufsgesinnten im Jahre 1601 
bekannt gemacht worden ist. 

Mit dem Anfang dieses Jahrhunderts, als der Zwang 
über den Glauben und die Gewissen der Frommen, 
welcher durch die Papisten veranlaßt wurde, sich et- 
was legte, haben einige, die sich von dem Papsttum 
abgesondert, jedoch die Art der Papisten darin, daß 
man andere um ihrer Religion willen verfolgt, beibe- 
halten hatten, ihre Bitterkeit nicht allein gegen dieje- 
nigen, die sie zuvor verfolgten, sondern besonders 
gegen diejenigen, die sie niemals beleidigt, sondern 
ihnen allezeit wohlgetan haben, ausgegossen; ihre Be- 
drohungen waren jedoch nicht auf Todesstrafe oder 
schwere Leibesstrafe gerichtet, sondern leichter und 
geringer, wovon die von Groningen und Sneck die 
Urheber gewesen sind, welchen Befehl (insoweit er 
die Taufsgesinnten betrifft) wir in ihrer Schreibweise 
von Wort zu Wort abschreiben wollen. 

Befehl. 

Wir Bürgermeister und Rat tun kund, nachdem man 
in sichere Erfahrung gebracht, daß nicht allein viele 
in der Stadt und unter deren Gebiet sich unterstan- 
den haben gegen den beschworenen Traktat, mit der 
Stadt im Jahre 94 aufgerichtet, eine andere Religion 
als die reformierte auszuüben und zu gebrauchen, 
zur Verfälschung des Wortes Gottes, zum Missbrauch 
seiner heiligen Sakramente und zum Ärgernis und 
zur Verführung vieler Menschen, sondern daß auch 
fast alle Unordnungen und Missbrauche in und au- 
ßer dem Ehestand und sonst andere gegen die hier 
aufgerichtete und gebräuchliche christliche Kirchen- 
ordnung einreißen und ausgeübt werden und wir uns 



3.1 Kurzer Inhalt von den Märtyrern dieses siebzehnten Jahrhunderts. 


839 


Amts halber verpflichtet erkennen, solchem allem mit 
gebührlicher Strafe zu begegnen und zu steuern, so 
haben wir verordnet, verordnen auch und beschließen 
hiermit wie folgt: 

Erstlich, daß die Ausübung aller anderen Religio- 
nen außer der reformierten hiermit nochmals ernstlich 
verboten sein soll. 

Ferner, wenn jemand den Wiedertäufern, gegen die- 
ser Stadt Kirchenordnung, sein Haus oder sonstige 
ihm zugehörige Räume erlauben wird, um daselbst 
zu predigen oder Versammlung zu halten, der soll 
jedes Mal mit zehn Talern gestraft werden. 

Die Prediger, wie vorgemeldet, die überwiesen wer- 
den, daß sie predigen, sollen für jede Predigt mit zehn 
Talern gestraft oder vierzehn Tage bei Wasser und 
Brot gesetzt werden, und, wenn sie das dritte Mal 
predigen, aus der Stadt oder deren Gebiet verwiesen 
werden. 

Wer in solchen Predigten oder Versammlungen ge- 
funden wird, soll für jedes Mal zwei Taler Strafe ge- 
ben. 

Wenn ermittelt wird, daß jemand wiedergetauft hat, 
der soll mit 20 Talern gestraft werden, und wenn er 
es zum zweiten Mal tut, soll er bei Wasser und Brot 
gesetzt und, wie vorgemeldet, verwiesen werden. 

Ungetaufte Kinder sollen laut des Stadtbuches kein 
Erbe empfangen noch genießen. 

Auch soll niemand zu irgendeinem Amt oder zu 
einer Bedienung, es sei ein öffentliches oder nicht öf- 
fentliches zum Zeugen zugelassen werden, er leiste 
denn den öffentlichen, gehörigen Eid. 

Alle, die sich weigern, solchen Eid zu leisten, sollen 
gestraft werden, wie es sich nach den Rechten gebührt. 
Hierauf folgen noch zwei Artikel, die zu dieser Sache 
eigentlich nicht gehören; darum haben wir dieselben 
nicht beifügen wollen, aber im Verlaufe heißt es so.) 

Von diesen gemeldeten Geldstrafen soll die Hälfte 
dem Ankläger, die andere Hälfte aber der Stadt und 
deren Gerechtsame, wie andere Strafen, heimfallen. 

Also beschlossen den 5. September, um künftigen 
Montag mit der Glocke bekannt gemacht zu werden. 

Das, was zuvor von der Ausübung der Religionen 
gesagt worden ist, ist mit der Glocke bekannt gemacht 
worden, den 7. September 1601, nach der alten Zeit. 

Siehe in der Chronik vom Untergang der Tyran- 
nen und jährlichen Geschichten, den zweiten Teil, ge- 
druckt 1620, das siebzehnte Buch auf das Jahr 1601, 
Pag. 1539, Col. 2, verglichen mit der Schutzschrift 
des Befehls, Buchst. A, Blatt 4; ferner Gegenbericht, 
Buchst. A, 3, 4. 


Nachbericht. 

Ob dieser Befehl derer von Groningen und Sneck da- 
mals, oder kurz darauf einige erhebliche Folgen für 
die Getauften nach Christi Ordnung, durch Landes- 
verweisungen oder dergleichen hervorgerufen habe, 
haben wir nicht vernehmen können; aber daß man 
nachher an diesen Orten viel härter, als der Inhalt des 
Befehles lautet, durch schwere Gefangenschaft mit 
diesen Leuten verfahren sei, ist uns nur zu viel zu 
Ohren gekommen, wiewohl zu großem Glück und 
Heil derer, die dieses um des Zeugnisses des Herrn 
und seiner heiligen Wahrheit willen erlitten haben. 

Gleichwohl hat sich dieses Jahr nicht ohne Blutver- 
gießen der Heiligen und ohne Beraubung ihrer Güter 
im Witgensteiner Land geendigt, wie aus nachfolgen- 
der Beschreibung zu ersehen sein wird. 

Vier Personen, nämlich Huybert op der Strafen, 
Trynken seine Hausfrau, Pieter ten Hove und 
Lysken te Linschoten, 

werden bei Wittgenstein um des Zeugnisses Jesu 
Christi willen um einen Galgen geführt, gegeißelt und 
des Landes verwiesen. Im Jahre 1601. 

Es hat sich im Jahre 1601 zugetragen, daß Johann 
von Stein, Graf zu Witgenstein, Herr zu Homburg, als 
er sich vornahm, die römische und lutherische Lehre 
abzuschaffen, indem er ein Mitglied der Calvinischen 
Kirche war, zugleich seine Hände an die wehrlosen 
Schafe Christi, die man verächtlich Anabaptisten oder 
Wiedertäufer nannte, gelegt und sie ins Gefängnis 
gesetzt hat. 

Unter denselben werden Huybert op der Strafen, 
Trynken, seine Hausfrau, Pieter ten Huve und Lysken 
te Linschoten genannt, welche letztere, wie wir gehört 
haben, eine alte Frau war, über siebzig Jahre alt. 

Die drei zuerst Genannten saßen zwölf Wochen 
gefangen, die letztere aber siebzehn Tage, weil sie viel 
später gefangen genommen wurde. 

Diese litten viel Anstoß, sowohl durch scharfe Be- 
drohungen, als auch durch schmeichelnde Worte, um 
sie zum Abfall zu bringen. Als sie aber (nämlich die 
Verfolger) ihre Seelen nicht verderben oder zum Ab- 
fall bringen konnten, sind sie zuletzt auf eine un- 
gegründete Anklage, daß man sie mit der heiligen 
Schrift überwunden hätte (was doch weit entfernt 
war), und daß sie gleichwohl in ihrer verführerischen 
Sekte der Wiedertäufern bleiben wollten, alle vier auf 
folgende Weise verurteilt worden: Daß alle ihre Güter 
verfallen sein, und daß einem jeden derselben mit der 
Rute vierzig Streiche gegeben werden und sie derge- 
stalt gegeißelt, auch noch dazu auf ewig des Landes 



840 


3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an. 


verwiesen werden sollten. Dieses ist auch geschehen. 

Also haben sie (sagen die Schreiber) diesen unschul- 
digen und frommen Leuten den Leib entblößt, sie um 
den Galgen geführt, dieselben gegeißelt, sie ihrer Gü- 
ter beraubt und mit leeren Händen zu ihrem Schaden 
vertrieben und des Landes verwiesen. Siehe in der 
Vorrede des alten Opferbuches über das Jahr 1615, 
Buchstabe iii, Kol. 1. 

Hemes Nimrich, ein Lehrer der Taufsgesinnten, 

mit mehreren andern werden um des Zeugnisses Je- 
su Christi willen, nachdem Hemes zuvor durch den 
Galgen geführt worden ist, in Witgenstein zur Stadt 
hinausgegeißelt. Im Jahre 1605. 

Unter vorgemeldetem Grafen von Stein (oder Wit- 
genstein) in Deutschland (wiewohl ihm der Name 
reformiert beigelegt wurde), haben gleichwohl die 
Taufsgesinnten damals um ihres Glaubens willen viel 
Verfolgung erlitten. 

Ein Lehrer (dieses Glaubens), Hemes Nimrich ge- 
nannt, wurde nebst mehreren andern in Verhaft ge- 
nommen; dieser wurde nach dem Galgen geführt 
(schreibt P. J. Twisck) und wusste nicht anders, als 
daß man ihn enthaupten würde; als er aber dahin 
kam, führte man ihn (wie man es mit den andern ge- 
macht hatte) unter dem Galgen durch, und geißelte 
ihn scharf; die anderen Gefangenen peitschte man zur 
Stadt hinaus. 

Chronik vom Untergange, das 17. Buch auf das Jahr 
1605, Gedr. 1620, der zweite Teil, das 17. Buch auf das 
Jahr 1605, Pag. 1590, Kol. 2. 

Markus Eder und Hans Poltzinger, 1605. 

Im Jahre 1605, den 24. April, sind zwei Brüder, mit Na- 
men Markus Eder, ein Wagner, und Hans Poltzinger, 
ein Schneider, um ihres Glaubens und der Wahrheit 
Gottes willen zu Nimbach im Baierlande, als sie durch- 
reisten, verraten und in Verhaft genommen worden. 
Den 26. April des Morgens früh führte man sie ge- 
fänglich nach Riet, wo sie bis in die fünfzehnte Woche 
gefangen gelegen haben. Unterdessen hat man auf 
mancherlei Weise mit ihnen gehandelt und gesucht, 
sie vom Glauben abfällig zu machen. Man hat zwei 
Jesuiten von der Stadt Oting zu ihnen gebracht, die 
sie unterrichten und sie ihren Glauben lehren sollten; 
aber sie blieben standhaft und fest im rechten Glau- 
ben und wollten keiner fremden Stimme gehorchen. 
Die Pfaffen zu Riet sind oft zu ihnen gekommen, um 
sie zu ihrem Glauben zu bereden, aber die Brüder 
sagten: Das ist ein Glaube der Abgötterei und Hu- 
rerei, ein Glaube der Sünde und Lästerung, wie die 


Früchte bezeugen. Von ihrem Glauben beseelt, haben 
sie sich keineswegs überreden lassen, sondern haben 
sich allezeit nach der Wahrheit und Lehre Christi in 
Beziehung auf dasjenige wohl verantwortet, was Gott 
ihnen zu erkennen gegeben hatte; dabei wollten sie 
bis ans Ende bleiben, sagten sie; und wenn man auch 
ihnen (durch Gottes Zulassung) das Leben nehmen 
wollte, so könnte man ihnen doch an der Seele keinen 
Schaden tun. 

Da nun alle falsche Lehren der Pfaffen an ihnen 
nichts helfen wollten, haben sie auch den Scharfrichter 
seine Kirnst an ihnen probieren lassen; sie ließen sie 
zweimal sehr scharf peinigen, und wollten von ihnen 
wissen, wer sie beherbergt hätte, und welche Leute es 
wären, zu denen sie reisen wollten; aber die Brüder 
wollten ihnen solches nicht sagen, sondern sagten, sie 
brauchten solches nicht zu wissen. 

Da sie nun nach ihrem Willen mit ihnen nichts aus- 
richten konnten, ist, nach vielen Verhandlungen, ein 
Befehl von der Regierung zu Berghausen gekommen, 
daß man sie mit dem Schwert hinrichten, nachher 
ober mit Feuer verbrennen sollte. 

Als sie nun auf den Richtplatz kamen, hat der Bru- 
der Markus den Scharfrichter gebeten, er sollte Hans 
zuerst richten, was er auch tat, und nachdem solches 
geschehen war, sprach Markus zum Volk: Mein Bru- 
der hat überwunden, dasselbe will ich auch tun. Nach 
diesen Worten wurde der Bruder Markus auch ent- 
hauptet, worauf sie beide verbrannt worden sind. Die- 
ses ist den 26. Tag des Monats August in dem vor- 
gemeldeten Jahre geschehen. Dem Scharfrichter war 
befohlen, er sollte, wenn er bemerken würde, daß 
sie oder einer von ihnen abfallen wollte, nachlassen 
und nicht fortfahren möchte, und hätte er auch das 
Schwert schon gezogen, aber sie sind in ihrer Hoff- 
nung betrogen worden. Also haben diese beiden Brü- 
der von dem Glauben und der Wahrheit Gottes tapfer 
und standhaft bis in den Tod mit ihrem Blut Zeug- 
nis gegeben. Gott, der ihnen dazu Kraft und Stärke 
gegeben hat, sei Lob und Dank, in Ewigkeit. 

Zur Bestätigung des Vörgemeldeten dient der kurze 
Bericht, welcher in der Chronik vom Untergang der 
Tyrannen, gedruckt 1620, im 17. Buch, auf das Jahr 
1605, Pag. 1590, Col. 2, gefunden wird. 

Im Jahre 1605 (sagt der Schreiber), den 24. April, 
wurden Markus Eder und Hans Poltzinger, Taufsge- 
sinnte, um des Glaubens willen, zu Nimbach in Bai- 
ern verhaftet; man hat sie darauf gefänglich nach Riet 
geführt, wo sie fünfzehn Wochen gefangen gelegen 
haben. 

Da sie nun dieselben, weder durch die Jesuiten, 
noch durch die Pfaffen, von dem Glauben abbrin- 
gen konnten, so haben sie den Henker (verstehe den 



3.1 Kurzer Inhalt von den Märtyrern dieses siebzehnten Jahrhunderts. 


841 


Scharfrichter) seine Kunst an ihnen auch probieren 
lassen; sie ließen sie zweimal sehr hart peinigen, und 
wollten von ihnen wissen, wer sie beherbergt hatte 
und was es für Leute wären, zu denen sie reisen woll- 
ten; die Brüder aber wollten ihnen solches nicht sagen. 

Hiemächst sind beide mit dem Schwert hingerich- 
tet, und ihre Leiber, den 26. August desselben Jahres, 
verbrannt worden. 

Vergleiche die zuvor angezogene Chronik mit Jak. 
Th. Dal. und W. Att. Briefen. 

Hans Landis, 1614. 

Daß der blutige Zwang oder die Herrschaft über die 
Gemüter der Menschen noch immer im Schwung ist, 
ist eine betrübte Sache, insbesondere ist es zu bekla- 
gen, daß diejenigen, die sich rühmen, Nachfolger des 
wehrlosen Lammes (mehr als andere) zu sein, nicht 
mehr von der Lammesart, sondern im Gegenteil eine 
Wolfsart in sich haben. Man kann es in der Tat nicht 
damit entschuldigen, daß sie mit dieser Handlungs- 
weise bezweckten, die Kirche rein zu halten, sondern 
es scheint vielmehr ein hitziger Sinn zu sein, wenn 
man das Unkraut (oder das, was man für Unkraut 
hält) auszujäten sucht, indem doch die Diener des 
Herrn (da sie der Eifer anspornte, das Unkraut auszu- 
rupfen) sich solches nicht unterstanden, sondern um 
Erlaubnis fragten, und es unterließen, weil es ihnen 
verboten war. Wenn nun jene auch fragen, oder ihres 
Herrn Gesetzbuch untersuchen wollten, so würden 
sie finden, daß der Hirte nicht lehrt, seine Herde zer- 
reißen, sondern daß er sie als Schafe unter die Wölfe 
sendet, auch daß Er nicht will, daß man das Verirrte er- 
sticken, sondern ihm auf den rechten Weg helfen soll; 
ferner, daß Er auch nicht den Tod des Sünders begehrt, 
sondern daß er sich bekehre und lebe. Dergleichen 
und noch viele andere Lehren haben wir, die alle zum 
Heil und nicht zum Verderben des Menschen dienen. 
Aber es scheint wohl, daß denselben noch eine Decke 
vor dem Herzen hängt, daß sie dieses nicht verstehen 
können, oder daß der wütende Eifer ihr Herz noch mit 
solcher Grausamkeit erfüllt hat, daß sie es nicht leiden 
können, daß jemand den Himmelsweg auf eine an- 
dere Weise bewandle, als eben wie sie sich denselben 
vorgenommen haben, und daß sie deshalb einen jeden 
zwingen wollen, ihn ebenso zu bewandeln. Dieses hat 
man noch im vergangenen Jahre 1614 zu Zürich, in 
der Schweiz, an einem frommen Zeugen der Wahr- 
heit Gottes, genannt Hans Landis, gesehen, welcher 
ein Lehrer und Diener des Evangeliums Christi war 
und am Rhein wohnte, welchen er aufwärts bereiste, 
um einige gottesfürchtige, recht hungrige und durs- 
tige Seelen nach der Gerechtigkeit mit dem Wort des 


Herrn zu speisen und zu erquicken. Als solches der 
Rat zu Zürich, welcher durch die Art der neidischen 
Schriftgelehrten und Pharisäer aufgehetzt war, erfah- 
ren, hat er solches nicht leiden können, sondern ihm 
dasselbe sofort verbieten lassen, als ob sie gemeint 
hätten, hiermit das evangelische Wort in seinem Fort- 
schreiten zu hemmen, jedoch Hans, welcher mit Pe- 
trus wusste, daß man den Geboten Gottes mehr als 
den Menschengeboten gehorchen müsse, hatte solche 
Liebe zu der Wahrheit und den jungen Säuglingen der 
Brüste Zions getragen, daß er um menschlicher Be- 
drohungen willen keineswegs hat nachlassen wollen, 
dieselbe mit der rechten Speise der Seele zu speisen. 
Er ist aber deshalb von den Feinden derselben gefäng- 
lich eingezogen, und in eisernen Banden von Zürich 
nach Solothurn den Papisten zugesandt worden, in 
der Meinung, daß er weiter auf die See oder auf die 
Galeeren geschickt werden würde, wiewohl er durch 
Hilfe gutherziger Leute dort wieder auf freien Fuß ge- 
setzt worden ist. Als er aber nachher wieder gefangen 
und nach Zürich geführt worden ist, haben sie ihn 
seiner Lehre wegen scharf untersucht, und als er kei- 
neswegs von seinem gottseligen Vorhaben, noch auch 
von seinem Glauben abstehen wollte, an ihm bezeugt, 
daß ihr vor vierundachtzig Jahren (Anno 1530) erlas- 
sener Befehl noch nicht in Vergessenheit geraten oder 
dessen blutige Tendenz durch die Länge der Zeit sich 
verwischt habe, denn nach dessen Inhalt haben sie 
ihn vom Leben zum Tode verurteilt, worauf derselbe 
im Monat September des vorgemeldeten Jahres 1614 
als ein rechter Nachfolger Christi um der Wahrheit 
willen getötet und enthauptet worden ist. Sie haben 
solches jedoch nicht bekennen wollen, sondern ha- 
ben vorgegeben und die gemeinen Leute, um sie zu 
verführen, überredet, daß er nicht um der Religion 
willen, sondern wegen seiner Halsstarrigkeit und sei- 
nes Ungehorsams gegen die Obrigkeit gestraft und 
getötet worden sei. 

Darin haben sie ihre alte pharisäische Art recht an 
den Tag gelegt, welche, als sie das imschuldige Lamm, 
unser aller Heiland und Seligmacher, zum Tode verur- 
teilten, nicht Vorgaben, daß es wegen seiner tugendsa- 
men Lehre geschehen wäre, womit er die Menschen 
zu Gott bekehre, sondern daß er um seiner Gottesläs- 
terung willen sterben müsste. Und dieses ist die Art 
aller Tyrannen, den Unschuldigen, neben dem Leiden 
und dem Tode, noch mit falschen Beschuldigungen zu 
beschweren, aber wenn der jüngste Tag des Gerichts 
kommen wird, dann werden alle diejenigen, die jetzt 
so unbedachtsam urteilen, auch ihr Urteil zu erwarten 
haben und empfangen, und vor Angst klagen: Diese 
sind es, welche wir etwa für einen Spott hatten, und 
für ein höhnisches Beispiel, wie sind sie nun erhöht; 



842 


3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an. 


dann werden sie über ihr gottloses Wesen allzu späte 
Reue haben, und es mit Zähneklappem ewig bereu- 
en; dagegen aber wird dieser fromme Märtyrer und 
Zeuge Gottes mit allen Gerechten, die noch unter dem 
Altar liegen und warten, bis die Zahl ihrer Mitbrü- 
der, die auch ihre Kleider im Blut des Lammes rein 
machen, erfüllt sein wird, eine herrliche Belohnung 
empfangen; und sie werden alsdann sämtlich in wei- 
ßen Kleidern, mit großer Freimütigkeit, als tapfere 
Helden und Bekenner Christi mit den klugen Jung- 
frauen vom Bräutigam zu seiner Hochzeit eingelassen 
werden, wo sie ewige Freude genießen, und das Reich 
des Vaters, das ihnen von Anfang bereitet ist, ererben 
werden, Amen. 

Nachbericht von des Hans Landis Person und Tode. 

Nachdem uns durch unsere guten Freunde B. Lou- 
we und H. Vlaming ein Auszug aus einem Briefe, 
geschrieben im Jahre 1659 am 19. bis 29. Juli, in die 
Hände gekommen ist, aufgesetzt von einem Prediger 
in Zürich, der des vorgemeldeten Märtyrers Tod mit 
angesehen hat, so haben wir für gut befunden, densel- 
ben (so viel zur Nachricht nötig ist) hier beizufügen. 

Ferner erinnert ihr euch (schreibt er) daß Hatavier 
Salr. den Hans Landis hat enthaupten sehen, was mir 
auch noch in frischem Andenken ist, indem ich sol- 
ches selbst auf der Wolfsstatt gesehen habe; der ganze 
Vorgang ist mir so neu, als ob er (erst) vor einigen 
Wochen sich ereignet hätte. 

Im Verlauf beschreibt er die Gestalt seiner Person 
und die Weise seines Todes, indem er sagt: Hans Lan- 
dis war groß von Gestalt, hatte ein angenehmes Auße- 
re, einen langen schwarzen Bart und eine männliche 
Stimme. 

Als er nach der Wolfsstatt (welches ein zum Ent- 
haupten eingerichteter Richtplatz war) sehr ruhig und 
wohlgemut an einem Seile hinausgeführt wurde, hat 
der Scharfrichter, Mr. Paul Volmar, das Seil fallen las- 
sen, seine beiden Hände gen Himmel erhoben und die 
Worte gesagt: Ach, Gott müsse sich erbarmen; Ihm sei 
es geklagt, daß du, Hans, mir in solcher Lage in die 
Hände gefallen bist; vergib es mir um Gottes willen, 
was ich an dir tun muss. 

Hans Landis tröstete den Scharfrichter und sagte, 
er hätte es ihm schon vergeben; Gott wolle es ihm 
auch vergeben; er wisse es wohl, daß er der Obrigkeit 
Befehl vollziehen müsse; er sollte unerschrocken sein 
und sehen, daß ihn daran nichts verhindere. 

Darauf wurde er enthauptet. Nachdem sein Haupt 
über die Seite gebracht war, fragte der Scharfrichter: 
Herr Vogt des Reichs, habe ich diesen Mann nach 
kaiserlichem Rechte und Urteil gerichtet? (sonst war 


es gebräuchlich zu sagen: »diesen armen Menschen«) 
- als ob er der Ansicht gewesen, daß er selig und reich 
gestorben wäre. 

Das Volk war der Meinung, daß der Scharfrichter, 
als er das Seil losließ, dem Hans damit habe Gelegen- 
heit geben wollen zu entlaufen; er wisse auch, daß 
allgemein gesagt worden sei: Wäre er davon gelaufen, 
so wäre ihm niemand nachgefolgt, um ihn aufzuhal- 
ten. So weit vorgemeldeter Auszug. 

Weiterer Bericht. Hier dient noch dasjenige zur 
Nachricht, was durch glaubwürdige Zeugen berichtet 
wird, nämlich, daß, als mehrgemeldeter Hans Lan- 
dis auf dem Richtplatze stand, um getötet zu werden, 
seine liebe Hausfrau und Kindlein mit betrübtem Ge- 
schrei und Jammer zu ihm gekommen seien, um zu- 
letzt noch, als zum ewigen Abschied, ihm gute Nacht 
zu sagen. 

Er aber, als er dieselben ansah, hat gebeten, daß 
sie ihn verlassen sollten, damit sein guter Vorsatz 
und wohlgemutetes Herz zu dem bevorstehenden 
Tode durch ihr Schreien und durch ihre Betrübnis 
nicht gerührt oder verhindert werden möchte. Als 
solches geschehen, und er seine Seele den Händen 
Gottes anbefohlen hatte, hat der schnell darauf folgen- 
de Schwertschlag sein Leben geendigt. 

Von einem Verbot, durch die von Aerdenburg 
gegen die Taufsgesinnten bekannt gemacht, und 
was die Herren General Staaten der vereinigten 

Niederlande zur Abschaffung desselben getan 
haben. Im Jahre 1615. 

Man fing auch an, zu Aerdenburg in Flandern, ver- 
schiedene Mittel zur Verfolgung der Taufsgesinnten, 
die dort wohnten und den Klauen des römischen 
Wolfes entflohen waren, ins Werk zu richten, wozu ein 
Verbot, welches durch den Schultheißen und Rat die- 
ser Stadt erlassen wurde, Veranlassung gab. In dem- 
selben war diesen Leuten zuvörderst die Freiheit, ih- 
ren Gottesdienst zu halten, entzogen und überdies 
befohlen, daß sie sich weder in der Stadt, noch in den 
Grenzen ihrer Herrschaft, versammeln sollten. 

Darauf ist erfolgt, daß man dort diese unschuldi- 
gen und wehrlosen Menschen nicht nur mit schweren 
Strafen oder Bußen, sondern auch mit Arretierungen 
und gefänglichen Einziehungen belästigte, welcher 
betrübte Anfang (allem Anscheine nach) zu größe- 
rem Unheil der vorgemeldeten Leute geführt haben 
würde, wenn nicht die hochmögenden Herren Gene- 
ral Staaten der vereinigten Niederlande, die davon 
Nachricht erhielten, sich dagegen mit einem Befehl 
aufgelehnt hätten, wodurch die Urheber dieser Ver- 
folgung verhindert wurden, mit Vollziehung ihres 



3.1 Kurzer Inhalt von den Märtyrern dieses siebzehnten Jahrhunderts. 


843 


vorgemeldeten Verbotes fortzufahren, und es ist im 
Gegenteil den Verfolgten Religionsfreiheit vergönnt 
worden. Der Inhalt des vorgemeldeten Befehls lautet 
wie folgt: 

Abschrift. 

Die General Staaten, dem Schultheißen, Bürgermeis- 
ter und den Ratsherren von Aerdenburg. Ehrenfeste, 
ehrsame [. . . ] 

Wir haben mit Verwunderung vernommen, daß 
gegen unsern Beschluss der E. E. auf unsern Befehl 
durch den Commissarius Jan Bogard mitgeteilt wor- 
den, ihr die Gemeindemitglieder, die man Taufsge- 
sinnte oder Mennoniten nennt, die in Aerdenburg 
und den dazu gehörigen Ländern wohnen, noch im- 
mer in der Freiheit ihrer Versammlung und Ausübung 
ihrer Religion in Aerdenburg verhindert, stört und sie 
beschwert mit Verbietung ihrer Versammlungen, mit 
Arreststrafen (Amenden) [. . . ] 

Wir beschließen aber, daß die vorgenannten Ge- 
meindeglieder der Taufsgesinnten in ihrem Gemüte, 
Gewissen, in ihren Versammlungen und Übungen in 
Aerdenburg so frei in aller Stille und Bescheidenheit 
geduldet werden sollen, als an andern Orten in den 
Ländern, Städten und Plätzen der vereinigten Nieder- 
lande, ohne irgendeinen Widerspruch oder Gegenre- 
de. Dennoch sollt ihr über ihre Versammlungen die 
Aufsicht haben, insoweit es sie gut dünkt, und sollen 
sie zu dem Ende, so oft sie sich versammeln wollen, es 
euch wissen lassen; also sollt ihr euch nach dem, was 
wir hierin verordnen, genau richten, damit Ruhe, Frie- 
de und Einigkeit in vorgemeldeter Stadt desto besser 
unterhalten werde. Auch sollen vorgemeldete Glieder 
wegen ihrer früher gehaltenen Versammlungen mit 
keinem Arrest oder Strafe beschwert werden, worauf 
wir uns verlassen und auch ihr euch verlassen sollt 
Geschehen den 1. Mai 1615. 

Ist einstimmig mit dem Originale, welches in Ihrer 
Hochm. Kanzlei liegt. Unterschrieben: N. Ruysch. 

Nacherinnerung. Im Jahre 1619. 

Als vorgemeldeter Befehl ausgefertigt und auf Befehl 
der Hochmögenden an gehörigen Ort übersandt wor- 
den war, hatte man Hoffnung, daß man solchem nach- 
kommen, und die gewünschte Ruhe dadurch wieder 
hergestellt würde; aber solches ist nicht der Fall gewe- 
sen (weil neidische, missgünstige Menschen dazwi- 
schen kamen), denn man suchte, trotz dieses Befehls, 
unter dem Scheine des Rechtes, Gelegenheit zu finden, 
mehrgemeldete Leute um ihre Freiheit zu bringen und 
ihre Ruhe zu stören. 


Hierzu diente, oder gebrauchte man wenigstens, 
eine Verordnung, die im Juli des Jahres 1619 auf Be- 
fehl der Hochmögenden zum Nachteile einiger Leute 
erlassen war, wiewohl solche keineswegs die Taufs- 
gesinnten betraf, und gleichwohl verhinderte man sie 
an ihrer Versammlung und ihrem Gottesdienst. Daher 
wandten sie sich abermals mit demütigen Bittschrif- 
ten an die Hochmögenden der vereinigten Niederlan- 
de, daß sie von Unruhe befreit und ihnen die freie 
Ausübung ihres Gottesdienstes (wie zuvor verordnet 
worden war) zugestanden werden möchte, worauf 
ein anderer Befehl an den Gouverneur von Sluys und 
den Schultheißen und die Obrigkeit zu Aerdenburg 
erfolgt ist, welcher lautet, wie folgt: 

Auszug. 

Die Staaten , an den Herrn von Haultain, Gouverneur 
von Sluys und der umliegenden Länder, wie auch an 
den Schultheißen und die Obrigkeit der Stadt Aerden- 
burg. 

Edle, Gestrenge, Ehrenfeste, Ehrsame, Liebe, Beson- 
dere! 

Wir senden hiermit beigelegte, an uns überreichte 
Bittschrift der Gemeindeglieder, die man Mennoniten 
oder Taufsgesinnte nennt, die zu Aerdenburg wohnen, 
die sich beklagen, daß sie in der freien Übung ihrer 
Religion gestört würden, die wir ihnen doch in vorge- 
meldeter Stadt zugestanden haben, und zwar unter 
dem Vorwand eines Befehls, der von uns vergange- 
nen dritten Juli erlassen worden ist. Darauf haben wir 
nötig erachtet, uns zu erklären und euch zu berichten, 
daß es nicht unsere Meinung sei, daß die Klagenden 
unter dem vorgemeldeten Befehl vom vorgenannten 
dritten Juli begriffen sein sollen, sondern daß die Klä- 
ger diese ihre Religionsfreiheit behalten, genießen und 
darin in Aerdenburg fortfahren sollen, die sie auch zu- 
vor gehabt haben. Darum verordnen wir, daß ihr euch 
darnach richtet und daß ihr die Kläger weiter nicht 
beschwert, sondern daß ihr dem nachkommen, was 
zuvor von uns zugestanden und beschlossen worden 
ist. Darauf wollen wir uns verlassen und euch in den 
heiligen Schutz des Allmächtigen empfehlen. In dem 
Haag, den 16. November 1619. 

Ist einstimmig mit dem Originale, welches in Ihrer 
Hochm. Kanzlei niedergelegt ist. Unterschrieben: N. 
Ruysch. 

Anmerkung, was hierauf erfolgt sei. 

Nach diesem zweiten Befehl ist in vorgemeldeter 
Stadt und in ihrem Gebiet die gehoffte Ruhe erfolgt, 
wenigstens insoweit, daß uns nichts von einer erhebli- 



844 


3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an. 


chen Unruhe oder Verhinderung des Gottesdienstes 
bekannt geworden ist. 

Unterdessen brach das Unheil wieder an andern 
Orten, insbesondere zu Deventer aus, obgleich man 
sich dort zur reformierten Religion bekannte, indem 
die Obrigkeit dieser Stadt (die durch einige neidische 
und feindselige Leute aufgehetzt worden ist) die Ver- 
sammlungen derjenigen, die den Glauben der Taufs- 
gesinnten bekennen, durch eine Bekanntmachung, die 
verschiedene Strafen gegen dieselben enthielt, zu stö- 
ren gesucht haben, worüber wir sogleich Mitteilung 
machen werden. 

Von einem Befehl derer von Deventer, unter 

andern gegen die genannten Mennoniten oder 
Taufsgesinnten, im Jahre 1620. 

Als das sechzehnhundert und zwanzigste Jahr nach 
der Geburt Christi herangekommen war, haben die 
vorgemeldeten Obrigkeiten nicht allein gegen die Rö- 
mischen (von welchen sie zuvor unterdrückt wor- 
den sind), sondern auch gegen die Mennoniten, oder 
Taufsgesinnten, die sich allezeit friedsam und lieb- 
reich neben und unter ihnen bewiesen, einen Befehl 
erlassen, in welchem sie unter andern auch die Ver- 
sammlung der Taufsgesinnten verboten, jedoch nicht 
bei Todesstrafe. 

Um dieses wohl zu verstehen, wollen wir den Be- 
fehl, so viel er gegen die Taufsgesinnten gerichtet ist, 
getreulich abschreiben, und dem unparteiischen Leser 
mitteilen. 

B ekanntmachung. 

Die Obrigkeit der Stadt Deventer gebietet allen Bür- 
gern und Eingesessenen ihrer Stadt, daß die Menno- 
niten keine heimliche, oder öffentliche Versammlung, 
oder Zusammenkunft halten sollen, worin eine Pre- 
digt Trauen, oder eine sonstige Übung der Religion 
verrichtet wird, es sei auch unter welchem Vorwand 
es wolle; diejenigen aber, die als Diener dieses Diens- 
tes ermittelt werden, sollen tätlich gestraft und auf 
ewig des Landes verwiesen werden; auch soll jeder, 
der in der Versammlung angetroffen wird, um das 
Oberkleid und fünfundzwanzig Gulden an Geld, zum 
zweiten Mal um das Oberkleid und fünfzig Gulden, 
das dritte Mal aber willkürlich gestraft werden. Wer 
endlich solchen Versammlungen sein Haus einräumt, 
soll hundert Gulden Strafe zahlen, zum zweiten Male 
zweihundert Gulden, zum dritten Male aber ewige 
Landesverweisung erleiden. 

Siehe in P. J. Twisck, Chronik, das 17. Buch, ge- 
druckt 1620, auf das Jahr 1620, Pag. 1825, Kol. 1. 


Von schweren Lästerungen wider die 
Taufsgesinnten in der Provinz Holland, 

zur Erweckung der Verfolgung, und wie sie sich vor 
den Staaten dieses Landes verantwortet haben, im 
Jahre 1626, den 8. Oktober. 

Unterdessen hörte man nicht auf, zu lästern und 
von der Lehre der Taufsgesinnten übel zu reden, ins- 
besondere über den Artikel ihrer Bekenntnis von Gott, 
wie auch von der Menschwerdung des Sohnes Gottes, 
als ob sie dort ganz ungereimte, ja, ungöttliche Mei- 
nungen verbreitet hätten, um (wenn es möglich wäre) 
diesen Leuten, selbst mitten in den Niederlanden, eine 
Verfolgung auf den Hals zu laden. 

Es haben aber die hohen Obrigkeiten und die Staa- 
ten des Landes selbst hiervon Notiz genommen, und 
um eine klare Anschauung in der Sache zu gewin- 
nen, haben sie verschiedenen Gemeinden der Taufs- 
gesinnten Befehl erteilt, über jene Artikel ein einstim- 
miges Bekenntnis abzulegen, und dasselbe an Ihro E. 
E. Großmögende zu überreichen. 

Hierzu haben sich vorgemeldete Taufsgesinnte wil- 
lig finden lassen, indem sie diese Artikel schriftlich 
aufgesetzt und den 8. Oktober im Jahre 1626 den Be- 
vollmächtigten des holländ. Hofes übergeben haben, 
deren Inhalt ist, wie folgt: 

Von dem einigen Gott, Vater, Sohn und heiligen 
Geist. 

Wir glauben von Herzen und bekennen hiermit nach 
dem Zeugnis des Wortes Gottes, daß ein einiger, ewi- 
ger, allmächtiger, barmherziger und gerechter Gott 
sei, 5Mo 6,5; Mt 19,17; Ps 90,2; Jes 40,28; Rom 16,25; 
IMo 17,1; Ps 103,8; Phil 2,4; Dan 9,7; nebst andern, 
IKor 8,4-6. Der kein Gleichnis hat, 2Mo 8,10; Jes 46,8. 
Dessen Größe unermesslich und dessen Gestalt un- 
beschreiblich ist (2Chr 6,18; Hi 11,8-9). Vor welchem, 
über welchem und neben welchem kein anderer ist 
(Jes 43,11; 5Mo 10,17; 5Mo 32,39). Der von sich selbst 
ist, was er ist (2Mo 3,14). Von welchem alle Dinge, 
die da sind, das haben, daß sie sind (IMo 1,1), und 
durchgehends Ps 146,6; Apg 14,15. Der das A und O, 
der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende 
ist (Offb 21,6; Jes 41,4). Der alle Dinge weiß, sieht und 
hört (Ps 94,11; ljoh 3,20; Ps 33,11; 94,9). Der allein gut 
und alles Guten Quelle und Ursprung ist (Mt 19,17; 
Jak 1,17). Darum kommt Ihm, dem Gesegneten, al- 
lein alle göttliche Ehre, Furcht, Liebe und Gehorsam 
zu, und muss Ihm gegeben werden (Ps 29,1; Lk 2,14; 
5Mo 10,12,20; 6,5; Mt 22,37; Jer 11,7), welche man auch 
niemandem anders, es sei Engeln, Menschen, oder 
irgend andern himmlischen, oder irdischen Kreaturen 



3.1 Kurzer Inhalt von den Märtyrern dieses siebzehnten Jahrhunderts. 


845 


erzeigen oder beweisen soll (Offb 19,20; Apg 10,26). 
Denn Er will seine Ehre keinem andern geben, noch 
seinen Ruhm den Götzen (Jes 48,11; 42,8). Wenngleich 
aber Gott auf diese Weise durch sein Wort im Allge- 
meinen sich selbst offenbart und bekannt macht, so 
gibt Er sich doch auch durch dieses sein Wort als un- 
terschieden und insbesondere zu erkennen, nämlich, 
daß Drei im Himmel seien, die da zeugen (ljoli 5,7). 
Nicht drei Götter, sondern ein Vater, ein Wort oder 
Sohn, und ein heiliger Geist, wie solches sich gezeigt 
hat, als der Herr Christus getauft wurde (Mt 3,16), 
und auch in den Reden Christi gelehrt wird, wenn 
Er seinen Jüngern befiehlt, im Namen des Vaters, des 
Sohnes und des Heiligen Geistes zu taufen (Mt 28,19). 

Daher ist nach dem Worte Gottes, der Vater ein 
wahrer Vater des Sohnes (Mt 7,21; 10,32-33; 16,17; 
Mk 14,36; Joh 17). Von demselben ist der Sohn auf eine 
unbegreifliche Weise von Ewigkeit ausgegangen und 
vor allen Kreaturen geboren worden (Mi 5,1 ; Kol 1,15). 
Darum ist der Sohn auch ein wahrer Sohn des Vaters 
(Ps 2,7,12; Mt 3,17; 17,5). 

Auch ist der Vater, insoweit Er Vater ist, nicht der 
Sohn (Joh 3,16-17; Rom 8,3 ; Gal 4,4). Und der Sohn, 
insoweit Er der Sohn ist, ist nicht der Vater (Joh 16,28; 
Rom 5,10); sondern hierin ist der Vater ein anderer 
als der Sohn, und der Sohn ein anderer als der Vater 
(Joh 5,32,37; 10,25,29; 15,24). Auch der Vater und der 
Sohn, insoweit sie Vater und Sohn sind, sind nicht 
der Heilige Geist, und der Heilige Geist, insoweit er 
von dem Vater in dem Namen des Sohnes ausgeht, 
oder gesandt wird, ist ein anderer, als der Vater, oder 
der Sohn. Aber, wenn der Vater Gott, ewig, nicht er- 
schaffen, sondern ein Schöpfer aller Dinge genannt 
wird, und Ihm andere göttliche Eigenschaften beige- 
legt werden, so glauben wir, daß der Sohn und der 
Heilige Geist mit dem Vater eins seien, denen eben die- 
selbe Benennung, Gott, im höchsten Sinne, wie auch 
die Ehre, der Dienst und Gehorsam zukommt. Doch 
wir halten dafür, daß die Weise, wie und worin Vater, 
Sohn und Heiliger Geist drei und auch eins sind, uns 
von Gott nicht vollkommen in seinem Worte offenbart 
worden sei, sodass auch die vollkommene Erkenntnis 
hiervon zur Seligkeit nicht notwendig ist, weil es ein 
hohes und tiefes Geheimnis ist, das hier in diesem 
Leben nur, wie in einem dunklen Spiegel, stückweise 
erkannt werden kann (IKor 13,12), sodass die voll- 
kommene Erkenntnis und das wahrhafte Anschauen 
durch den Glauben zwar in diesem Leben gehofft, 
dereinst aber in dem ewigen Leben erst vollkommen 
erkannt wird (ljoh 3,3). Daher ist auch die tiefe Unter- 
suchung derselben über das Wort Gottes hinaus mehr 
eine Spitzfindigkeit, als simple Einfalt. Das Wort Ei- 
nes Wesens, wie auch die Worte Dreifaltigkeit und 


drei Personen, welche die Alten in früheren Zeiten 
ersonnen haben, vermeiden wir, weil die Schrift die- 
selben nicht kennt, und weil es gefährlich ist, in der 
Benennung Gottes andere Worte zu gebrauchen, als 
die eigenen Worte der heiligen Schrift. Durch die Wor- 
te drei im Wesen, oder drei ein Wesen, welche vormals 
Jacques Outerman, wie auch einige unserer Lehrer, ge- 
braucht haben, wird nichts anderes verstanden, als 
was dieses unser voriges Bekenntnis in sich begreift. 

Von der Menschwerdung des Sohnes Gottes. 

Wir glauben und bekennen, daß Gott, als Er seine 
größte Liebe an dem menschlichen Geschlecht, wel- 
ches durch die Sünde in den Tod und großes Ver- 
derben gefallen war, beweisen, und seine gnädigen 
Verheißungen, den Altvätern gegeben, in der Tat erfül- 
len wollte (IMo 3,15; IMo 12,3; IMo 22,18; 5Mo 18,18.) 
Er hat zu dem Ende seinen einigen (Joh 3,16), lieben 
(Lk 9,35), und werten Sohn (Mt 3,17), der von Ewig- 
keit her gewesen ist (Hebr 1,2), durch welchen alle 
Dinge erschaffen und gemacht sind (Kol 1,16; Hbr 1), 
in diese Welt gesandt (Joh 3,17; ljoh 4,9), welcher sei- 
nes Vaters Willen gern gehorsam gewesen ist (Ps 40,9; 
Hbr 10,7). Ist von oben (Joh 3,19; 8,18) vom Himmel ge- 
kommen (Joh 3,13; 6,62), von seinem Vater ausgegan- 
gen (Joh 16,28), hat seine göttliche Klarheit verlassen 
(Joh 17,5; Phil 2,6), Gestalt und Reichtum (2Kor 8,9), 
ließ sich herunter (Eph 4,8), und ist in diese Welt ge- 
kommen (Joh 16,28), sodass Ihn die Jungfrau Maria 
durch die Kraft des Allerhöchsten (Lk 1,31) empfan- 
genhat (Jes 7,14; Mt 1,23; Lk2,7). Auch ist Er selbst und 
kein anderer von ihr geboren worden (Jes 7; Mt 1,25; 
Lk 1; Gal 4,4). Denn obgleich Maria den Sohn Gottes in 
einer andern Gestalt geboren hat, als Er bei dem Vater 
vor Grundlegung her Welt war, so ist es doch eben 
derselbe, dessen Ausgang von Anfang und Ewigkeit 
gewesen ist (Mi 5,1; Jes 9,5). Denn das Wort oder Sohn 
ist Fleisch geworden (Joh 1,14). Ja, der Gott gleich war, 
ist wie ein anderer Mensch geworden (Phil 2,7). Der 
Sohn Gottes ist erschienen in der Gestalt des sündli- 
chen Fleisches (Rom 8,3). Gott ist offenbart im Fleisch 
(lTim 3,15), sodass der zweite Mensch Christus der 
Herr selbst vom Himmel ist (IKor 15,47). Daher war 
das, was die Apostel an Christo mit ihren Augen sa- 
hen und mit ihren Ohren hörten, auch mit den Hän- 
den betasteten, vom Wort des Lebens, sodass sie das 
Leben gesehen haben, das ewig bei dem Vater war 
(ljoh 1). Denn Gott hat seinen erstgeborenen Sohn 
in die Welt gesandt, den alle Engel und Menschen 
anbeten müssen (Hbr 1,6; Phil 2,10). Wenn wir demge- 
mäß glauben, so haben wir Gottes und aller Frommen 
Zeugnis für uns, welche einträchtig, wie mit einer 



846 


3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an. 


Stimme rufen, daß der sichtbare Mensch Christus Got- 
tes Sohn sei (Mt 3,17; Joh 1,2 ; 9,37; Joh 11,27; Mt 16,16; 
ljoh 4,10; ljoh 5,5), der unter den Menschen gewohnt 
hat (Joh 1,14; Sach 2,19; Bar 3,18). Auch ist Er von den 
Hohenpriestern, weil Er sich selbst als Gottes Sohn 
bekannt hat, zum Tode verurteilt worden, Mk 14,64; 
Joh 18,30. Denn sie kannten ihn nicht, darum haben 
sie den Herrn der Herrlichkeit, das ist den Herrn vom 
Himmel, IKor 15,47, ans Kreuz genagelt, IKor 2,8. Da- 
selbst hat der Sohn des lebendigen Gottes gelitten, 
Hebr 5,8; welchen Gott nicht verschont hat (Rom 8,32), 
sondern hat Ihn für das Leben der Welt dahin gege- 
ben (Joh 3,16; ljoh 4,14), auch zum aller schändlichsten 
Kreuzestod, Phil 2,8. Daran hat der Sohn Gottes sein 
teures Blut zur Vergebung unserer Sünden vergossen, 
(Apg 20,28; Kol 1,14; ljoh 1,7; Offb 1,5). Durch welchen 
Gott die Welt gemacht hat, der hat die Reinigung un- 
serer Sünden durch sich selbst gemacht, (Hebr 1,2). Ist 
begraben, und am dritten Tage durch die Herrlichkeit 
des Vaters wieder von den Toten auferweckt worden, 
(IKor 15,12; Apg 3,26; Rom 6,4; 2Thess 1,10). Ist auf- 
gefahren dahin, wo Er zuerst war, (Joh 3,13; Joh 6,62; 
16,28; Eph 4,10; lTim 3,16). Sitzt daselbst zur Rechten 
der Majestät seines Vaters (Eph 1,20; Hebr 1,3), von 
wo Er kommen wird in den Wolken des Himmels, 
zu richten die Lebendigen und die Toten, (Mt 24,30 ; 
Apg 10,42; Ojfb 1,7; Rom 14,9; 2Kor 5,10). 

Der Zweck der Sendung, Zukunft, Menschwer- 
dung, des Leidens und Todes des eingeborenen Soh- 
nes Gottes in diese Welt ist der gewesen, die Sün- 
der selig zu machen (lTim 1,15; Mt 18,11), oder die 
sündhafte Welt mit Gott, dem Vater, zu versöhnen 
(Joh 3,17; ljoh 2,2; 2Kor 5,19). Darum ist Er auch der 
einige Grund (IKor 3,11), die einige Tür zum Vater 
(Joh 10), der einige Weg zum ewigen Leben (Joh 14,6), 
die einige verdienstliche Ursache der Rechtfertigung 
(Apg 13,38-39; Rom 3,24), und der ewigen Seligkeit, 
denn es ist in keinem andern Heil, ist auch kein ande- 
rer Name, wie der Apostel Petrus sagt, den Menschen 
gegeben, wodurch sie selig werden, als in dem Namen 
unseres Herrn Jesu Christi (Apg 4,12). Ihm sei Lob, 
Preis und Ehre, von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen. 

Dieses war unterzeichnet von zwanzig Vorstehern 
der Taufsgesinnten (die alle wohl bekannt sind) im 
Namen ihrer Gemeinden, als von Amsterdam, Har- 
lem, Leyden, Delft, Rotterdam, Dergoude, Schiedam, 
Bommel, Blockzyel. 

Dieses Glaubensbekenntnis über den Artikel von 
Gott und der Menschwerdung des Sohnes Gottes hat, 
als sie an die Bevollmächtigten des Hofes von Holland 
übergeben wurde, Ihro Hochmögende zufrieden ge- 
stellt und daher die Ruhe und die Freiheit der Taufsge- 
sinnten in diesem Lande, ziemlich wieder hergestellt. 


wiewohl zum Missvergnügen derer, die aus Neid zu- 
erst getrachtet hatten, ihre Ruhe zu stören und (wenn 
es ihnen geglückt wäre) deren Unterdrückung oder 
Verfolgung zu bewirken. 

Es sind uns aus der Schweiz eben zu rechter Zeit 
zwei Handschriften in schweizerischer Sprache zu- 
gesandt worden, beide an verschiedene Gemeinden 
unserer Glaubensgenossen, aber insbesondere an die 
von Amsterdam und das auf Begehren und auf Veran- 
lassung einiger unterdrückter Brüder, wie auch eini- 
ger Diener und Ältesten (der Gemeinde) in der Pfalz 
und dem Elsaß. 

Das erste ist 1645, den 15. September geschrieben 
und vollendet mit dem Handzeichen des Jeremias 
Mangold. Das zweite im Monat Februar 1658 durch 
M. Meyli. 

Diese beiden Büchlein, die zu gleichem Zweck und 
in gleicher Absicht geschrieben und hierher gesandt 
worden sind, sollen zur Ausführung unseres vorge- 
nommenen Werkes dienen, nämlich, um die Beschrei- 
bung der heiligen Märtyrer, die um unseres allgemei- 
nen christlichen Glaubens willen gelitten haben, bis 
auf die neueste Zeit zu erstrecken und ans Ende zu 
bringen. 

Um dieses aufs Beste zu tun und die Sachen, die in 
dem einen Buch sehr weitläufig, in dem andern aber 
sehr kurz und bisweilen in Bruchstücken beschrieben 
sind, in eine bequeme Form zu bringen und auszu- 
drücken, soll uns keine Mühe verdrießen; darum wol- 
len wir es recht gründlich nehmen und es nach der 
Zeitfolge vortragen, und jedes Mal (damit hierin nicht 
geirrt werden möge) anführen, aus welchem Buch wir 
es genommen haben. 

Von den Umständen der letzten Verfolgung in der 

Schweiz wie auch von den Ursachen derselben, 
1635. 

Die blühende Rose der Kirche Gottes im Schweizer- 
lande hatte nun etwa 21 Jahre ziemliche Ruhe gehabt, 
und es lässt sich annehmen, daß die Dornen der Ver- 
folgung, die vor und um das Jahr 1614 an derselben 
aufgewachsen waren, durch das Blut des letztgemel- 
deten Hans Landis ersättigt worden seien. 

Aber im Jahre unseres Herrn 1635 ist der alte Hass 
derjenigen, die man mit Unrecht Reformierte nannte, 
in dasiger Gegend und insbesondere in der Stadt Zü- 
rich, der schon vor hundert und zehn Jahren, nämlich 
im Jahre 1525 zu Zwinglis Zeiten, als ihre Kirche erst 
fünf Jahre alt war, durch öffentlichen Befehl wider die 
Taufsgesinnten angefangen hatte, wieder ausgebro- 
chen. 

Dieses entstand hauptsächlich durch die Bekehrung 



3.1 Kurzer Inhalt von den Märtyrern dieses siebzehnten Jahrhunderts. 


847 


eines angesehenen, reichen und geachteten Mannes 
in der Stadt Zürich, genannt Henrich F., welcher, als 
er von der dortigen Obrigkeit zum Amtsfähndrich 
erwählt war, seine Seele mit Angst und Not beladen 
fand und sich deshalb nicht zu dem Krieg gebrauchen 
lassen wollte, den er nun bedienen sollte; er suchte 
daher Rat bei der Gemeinde der wehrlosen Chris- 
ten oder Taufsgesinnten, ließ sich mit ihnen in den 
Bund ein, verließ den Krieg und wurde dort durch 
die Taufe angenommen und für einen lieben Bruder 
der Gemeinde erkannt. 

Dieses wurde von der Obrigkeit jener Stadt auf An- 
trieb der dortigen Gelehrten sehr übel aufgenommen, 
und das umso mehr, weil er auf den Grenzen ihres 
Gebietes, gerade ihren Feinden gegenüber, nämlich 
den römisch-katholischen, in Ruhe wohnen blieb. 

Darauf ist erfolgt, daß die Obrigkeit Befehl gab, daß 
alle Taufsgesinnten (die verächtlich Wiedertäufer ge- 
nannt wurden) mit ihnen in die Kirche gehen und 
ihrem Gottesdienst beiwohnen sollten, wenn sie an- 
ders ihre Freiheit behalten wollten. 

Als sie aber solches nicht mit gutem Gewissen tun 
konnten, und daher sich dessen weigerten, hat die Ob- 
rigkeit (in ihrer Entrüstung) im Ausgang des Jahres 
1635 viele von ihnen gefänglich eingezogen, welche 
aber alle bis auf drei (weil das Gefängnis nicht stark 
genug war) entkommen und aus der Verfolger Hän- 
den entflohen sind, die drei anderen aber, nämlich 
Rudolph Egly, Ully Schmid und Hans Müller sind 
geblieben und wurden auf das Rathaus, jeder in ein 
besonders Gefängnis gelegt, worin sie 20 Wochen un- 
ter viel Kreuz, Streit und Anfechtung, womit man sie 
von ihrem Glauben abzubringen suchte, geblieben 
sind. 

Als sie aber nicht abfallen wollten und auch ihre Wi- 
dersacher ihnen nichts abgewinnen konnten, indem 
sie angelobten, daß (wenn sie freigelassen würden) 
sie ihren Obrigkeiten, wie sie vorher getan hatten, alle 
gebührliche Ehre, Gehorsam und Schätzung abstatten, 
aber in ihre Kirchen (worum es am meisten zu tun 
war) nicht gehen, auch ihrem Gottesdienst nicht bei- 
wohnen wollten, so ist ihnen auferlegt worden, daß 
sie sich hierzu entschließen und um deswillen mit ih- 
ren Brüdern sich unterreden und besprechen sollten, 
weshalb sie einen Monat lang aus dem Gefängnis und 
von ihren Banden befreit worden sind. 

Als sie (dem ihnen auferlegten Befehl und ihrem 
Versprechen gemäß) wiederkamen und noch nicht ein- 
willigen oder dem mit gutem Gewissen nachfolgen 
konnten, was die Obrigkeit in Ansehung ihres Gottes- 
dienstes von ihnen begehrte, hat man sie wieder in 
Verhaft genommen und festgesetzt. 

Als nun (nach vorhergehender Weise) ihr guter Vor- 


satz und fester Glaube nicht verändert werden konnte, 
hat man sie endlich auf die vorgemeldete Bedingung 
wieder freigelassen; aber sie sind nachher (weil sie er- 
fahren haben, was sie zu erwarten hätten) ohne Geleit 
nicht wieder vor ihnen erschienen. Haec autem omnia 
Principium fuerunt Dolorum Partus. Aber alle diese 
Dinge waren nur ein Anfang der Schmerzen. Vergl. 
Jerem. Mang. Buch nach der Vorrede, das erste Blatt 
A mit M. Meylis Buch Blatt A. 

Fortsetzung der Umstände der vorgemeldeten 
letzten Verfolgung in der Schweiz, 

auf den Schlössern Wadischwil, Knonau und Gronin- 
gen, wie auch auf der Chorherrenstube zu Zürich, in 
den Jahren 1636 und 1637. In dem folgenden Jahre, 
nämlich 1636, den 17. März, wie auch den 17. Au- 
gust, den 8. September und auch im Ausgang des- 
selben Jahres, zuletzt aber im folgenden Jahre 1637 
im Mai sind fast alle Taufsgesinnten, sowohl Brüder 
als Schwestern, in der Schweiz, hauptsächlich aber 
im Züricher Gebiet, vor gewisse von der Obrigkeit 
dazu verordnete, teils obrigkeitliche, teils geistliche 
Personen gefordert worden. 

Erstlich auf den Schlössern Wadischwil, Knonau 
und Groningen, wo sie sämtlich ihre Namen und ihr 
Geschlecht angeben mussten, welche Notizen aufge- 
schrieben wurden. 

Zum zweiten Mal auf denselben Schlössern, wo ih- 
nen vorgehalten wurde, sie sollten sich zu dem öffent- 
lich und gemeinen Kirchengang daselbst bequemen, 
dessen sie sich aber weigerten. 

Zum dritten Mal zu Zürich auf der Chorherrenstu- 
be, doch nicht alle, sondern nur einige, wo über drei 
Religionsartikel mit ihnen disputiert wurde, nämlich 
über den Artikel der Taufe, des Abendmahls und der 
Kirchenzucht oder des evangelischen Bannes, sodass, 
als sie hierüber wie auch über den ganzen Grund 
ihres Glaubens sich erklärt hatten, und die Bevoll- 
mächtigten fragten, ob man nicht bei solchem Glau- 
ben selig werden könnte, sie zur Antwort erhielten: Ja, 
man kann wohl dabei selig werden. Nichtsdestoweni- 
ger haben sie den Abend darauf, als solches gesche- 
hen war, abermals sehr über ihren Glauben gelästert, 
gescholten und ihnen gedroht; denn wo das Fuchs- 
fell (wie man im Sprichwort sagt) nicht hinreicht, da 
braucht man die Löwenhaut. 

Zum vierten Mal wiederum auf derselben Chor- 
herrenstube, wo ihnen vorgelegt wurde, sie sollten 
alle ihre beweglichen und unbeweglichen Güter ange- 
ben, mit dem Versprechen, daß ihnen davon nicht ein 
Stüber genommen werden sollte; dies haben sie offen- 
herzig getan und alles angegeben. Hiernächst wurden 



848 


3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an. 


alle ihre Güter aufgeschrieben, ins Buch eingetragen 
und sodann Arrest darauf gelegt. 

Zum fünften Mal abermals auf den vorgenannten 
Schlössern, wozu ihnen ein freier Geleitsbrief gege- 
ben wurde. Hier wurden sie gefragt, wie sie sich auf 
die Anforderung wegen des Kirchengangs bedacht 
hätten; darauf wurde ihnen ein Brief von dem Land- 
vogt auf Befehl der hohen Obrigkeit vorgelesen, des 
Inhalts, daß wenn sie nicht in die Kirche gehen und 
darin der Obrigkeit gehorsam sein wollten, sie gefäng- 
lich eingezogen werden würden und keine Gnade zu 
erwarten hätten. 

Unterdessen haben vorgemeldete Brüder und 
Schwestern um die Erlaubnis, das Land zu räumen 
(nämlich mit ihren Gütern), mehrmals nachgesucht; es 
ist ihnen aber nicht zugestanden oder verwilligt wor- 
den, sondern es wurden ihnen zwei Bedingungen zur 
beliebigen Auswahl gestellt, nämlich sie sollten ent- 
weder mit ihnen in die Kirche gehen, oder sie müssten 
in den Gefängnissen, wohin man sie gefangen legen 
würde, sterben. 

Auf diese erste Bedingung haben sie nicht eingehen 
wollen, deshalb mussten sie das Letztere erwarten. 

Dieses waren die Umstände des Verfahrens, wel- 
ches vor der letzten Verfolgung der Gläubigen in der 
Schweiz gegen dieselben zur Anwendung gebracht 
ist. Jer. Mang. Buch, das 2. Blatt, A, B; Item M. Meylis 
Buch, Blatt 3, A, B. 

Von mehrgemeldeter Verfolgung selbst, 

wie sich dieselbe zugetragen habe, und wie zwölf Brü- 
der gefangen und zu Zürich an den Ort Othenbach zu 
einigen Übeltätern gesetzt worden seien; desgleichen 
was es damit im Jahre 1637 für ein Ende genommen 
habe. 

Nachdem mm vorgemeldete Verhandlung zwi- 
schen der Obrigkeit in der Schweiz und den recht- 
sinnigen Gläubigen in den dortigen Gegenden statt- 
gefunden hatte, und die Gläubigen nicht nach deren 
Wohlgefallen antworten konnten, weil ihre Gewissen 
ihnen darin zu mächtig waren, so haben mehrgemel- 
dete Obrigkeiten, insbesondere aber die Obrigkeit der 
Stadt Zürich, im Monat Mai 1637 ihre Diener in Mas- 
sen ausgesandt, welche mit Rasen und Toben, Flu- 
chen und Schwören, ja selbst mit Zustimmung von 
Misshandlungen, wie die reißenden Wölfe unter ei- 
ne Herde Schafe, in die Häuser der Gläubigen einge- 
fallen sind und fast alle mitgenommen, die greifen 
konnten, ohne irgendjemanden zu verschonen; Jun- 
ge und Alte, Männer und Weiber, Schwangere und 
Säugende, Kranke und Gesunde, unter welchen ins- 
besondere zwölf Brüder mit Namen genannt und in 


der Abhandlung der Freunde aus Zürich angegeben 
werden. Diese sind alle in der Stadt Zürich in ein sehr 
feuchtes Gefängnis, Othenbach genannt, zu einigen 
Übeltätern gesetzt worden, wo ihnen viel Herzeleid, 
Verdruss und Jammer allein um ihrer Standhaftigkeit 
willen in ihrem wahren Glauben widerfahren ist. Von 
denselben sind einige, die die Strenge des Gefängnis- 
ses, den Mangel der Lebensmittel und sonst erlittenes 
Ungemach nicht ertragen konnten, in den Banden 
gestorben, andere aber sind ohne der Obrigkeit Wis- 
sen bei geöffnetem Gefängnis, unverletzt an ihrem 
Glauben mit Gottes Hilfe herausgekommen, worüber 
gehörigen Orts ausführlicher gehandelt werden soll. 
Vergleiche dieses mit Jer. Mang., Blatt 3, B. 

Ferner wollen wir aus den gemeldeten Büchern der 
Ältesten und Diener in der Schweiz anführen, wel- 
che Personen, so viel uns nämlich bekannt geworden 
ist, während dieser Verfolgung in Verhaft genommen 
worden sind, desgleichen wie und auf welche Weise 
dieselben geendigt haben. 

Im Monate Mai 1637 wurden drei Brüder, wovon 
zwei mit Namen, nämlich Jakob Rusterholz und Peter 
Brubach, genannt werden, von dem Landvogt von 
Wabischwil an einen gewissen Ort beschieden und in 
Verhaft gehalten; auch wurde damals Hans Landis der 
Zweite, welcher ein befestigter Diener der Gemeinde 
zu Horgerberg war, mit seiner Tochter Margaretha 
Landis gefangen genommen, der wohl sechzig Wo- 
chen in Othenbach gelegen hat. 

Unterdessen hat die Obrigkeit ihre Güter verkauft 
und 7000 Gulden davon gemacht, die sie für sich 
selbst behielt. 

Ferner einer, Rudolph Egly, der nebst zwei andern 
Brüdern zwei Jahre zuvor, nämlich 1635, auf dem Rat- 
haus zu Zürich gefangen gesessen hat, aber heraus- 
gekommen ist, wurde nun im Jahre 1637 abermals 
gefangen, sein Haus zerstört, die Kinder daraus ver- 
trieben und alles verkauft, woraus sie an 500 Gulden 
lösten, welches Geld die Obrigkeit ebenfalls an sich 
gezogen hat. 

Darnach hat man seine Hausfrau Martha Lindin- 
gerin in Verhaft genommen und in Othenbach in ein 
sehr feuchtes Gefängnis festgesetzt; eine Zeit lang hat 
man sie sehr hart und rau gehalten und ihr scharf 
zugesetzt von wegen des Gemeindegeldes, welches 
den Armen der Gemeinde zugehörte und worüber ihr 
Mann die Aufsicht hatte; man führte sie in den Fol- 
terkeller und ließ den Scharfrichter holen, den man 
neben sie stellte, und drohte ihr mit schwerer Pein 
und Marter, wenn sie ihnen nicht sagen würde, wo 
das Geld wäre. 

Hierdurch wurde diese Frau schwach gemacht, so- 
dass sie ihnen davon Nachricht gab; darauf wurde sie 



3.1 Kurzer Inhalt von den Märtyrern dieses siebzehnten Jahrhunderts. 


849 


losgelassen, die Güter der armen Heiligen aber ange- 
schlagen, welches an Geld und Briefen sich auf 2000 
Reichsthaler belief. Weil aber, wie es scheint, ihr Geist 
nicht ruhen konnte, und sie sich mit großer Reue dar- 
über beklagte, wurde sie eine geraume Zeit nachher 
abermals gefangen und in Othenbach festgesetzt, in- 
dessen mit gutem Gewissen (durch das Ausbrechen) 
auf den Freitag vor Ostern nebst mehreren andern 
ihrer Brüder und Schwestern von den Banden erlöst. 

Vergleiche miteinander beide Bücher, sowohl des 
Mangolds als des Meylis. 

Erinnerung von der Beschaffenheit der nachfolgen- 
den Märtyrer. 

Hans Meyli (der Alte) und seines Sohnes 
Hausfrau, um das Jahr 1638. 

In dem Amt Knunau brach damals die Verfolgung 
heftig aus, sodass auf einmal dreißig Büttel in die 
Häuser der Taufsgesinnten und wehrlosen Christen 
einfielen, viele Wachtfeuer machten, wobei sie rasten 
und tobten, Türen und Fenster aufschlugen, mit blo- 
ßen Degen hin und her durch die Häuser liefen, dann 
aber ärger als Kriegsleute soffen und prassten. 

Unterdessen wurde das Haus eines alten Mannes, 
Namens Hans Meyli, heftig überfallen; derselbe war 
ein Diener der Gemeinde, welcher im Jahre 1637 ge- 
fangen gesetzt worden war; damals nahmen sie auch 
die Hausfrau seines Sohnes Martin mit, obgleich sie 
ein kleines säugendes Kind hatte. Nachdem man sie 
hart gebunden hatte, wurde sie in das Klostergefäng- 
nis Othenbach bei Wasser und Brot gesetzt und sehr 
hart gehalten, um sie zum Abfall zu bringen; aber in 
allen Anfechtungen ist sie standhaft geblieben, und 
endlich wunderbar durch die Gnade Gottes von den 
Banden erlöst worden. 

Nachher, als sie schwanger war, wurde sie aber- 
mals in Verhaft genommen und zu Zürich aufs Rat- 
haus, dann aber in Othenbach hingesetzt, endlich ins 
Gasthaus geführt und an die Kette gelegt, bis sie die 
Kindeswehen überfielen; dann erst wurde ihr die Ket- 
te abgenommen, worauf sie, als sie die Gelegenheit 
zu ihrer Befreiung sah, noch einmal den Verfolgern 
entronnen ist. Siehe das Buch vom Jahre 1645 durch 
Jer. Mang., Blatt 4, B. und Blatt 5, A. 

Catharina Müllerin, im Jahre 1639. 

Der Nordwind der Verfolgung erhob sich damals 
mehr und mehr in der Gegend von Knonau; dies hat 
sich unter andern an einer alten Schwester, Catharina 
Müllerin genannt, gezeigt, welche man auch ergriffen 
und nach Zürich geführt hat; dort hat sie im Gefäng- 


nis um des Glaubens und des Zeugnisses Jesu Christi 
willen viel ausstehen müssen; aber sie ist nachher, wie 
die vorhergehende, wider alle Hoffnung und Vermu- 
ten, von den Banden befreit worden. Jer. Mang. Buch, 
Blatt 8, B. 

Den dritten Tag, des Monats Mai im Jahre 1639 wur- 
den die zwei Söhne des vorgenannten Hans Meyli, 
nämlich Hans Meyli, der jüngere, und Martin Meyli, 
sowie dieses Hans Meylis Hausfrau sämtlich gefan- 
gen und zu Zürich festgesetzt, wo ihnen, insbeson- 
dere den Mannspersonen, viel Jammer, Verdruss und 
Unheil zugefügt wurde, und zwar sowohl mit Fes- 
seln, Handschellen, als eisernen Banden, in welche sie 
zweimal geschlagen worden sind, um sie von ihrem 
Glauben abfällig zu machen. 

Ihre Kinder, als arme verlassene Waisen, wurden 
unter Fremde getan, welches, wie zu vermuten ist, 
keine geringe Betrübnis und Bekümmernis in den 
Herzen der gefangenen Eltern verursacht haben muss. 
Gleichwohl sind sie bei ihrem Glauben unverändert 
geblieben, sodass sie nicht abfallen wollten, unerach- 
tet der Liebe zu ihren unterdrückten Kindern, zu wel- 
chen sie nicht kommen konnten, bis sie den Freitag 
vor Ostern im Jahre 1641, nach dreijähriger Gefangen- 
schaft, nebst mehreren andern ihrer Mitbrüder, un- 
vermutet und ohne Verletzung ihres Gewissens von 
ihren Banden erlöst worden sind. Siehe das Buch von 
dem Jahre 1645, von Jer. Mang., Blatt 5, A, B. 

Vier Schwestern, nämlich Barbara Mehlin, Ottilia 
Müllerin, Barbara Kolbin und Elisabeth Meylin, 
im Jahre 1639. 

Die Verfolgung aber war damit noch nicht zu Ende, 
sondern man fuhr fort und legte auch die Hände an 
vier fromme Schwestern, Barbara Meylin, Ottilia Mül- 
lerin, Barbara Kolbin und Elisabeth Meylin, die auch 
mit aus dem bitteren Kelch der ängstlichen Gefangen- 
schaft zu Zürich trinken mussten; aber der Herr hat 
sie bewahrt, sodass sie, imgekränkt in ihrem Glauben, 
unvermutet und ohne der Obrigkeit Wissen aus dem 
Gefängnis und Banden entkommen sind. Siehe das 
letztgenannte Buch, Blatt 10, A. 

Wir haben auf das Jahr 1633 von einem Hans Müller 
gemeldet, welcher, als er mit zweien seiner Mitbrü- 
der auf dem Rathaus zu Zürich gefangen saß, auf 
einen Monat mit Bedingung losgelassen, hernach aber 
nochmals gefangen genommen und mit derselben Be- 
dingung abermals von den Banden befreit wurde. 

Dieser wurde nachher - um das Jahr 1639, wie die 
Umstände ausweisen - abermals grausam verfolgt; 
wie denn selbst seine Nachbarn und ihre Häuser nicht 
verschont wurden; denn die Büttel liefen durch diesel- 



850 


3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an. 


ben wie rasende Wölfe, die einem Schaf nachspüren, 
aber als sie an sein eigenes Haus kamen - aus dem 
er schon entflohen war - brachen sie mit Beißzangen 
und anderem Werkzeug Kisten und Kasten auf, in der 
Hoffnung, dass sie der Gemeinde oder der Armen 
Vorrat daselbst finden würden. 

Seinen kleinen Kindern drohten die Büttel in der 
Nacht mit bloßen Schwertern, daß sie sie umbringen 
wollten, wenn sie nicht sagen würden, wo ihr Vater 
wäre. 

Als sie nun seiner nicht habhaft werden konnten, 
nahmen sie seine Hausfrau mit, die sie in Othenbach 
gefänglich einsetzten. Hernach wurde in der Kirche 
ausgerufen, daß niemand Hans Müller, aus dem Amt 
Groningen, beherbergen oder ins Haus nehmen, und 
ihm weder Speise noch Trank geben sollte bei hoher 
Strafe und Ungnade der Obrigkeit. 

Als ihm nun das Leben sauer genug gemacht wur- 
de, so hat der Amtmann im Kloster Ruti im Namen 
der Bürgermeister und des Rates zu Zürich einen Brief 
an ihn gesandt, des Inhaltes, daß er drei Wochen lang 
ein sicheres und freies Geleit haben sollte, um zu ste- 
hen und zu gehen, wohin er wollte; auch daß er ohne 
Gefahr zu ihm ins Kloster kommen und, wenn das 
vorgenommene Gespräch vollbracht, wieder frei und 
ohne Gefahr hinweg gehen möchte. 

Hierauf hat er sich gutwillig, in einem sichern Ver- 
trauen auf vorgemeldete Zusage, ins Kloster begeben; 
aber weil er in die Vorstellung des Amtmannes, näm- 
lich in die Kirche zu gehen, nicht willigen konnte, so 
wurde er daselbst festgeschlossen. Tag und Nacht ver- 
wahrt und nachher nach Zürich geführt, wo er eine 
Zeit lang auf dem Rathaus und nachher in Othenbach 
gefangen saß, welches der Ort war, wo auch seine 
Hausfrau gefangen lag. Daselbst wurde er ausgezo- 
gen, sechzig Wochen lang gefangen gehalten, in wel- 
cher Zeit er sechzehn Wochen lang in Eisen geschla- 
gen war, bis er endlich mit den andern Gefangenen, 
auf einen Freitag vor Ostern, unvermutet los kam. 

Darnach wurde er abermals mit unsinniger Rase- 
rei aufgesucht, wie zuvor, und von einem Platz zum 
andern vertrieben, sodass er sich mit seinem Weib in 
seinem Haus nicht aufhalten durfte. 

Unterdessen trug es sich zu, daß seine Hausfrau 
mit Zwillingen niederkam, und wurde, als sie kaum 
elf Tage im Kindbett gelegen hatte, von zehn Bütteln 
überfallen, welche, nachdem sie Nachts das Haus um- 
ringt hatten, mit den Bedrohungen hinein kamen, daß, 
wenn sie nicht sagen wollte, wo ihr Mann wäre, sie 
innerhalb sechs Wochen nicht aus ihrem Haus gehen 
sollte, oder sie müsste in die Kirche gehen; als sie 
nun solches nicht tun wollte, sind zwei von den Zehn 
daselbst geblieben, welche ihrer Tag und Nacht wahr- 


nahmen. 

Hierdurch wurde diese Frau in solchen Schrecken 
versetzt - denn sie sah, worauf es gemünzt war - daß 
sie in einer Nacht, bei großer Kälte, mit ihren zwei 
säugenden Kindern ausgebrochen und einen weiten, 
ungebahnten Weg über Berg und Tal gegangen ist. 
Also ist sie den Händen der Feinde entgangen, und 
hat alles verlassen, was sie hatte, welches die Obrig- 
keit Fremden ausgeliehen und davon jährlich tausend 
Gulden Renten erhoben hat. Siehe Jer. Mang. Buch, 
Blatt 13, A. 

Elisabeth Hilzin, im Jahre 1639. 

Unterdessen handelte man viel härter und grausamer 
mit diesen, als mit den Vorhergehenden; denn es blieb 
nicht allein bei der Gefangenschaft, sondern man hat 
sie sogar aus Mangel, Armut und Elend sterben las- 
sen. 

Unter die, welche den Tod erlitten haben, wird Eli- 
sabeth Hilzin gezählt, eine gottesfürchtige Frau und 
Schwester der Gemeinde, welche, nachdem man sie 
ergriffen, gebunden und in Othenbach gefangen ge- 
setzt hatte, so hart gehalten wurde, daß sie von der 
Zeit an wenig gesunde Stunden mehr hatte. 

Gleichwohl hat man ihr weder Mitleiden noch 
Barmherzigkeit bewiesen, bis sie von allem erlittenen 
Ungemach erkrankte und starb, nachdem sie ihren 
Geist, den sie von Gott empfangen, Gott wieder über- 
geben hatte; aber der zweite Tod wird sie nicht treffen, 
nach des Herrn Verheißung. Qui vicet, nequaqum la- 
edetur a Morte secunda (Wer überwindet, dem soll 
von dem andern Tod kein Leid geschehen, (Offb 2,11)- 
Siehe oben. 

Nachbericht: Um diese Zeit 1639 wurde auch ein 
junger Mann von Horgerberg, namens Hans Aster, ge- 
fangen genommen; derselbe wurde auch nach Zürich 
in Othenbach geführt, eine Zeit lang mit Wasser und 
Brot gespeist, in den Banden ausgezogen, nachher 
aber ist ihm durch einige seiner Mitgenossen heraus 
geholfen worden. 

Als dieses geschehen war, war er durch die schwere 
Gefangenschaft so übel zugerichtet, daß man ihn in 
der Nacht einen sehr weiten Weg tragen musste. 

Unterdessen wurde auch seine Hausfrau mit ihrem 
kleinen säugenden Kind gefangen und eine Zeit lang 
in Othenbach fest eingeschlossen, sie ist aber nachher 
gleichsam durch ein göttliches Wunder den Händen 
der Feinde entgangen. 

Die Obrigkeit trieb ihre Kinder ins Elend und ver- 
kaufte ihr Haus und Hof, wofür sie 4000 Gulden be- 
kam, ohne jemals wieder etwas davon zurück zu ge- 
ben. 



3.1 Kurzer Inhalt von den Märtyrern dieses siebzehnten Jahrhunderts. 


851 


Als nun den Eltern alles entzogen war, mussten sie 
hart arbeiten, um die Kost zu verdienen, worin sie 
sich aber mit Gottes Verheißungen getröstet haben. 
Das Buch Jer. Mang, und Meylis. 

Hans von Uticken, im Jahre 1639. 

Gleichwie ein heftiger Sturm alles erfasst und was 
nicht fest ist, mit sich fortreißt, ebenso hat es sich 
auch bis auf diese Zeit mit der Verfolgung zugetragen. 
Es wurden alle mitgenommen, die mit dem Namen 
Wiedertäufer belegt wurden, wo man ihrer habhaft 
werden konnte. 

Die Gegend Uticken-Wage hat dadurch viel aus- 
stehen müssen. Unter denen, die hier wohnten, legte 
man die Hände an einen frommen Bruder, genannt 
Hans von Uticken, mit dem Zunamen Müller, welcher 
im Jahre 1639 ins Klostergefängnis zu Zürich gesetzt 
wurde. 

Man gab ihm nichts als Wasser und Brot zur Nah- 
rung, entzog ihm die Kleidungsstücke in den Banden 
und ging sehr unbarmherzig mit ihm um, bis er, nach- 
dem er hier zwei Jahre ausgehalten hatte, sehr krank 
wurde. So krank er aber auch wurde, so ist ihm doch 
durch einige seiner Mitgenossen (die, wie es scheint, 
den unzeitigen Tod scheuten) aus dem Gefängnis ge- 
holfen worden. 

Als er aber zu seiner Hausfrau und zu seinen Kin- 
dern kam und die Ruhe erlangte, konnte er sein Leben 
nicht länger erhalten und starb, jedoch mit einer fröh- 
lichen Hoffnung und freudiger Seele, weil der Lauf 
seiner irdischen Wallfahrt nun ein Ende hatte und 
er in seinem Glauben und Gewissen nicht schwach 
geworden war. 

Darauf ist erfolgt, daß seine Hausfrau, weil sie ih- 
ren Mann beherbergt hatte, wie auch die Kinder, weil 
sie an ihrem Vater Barmherzigkeit geübt hatten, der 
Obrigkeit haben vierzig Pfund zur Strafe geben müs- 
sen. Siehe beide Bücher, Jer. Mang., Blatt 6 A, und M. 
Meyli, Bl. 7 B., Num. 13. 

Im Jahre 1639 ist es geschehen, daß die Büttel der 
Stadt Zürich unter Anführung eines Kirchendieners 
daselbst, der ihnen mit einem Licht (Laterne, Fackel 
oder Kerze) vorleuchtete, wie unsinnige verrückte 
Menschen in das Haus eines frommen Bruders, ge- 
nannt Rudolph Hägi, eingedrungen sind, welchen sie 
sofort gefangen nahmen und in Othenbach festsetz- 
ten, welches ein feuchtes und ungesundes Gefängnis 
in der Stadt Zürich ist. 

Hier wurde er in den Banden ausgezogen und 83 
Wochen lang gefangen gehalten, in welcher Zeit er 16 
Wochen, nebst andern seiner Mitgenossen, in Fesseln 
und Ketten gelegen hat. 


Unterdessen setzten sie seiner Hausfrau stark nach; 
aber sie fingen nur ihr ältestes Kind, das sie mit eiser- 
nen Banden und Handschellen zu belasten drohten, 
wenn es nicht sagen würde, wo seine Mutter wäre. 

Später aber fingen sie auch die Mutter, die sie eben- 
falls ins Gefängnis Othenbach festsetzten. 

Diese alle aber sind nachher, als keine Erlösung 
zu erwarten war, mit ihren Mitgefangenen Brüdern 
und Schwestern, durch ein gewisses Mittel, ohne daß 
sie vom Glauben abgefallen wären, wieder heraus 
gekommen. Jer. Mang. Buch, Blatt 6 A, verglichen mit 
M. Meyli Buch bei dem Namen Rudolph. 

Burckhard Aman, im Jahre 1639. 

Burckhard Aman war ein gottesfürchtiger Bruder, der 
am Züricher See wohnte; derselbe wurde von da nach 
Zürich geführt und in Othenbach gefangen gesetzt. 

Als er aber in seiner Gefangenschaft etwa andert- 
halb Jahre zugebracht hatte, ist er durch Zufall, ohne 
der Obrigkeit Wissen und unvermutet, frei gewor- 
den, und hat den Glauben in einem guten Gewissen 
bewahrt. 

Doch, weil er in den Banden sehr hart und jäm- 
merlich traktiert worden ist, und sehr viel Ungemach 
und Leid erlitten hatte, ohne daß irgendeine wahre 
christliche Hilfe oder Liebe an ihm bewiesen worden 
wäre, so konnte auch sein Leben nicht lange währen, 
sondern er fiel in eine Schwindsucht, worauf endlich 
der Tod erfolgt ist; darum ist er auch unter die Toten 
in Christo, die um seines Namens willen gelitten und 
gestritten haben, gerechnet worden. Siehe Jer. Mang. 
Buch von dem Jahre 1645, Blatt 20 A. 

Um diese Zeit sind auch zwei Schwestern, ehrbare 
Frauen, am Züricher See in Verhaft genommen wor- 
den, welche nach ausgestandener Glaubensprobe von 
den Banden wieder befreit worden sind. Siehe das 
geschriebene Buch über das Jahr 1645. 

Burckhard Aman, obwohl er von den Banden wie- 
der befreit wurde, starb doch bald darauf, in Folge 
des erlittenen Ungemachs und Elends. 

Jakob Egly, im Jahre 1639. 

Es hielt aber der Jammer der lieben Freunde und Kin- 
der Gottes noch immer an, denn im Jahre 1639 legte 
man auch die Hände an einen frommen Helden und 
Ritter Christi aus dem Amte Groningen, Jakob Egly 
genannt. Diesen führte man ebenfalls nach Zürich, wo 
er im Klosterturm Othenbach festgesetzt wurde. 

Darin hat er in die siebzig Wochen ausgehalten; er 
konnte aber zuletzt den ungesunden Kerker und die 
strenge Gefangenschaft nicht länger ertragen; also ist 



852 


3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an. 


er endlich, als ihm die Kräfte mehr und mehr schwan- 
den und seine Krankheit zunahm, mit einem getrosten 
Herzen durch den Tod aus diesem Leben geschieden, 
und hat seine Seele in die Hände Gottes befohlen. 

Also hat er den Lauf seiner Wallfahrt vollendet und 
ist zur Ruhe der Heiligen eingegangen, und wird der- 
maleinst triumphieren, wo weder Tod noch Leid, noch 
Geschrei, noch Schmerz, sondern wo alles erneuert 
und in Freude verwandelt sein wird, nach der Ver- 
heißung des Herrn, Offb 21,4. Siehe das Buch des Jer. 
Mang., vom Jahre 1645, Blatt 18 B; ferner M. Meylis 
Buch, Blatt 7 A, Num. 10. 

Im Jahre 1639 wurde auch der Bruder Georg Weber 
gefangen, der ein alter Mann aus der Grafschaft Ki- 
berg war. Er wurde gleichfalls nach Zürich in das Klos- 
ter Othenbach geführt und daselbst nur mit Wasser 
und Brot gespeist. Endlich ist er durch das Ungemach 
und die lange Gefangenschaft jämmerlich am Leibe 
verdorben und in eine schwere Krankheit gefallen, 
nachdem er daselbst 70 Wochen gefangen gesessen 
hatte. 

Darnach wurde er durch einige seiner Mitgefan- 
genen, die das Gefängnis öffneten, erlöst, aber seine 
Güter hat er nicht wieder erlangt. 

Was den Hof dieses Georg Weber wie auch den des 
Jakob Egly angeht, so muss ein jeder Beständer der 
Obrigkeit jährlich 500 Gulden davon geben. Jer. Mang. 
Buch, Blatt 19 A. 

Ully Schedme, mit dem Zunamen Schneider, im 
Jahre 1639. 

Das von den Verfolgern angefachte Feuer brannte da- 
mals fort, und ihr rasender Zorn ließ nicht nach, bis 
sie auch eines eifrigen und gottesfürchtigen Vorste- 
hers der Gemeinde habhaft wurden, genannt Ully 
Schedme, mit dem Zunamen Schneider und aus dem 
Hirschstalle im Amte Wadischwil gebürtig. 

Diesem hat man im Gefängnis viel Verdruss und 
Leid angetan, um ihn zum gemeinen Kirchengang zu 
bewegen, und ihn von den Seinen, zu welchen er bis 
dahin Zugang gehabt hatte, abwendig zu machen. Als 
er aber nicht darein willigen konnte und die Zeit ver- 
lief, erkrankte er in Folge des schlechten Unterhaltes 
und anderer erlittenen Widerwärtigkeiten allmählich, 
bis endlich seine Seele vom Leibe schied; er ist also 
um seiner Treue willen, durch den natürlichen Tod 
ein Erbe des ewigen und seligen Lebens geworden, 
welchen vollkommenen Besitz der Herr am jüngsten 
Tage allen denen verleihen und mitteilen wird, die 
ihm treulich und standhaft gedient haben. M. Meylis 
Buch, Blatt 6 B, Num. 4. 


Jakob Rusterhel von Horgerberg, im Jahre 1639. 

Im Jahre 1639, nach der Geburt Christi, wurde auch 
Jakob Rusterhel gefänglich nach Zürich gebracht, wel- 
cher ein alter Bruder der Gemeinde am Horgerberg 
war. Man setzte ihn in Othenbach gefangen, und han- 
delte mit ihm sehr hart, grausam und unbarmherzig, 
sodass er endlich gemütskrank wurde, und einwillig- 
te mit denen, die ihn gefangen genommen hatten, in 
die Kirche zu gehen, weshalb er auch auf freien Fuß 
gesetzt wurde. 

Als er aber zu sich selbst kam und überlegte, was 
er getan hatte, und welches große Ärgernis hieraus 
entstehen würde, hat es ihn gereut, sodass er seinen 
Fall bitterlich beweint und sich zu dem zukünftigen 
Streit wieder tapfer gerüstet hat. 

Darauf wurde er sehr krank und schwach, wiewohl 
er, der Seele nach, voll göttlicher Kräfte war, und sich 
in seinem Hause still und verborgen hielt. 

Dies konnte aber nicht länger verborgen bleiben, 
deshalb, als es bekannt wurde, wurde er verraten, 
abermals gefangen und, so krank er auch war, nach 
Zürich geführt, wo er, an eine Kette geschlossen, ins 
Gasthaus daselbst festgelegt wurde. 

Als er aber dieses nicht ertragen konnte, und die 
leiblichen Krankheiten ihn mehr und mehr überfielen, 
ist er daselbst im Elend, wiewohl mit einer fröhlichen 
Hoffnung, aus diesem Leben geschieden, und erwar- 
tet in seliger Ruhe den Tag der Auferstehung von den 
Toten, der ihn und alle wahre Liebhaber Gottes für 
alle erlittene Schande und jeden Verdruß mit ewiger 
Ehre und Freude krönen und trösten wird. Jer. Mang. 
Buch über das Jahr 1645, Blatt 13; ferner M. Meylis 
Buch Blatt 6 B, Num. 14. 

Dieses haben wir aus der Schrift der Freunde aus 
der Schweiz von dem Jahre 1658 gezogen und muss 
unterschieden werden von dem, was in der Schrift 
vom Jahre 1645 steht von dem Bruder Jakob Ruster- 
holz, welcher fast zwei Jahre gefangen war, nachher 
mit Weib und Kind aus dem Lande vertrieben wur- 
de und seine Güter zurückließ, welche die Obrigkeit 
verkaufte und daraus 17000 Gulden löste, ohne daß 
sie etwas davon zurückgegeben hätte. Siehe des Man- 
golds Buch über den Namen Jakob Rusterhel. Auch 
wenn verstanden werden müsste, daß beides von ei- 
ner Person geschrieben wäre, da die Zunamen Rus- 
terhel und Rusterholz bloß in Klang und Aussprache, 
nicht aber in der Bedeutung unterschieden sind, so 
müsste folgen, daß dieselbe Person zuerst vor eini- 
gen Jahren gefangen gewesen sei, jedoch nachher, als 
man ihm nichts abgewinnen konnte, vertrieben, seine 
Güter aber angeschlagen und verkauft worden seien, 
daß er aber endlich wieder gefangen und als er, wie 



3.1 Kurzer Inhalt von den Märtyrern dieses siebzehnten Jahrhunderts. 


853 


zuvor, standhaft blieb, im Gasthaus an eine Kette ge- 
schlossen worden sei, bis er, als er seine Seele Gott 
empfohlen hatte, gestorben. Vergleiche beide Bücher 
an den von uns angewiesenen Orten. 

Stephan Zechender von Byrmensdorf, im Jahre 
1639. 

Den 23. September des Jahres 1639, brachte man ge- 
bunden nach Zürich einen gottesfürchtigen, hoch be- 
jahrten Bruder, genannt Stephan Zechender, welche 
der Gemeinde zu Knonau angehörte, aber aus Byr- 
mensdorf gebürtig war. 

Dieser wurde im dortigen Klostergefängnis, wel- 
ches ein sehr dumpfiger, ungesunder Kerker war, 
sechzehn Wochen lang in eiserne Bande festgesetzt, 
in den Banden entkleidet, mit Wasser und Brot ge- 
speist, und in allen Stücken sehr hart gehalten, bis er 
solches nicht länger ertragen konnte, deshalb ist er, 
als er körperlich übel zugerichtet war, durch schweres 
Elend an seinem Fleisch, zuletzt vom Tod überfallen 
worden, nachdem er seine Seele mit geduldigem und 
standhaftem Gemüt Gott anbefohlen hatte. Siehe Jer. 
Mangolds Buch, Blatt 7, B, verglichen mit M. Meylis 
Beschreibung, Blatt 6, B., Num. 6. 

Um diese Zeit hielt sich eine alte Schwester, genannt 
Catharina Grobin, in dem Knonauer Amt heimlich 
bei ihrer Tochter um der Verfolgung willen auf. Der 
Prediger der Kirche zu Risterschwil aber, der solches 
wusste, kam und wollte sie, obgleich er allein war, 
gefangen nehmen. Die Tochter wollte sie aus kind- 
licher Liebe beschützen, aber er versetzte derselben 
(o welche grausame Tat eines Predigers) einen sol- 
chen Stoß, daß sie die Kindeswehen (denn sie war 
schwanger) ankamen und sie ein totes Kind zur Welt 
brachte. Unterdessen aber ist die Mutter diesem un- 
göttlichen Menschen aus den Händen entronnen. M. 
Meylis Buch, verglichen mit M. Mangolds Buch bei 
dem Jahre 1S3S. 

Ulrich Schneider mit seinen beiden Söhnen, im 
Jahre 1639. 

Eben an demselben Tag, als Stephan Zechender zu 
Knonau gefangen genommen wurde, nämlich den 
23. September des Jahres 1639, hat man auch im Amt 
Wadischwil die Hände an Ulrich Schneider gelegt, 
welcher, um seines rechtschaffenen Glaubens willen, 
und weil er mit seinen Widersachern nicht in die ge- 
meinschaftliche Kirche gehen wollte, gebunden und 
in den Turm Othenbach abgeführt wurde. 

Als er nun eine lange Zeit hier in eisernen Banden 
Stand gehalten und außerordentlich viel Anfechtung, 


Kreuz und Streit (um ihn abwendig zu machen) er- 
litten hatte, auch überdies in den Banden entkleidet 
worden war, verließen ihn die Leibeskräfte und er 
starb, als er seinen Geist Gott übergeben hatte, im 
Gefängnis. Also hat er in dem vorgelegten Streit rit- 
terlich und tapfer (ohne daß er in seinem Glauben 
geschwächt worden wäre) den Sieg erhalten. 

Seine beiden Söhne wurden nach ihres Vaters Tod 
auch gefangen genommen, und in denselben Kerker, 
in welchem ihr Vater gestorben war, gesetzt, doch 
hat ihnen der Herr eine Erlösung gegeben, sodass sie, 
als man sich dessen am wenigsten vermutete, durch 
ein glückliches Ungefähr (doch mit gutem Gewissen) 
ohne der Obrigkeit Wissen, frei geworden sind. 

Unterdessen hat die Obrigkeit die ganze Haushal- 
tung dieser Familie zerstört, die Kinder in die Fremde 
gestoßen, Haus und Hof für 7000 Gulden verkauft, 
und das gelöste Geld für sich selbst behalten; die Ver- 
stoßenen und Verlassenen aber, haben den Raub ihrer 
Güter mit Freuden ertragen. Jerem. Mang. Buch, Blatt 
11, A. 

Henrich Gutwol von Lehumer, im Jahre 1639. 

Einen Monat und zwei Tage später, nachdem der letzt- 
genannte Zeuge Jesu Christi gefangen wurde, näm- 
lich den 25. Oktober 1639, starb gleichfalls im Turme 
Othenbach sehr elendig, doch mit standhaftem und 
fröhlichem Gemüt, Henrich Gutwol von Lehumer, aus 
dem Amt Knonau, nachdem er daselbst viel Mangel, 
Armut und Elend erlitten hatte. 

Es wird aber dieses sein schmerzliches und langwie- 
riges Elend, worauf der Tod erfolgt ist, dermaleinst 
an ihm (um seiner Standhaftigkeit willen in der ange- 
nommenen Wahrheit) in ein ewiges, freudenreiches 
und siegprangendes Leben verwandelt werden, nach 
der Verheißung des Herrn: Sei getreu bis in den Tod, 
so will ich dir die Krone des ewigen Lebens geben, 
Ojfb 2,10. 

Vergleiche beide Bücher, sowohl des Mangolds, als 
Meylis miteinander, das eine vom Jahre 1645, das an- 
dere vom Jahre 1658, in der Schweizersprache, über 
den Namen Henrich Gutwol. 

Hans Jakob Heß, mit seiner Hausfrau, im Jahre 
1639. 

Unter denen, welche in der Verfolgung in der Schweiz 
gelitten haben, ist Hans Jakob Heß, ein erwählter und 
befestigter Diener der christlichen Gemeinde, keiner 
der unbedeutendsten gewesen. 

Dieser wurde im Jahre 1639 zum dritten Mal in Ver- 
haft genommen, denn aus den beiden früheren Gefan- 



854 


3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an. 


genschaften, von denen die erste in das Jahre 1637 fiel, 
hatte ihn der Herr, über alles Vermuten (durch Hilfe 
derer, die mit ihm gefangen saßen) wunderbar erlöst, 
ebenso wie auch aus dieser dritten; es hat aber die ers- 
te neunzehn Tage, die zweite acht Wochen, die dritte 
aber dreiundachtzig Wochen, oder über anderthalb 
Jahre gewährt. 

Unterdessen aber hat man ihm das Leben sehr sau- 
er und unangenehm gemacht, denn man entkleidete 
ihn und legte ihn, nebst seinen andern Mitgenossen, 
sechzehn Wochen lang in eiserne Bande, welches er 
dennoch, mit standhaftem Gemüt, geduldig bis zur 
Zeit seiner Erlösung ertragen hat. 

Während dieses geschah, nämlich in demselben 
Jahr, fing man auch seine Hausfrau, die zuerst auf das 
Rathaus, hiernächst aber in Othenbach gesetzt wurde, 
wo man sie durch schlechte Behandlung und Kost 
dreiundsechzig Wochen hindurch so sehr schwächte, 
daß sie abzehrte, und, nach vielem erlittenen Elend, 
im Gefängnis starb. 

Dieses war also das Ende dieser frommen Heldin 
Jesu, welche, um das ewige, selige Leben zu empfan- 
gen (um der Rechtschaffenheit ihres Glaubens willen) 
erwählt hat, lieber eines langsamen Todes zu sterben, 
als die zeitliche Ruhe und Gemächlichkeit dieses Le- 
bens zu genießen; darum wird der gütige Gott sie 
dermaleinst, mit allen, die um seines Namens willen 
tapfer gelitten und gestritten haben, mit dem unver- 
welklichen Kranz der Ehren krönen und belohnen. J. 
Mangolds Buch, Blatt 16, A., B. und Blatt 17, A. 

Von einer Bekanntmachung derer von Zürich, 

im Jahre 1639 zur Beschönigung der angefangenen 
Verfolgung erlassen, und von der Antwort, welche 
von den Verfolgten zur Widerlegung darauf erfolgt 
ist. 

Als es nun geschah, daß um gemeldeter Misshand- 
lungen willen, die man an den Taufsgesinnten in der 
Schweiz ausgeübt hatte, diejenigen, die solches an- 
gefangen hatten, auch bei der Volksmenge viel Wi- 
derspruch, Flüche und Lästerung sich aufbürdeten, 
so hat die Obrigkeit des Landes, insbesondere der 
Stadt Zürich, welche in dem ungöttlichen Werk die- 
ser Verfolgung sich besonders auszeichneten, im Jah- 
re 1639 eine Bekanntmachung, Schutzschrift (so ge- 
nannt) oder Verantwortung erlassen, in welcher sie 
zum Schein dasjenige, was sie bereits an den Taufsge- 
sinnten getan und bewerkstelligt haben, beschönigten 
und entschuldigten. 

Weil aber dieselbe viele Stücke enthielt die von der 
Wahrheit abwichen, so haben sich viele Brüder in der 
Schweiz, die noch in Freiheit (aber doch in der Verfol- 


gung) waren, mit aller Sittsamkeit und Bescheidenheit 
christlich und ordentlich dagegen verantwortet. Wir 
könnten diese Antwort in ihrem ganzen Umfang hier 
beifügen (indem sie uns treulich eingehändigt worden 
ist), weil aber solches zu weitläufig sein und dieses 
Werk zu sehr vergrößern würde, so wollen wir nur 
das Wichtigste hier anführen. 

Auf die erste Beschuldigung, die ihnen in vorge- 
meldeter Bekanntmachung von den Herren zu Zürich 
gemacht wird, nämlich, daß sie sich von dem schul- 
digen Gehorsam der christlichen Kirche abgesondert 
hätten, geben sie diese Antwort: 

Hier geschieht uns gleich im Anfang großes Un- 
recht, denn wir wollen uns keineswegs von der christ- 
lichen Kirche absondern, sondern suchen bei dersel- 
ben und dem reinen Wort Gottes zu bleiben, ja, unsern 
Leib, unsere Güter und Blut dabei zu wagen. Daß wir 
uns aber zu ihrer, nämlich der genannten reformier- 
ten Kirche nicht halten können, geschieht aus dem 
Grund, weil ihre Lehre in vielen Stücken weder mit 
der alten, reinen apostolischen Lehre, noch mit den 
Worten und Geboten Jesu Christi übereinkommt, und 
weil wir durch Gottes gnädige Erleuchtung einen bes- 
sern Weg vor uns haben, nämlich den rechten aposto- 
lischen Grund, bei welchem wir auch durch Gottes 
Hilfe bleiben wollen; wie denn nicht allein wir, son- 
dern die ausgezeichnetsten Gelehrten diejenigen sind, 
die im Anfang (der Veränderung) in der Taufe, im 
Nachtmahl, im Bann, in der Gegenwehr oder Rache 
die rechte Meinung mit uns gehabt, aber sich davon 
wieder abgewandt haben; solches wird klar, wenn wir 
ihre ersten Lehren und Schriften von hundert und 
mehr Jahren her recht untersuchen wollen. 

Hierauf wird in derselben Antwort gemeldet, wel- 
che Lehrer im Anfang der Reformation gemeldete 
Stücke recht gelehrt haben, von denen sie nachher 
und insbesondere ihre Nachkommen, wieder abgewi- 
chen sind, wie solches aus den Worten erhellt: 

Erstlich was die Taufe betrifft, so bezeugt solches 
die Konferenz oder Unterredung Zwinglis und Bal- 
thasar Hubmairs im Jahre 1523 zu Zürich auf dem 
Graef gehalten, wo Zwingli öffentlich bekannt hat, 
daß man die jungen Kinder nicht taufen soll, ehe sie 
aufwachsen und zu einem ziemlichen Alter kommen. 
Er versprach auch, daß er in seinem Artikelbüchlein 
davon melden wollte, wie er denn auch im achtzehn- 
ten Artikel von der Firmung getan hat. 

Daselbst sagt er, daß es in früheren Zeiten nicht 
üblich gewesen sei, die Kinder zu taufen, sondern 
daß man sie öffentlich miteinander gelehrt habe, und 
daß dieselben, wenn sie zu Verstände kamen, Cate- 
chumenen, das ist Unterwiesene des Wortes genannt 
wurden, worauf man sie, wenn ihnen solcher Gestalt 



3.1 Kurzer Inhalt von den Märtyrern dieses siebzehnten Jahrhunderts. 


855 


der Glaube fest ins Herz gedrückt war und sie densel- 
ben mit dem Munde bekannt hatten, getauft hat. 

Er sagte, daß er wollte, daß dieser Gebrauch der 
Lehre zu dieser unserer Zeit wieder angenommen 
werden möchte. Auch hat sein Mitgeselle Oecolampa- 
dius in einem Sendbrief an den vorgenannten Hub- 
mair gesagt: Es sind uns bis Dato noch keine Stellen 
der heiligen Schrift vorgekommen, die uns veranlas- 
sen, die Taufe der kleinen Kinder zu bekennen, so 
weit wir es nach unserer geringen Einsicht beurteilen 
können. 

Desgleichen über das sechste Kapitel an die Römer, 
wo er von dem Worte handelt: an Ignoratis, oder wisst 
ihr nicht (schreibt er), daß ein jeder Christ zuvorderst 
Christum bekennen, und dann erst mit der auswendi- 
gen Taufe (des Wassers) getauft werden müsse. 

So schreibt auch Sebastian Hofmeister (Prediger) 
zu Schaffhausen, an denselben Hubmair: Wir haben 
vor dem Rat zu Schaffhausen öffentlich bekannt, daß, 
wenn unser Bruder Zwinglius nur irgend will (gegen 
seine vorige Meinung), daß man die Kinder taufen 
soll, er hierin von dem rechten Gesichtspunkt abirrt, 
und nicht nach der Wahrheit des heiligen Evangeli- 
ums handelt. 

Im weiteren Verlauf schreibt er: In der Tat, man hat 
mich dazu nicht zwingen können, daß ich mein Kind, 
das Zacharias heißt, getauft hätte; darum handelt ihr 
auch christlich, daß ihr die rechte Taufe Christi, die 
lange verschoben und unterdrückt war, wieder zum 
Vorschein bringt; wir wollen auch wagen, es gleich- 
falls zu unternehmen. 

Christophorus Hogendorf (über den ersten Blief 
Petri, Kap. 3) schreibt: Ihr hört, daß der Glaube vor 
die Taufe gesetzt wird, indem nicht allein die Tau- 
fe, sondern daneben der Glaube der Taufe uns selig 
macht. 

Desgleichen schreibt Cellarius an den zuvor gemel- 
deten Hubmair: Da du begehrst, ich soll dir mein 
Urteil von der Taufe und dem Nachtmahl des Herrn 
abgeben, so will ich dir herzlich gern und in der Kürze 
zu Willen werden. 

Zunächst ist es ein Gräuel in den Augen Gottes, 
daß man die jungen Kinder tauft, welche Taufe we- 
der mit der heiligen Schrift, noch mit den Exempeln 
der heiligen Apostel zu erweisen ist; demselben wi- 
dersprechen auch die Gerichte Gottes, die sich in der 
Austeilung der geschaffenen Dinge offenbaren; denn 
im Anfang war die Erde wüste. 

Die Prediger zu Straßburg: Wolfgang Capito, Cas- 
par Hedio, Matthäus Zell, Symphonas Polio, Theobald 
Riger, Johannes Latomus, Anthonius Firn, Martinus 
Hatk und Martinus Butzer (in ihrem Buch, genannt 
Grund und Ursachen, auf dem ersten Blatt) schreiben. 


daß im Anfang der Kirche niemand getauft, noch in 
die heilige christliche Gemeinde aufgenommen wor- 
den sei, als diejenigen, die sich unter das Wort Christi 
ganz gegeben hatten. 

Den Grund und die Ursache solcher Lehre führen 
sie aus der heiligen Schrift an, nämlich, daß sie beken- 
nen, daß der Anfang vor unserem christlichen Leben 
Sünde sei, und daß deswegen Johannes der Täufer, 
Christus und die Apostel allezeit so angefangen und 
gesagt haben: Tut Buße. Ferner: In der Versammlung 
Gottes ist das Bekenntnis der Sünden jederzeit das ers- 
te gewesen, das bei den Alten der Taufe vorhergegan- 
gen ist, denn man hat gewöhnlich die Verständigen 
und nicht die Kinder getauft. 

Auf dem 2. und 3. Blatt und weiter schreiben sie, 
daß ohne die Taufe des Heiligen Geistes die Wasser- 
taufe nur ein Gaukelwerk sei. 

Was den Artikel vom Krieg, oder von der Gegen- 
wehr betrifft, so haben auch die ausgezeichnetsten 
Lutherischen, die im Anfang mit den Calvinischen 
Reformierten einig waren, und Zwinglischen einiges 
mit uns geglaubt, z. B., daß es einem Christen nicht 
gezieme, Krieg zu führen oder Gegenwehr zu leisten, 
unter welchen wir zuerst Andreas Carlstatt anführen, 
welcher in einem Büchlein, das davon handelt, ob 
man Leiden und Ärgernis vergeben sollte, gedruckt 
zu Zürich im Jahre 1524, von der Gegenwehr Folgen- 
des schreibt: Uns soll nicht verführen, daß uns vorge- 
worfen und gesagt wird, Krieg führen ist eine Strafe 
Gottes, darum muss ja allezeit jemand sein, der den 
andern bekriegt; ferner, man hat im Alten Testament 
auch Krieg geführt. 

Antwort auf den ersten Einwurf: Hört dagegen, was 
Christus Mt 18 sagt: Es müssen allerdings Ärgernisse 
kommen; aber, wehe dem Menschen, durch welchen 
Ärgernis kommt. Deshalb verdienen etliche Gottes 
Ungnade, daß er sie mit Krieg straft und peinigt, aber 
wehe dem, der sie bekriegt, denn Er, nämlich Gott, 
straft das Böse mit Bösem. 

Antwort auf den zweiten Einwurf: Die Kinder Israel 
haben entweder gegen sündige Völker Krieg geführt, 
die sie nicht in das verheißene Land haben ziehen 
lassen wollen oder gegen solche, die dieselben, als sie 
darin waren, nicht in Ruhe gelassen haben, welches al- 
les eine Bedeutung von dem geistigen Krieg gewesen 
ist, den wir gegenwärtig in Christo als wiedergebo- 
rene und neue Menschen, mit oder gegen alle Laster 
und den Unglauben führen müssen. 

Bald darauf schreibt er: Ferner werfen sie uns vor 
und sagen: Man muss die mit Gewalt und Waffen 
zwingen, die das Recht nicht zugestehen wollen. 

Antwort: Wenn wir recht und christlich von der 
Sache reden wollen, so geziemt uns der Krieg keines- 



856 


3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an. 


wegs; wir sollen nach der Lehre Christi für diejenigen 
bitten, die allerlei Böses von uns sagen, und uns für 
töricht halten, ja, wenn sie uns auf den einen Backen 
schlagen, den andern auch herhalten, dann sollen wir 
Kinder des Allerhöchsten sein. So weit Carlstatt. 

Von Carlstatt geht der Schreiber auf Luther über 
und sagt: In einem Büchlein, zu Wittenberg gedruckt 
im Jahre 1520, sagt Luther, warum er des Papstes Bü- 
cher verbrannt habe; davon lautet der 22. Artikel also: 
Darum, weil er lehrt, daß es billig sei, daß ein Christ 
sich mit Gewalt gegen Gewalt beschütze, gegen die 
Reden Christi, Mt 5: Wer dir den Rock nimmt, dem 
lasse auch den Mantel. 

In einem andern Büchlein, auch zu Wittenberg ge- 
druckt im Jahre 1522, steht unter andern Artikeln, die 
einer von der hohen Schule aus Paris als ketzerisch 
aus Lutherischen Büchern gezogen hatte, auch der, 
daß er (nämlich Luther) gelehrt habe, daß die Worte 
Christi Mt 5: Wer dich auf den rechten Backen schlägt, 
dem biete den andern auch dar; ferner Rom 12: Rächt 
euch selbst nicht, meine Allerliebsten; kein Rat seien 
(nämlich den man befolgen oder unterlassen könne), 
wie viele Gottesgelehrte irren (sondern die man halten 
müsse). 

Ferner: Es ist den Christen verboten, vor Gericht 
ihr Recht zu fordern. Ferner: Weil ein Christ die Zeitli- 
chen Güter nicht lieb haben darf, so darf er auch um 
dieselben nicht schwören. 

Es ist kurz angegeben, daß Luther eine geraume 
Zeit wider die Gegenwehr mit Mund und Hand ge- 
wesen ist, bis er endlich von den Rechtsgelehrten zu 
einem andern Glauben verführt worden ist, wie sol- 
ches Sleydanus, Buch 8, Blatt 561, bezeugt. Siehe die 
älteste Auflage. 

Einige Blätter weiter kommt der Schreiber auf Po- 
meran Brentius und mehrere andere, die um die Jahre 
1520, 1530, 1540 und später sich der Reformationssa- 
che aus dem Papsttum unternommen haben und dazu 
kräftige Hilfsmittel gewesen sind, die gleichwohl da- 
mals nicht allein die Gegenwehr gegen die Feinde, 
sondern auch, nebst der Kindertaufe, den Eidschwur 
und andere Stücke, die nicht im heiligen Evangelium 
Jesu Christi gegründet sind, widerlegt, und dagegen 
solche Dinge gelehrt und behauptet haben, die dar- 
in gegründet sind und bei den Taufsgesinnten noch 
heutigen Tages gelehrt werden, obgleich einige der 
vorgemeldeten Reformatoren selbst und insbesondere 
ihre Nachkömmlinge wieder davon abgewichen sind. 

Diese und dergleichen Dinge wurden in gemeldeter 
Antwort der verfolgten Taufsgesinnten in der Schweiz 
den Herren von Zürich und denen, welche vorge- 
meldete Bekanntmachung zur Beschönigung der an- 
gefangenen Verfolgung ausgefertigt hatten, zur Prü- 


fung übergeben, worin klar ausgedrückt wird, daß 
nicht die Taufsgesinnten, sondern sie selbst, von dem 
Grund der Reformation abgewichen wären; daß da- 
her nicht die Taufsgesinnten, die bei ihrem Grund 
geblieben waren, sondern die abgefallenen Reformier- 
ten selbst in diesem Stück zu beschuldigen wären, 
und daß deshalb diejenigen, welche diese Bekanntma- 
chung erlassen, übel getan hätten, weil sie gemeldete 
Taufsgesinnte beschuldigten, daß sie sich von dem 
schuldigen Gehorsam der wahren christlichen Kirche 
abgesondert hätten, indem sie mit denen, die man 
Reformierte nennt, nicht in die Kirche gehen, noch 
ihren Gottesdienst (gegen ihre Seele und Gewissen) 
annehmen wollten. 

Außer diesem Punkt von dem Ungehorsam der 
Kirche wurden die Brüder in der Schweiz in der ge- 
meldeten Bekanntmachung auch beschuldigt, daß sie 
der weltlichen Obrigkeit ungehorsam wären, aber in 
gemeldeter Antwort haben sie geradezu erklärt, daß 
ihnen solches mit Unrecht nachgesagt würde, ja daß 
sie willig und gern bereit wären, ihren Obrigkeiten 
in allen billigen Dingen zu gehorchen, für dieselbe 
zu bitten, ihr Schätzung, Ehre und Furcht nach Ge- 
bühr abzustatten, und wenn ihnen auch von dersel- 
ben Unrecht geschähe, solches keineswegs zu rächen, 
sondern es um des Herrn willen in Geduld und Leid- 
samkeit zu ertragen. 

Dieses waren die wichtigsten Stücke, deren in der 
Bekanntmachung gedacht wird, und die von den ver- 
folgten Brüdern widerlegt worden sind; die anderen 
Sachen sind von geringerem Gewicht, und es ist daher 
nicht nötig, solche hier anzuführen. 

Gleichwohl ist keine Erleichterung erfolgt, sondern 
man ist mit der Verfolgung fortgefahren, wie aus nach- 
folgender Beschreibung ersehen werden kann. 

Werner Phister und seines Sohnes Hausfrau, im 
Jahre 1640. 

Das Ende des Jahres steckte der Verfolgung noch 
kein Ziel, und es konnte auch alles nichts helfen, was 
zur Entschuldigung beigebracht wurde. Dieses erhellt 
deutlich, denn das 1640. Jahr hatte kaum angefangen, 
so hörte man schon in der Gegend von Wadischwil 
wieder von Verfolgung, sodass die Diener der dasi- 
gen Obrigkeit mit erschrecklichem Gerase und Getöse 
(wie brüllende Wölfe und Bären) das Haus eines al- 
ten frommen Dieners der Gemeinde, genannt Werner 
Phister, überfallen, Türen und Fenster, und alles was 
im Hause war, in Stücken geschlagen, und ihn mit 
seiner Hausfrau und seines Sohnes Frau, gefangen 
genommen und nach Zürich geführt haben, wo sie in 
Othenbach fest geschlossen und verwahrt wurden. 



3.1 Kurzer Inhalt von den Märtyrern dieses siebzehnten Jahrhunderts. 


857 


Unterdessen hat die Hausfrau des alten Mannes 
(durch einen Zufall) ihre Freiheit erlangt, aber dieser 
alte fromme Diener selbst, wie auch seines Sohnes 
Weib, als sie keineswegs von ihrem Glauben abwei- 
chen, oder in die allgemeine Kirche gehen wollten, 
haben es mit dem Tode bezahlen müssen, denn man 
hat sie durch Mangel, Armut und Ungemach elend 
sterben lassen. 

Sie werden aber dereinst weder Hunger noch Durst 
leiden, noch von Leiden oder vom Tode angefochten 
oder überfallen werden, wenn sie der Herr, nach sei- 
ner Verheißung, mit dem ewigen, glückseligen Leben 
belohnen und krönen wird. Jer. Mang. Buch, Blatt 14 
B, verglichen mit M. Meylis Buch, geschrieben 1658, 
Blatt 6, Num. 2. 

Wir haben zuvor auf das Jahr 1637 in einer Note von 
einem Bruder gemeldet, genannt Peter Brubach, wel- 
cher, als er damals nebst zwei andern unserer Glau- 
bensgenossen gefangen war, endlich herausgekom- 
men ist. 

Dieser wurde im Jahre 1640 grausam verfolgt, so- 
dass (den 6. Mai) sein Haus verheert, seine Knechte 
und Dienstmägde verjagt, die Kinder aus dem Haus 
vertrieben, Haus und Hof, Busch und Feld, bewegli- 
che und unbewegliche Güter ihm genommen, ein Teil 
davon an Othenbach überschrieben, das andre ver- 
kauft, und daraus neuntausend Reichstaler gemacht 
worden, welches die Obrigkeit an sich zog. Nicht lan- 
ge nachher wurden die drei Söhne dieses Mannes in 
Othenbach festgesetzt, wo sie jämmerlich zugerichtet 
wurden. Jer. Mang. Buch, geschrieben 1645. 

Gallus Schneider, 1640. 

Auch wurde ein sehr alter Mann, genannt Gallus 
Schneider, aus der Herrschaft Wadischwil, im Jahre 
1640 in Verhaft genommen, nach Zürich gebracht und 
in den dasigen Klosterturm gefangen gesetzt. 

Man legte ihn sechzehn Wochen in eiserne Bande 
und hielt ihn sehr hart, bis er endlich, als sein Glau- 
be zur Genüge geprüft und unveränderlich erfunden 
wurde, in den Banden sein Leben gelassen und sol- 
chergestalt seine Seele Gott, von dem er sie empfan- 
gen hatte, übergeben hat. Vergleiche Jer. Mang. Buch, 
Blatt 15 B, mit M. Meylis Buch, Blatt 7 A, Num. 7. 

Um diese Zeit wurde eine alte Schwester vom Hor- 
gerberg, genannt Verena Albi, auch in Verhaft genom- 
men; ist aber nachher durch ein gewisses Mittel wie- 
der von den Banden befreit worden, und muss sich 
nun noch heimlich halten. Mang, und Meylis Buch. 


Rudolph Bachmann, 1640. 

Gleichwie man der Jugend um der Blüte ihres Lebens 
willen nicht schonte, ebenso hatte man auch mit alten, 
abgelebten Leuten kein Mitleiden, ja, selbst mit denen 
nicht, die körperlich sehr schwach und krank waren. 

Unter diese gehörte auch Rudolph Bachmann, aus 
der Herrschaft Wadischwil, welcher im Jahre 1640 er- 
griffen wurde; er wurde aber, weil er in Folge seines 
hohen Alters und seines schwachen, gebrechlichen 
Körpers wegen, nicht gehen konnte, auf einen Schlit- 
ten gesetzt, und auf solche Weise aus seinem Haus ins 
Gefängnis, welches von demselben weit abgelegen 
war, gebracht. 

Nachher hat man ihn in das nächste Gasthaus ge- 
führt und eine Zeit lang an Ketten geschlossen, und 
ihn, weil er in seinem Glauben standhaft blieb, dersel- 
ben nicht eher entledigt, bis er gestorben ist. 

Aber er wird dafür dereinst von den ewigen Ban- 
den der Finsternis befreit und zur Freiheit der seligen 
Kinder Gottes eingeführt werden, wogegen derjenige, 
der (Si quis in Captivitatem agit, in Captivitatem abit) 
ins Gefängnis führt, selbst ins Gefängnis gehen wird, 
(Offb 13,10). 

Alsdann wird man sehen, was für ein Unterschied 
zwischen den wahren Dienern Gottes und denen sei, 
die dieselben verfolgt haben, denn ein jeder wird an 
seinem Leib empfangen, je nachdem er getan hat, es 
sei gut oder böse, 2 Kor 5,W. Verglichen mit Meylis 
Buch, geschr. 1658, Blatt 6 B, Num. 3. 

Damals 1640 wurde auch Heinrich Schebbi einge- 
zogen, aus dem Amte Knonau, ein gottesfürchtiger 
Bruder, welcher zu etlichen Übeltätern zu Zürich ins 
Gefängnis geworfen wurde, die ihm viel Leid und 
Unheil zugefügt haben; doch ist er zuletzt wieder aus 
dem Gefängnis frei geworden. Jer. Mang. Buch. 

Im Jahre 1641 wurde Hans Rudolph Baumann, ein 
sehr gottesfürchtiger Mann und ein Diener der Ge- 
meinde Jesu Christi am Horgerberg, mit nach Zürich 
geführt, und daselbst in dem Klostergefängnis einge- 
sperrt, wo er mehr als sechzig Wochen sehr genau 
und fest bewahrt, und eine geraume Zeit mit Wasser 
und Brot gespeist, auch in eiserne Bande gelegt wurde, 
wodurch er in eine schwere Krankheit fiel. 

Unterdessen ist er durch seine Mitgefangenen Brü- 
der auf einen Karfreitag befreit worden, weil er aber 
aus Schwachheit nicht gehen noch stehen konnte, ha- 
ben sie ihn aufgehoben und ein großes Stück Wegs 
getragen, also ist er den Händen der Verfolger entgan- 
gen. 

Hierauf wurde sein Haus und Hof verkauft, Weib 
und Kinder daraus gestoßen, und aus dem verkauften 
Gut dreitausend Gulden gelöst, welches die Obrigkeit 



858 


3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an. 


behielt. Der Herr aber wird einem Jeglichen vergelten 
nach seiner Gerechtigkeit und nach seinem Glauben, 
lSam 26. Vergleiche mit Jer. Mang. Buch, Blatt 12 A. 

Ulrich Müller, im Jahre 1640. 

Den 31. August des Jahres 1640 wurde Ulrich Mül- 
ler eingezogen; derselbe war ein Diener des Wortes 
Gottes in der Grafschaft Kiburg. 

Man führte ihn von da nach Zürich, wo er auf dem 
Rathaus eingesperrt und nach einigen Tagen in den 
Klosterturm gesetzt wurde. Hier hat man fünf und 
dreißig Wochen lang sehr unbarmherzig mit ihm ge- 
handelt; dadurch hat sein Körper sehr gelitten, und er 
ist, weil er bei seinem Glauben blieb, in großer Stand- 
haftigkeit in den Banden entschlafen. 

Nach seinem Tod mussten seine Kinder (zur Strafe) 
der Obrigkeit für ihren Vater hundert Gulden geben, 
der (wie man glaubte) als ein Ketzer gestorben war. 
Vergleiche beide Bücher des Mang, und Meyli mitein- 
ander über den Namen Ulrich. 

Damals, nämlich im Jahre 1640, wurde auch Oswald 
Landis, samt seiner Hausfrau und die Frauen seiner 
beiden Söhne eingezogen, welche insgesamt in das 
Kloster Othenbach festgesetzt wurden. Jakob Landis, 
des Oswalds Sohn, wurde, samt seiner ganzen Familie 
oder Haushaltung, ins Elend vertrieben. 

Unterdessen kamen die beiden gefangenen Frauen 
seiner Söhne, die säugende Kinder hatten. Nachts aus 
dem Gefängnis, welches dem alten Mann, samt seiner 
Hausfrau, später auch widerfuhr; aber sie mussten 
alle ihre Güter im Stich lassen und in der Armut her- 
umwandern, Jer. Mang. Buch. 

Im folgenden Jahr 1641, legte man die Hände aber- 
mals an verschiedene fromme Christen, die im Amt 
Knonau wohnten; unter welchen auch Henrich Fri- 
cken und Hans Ring, samt seiner Hausfrau, genannt 
werden. 

Henrich Fricken wurde auf dem Rathaus der Stadt 
Zürich eingesperrt, und auf solche unbarmherzige 
Weise misshandelt, daß er in eine Gemütskrankheit 
fiel, und darein willigte, daß er in die gemeine Kirch 
gehen wollte, worum es ihnen zu tun war. Darauf wur- 
de er losgelassen. Als er sich aber bedachte, was er 
getan hatte, wie er sein Gewissen gebeugt und seiner 
Seele geschadet habe, auch die Gemeinde Gottes geär- 
gert, fiel er in eine große Angst, bekannte seinen Fall, 
beweint mit Petrus seine Sünden bitterlich, und, damit 
seine Verfolger über seinen Abfall sich nicht freuen 
möchten, begab er sich abermals auf das Rathaus zu 
Zürich, damit sie ihn wieder an den Ort einsperren 
möchten, wo er früher gesessen hatte, welches auch 
geschehen ist. 


Unterdessen wurden seine zwei großen Höfe auf 
Befehl der Obrigkeit für vierhundert und zwanzig 
Gulden und zwanzig Malter Korn jährlich vermietet; 
auch hat man ihm an Geld und Briefen über dreizehn 
Tausend Gulden abgenommen. Hernach ließ man ihn 
frei, fing ihn aber noch einmal; doch ist er abermals 
aus denselben Banden frei geworden; darauf wurde 
er, wie zuvor, hart verfolgt, und musste in Elend und 
Armut herum wandern. 

Hans Ring musste auch zu Zürich auf das Rathaus, 
darauf wurde er in Othenbach festgesetzt und genau 
verwahrt; denselben führte man in den Folterkeller, 
und zog ihn bei der Folterbank zweimal aus; ist aber 
doch endlich, ohne Verletzung an seinem Glauben, 
den Händen der Tyrannen entgangen. 

Dieses Hans Rings Hausfrau, welche erst vor vier 
Tagen niedergekommen und noch sehr krank war, 
wurde von den Dienern der Obrigkeit mit gewalti- 
gem Rasen und Fluchen unversehens so bestürmt 
und geängstigt, daß sie zufällig (im Augenblick, wo 
sie entrinnen wollte) in ein Wasserloch fiel. Als man 
sie kurze Zeit darauf noch lebend fand, wurde sie 
an eine Kette festgelegt, und dem Hausgesinde bei 
schwerer Strafe geboten, sie nicht aus dem Haus zu 
lassen. Doch ist sie endlich in der Nacht, durch einige 
Freunde aus ihrem Kerker befreit, und in ein anderes 
Land gebracht worden. Vergleiche Mang. Buch mit 
des Meyli Buch über den oben angeführten Namen. 

Von einer Bittschrift derer von Amsterdam an den 
Rat der Stadt Zürich, 

übergeben im Februar 1642, zur Milderung der ange- 
fangenen Verfolgung, und von der Antwort, die im 
Juni desselben Jahres durch die von Zürich darauf 
erfolgt ist. 

Die löbliche Obrigkeit der Stadt Amsterdam, in Hol- 
land, welche an den Händeln ihrer Mitgenossen zu 
Zürich Abscheu fand, hat den 20. Februar 1642 auf 
ernstliches Anhalten der Taufsgesinnten zu Amster- 
dam, in Betreff der unglücklichen Lage der Brüder 
in der Schweiz, eine demütige Bittschrift an den Bür- 
germeister und Rat der Stadt Zürich gesandt, damit 
die Taufsgesinnten daselbst (wenn es möglich wäre) 
einige Milderung in der angefangenen Verfolgung 
erlangen möchten. 

Diese Bittschrift, welche dort eingegangen, wohl 
und geziemend eingehändigt worden ist, hat gleich- 
wohl ihren Zweck nicht erreicht, sondern eine un- 
freundliche und verdrießliche Antwort erweckt, wel- 
che den 18. Juni desselben Jahres von ihnen aufgesetzt 
und der guten Obrigkeit zu Amsterdam und folglich 
auch den Taufsgesinnten daselbst zugesandt wurde; 



3.1 Kurzer Inhalt von den Märtyrern dieses siebzehnten Jahrhunderts. 


859 


derselben waren drei im Jahre 1639 erlassene Bekannt- 
machungen beigefügt, in denen, wie wir auf dasselbe 
Jahr angeführt haben, nichts anderes als Schmähun- 
gen und Lästerungen über (doch ohne Grund) diese 
verfolgten Leute ausgegossen wurden. 

Wir könnten diesen Brief der Herren von Zürich 
hier beifügen, indem wir davon eine treue Abschrift 
haben, weil aber darin nur Unfreundlichkeit und Ver- 
druss zu finden ist und derselbe jeder Billigkeit Hohn 
spricht, auch der Erfolg es zur Genüge ausdrückt, in 
welchem Geist derselbe abgefasst sei, so halten wir 
es nicht der Mühe wert, ihm hier einen Platz zu gön- 
nen, weil wir ja diese Herren damit verachten würden, 
während uns doch befohlen ist, selbst unsere Feinde 
zu lieben, und für diejenigen zu bitten, die uns verfol- 
gen, Mt 5,44. 

Felix Landis samt seiner Hausfrau Adelheid Egly, 
um das Jahr 1642. 

Felix Landis, des Hans Landis Sohn, der im Jahre 
1614 zu Zürich enthauptet wurde, war ein frommer, 
gottesfürchtiger Bruder der Gemeinde in Horgerberg. 

Dieser wurde eingezogen und in Othenbach einge- 
sperrt, an welchem Ort man mit ihm sehr unbarmher- 
zig umging, denn man hat ihm in vielen Tagen nichts 
zu essen gegeben, sodass selbst einige Übeltäter, die 
neben ihm in einem andern Gefängnis waren, sich 
über ihn erbarmten, und ihm durch eine Öffnung, die 
sich dort befand, einige Speise mit Mühe zukommen 
ließen. 

Als nun der Türhüter solches bemerkte, wurde er in 
ein anderes Gefängnis gebracht; zuletzt aber gaben sie 
ihm einige Speise; sein Körper war aber schon so sehr 
herunter gekommen (weil seine Eingeweide, wie es 
scheint, durch anhaltenden Hunger eingeschrumpft 
waren), daß er keine Speise mehr vertragen konnte, 
sondern dem Tod entgegen ging. 

Da trug man ihn noch in seiner größten Schwach- 
heit während der Predigt in die Kirche, wo er (o eine 
sehr unmenschliche Sache!) unter eine Bank niederge- 
worfen wurde, doch gab er bald darauf den Geist auf, 
den er in die Hände Gottes befohlen hat. 

Seine Hausfrau Adelheid Egly, die auch in Othen- 
bach gefangen lag, wurde dort fast vier Jahre ver- 
wahrt. In dieser Zeit ist man nicht allein unbarmher- 
zig, sondern auch schändlich mit ihr umgegangen; 
man warf sie in manchen stinkenden Winkel, entklei- 
dete sie zweimal in den Banden, und nahm ihr eine 
Zeitlang jede Nacht ihre Kleider weg; nachher aber 
ist sie doch, mit gutem Gewissen, von ihren Banden 
befreit. 

Unterdessen aber hatte die Obrigkeit ihre Haus- 


haltung zerstört, die Kinder unter Fremde getan, ihr 
Haus und ihren Hausrat verkauft, und daraus 5000 
Gulden gelöst, welche Summe sie für sich behalten 
haben. 

Die Verstoßenen und Verlassenen aber haben sich, 
nach den Worten des Apostels getröstet: Ihr habt den 
Raub eurer Güter mit Freuden erduldet, indem ihr 
in euch selbst eine bessere und bleibende Habe habt 
in den Himmeln, Hebr 10,34. Vergleiche Jer. Mang. 
Buch vom Jahre 1645, Blatt 13 A,B mit M. Meylis Buch, 
geschrieben 1648, Blatt 7, Num. 8. 

Rudolph Suhner, um das Jahr 1643. 

Auck legte man die Hände an einen Junggesellen, 
genannt Rudolph Suhner, welcher, obgleich jung an 
Jahren, dennoch im Glauben und in der Erkenntnis 
Jesu Christi alt war. 

Diesen hat man fast zwei Jahre in Othenbach gefan- 
gen gehalten, in welcher Zeit er zu schwerer Arbeit 
angehalten wurde. 

Unterdessen hat man ihm mit schweren Bedrohun- 
gen und erschrecklichen Vorstellungen so heftig zuge- 
setzt, daß er, aus Furcht vor der bevorstehenden Not, 
einwilligte, mit denen, die ihn gefangen genommen 
hatten, in die Kirche zu gehen, worauf er freigelassen 
wurde. 

Als er aber bald darauf seinen Fall bedachte, fühlte 
er große Reue, beweinte seine Sünden herzlich, und 
rüstete sich abermals zu dem Vorgesetzten Streit. 

Darauf wurde er abermals in Verhaft genommen, 
und am vorgemeldeten Platz eingesperrt; aber viel 
strenger gehalten als zuvor, denn es wurde ihm ei- 
ne zeitlang (eben wie dem Felix Landis geschehen 
war) jede Speise entzogen, sodass einige Übeltäter, 
die dicht neben ihm gefangen saßen, ihn sehr bejam- 
merten, und ihm einige flüssige, warme Speisen durch 
einen Riss in der Mauer zugossen. 

Als er endlich durch großen Hunger so schwach 
geworden war, daß er nicht länger leben konnte, hat 
er noch einmal gebeten, daß man ihm doch noch eine 
warme Speise (in seiner größten Schwachheit) zukom- 
men lassen wolle, welche Bitte der Turmwächtcr den 
Herren zu erkennen gab, aber sie wollten im Allge- 
meinen nicht einwilligen, damit sie ihn in der äußers- 
ten Not (wenn es möglich wäre) zum Abfall bringen 
möchten, zuletzt aber sah einer von den Herren sein 
Elend an und erlaubte, daß man ihm wieder zu essen 
geben möchte. 

Als solches geschah, konnte er die Speisen nicht 
mehr genießen oder vertragen, und ist auf solche Wei- 
se verschmachtet und in den Banden Hungers gestor- 
ben. Demselben wird der Herr dermaleinst mit ewiger 



860 


3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an. 


Erquickung an seiner himmlischen Tafel es vergelten 
und belohnen. Selig seid ihr, die ihr nun hungert, denn 
ihr werdet satt werden, Lk 6,21. Vergleiche Jer. Mang. 
Buch, Blatt 14, mit M. Meylis Buch, Blatt 7, Num. 8. 

Drei Schwestern, nämlich Elisabeth Bachmannin, 
Elssa Bethezei und Sarah Wanry, um das Jahr 1643. 

Das Heerlager Gottes, welches sich zum Streit und 
Leiden Jesu Christi rüstete, bestand damals nicht al- 
lein in Mannspersonen (die man bisweilen für die 
Stärksten hält), sondern auch in Weibern (denn Gottes 
Kraft wird in den Schwachen mächtig), welches an 
drei frommen Heldinnen Gottes, nämlich Elisabeth 
Bachmannin, aus dem Gröninger Amt, des Hans Jag- 
li von Bartschwil Hausfrau, Elssa Bethezei, aus dem 
Knonauer Amt, des Jakob Ikelme Hausfrau, Sarah 
Wanry vom Horgerberg, des Hans Phisters Hausfrau, 
zu ersehen ist; diese sind zu Zürich im Turm Othen- 
bach und im Gasthaus gebunden gefangen gesetzt 
worden, und haben ihr Leben um des Zeugnisses Jesu 
Christi willen durch Mangel, Elend und Ungemach 
geendigt. 

Dieses alles ertrugen sie mit Gottesfurcht und Ge- 
duld, und hielten dafür, daß das Ende dieses ihres 
Lebens der Anfang des zukünftigen sei. So ist denn 
auch wahrlich ihre erlittene Unruhe der Anfang der 
Ruhe der Heiligen gewesen, die sich dermaleinst für 
ihr kurzes Leiden, das sie um des Namens des Herrn 
willen ertragen haben, ewig freuen werden. Denn un- 
sere Trübsal die zeitlich und leicht ist, schafft eine 
ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit, 
2Kor 4,17. Vergleiche das Vorgehende mit des Meyli 
Buch, gegeben 1658, Blatt 8 A, Num. 1,2,3. 

Verena Landis, um das Jahr 1643. 

Eine alte Schwester, Verena Landis genannt, wurde in 
der Nacht mit einem erschrecklichen Geräusch und 
Getümmel in ihrem Haus überfallen, wodurch diese 
Frau so sehr erschreckt wurde, daß sie ohnmächtig, ja, 
krank wurde, und deshalb den Bütteln nicht folgen 
konnte. 

Als man sie nun nicht fortbringen konnte, musste 
sie versprechen, daß sie in ihrem Hause gefangen 
bleiben wollte, welcher Verheißung sie auch nachkam. 

Als man aber mit ihr sehr hart umging, und ihr 
schlechten Unterhalt verschaffte, ist endlich bald dar- 
auf der Tod erfolgt; also ist sie mit einer fröhlichen 
Hoffnung und getrostem Herzen aus diesem Leben 
geschieden, welche der Herr dermaleinst, weil es um 
seines Namens willen geschehen ist, mit dem Leben 
der seligen Ewigkeit krönen und sie vom ewigen Tod 


befreien wird. Der Tod wird nicht mehr sein, noch 
Leid, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein, 
denn das Erste ist vergangen, Offb 21,4. Jer. Mang. 
Buch, Blatt 15, verglichen mit M. Meylis Buch, Blatt 8 
A. 

Barbara Neef, um das Jahr 1643. 

Diese Frau war schwanger und dem Ziel nahe, als sie 
durch die Verfolgung hin und her getrieben wurde. 

Nachher, als sie niedergekommen war, und drei 
Tage im Kindbett gelegen hatte, wurde sie verraten 
und eingezogen. 

Darauf hat man sie sofort in der schärfsten Win- 
terkälte vier Stunden Weges nach dem Gefängnis ge- 
führt, in welchem sie, um des unerträglichen Frostes 
willen körperlich jämmerlich gelitten hat, sodass sie, 
obgleich sie vor ihrem Tod von den Banden befreit ist, 
doch bald darauf den Tod hat schmecken müssen, und 
ruht mm ihre Seele unter dem Altar Gottes. Vergleiche 
Jer. Mang. Buch über das Jahr 1643, Blatt 16 A, mit 
M. Meylis Buch, Blatt 8, nach den drei vorgemeldeten 
Frauen, Num. 1. 

Barbly Ruff, um das Jahr 1643. 

Es haben aber die Verfolger nicht geruht, sondern sind 
fortgefahren und in aller Schnelligkeit bis ins Knonau- 
er Amt eingedrungen; dort überfielen sie eine andere 
Schwester, genannt Barbly Ruff, welche auch schwan- 
ger war; darüber hat sich diese gute Frau über die 
Maßen entsetzt, weil es unerwartet geschah, sodass 
sie die Kindeswehen ankamen, und denen, die sie 
gefangen hatten, nicht folgen konnte. 

Darum hat man sie an eine Kette in ihres Schwagers 
Haus festgeschlossen, und dem Hausgesinde befoh- 
len, sie gut zu verwahren. 

Als sie nun des Kindes genesen und wieder ein 
wenig stark geworden war, sie (wegen des erlittenen 
Ungemachs) nicht gesund war, ist sie (als man es nicht 
vermutete) von da in ein anderes Land entkommen; 
sie musste aber bald darauf (weil ihr Leben durch die 
Verfolgung sehr geschwächt war) durch den Tod aus 
diesem Leben wandern, was sie willig und geduldig 
zum Preis des Herrn mit tapferem und standhaftem 
Gemüt ertragen hat. Also ist sie zur Ruhe der Heiligen 
eingegangen und erwartet den Tag, der sie und alle 
Frommen dermaleinst trösten wird. 

M. Meylis Buch, gegeb. 1658, Blatt 8 B, verglichen 
mit Jerem. Mang. Buch auf das Jahr 1645 über den 
Namen Barbly. 

Um diese Zeit 1643 sind auch zwei Schwestern, 
nämlich Martha Lindne und Annill Blaeu, sehr be- 



3.1 Kurzer Inhalt von den Märtyrern dieses siebzehnten Jahrhunderts. 


861 


kannte und berühmte Frauen um ihres Glaubens wil- 
len, in Verhaft genommen worden. Die Martha wurde 
in Othenbach festgesetzt und ihr mit dem Scharfrich- 
ter gedroht, der neben ihr stand, wenn sie nicht wollte 
das Armengut, das ihrem Mann war anvertraut wor- 
den, anzeigen. Als sie nun dasselbe angegeben hatte, 
nahmen sie es, und behielten es, welches bei tausend 
Taler ausmachte. Die Annill wurde, weil sie schwan- 
ger war, im Gasthaus an eine Kette geschlossen bis 
nach ihrer Niederkunft. Als aber viele für sie baten, 
ist sie, insbesondere durch Fürbitte des obersten Pfar- 
rers, Printiger, wieder frei geworden, und ist nach 
der Unter-Pfalz gezogen, allwo sie mit ihrem Mann 
(genannt Moneth Meylich), der auch viel Verfolgung, 
Druck und Gefangenschaft (um der Standhaftigkeit 
seines Glaubens willen) hatte ausgestanden, sich nie- 
derließ, und noch leben, wie man nicht anders weiß, 
durch Gottes Segen, in gutem Wohlstand. Vergleiche 
die zwei Bücher des M. Meyli und Jer. Mangold über 
die oben angeführten Namen. 

Henrich Boiler, um das Jahr 1644. 

Es war auch damals eine allgemeine Sitte, die Leute 
im Gefängnis sterben zu lassen. Dies war an einem 
gottesfürchtigen Bruder, genannt Henrich Boiler, aus 
der Herrschaft Wadischwil zu ersehen, einem Mann 
von hohem Alter und sehr schwachem Körper. 

Derselbe wurde eingezogen, und nach dem Gefäng- 
nis Othenbach in Zürich geführt und daselbst in Ban- 
de gelegt. 

Als man nun mit ihm sehr unbarmherzig und ohne 
Mitleiden umging, hat sein hohes Alter und seine 
damit verbundene Schwachheit solches nicht ertragen 
können; deshalb ist er, als er seinen Geist in die Hände 
Gottes befohlen, dort im Gefängnis gestorben; solches 
wird ihm aber am Tage der Auferstehung vergolten 
werden, wenn erfüllt werden wird, was der Prophet 
sagt: Aber deine Toten, o Gott, werden leben, und mit 
dem Leibe auferstehen. Wacht auf und rühmt, die ihr 
unter der Erde liegt, denn dein Tau ist ein Tau des 
grünen Feldes, Jes 26,19 . Vergleiche Jer. Mang. Buch, 
Blatt 16 A, mit der Beschreibung des M. Meyli, Blatt 
6 B, wiewohl dort anstatt Henrich (durch Irrtum im 
Abschreiben) Hans geschrieben steht. 

Nota — Den 11. Juni des Jahres 1644 legte man 
die Hände an einen alten Bruder vom Horgerberg, 
genannt Conrad Stricke, welcher, ob er wohl außer 
den Zürichschen Grenzen ergriffen ward, dennoch 
nach Zürich an den Platz Othenbach gefangen gesetzt 
und alle Nacht in Ketten geschlossen wurde. 

Also hat man auch seine Hausfrau eingezogen und 
an demselben Ort gefangen gelegt; dieselbe ist aber 


durch eine gewisse Gelegenheit, ohne Verletzung ih- 
res Glaubens, wieder frei geworden; aber dem vor- 
gemeldeten Conrad, ihrem Mann, konnte das nicht 
widerfahren, denn er hat noch im Ausgang des Jahres 
1645 in schwerer Gefangenschaft gesessen, nach der- 
selben Zeit haben wir von ihm und seiner Befreiung 
nichts vernommen. Siehe Jer. Mang. Buch, gegeben 
1645, über den Namen Conrad. 

Von einem Schreiben aus der Schweiz, 

welches die Bedrohungen derer zu Bern wider die 
Taufsgesinnten in denselben Gegenden enthält, im 
Jahre 1645. 

Als nun schon einige Brüder und Schwestern in der 
Schweiz von Elend, Mangel, Hunger und Kummer 
im Gefängnis umgekommen waren, von denen doch 
noch fünf am Leben und im Gefängnis blieben, so 
haben die übrigen, die noch außer Banden waren, 
als ihnen insbesondere durch die von Bern gedroht 
wurde, daß man sie alle des Landes verweisen, ihre 
Güter anschlagen und verkaufen wollte, ihre Zuflucht, 
nebst Gott mit einem demütigen und freundlichen 
Schreiben zu ihren Glaubensgenossen in Holland und 
in den Niederlanden genommen, mit der Bitte, sie 
wollten für sie Gott den Herrn um Trost und Gnade 
brünstig anrufen, damit sie dasjenige, was ihnen um 
seines heiligen Namens willen begegnen würde, in 
Geduld und Leidsamkeit ertragen mochten. 

Dieses war den 22. Tag im Heumonat alter Zeit im 
Jahre unseres Herrn 1645 geschrieben und unterzeich- 
net von Hans Duster, zu Baltzen, einem Ältesten an 
dem Wort des Herrn; Ruth Kuntsel, zu Muchem, ei- 
nem Diener am Wort des Herrn, beide aus dem Berner 
Gebiet. Ruth Hage, einem Ältesten; Hans Mully, ei- 
nem Diener; Hans Sluß, einem Diener, alle aus dem 
Züricher Gebiet. 

Was hierauf erfolgt sei, und was sich nachher mit 
denen, die im Gefängnis waren, zugetragen habe, 
kann in dem Zusatz, bei Ully Wagman, gesehen wer- 
den. 

Wie es aber die Vertriebenen, die nicht gefangen 
lagen, in ihrem Elend und in ihrer Armut gemacht 
haben, darüber haben wir keine zuverlässigen Nach- 
richten erhalten; es kann aber aus der betrübten Sache 
zur Genüge beurteilt werden. 

Von einem Befehl derer von Schaffhausen wider 
diejenigen, die man Wiedertäufer nannte, bekannt 
gemacht um das Jahr 1650. 

Die Verfolgung über die Schafe Christi beschränkte 
sich damals nicht auf die Gebiete von Zürich und 



862 


3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an. 


Bern, sondern wie der Blitz schnell von einem Ort 
zum andern schießt, so ging es auch hiermit, denn es 
folgten auch die von Schaffhausen, welches gleichfalls 
eine von den Städten in der Schweiz ist, die Kantons 
genannt werden, der Spur ihrer Mitgenossen, und 
verfielen auf das Ausbannen der wehrlosen Leute, die 
unter ihrem Schutz bisher friedsam gewohnt hatten 
und Wiedertäufer genannt wurden. 

Man hat ihnen aber eine gewisse Zeit gesetzt, in wel- 
cher sie mit ihren Haushaltungen wegziehen konnten, 
weshalb die Not derer, die es betraf, nicht so groß ist, 
als die Not derer, von welchen wir zuvor gemeldet 
haben und noch melden werden. 

Dieses alles ward durch einen Befehl hervorgeru- 
fen, der zu dem Ende bekannt gemacht wurde, wel- 
chen man, wenn es nötig wäre, hier beifügen könnte, 
aber aus Gründen sind wir genötigt uns der Kürze 
zu befleißigen, und unsere Beschreibung, so viel als 
möglich ist, abzukürzen. 

Von einem Befehl von dem Fürsten von Neuburg 

gegen die sogenannten Wiedertäufer, bekannt 
gemacht ums Jahr 1653. 

Gleichwie ein unschuldiges Lamm dem Wolf entläuft, 
und zuletzt dem Bären in die Klauen fällt, so trug es 
sich auch damals zu; denn einige der wehrlosen Nach- 
folger des sanftmütigen Jesu, die nicht länger in den 
Grenzen des Schweizerlandes unter dem Gebiet der 
Zwinglischgenannten Reformierten Sicherheit hatten, 
wandten sich nach verschiedenen Richtungen und, 
wie es sich denken lässt, auch in das Bergische und Jü- 
lichsche Land und nach anderen Gegenden, worüber 
der römisch-katholische Fürst von Neuburg, Willem 
Wolfgang, regierte, wie ihnen denn dort eine lange 
Zeit durch die Finger gesehen wurde, daß sie im Frie- 
den wohnen konnten. 

Aber um das Jahr 1653 hat es sich zugetragen, daß 
derselbe Fürst, welcher (wie man vermutet) von ei- 
nem missgünstigen und feindseligen Jesuiten aufge- 
wiegelt worden ist, sich auch gegen alle sogenannten 
Wiedertäufer in den Grenzen seiner Regierung sehr 
streng zeigte, indem er durch einen öffentlichen Be- 
fehl diese Leute, in welcher Gegend seines Landes sie 
auch wohnten, ausbannen ließ, jedoch unter nachste- 
henden Modifikationen: 

1. Dass alle Wiedertäufer, die von der römischen 
Religion zu ihnen übergegangen wären, ohne Verzug 
und sofort das Land räumen sollten. 

2. Dass alle anderen Wiedertäufer, die nicht von den 
Römischgesinnten abgegangen wären, sondern ihren 
ursprünglichen Glauben beibehalten hätten, wenn sie 
keine liegenden Güter hätten, innerhalb eines halben 


Jahres das Land räumen sollten. 

3. Dass allen Wiedertäufern, die liegende Güter hät- 
ten und beständigen Kaufhandel trieben, zu ihrem 
Abzug (um ihre Sachen in Richtigkeit zu bringen) ver- 
gönnt sein sollte, zwei Jahre, und das alles unter be- 
stimmten Bedrohungen. 

Solches ist auf seinen Befehl ausgeführt, und überall 
in seinem Gebiet, wo man Befehle bekannt zu machen 
pflegte, angeschlagen und ohne Verzug verkündigt 
worden, wie es denn zu Glabbeck im Jülicher Lande 
(woher wir die Nachricht von dieser Sache erhalten 
haben) den letzten Januar des Jahres 1653 geschehen 
ist. 

Unterdessen wurden mehrere Bittschriften an den 
Fürsten um Erleichterung oder Milderung des vorge- 
meldeten Befehls übergeben, zu deren Berücksichti- 
gung er, wie es scheint, wohl geneigt war; er ist aber, 
ehe solches geschehen, mit Tode abgegangen, weshalb 
das, was schon bekannt gemacht worden war, von de- 
nen, die ihm in der Regierung nachfolgten, bestätigt 
worden ist. 

Daher mussten die vorgemeldeten Leute diese Ge- 
gend räumen und ein jeder sehen, wo er hinkam; es 
hat aber Gott der Herr vielen von ihnen die Gnade 
bewiesen, daß sie in Frieden und mit Freuden an den 
Orten, wo sie hinzogen, insbesondere im Clevischen 
unter dem Churfürsten von Brandenburg und in den 
Niederlanden aufgenommen worden sind. 

Wenn sie euch in einer Stadt verfolgen, sagt der 
Herr, so flieht in eine andere; wahrlich, ich sage euch, 
ihr werdet die Städte Israels nicht alle durchwandeln, 
bis des Menschen Sohn kommt, Mt 10,23. 

Ully Wagman nebst einem andern Bruder, im Jahre 
1654. 

Wie es scheint, so erfolgte zwischen den Jahren 1644 
und 1645 im Züricher Gebiet einige Ruhe oder Erleich- 
terung, denn wir haben nicht gehört, daß jemand im 
Gefängnis durch schlechte Kost oder Misshandlung 
gestorben wäre, obwohl einige, von welchen wir be- 
reits Meldung getan haben, schon eine geraume Zeit 
zuvor eingezogen worden waren. Als aber das 1645. 
Jahr herbeikam, haben wir abermals von da aus von 
dem Tode eines frommen Christen Nachricht erhalten. 

Man hatte das Auge auf die Vorgänger der Gemein- 
de gerichtet, vorzüglich auf diejenigen, welche das 
Wort Gottes bedienten, unter denselben hat man einen 
sehr lieben und werten Mann verhaftet und zu Zürich 
ins Kloster Othenbach gesetzt, der über die Gemeinde 
Jesu Christi aus treuem Herzen, nach seiner von Gott 
empfangenen Gabe, die Aufsicht hatte und dieselbe, 
dem Geiste nach, besorgte, genannt Ully Wagman. 



3.1 Kurzer Inhalt von den Märtyrern dieses siebzehnten Jahrhunderts. 


863 


Als man nun, während seiner Gefangenschaft, ihn 
hart hielt und streng mit ihm handelte, so haben sich 
des Todes Vorboten bei ihm angemeldet, und er ist, 
nachdem er seine Seele Gott befohlen hatte, aus die- 
sem Leben geschieden. Vergleiche beide mehrgemel- 
dete Bücher. 

Mit ihm wurde noch ein Bruder eingezogen, wel- 
cher nach des Ully Tode noch zwei Jahre lang (weil er 
nicht abfallen und nicht mit seinen Widersachern in 
die Kirche gehen wollte) in Verhaft blieb, nämlich bis 
ins Jahr 1656 den 2. Oktober. 

Was es aber nachher mit ihm für ein Ende genom- 
men habe, darüber haben wir keine Nachricht erhal- 
ten. M. Meylis Buch, geschrieben 1658. 

Unterdessen hat der erstere sein Leben gelassen, 
der letztere aber ist in Banden geblieben; darum wird 
der Herr dermaleinst über diejenigen, die es getan 
und die es gelitten haben, ein gerechtes Urteil aus- 
sprechen. Die Toten, die im Herrn sterben, sind selig; 
die Gefangenen aber um des Zeugnisses Jesu Christi 
willen werden zur Freiheit der Kinder Gottes gebracht 
werden; dagegen, wer ins Gefängnis gelegt hat, soll 
ins Gefängnis gelegt und mit den unseligen Banden 
der Finsternis gebunden werden. 

Diejenigen aber, die die Frommen getötet oder we- 
nigstens ihren Tod veranlasst und darüber keine Reue 
gezeigt haben, müssen in Furcht stehen, daß sie dem 
zweiten und ewigen Tod nicht entgehen werden. Ach, 
daß doch diejenigen, die hieran schuldig sind und 
noch leben, sich vor ihrem Tod noch bekehren möch- 
ten! Ach, daß sie aus Verfolgern wahre Nachfolger 
Christi und seiner Heiligen würden! Ach, daß sie die 
Seligkeit erlangen möchten Dieses wünschen wir ih- 
nen allen aus lauterer Liebe und von Herzen. 

Man hatte schon vor dem Jahre 1645 zu verschie- 
denen Zeiten bald diesen bald jenen aus der zerstreu- 
ten Herde Christi gefänglich nach Zürich gebracht 
und in Othenbach eingesperrt. Unter denselben wa- 
ren insbesondere fünf Brüder, nämlich Jakob Aussily, 
Jakob Gochnauer, Jakob Baumgärtner, Hans Huber 
und noch einer, genannt Henrich. 

Mit diesen hat es sich folgendermaßen zugetragen: 
Jakob Aussily aus der Grafschaft Kiberg war schon 
im Jahre 1644 in Othenbach gefangen gesetzt; es wur- 
den ihm seine Kleider ausgezogen und ihm ein langer 
grauer Rock angetan, worauf er an eine Kette geschlos- 
sen wurde, Jakob Gochnauer aus dem Amt Gronin- 
gen war zuvor mit seiner Hausfrau aus dem Land 
gejagt, die Haushaltung wurde zerstört, die Kinder 
vertrieben und in Armut gebracht, Haus und Hausrat 
wurden verkauft und das Geld davon der Obrigkeit 
eingehändigt; nachher aber, als er sich vornahm, wie- 
der einmal ins Land zu gehen, um seine zerstreuten 


Kinder zu suchen, ist er unterwegs den Verfolgern 
begegnet, die ihn in Othenbach festlegten, ihn seiner 
Kleider beraubten und ihm einen grauen Rock anleg- 
ten, auch ihn an eine Kette schlossen und mit ihm 
handelten wie mit den Vorhergehenden. 

Jakob Baumgärtner, ein alter Mann von siebzig Jah- 
ren, war zuvor seines Glaubens halber fünfmal ge- 
fangen, ist aber jedesmal wieder frei geworden. Als 
er aber nun nochmals gefangen nach Othenbach ge- 
bracht wurde, so war keine Hoffnung der Erlösung 
übrig; denn man schloss ihn an eine Kette, man be- 
raubte ihn seiner Kleider und tat ihm auch, wie den 
Vorigen, einen grauen Rock an. Überdies musste er 
eine Zeitlang bei Brot und Wasser leben. Zweimal 
wurde er ausgezogen, zweimal in Eisen geschlagen, 
wie auch in Fesseln und Handschellen, sein Haus und 
Hof wurden verkauft für fünfhundert Gulden und 
das Geld der Obrigkeit eingehändigt. 

Hans Huber von Horgerberg wurde zuerst nebst 
elf Brüdern um des Glaubens willen eingezogen, von 
welchen Banden er aber mit seinen Brüdern erlöst 
worden ist; nachher ist er abermals in Verhaft genom- 
men, in einen festen Platz, Othenbach, eingesperrt, 
und an eine Kette geschlossen worden, wo ohne die 
wunderbare Hilfe Gottes keine Hoffnung war, loszu- 
kommen. 

Unterdessen wurde seine Hausfrau und deren 
Schwester, zwei alte Leute, ebenfalls um des Glau- 
bens willen ins Elend verwiesen. 

Der letzte, Henrich genannt, ward auch etliche Male 
um des Zeugnisses Jesu Christi willen scharf verfolgt 
und eingezogen; aber nun wurde er nebst den andern 
abermals dermaßen festgesetzt, daß man für seine 
Befreiung wenig Hoffnung haben konnte. 

Man legte sie alle an Ketten, zog ihnen ihre gewöhn- 
lichen Kleider aus, und tat ihnen auf oben gemeldete 
Weise, zum Spott und Schmach lange graue Röcke an. 

So haben sie gesessen bis zum letzten August des 
Jahres 1645, zu welcher Zeit wir von ihnen die letzte 
Nachricht erhalten haben; was für ein Ende es aber 
mit ihnen genommen, haben wir nicht erfahren kön- 
nen. 

Unterdessen kann man ihnen den Namen von from- 
men Zeugen Jesu Christi nicht entziehen, weil sie ein 
gutes Bekenntnis getan und darüber um seines Na- 
mens willen alles erlitten haben. Siehe Mangolds Buch 
vom Jahre 1645, vollendet den 16. September. 

Von einem Schreiben aus Makhenheim, 

welches eine Verantwortung der verfolgten Brüder 
in der Schweiz enthält, auf oder gegen einen Brief, 
worin sie beschuldigt waren; gesandt von Zürich nach 



864 


3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an. 


Amsterdam im Jahre 1658. 

Weil nun das vorgemeldete Unheil, das den Brü- 
dern in der Schweiz begegnet ist, Veranlassung gege- 
ben hat, daß einige von denen, welche an gemeldetem 
Unheil Schuld waren, sehr nachteilig redeten, so ist 
aus der Stadt Zürich ein Schreiben an einen Kauf- 
mann in Amsterdam gesandt worden, in welchem 
die Sache der verfolgten Brüder sehr schlecht, die Sa- 
che derer aber, die sie verfolgten, sehr herrlich und 
schön vorgestellt wurde, was hauptsächlich darin be- 
stand, daß diejenigen, welche dort verfolgt würden, 
ganz andere Leute und von ganz anderem Bekenntnis 
und anderem Glauben wären, als ihre Mitgenossen 
in den Niederlanden, und daß sie ungehorsam und 
hartnäckig wären. 

Als nun dieses Schreiben zu Amsterdam ankam, 
wurde für gut befunden, dasselbe, oder eine Abschrift 
davon, den Brüdern in der Schweiz zuzuschicken, 
damit man eine tüchtige und wahrhafte Erklärung 
hierüber von ihnen selbst erlangen möchte. 

Darauf ist erfolgt, daß dieselben den 20. März alter 
Zeit, oder den 30. desselben Monats neuer Zeit, des 
Jahres 1658 geantwortet, und jene Erklärung, unter 
Beifügung des Bekenntnisses ihres Glaubens, den Die- 
nern der Gemeinde Gottes zu Amsterdam zugesandt 
haben. 

Darin ist unter anderem gemeldet worden, was die 
Lästerung wegen des Ungehorsams betrifft, daß selbst 
die Herren zu Zürich von beiden Ständen ihnen, den 
Gefangenen, oft bekannt hatten, daß sie ihnen sehr 
liebe und gehorsame Untertanen gewesen (nämlich in 
gemeinen oder bürgerlichen Sachen), ja daß sie in An- 
sehung des Rechttuns andern Lichter und Vorbilder 
wären; ferner, daß sie nichts weiter über oder wider 
sie zu klagen hätten, als daß sie nicht mit ihnen in die 
Kirche gehen wollten. 

Sodann wurde in demselben Schreiben erzählt, daß 
sie dessen ungeachtet in das äußerste Elend und in 
Armut gebracht worden wären, worüber die nachste- 
henden Worte zu finden sind: 

»Sie haben Alte und Kranke, Schwangere und Kind- 
betterinnen mit ihren unschuldigen Kindlein gefan- 
gen genommen, mit welchen Personen sie gar übel 
umgegangen sind; ja, sie nahmen alles, was sie in ih- 
re Gewalt bekommen konnten, gefangen, sodass auf 
einmal siebenunddreißig Personen gefangen lagen, 
von welchen viele Männer und Weiber in Folge der 
Feuchtigkeit der Gefängnisse und der langwierigen 
Gefangenschaft körperlich übel zugerichtet worden 
sind; ja es haben sechzehn Personen in der Gefangen- 
schaft sterben müssen.« 

Dieser Brief war zu Makhenheim geschrieben und 
von sechs Ältesten und Dienern aus dem Elsaß unter- 


zeichnet, deren Namen wir aber um der gegenwärti- 
gen Gefahr willen verschwiegen haben. 

Zu Bern werden sieben Lehrer und Vorsteher der 
Gemeinde Jesu Christi eingezogen, 

nämlich Ully Baumgarten, Anthony Hinnelberg, Jegly 
Schlebach, Hans Zaugh, Ully Baumgärtner, Christen 
Christiaens und Rhode Peters, im Jahre 1659. 

Es konnte aber das kleine Häuflein Christi, das aus 
dem Züricher in das Berner Gebiet gewichen war, 
auch dort keine Freiheit erlangen, denn die von Bern, 
welche den Fußstapfen derer von Zürich nachfolgten, 
nahmen sich auch vor, ihre Hände an sie zu legen, 
insbesondere aber an die Hirten und Vorgänger der 
Gemeinde, um durch solches Mittel, wie es scheint, de- 
sto größeren Schrecken unter die unschuldigen Schafe 
und Lämmer der zerstreuten Herde Christi zu verbrei- 
ten. 

Man nahm sieben von den Lehrern und den vor- 
nehmsten Vorstehern der Gemeinde gefangen (wozu 
besondere Gefängnisse eingerichtet wurden), nämlich 
Ully Baumgarten, Anthony Hinnelberg, Jegly Schle- 
bach, Hans Zaugh, Ully Baumgärtner, Christen Chris- 
tiaens und Rhode Peters. 

Dieselben hat man eine Zeitlang sehr hart zur Ar- 
beit angehalten, damit sie die Unkosten verdienen 
möchten, und sie mit schwerer Kost, als Spelz und 
Roggen, sehr ärmlich gespeist; auch haben sie viel 
Schmach, Schimpf und Lästerung ertragen müssen, 
die man ihnen wegen ihres Glaubens angetan hat. 

Man gab zuerst vor, man wollte sie lebenslänglich 
gefangen halten, wozu sie sich in Geduld getrost und 
auf die Gnade des Herrn gefasst gemacht hatten. Als 
sie aber sahen, daß sie hiermit diese Leute in ihrem 
Glauben und ihrer Religion nicht erschüttern konnten, 
haben sie einen andern Plan gefasst (laut dessen, was 
uns aus dem Elsaß berichtet worden ist), nämlich, daß 
sie eins von diesen drei Stücken erwählen sollten: 

1. Mit ihnen in die Kirche zu gehen, oder 2. Auf 
ewig auf die Galeere geschickt zu werden, oder 3. 
Durch des Scharfrichters Hände zu sterben. 

Gewiss eine schwere und harte Wahl! denn die erste 
Bedingung betrifft die Seele, die beiden letzten aber 
den Körper; wenn man nun eins von diesen Stücken 
erwählen wollte, so müsste ohne allen Zweifel ent- 
weder die Seele oder der Körper, oder wohl beide 
zugleich in Gefahr laufen. 

Verleugnet man seinen Glauben, so kränkt man sein 
Gewissen, oder aber nimmt man gegen sein Herz und 
gegen seine Überzeugung eine andere Religion an, so 
setzt man seine Seele in die äußerste Not, ja, in die 
Gefahr der Verdammnis. 



3.1 Kurzer Inhalt von den Märtyrern dieses siebzehnten Jahrhunderts. 


865 


Will man aber dagegen seinen Glauben behalten, 
sein Gewissen nicht beugen oder kränken, und die 
Religion, die man angenommen hat und zur Seligkeit 
nötig erachtet, behaupten und verteidigen, so bringt 
man in solchem Fall seinen Leib in Gefahr, daß man im 
Elend herumwandern oder durch einen gewaltsamen 
Tod zur Unzeit dieses Leben auf geben muss. 

Es ist aber in solchem Fall nötig, zu überlegen, daß 
an der Seele unendlich mehr gelegen sei als an dem 
Leib, welchen man doch einmal ablegen muss, wäh- 
rend aber die Seele fortleben wird; darum ist gut, 
daß man die Lehre Christi wahrnehme, wenn Er sagt: 
Fürchtet nicht die den Leib töten, und die Seele nicht 
töten können, sondern fürchtet vielmehr den, welcher 
beides, Seele und Leib, in der Hölle verderben kann, 
Mt 10,28. 

Was nun weiter von Seiten der Gefangenen oder 
von denen, die gefangen hielten, getan worden ist, 
haben wir nicht vernehmen können, inzwischen sind 
sie noch bis auf das gegenwärtige Jahr 1659 in Verhaft 
geblieben, woraus zur Genüge erhellt, wie unbeweg- 
lich sie in ihrem Glauben geblieben seien; hierin wolle 
sie der Herr, der gütig ist, durch seinen guten Geist 
stärken, damit sie standhaft streiten und mit allen Hei- 
ligen, von denen wir vieles in diesem Buch gemeldet 
haben, dermaleinst von dem Herrn die selige Krone 
der unverwelklichen Herrlichkeit empfangen mögen. 

Siebenhundert Personen werden zu Bern 
unterdrückt und verfolgt. 

Im Jahre 1671 ist abermals eine schwere Verfolgung 
über die Taufsgesinnten im Berner Gebiet vorgekom- 
men, welche so streng war, und so lange anhielt, daß 
es den Anschein hatte, als wollte die Obrigkeit nicht 
ablassen, bis sie das Volk aus ihrem Gebiet ganz ver- 
trieben oder ausgerottet hätte. Daher ist es geschehen, 
daß an 700 Personen, klein und groß, genötigt worden 
sind, ihren Erwerb aufzugeben, ihr Gut, auch viele ihr 
Blut, ihre nahe Verwandtschaft und ihr irdisches Va- 
terland zu verlassen und sich miteinander in die Pfalz 
zu begeben, in der Hoffnung, es werde der Herr es so 
fügen, daß sie einen Aufenthalt dort finden würden. 
Wie es nun zugegangen sei, als sie dort hingekommen 
sind, haben wir selbst mit unseren eigenen Augen 
angesehen und alles von Ort zu Ort besichtigt, wohin 
sie gezogen sind, um Wohnungen zu suchen. 

Weil wir aber kurz zuvor, ehe wir hinreisten, so- 
wohl von dem verfolgten Volk selbst als andern, die 
in ihrem Namen und aus ihrem Mund schrieben, ei- 
nige Briefe empfangen hatten, die die Umstände und 
den Zustand dieser Verfolgung, wie wir sie aus ihrem 
Mund gehört haben, sehr wohl schildern, so halten 


wir für ratsam, dieselben hier beizufügen, damit der 
christliche Leser, wenn er dieses liest, sich nicht einbil- 
den möge, als ob er eine bloße Erzählung eines Ohren- 
oder Augenzeugen gehört hätte, sondern damit er die 
Leute selbst, welche diese Verfolgung erlitten haben, 
hören möge. Die Briefe lauten, wie folgt: 

Auszug aus dem ersten Brief, gegeben den 7. April 
1671 in Obersültzen. 

Was das Ersuchen der Freunde wegen des Zustandes 
unserer schweizerischen Brüder im Berner Gebiet be- 
trifft, so verhält es sich so, daß dieselben in einem 
betrübten Zustande sind, wie wir aus dem Mund der 
Flüchtlinge, die bei uns angekommen sind, deren ei- 
nige noch gegenwärtig in meinem Haus sind, ver- 
nommen haben, denn dieselben sagen, daß man sie 
täglich mit Profossen aufsuche und daß sie alle, die 
sie erwischen können, gefänglich nach der Stadt Bern 
führen, sodass vor ungefähr vier Wochen schon an 
vierzig Personen, sowohl Männer als Weiber, in Ver- 
haft gewesen seien. Sie haben auch einige gegeißelt 
und des Landes verwiesen, von welchen einer bei uns 
hier angekommen ist. Auch haben sie einen Diener 
des Wortes gegeißelt und ihn sodann zum Lande hin- 
ausgeführt bis nach Burgund; dort haben sie ihn erst 
gebrandmarkt und ihn dann unter die Franzosen lau- 
fen lassen. Weil er aber mit niemandem reden konnte, 
so hat er wohl drei Tage mit dem verbrannten Leib 
umhergehen müssen, ehe er verbunden werden und 
einige Erquickung genießen konnte, sodass, als man 
ihn entkleidete, um ihn zu verbinden, ihm der Eiter 
über den Rücken lief, wie mir ein Bruder, der bei dem 
Verband geholfen, selbst erzählt hat. Dieser Freund 
ist mit zwei Frauenspersonen und einem Mann im 
Elsaß angekommen, welche auch ausgepeitscht und 
des Landes verwiesen worden sind. Sie handeln dem- 
nach sehr streng und werden auch, wie es scheint, 
von ihrem Vorhaben nicht ablassen, bis sie dieses un- 
schuldige Volk aus ihrem Land ganz vertrieben und 
ausgerottet haben. 

Es scheint auch, daß man hierin nichts mehr tun 
könne, um den unterdrückten Brüdern nützlich zu 
werden, denn es haben nicht allein die Freunde zu 
Amsterdam und an andern Orten schon vor einigen 
Jahren in dieser Sache gearbeitet, sodass einige güns- 
tige Fürbitten von den Herren Staaten von Holland, 
wie auch insbesondere von der Stadt Amsterdam und 
anderen angesehenen Personen dahin an die Obrig- 
keit gesandt worden sind, sondern es ist auch noch 
überdies im Jahre 1660 ein Expresser, Adolph de Bree- 
de genannt, dahin abgefertigt worden; aber er hat dort 
nicht viel Gutes zum Nutzen unserer Freunde ausge- 



866 


3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an. 


richtet. Daher kann ich nicht einsehen, daß jetzt die 
Freunde in der Sache zum Vorteil unserer unterdrück- 
ten Brüder dort etwas tun können sollten. Man wird 
in Geduld erwarten müssen, was der Herr, unser Gott, 
ihnen für ein Auskommen verleihen wird. 

Auszug aus dem zweiten Brief von Obersültzen, 
den 23. Mai 1671. 

Die Verfolgung unserer Freunde hält noch immer 
stark an, weshalb wir uns wundern, daß sie sich nicht 
mehr beeilen, aus dem Lande zu ziehen. Bisweilen 
kommt wohl der eine oder andere ganz ärmlich hier- 
her, die meisten aber halten sich noch oberhalb Straß- 
burg im Elsaß auf. Einige gehen in den Wald, um Holz 
zu spalten, andere arbeiten in der Nähe des Gebirges 
in den Weingärten, wie mich dünkt, in der Hoffnung, 
daß es mit der Zeit wieder still werden möchte, daß 
sie wieder zu ihren verlassenen Wohnplätzen zurück- 
kehren könnten, aber ich fürchte, es werde sobald 
nicht vorübergehen und daß sie in ihrer Hoffnung 
bitter werden betrogen werden. 

Die Obrigkeit zu Bern hat sechs von den Gefange- 
nen, worunter ein Mann war, der neun Kinder hatte, 
an eine Kette schließen lassen und sie auf das Meer 
verkauft, um als Sklaven auf den Galeeren zwischen 
Mailand und Malta gebraucht zu werden; was sie aber 
mit den anderen Gefangenen Vorhaben, kann man so 
eigentlich nicht wissen. Einer von den Gefangenen, 
welcher ein alter Mann von achtzig Jahren war, ist im 
Gefängnis gestorben. Der Herr wolle sie in ihrer Trüb- 
sal trösten und in ihrer Schwachheit stärken, damit sie 
das Kreuz mit Geduld ertragen und treulich für die 
Wahrheit des Evangeliums bis ans Ende streiten und 
dadurch endlich die verheißene Seligkeit und Krone 
des Lebens davon tragen mögen, Amen. 

Auszug aus dem dritten Brief von Obersültzen, 
den 13. Oktober 1671. 

Henrich de Bäcker, sehr werter Freund und geliebter 
Bruder in Christo. Ich wünsche dir nebst deinen lieben 
Angehörigen viel Gnade und Frieden von Gott, unse- 
rem himmlischen Vater, durch unseren Herrn Jesum 
Christum, zum freundlichen Gruß, Amen. 

Das Nachfolgende dient zur Antwort auf dein An- 
suchen wegen des Zustandes unserer unterdrückten 
Brüder in der Schweiz. Es ist leider gegründet, daß 
den 1 1 . dieses Monats in dem vollen Rat zu Bern be- 
schlossen worden ist, daß die gefangenen Mannsper- 
sonen, die noch jung und stark sind, auch auf die Ga- 
leeren gesandt werden sollten, wie sie es früher mit 
sechs von ihnen getan haben; die alten unvermögen- 


den Leute aber wollten sie an andere Orte schicken, 
oder sie in ewiger Gefangenschaft halten. Als diesen 
Beschluss ein gewisser Herr in Bern vernahm, wurde 
er zum Mitleiden bewegt; deshalb ging er zur Obrig- 
keit und ersuchte dieselbe, man wolle doch so lange 
mit dem Transportieren der Gefangenen warten, bis 
er zu ihren Glaubensgenossen, die im Elsaß wohnen, 
gereist wäre und gesehen hätte, ob sie für die Gefange- 
nen Bürgschaft leisten wollten, mit dem Versprechen, 
daß die Gefangenen, wenn sie aus dem Land gezogen 
wären, ohne Bewilligung nicht wieder dahin kommen 
sollten. Dieses erlangte er; darum hat er es unseren 
Freunden, als er zu ihnen in den Elsaß kam, vorge- 
stellt; als dieselben die Nachricht erhielten, haben sie 
sogleich die Bedingung angenommen und zugesagt, 
daß sie, wenn die Obrigkeit von Bern ihnen die Gefan- 
genen zusenden wollte, sie für dieselben Bürgschaft 
leisten und ihnen helfen wollten, daß sie an anderen 
Orten Unterkommen könnten. Dieses haben unsere 
Freunde, wie ich höre, diesem Herrn (er hieß Beatus) 
nicht allein mündlich zugesagt, sondern auch schrift- 
lich mitgegeben. Darauf hat er ihnen versprochen, bei 
der Obrigkeit zu Bern sein Bestes zu tun, in der Hoff- 
nung, er wolle so viel bei ihnen ausrichten, daß sie die 
Gefangenen nach Basel liefern sollten, wo sie nachher 
die Freunde abholen könnten. So sind wir denn nun 
ihrer mit Verlangen gewärtig und erwarten alle Tage 
die Nachricht, daß sie im Elsaß angekommen seien 
oder zu uns hierher kommen werden. 

Eben jetzt kommen hier bei mir vier Brüder aus der 
Schweiz mit Weibern und Kindern an und bringen die 
Nachricht mit, daß noch viele unterwegs seien, weil 
das Verfolgen und Aufsuchen täglich zunimmt. Hier- 
mit schließe ich; seid nebst christlichem und brüderli- 
chem Gruß dem Allerhöchsten zur ewigen Seligkeit 
anbefohlen — von eurem zugeneigten Freund und 
Bruder in Christo, Jakob Everling. 

Auszug aus dem vierten Brief, vom 2. November 
1671. 

Was unsere Freunde aus der Schweiz betrifft, so kom- 
men dieselben jetzt in großer Anzahl zu uns, sodass 
schon zweihundert Personen hierher gekommen sind, 
unter welchen viele Greise sich befinden, Männer so- 
wohl als Weiber, die 70, 80, ja 90 Jahre erreicht haben; 
auch mehrere Krüppel und Lahme sind darunter. Sie 
trugen ihre Bündel auf dem Rücken, die Kinder aber 
auf dem Arme; einige derselben waren wohlgemut; 
einigen aber flössen die Tränen über die Backen, ins- 
besondere den alten, unvermögenden Leuten, die in 
ihrem hohen Alter im Elend herumwandeln und frem- 
de Länder betreten mussten. Viele unter ihnen haben 



3.1 Kurzer Inhalt von den Märtyrern dieses siebzehnten Jahrhunderts. 


867 


nichts, worauf sie des Nachts schlafen, weshalb ich 
mit Hilfe anderer schon an vierzehn Tagen mich habe 
damit beschäftigen müssen, für ihre Herberge und 
übrige Notdurft Sorge zu tragen. Wir erwarten auch 
täglich noch Zuwachs und hoffen, daß wenn das Volk 
dem größten Teil nach aus dem Lande ist, die Ge- 
fangenen alsdann auch die Freiheit erlangen werden. 
Gehabe dich wohl. 

Darauf ist erfolgt, daß immer mehr der vertriebe- 
nen und flüchtigen Leute aus dem Schweizerlande 
in die Pfalz gekommen sind, beinahe siebenhundert 
Personen, alt und jung, unter welchen Haushaltun- 
gen mit acht, zehn bis zwölf Kindern sich befanden, 
welche kaum so viel gerettet hatten, daß sie Reisegeld 
genug gehabt hätten, wie aus dem folgenden Auszug 
zu ersehen ist. 

Der fünfte Auszug, von demselben aus 
Obersültzen, den 5. Januar 1672. 

Es ist in hiesiger Gegend ein Mann über Heidelberg 
angekommen, welcher ein Diener im Norden war, der 
zwölf, meistens sehr junge Kinder hatte, und der, wie 
ich höre, nicht mehr als vier Reichstaler und ein sehr 
schlechtes Pferd mitgebracht hat. Einige andere ha- 
ben noch etwas, viele aber haben gar nichts an Geld 
mitgebracht, wie denn, nach genauer Untersuchung, 
unter 282 Personen 1046 Reichstaler an Geld vorge- 
funden sind; im Amt Alzei unter 215 Personen 608 
Reichstaler; im Dörmsteiner Amt aber hat man 144 
Personen gefunden, doch habe ich nicht vernommen, 
worin ihr Vermögen bestehe; dem Anschein nach aber 
halte ich dieselben für die Dürftigsten. Summa, wir 
finden, daß unter ihnen achtzig volle Familien, ferner 
Witwen, ledige Personen, Männer und Weiber seien, 
die ihre Ehegatten haben verlassen müssen, weil sie 
der reformierten Religion zugetan waren und sich 
zum Auszug nicht verstehen konnten, an der Zahl 
641 Personen, für welche nur sehr wenig Vorrat, wie 
gemeldet worden, vorhanden ist; deshalb könnt ihr 
euch wohl vorstellen, daß eine bedeutende Hilfe nötig 
sei. Außerdem haben wir auch vernommen, daß sich 
noch an hundert Personen im Elsaß aufhalten, die wir 
gegen das Frühjahr auch erwarten. Gehabt euch wohl. 
— So weit gehen die Auszüge der Briefe. 

Nachher ist es geschehen, daß die Brüderschaften, 
die in den vereinigten Niederländischen Landschaf- 
ten wohnen, im März des Jahres 1672 einige von ihnen 
nach der Pfalz gesandt haben, die überall zu den ver- 
folgten Brüdern reisten; diese hörten und sahen nicht 
nur, daß das oben Erzählte wahr sei, sondern auch, 
daß einige von den Letztgemeldeten aus dem Elsaß 
angekommen waren, welche auch, wie die andern. 


keinen Vorrat mitgebracht hatten, weshalb sie nebst 
den andern durch gemeinschaftliche Hilfe der ver- 
mögenden Gemeinden oder Brüderschaften aus den 
vereinigten Landschaften unterstützt und getröstet 
wurden. 

Daneben haben sie von einigen der vierzig Gefange- 
nen selbst gehört, daß sie alle auf Veranlassung dieses 
oben gemeldeten Herrn freigelassen, nach Basel ge- 
bracht und dort ihren Brüdern übergeben worden 
seien, mit welchen sie sämtlich weggezogen wären. 
Als man die Vornehmsten unter ihnen fragte, warum 
sie nicht eher weggezogen wären und solche Plätze 
gesucht hätten, wo sie mit mehr Freiheit nach ihrem 
Gewissen hätten leben können, da doch die Obrigkeit 
ihren Abzug ihnen nicht verboten hätte, gaben sie ver- 
schiedene Gründe an, von denen die folgenden nicht 
die geringsten waren. 

1. Sagten sie, sie hätten gesehen, daß die Gemeinden 
sich sehr vermehrt und zugenommen hätten, sodass 
sie, obgleich sie unter dem Kreuz standen, dennoch 
wie eine Rose unter den Dornen geblüht habe, und 
daß man sich täglich eines größeren Zuwachses zu 
versehen gehabt hätte, weil viele Menschen hervorge- 
treten wären, die das Licht aus der Finsternis hätten 
hervorleuchten sehen, die dasselbe lieb gewonnen 
und ihm nachgespürt haben. Die Diener, die dieses in 
ihrem Gemüt überlegt haben, hätten sich beschwert 
gefunden, aus dem Land zu ziehen, in der Befürch- 
tung, es möchte dadurch diese blühende Ernte ver- 
säumt werden, und dadurch viele von diesem guten 
Vorsatz wieder ablassen; darum wollten sie lieber et- 
was leiden als wegziehen, damit sie noch einige See- 
len aus dem Verderben ziehen und zu Christo bringen 
möchten. 

2. Der zweite Grund war, daß sie so leicht nicht hät- 
ten aufbrechen und den Weg nach andern Ländern 
nehmen können, weil unter ihnen viele zerteilte Haus- 
haltungen gewesen wären, von denen zwar der Mann 
oder die Frau in der Gemeinde gewesen sei, der ande- 
re Ehegatte aber wäre noch in die öffentliche Kirche 
gegangen, welches dann, wenn sie in solchem Fall 
ihren unterdrückten Ehegatten nicht hätten folgen, al- 
les verlassen und aus dem Land ziehen wollen, große 
Angelegenheit und Trübsal verursacht hätte, und daß 
auch selbst mehrere Diener von diesem Unglück nicht 
frei gewesen wären. Es waren auch in der Pfalz zwei 
Diener, welche Hausfrauen hatten, die nicht in der 
Gemeinde waren, und welche sie auch (weil sie ins- 
geheim von einem guten Freund gewarnt wurden) 
bei der Nacht haben verlassen und die Flucht nehmen 
müssen, ohne bis dahin zu wissen, ob ihre Hausfrauen 
ihnen folgen, oder ob sie ihr Gut lieber haben würden, 
als ihre Männer, und folglich dort im Land bleiben 



868 


3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an. 


und ihre Männer verlassen würden. Solche Zufälle 
hätten um desto mehr Betrübnis und Schwierigkeiten 
verursacht, weil die Obrigkeit solchen zurückbleiben- 
den Personen, es seien Weiber oder Männer, Erlaubnis 
gegeben hätten, wieder zu heiraten und andere Ehe- 
gatten zu suchen. Diese und andere Gründe hätten 
es veranlasst, daß sie ohne Not nicht aus ihrem irdi- 
schen Vaterland gewichen wären, sondern lieber so 
lange gewartet hätten, bis sie gesehen hätten, daß sie 
es dort nicht länger (mit gutem Gewissen) ausführen 
könnten. 

Wahrlich es ist zu beklagen, daß noch zu dieser Zeit, 
nachdem das Licht des Evangeliums der Protestan- 
ten so lange geschienen hat, dennoch solche unter ih- 
nen gefunden werden, die es billigen, daß diejenigen 
verfolgt werden, die in allen Stücken gute, fromme 
Untertanen sind, und nur in einigen den christlichen 
Gottesdienst betreffenden Stücken von ihnen abwei- 
chen! Ach, wie wenig wird in solchem Betragen die 
Lehre unseres Heilandes beobachtet, daß wir nämlich 
einem andern tun sollen, wie wir wollen, daß uns 
geschehe. Gleichwohl beklagen sich solche über die 
Verfolgung, die in Frankreich, Ungarn und an anderen 
Orten ihren Glaubensgenossen widerfahren ist. Aber, 
was dünkt euch? sollte man diesen nicht mit Recht 
auf solche Weise antworten, wie der Apostel Paulus 
den Juden, Rom 11,21, geantwortet hat? Ja, gewiss mit 
großem Recht. 

Wir schließen diese Erzählung mit der ernstlichen 
Bitte, daß Gott die Herzen derer, die in Würde stehen, 
dergestalt regieren wolle, daß wir unter ihrem Ge- 
biet und unter ihrer Regierung ein stilles und ruhiges 
Leben führen mögen, in aller Gottesfurcht und Ehr- 
barkeit; und wenn der große Gott es für gut befinden 
möchte, hin und wieder Verfolgung über seine Gläu- 
bigen kommen zu lassen, daß Er alsdann mit seinem 
väterlichen Trost und seiner Vorsorge bei ihnen blei- 
ben und aus Gnaden verleihen wolle, daß ihr Leiden 
mit Geduld, ihr Glaube mit Standhaftigkeit und ihre 
Tugenden mit Treue vereinigt sein mögen, und das 
alles zur Ehre seines preiswürdigsten Namens, zum 
Heil ihrer Seelen, durch Christum unsern Herrn und 
Heiland, Amen. 

Wir halten es für angemessen, bei Gelegenheit der 
oben gemeldeten Erzählung der Verfolgungen, wel- 
che über die Brüder in der Schweiz stattgefunden, 
auch das Nachfolgende mit anzuhängen, nämlich, 
daß ein alter und seinem Wandel nach frommer Bru- 
der, Haßlibacher genannt (weil er von Haßlibach ge- 
bürtig war), um seines Glaubens willen, in Verhaft ge- 
nommen und nach Bern gebracht worden sei. Dort ist 
er im Gefängnis hart angegriffen und grausam gepei- 
nigt worden; als er aber dessen ungeachtet standhaft 


bei seinem Glauben verharrte, sind bald darauf an ei- 
nem Freitag einige Prediger in das Gefängnis zu ihm 
gekommen, die mit ihm disputierten, gegen welche er 
sich in der Verteidigung seines einfachen Glaubensbe- 
kenntnisses so tapfer gezeigt hat, daß sie ihm nichts 
abgewinnen konnten. Darauf sind die Prediger den 
folgenden Tag, nämlich den Samstag, abermals zu 
ihm gekommen, haben ihn härter angeredet und ihm 
scharf gedroht, daß man ihm den Kopf vor die Füße 
legen würde, wenn er nicht von seinem Glauben ab- 
stehen wollte. Hierauf hat der gute alte Mann tapfer 
geantwortet, daß er keineswegs von seinem Glauben 
abstehen, sondern bei demselben standhaft bleiben 
wollte, weil er vollkommen versichert wäre, daß sein 
Glaube bei Gott so angenehm wäre, daß Er ihn in Not 
und Tod nicht verlassen würde. 

Darauf hat es sich zugetragen, wie glaubwürdig 
erzählt wird, daß er in der folgenden Nacht, zwischen 
dem Samstag und Sonntag, durch eine göttliche Er- 
scheinung tröstlich gestärkt und ermahnt worden ist, 
bei seinem angenommenen Glauben standhaft zu blei- 
ben, und daß er (wenn man ihm auch hart drohen, ja, 
selbst sagen würde, daß man ihn mit dem Schwert tö- 
ten wollte) dennoch nicht erschrecken sollte, denn der 
Herr würde ihm zur Seite stehen und nicht zugeben, 
daß er davon Schmerzen fühlen würde. 

Als nun des Montags die Prediger abermals zu ihm 
kamen, um mit ihm wie früher zu disputieren und ihn 
von seinem Glauben abzubringen trachteten, wobei 
sie noch hinzusetzten, daß, wenn er nicht abstehen 
würde, er den folgenden Tag mit dem Tod gestraft 
werden sollte, antwortete Haßlibacher freimütig: Ich 
will mir viel lieber das Haupt abschlagen lassen, als 
von meinem Glauben abweichen. 

Darauf (als die Prediger ihn verließen, und er des 
Abends in einen tiefen Schlaf fiel, der bis zur Mit- 
ternacht währte) hatte er einen Traum; in demselben 
wurde ihm das Bild seiner Enthauptung vorgeführt, 
jedoch sollten dabei drei besondere Zeichen gegeben 
werden, woran seine Unschuld vor den Menschen 
erkannt werden würde; hierüber erwachte er, worauf 
ihm in der Tat angekündigt wurde, daß er mit dem 
Schwert hingerichtet werden sollte. 

Weil hier dreier Zeichen gedacht worden ist, die 
gleichwohl nicht angeführt werden, sondern in dem 
letzten Lied des Gesangbuches der Taufsgesinnten zu 
finden sind, so wollen wir, um diese Geschichte zu 
ergänzen, dieses Lied vom 21. Vers an bis ans Ende 
mit beifügen. 

Er sprach, auch Gott wird sehen lan, 

Drei Zeichen, das tut wohl verstah'n; 

Die wird man sehen bald, 



3.1 Kurzer Inhalt von den Märtyrern dieses siebzehnten Jahrhunderts. 


869 


Wenn ihr mir schlaget ab mein Haupt, 
Springt's in mein'n Hut und lachet laut. 

Das andre Zeichen ivird gescheh’n, 
das ivird man an der Sonne seh'n, 
Aufs dritt' habt fleißig Acht; 

Die Sonn ivird werden wie rotes Blut, 
Der Staldel-Brunn auch schwitzen Blut. 

Der Richter zu den Herren sagt: 
Auf die drei Zeichen habet Acht, 
und sehet wohl darauf; 
wenn nun dies alles soll gescheh'n, 

So g'schieht es eurer Seele wehe. 

Und da das Mahl nun hat ein End', 
Man wollt' ihm binden seine Hand’. 

Der Haßlibacher sprach: 

Ich bitt' euch, Meister Lorenz, schon, 
Ihr wollt ' mich ungebunden lohn'. 

Ich bin gutwillig und bereit, 

Mein Tod mich heftig wohl erfreut, 
Daß ich von hinnen soll, 

Aber Gott woll' erbarmen sich, 

Die zum Tod verurteilen mich. 

Da er nun auf die Richtstatt kam, 
Sein'n Hut von seinem Haupt abnahm. 
Und legt' ihn vor die Leut': 

Euch bitt' ich, Meister Lorenz, gut, 
LajJt mir hier liegen meinen Hut. 

Hiermit fiel er aufseine Knie, 

Ein Vater Unser oder zwei 
Er da gebetet hat: 

Mein' Sach' ist jetzt gesetzt zu Gott, 
Tut jetzt nur eurem Urteil statt. 

Darnach man ihm sein Haupt abschlug, 
Da sprang es wieder in sein'n Hut. 
Die Zeichen hat man gesell' n: 

Die Sonne ivurd' zvie rotes Blut, 

Der Staldel-Brunn tat schwitzen Blut. 

Da sprach ein alter Herregut: 

Des Täufers Mund lacht in dem Hut; 
Da sagt ein grauer Herr: 

Hätt't ihr den Täufer leben lan, 

Es wär' euch eivig zvohl ergah'n. 

Die Herren sprachen insgemein: 
Kein'n Täufer zvir mehr richten zverd'. 
Da sprach ein alter Herr: 

Wär’ es nach meinem Willen gah'n 
Den Täufer hätt' man leben lan. 


Der Henker, der sprach mit Unmut, 

Heut ' hab' ich gericht't unschuldig Blut. 

Da sprach ein alter Herr: 

Des Täufers Mund hat gelacht im Hut, 

Das bedeutet Gottes Straf und Rut'. 

Der uns dies Liedlein hat gemacht, 

Der zvar um's Leben in Gfangenschafl, 

Den Sündern tat er's zu lieb. 

Ein Herr ihm Feder und Tinte bracht’, 

Er schenkt' uns das zu guter Nacht. 

Es ist uns am Ende dieser hochdeutschen Auflage 
ein Auszug in die Hände gekommen, welchen Hans 
Lörsch aus dem Turmbuch zu Bern abgeschrieben hat 
und der von Christian Kropff aufgehoben worden ist; 
derselbe lautet wie folgt: 

Zu Bern wurden folgende Personen um des Glau- 
bens willen hingerichtet: Im Jahre 1528: Hans Seck- 
ler; ein Schreiner; ein Hutmacher zu Arauw. Im Jahre 
1529: Conrad Eicher von Staffisburg; zwei Gläubige 
aus der Herrschaft Bix; ein Ketzer aus dem Aemmen- 
tale; Ulrich Schneider von Lützenpflühe; ein junger 
Geselle von Wallis; Hägerley aus der Herrschaft Al- 
burg. Im Jahre 1536, den 2. Mai: Moritz Loseneger. 
Im Jahre 1537: Bernhard Wälty von Rüderswill, den 
7. Tag im Heumonat; Hans Schweitzer von Rügsouw; 
Jürg Hoffser von Obergallbach, aus der Herrschaft Sie- 
gnauw, den 28. August; Ulrich Bichsei; Barbeli Willher 
von Haßli; Barbeli zur Studen von Summiswald; Ca- 
tharina Friedli Imhoff; Vrena Issuli von Schübach, aus 
der Herrschaft Siegnauw; Ulrich von Rügsouw. Im 
Jahre 1538: Cunas Seidenkohen von Constanz, den 28. 
März; Peter Stucki zu Wimmis, den 19. April; Ulrich 
Huben von Rötenbach, aus der Herrschaft Siegnauw; 
Hans Willer, im August; Elsbeth Küpfer von Summis- 
wald; zwei Frauen, am 28. Mai, eine von Summis- 
wald, die andere von Höstetten; Peter Wessenmiller 
von Wimmes, den 17. Tag im Herbstmonat; Steffen 
Rügseger, den 8. Tag im Wintermonat, welcher zu Ei- 
nygen hingerichtet wurde; einer aus der Herrschaft 
Siegnauw; einer von Summiswald; Rudolph Isully, 
aus dem Tannentale. Im Jahre 1539: Lorenz Aeberly 
von Grünauw, den 3. Tag im Brachmonate; Hans Schu- 
macher, aus dem Aergöüw von Wünistern. Im Jahre 
1542: Einer von Oberbip, den 1. Mai; Peter Ancken, 
aus dem Siebentale. Im Jahre 1543: Christian Oberlen, 
den 17. Tag im Herbstmonate; Hans Ancken, aus Au- 
ßeldingen; Wälty Gärber an der Streithalter, aus der 
Herrschaft Siegnauw. Im Jahre 1571, den 20. Tag im 
Wintermonate: Hans Haßlibacher, aus der Herrschaft 
Summiswald, der zu Haßlibach hingerichtet wurde. 



870 


3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an. 


Von einem Befehl derer von Bern, gegen 
diejenigen, welche Wiedertäufer genannt werden, 
bekannt gemacht im Jahre 1659, den 9. August. 

Es ist aber bei der Gefangenschaft vorgemeldeter sie- 
ben Freunde zu Bern nicht geblieben, sondern man 
ist weiter im Gewissenszwang und in der Wut vor- 
geschritten, denn man hat auch die Augen auf die- 
jenigen gerichtet, die man in die Irre getrieben hatte 
und wie Schafe herumwanderten, die keinen Hirten 
haben. 

Gegen diese hat man den 9. August dieses Jahres 
1659 in der Ratsversammlung der Stadt Bern einen Be- 
fehl entworfen, festgestellt und verkündigt, welcher 
die Personen und Güter der vorgemeldeten, herum- 
wandernden, betrübten, armen Leute, sowohl Lehrer 
als Zuhörer betrifft, und welcher lautet wie folgt: 

Auszug eines Befehls (durch die von Bern bekannt 
gemacht) gegen die Wiedertäufer. 

Die Lehrer, wenn deren einer oder mehrere durch 
scharfes Nachspüren ergriffen werden können, sollen 
sofort durch den hiesigen Amtmann in unser Wai- 
senhaus in gute Verwahrung geführt werden, um da- 
selbst die nötige Verhandlung, zu ihrer Bekehrung, 
oder bei Verharrung in der Hartnäckigkeit, die gebüh- 
renden Strafen zur Hand zu nehmen. Unterdessen 
sollen die Amtleute ihr Gut in Arrest nehmen und 
davon uns oder den von uns hierzu verordneten Be- 
vollmächtigten ein Verzeichnis einhändigen. 

Man soll aber zwischen denen, die keine Lehrer, 
sondern nur ihre Anhänger und ihnen zugetan sind, 
und den Hartnäckigen und Eigensinnigen, und den 
Einfältigen oder Schwachen und Unerfahrenen den 
Unterschied machen, daß man gegen jene mehr Stren- 
ge und gegen diese mehr Sanftmut gebrauche. 

Es sollen jedoch unsere Amtleute und Prediger 
sämtlich, sowohl jene, als diese, wegen ihres und ihrer 
Mitgenossen Lebens, Handels und Glauben freund- 
lich, fleißig und genau verhören und ihm nachfor- 
schen, sie wegen ihres Irrtums aus Gottes Wort erin- 
nern, überzeugen, und darauf aus gleichem Grund 
dieselbe an ihre schuldige Pflicht gegen Gott, sein 
Wort, die Predigt desselben, die heilige Taufe, das hei- 
lige Abendmahl und die Kinderlehre, und zugleich 
gegen ihre von Gott eingesetzte christliche Obrigkeit, 
an die Treue und Aufrichtigkeit gegen das Vaterland 
nebst anderen nötigen Stücken mit gebührlicher Be- 
scheidenheit und Vorsichtigkeit wohl erinnern, damit 
sie solches zu allen Zeiten bewerkstelligen mögen. 

Diejenigen nun, die durch diese freundliche Anre- 
de, Unterweisung und Ermahnung wieder auf den 


rechten Weg gebracht werden, so daß Hoffnung zu 
deren Besserung und Bekehrung vorhanden ist, kön- 
nen und mögen ohne weitere Abschwörung, oder oh- 
ne einen Eid zu leisten, mit einer guten Ermahnung, 
wenn sie nur die Unkosten bezahlen, wieder auf frei- 
en Fuß gestellt und als bekehrte Glieder wieder in den 
Schoß der Kirche in Gnaden auf- und angenommen 
werden, ohne daß solches ihnen fernerhin zu irgend- 
einem Nachteil, zum Hass oder zur Verachtung und 
dergleichen, sondern vielmehr zum Lob wegen ihrer 
gehorsamen Wiederkehr gereichen und dienen soll. 
Alsdann sollen die Prediger des Ortes, wenn diese 
Leute wieder aufgenommen werden, ihre Predigten 
darnach einrichten, daß sie dieselben nach ihrer Be- 
kehrung stärken, und alle anderen im Allgemeinen 
ernstlich ermahnen, diese Leute um ihrer Bekehrung 
willen eher zu ehren, zu loben und zu lieben, als daß 
sie sie darum auf irgendeine Weise hassen, verachten 
und lästern sollten; ferner, daß sie diesen mit einem 
unanstößigen Leben im Wandel durch Gottesfurcht 
und Ehrbarkeit ein gutes Exempel geben, in der Hoff- 
nung, daß durch solches Mittel die Übrigen leichter 
gewonnen und ohne Furcht wieder auf den rechten 
Weg gebracht werden mögen. 

Denen aber, die keine Erinnerung, Unterweisung 
und Ermahnung annehmen, sondern ungehorsam 
und hartnäckig bleiben, auch von ihrem Irrtum nicht 
abstehen oder abweichen wollen, soll die ihnen zu- 
erkannte Strafe der Landesverweisung angekündigt, 
und ihre unbewegliche Hartnäckigkeit und Verstockt- 
heit den Bevollmächtigten, die von uns über die Sa- 
chen der Täufer verordnet sind, bekannt gemacht wer- 
den, worüber sie unsern weiteren Befehl zu erwarten 
haben. 

Wenn nun solche widerspenstigen, irrenden Leute 
auf oben gemeldeten Bericht durch das Gericht verur- 
teilt worden sind, so ist es unsere Absicht, Meinung 
und Befehl, daß dieselben unter einem sicheren Geleit 
auf die Grenzen geführt, und mit Angelobung, statt 
eines Eides (weil sie keinen Eid schwören) aus unsern 
Ländern und unserem Gebiet gänzlich verwiesen sei- 
en, bis es zu erweisen ist, daß sie sich bekehrt haben. 
Wenn sie aber nach der Verweisung unbekehrt wieder 
hineinkommen, darüber ergriffen werden, und gleich- 
wohl nicht abstehen wollen, sondern hartnäckig, wie 
zuvor, bei ihrem Irrtum verharren, so sollen sie, so oft 
sich solches zuträgt, öffentlich mit Ruten gegeißelt, ge- 
brandmarkt, und abermals, wie zuvor, aus dem Land 
gestoßen und gebannt werden, welche wohlverdiente 
Strafe durch nachfolgende Beweggründe gerechtfer- 
tigt wird: 

1 . Sind alle Untertanen schuldig, ohne Widerspruch 
ihrer natürlichen von Gott gegebenen Obrigkeit Treue 



3.1 Kurzer Inhalt von den Märtyrern dieses siebzehnten Jahrhunderts. 


871 


und Wahrheit zu leisten, und solche Treue mit einem 
Eid zu bekräftigen; diejenigen nun die solches Jura- 
mentum Fidei (oder Eid der Treue) nicht leisten wol- 
len, werden nicht für Untertanen erkannt, noch im 
Land geduldet; darum kann und soll man die Wieder- 
täufer, die solchen Eid geradezu verweigern, keines- 
wegs im Land dulden. 

2. Ebenso wenig kann man auch diejenigen für Un- 
tertanen erkennen und dieselben dulden, welche nicht 
erkennen wollen (wie alle Untertanen zu erkennen 
schuldig sind), daß ihr obrigkeitlicher Stand von Gott 
und mit Gott sei, ohne welche Erkenntnis auch der 
Gehorsam nicht stattfinden kann. Weil nun aber die 
Wiedertäufer nicht zugestehen wollen, daß der ob- 
rigkeitliche Stand mit dem Christentum (oder in der 
christlichen Gemeinde) bestehen könne, so können 
auch darum dieselben nicht im Land geduldet wer- 
den. 

3. Alle Untertanen sind schuldig, das Vaterland, als 
unsere gemeinschaftliche Mutter, zu beschützen und 
zu beschirmen, ja, Gut und Blut daran zu wagen; dieje- 
nigen mm, die sich weigern, solches nebst dem Gebot 
zu halten, können nicht im Land geduldet werden; da 
aber die Wiedertäufer sämtlich verweigern, dieses zu 
tun, so kann man sie auch nicht im Land dulden. 

4. Alle Untertanen sind nach der Lehre des heiligen 
Apostels Paulus verpflichtet, zur Unterhaltung des 
gemeinen Wesens im Vaterland, Zehnten, Zoll und 
Schätzung zu geben; diejenigen nun, die solches zu 
tun sich weigern, soll man nicht im Land dulden; da 
aber die Wiedertäufer, obgleich sie diese Dinge zu 
tun sich nicht weigern, welches aus Furcht geschieht, 
dennoch dabei lehren, daß dergleichen zu nehmen 
mit dem Christentum nicht bestehen möge, welche 
Lehre, wenn sie die Oberhand gewinnen sollte, leicht 
böse Früchte hervorbringen könnte, so können solche 
Leute auch nicht unter eine Obrigkeit gestellt oder 
gelitten werden. 

5. Da die Obrigkeit, wie derselbe Apostel sagt, von 
Gott gegeben ist, als eine Rächerin derer, die Böses 
tun, insbesondere der Totschläger, Verräter und der- 
gleichen, so sind die Untertanen schuldig, dieselben 
bei ihrer Obrigkeit anzubringen. Diejenigen nun, die 
solches zu tun sich nicht verpflichten wollen, sind 
nicht unter die treuen und gehorsamen Untertanen 
zu rechnen; nun sind aber die Wiedertäufer diejeni- 
gen, welche sich weigern, einen derselben bei der 
Obrigkeit anzubringen; darum können sie auch nicht 
geduldet werden. 

6. Diejenigen, die sich weigern, sich der Landes- 
obrigkeit, den guten Ordnungen und Satzungen zu 
unterwerfen, ja, dagegen schnurstracks handeln, kön- 
nen noch weniger geduldet werden. Nun aber sind 


die Wiedertäufer solche Leute, denn sie handeln ge- 
gen die so notwendigen und nicht weniger nützlichen 
Ordnungen der Obrigkeit und vergreifen sich auf fol- 
gende Weise: 

1. Sie predigen ohne Beruf und ohne Bestätigung 
der Obrigkeit. 2. Sie taufen in ihren Gemeinden ohne 
Beruf und Befehl der Obrigkeit. 3. Sie verdrehen die 
Kirchenzucht oder haben andere Kirchenordnungen 
gegen die öffentliche Ordnung der Obrigkeit. 4. Sie 
kommen in keine Versammlungen der Kirche, die auf 
Sonn- oder Bettage gehalten werden. 

Deshalb sind sie, indem sie sich solchen mit Gottes 
Wort übereinkommenden Satzungen und Ordnungen 
nicht (wie treuen Untertanen zukommt) unterwerfen 
wollen und dagegen verächtlich handeln, nicht wür- 
dig im Land zu wohnen. 

Aus allen diesen höchst wichtigen Gründen sind 
wir alle entschlossen, und wollen auch ernstlich, daß 
solches alle beherzigen, nämlich, daß man solche Lan- 
desverweisung und damit verbundene Strafe gegen 
alle, die dieser verführten und um des vielen Bösen 
willen sehr gefährlichen und bösen Sekte anhängen 
und ihr zugetan sind, beständig und ohne Aufschub 
ausübe, damit dieselben nicht fortbestehen, viel we- 
niger einen Zuwachs gewinnen mögen, sondern viel- 
mehr durch alle möglichen Mittel auf einmal abge- 
schafft und das Land davon befreit werde, worauf wir 
uns denn in Gnaden verlassen. 

Was nun das Gut solcher ungehorsamen, verbann- 
ten Leute, wie auch derer, die entlaufen sind, betrifft, 
so soll dasselbe, wenn die Unkosten davon abgezogen 
worden sind, mit den Weibern und Kindern, die im 
Gehorsam bleiben, geteilt werden; sodann soll von de- 
ren Anteil, er bestehe in fahrenden oder liegenden Gü- 
tern, nachdem dasselbe von unseren Amtleuten sicher 
gestellt ist, ein Verzeichnis unseren vorgemeldeten Be- 
vollmächtigten eingehändigt werden, damit solches 
Gut nach ihrem Gutbefinden regiert, das jährliche Ein- 
kommen davon gezogen, und wenn die ausgebannten 
oder entlaufenen Personen nicht zurückkehren, son- 
dern unbekehrt in ihrem Irrtum sterben, uns mit Fug 
und Recht anheimfalle; auf gleiche Weise soll man 
auch mit den Gütern verfahren, welche den Weibern 
und Kindern der Wiedertäufer gehören, die mit ih- 
nen weggezogen sind, wenn sie auch keine Anhänger 
dieser Sekte sind. 

Hiermit wollen wir auch mit gleicher Kraft ange- 
sagt und verboten haben, daß niemand, wer er auch 
sein mag, inländische oder fremde Täufer, sie seien 
ihm verwandt oder nicht, beherbergen, oder ihnen 
Wohnung geben, noch ihre Versammlung und Predigt 
begünstigen soll, es geschehe durch Einräumung von 
Häusern, Scheuern oder durch Geldmittel, auch fer- 



872 


3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an. 


nerhin mit ihnen keinen Umgang haben soll, es sei 
schriftlich oder mündlich, noch auf irgendeine Weise 
ihnen Vorschub tun soll, es sei an Geld, Lebensmitteln 
oder dergleichen, weder heimlich noch öffentlich. Da- 
gegen aber soll jeder der Unsrigen ernstlich ermahnt 
sein, alles, was er von ihnen schriftlich, mündlich oder 
durch Botschaft erfahren kann, sofort dem Oberamt- 
mann anzubringen, damit man sich nach diesen unse- 
ren Verordnungen richten und an den Übertretern, so 
oft sie schuldig befunden werden, die unerlässliche 
Strafe von 100 Gulden, oder im Falle sie nicht bezah- 
len können, eine willkürliche Strafe ausüben möge, 
in Beziehung auf welchen letzten Punkt denn auch 
ein jeder zum nähern Unterricht durch eine besonde- 
re Bekanntmachung von dem Predigtstuhl gewarnt 
werden soll. 

Gegeben in unserer Ratsversammlung, den 9. Au- 
gust 1659. 

Von demjenigen, was zur Befreiung der 
letztgemeldeten Gefangenen, 

wie auch um den Befehl derer von Bern zu mildern, 
durch die Hochm. Herren Generalstaaten und eini- 
gen Regenten der holländischen Städte im Jahre 1660 
getan worden ist. 

Dieser Befehl, als er entworfen, eingesetzt und über- 
all (hauptsächlich im Berner Gebiet) abgelesen war, 
hat sowohl bei denen, die bereits gefangen lagen, als 
auch bei allen anderen, die noch außer Banden waren, 
eine sehr große Betrübnis hervorgerufen, indem es, 
wie es schien, nahe bevorstand, daß das noch übrige 
Licht der Wahrheit, das in den dortigen Gegenden so 
herrlich aufgegangen war, ausgelöscht und selbst der 
Grund und die Wurzel der angenehmen Bäume der 
rechtsinnigen christlichen Gemeinden ganz ausgerot- 
tet und vernichtet werden sollte. 

Unterdessen aber ist es geschehen, daß der vorge- 
meldete Befehl uns, wie er war, sowohl in schweizeri- 
scher Sprache als auch ins Niederländische übersetzt, 
in die Hände gekommen ist, wodurch bei uns und vie- 
len anderen unserer Mitgenossen in der Landschaft 
Holland, die hiervon bestimmte Nachricht erlangt hat- 
ten, eine große Zuneigung, Liebe und Mitleiden für 
die notleidenden Freunde in der Schweiz, welchen 
man in diesem Befehl hart gedroht hat, erweckt wor- 
den. 

Deswegen hat man sich vorgenommen, beschlossen 
und festgestellt, im Februar des Jahres 1660 aus den 
Städten Dortrecht, Harlem, Leyden, Amsterdam, Gou- 
de und Rotterdam bestimmte Personen, Mitgenossen 
unseres Glaubens, nach Grafen-Haag oder an den Hof 
in Holland, wo die Hochmögenden Herren General- 


Staaten damals ihre besondere Zusammenkunft hat- 
ten, abzufertigen, um ihnen die Not der Taufsgesinn- 
ten in der Schweiz bekannt zu machen, damit sie Bitt- 
schriften an die Städte Bern und Zürich zur Befreiung 
oder wenigstens zur Erleichterung dieser Leute, die 
dort unterdrückt wurden, erlangen möchten. 

Hierauf sind die Abgesandten aus den vorgemel- 
deten Städten den 18. Februar desselben Jahres im 
Grafen-Haag sämtlich erschienen und haben eine de- 
mütige Bittschrift, die schon aufgesetzt, aber noch 
nicht von allen unterschrieben war, in größter Eile in 
Ordnung gebracht, unterzeichnet und zu dem Ende, 
wie oben gemeldet, den Hochmögenden übergeben. 

Dieselben, als gütige Väter und freundliche 
Pflegherren der Elenden, Armen und Unterdrückten, 
haben sich die Sache so sehr angelegen sein lassen, 
daß sie sich ohne Verzug und sofort vorgenommen 
haben, dem Begehren der vorgemeldeten Bittenden 
Genüge zu leisten. 

Demnach ist es geschehen, daß drei Schreiben auf 
Ihro Hochmögenden Befehl aufgesetzt worden sind; 
das erste an die Herren der Stadt Bern, wegen der 
Befreiung der Gefangenen; das zweite an die von Zü- 
rich, wegen der Wiedererstattung der Güter, die sie 
von den gefangenen, verstorbenen und vertriebenen 
Taufsgesinnten, wovon wir auch in diesem Buch Mel- 
dung getan haben, schon von dem Jahre 1635 an an 
sich gezogen hatten; das dritte war ein Geleitsbrief 
für Adolph de Vreede, welcher im Namen der Taufs- 
gesinnten in Holland, aber eigentlich derjenigen, die 
die vorgemeldete Bittschrift aufgesetzt und das Für- 
bittschreiben von den Hochmögenden darauf erlangt 
hatten, nach Bern und Zürich in die Schweiz reisen 
sollte, um die zwei erstgemeldeten Schriften an die 
Herren daselbst zu dem Ende, wie oben gemeldet, zu 
überliefern. 

Diese drei Schreiben, weil uns davon richtige Ab- 
schriften in die Hände gekommen sind, wollen wir, 
was die besonderen Umstände dieser Sache betrifft, 
dem günstigen Leser mitteilen, und ihnen in die- 
sem Buch, zum löblichen Andenken dessen, was die 
General-Staaten dieser vereinigten, gesegneten Nie- 
derlande hierin getan haben, einen Platz gönnen. 

An die Stadt Bern, in der Schweiz. 

Wohledle, hochachtbare, weise, vorsichtige Herren, 
besondere gute Freunde und Nachbarn. 

Aus den Klagen verschiedener Personen, welche 
von ihren Gemeinden, die man hierzulande Menno- 
niten nennt, abgefertigt worden sind, als Bürger und 
Einwohner der Städte Dortrecht, Harlem, Leyden, 
Amsterdam, Goude und Rotterdam, welche alle in der 



3.1 Kurzer Inhalt von den Märtyrern dieses siebzehnten Jahrhunderts. 


873 


Landschaft Holland liegen, haben wir vernommen, 
daß ihre Glaubensgenossen, die man Wiedertäufer 
nennt, zu Bern und in den dortigen Gegenden in Fol- 
ge sehr scharfer Befehle, die gegen dieselben erlassen 
worden sind, wodurch ihnen nicht allein verboten 
wird, im Land zu wohnen, sondern auch selbst nicht 
einmal erlaubt wird, mit ihren Haushaltungen und 
Gütern an andere Orte zu ziehen, große Verfolgung 
erleiden, obgleich man sie keiner Missetat oder Las- 
ters beschuldigen kann, und daß einige von der oben 
gemeldeten Religion in dortiger Stadt sehr streng ge- 
fangen gehalten würden. 

Dieses alles hat uns zum christlichen Mitleiden be- 
wogen; darum haben wir nicht unterlassen können, 
sondern im Gegenteil gut gefunden, euch hiermit 
freundlich und nachbarlich, wie auch sehr ernstlich 
zu ersuchen, daß ihr den Glaubensgenossen der Bit- 
tenden, die unter dem Wiedertäufer-Namen in eurem 
Gebiet und unter eurer Gerechtigkeit angetroffen wer- 
den oder dazu gehören, nicht nur mit keinem unge- 
bührlichen Verfahren begegnet oder begegnen lasst, 
auch die vorgemeldeten Gefangenen auf freien Fuß 
stellt, sondern auch, daß ihr vielmehr nach dem guten 
Exempel der Herren von der Regierung zu Schaffhau- 
sen den Bittenden Zeit verwilligt und vergönnt, mit 
ihren Gütern und ihrem Hausrat abzuziehen, wohin 
es ihnen beliebt. Ihr wollt zu dem Ende in gebührliche 
Betrachtung nehmen, daß im Jahre 1655, als die Wal- 
denser, unsere und eure Glaubensgenossen von den 
Römischgesinnten lediglich um des Bekenntnisses ih- 
rer reformierten Religion willen so grausam verfolgt 
und verjagt worden sind, daß auch der Not der ar- 
men vertriebenen Menschen anders nicht zu steuern 
war, als durch Sammlung bedeutender Almosen in 
England, hierzulande und an andern Orten, wo die 
reformierte Religion gehandhabt wird, die Gemein- 
de der Taufsgesinnten, die vorgemeldeten Bittenden, 
auf die einfache Recommadation ihrer Obrigkeiten, 
aus schuldigem Gehorsam gegen dieselben und zu- 
gleich aus christlicher Liebe und Mitleiden, den vor- 
gemeldeten, vertriebenen und verfolgten Christen so 
mildreich in ihren Versammlungen mitgeteilt haben, 
daß daraus eine bedeutende Summe hervorgegangen 
ist, welche die Diener der vorgemeldeten Gemeinden 
auf ihrer gemeldeten Obrigkeiten Anordnung damals 
gehörigen Orts eingehändigt haben. 

Wir wollen unser Vertrauen dahin richten, daß ihr 
unsere wohlmeinende freundnachbarliche Fürbitte so 
gut aufnehmen werdet, als es die Billigkeit der Sache 
erfordert, und wir von eurer gewöhnlichen Weisheit 
und Bescheidenheit gewärtig sind, und versichern 
euch, daß wir niemals ermangeln werden, solches 
gegen euch alle, wie auch gegen eure Bürger und Ein- 


wohner zu vergelten und erkenntlich dafür zu sein, 
wenn sich uns Gelegenheit dazu darbieten sollte, und 
euch gefallen wird, eine Probe hiervon zu nehmen. 
Unterdessen bitten wir den allmächtigen Gott, Woh- 
ledle . In dem Haag, den 19. Februar 1660. 

Kommt überein mit dem Original, welches in Ihro 
Hochmögenden Kanzlei liegt. J. Spronssen. 

Außer diesem Schreiben der Hochmögenden an die 
Herren von Bern, war auch nachfolgendes an die von 
Zürich aufgesetzt, welches wir, einige Worte ausge- 
nommen, die in dem vorhergehenden enthalten sind, 
um eine Sache nicht zweimal zu erzählen, hier beifü- 
gen wollen. 

An die Stadt Zürich in der Schweiz. 

Wohledle, hochachtbare, weise, vorsichtige Herren, 
besondere gute Freunde und Nachbarn. 

Aus den Klagen verschiedener Personen, als Abge- 
sandte ihrer Gemeinden, die man hierzulande Men- 
noniten nennt, als Bürger und Einwohner der Städte 
Dortrecht, Harlem, Leyden, Amsterdam, Goude und 
Rotterdam, alle in der Landschaft Holland gelegen, 
haben wir vernommen, daß ihre Glaubensgenossen, 
Wiedertäufer genannt, zu Zürich und hin und wieder 
in eurem Gebiet, in Folge sehr ernstlicher Befehle, die 
gegen sie erlassen worden sind, starke Verfolgung er- 
litten haben, indem sie dadurch genötigt worden sind, 
alles zu verlassen und in andere Länder zu ziehen, zu 
ihrem großen Ungemach und Elend. 

Dieses hat uns zum christlichen Mitleiden bewogen; 
darum haben wir nicht unterlassen können, sondern 
haben im Gegenteil für gut befunden, euch hiermit 
sehr freundlich, nachbarlich und auch ganz ernstlich 
zu ersuchen, daß ihr euch nach dem guten Exempel 
der Obrigkeit der Stadt Schaffhausen, der Güter der 
Glaubensgenossen der Bittenden, die ihr seit einigen 
Jahren durch dazu bestellte Verordnete habt verwal- 
ten und die Früchte davon ziehen lassen, entschlagen 
wollt, und sie den vorgemeldeten Teilhabern, oder 
denjenigen, die Vollmacht von ihnen haben, verabfol- 
gen lasst, um innerhalb einer ihnen zu gestattenden 
Frist zu ihrem Besten verkauft und zu Geld gemacht 
zu werden. 

Hiernach folgen diese Worte (die auch in dem Brief 
an die Herren von Bern ausgedruckt sind): Wolle güns- 
tig und geziemend betrachten, daß im Jahre 1655, als 
die Waldenser, unsere und eure Glaubensgenossen, 
von den Römischgesinnten allein darum, weil sie sich 
zur reformierten Religion bekannten, so schrecklich 
verfolgt und verjagt wurden, daß der Not der armen 
vertriebenen Menschen anders nicht zu steuern und 
zu helfen war, als durch Sammlung großer Almosen 



874 


3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an. 


in England, hierzulande und anderswo, wo die refor- 
mierte Religion die vorherrschende war; die Gemein- 
de der Taufsgesinnten, als die gemeldete bittende, auf 
die einfältige Recommandation ihrer Obrigkeiten, aus 
christlichem Gehorsam gegen dieselbe, zugleich auch 
aus christlicher Liebe und Mitleiden gegen die vor- 
gemeldeten vertriebenen und verfolgten Christen, so 
mildreich in ihren Versammlungen beigesteuert ha- 
ben, daß daraus eine große Summe zusammenkam, 
welche die Diener der gemeldeten Gemeinden, auf 
Anordnung ihrer Obrigkeiten, überliefert haben, wo- 
hin es gehörte. 

Hierauf folgt dann vorgemeldeter Brief bis ans En- 
de, wie angezeigt worden ist. Dieses dient zur Nach- 
richt. 

Wir wollen unser Vertrauen darauf richten, daß ihr 
diese unsere wohlmeinende freundnachbarliche Für- 
bitte so gut aufnehmen werdet, als es die Billigkeit 
der Sache erfordert, und wir von eurer gewöhnlichen 
Weisheit und Bescheidenheit gewärtigt sind, und ver- 
sichern euch, daß wir niemals ermangeln werden, sol- 
ches gegen euch und besonders auch gegen eure Ein- 
wohner zu vergelten und dafür erkenntlich zu sein, 
wenn sich uns dazu die Gelegenheit darbietet, und 
euch gefallen wird, eine Probe davon zu nehmen. Un- 
terdessen bitten wir den allmächtigen Gott, Wohledle 
In dem Haag, den 19. Februar 1660. 

Kommt überein mit dem Original, welches in Ihro 
Hochmögenden Kanzlei liegt. J. Spronssen. 

Außer diesen beiden vorgemeldeten Briefen der 
General-Staaten an die Herren von Bern und Zürich, 
welche von demselben Tage, nämlich den 19. Februar 
1660 lauten, ist noch das Dritte, den 9. März dessel- 
ben Jahres, erfolgt, welches teils als Geleitsbrief des 
Abgesandten und Überbringers der beiden gemelde- 
ten Briefe an die Städte Bern und Zürich diente, und 
teils ein Ersuchen an die benachbarten Potentaten war, 
mehrgemeldeter Sache zum Beistand der Taufsgesinn- 
ten förderlich zu sein. Der Inhalt davon lautet wie 
folgt: 

Abschrift. 

Die General Staaten der vereinigten Niederlande, 
nebst Begrüßung an alle, die solches sehen oder lesen 
hören werden. Fügen zu wissen. 

Nachdem verschiedene Kaufleute und Einwohner 
der vornehmsten und principalsten Landschaft Hol- 
land und Westfriesland uns haben zu erkennen geben 
lassen, daß sie zur Verrichtung und Beförderung wich- 
tiger Sachen, woran ihnen und den Ihren sehr viel 
gelegen (wozu wir auch vor einigen Wochen unsere 
geneigten Fürbittschreiben verliehen haben), nötig er- 


achtet hätten, nach der Schweiz und den umliegenden 
und angrenzenden Ländern den ehrenfesten Adolph 
de Vrede abzufertigen, so haben wir, nach der Weise, 
wie es bei solchen Gelegenheiten hier gebräuchlich 
ist, für gut befunden, Ihro römische kaiserliche Ma- 
jestät, alle Könige, Gemeinwesen, Fürsten, Potenta- 
ten, Regierungen und Stände, auch die Befehlshaber 
der Städte und Plätze, Freunde und Bundesgenossen 
dieser Regierung, oder die mit derselben Neutralität 
unterhalten, und insbesondere die Könige, Gemeinwe- 
sen, Fürsten, Potentaten und Herren in vorgemeldeten 
Gegenden, samt allen andern, denen dieses gezeigt 
werden und zu Gesicht kommen wird hiermit zu er- 
suchen, daß sie den vorgemeldeten Adolph de Vrede 
während seiner bevorstehenden Reise, sowohl auf der 
Hin- und Herreise, als auch während seines dortigen 
Aufenthaltes alle Hilfe, Gunst und Beistand leisten 
und erzeigen wollen, auch leisten und beweisen las- 
sen, insoweit sich dazu Gelegenheit finden möchte, 
wie wir denn Willens sind bei allen vorfallenden Ge- 
legenheiten solches gegen seine allerhöchst gemelde- 
te kaiserliche Majestät, hochgemeldete Könige, hoch- 
gemeldete Gemeinwesen, Fürsten, Potentaten, wohl- 
gedachte Regierungen, Stände und Befehlshaber der 
Städte und Plätze, wie auch gegen deren Untertanen 
und Einwohner, nach jeder Regierung und Landes Ge- 
legenheit und Gebühr zu erwidern und zu erkennen. 

Gegeben in unserer Zusammenkunft, unter unserm 
Siegel und Unterschrift, im Haag, den neunten März 
1660. Johann Baron von Reede zu Benswoude. 

Auf Verordnung der hochmögenden Herren Gene- 
ralstaaten. In des Schreibers Anwesenheit: J. Sprons- 
sen. 

Außerdem was durch Ihro Hochmögenden zur 
Befreiung oder wenigstens Erleichterung der unter- 
drückten Freunde in der Schweiz, im Berner und Zü- 
richer Gebiet getan worden ist, haben auch einige 
Städte, insbesondere in den vereinigten Niederlan- 
den, vorzüglich in der Landschaft Holland, denen 
der Glaubens- und Gewissenszwang von Herzen zu- 
wider ist, ihre Religionsverwandten in der Schweiz, 
insbesondere die Herren der Stadt Bern, darüber zu- 
rechtgewiesen und zur Sanftmut ermahnt, wiewohl 
auf eine höfliche, freundliche und bescheidene Weise. 

Wir wollen aber hiervon nicht alles erzählen, damit 
wir von einer Sache nicht zu viel anführen, sondern 
nur das den Geneigten mitteilen, was von den Bür- 
germeistern und Regenten der Stadt Rotterdam zu 
dem Ende in Latein geschrieben und den Herren in 
Bern zugesandt worden ist, was ins Hochdeutsche 
übersetzt ist und den Sinn von Allem zur Genüge 
ausdrückt. 



3.1 Kurzer Inhalt von den Märtyrern dieses siebzehnten Jahrhunderts. 


875 


Abschrift (übersetzt aus dem Lateinischen). 

Den Herren und Räten der Städte und des Gemeinwe- 
sens Bern wünschen die Bürgermeister und Herren 
der Stadt Rotterdam alles Glück und Heil. 

Edle, Ehrenfeste, Hochgeachtete Herren, werte 
Freunde! 

Es ist vor wenigen Tagen uns von Seiten der Vor- 
steher der Kirche, die man — von ihrem Vorgänger 
Menno — Mennoniten nennt, Namens dieser Kirche 
eine Bittschrift überreicht worden, in welcher weitläu- 
fige Klagen enthalten waren, daß gegen ihre Glaubens- 
und Religionsverwandten unter dem schmählichen 
Namen der Wiedertäufer, in E. E. Stadt dergestalt ge- 
wütet werde, daß es ihnen, den Befehlen zufolge, nicht 
freisteht (obgleich sie unschuldig und wegen keiner 
Missetat angeklagt sind), mit ihrem Vermögen (Fon- 
teyn) und zeitlichen Gütern aus eurer E. E. Stadt und 
Gebiet an andere Orte zu ziehen, ja, daß einige der- 
selben lediglich aus Hass wegen ihres Glaubens ihrer 
Güter beraubt und in Gefängnisse gesperrt werden, 
wobei uns die Bittenden ersucht haben, daß wir durch 
unsere Fürsprache die Strafen, die über ihre Brüder 
beschlossen worden, wenn es möglich wäre, abzu- 
wenden suchen sollten. 

Diese ihre Bitte, weil sie auf rechtmäßigen Gründen 
beruht, wenn dieselbe anders auf die lautere Wahrheit 
fundiert sind, haben wir pflicht- und amtshalber nicht 
in den Wind schlagen können. 

Darum ersuchen wir E. E. hochgeachtete Herren, ja, 
wir bitten eure E. E. um der Religion und des Glau- 
bens an Christum willen, den wir mit E. E. gemein 
haben, daß E. E. sich gefallen lassen wollen, die vorge- 
meldeten so harten Befehle und Beschlüsse, die gegen 
die unschuldig Irrenden (oder Umherirrenden) erlas- 
sen worden sind, entweder ganz zu vernichten, oder, 
wenn E. E. etwa dafür halten, daß dergleichen mit den 
Umständen eurer Regierung nicht überein käme, wor- 
über E. E. das Urteil zukommt, wenigstens zuzugeben, 
daß die elenden Menschen zuvor ihre liegenden Güter 
verkaufen, ihre Sachen ordnen und mit ihren Mitteln 
dahin ziehen mögen, wo sie mehr sichere Ruhe und 
ruhige Sicherheit hoffen. 

Was uns betrifft, so haben wir, ehrenfeste Herren, 
seitdem der erste Grund dieser Regierung gelegt wor- 
den ist, uns davon überzeugt, daß diese Art Menschen 
in dem Gemeinwesen, demselben ohne Nachteil, si- 
cher geduldet werden kann, und dieses Urteil haben 
wir dem Prinzen Wilhelm von Oranien glückseligen 
Andenkens zu danken, der durch seine Tapferkeit die 
Freiheit der Gewissen festgestellt hat, welcher durch 
das Bitten und den verkehrten Eifer einiger übel gear- 
teter Menschen niemals hat dahin bewogen werden 


können, daß er den Mennoniten irgendeinen Vorteil 
der Bürger abgeschlagen hätte. Es hat uns solches in 
Wahrheit auch bisher nicht gereut, indem wir nie in 
Erfahrung gebracht haben, daß die Mennoniten unter 
dem Deckmantel des Gottesdienstes, wodurch insbe- 
sondere dem Gemeinwesen geschadet wird, jemals 
gesucht hätten, etwas unter die Regierung zu brauen, 
sondern im Gegenteil bezeugen wir, daß sie Zoll und 
Schätzung und alles, was ein Untertan seinem Fürsten 
schuldig ist, stets mit freudigem und willigem Gemüt 
bezahlt haben, ja, daß sie den Reformierten, die an 
andern Orten um ihres Glaubens willen im Druck wa- 
ren, und noch neulich den Waldensern, unsern Glau- 
bensgenossen, die von dem Herzog von Savoyen, auf 
Anstiften der Diener des Papstes, jämmerlich miss- 
handelt wurden, mit mildreichen Almosen zu Hilfe 
geeilt sind. 

Es ist uns nicht unbekannt, hochgeachtete Herren, 
daß einige Wahnsinnige durch einen verkehrten Eifer 
eure E. E. mit Gründen vorzuspiegeln suchen, daß es 
für das Gemeinwesen schädlich sei, wenn man die 
Mennoniten duldet; es sind aber ihre Gründe so be- 
schaffen, daß deren Gewicht uns niemals hat bewegen 
können, die Mennoniten durch harte Beschlüsse zu 
belästigen; denn, daß sie das obrigkeitliche Amt für 
unerlaubt erkennen und sich selbst zur Bewahrung 
ihres Gewissens des Eidschwures enthalten (welcher 
beiden Stücke sie hauptsächlich beschuldigt werden), 
solches kann dem Gemeinwesen nicht schädlich sein, 
weil sie sich des Gehorsams gegen die Obrigkeit nicht 
weigern, gegen welche sie sich, wenn sie auch etwas 
Beschwerliches gebietet, verpflichtet achten, und das 
aus Überzeugung ihres Gewissens; überdies wollen 
sie sich auch an ihre klaren Worte so gebunden hal- 
ten, daß sie, wenn sie verletzter Treue und Falschheit 
überzeugt werden, der Strafe der Meineidigen sich 
unterwerfen wollen. 

So lange nun solche Dinge unbeweglich und fest 
stehen, können wir nicht einsehen, welchen Schaden 
das Gemeinwesen daraus zu erwarten hat. 

Daß einige durch Gottesfurcht oder aus abergläubi- 
scher Furcht sich der obrigkeitlichen Bedienung und 
des Eidschwurs enthalten, was wollen dagegen dieje- 
nigen doch schwätzen, die, unter dem wahrhaft herrli- 
chen Namen der Reformierten, der Tyrannei des Paps- 
tes nachfolgen und unter der Gunst des trefflichen 
Titels der Reformation und Reinigkeit im Glauben 
das Papsttum einführen, wie denn das Andenken ih- 
rer Grausamkeit, die in den Vorzeiten in dieser Stadt 
insbesondere an den Mennoniten ausgeübt worden 
ist (welches alles in unserer Registratur verwahrlich 
niedergelegt ist), unsere Gedanken beschwert und un- 
sere Seelen erschreckt, sodass wir uns freuen, daß wir 



876 


3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an. 


durch das vormals vergossene Blut von dem Joch der 
wütenden Hure befreit worden sind. 

Wir leben aber der Hoffnung, hochgeachtete Her- 
ren, wenn dieses von euren Hochwürden nach Ge- 
bühr erwogen werden wird, daß E. E. die harten Be- 
schlüsse gegen die Mennoniten entweder vernichten 
oder wenigstens, nach dem Exempel derer von Schaff- 
hausen, eines der schweizerischen Cantons, und dem 
Vorbild des römisch-katholischen Fürsten zu Neu- 
burg, den Elenden, Umherirrenden so viel Zeit ver- 
gönnen werden, als genug sein wird, ihre Sachen zu 
ordnen und ihre Wohnplätze an andern Orten aufzu- 
richten. 

Wenn solches, hochgeachtete Herren, geschehen 
sein wird, werden E. E. eine Sache vollbracht haben, 
die Gott angenehm, dem Namen der Reformierten 
ersprießlich, den Irrenden (oder Umherirrenden) heil- 
sam, und uns, die wir mit E. E. durch das genaue Band 
der Religion verknüpft sind, erfreulich, dabei auch al- 
len denen kräftig sein wird, die mit dem herrlichen 
Namen des sanftmütigen Seligmachers prangen, ein 
Vorbild darzustellen. 

Wir bitten den allmächtigen Gott, daß Er eure E. 
E. Personen und das Gemeinwesen mit dem Glanz 
seiner Wahrheit erleuchten und bei fortdauerndem 
Glück bewahren wolle. Rotterdam, den 14. Februar 
1660. 

Euer E. E. Hochwürden zugeneigte Freunde, Bür- 
germeister und Regenten der Stadt Rotterdam, und 
im Namen derselben: W. von der A. A. 

Dieses nun ist das löbliche und gute Werk unse- 
rer hohen Obrigkeiten hiesigen Landes, sowohl der 
General-Staaten, als der Obrigkeiten besonderer Städ- 
te gewesen, welches sehr von der Art derer abweicht, 
welche vorgemeldete Unterdrückung und Verfolgung 
angestiftet haben; darum wünschen und bitten wir 
von Herzen, daß Gott, der allmächtige Herr, dafür ihr 
Schild und sehr großer Lohn sein wolle. 

Es wird ja doch ein jeder nach seinen Werken be- 
lohnt werden; die Märtyrer, die um der Wahrheit Got- 
tes willen gelitten haben, für ihre Treue und Standhaf- 
tigkeit bis ans Ende; die Verfolger, die den Frommen 
Leid zugefügt haben, für ihre Grausamkeit und Ty- 
rannei, wenn sie ohne Buße und Bekehrung gestorben 
sind; die Heilande und Erlöser (verstehe, die guten 
Obrigkeiten), die die Unterdrückten und Verfolgten 
zu verteidigen, ihnen zu helfen und sie aus den Klau- 
en und Zähnen der raub- und blutgierigen, unverstän- 
digen, unmenschlichen Menschen zu retten gesucht 
haben, für das Heil und die Erlösung, die sie hierin 
den Einfältigen und Unschuldigen verschafft haben. 

Inzwischen wünschen wir einem jeden das Beste, 
selbst auch unsem Feinden; denn durch ihre Grau- 


samkeit werden die Frommen geprüft, zu Märtyrern 
gemacht, und in die Lage versetzt, die in Wahrheit un- 
endlich glückselig macht, nämlich die zuversichtliche 
Aussicht auf das ewige Leben. 

Gebet für die weltliche Obrigkeit. 

O du Gottünd Herr der Heerscharen, der Du in allen 
Landen Obrigkeiten eingesetzt hast; vergib es den 
Obrigkeiten, die mit ihren Händen deine Heiligen und 
deinen Augapfel angetastet haben; lass das Blut derer, 
die von ihnen getötet worden sind, keine Rache über 
sie rufen, damit nicht dein Zorn über sie entbrenne; 
lass sie an deinem großen Gerichtstag, der endlich 
kommen wird, hiervon keine Schuld tragen. 

Die noch nicht aufhören, gegen deine Schäflein zu 
wüten und deine teuer erkaufte Gemeinde zu zer- 
streuen, lass zurecht gebracht werden; damit sie vor 
ihrem Tod bekehrt und aus Verfolger wahre Nachfol- 
ger deiner Kirche werden mögen. 

Im Gegenteil die Obrigkeiten, die Du in unserem 
Vaterland, in den gesegneten Niederlanden, einge- 
setzt hast, die gegenwärtig frei sind vom Gewissens- 
zwang, frei von der Herrschaft über den allerheiligs- 
ten Glauben, und über alles frei von dem Blut deiner 
Knechte und Heiligen, wollest Du aus deiner himmli- 
schen Wohnung mit dem Überfluss deiner Weisheit 
und Gnade segnen, wovon Du sie den Vorgeschmack 
schon vor vielen Jahren hast prüfen lassen. 

Lass deine Kirche, die da ohne auswendige Waffen, 
Schild, Schwert oder Gewehr ist, unter ihrem Schutz, 
als unter einem schattenreichen Weingarten oder Fei- 
genbaum, in Ehrbarkeit und Gottseligkeit ruhen, da- 
mit dein Volk möge vermehrt, und viele, die noch 
im Irrtum sind, auf den wahren, rechten und einigen 
Weg, der zum Leben führt, angeführt werden. 

Leite uns also auf deinen Wegen, damit wir kein 
wahrer Anstoß oder Ärgernis vor ihnen sein mögen, 
auf daß uns die Freiheit, die sie uns in Ausübung un- 
seres Gottesdienstes vergönnen, den wir Dir schuldig 
sind, um ungebührlichen Lebens willen nicht entzo- 
gen werde. 

Lass unsere Kinder und Nachkömmlinge, wenn 
es ihnen zur Seligkeit gereicht, doch dieses angeneh- 
men Friedens teilhaftig werden, den wir unter ihrem 
Schutz genießen. 

Ach Herr Gott! gib, daß niemand von diesen Ob- 
rigkeiten oder denen, die von ihnen regiert werden, 
verloren gehe; sondern daß sie alle erhalten und ewig 
selig werden mögen durch Jesum Christum, deinen 
geliebten Sohn, welcher gelobt und gepriesen sei nun 
und in alle Ewigkeit, Amen. 

Nehemia, Kapitel 13, Vers 31: Gedenke meiner. 



3.1 Kurzer Inhalt von den Märtyrern dieses siebzehnten Jahrhunderts. 


877 


mein Gott, zum Besten. 

Psalm 31, Vers 6: In deine Hände befehle ich meinen 
Geist; Du hast mich erlöst, Herr, du getreuer Gott! 

Tertullians Trostrede und Aufmunterung an die 
Märtyrer, 

die im Kerker zur Zeit der heidnischen Kaiser im Jahre 
200 nach Christi Geburt gefangen lagen. (Diese Rede 
ist um dieselbe Zeit getreu übersetzt worden.) 

Ihr gesegneten und auserwählten Märtyrer oder 
Blutzeugen Jesu Christi wollt unter dem Aufenthalt 
und den Tröstungen an eurem Fleisch, welche euch 
die Frau Mutter, die Kirche oder Gemeinde, von ihren 
Brüsten und die Brüder von ihrer eigenen Arbeit in 
den Kerker zuschicken, auch etwas von uns anneh- 
men, das zur Erquickung eures Geistes dienen möchte. 
Denn es ist nicht nützlich, daß man das Fleisch ernäh- 
re und speise, und den Geist Hunger leiden lasse; 
und wenn dem das da, schwach ist, geholfen wird, 
so sollte man das viel weniger versäumen, das noch 
schwächer ist. Wiewohl ich aber ein solcher nicht bin, 
der euch anreden sollte, so werden doch die vollkom- 
mensten Kämpfer nicht allein von Meistern und ihren 
Obersten, sondern auch von den Ungeachteten und 
Einfältigen angeredet, zu Zeiten sogar auch mehr als 
nötig und umständlich von ihnen ermahnt. Daher es 
sich denn auch oft zugetragen hat, daß die Dinge, die 
von solchen vorgestellt wurden, wie auch ihre Ermah- 
nungen, ihnen wohl zu Statten gekommen sind. 

Darum, ihr Gesegneten, vor allen Dingen betrübt 
nicht den Heiligen Geist, der mit euch in den Kerker 
gegangen ist wenn er nicht mit euch hinein gegan- 
gen wäre, so wäret ihr auch gegenwärtig nicht darin. 
Darum befleißigt euch, daß ihr den Heiligen Geist 
daselbst bei euch behaltet, damit Er euch von dem 
Kerker geleite und zu dem Herrn führe. Der Kerker 
ist zwar wohl ein Haus des Teufels, in welchem er 
sein Hausgesinde hält; ihr aber seid um deswillen in 
den Kerker gekommen, damit ihr ihn auch in seinem 
Haus mit Füßen tretet, denn als ihr noch draußen mit 
ihm strittet, habt ihr ihn ja ganz überwunden. Darum 
wird er auch nicht sagen: Sie sind in meiner Gewalt, 
ich will sie versuchen mit schändlichem Hunger, mit 
Abfall oder Zwietracht unter sich selbst. Er wird vor 
eurem Angesicht fliehen, und in seiner Tiefe wird er 
sich verbergen wie eine erschrockene, lahme, träge, 
beschworene und ausgedämpfte Schlange. Es wird 
ihm auch nicht sehr wohl gehen in seinem Reich, daß 
er euch uneins mache und euch gegeneinander aufhet- 
ze, sondern er wird euch gerüstet und mit Eintracht 
gewappnet finden, indem euer Friede ihm ein Krieg 
ist. Wenn aber einige unter euch diesen Frieden in 


ihren Gemeinden nicht gehabt haben, so haben sie 
denselben gewöhnlich von ihren Neben-Märtyrern in 
dem Gefängnis erbeten. Darum sollt ihr auch diesen 
Frieden unter euch haben und bewahren, damit ihr 
auch andern denselben mitteilen mögt. Andere Dinge, 
die das Gemüt verhindern, sollten euch bis an den 
Kerker geleitet haben, wie denn auch eure Eltern, Va- 
ter und Mutter, euch bis dahin geleitet haben. Von da 
an seid ihr von der Welt abgesondert, wie viel mehr 
von den vergänglichen Dingen dieser Welt. Es soll 
euch auch dieses nicht in Furcht und Betrübnis set- 
zen, daß ihr nun von der Welt abgesondert seid, denn 
wenn wir gedenken, daß vielmehr die Welt ein Kerker 
sei, so können wir verstehen, daß ihr mehr aus dem 
Kerker als in den Kerker gegangen seid; denn größere 
Finsternis hat die Welt, die der Menschen Herzen ver- 
blendet; größere Ketten legt die Welt an die Füße der 
Sünder, um ihre Seelen damit zu binden und festzu- 
halten; wüstere Unreinigkeiten bläst die Welt an die 
geilen Menschen aus; zum letzten hat die Welt auch 
mehr Gefangene, nämlich das ganze menschliche Ge- 
schlecht. Und über das erwartet sie das Urteil, nicht 
der Ratsherren oder Richter, sondern Gottes Urteil. 

So ihr Gesegneten nun von diesem Kerker (der 
Welt), wie wir dafür halten, in eine Errettung oder Be- 
wahrung gelegt seid, so hat sie zwar Finsternis, aber 
ihr seid derselben ein Licht; daselbst sind zwar Ge- 
bundene, aber ihr seid die Befreiten Gottes; daselbst 
ist zwar ein elender Geruch, ihr aber seid ein süßer Ge- 
ruch. Diese Richter haben einen Richter zu erwarten, 
ihr aber seid diejenigen, welche diese Richter richten 
werden, IKor 6,2. Diejenigen mögen wohl betrübt wer- 
den, die nach dem Gewinn dieser Welt seufzen, aber 
ein rechter Christ hat auch der ganzen Welt abgesagt, 
als er noch außer dem Kerker war, und da er nun in 
dem Kerker ist, so sagt er auch dem Kerker selbst ab. 
Es ist nichts daran gelegen, wo ihr in der Welt seid, 
die ihr der Welt abgesagt habt. Und wenn ihr etwas 
Freude dieses Lebens verloren habt, so ist es eine Er- 
werbung und guter Kaufhandel, etwas zu verlieren 
und zu verlassen, damit ihr ein Größeres gewinnt. Ich 
geschweige denn, wie groß die Belohnung und Ver- 
herrlichung sein wird, wozu Gott die Märtyrer beruft, 
Offb 3,21. 

Doch wir wollen hiermit das Leben der Welt und 
das Leben des Kerkers miteinander vergleichen. Der 
Geist empfängt mehr in dem Kerker, als das Fleisch 
verloren hat. Ja, auch die gerechten oder notwendi- 
gen Dinge verliert das Fleisch nicht durch Vorsorge 
der Gemeinde und Liebe der Brüder. Aber überdas 
erlangt der Geist die Dinge, die dem Glauben auf alle 
Weise nützlich sind, denn daselbst (im Kerker) seht ihr 
keine fremden Götter, daselbst ärgert ihr euch nicht 



878 


3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an. 


an ihren Bildern, daselbst werdet ihr nicht durch das 
große Gedränge der Menschen verhindert, welches an 
den hohen Festtagen der Heiden geschieht; ihr werdet 
nicht von schändlichem Gestank umgeben, ihr werdet 
nicht von dem Geschrei der grausamen Schauspiele 
und von dem grimmigen und trotzigen Tumult in 
Furcht gesetzt, wenn die heidnischen Menschen (oder 
die, welche die Trauerspiele spielen) solche eitle Din- 
ge vorstellen. Eure Augen ärgern sich nicht an den 
öffentlichen Hurenhäusern, ihr seid frei von Ärgernis, 
von Anfechtung, von bösen Gedanken, ja, nun auch 
von der Verfolgung. 

Dieses alles trägt der Kerker einem Christen bei, 
was die einsamen und wüsten Plätze den Propheten 
beigetragen haben. Der Herr hat sich selbst mit Fleiß 
vom Volk entzogen, damit Er desto freier beten und 
der Welt sich entziehen möchte; auch hat Er in der 
Wüste seine Herrlichkeit seinen Jüngern gezeigt. Dar- 
um wollen wir den Namen Kerker hinweg nehmen 
und denselben eine Absonderung nennen; denn ob- 
schon das Fleisch eingeschlossen und darin gehalten 
wird, so sind doch dem Geist alle Dinge offen. Stellt 
euch vor, im Geist umherzuwandern oder im Geist zu 
spazieren, nicht aber in den schattigen Baumgärten 
oder in den langen Spazierhäusern, sondern wandelt 
auf dem Weg, der euch zu Gott leitet, Phil 3,20; Kol 3,2; 
Hebr 13,14. So oft ihr im Geist umher wandeln werdet, 
so oft werdet ihr nicht im Kerker sein. Die Beine be- 
finden sich nicht in den Fußeisen, wenn die Hand in 
den Himmel erhoben ist; das Gemüt trägt den ganzen 
Menschen umher, und wo es hin will, dahin bringt 
es ihn; darum sollte unser Herz daselbst sein, wo wir 
den Schatz haben wollen, Mt 6,21. 

Aber angenommen, dem sei so, ihr Gesegneten, daß 
auch der Kerker den Christen mühsam ist, so müs- 
sen wir doch bedenken, daß wir zur Ritterschaft des 
lebendigen Gottes berufen sind, Eph 6, und das haupt- 
sächlich, da wir auf die Sakramentworte der Taufe 
geantwortet haben. Ja auch kein Kriegsmann kommt 
mit Freude und Ergötzlichkeit in den Krieg. Er geht 
nicht aus seinem Bett in den Streit, sondern aus sei- 
nem Zelt, gewaffnet und umgürtet, wo dann alle Ar- 
beit ein Witwenstand, Ungemach und Mühseligkeit 
ist; auch im Frieden ist man nicht ohne Arbeit. Sie 
lehren mit Ungemach den Krieg ertragen, sie gehen 
dahin mit ihrem Gewehr, laufen über das Feld, ma- 
chen Gräben, sägen Holz zu allerlei Waffenrüstungen 
oder Brustwerken. Alles geschieht mit Schweiß und 
Arbeit, damit nicht beide, die Leiber und die Gemü- 
ter, zugleich mögen erschrecken; von dem Schatten 
des Abends, bis zum Sonnenaufgang, von der Son- 
nenhitze bis wieder zur Kälte, von dem Ausziehen 
des Rockes bis zu dem Anziehen des Harnisches, von 


dem Stillschweigen bis zum Geschrei, von der Ruhe 
zum Lärmen. 

Darum, ihr Gesegneten, alles was den Kriegsleuten 
schwer fällt, das nehmt euch vor zur Ausübung und 
Kraft des Gemütes und Leibes. Ihr geht nun an ein 
gutes Fechtkämpfen, in welchem der lebendige Gott 
die Gaben austeilt, der Heilige Geist aber ist der Platz- 
meister oder Bewahrer, die Krönung ist ein ewiges 
Kleinod, die Bürgerschaft ein engelgleiches Wesen im 
Himmel, eine Herrlichkeit, die allezeit und ohne En- 
de währt; darum ist Christus Jesus der, der euch die 
Gaben austeilt, der euch mit dem Geist gesalbt und 
zu diesen Ehrenstufen gebracht hat; derselbe wollte 
auch euch vor dem Tage des Streites von einer gerin- 
gem Arbeit hinwegnehmen, damit man härter mit 
euch umgehen möge, und die Kräfte in euch gestärkt 
werden; denn die Fechtkämpfer werden auch zu einer 
härteren Schulzucht und Übung abgesondert, damit 
sie sich bemühen und üben mögen, in der Stärke zu- 
zunehmen. Denn zu dem Ende werden sie abgezogen 
von der Geilheit, von angenehmer Speise und liebli- 
chem Trank; man zwingt, peinigt und bemüht sie; je 
mehr sie sich nun üben und bemühen, desto mehr 
Hoffnung haben sie vom Sieg. Diese nun, sagt der 
Apostel, IKor 9,25, tun es, um eine vergängliche Kro- 
ne zu erlangen; aber wir sollen eine ewige empfangen. 
Darum sollen wir den Kerker für einen Platz des Strei- 
tes und der Übung aufnehmen, damit wir dadurch in 
allem Unglück und Schaden wohl geübt und desto 
gewisser erscheinen mögen und vor den Richterstuhl 
Christi hervorgebracht werden. 

Wir wissen auch die Worte des Herrn Christo, da 
Er sagte: Der Geist ist zwar willig, aber das Fleisch ist 
schwach. Darum sollen wir uns nicht fürchten noch 
verzagen, weil der Herr es zugesteht oder bekennt, 
daß das Fleisch schwach ist; aber darum hat Er es zu- 
vor gesagt, daß der Geist willig und bereit sei, daß 
Er uns damit lehre, welchem ein jeglicher unterwor- 
fen sein sollte, sodass das Fleisch dem Geist dienen 
soll, das Schwächste dem Stärksten, damit es auch 
von ihm die Stärke empfange. Der Geist soll sein Ge- 
spräch von der allgemeinen ewigen Seligkeit haben, 
und nicht von dem Ungemach des Kerkers; aber ge- 
denke gegenwärtig an den Streit, und was noch Här- 
teres zu erwarten ist, vielleicht wird sich das Fleisch 
entsetzen und sich fürchten vor dem großen schar- 
fen Schwert, oder vor einem hohen Galgen, oder vor 
einem zerreißenden Tier, oder vor der größten Pein 
des Feuers und vor allen peinlichen Marterwerkzeu- 
gen des Scharfrichters. Dann wird der Geist und das 
Fleisch sich dagegen setzen. 

Darum wohlan, obschon diese Dinge grausam sind, 
so sind sie doch von vielen mit einem friedsamen 



3.1 Kurzer Inhalt von den Märtyrern dieses siebzehnten Jahrhunderts. 


879 


Gemüt aufgenommen worden; ja, man hat sie auch 
freiwillig begehrt und gewünscht, um damit einen 
Namen und Ehre zu erhalten, und das nicht allein 
Männer, sondern auch Weiber, damit ihr Gesegneten 
auch wissen mögt, wie ihr euch nach dem Maße eures 
Geschlechtes zu verhalten habt. 

Es würde zu lang fallen, wenn ich alle anführen 
wollte, die sich mit dem Schwert umgebracht haben 
und in ihrem Gemüt dazu sind bewegt worden. Un- 
ter den Weibern ist bekannt Lucretia, die mit Gewalt 
geschwächt worden ist, und sich mit einem Messer 
in Gegenwart ihrer Freunde erstochen hat, damit sie 
ihrer Keuschheit ein Lob zubereiten und hinterlas- 
sen möchte. Mutius hat seine rechte Hand im Feuer 
verbrannt, damit er dadurch einen Namen erlangen 
möchte. Viel anderes wunderliches Ungemach und 
Pein, welche um zeitliche Ehre, Lob und einen Namen 
zu erjagen, ausgestanden worden sind, übergehen wir 
um der Kürze willen, und sagen weiter: Wenn eine 
zeitliche Ehre so vieler Pein und Marter wert ist, wel- 
che durch die Kraft des Gemütes erduldet wird, daß 
sie auch Schwert, Feuer, Galgen, Tiere und Marter 
um der Belohnung eines menschlichen Lobes willen 
verachtet, so mag ich wohl sagen, daß dieses unser 
Leiden sehr gering sei, um dafür die himmlische Herr- 
lichkeit und göttliche Belohnung zu empfangen. Gilt 
das Glas so viel, wie viel köstlicher ist dann das Edel- 
gestein. Wer wollte denn nicht lieber um des wahren 
Gutes willen so viel leiden, weil andere so viel um des 
falschen Gutes willen leiden. Nun lasse ich den Han- 
del der zeitlichen Ehre auf sich beruhen; es ist doch 
alles gleich, der Streit des Zornes oder Unwillens und 
des Martertums. 

Diese auswendige Übung, ihr Gesegneten, hat der 
Herr nicht ohne Ursache in die Welt kommen lassen, 
sondern um unsertwillen, um uns damit zu ermah- 
nen, daß wir an dem zukünftigen Tage zu Schanden 
und beschämt werden sollen, wenn wir uns um der 
Wahrheit willen zu leiden fürchten zur Seligkeit, wel- 
ches andere um nichtiger Dinge willen getan haben 
zum Verderben. 

Und zum Beschluss lasst uns auch das Ende oder 
Augenmerk der Schöpfung des Menschen betrach- 
ten, wozu wir gelangen müssen, damit uns solches 
dazu gereichen möge, daß wir uns schicken, um die 
Dinge standhaft zu ertragen, die auch wohl den Un- 
willigen begegnen, nämlich des Todes Strafe zu leiden. 
Man findet niemanden, der um eines Menschen wil- 
len nicht noch leiden wollte, was ist es dann, daß wir 
zweifeln oder verzagen sollten in dem Handel Gottes 
zu leiden, der uns solches mit der größten Liebe, Freu- 
de und mit ewiger Herrlichkeit vergelten will. Seid 
dessen eingedenk, ihr Gesegneten. 


Kurze Nachrede einiger Mitglieder der Gemeinde 
der Mennoniten, 

über die erste hochdeutsche Ausgabe des Märtyrer- 
Spiegels, gedruckt zu Ephrata, Lancaster County, 
Pennsylvanien, im Jahre 1748, welche die hochdeut- 
sche Übersetzung gegen die holländische genau über- 
lesen haben. 

Als in Pennsylvanien von sehr vielen eine hoch- 
deutsche Übersetzung und Auflage des in holländi- 
scher Sprache gedruckten Marterbuches der wehrlo- 
sen Gemeinde der Taufsgesinnten begehrt worden 
ist, so hat sich die Brüderschaft in Ephrata, gelegen 
in Canestogas, anerboten und zu wissen getan, daß 
sie nicht allein das Buch übersehen, sondern auch für 
einen säubern Druck und gutes Papier Sorge tragen 
wollen, und das auf ihre Kosten, wenn man verspre- 
chen würde, ihnen Bücher abzukaufen und keine an- 
derswo drucken und herbeibringen zu lassen. Darauf 
haben sich die Vorsteher und Diener der Gemeinde 
der Taufsgesinnten, die man sonst Mennoniten nennt, 
welcher Gemeinde gemeldetes Buch am nächsten zu- 
kommt, nach Ephrata verfügt und mit ihren Freun- 
den daselbst einen solchen Vertrag abgeschlossen, daß 
sie (gemeldete Taufsgesinnte) willig wären, ihnen für 
einen billigen Preis Bücher abzukaufen und keine an- 
derswo zu bestellen, wenn man ihnen wegen guter 
Arbeit, Papier und Übersetzung Versicherung geben 
könnte; sollte aber der Druck nicht gut ausfallen, so 
wollten sie ihre Freiheit behalten. Weil aber Henrich 
Funck und Tielmann Kulb eine besondere Liebe zu 
diesem Buch hatten, so haben diese beiden mit ge- 
meinschaftlicher Bewilligung die Zeit und Mühe dar- 
an gewandt und haben einen Bogen nach dem andern, 
die ihnen, wie sie unter der Presse hervor kamen, zur 
Durchsicht ordentlich zugesandt worden sind, mit 
dem holländischen Buch verglichen, bei welcher Ar- 
beit sie nicht einen Vers Übergangen haben. Sie haben 
aber bei der ganzen Durchsicht nicht einen Punkt ge- 
funden, der nicht denselben Glaubensgrund und Sinn 
in sich enthält, welcher in dem Holländischen begrif- 
fen ist. 

So haben wir demnach auf Begehren anderer unse- 
rer Mitdiener freiwillig dieses große Buch bis ans letz- 
te Register durchgelesen und mit dem Holländischen 
verglichen; wir haben aber nach unserem geringen 
Vermögen und Gaben des Verstandes nichts gefun- 
den, das diesem Buch nachteilig, oder daß die Lehre 
der gläubigen Märtyrer nicht richtig übersetzt wor- 
den sein sollte, sondern wir glauben nach unserem 
Dafürhalten, daß der Übersetzer sein Bestes getan hat. 

Ferner aber glauben wir, daß das Beste bei diesem 
Werk noch sein werde, wenn der Herr durch seinen 



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3 Märtyrerzeugnisse vom Jahr 1600 an. 


Heiligen Geist die Herzen der Menschen sämtlich mit 
einer Lust und Begierde zu diesem Buch entzünden 
wollte, damit sie ein wenig Geld nicht ansehen mögen, 
sondern sich dasselbe anschaffen, auch sich gehörige 
Zeit hierzu nehmen und mit Andacht fleißig darin 
lesen, damit sie sehen und lernen wie man im Glauben 
an Christum bestellt sein müsse, und wie man sich 
im Leben und Wandel zubereiten soll, dem wehrlosen 
Lamm zu folgen, und so ein Erbe des ewigen Reiches 
mit Christo und seinen Nachfolgern zu werden; wie 
denn auch dieses Buch viele schöne Lehren aus dem 
Alten und Neuen Testament enthält, die mit vielen 
Exempeln getreuer Nachfolger wohl versehen sind, 
woraus hervorgeht, daß man durch viel Trübsal in das 
Reich Gottes eingehen müsse, Apg 14,22. 

So haben wir denn in diesem Buch viele getreue 
Vorgänger, die dem Lamm nachgefolgt sind, wovon 
Paulus Anweisung gibt. Hehr 13,7: »Gedenkt an eure 
Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben, welcher 
Ende schaut an und folgt ihrem Glauben nach.« Denn 
obschon dieser Weg hier schlecht und schmal ist, so 
führt er doch in die ewige Freude. 


Des Himmels Vögel ohne Scheu, 
Und laßt die wilden Tier' hinein, 
Daß sie zermalmen die Gebein'. 

Ihr Leben ist uns eine Pein, 
D'rum müssen sie vertilget sein; 

Ihr Ketzer kommt herbei und seht, 
Wie es hier euren Brüdern geht. 

Sie haben immer uns verlacht, 

Und unsre Worte nicht geacht't; 
Nun sind sie alle hingericht't, 

Und man gedenket ihrer nicht. 

Nun kommt auch ihr zum Kerker hin, 
Bis ihr absteht von eurem Sinn; 

Und leidet Hunger euch zur Buß', 

Bis daß ihr fallet uns zu Fuß. 

Vergeblich ruft ihr aus um Brot, 

Ihr krieget nichts, schickt euch zum Tod; 
Da lieget hilflos, bis geschieht, 

Daß eurer Seelen Haus zerbricht. 


Denn ob der Weg ist enge schon, 
So ist er doch zum Himmelsthron. 
Die Bahn, die Jesus Christus hat 
Gebahnet selbst nach Gottes Rat. 


So fahret denn nun aus der Welt, 
Wir sammeln euer Gut und Geld; 
Auch euer Haus, Hof, Brot und Wein 
Wird unsers Lebens Labsal sein. 


Wer noch hat ein fleischlich' s Gesicht, 
Dem schmeckt der Weg und Wandel nicht; 
denn da sieht man überall 
Kreuz, Galgen, Rad, Schivert ohne Zahl. 

Dafind't man Strick und Folterbank', 
Darauf man strecket die Gelenk'; 

Mit der Mund wird angefüllt, 

Der Leib traktiert, daß er anschwillt. 

Da giebt’s der Pfaffenschreier viel, 

Die rufen aus bei diesem Spiel: 
Hängt an das Kreuz die heil' ge Schaar, 
Vergießt ihr Blut, vertilgt sie gar. 

Laßt euch nicht reuen diese Müh', 
Ergreift das Schivert, enthauptet sie; 
Seid unverzagt in eurem Mut, 

Uns dürstet sehr nach ihrem Blut. 


Witwen und Waisen mögen geh'n 
In andere Länder, um zu seh'n, 

Wie man mit Waisen da verfährt, 

Bis daß ihr Leben ist verzehrt. 

Auch rufen sie noch gar zum Spott: 
Wo ist denn doch nun euer Gott? 
Denn eure Dorn' und Heckenstraß' 
Ist hin und her belegt mit Aas. 

Blut, Knochen, Asche, Arm und Bein 
Da hin und her zerstreuet sein. 
Dies ist der Weg, da ihr geht ein 
Zum Schwefelpfuhl und Höllenpein. 

Der Weg kommt uns sehr wohl zu Paß, 
Wir gehen d'raufohn’ Unterlaß. 
Wir finden ’s Leben in dem Tod, 
Und Gottes Gnade in der Not. 


Hängt an die Galgen solche Leut', 
Macht Feuer, Holz und Pfahl bereit, 
Unk bratet ihnen Fleisch und Bein, 
So ivird's ein herrlich Essen sein. 


Wenn wir nur bleiben auf der Bahn, 
Die Christus Jesus ging voran, 

So erben wir die Seligkeit 
und sind von allem Leid befreit. 


Setzt sie auf Räder, lockt herbei 



3.1 Kurzer Inhalt von den Märtyrern dieses siebzehnten Jahrhunderts. 


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Da finden wir die sel’ge Schaar, 
Die ruhet unter dem Altar, 

Die ihr Geivand und Kleiderpracht 
Im Blut des Lammes weiß gemacht. 

Darum, ihr Glieder der Gemein, 
LajJt dieses eure Wallfahrt sein; 
Darauf man in den Himmel geht, 
Diezveil die Tür noch offen steht. 

Erschreckt nicht, zvenn ihr dieses seht, 
Was oben angeführet steht; 

Geht unverzagt nur immerfort, 

So kommt ihr durch die enge Pfort'. 

Die Seel' ist dann in Gottes Hand, 
Zur Rechten seines Thrones, 
Wofür ich gabt das hohe Pfand, 
Zur Glorie seines Sohnes!